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Leseprobe Zwei kleine Bären

Leseprobe Zwei kleine Bären Autorin Käthe Recheis

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Käthe Recheis

Zwei kleine

Bären


Käthe Recheis

Zwei kleine

Bären

mit Farbbildern

von Katrin Hornburg

Obelisk-Verlag


Einmal lebten zwei kleine Bären

in einem Wald,

der war so groß,

dass sie einander

noch nie begegnet waren.

Einer der kleinen Bären

hatte ein braunes Fell.

Der andere kleine Bär

hatte ein schwarzes Fell.

5


Der kleine braune Bär

planschte im Wasser,

erschreckte die Frösche –

nur zum Spaß –

und haschte nach Libellen.

Erwischt hat er nie eine!

Im Wald ringsum

wuchsen Büsche

voll süßer, saftiger Beeren,

die köstlich schmeckten.

Nichts aber liebte der kleine

braune Bär so sehr,

als still im Gras zu sitzen,

wenn am Morgen

die Sonne aufging

und ein strahlend

neuer Tag begann.

Da war ihm immer

so fröhlich zumute.

6


Weil der kleine braune Bär

jeden Morgen so früh erwachte,

schlief er am Abend immer ein,

bevor die Sonne unterging.

Der kleine braune Bär

hatte noch nie

einen Sonnenuntergang gesehen.


Dort, wo der kleine

schwarze Bär lebte,

war auch ein kleiner Teich.

Der kleine schwarze Bär

planschte im Wasser,

erschreckte die Frösche –

nur zum Spaß –

und haschte nach Libellen,

die er nie erwischte.

Oder er naschte

süße, saftige Beeren.

9


Nichts aber liebte

der kleine schwarze Bär so sehr,

als still im Gras zu sitzen,

wenn die Sonne unterging,

groß und leuchtend rot.

Da war ihm immer

so feierlich zumute.


Weil der kleine schwarze Bär

jeden Abend wach blieb,

bis die Welt dunkel geworden war,

erwachte er am Morgen erst dann,

wenn die Sonne

schon hoch am Himmel stand.

Der kleine schwarze Bär

hatte noch nie

einen Sonnenaufgang gesehen.

11


So vergingen die Tage.

Der kleine braune Bär spielte

an seinem Teich,

der kleine schwarze Bär

am anderen Teich.

Tag für Tag

und Tag für Tag

Frösche schrecken,

Libellen nachlaufen,

die man nie erwischte,

und süße Beeren naschen.

Tag für Tag

und

Tag für Tag.

Der kleine braune Bär

planschte immer lustloser im Teich.

Er wollte nicht mehr

Frösche schrecken,

12


wollte nicht mehr

nach Libellen haschen.

Die Beeren schmeckten

nicht mehr.

Nichts mehr machte ihm Freude.

Nicht einmal der Sonnenaufgang!

Wie langweilig

war das Leben

geworden!


Der kleine braune Bär

hielt es am Teich nicht mehr aus.

Er beschloss fortzuwandern.

Auch der kleine schwarze Bär

planschte immer lustloser

im Wasser.

Wollte nicht mehr

Frösche schrecken.

Wollte nicht mehr

nach Libellen haschen.

Die Beeren schmeckten ihm

nicht mehr.


Nichts mehr machte ihm Freude.

Nicht einmal der Sonnenuntergang.

Wie langweilig war

das Leben geworden!

Der kleine schwarze Bär

hielt es an seinem Teich

nicht mehr aus.

Auch er beschloss fortzuwandern.

15


Der kleine braune Bär

wanderte durch den Wald.

Er wanderte und wanderte

und kam zu einer Lichtung,

auf der er noch nie gewesen war.

Bäume und Büsche am Waldrand

gaben Schatten,

die Wiese aber lag

im hellen Sonnenschein.

Blumen nickten im Gras,

roter Klee duftete.

Vögel sangen

und Grillen zirpten.

„Hier ist alles anders als am Teich”,

sagte der kleine Bär zu sich,

„hier will ich bleiben,

für immer.

Einen schöneren Platz als diesen

gibt es im ganzen Wald nicht.”

16


Wenn er für immer hier blieb,

brauchte er – ein Haus!

Ein Haus für den kleinen

braunen Bären!

17


„Und die Tür muss dort sein,

wo die Sonne aufgeht”,

sagte der kleine Bär,

„damit ich jeden Morgen

zuschauen kann,

wie ein strahlend neuer Tag beginnt.”

Wie aufregend

war das Leben geworden

und langweilig

überhaupt nicht mehr.

18


Der kleine braune Bär

stapfte durchs Gras,

das weich war unter seinen Pfoten.

Er beschloss, sein Haus

mitten auf der Lichtung zu bauen.

Dann lief er am Waldrand umher

und sammelte Äste ein -

dicke Äste und solche,

die nicht ganz so dick waren -

einen großen Stoß.

Äste einsammeln macht müde,

vor allem,

wenn die Sonne heiß scheint.


Der kleine braune Bär legte sich

hinter einen schattigen Busch

und schlief ein.

Auch der kleine schwarze Bär

wanderte durch den Wald.

Er wanderte und wanderte

und kam zu der Lichtung.

Hier war er noch nie gewesen.

20


Alles war anders als am Teich.

Blumen nickten,

roter Klee duftete,

Vögel sangen

und Grillen zirpten.

„Einen schöneren Platz

gibt es im ganzen Wald nicht”,

sagte der kleine schwarze Bär

zu sich.

„Hier will ich bleiben für immer.”


DIE AUTORIN:

Käthe Recheis

Käthe Recheis wurde am 11. März 1928 in Engelhartszell

(Oberösterreich) als das vierte Kind eines Landarztes geboren.

Sie besuchte die Volksschule in Hörsching und maturierte in Linz.

In der Folge war sie als Redaktionssekretärin tätig. 1956 - 1961

Leitung des österreichischen Büros einer internationalen Katholischen

Organisation zur Betreuung von Auswanderern. Seit 1961 freie

Schriftstellerin. Als Autorin und Übersetzerin hat sie über 60 Kinderbücher

veröffentlicht, für die sie u.a. zwölfmal mit dem Österreichischen

Kinderbuchpreis und zehnmal mit dem Kinder- und Jugendbuchpreis

der Stadt Wien ausgezeichnet wurde. Für ihr Gesamtwerk

erhielt sie den Österreichischen Würdigungspreis für Kinderliteratur.

Zudem wurde ihr der Berufstitel „Professorin“ verliehen. Gleichsam

einen zweiten Beruf hatte Käthe Recheis in ihrem Engagement für

die Indianer Nord- und Mittelamerikas. Zusammen mit ihrem Bruder

hat sie Indianerschulen gegründet, indianische Texte heraus-gegeben

und übersetzt. Käthe Recheis ist am 29. Mai 2015 in Linz

gestorben. Davor lebte sie in Hörsching, wo sowohl die Volksals

auch die Hauptschule nach ihr benannt sind.

DIE ILLUSTRATORIN:

Katrin Hornburg

geboren 1968 in Braunschweig/Deutschland, lebt und

arbeitet seit mehren Jahren in Wien. Sie studierte Grafik-Design

an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig.

Auslandsaufenthalte in San Francisco und Barcelona, Ausstellungen,

Workshops und künstlerische Performances im In- und Ausland.

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