Mut und Liebe 35/2020 Mut Mach Geschichten 01062020

admain

Eine Seuche vor unserer Haustür... der erste Schock scheint langsam überwunden. Zwischen Urlaubsstimmung und Existenzangst hat sich unser Alltag wieder etwas normalisiert. Doch das unbeschwerte Lebensgefühl ('die Katastrophen sind immer weit weg') der Vor-Corona-Zeit wird es sobald nicht mehr geben. Deshalb haben wir für Euch Mut-Mach-Geschichten gesammelt. Viel Spaß beim Lesen... und bleibt gesund!

mut

35

S T A D T M A G A Z I N

mut-mach-geschichten

JUNI/JULI/AUGUST 2020

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Freude und ein besonderes, persönliches Stadterlebnis.

Unterstützen Sie die lokalen

Geschäfte und Restaurants, stärken Sie

Offenbachs großes Herz !

OF InfoCenter, Salzgäßchen 1. Alle Infos und teilnehmende

Partner finden Sie unter: www.offenbach.de/grossesherz


MUT&LIEBE / GUDE /

Liebe Leserinnen und Leser,

Eine Seuche vor unserer Haustür... der erste Schock scheint langsam überwunden.

Zwischen Urlaubsstimmung und Existenzangst hat sich unser Alltag wieder

etwas normalisiert. Doch das unbeschwerte Lebensgefühl ('die Katastrophen

sind immer weit weg') der Vor-Corona-Zeit wird es sobald nicht mehr geben.

Die aktuelle Mut&Liebe Ausgabe ist eine Momentaufnahme der Situation,

Stimmung und Aktivitäten in der Stadt von April bis ca. Mitte Mai, vor den ersten

Lockerungen. Vieles hat sich inzwischen wieder geändert. Uns war es wichtig, die Reaktionen

der Offenbacher*innen auf die noch nie dagewesene Situation festzuhalten und auch die zahlreichen

positiven, solidarischen Mut-Mach Geschichten zu dokumentieren. Wir sind froh, dass

sich die Krise bisher für uns nicht zur Katastrophe entwickelt hat und wünschen uns

weiterhin viel Solidarität, Mut und Liebe und Durchhaltevermögen für Offenbach und weltweit.

Die wunderbaren, großen Offenbacher Sommerfeste, wie das Mainufer- und

Lichterfest, finden in diesem Jahr leider nicht statt. Andere Planungen waren

bei Redaktionsschluß noch nicht entschieden, deshalb haben wir unsere

Veranstaltungshinweise stark reduziert. Unsere '108 Sonnengrüße auf der

Hafentreppe' (in Kooperation mit SamanaYoga) am 26. Juli, ab 19.00 Uhr

werden aber wohl genehmigt und auch

die Planung für 'Rad, Wein & Gesang' am

1. August ist wieder im Gespräch. Aktuelle

Infos auf www.mulionline.de oder in der Tagespresse.

Dann bleibt alle gesund und gemeinsam schaffen wir das!

Euer Mut&Liebe Team

Parole vom Markthaus

am Wilhelmsplatz

Offenbacher Mut–Mach-Steine

Aktion in Rumpenheim

IMPRESSUM

MUT&LIEBE – Stadtmagazin Offenbach am Main

V.i.s.d.P: Petra Baumgardt und Wolfgang Malik GbR

Magazin Mut&Liebe, Brinkstr. 47, 63069 Offenbach

Tel.: 069 854541

Mail: info@mutundliebeoffenbach.de

www.mulionline.de

Redaktion: Petra Baumgardt, Wolfgang Malik

Layout: Petra Baumgardt • www.grafikdesign-baumgardt.de

Fotos: wie jeweils angegeben oder Rechte bei den

jeweiligen Personen

Titel: Fotos: © teilnehmende Personen

Druck: Druck- und Verlagshaus Zarbock GmbH & Co. KG,

Frankfurt

JUNI / JULI / AUGUST 2020

Kostenlose Auslage im ganzen Stadtgebiet, u.a.:

OF InfoCenter, Gastronomie, Jugend- & Kulturstätten, vhs,

OF-Bildungsbüro, Buchläden, Museen, Stadtbücherei, Einzelhandel,

Arztpraxen, Rathaus, Sana Klinikum OF, Wochenmarkt

Nächste Ausgabe: 1. September 2020

(Anzeigenschluss: 16.08.2020)

Die Veröffentlichung von Veranstaltungsterminen erfolgt ohne

Gewähr. Nachdruck ist nur mit schriftlicher Genehmigung der

Herausgeber gestattet. Dieses gilt auch für Aufnahmen in elektronische

Datenbanken und vervielfältigungen auf CD-ROM.

Für Druck- und Satzfehler besteht keine Haftung.

Auflage: 4.000 St.

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THEMA

8 Handlungsfähig in Zeiten der Pandemie – der Verwaltungsstab

12 Große Herausforderung an die Politik –

Fragen an Tarek Al-Wazir

13 Kliniken im Ausnahmezustand

15 Pro Familia Offenbach – Beratungen per Video-Chat und Telefon

17 Plötzlich systemrelevant – die Agentur für Arbeit

20 Mut zahlt sich aus! Kommunales Jobcenter unterstützt beim

Sprung in die Selbstständigkeit

22 Umschlagplatz für Engagement und Masken:

Freiwilligenzentrum Offenbach

23 Masken-Aktion vom Netzwerk 'Frauen für Offenbach'

24 Bücher sind Überlebensmittel – bam Buchladen am Markt

26 Ein Bioladen für mich alleine... Terra Viva e.V.

28 Ein Kaltstart mit Lastenrad

30 Corona-Tagebuch – Einblicke in Lebenswelten Offenbacher

Jugendlicher im Lockdown

32 Alles wird gut... Mut machen und Durchhalten im Familienalltag

33 Stadtteile in Zeiten einer Pandemie

35 Kinder für‘s Leben fit machen

38 Damals nach dem Krieg

41 Wir sitzen nicht auf der Terrasse und trinken Apérol...

46 Zusammengerückt.... Das Abstandhalten hat Pfarrerin

Henriette Crüwell ihrer Gemeinde nähergebracht

47 Gemeinde Sankt Josef – Ein Gespräch über Gott und die Welt

49 Gabenzäune

50 Corona und der Einzelhandel

52 Mit Weitsicht durch die Krise – 35 Jahre Optik Kruse

58 Ideen vs. Krise

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JUNI / JULI / AUGUST 2020


PROJEKT

44 Stadtradeln 2020

INKLUSION

56 "Streicheln tut der Seele gut"

– mit Kreativität und Herzblut gegen Corona

Daniel Brettschneider & Nicole Werth im filmklubb

GOURMET

53 Piscalina – ein kleines Stück Portugal mitten in Offenbach

55 Härtetest für die Gastro

72 Süßes aus dem Netz – Tarte au Chocolat

KUNSTWERK

64 Tagebuchblatt aus dem Dorf – Eine Betrachtung von Mia Pelenco

65 Bild der Woche... Digitale Kunstpräsentation von Anja Hantelmann

67 Wir sind da! BOK in Zeiten der Pandemie

68 Lyrik von Safiye Can

69 Mit Kunst infiziert – 30 Jahre Galerie Thomas Hühsam

69 'LANDMARKEN' Ausstellung von Leonore Poth

TIPP | ERLEBEN

70 MUT&LIEBE Tipps

74 vhs Offenbach beteiligt sich am ersten bundesweiten Digitaltag

75 'future OF culture' Stadt Offenbach startet

Spendenkampagne für Kulturorte

76 Ausstellungs-/Veranstaltungsinfos Museen

HÖRBAR

78 CD-Tipps von Udo Boll

79 Cartoon von Leonore Poth

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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Kultur online #Kultur_OF

#StayAtHome #CoronaKrise #Covid_19

Die Ansagen und Hashtags sind klar. Bleibt zuhause! Vermeidet

soziale Kontakte!

Das Coronavirus bestimmt momentan die Schlagzeilen und hat

massive Auswirkungen auf unseren sonst so freien Alltag und

unsere Gewohnheiten. Das betrifft natürlich auch die Freizeitgestaltung.

Keine Theaterbesuche, keine Feste, keine Museumsbesuche,

keine gemeinsamen Aktivitäten. Trotz dieser Einschränkungen

will das Amt für Kultur- und Sportmanagement, dass das

kulturelle Leben in unserer Stadt nicht zum Erliegen kommt und

hat daher die Seite "Kultur online" eingerichtet.

Eine virtuelle Führung durch eine Ausstellung, eine Lesung, ein

Live-Konzert, ein Hörspiel ein Bastelworkshop, Statements der

Offenbacher Kulturschaffenden zur Corona-Pandemie – um nur

ein paar der neuen Formate zu nennen. All diese werden auf der

Seite gesammelt und ständig erweitert. Eigene Ideen für digitale

Kulturangebote können gerne an romina.weber@offenbach.de

gesendet werden.

www.offenbach.de/kultur-online

Sport online

OF

stadt

Juni/Juli/August

infos

Fit bleiben ist gerade in Corona-Zeiten wichtiger denn je. Über

Videos oder Live-Online-Stunden bieten Offenbacher Sportvereine

Fitness-Stunden an oder machen Übungen vor.

Infos unter: www.sportinoffenbach.de

© fizkes–AdobeStock

TSC Swing Jets Offenbach: Solo Jazz Kurs auf Instagram

Der TSC Swing Jets Offenbach bietet aktuell auf Instagram unter

Swing Jets, jeden Mittwoch von 19 bis 20 Uhr einen Solo Jazz Kurs

(Tanzen wie Fred Astaire, Gene Kelly oder Elleanor Powell) an.

www.instagram.com/swingjets/

Spendenkampagne „future OF culture“

– Unterstütze Deinen Lieblingskulturort

Konzerte fallen aus, Theaterensembles können nicht spielen,

Sitze bleiben leer. Was wohl noch eine ganze Weile so bleiben

wird, hat nicht nur massive Auswirkungen auf unseren Alltag, die

Wirtschaft, den Umgang miteinander. Vor allem die zahlreichen

Kulturvereine und freien Kultureinrichtungen trifft die Krise mitten

ins Mark. Einnahmen fallen weg, Rücklagen gibt es kaum und

viele Existenzen sind bedroht. Die langfristigen Folgen mag sich

niemand vorstellen. Eine Stadt ohne Kultur? Ohne gemeinsame

Events, Konzerte, Theaterabende, Festivals? Undenkbar.

Um das zu verhindern startet die Stadt Offenbach nun die große

Spendenkampagne „future OF culture“ – Unterstütze Deinen

Lieblingskulturort. Unter www.offenbach.de/future-of-culture

finden Sie alle Informationen, wie Sie Ihren Lieblingsort in der

jetzigen Zeit unterstützen können.

www.offenbach.de/future-of-culture

© Hafen 2

TSC Swing Jets Offenbach: Lindy Hop über Skype

Jeden Donnerstag von 19.30 bis 21.00 Uhr gibt es über Skype einen

Lindy Hop für alle Levels, einen sogenannten "open class-Kurs". Für

den Lindy Hop Kurs können sich Interessenten über info@swingjets.de

kostenfrei anmelden.

TSG Bürgel: Fitness-Videos auf Facebook

Die TSG Bürgel bietet online Videos zum Fithalten auf ihrer Facebook-Seite

der Fitnessabteilung an. Darunter finden sich Angeobte

zum Thema „Tue Gutes für deinen Rücken“ zu Yoga und Pilates sowie

Videos für das Functional Training senden.

Einfach mal auf der Facebook-Seite vorbeischauen und die Anweisungen

auf den Videos folgen. Fitness TSG Bürgel auf Facebook

TSG Bürgel: Live-Fitness-Stunde über Zoom

Einmal in der Woche bietet der TSG Bürgel eine Online-Stunde

über Zoom an, die live stattfindet und nicht gespeichert wird.

Kontakt: info@tsg-buergel.de / www.tsg-buergel.de

Die Offenbacher Fitness Company (OFC) präsentiert:

YOU`LL NEVER SPORT ALONE

Die Stars der 1. Mannschaft der Offenbacher Kickers bieten über

das OFCFanradio/ KickersTV auf Youtube unter dem Motto „Die

Offenbacher Fitness Company (OFC)“ Online-Fitnessübungen für

zu Hause an. Dazu gibt es neueste Informationen rund um den

OFC. Näheres auf Youtube unter OFCFanradio.


MUT&LIEBE / GRUSSWORT /

Ein Grußwort von Oberbürgermeister

Dr. Felix Schwenke

Liebe Offenbacherinnen und Offenbacher,

diese MUT&LIEBE-Ausgabe hat den Schwerpunkt „Mutmachgeschichten“.

Ein genialer Schwerpunkt in dieser Zeit! Die Corona-

Pandemie hat uns alle aus unserem normalen Alltag gerissen. Seit

über zwei Monaten ist für fast jede und jeden von uns nichts mehr,

wie es vorher war. Das Virus führt dazu, dass viele von uns in Sorge

sind: um sich selbst, um ihre Eltern und Großeltern, um Menschen

mit Vorerkrankungen, die zur Risikogruppe gehören. Gleichzeitig

haben viele auch ganz konkrete finanzielle Ängste, sind in Kurzarbeit,

haben ihre Stelle verloren oder können als Selbstständige

ihr Geschäft nicht wie bisher weiterführen. Andere sind mit kleinen

Kindern im Homeoffice und versuchen, allen Ansprüchen gerecht

zu werden.

© Stadt Offenbach

Auch ich als Oberbürgermeister habe bei meinem Amtsantritt nicht damit gerechnet, einmal

mit einer Pandemie konfrontiert zu sein. Nach einem Krieg oder einem Atomunfall ist dies tatsächlich

die größte Herausforderung, vor der wir als Gesellschaft stehen können. Der Gegner

ist unsichtbar, gerade das macht ihn so gefährlich.

Wir sind bisher relativ gut durch die letzten Wochen und Monate gekommen – der Verlauf der

Pandemie in einigen anderen Staaten zeigt, wie schlimm es hätte kommen können. Die meisten

Offenbacherinnen und Offenbacher haben Verantwortung für sich und andere übernommen und

sich an die Regeln gehalten. Sie haben ihre sozialen Kontakte massiv eingeschränkt, Abstand

gehalten und Hygieneregeln beachtet. Damit konnten wir das Virus zurückdrängen, wir haben

den Zusammenbruch unseres Gesundheitssystems verhindert und konnten unsere Kranken

medizinisch gut versorgen. Darauf können wir alle gemeinsam stolz sein! Jetzt, kurz vor Druckschluss

dieser Ausgabe, werden deutliche Lockerungen umgesetzt. Dadurch übernimmt jede und

jeder von uns noch mehr Verantwortung. Nur, wenn wir alle weiter diszipliniert sind, können wir

einen Teil unseres bisherigen Lebens zurückbekommen und einen „neuen Alltag“ mit dem Virus

leben. Dieser wird leider völlig anders sein als unser Leben davor.

Die letzten Wochen haben gezeigt, dass das Leben in einer Pandemie nicht voraussehbar oder

planbar ist. Deshalb braucht es „Mutmachgeschichten“! Ich hoffe, dass wir bei Erscheinen dieser

MUT&LIEBE-Ausgabe feststellen, dass wir weiterhin auf einem guten Weg sind und als Gesellschaft

diese Herausforderung verantwortungsbewusst meistern.

Herzliche Grüße

Dr. Felix Schwenke

Oberbürgermeister

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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MUT&LIEBE / THEMA /

handlungsfähig

in zeiten der

pandemie –

der verwaltungsstab

der stadt offenbach

Seit dem 15. März 2020 erleben wir alle ein historisches

Ereignis, für das es keine Blaupause gibt. Gefühlt über Nacht

wurden weltweit wichtige Menschen- und Bürgerrechte eingeschränkt,

die Wirtschaft und unser gesellschaftliches Leben

heruntergefahren. Grenzen wurden geschlossen, Quarantänen

und Kontaktbeschränkungen angeordnet. Deutschland stand

nahezu still und die Menschen hielten inne.

Auch nachdem es im Mai nach dem sechswöchigen „Lockdown“

viele Lockerungen gab, wird die Corona-Pandemie unser

gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben weiterhin fest im

Griff behalten und die Abstandsregelungen, sowie Mundschutz

werden uns im Alltag sehr lange begleiten.

In solchen Krisen tragen die politischen Entscheider*innen

eine hohe Verantwortung. Müssen sie doch schnelle,

effektive und vor allem klare, aber auch harte Entscheidungen

treffen und dabei immer das Spannungsverhältnis zwischen

Gesundheit, Wirtschaft und sozialem Frieden im Blick behalten.

In Offenbach zeichnet für die operative Umsetzung der Verordnungen

des Landes der Verwaltungsstab verantwortlich.

Im Email-Interview mit dem Oberbürgermeister, Dr. Felix

Schwenke, erhielten wir interessante Details über den Offenbacher

Verwaltungsstab und auch über ganz persönliche

Eindrücke.

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© Stadt Offenbach/georg-foto, Offenbach

JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

Sehr geehrter Herr Dr. Schwenke vielen Dank, dass

Sie sich die Zeit für uns und unsere Leser*innen genommen

haben. Sie sind Vorsitzender des Verwaltungsstabs.

Wer ist ansonsten dort Mitglied, gibt es

eine feste Gruppe oder variieren die Teilnehmer?

Dr. Felix Schwenke: Es gibt ständige Mitglieder des

Verwaltungsstabs: die vier hauptamtlichen Dezernenten,

einige Amtsleiter, z. B. von der Feuerwehr und vom

Gesundheitsamt, und die Geschäftsführung der SOH.

Darüber hinaus gibt es sogenannte ereignisspezifische

Mitglieder des Stabs, die je nach den aktuellen Themen

auf der Tagesordnung dazu geladen werden – dazu gehören

Vertreter der Kliniken, der Polizei, weitere Amtsleiter

oder die Leiter der Pflegeheime.

Welches ist die Funktion und die Aufgabe des Verwaltungsstabs?

Dr. Felix Schwenke: Das alles überragende Ziel der

Arbeit des Verwaltungsstabs ist die Sicherung von Menschenleben.

Der Verwaltungsstab ist in Offenbach und

in allen anderen Kommunen dem sogenannten „politisch

Gesamtverantwortlichen“ unterstellt, also mir als

Oberbürgermeister. Er wird für einen begrenzten Zeitraum

gebildet, wenn es eine außergewöhnliche Lage

erfordert. Aufgabe des Verwaltungsstabs ist es, sehr

schnell ämter- und dezernatsübergreifend alle notwendigen

Entscheidungen vorzubereiten, zu treffen und

umzusetzen, die in die Kompetenz der Verwaltung fallen

und die zur Abwehr von Gefahren notwendig sind.

Der Verwaltungsstab hat z.B. die Aufgabe, die

kritische Infrastruktur zu sichern, die Handlungsfähigkeit

der Verwaltung aufrecht zu erhalten

und wie in der aktuellen Corona- Krise

die Gesundheit und medizinische Versorgung

der Bürger sicher zu stellen.

Wie arbeitet der Verwaltungsstab und wie

oft tagt er?

Dr. Felix Schwenke: Der Verwaltungsstab

hat eine feste Tagesordnung – zu Beginn berichten

das Gesundheitsamt und die Feuerwehr

über die aktuelle Lage in Offenbach

und darüber hinaus. Es geht für uns darum zu

wissen, wie viele Menschen in Offenbach und

im Einzugsbereich unserer Kliniken infiziert

sind. Gleichzeitig müssen wir wissen, wie viele

freie Betten mit Beatmungsmöglichkeiten

JUNI / JULI / AUGUST 2020

in unseren Kliniken aktuell verfügbar sind. Aus diesen

Zahlen ergibt sich die Situation für Offenbach und die

Frage, ob es besonderen Handlungsbedarf gibt.

Anschließend werden Aufgaben besprochen und Aufträge

verteilt. Bei einigen Themen wird da auch mal

ausführlicher diskutiert, etwa, wenn sich die Frage

stellt, wie der Wochenmarkt organisiert werden muss,

um Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Und wir

besprechen, wie wir – trotz der Hilfen von Landes- und

Bundesebene – auch von Seiten der Stadt Offenbach

z.B. die Wirtschaft und die Kulturszene unterstützen

können. Immer wieder müssen trotz übergeordneter

Entscheidungen des Landes spezifische Lösungen für

Offenbach gefunden werden.

Die Anzahl der Tagungen hängt von der aktuellen Lage

ab. Im Moment, also Anfang Mai, hat sich ein Rhythmus

mit drei Sitzungen pro Woche etabliert. Die einzelnen

Sitzungen dauern je nach Tagesordnung zwischen 1,5

und 3,5 Stunden.

Was kann der Verwaltungsstab nicht? Wo liegt die

Grenze des Handelns?

Dr. Felix Schwenke: Der Verwaltungsstab kann nur

Entscheidungen treffen, die sich innerhalb der Verordnungen

des Landes bewegen. Wenn das Land Hessen

sagt, es dürfen sich nur zwei Personen im öffentlichen

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MUT&LIEBE / THEMA /

Raum treffen, dürfen wir die Obergrenze nicht höher

setzen. Aber: Wir können sie noch enger fassen. Auch

Entscheidungen, die z.B. Geld kosten und damit zu einer

Belastung des städtischen Haushalts führen, kann der

Stab nicht alleine treffen. Hierfür braucht es immer die

Zustimmung von Magistrat und Stadtverordnetenversammlung.

Darüber hinaus erfolgt die akute Gefahrenabwehr

über den Führungsstab der Feuerwehr, der

parallel eingerichtet ist. Die auch in normalen Zeiten

hervorragend eingespielte Arbeit von Feuerwehr und

Rettungskräften muss im Verwaltungsstab nicht besprochen

werden.

Ersetzt der Verwaltungsstab den Magistrat und die

Stadtverordnetenversammlung? Müsste letztere nicht

den Magistrat und die Verwaltung kontrollieren?

Dr. Felix Schwenke: Der Verwaltungsstab ersetzt weder

Magistrat noch Stadtverordnetenversammlung – einerseits

dürfte er das gar nicht, andererseits ist das auch

von niemandem so gewollt oder beabsichtigt. Entscheidungen,

die im Magistrat und in der Stadtverordnetenversammlung

getroffen werden müssen, kann der Verwaltungsstab

nicht treffen. Dazu zählen zum Beispiel

die Aussetzung der Kitabeiträge in der Zeit, in der die

Kitas geschlossen sind, oder andere haushaltsrechtliche

Fragen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie.

Dadurch ist auch weiterhin die politische Kontrolle

der Verwaltung durch die gewählten Stadtverordneten

vollständig und ohne jegliche Einschränkung gewährleistet.

Um nicht zu viele Sitzungen mit zu vielen Personen

durchführen zu müssen, hat die Stadtverordnetenversammlung

freiwillig entschieden, nicht mehr alle Ausschüsse

zu bilden und nicht mehr alle Sitzungen stattfinden

zu lassen. Um in dringenden Fällen auch mit

weniger Personen als den 71 Stadtverordneten handlungsfähig

zu sein, hat sie außerdem die Möglichkeiten

der Hessischen Gemeindeordnung genutzt und einen

sogenannten „Zentralausschuss“ gegründet, dem 19

Vertreter der Fraktionen angehören und der die Mehrheitsverhältnisse

in der Stadtverordnetenversammlung

abbildet. Die Beschlüsse des Zentralausschusses müssen

noch einmal auf die Tagesordnung der nächsten

Sitzung der Stadtverordnetenversammlung genommen

werden, die sie dann genehmigen oder aufheben kann.

Was hat sich in Ihrer Haltung zu Macht und Umgang

mit Verantwortung für Sie verändert?

Dr. Felix Schwenke: Als Kind hatte ich immer Angst

vor einem Unglück in einem Atomkraftwerk oder einem

Dritten Weltkrieg. Das ich einmal eine Pandemie erleben

würde, und in solch einer verrückten Zeit politische

Verantwortung tragen würde, habe ich offen zugegeben

nicht für sehr wahrscheinlich gehalten. Wir befinden

uns in Deutschland in der größten Herausforderung

seit dem 2. Weltkrieg, dies ist nicht übertrieben: Es geht

plötzlich um Leben und Tod, kleine Ereignisse können

die Zahl der Toten exponentiell erhöhen und es müssen

Maßnahmen ergriffen werden, die enorme wirtschaftliche

Schäden verursachen, was ja auch das Leben von

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© Stadt Offenbach/georg-foto, Offenbach

JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

Menschen dramatisch verschlechtert. Meine Haltung

zu Macht und mein Umgang mit Verantwortung haben

sich deswegen aber nicht verändert! Als erstes gilt für

mich: Der Schutz des Lebens ist das höchste politische

Gut. Ich kann nicht einfach sagen, es trifft vor allem die

Alten und die mit Vorerkrankung.

Die Würde aller Menschen ist gleich! Und es ist nun

mal so, dass wir bei Corona täglich dazulernen. Deshalb

müssen wir natürlich auch bereit sein, täglich zu fragen,

ob unsere Entscheidungen, auch hier in Offenbach,

auch meine eigenen, noch die richtigen sind. Das ist

anstrengend. Aber das ist gut. Denn es gibt auch in dieser

Krise nicht nur die eine Meinung, den einen möglichen

Weg. Allerdings sind Leute, die mit dem Wissen

von heute die Entscheidung von gestern, die mit einem

anderen Wissensstand getroffen wurde, überheblich

kritisieren schon in normalen Zeiten schwer erträglich.

Aktuell gilt das aber umso mehr. Denn während Fehlentscheidungen

normalerweise eher kleine Auswirkungen

haben, sind sie hier plötzlich existenziell. Und

ein Wissensstand ist seit Wochen der gleiche: Kleine

Ereignisse können die Zahl der Erkrankten und damit

letztlich der Toten exponentiell erhöhen. Jetzt gilt es

mit Fingerspitzengefühl angesichts dieses Wissens die

größtmögliche Freiheit zu erreichen.

Wie wird Sie die Erfahrung mit dieser Situation weiter

prägen?

Dr. Felix Schwenke: Das werde ich erst hinterher sicher

sagen können. Ich gehe davon aus, dass diese Situation

uns alle langfristig prägen wird, egal, wie wir jeweils

konkret von der Corona-Pandemie betroffen sind. Ich

hoffe sehr, dass ich rückblickend sagen kann, dass wir

in Offenbach diese Situation trotz aller Unsicherheiten

und manchmal auch Kritik an Entscheidungen der Politik

gemeinsam bestmöglich bewältigt haben.

Privat bin ich dankbar, eine tolle Familie zu haben. Aber

es ist unendlich hart, nicht alle umarmen zu können

und nicht alle sehen zu können. In solchen Situationen

merkt man immer, was plötzlich fehlt und vorher selbstverständlich

war.

JUNI / JULI / AUGUST 2020

Was war für Sie die schwierigste Entscheidung?

Dr. Felix Schwenke: Am schwierigsten ist es, mit der

Unsicherheit umzugehen. Auf welcher Grundlage treffe

ich meine Entscheidungen, welche Folgen haben diese

in zwei oder drei Wochen, bringe ich damit eventuell

Menschen in Gefahr? Wir haben zum Beispiel die

Lederwarenmesse zugelassen. Wir hatten ihr die härtesten

damals in Deutschland existierenden Auflagen

gemacht. Aber wir haben sie zugelassen. Die 14 Tage

danach, das Abwarten ob es falsch war, das war eine

harte Zeit. Wir haben außerdem zum Beispiel den Aufbau

eines Behelfskrankenhauses starten wollen und

wurden von der Landesregierung gebremst.

Wir haben das hingenommen und nicht zu einem öffentlichen

Konflikt gemacht. Aber es war unglaublich

schwer, das abzuwägen. Es wechselte mindestens eine

Woche fast jeden Tag ob sich das als grober Fehler oder

goldrichtig erweisen würde. Hinterher hätte es nichts

genutzt zu sagen „wir wollten ja“. Am Ende lagen wir

in beiden Beispielen richtig. Aber das war vorher völlig

offen und unklar. In beiden Fällen kommt neben einem

guten Gefühl auch Glück dazu, so demütig muss man

immer bleiben – und entsprechend dankbar dafür!

Meine wichtigste Leitlinie ist es, Menschenleben zu retten.

Das ist mein Kompass, der mich durch diese Krise

führt.

Was ist aktuell in Offenbach die größte Herausforderung

aus Ihrer Sicht?

Dr. Felix Schwenke: Die Herausforderungen in Offenbach

unterscheiden sich im Moment nicht wesentlich

von denen anderer Städte, weil wir keine Feier hatten,

die zu einer Massenverbreitung geführt hat und weil

wir bisher kein stark betroffenes Seniorenpflegeheim

haben. Wir müssen die Ausbreitung des Virus verlangsamen,

um ihn kontrollieren zu können und so Menschenleben

zu retten. Gleichzeitig müssen wir uns aber

auch vor Augen führen, dass unsere Entscheidungen

Auswirkungen haben, positive wie negative.

Wenn Familien lange Zeit zu Hause bleiben müssen,

kann z.B. die Gewalt gegen Frauen und Kinder zunehmen.

Sozial Schwache oder Obdachlose müssen zum

Teil ohne die bisherigen Hilfsangebote und Netzwerke

überleben. Viele Familien und Unternehmen stehen

vor massiven finanziellen Schwierigkeiten, sogar vor

der Existenzfrage. Alle unsere Entscheidungen haben

Folgen, und die große Herausforderung ist, in dieser

Situation richtig abzuwägen und eine starke Gemeinschaft

zu bleiben, die sich gegenseitig hilft und unterstützt.

Alexander Knöß

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MUT&LIEBE / THEMA /

große herausforderung

an die politik –

fragen an tarek al-wazir

Tarek Al-Wazir, Hessischer Wirtschaftsminister,

stellvertretender Ministerpräsident und Offenbacher

im Gespräch mit seinem Parteifreund

Wolfgang Malik, Sprecher von Bündnis 90/Die

Grünen Offenbach und Mitherausgeber von

Mut&Liebe.

Wolfgang Malik: Mit dem Virus hat sich das Leben

verändert. Viele Entscheidungen, die uns alle betroffen

haben, hast Du mit entschieden. Was hat dies mit

Dir gemacht und hat sich für Dich etwas in Deiner

Haltung zur Politik und dem Umgang mit Macht verändert?

Tarek Al-Wazir: Wir hatten und haben es mit einer

Situation zu tun, die so niemand erwartet hat und für

die es keine perfekte Vorbereitung geben konnte. Die

Wissenschaft lernt jeden Tag dazu, die Gesellschaft und

die Politik natürlich auch – aber Politiker müssen entscheiden,

und das schnell und nach bestem Wissen und

Gewissen. Dieser Druck war und ist enorm. Macht bedeutet

eben auch Verantwortung, und ich habe in den

letzten Monaten niemanden getroffen, der jetzt gerne

meinen Job hätte. Aber das wird sich sicher wieder ändern.

Was war Deine wichtigste Erfahrung und was wird

für Dich nach Corona anders sein?

Tarek Al-Wazir: Sehr viele Menschen haben mitgemacht

und geholfen, waren solidarisch. Das hat Mut

gemacht. Natürlich gibt es auch die anderen, die immer

rummotzen, vor allem an sich selbst denken und sowieso

immer alles besser wussten, die werden auch wieder

lauter, aber wir haben gesehen, dass die eben nicht die

Mehrheit sind. Der Irrsinn ist ja nicht verschwunden, wer

den Klimawandel leugnet, der leugnet auch Corona. Aber

die Mehrheit wird hoffentlich wieder sichtbarer als in

den letzten Jahren.

© HMWEVW - Oliver Rüther

Was können wir als Gesellschaft daraus lernen, was

hast Du aus der Situation gelernt?

Tarek Al-Wazir: Wieder mehr zu schätzen, was wir haben.

Vieles, was völlig selbstverständlich schien, ging

und geht auf einmal nicht mehr. In Zukunft bitte mehr

gute Laune, wenn etwas ordentlich oder sogar gut läuft,

bitte! Anfang 2020 war die Bonpflicht an der Kasse der

größte Aufreger, was musste ich mir da anhören. Vor

zwei Wochen hat mir mein Friseur freudestrahlend den

Bon überreicht, weil er einen Tag vorher wieder aufmachen

und endlich wieder Geld verdienen konnte. Ich

habe mich Anfang des Jahres total über die aufgeregt,

die sich so aufgeregt haben, die Steuerhinterziehung

vor der Bonpflicht war ja real, und die war der Grund

dafür. Auch ich hoffe, in Zukunft bei eher kleinen Sachen

gelassener zu sein.

Gab es Momente wo Du an deinen Grenzen kamst

und Du Angst hattest, es nicht zu schaffen?

Tarek Al-Wazir: Ja, die gab es. Als mein Kollege, Finanzminister

Thomas Schäfer, sich umgebracht hat. Wir saßen

an dem Samstag fassungslos und mit Tränen in

den Augen in der Staatskanzlei und mussten doch alle

weiterarbeiten, auch alle im Finanzministerium, weil

ab Montagmorgen die Soforthilfe für die Wirtschaft beantragt

werden konnte und wir wussten, dass es einen

Riesenansturm geben wird. Das war kaum auszuhalten.

12 JUNI / JULI / AUGUST 2020


Was hat Dir am meisten Kraft gegeben?

Tarek Al-Wazir: Na, so ungefähr jeder Tausendste, der

die Soforthilfe bekommen hat, hat dann auch mal ein

paar nette Zeilen geschrieben, das war dann eine schöne

mail zwischen all den anderen. Und ich sage mir oft:

Es gibt für jeden und jede Einzelne beim Überstehen

dieser Krise kaum einen besseren Ort auf der Welt als

Deutschland, und ich trage da gerade ein Teil dazu bei.

Wie siehst Du die Situation in der nächsten Zeit?

Tarek Al-Wazir: Wenn wir jetzt besonnen bleiben, dann

können wir Schritt für Schritt in ein Leben mit Corona,

aber immer mehr Möglichkeiten gehen. Diese Krise

ist aber noch nicht vorbei, und die Folgen werden uns

noch lange beschäftigen. Wirkliche Normalität wird

es erst dann geben, wenn es einen Impfstoff gibt. Ich

wünsche den Forscherinnen und Forschern viel Erfolg!

MUT&LIEBE / THEMA /

Bewegen

neu lernen…

„…das Unmögliche möglich,

das Mögliche leicht, das

Leichte elegant machen.“

Dr. Moshé Feldenkrais

Feldenkrais

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Donnerstag um 12 und 19 Uhr

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und Feldenkrais

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kliniken im ausnahmezustand–

die enormen leistungen der mitarbeiter*innen und

forderungen für die zukunft

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind die Krankenhäuser

im Ausnahmezustand. Für Krankenpfleger*innen,

Ärzt*innen, Putzkräfte, Klinikköche und

Techniker*innen ist das Virus eine enorme Herausforderung.

Intensivkapazitäten wurden enorm erweitert. Die

Probleme hier waren vielfältig: Nicht allein die

zusätzlichen Geräte zu beschaffen war schwierig,

besonders die Bereitstellung von eingewiesenem

Personal musste gewährleistet werden. Auch wenn

eine Intensivschwester nicht im Schnellkurs ausgebildet

werden kann – die Weiterbildung dauert zwei

Jahre – wurden hier auch zusätzliche Personalkapazitäten

geschaffen, weil Kolleginnen und Kollegen

dies mit ihrer Flexibilität ermöglicht haben. Das alles

JUNI / JULI / AUGUST 2020

geschah vor dem Hintergrund eines schon im Normalbetrieb

knappen Personalstandes. Seit Einführung

des DRG-Systems wurde die Anzahl des Pflegepersonals

über Jahre reduziert, bis zu 50.000 Stellen

in der Krankenpflege wurden „abgebaut“.

Die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di hat bereits

im Jahr 2013 mit dem Personalcheck aufgezeigt, dass

mindestens 162.000 Vollzeitstellen in deutschen

Krankenhäusern fehlen.

Dass die mühsam errungenen Pflegepersonaluntergrenzen

direkt zu Beginn der Krise ausgesetzt wurden

und durch die Aufsichtsbehörden auch Zwölf-Stunden-Schichten

erlaubt wurden, ist eine zusätzliche

Gefährdung des vor der Krise schon hochbelasteten

Pflegepersonals. Hier zeigt sich deutlich, dass ge-

13


MUT&LIEBE / THEMA /

setzliche Personal-Mindestvorgaben erforderlich sind

– darüber muss nach der Krise gesprochen und gehandelt

werden.

In der akuten Notsituation zeigte sich eine enorme

Bereitschaft unkonventionelle Maßnahmen mitzutragen.

Flexibler Einsatz, sowohl die Arbeitszeiten,

als auch die Einsatzorte, wurden von den Beschäftigten

solidarisch mitgetragen. Die Knappheit an

Schutzkleidung, die Angst sich selber anzustecken,

war täglich zu spüren. Die Herausforderungen waren

sehr groß, konnten aber durch gemeinsame Anstrengungen

gemeistert werden. Die Wahrnehmung

in der Öffentlichkeit, das Klatschen vom Balkon für

die Beschäftigten in den Krankenhäusern, das Lob

der Politik für die geleistete Arbeit, die Bezeichnung

Heldinnen und Helden der Coronakrise, Spenden

von Firmen und aus der Bevölkerung, tat der Seele

einfach gut. Anerkennung für den ausgeübten Beruf,

die Bezeichnung systemrelevant, all das haben viele

Beschäftigte in den letzten Jahren vermisst. Auf ihre

Kosten wurde im Gesundheitssystem gespart und

besonders die Politiker, die sonst vehement für eine

Kostenreduzierung und die Schließung weiterer

Krankenhäuser eintraten, sind heute die ersten, die

nicht mit Lob sparen. Auch dieser Umstand wird bei

den Beschäftigten sehr wohl registriert. Es besteht

durchaus die Hoffnung, dass sich jetzt etwas ändert:

Lebensfreude pur!

Bringen Sie Ihr Leben zur Sprache

BiografieAtelier

Rihab Dubau Biografin

www.sunnyside-biografieatelier.de

© ThomBal – AdobeStock

dass die Arbeitsbedingungen nachhaltig verbessert

werden, die Anerkennung des ausgeübten Berufes

sich erhöht, die Bezahlung endlich der Bedeutung

des Berufes für die Gesellschaft angepasst wird.

Für die Zeit nach der Krise wünschen wir uns mehr

Anerkennung für diejenigen, die den Krankenhausbetrieb

aufrechterhalten. Das sind nicht nur Pfleger

und Ärzte. Es bleibt zu hoffen, dass die Kolleginnen

und Kollegen, die in den Krankenhäusern arbeiten,

ihren Bedürfnissen im Rahmen der Tarifrunden nach

der Krise Ausdruck verleihen und eine deutliche Verbesserung

bei Vergütung und Arbeitsbedingungen

durchsetzen, wenn nötig, auch im Arbeitskampf.

Es darf nach der Corona-Krise nicht so weitergehen

wie davor. Der wachsende Kostendruck im Klinikbetrieb

macht es schwer, einem Berufsethos zu folgen.

Wir müssen zurück zu einer patientenorientierten

Versorgung. Dazu braucht es auch weniger Bürokratie

im Alltag und mehr innovative, familienfreundliche

Arbeitsmodelle, um junge Menschen in der

Zukunft für die Berufe im Krankenhaus begeistern

zu können.

Die Forderungen, dass die Beschäftigten in den Krankenhäusern

bessere Löhne, Personalaufstockungen

im Rahmen von Personalmindestbesetzungen (PPR

2.0) bekommen, das Verbot von Zwölf-Tage-Diensten

am Stück, geteilten Diensten und Unterschreitung

der Ruhezeiten beim Wechsel von Spät- auf Frühdienst,

bessere psychologische Betreuung, Fort- und

Weiterbildungen und eine starke Vertretung bei

politischen Entscheidungen, werden nach der Krise

nachdrücklicher als je zuvor geäußert werden.

Wir hoffen, dass wir aus der Corona-Krise mitnehmen,

dass es eine patientenzentrierte und nicht eine ökonomisch

motivierte Gesundheitsversorgung braucht.

Zu wünschen wäre es, dass auch jetzt, während der

Krise, sich die Gesellschaft bei den Beschäftigten der

Krankenhäuser finanziell erkenntlich zeigt, hier wäre

eine Bonuszahlung an die Beschäftigten, wie derzeit

in Bayern umgesetzt, denkbar und willkommen.

Heidi Eckel / Peter Eichler / Holger Renke

(ver.di Betriebsgruppe Sana-Klinikum Offenbach)

14 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

pro familia offenbach

– beratungen per video-chat

und telefon

JUNI / JULI / AUGUST 2020

„Wir sind normalerweise neun Berater in der Geschäftsstelle

und das persönliche Gespräch mit unseren

Klientinnen steht bei uns im Vordergrund. Durch

die Corona-Krise haben wir jedoch einen Digitalisierungssprung

hingelegt, der in dieser Form für uns nicht

vorstellbar war“, erklärt Heike Pinne, die Leiterin der

Geschäftsstelle von pro familia in Offenbach. (Foto:

Mitte)

Pro familia berät Frauen und Paare gemäß dem

Schwangerschaftskonfliktgesetz, bei Konflikten in

der Familie, in der Partnerschaft und in den Feldern

der Sexualpädagogik. Mitte März erhielt pro familia

vom Hessischen Ministerium die Anweisung zur

kontaktlosen Beratung. Heike Pinne musste sich

also überlegen, wie sie für ihre Geschäftsstelle die

Beratung über andere Kanäle realisieren kann, damit

sie und ihre Mitarbeiter*innen weiterhin den

hilfesuchenden Frauen und Paaren zur Verfügung

stehen kann.

Alle mussten sich erstmal mit dem Gedanken abfinden,

dass die Beratungen nun über das Telefon

oder per Video-Chat stattfinden müssen. Eine ungewohnte

Situation und manchmal nicht ganz einfach

umzusetzen. Einerseits musste die Geschäftsstelle

rasch neue Lösungen finden und dabei neue Technologien

einsetzen, die man vorher nicht kannte. Andererseits

verfügen auch die Klientinnen nicht immer

über die notwendige Ausrüstung. Viele Frauen

haben ein Prepaid-Handy, über das sie

Kontakt aufnehmen und nicht immer

Zugang zu einem PC oder Laptop. Hier

bleibt nur die Beratung per Telefon. Die

Klientinnen müssen dann aber auch

einen Ort finden, wo sie sicher und

ungestört telefonieren können, denn

Schwangere, die in Not geraten, oder

Opfer von sexueller Gewalt sind mit

ihren Problemen in der Regel allein.

Die technischen Herausforderungen

für die Online-Beratung hat pro familia

wie folgt gelöst: „Für uns war es wichtig,

dass wir eine datengeschützte Beratung

aus der Geschäftsstelle heraus anbieten

können und trotzdem den Infektionsschutz

beachten“, sagt Heike Pinne. Die

Geschäftsstelle in Offenbach nutzt dafür

das Softwareprogramm ELVI, die

elektronische Visite, die auch Ärzte verwenden. Die

Frauen, die sich bei pro familia melden, bekommen

einen Link geschickt und gelangen in ein virtuelles

Wartezimmer. „Wir bevorzugen den Video-Chat, aber

wenn die Technik gar nicht funktioniert, beraten wir per

Telefon“, erklärt Heike Pinne. In der Geschäftsstelle

arbeiten immer mindestens zwei Personen gleichzeitig.

Das ist auch für die Berater*innen wichtig,

KARIN MÜLLER

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Öffnungszeiten:

Mo. Di. Do. Fr.: 9.00 – 13.00 und 15.00 – 18.00 uhr

Mi. und Sa.: 9.00 – 13.00 uhr

15


MUT&LIEBE / THEMA /

da die Arbeit sonst zu belastend ist und sie sich oft

miteinander austauschen müssen. In Notfällen, wenn

es um schwere Traumata geht und wenn es anders

nicht möglich ist, bieten die Berater auch persönliche

Gespräche an.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten sieht die pro

familia Geschäftsstelle in Offenbach auch Vorteile

in der Öffnung für die digitalen Medien. Denn so ist

man in der Lage, das Angebot für die Zukunft auszurichten

und besonders jungen Menschen andere

Formate anzubieten. Dementsprechend entwickelt

man speziell für Kinder und Jugendliche, bei denen

die Hemmschwelle für neue Kommunikationskanäle

niedrig ist, Formate wie Text-Chat, der zukünftig

auch über datensichere Netzwerke geführt werden

kann. Das Angebot Halte.Punkt – Beratung für Kinder

und Jugendliche bei sexualisierter Gewalt, ist ab

sofort auch bei Instagram zu finden. „Wir wollen den

Jugendlichen in der digitalen Welt entgegenkommen“,

sagt Heike Pinne.

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Zeiten!

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Neben der Beratung für Schwangere gibt es auch

eine Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer

(MBE) über 27 Jahre. Klienten erhalten Hilfe bei der

Suche nach Sprachkursen und bei Anträgen. Über das

Portal www.mbeon.de kann Onlineberatung erfolgen

und Dokumente können auf sicherem Weg hochgeladen

werden.

Durch die wirtschaftlichen Auswirkungen im Zusammenhang

mit der Pandemie sind die Nöte und Sorgen

der Frauen und Paare größer geworden. Viele

der Hilfesuchenden sind stärker von existentiellen

Sorgen bedroht. Kurzarbeitergeld oder Verdienstausfälle

betreffen schließlich junge Familien oder künftige

Alleinerziehende besonders. Insgesamt wird die

Zeit der Kontaktsperre als beängstigend erlebt und

die Entscheidung für ein Kind ist schwerer, berichtet

Heike Pinne. Eine weitere Sorge von werdenden

Müttern gilt der Geburt selbst. Sie fragen sich im

Zusammenhang mit Corona, ob der Partner bei der

Geburt dabei sein kann und wie sicher sie im Krankenhaus

sind.

Die medizinische Soforthilfe nach Vergewaltigungen

steht in beiden Offenbacher Kliniken weiterhin

offen. Bei den hilfesuchenden Frauen wird lediglich

eine mögliche Infektion abgeklärt, dann werden sie

in jedem Fall behandelt. Betroffene Frauen, die sich

zuerst bei pro familia melden, werden mit Rat und

Tat begleitet. Die Telefonzeiten in der Geschäftsstelle

sind unverändert. (www.profamilia.de/bundeslaender/hessen/beratungsstelle-offenbach.html).

„Die Reaktionen auf unser den Vorschriften angepasstes

Angebot sind durchweg positiv“, sagt Heike Pinne.

pro familia ist nun also für die Zukunft gerüstet und

kann digitale Beratung auf der Höhe der Zeit anbieten,

aber alle Mitarbeiter freuen sich, wenn der persönliche

Kontakt mit den Klienten wieder möglich

ist. „Wir haben schon ein bisschen Sehnsucht nach dem

persönlichen Gespräch“, betont Heike Pinne.

pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung,

Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. ist

heute die größte nichtstaatliche Organisation für

Sexual-, Schwangerschafts- und Partnerschaftsberatung

in Deutschland.

Ingrid Walter – walter-wortware.de

www.profamilia.de/bundeslaender/hessen/

beratungsstelle-offenbach.html

16 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

JUNI / JULI / AUGUST 2020

plötzlich

systemrelevant

– die agentur

für arbeit

Es ist noch nicht lange her, dass im Wirtschaftsteil

von Zeitungen und Magazinen die Frage erörtert

wurde, ob man die Bundesagentur für Arbeit heutzutage

überhaupt noch brauche. Angesichts sinkender

Arbeitslosenquoten, dem Mangel an Fachkräften

und einer sich dynamisch entwickelnden Wirtschaft

hatte der Gedanke, dass man die Arbeitsverwaltung

nicht mehr benötige, eine gewisse Popularität.

Zurzeit ist es still geworden um diese Idee. Ob man

die Agentur für Arbeit noch braucht, stellt gegenwärtig

niemand infrage. Ganz im Gegenteil, in Zeiten

von Corona gilt die Agentur für Arbeit, wie viele

andere Verwaltungsbehörden auch, plötzlich als

systemrelevant.

Mit den Maßnahmen rund um das Corona-Virus, dem

Emporschnellen der Kurzarbeiterzahlen und dem

Anstieg der Arbeitslosigkeit erscheint die Behörde

in einem ganz anderen Licht. Ohne darüber nachzudenken,

vertrauen Arbeitgeber, Arbeitnehmerinnen

und Arbeitnehmer spontan in die Funktionsfähigkeit

und Legitimität der Agentur für Arbeit.

Thomas Iser, Leiter der Agentur für Arbeit Offenbach

Mit der neuen Wertschätzung verbinden sich aber

neue Erwartungen. Das bedeutet neue Herausforderungen

und neue Bewältigungsstrategien. Wie ist es

der Offenbacher Arbeitsagentur bisher gelungen, mit

der Krisensituation umzugehen?

Der erste Einschnitt war die Schließung aller Häuser

für den direkten Kundenkontakt Mitte März. Zeitgleich

brach ein Ansturm an Anfragen über alle Kanäle

herein. Unternehmen fragten, ob und wie sie

Kurzarbeitergeld bekommen konnten. Arbeitnehmer*innen

wollten sich arbeitsuchend oder arbeitslos

melden oder wissen, wie sie ihren Termin wahrnehmen

sollen.

Fast alle Mitarbeiter*innen, die bisher in der Berufsberatung

oder Arbeitsvermittlung arbeiteten, wurden

plötzlich in der Telefon-Hotline gebraucht oder

halfen dabei, die Flut an eingehenden Mails zu bearbeiten.

Zusätzlich zu der bestehenden kostenlosen

Hotline 0800 4 5555 00 wurde eine lokale Sammelrufnummer

eingerichtet. Als in den ersten Tagen

stundenweise das Telefonsystem zusammenbrach,

lag es daran, dass der Provider die Anrufflut nicht

bewältigen konnte.

Video- und Telefonkonferenzen gab es schon vor

Corona. Aber schlagartig musste mehr als je zuvor

besprochen werden – und dabei sollte man auf Abstand

bleiben. Allein in der Offenbacher Agentur

mussten 15 Führungskräfte sich in kurzen Zeitabständen

immer wieder auf mehreren Ebenen abstimmen.

Das führte häufig zu kuriosen Situationen,

da die Netze überlastet waren und sich technische

Störungen häuften. Legendär ist jetzt schon der Versuch

von Agenturleiter Thomas Iser, mit vier Handys

und einem Festnetztelefon eine dringend notwendige

Telefonkonferenz zu managen.

Natürlich arbeiten auch bei der Agentur für Arbeit

viele Mütter und Väter, die vom Schließen der Schulen

und Kindergärten betroffen waren. Sie mussten

plötzlich ihre Kinder zuhause betreuen. Manche

konnten auch aus gesundheitlichen Gründen nicht

ins Büro kommen. Mit einem immensen Kraftaufwand

gelang es innerhalb weniger Tage, fast alle

Betroffenen arbeitsfähig zu machen, entweder mit

Laptops oder von ihrem heimischen PC aus. Da die

Agentur für Arbeit über sehr hohe Datenschutz- und

Sicherheitsstandards verfügt, mussten allerhand

Hürden überwunden werden, um allen Anforderun-

17


MUT&LIEBE / THEMA /

gen Genüge zu tun. Dort, wo die Auszahlung von

Geldern, zum Beispiel Arbeitslosengeld oder Kurzarbeitergeld,

bearbeitet wird, wurden das Personal

schrittweise verzehnfacht. Dazu musste rund ein

Drittel der gesamten Belegschaft in Windeseile geschult

werden, um sich die Kenntnisse anzueignen.

Jede Auszahlung wird individuell berechnet und

muss rechtssicher sein.

Gegenwärtig sind mehr oder weniger alle – vom Auszubildenden

bis zum Agenturleiter – mit dem Thema

Kurzarbeitergeld konfrontiert. Das wird voraussichtlich

auch noch eine Weile so bleiben.

Mittlerweile ist eine gewisse Routine eingekehrt in

der Domstraße, auch wenn nach wie vor vieles anders

ist, als vor Corona. Persönliche Kundenkontakte

können weiterhin nur telefonisch oder per Mail stattfinden.

Dabei werden sicher nicht alle Erwartungen

voll und ganz erfüllt werden können. Die meisten

Kundinnen und Kunden zeigen sich aber verständnisvoll,

wenn etwas anders ist, als erwartet.

Auch andere positive Dinge sind zu beobachten. So

gab und gibt es eine große Bereitschaft der Beschäftigten,

sich in neue Zusammenhänge einzuarbeiten.

Alle haben einfach dort angepackt, wo es nötig war -

und konnten auf Hilfsbereitschaft und großen Pragmatismus

anderer zählen. Jeder und jede hilft mit

seinem Wissen denen, die sich an neue Aufgaben

erst herantasten müssen. Eine Kollegin versorgte ihr

Team mit selbst genähten Mund-Nasen-Schutzmasken,

noch bevor sie vielerorts vorgeschrieben waren.

Eine andere hat ihre Empfindungen rund um Corona

in einem gemalten Bild zum Ausdruck gebracht.

Der Personalrat versendet einen Newsletter, in dem

Kolleginnen und Kollegen ihre Gedanken ungefiltert

mitteilen können. Und man verabschiedet sich seltener

floskelhaft „mit freundlichen Grüßen“ oder „Auf

Wiedersehen“, sondern fügt manchmal noch etwas

hinzu: Bleiben Sie gesund!

www.arbeitsagentur.de/offenbach

Besuchen Sie unsere Website oder rufen Sie uns an!

Wir sind auch mit Abstand für Sie da

Auch wenn wir derzeit auf persönliche

Kontakte verzichten müssen, sind wir

weiterhin Ihr Ansprechpartner bei allen

Fragen rund um Ausbildung und

Arbeitsmarkt. Wir sind per Mail und am

Telefon für Sie erreichbar.

Nutzen Sie auch unsere eServices.

Agentur für Arbeit Offenbach

www.arbeitsagentur.de/offenbach

E-Mail: Offenbach@arbeitsagentur.de

Tel.: 0800 4 5555 00 oder 069/82997103

18 JUNI / JULI / AUGUST 2020

Publication name: Anz. 3-sp.M&L_Corona generated: 2020-05-11T14:12:05+02:00


19


MUT&LIEBE / THEMA /

Mut zum Neustart

mut zahlt sich aus!

kommunales jobcenter

unterstützt beim sprung in

die selbstständigkeit

beraten

qualifizieren

fördern

Berliner Straße 190 • 63067 Offenbach a. M.

www.mainarbeit-offenbach.de

„Mut machen ist in einem Jobcenter eine ganz

wichtige Aufgabe. Ohne Zuversicht und den Glauben

an sich und den Erfolg können schwierige Situationen

in der beruflichen Laufbahn nicht überwunden

werden,“ ist Susanne Pfau überzeugt, Bereichsleiterin

und stellvertretende Geschäftsführerin des

Offenbacher kommunalen Jobcenters MainArbeit.

In der Corona-Krise mussten auch viele Selbstständige

dort Leistungen zum Lebensunterhalt

beantragen. Die Leistung orientiert sich an den

Einkommens- und Vermögensverhältnissen der

Familie und sichert Lebensunterhalt und Miete.

Das Jobcenter ist auf die Zielgruppe der Selbstständigen

gut vorbereitet. Ein speziell geschultes

Team kümmert sich sowohl um die Berechnung

der Geldleistungen als auch um die Beratung bei

der Überwindung der Notlage. Das ist zuweilen

sehr komplex, wie Pfau zu berichten weiß. „Jeder

Betrieb ist anders aufgestellt. Es ist oft sehr aufwändig,

die Gewinne, Verluste und die notwendigen

ergänzenden Geldleistungen korrekt zu ermitteln.

Deshalb haben wir ein Team mit spezialisierten

Experten für die Selbstständigen gebildet.“ Wichtiges

Ziel sei, dass das jeweilige Geschäft wieder

zum Laufen gebracht werde. Maximal zwei Jahre

gebe man sich bei der MainArbeit dafür. Damit

das klappt, bietet die MainArbeit umfangreiche

Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeit für

Selbstständige und Gründer.

Von einem „idealtypischen Fall“ berichten Pfau

und Sabine Hofmann, stellvertretende Teamleiterin

des Fallmanagements für Selbstständige.

Herr N. hatte zwar Arbeit, war aber über sieben

Jahre auch auf ergänzende Leistungen von der

MainArbeit angewiesen. Anfang dieses Jahres

wendete sich sein berufliches Schicksal. Er konnte

als Selbstständiger in den Lebensmittelladen

einsteigen, in dem er selbst seit einiger Zeit angestellt

war.

20 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

„Der Inhaber wollte kürzertreten und verkaufen“, berichtet

Herr N. Er entschloss sich, den Sprung zu

wagen und das Geschäft selbst zu übernehmen.

MainArbeit-Fallmanagerin Sabine Hofmann ist Expertin

für Fragen der Selbstständigkeit.

„In einem Gespräch konnten wir klären, dass der Kunde

die nötigen Kompetenzen und fachlichen Vorkenntnisse

mitbringt. Er kannte das Geschäft, die Umsätze

und den Kundenstamm,“ berichtet sie. „Das war ideal.“

Geld für den Start konnte er sich privat leihen. Die

MainArbeit kann bei passenden Voraussetzungen

ein zinsloses Darlehen in Höhe von bis zu 5.000

Euro gewähren. Das musste jetzt nicht in Anspruch

genommen werden. Außerdem habe Herr N. sich

im Vorfeld bei einem Steuerberater informiert und

wichtige Fragen geklärt, zum Beispiel die eigene

Krankenversicherung, die er nun abschließen musste,

ergänzt die MainArbeit-Expertin. Die MainArbeit

klärte auch, dass noch so lange Unterstützungsleistungen

gezahlt werden, bis das Geschäft genug

abwirft, um Herrn N. und seine Familie zu ernähren.

Es war allerdings wichtig, das Ziel klar ins Auge zu

fassen und Zwischenschritte zu vereinbaren.

„Eine dauerhafte Finanzierung von selbstständigen

Existenzen entspricht nicht unseren Grundsätzen. Wir

helfen beim Start und bei der Entwicklung. Aber dann

muss es ohne öffentliche Hilfe weiterlaufen,“ kommentiert

Susanne Pfau, Bereichsleiterin bei der Main-

Arbeit. Zur Hilfe der MainArbeit gehört bei Bedarf

auch der Einsatz von Unternehmensberatern, um das

Geschäftskonzept zu optimieren und Hindernisse bei

der Geschäftsentwicklung aus dem Weg zu räumen.

„Das Glück bei Herrn N. war, dass die Zahlen, die er vom

Vorbesitzer hatte, in Ordnung waren und der Finanzplan

sich als realistisch erwiesen hat“, so Pfau.

„Sein Mut hat sich ausgezahlt“, resümiert Sabine Hofmann.

„Das Geschäft läuft trotz Corona-Krise gut. Ergänzende

Leistungen für den Unterhalt sind nicht mehr

erforderlich.“

Maria Hummel, MainArbeit

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JUNI / JULI / AUGUST 2020

21


MUT&LIEBE / THEMA /

umschlagplatz für engagement und masken:

freiwilligenzentrum offenbach

Auch im Freiwilligenzentrum ist seit Mitte März,

wie überall sonst auch, alles anders. Der normale

Betrieb – die Koordination ehrenamtlichen Engagements

in Offenbach – ruht mehr oder weniger.

Stattdessen koordinieren die Mitarbeiterinnen in

Kooperation mit der Stadt hauptsächlich Corona-

Hilfen. Im April sprachen wir mit der Leiterin

Sigrid Jacob.

„Ab 13. März waren alle ehrenamtlich Engagierten

plötzlich ‚arbeitslos‘. Alle Kontakte wurden untersagt“,

erklärt Sigrid Jacob. „Das bedeutete für uns, dass alle

Aktivitäten unserer ehrenamtlich Engagierten in den

Spieletreffs, Senioren- und Sprachcafés, Schulen und vielen

anderen Bereichen von einem auf den anderen Tag

eingestellt werden mussten."

Das Freiwilligenzentrum ist in Offenbach die Schnittstelle

zwischen Bürger*innen, die sich engagieren

möchten, und Organisationen und Einrichtungen, die

Ehrenamtliche suchen. Auch Fortbildungen, Qualifizierungen,

Beratung und Abwicklung sind normalerweise

weitere Arbeitsbereiche. „Und einfach alles

digital abwickeln? Das funktionierte nicht, denn Engagement

ist in den allermeisten Fällen mit Kontakten und

Begegnung verbunden“, stellt Sigrid Jacob fest. „Soziale

Kontakte sind für viele ja gerade auch ein Grund, ehrenamtlich

aktiv zu werden. Es kamen aber sofort Anfragen

nach anderen Möglichkeiten, sich einzubringen.“

Im Zuge der Corona-Hilfe waren schon bald um die

300 Menschen aller Altersgruppen im Freiwilligenzentrum

gelistet. Gemeinsam mit der Stadt und anderen

Organisationen wurde es zur koordinierenden

Stelle für Helfer*innen und Hilfesuchende. „Wir haben

in dieser Zeit wieder so viele aufgeschlossene und interessante

Menschen aus unserer Stadt kennengelernt.“

In erster Linie werden Einkaufsdienste für Menschen

organisiert, die der Risikogruppe angehören. Das Freiwilligenzentrum

vermittelte Kontakte, die möglichst

in der Nachbarschaft liegen und als Tandem dann für

die Dauer des Bedarfs bestehen bleiben. Als die Tafel

ihre Öffnungszeiten einschränken musste, übernahmen

einige Freiwillige auch eine Art Lieferservice für

einzelne Kund*innen.

Mit der Sprachkompetenz der Integrationslots*innen

des Freiwilligenzentrums wurden die wichtigen Corona-Infos

schnell in viele Sprachen übersetzt und im

Netz für alle zugänglich gemacht. Auch Lotsenaktivitäten

finden nach wie vor statt, häufig telefonisch

oder mit dem gebührenden Abstand.

Das Freiwilligenzentrum ist auch eine Art Umschlagplatz

für Masken. Als das Netzwerk „Frauen für Offenbach“

zum Nähen und Spenden solcher Masken

aufrief, hat das Freiwilligenzentrum die Aufgabe übernommen,

diese zu sammeln, zu verpacken und karitativen

Einrichtungen zur Verfügung zu stellen. Auch

22 MÄRZ / APRIL / MAI 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

können sich dort Nähwillige mit gespendeten Stoffen

und Nähmaterial versorgen.

Sigrid Jacob und ihr Team blicken bereits nach vorne.

„Unsere für das Frühjahr geplanten Veranstaltungen

konnten, wie überall, leider nicht stattfinden. So musste

die Übergabe der Ehrenamts-Card, ein Stadtspaziergang

mit Anton Jakob Weinberger und auch die Lesung mit

Franz Müntefering zu seinem neuen Buch 'Älterwerden

in dieser Zeit' abgesagt werden", bedauert Sigrid Jacob.

„Wir sind bereits auf der Suche nach neuen Terminen."

Für die 'Nach-Corona-Zeit' sieht Jacob aber auch positive

Effekte aus der aktuellen Krise für das Freiwilligenzentrum:

„Wir haben gesehen, dass viele Menschen

gerade für ein kurzzeitiges Engagement erreichbar sind

und wir wollen aus diesen Erfahrungen gemeinsam mit

den Helfer*innen Ideen auch für andere ehrenamtliche

Bereiche weiterentwickeln. Die Bereitschaft, sich zu engagieren,

ist da und die vielen positiven Rückmeldungen

sind auch für die Helfenden eine schöne Erfahrung."

Weitere Infos: fzof.de/corona-und-engagement/

Einkaufshilfen und Unterstützung vermitteln

auch folgende Organisationen (Infos für Freiwillige

und Hilfesuchende / Stand Mai 2020 ):

Jusos OF: jusos.of@gmail.com

Junge Union OF: www.die-einkaufshelden.de

Initiative "Solidarisch trotz Corona":

Nachbarschaftshilfe-Telefon: 069 34690680

(täglich 15.00 - 18.00 Uhr)

(v.l.nr.): Sigrid Jacob (Freiwilligenzentrum), Christine Sparr (Tafel

Offenbach) und Viola Schwenke (Netzwerk 'Frauen für Offenbach')

JUNI / JULI / AUGUST 2020

masken-aktionen

vom netzwerk'frauen

für offenbach'

In 'normalen' Zeiten organisiert das Netzwerk

'Frauen für Offenbach' Veranstaltungen, Ausflüge,

Treffen und Besichtigungen um Kontakte zu

knüpfen, sich kennenzulernen, die Vielfalt

Offenbachs zu erkunden und sich davon bereichern

zu lassen. Aktuell mussten alle geplanten

Termine abgesagt werden. Die Netzwerk-Frauen

engagieren sich stattdessen bei der Beschaffung

und Verteilung von Behelfsmasken.

Das neue Jahr startete für unser Netzwerk ‚Frauen

für Offenbach‘ eigentlich sehr schön: Zu Besuch in der

Etagerie, Frauenfrühstück im StartHaus und ein Spielund

Bastelnachmittag für Familien aus Notunterkünften,

gemeinsam mit der Caritas. Der Bastelnachmittag

fand Anfang Februar statt. Entsprechend haben wir

dieses Mal mit den Kindern Faschingsmasken gebastelt.

Zu dem Zeitpunkt konnte noch keiner ahnen,

dass Masken bald eine besondere Bedeutung

bekommen würden. Kurz nach dem Maskenbasteln

mussten wir unsere weiteren Veranstaltungen ausnahmslos

absagen und wie alle anderen Bürger*innen

auch unsere privaten Kontakte auf ein Minimum

reduzieren.

Dass wir in dieser Zeit als Netzwerk

nicht tatenlos sein können, war uns

bald klar. Wir entschieden zu prüfen,

an welcher Stelle wir sinnvoll helfen

könnten. Bei einem Gespräch mit dem

Gesundheitsamt erfuhren wir, dass die

Beschaffung von Behelfsmasken ein

großes Thema sein wird.

Direkt im Anschluss haben wir uns

an die Planung gesetzt, jede für sich

und mit vielen Telefonaten natürlich.

Wir haben Schnittmuster gesichtet,

zur Probe genäht, Materialpreise berechnet

und Materialien besorgt. Seit

unserem offiziellen Aufruf am 3. April

2020 haben wir bis Anfang Mai über

1300 Maskenspenden erhalten. Schlichte und bunte,

große und kleine. Auch Kindermasken waren dabei,

23


MUT&LIEBE / THEMA /

die wir gerne im Theresien Kinder- und Jugendzentrum

abgegeben haben. Die Spenden kamen

von Menschen aus der Stadt Offenbach, aus dem

Kreis und aus allen Teilen der Bevölkerung.

Das Freiwilligenzentrum Offenbach unterstützte

unsere Aktion ebenso wie der Ehrenamtsbeauftragte

der Stadt Offenbach von Beginn an, und

nahm einen sehr wesentlichen Teil ein. Denn das

FzOF nahm die Masken entgegen, gab die Materialspenden

aus und verteilte auch Masken an soziale

Institutionen. Ohne das Freiwilligenzentrum

hätte die Aktion in diesem Ausmaß nicht stattfinden

können.

Wir bekamen auch viele Anfragen von bedürftigen

Menschen außerhalb sozialer Institutionen, die der

Maskenkauf vor finanzielle Probleme stellte. Hier

sahen wir unsere Masken auch an der richtigen

Stelle platziert.

Mit der Einführung der Maskenpflicht, wurde Herr

Richter vom Edeka Aktiv Markt Richter auf unsere

Aktion aufmerksam und hatte die Idee, dass wir

Masken vor dem Supermarkt an seine Kunden verkaufen

können. Hierfür bestellten wir Masken bei

einer Offenbacher Schneiderin und verkauften sie

in einer gemeinsamen Aktion mit dem Ladies‘ Circle

Offenbach i.G. zum Einkaufspreis. Herr Richter

unterstützte unsere Aktion, in dem er 5 Euro pro

verkaufter Maske und insgesamt 500 Euro an das

Frauen- und Kinderhaus Offenbach spendete.

Noch immer verteilen wir fleißig Masken und sind

auch bereit, wenn das Virus es verlangt, weitere

Aufrufe zu starten. An fleißigen Helfer*innen fehlt

es in unserer Stadt jedenfalls nicht!

Viola Schwenke

Kontakt: www.frauen-fuer-offenbach.de

bücher sind

überlebensmittel

– bam buchladen

am markt

Dass Bücher sehr wohl zum Überleben notwendig

sind, bekommen Andrea Tuscher und ihre Mitarbeiterinnen

im Buchladen am Markt gerade deutlich zu

spüren – und die Buchhändler*innen tun alles dafür,

ihren Kundenstamm auch weiterhin zu pflegen. Seit

dem 20. April ist das Geschäft wieder geöffnet und

die Menschen kommen wieder persönlich in den beliebten

Buchladen. Immer vier Stück an der Zahl und

nur mit Maske. „Die erste Woche nach dem Lockdown

war schon schön. Viele Kunden haben uns Blumen geschenkt

oder kamen einfach so mal vorbei, um uns zu

sehen“, erzählt Andrea Tuscher. „Samstags ist das mit

der begrenzten Anzahl etwas schwierig, weil viel los ist.

Ansonsten klappt das gut“, ergänzt sie.

Zuvor haben die Buchhändler*innen jeden Tag bis zu

70 Auslieferungen gestemmt. Und als Anfang April

bestimmt wurde, dass der BAM den Kunden keine

Bücher zur Abholung mehr bereitstellen durfte, war

das ein schwerer Schlag. „Wir kämpfen ums Überleben“,

erklärt die BAM-Chefin, die den Buchladen am Markt

vor acht Jahren übernommen hat. Dieser hat sich mit

viel Fingerspitzengefühl, einer engagierten Beratung

und spannenden Lesungen zu einem kulturellen Zentrum

am schönsten Platz der Stadt entwickelt.

Die Bestimmungen in der Vierten Verordnung zur Bekämpfung

des Corona Virus untersagen unter anderem

eine Abholung von Waren beim stationären Handel.

Das bedeutete, dass der BAM seitdem komplett vom

Versandgeschäft abhängig war, was sich nun wieder

etwas entzerrt hat. Über die Sinnhaftigkeit der Verordnung

zu diskutieren, blieb den Buchhändlerinnen indessen

nicht die Zeit, obwohl sie die Maßnahme nicht

verstanden, denn wie für viele Kunden zählen für sie

Bücher zu den Lebensmitteln. In der Krise entpuppen

sie sich sogar zu wahren Überlebensmitteln.

So plötzlich wie die Umstellung durch die Regeln im

24 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

© lemnitzer-fotografie

Zusammenhang mit dem Virus kamen, gab es keine

Zeit, um Prozesse in Ruhe aufzusetzen. Andrea Tuscher

musste mit drei bis vier Mitarbeitern telefonische

oder Online-Bestellungen aufnehmen, Bücher beim

Großhandel bestellen, vorrätige Bücher verpacken

und Rechnungen schreiben – das alles zwischen 9 bis

17 Uhr. Daneben werden Buchempfehlungen auf die

Webseite gestellt, die Facebook-Seite mit aktuellen

Posts bestückt und der E-Mail-Verkehr beantwortet.

Zwei Boten, das sind derzeit studentische Hilfskräfte

aus dem engeren Familien- oder Angestelltenkreis,

liefern die fertigen Sendungen dann zwischen 10 und

16 Uhr mit Auto oder Fahrrad in Offenbach und Umgebung

sowie in Oberrad und Sachsenhausen aus.

„So dankbar wir für die vielen Bestellungen unserer

Kunden sind, haben wird doch bemerkt, dass wir kein

Logistikunternehmen sind und an unsere Grenzen kommen.

Wir haben weder die Hard- noch die Software,

um den Aufwand, der mit dem Versand der Bücher verbunden

ist, gewinnbringend zu gestalten“, sagt sie und

erklärt, dass sie dafür beispielsweise mehr Telefonarbeitsplätze

bräuchte, eine Versandabteilung und

mindestens einen Mitarbeiter, der allein den Versand

koordiniert. Dass die Marge bei Büchern nicht wahnsinnig

hoch ist, konnte man auch daran bemerken,

dass der Liefergigant Amazon bis Anfang April gar

keine Bücher auslieferte, sondern sich auf lukrativere

„Produkte“ konzentrierte. Das war auch eine schlechte

Nachricht für Verlage, die sowieso von der Krise stark

JUNI / JULI / AUGUST 2020

betroffen sind, weil keine Veranstaltungen stattfinden

können.

Andrea Tuscher ist klar, dass sie nicht mit dem Riesenplayer

konkurrieren kann, denn wenn man keine

perfekten Strukturen für den Versandhandel hat, rentiert

er sich nicht. „Ich zahle weiterhin gute Löhne und

wir machen keine Kurzarbeit. Das soll auch so bleiben.

Denn der Buchhandel ist nun mal nicht mit dem normalen

Einzelhandel vergleichbar“, betont die Buchhändlerin

aus Leidenschaft. Sie möchte auf Dauer

kein reines Online-Geschäft

betreiben, denn das Alleinstellungsmerkmal

des BAM

ist die persönliche Beratung.

Normalerweise kamen jeden

Tag 40 bis 70 Kunden in den

Laden. Diese hatten nicht

immer einen bestimmten

Buchwunsch, sondern ließen

sich auch gern inspirieren.

„Das Bummeln und Stöbern

fällt nun weg“, sagt sie.

Buchtipp BAM:

Der neue autobiografische

Roman von Frank Witzel:

Inniger Schiffbruch, 2020

Matthes & Seitz Verlag, Berlin

ISBN: 978-3-95757-838-9

Preis: 25,00 €

Auch für die Offenbacher Autorinnen und Autoren ist

der BAM eine wichtige Anlaufstelle. Sei es, um selbst

Lesestoff für Recherchen zu bestellen, Flyer für kommende

Lesungen auszulegen oder ein Gefühl für den

Verkauf der eigenen Neuerscheinung zu bekommen.

Ein Autor, der sozusagen um die Ecke wohnt, ist Frank

Witzel. Er sprach nun per Telefon mit Andrea Tuscher

über seine Situation und dass eine geplante Lesung

aus seinem Anfang März erschienen Roman „Inniger

Schiffbruch“ (Matthes & Seitz Verlag Berlin) in der

Frankfurter Romanfabrik wohl per Live-Streaming

über die Bühne gehen würde – was allerdings auch

25


MUT&LIEBE / THEMA /

einen gewissen Honorarverlust für ihn bedeute.

Aber schließlich leiden auch die Veranstalter

in diesen schwierigen Zeiten.

„Alle geben ihr Bestes und machen irgendwie

weiter“, sagt Andrea Tuscher. Auch für sie wird

die Krise eine finanzielle Durststrecke, denn

wie immer sind im ersten Quartal 2020 viele

Kosten angefallen, zum Beispiel die hohe Gewerbesteuer

und zahlreiche Versicherungspolicen.

Hinzu kommt, dass die Miete am Standort

hoch ist und man für die Kredite bei den

Banken Wartezeiten einrechnen muss. „Leicht

wird es einem nicht gemacht“, sagt sie. Denn

selbstverständlich hat man, bevor der Lockdown

kam, auch nochmal tüchtig Neuerscheinungen

bestellt. Ein Buch, das sie durch die

Krise begleitet, ist tatsächlich „Inniger Schiffbruch“,

von Frank Witzel. Die Beschäftigung mit

dem Nachlass seines verstorbenen Vaters hat

im Erzähler Erinnerungen wach gerufen. Eine

Kindheit voller Disziplinierungsmaßnahmen

wie Hausarrest, Tonband- und Fernsehverbot

entspinnt sich. „Das hat mich sehr berührt“, sagt

Andrea Tuscher.

Ingrid Walter, walter-wortware.de

© Terra Viva e.V.

ein bioladen für

mich alleine...

Ein Laden für mich alleine, wo ich einmal in der Woche

einkaufen kann und alles da ist, was ich bestellt habe...

So sieht das Einkaufskonzept der Offenbacher FoodCoop

Terra Viva e.V. in Coronazeiten aus.

„Gerade in der jetzigen Situation, in der Einkaufen in Supermärkten

das Risiko der Ansteckung birgt, sind wir froh über

unsere Foodcoop", erklärt Birgit Lorberg von Terra Viva e.V.

2013, nach dem Ende des Bioladens im Nordend (Domstr.

/Ecke Taunusst., heute ist dort die Etagerie), suchte sie gemeinsam

mit Freunden nach einer Möglichkeit, das Angebot

an hochwertigen Bio-Lebensmitteln im Viertel zu

erhalten.

„Die Rückmeldung auf unsere Zettelaktion

im Bioladen war enorm. Fast 100 Leute

meldeten sich und waren interessiert an

einer selbstorganisierten Foodcoop. Die

ersten Treffen fanden noch im Lokschuppen

im alten Hafen 2 statt. Schnell war

klar, dass die Ziele und Motivationen in

der Gruppe vielfältiger waren und man

mehr erreichen wollte, als nur Bioprodukte

zu kaufen. Es ging und geht um

eine nachhaltige, umwelt- und sozialverträgliche

Ernährung. Wir möchten

Nahrungsmittel wieder mehr wertschätzen,

Verpackungsmüll reduzieren, den

Fleischkonsum verringern, lange Transportwege

und den zu hohen Energieund

Ressourcenverbrauch vermeiden und wieder mehr Transparenz

beim Einkauf unserer Lebensmittel herstellen."

26 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

Nach den ersten Diskussionsrunden blieb ein harter

Kern von ca. 20 Menschen übrig, die das Projekt umsetzten

und bis heute tragen. Gemeinsam wird der

Einkauf in den von den Mitgliedern zuvor bestellten

Mengen frisch und unverpackt von Erzeugern aus

der Region organisiert. So u.a. Gemüse von Querbeet

vom Pappelhof, Brot von Mulinbeck (Büdingen) und

ab und zu auf Wunsch Fleisch vom Patershäuser Hof.

Bei Mehl, Kaffee, Aufstrichen, Reis oder Nudeln achtet

man auf fairgehandelte Produkte. Zu den regionalen

Betrieben bestehen mittlerweile persönliche

Kontakte, man besucht die Höfe und kennt die Produktionsbedingungen

vor Ort.

„Von immenser Wichtigkeit ist für uns die selbstverantwortliche

Organisation unserer Aufgaben und das

Engagement der einzelnen Mitglieder*innen. Konkret

heißt dies, dass jede*r Verantwortung übernimmt und

in unterschiedlichen Bereichen aktiv daran beteiltigt

ist, mit Erzeuger*innen Kontakt zu halten, die Bestellprozesse

zu betreuen, die Waren in unsere "Speisekammer"

einzupflegen und einmal wöchtliche eine Warenausgabe

zu realisieren."

Die "Speisekammer" in der Bettinastraße 25 ist jeden

Samstag für die Foodcoop Mitglieder*innen geöffnet

und bietet neben dem Einkauf eine schöne Gelegenheit

zum Treffen und Austausch. Zur Zeit werden

die bestellten Waren allerdings einzeln, nach vorher

eingetragenen Terminen abgeholt, um Kontakte zu

vermeiden. Was sich nach einem großen, organisatorischen

Aufwand anhört, laufe Dank Exeltabellen

und Doodlelisten reibungslos und auch der zeitliche

Einsatz halte sich in Grenzen, berichtet Birgit. Die

Mitglieder*innen teilen sich in verschiedene Arbeitsgruppen

auf (z. B. Erzeugergruppe, Warenausgabe...)

und kümmern sich um die jeweiligen Aufgaben, alle

zwei Monate gibt es noch ein gemeinsames Treffen.

„Insgesamt sind wir eine tolle Gruppe und ein schönes

Netzwerk mit viel Austausch und Aktivitäten. Wir organisieren

auch verschiedene Veranstaltungen, wie das

traditionelle Weihnachtsbacken im Stadtteilbüro Nordend,

Filmabende oder gemeinsame Ausflüge", erzählt

Brigit. „Wir freuen uns aber auch jederzeit über neue

Mitglieder*innen, weitere Infos und Kontakttelefon findet

man auf unserer Homepage www.terraviva-of.de."

Kontakt: www.terraviva-of.de

Taste

it all.

WHISKY, GIN, RUM & WEIN

die

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BERNARDSTRASSE 63 A •

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DO 15–20 UHR, SA 13–17 UHR

JUNI / JULI / AUGUST 2020

27


MUT&LIEBE / THEMA /

ein kaltstart mit lastenrad

Lisa Schumacher, die neue Inhaberin der Steinmetz’sche Buchhandlung,

freut sich über die Rückkehr zum Verkauf im Laden

© Christina Dirlich

Das hatte sich Lisa Schumacher ganz anders vorgestellt.

Sich selbstständig machen mit einer Buchhandlung

– davon hatte sie schon lange geträumt.

2019 reifte der Traum zu einem konkreten Plan. Die

Steinmetz’sche Buchhandlung – das Offenbacher Traditionshaus

in Sachen Literatur – wollte sie weiterführen.

Doch als es so richtig losgehen sollte, da stand

die Welt wegen der Corona-Pandemie still.

Eigentlich kaum vorstellbar: Lisa Schumacher übernahm

einen geschlossenen Laden. Der 1. April sollte

ihr erster Tag als neue Inhaberin sein. Als sich am

17. März herausstellte, dass die Buchhandlung würde

schließen müssen, befand sich Lisa Schumacher

gerade in der Einarbeitungsphase, in der ihr ihre Vorgängerin

Helma Fischer zur Seite stand. „Da hat sich

bei mir der Schalter umgelegt“, sagt Schumacher. Sie

realisierte, dass aus der behutsamen Übergabe der

Buchhandlung – wie sie sich das vorgestellt hatte –

nichts werden würde. Und wechselte in den Krisenmodus.

Von einem Tag auf den anderen verwandelte sich

das Unternehmen in eine Versandbuchhandlung. Für

Lisa Schumacher bedeutete das: ein Logistikunternehmen

zu organisieren. Sie platzierten die Schaltzentrale

mit Telefonen und Computern im Keller des

Ladengeschäfts. Und lieferten die Bestellungen mit

dem Lastenrad aus. „Das war natürlich ganz anders als

das, worauf ich mich lange gefreut hatte“, so Schumacher.

Ein Dreivierteljahr hat Lisa Schumacher auf ihre

Selbstständigkeit hingearbeitet. Absolvierte eine

Gründungsberatung, schrieb einen Businessplan,

verhandelte mit Banken. Ihren Vertrag am Literaturhaus

Frankfurt ließ sie Ende 2019 auslaufen. Dort

hatte sie das Bildungs- und Vermittlungsprogramm

„Kolleg Schöne Aussicht“ mitgestaltet, in dem sie mit

Schulklassen, Kindern und Jugendlichen arbeitete.

Seit ihrem Studium der Germanistik, Romanistik und

Psychoanalyse hatte sie im Literaturhaus Frankfurt

eine richtig gute Zeit. Dennoch trieb sie der Wunsch

nach Unabhängigkeit um.

Die Freude an der Selbstständigkeit liegt bei Schumacher

in der Familie. Ihre Eltern führen heute ein

Hotel. „Sie haben sich nie über ihren Job beschwert“,

sagt Lisa Schumacher. Und da die Literatur neben

dem Tanzen zu ihren großen Leidenschaften zählt,

war klar, dass es eine Buchhandlung sein sollte. „Ich

kann gut verkaufen, kenne mich mit Literatur aus und

28 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

unterhalte mich gern darüber“, erklärt Schumacher.

Nach der Geburt der zweiten Tochter zog

die Familie 2018 nach Offenbach. „Wir sind hier

wahnsinnig gut aufgenommen worden“, freut sich

Schumacher. Die Steinmetz’sche Buchhandlung

wurde zu ihrer Stammbuchhandlung. Und als

sie auf der Internetseite des Börsenvereins des

Deutschen Buchhandels das Inserat las, dass

ausgerechnet diese Buchhandlung zum Verkauf

stand, da fasste Lisa Schumacher ihren Plan.

Erst mit der schrittweisen Wiedereröffnung des

Ladens in der Frankfurter Straße Mitte April löste

sich bei Lisa Schumacher die Anspannung über

die Krisensituation. Und die Freude über ihren

Buchladen kehrte zurück. „Es fühlt sich für mich

jetzt richtig an.“ Die vier Mitarbeiterinnen und

den Boten hat sie übernommen. Die Zeit der

Ladenschließung hat das Team gut genutzt.

Während den treuen Kunden Bücher nach

Hause geliefert wurden, bekamen im Laden

Regale und Boden einen neuen Schliff.

Und auch, wenn längst noch nicht alles normal

läuft und Lisa Schumacher ihre Pläne zum

Beispiel für Lesungen und Veranstaltungen für

Kinder weiter zurückstellen muss, so fühlt sie

sich doch gestärkt durch den Kaltstart, den sie

hinlegen musste.

„Wenn ich das in den nächsten Monaten hinbekomme,

dann kann mich als Unternehmerin nichts

mehr umhauen“, ist sie überzeugt.

Christina Dirlich

Buchtipp:

Moritz von Uslar:

Nochmal Deutschboden.

Meine Rückkehr in die

brandenburgische Provinz

2020, Kiepenheuer & Witsch, Köln

ISBN: 9783462053258

Preis: 22,00 €

Zehn Jahre nach seinem ersten Buch über Zehdenick kehrt

Moritz von Uslar – Reporter der Zeit – zurück in die ostdeutsche

Kleinstadt. Noch einmal mietet er sich drei Monate dort

ein, um sich in das Innenleben des brandenburgischen Ortes

zu vertiefen.

2009 hatte er sein erstes Porträt über Zehdenick geschrieben

– auf den Bestseller folgte die Verfilmung. Im Blick: Alltagsbeobachtungen

einer von Hartz 4-geprägten Gesellschaft

und die kleinstädtische Jugendkultur. Literweise Bier, hoher

Fremdschämfaktor und die Band 5 Teeth Less. Im Hintergrund

surrte die Nachwendezeit immer mit, genau wie die

damals so offen gelebte rechte Jugendkultur. Wer einen Eindruck

bekommen wollte, wie sich das platte Land im Osten

anfühlt, der musste dieses Buch lesen.

Nun, 2019, die Frage, was aus all dem geworden ist.

Der Autor bleibt seinem ehrlichen, so herrlich schnoddrigen

Stil treu. Kneipen haben zugemacht, andere neu eröffnet.

Flüchtlinge leben in der Kleinstadt. Die AFD ist auf den Plan

getreten. Viele der Protagonisten von 2009 trifft der Leser

wieder. Wie bei alten Bekannten ist er neugierig darauf wie

es weiterging in ihrem Leben. Von Uslar sieht tief in die

ostdeutsche Seele und bringt so den Zustand der gesamtdeutschen

Gesellschaft auf den Punkt.

— — — — —

Räder für alle

— — — — —

Mo geschlossen,

Di–Fr 10–18 Uhr, Sa 10–14 Uhr

Reparatur/Beratung/

Werkstatt/Probefahrt/

Kaffee/Kino/Kultur

Starkenburgring 4/

Ecke Senefelderstraße

63069 Offenbach

T 069 83838344

www.artefakt-offenbach.de

E laden@artefakt-offenbach.de

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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MUT&LIEBE / THEMA /

ESRA A., 17

Am 13. März wurden wir mit Nachrichten bombardiert,

dass die Schulen in den nächsten fünf Wochen

geschlossen bleiben. Schon davor hatte ich die Hoffnung,

dass das Virus schnell bekämpft wird und dass

daraus nicht eine große Sache wird. Doch das war

nicht der Fall. Als wir alle mitbekommen haben, dass

die Schulen schließen werden, haben sich viele am

Anfang gefreut, aber später war das nicht mehr so.

Viele hatten Angst um ihr Leben, weil wir uns vielleicht

auch anstecken und es weitergeben könnten.

Ich dachte die ganze Zeit an meine Familie, weil Vorerkrankungen

nicht gut sind, wenn man das Virus hat.

Mein Kopf war bei meinem Vater, der Diabetes hat.

Trotz Diabetes musste er zum Frankfurter Flughafen,

um zur Arbeit zu gehen. Jeden Tag wurde die Angst

größer, dass er sich ansteckt. Denn dann wäre alles

aus. Er ging immer mit Angst zur Arbeit. Sein Arbeitsfreund

lag im Koma durch das Virus.

Nach dem Wochenende wurden uns so viele Arbeitsaufträge

gegeben, die wir in den ersten drei Wochen

bearbeiten mussten. Es gab keinen Tag, wo ich Pause

gemacht habe. Denn diese Arbeitsaufträge werden als

eine Klassenarbeit benotet. Ich kann euch versichern,

dass sich alle Schülerinnen und Schüler gestresst gefühlt

haben.

Jeder Tag war derselbe, wie der vorherige. Für mich

heißt das: lernen, putzen, auf meine Cousinen aufpassen

und vielleicht versuchen, meinen Tag zu verschönern.

Auf einmal wurde das Corona-Virus eine große Sache

in den Medien. Es redeten alle darüber, dass es kein

Klopapier mehr gibt, obwohl es viel Wichtigeres zum

Besprechen gibt, als Klopapier. Schon in den ersten

Wochen Quarantäne war es schwer. Doch wir waren

gezwungen, zu Hause zu bleiben, für unsere Sicherheit.

Die Zeit ging trotzdem so schnell vorüber, dass

ich nicht mehr wusste, welchen Wochentag wir haben.

Es lag natürlich auch daran, dass alle Tage gleich

waren. Trotz Corona ist es mal wieder schön, mit der

Familie vereint zu sein. Durch die Schule oder Arbeit

sehen wir uns nicht immer so oft.

30 JUNI / JULI / AUGUST 2020


© lemnitzer-fotografie

corona-tagebuch

einblicke in lebenswelten

offenbacher

jugendlicher im

lockdown

Wie Schulen und Kitas waren auch die Jugendzentren

in den letzten Wochen geschlossen.

Im JUZ Nordend startete man das Projekt

'Corona-Tagebuch', um in Kontakt zu bleiben und

sich auszutauschen. Jugendliche der Schreibwerkstatt

des JUZ und des BC-Nordends beteiligten

sich und beschreiben ihren Alltag zwischen

Homeschooling, Familie und Zukunftssorgen.

GÖKDENIZ K., 16

Liebes Tagebuch, die Welt hat ein Virus bekommen

und jeder ist beunruhigt. Es macht die Menschen

schwer krank und bringt sie zum Sterben. Am Anfang

stand jeder unter Angst und Sorgen.

Niemand durfte sich treffen, man sollte sich nicht gegenseitig

anfassen. Ich habe Pro und Kontra zu dieser

jetzigen Situation. Die Menschen vereinen sich und

kämpfen gemeinsam gegen das Virus an. Länder versorgen

sich gegenseitig und man kann in dieser Zeit

auch viel nachdenken, wenn man isoliert sein muss.

Ich finde die Quarantäne ist etwas, wo man für sich

was zu Hause machen sollte. Man sollte anfangen,

die Isolation zu nutzen, um daran zu denken, wer man

ist und was man eigentlich so draufhat. Ich habe angefangen,

erstmal meine Umgebung zu ordnen. Die

Kreativität spielt bei mir eine sehr große Rolle. Ich beschäftige

mich zum Beispiel viel mit Musik. Ich mache

Beats, rappe, singe und alles, was man sonst so lernen

kann.

Es ist sehr schade, dass dieses Virus schon viele Menschen

betrifft, die noch die letzten Jahre ihres Lebens

genießen wollten. Kinder sind kaum betroffen, aber

sie hätten auch eine Chance zu sterben. Die Angst,

die Sorge und der Tod ist das, was in dieser Zeit jeden

beunruhigt. Aber durch den Zusammenhalt und

die Empathie hat es schnell aufgehört, sich zu verschlechtern!

MUT&LIEBE / THEMA /

KÜBRA K., 16

Für jeden läuft der Alltag anders ab, aber das Wichtige

ist, damit klarzukommen. Mein Alltag ist im Durchschnitt

immer gleich seit der Corona-Zeit. Ich wache

um 15.00 Uhr auf und frühstücke. Nach meinem Frühstück

bin ich am Handy und schau mir meine Serien

an bis ungefähr 21.00. Anschließend fange ich mit

meinen Arbeitsaufträgen an, die auch ziemlich viel

sind, meiner Meinung nach.

Meine Gedanken beschäftigen sich mit Angst und

Stress, was beides in so einer Zeit nicht gut tut. Das,

was mich am meisten belastet, sind die Abschlussprüfungen.

Das Schwierigste in dieser Zeit ist das ständige

Zuhausebleiben, keinen Spaziergang machen zu

können mit Freunden. Für manche ist es auch sehr

schwierig, mit der Familie zu sein, weil man vielleicht

Geschwister hat oder die Eltern auch selbst gestresst

sind. Das meiste, was ich vermisse, sind meine Freunde,

die Schüler, der Kontakt mit Menschen.

Es ist schwierig, selbstständig zu Lernen, vor allem

ohne eine Erklärung der Lehrer. Ich lebe in einer

Großfamilie mit sechs Mitgliedern. Ich habe drei Geschwister,

zwei jüngere und eine ältere. Wenn man

Geschwister daheim hat, ist es immer laut und wer

kann bitte lernen, wenn es laut ist? Deshalb arbeite

ich immer gegen Mitternacht, weil dann jeder schläft

und es leise ist.

Nach der Corona-Zeit möchte ich nur meine restliche

Zeit mit meiner Abschlussklasse verbringen, weil wir

sehr viel kostbare Zeit verloren haben. Die Schulen

sollen hygienischer werden. Eigentlich dreht sich

meine Angst um meinen Abschluss, denn wenn ich

den nicht schaffe, ist es aus. Ansonsten kümmert es

mich nicht, ob ich mich anstecke oder nicht. Natürlich

nehme ich es ernst, aber meine Zukunft ist mir wichtiger.

Wie soll ich eine Zukunft haben ohne einen Abschluss?

Ich gebe dennoch acht, wasche mein Hände

25 Sekunden lang und gehe nicht aus dem Haus, so

lange es nicht notwendig ist.

Als Motivation telefoniere ich jeden Tag mit meinen

Freunden. Wir machen zusammen unsere Aufgaben,

manchmal reden wir auch stundenlang. Man sollte

nie aufgeben, auch wenn es schwierig ist, dann macht

man halt soviel man kann, aber man hat es versucht.

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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MUT&LIEBE / THEMA /

Yasmin die Freizeit mit den Freundinnen. Und natürlich

gibt es bei den Hamidis, wie in jeder anderen

Familie auch, ab und an Streit. Trotzdem, finden Yasmin

und Sarah, müsse man eigentlich aus allem auch

etwas Positives ziehen – auch aus Corona! Was das

sein kann? „Dankbarkeit vielleicht oder auch einfach

nur mehr Respekt gegenüber anderen...“, antwortet

Yasmin: „...auch irgendwie, dass die Menschen hinterher,

also, wenn das alles mal vorbei ist, nicht vergessen,

was gewesen ist..., dass sie es im Kopf behalten, wie

diese Zeit war und wie wichtig Sachen sind, die man

sonst gar nicht richtig bemerkt – so etwas wie Familie

zum Beispiel.“ Wahre Worte!

Rechad Hamidi, der Vater von Yasmin, Sarah und

Emran, ist selbstständiger Taxiunternehmer. Seine

Einnahmen sind durch Corona um rund 80 Prozent

eingebrochen, die Verluste sind immens. Wie lange

er die momentanen Ausfallquoten finanziell durchstehen

wird, weiß er nicht: „Es ist alles noch sehr unalles

wird gut...

Ausnahmesituation Corona –

Mut machen und Durchhalten

im Familienalltag

Fast jeder kennt den knalligen Regenbogen, der

– oft garniert mit Danksagungs- oder Mutmacher-

Slogans – so manche Fensterfassade Offenbachs

ziert: Schulen, Kindergärten oder Begegnungsstätten

– fast schon symbolisch steht er für das

soziale Moment der aktuellen Krise. Auch in der

beschaulichen Brinkstraße im Süden Offenbachs

findet sich die kleine, feine „Alles-wird-gut-Message“

mit buntem Wasserfarb-Regenbogen – hier jedoch

ziert sie nicht die Front eines öffentlichen, sondern

eines privaten Hauses. Die verantwortliche Künstlerin

heißt Sarah Hamidi und ist acht Jahre jung.

Mit Schwester Yasmin (15), Bruder Emran (fünf) und

ihren Eltern durchlebt sie die Corona-Krise vor allem

in den heimischen vier Wänden. Glücklicherweise

verfügt Familie Hamidi über einen schönen Garten.

Was macht Corona auf privater Ebene, abseits von

Wirtschaft, Schule und Gastronomie mit den Menschen?

Und wie wirkt sich ein solcher Lockdown

auf das alltägliche Familienleben aus? Wenn die

sonst so rare gemeinsame Zeit plötzlich zum Rundum-die-Uhr-Erlebnis

wird, wenn Eltern zu Lehrern

und Geschwister zu unfreiwilligen Freizeitpartnern

werden – sind Konflikte dann nicht praktisch unvermeidbar?

„Einstellungssache“, findet Yasmin. Wie alle anderen

Schüler sind ihre Schwester und sie seit Mitte März an

Homeschooling gebunden. Klar, ihr gewohnter Alltag

fehlt ihnen. Sarah vermisst ihr Taekwondo-Training.

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JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

sicher; schwer zu sagen, ob und wie schnell sich

das Geschäft erholt.“ Wie viele andere, hat Rechad

staatliche Unterstützung beantragt. Die

entsprechende Antragsstellung war wegen des

enormen Runs auf die Behörden überhaupt

erst am dritten Tag des Lockdowns möglich.

Die offizielle Bewilligung steht zum Zeitpunkt

des Gesprächs noch aus. „Wir wissen, dass etwas

kommen wird“, sagt er, „wie viel genau es letztendlich

ist und wann es ausgezahlt wird, das ist

noch unklar.“ Die wenigen Gäste, die Rechad

Hamidi seit Mitte März noch transportiert, hinterlassen

irgendwie auch kein so richtig gutes

Gefühl: Wer weiß schon, wo der Herr auf dem

Rücksitz vorher war? Wer weiß, ob er nicht bereits

infiziert ist und Rechad die verheerenden

Viren nach Feierabend mit an den Abendbrottisch

bringt? Die eingebaute Plexiglasscheibe

zwischen Vorder- und Hinterbank bleibt für ihn

nur eine kleine Beruhigung. Die Angst fährt immer

mit.

Gemessen an den äußeren Umständen wirkt

Familie Hamidi außergewöhnlich entspannt

und harmonisch. Alle Fünf freuen sich auf die

'Zeit danach', darauf, dass alles wieder langsam

normaler wird; was auch immer das im Detail

dann tatsächlich bedeuten mag. Aber bis es soweit

ist, bleibt ihr Motto „Akzeptieren und Respektieren“;

denn mit Respekt, da ist sich Rechad

sicher, mit Respekt schafft man am Ende alles.

Oder, wie seine Tochter es ausdrücken würde:

„Alles wird gut!“

Denise Freidank

© lemnitzer-fotografie

JUNI / JULI / AUGUST 2020

stadtteile in zeiten

einer pandemie

Das Quartiersmanagement informiert,

hilft und organisiert neue Wege der

Nachbarschaftshilfe

Stadtteile und Pandemie, ein ungleiches Begriffspaar,

und doch seit Kurzem zum Zusammendenken verurteilt.

Denn die Corona-Krise, die von null auf 100 in die Top

3 der größten Herausforderungen der letzten Jahrzehnte

in der Stadt Offenbach vorrückte, wird in den Stadtteilen

konkret. Hier leben die Menschen, hier trifft es sie in ihrem

Alltag zu allererst. Es passiert bereits, wenn die Menschen

ihre Wohnungstür verlassen und ihren Nachbarn

von gegenüber begegnen. Es passiert, wenn später Essen

eingekauft oder ein Paket von der Post abgeholt werden

muss. Und es hört noch lange nicht auf, wenn die kleinen

Kinder die achte Woche in Folge nicht in Kitas, Schulen

oder auf die Spielplätze dürfen und stattdessen zuhause

bleiben müssen. Alle Menschen sind betroffen, ausnahmslos.

Und nicht jeder Mensch kommt damit gleich

gut, gleich schnell und zumindest halbwegs zurecht. Es

stellen sich sehr viele Fragen, es gibt beinahe täglich

eine neue Sachlage und viele kompetente Institutionen

geben Ratschläge.

An dieser Stelle kommt in der Stadt Offenbach das Quartiersmanagement

ins Spiel. Es ist mit Lauterborn, Mathildenviertel,

Nordend und Südlicher Innenstadt/Senefelderquartier

in vier Stadtgebieten vertreten und hatte schon

vor Corona den Auftrag, für die Menschen in den Stadtteilen

Ansprechpartner zu sein und ihnen zu helfen. In der

aktuell zugespitzten Situation geht es aber um mehr, es

geht um grundlegendere, ja auch existenzielle Fragen.

Daher sucht das Quartiersmanagement

nach Ideen und Lösungen, um

einen effektiven Gedankenaustausch

und neue Wege der Nachbarschaftshilfe

im Stadtteil zu ermöglichen und

den Menschen in einer schwierigen

Lebenssituation Mut zu machen. Und

es findet sie. In Zeiten einer stark

begrenzten Kontaktmöglichkeit zu

anderen Menschen ist es derzeit ein

willkommener Ansprechpartner. Zum

Beispiel, wenn es darum geht, dass

33


MUT&LIEBE / THEMA /

sich jemand einfach einmal die Sorgen der Menschen

anhört, die alleine leben, vielleicht auch älter

sind. Oder die auch der deutschen Sprache nicht so

mächtig und daher etwas verunsichert sind, ob sie

alles richtig verstehen. Auch Tipps werden gesucht,

um das eigene Risiko einer Ansteckung mit dem

SARS-CoV-2-Virus zu verringern.

In den Gesprächen mit den Quartiersmanagerinnen

und Quartiersmanagern bekommt das Leben in den

Stadtteilen trotz Pandemie ein lebendiges Bild. So

erinnern die Umstände einen 91-Jährigen im Lauterborn

an die unmittelbare Zeit vor Kriegsbeginn 1939

und er hat Angst. Eine Seniorin im Mathildenviertel

erzählt, dass sie nun den Unterschied zwischen

Alleinsein und wahrer Einsamkeit kennenlernt und

den persönlichen Austausch mit ihrer Familie vermisst.

Andere erzählen, dass sie gerne bedürftigen

Menschen in ihrer Nachbarschaft helfen würden. Sie

tun es, indem sie Kuchen für andere backen, Kinder

mitbetreuen oder einkaufen helfen. Alle Quartiersmanagements

berichten, dass Nachbarschaftshilfe

deutlich im Ansehen gestiegen ist, und vermitteln

ehrenamtliche Helferinnen und Helfer auf Wunsch

an Träger wie das Freiwilligenzentrum, die Caritas

und die Diakonie.

Die Stadtteilbüros, in denen das Quartiersmanagement

arbeitet, sind leider aus Gründen des Infektionsschutzes

seit einigen Wochen für Gruppenveranstaltungen

oder den allgemeinen Besucherverkehr

geschlossen. Doch gibt es an den Schaufenstern

bildreiche Aushänge in mehreren Sprachen oder

Bildschirmpräsentationen mit den stets aktuellsten

Informationen zum Thema Corona. Auch soll wieder

in Gruppen diskutiert werden können und daher

wird getestet, wie sich mit Hilfe einer Video- oder

Telefonkonferenz eine Sitzung des Runden Tisches

oder – wie im Quartiersmanagement Nordend – auf

Facebook eine Online-Sprechstunde durchführen

lässt. Neue Wege geht auch das Quartiersmanagement

Mathildenviertel, das in die Organisation von

Hofkonzerten eingestiegen ist.

Das alles geht jedoch nicht ohne die Menschen in

den Stadtteilen und ihr Engagement. Das Quartiersmanagement

ist für alle Ideen offen und bietet viele

Kontaktmöglichkeiten. Keiner kann derzeit sagen, ob

und wie die Corona-Krise das Leben in den Stadtteilen

langfristig verändern wird. Aber vielleicht

entsteht letzten Endes eine neue Form des Stadtteillebens,

bei dem die Menschen die Nähe zu ihren

Nachbarn neu schätzen lernen – und nebenbei noch

mit einer Pandemie fertig werden.

Ralf Theisen, Koordination Quartiersmanagement

Mail: sozialplanung@offenbach.de

Quartiersmanagement Lauterborn

Tel.: 069 / 83 00 57 85

Quartiersmanagement Mathildenviertel

Tel.: 069 / 85 09 36 23

Quartiersmanagement Nordend

Tel.: 069 / 25 57 37 31

Quartiersmanagement Südliche Innenstadt/

Senefelderquartier Tel.: 069 / 66 16 61 94

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JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

Was hat sich verändert im Lauf von vier Jahrzehnten

als „Kindergärtnerin“?

Die lebhafte Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt

und einer Vorliebe für Basecaps und bunte Sonnenhüte

überlegt. „Die Anforderungen sind viel höher geworden“,

sagt sie schließlich. „Vorgaben, Bildungspläne,

Dokumentation, Protokolle, die Arbeit mit dem Elternbeirat,

verschiedene Kulturen, die unterschiedliche Vorstellungen

von Erziehung haben, Kinder, die eigene Fernseher,

Computer und Handys haben, aber oft überbehütet,

verwöhnt und unselbständig sind.“ Ein Beispiel? „Wir

haben Kinder, die wenn Sie zu uns kommen, nichts mit

Essbesteck anfangen können, da sie daheim nur gefüttert

wurden“, erzählt sie. Und weiter: „Früher haben Kinder,

wenn sie Zoff hatten, das untereinander ausgemacht.

Heute erzählen sie es zuhause, dann kommen die Eltern

zu uns und mischen sich ein.“

Was sie auch als negative Entwicklung erlebt: “Es wird

kaum noch nach Begabungen und Stärken der Kinder

und Jugendlichen geschaut. Der Besuch des Gymnasiums

und ein Studium sind aus Sicht der Eltern ein Muss, eine

handwerkliche Ausbildung gilt als minderwertig.“ Trotz

der hohen Ansprüche und einem immensen Lärmkinder

für‘s leben

fit machen

Die Offenbacherin Monika Lattki ist

seit 40 Jahren Erzieherin

1960 im ehemaligen Offenbacher Stadtkrankenhaus

geboren und in einem Altbau am Wilhelmsplatz

aufgewachsen, hat Monika Lattki selbst nie einen Kindergarten

besucht. „Mein Bruder und ich waren ständig

draußen, haben mit den Nachbarskindern auf der Straße

und in den Hinterhöfen gespielt“, erinnert sie sich.

„Wenn nach dem Wochenmarkt die Wagen der Stadtreinigung

kamen, haben sie im Sommer extra die Düsen

für uns aufgedreht, damit wir durch den Wasserstrahl

springen konnten. Im Herbst haben wir auf dem Platz

Kastanien aufgesammelt.“

Ihre Mutter, eine Bankangestellte, riet der Tochter,

einen kaufmännischen Beruf zu erlernen. „Aber ich

wollte schon immer etwas mit Kindern oder mit Tieren

machen.“ Nach dem Realschulabschluss entschied sie

sich für die vierjährige Ausbildung zur Erzieherin: Ein

Jahr Vorpraktikum, zwei Jahre Fachunterricht an der

Käthe-Kollwitz-Schule und ein Anerkennungsjahr bei

der Stadt. Am 1. Sept. 1981 tritt sie, zwischenzeitlich

staatlich geprüft und anerkannt, eine Stelle in Goldstein

an, einer zwischen Niederrad und Schwanheim

gelegenen Siedlung, die sich trotz ihrer rund 11.000

Einwohner einen dörflichen Charakter bewahrt hat.

Bis heute ist Moni, wie sie von den meisten genannt

wird, der Einrichtung treu geblieben. Sie schätzt die

Trennung zwischen Privatleben und ihrem fordernden

Beruf. Dafür nimmt sie die knapp einstündige Anfahrt

per RMV vom Mathildenviertel, wo sie mit ihrem

Mann Siggi in einer gemütlichen Dachwohnung mit

Balkon und weitem Blick über Offenbach lebt, in Kauf.

Als stellvertretende Leiterin des Kinderzentrums, das

heute einen Kindergarten mit 63 Kleinkindern und

einem Hort mit 42 Schulkindern umfasst, widmet

sie sich morgens der Büroarbeit, am Nachmittag den

Kindern.

© Christine Ciampa

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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MUT&LIEBE / THEMA /

Buchtipp:

Sara Paretsky: Altlasten

Deutsch von Laudan & Szelinski

Ariadne 1244 · 544 Seiten

ISBN 978-3-86754-244-9

Preis: 24,00 €

Privatdetektivin V.I. Warshawski

erhält den Auftrag, eine verschwundene

ehemalige Schauspielerin und

einen jungen Filmemacher zu suchen. Dafür muss sie ihr

angestammtes Terrain in Chicago verlassen und einer Spur

nach Kansas folgen, wo nahe der Collegestadt Lawrence

ein alter Raketensilo an die Zeiten des Kalten Kriegs erinnert.

In den 80er Jahren gab es dort heftige Proteste, heute

ist das längst vergessen. Aber warum gibt es dort plötzlich

Vermisste und Tote?

Sara Paretsky, Grande Dame des feministischen Detektivromans,

die einst dem hartgesottenen Ermittler einen

feministischen Gegenpart verschaffte, zeigt hier, wie man

erst Geschichte ausgraben muss, um die Gegenwart zu

begreifen. Die toughe Detektivin Vic, begleitet von einem

ihrer geliebten Hunde, stößt bei ihren Nachforschungen auf

gestrandete und tote Frauen. Sie wird selbst zur Zielscheibe,

gräbt trotz einer Mauer des Schweigens und Misstrauens

tiefer und entdeckt gefährliche Altlasten.

Für Krimigourmets zu empfehlen, die politisch komplexe,

elegant geschmiedete Plots um eine vielschichtige

Protagonistin zu schätzen wissen. Es geht um hoch aktuelle

Themen wie Rassismus, Geschichtsverdrängung, Klüngel,

Korruption und biologische Waffen.

Christine Ciampa

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pegel, dem sie und ihre Kolleginnen Tag für Tag

ausgesetzt sind, liebt Moni ihren Beruf noch immer

und hat die ursprüngliche Motivation nicht verloren:

„Ich möchte Kinder fit machen für‘s Leben, ihr

Selbstbewusstsein stärken, so dass sie für sich einstehen

können, und Verantwortung übernehmen.“

Und oft gelingt ihr das. Kürzlich hat Moni an einer

Bushaltestelle Enzo wiedergetroffen, der sie vor 15

Jahren als kleiner, verwöhnter Chaot den letzten

Nerv gekostet hat. Der höfliche junge Mann, der

eine Banklehre macht, hat sich sehr nett bei ihr für

seine schönen Erinnerungen an den Kindergarten

und für ihre Geduld mit ihm bedankt.

Wertschätzung für soziale Berufe fehlt total

Moni setzt sich seit vielen Jahren über ihr Engagement

bei Verdi für höhere Bezahlung und bessere

Arbeitsbedingungen in ihrer und anderen sozialen

Berufsgruppen ein. Nachdem im Rahmen der Corona-Pandemie

so viel von den „systemrelevanten“

Tätigkeiten die Rede war, hofft sie, dass ein gesellschaftliches

Umdenken stattfinden wird, das über

den Applaus und kurzfristige Zulagen in der Krise

hinausreicht. Gleichzeitig hegt sie die Befürchtung,

dass sich nichts Grundlegendes ändert.

Die Herausforderungen, die auf die Erzieherinnen

bei der vollständigen Wiedereröffnung der Kinderzentren

warten, sind groß und noch gar nicht

abzusehen. Ab Juni soll es gestaffelt losgehen

mit der Rückkehr der Kids, aber wie sich der Alltag

dann konkret gestalten wird, wissen Moni und

ihre Kolleginnen zum Zeitpunkt unseres Gesprächs

noch nicht: „Den Hortkindern kannst du das mit den

Masken und dem Abstand halten erklären, aber mit

unseren Kleinen wird es schwierig. Zudem fangen wir

nach den zwei Monaten im Grunde wieder bei 0 an,

was Eingewöhnung, Regeln und Rituale betrifft.“

Abschließend sagt sie: „Mir persönlich geht die Öffnung

insgesamt zu schnell, wir sind noch nicht über

den Berg. Ich hoffe nur, dass die Menschen vernünftig

bleiben.“

Christine Ciampa

36 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

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JUNI / JULI / AUGUST 2020

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MUT&LIEBE / THEMA /

damals nach dem krieg

Vor 75 Jahren war die wahrscheinlich größte Katastrophe, die Europa je erlebt hat, zu

Ende. Millionen Tote, zerstörte Städte, eine desolate Infrastruktur, Hunger, Krankheiten –

die 'Vier apokalyptischen Reiter' waren auch über Offenbach hinweggefegt.

Wolfgang Eduard Reuter, Jahrgang 1935, ehemaliger Oberbürgermeister und Offenbacher

durch und durch erinnert sich, wie er als Zehnjähriger durch die Kriegs- und Nachkriegswirren

gekommen ist.

Unser Gespräch musste, den Covid-19-Schutzmaßnahmen

entsprechend, leider telefonisch stattfinden.

So galt meine erste Frage der Gesundheit und ob er

als Kriegskind den Begriff Katastrophe im Zusammenhang

mit Corona gerechtfertigt findet.

Wolfgang Reuter: Mir geht es gut, ich möchte mich

nicht beklagen. Die Kontaktbeschränkungen sind, wie

soll man sagen: unangenehm. Klar bin ich privilegiert,

ich muss nicht mehr arbeiten und bin mit meiner Rente

versorgt, existenzielle Ängste habe ich keine. Aber ich

sehe deutlich, wie schlimm es für viele Menschen ist.

Vergleichen lassen sich die Ereignisse sicher nicht. Wir

haben uns, an gute Zeiten gewöhnt, in den vielen recht

unbeschwerten Jahren eingerichtet.

Sie sind einer der Wenigen, die noch direkt den Krieg

erlebt haben. Finden Sie, dass mit dem Schwinden der

Erinnerungen auch ein Maßstab für das, was eine Katastrophe

ist, verloren geht?

W. Reuter: Als wir am 28.3.1944 ausgebombt wurden,

rannte ich mit meinem fünf Jahre alten Bruder an der

Hand durch die Ziegelstraße. Die Häuser brannten, brennende

Dachbalken stürzten auf die Straße, ein ohrenbetäubender

Krach. Hitlerjungen, nur ein paar Jahre älter

als ich, waren mit Phosphor in Berührung gekommen,

ihre Uniformen standen in Flammen, es roch nach verbranntem

Fleisch. Schreie. Das sind Bilder, die vergisst

der Mensch nicht. Dieses Inferno hat mein Empfinden,

was eine Katastrophe ist, nachhaltig geprägt: Die Welt,

die für ein Kind urplötzlich zusammenbrach, wir rannten

ja um unser Leben. Dass Kinder um ihr Leben fürchten

müssen, sehe ich als Katastrophe.

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Danach war alles anders? Sie haben erzählt, dass

sie nach einer Woche im Bunker nach Diez gebracht

wurden und erst im Januar 1946 nach Offenbach zurückkamen,

weil die französische Besatzungsmacht in

Diez anordnete, dass alle, die bis 1939 nicht in Diez

gelebt hatten, zurück mussten, wo sie herkamen. War

das zerbombte Offenbach da eine Verbesserung?

W. Reuter: Nein, das kann man so nicht sagen, eigentlich

sind wir vom Regen in die Traufe gekommen. Zwei kleine

Zimmer im ersten Stock, zwei Familien mit Kindern,

Wasser und Plumsklo über den Hof, keine Heizung, dafür

Ungeziefer, Läuse, Wanzen und feuchte Wände, Tuberkulose

(auch eine tödliche Lungenkrankheit sic.) und

Masern grassierten, Hunger und Unterernährung waren

normal. Zu Hause bleiben, was heute ja meistens kein

Problem darstellt, war da schon hart. Für uns war ab

19 Uhr Ausgangssperre angeordnet und die wurde mit

harten Strafen auch durchgesetzt.

Heute wird so viel über die Unsicherheit, wie es weitergeht

und was danach kommt, gesprochen. Um ehrlich

zu sein, jetzt Entscheidungen zu treffen, fällt mir

schwer. Jeden Tag andere Meldungen, es kommt mir

so vor, als ob wir im Kaffeesatz lesen oder von anderen

hören, was sie in ihrer Glaskugel sehen. Kontaktverbot,

Maskenpflicht, Schulschließung, eingeschränktes

Einkaufen, Hamsterkäufe, bestimmt habe ich etwas

vergessen, was uns das Leben gerade schwer macht.

Alles nur Krise oder schon Katastrophe?

W. Reuter: Also Klopapier war damals sicher nicht unser

vorrangiges Problem, manchmal Zeitungspapier auf

einen Nagel gespießt – ging auch! Einkaufen ging ja

kaum, wir waren ausgebombt und hatten nicht mal mehr

was zum Tauschen. Es gab mal eine Handvoll Kartoffeln,

eine Ecke Brot, bisschen Margarine. Ein „Care Paket“ war

wie Weihnachten und Ostern zusammen und wurde mit

den Nachbarn geteilt. Wir sammelten Bucheckern – dafür

gab es dann ein wenig Öl. Der Schwarzmarkt blühte.

Hunger versus Moral, da tut sich sicher manch einer

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© lemnitzer-fotografie

/ THEMA / MUT&LIEBE

schwer. Hunger hatten wir eigentlich immer. Eine große

Verbesserung kam, als die Leibniz-Schule wieder öffnete

und Unterricht im Wochenwechsel angeboten wurde, da

gab es in der Pause eine zwar dünne, aber warme Suppe

oder Maisbrei mit etwas Rohrzucker.

Unsicherheiten? Was ist unsicher? Wenn man nicht weiß,

ob der Vater, der Bruder, die Mutter, Verwandte, Freunde

noch leben. Es gab Hoffen und Bangen und viele tragische

Enttäuschungen. Es war ja auch existentiell, um

zum Beispiel wieder heiraten zu können, wegen Versorgungs-

und Unterhaltsansprüchen. Kinder, die ihre Eltern

auf den Flüchtlingstrecks verloren hatten: Kommt

Mutter mit dem nächsten Zug vielleicht doch, hat Vater

die Kriegsgefangenschaft überlebt? Das ging bis in die

fünfziger Jahre.

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Ein langsamer Rückweg in die Normalität?

W. Reuter: Langsam ist gut. Die ersten fünf Jahre nach

Kriegsende waren schlimm. Klar, die „Produktion“ lief

wieder an. Offenbach war bekannt für seine Lederwaren,

die Amerikaner kauften Portemonnaies und brachten so

wieder Geld und Tauschmittel, zum Beispiel Zigaretten

unter die Leute. Eine Zigarette kostete vor der Währungsreform

1948 etwa 5 Reichsmark, viel Geld (entspricht ungefähr

9 Euro sic.). Sie war ein beliebtes Tauschobjekt.

Im Hainbachtal veranstaltete die Arbeiterwohlfahrt Ferienspiele.

Da gab es warmes Essen aus der Gulaschkanone

und nachmittags Kakao und Rosinenbrötchen.

Bis zur heutigen Stadthalle fuhr die Straßenbahn wieder.

Wir sammelten Altpapier, dafür konnten wir dann

Schulbücher bekommen, die sich immer mehrere teilten.

Es wurde anders, es wurde besser.

1949 fuhren wir ins Zeltlager der Falken (der sozialistischen

Jugendorganisation) nach Grünberg, da war die

Ernährung gesichert, wir genossen die ersten Schinkenbrote.

Jeden Tag mussten wir zum Wiegen. Wenn wir „aufgefüttert“

waren, gab es einen Zuschuss von der AOK für

die Kosten. Es gibt auch viele positive Erinnerungen: Der

Zusammenhalt, die Solidarität, die Hilfsbereitschaft und

Spaß hatten wir auch.

Sind wir in der momentanen Situation zu ungeduldig?

Wissen wir positive Veränderungen nicht zu schätzen?

W. Reuter: Damals haben wir jede Verbesserung gefeiert:

Als die ersten Neubauten kamen Anfang 1950, als

es wieder Lebensmittel zu kaufen gab, die Währungsreform,

als es „normaler“ wurde. Wir sollten nicht vergessen,

es gab schon eine lange, entbehrungsreiche Zeit

davor. Wir können nur hoffen, dass die Erinnerungen

an die Katastrophe des Weltkrieges wach bleibt, damit

nicht aus kleinen Gründen unsere Gesellschaft, Europa

zerbricht.

Dem kann ich mich nur anschließen, vor allem, dass

unsere demokratischen Regeln nicht ausgehebelt

werden, indem wir Kriegsflüchtlinge nicht mehr aufnehmen.

Dass die Grenzen in Europa wieder zu sind,

ist bedenklich. Kontaktverbot gleich Versammlungsverbot,

Datenschutz – es gibt sicher viele Baustellen,

auf die wir sensibel zu achten haben.

W. Reuter: Sicher, wir dürfen nicht vergessen: Wir sind

schon noch sehr privilegiert. Ich habe Vertrauen in die

Menschen und auch in unsere Demokratie. Wenn ich

höre, wie Nachbarschaftshilfe angeboten wird, Menschen

Masken nähen, Rücksicht nehmen, dann bin ich

ganz zuversichtlich.

Herr Reuter, ich danke Ihnen für das Gespräch und

hoffe sehr, dass wir bald auch wieder von Angesicht

zu Angesicht reden können. Bleiben Sie und Ihre

Familie gesund.

Thomas Lemnitzer

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MUT&LIEBE / THEMA /

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wir sitzen nicht

auf der terrasse

und trinken

apérol...

Stimmungsbilder aus unserer

Partnerstadt Velletri und Rom

Velletri in Italien ist seit 1957 Partnerstadt

von Offenbach. Die Stadt, in der knapp 55.000

Menschen leben, liegt in den Albaner Bergen,

etwa 40 km südöstlich von Rom. Das die sich ziehen

können, bemerkte ich im Herbst 2017 als ich mit den

Rhein-Main-Vokalisten zu einem musikalischen Austausch

in Rom und Velletri war. Was an einen heißen

Tag im Oktober so stressig auf einer verstopften

Autostrada begann, wurde eines der schönsten

Erlebnisse. Die Stadt liegt sehr malerisch und von

der Terrasse des Palazzo Communale kann man mit

Glück einen Schimmer azurblaues Meer erkennen.

Wir sangen mit Schülern in einem Gymnasium auf

Italienisch und Deutsch, bekamen Dank vom Bürgermeister,

eine interssante Führung durch die Stadt,

ein wunderbares Essen in einem Familienrestaurant

und schließlich sangen wir mit allen den „Gefangengenchor“

aus Nabucco als Abschluss eines wunderschönen

Konzerts.

Seit der Reise bin ich über Facebook mit Katia di Nicolo,

die uns in Velletri begleitete und für uns dolmetschte

und mit der Stadtführerin Jeanette Langer

(ursprünglich aus Hamburg) befreundet. Da Italien

von der Corona-Krise besonders hart betroffen ist,

fragte ich mich, wie sich die Situation in Velletri und

Rom für die Bürger darstellt. Ich sprach mit den beiden,

um ein Stimmungsbild von Menschen, jenseits

der Medien zu erhalten.

Katia Di Nicolo ist Tierärztin mit einer eigenen Praxis

in Velletri. Sie ist verheiratet und hat eine siebenjährige

Tochter. Ihr Mann betreibt ein Atelier für Keramik

in der Stadt, womit er auch von Touristen, die

die Stadt besuchen, abhängig ist. Insgesamt lebt die

Stadt hauptsächlich vom Tourismus, denn sie ist sehr

alt und besitzt beachtliche Sehenswürdigkeiten und

Funde aus römischer Zeit, darunter wertvolle Sarcophage

wie den berühmten Säulensarcophag mit den

Taten des Herkules (ca. 150 n. C.) Weitere Artefakte

gehen auf den italienischen Volksstamm der Volsker

zurück, der 338 v. Chr. unter römische Herrschaft kam,

und von dem Velletri wahrscheinlich gegründet wurde.

Ich erinnere mich gut, wie Katia uns mit Stolz

diese Dinge zeigte, über die wir Offenbacher einigermaßen

überrascht waren.

„Da müssen wir jetzt durch“, ist einer der ersten Sätze

in dem Telefongespräch, das ich mit Katia Anfang

April führe und ich bemerke schon in diesem ersten

Satz, dass die Solidarität in Italien eine andere ist

als in Deutschland. Seit dem 8. März hat Katias Tochter

keine anderen Kinder mehr gesehen, seit dem 9.

März hat sie selbst ihre Praxis geschlossen. Auch das

Atelier ihres Mannes steht still.

© Ingrid Walter

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MUT&LIEBE / THEMA /

„Der Lockdown wurde in großer Hektik vollzogen. Weil

keiner weiß, wie schlimm das wirklich ist, konnte man

nicht abwarten“, erzählt Katia. Sie kann keine Hausvisiten

durchführen, da sie keine Schutzausrüstung

besitzt. Stattdessen berät sie Tierbesitzer aus Velletri

per Telefon zur Gesundheit ihrer Vierbeiner

auf einer freiwilligen Basis. Sie macht das, um in

Kontakt zu bleiben und anderen Mitbürgern einen

guten Dienst zu erweisen. Denn in Italien fällt die

Corona-Hilfe weit knapper aus, als bei uns. Dort bekommt

jeder Antragsteller einen fixen Betrag von

600 Euro und muss ihn für jeden Monat neu aushandeln.

Der Vorgang sei sehr bürokratisch, wie mir die

römische Stadtführerin Jeanette Langer schildert.

Sie selbst habe die Unterstützung in der Nacht beantragt,

zur einzigen Zeit, in der man überhaupt auf

die Seite kam.

Die Solidarität unter den Menschen ist ein Aspekt,

der mir im Gespräch mit den beiden immer wieder

auffällt. Die Menschen begreifen sich stärker als

eine Gemeinschaft, die in einem Boot sitzt. Allerdings

bringt die Gemeinschaft auch Probleme mich sich,

wie Katia und Jeanette ausführen. In Italien leben

die Familienmitglieder häufig noch alle unter einem

Dach oder zumindest nah beisammen. Das Leben

spielt sich viel in Gruppen auf der Straße, Plätzen

und in Cafés ab, der Verkehr in den Ballungsgebieten

und Städten ist dicht, die öffentlichen Verkehrsmittel

vollgestopft. Insgesamt ist die Gefährdung, sich

untereinander anzustecken, größer als in Deutschland.

Trotzdem ist die Angst weniger ein Thema. Man

richtet sich zuhause ein, trägt die Lage mit Fassung.

Obwohl die wirtschaftlichen Einbrüche dramatisch

sind. Katia, die ursprünglich aus Esch-sur-Alzette in

Luxemburg kommt, einer weiteren Partnerstadt von

Offenbach, arbeitet normalerweise mehrere Monate

im Jahr dort und wohnt dann bei ihrer Restfamilie.

Das ist eigentlich ihr Haupteinkommen, berichtet

sie. „Ich kann ja nicht nach Luxemburg, aber was soll

man machen?“, sagt sie. „In Luxemburg ist die Situation

anders, die haben kaum Infizierte und fragen sich,

was wir uns so verrückt machen. Aber wir trinken hier

keinen Apérol auf der Terrasse, als ob nichts wäre.“

Für die Armen hat man in Italien einen Nothilfefonds

„Buoni Pasto“ von 400 Millionen Euro eingerichtet.

Er wird an die Kommunen verteilt und ist bestimmt

für wirklich Bedürftige, die keinen direkten

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Das Kolosseum in Rom 2017.

Heute herrscht gähnende Leere.

Zugang zu den Institutionen und auch sonst kein

Einkommen haben und auch nicht über ein eigenes

Haus verfügen. Außerdem gibt es Essensmarken für

Bedürftige. Aber auch die Bürger selbst tun viel, um

anderen, denen es schlechter geht, zu helfen. So gibt

es eine Initiative von den Supermärkten, bei der man

zwei Einkaufswagen füllen kann und einen stehen

lässt, für Familien, die sich den Einkauf nicht leisten

können. „Jetzt muss doch mal jeder jedem helfen“,

findet Katia und sagt auch, dass die Ablehnung der

Eurobonds von Seiten Deutschlands in Italien gar

nicht gut ankam.

Mit einer solchen Haltung wird der Unmut Italiens

gegen die EU verstärkt. Man fragt sich dort zusehends,

was man davon hat im Europäischen Staatenverbund

zu sein. Neben vielen anderen Ausgaben

haben Italiens Regierungen auch die öffentlichen

Gesundheitsausgaben seit 2010 gekappt – während

zeitgleich in Deutschland pro Kopf Jahr für Jahr mehr

ausgegeben wurde. Was dazu geführt hat, dass in Italien

beim Ausbruch der Pandemie umso mehr Betten

fehlten.

„Alles steht auf der Kippe“, sagt Katia. Ihre Tochter bekommt

inzwischen die Hausaufgaben über ein Portal

und ihre Mutter hilft ihr und unterrichtet sie selbst,

so gut es geht. Zweimal am Tag hört man die Stimme

der Polizei per Lautsprecher Corona-Regeln und

-Warnungen verkünden. Abends werden die Straßen

desinfiziert. Vor den Supermärkten und Apotheken

muss man sich in lange Schlangen einreihen. Ihre

Einkäufe darf Katia nur allein und im Umkreis von

300 Metern erledigen. Außerdem werden Kontrollen

durchgeführt und man muss einen Zettel bei sich

tragen, auf dem steht, woher man kommt und wohin

man geht. Jeanette Langer, die in einem kleinen Ort

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© Ingrid Walter


MUT&LIEBE / THEMA /

bei Rom lebt, berichtet, dass sie gerade einkaufen

war und die Schlange zweimal um das Gebäude des

Supermarktes herumlief. Ob der strenge Lockdown

richtig war, vermag sie nicht zu sagen. „Wie man es

macht, ist es falsch“, sagt sie. „Wirtschaftlich ist es jedenfalls

ein Totaldrama.“

Jeanette Langer führt als private Stadtführerin jeden

Tag zwei bis drei Gruppen durch Rom (www.ciao-rom.

com.) Oft sind es Schüler, Studenten oder Vereine aus

Deutschland. Ihre letzte Führung sollte am 9. März

sein. Sie fragte die Gruppe, ob sie die Führung wirklich

noch machen wollte. Aber am schon am Nachmittag

waren dann alle Museen geschlossen und

das Kolosseum auch. Da flogen die Studenten Hals

über Kopf wieder nach Stuttgart und Köln zurück.

„Sie waren froh, dass sie noch einen Flieger bekamen.

Das waren meine letzten Eindrücke“, erzählt sie. „Jetzt

steht alles leer. Der Sommer besteht hier aus Schülergruppen.

Die werden bis Ende des Jahres nicht kommen

können.“ Auch den Herbst sieht sie noch kritisch,

obwohl dann wahrscheinlich Kreuzfahrten wieder

stattfinden können. Aber ob alle ihre Gutscheine nutzen,

sei fraglich. Sie rechnet eher mit vereinzelten Individualtouristen.

Der Chef eines Busunternehmens,

das regelmäßig aus dem Main-Kinzig-Kreis nach

Rom komme, habe ihr geschrieben, dass er pleite sei.

Für die gesamte Tourismusindustrie ist die Krise verheerend.

Wenn diesen Sommer die Urlaubssaison ausfällt ist

das nicht nur bitter für den Urlauber, sondern der

Supergau für die Länder Südeuropas. Der Anteil der

Tourismusbranche am Bruttoinlandsprodukt (BIP)

macht in Italien 13,2 %, Spanien 14,6 % und in Griechenland

sogar 30,9 % aus.

Jeanette Langer haben wir als Frohnatur kennengelernt

und ihre Touren sind nicht umsonst so beliebt,

weil sie die vielen Daten der römischen Geschichte

mit viel Humor vorträgt und natürlich fließend

Deutsch spricht. Sie nimmt auch die Krise mit einer

Prise Humor: „Die Leute stehen auf einmal perfekt

diszipliniert Schlange. Und das in Italien.“ Im Gegensatz

zu Deutschland sei im liebsten Reiseland der

Deutschen der Alkohol Mangelware, aber Klopapier

gäbe es en masse. Trotz allem blickt sie positiv in die

Zukunft: „Hauptsache es kommen wieder Gäste. Und

dass die Deutschen nicht mehr reisen, das kann ich mir

nicht vorstellen“, sagt sie. „Ich halte das jetzt durch.“

Sie wohnt mit ihrem Mann in einem kleinen Haus

mit Garten. Beide leben normalerweise zum großen

Teil von ihren Einkünften als Stadtführerin. „Alle sitzen

und warten, bis sie die Grenzen wieder aufmachen.“

Glücklicherweise sind in den Familien der beiden

alle gesund.

Ingrid Walter, walter-wortware.de

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MUT&LIEBE / PROJEKT /

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2020

Die STADTRADELN-Kampagne 2020 steht im

Zeichen der Coronakrise. Doch gerade jetzt ist das

Fahrrad das ideale Verkehrsmittel und ermöglicht

den Menschen, die verbleibenden Alltagswege flexibel,

kostengünstig und dabei mit einem vergleichsweise

geringen Infektionsrisiko zurückzulegen. Zudem

fördert Radfahren die Gesundheit und hilft dabei,

der mit den Einschränkungen des öffentlichen Lebens

einhergehenden Langeweile entgegenzuwirken, ohne

dass es dabei zu engem zwischenmenschlichen Kontakt

kommt. In Zeiten der Kontaktbeschränkungen ist

das gemeinsame Sammeln von Fahrradkilometern in

digitalen Teams eine gute Möglichkeit, den aktuellen

Einschränkungen ein bisschen davon – und zusammen

einem Ziel entgegen – zu radeln.

Beim Stadtradeln treten Kommunalpolitikerinnen

und -politiker sowie Bürgerinnen und Bürger gemeinsam

in die Pedale und radeln an jeweils 21

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Ihre gesammelten Kilometer ganz einfach via GPS

tracken lassen oder mit Ihrem Team über den virtuellen

Chat in Kontakt bleiben, besonders wenn Sie

in diesem Jahr nicht gemeinsam in Gruppen radeln

können. Mitmachen können alle, die in Offenbach

wohnen, arbeiten, einem Verein angehören oder eine

(Hoch)Schule besuchen. Es zählen alle zurückgelegten

Kilometer, es spielt keine Rolle, wo geradelt wurde

und ob privat oder beruflich.

Eine Neuerung in diesem Jahr: Radelnde können Unterteams

gründen (z. B. für jede Abteilung oder Klasse)

und künftig innerhalb des Hauptteams gegeneinander

antreten. Die erradelten Kilometer zählen

für das das jeweilige Unterteam und das Hauptteam.

Aktionswochen

Testfahrten

Anmeldungen noch bis 26. Juni

Bis einschließlich 26. Juni können in Offenbach noch

Teams gegründet oder sich einem Team angeschlossen

werden. Nachträge der Kilometer sind ebenfalls

möglich, solange sie innerhalb des 21-tägigen Aktionszeitraums

erradelt wurden.

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MUT&LIEBE / THEMA /

zusammengerückt...

Das Abstandhalten hat Pfarrerin Henriette Crüwell

ihrer Gemeinde nähergebracht

© Christina Dirlich

Gottesdienst? Fehlanzeige. Konfi-Treffen,

Frauenkreis? Fällt aus. Auch das Gemeindeleben

in den Kirchen hat die Corona-Pandemie

auf den Kopf gestellt. Die Kirchen als Orte der

Begegnung – von Mitte März bis Ende Mai waren

sie geschlossen. Die Menschen begegneten

sich dennoch. In der Evangelischen Friedenskirche

hat sich Pfarrerin Henriette Crüwell

einiges einfallen lassen, um gute Laune zu verbreiten

und Zeichen für den Zusammenhalt zu

setzen. Dieser soll lange über die Zeit des Stillstands

hinaus tragen, hofft die Pfarrerin.

Es ist halb acht, die Glocken der Friedenskirche

beginnen zu läuten. Wie jeden Abend seit

Mitte März. Viele Menschen im Viertel haben

zu diesem Zeitpunkt eine Kerze in ihr Fenster

gestellt, einige beten.

„Ich habe den Eindruck, dass ich aus der Ferne meiner dass sie das täglich machen wollte, damit es sich fest

Gemeinde viel näher bin“, sagt Henriette Crüwell. „Ich in den Tagesablauf der Menschen einfügt.

stehe mit viel mehr Menschen in Kontakt als sonst und Dass Gottesdienste einfach ausfallen sollten, bereitete

der Pfarrerin schlaflose Nächte. Botschaften

erlebe viel unmittelbarere Begegnungen.“ Sie wünsche

sich, dass daraus eine ganz neue gesellschaftliche in die Briefkästen zu werfen erschien ihr zu wenig,

Solidarität erwächst.

gerade die älteren Gemeindemitglieder zum Streamen

am Computer zu bewegen unrealistisch. Doch

Die Angst von Alten vor dem Virus. Die Angst von

Freiberuflern vor den wirtschaftlichen Folgen. Auch auch dafür fand sie eine Lösung: Gottesdienste per

die existenziellen Nöte der Menschen hat die Pfarrerin

im Blick. „Doch ich sehe auch das Potenzial dieser Nummer.

Telefon, eingerichtet als Telefonkonferenz mit fester

Krise.“ Denn der Lockdown bedeutete für ihre Arbeit Henriette Crüwell geht neue Wege. Und in der Gemeinde

wächst das Gefühl der Verbundenheit unter-

ab dem 13. März einen Schub an Kreativität.

Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anne-Katrin Helms einander.

von der Erlöserkirche in Oberrad überlegte Henriette Die Pfarrerin bekommt viel Zuspruch für ihre Ideen.

Crüwell, wie sie ihre Gemeindemitglieder erreichen „Ich habe viele Fotos von brennenden Kerzen, die während

des Glockenläutens aufgestellt wurden, geschickt

könnten, wenn die üblichen Wege wie Gottesdienst

und Gruppentreffen verboten sind. „Wie gebe ich den bekommen“, erzählt sie. Auch auf der Straße bedanken

sich Menschen für den Trost, den ihre Aktionen

Leuten analog Zuspruch, war die Frage“, berichtet Crüwell.

So kam sie unter anderem auf die Idee, vor die spenden.

Kirchenpforte eine Wäscheleine zu hängen, die sie Der Besuch ihrer Wäscheleine wurde in den Wochen

täglich mit neuen Bildern, Texten und Gedanken im des Lockdown für viele zum täglichen Ritual. Bis zu

Postkartenformat bestückt. Und während in anderen 35 Papiere und Karten gingen täglich über die Leine.

Gemeinden im Land einmal in der Woche die Glocken

läuten sollten, war für Henriette Crüwell klar, Teil mehr Zuhörer zu, als sonst in den

Und zu den Telefongottesdiensten schalten sich zum

Gottesdienst

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JUNI / JULI / AUGUST 2020


gekommen sind. Gründonnerstag zum Beispiel.

„Das alles schafft Gemeinschaft und das tröstet

mich selbst so.“ Kirche verstehe sie als Trost-Netzwerk,

sagt Pfarrerin Crüwell. Auch sie war während

der Zeit des Stillstands mehr denn je auf den

Trost anderer angewiesen.

Ende 2016 kam Henriette Crüwell als

Pfarrerin in die Friedenskirche. Sie

stammt aus Offenbach, ging selbst in

den Kindergarten der Friedenskirche.

Zuletzt arbeitete sie in der Jugendkulturkirche

Frankfurt. Obwohl katholisch

getauft, sei seit sie 14 war ihr Traumberuf

Pfarrerin gewesen. Ihre Briefe an den

Papst diesbezüglich wurden allerdings

negativ beantwortet. Also schloss sie

zunächst ein Jura-Studium ab, arbeitete

für den Deutschen Caritasverband und

bekam drei Kinder, bevor sie doch noch

zur Theologie fand und ein weiteres

Studium draufsetzte. Ihrem Traumberuf

brachte sie das allerdings kaum näher

– zumindest so lange sie in der katholischen

Kirche blieb. Also konvertierte sie. Crüwell

trat zunächst in die altkatholische Kirche ein

und gehörte dort zu den ersten gewählten Pfarrerinnen.

Später – da lebte die Familie in Bonn

– wechselte sie dann in die Evangelische Landeskirche

im Rheinland. Denn seit 2012 ermöglichte

die es Geistlichen aus anderen Kirchen, übernommen

zu werden. Bedingung: Zwei Jahre auf Probe

und ein Colloquium, in dem evangelische Spezifika

geprüft werden. In der Friedenskirche hatte

sie seit ihrer Übernahme des Amtes viel Leben in

die Gemeinde gebracht.

Was also bleibt, wenn die Krise vorbei geht? Die

Telefongottesdienste zum Beispiel werden auf

jeden Fall bis zu den Sommerferien fortgesetzt,

so Crüwell. „Ich würde gerne gestaltend wieder einsteigen.

Es gibt die Freiheit zu überlegen, wie wir

es machen wollen.“ Kreativität wird also weiterhin

gefragt sein. Aber im Finden ungewöhnlicher

Lösungen hat die Gemeinde in den vergangenen

Wochen ja durchaus Übung bekommen.

Christina Dirlich

JUNI / JULI / AUGUST 2020

MUT&LIEBE / THEMA /

gemeinde

sankt josef

Ein Gespräch über Gott und die Welt

Sankt Josef, schön gelegen am Friedrichsweiher in

unmittelbarer Nähe des Offenbacher Klinikums, ist

eine der größten katholischen Kirchen Offenbachs.

Der Grundstein für die heutige Kirche und Gemeinde

wurde 1921 mit dem Bau einer Notkapelle durch den

damals bekannten Architekten Dominikus Böhm gelegt.

Der heutige Bau entstand von 1930 bis 1932 und

besticht durch seine spartanische Eleganz vor allem

im Innern.

„Sankt Josef ist zu normalen Zeiten eine sehr lebendige

Gemeinde: Kinder- und Jugendgruppen, Junger Chor

Sankt Josef (mit rund 80 Mitgliedern), Frauenkreis, Messdiener-Treff,

Seniorentreff, Bücherei und die Kindertagesstätte,

nicht zu vergessen: das alljährliche Zeltlager der

Gemeinde-Jugend mit über 80 Teilnehmern - alles ruht.

Es ist still geworden, zu still. Totenstill fast“, wie Pfarrer

Kunze sagt. Das sonstige Gewusel in Gemeindehaus

und Kindertagesstätte fehlen auch Heike Wurzel, die

seit 23 Jahren als Gemeindereferentin in Sankt Josef

ihren Dienst versieht.

Pfarrer Kunze kennt niemanden, der sich erinnert, dass

einmal Gottesdienste ausfallen mussten. Selbst während

der schlimmen Kriegsjahre fanden Andachten

statt. Auch in früheren Zeiten während Pest und Cholera

wüteten fanden sich die Menschen zusammen,

um im Feiern der Gottesdienste Hoffnung und Trost

zu finden.

Kein Ostergottesdienst mit Osterfeuer,

kein gemeinsames Entzünden

der Osterkerze am Feuer,

ein wichtiges Symbol, das die

Gemeinde durchs ganze Kirchenjahr

begleitet, sei schon

bedrückend gewesen. Es sei

aber keine Schließung der

Kirche gewesen, betont

Pfarrer Michael Kunze, die

Türen waren geöffnet und

viele kamen zum persönlichen

Gebet oder auch,

um das Osterlicht am

47


MUT&LIEBE / THEMA /

Ostersonntag mit nach Hause zu nehmen (mit einer

an der Osterkerze entzündeten kleineren Kerze). Einige

haben eigene Osterfeuer abgebrannt, ein wenig

Kreativität war gefragt, um dieses wichtige Ereignis

im Kirchenjahr begehen zu können.

Die Möglichkeit, im Internet oder am Radio Gottesdienste

mit zu feiern, wird vielleicht auch die Kirche

verändern – den kirchlichen Raum. Heike Wurzel findet

es dramatisch, Menschen nicht im persönlichen

Kontakt auf ihrem letzten Weg begleiten zu können.

Die Beschränkungen gerade in den Seniorenheimen

sind extrem streng, und doch auch da fanden sich

Wege, per Telefon gemeinsam zu beten. „Der Glaube

ist ein Geschenk“, sagt Heike Wurzel. „Gott hilft auch

durch die Not, und ich kann ja auch für andere glauben,

für und mit anderen beten, mit besonderem Blick zum

Beispiel auf die Flüchtlinge dieser Welt. Es gibt Kraft zu

wissen, dass es die Gemeinschaft gibt und auch andere

an mich denken und nicht nur an sich selbst. Ja – Anteilnahme,

Empathie zeigen für Menschen egal welcher

Konfession, Herkunft, welchem Geschlecht und welcher

Orientierung, diese Freiheit gibt mir mein Glauben.“

Wir müssen neue Wege gehen, Ideen umsetzen,

meint Pfarrer Michael Kunze: „Die Beichte eher als

ein seelsorgerisches Gespräch bei einem Spaziergang

unter den Hygienebestimmungen sehen, in Seniorenheimen

und Krankenhäusern trotz strenger Vorschriften

eine Sterbebegleitung ermöglichen, auch die Gottesdienste

organisieren, da ist Kreativität gefragt. Wir

müssen es wollen und probieren.“

Mich hat sehr beeindruckt, was Papst Franziskus in

seinem Gebet am Freitag, den 27. März, sagte:

„…Wir haben unerschrocken weitergemacht

in der Meinung, dass wir in einer

kranken Welt immer gesund bleiben würden.…“

„Wir sollten uns gut überlegen, ob wir alles,

was wir können, in Achtung vor der

Schöpfung auch dürfen. Vieles wird sich

durch Corona verändern. Vielleicht hat das

Innehalten, das „Zusammenrücken“ – damit

meine ich Netzwerke, Nachbarschaftshilfe,

Solidarität – die Menschen sensibler

für die ganze Welt werden lassen. Furcht

und Hoffnung liegen für die Zukunft der

Kirche dicht beieinander. Bleiben die Menschen

bei uns, wissen sie den persönlichen

Kontakt zu schätzen, ist das gemeinsame Erleben eines

Gottesdienstes noch von Bedeutung? Wenn wir ohne

Angst aber mit Ernsthaftigkeit und Respekt – denn

Angst macht klein – der Krankheit und deren Folgen

gegenübertreten, glaube ich an eine gute Zukunft“, sagt

Pfarrer Michael Kunze hoffend und skeptisch zugleich.

Der Glaube kann Berge versetzen, ist ein sehr altes

Sprichwort. In diesem Sinne hoffe ich mit Ihnen

und bedanke mich bei Frau Heike Wurzel und Pfarrer

Michael Kunze für das Gespräch.

Informationen erhalten Sie unter:

www.bistummainz.de/pfarrei/offenbach-st-josef

oder im Josefs Blättchen, das im Eingang der

Kirche ausliegt.

Katholische Pfarrei St. Josef Offenbach

Pfarrbüro, Brüder-Grimm-Str. 5, Offenbach

069 / 831712, st.josef@st-josef-of.de

Nachtrag: Kurz vor Redaktionsschluss konnte wieder

Gottesdienst gefeiert werden. Der Maßnahmenkatalog

ist groß, um die Gesundheit der Gemeindemitglieder

nicht zu gefährden: Vorherige Anmeldung, begrenzte

Anzahl von Teilnehmern, Maskentragen beim Betreten

und Verlassen der Kirche auf markierten Routen im

Einbahnstraßensystem, gesperrte Bankreihen und Abstandsmarkierungen,

nicht singen, kein Friedensgruß

per Handschlag und keine Kollekte sind nur ein Teil

der Auflagen. Trotz allem ein schöner Moment, zumindest

einen kleinen Teil der Gemeinde wieder zu sehen.

Thomas Lemnitzer

48 © lemnitzer-fotografie

JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

gabenzäune

Nachbarschaftshilfe einmal anders

© David Gonter

Seit dem 27. März gibt es an der Goetheschule,

direkt am Goetheplatz, Offenbachs ersten Gabenzaun.

Die Idee dahinter ist ganz einfach: Menschen

hängen (unverderbliche) Dinge des täglichen Bedarfs

an einen Zaun – Tiernahrung, Lebensmittel,

Hygieneprodukte, damit andere Menschen, die momentan

in finanziellen Schwierigkeiten stecken, sie

mitnehmen können.

Die Aktion spricht sich immer mehr herum und findet

täglich neue Offenbacherinnen und Offenbacher,

die tatkräftig mithelfen. Und auch Oberbürgermeister

Dr. Felix Schwenke unterstützt die ehrenamtliche

Aktion, für die er erst kürzlich seine Schirmherrschaft

erklärt hat: „In Krisenzeiten wird gelebte Stadtgesellschaft

wichtiger denn je. Mit dem Gabenzaun kümmern

sich Menschen um ihre Mitmenschen, ohne diese persönlich

zu kennen und ohne auch nur ein Dankeschön

zu bekommen. So sieht Menschlichkeit aus.“

Die eigens erstellte Gruppe „Gabenzaun Offenbach"

auf Facebook wächst stetig. Rund 400 Mitglieder

hat sie inzwischen. Über die Gruppe werden auch

Absprachen koordiniert, wer wann den Zaun kontrolliert

und für Ordnung sorgt, alte Tüten entfernt,

die angebrachten Schilder, die den Aufruf übrigens

in mehreren Sprachen übersetzen, richtet und alles

ordentlich hält. In der Gruppe können auch Flyer

heruntergeladen werden, die dann zuhause ausgedruckt

und an Mitmachwillige sowie Hilfsbedürftige

verteilt werden.

Der Zaun am Goetheplatz wurde sehr gut angenommen

– ein Zeichen dafür, dass es Menschen gibt, die

diese Hilfe dringend benötigen. Daher gibt es inzwischen

noch drei weitere Gabenzäune: Auf dem

Mathildenplatz haben Mitarbeiter des Stadtwerke-

Geschäftsfeld Stadtservice gemeinsam mit den Initiatoren

des Projekts einen Bauzaun aufgebaut, der

als Gabenzaun dient. Der dritte Gabenzaun ist an der

Kirche der frei-religösen Gemeinde am Schillerplatz

zu finden. Nummer vier wurde kurzerhand in Lauterborn

in der Richard-Wagner-Straße ins Leben gerufen.

Romina Weber

JUNI / JULI / AUGUST 2020

Weitere Infos zu den Zäunen gibt es in der

Facebook-Gruppe „Gabenzaun Offenbach“.

Der Bedarf ist weiterhin groß, Spenden werden

daher nach wie vor gebraucht.

Friseursalon

HAARmonie

Inh. Manal Jaber

auch ‚heiße Schere‘

SPRENDLINGER LANDSTR. 3 • OFFENBACH

TELEFON 0 69 / 86 00 45 55

49


MUT&LIEBE / THEMA /

corona und der einzelhandel

Jeans Express Offenbach – Sorgen, Solidarität und Chancen

Bereits vor Corona war Mut und die Liebe zur Stadt

Offenbach die vorherrschende Haltung im Jeans Express.

Seit 2019 befindet sich der inhaberinnengeführten

Jeansladen in der Innenstadt in einer Phase

der Umorientierung, durch die Doppelführung zur

Übergabe der Nachfolge und eine stärke Ausrichtung

des Sortiments in Richtung Nachhaltigkeit.

In dieser Umbruchsituation bringt die Corona-Krise

natürlich weitere Sorgen, um die eigene Gesundheit

und die der anderen, Unsicherheiten und Ängste

durch die Einnahmeausfälle und die zukünftige Entwicklung

des eigenen Geschäfts und insgesamt der

(Innen)Stadt. Deutlich spürbar war die Verunsicherung

bereits seit Februar. Viele Stammkund*innen

trauten sich immer seltener in die Innenstadt und

Corona war das Hauptthema. Aber wie vieles hat

auch die Corona-Krise zwei Seiten.

Die Anordnung zur Ladenschließung brachte, neben

allen Unsicherheiten und Sorgen, auch ein wenig Erleichterung

mit sich, dass einem diese Entscheidung

erst einmal abgenommen wurde.

Sehr schnell entwickelte sich eine Unterstützung

und Verbundenheit, die Mut zum Weitermachen und

Durchhalten machte. Kund*innen kauften Gutscheine,

wodurch zumindest ein Teil der laufenden Kosten

gedeckt werden konnten. Digitale Plattformen

wurden von Agenturen hochgezogen und kostenfrei

zur Verfügung gestellt und ein reger Austausch über

Unterstützungsoptionen fand zwischen den Gewerbetreibenden

statt.

Für uns als Multilabel-Textileinzelhandelsgeschäft

war auch die Haltung der Hersteller eine durchweg

positive Erfahrung. Diese versuchten erst gar nicht,

das Risiko und den Schaden einfach abzuwälzen,

sondern traten direkt in eine von Solidarität geprägte

Kommunikation ein. Für uns hat sich gezeigt, dass

die langjährig gepflegten Geschäftspartnerschaften

mit unseren europäischen Herstellern sich auszahlen

und ein bisschen den Druck nehmen, wenn nicht

jeder ausschließlich seine Interessen durchdrücken

möchte.

Die Krise, die ja nicht nur den Handel betrifft, sondern

alle Stufen der Produktions- und Handelskette,

befördert die Diskussionen um Slow Fashion und

Nachhaltigkeit. Dies macht uns Mut, dass wir mit der

verstärkten Ausrichtung unseres Sortiments in Richtung

Nachhaltigkeit und der Aufnahme des Kölner

eco&fair Labels Armed Angels auf einem zukunftsfähigen

Weg sind. Wir freuen uns, wenn aus der Krise

heraus eine Umstrukturierung und -orientierung in

breiten Teilen der Textilwirtschaft stattfindet.

Seit der Wiedereröffnung hat uns ein großer Teil unserer

Stammkundschaft besucht und es ist eine große

Welle der Solidarität zu spüren. Dennoch haben

wir die Krise noch lange nicht überwunden, denn der

Mundnasenschutz ist zwar unser neues ‚Mask Have‘,

aber noch sehr gewöhnungsbedürftig und reduziert

viele Aktivitäten auf das Notwendige – auch den

Kleidungseinkauf. Die Verunsicherung bringt aber

auch einen rücksichtsvolleren Umgang mit sich. Das

Gerempel und Gedränge hat abgenommen, viele gehen

einen Schritt zur Seite und gehen höflicher als

sonst miteinander um – leider mit den üblichen Ausnahmen.

Der Jeans Express ist keine Insel und kann nur überleben,

wenn Menschen gerne in die Stadt gehen.

Leider hatte sich die Offenbacher Fußgängerzone

bereits in den letzten Jahren von einer 1a-Lage entfernt

und durch die Corona-Krise sind zunehmende

Leerstände und eine weitere Verödung zu befürchten.

Hier ist dringender Handlungsbedarf für das Entwicklungskonzept

Innenstadt, das City-Management

50 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

und die Stadtentwicklung nötig. Positiv genutzt

werden könnten hierbei die entstandenen

Allianzen und kreativen Geschäftsideen,

um eine vielfältige, lebendige Innenstadt zu

fördern. Auch die neu eingeübten Verhaltensweisen

des umsichtigeren Umgangs miteinander

und die Haltung, dass sich jeder etwas

zurücknehmen muss, um gemeinsam eine Krise

zu bewältigen, könnten eine positive Rolle

spielen. Steffi Schubert / Jeans-Express

Jeans-Express

Große Marktstraße 13, Offenbach

© P. Baumgardt

ausnahmezustand

Wie überall erforderte der plötzlich Lockdown im

März ein völliges Umdenken und -organisieren auch

für die kleinen Läden und Werkstätten in der Stadt.

"Das solidarische Netzwerk von Kund*innen, Unterstützer*innen

und Produzent*innen, deren Waren wir

in der Etagerie anbieten, hat sehr gut funktioniert." so

Eva Kirchhoff. Gemeinsam mit Ulrike Jansen

von Maschenwahn hat sie einen Lieferservice

organisiert und sehr schnell mit der Maskenproduktion

begonnen.

Für die Goldschmiedewerkstatt 'Strandperle'

ist die Situation nicht einfach. "Die meisten

Hochzeiten wurden abgesagt und damit werden

auch keine Trauringe mehr bestellt. Dies ist im

Frühjahr mein Hauptgeschäft," berichtet Goldschmiedin

Anke Gehr. "Der Verkauf vom Schmuck

im Laden war ja auch nicht möglich."

Auch im der Fahrradladen artefakt ruhte der

Verkauf, die Werkstatt war aber weiterhin geöffnet

und gut ausgelastet.

Das Offenbacher Mode-Label PASSEPARTOUT ist gerade

in einen eigenen Laden in die Senefelder Str.

47 eingezogen und fertigt nun auch Masken an. Eine

Maske kostet 8,- €, Risikopatienten müssen nichts bezahlen.

Die Masken können per Email an highfive@

passepartoutpassepartout.com oder direkt im Laden

bestellt und abgeholt werden. Bei Bedarf versenden

sie sie auch per Post.

© lemnitzer-fotografie

JUNI / JULI / AUGUST 2020

© Passepartout

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MUT&LIEBE / THEMA /

mit weitsicht durch die krise

35 Jahre Kruse Optik in der Kaiserstraße

© lemnitzer-fotografie

Martin Kruse verkauft Brillen. Kein Mainstream,

kein 0815-an-jeder-Ecke-Kram – sondern moderne,

avantgardistische Modelle, die auch gerne ins Ausgefallene

tendieren dürfen, Qualität eben.

Kruse ist krisenerprobt. Er führt den Optikerladen

in der Kaiserstraße seit 35 Jahren, hat den Wandel

der Stadt aus kaufmännischer Perspektive live erlebt

– die abnehmende Relevanz des Hauptbahnhofs als

Pendlerknotenpunkt, die schwierige gesellschaftliche

Etablierung von Einkaufszentren und -passagen in

der Offenbacher Innenstadt. Sozusagen, die Kaiserstraße

im Spiegel der Jahrtausendwende. Nach solch

einer langen, erlebnisreichen Zeit als Geschäftsführer

werfen einen auch sieben, acht Wochen Corona-Shutdown

nicht gleich aus dem Konzept.

Natürlich, auch Optik Kruse hat Federn lassen müssen:

Einwöchige Schließung, verkürzte Öffnungszeiten,

Jonglieren mit Einsatzplänen – insgesamt

Einbußen von mindestens einem Monatsumsatz.

„Die Laufkundschaft, die in unserer Lage einiges ausmacht,

ist völlig weggebrochen“, erklärt Kruse. Existenzängste

habe er trotzdem nicht durchlebt: „Nach

all der Zeit kennen wir die meisten unserer Kunden

und ihren Geschmack sehr gut. Viele, die als Kinder von

ihren Eltern zu uns gebracht wurden, lassen heute die

Brillen ihrer eigenen Kinder bei uns anfertigen. Alles

52

in allem wirklich ein sehr treuer Kundenstamm, der

unseren Service oder die große Auswahl schätzt und

uns auch in schwierigen Zeiten die Stange hält.“ Natürlich

war es trotzdem beunruhigend, nicht zu wissen,

was kommt und wie sich die Situation entwickelt.

Aber Kruse war sich ziemlich schnell sicher, dass der

Total-Stillstand nicht ewig aufrechterhalten werden

kann. Er sollte Recht behalten.

Jetzt, Mitte Mai blickt der 63jährige schon wieder

recht optimistisch in die Zukunft: Die beantragte

Unterstützung von staatlicher Seite wurde bewilligt.

Er und seine zwei Mitarbeiterinnen sind wieder im

vollen Diensteinsatz. Die Einnahmen klettern langsam

auf 70 % des Umsatzes vor dem Lockdown. Es

geht merklich aufwärts.

Was bleibt, abgesehen von der Erleichterung darüber,

auch diese Krise ohne bleibende Blessuren

überstanden zu haben? Martin Kruse schmunzelt:

„Ich war nie ein Fan von blindem Aktionismus. In diesen

Wochen des Stillstands haben wir alle zwangsläufig

lernen müssen, etwas herunterzufahren, mit Bedacht

zu handeln. Wenn davon auch nur ein bisschen übrig

bleibt, ist schon viel gewonnen.“ Ein schönes Motto für

die nächsten – hoffentlich krisenarmen – 35 Jahre!

Denise Freidank

Kruse Optik

Kaiserstr. 24, Offenbach • www.kruse-optik.de


MUT&LIEBE / GOURMET /

© Ida Todisco

piscalina – ein kleines Stück Portugal mitten in Offenbach

Das Einkaufsbistro hat – versteckt zwischen Bürohäusern, Anwaltskanzleien, Immobilienhändlern,

Ärztezentren und sozialen Trägern – ein Stück portugiesisches Lebensgefühl in die Herrnstraße

hineingetragen und bietet allen, die im Zentrum von OF arbeiten oder unterwegs sind, einen

wunderbaren Ort für eine Verschnaufpause. Normalerweise. Doch in Corona-Zeiten muss der kleine

Laden um seine Existenz bangen.

Ana und Antonio leben seit 27 Jahren in Offenbach.

Ihre Kinder sind hier aufgewachsen. Vor vier

Jahren haben sich die beiden mit dem kleinen, liebevoll

eingerichteten Bistro einen großen Traum

erfüllt. Und seitdem viele Stammgäste gewonnen.

Einfach eintreten – und drinnen in Portugal wieder

auftauchen. Auch draußen gibt es ein paar Plätze

an der Sonne: Man sitzt beim Espresso oder einer

portugiesischen Fischsuppe mitten in der ruhigen

Herrnstraße mit Blick auf das Rathaus und die alten

Bäume des gegenüberliegenden Pfarrgartens. Hochzeitsgäste

rennen verspätet Richtung Büsingpalais,

Kids und Erwachsene schlendern mit vollen Stofftaschen

zur Bibliothek. Normalerweise. Vor der Corona-Krise.

Und hoffentlich auch danach noch.

Im Piscalina treffen sich Offenbacher und Portugiesen

auf einen Kaffee, Sprachkursabsolventen aus der

nahen VHS bestellen auf Portugiesisch oder Spanisch,

JUNI / JULI / AUGUST 2020

an anderen Tischen werden gemeinsam schwer verständliche

Formulare ausgefüllt. Hier geht es familiär

zu. Ana und ihr Mann sind für ihre Gäste nicht nur

Versorger mit Kaffee und portugiesischen Köstlichkeiten.

Sie sind richtige Gastgeber. Das Piscalina ist

eine Art Zuhause-Station im urbanen Unterwegssein.

Ana kocht wochentags leckere portugiesische Suppen

und samstags immer ein, zwei besondere portugiesische

Gerichte. Neben diesem Mittagstisch gibt

es Frühstück, Kaffee – auch Galão und andere portugiesische

Kaffeespezialitäten, Tee und Kaltgetränke,

Pastéis de Bacalhau – Stockfischkroketten, Pastéis de

Nata – sündhaft leckere Sahnetörtchen und Kuchen.

Und ein kleines Angebot an portugiesischen Lebensmitteln,

Wein und anderen Getränken. Für mich ist

das Piscalina mein Pausen-Ort und ein Grund mehr,

jeden Morgen gutgelaunt zur Arbeit zu gehen …

53


MUT&LIEBE / GOURMET /

Bewerbungen für den

Sophie von La Roche-Preis

noch möglich

Als die Restaurants und Cafés schließen mussten,

traf dieses Schicksal natürlich auch das kleine Bistro.

Drinnen standen in den vergangenen Wochen die

Stühle auf den Tischen und der Außenbereich wurde

komplett abgebaut. Für Passantinnen und Passanten

sah es so aus, als hätte das Piscalina ganz und gar geschlossen.

Und das ist schade, denn die Corona-Krise

gefährdet die Existenz dieses tollen Ladens. Ana und

ihr Ehemann benötigen zumindest ein paar kleinere

Einnahmen, um ihre wichtigsten offenen Rechnungen

und Nebenkosten zahlen zu können. Zum Glück

durfte der To-go-Verkauf aber weitergehen und es

gibt mittlerweile jede Menge Zuspruch von Gästen,

die im Vorbeigehen wohlwollend hereinwinken, sich

einen Kaffee to go holen oder ein Pastel de Nata

mit ins Büro oder Homeoffice nehmen. Grade in den

letzten Wochen haben viele auch aus der Straße und

den umliegenden Büros und der Stadtverwaltung

durch kleine Gesten die beiden ermutigt und durch

Einkäufe unterstützt, erzählt Ana Rodrigues gerührt.

Ana und Antonio versuchen, trotz allem nach vorne

zu schauen, und hoffen, dass sie die Krisenzeit durchhalten,

sagen sie. Sie wollen weder ihren Laden noch

ihre liebgewonnene Stammkundschaft verlieren. Sie

sind Offenbacher und wollen hier in der Stadt, in der

seit Ende der 50er-Jahre so viele Portugiesen leben

und arbeiten, ihr kleines, unabhängiges Glück, das

sie sich in den vergangenen vier Jahren aufgebaut

haben, nicht verlieren.

Übrigens: Piscalina bedeutet „kleines Vögelchen“. Das

war als Kind der Kosename ihres Mannes, erzählt Ana.

Text/Fotos: Ida Todisco

Piscalina

Herrnstraße 53a, Offenbach

Seit 2009 verleiht die Stadt Offenbach alle zwei

Jahre den mit 1.500 Euro dotierten „Sophie von

La Roche-Preis“ zur Förderung und Anerkennung

hervorragender und innovativer Leistungen, die

der Verwirklichung der Gleichberechtigung bzw.

der Gleichstellung von Frauen dienen. Mit diesem

Preis werden das besondere Engagement

und hervorragende Leistungen auf kulturellem,

sozialem und gesellschaftspolitischem Gebiet

geehrt.

Natürliche und juristische Personen, Frauenprojekte,

Vereine, Institutionen und Verbände, die

sich mit ihrer Arbeit für Gleichberechtigung und

Gleichstellung besonders hervorheben, können

Preisträger werden.

Bisher ausgezeichnet wurden:

Stephanie Taibi, Gründerin von Songmoo e.V.,

2018 / BeA-Projekt „Wege in die Pflege“ von Institut

Inbas, 2016 / Angela Freiberg, Filmemacherin

und Projektmanagerin, 2014 / Parastou Forouhar,

Künstlerin, 2012 / Grete Steiner, 2009

Bewerbung bis 7. Juni

Bis 7. Juni 2020 können Bewerbungen für den

diesjährigen Sophie von La Roche-Preis mit einer

schriftlichen Begründung beim Frauenbüro, Berliner

Str. 100, oder unter frauenbuero@offenbach.

de per E-Mail eingereicht werden. Die Preisverleihung

findet am 28. August 2020 statt.

54 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / GOURMET /

© lemnitzer-fotografie

Markthaus am Wilhlemsplatz

härtetest für

die gastro

Mit 'Schnitzel to go' und/oder Lieferservice zeigten

viele Gastrobetriebe Präsens in der langen Corona-

Zwangspause.

"Von Stammkunden kam viel Unterstützung und Zuspruch,

die massiven Einnahmeverluste konnten dadurch

natürlich nicht ausgeglichen werden," so Hubert

Försters vom gleichnahmigen Szenelokal im Nordend.

"Es ging vielmehr um das Signal 'Wir sind da' und

darum unsere Mitarbeiter*innen über die Krise zu retten."

Für die feste Belegschaft wurde Kurzarbeit beantragt,

für die vielen Minijobber im Gastrobereich,

gab es jedoch keinerlei staatliches Angebot.

Försters im Nordend

"Wir haben versucht alle weiter zu beschäftigen, das

sind aktuell immerhin 20 Mitarbeiter*innen. Und viel

länger hätte wir es auch nicht mehr durchgehalten", so

Försters. Die Corona-Soforthilfe bekam der Betrieb

überraschend schnell und auch der Vermieter kam

dem Lokal in der schwierigen Situation entgegen.

Nun geht es weiter, wenn auch stark eingeschränkt

und mit teilweise ständig wechselnden Vorgaben.

Man ist jedoch froh, überhaupt wieder Gäste empfangen

zu dürfen und ein Stück Normalität zurück zu

bekommen. Bisher klappt es im Försters ganz gut, im

großen Biergarten und auch im Innenbereich ist genug

Platz, um die Abstandsregeln einzuhalten. Und

das Publikum freut sich, sein 'Wohnzimmer' im Nordend

wieder besuchen zu können.

© P. Baumgardt

JUNI / JULI / AUGUST 2020

55


MUT&LIEBE / INKLUSION /

"streicheln tut der seele gut"

mit kreativität und herzblut gegen corona

© Lebensräume e.V.

Die Corona-Pandemie hat die Welt auf den Kopf gestellt, seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal

war. Mit Eintreten des Kontaktverbots ist auch das soziale Leben komplett zum Stillstand gekommen:

Die Menschen sind angehalten, zuhause zu bleiben und ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum zu

beschränken. Besonders hart trifft das diejenigen, die auf die Unterstützung anderer angewiesen

sind, etwa die Klient*innen der Stiftung LEBENSRÄUME, die seit 40 Jahren Menschen mit psychischen

Handicaps in und um Offenbach unterstützt. Doch das Beispiel der Tagesstätte in Offenbach zeigt,

wie sich mit kreativen Ideen und viel Herzblut, – etwa einem handgeschriebenen Brief oder einem

Gartenbesuch mit Hündin, – dennoch Glücksmomente erleben lassen.

von Fabienne Schröder-Rust

Katja* ist eine von rund 50 Besucher*innen der

Tagesstätte der Stiftung LEBENSRÄUME in Offenbach.

Drei bis viermal pro Woche besucht die gelernte

medizinische Fachangestellte die Einrichtung in

der Darmstädter Straße. Am meisten Freude bereiten

ihr Aktivitäten wie die Teilnahme an der Strick- und

Holzgruppe, das gemeinsame Kochen und Backen

in der freundlichen Gemeinschaftsküche sowie der

Kontakt mit den anderen Besucher*innen.

Das Schließen der Offenbacher Tagesstätte Mitte

März 2020 aufgrund der Corona-Pandemie war für

sie erst einmal ein Schock. „Ich war schon ein wenig

verzweifelt, weil meine gesamte Tagesstruktur zusammengebrochen

ist“, resümiert die 56-Jährige, die mit

ihrer erwachsenen Tochter in einer Mietwohnung in

Offenbach lebt und „eher zufällig“ über ihren Psychiater

zu LEBENSRÄUME gekommen ist.

Dem pflichtet auch Besucherin Jutta* bei. „Ich hatte

Angst, vergessen zu werden!“, erinnert sie sich. „Die

56

* Namen von der Redaktion geändert

Vorstellung, keine Kontakte mehr zu haben, nicht mehr

in den Garten zu können, die Tagesstättenhündin Molly

nicht mehr sehen zu können, – das alles hat mich sehr

traurig gemacht!“, erzählt sie. Für die 57-Jährige, die

seit vielen Jahren zusätzlich zur Tagesstätte das Angebot

des Betreuten Wohnens von LEBENSRÄUME

wahrnimmt, sind Tiere und die Natur sehr wichtig.

Dadurch komme sie innerlich zu Ruhe, so Jutta.

Wie gut, dass es Molly gibt. Molly ist eine 3-jährige

Australian Shepherd-Hündin, die schon seit dem Welpenalter

zum allgemeinen Wohlbefinden der Besucher*innen

der Tagesstätte in Offenbach beiträgt

und für Freude, gute Laune und den dazugehörigen

Kuschelfaktor sorgt. „Jede*r amüsiert sich über Mollys

Art – sie ist ein richtiger Wirbelwind – und sie wird vermisst,

wenn sie mal ‚frei‘ hat!“, erzählt Andrea Buchert,

„Frauchen“ von Molly und Ressortleiterin der Tagesstätte

in der Darmstädter Straße.

Bereits vor Corona sei Molly für viele Tagesstätten-

Besucher*innen eine wichtige Begleiterin gewesen,

JUNI / JULI / AUGUST 2020


sogar einen Gassi-Dienst habe es gegeben, berichtet

Buchert. Dann kam die Corona-Krise und damit war

die Idee, Molly zum Gartenbesuch oder Spaziergang

„zu buchen“, geboren. „Das hat sich auf Nachfrage verschiedener

Besucher*innen einfach so ergeben!“, erzählt

die gelernte Ergotherapeutin Buchert. Für viele

Besucher*innen sei das eine tolle Möglichkeit, zeitweise

aus der Kontaktsperre und der damit verbundenen

Einsamkeit heraus zu kommen, persönlichen

Kontakt und ein Ziel für den Tag zu haben. Buchert:

„Molly stellt ein Bindeglied zur Tagesstätte dar. Und

Streicheln tut der Seele gut!“

Das Ziel der Spaziergänge bzw. Treffpunkt im Freien

ist ein Schrebergarten rund 15 Gehminuten von der

Tagesstätte entfernt, zwischen Offenbach und Frankfurt,

den die Stiftung seit rund zwei Jahren pachtet.

„Der Garten ist ein Ort, an dem man völlig frei sein

kann!“, so Buchert. Die meisten Besucher*innen würden

in Wohnungen in der Stadt leben und sich ohne

Begleitung kaum ins Grüne oder an die frische Luft

trauen. Manch eine*n habe die Aussicht auf einen

Ausflug in den Garten oder einen Spaziergang mit

Molly sogar vor weiteren Klinikaufenthalten bewahrt.

Doch auch Molly profitiert von den Spaziergängen.

„Sie freut sich überschwänglich, wenn sie mit den Besucher*innen

zusammentrifft, wedelt mit dem Schwanz

und möchte am liebsten an ihnen hochspringen!“, beschreibt

Buchert die Freude der Hündin. Molly sei in

der Corona-Krise nicht ausgelastet und vermisse ihre

„Herde“. Die Spaziergänge mit den Besucher*innen

brächten auch für sie wieder ein Stück Normalität.

Neben den Spaziergängen und Treffen im Schrebergarten

haben Andrea Buchert und ihr zehnköpfiges

Team in engem Austausch mit den vier Tagesstätten

der Stiftung LEBENSRÄUME zahlreiche weitere

„Corona-Maßnahmen“ umgesetzt. Dazu zählen etwa

persönliche Telefonate mit jedem*jeder einzelnen

Klient*in bis zu drei Mal wöchentlich, bei besonderer

Krisenintervention auch Einzeltermine in der Tagesstätte

unter Einhaltung der geltenden Hygiene- und

Abstandsregeln sowie eine Hotline, unter der die

Mitarbeiter*innen der Stiftung täglich von 9 bis 15

Uhr erreichbar sind.

Doch damit nicht genug: Einmal in der Woche erhält

jeder*jede Klient*in der Tagesstätte in Offenbach Post

von den Mitarbeiter*innen inklusive persönlichem

JUNI / JULI / AUGUST 2020

Assistenz seit 40 Jahren

WIR SIND

FÜR SIE DA!

Die Stiftung LEBENSRÄUME bietet Menschen

mit psychischen Handicaps praktische

Hilfen bei der Tagesgestaltung, alltagsbegleitende

Betreuungs- und Wohnangebote

und Vieles mehr.

Erfahren Sie mehr unter

www.lebsite.de!

Stiftung LEBENSRÄUME Offenbach am Main

Seit 40 Jahren fördern und assistieren wir

Menschen mit psychischen Erkrankungen

und Behinderungen in Stadt und Kreis Offenbach!

Ludwigstraße 4 63067 Offenbach T 069 83 83 16 - 0

info@lebmail.de www.lebsite.de


MUT&LIEBE / INKLUSION /

Brief, aktuellen Infos und Beschäftigungsmaterial

zum Rätseln, Malen und Lesen. Für Klientin

Sabine ist das ein Highlight der Woche: „Vorher

bin ich nie gerne an den Briefkasten gegangen, weil

ich nie Post erwartet habe!“, erzählt die 60-Jährige.

„Und jetzt freue ich mich, wenn so liebe Post

im Kasten ist. Das lässt meinen Alltag hochleben!“,

schwärmt die Rentnerin.

Allmählich werden die Corona-Maßnahmen wieder

etwas gelockert, doch der Alltag kehrt noch

lange nicht wieder ein. Und wann die Tagesstätten

wieder für die Besucher*innen geöffnet

werden dürfen, ist noch nicht absehbar. So lange

machen das Team der Tagesstätte in Offenbach

und Molly weiter mit ihren tollen Aktivitäten und

helfen den Menschen dabei, ihren Tag trotz Corona

sinnvoll zu füllen. Mit großem Engagement,

viel Herzblut und getreu dem Motto: „Dance like

nobody´s watching. Love like you’ve never been

hurt. Sing like nobody's listening. Live like it's heaven

on earth.“ (Mark Twain)**

Über LEBENSRÄUME

Die Stiftung LEBENSRÄUME ist eine gemeinnützige

Organisation, die seit 1980 Menschen

mit psychischen Erkrankungen und Behinderungen

in Stadt und Kreis Offenbach fördert

und assistiert. Zahlreiche Arbeits- und Gruppenangebote

bieten praktische Hilfen bei der

Tagesgestaltung, alltagsbegleitende Betreuungs-

und Wohnangebote unterstützen in der

eigenen Wohnung, in Wohngruppen oder im

Wohn- oder Nachbarschaftshaus. Offene Treffs,

Stammtische, Kreativ-, Sport- und Freizeitangebote

tragen zu einem lebendigen Miteinander

im sozialen Wohnumfeld bei.

Kontakt: Stiftung LEBENSRÄUME

Ludwigstraße 4, 63067 Offenbach

Tel. 069 838316-16

www.lebsite.de | info@lebmail.de

** „Tanze, als würde niemand zusehen. Liebe, als seist du

noch nie verletzt worden. Singe, als ob niemand dich

hörte. Lebe, als sei der Himmel auf Erden.“ (Mark Twain)

58

NADJA CHRISTNER TASCHEN

Nadja Christner: Was für ein Schock! Alle Veranstaltungen

und Märkte abgesagt – innerhalb von zwei

Tagen. Panik! Was soll ich jetzt tun? Nach mehreren

Tagen in der Schockstarre handelte ich. Masken waren

plötzlich in aller Munde. Also fragte ich bei einer Apotheke

nach, ob sie Interesse an handgefertigten Stoffmasken

hätten. So nähte ich kleinere Mengen für die

Apotheke. Die Menge wurde wöchentlich aufgestockt.

Unfassbar! Ich verwende hochwertige Baumwollstoffe,

die bei mindestens 60 Grad waschbar sind. Doch es

wurde zusehends schwieriger, Zubehör zu bekommen.

Gummibänder. Alles ausverkauft. Nirgends hat man

Gummibänder bekommen. Aber zum Glück wohnen

wir in Offenbach. Mein Stoffdealer „Stoffe Hartmann“

in der Geleitsstraße hatte Gummiband und er hat es

mir sogar geliefert, da er, wie viele andere, seinen

Laden schließen musste. Nach und nach kamen Kundenanfragen,

ob ich nicht auch Masken für sie machen

könnte. Vor ein paar Wochen noch kauften diese bei

mir Handtaschen und Fascinator, jetzt wollten sie

individuelle Behelfsmasken.

Ich habe zwei Schnitte und schicke an Interessierte

Fotos von Stoffbeispielen. So kann man sich seine

Maske individuell zusammenstellen (Erwachsene und

Kinder). Eine Kundin hat mir sogar ihren eigenen Stoff

geschickt, aus dem ich Masken für die ganze Familie

fertigte. Manchmal erfrage ich bei den Kunden die

Maße ihres Gesichts, damit ich die Maske auch gut

sitzend anfertigen kann ;-)

Bei Interesse findet ihr mich online auf Facebook

unter www.facebook.com/ChristnerTaschen/ oder

schickt mir gerne eine Email an

mail@nadja-christner.de

JUNI / JULI / AUGUST 2020


COUCHKINO –

was soll man auch machen?

Daniel Brettschneider: Zugegeben, zu Beginn der

Pandemie hatte mir das alles erst einmal nicht sonderlich

viel ausgemacht. Ich fand die Maßnahmen und

Einschränkungen sinnvoll, nachvollziehbar und hatte

erstaunlich wenig Probleme mit diesem „Lockdown

light“. Man machte schließlich alles richtig, indem man

nicht viel machte. Das liegt mir anscheinend. Man war

irgendwie ein Held des Alltags, wenn man zu Hause

blieb, auf der Couch lümmelte, Filme schaute, einmal am

Tag einkaufte und ausgiebig kochte. Nun ja, es gab und

gibt für mich persönlich durchaus schlimmere Szenarien.

Ich nahm Corona intuitiv als eine Art Auszeit für mich

an, in der alle Serien und Filme, die über die Jahre so

liegen blieben, endlich zur Sichtung kommen konnten.

Klar, ohne kleine Kinder ist das natürlich auch eine

recht privilegierte Situation. Deshalb mittags ein Glas

Weißwein und Videokonferenzen mit Freunden, die man

schon ewig nicht mehr gesehen hatte. Doch je länger

dieser Zustand anhielt, desto mehr vermisste ich all das,

was (mein) Leben ausmacht: die Kultur, der Austausch,

das gemeinsame Erleben. Was nützen all die schönen

Filme, wenn man sie mit niemandem teilen kann? Oder

eine saftige Lammkeule dazu, deren Geschmack erst

beim darüber Staunen, Reden, Freuen Sinn ergibt? Einige

Dinge funktionieren prima alleine oder zu zweit, in den

eigenen vier Wänden. Viele andere nicht.

Mir wurde dann doch mit der Zeit etwas langweilig.

Wenn schon kein „Ladenkino“, „Kino Kulinarisch“ oder

auch „Freiluftkino Frankfurt“, dann doch wenigstens ein

anderes Format, bei dem ich von zu Hause aus ein paar

Filme empfehlen könnte. Von diesem Gedanken zum

allerersten Video dauerte es nur ein paar Minuten. Seitdem

veröffentliche ich beinahe täglich einen kurzen Clip

auf meiner Facebook-Seite, in dem ich meine Lieblingsfilme

für bestimmte, ganz unterschiedliche Stimmungen

nenne und beschreibe. Meist sind es Filme, die mich

glücklich machten, von denen ich glaube, dass sie

meine Freunde aktuell ebenso in Euphorie versetzen

könnten. Oder zumindest einen mal ganz

tief abtauchen lassen, hineinziehen, zum Schmunzeln

bringen. Dabei geht es oft – wie sollte es

auch anders sein – um die Komödien-Großmeister

Ernst Lubitsch und Billy Wilder. Aber auch herrlich

skurrile, wunderbare Serien können Tristesse und

Schwermut elegant vertreiben: „The Kominsky

Method“ mit Michael Douglas und Alan Arkin oder

das herzzerreißende „After Life“ von und mit Ricky

Gervais sind aktuelle Ausnahmen und Höhepunkte

auf Netflix, die einem Wärme, Zuversicht oder

einfach ein paar gute Stunden schenken. Und trotz

alledem ersetzt absolut nichts jene Kinoabende,

wie wir sie in den letzten zehn Jahren in Offenbach

so oft gemeinsam zelebrieren durften.

Mein Traum: Auf bald – im Kino!

www.facebook.com/daniel.brettschneider

JUNI / JULI / AUGUST 2020 59


MUT&LIEBE / THEMA /

ZEIT FÜR YOGA

Ramona Lauer: Seitdem ich Samana Yoga gegründet

habe, empfinde ich es als Geschenk, Menschen die Kunst

des Yoga nahezubringen. Yoga bedeutet mehr als körperliche

Betätigung. Es ist Begegnung, Berührung, seelische

Liebkosung. Deshalb riss es mir fast den Boden unter

den Füßen weg, als COVID-19 über mich hereinbrach.

Bereits Anfang März zeichnete es sich ab, dass Corona

meine Arbeit verändern würde, als der erste Business-

Kunde den Unterricht aus Sicherheitsgründen absagte.

Mitte März musste ich mein Yoga-Studio aufgrund der

auferlegten Kontaktsperre schließen. Die Tür zu einem

Lebenstraum abzuschließen, nicht wissend, wann ich sie

wieder öffnen darf – das war schmerzhaft. Und gleichzeitig

gab es so viele Fragen, die mich beschäftigten.

Einer meiner ersten Gedanken galt den Mitarbeiterinnen

einer Klinik, in der ich unterrichte. Selbst unter normalen

Umständen sind diese dankbar für die Entspannung,

die ich ihnen mit meiner Yoga-Praxis schenke. Sollten

sie jetzt darauf verzichten, wo sie umso mehr gefordert

waren? So reifte die Idee kostenfreier Entspannungs-

Videos.

Die technischen Voraussetzungen waren schnell geschaffen,

doch sich persönlich auf diese ungewöhnliche

Form der Yoga-Stunde einzulassen, kostete Überwindung.

Unterrichten in einem leeren Raum, Menschen

anzusprechen, die ich nicht vor mir hatte, fühlte sich

merkwürdig und unvollständig an. Aber zurzeit ist nichts

so, wie wir es kennen, und wir müssen umdenken.

So entstanden die ersten kleinen Videos. Es wurden

mehr, und sie wurden länger. Die Zielgruppe erweiterte

sich. Es ist mir ein besonderes Anliegen, meine Videos

Menschen zur Verfügung zu stellen, die Yoga im Moment

gut gebrauchen können, weil sie sich in Krankenhäusern

und Altenheimen für andere Menschen liebevoll aufopfern.

Sie sollen aber auch ein Geschenk an diejenigen

sein, die sich Yoga-Unterricht nicht leisten können, und

nicht zuletzt an die lieben Teilnehmer*nnen meines

Yoga-Studios.

Die positive Resonanz ist überwältigend. Fünf Kliniken

nehmen das Angebot bereits dankbar an. Auch der ein

oder andere Business-Kunde nutzt die Video-Plattform

und unterstützt meine Bemühung mit der Buchung einer

ersten Live-Video-Yoga-Stunde. Dazu erreichen

mich viele Nachrichten, die mich tief berühren.

Natürlich kann ein Video den physischen Unterricht

nicht ersetzen. Selbst in Live-Konferenzschaltungen

ist es mir nicht möglich, jeden ganz

genau zu sehen und Fehler zu korrigieren. Auch

fehlt der persönliche Austausch, der mir so wichtig

ist. Samana Yoga ist ein Ort der Begegnung, des

Austausches. Deshalb gibt es bei uns auch einen

Lounge-Bereich mit kostenfreien Getränken und

Snacks. Das ist im Moment nicht möglich. Doch

ich kann Menschen gerade jetzt durch Yoga Ruhe

spenden, ihnen Sorgen nehmen und sie positiv

stimmen.

Natürlich wünsche ich mir, bald zur Normalität

zurückkehren zu können. Doch es liegt auch in

meiner Natur, in jeder Krise etwas Positives zu

sehen. Vieles an dem, was ich zurzeit erlebe, macht

mich dankbar. Ich bin dankbar für die Solidarität,

die ich erfahren darf, nicht zuletzt dadurch, dass

viele Kunden bereitwillig etwas spenden.

COVID-19 hat mir manches genommen: den unmittelbaren

Kontakt zu Menschen, die Möglichkeit,

meinen Beruf mit Leib und Seele auszuüben.

60 JUNI / JULI / AUGUST 2020


Aber ich habe auch wertvolle Erfahrungen

machen dürfen. So ist ein YouTube Channel

mit vielen schönen Yogavideos und Meditationen

entstanden, den ich weiterführen

werde. Ich bin überzeugt: Jede Krise

birgt auch neue Chancen, schafft Raum für

Kreativität.

Weitere Infos, auch zum aktuellen

Kurs- und Workshop-Angebot unter:

www.samanayoga.de

'108 Sonnengrüße auf der Hafentreppe'

Auch in diesem Sommer wird das

wunderbare Yoga-Event auf der Offenbacher

Hafentreppe am So. 26. Juli ab

19.00 Uhr voraussichtlich stattfinden.

Aktuelle Infos s. www.samanayoga.de

Wilhelmsplatz 12

D-63065 Offenbach

Fon: 069 883333

Fax: 069 885040

www.buchladenammarkt.de

ACCESSOIRES FÜR EIN SCHÖNES ZUHAUSE

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JUNI / JULI / AUGUST 2020

61


MUT&LIEBE / THEMA

FILMKLUBB

ODER:

TANTE JOSÉS LADEN

Nicole Werth: Der Filmklubb ist ein Ort, an dem Menschen

zusammenkommen um Film, Kunst, Literatur,

Musik, sowie Speisen & Getränke zu erleben – kurzum

bei Gesprächen Kultur zu genießen und dabei ein neues

Stück dieser wunderbaren Welt kennen zu lernen.

José kocht und gibt sein südländisches Lebensgefühl

weiter.

Wir steuern der Krise gegen, indem wir zweimal in der

Woche da sind und portugiesische Kulturschätze zum

Kauf anbieten. Zum Beispiel:

Handgemachte Reedkörbe, portugiesisches Bier, feine

Weine, frischgebackene Pasteis de Nata (Puddingtörtchen)

oder Pasteis Bacalhau (Stockfischbällchen),

typische Sardinhas und Atum aus witzig bedruckten

Dosen, sowie Atum em Pasta. Broa – Maisbrot, Meersalz,

Salzbutter und Ziegenkäse. Chouriço vom Porc

Preto, dem schwarzen Schwein, das sich nur von den

Eicheln der Korkeichen ernährt – schmeckt köstlich!

Wir führen Film-Bücher von zwei Offenbacher Autoren:

Ostwärts, oder wie man mit den Händen Suppe isst, ohne

sich nachher umziehen zu müssen von Autorin und

Regisseurin Julia Finkernagel und

Kino Kulinarisch ein Film- und Kochbuch von Daniel

Brettschneider. Alle Bücher sind handsigniert.

Das Klopapier oder eine Kaffeefilter-Gesichtsmaske

mit Filmklubblabel gibt es gratis dazu. Ihr könnt uns

unterstützen, indem ihr bei uns einkauft.

Wir sind donnerstags von 12.00 – 14.00 Uhr

und samstags von 9.30 – 14.00 Uhr da.

Nic, José & die Tanten vom Filmklubb,

Isenburgring 36, Hinterhof, 63069 Offenbach

Bestellungen an

nic@filmklubb.de www.filmklubb.de

6. BIS 8. AUGUST:

FILM & LIVE MUSIK SPECIAL

Wir starten eine Ausnahmereihe unter dem

Sternenhimmel Europas:

Do. 06.08.: Italienischer Abend:

mit Bruno Ganz in Brot & Tulpen

Fr. 07.08.: Griechischer Abend:

mit Anthony Quinn in Alexis Sorbas

Sa. 08.08.: Portugiesischer Abend:

mit Portugal mon Amour

Jeweils live an allen drei Abenden präsentieren wir

die virtuose Akkordeonspielerin, Stimmperformerin

und Kabarettistin auch "die Marlene Dietrich Bayerns"

aus München: MICHAELA DIETL im Hof des

Filmklubbs. Die Meisterin der Improvisation spielt

inmitten ihres Publikums bis sich der ganze Raum

im Kreise dreht. Je nach Genre und Land haut sie mit

gängigen Gassenhauern, klassischem Liedgut und

filigranen Kompositionen bis hin zu kabarettistischen

Einlagen in die Tasten.

Lasst Euch das nicht entgehen.

Karten 19.- € im Filmklubb zu den Öffnungszeiten

oder unter nic@filmklubb.de

Weitere Infos auch zu aktuellen Veranstaltungen

unter: www.filmklubb.de

62


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Zur Ruhe kommen,

Klarheit gewinnen:

Achtsamkeit lernen

MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

WEINBERG-KINO • 4. JULI

Vormerken – vorfreuen – Vorverkauf ab Juni

Ida Todisco und der Filmklubb schlagen ihre Zelte

im Weinberg auf.

Gemeinsam mit der Offenbacher Winzerfamilie

Gibbert zeigen wir Filme im uralten kleinen Weinberg

der Familie. Die Idee dazu entstand nicht

etwa aus einer Weinlaune heraus, sondern bei

einer der gemeinsamen Weinlesen vor Ort.

Von diesem Sommer an wird sich der Rumpenheimer

Weingarten einmal im Jahr in ein Cinema Paradiso

verwandeln. Wein- und Filmliebhaber*innen

können dort einen wunderbaren Sommerabend

verbringen, umgeben von Weinstöcken, Feldern

und Wiesen, nicht weit von Schlosspark und

Mainufer. Ein halber Mond, Schwedenfeuer und

die leckeren Weine der Gibberts geben den Rest

dazu, während auf der Leinwand große Gefühle

und kleine Alltagsgeschichten, Komödien, Thriller

oder Schwarz-Weiß-Klassiker gezeigt werden.

Sommer-Open-Air-Kino im Weinberg,

3. und 4. Juli 2020

Weinberg Gibbert in Rumpenheim

Beginn: 18.00 Uhr, Wein & Snacks

Filmstart: bei Anbruch der Dunkelheit

Vorverkauf: Buchladen am Markt,

ida.todisco@filmklubb.de

mbsr-rheinmain

mbsr-Kurse, Einzelcoaching,

Firmenschulungen

in Offenbach und anderswo

Kontakt: Anne Geisler

Mobil 0175 9271841

info@mbsr-rheinmain.de

www.mbsr-rheinmain.de

mindfulness-based stress reduction

Sind Sie schon

PATE

im KICKERS-

FAN-MUSEUM?

Helfen Sie mit, das Kickers-

Fan-Museum weiterhin zu erhalten,

z.B. mit einer Patenschaft

von nur 19,01 Euro / Jahr

KICKERS-FAN-MUSEUM

OFFENBACH

»VON FANS – FÜR FANS«

ASCHAFFENBURGER STR. 65

63073 OFFENBACH a. M.

Telefon: 0163 / 947 69 28

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JUNI / JULI / AUGUST 2020

63


MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

tagebuchblatt aus dem dorf

eine betrachtung von mia pelenco

Schon als Kind stellte ich mein eigenes Zimmer in

Frage, wenn ich es im Dunkeln betrat. Immer wieder

war ich erleichtert, dass es so aussah wie ich es erwartet

hatte, wenn ich das Licht anschaltete.

Manchmal ist Misstrauen ein guter Begleiter und

gewohnte Situationen möglicherweise nur Imagination.

„Der Mensch plant und Gott lacht“ sagte mir ein

polnischer Maler-Freund in einem vielfach schlimmeren

Moment, er meinte es tatsächlich als Trost

mit einer guten Portion Gottvertrauen.

Davon scheint man gerade als Künstler*in einiges

zu brauchen. Bisher ging man als kreativ schaffender

Mensch davon aus, doch einigermaßen „gleich“

dazustehen im gesellschaftlichen System. Doch

dieser Ausnahmezustand lehrt uns, dass weder

rechtlich noch sozial eine Regelung für Kunstschaffende

besteht. Diejenigen, denen schnell das Wasser

zum Halse stand, riefen um Hilfe – so lange sie

noch konnten. Viele Künstler*innen wurden jedoch

nicht erhört. Keiner fühlte sich zuständig, weder

für Einmalzahlungen noch Arbeitslosengeld. Man

fällt freundlich durch alle Raster, passt unter keinen

Schutzschirm, und im unfreundlichsten Falle erntet

man Häme mit Bemerkungen wie „… wozu noch Geld

vom Staat für so ein brotloses Hobby…?“ Plötzlich

zeigten sich Fratzen und taten sich Gräben auf.

Das geht dann doch sehr schnell, zack – aus der

Hüfte.

Künstler*innen mit ihrer Gabe, sich sichtbar auszudrücken,

reagierten in spannenden Variationen:

sofort, nach und nach, zögerlich, langsam oder gar

nicht. Schockstarre, Verzweiflung – es wurde von

den Kreativen erwartet, dass sie schon das Beste

aus der Situation machen. Wenigstens sie sollten

diese Kunst doch beherrschen. Auf allen möglichen

digitalen Plattformen wurde getanzt, gesungen, gelesen.

Einerseits, um sich Mut zuzusprechen, sich zu

zeigen aus dem ungewohnten Rückzug, andererseits

dann etwas später, um seine Kunst zu präsentieren,

vielleicht war die Ausstellung abgesagt, vielleicht

der Atelierrundgang, vielleicht ein Künstlermarkt.

Doch wie es jetzt einige Wochen später deutlich

wird: von Likes, nett gemeinten roten Like-Herzen

© Mia Pelenco

kann man weder satt werden noch seine Miete zahlen.

Keine ausgefallene Veranstaltung ist in irgendeiner

Form zu ersetzen, wenn es nicht zu monetärer

Anerkennung oder (Bilder-) Verkäufen führt.

Die Frage stellt sich nun, ob es nicht viel deutlicher

ist, sich nicht mehr zu zeigen. Die Abwesenheit von

Künstler*innen in der öffentlichen Wahrnehmung

wäre ein Spiegel des gesellschaftlichen Umgangs

mit Kunst und Kultur. Denn allein um Unterhaltung

in Zeiten von Corona geht es ja nicht. Es geht

vielmehr um die Frage, ob der Lichtschalter noch

betätigt werden kann. Für viele wird das Licht nicht

mehr angehen, Theaterbühnen, kleine Veranstaltungsräume,

Ateliers bleiben dunkel.

Auch in einem kleinen Dorf findet dies alles statt.

Vor allem in einem kleinen Dorf, das vor kurzem

noch „Das Worpswede von Hessen“ getauft wurde,

wegen der mittlerweile fast 30 ansässigen Künstler*innen

mit ihren Kunstateliers und Werkstätten

– und wegen der Rumpenheimer Kunsttage mit

alljährlich tausenden von Besuchern. Tausende

Menschen auf engem Raum? Auch das scheint auf

einmal ziemlich befremdlich, sogar fast bedrohlich!

Die Angst geht um. Abstand und Gesichtsmasken

sollen jetzt helfen, Ansteckung zu vermeiden, doch

sind sie gleichwohl behilflich, sich zu verstecken, und

sie verbergen sogar ein aufmunterndes Lächeln.

Zu gerne würde ich den rettenden Schalter finden,

der alles wieder in vertrautes Licht tauchen könnte.

Doch bemerke ich schon während des Schreibens,

dass dies nicht mehr in dieser Form möglich sein

wird. Das Innehalten hat schon viel verändert.

Es wird Zeit und Geduld brauchen, sich nicht mehr

so orientierungslos zu fühlen, als hätten Fremde die

Möbel im eigenen Zimmer umgestellt.

64 JUNI / JULI / AUGUST 2020


bild der woche...

digitale kunstpräsentation von anja hantelmann

MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

Keine Arbeitstreffen, keine Atelierbesuche, ausgefallene

Ausstellungen – toll, könnte man meinen,

endlich mehr Zeit im Atelier, endlich in Ruhe eine

längere Zeit am Stück an etwas arbeiten können!

Wäre da nicht die große Unsicherheit bezüglich des

weitere Fort- und Auskommens, die sich unmittelbar

einstellt.

Während ich Gemälde fertig male, die ich weit vor

der Corona Krise begonnen habe, stelle ich mein

Künstlerinnen- Dasein in Frage, durchdenke neue

Strategien und Wege, reflektiere meinen in den

letzten Wochen veränderten Blick. Als Künstlerin

bin ich auf Öffentlichkeit angewiesen. Ohne sie

ist mein Werk unsichtbar, nicht existent, wirkungslos

– ein Gedanke, der nur schwer auszuhalten ist.

Mehr denn je stellt sich das Bedürfnis ein, meine

Arbeiten zu präsentieren und eine Resonanz darauf

zu erhalten.

Da das zur Zeit nicht möglich ist, habe ich für mich

ein digitales Format entwickelt: Jede Woche stelle

ich ein Gemälde in Begleitung eines kurzen Textes

vor, in dem ich es zunächst beschreibe, seine Entstehung

erläutere und anschließend seine Wirkung

vor dem momentanen Hintergrund reflektiere.

Zu sehen auf meiner Website:

www.anja-hantelmann.eu

© Anja Hantelmann © Anja Hantelmann

◗ Manchmal kommt Besuch

Das Gemälde ist, wie fast alle meiner Bilder, in Eitempera auf

Nessel gemalt und 120 x 140 cm groß.

Das Bild zeigt einen Geier, der auf einer Kaffeetafel gelandet ist,

die für 5 Personen gedeckt ist. Er hat durch seine Landung ein

großes Durcheinander angerichtet. Seine Anwesenheit spricht

jedoch dafür, dass im Vorhinein etwas vorgefallen ist, das es

nun zu bereinigen gilt. Es lassen sich vielfältige Geschichten

spinnen. In der gegenwärtigen Situation erhält das Gemälde

eine ganz andere Bedeutungsebene.

Für viele gerät die Welt aus den Fugen, sei es durch den Verlust

eines geliebten Menschen, sei es durch die Angst vor finanziellem

Ruin. Wenn die Krise vorüber ist, wird die Welt nicht mehr

sein wie zuvor. Hier kommt der Geier ins Spiel.

Hoffen wir, daß sich beim Aufräumen auch Chancen auftun.

◗ Halloween 3 ist das bislang letzte einer kleinen Reihe.

Auch dieses Gemälde ist in Eitempera auf Nessel gemalt.

Die Maße sind 120 x 97 cm.

Vor nachtschwarzem Grund ragt der Kopf eines Jungen ins Bild.

Seine Totenmaske hat er nach oben aus dem Gesicht geschoben,

mit dem Effekt, dass die Zähne der Maske sich in seine

Stirn zu bohren scheinen. Aus der rechten oberen Bildecke

schiebt sich ein Fisch ins Bild, dessen Augen Blasen werfen.

Seine Zunge steckt im offenen Maul, als sei er daran erstickt.

Anlass zu der Reihe gab mir der bei uns mittlerweile etablierte

Brauch, dass Kinder am 31. Oktober ab Anbruch der Dunkelheit

maskiert von Haus zu Haus ziehen, um dort mit den Worten

"Gebt uns Süßes, sonst gibt's Saures" Süßigkeiten zu fordern.

In dieser Nacht sind angeblich Geister unterwegs, die mit den

JUNI / JULI / AUGUST 2020

65


MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

Süßigkeiten gezähmt werden können. Mittels unheimlicher Verkleidung

und Maskerade hoffen die Kinder Andere zu erschrecken. Den größten

Schauder erleben sie jedoch selbst, wenn sie durch die Dunkelheit

huschen, um auf Klingeln unbekannter Bewohner zu drücken.

Der Fisch steht hier für den Grusel. Er entstammt meiner Erinnerung an

das Märchen "Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen".

Das Gemälde spricht wovon die Menschen zur Zeit geprägt sind – von

der Angst vor dem Ungewissen, dem Unsichtbaren, dem Unbekannten,

dem Unberechenbaren.

© Anja Hantelmann

◗ Manchmal

80 x 115 cm, Eitempera auf Nessel.

"Manchmal" zeigt eine Frau in Blue Jeans und weissem Top.

Sie sitzt auf dem Boden, mit dem Rücken an die Wand gelehnt.

Ihre Beine sind aufgestellt, ihre verschränkten Arme sind auf

den Knien abgelegt, ihre Füße nackt.

Von gegenüber fällt ein gleissendes Lichtviereck auf die Wand.

Kopf und rechter Arm scheinen sich darin aufzulösen.

Obgleich auf ihnen viel Gewicht lastet, wirken die Füße als

schwebten sie auf dem blaugrauen Boden.

Der Blick der Frau geht ins Nirgendwo.

In eltlichen meiner Gemälde bin ich selbst Protagonistin, was

meist daran liegt, dass ich als Modell so praktisch verfügbar bin.

Denn manchmal muss es sehr schnell gehen, darf die Zeitspanne

zwischen Bildidee und Realisierung nicht zu lang sein.

Inzwischen habe ich mich an mich als Bildmotiv gewöhnt und

ich muss zugeben: Ich mag meine Hände und meine Füße.

In dem Gemälde geht es um die Auflösung des Selbst in manchen

Lebenssituationen und das damit einhergehende Gefühl

der Haltlosigkeit. Es ist etwas, was Vielen momentan begegnet,

denke ich.

KUNSTVEREIN OFFENBACH

Im KOMM Einkaufszentrum, Aliceplatz, 1. Stock

www.kunstverein-offenbach.de / Mo. bis Sa.: 14.00 – 20.00 Uhr

WIEDERERÖFFNUNG! Vernissage: Fr. 5. Juni, 18.00 Uhr

Brasilia- Betongewordene Utopie • Thomas Kellner

02. – 25. Juni

Russische Gemälde aus der Sammlung Michael Karminsky

Vernissage: Fr. 3. Juli, 18.00 Uhr • 29. Juni – 30. Juli

Christiane Klisch und Regina Krugel (Malerei),

Peter Vaugham (Skulpturen)

Vernissage: Fr. 7. August, 18.00 Uhr • 03. – 27. August

66

© Thomas Kellner und VG BildKunst Bonn, 49#08n Brasilia,

Santuario Dom Bosco, 2007


wir sind da!

bok in zeiten der pandemie

Die Unterbrechung des öffentlichen Lebens weltweit

und in fast allen Bereichen hinterläßt auch im Bund Offenbacher

Künstler (bok) ihre Spuren.

Noch ziemlich überrascht und fast arglos haben wir die

Absage der Luminale in Offenbach und Frankfurt vernommen

und die Ausstellung „digital-romantic“ mit Arbeiten

von Ursula Zepter, Gabriele Jurvan und Dorothee

Schabert am 12. März 2020 im kleinen Rahmen eröffnet.

Das war aber auch die letzte Veranstaltung mit Gästen,

die wir in unseren Räumen durchführen konnten.

Seitdem haben wir – bis auf weiteres – unsere Ausstellungstätigkeit

unterbrochen:

„zeichen & spuren“ von Karin Innerling und Doris

Preußner (17.4. – 2.5.) sowie „sculptures on the move“

Holzskulpturen von Paul Hirsch (15. – 30.5.) mussten wir

absagen. Ob wir im Juni mit den Arbeiten von Martina

Schoder wieder die Türen für Kunstinteressierte öffnen

können, ist im Moment noch nicht absehbar.

Aber: Wir arbeiten weiter, auch wenn die äußeren Umstände

uns in „Klausur“ schicken.

Wir sortieren uns – wir verarbeiten die aktuellen Ereignisse

– wir suchen Antworten auf alte und neue Fragen

– wir kommunizieren auf neuen Wegen. Jeder Künstler/

jede Künstlerin im BOK tut das auf seine/ihre Weise –

die künstlerischen Spuren dieser Zeit werden sich in der

Folge zeigen und sehen lassen.

Der BOK als Verein wird aus dieser Krise verändert hervorgehen,

aber wir sind nicht finanziell bedroht. Leider

sieht das für viele unserer Mitglieder anders aus, sie

müssen Anträge auf Unterstützung stellen, haben aber

teilweise sehr schnell und unbürokratisch Hilfe bekommen.

Auch dem Amt für Kulturmanagement in Offenbach

gebührt an dieser Stelle ein Lob für ideelle und

finanzielle Unterstützung.

Konstanze Schneider, April 2020

MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

virtueller 'kulturbeutel'

Als äußeres Zeichen des Zusammenhalts und der

künstlerischen Tätigkeit im BOK haben wir auf

unserer Homepage und in den digitalen Netzwerken

den „Kulturbeutel“ entwickelt. Im täglichen

Gebrauch ein nützliches Utensil, das vieles aufnimmt,

transportiert und verbirgt, was dem Nutzer

hilfreich ist, was auch überrascht, was wohltun

kann oder lange vermisst wurde. Im übertragenen

Sinne ist es ein Ort, an dem sich Künstler*innen

mit ihrer aktuellen und/oder langfristigen

künstlerischen Tätigkeit und Position vorstellen

und präsentieren: zum Überraschen, zum Kennenlernen,

zum Entspannen, zum Nachdenken und

Neugierig werden.

Jeden Freitag lädt bis auf weiteres ein anderer

Künstler/eine andere Künstlerin für eine Woche

auf unserer website zum (virtuellen) Besuch mit

seiner/ihrer künstlerischen Arbeit ein – nehmen

Sie das Angebot an und besuchen Sie uns:

www.bund-offenbacher-kuenstler.de/

Veranstaltungen/Kulturbeutel

BOK Galerie im Kulturkarrée

Kirchgasse 27-29, OF | Tel.: 0171 2842234 |

www.bund-offenbacher-kuenstler.de

Do. + Fr. 16.00 – 19.00, Sa. 11.00 – 15.00 Uhr

19. Juni bis 4. Juli / Vernissage: 18. Juni, 19.00

Martina Schoder

FRAGILE . NATURE . WILD . BEAUTY

Natur pur — kann es diese in der Stadt noch geben?

Hat Kunst Naturkräfte? Die Arbeiten von Martina

Schoder setzen sich mit diesen und weiteren Fragen

zur fragilen Schönheit von Naturformen auseinander.

Unten: 'digital-romantic' Luminale März 2020.

Malerei: Ursula Zepter / Objekt: Pulsar, Gabriele Juvan

MÄRZ / APRIL / MAI 2020 67


MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

Safiye Can Foto: Wolfgang Schmidt

Liebe zur Quarantäne-Zeit

Jetzt sitzt du in Wien

und ich in Offenbach

und wir können nicht zueinander fliegen

oder fahren mit dem Zug

selbst die letzte aller Möglichkeiten

die 15 Stunden Fahrt mit dem FlixBus

ist nicht mehr möglich.

Und dass ich dir

am Frankfurter Hauptbahnhof glücklich zuwinke

und dass du mich

am Wiener Flughafen sehnsüchtig umarmst.

Die Grenzen sind zu

für alle Liebenden, mein Liebster

jedes Umarmen bleibt verboten

und wir dürfen nicht zueinander finden.

Was selbstverständlich sehr schade wäre

wenn wir uns nicht vorher schon

getrennt hätten.

Welch ein Glück!

Lyrik von

Safiye Can

Liebe zur Quarantäne-Zeit II.

Jetzt sitzt du in Düsseldorf

und ich in Offenbach

und wir können nicht zueinander fahren

mit dem Auto oder Zug

selbst die längste aller Möglichkeiten

eine Prophetengeduldsfahrt mit dem FlixBus

ist nicht mehr möglich.

Und dass ich dir

Ecke Schillerschule in die Arme laufe

und dass du mich

am Düsseldorfer Hauptbahnhof sehnsüchtig erwartest.

Die Grenzen sind zu

für die Liebe, mein Liebster

jedes Umarmen bleibt verboten

und ich darf nicht zu dir finden.

Nicht, weil die Welt dieser Tage

von der Pandemie betroffen ist

oder der Mindestabstand 2 Meter.

Sondern, weil du mich

auch ganz ohne Pandemie und Quarantäne

einfach nicht willst.

Welch Unglück.

Safiye Can

Rose und Nachtigall

Neuauflage des Bestsellers der Offenbacher Lyrikerin

Safiye Cans Gedichte sind moderne und eigenständige Liebesgedichte,

die den Dingen des Lebens und des Liebens nachspüren.

Mit neuen und überraschenden Metaphern besingen sie

die Liebe, aber auch deren Scheitern und den Verlust, in einem

musikalischen Ton, dessen rhythmische Einheiten das Gesagte

überführen, wobei ein ganz eigener, besonderer Klang entsteht.

Sechs Jahre nach seinem ersten Erscheinen, bei dem das Buch

sechs Auflagen erreichte, haben die Gedichte dieses Bandes

noch immer nichts von ihrer Aktualität eingebüßt und ihre

Sprache, ihre Musikalität lässt weiterhin staunen. Diese neue

Ausgabe ihres ersten Gedichtbandes zeigt, wie gekonnt sich

Safiye Can der Liebe sprachlich zuwendet.

Safiye Can. Rose und Nachtigall. Liebesgedichte

Wallstein Verlag, 2020, 108 Seiten, 18,- Euro

Bereits in 2. Auflage!

68 JUNI / JULI / AUGUST 2020


online...

ausstellung

MUT&LIEBE / KUNSTWERK /

'LANDMARKEN'

Ausstellung von Leonore Poth

MIT KUNST INFIZIERT! –

30 Jahre Galerie Thomas Hühsam

Die Galerie Hühsam zeigt zum 30-jährigen die geballte

Ladung Kunst in einer tollen Online-Ausstellung:

Jim Avignon, Andrea Bender, Benjamin

Burkard, Edgar Diehl, Till Freiwald, Roman Klonek,

Christof Kohlhöfer, Andreas Lau, Antonio Marra, Dominik

Meyer, Patrizio Porracchia, Oliver Raszewski,

Nadine Röther, Dominik Schmitt und Kaya Theiss.

Dazu gibt es ebenso spannende wie knappe Bildbeschreibungen,

die Appetit auf Kunst machen.

Klickt mal rein www.youtube.com/watch?v=ESX---

cN7ek&feature=youtu.be und erfahrt, was es für

erstrangige deutsche Gegenwartskunst in Offenbach

zu sehen gibt. Im Herbst dann auch wieder

in echt in der Galerie Hühsam in der Frankfurter

Straße 61. Natürlich kann man auch jetzt schon

vorbeikommen. Der Abstand wird gewahrt.

Bitte vorher anmelden unter Tel. 069 810044.

Galerie Thomas Hühsam

Frankfurter Straße 61, Offenbach

www.huehsam.de

© Dominik Meyer

Schon lange terminiert, findet die Ausstellung

der Frankfurter Künstlerin und Mut&Liebe

Cartoonistin Leonore Poth wie geplant noch

bis zum 11. Juni beim Deutschen Werkbund am

Weckmarkt in Frankfurt statt.

Im unverwechselbaren reduzierten Stil präsentiert

Leonore Poth in Tuschezeichnungen und

Pastelkreide markante Frankfurter Gebäude,

'Landmarken' in der urbanen Szenerie.

Einlass wird den Besucherinnen und Besuchern nur

einzeln und mit Mundschutz gewährt.

Ausstellung 'Landmarken', noch bis 11. Juni

Deutscher Werkbund Hessen e.V.

Weckmarkt 5, 60311 Frankfurt

Di., Mi. und Do.: 15.30 bis 18.30 Uhr

www.deutscher-werkbund.de

www.leonore-poth.de

© Leonore Poth

JUNI / JULI / AUGUST 2020

69


MUT&LIEBE / TIPP /

ON THE ROAD …

Der Bücherbus auf LiteraTour in OF:

Lesung. Gespräche. Bücher. Wein

mit Ida Todisco

W58 • Mehrgenerationen-Wohnhaus

Die Veranstaltungen sind abhängig von der Entwicklung

der Corona-Krise. Deshalb sind Änderungen vorbehalten.

Bitte um Voranmeldung unter

juergen.heidi.platt@gmx.de oder 069 871534.

Sa. 27. Juni 19.00 • Musik für einen Sommerabend

Jazz und Pop-Songs mit Johannes Held, Ingolf

Griebsch und Überraschungsgästen

Der bereits für April geplante Start der LiteraTouren

wird nun im Juli nachgeholt:

Am 2. Juli starten die LiteraTouren kreuz und quer

durch Offenbach. Viermal im Jahr wird ein Autor,

eine Autorin mit in den Bücher-Koloss steigen, ein

Stadtviertel oder einen besonderen Ort in Offenbach

ansteuern und dort aus seinen oder ihren Texten

lesen und vom Schreiben berichten.

Auftaktveranstaltung: Do. 02. Juli, 17.30 –19.30

Haltestelle: Wilhelmsplatz, Mitte

Gastautor: Frank Geisler vom Theater t-raum

Gäste aus dem Viertel lesen aus ihren Lieblingsbüchern

/ Moderation: Ida Todisco

Wein & Wasser, Snacks / Büchertisch vom Buchladen

am Markt / Eintritt frei

Sa. 04. Juli 14.00 • Workshop „Blaufärben“

mit Tanja Muth. Begrenzte Teilnehmerzahl!

Sa. 18. Juli 19.00 • Konzert mit Trio „Simpático“

Feurige Rhythmen südamerikanischen Temperaments

und sanfte romantische Balladen

Sa. 22. August 15.00 • Sommerfest mit DJ

W58, Weikertsblochstr. 58, Offenbach

HOTELFILME IM SHERATON …

Sommer-Open-Air-Kino mitten in der Stadt

Barton Fink (1991, Regie: Joel Coen, Ethan Coen)

Unter dem Offenbacher Sternenhimmel auf der Terrasse

des Sheraton Hotels können die Zuschauer*innen

die Abenteuer eines Drehbuchautors in einem

bizarren New Yorker Hotel miterleben.

Ab 19 Uhr lädt das Sheraton zu besonderen Speisen

& Getränken ein. Die Küche bietet Sommer-Tapas

und Nina, die Chefin der Sheraton Bar, mixt wieder

die passenden Drinks zum Film.

Do. 20. August, Beginn: 19.00, Essen & Getränke

Filmstart: bei Anbruch der Dunkelheit.

Bei Regen im Hotel.

Vorverkauf: Buchladen am Markt

12,- € / erm. & Filmklubb-Mitglieder: 10,- €

Kontakt: ida@filmklubb.de

T-RAUM AUF YOUTUBE

Durch den Corona Virus ist der Spielbetrieb im

t-raum Theater vorübergehend eingestellt. Jeweils

Samstags werden neue Lesungen auf dem eigenen

YouTube-Kanal veröffentlicht und es soll auch das

ein oder andere Theaterstreaming geben.

(www.youtube.com/channel/UCvHSBq7YnrZM5akEzR

GGB7Q) Die Nutzung des t-raum-Kanals ist selbstverständlich

kostenfrei. Das t-raum-Team freut sich

über Spenden. (Infos: www.of-t-raum.de.)

Theaterstream am 27. Juni um 20.00 Uhr aus dem

Maximal in Rodgau geben. Zu diesem Termin war

ein Gastspiel des traum mit dem komödiantischen

Roadmovie „Herz“ von Uli Breé und Rupert Henning

geplant, aber auch das Maximal ist geschlossen

und so gibt es das Solostück mit Frank Geisler und

der musikalischen Begleitung von Uschi Wentzell

am Saxophon im Stream.

Infos: ww.of-t-raum.de

70 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / TIPP /

OFFENBACHER SOMMERNÄCHTE

Kulturprogramm in Corona-Zeiten

Die Stadt Offenbach und ihre Partner planen für den

Sommer 2020 Kultur trotz Corona. In lauen Sommernächten

unter Offenbacher Sternenhimmel können

Comedy, Theater, Kino und Live-Musik genossen

werden. Und besonders lokale Künstler*innen sollen

in dieser schwierigen Zeit Auftrittsmöglichkeiten

bekommen. Natürlich alles mit den entsprechenden

Hygienevorgaben. Gestartet wird mit den Veranstaltungen

mit städtischer Beteiligung Anfang Juli.

Kultur-Sommer-Festival in den Parkside Studios

Im Hof der Parkside Studios auf dem ehemaligen

Clariant-Gelände wird es von Anfang Juli bis Mitte

August ein Kultur-Sommer-Festival geben. Der Lederpalast,

der Filmklubb und die Rebellische Studiobühne

sind unter anderem mit an Bord. Freuen darf man

sich schon auf das Grinsen des Jokers oder auf den

südkoreanischen Oscar-Abräumer „Parasite“ – und

mit „Le Mans 66“ (Ford vs. Ferrari) wird auch rasantes

Autokino der Extraklasse geboten. Die Studiobühne

bringt unter anderem Henni Nachtsheim, Sabine

Fischmann, Jessica Born oder Ali Neander in den

Parkside-Hof – und Volker Rebell persönlich präsentiert

sein „Dylan auf Deutsch“-Programm.

Capitol bietet kleinen Kulturtreibenden eine Bühne

Der „Kleine Offenbacher Kultursalon“ im Capitol bietet

im Max Dienemann-Saal professionellen Künstlerinnen

und Künstlern Auftrittsmöglichkeiten. „Wir

freuen uns, Gastgeber für wunderbare Veranstaltungen

sein zu dürfen. Wir sehen zu, so viel wie möglich der Betriebskosten

durch Unterstützer abdecken zu können“,

sagt Initiatorin und Capitol-Geschäftsführerin Birgit

von Hellborn, „sodass möglichst alle Eintrittsgelder bei

den Künstlern bleiben können.“

Klassik-Open Air am Hafenbecken

Am Hafenbecken veranstaltet die Messe Offenbach,

ein Klassik-Open Air mit dem Capitol Symphonie Orchester

– zu erleben vom Auto aus. „Wir wollen die

Vorzeichen dieses schwierigen Jahres an diesem Abend

ins Positive drehen“, so Messe-Geschäftsführer Arnd

Hinrich Kappe, „und einen einzigartigen Abend auf die

Beine stellen." Finanziert wird das Projekt gemeinsam

mit Heberger Immobilien, die auf diesem Grundstück

das neue Messeparkhaus errichten werden; ein weiterer

Partner ist das Kulturmanagement der Stadt.

Diverse Veranstaltungen im Stadion in Planung

Auch das Kommt-Gesund-Wieder-Stadion (Sparda-

Bank-Hessen-Stadion) plant verschiedene Veranstaltungen

im Rahmen der Offenbacher Sommernächte.

Nähere Infos hierzu werden in den nächsten Wochen

bekannt gegeben, so Stadion-Geschäftsführer Andreas

Herzog.

Open Air-Kino an verschiedenen Orten

Tolles Open Air-Kino gibt es noch an weiteren Orten.

Selbstverständlich wird der Hafen 2 wieder großer

Protagonist im Kinosommer sein, dieses Jahr in Kooperation

mit dem Frankfurter Mal Sehn-Kino.

Der Filmklubb präsentiert neben den Aufführungen

im Hof der Parkside Studios auch weitere Abende

mit Livekünstlern unterm Sternenhimmel an besonderen

Orten: in Offenbachs einzigem Weinberg, auf

der Terrasse des Sheraton und im Garten des Filmklubbs.

Der Verein Kino im DLM e.V. plant zudem in Kooperation

mit dem Stadtwerke Immobilien Projekt „Hafengarten“

die Fortsetzung des „Alte-Schinken-Festivals“

in abgeänderter Form, aber natürlich wieder

mit Kino-Klassikern. An jedem Wochenende in den

Sommerferien soll an zwei Tagen ein Filmklassiker

gezeigt werden.

„Neben dem Programm der Offenbacher Sommernächte

unter freiem Himmel und im Capitol wird die Kultur

nach der jetzt wieder erlaubten Öffnung natürlich auch

von den Offenbacher Museen unter Einhaltung der

neuen Regeln bereichert werden“, weist Oberbürgermeister

Dr. Felix Schwenke darauf hin, dass es jetzt

gelungen ist, trotz Corona viel mehr Kultur auf die

Beine zu stellen, als in eine Pressemitteilung passt.

Alle vorgesehenen Veranstaltungen erfolgen natürlich

unter Einhaltung der Corona-Richtlinien. Das

komplette Programm aller Veranstaltungen in städtischer

Kooperation wird voraussichtlich bis Mitte

Juni vorgestellt.

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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MUT&LIEBE / GOURMET /

süßes aus

dem netz

www.kuchenbaecker.com

Liebe Leserinnen und Leser,

wer hätte beim Lesen der letzten Ausgabe unseres

heißgeliebten Mut&Liebe Magazins gedacht, dass es

heute „Mutmach-Geschichten“ bedarf. Geschichten, die

uns Mut machen, durchzuhalten und uns an die Einschränkungen,

die dieses COVID-19, oder im Volksmund

„Corona Virus“ genannt, mit sich bringt, zu gewöhnen.

Auch wenn die Bundesregierung die unzähligen, teils

einschneidenden Maßnahmen zur Eindämmung der Infektionen

zunehmend lockert, so stellt uns der Alltag

noch eine ganze Weile vor Herausforderungen. Vieles

hat es so noch nicht gegeben. Wir sind es nicht gewohnt,

Abstand zu halten, auf den Besuch von Familie

und Freunden zu verzichten. Kein freundliches Händeschütteln

zur Begrüßung und keine beherzte Umarmung.

Home Office und Home Schooling sind Begriffe,

welche die letzten Wochen bestimmten.

Wir müssen uns umorganisieren, können lieb gewonnenen

Gewohnheiten nicht nachgehen. Der gemütliche

Einkaufsbummel, so er denn möglich ist, ist alles andere

als entspannt. Der Cappuccino oder das erfrischende

Kaltgetränk in der beliebten Offenbacher Gastronomie

fehlt uns zunehmend. Nicht zuletzt auch das Tragen

eines Mund-Nasen-Schutzes ist uns befremdlich. Beim

Einkauf im Supermarkt oder auf dem Wochenmarkt.

Was in Japan und einigen anderen asiatischen Ländern

ein gewohntes Bild auf den Straßen ist, ist für uns alle

etwas Neues. Hinzu kommt die Ungewissheit, wie sich

unser Leben und unsere Stadt nach dieser Ausnahmesituation

verändern wird. Wird unser Lieblingsgeschäft

oder unser Stammlokal noch existieren, wenn wir CO-

VID-19 überstanden haben? Denn für viele Händler und

Gastronomen ist diese Situation schlichtweg existenzbedrohend.

Um so mehr freut mich der Ideenreichtum der Offenbacherinnen

und Offenbacher. Nachbarschaftshilfe

bekommt eine ganz neue Bedeutung. In sozialen

Netzwerken entstehen Gruppen, in denen man sich

austauschen und sich gegenseitig Mut zusprechen

kann. Die Stadtverwaltung, allen voran unser Oberbürgermeister

Dr. Felix Schwenke, der sich regelmäßig in

Videobotschaften an die Bürgerinnen und Bürger wendet,

tut ihr Möglichstes, um den Laden am Laufen zu

halten. Ich bitte Sie, tragen Sie die Entscheidungen, die

zu unser aller Schutz getroffen werden, seien sie auch

manchmal unangenehm und schwierig, mit. Auch wenn

wir nicht zusammen sein können, gemeinsam sind wir

stark und gemeinsam werden wir diese Situation überstehen.

Schließlich sind wir Offenbacher*innen.

Ich habe Ihnen eine Tarte au Chocolat gebacken, denn

Schokolade ist ist immer die Lösung, wenn uns zu Hause

die Decke auf den Kopf fällt. Ein knuspriger Mürbeteigboden

und cremige Schokoladen Ganache, die auf

der Zunge zergeht, lassen uns vielleicht für einen kleinen

Moment die Krise vergessen.

Bleiben Sie gesund!

Bis zum nächsten Mal

Ihr Kuchenbäcker

Tobias Müller

72 JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / SCHÖN & GUT /

Tarte au Chocolat

•••• so geht‘s ••••

Mehl mit den weiteren Zutaten für den Boden zu einem

glatten Mürbeteig verarbeiten.

Teig in Klarsichtfolie einschlagen und im Kühlschrank

für 30 Minuten ruhen lassen. Backofen auf 180°C

Ober-/Unterhitze vorheizen.

Teig auf einer bemehlten Arbeitsfläche 5mm dick ausrollen.

Tarte Ring auf ein mit Backpapier belegtes Blech

legen. Ring mit dem Teig auslegen und leicht andrücken.

Oder Teig in eine Tarteform legen und andrücken.

Backpapier zuschneiden und auf den Tarte Boden legen.

Mit Blindbackkugeln beschweren und auf der mittleren

Schiene 15 Min. backen. Blindbackkugeln und Backpapier

entfernen und den Boden für weitere 10 Min.

backen. Auf einem Kuchengitter abkühlen lassen.

Zartbitter Kuvertüre hacken. Butter und Honig dazugeben.

Creme Double in einem Topf bei mittlerer Hitze

aufkochen lassen. Kochende Creme Double über die

dunkle Kuvertüre mit Butter und Honig gießen.

5 bis 10 Min. stehen lassen. Dann mit einem Schneebesen

von innen nach außen verrühren bis eine

homogene Masse entstanden ist. Schokoladenmasse

in den Tarte Boden füllen.

Im Kühlschrank fest werden lassen. Nach Belieben mit

geschlagener Sahne garnieren, zum Beispiel in einen

Spritzbeutel mit Lochtülle füllen und auf die abgekühlte

Schokoladentarte dressieren. Auf Wunsch noch mit

großen Knusperkugeln oder Zuckerstreuseln garnieren

und servieren.

•••• Zutaten ••••

Für den Tarte Boden

250g Mehl • 125g Butter kalt, gewürfelt

90g Zucker, feine Körnung • 1 Ei

Für die Füllung

370g Zartbitter Kuvertüre • 400g Creme Double

25g Honig • 85g Butter kalt, gewürfelt

Zum Garnieren

geschlagene Sahne nach Belieben

1 Tarte Ring 25cm Durchmesser oder entsprechende

Tarteform, Backpapier, Blindbackkugeln

SPENDENKAMPAGNE

"Hafen schultern"

Den Hafen 2 hat die Corona-Pandemie, wie viele

andere Veranstaltungsorte, zum denkbar ungünstigsten

Zeitpunkt getroffen: Denn der Frühlingsbeginn

ist eigentlich die Zeit, in der der Betrieb

hochfährt und in den sommerlichen Hochbetrieb

überleitet. Die Einnahmen aus den Monaten März

bis September sorgen normalerweise für Rücklagen,

die das Team des Hafen 2 über den nächsten

Winter bringen. Die Lage ist prekär, obwohl die

monatlichen Kosten so weit wie möglich reduziert

wurden. Etwa, indem man Mitarbeiter in Kurzarbeit

schickte. Staatliche Hilfen bringen nur punktuell

etwas. Schnell war also klar, dass es ohne Spenden

nicht gehen würde.

„Ohne Euch kein Hafen“, heißt in einem der wöchentlich

veröffentlichen Posts zum Spendenzwischenstand.

Unterstützer hat der Hafen 2

viele. Ende März startete also die Spendenkampagne

unter dem Titel „Hafen schultern“. Wöchentlich

entsteht dazu ein Foto zum Zwischenstand

der Spendensumme, das auf Facebook sowie auf

der Homepage www.hafen2.net gepostet wird.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten zu spenden:

Online, über die GoFundMe Seite:

https://www.gofundme.com/hafen-schultern

Per Überweisung: suesswasser e.V.

IBAN DE68 5055 0020 0000 0292 89

SWIFT-BIC: HELADEF1OFF

Verwendungszweck „Spende". Ab 50 Euro kann eine

Spendenquittung ausgestellt werden. Suesswasser e.V.

ist der Trägerverein des Kulturzentrums Hafen 2.

Alle Informationen auch auf www.hafen2.net

und auf www.facebook.com/hafen2

73


MUT&LIEBE / INFO /

vhs offenbach beteiligt

sich am ersten

bundesweiten digitaltag

am 19. juni

Angesichts der Auswirkungen um

die Corona-Pandemie wird Digitalisierung

im Alltag zur Selbstverständlichkeit,

viele Prozesse werden umgestellt

und erfordern von mittlerweile

fast jedem digitale Kompetenzen, um

am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können.

Während für die einen die Nutzung digitaler Medien

selbstverständlich ist, sind andere völlig unsicher

und benötigen Hilfe und Orientierung.

Für die Volkshochschule Offenbach ist es deshalb

selbstverständlich, sich am in diesem Jahr erstmals

bundesweit stattfindenden Digitaltag zu beteiligen.

Dieser folgt dem Motto „Digital für alle“ und will auch

zum besseren gesellschaftlichen Zusammenhalt beitragen.

Es geht darum, Digitalisierung erlebbar und

verständlich zu machen und so Menschen rund um

digitale Themen zusammenbringen. Jede und jeder

soll in die Lage versetzt werden, sich souverän und

sicher, selbstbewusst und selbstbestimmt in der digitalen

Welt zu bewegen. Dazu will die Volkshochschule

nicht nur an diesem Tag einen Beitrag leisten.

Programm am Digitaltag 19. Juni

Von 15.00 bis 21.00 Uhr stehen völlig kostenlos und

leicht zugänglich digitale Angebote für verschiedensten

Interessensgruppen auf dem Programm: Menschen,

die noch keinen Zugang zur Digitalisierung

gefunden haben, erhalten einen Überblick und Erläuterungen

über Alltagserleichterungen, aufgezeigt

am Beispiel von Apps, die in der Stadt Offenbach bereits

leicht zugänglich zur Verfügung stehen. Andere

Angebote richten sich an Eltern, die ein Verständnis

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dafür erlangen möchten, was

ihre Kinder im Internet so

alles treiben. Social Media

Plattformen und Computerspiele,

die von Kindern und Jugendlichen

vorrangig genutzt werden, werden vorgestellt.

Es geht auch etwas spezieller: In einem Videoschnittkurs

wird das kostenlose Programm Windows Movie

Maker vorgestellt. Und wer schon erste Erfahrungen

mit „Word“ hat, kann sein Wissen um die Anwendung

von Formen vertiefen. Angesichts der großen Aktualität

des Themas Hate Speech und Extremismus im

Internet, wird es dazu einen Vortrag von der Amadeu

Antonio Stiftung geben. „Geht Demokratie auch digital?“

wird in einem weiteren Angebot gefragt, welches

ein Seminar zu diesem Thema vorstellt und die

Zugänge zu diesem, selbstverständlich auch digital

stattfindenden, kostenlosen Angebot erläutert.

Weitere Informationen und das Programm finden

Sie unter www.vhs-offenbach.de sowie das

deutschlandweite Programm unter

www.digitaltag.eu.

Vermehrt Onlinekurse der vhs Offenbach

Bereits kurz nach der Schließung der Volkshochschulen

am 16. März hat sich die vhs Offenbach unter dem

Motto „vhs zuHAUS – Wir lernen weiter“ in Richtung

Onlinekurse auf den Weg gemacht. Es wurden vermehrt

Onlinekurse angeboten und auf andere digitale

Angebote hingewiesen. Yoga-, Englisch-, Deutschkurse

und berufliche Weiterbildungen finden bereits

online statt und die Angebote werden stetig weiter

ausgebaut.

JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / INFO /

'future OF culture'

stadt offenbach startet

spendenkampagne

für kulturorte

v.l.n.r.: Reinhard "Blacky" Prekel (Wiener Hof),

Frank Geisler (t-Raum), Romina Weber (Amt für Kulturmanagement),

OB Dr. Felix Schwenke Foto: Bernd Georg

Die Zukunft der Kultur in Offenbach gemeinsam

sicherstellen: Das betrifft Künstlerinnen und Künstler,

aber auch Orte. Insbesondere die kleinen Bühnen

und Veranstaltungsräume hat die Corona-Krise

hart getroffen, von einem Tag auf den anderen sind

die Einnahmen auf unabsehbare Zeit weggebrochen,

während die Kosten weiterlaufen.

Auf Initiative des Kulturdezernenten, Oberbürgermeister

Dr. Felix Schwenke und des Amts für Kulturund

Sportmanagement startet die Stadt Offenbach

daher jetzt die Spendenkampagne „future OF culture

– Unterstütze Deinen Lieblingskulturort“.

„Jede und jeder kann seinen ganz eigenen Beitrag dazu

leisten, dass wir auch in Zukunft Kultur in der Stadt

gemeinsam genießen können. Beim gemütlichen Filmabend

im Filmklubb, einem entspannten Tag im Hafen 2

mit den Kindern, bei einer Theatervorstellung des Theaterclub

Elmar – um nur ein paar der Möglichkeiten zu

nennen. Offenbach ist vielfältig. Die Kulturorte ebenso.

Diese Vielfalt muss unbedingt erhalten bleiben. Und dafür

brauchen wir die Unterstützung aller“, so Oberbürgermeister

Schwenke.

Offenbacherinnen und Offenbacher können sich ab

sofort unter www.offenbach.de/future-of-culture über

ihre Lieblingsorte und die Möglichkeiten der Unterstützung

informieren, sei es mit einem Gutschein,

Tickets für zukünftige Veranstaltungen oder einer

Spende, mit der ein wichtiger Beitrag zum Fortbestehen

der vielfältigen Kulturszene in Offenbach geleistet

wird. Begleitet wird die Kampagne von Plakaten,

einem Newsletter sowie online auf Facebook, Instagram

und Twitter.

Über die Kommunikationskampagne hinaus unterstützt

die Stadt die Kultur mit drei weiteren Angeboten:

So können freie Kulturschaffende mit eigener

Spielstätte eine Einmalzahlung aus einem eigens aufgelegten

Nothilfefonds beantragen. Weiterhin bietet

die Stadt Einrichtungen, die nicht gemeinnützig sind,

die Möglichkeit, über die Bürgerstiftung Gelder als

Spenden mit Quittungen zu generieren. Die Stadtwerke

Holding Offenbach (SOH) hat außerdem eine

Crowdfunding-Spendenplattform für Offenbacher

Vereine, Initiativen und Unternehmen aufgelegt, bei

der sie Spenden ab 10 Euro verdoppelt. Ab sofort

können auch Offenbacher Kulturinitiativen und -vereine

auf der Plattform www.offenbach.de/crowdfunding

um Unterstützer werben. Die Kampagne „future

OF culture“ ist ein weiterer wichtiger Baustein zum

Erhalt der Kultur in Offenbach in der Corona-Krise.

Die Webseite www.offenbach.de/future-ofculture

wird laufend erweitert und Kulturschaffende

können ihren Kurztext mit Spendenaufruf

und Fotomaterial gerne senden an

romina.weber@offenbach.de

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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HINWEIS: Alle Angaben unter Vorbehalt. Bedingt durch evt. neue

Corona-Vorgaben können sich kurzfristig Änderungen ergeben.

Termine und Veranstaltungen bitte aktuell erfragen.

erleben

n Haus der Stadtgeschichte

Di, Do, Fr: 10.00 – 17.00,

Mi: 14.00 – 19.00

Sa. u. So: 11.00 – 17.00, Eintritt: 2,50

www.haus-der-stadtgeschichte.de

© Wilfried Kaib

n DLM Deutsches Ledermuseum

www.ledermuseum.de

Di. bis So.: 10.00 – 17.00

Eintritt: 8,00 /erm.: 3,00

Haus der Stadtgeschichte Herrnstr. 61, OF / AUSWAHL

Vortrag »Leben und Werk von Sophie Mereau Brentano –

Dichterin der Goethezeit« Dr. Annette Seemann

So., 5. Juli, 15.00 Uhr / Anmeldung erforderlich: haus-der-stadtgeschichte@

offenbach.de / 069 8065-2446

Am 27. März jährte sich der Geburtstag der Dichterin Sophie Mereau-Brentano

zum 250. Jubiläum. Eine indirekte Verbindung nach Offenbach gibt es über ihren

Ehemann, den Dichter Clemens Brentano, dessen Großmutter Sophie von La

Roche bis 1807 als Schriftstellerin in Offenbach ansässig war.

Radtour zum Museum für Kommunikation und zum Osthafen Wilfried Kaib

Sa., 15. August, 14-19 Uhr / 9,- € Eintritt und Führung / Helmpflicht und Teilnahme

auf eigene Gefahr. Maximal 15 Personen. Anmeldung erforderlich:

haus-der-stadtgeschichte@offenbach.de / 069 8065-2446

Wilfried Kaib ist Stadtsoziologe und ehemaligen Offenbacher Stadtbaurat.

Wir radeln vorbei an Maincubes, dem ersten Hochleistungsrechenzentrum in

Offenbach, zum Museum für Kommunikation und besuchen die Ausstellung:

#neuland: Ich, wir & die Digitalisierung. Im Osthafen betrachten wir den städtebaulichen

Wandel: von der Europäischen Zentralbank bis zum weltweit größten

Internetknoten. Zum Schluss gewinnen wir in Alt-Fechenheim einen Eindruck,

wie einmal das frühere Fischerdorf Offenbach ausgesehen haben könnte.

DLM Deutsches Ledermuseum Frankfurter Str. 86, OF

Das DLM ist wieder für Besucher*innen geöffnet. Zu sehen sind die Ausstellungen

LEDER.WELT.GESCHICHTE. und STEP BY STEP: Schuh.Design im

Wandel. Alle weiteren Ausstellungsbereiche bleiben zur Zeit geschlossen.

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© DLM, L. Brichta

STEP BY STEP: Schuh.Design im Wandel – verlängert bis 10. Januar 2021

Wie entsteht ein Schuh? Woher kommt der Absatz? Antworten auf diese Fragen

und vieles mehr bietet die Ausstellung anhand von ausgewählten Paaren

aus den einzigartigen Beständen des DLM.

LEDER.WELT.GESCHICHTE.

Sammlungspräsentation zum 100-jährigen Jubiläum des DLM

Welche außergewöhnlichen Schätze seit 1917 im DLM gesammelt werden,

veranschaulichen 130 exemplarisch ausgewählte Objekte aus den drei Sammlungsbereichen

Angewandte Kunst, Ethnologie und dem Deutschen Schuhmuseum.

Neue Rubrik: dlm@home auf www.ledermuseum.de

Unter dlm@home befinden sich Ausmalbilder der verschiedensten Schuhmodelle

aus aller Welt zum Herunterladen. Gerne können diese anschließend

unter #dlmschuhe auf Instagram gepostet werden. Ebenfalls werden unter

dlm@home Kurzfilme über die Lederwarenbranche in und um Offenbach

bereitgestellt. Ehemalige und jetzige Feintäschner, Designer und Lederwarenproduzenten

sprechen über Handwerk und Tradition, Fertigungsprozesse

sowie über die Bedeutung von Mode und Trends. Ein besonderes Highlight

ist ein Schuhspiel passend zur Ausstellung STEP BY STEP: Schuh.Design im

Wandel. Wir wünschen viel Spaß dabei!

JUNI / JULI / AUGUST 2020


HINWEIS: Alle Angaben unter Vorbehalt. Bedingt durch evt. neue

Corona-Vorgaben können sich kurzfristig Änderungen ergeben.

Termine und Veranstaltungen bitte aktuell erfragen.

erleben

n Klingspor-Museum

Di, Do, Fr: 10.00 – 17.00 Uhr,

Mi: 14.00 – 19.00 Uhr

Sa und So: 11.00 – 18.00 Uhr

2,50 erm.: 1,50 / Mi.: Eintritt frei

Klingspor-Museum Herrnstr. 80, OF, www.klingspor-museum.de

noch bis 11. Juni: „Wahrlich! es ist Himmelsvorgenuß.“ Buch- und Schriftkunst

zu Friedrich Hölderlin.

Klingspor permanent

Die Dauerausstellung rückt die Schätze des Museums ins rechte Licht. Gezeigt

wird Buch- und Schriftkunst in all ihren Facetten anhand von Exponaten zu

Typographie und Kalligraphie, Pressendruck, Malerbuch, Künstlerbuch und

Illustration.

27. Juni – 13. September

Bedeckt und unbedeckt. Körper und Identität

Kleidung und Körperschmuck sind Teil der Identität ihrer Träger*innen, sie

signalisieren Gruppenzugehörigkeit oder Individualität. Drei künstlerische

Positionen zeigen die Auseinandersetzung von Kleidung und Körperschmuck.

Sandra Heinz und Carola Willbrand wählen beide getragene Textilien als

Grundlage ihrer Arbeiten. Alex Reinke (Holy Fox Tattoos, London) arbeitet

als Tattookünstler nach japanischer Tradition. Seine Fotografien und Bücher

erzählen die Geschichten hinter den Zeichen und gehen der Frage nach den

unterschiedlichen Funktionen der Farbe auf dem Körper nach.

www.soh-of.de

ENTWICKLUNG.

ZUKUNFT. OFFENBACH.

MIT UNS!

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MUT&LIEBE / HÖRBAR /

Retrorock

Smokemaster – dto

Tonzonen / GTG

Es raucht ordentlich

im Gebälk des

Retro-Rock. Das Kölner

Quartett bläst dicke Wolken

aus Psychhardwüstenorgelrocknebel

in das Genre. Smokemaster

ziehen alle Register: von Spacerock à

la Hawkwind über Rocker mit Hammond

Orgel-Overdrive wie Jon Lord,

Ken Hensley oder Ingo Bischof bis zum

Wüsten-Instrumental „Sunrise In The

Canyon“. Da wird aus Nebelschwaden

ein richtiger Sturm. Sollte man auf stylischem

orangenem Vinyl besitzen.

Southern

Steepwater Band –

Turn of The Wheel

Diamond Day Records / JFK

In Deutschland so gut wie unbekannt,

ist die Steepwater Band in Amerikas

Southern-Rock Szene schon längst eine

feste Größe. Das wird sich bei uns leider

mit diesem neuen Album auch

nicht ändern - oder vielleicht doch? An

der Musik liegt es wie so oft nicht. Geradliniger

Rock mit Country Einflüssen

und exzellenter Gitarrenarbeit. Etwas

staubig, aber mit einem guten Schluck

Whiskey leicht verträglich.

MinimalJazzFusion

John Ghost – Airships And

Organisms

Sdban Ultra / GTG

Ist es Minimal Music? oder

Jazz? oder Post-Rock? oder ...?

- Ja, es ist alles zusammen. Klingt

anstrengend? Auch ja, aber es lohnt

sich. Dem Sextett aus Belgien gelingt

immer wieder kurz vor dem „jetzt

nervt es aber“ die Kurve in eine andere

stilistische Richtung zu bekommen.

Hoch ambitioniert und diszipliniert

musizieren die junge Männer zwischen

modernem Jazz, Elektronik und

ollem progressivem Rock. Sie holen

sich quasi das Beste aus allen

musikalischen Welten für

ihren Sound. Eine wahre

„Fusion“.

Psych

Dream Syndicate –

The Universe Inside

Anti/ 375

Die Urgesteine des Neo-Psychedelic

sind wieder da. Nach langem Schweigen

schon das zweite Album innerhalb

von drei Jahren. Zitat Steve Wynn: “Ein

Album wie unseren neuen Longplayer

„The Universe Inside“ zu veröffentlichen,

hätte in den späten Achtzigern

kommerziellen Selbstmord und das

sofortige Ende der Band bedeutet“.

Die sechs Songs (zwischen 5 und 20

Minuten lang) entstanden während

einer Jam Session bei der Magie in

der Luft lag. Kaum bearbeitet,

roh und psychedelisch. Die

Platte klingt so, wie sich

die Musiker schon

immer verstanden

haben: eine Gitarrenband

mit Hang zum

elektrischen Free Jazz eines

Miles Davis.

CD tipps

von

udo boll

Cosmic

Harmony

Church Of

The Cosmic Skull –

Everybody Must Die

Septaphonic Records /

Eigenvertrieb

Die weiß gewandeten Damen und Herren

haben nun ihr dritten Album

veröffentlicht. Sie bescheren uns

zehn neue Songs, die musikalisch

zwischen Queen, Abba

und Queens Of The Stone Age

liegen. Kleine Popdramen mit kernigem

Stoner-Rock und wunderbarem

Harmoniegesang. Keine Angst, Church

erwecken zwar den Eindruck einer Sekte,

sind sie aber nicht - sie lieben dich

nur. Ihre Philosophie geht über simples

Peace and Love hinaus; z.B. die komplette

Unabhängigkeit von der Musikindustrie.

So erscheint das neue Album

auf dem eigenen Label und ist nur über

die bandeigene Website zu beziehen:

https://cosmicskull.org/shop/

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JUNI / JULI / AUGUST 2020


MUT&LIEBE / THEMA /

JUNI / JULI / AUGUST 2020

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