Hasenheide 13

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-650-2

Hasenheide 13

Lothar Uebel

Sammlung Wemhöner

jovis Verlag


7 Vorwort Philipp Bollmann

11 Anmerkung Lothar Uebel

13 Das »Vorgebirge der Guten

Hoffnung«

21 Die Vergnügungsmeile

Hasenheide

27 Der findige Gastronom Kliem

37 Ein mutiger Schritt nach vorn

47 Vergnügen, Politik und

bitteres Intermezzo

55 Holpriger Nachkriegsbeginn

61 Erwin Piscators Premiere

bei Kliem

67 Im Zeichen der Wirtschaftskrise

73 Die Pleite vor Augen

79 Karstadt und die Folgen

99 Scheinbare Normalität trotz

Diktatur

111 Neubeginn als Filmpalast

4


121 Prominente Politredner

im Kinosaal

129 Cheetah – ein futuristischer

Tanztempel

167 Sector Tanzpalast Kreuzberg

171 Joe an der Hasenheide

177 Pleasure Dome bis zum

Konkurs

185 Immer wieder neue Ideen

198 Literatur / Quellen

198 Zeitzeugen / Interviewpartner

199 Weitere Quellen

200 Abbildungsverzeichnis

211 Dank

212 Impressum

5


6


Vorwort

Am Mittag des 22. März 2018 standen Heiner Wemhöner

und ich erstmals in dem ungeheizten und von der

Straße aus uneinsehbaren Saal auf dem Grundstück der

Hasenheide 13. Uns umgaben mid-century-design

Möbel, Leuchtschriften und Vintage-Lüster, Requisiten

für Filmdrehs und sonstige Einrichtungsgegenstände

für stilbewusste Neuberliner, die nach dem Besonderen

suchen. In meterhohen Regalen stapelten sich liebevoll

restaurierte Einzelstücke, in die Jahre gekommene

Schätze und allerlei Kuriositäten: eine Fülle an Sinneseindrücken,

die es nahezu unmöglich machten, den

1899 erbauten Festsaal in Gänze zu begreifen. Und dennoch

war Heiner Wemhöner intuitiv klar: die Suche

hat ein Ende.

Rückblick: Nach der ersten Ausstellung der Sammlung

Wemhöner im Frühjahr 2014 in den Berliner Osram-

Höfen erwuchs bei dem Kunstsammler und Familienunternehmer

Heiner Wemhöner der Wunsch, seiner

Sammlung zeitgenössischer Kunst ein Zuhause zu

geben und sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

In der festen Annahme, Berlin sei voll von außer gewöhnlichen

Objekten und alten Fabriken, die darauf

warten, aus ihrem »Dornröschenschlaf« geweckt zu

werden, begann eine mitunter ernüchternde Odyssee,

die uns vor Augen führte, welch signifikanten Einfluss

der Immobilienboom der vergangenen Jahre auf die

Stadt hatte. Unrenovierte Orte, die sich in ihrer Beschaffenheit

dazu eignen, die Präsentationsbedingungen

von Gegenwartskunst zu erfüllen, waren wahrlich Raritäten

geworden.

7


Übersichtskarte der Exercier-Plätze vor dem Halleschen Thore, Bildunterschirft, Ausschnitt, 1920 1834


24


Ein Sonntagnachmittag in der Hasenheide um 1830

19XX—19XX

25


Café Heyne, um 1850

Als die Region 1861 nach Berlin eingemeindet und eine

Pferdebahnlinie zur Hasenheide eröffnet wurde, beflügelte

das den Bauboom zusätzlich: Nun entstanden

auch mehrstöckige Mietshäuser, die hier auf den

Hinterhöfen allerdings selten Fabrikgebäude aufwiesen,

sondern Vergnügungsetablissements aller Art.

Der Schriftsteller Walter Reinmar resümiert 1888:

»Aus diesem geschäftigen Leben und Treiben ist an der

Pferdebahnlinie eine Straße emporgewachsen, ein

wunderliches Durcheinander von Häusern, Vergnügungs-

Gärten und Bretterbuden. Seitdem die Hasenheide sich

bestrebt, dem modernen Leben und den stets wachsenden

Anforderungen der Großstadt sich anzupassen,

sind höchstens zwanzig bis fünfundzwanzig Jahre vergangen.

(…) Die Ansprüche der Menschen sind mit dem

wachsenden Verdienst gestiegen, nur das Publikum,

welches die Vergnügungslocale der Hasenheide besucht,

ist ziemlich das gleiche geblieben, wie früher; es gehört

auch jetzt noch dem kleinen Bürgerstande, den Arbeitern,

dem Militär usw. an, und wer das Volksleben aus

dem Grunde kennen lernen will, wer Verständniß und

Herz besitzt für die weniger Begüterten, für die ärmsten

Klassen der Gesellschaft, der findet in der Hasenheide

überreiche Gelegenheit zu Studien. Denn dort rauscht

der volle Strom des Volkslebens breit und kraftvoll ihm

entgegen.« (3)

26


Der findige Gastronom Kliem

1871—1881

27


34

Fotografie des Gartens, 1905


Grußkarte, Max Kliem’s Sommer-Theater, 1905

1871—1881

35


Festsaal ohne Wandgemälde, 1900

Als Innenarchitekt war Max Welsch engagiert, der ebenfalls

nicht mehr unbekannt war und bereits einige

Stuckfassaden von Mietshäusern im Berliner Stadtzentrum

gestaltet hatte. Der aufwändige Stuck nach dem

Geschmack der Wilhelminischen Zeit gab dem Saal

im Inneren ein unverwechselbares Gepräge. Damit nicht

genug, wurde auch für die Bemalung von zwei Wandfeldern

extra ein Bühnenmaler beauftragt. Der junge

Hermann Pohlmann stammte aus Wien und heiratete

später eine der Kliem-Töchter. Die Grünanlage hinter

dem Saal erweiterte den bereits bestehenden Garten auf

dem Nachbargrundstück und war auch nur von dort

aus zugänglich.

Am 10. Dezember 1899 erschien im sozialdemokratischen

Vorwärts der Anzeigentext des stolzen Bauherrn:

»Zur Mitteilung, dass ich meinen neuen Festsaal, Hasenheide

13, circa 1.500 Personen fassend, am ersten

Weihnachtsfeiertag eröffne. Stelle denselben den geehrten

Vereinen, Gesellschaften etc. zu Festlichkeiten zur

Verfügung. Gleichzeitig empfehle ich meine übrigen

Fest säle zu Versammlungen und Festlichkeiten jeder

42


Art. Max Kliem.« Tatsächlich fand dann am ersten

Weihnachtstag ein »Großes Winterfest« statt, das

der Sozialdemokratische Wahlverein des zweiten Berliner

Reichstags-Wahlkreises »in Max Kliems neuerbautem

Prachtsaal« mit Musik und Tanz veranstaltete.

Festsaal mit Wandgemälde, 1900 Entwurf für ein Wandgemälde von Hermann Pohlmann, 1902

1881—1899

43


Der kleine Festsaal, 1910

Die vergrößerte Saalfläche ermöglichte nun auch die

Veranstaltung von Messen, so zum Beispiel im Mai

1911 eine Ausstellung der Baugenossenschaft IDEAL,

die ihre Pläne für eine Siedlung in Britz vorstellte.

Fast 30.000 Besucher in einer Woche und mehr als

eintausend neu gewonnene Mitglieder waren nicht nur

für die Genossenschaft ein voller Erfolg. Entsprechend

den räumlichen Möglichkeiten als multifunktionaler

Ver gnügungsort blieben die Anlässe und Themen der

Veranstaltungen bunt gemischt: SPD-Wählerversammlungen,

Zusammenkünfte von Branchengewerkschaften,

Konzerte, eine Operettenvorstellung mit der Fledermaus

von Johann Strauß oder eine Jugendweihe der Freireligiösen

Gemeinde mit »Festvorträgen auf der Orgel

mit Violinbegleitung«. Der Vielfalt schien keine Grenze

gesetzt.

Und doch war mit Versammlungen aller Art, ob ernsthaft

oder vergnüglich, schlagartig Schluss, als der

Erste Weltkrieg seine Opfer forderte. Vielerorts wurden

nun Festsaalbesitzer durch die Oberste Heeresleitung

genötigt, ihre Räume als Lazarette zur Verfügung

zu stellen. Auch in Kliems Festsälen, jetzt zum Reservelazarett

erklärt, wurden ab Oktober 1914 verwundete

Soldaten betreut.

50


Dreimäderlhaus, Hasenheide 14/15, 1906 Reservelazarett Kliem, 1915

1900—1918

51


Am 15. Oktober 1920 – anlässlich des bevorstehenden

dritten Jahrestags der russischen Oktoberrevolution –

hatte der junge Theaterregisseur Erwin Piscator den

großen Saal an der Hasenheide 13 gemietet. Piscator

war ein Jahr zuvor aus München, wo er als Schauspieler

tätig gewesen war, im Alter von 26 Jahren nach Berlin

gekommen. Er schloss sich hier der Berliner Dada-

Bewegung an, was ihn in freundschaftlichen Kontakt

zu Wieland Herzfelde, dessen Bruder John Heartfield

und George Grosz brachte.

Erwin Piscator, um 1927

Rund achthundert Besucher kamen zur Premiere seines

Proletarischen Theaters, Bühne der revolutionären

Arbeiter Groß-Berlins. Das Bühnenprogramm stand

unter dem Gesamttitel Gegen den weißen Schrecken –

für Räte-Russland. Die Titelseite des Programmhefts

enthielt eine Grafik von George Grosz. Gezeigt wurden

drei Einakter: Der Krüppel von Karl August Wittfogel

mit Piscator in der Hauptrolle, Russlands Tag von Lajos

Barta mit einem Bühnenbild von John Heartfield sowie

Vor dem Tore von Andor Gabor.

62


Anzeige vom 13. Oktober 1920

Nicht untypisch für eine Premiere gab es an diesem

Abend ein Missgeschick, woran sich Piscator noch vierzig

Jahre später in Anwesenheit seines Freundes »Jonny«

(John Heartfield) amüsiert erinnerte: »Wir mussten

ohne Deinen Prospekt anfangen. Als wir zehn Minuten

gespielt hatten, hörte ich Dich plötzlich im Saal rufen:

›Halt Erwin, halt, halt, ich bin da.‹ Das Publikum wurde

unruhig, die Schauspieler hörten auf zu spielen, ich

trat vor und sagte: ›Sei ruhig Jonny, wir müssen jetzt

weiterspielen.‹ Darauf sagtest Du: ›Nein, erst muss die

Kulisse aufgehängt werden.‹ Und da Du keine Ruhe

gabst, wandte ich mich ans Publikum und fragte, ob wir

weiterspielen oder erst die Kulisse aufhängen sollten.

›Die Kulisse aufhängen!‹ rief das Publikum. Daraufhin

schlossen wir unter allgemeinem Klatschen den Vorhang,

hängten die Kulisse auf und begannen das Stück

zur allgemeinen Zufriedenheit von vorne.« (8)

Piscator brachte an diesem Abend ein bisher ungekanntes

Theaterkonzept auf die Bühne, wie er später selbst

schrieb: »Hier handelte es sich nicht um ein Theater,

das Proletariern Kunst vermitteln wollte, sondern

um bewusste Propaganda, nicht um ein Theater für das

Proletariat, sondern um ein Proletarisches Theater.

1920—1921

63


Obwohl Piscator KPD-Mitglied war, passte seiner Partei

das Theater nicht ins Konzept, so dass eine Kritikerin

in der Roten Fahne wetterte: »Kunst ist eine zu heilige

Sache, als dass sie ihren Namen für plattestes Propagandamachwerk

hergeben dürfte. Was der Arbeiter

heute braucht, ist eine starke Kunst, die den Geist löst

und frei macht. Solche Kunst kann auch bürgerlichen

Ursprungs sein, nur sei es Kunst.« (Rote Fahne vom

17. Oktober 1920)

Piscator ließ sich davon nicht beirren, und so kam

es unter anderem auch im Kliemschen Saal zu

weiteren Aufführungen: Am 11. November 1920 standen

Die Feinde von Maxim Gorki auf dem Programm,

am 5. Dezember 1920 Prinz Hagen von Upton Sinclair,

wofür László Maholy Nagy das Bühnenbild lieferte,

und zuletzt, am 6. Februar 1921, Wie lange noch, du

Hure bürgerliche Gerechtigkeit? von Franz Jung.

Da das Theater ohne festes Haus und reguläre Konzession

spielte, mussten jeweils auftrittsbezogen

amtliche Spielgenehmigungen eingeholt werden, was

zunehmend schwieriger wurde. Im April 1921 versagte

Berlins Polizeipräsident Erwin Piscator schließlich

endgültig eine Dauerkonzession, nachdem wiederholt

Aufführungen verboten worden waren und Piscator

nach wie vor verkündete, dass er bei seiner Theaterarbeit

die »künstlerische Absicht dem revolutionären

Ziel« unterordne.

66


Im Zeichen der Wirtschaftskrise

1922—1926

67


Briefkopf, um 1924

Am 28. Februar 1924 lesen wir im Vorwärts: »Der

Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Kriegsteilnehmer

und Kriegshinterbliebenen hatte nach Kliems Festsälen

zu einer Protestkundgebung aufgerufen, um gegen

die unter dem Ermächtigungsgesetz von der Regierung

getroffenen Maßnahmen zu protestieren. Lange vor

Beginn der Versammlung war der große Saal überfüllt.«

Obwohl 1924 der Pächter von Kliems Festsälen aufgab

und seine Nachfolger – die Gebrüder Albert und

Otto Erbe – den stadtbekannten Versammlungsort sogar

nach ihrem Namen in Erbes Festsäle umbenannten,

hatte das keine Auswirkungen auf das Veranstaltungsprogramm.

Im Garten und auf der Freilichtbühne

nebenan gab es Varietétheater und Konzerte, im großen

Saal wurde vor allem politisiert, wobei Politik und

Vergnügen zuweilen ein enges Bündnis eingingen.

Bei einer SPD-Veranstaltung unter dem Thema »Gegen

den Brotwucher« gab es erstmals tätliche Auseinandersetzungen

mit dem politischen Gegner: »Vor dem

Beginn der Protestversammlung versammelte sich

die zur Störung befohlene Rotte der kommunistischen

Burschen auf dem Hermannplatz. Sie schrien: ›Jetzt

wollen wir unsere Abzeichen ablegen, damit wir

reinkommen. Bei Kliem spricht Otto Wels, da gibts

70


heute was!‹« Im Zeitungsbericht heißt es, die kommunistischen

»Stoßtrupps« hätten »mit Messer und

Gummiknüppel und Schlagring« versucht, die Versammlung

zu sprengen. (Vorwärts vom 1. Juli 1925)

Im selben Jahr trafen sich nun auch Anarchisten der

Freien Arbeiter-Union im großen Saal, die Roten

Hilfe mit den Proletarischen Spielgemeinschaften

Neukölln und Steglitz gab einen »Bunten Abend« und

der Kommunistische Jugendverband Deutschlands

(KJVD) einen »Roten Rummel«.

KPD-Plakat, August 1929

Am 19. Februar 1926 lauschten etwa 1.000 Besucher

im großen Saal bei einer Veranstaltung des Rotfrontkämpferbundes

(RFB) – der paramilitärischen Schutztruppe

der KPD – einem Theaterstück, das polizeilich

nicht genehmigt war. Der betroffene Saalvermieter

verteidigte sich: »Wie wir erfahren haben, sollen wir

seitens des Polizei Reviers in Strafe genommen werden,

1922—1926

71


Am Hermannplatz eröffnete im Juni 1929 eine »Kathedrale

des Konsums«: Der Karstadt-Firmenarchitekt Phillip

Schaefer hatte ein gigantisches Bauwerk geschaffen.

Der monumentale siebenstöckige – an amerikanische

Hochhäuser erinnernde – Neubau mit Dachgarten und

zwei großen Leuchttürmen überragte im großen Umkreis

die Umgebung. Viertausend Angestellte kümmerten

sich auf 72.000 Quadratmetern Verkaufsfläche um

die Kunden. Zweifellos war dieses neue Karstadt-Warenhaus

ein Publikumsmagnet. Dass es jedoch auch Kliems

neue Gäste einbrachte, muss bezweifelt werden. Eher

war der riesige Dachgarten, auf dem es Konzerte und

Tanz gab, ein Konkurrent, dem die Vergnügungspaläste

an der Hasenheide nichts entgegenzusetzen hatten.

Luftaufnahme Hermannplatz, 1920 und 1928

80


Lediglich der gleichzeitig mit dem Warenhaus fertiggestellte

und direkt mit ihm verbundene Kreuzungsbahnhof

Hermannplatz erleichterte Besuchern aus entfernteren

Stadtteilen auch den Besuch der Etablissements an

der Hasenheide. Die wichtigsten Saalmieter freilich

stammten fast ausnahmslos aus der näheren Umgebung.

So beispielsweise die Vereinigten Neuköllner Geflügelzüchter,

die im November 1929 zum wiederholten Male

im großen Saal eine Geflügelausstellung präsentierten:

»Wie schon in den vorhergehenden Jahren hat die Ausstellung

außerordentlich viel Sehenswertes. Man sah

prachtvolle, auf Legeleistung gezüchtete Enten, die

bis über 200 Eier im Jahre legen. An Hühnern hatte sich

alles eingefunden, von dem Urstamm der Brahma abwärts

bis zum kleinsten hochgezüchteten Zwerghuhn.

(…) Es gibt heute bereits Hühner, die über 300 Eier das

Jahr legen. Selbstverständlich fehlten auch auf dieser

Ausstellung die Tauben nicht.« (Vorwärts vom 28. November

1929)

Der Erfolg dieser Ausstellung motivierte schließlich

den Kreisverband Berliner Geflügelzüchtervereine

ebenfalls zu einer ersten Ausstellung in Kliems Sälen:

»Zwei große Räume sind gefüllt, die wohlgeordnet und

planmäßig zusammengestellt die Vertreter unserer

Geflügelzucht aufzeigen. Staatsexemplare von Zuchtgänsen,

Emdener, Pommersche und Toulouser Enten,

die wirklichen Zuchterfolg zeigen, eine kapitale Riesen-

Bronze-Pute von beinahe einem halben Zentner, die

vielen Rassen von Hühnern, zusammengestellt nach

Form, Farbe und Zuchtrasse. Hundert Arten von Hähnen,

Prachttiere, führen ein Konzert auf allen Nuancen des

Hahnenschreis. Eine aufgestellte Tombola gibt dem

Besucher die Möglichkeit und die Hoffnung, durch ein

Gewinnlos eines dieser pfündigen Prachttiere mit nach

1928—1932

81


Karstadt, Hermannplatz, um 1929


96

Plakat, Arbeiterausschuss Neukölln der DNVP, 1932 Plakat, Deutschnationaler Arbeiterausschuss Neukölln, 1932


18.–20. November 1932

Taubenschau des Reichsverbandes Deutscher Taubenzüchter

9. Dezember 1932

Laienschauspiel »Glaube und Heimat« von der Genezareth-Gemeinde

Neukölln, bei der die Eintrittsgelder

eine weihnachtliche Armenbescherung ermöglichen

sollten

10.–15. Dezember 1932

Veranstaltung zur Vorbereitung eines Weihnachtsmarkts

auf dem Ebert-Platz mit Ständen, Bunten Abenden und

Musikkapellen mit arbeitslosen Künstlern

1928—1932

97


112

Kino Quick, Hausprogramm, Vorderseite, 1946


Obwohl die Baulichkeiten auf dem Grundstück Hasenheide

14/15 durch Bomben beschädigt worden waren,

wurden die kleinen Säle bald wieder instandgesetzt und

für Veranstaltungen diverser Art genutzt. Den großen

Saal auf dem Nachbargrundstück Hasenheide 13, der

weitgehend unbeschädigt geblieben war, ebenfalls wieder

als Festsaal zu nutzen, schien jedoch wirtschaftlich aussichtslos,

so dass sich die Engelhardt Brauerei entschied,

einen Umbau zum Filmtheater vornehmen zu lassen.

Fertiggestellt nach Plänen des Architekten Karl Waske

eröffnete 1946 das Kino Quick mit über achthundert

Sitzplätzen. Die Tickets zu den Vorstellungen fanden

reißenden Absatz, so dass man die Bestuhlung des Kinosaal

ein Jahr später auf 940 Plätze erhöhte.

Ein Problem stellte allerdings die Nähe zu den Wohnungen

des Vorderhauses dar. Im August 1948 beklagte

sich ein Mieter über das »unerhörte Getöse« einer im

Hof aufgestellten Lichtmaschine, die Strom für den

Vorführraum erzeugte: »Es wäre möglich gewesen, die

Maschine an einer Stelle aufzustellen, wo nicht die

Mieter von zwei Häusern in ihrer Nachtruhe gestört

werden. Mir persönlich ist es unmöglich, mein Herrenzimmer

(in der ersten Etage zum Hof) zu irgendwelcher

positiven Arbeit zu benutzen, da das Geräusch der

Maschine geradezu nervenzerreißend zu bezeichnen

ist.« (7) Das Notstromaggregat war für den Kinobetreiber

aber auf Grund der häufigen Stromsperren während

der Berlin Blockade »lebenswichtig«, weshalb der Weiterbetrieb

baupolizeilich genehmigt wurde.

1946—1951

113


Primus Palast, um 1952


Der Kinosaal war zwar von seiner Größe her imposant

aber sehr schlicht gestaltet: »Den Zuschauerraum zeichnet

eine unterschiedliche Bestuhlung mit Holzklappstühlen

und Polstersesseln aus, die auf verschiedene

Preisklassen hinweist. Im hinteren Teil des Saales trennt

eine Brüstung den leicht ansteigenden Logen bereich

ab. Senkrecht drapierte Stoffbahnen tragen die Beleuchtungskörper

und lockern die einfarbigen Wände auf,

deren unteren Teil eine Holzvertäfelung verkleidet.« (14)

Filmvorführer um 1952 Straßenansicht Hasenheide, 1960

Das Kinoproramm beinhaltete alle populären Strei fen

der Zeit, wobei Hollywood Hauptlieferant war.

Nicht selten wurden« blutrünstige amerikanische Gangster

filme« gezeigt, wie das SED-Zentralorgan Neues

Deutschland 1952 entrüstet feststellte.

120


Prominente Politredner im

Kinosaal

1948—1975

121


Eingang, Cheetah, 1968


Cheetah, 1968


152

Plakat, The Tremeloes, Cheetah, 1976 Plakat, Dozy Beaky Mick & Tich, Cheetah, 1977


Plakat, The Troggs, Cheetah, 1978

1968—1983

153


Schlagzeile aus der Bild-Zeitung, 1978

junge Leute an den Tisch: Helfen Sie uns bitte, es

geht um zehn Mark! In einem benachbarten Beatlokal

(Cheetah) habe man gewettet, ganz schnell ein paar

ausgezeichnete Walzertänzer zu präsentieren, und mit

dem Walzer sei das bei den jungen Jahrgängen doch

nicht so weit her.

Das Ehepaar ließ sich nicht lange bitten. Man vertauschte

den anmutigen Frisuren-Saal mit dem brodelnden

Kessel im Nachbarhaus. Als dann die Walzerscheibe vom

Diskjockey aufgelegt wurde, bestanden die Oldtimer

ihren Schautanz mit Glanz. Die Wette war gewonnen,

gewonnen hatten die jungen Leute aber auch die Sympathie

ihrer Opfer: nicht nur mit dem Glas Sekt, das

sie den Walzertänzern spendierten, sondern mehr noch

durch den erfrischenden Scherz dieser Wette an sich.

›Schön, wenn die Jugend uns Ältere auch einmal auf so

nette Art in ihre Späße einbezieht‹, war der

Kommentar.«

Es geschahen aber nicht nur lustige Dinge: »Als die

Discozeit mit Saturday Nightfever begann, kam ich mit

meinen Teenieparties goldrichtig. Wir haben dann auch

gleich eine große Spiegelkugel besorgt und in zwölf

Metern Höhe aufgehängt. Und an einem Sonntag passierte

es dann: Die Befestigung der Kugel löste sich und

das schwere Ding stürzte auf die rammelvolle Tanzfläche!

Glücklicherweise ist nichts passiert! Das hätte

jemand erschlagen können, nicht auszudenken. Die

Mehrheit der Leute hatte es nicht einmal mitbekommen.«

(18)

Mehrfach geriet der DJ selbst in heikle Situationen: »In

meine runde Disco-Kanzel stieg ich über eine senkrechte

Hühnerleiter. Im Boden der Kugel befand sich ein

Motor, der eine Seilwinde betätigte, mit der die Kanzel

1968—1983

157


162

Cheetah, 1978


Cheetah, 1978

1968—1983

163


Offenbar fand sich kein Käufer bzw. neuer Pächter der

Diskothek Cheetah, nur weitere Betreiber wurden mit

ins Boot genommen. Die Jürgen Lenke & Lehmann

Gaststättenbetriebs GmbH ließ den Tanzsaal renovieren,

wobei fast keine Umbauten, lediglich eine verbesserte

Schallisolierung vorgenommen wurde. Mit neuem

anspruchsvollem Namen Sector – Tanzpalast Kreuz berg

sollte wohl die Nähe zum etwas verrufenen Bezirk

Neukölln kaschiert werden. Kreuzberg hingegen war in

West-Berlin mittlerweile der Szenebezirk schlechthin.

Der Neubeginn war vielversprechend. Namhafte Bands

der achtziger Jahre traten auf, darunter Duran Duran,

Ina Deter, Sportivo und Einstürzende Neubauten.

Im Januar 1984 berichtete das Jugendjournal Blickpunkt:

»Fast täglich spielte eine Gruppe – sensationell. Nach

etwa zwei Monaten war das Spektakel vorbei, es mussten

200.000 DM zugebuttert werden (laut Geschäftsführer).

Seither gibts reine, unverfälschte Disco. Stampf,

stampf – von links nach rechts und zurück. Harter

Disco-Sound wird hier angedient, aber auf keinen Fall

Hitparade. (…) Für die Kids (Durchschnittsalter zwanzig

Jahre) besorgen die beiden Diskjockeys wöchentlich

neue Platten für 500 bis 600 Mark. Das war aber immer

noch billiger als Kapellen«, wie der Geschäftsführer

Peter Wonneberger befand. (21)

Eintrittskarte, 1987

168


Eintrittskarte, 1986

Über Musikgeschmack lässt sich bekanntlich streiten,

DJ Double T jedenfalls gefiel der Musikmix: »Das

Tolle an dem Laden war, dass es ein wirklich gemischtes

Publikum gab, aber fast keine Touristen, wie in

den Diskotheken am Kudamm. Ebenso gemischt war

die Musik. Es wurde jeweils in Blöcken unterschiedliche

Musik gespielt: Von Rockabilly über Disco, New Wave,

Hardrock bis Punk. Das fand ich Klasse!« (22)

Auch eine damals siebzehn Jahre alte Zeitzeugin war

begeistert: »Zum Tanzen bin ich Sonntagnachmittags

von Rudow ins Sector am Hermannplatz gefahren.

Das ging über mehrere Etagen, und in den Ecken

standen Spielautomaten und Flipper. Ich fand es toll,

wenn der Nebel durch die Etagen waberte und ich

meine Musik hören konnte. Es war preiswert dort: Für

eine Mark bekam man alles. Hier konnte ich mich ein

paar Stunden aufhalten, bevor ich wieder die lange

Fahrt nach Hause antreten musste. Aber tanzen?

Das ist vielleicht zu viel gesagt. Mit dezenten abgehackten

Bewegungen sind wir zur Mitte der Tanzfläche

geschritten und wieder zurück. Man war cool und trug

schwarz. Ich hatte immer sehr enge, lange schwarze

Röcke an, mit denen ich nur Trippelschritte machen

konnte. Dazu trug ich Handschuhe, bei denen die

Fingerkuppen abgeschnitten waren. Das Gesicht war

weiß geschminkt, die Augen schwarz betont, die Haare

1984—1988

169


174

Miss Berlin Wahl, Joe, 1992


abgeranzter, jetzt war es ein Schicki-Micki-Club geworden.

Es war auch teurer, und irgendwie passte das nicht

an den Ort: Dieser Laden hätte am Kudamm stehen

müssen, vielleicht hätte er dann länger überlebt.« (22)

Marcos Lopez, einer der damaligen DJs im Joe, empfand

den Unterschied zur Vorgängerdisco Sector jedoch

nicht so gravierend. Im Interview bei dt64 – dem Jugendsender,

der die DDR überlebt hatte – schilderte er 1991

seine Eindrücke: »So bunt wie die Musik ist, so vielfältig

ist auch das Publikum, und das eine ist der Grund

des anderen. Ich kann dort eine verrückte Musikmischung

zusammenstellen, weil eben auch das Publikum

so ist. Ich könnte dort nicht nur House oder nur

Techno spielen, die Leute würden mir die Zitronen

ihrer Ba cardi Colas auf die Diskothek schmeißen. Das

Publikum ist kein typisches Partyvolk, die mit Trillerpfeifen,

Neonstäben und Sonnenbrillen anrückt, um

dort wochenendlich vierzehntägig abzufeiern, sondern

eine relativ normale Klientel, die Spaß an gut präsentierter

Musik hat, ohne zu sehr auf das Charting fixiert

zu sein. Ich kann denen sehr viel schräge Musik verkaufen.

Die Location ist zwar etwas zu steril und sauber,

aber wenigstens nicht so versifft und verdrogt

wie viele andere. Joe ist durchaus ein geiler Laden, da

arbeiten ein paar gute Leute, wir machen echt Power,

das erkennt von den Szene-Leuten aber kaum jemand

an. Es geht doch nur um Musik und um Feiern, und

das können die Leute hier genauso.«

Einige der Sonderveranstaltungen waren allerdings

nicht jedermanns Sache bzw. sprachen nur gezielt ein

ganz bestimmtes Publikum an: So etwa im Oktober

1992 die Wahl der Miss Berlin aus 23 Kandidatinnen

und im April 1993 die Wahl des Mister Berlin aus

16 Kandidaten. Unter dem Titel Wer ist der Schönste

1989—1993

175


182


Fashion-Club-Party, 1996

19XX—19XX

183


Die Hypo-Real Haus und Grundbesitz GmbH & Co.

Immobilien Vermietungs KG, München, erwarb 1996

das Grundstück Hasenheide 13, verkaufte es allerdings

zwei Jahre später wieder. Neuer Eigentümer wurde

die frisch gegründete Grundstücksgemeinschaft Hasenheide

13 GbR, die drei Teilhaber hatte. Die Käufer

nahmen 1998 ein anspruchsvolles Projekt in Angriff.

Zwei an den Baumaßnahmen Beteiligte beschreiben die

Pläne: »Es sollte die größte schwule Sauna Europas

werden. Im Saal blieben die runden Plattformen erhalten,

und darauf wurden Kabinen aufgestellt, die mit

Matratzen ausgelegt waren. Der Keller wurde zur Sauna

ausgebaut und als Darkroom schwarz gefliest.« (25)

Der als Darkroom geflieste Keller, 2016

»Die Location sollte Aquarius Sauna heißen. Aus der

Sauna im Keller ging es über eine Treppe zur Bar

im Erdgeschoss, und auf der ehemaligen Bühne war

ein großer Whirlpool eingebaut worden, den man vom

Keller aus über eine Wendeltreppe erreichen konnte.

Daneben stand eine Champagnerbar. Es gab zwar einen

genauen Bauplan, aber nicht das Geld um ihn zu verwirklichen.

Die Bauarbeiten wurden immer portionsweise

über Kredite finanziert.« (26)

186


Parallel eröffnete man die Schwulenbar Ficken 3000 in

der Urbanstraße 70: »Die Einrichtung dort stammt

komplett aus dem Pleasure Dome. Die Bar konnte deshalb

schon nach drei Monaten Bauzeit aufmachen.

Der Laden lief super.« (26) Die auf diese Weise erzielten

Einnahmen flossen in den Ausbau des Saunaclubs an

der Hasenheide. Zusätzlich gründete man die Aquarius

Betriebs GmbH, deren Pächter ab 1998 das Café Aquarius

im ehemaligen Eingangsbereich der Diskothek

mit der metallenen Röhre betrieben.

Erkan Gezer, einer der beiden Barbetreiber, erinnert

sich: »Die komplette Einrichtung der Bar kam ebenfalls

aus der ehemaligen Diskothek Pleasure Dome. Im Saal

ausgebaut und hier vorn eingebaut. Die alten orangefarbenen

Sitze habe ich neu im Dschungelstil bezogen.

Die Eigentümer wollten, dass ich das Café Aquarius

nenne, es sollte so heißen wie der spätere Saunaclub.

Der Name gefiel mir aber nicht, und 2000 habe ich es

schließlich in Café Cheetah umbenannt, ein Jahr später

aber aufgegeben.« (26)

Das ambitionierte Saunaclub-Projekt scheiterte, weil

es Differenzen zwischen den Teilhabern gab. Einer der

Anteilseigner hatte mit falschen Karten gespielt und

war schon vor Projektbeginn pleite. Angeblich wurden

bereits zwei Millionen DM »versenkt«, bevor die Bank

weitere Kredite verweigerte. Und das obwohl nur noch

die Brandschutzund Notstromanlagen hätten fertig

werden müssen.

1996—2019

187


Impressum

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Autor. Das Copyright für die

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Philipp Bollmann

Historische Recherchen,

Text und Bildredaktion:

Lothar Uebel

Lektorat:

Susanne Nagel, VorSatz®

Korrektorat:

Kristin Rieber

Bibliografische Information

der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek

verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de

abrufbar.

ȷovis Verlag GmbH

Kurfürstenstraße 15/16

10785 Berlin

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ISBN 978-3-86859-650-2

Gestaltung:

Katerina Trakakis,

Pit Stenkhoff,

Neue Gestaltung

Lithografie:

Nina Odzinieks,

Neue Gestaltung

Schriften:

High Life von Fabian Harb,

Monument Grotesk

von Dinamo Typefaces

Papier:

Munken Print White 15

Druck und Bindung:

DZA Druckerei zu Altenburg

212

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