möbel kultur 06/20

holzmannverlag

ZKZ 4937

6 I 2020

MAGAZIN FÜR DAS MÖBEL-BUSINESS

Agenda

Setting

Polipol macht sich

stark für die Branche

Raus aus

der Krise

Foto: Schösswender

So befreit sich die Möbelindustrie aus

der Schockstarre – das exklusive Interview

mit VDM-Geschäftsführer Jan Kurth

GROSSE UMFRAGE

RESTART

MÖBELWIRTSCHAFT

Kare: Mit dem Ohr auf den Gleisen

Blanco: Mehrwert rund ums Wasser

Verbände: Das Extra auf 20 Seiten

Österreich: Nach dem Shutdown

Spoga+Gafa: „Wir sind motiviert“

GPK & Co.: Wechselbad der Gefühle


JÜRGEN REITER &

PERSÖNLICHPETER SCHÖNHOFEN

„Wie erreichen wir Kunden und

wecken Emotionen?“ Eine der

wichtigsten Fragen, die sich

Kare-Gründer Peter Schönhofen

immer wieder aufs Neue stellt.

1

möbel kultur: Herr Schönhofen, Herr

Reiter, Sie melden sich aktuell mit

einem ungewöhnlichen und persönlichen

Unternehmensvideo zu Wort. Was ist Ihre

Intention dahinter?

Peter Schönhofen: Wir haben uns zur

Neuorientierung die Frage gestellt,

was bleibt, was geht? Wie navigieren

wir gemeinsam mit unseren Marktpartnern

und wie erreichen wir

unsere Kunden und wecken Emotionen?

Was wir beide in den vielen

Jahren gemeinsam im Cockpit unseres

Unternehmens gelernt haben, ist,

schnell, mutig und unkonventionell

zu reagieren. Das hat uns und unseren

Kunden immer einen Vorsprung

verschafft.

Wie können wir stylisch die Be -

gierde wecken und was wird Kunden

jetzt Freude und ein gutes Gefühl

bereiten? Nicht erst seit Corona

haben wir dem Faktor Mensch mehr

Die beiden Kare-Gründer Jürgen Reiter

und Peter Schönhofen mischen seit fast

40 Jahren den Markt auf. Sie machen ihr

Ding schon immer anders als alle anderen.

In der derzeitigen Situation suchen die beiden

Macher noch mehr als bisher den persönlichen

Kontakt mit ihren Kunden und den Verbrauchern.

Sie wollen begeistern und setzen auf

die Wertschätzung für das Thema Einrichten.

Mit dem

Ohr auf den

Gleisen

Gewicht in unserer Kommunikation

und Markendarstellung verliehen.

Wir wollen mit dem Video Antworten

geben, warum Verbraucher

Möbel und Dekoration kaufen sollen.

Und vor allem bei welcher Marke. Es

gilt, Einkaufen zu einem Vergnügen

zu machen und Vertrauen zu stärken.

Das Wertschätzen persönlicher

Kommunikation und Beziehung ist

dabei viel wichtiger geworden. Für

die intimere Situation eines Interviews

haben wir uns entschieden,

weil es für diese direkte Kommunikation

steht. Wir denken, dass

Nahbarkeit und Authentizität einen

höheren Stellenwert bei den Menschen

haben werden – und wer kann

das besser transportieren als wir.

Wir stehen für die Marke persönlich

ein, das ist in der Handelswelt

heute ein Phänomen, das Kunden

wertschätzen.

2

Die beiden Kare-Gründer wollen

mit dem Video Antworten geben,

warum Verbraucher Möbel und

Deko-Artikel kaufen sollen.

Einfach QR-Code scannen.

Derzeit heißt es oft, dass die Welt nach

Corona eine andere sein wird. Glauben

Sie das auch? Welche Werte werden künftig

wichtiger?

Jürgen Reiter: Wir sind keine Propheten,

keiner weiß, wie genau das viel

zitierte neue Normal aussehen wird.

Gesellschaften sind immer wieder

durch Krisen gegangen, denken Sie

an 9/11 oder die Finanzkrise. Als

Unternehmer interessiert uns, wie

sich jetzt Märkte, Warenflüsse und

vor allem unsere Kunden neu orientieren

und wie wir diesen Prozess

mitgestalten können. Einer unserer

Erfolgsfaktoren ist sicherlich, dass

wir seit bald 40 Jahren dem Grundsatz

treu sind, unser Ohr auf die

Gleise zu legen, ernsthaft ganz nah

am Kunden zu sein. Wir kommen aus

dem Einzelhandel und wir glauben

an ihn. Das war nicht zuletzt einer

der Motive, unseren Flagship-Store

Kraftwerk aufzusetzen. Hier treffen

wir die Kunden, hier entstehen in

der Beratung persönliche Momente,

hier entwickeln wir das Gespür für

seine Bedürfnisse.

Wir richten unser gesamtes Verhalten

daran aus, wie etwas beim

Kunden ankommt. Und damit sind

wir bei den wahren Werten. An wen

glauben Sie in Zeiten von ungefilterter

Meinungsmache? An Menschen

und Marken, denen man vertrauen

kann, die authentisch sind. Weil

Menschen dafür grade stehen, was

ein Unternehmen tut. Das gilt im

sozialen Umfeld genauso wie im

Markt. Wir stehen persönlich für

unser Handeln ein, genauso wie

jedes Glied unserer Teams, im Qualitätsmanagement

genauso wie an

der Front in den Läden.

3

Wie kann man aktuell das Vertrauen

der Verbraucher gewinnen?

Peter Schönhofen: Der Kunde sollte

sich frei fühlen und eine für ihn

sichere Entscheidung treffen können.

Gerade jetzt sucht er nach nachhaltigen

Lösungen, Möbel sind keine

Wegwerfprodukte, sondern sollen

einen Wert schaffen.

Die Klamotten wechselt der

Mensch jeden Tag. Die Einrichtung

ist etwas relativ Konstantes und da

ist es wichtig, ein inspirierendes und

in sich schlüssiges Konzept, so wie

wir es mit unseren Gefühls- und

Trendwelten bieten, die den Verbraucher

vor Schnitzern bewahren. Der

gute Möbeleinkauf endet darin, dass

man nach drei Monaten oder nach

einer Woche nach Hause kommt und

feststellt, ich fühle mich besser, ich

komme mit größerer Freude nach

Hause, als davor. Das muss nicht

immer ein neues Sofa sein, das kann

ein Wandbild oder ein neuer Beistelltisch

sein. Einrichtungsberatung und

Möbelverkauf heißt doch, jemanden

zu beglücken, das ist ein wichtiger

Moment.

4

Woher nehmen Sie, auch fast 40 Jahre

nach Firmengründung, immer noch

Ihren Antrieb, außergewöhnliche Wohnstyles

zu kreieren, Neues zu entdecken?

Jürgen Reiter: Der Treiber war und ist,

dass wir Lust und Freude an unserem

Metier haben. Es bleibt unsere

Leidenschaft, bezahlbare Möbel und

Wohnideen immer schöner und noch

inspirierender zu machen. Wenn Sie

18 möbel kultur 6/2020


die Entwicklung ansehen von unseren

Katalogen über die Messen und

die Produktauswahl und -qualität,

können wir selbstbewusst sagen: Da

ist jedes Jahr eine Steigerung drin.

Es motiviert uns unglaublich,

wenn wir mit unseren Inspirationen

Begeisterung im Markt erzielen, die

auch bis hin zum Endkunden spürbar

ist. Natürlich sind wir brutal harte

Arbeiter. Wir sind immer am Ball,

um Marktlösungen vom Preis und

der Qualität her herauszuarbeiten,

so dass wir die Zukunftsfähigkeit der

Firma garantieren. Dabei ist es ein

enormer Vorteil, dass wir zu zweit

sind. Das heißt, wenn der eine mal

schlechter drauf ist, zieht der andere

ihn mit seiner Bereitschaft oder als

Vorbild hoch.

5

Wird die Living-Branche gestärkt aus

der Krise hervorgehen?

Jürgen Reiter: Mit den richtigen Konzepten,

ja. Wir erleben seit Jahren,

wie sich die eigene Wohnung zu

einer Art Höhle entwickelt, in die

sich die Menschen zurückziehen,

weil es draußen im Job und Alltag

immer stürmischer wird. Da sprechen

wir vom viel zitierten Begriff

der Wohnfühloase und des Rückzugortes.

Dazu kommt, dass in einer

digitalen Welt das Haptische verloren

geht. Auf dem Clubsessel aus Vintage-

Leder oder im samtigen Cocktail-

Sessel spüren wir Oberflächen. Hier

liegt für die Branche ein großes

Potenzial. Es geht nicht allein um

das schönere Einrichten.

Mit dem richtigen Konzept ist

gemeint, das der emotionale Aspekt

des Möbelkaufs mit Lösungen –

Stichwort Homeoffice – verbunden

ist. Weil Verbraucher ihr Zuhause

jetzt wochenlang vor Augen hatten

und oft anders als zuvor nutzen

mussten, suchen sie smarte Ideen

für Wohnbereiche vom Flur über den

Familien-Essbereich bis zum Bett.

Das können wir bieten.

6

Wie wichtig ist derzeit der Lustkauf?

Peter Schönhofen: Möbelkauf wird

zum Wohlfühl-Kauf. Es geht weniger

um die reine Lust am Shoppen.

Kunden wollen jetzt ihr Wohlbefinden

daheim stärken. Neben den

gewünschten Einrichtungslösungen,

die Provisorien aus der Quarantäne-

Zeit ablösen sollen, wie etwa den

ziemlich unpraktischen Arbeitsplatz

am Küchentisch, haben Kunden jetzt

Lust, sich etwas Gutes zu tun. Wie

es aussieht, werden wir alle beim

Thema Sommerurlaub umschwenken.

Hier werden in Haushalten

Budgets umverteilt. Das muss der

Handel nutzen!

7

Wie sind Sie bislang durch die Krise

gekommen?

Peter Schönhofen: Natürlich wird es

ein herausforderndes Jahr für die

Ertragslage werden, aber kleine und

große Erfolge führen dazu, dass wir

gut durch die Zeit kommen. Und

die digitale Kommunikation hat sich

gesteigert. Wir haben uns in der Auslieferung

und im Auftragseingang

besser gehalten, als wir es zu hoffen

wagten. Wie geplant können wir alle

Arbeitsplätze erhalten. Auch weil

unsere seit Jahrzehnten konservative

Finanzpolitik dazu führt, dass wir

einen beruhigenden Liquiditätsspielraum

haben, der in diesen Zeiten

Gold wert ist. Jetzt beweist sich aufs

Beste, dass wir ein eingeschworenes

Team sind, das zusammenhält.

8

Wie wichtig ist es in der derzeitigen

Situation, dass Kare schon frühzeitig

in die Digitalisierung investiert hat?

Peter Schönhofen: Extrem wichtig. Art

und Geschwindigkeit von Kommunikation

haben sich schon länger massiv

geändert. Jetzt können wir unsere

kommenden Redboxx Days im Juli

am Headquarter parallel zum offenen

Showroom auch digital anbieten.

Und in der Zeit des Shutdowns bis

heute spielen uns die Möglichkeiten

unserer Augmented-Reality-App

„Kare Roomdesigner“ und die der

Virtual Reality mit der Einrichtungsplanung

in die Hände. Der Vertrieb

stellt Kunden Kojen digital vor und

passt sie den Bedürfnissen maßgeschneidert

an.

Auch in unserem internationalen

Netzwerk mit den Franchisern können

wir digitale Tools nutzen. Den

Store-Check machen unsere Visual

Merchandiser zum Beispiel mit der

Dependance in Bogota und überall

auf der Welt virtuell, Beratung findet

über Face-Time statt.

9

Sie sourcen weltweit, viele der Produkte

kommen aus Asien. Wie stellt

sich die Lage dort derzeit dar?

Jürgen Reiter: Trotz verstärkter Versuche

mehr auf europäische Produzenten

mit unseren Designs zuzugehen,

bleibt Asien dauerhaft wichtigster

Herkunftsmarkt. Zwei Gründe gibt

es dafür: Einmal das gute Preis-Leistungsverhältnis;

genauso wichtig ist

aber, dass man in Asien noch viele

Jürgen Reiter lässt sich

weltweit und immer wieder

mit viel Leidenschaft

inspirieren, um neue Trends

für Kare zu entdecken und

zu entwickeln.

Fähigkeiten in der Produktion, beson -

ders im Bereich handwerklicher

Arbeiten findet, die bei uns leider

wegen einer gewissen Deindustrialisierung

verloren gegangen sind.

Natürlich gab es Verzögerungen,

aber auch Bedarfsrückgänge bzw.

Verschiebungen des gewünschten

Liefertermins. Gepaart mit einer

erstaunlichen Flexibilität einiger

unserer chinesischen Produzenten,

der jahrzehntelangen, vertrauensvollen

Zusammenarbeit und einer

minuziösen Dispositionsarbeit ist

es uns gelungen, gerade im Bereich

der Bestseller Lieferlücken weitgehend

auszuschließen. Gleichzeitig

konnten wir überlaufende Lager vermeiden.

Indien bleibt aufgrund des

noch nicht erreichten Höhepunkts

der Pandemie dort und des schwierigeren

gesellschaftlichen Umfeldes

noch ein Thema. Wir sind gerade bei

unseren Top-Lieferanten, von denen

die meisten die Freigabe zum Weiterarbeiten

regierungsseitig erhalten

haben, auf einem guten Weg.

Herr Reiter, wie ist es für Sie, seit

10Wochen nicht zu reisen? Obwohl Sie

doch sonst fast permanent unterwegs sind.

Jürgen Reiter: Ätzend, ehrlich gesagt.

Im Ernst, die Reisen, das Hands-on

Arbeiten mit unseren Lieferanten

in der Produktentwicklung und der

persönliche Kontakt mit den langjährig

vertrauten Menschen vor Ort

fehlt sehr. Dies und die Weltläufigkeit

sind ein Lebenselixier für mich. Auch

nach 40 Jahren schätze und liebe ich

es, in Hongkong, Delhi, Shanghai,

Hanoi oder wo auch immer anzukommen

und zu neuen Inspirationsquellen

aufzubrechen. Jede Reise ist

mit spannenden Eindrücken und

Erkenntnissen verbunden.

Andererseits beschleunigt die

Krise zukunftsträchtige Arbeitsmodelle,

zum Beispiel über Face-Time

und Skype über Kontinente hinweg

just in time zu arbeiten.

Ferner spielt uns in die Hand,

dass wir insbesondere mit unserem

spanischen Designbüro-Partnern

gerade im Möbelbereich nahezu

100 Prozent selbst entwickeln und

dass ein lang eingespieltes Team von

Qualitätskontrolleuren vor Ort die

Standards in der Produktion durchsetzt.

Ich bin jetzt sehr gespannt,

wie sich der digitale Arbeitsprozess

in der Qualität der Neuheiten für

das zweite Halbjahr niederschlägt.

Ist der gewünschte Standard top,

dann denke ich über die Reduzierung

der Reisetätigkeit nach. Ganz

darauf zu verzichten wäre aus meiner

Sicht aber weder sinnvoll noch

wünschenswert.


EVELYNE BECKMANN

www.kare.de

6/2020 möbel kultur 19


TOP-THEMA/ VDM

Die deutsche Möbelindustrie hat sich

aus der Schockstarre befreit, wie VDMund

VHK-Geschäftsführer Jan Kurth im

Exklusiv- Interview berichtet. In der Krise

ist es gelungen, die Möbelbranche in das

Blickfeld der Politik zu rücken. Nun geht

es darum, die Chancen zu nutzen, die

darin liegen, dass sich die Konsumenten

zuhause schön einrichten wollen – angetrieben

von einem Konjunkturpaket und

dem gerade gelaunchten Herkunftslabel

„Möbel Made in Germany“.

Mit

Made in

Germany

raus

aus der

Krise

Jan Kurth ist in seiner

Doppelrolle beim VDM und

VHK in Herford sehr gut

angekommen. In der Krise

waren die Interessenverbände

gefordert wie nie –

und haben in der Politik

viel bewegen können.

20 möbel kultur 6/2020


Je länger wir den

Lockdown hinter uns

lassen, desto mehr

hellt sich die Lage auf.

möbel kultur: Herr Kurth, wie steht es

nach dem Corona-Lockdown um die deutsche

Möbelindustrie insgesamt?

Jan Kurth: Die Möbelhäuser mussten

nicht nur in Deutschland, sondern

auch in den Haupt-Exportmärkten

wegen der Pandemie für etliche

Wochen schließen. Dadurch hat sich

die Auftragslage der Möbelhersteller

massiv verschlechtert. Probleme gab es

zudem durch Störungen in den Lieferketten,

also fehlende Zulieferteile aus

dem Ausland. Vielfach mussten die

Produktionskapazitäten heruntergefahren

werden. Aus unseren Mitgliederbefragungen

kristallisiert sich aber

heraus, dass sich das Thema beruhigt

hat. Denn viele Produzenten haben

ihre Supply Chains auf den Prüfstand

gestellt und sich nach Alternativen

umgeschaut, um flexibler zu sein.

Die momentane Lage ist für die

Betriebe dennoch sehr schwierig.

Gleichwohl hoffen wir, dass die

Branche noch mit einem blauen

Auge davonkommt. Je länger wir den

Lockdown hinter uns lassen, desto

mehr hellt sich die Lage auf. Nicht

zuletzt setzt das von der Bundesregierung

verabschiedete Konjunkturpaket

wichtige Impulse, die unserer

Branche zugute kommen können.

möbel kultur: Was hören Sie von Ihren

Mitgliedsunternehmen – wie sehen die

unterschiedlichen Betroffenheiten aus?

Und wie bewerten Sie die verschiedenen

Segmente?

Jan Kurth: Tendenziell ist die Küchenmöbelindustrie

nicht so stark betroffen

wie die Segmente Polster und

Wohnen, die im April beim Auftrags-

eingang einen Rückgang von mehr

als 60 Prozent verkraften mussten.

In der Küchenindustrie waren die

Einbußen nur etwa halb so hoch,

weil zum einen der Auftragsvorlauf

bei Küchen länger ist und der

Auftragsbestand gut gewesen ist.

Zum anderen haben viele kleinere

Küchenstudios Mittel und Wege

gefunden, während des Lockdowns

weiter zu verkaufen.

möbel kultur: Gibt es Corona-bedingte

Vorkehrungen, die Industrieunternehmen

aktuell in der Produktion treffen müssen?

Jan Kurth: Die Unternehmen setzen

die behördlichen Vorgaben und

die Empfehlungen der Berufsgenossenschaften

in Bezug auf die

Abstands- und Hygieneregeln im

Rahmen einer sogenannten Gefährdungsbeurteilung

um. Dazu gehören

unter anderem die Vermeidung von

Schichtübergaben, spezielle Regelungen

für die Pause, die Bildung

von kleinen, festen Teams und die

Nutzung von Onlinekonferenzen.

möbel kultur: Armin Laschet hat im

Zusammenhang mit der 800-qm-Regelung

die Möbelbranche in den Tagesthemen

erwähnt – ein lobbyistischer Erfolg?

Jan Kurth: Diese Erwähnung unterstreicht

die große Bedeutung der

Möbelindustrie in Nordrhein-Westfalen

und zeigt, dass wir unser Licht

nicht unter den Scheffel stellen

müssen.

In Nordrhein-Westfalen hat

man schnell erkannt, dass die

800-qm-Regelung nicht haltbar

gewesen ist. Erfreulicherweise hat

sich dann auch gezeigt, dass die

Möbelhändler mit den Wiedereröffnungen

sehr strikte Sicherheitsvorkehrungen

getroffen haben,

so dass sich schnell auch andere

Bundes länder an der Lage in Nordrhein-Westfalen

orientiert haben.

START FÜR KENNZEICHEN „MÖBEL MADE IN GERMANY“

Zum 1. Juni hat der Verband der Deutschen Möbelindustrie (VDM) das neue Herkunftsgewährzeichen

„Möbel Made in Germany“ herausgebracht. „Mit dem neuen Label können Verbraucher

sicher sein, dass sie Möbel aus deutscher Produktion kaufen“, sagt VDM-Geschäftsführer

Jan Kurth. Die strengen Anforderungen wurden vom Deutschen Institut für Gütesicherung und

Kennzeichnung (RAL) festgelegt. Es handelt sich dabei um das erste von RAL anerkannte

Herkunftsgewährzeichen für Möbel – sowie das erste für Gebrauchsgegenstände überhaupt.

„Für die Verbraucher haben wir einen neutral geprüften Nachweis für Qualitätsmöbel aus

deutscher Herstellung geschaffen“, sagt Kurth. Bei der Kaufentscheidung spiele die Herkunft

der Produkte eine immer größere Rolle. Für die heimische Möbelindustrie biete das neue Label

die Chance, den Absatzanteil auf dem Heimatmarkt zu erhöhen. Momentan stammen zwei

Drittel aller in Deutschland verkauften Möbel aus dem Ausland. „Aber auch im Export

versprechen wir uns verbesserte Absatzmöglichkeiten“, sagt der VDM-Geschäftsführer.

Zum Start haben sich schon 45 Unternehmen mit ihren Produkten für die Kennzeichnung

angemeldet. Die ursprünglich bis Jahresende angepeilte Marke von 50 teilnehmenden

Herstellern wird damit voraussichtlich übertroffen.

„‚Made in Germany‘ ist für viele Verbraucher sehr wichtig“, stellt auch Hans Strothoff,

Präsident des Handelsverbands Möbel und Küchen (BVDM), fest. „Die Bezeichnung gibt

unserer Branche sehr viel Rückenwind, weil sie die exzellente Qualität unserer

heimischen Hersteller, die Regionalität und damit den Nachhaltigkeitsgedanken

unterstreicht.“

Die Anforderungen des neuen Labels sind anspruchsvoll und stehen für einen hohen

Qualitätsstandard. Konstruktion, Montage und Qualitätsprüfung finden in

Deutschland statt. Zudem muss der für die Qualität relevante Herstellungsprozess

überwiegend in Deutschland erfolgen. Die Einhaltung der Kriterien wird im

Auftrag des VDM von der Deutschen Gütegemeinschaft Möbel (DGM) überwacht.

Entwickelt und eingeführt hat das Zeichen der VDM gemeinsam mit RAL.

möbel kultur: Wie eng standen die Verbände

in den vergangenen Wochen im

Austausch mit der Politik?

Jan Kurth: Natürlich sehr eng, es gab

laufend Gespräche. Es war uns wichtig,

unsere Positionen und Probleme

schnell zu transportieren. Parallel

hat der Möbelhandel – gerade in

Nordrhein-Westfalen – ebenfalls

seine guten Kontakte genutzt. Das

war wirklich ein sehr effizientes

„Miteinander“.

möbel kultur: Glauben Sie, dass die Politik

ein realistisches Bild der Möbelbranche

hat?

Jan Kurth: Das nehme ich von Bundesland

zu Bundesland Unterschiede

wahr. In Nordrhein-Westfalen ist

die Politik wegen der Stärke unserer

Industrie näher dran, in anderen

Bundesländern ist sie vielleicht

etwas weiter weg. Wir versuchen,

unseren Teil dazu beizutragen, dass

die Schwierigkeiten und Besonderheiten

wahrgenommen werden. Das

versuchen wir neben Ostwestfalen

verstärkt in den Möbel-Cluster-Regionen

in den Bundesländern Bayern,

6/2020 möbel kultur 21


TOP-THEMA/BRANCHENUMFRAGE

24 möbel kultur 6/2020


UNSERE GROSSE UMFRAGE

Machen SIE jetzt mit!

Corona-Umfrage: Dr. Wieselhuber & Partner und „möbel kultur

RESTART

MÖBELWIRTSCHAFT

Wie stark hat die Pandemie

die Möbelbranche erwischt?

Welche strategischen

Überlegungen bewegen die

Branche? Und was zählt

in Zukunft? Gemeinsam

mit der Unternehmensberatung

Dr. Wieselhuber

& Partner führt die „möbel

kultur“ eine groß angelegte

Befragung in der Industrie

und im Handel durch, um

zu erfahren, wo jetzt die

Knackpunkte nach dem

Corona-Restart liegen. Ihre

Meinung ist deshalb in den

kommenden zwei Wochen

besonders gefragt.

Nichts ist mehr so wie vorher.

Diesen Satz hört man zurzeit

häufig. Doch was bedeutet

er für das Möbelbusiness ganz

konkret? Wie stark hat die Digitalisierung

im Zuge der Pandemie

zugenommen? Gibt es Bereiche, die

in der Krise mehr leiden als andere?

Was macht die Unternehmen jetzt

robust? Und wo können und müssen

Möbelhandel und -industrie jetzt

ansetzen, um nicht nur mit einem

blauen Auge davon zu kommen,

sondern erfolgreiche Strategien für

die Zukunft zu entwickeln?

15 Jahre nach der größten

Branchenerhebung, die es in der

deutschen Möbelwirtschaft gab,

nimmt die „möbel kultur“ zusammen

mit Dr. Wieselhuber & Partner

die Corona-Krise zum Anlass, die

Branche wieder zum Dialog einzuladen.

Wir sind der Meinung,

dass der Zeitpunkt günstig ist, um

bestehende Geschäftsmodelle kritisch

zu hinterfragen. „Unter der

Headline ,Corona-Restart‘ fordern

wir Industrie und Handel dazu auf,

gemeinsam über die Zukunft der

Branche nachzudenken und Schlüsse

aus den Umfrageergebnissen zu ziehen.

Im Fokus der Betrachtung steht

die Entwicklung in den nächsten

18 Monaten. Denn in dieser Zeit

kommt es darauf an, die richtigen

Weichen zu stellen.“, sagt Dr. Timo

Renz, Managing Partner von W&P.

Für den Experten sind drei Perspektiven

für den „Corona-Restart“

existenziell und stehen daher im

Mittelpunkt der Befragung: Erstens

die Marktsicht. Hier geht es darum,

die Entwicklungen in Segmenten,

Vertriebskanälen und Ländermärkten

einerseits sowie neue bzw. veränderte

Präferenzen der Kunden

andererseits unter die Lupe zu

nehmen.

Im zweiten Teil werden Wertschöpfung

und Supply Chain

be leuch tet: Wo treten seit der Pandemie

Engpässe auf? Wie verändern

sich Lieferketten? Diese und weitere

Fragen sollen Aufschluss darüber

geben, wie die Branche hier positioniert

ist: Was leistet die Fabrik?

Und wie stellt sich der Handel auf,

um seine Kunden kompetent zu

bedienen?

Im dritten Themengebiet geht es

abschließend um die Performance-

Persepektive: Wo liegen die Ertragsund

Verlustquellen? In welchen

Bereichen wird wirklich Geld

verdient? Und vor allem – welche

Wachstumsfelder können für die

Zukunft erschlossen werden?

In enger Abstimmung und mehreren

Durchläufen konnte der Frage -

bogen optimiert werden, sodass

dabei vielschichtige Ergebnisse zu

erwarten sind. Spannend dürften

vor allem die unterschiedlichen

Sichtweisen zwischen Industrie

und Handel sein. Wie eng ist der

in der Krise beschworene Schulterschluss

zwischen den Marktteilnehmern

tatsächlich?

Wie immer bei derartigen

quanti tativen Befragungen kommt

es darauf an, dass möglichst viele

mitmachen. Nehmen Sie sich bitte

ca. 20 Minuten Zeit, um die Fragen

zu beantworten, damit wir ein möglichst

umfassendes Bild der Branche

skizzieren können. „Wir wollen alle

einladen, sich an diesem Projekt

zu beteiligen, um eine Standortbestimmung

der Möbelbranche vornehmen

zu können. Die gemeinsam

erarbeiteten Ergebnisse werden

alle Teilnehmer schlauer machen

und Ihnen bei ihren anstehenden

strategischen Entscheidungen als

Gradmesser dienen“, sagt möbelkultur-Chefredakteur

Sascha Tapken.

Selbstverständlich werden die

Angaben streng vertraulich behandelt.

Startschuss für die Onlinebefragung

ist der 15. Juni. Unter www.

moebelkultur.de bzw. www.wieselhuber.de

kann sich jeder für die Teilnahme

registrieren und mitmachen.

Diejenigen, die an der Umfrage

teilnehmen, genießen den Vorteil,

bereits vor der Veröffentlichung

eine Zusammenfassung der wichtigsten

Ergebnisse zu bekommen.

Alle anderen müssen sich bis September

gedulden. RITA BREER

t

FACTS

❯❯

Umfrage: Corona-Restart

❯❯

Beginn: 15. Juni 2020

❯❯

Teilnehmer: erste, zweite und

dritte Entscheiderebene

aus der Möbelindustrie und

dem Möbelhandel

❯❯

Umfang: Insgesamt 23 Fragen

❯❯

Drei Schwerpunkte: 1. Markteinschätzung

2. Wertschöpung

und Supply Chain 3. Performance

❯❯

Auswertung: bis September 2020

www.wieselhuber.de

6/2020 möbel kultur 25


TOP-THEMA/POLIPOL

möbel kultur: Herr Greve wie sehr wurden

Sie von dem Ausmaß der Corona-Krise

überrascht? Ich erinnere mich, dass wir

auf der „imm cologne“ zwar schon über

mögliche Lieferverzögerungen aus China

gesprochen haben, aber uns damals überhaupt

noch nicht vorstellen konnten, was

da auf uns zurollt.

Marc Greve: Uns hat es schon sehr

überrascht als aus China plötzlich

nichts mehr bei uns ankam. Da

die Lieferfähigkeit für uns aber an

erster Stelle steht, haben wir nicht

gezögert und sofort vieles doppelt

bestellt – bei unseren Zulieferern

in Osteuropa. So konnten wir über

ferfähigkeit ist. Denn gerade jetzt

braucht der Handel diese Verlässlichkeit,

um die Ware ausliefern zu

können – und dadurch die Liquidität

aufrecht zu erhalten. Die Händler

müssen in dieser Zeit schnell Geld

in die Kassen bekommen.

Aus diesem Grund gibt es bei uns,

verlängert bis zum 30. September,

sämtliche Werbemodelle, in allen

Kombinationen und Stofffarben

innerhalb von 15 Arbeitstagen. Das

ist aktuell wirklich ein riesiger Wettbewerbsvorteil,

der zieht, denn viele

Hersteller haben gerade Lieferzeiten

von acht bis zehn Wochen.

ren. Und die Sicherheit haben, auch

dann die kurzen Lieferzeiten einhalten

zu können.

möbel kultur: Wie kam das bei den Mitarbeitern

an?

Marc Greve: Sie haben alle sehr gut

mitgezogen. Durch unser schnelles

Handeln haben wir für Vertrauen

gesorgt. Das kommt uns jetzt

zugute, die Mannschaft ist wirklich

motiviert.

Wobei auch wir nicht in die

Zukunft blicken und sagen können,

wie die Situation in drei oder fünf

Monaten aussieht. Ganz nüchtern

Die Krise setzt

Energien frei

Zwischenstand aus Diepenau: Polipol, der Marktführer im Segment Polstermöbel, gibt Einblicke,

wie die letzten Wochen gelaufen sind. Geschäftsführer Marc Greve erläutert, wie wichtig aktuell

schnelle Lieferzeiten sind, freut sich über den Schub in der Digitalisierung und spricht sich für

eine Herbstmesse und die „imm cologne“ aus. Die „möbel kultur“ war vor Ort, natürlich mit dem

nötigen Abstand. Der erste Auswärtstermin nach drei Monaten macht Mut.

die gesamte Zeit bis zum Shutdown

pünktlich liefern. Und waren bis

dahin mit der Produktion auf Stand.

Wir achten schon immer darauf,

dass wir für alle Teile auf zwei bis

drei Lieferanten zurückgreifen können.

Die Lagerhaltung vor Ort bei den

Fertigungen ist sehr hoch. In diesem

Frühjahr hat uns das ganz besonders

geholfen. Wir konnten immer reagieren.

Im übrigen läuft es, Stand Ende

Mai, mit China wieder reibungslos.

möbel kultur: Wie wichtig war es für Polipol

die Lieferfähigkeit immer aufrecht

erhalten zu können?

Marc Greve: Enorm wichtig. Wir haben

uns gleich am Anfang der Krise die

Frage gestellt, was wir besonders

gut machen können, um uns vom

Wettbewerb abzuheben. Und haben

dann ganz strategisch entschieden,

dass unser großer Vorteil die Liemöbel

kultur: Wie haben Sie in den letzten

Wochen und Monaten Ihre Fertigungsstätten

in Polen, Rumänien und Belarus

steuern können? Wie sieht es dort derzeit

aus?

Marc Greve: Als Produzent mit Werken

in Osteuropa konnten wir nicht,

wie die deutschen Hersteller, auf

das Instrument Kurzarbeitergeld

zurückgreifen, denn das gibt es dort

nicht. Wir haben deshalb frühzeitig

entschieden, die Betriebsferien vorzuziehen.

Das heißt, dass wir die

Werke, statt im Juli, im April für drei

Wochen geschlossen hatten. Das hat

uns geholfen, aber auch den Mitarbeitern,

die in dieser Zeit ganz

normal weiterbezahlt wurden. Denn

von den osteuropäischen Staaten

gibt es in solch einem Fall kaum

Unterstützung für die Arbeitnehmer.

Und das führt nun dazu, dass

wir den Sommer durchproduziebetrachtet

wissen wir, dass jeder

neue Corona-Fall die zeitweise

Schließung von unseren Produktionsstätten

bedeuten kann. Auch

wenn wir sämtliche Sicherheitsvorkehrungen

getroffen haben, mit

Mundschutz, verschobenen Schichten

oder Abstandsregelungen. 2020

ist ein Ausnahmejahr. Jetzt müssen

wir jeden Tag einfach mitnehmen

was mitzunehmen ist.

Am Firmensitz in Diepenau wurden

unsere Zukunftsprojekte – wie

Digitalisierung, Prozessoptimierung

und Produktentwicklung – übrigens

die gesamte Zeit zu 100 Prozent

vorangetrieben.

möbel kultur: Die jetzt positive Entwicklung

gibt sicherlich ein gutes Gefühl

nachdem die Bänder über Wochen still

standen und auch keine Auftragseingänge

reinkamen.

26 möbel kultur 6/2020


Unser großer Vorteil

sind die schnellen

Liefer zeiten. Gerade jetzt

braucht der Handel

diese Verlässlich keit.

Foto: möbel kultur

FACTS

❯❯

Polipol-Gruppe

❯❯

Gründer und Inhaber:

Gerd J. Hemmerling (1990)

❯❯

Geschäftsführer: Marc Greve,

Hajo Hartmann

❯❯

Zentrale: Diepenau (seit 2010), mit

Ausstellung (> 7.000 qm)

❯❯

Schienen: Hukla, Megapol, Polinova,

Polipol, Zehdenick

❯❯

Werke:

- Deutschland: Torgelow (seit 2012)

- Polen (7): Chodziez (1993),

Wagrowiec (1994, Neubau: 2015),

Chojnice (1994), Janikowo (2004),

Srem (2007), Podanin (2012),

Slupsk (2018)

- Rumänien: Foieni (2005)

- Weißrussland (2018)

❯❯

Anzahl der Mitarbeiter: > 6.500

❯❯

Umsatz: > 500 Mio. Euro

www.polipol.de

Polipol-Geschäftsführer

Marc Greve sieht für die

Gruppe, die in diesem Jahr

ihren 30. Geburtstag feiert,

auch in der Zukunft viele

Wachstumschancen.

Marc Greve: Ja, das war schon eine

ungewohnte Situation. Von 100

auf Null, das konnte sich vorher

niemand vorstellen. Wir hatten

immerhin sechs Wochen kaum

Auftragseingänge. Das ist schon ein

enormes Volumen für ein Unternehmen

in unserer Größenordnung.

März und April können wir trotz

derzeit guter Auftragseingänge nicht

so schnell wieder aufholen.

Früher haben wir immer gesagt,

dass man mal eine Krise durchmachen

müsste, um zu sehen, ob alle

Abteilungen noch funktionieren.

Aber so haben wir uns das nicht

vorgestellt. Wobei der Stresstest

aufgezeigt hat, dass wir gut aufgestellt

sind. Wir sind wirklich stolz

auf unser engagiertes Team. Vieles

musste schnell und auf Zuruf entschieden

werden. Lange Planungen

waren nicht möglich. Das fordert

ein schnelles Umdenken und fördert

ganz neue Abläufe.

möbel kultur: Wie lief während des Shutdowns

der Austausch mit dem Handel?

Marc Greve: Wir waren immer im

Gespräch, weil wir lange ausgeliefert

haben. Zum Glück wollten die Endkunden

die Ware auch haben. In der

Corona-Zeit ist vieles mensch licher

geworden. Wir haben viele tolle

Gespräche mit unseren Händlern

und Lieferanten geführt. Ich glaube,

dass jetzt alle – Lieferant, Hersteller,

und Handel – gemerkt haben, dass

wir wirklich in einem Boot sitzen.

6/2020 möbel kultur 27


6 2020

2020

VERBÄNDE Die Krise

stemmen

Die 21 deutschen Möbel- und

Küchen einkaufsverbände

> Strukturanalyse:

Umsatzstarke Veränderungen

> Social-Media-Marketing:

Mit starken Performances zu mehr Interaktion

> Facts & Figures:

Wer hat die meisten Mitglieder?

++ MITGLIEDER ++ SCHIENEN & MODULE ++ NEUIGKEITEN ++


03

Umsatzstarke Verschiebungen

Im vergangenen Jahr machten einige Verbände mit gewichtigen Meldungen von sich reden. Allen voran

die Begros, die mit umsatzstarken Neuzugängen Union ins Aus manövrierte. Die XXXLutz-Gruppe begab

sich international auf eine ausgiebige Einkaufstour und stärkte damit Giga International. Und beim

EMV heuerte mit Segmüller ein neues Schwergewicht an. Zu Beginn dieses Jahres änderte sich alles.

Durch Corona und dem damit verbundenen Lockdown gilt es jetzt, die Mitglieder sicher durch die Krise

zu bringen und umfassende Hilfen anzubieten – von gebündelten FAQs über die neuen Hotlines bis hin

zu Maßnahmen zur Liquiditätssicherung wie frühzeitige Ausschüttungen von Gewinnen und Boni.

Illustration: Titel und Seite 3: Jiw Ingka/Shutterstock.com

Bei ALLIANCE sorgte Ende 2019 die

Ordermesse für gute Stimmung. Fünf Prozent

mehr Besucher kamen, um sich u.a.

über die Neutralisierungskonzepte „Home“

und „Luxxea“ zu informieren. Zum Jahresstart

standen die Zeichen dann auf Expansion

der Mitnahme-Schiene „SB Preisbrecher“.

Inzwischen bieten mehr als 70 Standorte das

Sortiment an. Der Schwesterverband DER

KÜCHENRING setzt seit dem 1. März auf

eine Einkaufskooperation mit KÜCHEN

TREFF. Die zwei Verbände bleiben jedoch

rechtlich selbstständig und behalten ihr

eigenständiges Profil. Zusammen gehören

beiden insgesamt über 1.000 Küchenspezialisten

im In- und Ausland – das heißt in

Deutschland und Österreich, der Schweiz,

den Niederlanden, in Belgien und Luxemburg

an. Gemeinsam mit ALLIANCE realisiert

der neue Verbund im Küchenbereich

ein Zentralregulierungsvolumen von über

eine Milliarde Euro. Aufgrund der Corona-

Pandemie wurden die Küchen-Kompetenz-Tage

im März 2020 allerdings abgesagt.

Die BEGROS freut sich über fünf

umsatzstarke Neuzugänge, mit denen sich die

Mitgliederzahl auf nunmehr 17 erhöht.

Braun Möbel-Center, die Ehrmann-Gruppe,

Hardeck, Möbel Heinrich sowie Opti-Wohnwelt

wechseln von Union und bringen

zusammen ca. 900 Umsatz-Mio. mit. Der

Begros-Außenumsatz wächst damit auf

geschätzt 5,8 Mrd. Euro.

In seinem 40. Jubiläumsjahr konnte

DER KREIS seinen Gesamtumsatz von

3,683 Mrd. Euro 2018 auf 3,822 Mrd. Euro

im Jahr 2019 ausbauen – das entspricht

einer Steigerung von 3,8 Prozent. Die

Zahl der Mitgliedshäuser in 17 Ländern in

Europa erhöhte sich 2019 um 30 auf 3.374

angeschlossene Betriebe. Welche Länder

davon einen Zuwachs verzeichnen konnten,

vermeldet die Verbundgruppe traditionell

nicht.

Der EINRICHTUNGSPARTNERRING

VME und UNION werden nach dem Wechsel

der Union-Verbandsmitglieder Braun,

Ehrmann, Hardeck, Heinrich und Opti zur

Begros doch nicht fusionieren. Stattdessen

treten die verbleibenden Union-Mitglieder

dem VME bei. Der Prozess hat zum 1. April

dieses Jahres begonnen und umfasst gemäß

den rechtlichen Vorgaben einen Zeitraum

von zwölf Monaten. UNION wird Ende

2020 Geschichte sein.

Der ZR-Umsatz der EK SERVICE-

GROUP belief sich 2019 auf 2,13 Mrd.

Euro. Verglichen mit dem Vorjahr ist das ein

Minus von rund 5,5 Prozent. Als maßgeblicher

Grund für den Rückgang wird die Beendigung

der Kooperation mit einer niederländischen

Möbelverbundgruppe angeführt, die

in der Vergangenheit einen dreistelligen Millionenbetrag

über die EK abgerechnet hatte.

Bereinigt um diesen Sondereffekt liegt der

Umsatz der Gruppe mit einem Plus von 2,1

Prozent leicht über dem Vorjahres-Niveau.

Einen schwergewichtigen Neuzugang

konnte der EMV verkünden: Seit dem 1. Januar

ist Segmüller Gesellschafter und verstärkt

damit den EMV als Full-Service-Verband

insgesamt und insbesondere die Gruppe

der Wohnkaufhäuser. Mit geschätzt einer

Mrd. Euro stellt Segmüller das mit Abstand

umsatzstärkste Mitglied dar. Das Familienunternehmen

verfügt über vier Paläste sowie

vier kleinere Standorte.

Vor dem Hintergrund eines schwierigen

Marktumfeldes konnte die GARANT

GRUPPE das Jahr 2019 mit einem Umsatzplus

von 0,7 Prozent abschließen. Genaue

Zahlen nannte sie dabei jedoch traditionell

nicht. Damit die Entwicklung auch künftig

in die positive Richtung geht, wurden zwei

neue Kollektionsmarken gelauncht. „Notturno“

soll im hochwertigen Segment Schlafen

neue Impulse setzen. Im Bereich Wohnen

geht es bei der zweiten Marke mit „Aamu“

darum, Nachhaltigkeit auf Design treffen zu

lassen. Beide Marken können modulübergreifend

platziert werden.

Mit einem Plus von 4,5 Prozent beim

Außenumsatz hat GFM-TREND das Jahr

2019 abgeschlossen. Die gute Entwicklung

im Vergleich zum Vorjahr zeichnete sich

schon bei der Jahreshauptversammlung im

Sommer in Hamburg und dem gut besuchten

„Küchenevent“ im Dezember ab. Seit

dem 1. April hat Geschäftsführer Joachim

Herrmann zudem einen neuen Produkt- und

Marketingmanager an Bord geholt. Alexander

Hesse folgt auf Dirk Bachmann, der Ende des

Jahres zum EMV gewechselt ist.

Weiter auf enormen Wachstumskurs

ist GIGA INTERNATIONAL: Denn die

XXXLutz-Gruppe wächst mit rasantem

Tempo weiter. Im vergangenen Jahr kaufte

der österreichische Konzern neben Möbel

Pfister und sechs Interio-Standorten in der

Schweiz auch 22 Kika-Häuser in Tschechien,

Ungarn, Rumänien sowie der Slowakei. Darüber

hinaus wollen sich die Österreicher zu 50

Prozent an Roller in Deutschland beteiligen.

6,642 Mrd. Euro Außenumsatz stehen

in der Bilanz 2019 der MHK GROUP. Verglichen

mit dem Vorjahr ist das ein Plus

von 10,5 Prozent. In Deutschland legte der

Umsatz um 9,8 Prozent auf 4,338 Mrd. Euro

zu. Auch im Ausland – mit Deutschland,

Belgien, Großbritannien, Luxemburg, den

Niederlanden, Österreich, der Schweiz und

Spanien ist die MHK Group in insgesamt acht

Ländern vertreten – konnte sich die Gruppe

mit einem Wachstum von 11,8 Prozent auf

2,304 Mrd. Euro deutlich über Marktniveau

behaupten. Zum Jahresende gehörten dabei

3.264 Unternehmen (+173) dem Verband

an. Auch der Jahresstart im Januar/Februar

2020 verlief noch vielversprechend mit insgesamt

11,4 Prozent Umsatzplus.


KÜCHE

Während des Shutdowns gehörte

die Kundenbetreuung per Videochat

für Björn Vogt zum Alltag.

„Das lief erstaunlich gut“, stellt

er fest. Glücklicher Zufall: Kurz

zuvor war auch der virtuelle

Rundgang auf der Website fertig

geworden, der dem Kunden ein

Live-Erlebnis der 20 Ausstellungsküchen

vermittelt (u.).

Küchen Vogt: Leuchtturm im Norden

Local Hero mit virtuellem

Service und realer Sympathie

„Das sympathische Küchenstudio“ lautet der Slogan von Küchen Vogt seit genau 40 Jahren. Jetzt setzt vor allem

Corona eine Wegmarke in der Firmenchronik. Nicht für Stillstand oder Konsumschwäche, sondern eher für einen

anderen Umgang mit dem Kunden. Auch wenn Digitalisierungsprozesse – genauso wie die Sympathiefaktoren –

schon länger zum Alltag gehören, erhält das Serviceprofil eine neue, zukunftsweisende Note.

Genau 40 Jahre besteht

Küchen Vogt als Local Hero

in Treia bei Schleswig. Björn

Vogt (o.l.) stieg 2008 in

den Betrieb seines Vaters

Bernhard Vogt (r.) ein.

Wir feiern, Sie jubeln“ leuchtet

die rote Werbeschrift an

der Schaufensterscheibe –

so, als ob es keine Krise gäbe. Und

in der Tat ist Küchen Vogt bislang gut

durch die Corona-Zeit gekommen.

Vier Wochen lang musste das Musterhaus

Küchen Fachgeschäft in Treia

(zwischen Schleswig und Husum)

schließen und ist seit 20. April wieder

für die Kunden geöffnet. Aber

eine echte Flaute hat es nicht gegeben,

wie Inhaber Björn Vogt feststellt:

„Wir haben nach meinem Gefühl

sogar mehr Frequenz als vorher.“

Immer wieder hört er, dass dies nicht

überall so war. Seine Erklärung dafür:

„Bei uns im Norden hat alles immer

eine schwächere Wirkung, vermutlich,

weil es kaum Großunternehmen

gibt, die das regionale Konsumklima

beeinflussen. Das größte Problem

war, dass wir nicht wussten, wie

lange die Krise dauert.“ Und dies

gilt immer noch. Die Sorge verstärkt

sich nun eher, weil keiner weiß, was

passiert, wenn die Frequenz abreißt

und die wirtschaftlichen Folgen oder

Angstsparen früher oder später die

Budgets einfrieren lassen. Für diesen

„Tag X“ will sich Küchen Vogt frühzeitig

wappnen.

Wenn man den 33-Jährigen persönlich

erlebt, ist zu spüren, dass viel

Power in ihm steckt. Dass während

des Shutdowns kein Stillstand eintrat,

hat sicher auch mit der ihm

eigenen Dynamik zu tun. Durch

Videokonferenzen über Skype wurden

zunächst die laufenden Aufträge

weiter bearbeitet, dann Neukunden

betreut. „Das lief erstaunlich gut, egal

mit welcher Altersgruppe, obwohl es

für viele das erste Mal war. Aber wir

haben es den Kunden auch super

einfach gemacht.“ Schon auf der

Website gab es an den verschiedensten

Stellen den Link-Button.

46 möbel kultur 6/2020


Ein Download war nicht nötig: Einfach

reinklicken und los ging‘s. Für

Vogt und seine Mitarbeiter verlief

die Beratung fast wie sonst auch.

Während diese in Carat die Planung

durchführten, konnte der Kunde an

seinem Bildschirm seine künftige

Küche als 3-D-Visualisierung erleben.

Dass Hauptlieferant Nobilia nur

drei Wochen Lieferzeit ermöglichen

konnte, kam Vogt ebenfalls zugute.

Bei den Geräten vom Stammlieferanten

Bosch war es grundsätzlich

schwieriger, doch da das Studio noch

schnell das Lager aufgefüllt hatte oder

zur Not auf ein Upgrade auswich,

kam keine einzige Leerküche beim

Kunden an. „Hier haben sich die

Vorteile der Lieferantenkonzentration

bestätigt,“ stellt Björn Vogt fest.

Etwas von der geforderten Flexibilität

wird auch nach der Corona-Krise

bleiben, ist er sich sicher. So ersparen

die Videochats beispielsweise Kunden

außerhalb Norddeutschlands unnötige

Wege. Digitalisierungsprozesse

gehören ohnehin zum Alltag: vom

Aufmaß über das direkt vernetzte

Warenwirtschaftssystem von Carat bis

zur vollelektronischen Bestellabwicklung.

Es stehen zwar immer noch

Auftrags- und Reklamationsmappen

im Regal, aber sicher nicht mehr

lange, denn alles liegt auch digital

in der Cloud vor. „Wichtig ist, dass

Prozesse immer gleich ablaufen“,

betont Björn Vogt, um die Qualität

im Griff zu behalten. Dies gilt ebenso

für Fotoaufnahmen beim Aufmaß

oder Auftragsabschluss bis zu den

Teambesprechungen jeden Mittwoch.

„Ich glaube aber, dass jeder Kunde

irgendwann im Kaufprozess die Ware

einmal angefasst haben muss,“ relativiert

der Studioinhaber den Trend

zur Digitalisierung. Rein virtuell

ließe sich das Serviceversprechen

„Das sympathische Küchenstudio“

wahrscheinlich auch nicht nachvollziehen.

„Was macht Vogt also sympathisch?“

lautet die Frage. Solch eine

Antwort über sich selbst zu geben,

ist nicht so leicht. Es sei wohl das

berühmte Rundum-Sorglos-Paket.

Mit festen Ansprechpartnern, die

sich kümmern, und der Kompetenz

natürlich, die bis zur Verarbeitung

von Strasser-Naturstein reicht. Sechs

eigene Monteure führen sämtliche

Installationen aus und keinesfalls

selbstverständlich: Am Ende kommt

der Verkäufer noch einmal bei den

Kunden zur Abnahme vorbei. „Das

macht die Sache für beide Seiten

rund,“ erklärt Vogt. Als Reminder

gibt es noch ein Schneidbrett mit

Firmenlogo zum Abschluss. Vor

allem gelte es, Kunden auf Augenhöhe

zu begegnen, ohne Arroganz

und ohne Rabattverhandlungen, die

nur verwirren.

Den Stil des Hauses hat der

Küchenprofi von seinem Vater

übernommen. 1980 hatte dieser

Planen – Entdecken –

Kontakt aufnehmen: Die

Homepage mit Onlineplaner,

3-D-Rundgang

und Skype-Button ist

der erste Touchpoint für

den Kunden. Neben den

digitalen Tools bleibt

aber der POS für das

Look &Feel wichtig.

Das 3-D-Kino (u.) mit

Popcorn-Maschine ist

hier der finale Clou.

das Unternehmen gegründet, mit

39 Jahren war der gebürtige Badener

damals als Bundeswehr-Pilot in

Husum stationiert und hatte schon

längere Zeit Küchen montiert, quasi

als Hobby. Offenherzig und gut vernetzt

in diversen Vereinen, ist er

immer noch aktiv im Betrieb, auch

wenn der Sohn schon seit 2008,

nach Möfa und 2-jähriger Tätigkeit

als Planer in einem anderen

Küchenhaus, in die Firma kam. Zu

der Zeit war gerade die Finanzkrise

akut. Doch dann sei es recht schnell

aufwärts gegangen. Heute werden

rund 450 Küchen im Jahr verkauft,

mit einem Durchschnittswert von

13.500 Euro. Die Klientel ist ländlich,

will nichts Extravagantes, sondern

Solides. Zusatzumsätze durch

Hauswirtschaftsräume oder Wohnraumergänzungen

konnten überdies

den Schnitt stetig heben. „Früher

haben wir viel selbst improvisiert,

um einen Bad- oder Kleiderschrank

zu bauen. Jetzt machen es uns die

Hersteller durch erweiterte Typenpläne

leichter, und durch die Blockverrechnung

wird das preislich sehr

attraktiv, berichtet Vogt.

Immer wieder wurde auch investiert,

zuletzt im größeren Maßstab

für die Umsetzung des Ladenbaukonzepts

„Initiative Zukunft“ der

MHK, wobei allein das Beleuchtungskonzept

mit Tageslichtlampen

einen sehr hohen 2-stelligen

Betrag gekostet habe. Schon seit

20 Jahren ist Küchen Vogt ein

Musterhaus Küchen Fachgeschäft.

Sichtbar wird dies aktuell an der

überall gegenwärtigen POS-Werbung

mit Testimonial Johann Lafer.

Ansonsten wird die Verbandsunterstützung

„à la carte“ wahrgenommen,

wobei Vogt auch viel Eigeninitiative

entwickelt: „Die MHK

ist ja kein Franchisesystem. Wir

machen vieles selbst.“ Ein Beispiel

ist die gelungene Website: Nicht

zu überladen mit Informationen,

sondern mit Küchen-Bildern aus

vier Lifestyle-Welten und Innovationsthemen

wie Smart Home als

Appetithappen bestückt. Vogt dazu:

„Ich will ja nur erreichen, dass der

Kunde einen ersten Eindruck von

uns gewinnt und dann den persönlichen

Kontakt mit uns aufnimmt“.

Konventionelle Werbung wird

nicht geschaltet, stattdessen wird auf

Facebook gepostet oder in Google Ads

investiert. Sehr professionell umgesetzt

ist auch der 360-Grad-Rundgang

auf der Website, der das Gefühl

vermittelt, als ob man sich live durch

die Ausstellung bewegt. Kurz vor dem

Corona-Ausbruch wurde sie fertiggestellt.

Ein Glücksfall, denn so ergab

sich die Möglichkeit, in Echtzeit

mit den Kunden durch den Laden

zu gehen und am Objekt beraten

zu können. Das schafft Nähe und

Vertrauen, vermittelt zugleich eine

gewisse Auswahl und Größe.

Soziales Engagement in der Frei -

willigen Feuerwehr, perfekter Service

und Referenzen für die Mundzu-Mund-Propaganda:

Dies sind

Tugenden typischer Lokalmatadoren,

die erfolgreiche Studios im ländlichen

Raum kennen. Aber das reicht

natürlich nicht, wenn es wirklich

eng wird. Das weiß auch Björn Vogt:

„Man muss vorbereitet sein und

seine Fixkosten beobachten. Soforthilfen

und größere Kredite kommen

für uns Küchenstudios in der Regel

nicht in Frage.“ Auch schon vor

Corona rechnete er damit, dass der

jahrelange Positivtrend nicht anhält.

Sein Ansatz: „Wenn wir weniger

Kunden haben, müssen wir denen

mehr verkaufen, um den Umsatz zu

halten.“ Deshalb denkt er über weitere

Investitionen nach – zum Beispiel

einen Anbau, um auf größerer

Fläche ganzheitliche Wohnkonzepte

zu präsentieren.

HEIKE LORENZ

www.kuechenvogt.de

6/2020 möbel kultur 47


ÖSTERREICH

Österreichische Möbelindustrie: Digital, regional und innovativ

Made in Austria für eine

nachhaltige Zukunft

Der Corona-Lockdown hinterlässt auch in Österreich seine

Spuren. „Natürlich haben die Pandemie und ihre Auswirkungen

unsere Möbelbranche getroffen“, resümiert Dr. Georg Emprechtinger,

Vorsitzender der Österreichischen Möbelindustrie.

Viele Firmen mussten ihre Werke vorübergehend schließen

oder herunterfahren und die Betriebsabläufe aufgrund der

Hygienebestimmungen neu organisieren. „Das war keine

leichte Aufgabe, aber die Betriebe haben sie gemeistert und

sich gut positioniert.“ Solides Handwerk, hohe Funktionalität,

individuelle Systemkompetenz und funktionierende Lieferketten

sind jetzt gefragt. Ein Bericht aus Österreich mit einem

positiven Blick in die Zukunft.

3

Gut aufgestellt für die „neue

Normalität“: „In dieser Zeit

konnten wir uns als flexible

Familienunternehmen beweisen

und unseren Einfallsreichtum unter

Beweis stellen“, unterstreicht Georg

Emprechtinger, Vorsitzender der

Österreichischen Möbelindustrie. So

haben die Betriebe die Zeit genutzt,

um optimale Bedingungen für die

Belegschaft zu schaffen und die Fertigung

so weit wie möglich in Gang

zu halten. Das hat sich ausgezahlt.

Jetzt fährt Europa langsam seine

Wirtschaft wieder hoch und die

Österreichische Möbelindustrie ist

für den Restart gut aufgestellt. Auch

wenn von der „alten Normalität“

noch keine Rede sein kann, sieht

die Branche deshalb vorsichtig optimistisch

in die Zukunft: „Die letzten

Wochen haben die Wertschätzung

eines schönen Zuhauses deutlich

in den Fokus gerückt“, bilanziert

Emprechtinger. Aber auch die Natur

als Lebensraum sowie ökologische

und regionale Produkte liegen dem

Verbraucher am Herzen.

BEWUSSTSEIN FÜR NACHHAL-

TIGKEIT WÄCHST

Eine Entwicklung, die man auch

bei dem Polstermöbel- und Matratzenhersteller

Joka beobachtet. Das

Unternehmen setzt sich schon seit

Jahren für ein umweltbewusstes und

nachhaltiges Wirtschaften ein. „Die

Corona-Krise hat die Menschen

wieder mehr zusammenrücken lassen

und gezeigt, wie wichtig ein

gesundes, lebenswertes Umfeld ist.

Das gilt für die Natur genauso wie

für die persönliche Einrichtung“,

erklärt Johannes Kapsamer, der ab

1. Juli 2020 zusammen mit seiner

Schwester Anna Kapsamer-Fellner

die Geschäftsführung des Familienunternehmens

übernimmt.

Wohltuende und schonend

behandelte Materialien sowie

höchster Komfort stehen auch bei

Ada hoch im Kurs: „Langlebigkeit

und Nachhaltigkeit sind Werte, die

wir konsequent bedienen und im

Unternehmen leben”, unterstreicht

Gerhard Vorraber. Das Traditionsunternehmen

hat sich mit seiner

Top-Marke „Ada Austria Premium“

seit rund 60 Jahren einen Namen

für exklusive Qualität, heimische

Produktion und traditionelle Handwerkskunst

gemacht.

HEIMISCHE PRODUKTE ÜBER-

ZEUGEN MIT ECHTEN WERTEN

Eine zuverlässige regionale Fertigung

sowie hochwertige und langlebige

Produkte gewinnen aktuell an

Bedeutung. Die Verbraucher wollen

wissen, welche Zutaten in ihren

Möbeln stecken, wo sie gefertigt

werden und welche Zertifikate sie

tragen. „Bei Team 7 ist alles konsequent

made in Austria und klar

nachvollziehbar. Denn wir legen

bei der Fertigung unserer Naturholzmöbel

grundsätzlich Wert auf

eine Kontrolle der gesamten Wertschöpfungskette.

Und das bereits seit

vielen Jahren“, unterstreicht Georg

Emprechtinger, Geschäftsführer des

Naturholzmöbelherstellers.

Auch das Familienunternehmen

Sedda fühlt sich dem Gleichgewicht

von Mensch und Natur verpflichtet

und ist tief in der Heimat

verwurzelt. „Unsere Möbel werden

zu 100 Prozent in Österreich

gefertigt“, betont Roland Ragailler,

Geschäftsführer des Polster- und Bettenspezialisten.

„Nur hochwertige

Materialien kommen zu Einsatz, die

sorgfältig verarbeitet werden. Zudem

produzieren wir nach den strengen

Anforderungen des österreichischen

Qualitätsgütesiegels.“

Solides Handwerk, warme Materialien

und hochwertige Qualität

sind wieder gefragt und geben in

bewegten Zeiten Sicherheit. Sie

überdauern Krisen und begleiten

den Menschen ein Leben lang.

Aspekte, die der Österreichischen

Möbelindustrie in die Karten spielen.

Zudem überzeugen Produkte

aus der Heimat mit spürbarer Güte,

umfangreichem Service und einer

gelungenen Formensprache.

FLEXIBEL UND FUNKTIONAL:

DAS ZUHAUSE PASST SICH AN

Gleichzeitig punkten Möbel aus

Österreich mit smarten Funktionen

und intelligenter Flexibilität. Vorteile,

die Möbelkäufer gerade jetzt

zu schätzen wissen. Denn seit dem

Lockdown ist der Radius, in dem

sich das Leben abspielt, messbar

kleiner geworden: Kinder betreuen,

arbeiten und wohnen – alles findet

auf kleinem Raum statt. Die Möbel

der Zukunft werden sich deshalb

noch stärker als bisher an Architekturen,

Lebensgewohnheiten und verschiedene

Raumnutzungen anpassen

müssen. Ein sehr gutes Beispiel

dafür ist das Homeoffice: Schätzungen

zur Folge arbeiten inzwischen

mindestens 25 Prozent der

Erwerbstätigen zu Hause. Beinahe

über Nacht erlebte das Homeoffice

einen enormen Hightech-Auftrieb:

Modernes Conferencing, Telefon-

Meetings und Video-Technologien

erobern unseren Alltag und vernetzen

die Welt.

INNOVATIONEN FÜR DIE NEUE

ARBEITSWELT

Diese digitalen Errungenschaften

werden bleiben. Wer allerdings

immer noch am Küchentisch

Homeworking betreibt, wird

sich nach einem ergonomischen

58 möbel kultur 6/2020


1

2

4

5

6

1. Auf dem Weg in neue Arbeitswelten

mit Wiesner-Hager 2. Die Marke „Ada

Austria Premium“ steht für das Beste,

was Österreich an Materialien und Design

zu bieten hat. 3. Momentauf nahme

mit schönster Handwerkskunst aus der

Produktion von Wittmann 4. Mit der

„Merwyn“-Kollektion schafft Wittmann

eine elegante Raumatmosphäre.

5. Zeitlose Natürlichkeit strahlt der

„Tema“-Tisch von Team 7 aus. 6. Sedda

setzt bei dem Modell „Remus“ auf den

Wohlfühlfaktor. 7. Die zentimetergenau

planbare Wohnessecke „Apennin“

von Haapo 8. Frische Farben aus der

„Crafted Collection“ von Joka.

7

8

Schreibtisch sehnen, der formal in

sein Wohnumfeld passt und trotzdem

mit Funktionalität und Ergonomie

begeistert. Für diese hohen

Ansprüche braucht es Fachleute

wie die Profis aus der Österreichischen

Möbelindustrie. „Auf dem

Weg zur Normalität in der Arbeitswelt

gilt es nicht nur kurzfristige

gesundheitspolitische Hürden zu

überwinden, sondern auch nachhaltige

Entwicklungen in der Bürokonzeption

neu zu denken“, erklärt

Markus Wiesner, Geschäftsführer

des Bürospezialisten Wiesner-

Hager. Er beschäftigt sich intensiv

mit der Frage, wie der zukünftige

Pfad in Richtung „New Work“ aussehen

kann. Und sieht dabei vor allem

drei Aspekte, auf die es im Wesent-

lichen ankommen wird: Digitalisierungsschub,

kreative Büro -

raumlösungen und die Einbindung

von Homeoffice-Möglichkeiten.

In diesem Bereich wird sich noch

viel tun, da sich die Heimarbeit als

Alternative auch zukünftig stärker

etablieren wird.

DIGITALE IMPULSE IM

LADENBAU

Große Herausforderungen kommen

auch auf den Handel zu. Denn der

digitale Schub hat das Online-Geschäft

angekurbelt und verlangt

nach neuen Anreizen am POS. Deshalb

wird es in den nächsten Jahren

darum gehen, Einkaufswelten zu

schaffen, in denen die Produkte

sowohl attraktiv inszeniert als auch

digital erlebbar gemacht werden.

Hier liefern die Profis aus dem

Ladenbau Lösungen: Shop-in-Shop-

Systeme, Highlightzonen als Appetizer,

elektronische Preisschilder

und in die Präsentation integrierte

Screen-Botschaften sowie Inspirationen

in Form von Bildern oder

Videos bis hin zu smarten Hygiene-

Stationen verändern die Gestaltung

der Verkaufsfläche maßgeblich.

Auf diese vielschichtigen Anforderungen

antwortet die Österreichische

Möbelindustrie mit funktionalen

Konzepten und klugen

Neuentwicklungen. Ob für Ladenbau,

neue Arbeitswelten, exklusive

Küchen, funktionale Polster, ergonomische

Betten oder den Wohnbereich:

Möbel made in Austria

lösen klassische Raumstrukturen

auf und eröffnen mit innovativen

Einrichtungssystemen neue Lebensräume,

in denen sich Menschen

zukünftig noch individueller entfalten

können.

Die besondere Vielfalt in puncto

Design, Funktion, Technologie

und Nachhaltigkeit gehört zu den

großen Wettbewerbsvorteilen der

Österreichischen Möbelindustrie

und macht die Einrichtungskompetenz

der Experten auch im Ausland

so beliebt. Denn die vielfach mittelständisch

geprägten Unternehmen

können sich rasch an Marktbedürfnisse

anpassen und dabei stets eine

herausragende Produktqualität

sowie zielgerichtete Innovationskraft

gewährleisten.

6/2020 möbel kultur 59


TEXTIL

Verband der Deutschen Heimtextilienindustrie: Zur Lage der Branche

Mit starken Konzepten

in die Zukunft

Die Corona-Pandemie hat auch in der deutschen Heimtextilienindustrie ihre Spuren

hinterlassen. Wegen des Lockdowns rutschte beispielsweise das Gardinenwerk

Gerhard Unland aus Sedelsberg in die Insolvenz. Andere stiegen auf die Produktion

von Behelfsmasken um. Die „möbel kultur“ sprach mit Martin Auerbach,

Hauptgeschäftsführer des Verbands der Deutschen Heimtextilienindustrie (Heimtex)

über die aktuelle Lage der Branche.

möbel kultur: Herr Auerbach, die Corona-

Krise hat sich auch negativ auf die deutsche

Heimtextilien-Industrie ausgewirkt.

Wie viele Unternehmen und Beschäftigte

sind hierzulande betroffen?

Martin Auerbach: Grundsätzlich stellen

wir für die Unternehmen des Kompetenz-Zentrums

Textil+Sonnenschutz

fest, dass ausnahmslos alle

Unternehmen betroffen sind; dies

jedoch mit Blick auf die unterschiedlichen

Produkte und Lieferketten

unterschiedlich hart.

möbel kultur: Welche Herausforderungen

mussten die Hersteller meistern?

Martin Auerbach: Neben dem Abriss

der Lieferketten bei Vorprodukten

musste die überwiegende Zahl der

Unternehmen mit Umsatzeinbrüchen

bis zu 80 Prozent umgehen,

wobei auch rechtlich unzulässige

Stornierungen von Aufträgen eine

relevante Rolle spielten. Ferner

Die Maskenproduktion

dient in erster Linie als

Beitrag zur Kostendeckung.

stand die Sorge um die Liquidität

bei über 40 Prozent der Unternehmen

ebenfalls im Vordergrund, die

sich sehr besorgt bzw. sehr stark

besorgt zeigten. Weitere Herausforderungen

der befragten Mitglieder

waren bürokratische Anforderun-

gen oder die Erfüllung anstehender

Fristen.

Eine zusätzliche essenzielle Herausforderung

stellte und stellt nach

wie vor die Gesundheitsprävention

dar. Jedes Unternehmen musste

sicherstellen, dass es im eigenen

Betrieb nicht zu Infektionen kommt,

da dies die Stilllegung zur Folge

hätte. Nahezu alle Unternehmen

haben Reise- und Kontaktverbote

auch für ihre Mitarbeiter ausgesprochen

und diese nach Möglichkeit

längerfristig ins Home-Office

geschickt. Als das Bundesarbeitsministerium

dann seinen neuen

SARS-CoV-2-Arbeitsschutzstandard

veröffentlich hat, haben wir für die

praktische Umsetzung ein Webinar

für die Mitglieder aufgesetzt. Infektionsgeschehen

bei Mitgliedern sind

uns übrigens nicht bekannt.

möbel kultur: Was wurde seitens der

Betroffenen unternommen, um die wirtschaftlichen

Folgen abzufedern?

Martin Auerbach: Für über 80 Prozent

der von uns befragten Unternehmen

war die Kurzarbeit das Mittel der

Wahl. Auch unter Berücksichtigung

der Rückmeldungen aus den

Partnerverbänden für die Hersteller

des innenliegenden Sicht- und

Sonnen schutzes (ViS) und Matratzen

(Fachverband Matratzen-Industrie)

beliefen sich die Reduzierungen der

Arbeitszeit von bis zu 100 Prozent;

teilweise wurden auch kurzer Hand

die Betriebsferien vorgezogen und

die Betriebe für mehrere Wochen

geschlossen. Freie Kapazitäten nutzten

die Firmen bisweilen, um an

internen Prozessen und der Produktentwicklung

zu arbeiten.

möbel kultur: Viele Unternehmen produzieren

nun auch Mundschutz-Masken.

Wie schwierig ist eine Umstellung der

Produktion und rentiert sich diese?

Martin Auerbach: Wir schätzen, dass

knapp 40 Prozent der Unternehmen

im Kompetenz-Zentrum, also

Heimtex, ViS und Matratzenverband,

Mund-Nase-Masken produzieren.

Auch hier haben wir wichtigen

Support geleistet, denn gerade zu

den Anfängen der Produktion gab

es viele technische und rechtliche

Fragen oder solche, nach Herstellern

von einzelnen Komponenten.

Nach den Rückmeldungen, die wir

erhalten haben, dient die Maskenproduktion

in erster Linie als

Beitrag zur Kostendeckung, nachhaltige

Gewinne dürften damit kaum

zu erwirtschaften sein, zumal der

Markt zwischenzeitlich nahezu mit

Masken jeder Art überschwemmt

wird und die Nachfrage langsam

abebbt.

möbel kultur: Gab es auch Unternehmen

oder Bereiche, die trotz des Lockdowns

zufriedenstellend oder gut liefen?

Martin Auerbach: Ausnahmslos alle

Unternehmen waren von den Folgen

der Pandemie und des Lockdowns

betroffen, allerdings unterschiedlich

stark. Mittlerweile kristallisiert

sich heraus, dass Firmen, die bereits

vor der Krise mit starken Produkten

oder Geschäftsmodellen erfolg-

64 möbel kultur 6/2020


Die überwiegende Anzahl

der Unternehmen musste

mit Umsatzeinbrüchen bis

zu 80 Prozent umgehen.

Foto: Heimtex

reich waren, hieran trotz drastischen

Einbrüchen nach relativ kurzer Zeit

wieder anknüpfen konnten. Herauszustellen

wäre hier zum Beispiel der

innenliegende Sicht- und Sonnenschutz

oder die Matratzen. Bereits im

Mai zeigte sich in beiden Bereichen

ein Nachhol-Effekt, so dass der Rückgang

im April teilweise aufgefangen

werden konnte und dies, obwohl der

Mai aufgrund der Feiertage generell

hätte schwächer sein müssen. Produkte,

die zuletzt nicht gut liefen,

haben nach unserer Kenntnis weiter

erheblich gelitten. Über die Insolvenz

von Unland hinaus rechnen wir

tatsächlich mit weiteren Ausfällen

in der Industrie. Ein bekanntes Beispiel

aus der Handelslandschaft ist

Galeria Karstadt Kaufhof, die nun die

Corona-Krise heranziehen, um nicht

eigene Fehler im Geschäftsmodell

eingestehen zu müssen. Dass nun

auch noch Verdi staatliche Zuschüsse

fordert, wirkt verstörend.

möbel kultur: Wie stehen die Unternehmen

heute da?

Martin Auerbach: Nach gut zwei

Monaten Lockdown halte ich es für

verfrüht, ein Fazit zu ziehen. Wir

rechnen noch mit einigen Nachwehen.

Auch bleibt es abzuwarten,

wie sich die Situation im Herbst mit

kühleren Temperaturen und Regenwetter

entwickelt. Was wir aber auf

jeden Fall sagen können, ist, dass die

Unternehmen des Kompetenz-Zentrums

die vielen Herausforderungen

sehr besonnen und strategisch angegangen

sind. Insoweit hegen wir die

Hoffnung, dass die Kollateralschäden

überschaubar bleiben.

DORIS SCHMIDT

www.heimtex.de

Martin Auerbach,

Hauptgeschäftsführer

des Verbands

der Deutschen

Heimtextilien-

Industrie, bietet

seinen Mitgliedern

eine umfassende

Unterstützung an.

6/2020 möbel kultur 65


OUTDOOR

Fotos: Koelnmesse

Er bleibt optimistisch:

spoga+gafa-Director Stefan

Lohrberg setzt mit seinem

Team alles daran, dass die

Messe vom 6. bis 8. September

wie geplant stattfinden kann.

Die Landesregierung NRW

gibt seiner Überzeugung

Rückenwind.

tät zu unterstützen und ihr dabei

die sichersten und verlässlichsten

Möglichkeiten auf unserem Messegelände

in Köln zu schaffen. Stand

heute können wir somit sagen, dass

die spoga+gafa vom 6. bis 8. September

2020 in Köln stattfindet.

möbel kultur: Welches Feedback gibt Ihnen

die Branche?

Stefan Lohrberg: Innerhalb der Branche

herrscht Unsicherheit, dafür haben

wir Verständnis. Die Grundüberzeugung

auf Aussteller- und Besucherseite

aber lautet unisono, dass

man, so sich die Welt weiter derart

positiv entwickelt und die Zahlen

weiter sinken, natürlich nach Köln

zur spoga+gafa kommt. Ich sprach

in diesem Zuge unter anderem

eine Vollregistrierung der Teilnehmer

vornehmen und die Flexibilität

und Größe unseres Geländes sowie

die Möglichkeiten unserer digitalen

Leitsysteme für einen reibungslosen

Ablauf der Messe nutzen.

Das Kölner Messegelände – in Verbindung

mit dem, was die spoga+

gafa der Infrastruktur abfordert, – ist

hervorragend für eine sichere und

erfolgreiche Veranstaltungsdurchführung

geeignet.

möbel kultur: Wird sich die Messe anders

anfühlen?

Stefan Lohrberg: Wir werden zur kommenden

Ausgabe der spoga+gafa

wahrscheinlich nur auf gesellschaftliche

Veranstaltungen verzichten

müssen und uns auf ein geändertes

spoga+gafa: Zuverlässiger Partner

„Wir sind motiviert“

Bereits seit dem 30. Mai ist in Nordrhein-Westfalen die Durchführung von Fachmessen

und -kongressen wieder erlaubt. Das heißt, die Zeichen für die „spoga+gafa“ im

September stehen weiterhin auf grün. Wie Director Stefan Lohrberg die Lage einschätzt

und was die Besucher erwartet, hat die „möbel kultur“ nachgefragt.

möbel kultur: Herr Lohrberg, die Vorbereitungen

für die spoga+gafa laufen auf Hochtouren.

Was stimmt Sie zuversichtlich,

dass die Messe zum geplanten Termin

stattfinden kann?

Stefan Lohrberg: Unsere Überzeugung

wird von diversen Seiten gestützt.

Grundlage der Zuversicht sind in erster

Linie die internationalen Schritte

zurück in eine neue Normalität. Wir

erhalten unterstützenden Rückenwind

durch behördliche Frei- und Vorgaben

und, und das motiviert unsere Überzeugung

am stärksten, hören den Willen

unserer Aussteller und Besucher,

eine dringend benötigte Messe wieder

stattfinden zu lassen.

Mit dem Erlass vom 6. Mai erlaubt

NRW als erstes Bundesland seit dem

30. Mai 2020 unter Auflagen wieder

die Durchführung von Fachmessen

und Fachkongressen.

Zeitlich einhergehend unterstützt

die seit Mitte Juni beschlossene Wiedereröffnung

europäischer Grenzen

die Durchführung der spoga+gafa im

September. Die Messe wird, so wie

alle Situationen des gesellschaftlichen

Alltags, mindestens in diesem Jahr

unter einer neuen Normalität stehen.

Schaut man auf die Herkunftsländer

der Besucher der letzten Jahre, so

zeigt der Blick, dass wir diese für

gewöhnlich zu dreiviertel aus Europa

begrüßen. Die Reisechance und der

Reisewille dieser Besucher sind gegeben.

Wir werden 2020 eventuell

weniger Besucher verzeichnen, davon

können wir ausgehen. Dieses auch ob

noch aktueller Unsicherheiten in der

interkontinentalen Anreise.

Auch in Fragen deren Anreise

bleiben wir vorsichtig optimistisch,

aber eben auch realistisch. Schauen

wir auf die uns von unseren Ausstellern

mehrheitlich genannten

Besucher-Zielländer, so wird deutlich,

dass eine einmalig eventuell

europäisierte Fokussierung der spoga+gafa

ihren Teilnehmern, wie in

den vergangenen Jahren, trotzdem

die Chance auf eine situativ erfolgreiche

Messe ermöglicht.

Wir planen die größte Garten-

Lifestylemesse der Welt somit mit

Hochdruck. Trotz der angespannten

Lage können wir einen Anmeldestand

auf Vorjahresniveau zum jetzigen

Zeitpunkt verzeichnen. Unser

erklärtes Ziel bleibt es, die internationale

Branche bestmöglich bei

ihrer Rückkehr zur neuen Normali-

mit Branchengrößen auf Besucherseite

wie Herrn Mag. Gerald Socher,

Geschäftsführer von GIGA International,

der mir dies bestätigte. Seine

Kolleginnen und Kollegen kommen

nach Köln. Selbiges spiegelt Jürgen

Schuster von Garten-und-Freizeit.de

wider. Auch dort bereitet man sich

bereits auf die spoga+gafa in Köln vor.

So sehr wir uns über deren Kommen

freuen, so sehr fühlen wir uns im

Gegenzug verpflichtet, den Besuchern

eine gute Zeit auf unserem Gelände

zu gewährleisten. Versprochen.

möbel kultur: Wie wird das Hygienekonzept

aussehen? Worauf müssen sich die Fachbesucher

einstellen?

Stefan Lohrberg: Gemeinsam mit den

Behörden und den messebegleitenden

Partnern legen wir derzeit

Kriterien und Maßnahmen fest, die

uns auf unserem Weg zur spoga+gafa

2020 begleiten. Die genannten Maßnahmen

umfassen eine angemessene

Hygiene, den Abstand der Akteure

ebenso wie Vorgaben für die Prozesse

an den Eingängen, in den Hallen und

auf den Ständen. Wir setzen auf das

professionelle Verhalten der Aussteller

und Besucher, werden wieder

Gastronomie-Konzept einstellen.

Damit wird aber jeder leben können.

Das Gelände wird neue Merkmale

aufweisen: So gehören geänderte

Gesellschaftspflichten wie Abstandsregelungen

für alle, die das Gelände

betreten, ebenso wie eine zu erwartende

Maskenpflicht in das Bild der

Messe. Um Stauungen an den Drehkreuzen

zu verhindern, stellen wir

unseren Ausstellern eigene Eingänge

zur Verfügung. Eine kostenfreie Garderobe

sowie eine Vollregistrierung

aller Besucher helfen der Messe in

Hinblick auf Reibungslosigkeit und

nachverfolgbare Sicherheit.

Unser Gelände, die Anreise und

die Unterbringung der Gäste wird

bestmöglich sicher sein. Wenngleich

wir nur Einfluss auf unser Gelände

haben, so zeigen die Gespräche

mit KölnTourismus, den einzelnen

Hotels, dem Dehoga und dem, was

die umliegenden Flughäfen und die

Bahn verlauten lassen, dass sich Köln

und die Region gut auf die kommenden

Monate vorbereiten.

möbel kultur: Gab es denn Stornierungen

aufgrund der Corona-Pandemie? Zum Beispiel

aus Italien oder China?

70 möbel kultur 6/2020


Stefan Lohrberg: China und Italien waren

und sind sehr wichtige Länder für die

spoga+gafa. Wir wünschen unseren

dortigen Ausstellern, Besuchern und

unseren Kollegen, in beiden Ländern

haben wir Tochterunternehmen, dass

auch deren Gesellschaften ihren eingeschlagenen

Weg zurück in deren

neue Normalität weitergehen können.

Ebenso wie alle anderen Aussteller,

erhalten auch die hauptbetroffenen

Ausstellernationen aktuell noch keine

Rechnungen von uns. Auf diesem

Wege verschaffen wir unseren Partner

somit Luft und Spielraum. Wir

glauben fest daran, dass auch Länder

wie China und Italien Chancen

haben, aktiver Teil der diesjährigen

Messe zu sein. Wir werden in diesem

Jahr aber definitiv und deutlich nicht

dieselbe Anzahl asiatischer Aussteller

und Besucher wie in den Vorjahren

verzeichnen - das ist sicher.

möbel kultur: Sämtliche Frühjahrsmessen

sind dieses Jahr ausgefallen. Gab es auf

Ausstellerseite evtl. Anfragen aus anderen

Bereichen, wie der Konsumgüterbranche?

Stefan Lohrberg: Ja, wenngleich zeitversetzt.

Je näher der September rückt,

desto mehr nehmen die Unternehmen

wahr, dass wir stattfinden werden.

Die Nachfrage steigt, das Interesse

ist da. Auch in unseren Geländeplanungen

spiegelt sich das bereits wider.

Unter anderem begrüßen wir in erster

Reihe der Halle 10.1 eine Auswahl von

Anbietern hochwertiger Lifestyle-Produkte.

Hier zeigt sich den Besuchern

ein neuer Fokus auf Boutique orientierte

Zusatzsortimente für draußen

und drinnen.

TIPP!

#gardenbackstronger

Wie wichtig das eigene Fleckchen Grün

für die meisten Menschen ist, zeigt sich

gerade jetzt: Der Garten ist während der

Corona-Krise zum unverzichtbaren

Rückzugsort geworden. Damit die grüne

Branche zeitnah wieder zu voller Stärke

gelangt, arbeitet die spoga+gafa als

weltweit größte Plattform für das

Outdoorsegment mit Hochdruck daran,

dass die Veranstaltung wie geplant vom

6. bis 8. September 2020 stattfinden

kann. Mit dem Hashtag #gardenbackstronger

stärkt die Messe darüber

hinaus das Gemeinschaftsgefühl unter

den Gartenliebhabern.

www.spogagafa.de

Das Kölner Messegelände

bietet optimale

Voraussetzungen für einen

sicheren Ablauf. Director Stefan Lohrberg

möbel kultur: Welchen Mehrwert bietet die

spoga+gafa gerade jetzt in diesen schwierigen

Zeiten?

Stefan Lohrberg: Mehrwert ist bereits

unsere Überzeugung, die Messe stattfinden

zu lassen. Die Branche braucht

Zuverlässigkeit, wir möchten sie mit

dieser Messe auf ihrem Weg in deren

neue Normalität unterstützen. In Vorträgen

bieten wir Lösungen für die

Herausforderungen an. Wir bieten

allen Beteiligten eine erste Plattform,

wo sie sich wieder über ihre Erfahrungen,

Chancen und Herausforderungen

austauschen können. Mehr noch

als ursprünglich geplant, kann das

Leitthema der Messe, „Nachhaltige

Gärten“, als Anker und Zukunft der

Branche raus aus der Krise dienen. Die

spoga+gafa definiert sich seit Jahren

als Kommunikations- und Mehrwertplattform.

2020 wird dies mehr denn

je die Kraft der größten Garten-Lifestylemesse

der Welt ausmachen.

geräte, BBQ und Outdoor-Küchen

bis zu dekorativen Accessoires für

das Leben im Freien. Gemeinsam

stellen sich die Messebeteiligten die

Frage, wie nachhaltig muss der Garten

sein. Decken sich die Erwartungen

der Markteilnehmer mit denen ihrer

Kunden? Spezielle Vorträge und Produktschauen

sowie themenspezifische

Gelände- und Umgebungstouren zu

Ausstellern mit nachhaltigen Produkten

stehen dabei im Fokus der Planung.

möbel kultur: Wird es auch in diesem Jahr

die erfolgreichen POS Inseln geben? Welche

Themen sind geplant??

Stefan Lohrberg: Wir haben in diesem

Jahr die „POS Green Solution Islands“

angepasst und zeigen dieses mittels

zweier großer Inseln, auf denen verschiedene

Größen von Präsentationslösungen

abverkaufsteigender Trendthemen

präsentiert werden. Den

Handelsflächen bieten wir dabei alle

Varianten von einer 1 qm großen

Aktivierung bis hin zu 3 x 3 Meter

großen Sonderaktionsflächen für die

Eingangsbereiche der Stores an. Die

Schwerpunkt-Themen sind zum einen

„Naturnahe Gärten – Outdoor living”

mit dem Fokus “Nachhaltigkeit” und

zum anderen “Naturnahes Wohnen –

Indoor Gardening“ – Der Garten in

der Wohnung in Zeiten zunehmender

Verstädterung.

Die Sonderflächen bilden eine Inspirationsquelle

für verkaufsfördernde

Aktionsflächen all unserer Besucher.

Deutlicher als zuvor zeigen wir somit

den Fachgartencenter sowie den Gar-

möbel kultur: Wie wird das Fokusthema

„Nachhaltige Gärten“ auf der Fläche

umgesetzt?

Stefan Lohrberg: Mit dem diesjährigen

Schwerpunkt „Nachhaltige Gärten“

setzt die spoga+gafa ein zukunftweisendes

Zeichen für eine bewusstere

Lebensweise. Das Trend- und Leitthema

zieht sich quer durch alle Segmente

und wird zusammen mit den

Ausstellern vor, während sowie nach

der Messe umgesetzt.

Die Angebotsvielfalt reicht dabei

von Outdoor-Möbeln und Design für

die Gartenausstattung über Gartentenabteilungen

in den DIY-Märkten

den unternehmerischen Nutzen von

gesellschaftsrelevanten grünen Trendthemen

auf. Unsere Testgespräche im

Vorfeld, zum Beispiel mit Alexander

Kremer vom Gartencenter Kremer

oder Christian Dinger, vom Gartencenter

Dinger‘s, zeigen, dass wir mit

der Neuausrichtung der Inseln auf dem

richtigen Weg sind. Beide – ebenso

wie deren Kolleginnen und Kollegen

aus ganz Deutschland und dem nahen

Ausland – freuen sich auf die persönliche

Begehung der POS-Inseln in Köln.

möbel kultur: Wie werden Sie die Trendshow

dieses Jahr inszenieren? Gibt es auch hier

einen Themenschwerpunkt?

Stefan Lohrberg: Bereits zum dritten

Mal präsentiert die im vergangenen

Jahr um das Thema Dekoration erweiterte

„Trendshow Outdoor Furniture

and Decoration“ den internationalen

Fachbesuchern auf der spoga+gafa

wegweisendes Design aus der

Gartenbranche.

Abgeleitet von globalen Megatrends

stehen hier zukunftsweisende Entwicklungen

für die Gestaltung von

Außenbereichen im Mittelpunkt. Die

diesjährigen Themen sind Nachhaltigkeit,

Urbanisierung, Silver Society und

Individualisierung.

Kuratiert wird die Trendshow auch

in dieser Edition von Brandherm +

Krumrey Interior Architecture in

Zusammenarbeit mit der Düsseldorfer

Agentur Broekman+Partner (broekman-partner.com).

Die renommierte

Designerin Susanne Brandherm

(www.b-k-i.de) stellt für die Trendschau

wegweisendes Design aus den

Neuheiten-Einreichungen der Aussteller

zusammen – Produkte, die auf

aktuelle Trends im Bereich Möbel und

Dekoration für das Leben im Freien

verweisen. Broekman+Partner unterstützt

bei der Projektierung und stellt

der Trendshow ein internationales

Design- und Anbieternetzwerk zur

Verfügung.

6/2020 möbel kultur 71


DAS MAGAZIN FÜR FACHSORTIMENTE IM MÖBEL- UND ONLINEHANDEL

LifeStyle

JUNI 2020

Icebreaker

Coole Ideen

für heiße Zeiten

Premium für Kaffee

Sinnlicher

Genuss

Fachmessen

Basis für

New Normal

Wie die Branche in die Zulkunft blickt

Im Wechselbad

der Gefühle


LifeStyle

JUNI 2020

Inhalt

We Want More:

So wird ‘n Schuh draus

Auf den ersten Blick wirken die Masken von

We Want More befremdlich. Doch die stylishen

Exemplare aus Sneakern verblüffen mit ihrer

Anpassungsfähigkeit. Das Designstudio möchte

damit unterstreichen, wie „Reimagination und

Kreativität selbst in schwierigsten Zeiten eine

positive Wendung bewirken können“. Also

Denkanstoß statt praktikable Maske.

www.wewantmore.studio

Lifestyle

77 We Want More | So wird ‘n Schuh draus

83 Brands & Trends | Blooms / Hölker Verlag /

Manufactum / Wüsthof / Zoeppritz

business

78 Stimmen | Wie die Branche in die Zukunft blickt

80 Icebreaker | Coole Ideen für heiße Zeiten

81 Continenta | Direkt vor Ort verarbeitet

events

82 Frankfurt | Der neue Rahmen für Messen

82 Nextrade | Über 1.500 Händler

82 Formland | Im August

store concept

84 Casea | Markenkonzept voller Flexibilität

products

86 Melitta | Sinnlicher Kaffeegenuss

87 Gefu | Gut gemahlen

87 Alfi | Warmer Trendton

87 Rosenthal | Blütenträume

87 Leonardo | Schick angerichtet

87 Ambiente Europe | Nostalgisch serviert

88 Heymat | Nachhaltige Bodenhaftung

88 Kleen-Tex | Von Corona inspiriert

88 Triangle | Helfer gut verstaut

89 Wenko | Ordnung auf der Spüle

89 Microplane | Scharf auf Obst und Gemüse

89 Staedter | Eine für alles

89 Berghoff | Speziell für Muldenlüftung

Titelmotiv „LifeStyle by möbel kultur“:

Melitta präsentiert ein umfangreiches

Pour Over-Sortiment. Das Herzstück

der neuen Premium-Kollektion ist das

Kaffeezubereitungssystem „Melitta

Epos“. Mehr dazu auf Seite 86.

www.melitta-momentum.com

Corona setzt

viel Kreativität frei

Alle hat das Corona-Virus und der anschließende Shutdown eiskalt

erwischt. Nach der anfänglichen Schockstarre stellte sich für viele die

Frage: Wie mit solch einer Situation umgehen, wenn es dazu überhaupt

keine Erfahrungswerte gibt? Aus vielen Gesprächen in den letzten Wochen

konnte man heraushören, dass trotz der Geschäftsschließungen, Kurzarbeit

und Herausforderungen, den Alltag zu meistern, auch viel Gutes hervorgegangen

ist. So wird Homeoffice endlich auf breiter Ebene akzeptiert.

Wurde auch mal Zeit nach 24 Jahren, in denen so manch einer wie ich

das Thema ernsthaft und mit Engagement betreibt.

Damit einhergehend hat die Digitalisierung einen kräftigen Zwischensprint

eingelegt. Höchste Zeit! Zwar notgedrungen, weil Konferenzen nicht

stattfinden konnten, kamen Videochats und Online-Meetings

ganz groß raus. Und auch Messen werden frühestens im

August/September wieder unter neuen Vorzeichen

und hygienischen Standards über die Bühne gehen

können, sodass viele Hersteller und Importeure digitale

Präsentationen ihrer Produkte erstellt haben

oder die Plattform Nextrade nutzen. Was allerdings

das persönliche Miteinander auf Messen,

um Sortimente und POS-Konzepte entstehen zu

lassen, nicht wirklich ersetzen kann.

Sympathische Geste:

Pflanzen und Töpfe für

Pflegepersonal von Elho.

Kreatives Potenzial hat Corona in jedem Fall

freigesetzt. Viele überdenken jetzt ihre Produktpolitik,

weil die Konsumenten künftig auf mehr Qualität

made in Germany achten oder ihren Blick auf mehr

Nachhaltigkeit richten könnten. Auch die Lieferketten

werden in den Unternehmen derzeit

hinterfragt. Wäre es nicht sinnvoller, die Beschaffung

auf mehr Füße zu stellen als den

absolut niedrigsten Preis zu erzielen? Es sind

viele ins Grübeln gekommen, ob Konsum

künftig anders begriffen werden muss. Das

allein wäre schon ein Riesenschritt nach vorne. Doch es müssen weitere

folgen. Denn das 130-Mrd.- Euro-Rettungspaket der Bundesregierung,

das gerade erst verabschiedet wurde, ist zwar ein Schritt in die richtige

Richtung, die Konjunktur anzuheizen, doch die Maßnahmen allein werden

nicht ausreichen. Jeder einzelne ist jetzt gefordert, neue Ideen zu entwickeln,

um sich für die Zukunft neu aufzustellen. Seien Sie guten Mutes!


RITA BREER

Foto: Elho

6/2020 möbel kultur 77


usiness

Stimmen: Industrie stellt sich auf neue Rahmenbedingungen ein

Wie die Branche

in die Zukunft blickt

Die Corona-Krise stellt die Lifestyle-Branche vor neue Herausforderungen.

Dabei setzt die Pandemie auch viel kreative Energie frei. „LifeStyle“ fragte

bei Kennern der Szene nach, was jetzt in der Vermarktung funktioniert

und wie das Weihnachtsgeschäft angegangen werden kann.

Weihnachten

voll im Griff

Dirk Naeve, Leiter Vertrieb und

Logistik der Boltze Gruppe

LifeStyle: Wie stellt sich die aktuelle Situation

für Boltze dar?

Dirk Naeve: Auch wir haben natürlich bei Boltze

mit vielen Unwägbarkeiten und bisher nicht

gekannten Herausforderungen sowohl auf der

Beschaffungsseite in Asien, als auch auf der Absatzseite

mit unseren Kunden zu tun. Trotzdem

spüren wir schon jetzt sowohl ein deutliches

Wiederanfahren des Geschäfts und einen großen

Schritt in Richtung Normalität bei unseren

Partnern im Handel – auch wenn der Verbraucher

sich in seinem Kaufverhalten noch an die neue

Situation gewöhnen muss und das bisher auch

relativ schleppend anläuft. Alles in allem sind

wir sehr froh, dass viele unserer Kunden dieser

besonderen Situation mit einer sehr positiven

und konstruktiven Mentalität begegnen und wir

gemeinsam die Wege und Maßnahmen aus der

Krise anpacken.

LifeStyle: Wie gehen Sie in diesen unsicheren

Zeiten mit Ihren Planungen an das kommende

Weihnachtsgeschäft heran?

Dirk Naeve: Es muss allen klar sein, dass in den

kommenden Monaten vieles anders sein wird als

in der Vergangenheit. Wir sind darauf vorbereitet

und werden an Situationen flexibler herangehen

müssen. Unsere Logistik trägt mit der Besonderheit

eines hohen verfügbaren Lagerbestandes auch

für kurzfristige Aufträge dem Ganzen Rechnung

und ist bestens aufgestellt.

LifeStyle: Wird es Lieferengpässe geben?

Dirk Naeve: In der besonderen globalen Situation

in diesem Jahr sind natürlich Lieferengpässe und

sogar -ausfälle nicht auszuschließen. Allerdings

läuft die Produktion in fast allen Fabriken in China

bereits seit einiger Zeit wieder auf vollen Touren

und wir rechnen – auch aufgrund unserer langjährigen

Zusammenarbeit mit unseren Partnern

dort – mit einer sehr hohen Lieferzuverlässigkeit.

Mehr Sorgen macht uns die Situation in Indien –

dort gibt es nach wie vor große Herausforderungen

und Bereiche, in denen nicht gearbeitet wird.

Wir sind in engem Austausch mit der Produktion

vor Ort und informieren auch unsere Handelspartner

zeitnah über mögliche Auswirkungen.

LifeStyle: Wieviel der Weihnachtsware ist

schon geordert?

Dirk Naeve: Die Kollektionen werden in den Monaten

Januar bis April – in Ausnahmefällen auch

bis Mai – vom Handel bei uns geordert und die

Aufträge gehen dann direkt weiter in die Produktion

nach Asien. Von daher sind alle Weihnachtaufträge

fix platziert und bestätigt. Wir sind für

unsere Kunden in Vorleistung gegangen und haben

das Weihnachtsgeschäft entsprechend disponiert.

LifeStyle: Gehen Sie davon aus, dass in diesem

Jahr noch Messen stattfinden werden?

Dirk Naeve: Nach derzeitigem Stand sind unseres

Wissens die Messen Trendset, München und

Maison et Objet, Paris im September noch in der

Planung und nicht abgesagt. Nähere Informationen

dazu sollen im Juni erfolgen und das warten

wir ab. Ein gewohnter Messebetrieb ist natürlich

unter verschärften Hygiene- und Sicherheitsbedingungen

für Aussteller, wie auch für Besucher

aus unserer Sicht nur schwer zu gewährleisten.

LifeStyle: Was raten Sie dem Handel jetzt, wie

dieser sich bezüglich der Sortimente für das

Herbst/Weihnachtsgeschäft aufstellen sollte?

Dirk Naeve: Das Feedback zu unserem Herbstund

Weihnachtssortiment war überwältigend

positiv und so sehen auch die Orderzahlen aus.

Wir kennen aus Krisenzeiten den Konsumenten-

Trend, es sich im privaten Umfeld besonders

schön zu machen und sich ‚etwas zu gönnen‘ –

und trotz aller negativen Rahmenbedingungen

sehen wir momentan bereits diese Entwicklungen.

Auch zukünftig gehen wir davon aus, dass

unsere Branche Home und Living und damit auch

der Handel mit Boltze-Produkten von dem Dekorations-

und Wohlfühl-Bedürfnis vieler Menschen

im kommenden Weihnachtsgeschäft profitieren

wird.

RITA BREER

Illustration: Shutterstock.com / rudall30

Lieferketten auf

dem Prüfstand

Holger Raithel,

Geschäftsführender

Gesellschafter der

Kahla Porzellan GmbH

„Wir sind agiler, flexibler, transparenter und digitaler geworden. Eine extrem

schnelle Transformation für einen Porzellanhersteller mit beachtlicher

Tradition und langjährigen Mitarbeitern!“ Dass sich die Supply Chain

bedingt durch die Corona-Verwerfungen ändern wird, davon ist Raithel

überzeugt: „Alle Unternehmen weltweit werden ihre Lieferketten und

Geschäftsmodelle in diesen Tagen überprüfen. Wir erhielten Anfragen

von Importeuren, die nach Einfuhrschwierigkeiten chinesischer Lieferungen

über den Einkauf von in Deutschland gefertigter Qualitätsware

nachdenken. Kahla lieferte beispielsweise bisher erfolgreich nach China und

Korea. Multifunktionales Design, Sorgfalt und Liebe zum Detail, Tradition und

Innovation vereint in einer Marke: Das beeindruckt auch Konsumenten in Fernost. Der

barrierefreie, globale Handel bleibt für alle deutschen Hersteller zwingend notwendig.“

78 möbel kultur 6/2020


Qualität mehr gefragt

Olaf Cordes, Geschäftsführer

der Berndes Küche GmbH

„Die Corona-Krise verstärkt Trends und beschleunigt Entwicklungen,

die sich schon vorher abgezeichnet haben. Das

Bewusstsein der Verbraucher für langlebige Qualitätsprodukte

steigt. Dazu passt der Trend, den lokalen Handel zu unterstützen.

Zwei wichtige Entwicklungen, die sich mit der Philosophie von Berndes decken:

Wir haben ein Herz für den Handel und in der Krise die Aktion ,b.local‘ ins Leben

gerufen, mit der wir kleine Geschäfte fördern. Diese Initiative ist sehr gut vom Markt

angenommen worden. Produktseitig haben wir schon vor der Krise konsequent auf

umweltschonende Konzepte gesetzt. Unsere jüngste Neuheit, die Kochgeschirrserie

,Alu Recycled Induction‘ besteht zu 100 Prozent aus recycelten Dosen. Die

überwältigend positive Resonanz darauf zeigt uns, dass wir den richtigen Weg eingeschlagen

haben, und damit fühlen wir uns nach wie vor gut aufgestellt. Generell

hat das Thema Homecooking während des Lockdowns an Fahrt aufgenommen und

beim Kochgeschirr hat sich die Nachfrage entsprechend positiv entwickelt. Besonders

in den asiatischen Märkten wurde Kochgeschirr während des Lockdowns

stark nachgefragt; online konnten dort sehr gute Umsätze realisiert werden.“

Digitalisierung optimiert

Jan Philippi, Geschäftsführender

Gesellschafter Philippi

Philippi hat die Lockdown-Phase gut genutzt, um die

Digitalisierung voranzutreiben; trotz Messeausfällen und

Kontaktsperren wurde eine komplette neue Kollektion

vorgestellt und zudem eine wichtige Personalentscheidung

getroffen: Das Sales-Team verstärkt Neuzugang Lennard

Hofmann (u.), ein junger Wirtschaftsabsolvent mit

internationalem Background und ausgewiesener

Online-Expertise.

„Die zurückliegenden Wochen haben gezeigt, wie wichtig

ein eigener, gut funktionierender Onlineshop für eine

Marke ist. Dieser wurde nun SEO-optimiert; zudem wurden

Kaufprozesse analysiert und verbessert. Dadurch konnten Umsatzeinbrüche

gut abgefangen werden. Messeauftritte zählten in der

Vergangenheit für Philippi zu wichtigen Eckpunkten der Vertriebsstrategie.

Für die Zukunft plant das Unternehmen mehr Präsentationen per

Video. So können Handelspartner aus aller Welt die Neuheiten künftig

auch unabhängig von großen Veranstaltungen entdecken.“

Nachhaltige Trends

Donata Apelt-Ihling, Alfred Apelt GmbH

„Gleich zu Beginn der Krise haben wir uns schnell, flexibel

und mit großem Engagement dem wichtigen Thema Schutzkleidung

gestellt und gemeinsam mit unserem Team alle

Schritte erfolgreich in die Wege geleitet, um lebenswichtige

Schutzkleidung, wie beispielsweise Mund-Nasen-Masken in

Produktion zu bringen.

Generell setzen wir als familiengeführtes, deutsches Unternehmen

seit langem auf Qualität und Nachhaltigkeit. Werte, die erfreulicherweise im

Zuge der Krise stärker in den Fokus der Verbraucher gerückt sind.

Rechtzeitig vor dem Lockdown haben wir unsere Kollektion und die dazugehörige

Broschüre für die Saison Herbst/Winter 2020 fertiggestellt. Darin zeigen

wir unsere ganze Kompetenz und was Textilien können: Schöne Stoffe, Läufer,

Tischwäsche, eine große Anzahl von Kissen und hochwertige Bettwäsche, die

alle dazu beitragen, ein gemütliches, schönes Zuhause zu schaffen. Danach

sehnen sich viele jetzt ganz besonders!

Unseren Handelspartnern geben wir wieder eine hochwertige und gut

verkäufliche Kollektion an die Hand. Wir sind positiv gestimmt, dass wir mit

unserem trendgerechten Sortiment und dem gemeinsamen Ziel, die Bedürfnisse

der Konsumenten treffen, für eine Wiederbelebung des Konsums sorgen können

und sich die Umsätze in der zweiten Jahreshälfte stabilisieren werden.“

Wechselbad

der Gefühle

Lars Adler, Vorstandsvorsitzender

EVL und Geschäftsführer

Hoff-Interieur

Lars Adler hat als Vorstandsvorsitzender des Europäischen Verband

Lifestyle (EVL) dafür gekämpft, dass Fachmessen anders kategorisiert

werden als Großveranstaltungen. Die Politik hat das verstanden,

womit erfreulicherweise seit dem 6. Mai wieder Bewegung in das

Messe-Thema gekommen ist. Dennoch machen sich die Unternehmen

der Konsumgüterbranche Gedanken über einen Plan B.

LifeStyle: Herr Adler, bitte geben Sie uns ein Update. Wie sieht es

aktuell in China und Indien aus?

Lars Adler: Die Chinesen geben Gas, um wieder die volle Produktionskapazität

sicherzustellen. Es gab nur minimale Verzögerungen bei

einigen Lieferanten die in besonders betroffenen Gebieten liegen. Auch

die Zahlen belegen das: Die chinesische Exportstatistik lag im April mit

+5,3 Prozent bereits wieder über dem Vorjahres-Monat. Schlimmer

sieht es in Indien aus, wo der mehrmals verlängerte landesweite Lockdown

die Lieferanten wirklich lähmt. Hier wird es für alle Seiten zu

schmerzhaften Verzögerungen von Produktion und Lieferung kommen.

LifeStyle: Was hören Sie von Ihren Lieferanten?

Lars Adler: Noch mehr als die teilweisen Lockdowns machen den

Lieferanten die Absagen der Messen in Kanton und Delhi zu schaffen.

Denn das sind unbestritten die Hauptplattform für deren Geschäft.

Wir erhalten deshalb eine unglaubliche Flut an Online-Katalogen, bebilderten

Angeboten sowie Zugänge zu virtuellen Online-Showrooms

etc. Es ist eine neue Herausforderung die Kollektionen nun „online“

zusammenzustellen und unsere Designvorgaben per Photoshop zu

übermitteln anstatt im persönlichen Gespräch. Es klappt aber erstaunlich

gut und wir haben eine tolle neue Kollektion am Start. Mittlerweile

wird schon diskutiert, ob denn die Messesaison im Oktober dort

überhaupt stattfinden wird.

LifeStyle: Wie sieht es mit den Messen in Deutschland und Europa

aus?

Lars Adler: Da machen wir alle seit März ein Wechselbad der Gefühle

durch. Im Februar, als man noch über den Besucherrückgang auf der

Ambiente geklagt hat, konnte sich niemand vorstellen, dass wir um die

Sommer- und Herbstmessen fürchten müssen. In Deutschland sehen

wir mittlerweile etwas Licht am Ende des Tunnels, seit Messen von

dem pauschalen Großveranstaltungsverbot abgetrennt wurden. Dies

hatten EVL, AUMA und Veranstalter gegenüber der Politik gefordert. Es

bestehen nun Chancen im August/September auf eine späte Tendence

in Frankfurt, eine Nordstil in Hamburg, eine Trendset in München,

eine Cadeaux in Leipzig sowie die Spoga in Köln. Hoffentlich werden

die Reisebeschränkungen bis dahin auch aufgehoben. Was die anderen

Messen in Paris (Maison&Objet), Mailand (HOMI) und Madrid

(Intergift) angeht, werden die Veranstalter wohl bis spätestens Mitte

Juni entscheiden.

LifeStyle: Was passiert, wenn es keine Messen gibt?

Lars Adler: Das wäre sehr schmerzhaft für alle Beteiligten, da es

wenig ähnliche effiziente Alternativen gibt. Trotzdem bereiten sich

viele meiner EVL-Kollegen auf diesen Worst-Case vor und laden die

Kunden in ihre Showrooms ein. Auch wir öffnen unseren neuen

Hoff-Showroom von Juni bis Ende August an sieben Tagen die Woche

für Order und Cash & Carry. Sollte es am Ende keine Messen geben,

dann öffnen wir auch darüber hinaus.

SASCHA TAPKEN

6/2020 möbel kultur 79


Das Schlafsystem

des 21. Jahrhunderts

Design und maximaler

Boxspring-Komfort sind

kein Widerspruch mehr.

Komfort-Personalisierung

Referenz-Komfort, einstellbar auf

Körperform und Gewicht

Lattenrost-Ersatz

Als Upgrade für bestehende Betten

im Austausch gegen den Lattenrost

Prämiertes Design

Schlankes Design mit maximalem

Komfort und optimaler Durchlüftung

Ab August 2020 im Fachhandel · Händleranfragen unter retail@creed-home.com · creed-home.com

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