Schlesischer Gottesfreund

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Jesus Christus spricht: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan. Matthäus 7,7 Monatsspruch August 62. JAHRGANG – AUGUST 2011– NR. 8 ISSN 1861- 9746 Verkaufspreis: 2,50 Euro H 6114 Schlesischer Gottesfreund NACHRICHTEN UND BEITRÄGE AUS DEM EVANGELISCHEN SCHLESIEN


Geistliches Wort 114 GEISTLICHES WORT Sternstunden des Lebens S. 114 BEITRÄGE Rauschwitz – ein preußisches Kriegslager wird zum Wende-Datum der schlesischen Kirchengeschichte Fortsetzung S.115 Die jüdische Gemeinde in Freiburg/Schlesien S. 118 „Sternstunden der Menschheit” heißt ein lesenswertes Büchlein, vor Jahrzehnten von Stefan Zweig geschrieben; es erzählt von einigen Ereignissen und vor allem den daran beteiligten Personen, die so etwas wie Vorbilder sein könnten, beispielhaft für Fortschritte der Menschlichkeit. Ob es so etwas wie „Sternstunden des Lebens” bei jedem Mensche gibt?, bei Ihnen?, bei mir?, – wesentliche, wichtige, leuchtende und kräftig weiterwirkende Stunden oder Ereignisse unseres Lebens? Es ist gut, gelegentlich innezuhalten und zurückzublicken auf das eigene Leben: ob es darin so etwas gab. Oder gar auch „Sternstunden des Glaubens” ? Welches Ereignis würden Sie erzählen? Johannes, der vierte Evangelist, hat in seinem Bericht über das Leben Jesu ganz kurz auch über das Ereignis berichtet, das für sein Leben das wichtigste war, es von Grund auf verändert und in eine neue Richtung gelenkt hat. Viele Jahrzehnte, wohl zwei Menschenalter später erinnert er sich genau: „es war aber um die zehnte Stunde” – gegen 16 Uhr nachmittags nach unserer Tageseinteilung, das war die „Sternstunde” seines Lebens. „Johannes der Täufer stand am Jordan und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: „Siehe, das ist Gottes Lamm!” Und die zwei Jünger hörten ihn so reden und folgten Jesus nach. Jesus aber sah sich um und sah sie ihm folgen und fragte: Was sucht ihr? Sie aber sprachen: Rabbi, wo ist dein Zuhause? Er aber sprach zu ihnen: Kommt mit und seht selbst. Sie kamen und sahen`s und blieben diesen Tag mit ihm. Es war aber um die zehnte Stunde. Einer von den beiden war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet seinen Bruder und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte Gottes. Und er brachte ihn zu Jesus.” (Johannes 1, 35-39) Eines Nachmittags also, offenbar einige Tage nachdem er Jesus im Jordan getauft hatte, steht Johannes wieder am Flußufer und sieht über die große Menschenmenge, die zu ihm, dem berühmten Bußprediger, gekommen war, und neben sich zwei seiner Jünger. Junge Leute, die ihr Elternhaus, ihre Verwandtschaft, das Studium oder den Beruf verlassen hatten – vermutlich zum Entsetzen ihrer Eltern –, weil sie des bisherigen Lebens überdrüssig geworden sind, weil sie fragen und suchen nach einem Sinn des Lebens VIA REGIA – Eine alte Straße in neuem Licht S.120 Fleißig und fröhlich – Schwestern haben eine Segensspur hinterlassen S.124 Georg-Dehio-Kulturpreis S.125 EMPFEHLUNGEN S.125 TERMINE/VERANSTALTUNGEN S.126 AUS DER LESERGEMEINDE S.127 Sternstunden des Lebens FUNDSTÜCK S.128 Titelbild: Portal einer Kirche in Bielitz Foto: Edgar Kraus, Cottbus über Geld und Karriere und Glück hinaus; weil sie mit kritisch und wach gewordenen Augen „hinter die Kulissen” schauen und hinter dieser Fassade so viel innere leere und Unwahrhaftigkeit sehen, und einen Glauben und eine Frömmigkeit, die nur Schein war und gar nichts bewirkte im Leben derer, die sich fromm nannten. Junge Leute also auf der Suche nach dem „besseren Leben”, nach einer sinnvolleren menschlichen Gesellschaft, mit einer tiefen Sehnsucht nach wahrhaftem Glauben, rechter Liebe. Und ihr Suchen hatte sie zu Johannes dem Täufer geführt; dem, so spürten sie, können wir vertrauen, bei dem stimmen Worte und Leben und Glauben überein. Wo gibt es heute solche Vorbilder? Und welches Vorbild geben wir? Eines Tages passiert etwas ganz Großartiges. Da zeigt dieser Johannes der Täufer seinen Jüngern, die ihn so hoch verehren, einen anderen: Geht zu dem da! Der kann noch mehr – nein, der IST noch mehr, viel mehr als ich. Dem folgt nach! Die Selbstlosigkeit – und darin die Größe – dieses Mannes verwundert und erstaunt mich immer wieder. Dem laufen seine Nachfolger nicht weg, nein, er schickt sie selber weg, zu dem anderen, Größeren. Es ist nicht gleichgültig, wessen Jünger wir sind, wer unser Herr und Meister ist: Jesus nachfolgen, das ist das Beste, was ihr tun könnt – – etwas Besseres, einen besseren gibt es nicht. Man muß es halt ausprobieren, einen anderen Weg gibt es nicht: „Kommt mit und seht selbst!” „Es war aber um die zehnte Stunde”, als diese beiden Jünger ihr bisheriges Idol und Ideal verließen. Und wir wissen, daß sie dann ihr Leben lang bei diesem Jesus geblieben sind. Daß sie bei ihm gefunden haben, was sie suchten: wirkliches, wahrhaftiges, echtes, volles Leben, das diesen Namen auch verdient. Einen Meister, der Worte hat, auf die man bauen kann, „Worte ewigen Lebens”; einen, der von Menschenliebe nicht nur redet, sondern der wirklich Zeit hat für einen fragenden, suchenden, einen zweifelnden oder gar auch verzweifelten Menschen. Und dem sie abspüren, daß er auch selber unter einem Größeren steht, nicht sich selbst sucht und seinen Vorteil, sondern die Ehre Gottes, seines himmlischen Vaters. Darum hat Johannes, der Evangelist sich sogar die genaue Uhrzeit gemerkt, zu der er Je-


115 sus kennen lernte und so lieb gewann, daß er dann sein ganzes Leben lang sein Jünger geblieben ist. Wie bei dem anderen auch, Andreas hieß er. Der war so begeistert von Jesus, daß er gleich auch seinen Bruder anspricht und mitbringt, den Simon, der dann unter dem Namen Petrus weltbekannt geworden ist. Der eine wird zu Jesus geschickt, der andere wird zu Jesus gebracht, wieder andere – so wird erzählt – ruft Jesus selbst zum Glauben und in die Nachfolge; die Wege, auf welchen ein Mensch zu Jesus kommt, können sehr verschieden sein. Denken wir nur noch an den Christushasser und Christenverfolger Saulus – – oder denke jeder von uns daran, wie es bei ihm selber dazu gekommen ist, daß er/sie Rauschwitz – ein preußisches Kriegslager wird zum Wende-Datum der schlesischen Kirchengeschichte Fortsetzung Aus zweihundert Jahren sind inzwischen 270 geworden - die nun ein Ereignis zurückliegt, das zu den „Schlüssel- Daten” der schlesischen evangelischen Kirche und Kirchengeschichte gehört. Mit dem hier folgenden Wiederabdruck eines damals, im Mai 1941, zum 200. Jahrestag in der letzten Ausgabe des „Evangelischen Kirchenblattes für Schlesien” vor dem Verbot aller kirchlichen Zeitungen durch die Nationalsozialisten, erschienenen Aufsatzes soll daran erinnert werden, daß mit der schlichten Handlung der Ordination von zwölf jungen Geistlichen für schlesische Gemeinden Kirchengeschichte geschrieben wurde, am Beginn dreier Kriege, in denen (fast ganz) Schlesien zur Beute des preußischen Staates wurde. – Der Verfasser dieses Aufsatzes, Lic. Reinhold Schaefer, Pfarrvikar an der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Zimpel, ist im 2. Weltkrieg umgekommen. Es folgt hier der zweite Teil seines Textes. Die Kunde, daß da und dort evangelischer Gottesdienst gehalten worden sei, daß der König von Preußen selbst die Prediger dazu gesandt habe, verbreitet sich mit Windeseile in ganz Nieder- und Mittelschlesien. Und sie hatte die Wirkung eines zündenden Funkens bei den Gemeinden, die jahrzehntelang den Gottesdienst im eigenen Ort entbehrt hatten, vor allem bei denen, die weit ab von jeder Friedens- oder Gnadenkirche gelegen waren. Jetzt bricht die ganze Sehnsucht der Schlesier nach dem Wort Gottes hervor und die Aussicht, einen eigenen Prediger zu bekommen, läßt sie alle Rücksichten vergessen: die Gemeinden bedenken nicht, daß der junge Preußenkönig erst eineinhalb Monate im Lande ist, daß er seine Überlegenheit über die Österreicher noch mit keiner Tat bewiesen hatte, daß noch keine Schlacht geliefert, noch keine schlesische Festung von den Preußen eingenommen war, ja daß Schlesien noch gar BEITRÄGE ein Christ und Nachfolger Jesu geworden ist. Auch dann, wenn wir Zeit und Stunde nicht so genau angeben können wie der Jünger Johannes. In jedem Fall: Sternstunde unseres Lebens, Sternstunde unseres Glaubens. Wir sollten uns immer wieder einmal daran erinnern. Und auch dieses sollten wir noch wissen, damit wir weder in Schwärmerei noch in Resignation verfallen: die Entscheidung für Jesus muß immer wieder einmal wiederholt werden. Bei Petrus gleich mindestens dreimal, so wird ganz nüchtern erzählt. Aber jedes Mal führt sie uns ein wenig näher zu Gott. Stärkt den Glauben, die Hoffnung, die Liebe, den Frieden: Sternstunden des Glaubens. Dietmar Neß � nicht vollständig vom König besetzt war; sie bedenken nicht, daß eine Entscheidung über den endgültigen Besitz Schlesiens noch völlig ungewiß war; sie bedenken nicht die Macht der Kaiserin und die Ungewißheit des Kriegsglücks; sie bedenken nicht, daß sie im Falle eines österreichischen Sieges als Rebellen gegen die Kaiserin zur Verantwortung gezogen werden würden; sie sehen allein, daß sich ihnen das Tor zum langentbehrten Hören des Wortes Gottes öffnet. Und sie zögern keinen Augenblick, vielmehr eilen sie, so sehr sie können, um ja der königlichen Gnade teilhaftig zu werden. So kommt es zu jenem denkwürdigen Ansturm von Abgesandten der evangelischen Dörfer und Städte im Lager von Rauschwitz im Februar 1741. In aller Eile wählen die Gemeinden einen oder mehrere Abgeordnete, meistens Schöffen oder Gerichtsmänner, also hervorragende Mitglieder der dörflichen Verwaltung oder auch sonst unbekannte Gemeindeglieder, denen die evangelische Predigt besonders am Herzen lag, und geben ihnen einen Ausweis oder ein kurzgefaßtes Bittgesuch mit, überlassen es aber im wesentlichen den Abgeordneten, die Bitte der Gemeinde um einen evangelische Prediger mündlich vorzutragen. Wenn man die damaligen Verhältnisse der Erbuntertänigkeit der Bauern bedenkt, so gewinnt dieser Vorgang, daß die Bauernschaft eines Ortes ohne ihren Grundherrn, daß die Bürgerschaft eines Städtchens ohne ihren Magistrat (der nach kaiserlichem Befehl nur aus katholischen Mitgliedern bestand) sich zusammentut und eine Gesandtschaft an den König von Preußen abordnet, der doch gar nicht ihr Landesherr ist, etwas Außergewöhnliches, ja etwas Revolutionäres. Und es ist gerade von den Grundherren – auch den evangelischen – so bewertet worden, es ist aber auch der Beweis für die Echtheit und Ursprünglichkeit dieser Bewegung, die durch die Städte und Dörfer


BEITRÄGE 116 Friedrich der Große Ansichtskarte 1930er Jahre geht, auch dorthin, wo der König oder seine Soldaten noch lang nicht gekommen sind, bis in die Täler der schlesischen Gebirge. Die Abgesandten der Gemeinden waren zum Teil in der Erwartung nach Rauschwitz gekommen, sie könnten ihren neuen Prediger gleich mit nach Hause nehmen, der König würde schon dafür sorgen, so wie er für die ersten Gemeinden gesorgt hatte. Und der preußische Generalleutnant Prinz Leopold sah sich plötzlich vor die umgekehrte Lage gestellt: waren es zuerst zu viel Prediger, so sind es jetzt viel zu viel Gemeinden, die um einen Prediger bitten. Gleichzeitig melden sich aber auch eine Anzahl schlesischer Kandidaten, die auf den evangelischen Universitäten in anderen deutschen Landen und vor allem in Halle und Wittenberg studiert haben und die jetzt als Substituti (Vertreter) älterer oder kranker Pfarrer in Gebieten der Fürstentümer Liegnitz, Brieg und Wohlau in evangelischen Gemeinden amtierten oder als Hauslehrer in evangelischen Adelshäusern tätig waren. Und wieder greift der König ein. Auf seinen Befehl wird der Feldprediger des Markgraf Carlschen Regiments, Heinrich Friedrich Abel, der sich im Lager zu Rauschwitz befindet, als Leiter einer Prüfungskommission bestimmt, die die schlesischen Kandidaten examinieren und ordinieren soll. Die Pastoren von Beuthen und Schönau (bei Glogau), Kunowski und Pitschky, die zu den „zwölf Aposteln” gehören, d.h. eben selbst erst in Berlin examiniert und ordiniert worden sind, bilden die Beisitzer in dieser Kommission. Es werden zunächst neun Kandidaten in Rauschwitz geprüft und am 16. Februar ordiniert. Sie werden sofort an schlesische Gemeinden verteilt und erhalten denselben Befehl wie die aus Berlin Gekommenen von Prinz Leopold ausgehändigt. Aber täglich melden sich die Abgeordneten neuer Gemeinden, auch solcher aus den anderen Fürstentümern Schweidnitz und Jauer, die ebenfalls seit 1653/54 keine evangelische Kirche mehr haben. Der Prinz von Anhalt läßt darum ein Verzeichnis der Gemeinden anlegen, „die sich um einen evangelischen Prediger gemeldet haben.” Sein Sekretär Brix führt diese Liste und gibt den Abgesandten der Gemeinden einen kleinen Zettel mit, auf dem vermerkt ist: „Gottfr. Joseph und Jerem. Felgenhauer aus Giehren haben sich dato um einen Prediger gemeldet, ihr Anliegen ist verzeichnet worden. Rauschwitz, d.11. Februar 1741. Brix.” (Bittgesucher evg. Schlesier, S. 51). Der Prinz läßt außerdem den Gemeinden bekannt geben, sie sollten sich selbst einen Kandidaten suchen, den sie zu Prediger haben wollten, und sich mit ihm wieder in Rauschwitz melden. Es würde ein zweiter Termin für ein Examen festgesetzt werden. So treffen in der Mitte des Februar die Abgeordneten der Gemeinden zum zweiten Male ein und bringen einen Kandidaten zur Prüfung und Ordination mit. Am 21. Februar findet zum zweiten Male Leopold II. von Anhalt Zeitgen. Darstellung


117 in Rauschwitz ein Examen vor der gleichen Kommission statt, aber während das Examen vor sich geht, treffen noch immer Kandidaten ein, die daran teilnehmen wollen. 28 Mann werden geprüft und warten auf die Einweisung in das Predigtamt. Wieder greift der König ein. Er gestattet nur die Ordination von zehn examinierten Kandidaten. Was ihn zu dieser Einschränkung bewog, war wohl die Einsicht, daß bei der großen Zahl der bittenden Gemeinden gar keine Kontrolle mehr möglich war, ob die einzelnen Gemeinden wirklich im Stande sein würden, einen Prediger zu unterhalten. Vielleicht spricht bei dieser Einschränkung auch mit, daß einzelne Grundherrschaften sich an den König gewandt hatten, weil sie um ihr Patronatsrecht besorgt waren und bei der Pfarrerwahl nicht übergangen sein wollten. Und dieser Einspruch der Grundherren ist wohl auch aus einer ehrlichen Besorgnis um das Wohl ihrer Gemeinden zu erklären. War es doch so weit gekommen, daß die Abgesandten der Gemeinden nicht mehr danach fragten, ob der betreffende Kandidat geeignet war, sondern nur noch, ob sie überhaupt einen solchen bekommen konnten. Ja es entstanden förmliche Verträge zwischen einzelnen Kandidaten und Gemeinden, in denen sich der Kandidat verpflichtete, sich nur für diese Gemeinde ordinieren zu lassen, sobald die königliche Erlaubnis dafür vorhanden sei. Nun hatte also der König festgesetzt, daß nur noch zehn Kandidaten ordiniert werden sollten. Diese Ordination geschah am 23. Februar (nach Hensel). Da aber 28 Kandidaten bereits das Examen bestanden hatten, so wurden den 18, die keine Ordination und damit keine Gemeinde erhielten, ein Zeugnis über die bestandene Prüfung ausgestellt mit dem Vermerk, daß ihre Ordination nachgeholt würde, sobald die königliche Erlaubnis dazu da sei. Auch jetzt, nach dieser zweiten Ordination treffen immer neue Abgesandte von evangelischen Gemeinden in Rauschwitz ein. Während Prinz Leopold alles für den Sturm auf die Festung Glogau vorbereitet, trägt sein Sekretär immer neue Namen in die Liste der Gemeinden, die einen Prediger erbitten. Es hat sich die Meinung verbreitet: wer jetzt in Rauschwitz keinen Prediger erhält, wird es später schwer haben, einen solchen zu bekommen. Und in der Tat: viele Gemeinden, die zu spät nach Rauschwitz kamen, oder die in der Eile keinen Kandidaten hatten finden können, haben noch lange, manche noch jahrelang warten müssen, ehe sie einen Prediger bekamen. Denn der König scheint sich überzeugt zu haben, daß er erst ruhigere Zeiten und eine geordnete Verwaltung abwarten müsse, ehe er die zahlreichen Gesuche ordnungsgemäß untersuchen und bewilligen lassen könnte. Zudem lassen die Vorbereitungen für den Feldzug des neuen Frühjahrs, in dem es ja erst zum eigentlichen Kampf kommen sollte, alles andere in den Hintergrund treten. Es sind zwar bis in den März hinein nach Rauschwitz bzw. nach Glogau, das am 9. März von den Preußen in einem nächtlichen Handstreich erstürmt worden war, die Abgesandten der Gemeinden gezogen und der Sekretarius Brix hatte die Liste getreulich fortgeführt und den Ge- BEITRÄGE meinden eine Bestätigung darüber ausgestellt. Zeugnis dessen sind zahlreiche Abschriften oder sogar Originale dieser „Zettel” mit der Unterschrift Brix`, die von den Gemeinden späteren Bittgesuchen beigelegt wurden. Aber durch die Kommission des Feldpredigers Abel ist keine Prüfung oder Ordination mehr vorgenommen worden. Erst mit der Einsetzung der Oberamtsregierungen in Breslau und Glogau und der damit verbundenen Oberkonsistorien am 15. Februar 1742 wird die Tätigkeit des Examinierens und Ordinierens von Kandidaten für die neugegründeten schlesischen Gemeinden, die sogenannten Bethausgemeinden, wieder aufgenommen. Aber jetzt ist keine provisorische Kommission mehr am Werke, sondern der erste Geistliche von St. Elisabeth in Breslau, Konsistorialrat Burg, der geistliche Führer der evangelischen Schlesier, steht an der Spitze dieser Prüfungen, ordiniert die Kandidaten und weist sie in ihre Gemeinden ein. Die Bewegung der Gemeinden, die im Jahre 1741 anhebt, hält noch lange an: bis zum Beginn des dritten Schlesischen Krieges laufen die Bittgesuche um einen Prediger bzw. um ein Bethaus beim König ein. Aber diese Bewegung verläuft vom Jahre 1742 an in ruhigeren Bahnen und sie wird mehr und mehr gehemmt und bürokratisiert durch den langen Instanzenweg – vom Grundherrn zum Oberkonsistorium in Breslau oder Glogau, zum Departement der Geistlichen Affairen in Berlin, in seltenen Fällen bis zum König selbst; und dieser Instanzenweg ist mit unzähligen behördlichen Rückfragen, landrätlichen Untersuchungen, patronalen Verwahrungen, grundherrlichen Einsprüchen, Konsistorialen Gutachten gespickt, wie es nun einmal in dem geordneten preußischen Staatswesen unerläßlich ist. So hat der König von Preußen mit seinem Einmarsch in Schlesien die Bewegung in den evangelischen Gemeinden entfacht, die zur Neugründung von etwa 200 Gemeinden in Schlesien führte, und die entscheidend mit dazu beitrug, daß der König eine einheitlich verwaltete schlesische Kirche schuf. Das preußische Lager von Rauschwitz hat für diese Entwicklung eine doppelte Bedeutung: einerseits kann man in ihm die Keimzelle der Neugründung der schlesischen evangelischen Kirche sehen, denn es ist der Befehl Friedrichs des Großen, der die ersten Prediger an die Gemeinden verteilt, so wie es später der Befehl des Königs ist, der eine einheitliche Ordnung der Schlesischen Kirche herbeiführte; – andererseits kann man hier, wie in einem Brennspiegel zusammengezogen, die Bewegung der evangelischen Gemeinden beobachten, die durch das Einrücken Friedrichs in Schlesien hervorgerufen wurde, und wir fühlen gerade hier die Unmittelbarkeit, die jeder Bewegung in ihrem Ursprunge eigen ist. So gewiß die Neugründung der evangelischen Kirche unter der Leitung der preußischen Staatsbehörden geschieht, so gewiß wäre es niemals dazu gekommen, wenn nicht die schlesischen Gemeinden aus innerem Antrieb heraus immer von neuem den König und seine Beauftragten um Prediger, um Kirchen, um freie Religionsübung gebeten hätten. Aber was später eine mehr oder minder schematische Form annimmt, hier in Rauschwitz ist es noch Unmittelbarkeit.


BEITRÄGE 118 Und wenn man die einzigen Zeugen jener Monate zur Hand nimmt, jene unscheinbaren „Zettel”, die der Sekretär des Prinzen Leopold den schlesischen Gemeinden als Beglaubigung ausstellte, daß ihre Bitte um einen Prediger vermerkt worden sei, so spürt man den Schlag der Herzen Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Freiburg unterm Fürstenstein neben der evangelischen und katholischen auch eine kleine jüdische Gemeinde. Die Juden waren in der Ausübung von handwerklichen Berufen eingeschränkt und konnten nur als Kaufleute im Waren, Vieh- und Geldhandel tätig sein, meistens auf Märkten. Im Jahre 1812 gab der preußische Staat ihnen jedoch die rechtliche Möglichkeit, auch auf anderen Berufsfeldern tätig zu werden. Das Edikt über die Gleichstellung als Staatsbürger führte zu einer beruflichen und gesellschaftlichen Aufbruchstimmung: die Juden konnten an den wirtschaftlichen Veränderungen in der Landwirtschaft und Industrialisierung, im Bergbau und Bankwesen teilnehmen. Vereinzelt nahmen sie auch ein akademisches Studium auf, so an der Universität Breslau. Daß Juden in Freiburg um die Mitte des 18. Jahrhunderts seßhaft waren, ist der Stadtchronik von Würffel und Rieck zu entnehmen. Im Jahr 1848 schloß die Gemeinde die beiden kirchlichen Friedhöfe und legte sowohl für die evangelische als auch für die katholische Kirche einen Kommunalfriedhof an der Waldenburger Straße und zwischen diesem und der Rennerschen Zementfabrik einen kleinen Judenfriedhof an. Während der Judenfriedhof in Schweidnitz im November 1938 zerstört wurde, ist der Friedhof in Freiburg nach wie vor erhalten, aber in einem ungepflegten Zustand. Zuletzt wurde dort im Jahre 1938 der Kaufmann Phillyp Wolff, Inhaber des Herrenbekleidungsgeschäftes in der Nikolaistraße 5, beerdigt. Mit dem Zuzug von jüdischen Familien wurden auch Kinder geboren. Nach Aufzeichnungen im Bundesarchiv beginnt die Geburtenliste am 16.8.1856 mit Emilie Schweitzer. Die letzte Geburt war am 25.4.1926 mit Ruth Annemarie Wolff. Nach der Volkszählung vom 17.5.1939 in Verbindung mit dem vorhandenen Bestand des Reichssippenamtes konnten als Geburtsort Freiburg/Schlesien 34 Personen für die Jahrgänge 1856 bis 1900 und acht Personen für die Jahrgänge 1901 bis 1926 festgestellt werden, insgesamt also 42 Kin- unserer Vorväter – denn was sind diese schlichten „Zettel”, auf denen immer und immer wieder nur dasselbe steht, in ihrer steten Wiederholung anderes als ein Zeugnis von der Sehnsucht der schlesischen Gemeinden nach dem Worte Gottes? � Die jüdische Gemeinde in Freiburg/Schlesien Eine Spurensuche JOCHEN HEIDRICH Das Foto zeigt das Geschäftshaus am Ring in Freiburg, das in der Zwischenkriegszeit das jüdische Bethaus/Synagoge beherbergte. der. Hinzu kommen vier weitere jüdische Kinder, die nicht in Freiburg geboren, jedoch zugezogen sind. Ohne Angaben von zeitlichen Daten ist feststellbar, daß die Fluktuation der jüdischen Bürger erheblich war. So verzogen in der Zwischenkriegszeit nach Berlin 11, nach Hamburg 3 und nach Breslau 7 Personen, dorthin u.a. der Arzt Dr. med. Sultan, die Kaufleute Benno und Ella Wachtel von der Schweidnitzer Straße sowie Ludwig Mahn von der Landeshuter Straße, der von Breslau aus am 27.7.1942 nach Theresienstadt deportiert wurde und am 4.10.1943 verstarb. Je eine Person verzog nach Nürnberg, München und Frankfurt/Main. Drei Personen wanderten aus, die beiden Töchter Ursula (geb. 1.2.1921) und Ruth Annemarie des Ehepaares Wolff nach Israel und der Konfektionskaufmann Erich Dresel über Breslau nach Shanghai/China (nach dem dortigen Adreßbuch). Die Juden der Stadt waren gemessen an der Gesamtbevölkerung immer eine Minderheit. Sie erreichten jedoch bis zu Beginn der dreißiger Jahre stets die vorgeschriebene Minjan, d.h. die Zahl von zehn männlichen Betern für den Gottesdienst oder Gebete. Der soziale Zusammenhalt förderte den Gedanken an eine eigene Synagoge. Da die Gemeinde zu klein und finanziell nicht in der Lage war, ein eigenes Gotteshaus zu bauen, wurde das Haus Nr. 6 am Ring gekauft, das in die Häuserzeile eingebettet war. Das Objekt bestand aus Vorderhaus mit Treppenaufgang, fensterlosem Mittelbau, in dem der Gottesdienstraum eingerichtet war, und dem Hinterhaus. Der genaue Zeitpunkt des Kaufer- werbs ist nicht bekannt. Die Unterhaltung des Gebäudes bereitete der nach Fluktuation immer kleiner werdenden Gemeinde finanzielle Schwierigkeiten. So wurde das Gebäude im Jahre 1933 von der Gemeinde zum Kauf angeboten; der Vorstand, Kaufmann Markus Horn, und der Repräsentant Kaufmann Erich Dresel verkauften das Anwesen an den Kaufmann Arthur Jung (Erinnerung des Sohnes Arno Joachim Jung), der ein Lichtspieltheater einrichtete und bis 1944/1945 führte.


119 Zur jüdischen Gemeinde Freiburg gehörten auch die sehr wenigen Juden der umliegenden Dörfer: in Polsnitz der Tischler Marcus Liczka mit seiner nichtjüdischen Frau, in Kunzendorf der nichtjüdische Gasthofpächter Max Boer mit seiner jüdischen Ehefrau und dem Sohn Hans sowie ein Hans Fromm, der einen akademischen Grad in München erworben hatte. Über sie alle können bisher keine weiteren Angaben gemacht werden. Die Gemeinde gehörte zum Synagogenbezirk Schweidnitz und wurde von dort bei Seelsorgeaufgaben und der Betreuung von Gemeindegliedern unterstützt. Der Synagogenbezirk Schweidnitz hatte eine Repräsentantenversammlung, in der u.a. der Freiburger Kaufmann Waldmann saß. Bei ihm handelt es sich nach der Erinnerung von Heimatfreunden um den Bankier der damaligen Handelsund Depositenbank. Er wohnte als Rentner mit seiner Ehefrau im Bürgerhospital. Beide verstarben in den dreißiger Jahren in Freiburg. Nach dem Verkauf des Hauses Nr. 6 am Ring richtete die Gemeinde im Hinterhaus des Hauses Landeshuter Str. 13 einen Betsaal ein. Dort fanden in größeren Abständen bis in das Jahr 1940 Zusammenkünfte statt. Der eingerichtete Betsaal bestand nach meiner persönlichen Erinnerung bis 1945, er ist später abgerissen worden. Nach der Volkszählung vom 17.5.1939 mit Ergänzungskarten über Abstammung und Vorbildung aus dem Bestand R 1509 des Reichssippenamtes und dem etwas später herausgegebenen Einwohnermeldeverzeichnis der Stadt wohnten in Freiburg damals 16 jüdische Bürger, fünf Männer und elf Frauen. Die männlichen Bürger waren der Kaufmann Alfred Ratkowski und dessen Sohn Werner, Seit knapp zwei Monaten hat die 3. Sächsische Landesausstellung ihre Pforten geöffnet. Daß Görlitz deren Austragungsort ist, hat gewiß auch damit zu tun, daß die Stadt seinerzeit bei der Bewerbung um den Titel „Kulturhauptstadt Europas” an „Essen und dem Ruhrgebiet” scheiterte. Die Vorgeschichte Görlitz ist das größte Flächendenkmal Deutschlands. Nirgendwo sonst finden sich so viele Baudenkmale aller Stilepochen – die Romanik ausgenommen – wie hier. Natürlich wird an dieser Stelle der Kenner einwerfen, daß auch der Klassizismus allenfalls mit einer Handvoll aufzählungswürdiger Bauwerke zu Buche schlage, da aber diese Frage für die eigentliche Thematik nicht von Belang ist, sei mir diese kleine Ungenauigkeit verziehen. Unbestritten aber ist, daß Görlitz, bei aller Fülle herausragender architektonischer Zeugnisse und der damit einhergehenden Menge architekturbezogener Kunst, kaum mehr VIA REGIA Eine alte Straße in neuem Licht ANDREAS NEUMANN-NOCHTEN BEITRÄGE Zimmermann Karl Scholz und der Angestellte Eberhard Zelt und dessen Sohn Siegfried. Von den weiblichen Bürgern waren drei Frauen bis zur Auflösung der Provinzial- Heil- und Pflegeanstalt im Jahre 1941/42 dort Patientinnen; die anderen waren Ehefrau Elisabeth Bieneck, Witwe Gertrud Horn, Ehefrau Luise Krause, Ehefrau Frieda Merzenthin, Ehefrau Hedwig Perschauer, Ehefrau Gerda Tuch und Witwe Jenny Wolff. Die Lebensformen der jüdischen Bevölkerung waren durch die erwähnte Fluktuation und ab 1933 durch die Beschränkung der Lebensmöglichkeiten gekennzeichnet. Die Parole „Kauf nicht bei Juden” zeigte Wirkung. Nach der Reichspogromnacht vom 9.11.1938 kam es nach und nach zur Aufgabe von Existenzen. Die Textil- und Konfektionskaufleute Dresel, Horn und Wolff, der Obst- und Gemüsehändler Wachtel, der Spielwarenkaufmann Mahn und der Getreide- und Futtermittelhändler Berzu verpachteten oder verkauften ihre Geschäfte. Bis zur Geschäftsaufgabe freilich ließen sich auch viele Bürger der Stadt kaum vom Einkauf abhalten. Auch mein Großvater, Pflegevorsteher der Provinzial-Pflege- und Heilanstalt, ließ sich nicht abhalten, bei den Bekleidungsgeschäften Horn und Wolff für oder mit den Patienten zu kaufen. Religiöses Gemeindeleben fand nicht mehr statt, der Betsaal wurde ab 1940 nicht mehr benutzt. Die verwitwete Frau Jenny Wolff, die im Haus meiner Tante wohnte und auch auf einer Transportliste der Breslauer Oberfinanzdirektion für den Transport in den Distrikt Lublin im Mai 1942 steht, blieb dennoch bis zum Kriegsende als letzte jüdische Mitbürgerin in der Stadt. Auch über ihren weiteren Lebensweg ist nichts bekannt. � zu bieten hat. Kein wirklich großer Literat, Künstler, Mime oder Philosoph – die Verehrer Jakob Böhmes, Martin Mollers oder auch Johannes Wüstens mögen mir deren Hintenanstellung verzeihen – hat dieser Stadt durch sein Tun zu nachhaltiger Berühmtheit verholfen. Dieser Umstand wirkte sich seinerzeit auch erschwerend auf die Kulturhauptstadtbewerbung aus, zwang er doch die Verantwortlichen, letztlich Schwerpunkte zu setzen, die selbst bei oberflächlicher Betrachtung nicht belastbar waren. Zum einen wurde die deutsch-polnische Karte ausgespielt und zum anderen der Versuch unternommen, Görlitz als Hort vielfältiger Formen zeitgenössischer Kunst darzustellen bzw. im öffentlichen Bewußtsein zu etablieren. Somit ist kurz umrissen, mit welcher Herausforderung sich die Gestalter der diesjährigen Landesausstellung konfontiert sahen: in einer Stadt, die historisch nur marginal mit Sachsen verbunden ist, eine für die sächsische Geschichte signifikante Exposition erstellen zu müssen.


Der Kaisertrutz in Görlitz - das alte Befestigungswerk beherbergt heute die Landesausstellung. Foto: ANN Landesausstellungen haben ihren Ursprung ja in den Landwirtschafts- und Industrieausstellungen, den Kunstexpositionen und Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts. Heute allerdings wenden sie sich fast ausschließlich geschichtlichen Themen zu. Deren Präsentation erfolgt dann an eigens dafür hergerichteten historischen Orten, respective in ebensolchen Gebäuden, die zu diesem Zwecke mit allem ausgestattet werden, was an multimedialer Technik gerade „angesagt” ist. Zum Selbstverständnis solcher Un- „Die Jakobs Brüder”, Holzschnitt von Jost Am(m)an. Aus: Jost Amman unt Hans Sachs: „Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden, hoher und nidriger, geistlicher und weltlicher, aller Künsten, Handwercken und Händeln ..." Frankfurt am Main,1568 ternehmungen gehört es überdies, jeweils Maßstäbe in angewandter Museumspädagogik zu setzen. Die 1. Sächsische Landesausstellung „Zeit und Ewigkeit – 128 Tage“ fand 1998 im Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau statt und thematisierte Mittelalter, Klöster, Kirchenmusik und sakrale Kunst. „Glaube und Macht – Sachsen im Europa der Reformationszeit“ titelte sich die 2. Sächsische Landesausstellung 2004 in der alten Residenzstadt Torgau. Vor dem historischen Hintergrund der aufstrebenden albertinischen und ernestinischen Kurfürsten und Herzöge wurde das Wirken Martin Luthers und die Reformation dargestellt. Ein Blick auf die Themen der vorangegangenen Expositionen ließ bereits erahnen, daß für dieses Jahr Inhalte zur Diskussion stehen würden, die nicht kirchlicher, bzw. kirchengeschichtlicher Provenienz sind. „VIA REGIA – 800 Jahre Bewegung und Begegnung” stand daher bald als Motto fest. Die im Mittelalter so bedeutsame Handelsstraße verband im Wesentlichen die beiden Metropolen Frankfurt/Main und Krakau. Eisenach, Leipzig, Görlitz, Bunzlau, Liegnitz, Breslau, Brieg und Oppeln sind u.a. Orte, die ihre Route berührt. Daß sie darüberhinaus auch Teilstück eines in alter Zeit vor allem von Pilgern genutzten Pfades ist, der von Kiew bis zum spanischen Santigo de Compostela reicht, sei hier nur der Vollständigkeit halber erwähnt, zumal dieser Aspekt den Europarat dazu bewog die letzterwähnte gesamte Trasse zur „europäischen Kulturstraße” zu ernennen. Die Straße Im Jahre 1252 wird die VIA REGIA erstmals in einer Urkunde des Markgrafen Heinrich III. von Meißen als „strata regia” genannt. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, daß sie bereits im frühen 9. Jahrhundert ihren Anfang nahm. Als Weg stand sie unter königlicher bzw. kaiserlicher Hoheit und genoß besondere Privilegien und Schutz. Zum Ende des 13. Jahrhunderts schwand allmählich der Einfluß der kaiserlichen Zentralgewalt. Für die sächsischen Lande ist das am Datum der Schlacht von Lucka im Jahre 1307 fest-


121 zumachen, als Markgraf Friedrich (der Gebissene) von Meißen und der Markgraf der Lausitz Dietrich IV. das kaiserliche Heer Albrechts I. vernichtend schlugen. Wenn von diesem Zeitpunkt an korrekterweise kaum noch von einer VIA REGIA im eigentlichen Sinne die Rede sein darf, bestand die Handelsroute jedoch weiter, nur daß sie jetzt unter jeweiliger landesherrlicher Aufsicht stand. Über viele Jahrhunderte blieb sie mit entsprechenden Seitenstraßen eine der wichtigsten Handelswege. Die Tuche Flanderns, Holz, Felle, Wachs und Honig aus Schlesien und Polen, der Waid aus den thüringischen Anbaugebieten die Erze und anderen Bergbauerzeugnisse Sachsens – all das wurde auf dieser Straße bewegt. In späterer Zeit gelangte sie zudem als Heerstraße zu trauriger Bedeutung. Große Schlachten der Geschichte – Lützen, Hochkirch, Moys, Jena und Auerstedt, um nur einige zu nennen – wurden sozusagen an ihrem Wegesrand geschlagen. Das endgültige Aus für die VIA REGIA brachte schließlich die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen durch den Wiener Kongreß. Zudem entstand durch die Einführung des Eisenbahnverkehrs eine völlig neue Form des Warentransportes, dessen Durchführung anderen Gesetzmäßigkeiten folgte und die Nutzung alter Straßenführungen überflüssig machte. Daß erst zum Ende des 20. Jh. die Straße wieder ins Bewußtsein der Öffentlichkeit rückte, ist nicht zuletzt auch der über 40 jährigen Teilung Europas nach dem II. Weltkrieg zuzuschreiben. Der Kaisertrutz Auf dem Stich von Merian aus dem Jahre 1650 ist der Kaisertrutz gut in der linken Bildhälfte zu erkennnen. Zum Schutz des damals noch „Budissiner Tor” genannten Stadtzugangs ließ die Stadt das „große Rondell” errichten. Daß im 30jährigen Krieg die schwedische Garnison die Stadt erfolgreich gegen die kaiserlichen und sächsischen Truppen verteidigte, brachte ihr bereits damals seinen charakteristischen Spitznamen ein. Nach Abriß der alten Stadtbefestigungsanlagen im 19. Jahrhundert und grundlegenden Umund Erweiterungsbauten hielt in das Gemäuer die Hauptwache und ein Arrestlokal der Garnison ihren Einzug. Seit den 1930er Jahren beherbergte er einen Teil der Exponate des heutigen Kulturhistorischen Museums. In den vergangenen 24 Monaten ist er umfassend saniert, restauriert und zu einem modernen Museumsbau umgestaltet worden. Die Ausstellung Nicht nur der Kaisertrutz, auch der ihn umgebende Demianiplatz ist umgestaltet worden. Weit mehr als früher dominiert nun das alte Verteidigungswerk die Anlage des Platzes. In frischen Farben erstrahlen die beiden vorgelagerten Ecktürme – eine Zutat des 19. Jahrhunderts – und die sie verbindende ehemals offene Arkade wurde durch große Glasflächen geschlossen. Durch den hinzugewonnenen Raum ist ein lichtdurchflutetes Vestibül entstanden, in dem Kartenverkauf und Informationsstände einen Platz gefunden haben. Der neue Museumsbau umfaßt fünf Ausstellungsebenen. Dementsprechend gliedert sich auch die Ausstellung BEITRÄGE in fünf Schwerpunkte, die jeweils einen Aspekt aufgreifen und in unterschiedlicher Form darbieten bzw. durch Exponate illustrieren. 1. Erdgeschoß – Straße Der eingangs schon erwähnte Anspruch, nicht eben nur etwas daherzuzeigen, sondern Wissen auf unterschiedlichste Weise vemitteln, also museumspädagogisch tätig werden zu wollen, kommt hier – ich möchte fast schon sagen, mit aller Gewalt – zum Ausdruck: keine Vitrinen aus denen es geheimnisvoll schimmert, keine Postamente mit Skulpturen, keine Podeste mit Ritterrüstungen oder den Resten alter Handelswagen. Stattdessen halbrunde Sitzgelegenheiten, auf denen drei bis vier Menschen Platz finden, jeweils um eine Mittelkonsole gruppiert, auf der Lichtplatten matte Beleuchtung spenden. Diese zeigen Ausschnitt aus Merians die „Statt Görlitz” von 1650 Abbildungen von Urkunden und Landkarten, die in Bezug zur VIA REGIA stehen. In den Wandnischen befinden sich großformatige Bildschirme, die Aufnahmen von Gesprächen aus den verschiedensten Teilen Europas wiedergeben. Die Außenwand ist mit einer umlaufenden schematischen Darstellung der VIA REGIA versehen und auch die Fußböden sind bedeckt von Schriftzeichen und Markierungen. Wer sich auf diese Form der Präsentation einzulas-


Leipzig Grimma Oschatz Kamenz Bautzen sen vermag, wird schnell erfassen, daß es hier um mediale Aufbereitung des Untertitels geht: Bewegung und Begegnung auf der „Straße”, einst und jetzt. Dank eines elektronischen „Führers” in Form eines leicht zu bedienenden Abspielgerätes und eines Ohrhörers herrscht angenehme Ruhe. Dennoch, ich hätte mir gewünscht, daß der Beginn des Rundgangs etwas weniger sachlich ausfällt, daß auch dem etwas geboten wird, der Freund alter Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten ist. 2. Untergeschoß – Fundament Durchaus passend ist der Titel für diesen Teil der Exposition gewählt, denn er befindet sich sozusagen im ältesten Teil des Kaisertrutzes – zwischen den Mauern seines Fundamentes. Gedämpftes Licht empfängt den Besucher, aus versteckten Lautsprechern ertönt das Gerassel von Ketten, das Klopfen von Werkzeugen und polterndes Räderrattern. In sarkophagähnlichen großen Behältnissen sind Zeugnisse aus der Vorzeit ausgestellt, einfachste Werkzeuge, archäologische Funde wie ein silberner Münzschatz, aber auch Steine und Gebäudefragmente. Hier geht es um’s Fundament im wörtlichen und im übertragenen Sinne, denn es wird nicht nur über die Besiedlung der Lausitz und frühe Formen des Handels und Wandels berichtet, sondern auch ganz konkret über die Enstehung von Görlitz und die Errichtung des Kaisertrutzes. Leider ist der Zugang nach unten nicht sehr wegweisend beschildert, so daß zahlreiche Museumsbesucher, ich gehörte zu ihnen, diesen an zweiter Stelle zu besuchenden Raum erst am Ende des gesamten Rundganges aufsuchten. 3. Erstes Obergeschoß – Markt Folgt man der korrekten Ausstellungsroute – besucht also nach dem spartanisch ausgestatteten Erdgeschoß das schon etwas reichlicher bestückte Untergeschoß – ist der Eindruck beim Betreten der 1. Etage nicht gar so überwältigend. Da ich aber sofort den Weg nach oben nahm, verschlug es mir zunächst die Sprache: das, was ich soeben noch schmerzlich vermißte, gibt es hier in Hülle und Fülle. Zahlreiche Ausstellungsgegenstände in großzügig geschnittenen Vitrinen erteilen dem Betrachter im Zusammenspiel mit dem „kleinen elektronischen Mann” im Ohr Auskunft über Handel, Gewerbe und Handwerk in den an der VIA REGIA gelegenen Orten und Regionen. Der Frage, was und warum etwas auf die „Straße” geschickt Görlitz Lauban Bunzlau Goldberg Liegnitz Der Verlauf der VIA REGIA in Sachsen, der Oberlausitz und Teilen Schlesiens Grafik: ANN, 2010 wurde wird in gleicher Weise nachgegangen, wie der, warum ausgerechnet Görlitz in dieser Zeit zu einem der bedeutendsten Handelsplätze zwischen Leipzig und Breslau heranwachsen konnte. Wenn dem Bergbau hier in besonders umfänglicher Form Aufmerksamkeit geschenkt wird – übrigens nicht nur dem sächsischen, sondern auch dem oberschlesischen – mag das der seinerzeitigen Bedeutung dieses Wirtschafts- und Handelszweigs sicherlich angemessen sein, etwas weniger hätte jedoch gewiß nicht geschadet. Interessant und aufschlußreich ist die Darstellung der Problematik, die sich allerorten durch die Verwendung unterschiedlicher Maße, Gewichte, Währungen, Werte und Gegenwerte ergab. Aber nicht nur Gegenstände des merkantilen Alltags und Miteinanders erfreuen das Auge des Besuchers, an zentraler Stelle ist die wundervolle Marmorplastik „Merkur” des Dresdner Bildhauers Paul Heermann (1673–1732) aufgestellt. 4. Zweites Obergeschoß – Menschen Der Ausstellungskatalog bezeichnet diesen Bereich als das Herzstück der Landesausstellung, da hier Menschen im Mittelpunkt stehen. Viele Biographien sind hier aufgereiht. August der Starke reiste auf der VIA REGIA gen Krakau, recht ungewiß, ob er tatsächlich zum polnischen König gewählt werden würde. Georg Emerich, der Stifter des „Görlitzer Heiligen Grabes”, Jakob Böhme, Martin Moller, Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, Nikolaus Graf von Zinzendorff, um einige wohlbekannte Namen zu nennen, finden hier ebenso ihren Platz , wie zahlreiche Rektoren des Görlitzer Gymnasium Augustum. Letztere gehören allerdings zu jenen, deren Namen eher unbekannt sind. Aber liest man diese Biographien, nimmt man deren Fähigkeiten und ihr Wirken wahr, schämt man sich fast seines bis dahin für halbwegs gut befundenen Allgemeinwissens. Inhaltlich wird dieser Teil seinem Anspruch gerecht. 5. Drittes Obergeschoß – Ideen Es geht um das, was nicht in Wert und Gegenwert die VIA REGIA passierte, um das, was über die diesseitigen Dinge hinausgeht. Auch hier ist alles von natürlichem Licht abgeschieden. Musik des späten Mittelalters begleitet den Besucher auf dem letzten Abschnitt seiner ‘Pilgerfahrt’ durch die Landesausstellung. Für den, der sich der Kunst verschrieben hat, ist das Ziel der Reise erreicht. Nicht nur Händler und Handwerker bereisten die Welt vorzeiten, son-


123 dern auch Künstler, Gelehrte und Philosophen. Die Ideen der Reformation verbreiteten sich auf diesem Wege rasant, die Bemühungen der Gegenreformation ebenso. Bilder, Bücher, Skulpturen, wissenschaftliche Gerätschaften zieren die Vitrinen und vermitteln ein wunderbar lebendiges Bild jener Zeit, da die VIA REGIA eben nicht nur Verkehrs-, sondern auch pulsierende Lebnsader war. Zusammenfassung Ein Tag ist nicht genug, um alles, was den Sinnen geboten wird, zu erfassen. Mitunter entsteht der Eindruck, daß die Vitrinen selbst und nicht deren Inhalt Herzstück der Aus- In Schweidnitz tut sich einiges. So ist die mehrjährige Sanierung der mehr als 180 Außenfenster der Kirche abgeschlossen. Aber wie bei es alten Kirchen so ist, kaum ist eine Baustelle beräumt, muß man die nächste einrichten. Leider haben sich bei dem starken Regen der letzten Zeit Probleme im Dachbereich gezeigt, deren Ursache noch nicht geklärt werden konnte. Voraussichtlich im Herbst dieses Jahres werden die Mieter des Hauses Kirchplatz 1 (= links vom Torbogen) umziehen. Die Stadt Schweidnitz kann endlich adäquaten Ersatzwohnraum nachweisen. Sobald das Haus leer ist, wird es saniert und als Zentrum für Weltkulturerbestätten hergerichtet. Dies auch im Blick darauf, daß am Sonntag, dem 25. September 2011 um 10 Uhr in einem großen Festgottesdienst das 10-jährige Jubiläum der Verleihung des Welterbetitels für die Friedenskirche Schweidnitz gefeiert wird. Zu dieser besonderen Feierstunde sind alle ehemaligen und jetzigen Schweidnitzer herzlich eingeladen. Seit dem 1. Juni 2011 arbeitet Dr. Stephan Aderhold, Musikwissenschaftler, an dem Projekt „Erschließung und wissenschaftliche Analyse der Chorbibliotheksbestände und musikologischen Kirchenakten im Archiv der Friedenskirche Schweidnitz”. Die Friedenskirche war seit langer Zeit als ein kirchenmusikalischer Schwerpunktort in Schlesien bekannt. So lag es nahe, hier auch einen Forschungsschwerpunkt zu setzen. Dies war nur dank der großzügigen Förderung durch den BKM möglich. Dr. Aderhold ist in einem mühevollen Prozeß dabei, den vorhandenen und umfangreichen Aktenbestand Blatt für Blatt zu untersuchen und ggf. seinem Forschungsschwerpunkt zuzuordnen. Neben so „wichtigen” Fundstücken wie dem „Handbuch der Spielregeln für das Schlagballspiel, 1942” oder „Vokabelheften” ist er bei seiner bisherigen Sichtung aber auch auf interessante Einzelstücke gestoßen: eine (fast) vollständige Stiftungsakte der Kirchengemeinde Schweid- MELDUNGEN stellung sind – mit anderen Worten: hier feiert sich modernes Ausstellungsdesign kräftig selbst. Diesem Anliegen fallen dann auch Beschriftungen zum Opfer, die viel zu klein direkt auf Glas angebracht kaum noch zu entziffern sind. Allerdings gibt es ja den elektronischen Führer im Ohr, aber der ist eben nicht jedermanns Sache. Historisch unkorrekt sind die vielfach auftauchenden polnischen Namen, wenn Orte an der VIA REGIA benannt werden, denn die Ausstellung befaßt sich nicht mit der heutigen „Kulturstraße” sondern mit dem historischen Handelsweg. Dennoch, der Weg hat sich gelohnt und ist jedem, der die Möglichkeit hat ihn zu beschreiten, zu empfehlen. � Neues aus der Kirchengemeinde Schweidnitz MARGRIT KEMPGEN nitz von 1714, die untenstehende Zeichnung einer Kirche, bei deren Zuordnung wir um Ihre Hilfe bitten, einige Kompositionen des Kantors Fritz Drohla, eine Ausgabe des „Schlesisches Blatt für evangelische Kirchenmusik” von 1924, eine wirkliche Rarität. Man darf mit Recht gespannt sein, welche „Schätze” seine Forschungsarbeit noch zu Tage fördern wird. � Der Zustand dieser kleinen Radierung ist nicht der beste. Trotz moderner Technik ist der mit Bleistift eingetragene Titel nicht mehr zu rekonstruieren. Der Vorname des Künstlers lautet ‘Ernst’, das Enstehungsjahr der Grafik ist 1927.


Schwestern haben eine Segensspur hinterlassen WALTER RUF Es war ein festlicher Gottesdienst am 1. Mai 2011 für das Ev. Diakonissenmutterhaus Frankenstein in Wertheim, wurde doch das 145. Jahresfest gefeiert. Pfarrerin Cornelia Wetterich stellte den 100. Psalm „Dienet den Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken” an den Anfang des Gottesdienstes, denn nach der Maxime „Fleißig und fröhlich” haben die Diakonissen gelebt. Auf die 145jährige Geschichte der Frankensteiner Diakonissen ging als Festprediger Pfarrer i. R. Dr. Christian-Erdmann Schott (Mainz) ein. Der 2. Weltkrieg habe das Wirken der Schwestern zu einer schweren und darauf folgenden segensreichen Zeit geprägt. Wie Abraham hätten die evangelischen Schlesier die Vertreibung als Auftrag Gottes „Geh aus deinem Vaterland” angenommen. Hilfreich seien damals die vor 65 Jahren in Breslau stattgefundene Hofkirchensynode und viele Abschiedsgottesdienste in den Gemeinden gewesen, die den Menschen Kraft gaben und halfen, ihr Schicksal ohne Haß aus Gottes Hand anzunehmen. Durch dieses Vorbild habe die Synode vielen Menschen Kraft für ihr weiteres Leben gegeben. Eine weitere Segensspur sei der Dank für die Bewahrung in schwerer Zeit und aus tiefster Not, verbunden mit dem Wissen, hindurchgebracht worden zu sein. Und schließlich seien auch die aufnehmenden Kirchen im Westen stark bereichert worden. Eine festliche Note erhielt der Gottesdienst auch durch den Sologesang von Frau Sonja Miranda-Martinez. Be- Fleißig und fröhlich Aus dem Diakonissenmutterhaus Frankenstein Das obige Foto zeigt die Schwestern Irmgard Stolz, Renate Sonntag, Charlotte Kranz, Gretel Mann, Inge Maiwald und Rosel Senf (v.l.n.r.). Nicht auf dem Bild sind Schwester Erika Prostka und Schwester Emma Weitz. zirkskantor Manfred Lutz spielte die Orgel und begleitete mit seiner Baritonstimme die Sängerin. Nach dem Gottesdienst waren die vielen Besucher zu einem Stehempfang vor der Diakonissekirche eingeladen. Der Festtag setzte sich mit einem gemeinsamen Mittagessen und Beisammensein der geladenen Gäste im Speisesaal des Diakonissen-Mutterhauses fort. Der Vorstandsvorsitzende des Diakonissenmutterhauses Dr. Dieter Dreisbach begrüßte die geladenen Gäste. Auch hier wurde die Feier durch den Gesang von Sonja Miranda-Martinez und Bezirkskantor Manfred Lutz umrahmt. Nach dem Mittagessen berichteten Oberin i. R. Sr. Irmgard Stolz und Oberin i. R. Charlotte Kranz aus dem Leben der aus Ostpreußen stammenden Sr. Erika Prostka, die ihr 60jähriges Diakonissenjubiläum begehe. Die 87jährige Jubilarin ist seit einiger Zeit bettlägerig und konnte selbst nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen. Vielen ehemaligen Patienten des Wertheimer Krankenhauses sei Sr. Erika noch ein Begriff. Jahrelang pflegte sie Patienten auf der gynäkologischen Station und der Chirurgie für Männer; in der Krankenpflegeschule gab sie Unterricht. Danach habe Sr. Erika 20 Jahre in der Nähstube des Diakonissenmutterhauses gearbeitet und vom Mantel über die Bekleidung der Diakonissen bis zum Totenhemd alles genäht. Außerdem habe sie als Kirchendienerin in der Mutterhauskirche gewirkt. Mit großer Freude und Zuverlässigkeit habe Sr. Erika alle ihre Dienste ausgeführt. Nach einem musikalischen Zwischenstück informierte


125 Herr Pfarrer i. R. Dr. Christian-Erdmann Schott über die heutige – eine Minderheit darstellende – evangelische Kirche in Schlesien. Er berichtete über den Aufbau der Diözese Breslau wozu heute auch das frühere Frankenstein gehört. Die evangelische Kirche hat wieder Zulauf, vor allen Dingen aus der katholischen Glaubenskirche. Auch ist die Diakonie in der Diözese Breslau sehr aktiv und habe einige diakonische Ein-richtungen. Ein großer Schwerpunkt seien die Diakonie-/Sozialstationen, die die ambulante Versorgung der alten und kranken Gemeindeglieder übernehmen. Wichtig sei auch, daß diese Diakoniestatio- „ ...da wird auch dein Herz sein.” (Matth.6,21) Gedanken zum33. deutscher Evangelischer Kirchentag in Dresden, 1.-5.6 2011 Was zieht mich immer wieder zu den Kirchentagen und diesmal nach Dresden ? Im einzelnen: 1) die überaus fruchtbaren Bibelarbeiten: diesmal mit Margot Käßmann über die Seligpreisungen oder auch Burkhard Jung, den Oberbürgermeister von Leipzig, über das Schätze-Sammeln und Sich-Sorgen(Matth.6,19-34), 2) die oft hochkarätigen Hauptvortragsreihen und Diskussionsforen: diesmal aus dem Themenbereich 1 Theologie und Glaube: Welche Schätze birgt der Glaube? mit Prof. Christiane Tietz oder im Bereich 2 Staat, Markt u. Gesellschaft: Wir sind der Staat! Abschied vom Vater Staat? mit Frau Schavan, Frau Nahles, Herrn Gauck u.a. 3) die spirituellen Höhepunkte: der Taize-Abend mit der Nacht der Lichter, die drei Weisen aus Argentinien, Liberia und Afghanistan, „eine zeitgenössische Liturgie”, in Szene gesetzt von Frau Käßmann u. dem Flötisten Hufeisen 4) eine Vesper mit dem Kreuzchor in der Kreuzkirche mit der Bachmotette „Singet dem Herrn ein neues Lied” und Mendelssohns „Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir”. 5) Dazu kam nicht zuletzt das Fluidum der wunderbaren, aus den rauchenden Ruinen vom 13. u.14.2.1945 wiederauferstandenen Stadt. Bei der Eröffnung und beim Abschlußgottesdienst auf den Elbwiesen hatte man das einmalige Panorama: Albertinum, Frauenkirche, Brühlsche Terrasse, Schloß, Hofkirche und Semper-Oper ständig vor Augen. Insgesamt: Das Zusammensein mit Christen aus ganz Deutschland und der Welt, darunter erfreulich vielen Katholiken, und das Gefühl, getragen zu sein in gleicher Grundstimmung trotz unterschiedlicher Meinungen im einzelnen. Das Gespräch mit Christen aus anderen Gemeinden und Landeskirchen, mit Katholiken, das Diskutieren um den „richtigen” Weg bei gesellschaftlichen Fragen, das gemeinsame Erleben der Gottesdienste, des Feierabendmahls und beim Abend der Begegnung. Schließlich das Gefühl: Wir sind jetzt nicht mehr Einzelkämpfer. Und dann sind alle Schwitzkuren in CHRISTOPH SCHOLZ MELDUNGEN nen Hilfsgeräte ausleihen, da es in Polen ein anderes Krankenkassensystem gibt. Pfarrer i. R. Dr. Schott berichtete weiter über den Johanniterorden und seine Bedeutung für das Diakonissenmutterhaus Frankenstein. Der Adel des Johanniterordens hat sich stark für diakonische Einrichtungen engagiert, was er auch heute tut. Besondere Beziehungen hatte das Diakonissenmutterhaus zu Erbprinz Albrecht, der im 10 Kilometer entfernten Schloß Kamenz wohnte. Er machte öfters Besuche in den Diakonissenanstalten Frankenstein und spendete Geld für die diakonische Arbeit. � den überfüllten Straßenbahnen und Bussen, das mehrstünge Sitzen auf dem Pflaster bei der Übertragung vor der überfüllten Frauenkirche und der vielstündige Stau auf der A4 u.A2 bei der Rückfahrt schnell vergessen. Manche Christen behaupten, der Kirchentag sei nur ein riesiges Happening, laut und nur bestimmt von Turbulenz. Das empfinde und erlebe ich seit vielen Jahren ganz und gar anders, für mich ist er jedes Mal wie ein Aufwind und sehr vielen der 116.000 Dauerteilnehmer mit lindgrünem Schal geht es offensichtlich ähnlich. Diese erlebnisreichen Tage haben einen Schatz in die Herzen gegeben und hoffentlich trägt und beflügelt er viele Christenmenschen lange Zeit. Probieren Sie es selbst aus: Hamburg lädt alle zum nächsten Kirchentag 2013 ein. „Wes das Herz voll ist ...” � Impression vom Kirchentag Foto: Scholz


EMPFEHLUNG/TERMINE Buchempfehlung Edward Bia³ek, £ukasz Bieniasz (Hg.): Hereditas Culturalis Soraviensis. Beiträge zur Geschichte der Stadt Sorau und zu ihrer Kultur. Dresden (Neiße-Verlag) 2010 296 Seiten Preis: 42 EUR ISBN 978-3-86276-002-2 Sorau, eine niederlausitzische Stadt mit slawischen und germanischen Wurzeln, bildet einen eigenartigen Kulturraum, dessen spezifischer Charakter u.a. aus seiner geographischen und geistigen Nähe zu Schlesien resultiert und dessen Dasein Menschen mitgeprägt hat, die – nicht zuletzt infolge historischer Umwälzungen im 20. Jahrhundert – bedauerlicherweise in Vergessenheit gerieten. Im Institut für Germanische Philologie der Universität Wroc³aw/Breslau entstand VERANSTALTUNGEN DER GEMEINSCHAFT EVANGELISCHER SCHLESIER Hamburg Schlesischer Gemeindenachmittag Freitag, 5. August um 16 Uhr im Gemeindesaal von St. Petri in Altona, Schmarjestraße 33. Vorausgeplant: Schlesischer Kirchentag vom 1. bis 4. September in der Kreuzbergbaude Jauernick-Buschbach; unmittelbar anschließend in Teschen die Jahrestagung des Vereins für Schlesische Kirchengeschichte. EVANGELISCHE GOTTESDIENSTE IN DEUTSCHER SPRACHE IN SCHLESIEN Pfarramt: ul. Partyzantów 60, PL 51-675 Wroclaw, Pfarrer Andrzey Fober, Tel.: 0048-71-34 84 598 Breslau: an jedem Sonntag um 10 Uhr in der Christophorikirche, pl. Sw. Krzyzstofa 1 Jauer Friedenskirche. Auf Anfrage: Park Pokoju 2, 59-400 Jawor. Tel. (+4876) 870 51 45. E-Mail: jawor@luteranie.pl Lauban: an jedem 1. und 3. Sonnabend um 10 Uhr in der Frauenkirche, ul. Kombatantów Liegnitz: am 1. und 3. Sonntag um 13 Uhr in der Liebfrauenkirche, pl. Mariacki 1 Schweidnitz: am 2. und 4. Sonnabend um 10 Uhr in der Friedenskirche, pl. Pokoju 6 2009 die Idee, mit einem interdisziplinär ausgerichteten Projekt das kulturelle Gedächtnis über diese für die Mark bzw. Provinz Brandenburg bedeutende Stadt zu stärken. Ein internationales Team von Historikern, Kunst- Waldenburg: am 2. und 4. Sonnabend um 14 Uhr in der Erlöserkirche, pl. Koscielny 4 Bad Warmbrunn: Erlöserkirche, pl. Piastowski 18 jeder 2. Sonnabend im Monat 14 Uhr jeder 4. Sonntag im Monat 14 Uhr 126 historikern, Literatur-, Sprach und Musikwissenschaftlern fand sich zusammen und steuerte Wesentliches zur Erforschung des kulturellen Geschehens im Sorauischen bei. Das so entstandene Buch berichtet über mehrere in Sorau und dem Sorauer Land geborene wissenschaftliche und künstlerische Kapazitäten sowie etliche berühmte Wahlsorauer. Das Sammelwerk von Einzeldarstellungen zur Geschichte der niederlausitzischen Metropole, zu ihrer literarischen Kultur und ihrem musikalischen Leben erscheint voraussichtlich zum 750-jährigen Jubiläum der Verleihung der Stadtrechte. Die Herausgeber sind die Germanisten Edward Bia³ek, Professor an der Universität Breslau und £ukasz Bieniasz, der an der Universität Erfurt forscht. Text: Schlesisches Museum Görlitz – Silesia Newsletter Nr. 93 (03/2011) � GEBURTSTAGE AUS DER LESERGEMEINDE 99. Am 21.08. Herr Helmut Winkler, 60596 Frankfurt, Burnitzstraße 47, früher Breslau. 96. Am 17.08. Frau Klara Frunzke, 26721 Emden, Neutorstr. 58. 93. Am 30.08. Frau Agnes Geisler, 81543 München, Edlingerstr. 22, früher Schickwitz. 90. Am 08.08. Herr Pfarrer Wolfgang Günther, 32427 Minden, Schwabenring 55, früher Strehlen. � Am 23.08. Frau Ursula Bader, , 64656 Heppenheim, Im Mantel 10, früher Breslau. 89. Am 09.08. Frau Hanna Schröter, 51107 Köln, Mannheimer Str. 6. � Am 11.08. Frau Gisela Schmidek, 21357 Bardowick, Birkenweg 34, früher Strehlen. � Am 22.08. Frau Hildegard Glatzer, 30449 Hannover, Godehardistr. 10, früher Markstädt/Ohlau. � Am 27.08. Herr Werner Debschütz, 73614 Schorndorf, Buchenweg 15, früher Breslau. 88. Am 26.08. Frau Lieselotte Schlesinger, 89073 Ulm, Friedenstr. 35 A, früher Schweidnitz. 87. Am 05.08. Frau Gerda Stock, geb. Lösche, 22177 Hamburg, Fabriciusstr. 68, früher Hirschberg. � Am 14.08. Frau Johanna Demota, 32791 Lage, Händelstr. 2, früher


127 Alt-Jauer. � Am 18.08. Herr Leuther v. Gersdorff, 83624 Otterfing, Am Steigacker 13, früher Görlitz. 86. Am 07.08. Frau Brigitte Postler, 32602 Vlotho, Valdorfer Str. 54. � Am 09.08. Frau Marlene Theidel, 58256 Ennepetal-Voerde, Breslauer Platz 16, früher Breslau. � Am 23.08. Frau Elisabeth Buschbeck, , 79100 Freiburg, Stephanienstr. 11, früher Frankenstein. � Am 26.08. Frau Ursula Klapper, 30559 Hannover, Kühnsstraße 4, früher Lutherstadt Wittenberg. 85. Am 04.08. Herr Horst Dierschke, , 95213 Münchberg, Am Thieroldsholz 29, früher Lossen und Pampitz/ Brieg. � Am 16.08. Frau Eleonore Kästing, 26123 Oldenburg, Ammergaustr. 133, früher Liegnitz. � Am 24.08. Frau Ingeborg Gergs, 70174 Stuttgart, Wiederholdstr. 10, früher Breslau. 84. Am 30.08. Herr Klaus-Dieter Gaebel, 60599 Frankfurt/M., Schweinfurter Weg 68. 83. Am 16.08. Frau Johanna Ulmer, 71101 Schönaich, Cheruskerstraße 36. � Am 19.08. Frau Renate Netsch, 14052 Berlin, Länderallee 40, früher Jauer. 82. Am 12.08. Herr Pfarrer Dr. Otto Lillge, 32760 Detmold, An der Feldmark 5, früher Breslau.� Am 25.08. Frau Agnes Hohnhaus, geb. Ueberschär, 60326 Frankfurt, Eppenhainer Str. 38, früher Feldstr. 58, Breslau. 81. Am 04.08. Herr Siegfried Streit, 47228 Duisburg, Brunnenstr. 7, früher Alt-Kohlfurt. � Am 10.08. Frau Annemarie Liss, geb. Kreutzer, 30519 Hannover, Am Mittelfelde 100, früher Breslau. 80. Am 06.08. Herr Pfarrer Reinhard Hausmann, 97827 Marktheidenfeld, Am Schläglein 17, früher Wüstegiersdorf. � Am 07.08. Frau Margarete Kretschmer, 73431 Aalen, Im Pelzwasen 15, früher Breslau. 79. Am 09.08. Herr Bodo Chemnitz, 24161 Altenholz, Struckbrook 53, früher Landeshut.� Am 13.08. Herr Pfarrer i. R. Dr. Chr.-Erdmann Schott, 55124 Mainz, Elsa- Brändström-Str. 21, früher Liegnitz. 76. Am 08.08. Herr Manfred Haftmann, 14478 Potsdam, J.-R.-Becher-Str. 25, früher Troitschendorf, Krs. Görlitz. � Am 14.08. Frau Ilse Scharffetter, 37441 Bad Sachsa, Bismarckstr. 27, früher Langhelwigsdorf Krs. Jauer. � Am 18.08. Herr Kurt Zimmer, 21149 Hamburg, Südheide 100, früher Postelwitz. � Am 26.08. Frau Ilse- Mette v. Oheimb, 32361 Preußisch Oldendorf, Hudenbeck 8, früher Erkelsdorf. 75. Am 05.08. Herr Karl-Heinz Scholz, 77933 Lahr, Flugplatzstr. 13. � Am 11.08. Frau Margarete Zdrojek, 06502 Thale/Harz, Karl-Marx-Str. 55 f, früher Sacken, Krs.Oppeln. � Am 16.08. Herr Günter Hanke, 95447 Bayreuth, Südlicher Ringweg 53 E, früher Hirschberg. 70. Am 11.08. Frau Isolde Möller, 26135 Oldenburg, Weidamm 14, früher Wiesau/Glogau.� Falls Ihr Eintrag fehlt oder falsch ist bzw. wenn Sie Ihre derzeitige Anschrift oder Ihren gesamten Eintrag löschen lassen möchten, schreiben Sie bitte an die im Impressum genannte Herausgeber-Adresse! � Datum: Unterschrift: Titel: Nachname: Vorname: Straße: PLZ, Ort: Geburtsdatum/-ort: Impressum AUS DER LESERGEMEINDE Beitrittserklärung: Ich erkläre hiermit meinen Beitritt zur Gemeinschaft evangelischer Schlesier e. V. bei einem Mitglieder-Jahrebeitrag von aktuell 30 Euro für das laufende Kalenderjahr; im Rahmen meiner Vereinsmitgliedschaft erhalte ich die Zeitschrift „Schlesischer Gottesfreund” kostenfrei. Ich möchte kein Mitglied werden, bestelle aber die Monatszeitschrift „Schlesischer Gottesfreund” zum Abo-Preis von derzeit 30 Euro pro Jahr. Bitte senden Sie mir eine Probenummer der Zeitschrift „Schlesischer Gottesfreund” zu. Beruf: persönlicher bzw. familiärer schlesischer Herkunftsort: Sollten Sie nicht mit der Veröffentlichung einiger Ihrer persönlichen x Daten in der Geburtstagsliste des „Gottesfreundes” einverstanden sein, kreuzen Sie es bitte in den entsprechenden Kästchen an. Bitte einsenden an: Gemeinschaft evangelischer Schlesier e.V. Postfach 1410, D – 32440 Porta Westfalica oder Stiftung Evangelisches Schlesien Schlaurother Straße 11, D – 02827 Görlitz Bankverbindung: Stadtsparkasse Porta Westfalica BLZ: 490 519 90 Kto.-Nr.: 26 997 Herausgeber: Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e.V. D 32440 Porta Westfalica, PF 1410, Tel.: 0571-971 99 74, Bankverbindung: Stadtsparkasse Porta Westfalica BLZ: 490 519 90 Kto.-Nr.: 26 997 E-mail: info@gesev.de Verantwortlich für den Inhalt: Mag. phil. et theol. Dietmar Neß Wittichenauer Straße 11a, D - 02999 Groß Särchen, Tel./Fax: 03 57 26 - 5 56 75 E-mail: mag.ness@online.de. Grafik/Satz/Layout/Redaktionelle Beiträge: Andreas Neumann-Nochten Hotherstraße 32, D - 02826 Görlitz Tel.: 03581 - 878988 E-mail: neumann-nochten@freenet.de Herausgegeben in Zusammenarbeit mit der Stiftung Evangelisches Schlesien und der Evangelischen Diözese Breslau/Wroc³aw. Druck: MAXROI Graphics GmbH, Görlitz


FUNDSTÜCK Schlesisches Blatt für evangelische Kirchenmusik. Gefunden von Dr. Stephan Aderhold.

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