Leseprobe: Keine Zeit für Katastrophen

obelisk.verlag

Leseprobe zu Nannah Rogge: Keine Zeit für Katastrophen

1. Ein tunichtguter Windhund

Also, dass man sich im Leben manchmal schnell

entscheiden muss, das stimmt. Deshalb hatte ich mich

ja auch im Wilden Anker in gerade einmal fünf Minuten

zu diesem wahnsinnigen Vorhaben entschlossen.

Aber dass man dann immer dazu stehen muss, ist eine

schwierige Sache.

Es gab nämlich Stunden und Minuten, da hätte

ich lieber etwas anderes getan, als mich derartig anzustrengen.

Meine Freundin Tessie sicher auch. Und der

Ungar ebenfalls und die schöne Angelika, der überstudierte

Waldemar, die Wahrsagerin, Kater Jumbo und

vor allem Onkel Mark. Nur bei Oma Lilly bin ich mir

nicht sicher. Die hat eine Ader, einfach alles zu genießen.

Selbst Katastrophen.

Vielleicht gibt Oma Lilly sich aber auch nur so.

Man kann doch nicht in einem Krankenwagen so

unnatürlich aufgedreht sein. Besonders, wenn man ein

Unfall ist. Aber meine Oma Lilly lag da, festgezurrt

von vier Gurten, wedelte mit den Händen und rief:

„Dein Onkel Mark ist ein Windhund, ein Versager,

ein Tunichtgut. ein Abenteurer, ein Lügner und ein

Mensch ohne Verantwortung!“

„Na, na“, machte der Pfleger, der wie ein riesiger

5


Schäferhund über sie wachte und Korbinian hieß. Er

schüttelte den Kopf und machte sich mit einer Spritze

und einer gelblichen Flüssigkeit darin an ihrer linken

Hand zu schaffen.

Jetzt redete meine Oma sich in Zorn. Und das alles,

weil ich zurzeit außer Großmutter Lilly niemanden

anderen auf der Welt hatte als diesen Onkel Mark. Elf

Jahre jünger war er als mein Vater. Als Jüngster entsetzlich

verzogen und voll hirnrissiger Ideen im Kopf. So

jedenfalls behauptete meine Großmutter. Ganz konnte

das allerdings nicht stimmen, weil er Journalist war

und seine hirnrissigen Ideen immer mal wieder gedruckt

wurden. „Körbchen!“, sprach meine Großmutter

jetzt weiter, und Korbinian zuckte wegen des blöden

Namens zusammen. „Körbchen, ich sage Ihnen,

ich bin sprachlos! Erst der Unfall, dann dieses muffige

Dings von Krankenwagen, mein armer Paul neben mir

und vor mir eine Woche in der Blomthal-Klinik und

mein Enkel so lange bei diesem Verrückten!“

Körbchen grinste. Aber ein bisschen hinterhältig,

dachte ich. „Eine Woche?! Liebe Frau Hansen, das

werden bei Ihrem Alter und mit der Reha mal gut und

gern sechs Wochen! Verdacht auf einen Oberschenkelhalsbruch.“

„Heilige Maria, nur über meine Leiche!“, schrie

meine Oma.

„Das wäre auch keine Katastrophe“, sagte Korbinian,

seit kurzem Körbchen, gemein und regte meine

Großmutter weiter auf.

Oma Lilly hielt nun überhaupt nicht mehr den

Mund. Korbinian pumpte an der Beruhigungsspritze,

als wäre er ein Feuerwehrmann und seine Spritze der

Wasserschlauch. In diesem Augenblick brüllte die Sirene

auf dem Dach wieder los, und Oma Lilly plumpste

fast von der Trage. „Tausend Herzinfarkte bekommt

man in dem Höllenkasten!“, rief sie. „Das heult ja wie

ein Puma, der sich in den Schwanz gebissen hat.“ In

Vergleichen war meine Oma noch nie gut gewesen.

Sicher weil alles so schnell aus ihr heraussprudelte.

Körbchen zog die Stirn in Falten. „Ich kenn mich

langsam nicht mehr aus“, murmelte er. „Andere bekommen

auf die Spritze hin den Mund nicht mehr

auf, und meine Dame hier …“

„Ihre Dame hier sorgt sich eben um ihren Enkel“,

erklärte meine Oma. „Er soll schließlich zu einem

Tunichtgut, einem Abenteurer und einem …“

Hier stoppte sie wie gebremst und überlegte hin und

her. Ich sah es ihr an. „Versager!“, half ich. Sie nickte,

dann drehte sie den Kopf zur Seite und lächelte ganz

sanft. Wie unterm Weihnachtsbaum. Körbchen musste

mir sofort versprechen, dass die gar nicht zu meiner

Oma passende Ruhe nichts mit ihrem frühen Tod zu

tun hatte, sondern nur ein Erfolg seiner (ekelhaften)

Spritze war.

6 7


Oma Lilly war 75 Jahre alt. Sie sagte aber 65 dazu

und hatte mir geschworen, dass sie mit 80 erst 70 würde.

Das wäre nun mal so in unserer Familie. Ich hatte

damals nicht auf meine Mutter verwiesen, weil sie

doch nur 38 Jahre geworden war. Meine Mutter Kristy

musste immer schon besonders zart gewesen sein. Meine

Oma sprach von ihr wie von etwas, das ganz leicht

hat kaputt gehen können. Kristy war ja auch an einer

tückischen Influenza, einer richtigen Grippe, gestorben.

Ich hatte keine Spur davon bekommen, obwohl

ich gerade erst ein Vierteljahr alt gewesen war.

Mein Vater war damals Notarzt in einem Rettungshubschrauber

und konnte nichts anfangen mit einem

drei Monate alten Baby, das nicht mal ein einziges

Haar auf dem Kopf hatte. Das musste meine Oma

immer noch dazu erzählen, anders ging es nicht.

Sie hat mich dann großgezogen. Mein Vater war

nämlich, wie wenn so ein Unglück noch ein anderes

gebraucht hätte, nach bloß zwei Monaten mit dem

Hubschrauber abgestürzt. Er wollte zu Kristy, erzählte

meine Großmutter, weil mein Vater angeblich kein

bisschen um sein Leben gekämpft hatte, als er auf der

Intensivstation lag. Das fand ich überhaupt nicht gut.

„Jedes Ding hat seine zwei Seiten“, erklärte Oma Lilly.

„Einerseits kann ich ihn verstehen. Andererseits, wenn

ich dich so betrachte, Paulchen, überhaupt nicht.“

Dafür habe ich meine Großmama fast schon unheimlich

gern. Sie sieht immer irgendwie windig aus.

Als ob schon das allerkleinste Stürmchen sie umblasen

könnte. Vielleicht gerade wie ihre Tochter Kristy. Aber

Oma Lilly ist anders, stark. Sie kocht wie eine Fünf-

Sterne-Köchin, springt immer noch die Treppen in unserem

Häuschen herauf wie ein Hirsch, und sie freut

sich wie eine Königin, wenn ich ihr mal ein Kuss gebe,

was allerdings aus Altersgründen immer weniger wird.

Aus meinen Altersgründen, meine ich.

Dafür kann sie nicht stricken, und auch das, was sie

mit Häkeln hinbekommt, sieht nachher bloß nach gutem

Willen aus. Der ist das Wichtigste, sagt Oma Lilly.

Also, viel guten Willen hab ich. Aber als mir unsere

Nachbarin an dem Tag berichtet hatte, dass meine

Oma hilflos in der Nähe des Omnibushäuschens liege,

war ich wirklich nur ein Wille zum Rennen und sehr

viel Angst.

„Oma Lilly, was machst du nur?“, schnaufte ich, als

ich vor ihr kniete und sie einfach nicht mehr hochkam.

Die zwei Einkaufstüten neben ihr spuckten

immer noch den Inhalt aus: Äpfel, aufgeplatzte Mehlund

Grießtüten, Suppenzeugs und so.

„Ich bin halt gerannt, dummer Paul“, stöhnte Oma

Lilly. „Du weißt, dass ich kein Fan von großen Gewittern

bin. Und das vorhin war eines!“ Das war richtig.

Aber hätte sie sich nicht genauso gut in dem Omnibushäuschen

unterstellen können? „Schlägt der Blitz

8

9


ein“, erklärte meine Oma trotzig, „geh ich nicht rein!“

Wir hörten schon den Notarztwagen näherkommen.

„Ich will das nicht. Hab mich bloß ein bisschen gezerrt!

Nicht der Rede wert.“

Doch, es war viel Reden wert! Mindestens tausend

Wörter waren es, die meine Oma dann mit dem dicken

Korbinian und dem energischen Notarzt hin und

her wechselte. Das Ende vom Lied: Sie packten sie,

schubsten sie auf eine Liege und ruckelten sie in den

Krankenwagen.

Blass sah sie aus. Dabei finde ich sie wunderhübsch.

Sie hat zwar keine weißen Haare und keinen Knoten

wie früher die Großmütter auf den alten Bildern.

Sie geht mit ihrer Kinnlang-Frisur alle 14 Tage zum

Friseur und lässt sich nach 4 Wochen die Haare zu

Hellbraun-Nuss mit goldigen Strähnchen färben. Ich

weiß das so genau, weil wir immer alles besprechen.

Sie meint, gerade zwölfeinviertel-jährige Jungs, die

über kurz oder lang zwölfeinhalb werden, könnten gar

nicht früh genug in die großen und kleinen Sorgen der

Frauen eingeweiht werden. Sie kenne ja auch meine

Männersorgen.

Allerdings habe ich gar nicht so viele. In der Schule

komme ich bestens mit. In Deutsch und vor allem

in Mathematik macht mir keiner was vor. Und gerade

jetzt hatte ich mich auf die langen Sommerferien

gefreut. Oma Lilly und ich wollten wie wild durch

die Gegend radeln! Nun musste ich zu einem Onkel

Mark, der höchstens etwas mit Flugzeugen, aber bestimmt

nichts mit Fahrrädern am Hut hatte.

In dem Moment wurde meine Oma wieder lebendig.

Mit der Beruhigungsspritze hatte es wirklich

nicht viel auf sich gehabt. Ihr Gesicht mit den großen,

maikäferbraunen Augen wurde von neuem zornig, ich

sah ihr an, dass sie schon wieder vom Versager reden

wollte.

Aber da verkrächzte sich das Geheule oben auf dem

Dach. Die Tür wurde aufgerissen, Körbchen warf sich

ins Freie, ein Kollege bremste haarscharf vor ihm, sie

zerrten die Gurte noch fester und ratterten mit Oma

Lilly durch unheimliche, scheußlich riechende Gänge.

Endlich hielten sie an, als über uns ein rotes Schild

verkündete, dass hier das Röntgen war.

„Danke, Körbchen!“, sagte meine Großmutter sehr

laut und sehr herzlich zu Korbinian.

Der wurde noch röter als rot, beeilte sich, von uns

wegzukommen und murmelte, er habe jetzt keine Zeit

für Katastrophen. Sein Kollege grinste. Eine Tür mit

der Nummer 3 verschluckte meine Großmutter samt

ihren wedelnden Händen.

Als sie wieder herausgeschoben wurde, war sie sehr

weiß im Gesicht, nur ihre Backen leuchteten. „Es ist

wirklich ein verdammter Oberschenkelhalsbruch!“,

schrie sie. „Paulchen, ich werde nie mehr bei Gewitter

10

11


losrennen und dann auch noch so blöd sein und bei

einem pumamäßigen Blitz hinfallen!“

„Aha“, brummte eine Stimme über mir. Sie gehörte

einem langen Mann in einem kurzen weißen Kittel. Er

stellte sich als Oberarzt Doktor Gerber vor. Er hatte

den Kopf voll schwarzer Haare, nur rechts über der

Stirn eine mausgraue Strähne. Ich dachte, die müsste

bestimmt breiter werden, läge Oma Lilly drei Wochen

oder noch länger auf seiner Station …

„Also, Paul“, erklärte Doktor Gerber. „Was deine

Oma hat, hast du schon gehört. Laut genug war sie

ja. Sie muss operiert werden und dann wahrscheinlich

mindestens zwei Wochen auf meiner Station bleiben.

Danach ab in die Reha.“

Mir wurde augenblicklich schlecht. Wie wenn ich

viel zu viel Lakritze gegessen hätte oder Gummibärchen.

„Operiert?“, japste ich. Meine Stimme hörte sich

selbst für mich windig an. „Ja, kriegen Sie das denn

überhaupt hin?“

„Was für eine Frage!“ Meine Oma patschte mit

ihrer Hand auf die Pranke des Oberarztes. „Er hat es

mir versprochen. Und was man verspricht, muss man

halten. Sonst kommt man in die Hölle oder sonst

wohin.“

„Das ist eine echt miese Auswahl“, meinte Doktor

Gerber. „Aber ich bastle Sie trotzdem wieder zusammen,

Frau Hansen. Bloß, was machen wir mit dem

Jungen? Sie sagen, sein Onkel ist ein Abenteurer, ein

Versager und ein Lügner …“

„Aber ich muss doch zu ihm!“, rief ich. Ich wusste

irgendwie aus dem Bauch heraus, ich wollte zu ihm.

Länger betrachtet klang es einfach aufregend und

spannend, einen windhündigen, lügnerischen, tunichtguten,

abenteuerlichen, weltenbummlerischen Versager

kennen zu lernen. „Ja, ich muss.“

Meine Oma schaute mich aus zusammengekniffenen

Augen an. Ahnte sie etwas?

„Hey, ich werde total anständig sein!“, versprach ich

und hatte mich schon ein bisschen an meinen Onkel

angepasst, fürchte ich. Ich schwindelte – und nicht

einmal schlecht.

12


2. Maikäfer riesengroß

Man kann sich nicht im Traum vorstellen, wie schnell

Oma Lilly im Krankenhaus bekannt wurde. Der ganze

Röntgenkeller war voller Leute, die uns eine gute Fahrt

wünschten. Pfleger Carlos, der uns nach oben brachte,

konnte nur staunen. Im Aufzug war es noch schlimmer.

Meine Oma berichtete jedem, der aus- oder

einstieg, ausführlich von ihrem Unglück.

Endlich waren wir in einem Zimmer, in dem ein

freier Platz vor dem Fenster anscheinend auf uns

gewartet hatte. „Paul, schau mal, wer da neben mir

liegt“, bat mich Oma Lilly. Aber in dem Bett nebenan

war nur Bettzeug unter eine graue Decke geschoben.

Die Beule stand tatsächlich menschenähnlich hoch.

„Heilige Maria, sieht das gruselig aus“, seufzte meine Oma.

„Da kommt bald schon jemand“, tröstete Carlos.

Sein Name passte gut zu seinem spanischen Schnurrbart.

Als er gehen wollte, dankte ihm meine Oma

wieder in ihrer herzlichen Art. Sie gab ihm auch noch

viele Grüße an Körbchen mit. Carlos grinste unter

seinem Schnurrbart und wusste sofort, wen sie meinte.

Armer Korbinian!

Dann kam das Schwerste. Oma Lilly wollte Mark,

den Versager, anrufen. Aber der japanische Assistenzarzt,

der gerade hereinschneite, erklärte ihr mit einem

unheimlichen Grinsen im Gesicht, dass sie jetzt „der

Ruhe ge-brau-che und dass das Te-le-fo-nie-rern die

freun-der-li-che Schwester der Station au-ßer-or-dentlich

gerner für sie verledigen würde“. Oma Lilly verriet

ihm stirnrunzelnd die Telefonnummer. Dabei war es

ihre eigene, wie ich gleich merkte. Mit der würde die

Schwester keinen Onkel Mark „erreichern“ können.

Oma Lilly forderte gleich darauf mein Handy an

und zischte etwas darauf. Leise, damit der höfliche

Assistenzarzt sie nicht hörte. „Hallo, Markus! Komm

sofort in die Blomthal-Klinik. Ich liege hier für ein

paar Tage fest. Deshalb musst du auf Paul aufpassen.

Er ist der Sohn deines einzigen Bruders. Zwölfeinviertel

Jahre alt. Müsstest du selbst wissen! Vergiss das

Ausland und sei pünktlich. Lilly Hansen.“

Ungefähr eine halbe Stunde darauf geschah das

Plötzliche, das Überraschende.

Jemand klopfte an. Schon öffnete sich die Tür, und

herein marschierte mein Onkel. Er knarrte nicht, wie

es bei älteren Leuten manchmal ist, er hüpfte aber

auch nicht, er trat einfach ein. Das beeindruckte mich

schon.

„Hallo, Lisbeth!“, rief er. „Schön, dass du mich

angerufen hast.“

Meine Oma schoss auf wie eine quietschende Rakete.

„Wer mich – aua! – Lisbeth nennt, kann – aua!

14

15


– nur so dumm wie ein Puma sein. Weißt du nicht

mehr, wie ich heiße?“

„Doch“, antwortete Onkel Mark. „Elisabetha Hansen,

75 Jahre alt.“

„Fünfundsechzig“, knurrte meine Oma. „In unserer

Familie sind wir immer zehn Jahre hinterher!“

Ich kicherte, und mein Onkel schaute mich näher

an. Ich aber auch ihn: Natürlich hatte ich gehofft, dass

er meinem Vater ähnlich sehen würde. Aber ich konnte

nichts davon erkennen. Bei ihm gab es nur grauschwarzes

Haar (mein Vater war rothaarig gewesen!),

eine schlanke Figur, die kein Ende nahm, ein nougatbraunes

Gesicht, breite Schultern wie ein Boxer aus

der Bronx und weiße Zähne, die einen wie Blitzlicht

blendeten. „Hallo, Schicksalsgenosse!“ Mein Onkel

packte meine Hand und presste sie zusammen. Genauso

hart wie ein Boxer.

Meine Oma beobachtete uns lauernd.

„Hallo, Onkel Mark!“, sagte ich mühsam. Er hatte

nicht mal die Augen meines Vaters. Die mussten grau

gewesen sein. Er hatte – Wahnsinn! – er hatte so tintenblaue

Augen wie ich.

„Wir müssen also miteinander auskommen“, dachte

mein Onkel so vor sich hin. „Das kriegen wir schon

hin, oder?“

„Wohne ich bei dir oder du bei uns?“, fragte ich.

Das Praktische habe ich von meiner Oma.

„Na, bitte!“, rief er. „Da spricht doch die Lisbeth,

wie sie leibt und lebt! Ich habe mir gedacht, heute

schläfst du noch mal zu Hause, Paolo, und ab morgen

bei mir.“

„Was? Er soll nur nachts zu dir, der Paolo?“ Klar,

meine Oma wollte, dass er mich auch tagsüber beaufsichtigte.

Onkel Mark räusperte sich. „Weißt du, Elisabetha“,

antwortete er langsam, „das alles kommt doch ein

wenig unerwartet, oder?“

„Das heißt, du hast noch eine flotte Biene zu Hause?“,

fragte meine Oma scharf.

Es wurde meinem Onkel ungemütlich. Er hatte

einen Finger zwischen Hals und Kragen gesteckt und

zerrte dort hin und her. „Keine, hm, flotte, hm, Biene

mehr“, antwortete er endlich. „Nur, na ja, du weißt,

im Gegensatz zu meinem untadeligen Bruder bin ich

ein bisschen, sagen wir mal …“

„Schlampig“, fiel ihm meine Oma ins Wort, und

ihre Augen funkelten. „Das heißt, du brauchst einen

ganzen Abend und eine ganze Nacht, bis du deinen

Kram wieder in Ordnung hast?“

„So ähnlich“, sagte mein Onkel, schon wieder fröhlich.

„Und wenn ich jetzt gleich gehe, wird’s hinterher

genauso pingelig aussehen wie bei dir!“

So riesige Maikäferaugen wie bei Oma Lilly hatte

ich noch nie gesehen! „Pi…pi…pingelig?“, krächzte

16

17


sie. Ich dagegen war von meinen Onkel beeindruckt.

Einen Menschen, der vor meiner Oma die Unordnung

lobte, hatte ich noch nie erlebt.

„Also“, sagte sie spitz. „Mein Paul ist kein Ungeziefer

gewöhnt. Vielleicht solltest du erst mal den Kammerjäger

kommen lassen?!“

„Und was machen dann meine flotten Bienen?“

Mein Onkel grinste.

„Heilige Maria!“, stieß meine Oma hervor. „ Ich

weiß nicht, was aus Paulchen werden wird. Du bist

so wenig ein Vorbild wie die Cholera! Wäre ich doch

nur ein Gewitterfan, dann wäre ich im Regen nicht so

pumamäßig gerannt und …“

Jetzt fiel ihr mein Onkel ins Wort. „Toller Vergleich,

der mit der Cholera“, sagte er. „Übrigens, bist du wirklich

so richtig gerannt? Mit fünfundsiebzig Jahren?!“ Er

lachte.

Meine arme Oma! Ich sah sie leiden, aber ich wusste

nicht, wie ich ihr helfen sollte. Wenigstens hatte sie

mal die Angst vor der Operation vergessen. Ich setzte

mein unschuldigstes Schulgesicht auf, und so ging alles

irgendwie gut.

Onkel Mark blieb ohnehin nicht mehr lange. Es

wäre aber auch zu viel für Oma Lilly gewesen. Sie

konnte sich kaum beruhigen, als sich die langweilig

weiße Tür wieder hinter ihm geschlossen hatte.

„Meinen eigenen Enkel ins Unglück gestürzt“, jammerte

sie. „Ach, Paulchen, glaubst du überhaupt, dass

du bei diesem Menschen überleben wirst? Dein armer

Vater! Er wurde so korrekt erzogen, und dieser Jüngste,

dieser Flotte-Bienen-Lümmel, wurde gelassen, wie er

ist. Eine Katastrophe!“ Sie sah mich betrübt an.

Ich musste ihr in die Hand versprechen, mich zu

Hause gleich ins Bett zu legen und fest zu schlafen,

davor alle Schränke zu verschließen, die Haustüre zu

überprüfen, besonders aber alle Fenster, und meine

Oma bei dem geringsten Geräusch anzurufen. Notfalls

käme sie mit Bruch und im Nachthemd. Vielleicht

sogar mit Körbchen!

„Ganz bestimmt!“ Ich küsste meine Oma auf beide

Wangen, und sie war wieder glücklich, das wusste

ich. Morgen früh würde ich nach ihr sehen, und dann

konnte das Abenteuer mit Onkel Mark beginnen. Es

würde ganz schön schwierig werden! Aber vor allem

spannend …

Ich fuhr mit dem Krottenthaler Stadtbus zwei Stationen.

Da stand unser Häuschen in einem hübschen

großen Garten. In der Begonienstraße. Es war aber

heute kalt und ungemütlich. Deshalb ging ich wirklich

früh ins Bett.

18

19


3. Familie

Um 10 Uhr morgens läutete es Sturm. Ich hatte gerade

gefrühstückt. Geduscht hatte ich nicht, das war für

mich der einzige Vorteil von Oma Lillys Oberschenkelhal…

und so weiter. Ich steckte mir noch schnell

ein halbes Marmeladebrötchen in den Mund und

öffnete. Draußen stand mein Onkel und grinste mir

entgegen. „Na, schmeckt’s, Paolo?“ Er fühlte sich anscheinend

noch immer wie in Südamerika. „Darf ich

eintreten?“

Ich nickte stumm. Über das Marmeladenbrötchen

konnte ich keinen Ton herausbringen. Nur langsam

bekam ich wieder Luft. Mein Onkel sah sich neugierig

um. Die ordentliche Küche, das große Wohnzimmer

mit den, ja, mit den krachend roten Möbeln. Oma

Lilly hatte nun mal eine Vorliebe für diese Art Rot.

„Guter Geschmack, die Lisbeth. Kein bisschen unmodern!“

Onkel Marks Zähne blitzten fröhlich. Wieso

auch? Meine Oma ist sowieso die modernste Oma, die

ich kenne.

Onkel Mark musste merken, dass ich ärgerlich war.

Ich hatte den Mund wieder frei und sagte trotzdem

nichts. „Nicht böse sein, Paolo.“ Er streckte die langen

Beine in einem der roten Sessel von sich. „Aber ich war

20

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine