Corinna Antelmann | Spargel in Afrika

verlagmonikafuchs

Spargel in Afrika ist eine leise, persönliche Erzählung zwischen Melancholie und Ironie, ein Monolog, der sich als Dialog verkleidet, als wortreiche und zugleich sprachlose Auseinandersetzung eines fürsorglichen Sohnes mit seinem lebensmüden, 90-jährigem Vater, der im Krankenhaus liegt und sterben wird. Der Sohn spürt, dass auch er älter wird und in der Generationenfolge den Platz seines Vaters einnehmen wird. Während dieser womöglich letzten Begegnung berühren beide das Thema des Nährens und Genährt-Werdens als universellem Bedürfnis des Menschen. Gemeinsame Essens-Erinnerungen helfen ihnen, eine Übereinstimmung zu finden, dort, wo es unmöglich geworden zu sein scheint, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu verbalisieren.

»Was fehlt dir, Vater?«, frage ich ihn und gebe mir die Antwort selbst: Nichts, natürlich; du hast alles, was du brauchst.

CORINNA ANTELMANN

Spargel

in Afrika

E R Z Ä H L U N G


Spargel in Afrika


CORINNA ANTELMANN

Spargel

in Afrika

E R Z Ä H L U N G


Die Erzählung »Spargel in Afrika« entstand während eines Aufenthaltsstipendium

des Landes Oberösterreich in Gmunden im Herbst

2017 (https://www.diekunstsammlung.at/463.htm) und wurde im Mai

2018 in der Theaterfassung am Landestheater Linz uraufgeführt.

www.verlag-monikafuchs.de

www.corinna-antelmanncom

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-947066-32-2

auch als eBook erhältlich

© 2020 by Verlag Monika Fuchs | Hildesheim

Layout und Satz: Die Bücherfüxin | www.buecherfuexin.de

Bildnachweis Cover: Stefanie Altenhofer – Foto aus dem Theaterstück

(Film Traumsequenz).

Text: Corinna Antelmann | Ottensheim

Printed in EU 2020


Aimer, c’est agir

(Victor Hugo)


I.


Es gibt niemanden, der Spargel so isst wie er: Das

Messer unberührt neben dem Teller, sticht er

mit der Gabel in die Mitte der Stange, führt sie zum

Mund und schlürft sie in einem Zug hinein, vorsichtig,

damit die Butter nicht über das Kinn tropft. Er

beherrscht die Technik ausgezeichnet. Abgesehen

von dem Geräusch, das dabei entsteht, nimmt sich

der Vorgang nicht einmal unappetitlich aus, zumal

er peinlich darauf achtet, nach jeder Stange den

Mund mit der Stoffserviette abzutupfen, bevor es an

die nächste geht.

Spargel gehört zu seinen Lieblingsspeisen.

Als er in Afrika war, ließ er sich ein Paket aus

Deutschland schicken, für ein fulminantes Spargelessen,

das der schwarze Koch dann in eine Katastrophe

verwandelte. Die gesamte Familie sitzt bereits

um den afrikanischen Tisch aus Tropenholz, das

damals noch nicht als politisch inkorrekt galt, sonst

hätte Vater ihn sicher nicht angeschafft, der Spargel

duftet, der Schinken steht servierfertig bereit.

»François, où sont les patates?«, fragt er. »Wo

sind die Kartoffeln?«

Und François: »Je les ai oublié, patron.«

Er hatte vergessen, die Kartoffeln zu kochen.

Wunderbare Petersilie-Kartoffeln, dampfend in der

Schüssel aufgetragen und weich genug, um sie zu

zerdrücken und in der Butter zu schwenken, wie es

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in Westfalen üblich gewesen war. Von Sauce Hollandaise

hatte er sich, solange er in Afrika zu tun hatte,

ohnehin schweren Herzens verabschiedet, denn

der Versuch, dem Koch zu erklären, wie das gehen

könnte, wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt

gewesen.

So dachte er wohl.

Ich weiß nicht, warum ich ausgerechnet an Spargel

denke, während der Fahrstuhl sich dem zweiundzwanzigsten

Stock nähert.

Die Spargelzeit ist längst vorbei.

Die Zeit in Afrika ebenfalls.

Das Altersheim liegt direkt am Rhein. Auch Vaters

kleine Wohnung schaut auf den Fluss, weil sie so

weit oben liegt. Diesen Blick wünschte er sich immer

und ist beinahe stolz darauf. Nun wohnt er dort, wo

schon sein Vater wohnte, nachdem er zu alt geworden

war, sich selbst zu versorgen.

Du dagegen könntest dich versorgen, konntest es

immer. Aber lieber noch lässt du dich versorgen,

stimmt doch, Vater?

»Vater?«, rufe ich und stoße dabei die Tür zu

seinem Zimmer auf, »Vater, ich bin gekommen, um

mit dir zu essen. Vater, hörst du mich?«

Dein Zimmer riecht nach alten Leuten, denk dir

nur, so etwas fällt mir auf, immer fällt mir das auf,

wenn ich hier bin. Ich kenne den Geruch; er hing

bereits in eurem Haus, das du mit Mutter bewohnt


hattest, bevor sie starb, und du entschieden hast,

ins Altersheim zu gehen. Und noch früher, da hatte

der Geruch bereits in dem Zimmer von Großvater

geschwebt. Und neulich, als ich eine Woche ohne

Frau und Töchter verbrachte und vor lauter Trägheit

oder Sorglosigkeit, was soviel meint wie: für

niemanden Sorge tragen zu müssen, vergessen hatte,

gründlich zu lüften, da begrüßte mich eben dieser

Geruch, als ich am Abend von einem ausgedehnten

Spaziergang zurückkehrte, den ich sonst nicht unternehmen

kann, weil ich ja da sein muss.

Für alle da.

Zunächst wusste ich nicht, was das war, was mir

mit dieser Vertrautheit entgegenschlug, die mich an

Kindheit erinnerte, an Großvater, an dich. Beinahe

wohlig nahm ich den bis dahin nicht von mir definierten

Geruch wahr, aber dann fiel mir ein, dass es

roch, wie es bei dir riecht.

Ich habe es bisher niemandem gesagt, weder

meiner Frau, noch den Kindern. Stattdessen lüftete

ich, zwei volle Tage lang bis zu ihrer Rückkehr, und

als sie endlich wieder bei mir waren, schwieg ich

über den Geruch.

Aber jetzt sage ich es dir.

Sage es dir nicht, denn dein Zimmer ist leer.

Mein Satz: »Vater, ich bin gekommen, um mit dir

zu essen«, bleibt mir im Hals stecken wie die Gräte

von der Forelle, die wir gemeinsam in Tschechien

gegessen haben, beinahe zehn Jahre ist das her. Erinnerst

du dich? Frisch aus dem Teich des Hauses gefischt

und auf den Rost gelegt, über offenem Holz-

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feuer gegrillt, um anschließend mit Bratkartoffeln

serviert zu werden, wie sie allein Vaclav zu machen

versteht.

Das weißt du nicht?

Du erinnerst dich doch sonst an jedes Essen,

also bitte, Vater, hör mal, schließlich unternahmen

wir die Reise deinetwegen: Auf den Spuren deiner

Kindheit, von Rumburk (oder Rumburg, wie es

zu deiner Zeit hieß, aber du bevorzugst dennoch

die Schreibweise mit K) über Prag bis in den Böhmischen

Wald hinein, wo uns dieser tschechische

Volltrottel für eine Nacht beherbergte. Vaclav, der

Volltrottel, ja, so nanntest du ihn, weil er in Armeestiefeln

herumlief, als wolle er den Krieg heraufbeschwören

und bedauerte, dass er längst vorbei sei,

die ser Krieg, den du mehr hasst als alles.

Mehr noch als ein Spargel-Essen ohne Kartoffeln.

Das Bett wirkt leerer noch als das Zimmer, weil

die Decke zurückgeschlagen ist, ordentlich zwar,

aber gewöhnlich legst du eine Tagesdecke auf, um

den Tag aus deinem Schlaf fernzuhalten, auf dass er

nicht verunreinigt werde. Ihn nicht zu stören. Was

nicht nötig wäre, denn trotz deines Alters hast du

einen im Großen und Ganzen gesegneten Schlaf,

so behaupten zumindest alle, mit Verwunderung in

der Stimme, weil du doch im Krieg gewesen bist, an

der Front, im Lazarett, und so manche alte Leute

von lästigen Erinnerungen eingeholt werden, wenn

sie des Nachts in ihren Betten liegen, zumal, wenn

sie zu viel gegessen haben am Abend. Aber du, du


kannst die Knödel in dich hineinstopfen, mit größtem

Genuss und einer Portion Pfifferlinge extra,

ohne dass dich Bauchkrämpfe vom wohlverdienten

Schlaf abhielten, so sagst du immer und lachst über

deine Altersgenossen mit ihren Wehwehchen, für

die du nichts als Verachtung hegst.

Meine Wehwehchen behalte ich für mich.

Immer schon.

Wo kannst du sein, frage ich mich und bin im selben

Augenblick beinahe sicher, die Antwort bereits

gefunden zu haben: die Pfifferlinge haben dich mir

entführt, ja, die Pfifferlinge sind schuld und der

Grund für die Leere in deinem Zimmer.

Schon einmal stand ich in diesem Zimmer, und es

war leer, obwohl wir uns verabredet hatten, zum

Pfifferling-Essen hatten wir uns verabredet, und

auch heute hattest du mit mir Pfifferlinge essen gehen

wollen, ich erinnere mich.

Gestern, als ich dich anrief, um dir meinen Besuch

anzukündigen, fragtest du am Telefon, ob ich

glaube, dass es wohl bereits frische Pfifferlinge gebe,

und als ich meinte: »Ich denke schon, dass es frische

Pfifferlinge gibt«, da konnte ich deine Freude

durch das Telefon hindurch förmlich spüren. Denn

neben Spargel sind Pfifferlinge ein weiterer Höhepunkt

des Jahres. Ich hörte dein inneres Strahlen, als

du sagtest: »Dann komm endlich, lass uns Pfifferlinge

essen gehen, du weißt schon, unten im Restaurant,

die machen sie so gut, wie es nicht einmal

deine Mutter gekonnt hätte.«

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Aber ich wollte davon erzählen, dass mich zu meiner

Überraschung schon einmal ein leeres Zimmer

empfangen hat, nachdem ich angereist war, um Vater

zu besuchen. Obwohl er über mein Kommen informiert

war, so wie heute, denn ich sage ihm nicht

erst seit gestern Bescheid, wenn ich ihn zu besuchen

beabsichtige. Stets rufe ich einige Tage zuvor an,

nicht einmal, sondern zwei- oder dreimal, damit er

sich auskennt. Er mag es nicht, überrascht zu werden.

Jemand, der im Krieg war und hungern musste

und Kameraden sterben sehen, der hat fürs Erste genug

von Überraschungen, vermute ich.

Dir hingegen ist es offenbar egal, ob du mich überraschst,

was, Vater? Einfach fort zu sein, wenn ich

komme! Was glaubst du, was das mit mir macht?

Auch beim letzten Mal konnte ich mir kaum erklären,

wo du wohl sein könntest, schließlich hatte ich

einen weiten Weg zurückgelegt, nicht zuletzt deshalb,

um dir (und der Leerstelle an deiner Seite) die

neue Frau an meiner Seite zu präsentieren, die später

dann meine Frau werden würde, aber das darf ich

nicht sagen: meine, das mag sie nicht, und dass ich

ihr nachgebe, brächte dich vermutlich zum Lachen,

oder vielleicht nicht, denn in gewisser Weise hast

auch du alles getan, was Mutter von dir verlangte.

Um ein bisschen mütterliche Liebe zu erhalten,

vermute ich.

Um teilzuhaben an dem großen Mutterkuchen,

von dem du nur wenig gekostet haben dürftest, ja,

das kannst du gern bestreiten, ich weiß, dass du dei-


ne Mutter stets als Heilige sehen wolltest. Deine

schönste Erinnerung an sie besteht darin, ihr beim

Abwasch behilflich zu sein. Und du weißt nicht einmal,

was zuvor auf den Tellern gelegen hatte. Zumindest

hast du es mir gegenüber nie erwähnt.

Das wundert mich in gewisser Weise.

Und auch meine Mutter, deine Frau, war dir heilig,

weshalb ich nichts gegen sie vorbringen darf. Du

hast meine Mutter mindestens ebenso vergöttert

wie die deine, auf eine Art, wie gewöhnlich nur eine

Göttin vergöttert wird.

Dass sie dir Göttin gewesen ist, könnte wiederum

mit dem Mutterkuchen zusammenhängen.

Wie gut, dass du mich nicht hörst.

Vielleicht ist er gestürzt, dachte ich damals, als ich

mit meiner zukünftigen Frau an der Schwelle zu

deinem leeren Zimmer stand, und rannte die zweiundzwanzig

Stockwerke über die Treppe zu Fuß

hin unter, ohne mich vom Fahrstuhl aufhalten lassen

zu wollen.

Du beklagst dich oft darüber, dass er besonders

langsam sei. Und um die Essenszeit herum ist es

immer besonders schlimm, da bleibt er permanent

stehen, weil Leute zusteigen, die es zu ihren vollen

Tellern zieht. Das meine ich weniger abwertend, als

es sich anhören mag, denn ich verstehe gut, dass die

Essenszeiten den Tag strukturieren.

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Außer Atem erreichte ich den Empfang, um mich

zu erkundigen, ob es meinem Vater vielleicht nicht

gut gehe, aber sie zuckten nur mit den Achseln.

Nein, sagten sie, putzmunter sei er ihnen heute erschienen,

so wie immer. So so, putzmunter also, das

allerdings ist ein Wort, das in keiner Weise zu ihm

passt, aber ich wollte die Dame am Empfang nicht

verärgern, also schwieg ich, zudem mein Blick auf

den Menüplan fiel, der hinter ihr an der Rezeption

hing und dort waren Pfifferlinge angeführt. An die

Pfifferlinge hatte ich gar nicht mehr gedacht, weil in

meinem Leben so vieles drunter und drüber ging,

seit ich diese Frau kennengelernt hatte.

Schnurstracks lief ich in das Restaurant, das

schon damals die besten Pfifferlinge der Welt zubereiten

konnte, seiner Meinung nach, und diese seine

Meinung ist schon immer tonangebend gewesen.

Auch für mich.

Oder was meine ich, deiner Meinung nach?

Hast du eine eigene Meinung?, fragst du.

Ist das dein Ernst, Vater?

Damals saß er an einem Tisch in der Ecke, versunken

über den Teller gebeugt.

»Vater«, sagte ich, »hast du vergessen, dass wir

kommen?«, aber er sah nur kurz auf und schüttelte

knapp den Kopf, ärgerlich darüber, wie jemand es

wagen konnte, ihn beim Essen zu unterbrechen.

»Wie kommst du darauf, dass ich das vergessen

haben sollte?«, fragte er. »Ich wollte nur nicht länger

warten, mein Appetit war zu groß.«


Wo bist du, Vater?, flüstere ich. Wieder bin ich einmal

von weit angereist, um dich zu sehen und mit

dir zu speisen.

Ist das denn nichts?

Seine Lebensabschnitte gliedern sich wie folgt: Böhmisches

Essen, sprich: Serviettenknödel, vielleicht

zu Schweinebraten im eigenem Saft. Später in Afrika

der Versuch, Westfalen herbeizuholen, ansonsten

Fisch.

Nirgends gab es delikateren Fisch als am Äquator.

In Spanien hingegen Desserts zum Verlieben.

Aber gleichgültig, in welcher Stadt er jeweils

wohnte, immer wusste er, wo es die besten Pfifferlinge

gab, so, wie er sie am liebsten mag: Kurz angeschmort,

mit Speck und Zwiebeln, leicht gepfeffert

und dazu einen Serviettenknödel, aber einen richtigen,

wie sie in Böhmen gemacht werden oder notfalls

auch in Österreich: Den Knödel in ein Küchenhandtuch

wickeln und ins siedende Wasser hängen.

Ich koche ihm das manchmal, wenn er bei mir

zu Gast ist.

Als er noch bei mir zu Gast war.

Damals, als ich dich nicht angetroffen habe, in deiner

Wohnung im zweiundzwanzigsten Stock, fürchtete

ich, es könne etwas Schreckliches geschehen

sein; deshalb lief ich diese Treppen herunter und

riskierte dabei einen Beinbruch. Und sicher ist es

genau das (und nicht der Hunger), was du damals

wie heute mit deiner Abwesenheit bezweckst: dass

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ich mich sorge, so wie ich mich immer gesorgt habe.

Um dich.

Um sie.

Nur nicht um mich.

Aber den Gefallen tue ich dir heute nicht, falls du

das glaubst. Statt Sorge spüre ich vorwiegend Zorn,

weil du mich abermals versetzt hast, und dieser Zorn

hält die Furcht im Zaum, wiewohl ich vermute, dass

sie noch kommen wird, die Furcht. Solange jedoch

Wut in mir ist, halte ich sie unter Kontrolle, und ob

du es glaubst oder nicht: Ich bin tatsächlich wütend.

Denn gleichgültig, ob du unten in dem von dir gelobten

Restaurant hockst oder wo auch immer, du

entziehst dich mir, wie du dich immer entzogen hast

auf deine gefräßige Weise.

Ich bin es, mit dem du Pfifferlinge hattest essen

wollen. Wir haben uns verabredet, und du bist fort.

Ich werde nicht gehen, um im Restaurant nachzuschauen.

Und anders als du werde ich meine

Mahlzeit nicht ohne dich einnehmen, heute nicht,

das mache ich oft genug, wenngleich ich versuche,

möglichst oft mit dir gemeinsam zu speisen, denn

das sind die Augenblicke, in denen wir uns immer

am nächsten waren.

Selbst, wenn der Spargel glänzend über deine

Lippen leckte.

Oder gerade dann.

Findest du das nicht eigenartig?

Warum bist du nicht hier, um mich zu empfangen?

»Wie bitte?«


»Offenbar hat er das Bewusstsein verloren«,

wiederholt die Schwester, die im Türrahmen steht,

»deshalb haben wir ihn zur Überprüfung ins Krankenhaus

bringen lassen.«

»Danke, Schwester.«

»Bitte, gern«, sagt sie und fügt hinzu, dass ich

die Nacht hier im Altersheim verbringen dürfe, um

gleich morgen früh nach ihm schauen zu können,

heute sei es dafür leider schon zu spät, aber ich wolle

das sicher so schnell wie möglich nachholen.

Aber nein, will ich nicht.

Ich bin noch nicht soweit.

Dennoch werde ich bleiben. Ich setze mich an den

Schreibtisch und betrachte die gläserne Erdkugel,

die als Briefbeschwerer dient, so gläsern und rund,

wie ich mich zuletzt als Kind fühlte. Inzwischen haben

sich Verhärtungen um mich herum gelegt, die

nicht so einfach aufzubrechen sind.

Die Kugel wiegt schwer in meiner Hand, auch

der Schreibtisch ächzt unter ihrem Gewicht. Kurz

überlege ich, sie auf den Boden zu werfen, das habe

ich früher schon einmal getan, aber sie erwies sich

als stabiler, als sie es dem Anschein nach ist.

Gute Kugel.

Still ist es. Die Stille ist so leer wie das Bett meines

Vaters. Dort sollte er liegen und mit mir sprechen,

besser noch: aufstehen, seinen Anzug überstreifen,

das Haar kämmen und sich mit seiner ganzen Gestalt,

die den Diplomaten in ihm hervorkehrt, an

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mich wenden: »Beeil dich, Sohn, nun komm schon,

sonst bleibt nichts mehr für uns, du kennst die Leute

mit ihrer Gier, die eines Tages die gesamte Zivilisation

vernichten wird, denn was war der Krieg anderes

als die Gier nach dem MEHR.«

Immer scheint es allen an allem zu fehlen.

Was fehlt dir, Vater?, frage ich ihn und gebe mir die

Antwort selbst: Nichts natürlich; du hast alles, was

du brauchst.

Kommst du endlich?, fragt er. Beeil dich, Sohn.

Ich bin noch nicht soweit, wiederhole ich, genau

wie du, gib es zu.

Er sei ein Schatten seiner selbst gewesen, hatte die

Schwes ter hinzugefügt, bevor sie ging, aber das kann

und will ich nicht glauben und halte lieber daran

fest, dass du heute wie damals lachend ins Restaurant

hinuntergelaufen bist, aus Furcht, das verfressene

Volk könne uns zuvorkommen, weil ich mich aufgrund

der langen Fahrt verspätet habe, und du Angst

hattest, es würde vielleicht nicht genug da sein.

Nie war etwas genug.

Statt herumzusitzen, sollte ich mich beeilen, denn

auch ich mag Pfifferlinge für mein Leben gern, und

hier gibt es nichts für mich außer dunkle Gedanken,

die mich umschatten, und in den Schatten sehe ich

dich.

Ein Schatten deiner selbst.

Mein Gott, Vater, musstest du in diesem Maße

über die Stränge schlagen?

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