Leseprobe: Ein Hausboot für den Wolf

obelisk.verlag

Leseprobe zu Kai Aline Hula: Ein Hausboot für den Wolf

An seinem ersten Urlaubstag erwachte der

Wolf müde und schlecht gelaunt.

Müde, weil er bis spät in die Nacht all seine

geraubten Dinge geordnet und sein Geld gezählt

hatte.

Schlecht gelaunt, weil es auch dieses Jahr

nicht für einen Urlaub reichte. Und das, obwohl

der Wolf Urlaub gut brauchen konnte.

Die Räuberei war nicht mehr das, was sie

einmal war. Die Waldbewohner wurden immer

vorsichtiger, kaum jemand trug noch wertvolle

Dinge mit sich herum. Und die Einbrüche in

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fremde Höhlen wurden dem Wolf langsam zu

anstrengend.

Der Wolf steckte den Kopf aus der Höhle.

Die Sonne ging ja gerade erst auf!

Murrend und knurrend rollte sich der Wolf

wieder zusammen und bettete den Kopf auf die

grauen Pfoten. Vielleicht konnte er wenigstens

noch ein bisschen schlafen.

Aber kaum hatte der Wolf seine gelben Augen

geschlossen, hörte er ein Geräusch.

Es war ein Knarzen und Knirschen, als würde

jemand graben.

Waren das etwa schon die neuen Nachbarn?

Die sollten doch erst nächste Woche da sein!

Genau deshalb hatte der Wolf seinen Urlaub auf

diese letzte Woche in Ruhe und Frieden gelegt!

Der Wolf verstopfte seine Ohren mit zwei

Hühnerfedern, die er letzte Woche aus dem

Fuchsbau mitgehen hatte lassen. Das Knirschen

und Knarzen wurde leiser.

Der Wolf seufzte erleichtert und legte seinen

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Schwanz ordentlich neben seine Pfoten. Dann

schloss er wieder die Augen.

Im selben Moment krachte es.

Bum!

Und gleich noch ein paarmal.

Bum! Bum! Bum!

Der Wolf sprang senkrecht in die Höhe,

knallte mit dem Kopf gegen die Höhlendecke

und stöhnte vor Schmerz auf.

Das würde eine Beule geben!

Währenddessen klopfte und dröhnte es in der

Nachbarhöhle weiter, dass der Sand auf die

Wolfsschnauze rieselte.

Keine Frage, da hämmerte jemand. Und das

vor Sonnenaufgang!

Der Wolf schnaufte. Bei diesem Geklopfe

hielt er es keine Minute länger in der Höhle

aus.

Er konnte allerdings auch nicht zu den Nachbarn

gehen und sie bitten, leiser zu hämmern.

Denn die allerwichtigste Regel für jemanden

wie den Wolf war es, unauffällig zu bleiben.

Wer nicht auffiel, konnte auch nichts geklaut

haben. Und mit dieser Regel war bis jetzt immer

alles bestens gelaufen. Da würde der Wolf

nicht jetzt anfangen, sich zu beschweren.

Besser war es, sich für eine Weile zu verziehen.

Er hatte sowieso Urlaub, da konnte er

genauso gut einen Spaziergang machen. Für

Spaziergänge hatte der Wolf normalerweise

sowieso keine Zeit.

Er schlüpfte also aus seiner Höhle und warf

einen missmutigen Blick auf das Loch, das

in die Nachbarhöhle führte. Dann lief er in

Richtung Fluss.

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Am Fluss war so früh am Morgen noch nicht

viel los. Ein paar Frösche quakten und hier und

dort schwamm eine Ente.

Der Wolf fühlte sich in der Stille sehr wohl.

Gerade wollte er sich ins Gras legen und sein

Nickerchen nachholen, da entdeckte er etwas

am Wasser.

Es sah ein bisschen aus wie ein Boot, mit

der weißen Reling und dem großen Steuerrad.

Gleichzeitig sah es ziemlich aus wie ein

Haus, mit dem roten Dach und den braunen

Holzbrettern.

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Mit einem Seil war es am Steg befestigt und

wiegte sich ein bisschen in den Wellen.

Der Wolf legte den Kopf schief, wie immer,

wenn er nachdachte.

Eigentlich hatte er Urlaub. Eigentlich ging

ihn das hier nichts an.

Andererseits hatte er so etwas wie dieses

seltsame Bootshaus noch nie gesehen und ein

Besitzer war weit und breit nicht zu sehen. Es

konnte nicht verkehrt sein, zumindest einen

Blick darauf zu werfen.

Der Wolf lief über den Steg.

Tap, tap, tap.

Am Ende des Stegs blieb er stehen.

Eine schiefe rote Tür führte ins Innere des

weißen Hauses.

Neben der Tür stand eine Holzleiter, die auf

das Dach führte.

Vorsichtig setzte der Wolf eine Pfote auf die

unterste Sprosse. Die Leiter rührte sich nicht.

Der Wolf überlegte.

Eigentlich waren Wölfe nicht zum Klettern

gemacht. Andererseits wollte

er gern wissen, was

sich am Dach befand.


Vielleicht stand dort oben ein Schatz oder

sonst etwas Wertvolles?

Mit ein paar Schritten war der Wolf am Dach

und blieb überrascht stehen.

Hier stand nicht nur ein roter Sonnenschirm,

sondern auch ein dunkelgraues Sofa. Das

Sofa sah sehr gemütlich aus, wie ein richtiges

Wolfssofa.

Der Wolf zögerte. Sollte er wirklich?

Verstohlen sah er sich um. Niemand war zu

sehen.

Das Quaken der Frösche war leiser geworden.

Plumps, sprang irgendwo einer ins Wasser.

Platsch, da tauchte eine Ente unter.

Ach was, dachte der Wolf. Dieses Hausboot

wirkte nicht, als gehörte es gerade jemandem.

Vielleicht hatte es jemand hier abgestellt,

weil er es nicht mehr wollte.

Vielleicht wartete es nur darauf, dass es jemand

bewohnte.

Der Wolf legte die Pfote auf den Sofastoff.

Samtweich.

Da traf der Wolf einen Entschluss.

Er würde mit diesem Hausboot auf Urlaub

fahren! Immerhin konnte es kein Zufall sein,

dass er es gerade heute gefunden hatte.

Mit ein bisschen Glück gab es drinnen sogar

ein paar Dinge zu rauben, wenn der Wolf erst

einmal wieder zurückkam.

Eine ganze Woche hatte er Zeit, sich den

Wind um die Schnauze wehen lassen und den

Geräuschen des Wassers zu lauschen. Aber

vorher musste er nachsehen, was es auf diesem

Boot alles gab.

Nur für den Fall, dass es gefährlich war.

Vorsichtig kletterte der Wolf die Leiter

wieder hinunter und legte eine Pfote auf die

Türschnalle.

Und wenn nun jemand im Haus war?

Langsam, ganz langsam, drückte der Wolf

gegen die Tür. Sie schwang auf.

Der Wolf steckte den Kopf hinein.

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Drinnen roch es ein bisschen muffig, aber

nicht schlecht.

In einer Ecke standen ein dreibeiniger Tisch,

eine gepolsterte Bank und ganz hinten sogar

ein Bett.

An der Decke schaukelte eine Lampe hin und

her. Über allem lag eine Staubschicht.

Der Wolf verzog die Nase. Staub mochte

er nicht besonders. Andererseits bezahlte er

nichts für diesen Urlaub, da sollte er nicht zu

pingelig sein.

Mit dem Schwanz wischte der Wolf ein Spinnennetz

aus einer Ecke.

In diesem Moment zog ihm ein Geruch in

die Nase. Der Wolf schnupperte. Jetzt erst entdeckte

er die andere Tür. Und dahinter lag …

die Speisekammer! Gefüllt mit den herrlichsten

Dingen!

Da lagen Fleischpasteten neben Fischpasteten,

eingelegte Krabben neben Pökelfisch und

Speckscheiben neben Salamischeiben.

Von der Decke hingen Bratwürste, Weißwürste,

Knackwürste, Dauerwürste und ein

ganzer Schinken.

Und dann erst die Gläser! In denen waren

eingelegte Fische aller Art. Außerdem Muscheln,

Austern und Krebse.

Über der Tür hingen getrocknete Gewürze,

Chillischoten und ein Bund Minze.

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Dem Wolf lief das Wasser im Maul zusammen.

Hier konnte jemand kochen, das war klar.

Am liebsten hätte er sofort zugegriffen, doch

er mahnte sich zur Geduld.

Dieses Hausboot gehörte eindeutig jemandem.

Der duftende Nussstrudel am Fensterbrett

sah aus, als wäre er erst vor Kurzem gebacken

worden.

Und wenn der Besitzer genau jetzt zurückkam?

Auf keinen Fall wollte der Wolf in einem

fremden Haus erwischt werden. Das war ihm

noch nie passiert, obwohl er in den Wohnungen

und Höhlen seiner Nachbarn regelmäßig einund

ausging. Davon wusste natürlich niemand

und genau so sollte es auch bleiben.

Am besten fuhr er sofort mit dem Boot los

und durchsuchte den Rest erst in sicherer Entfernung.

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Das Boot war mit einem Tau am Steg befestigt.

Der Wolf löste das Tau, warf es auf den Steg

und machte sich auf die Suche nach dem Steuerrad.

Er fand es in einer kleinen Kabine.

Der Wolf legte eine Pfote auf das Steuerrad

und lenkte nach links.

Es bewegte sich nicht.

Der Wolf packte mit beiden Pfoten zu.

Noch immer tat sich nichts.

Mit aller Kraft zerrte der Wolf am Steuerrad.

Dann gab er auf.

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