Das Jüdische Echo 2019 - Vol. 68 / Starke Frauenstimmen
100 Jahre nach Verwirklichung des Wahlrechts für Frauen Ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion: Im Jüdischen Echo 2019/20 beleuchten wir die Rolle der Frau in Politik und Gesellschaft sowie Kultur und Religion, und das hundert Jahre nach dem Inkrafttreten des Wahlrechts für Frauen in Österreich. Über Verfolgung, Widerstand und Überleben einst, über Gleichstellung und Diskriminierung jetzt schreiben profilierte Autorinnen.
100 Jahre nach Verwirklichung des Wahlrechts für Frauen Ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion: Im Jüdischen Echo 2019/20 beleuchten wir die Rolle der Frau in Politik und Gesellschaft sowie Kultur und Religion, und das hundert Jahre nach dem Inkrafttreten des Wahlrechts für Frauen in Österreich. Über Verfolgung, Widerstand und Überleben einst, über Gleichstellung und Diskriminierung jetzt schreiben profilierte Autorinnen.
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DAS
JÜDISCHE
ECHO
STARKE FRAUENSTIMMEN
100 Jahre nach Verwirklichung des Wahlrechts für Frauen
Ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion
Vol. 68
2019/20 | 5780
DAS
JÜDISCHE
ECHO
Gegründet von der Vereinigung Jüdischer Hochschüler Österreichs und Leon Zelman s. A.
Europäisches Forum für Kultur und Politik
Vol. 68
2019/20 | 5780
Impressum
Medieninhaber (Verleger), Herausgeber: Verein zur Herausgabe der Zeitschrift „Das Jüdische Echo“.
Zweck: Historisch-kritische Aufarbeitung des österreichisch-jüdischen Geisteslebens sowie die Darstellung
aktueller Strömungen zur Förderung demokratischer Kultur.
Obmann: Mag. Leon Widecki; Schriftführer: Peter Schwarz; Kassier: Norbert Gang.
Sitz: 1010 Wien, Judenplatz 8, Tel. 0043/1/535 04 31-500
E-Mail: office@juedischesecho.at, www.juedischesecho.at, www.facebook.com/DasJuedischeEcho
Chefredaktion: Erhard Stackl, Anna Goldenberg. Projektkoordination: Mag. Susanne Trauneck.
Mitarbeit: Irina Abajew. Lektorat: Helmut Gutbrunner. Bildredaktion: Nini Tschavoll.
Coverillustration: Cristóbal Schmal. Grafisches Konzept: Lisa Elena Hampel, Dirk Merbach.
Layout: Claudia Fritzenwanker. Produktion: Susanne Schwameis
Gesamtherstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Druck: Finidr s.r.o., Česky Těšín
Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel spiegeln nicht
unbedingt die Meinung der Redaktion und/oder des Herausgebervereins wider.
ISBN 978-3-85439-637-6
Vertrieb: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien
Tel. 0043/1/536 60, Fax 0043/1/536 60-935, E-Mail: service@falter.at
www.faltershop.at
Gefördert durch:
Mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien
2
DAS JÜDISCHE ECHO
Inhalt
7 Das Jahrhundert der Frauen
Von Leon Widecki und Anna Goldenberg
Unterwegs zur Gleichberechtigung
9 Frauen an der Macht?
Jahrelang kam die Bewegung zur Gleichstellung
von Frauen Schritt für Schritt voran. Doch trotz
jüngster Erfolge – Stichwort Bundeskanzlerin –
bleibt die Bilanz zwiespältig. Sogar alte Männlichkeitsideale
leben wieder auf.
Von Trautl Brandstaller
13 Der Weg zur Gleichberechtigung ist noch lang
Wir leben in einer Zeit gegenläufiger Strömungen:
Während in der Gleichstellung der Geschlechter
erhebliche Fortschritte gemacht werden, kommen
europaweit gleichzeitig Politiker an die Macht, die
Frauenrechte wieder beschneiden wollen.
Von Julya Rabinowich
15 Frauen und Politik – Politik der Frauen
Aus jungen Frauen, die schon in den Jahren nach
1968 nicht einsahen, von ach so fortschrittlichen
Männern beiseitegeschoben zu werden, sind
ältere geworden, die heute stets ihre Stimme
erheben und die sich nicht mehr fürchten.
Von Susanne Scholl
18 „Jössas, a Weib!“
Warum konservative Frauen in Österreich in der
Politik Pionierinnen waren und warum es deshalb
Frauenquoten braucht.
Von Barbara Tóth
21 Liebe Männer, seid unser Klappstuhl!
Die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen
fordern mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz.
Sechs praktische Vorschläge, wie das gehen
kann.
Von Gina Feldner-Busztin
24 Genderdebatte und Body-Politik
Frauen in hohen Positionen, auch als Politikerinnen,
sind auch in Österreich willkommen,
sofern sie die „richtigen“ Einstellungen vertreten.
Und die sind in beträchtlichem Ausmaß oft
weiterhin Frauen gegenüber abwertend.
Von Ruth Wodak
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 3
Frauen und politische Öffentlichkeit
31 „Du schreist und brüllst“
Gerade digitale Medien werden genutzt, um
Frauen einzuschüchtern und wegzudrängen.
Die Gefahr ist, dass in digitalen Debatten ein
gesellschaftlicher Rückschritt passiert.
Von Ingrid Brodnig
35 „Ein Meer, in das ich eintauche“
Seit Jahrzehnten macht die Wiener Historikerin
Shoshana Duizend-Jensen Spuren jüdischen
Lebens in der Hauptstadt sichtbar. Heuer wurde
sie dafür mit dem Leon-Zelman-Preis für Dialog
und Verständigung ausgezeichnet.
Von Manuela Tomic
39 Frauen flüchten anders
Frauen sind in der Masse der Flüchtlinge
weniger sichtbar, aber schutzbedürftiger und
verwundbarer. Auch in den Fluchtgründen
unterscheiden sie sich von den Männern.
Von Melita H. Sunjic
44 Die Suffragetten von 2019
Hundert Jahre nachdem die Engländerinnen
das Wahlrecht erkämpft haben, steigen Frauen
mit Zivilcourage in Großbritannien wieder auf
die Barrikaden. Drei moderne Suffragetten im
Porträt.
Von Tessa Szyszkowitz
48 Der hohe Preis des Engagements
Die iranische Menschenrechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin
Shirin Ebadi spricht über die Ziele
und die persönlichen Folgen ihrer Tätigkeit.
Von Brigitte Voykowitsch
50 Ein heldisches Leben
Ruth von Mayenburg war eine Aristokratin, wurde
Kommunistin und diente in der Roten Armee als
furchtlose Agentin in Nazi-Deutschland und an der
Ostfront. Porträt einer Frau mit vielen Namen.
Von Helene Maimann
56 Ihrer Zeit voraus
Therese Schlesinger war unter den ersten acht
Frauen, die 1919 ein Mandat im Parlament
erringen konnten. Über eine Frau, die wohlsituiert
in einer liberalen jüdischen Familie aufwuchs und
sich später an die Seite von Arbeiterinnen stellte.
Die sich, trotz Schicksalsschlägen, in ihrem
Kampfgeist nicht beirren ließ.
Von Alexia Weiss
58 Acht Pionierinnen
Über die Frauen, die 1919 in das österreichische
Parlament einzogen, darunter Hildegard Burjan,
eine Christlich-Soziale, die wie Schlesinger einer
liberalen jüdischen Familie entstammte.
Von Alexia Weiss
Von der Gegenwehr und vom Überleben
61 Frauen des Widerstands sichtbar machen
Im Rahmen des Projekts, der Unterrepräsentanz
von Frauenbiografien generell entgegenzuwirken,
erarbeiten Frauenforscherinnen am Wiener
Institut für Wissenschaft und Kunst eine Datenbank
zu Widerstandskämpferinnen.
Von Ilse Korotin
64 Heldenhafte Frauen in der NS-Zeit
Die Zugehörigkeit zu bestimmten politischen
Milieus, Organisationen oder Religionsgemeinschaften
sowie eigene Diskriminierungserfahrungen
waren wichtige Faktoren, die eine Minderheit von
Frauen veranlasste, Widerstand zu leisten.
Von Christine Kanzler
4
DAS JÜDISCHE ECHO
70 Die ‚Kibbuznikit‘ vom Wiener Schwedenplatz
Wie Liselotte als junge Frau zu Chaja wurde
und in Pioniersiedlungen an Geheimprojekten
zum Schutz des entstehenden Staates Israel
mitwirkte.
Von Daniela Segenreich
78 Gugelhupf in Jerusalem
Nach 44 Jahren in Israel fuhr die in Wien geborene
Sidonie Goldstein, die „nie wieder zurück“
wollte, erstmals doch nach Österreich. Seither
kam sie immer wieder in die alte Heimat.
Von Alexandra Föderl-Schmid
81 Die Stehauf-Gretel
Margarete Healy, geboren 1923 in Wien, hat zwei
Kriege, vier Ehen und zahllose Neuanfänge erlebt.
1938 war sie gezwungen, Wien zu verlassen, um
zu überleben – als Kindermädchen, später auch
als Geheimagentin in Vietnam. Eine Erinnerung.
Von Astrid Kuffner
83 Stille Heldinnen und Helden
Recherchen über Mut und Menschlichkeit
unterm Hakenkreuz ergaben, dass im Wien der
NS-Zeit mehr als tausend Jüdinnen und Juden
im Verborgenen überleben konnten. Unter den
Rettern gab es mehr Frauen als Männer.
Von Brigitte Ungar-Klein
88 Dorothea, die Lebensretterin
Wie es gewesen sein muss, unter dem
Einsatz des Lebens jemanden vor dem Tod zu
bewahren, schildert diese Geschichte über die
Schauspielerin Dorothea Neff und ihre Freundin
Lilli Wolff.
Von Renate Welsh
93 Im Zweifel für den Zweifel
Vor einem Jahr veröffentlichte die Autorin ein
Buch über ihre Großeltern, die den Holocaust
überlebten. Ist die Geschichte zu Ende erzählt?
Von Anna Goldenberg
Die Verteidigung der Erinnerung
95 „Dann hab ich losgelassen“
Seine Ausstellung mit Holocaust-Überlebenden
wurde zerstört. Der Fotograf Luigi Toscano
erinnert sich an die unglaublichen Vorfälle in
Wien.
Von Anna Goldenberg (Text) und Luigi Toscano (Fotos)
Aus Religion und Kultur
101 Frauen im Judentum
Eva ist gleich viel wert wie Adam, dessen Name
ja „Mensch“ bedeutet. Ein jüdischer Ausblick
(Hashkafa) auf die Verhältnisse der Geschlechter.
Von Oberrabbiner Arie Folger
109 „2015 war einfach“
Seit vier Jahren betreut der Verein Shalom
Aleikum Flüchtlinge in Wien. Wie geht jüdischmuslimisches
Zusammenleben?
Von Clara Porak
106 Die Haare im Waschbecken
Die Autorin wuchs in einer ultra-orthodoxen Sekte
im Staat New York auf. Nach der Geburt ihres
zweiten Kindes verließ sie die Gemeinschaft.
Von Frimet Goldberger
112 „Ich bin keine Feministin“
Die ultraorthodoxe Richterin Ruchie Freier hat in
New York einen Ambulanzdienst gegründet, der
von Frauen betrieben wird.
Von Frauke Steffens
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 5
116 Die Wiederentdeckung der Elsa Bienenfeld
Österreichs erste promovierte Musikwissenschaftlerin
war zugleich die erste Frau, die in Wien unter
eigenem Namen Kulturrezensionen publizierte.
1942 wurde sie in Maly Trostinez ermordet.
Von Irene Suchy
124 Das bewegte Leben der Louise Fleck
Österreichs Filmpionierin und erste Regisseurin
Louise Kolm-Fleck ließ sich nicht einmal im Exil
in Schanghai in ihrem Schaffensdrang bremsen –
solange man sie ließ.
Von Uli Jürgens
119 Zuerst ignoriert, dann vergessen
Bis 1938 waren weibliche Kunstschaffende in
Österreich präsenter, als lange angenommen. Ihr
Beitrag für die Moderne wurde einfach ignoriert. Bis
die Forschung eine Kehrtwende einleitete.
Von Olga Kronsteiner
128 Wiener Juden und die Wiener Küche vor 1938
Wie die Koch- und Esstraditionen der österreichischen
Donaumetropole als gemeinsames
Werk und Erbe von Wiener Juden und Nichtjuden
entstanden sind.
Von Susanne Belovari
Über das Hauptthema hinaus
137 Amos Oz: Schriftsteller, Leser, Träumer
Der Ende 2018 verstorbene Schriftsteller, der
größte israelische Autor seiner Generation, stellte
Menschlichkeit und Humanität in den Mittelpunkt
seiner Romane und seiner Weltanschauung. Ein
persönlicher Nachruf.
Von Liam Hoare
140 Die Irrfahrt des Flüchtlingsschiffes St. Louis
Wie ein Schiff mit fast tausend jüdischen Flüchtlingen
1939 in der Karibik an einem Eisberg an
menschlicher Kälte zerschellte, schildert ein neuer
Roman, der das an sich bekannte Drama nun
auch aus kubanischer Perspektive beleuchtet.
Von Erhard Stackl
144 „Tierärztliche“ in dunkler Zeit
Eine neue Studie geht den Schicksalen jüdischer
Studierender am Vorläufer der heutigen VetMed
Wien nach.
Von Judith Brandner
145 „Eine Frau würde hier alles verändern“
Rick Hodes, medizinischer Direktor einer jüdischen
NGO, spielte in der äthiopisch-israelischen Luftbrücke
„Operation Salomon“ 1991 eine maßgebliche
Rolle. Der als „Mutter Teresa in Woody Allens
Körper“ beschriebene Arzt lebt als Junggeselle
unter bescheidensten Umständen inmitten seiner
zahlreichen Patienten in Addis Abeba.
Von Ronnie Niedermeyer
149 Biografien der Autorinnen und Autoren
ZUR COVER-ILLUSTRATION
Das Cover der Ausgabe 68 „Starke Frauenstimmen“ wurde vom
chilenischen Illustrator Cristóbal Schmal gestaltet.
Cristóbal Schmal wurde 1977 in Chile geboren. Nach Abschluss
seines Studiums zog er 2001 nach Barcelona, wo er sechs Jahre lang
für verschiedene Designstudios arbeitete. Seit 2008 lebt Cristóbal
Schmal in Berlin und arbeitet als freischaffender Illustrator.
www.artnomono.com
6
DAS JÜDISCHE ECHO
Vorworte
Das Jahrhundert der Frauen
ERNST HAMMERSCHMID, WWW.CORN.AT/PAUL ZSOLNAY VERLAG
Leon Widecki
Obmann
Ganz im Sinne von Leon Zelman,
s. A., der 1951 das „Jüdische Echo“
gegründet hat, bieten wir unseren
Leser/-innen einen Blick über den
eigenen Tellerrand. Wer offen ist
für neue Anregungen und erfahren
möchte, wie andere gescheite
Menschen denken, wer Interesse
hat, seinen Horizont zu erweitern,
um neue Perspektiven zu gewinnen
und sich eine umfassende Meinung zu bilden, der
hat genau das richtige Medium in Händen. Dass viele
unserer Autorinnen und Autoren auf unterschiedliche
Art und Weise mit dem Judentum verbunden sind, ist
selbstverständlich kein Zufall.
Unser mehrfach ausgezeichneter Chefredakteur
Erhard Stackl ist seit nunmehr sechs Ausgaben dafür verantwortlich,
dass wir Ihnen Jahr für Jahr anspruchsvollen
Lesestoff zu spezifischen Leitthemen bieten können. Als
ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des „profil“,
Ressortleiter Ausland und dann Chef vom Dienst bei
„Der Standard“ und als freiberuflicher Journalist – Beiträge
von ihm brachten unter anderem „The New York
Times“, „El País“, „Die Zeit“, Radio Ö1 und das „Südwind
Magazin“ – verfügt Erhard Stackl über höchste
Reputation und exzellente Kontakte in alle Welt. Die
Liste der Autorinnen und Autoren, die er für Beiträge im
„Jüdischen Echo“ gewinnen konnte, ist sehr beachtlich.
Die diesjährige Ausgabe ist, hundert Jahre nach Verwirklichung
des Wahlrechts für Frauen, „starken Stimmen
in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion“
gewidmet. Als Co-Chefredakteurin haben wir die junge,
erfolgreiche Journalistin und Buchautorin Anna Goldenberg
engagiert. Ihre feministische Sicht der Dinge hat
wesentlich zur Authentizität und Glaubwürdigkeit dieser
Ausgabe beigetragen.
In einem waren sich die von Männern dominierten
Gesellschaften, Kulturen und, ja, auch Religionen tau-
Anna Goldenberg
Co-Chefredakteurin
„Es sieht ganz so aus, dass der Fluch
Gottes an Adam und Eva sich allmählich
auflöst.“ Das schreibt der
scheidende Wiener Oberrabbiner
Arie Folger und bringt damit eine
Erkenntnis der aktuellen Ausgabe
des „Jüdischen Echos“ auf den
Punkt. Im Jahr 2019 richten wir
unseren Blick auf Frauen. Hundert
Jahre nach der Einführung des
Frauenwahlrechts in Österreich erkunden wir, wie die
Rolle der Frau in einer modernen Gesellschaft, beeinflusst
vom Judentum in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen,
aussieht.
Der Fluch, der die Geschlechter ungleich gemacht
und die Frauen zu schmerzvoller Geburt und die Männer
zu harter Arbeit verdammt hat, verliert an Kraft.
Immer seltener bestimmt das Geschlecht, was einer
Person erlaubt ist oder was sie tun soll. Das zeigen etwa
die Beiträge von Tessa Szyszkowitz, Barbara Tóth und
Helene Maimann, die über Frauen in der Politik, einer
immer noch männerdominierten Domäne, schreiben.
Alexia Weiss porträtiert Therese Schlesinger, eine von
acht Frauen, die vor hundert Jahren in das österreichische
Parlament einzogen.
Jahrhundertelang hat der Fluch dafür gesorgt, dass
nur die eine Hälfte der Geschichte gesehen und überliefert
wurde. Was Frauen taten und wie sie es taten,
wurde oft nicht übermittelt. Die Geschichtsbücher
schrieben schließlich Männer. Umso notwendiger ist der
auf die Zeitgeschichte ausgerichtete Schwerpunkt dieser
Ausgabe. Gleich mehrere Beiträge widmen sich Widerstandskämpferinnen
in der NS-Zeit. Olga Kronsteiner
hat sich vergessener weiblicher Kunstschaffender, die vor
dem Holocaust in Österreich wirkten, angenommen.
Und um die Fehler unserer Vorfahren nicht zu
wiederholen, haben wir einen Blick aus Frauenperspektive
auf aktuelle Fragen geworfen. Seit der sogenannten
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 7
sende Jahre einig: Frauen sind minderwertig und können
gar nicht die gleichen Rechte genießen wie Männer.
Heutzutage kann man sich nur wundern, was alles möglich
gewesen ist. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert
der Frauenbewegung und großer Erfolge bei der
Durchsetzung von Gleichberechtigung. Die Frauen sind
weit gekommen. Das 21. könnte das Jahrhundert der
Frauen werden, wenn deren Unterrepräsentanz in Politik,
Wirtschaft und Kultur und die schlechtere Bezahlung
für gleiche Arbeit genauso Geschichte sein werden
wie das Vorenthalten des Wahlrechts.
Wie für alle Printmedien werden auch für Nischenpublikationen
wie das „Jüdische Echo“ die Zeiten nicht
einfacher. Umso mehr Dank und Anerkennung gebührt
unseren zum Teil langjährigen Inserent/-innen und
Unterstützer/-innen. Sie haben nicht nur klug investiert,
denn sie wissen um die hohe Qualität unserer Leserschaft
im In- und Ausland. Sie zeigen damit auch ihre Wertschätzung
für die umfangreichen Arbeiten rund um das
Erscheinen unserer Jahrespublikation. Apropos: Danke
an Susanne Trauneck, die seit vielen Jahren alles Organisatorische
im Herausgeberverein souverän „schupft“,
und Susanne Schwameis vom Falter Verlag, unserem
geschätzten Partner bei Gestaltung, Produktion und
Vertrieb.
Karl Farkas pflegte nach jeder Vorstellung im
Kabarett Simpl zu sagen: „Wenn es Ihnen gefallen hat,
empfehlen Sie uns weiter. Wenn nicht, behalten Sie es
für sich.“ Daran angelehnt: „Wenn Ihnen das ,Jüdische
Echo‘ gefällt, empfehlen Sie uns bitte weiter. Wenn
nicht, sagen Sie es uns, damit wir uns weiter verbessern
können.“ 2
Flüchtlingskrise sind vier Jahre ins Land gezogen, doch
Flucht bleibt ein aktuelles Thema. Wie geht es jenen jüdischen
Wiener Frauen, die damals die Hilfsorganisation
Shalom Alaikum gegründet haben, mit ihren Schützlingen
heute? Was erzählt die iranische Menschenrechtsaktivistin
und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die
nun seit zehn Jahren im Exil lebt? Und wodurch unterscheiden
sich weibliche von männlichen Flüchtlingen?
Frauen haben so viele Freiheiten wie selten zuvor
in der Geschichte der Menschheit, doch der Kampf, um
diese Freiheiten zu bewahren, ist noch längst nicht ausgefochten.
Der Fluch mag sich allmählich auflösen, doch
wie die letzten Meter zurückgelegt werden sollen, darüber
herrscht Uneinigkeit. „Die realen Sorgen der Frauen
und die ideologischen Anliegen der Feministinnen
haben sich weit voneinander entfernt“, schreibt Trautl
Brandstaller. Sie argumentiert gegen gendergerechte
Sprache, während Ruth Wodak sprachwissenschaftliche
Argumente dafür liefert. Susanne Scholl und Julya Rabinowich
sehen in ihren Beiträgen wichtige frauenpolitische
Errungenschaften sogar in Gefahr. Die unterschiedlichen
Analysen zeigen: Den einen Feminismus, der den
Fluch endgültig beseitigen könnte, gibt es nicht.
Weniger Debatten über die Rolle der Frau gibt es
in religiösen Gemeinschaften. Hier sind die Regeln festgesetzt.
Für manche bietet das ausreichend Freiraum,
für andere nicht. Frauke Steffens’ Porträt der Richterin
Ruchie Freier sieht den ultraorthodoxen Lebensstil in
einem positives Licht, während Frimet Goldberger eindringlich
beschreibt, wie sie der engen chassidischen
Gemeinschaft, in der sie aufwuchs, entkommen ist.
Ein Fluch verliert seine magische Kraft, wenn
man ihn in seine Bestandteile zerlegt, ihn entzaubert,
beschreibt und analysiert. Nicht mehr und nicht weniger
soll diese Ausgabe des „Jüdischen Echos“ leisten. 2
8
DAS JÜDISCHE ECHO
Unterwegs
zur
Gleichberechtigung
Von Trautl Brandstaller
Frauen an der Macht?
FOTO: PRIVAT
Jahrelang kam die Bewegung zur Gleichstellung
von Frauen Schritt für Schritt voran. Doch trotz
jüngster Erfolge – Stichwort Bundeskanzlerin –
bleibt die Bilanz zwiespältig. Sogar alte Männlichkeitsideale
leben wieder auf.
Sieht man sich die derzeitige österreichische, aber auch
die europäische Politik an, könnte man den Eindruck
gewinnen, der Feminismus habe endgültig den Sieg
errungen. Die Übergangsregierung in Österreich wird
erstmals von einer Bundeskanzlerin angeführt, in ihrer
Regierungsriege sitzen fünfzig Prozent Frauen und fünfzig
Prozent Männer; auf europäischer Ebene wird für die
Spitzenposten intensiv um Geschlechterparität gerungen.
Ist in der Frauenpolitik also alles paletti?
Böse Zungen wenden ein, dass es sich hier eher um
eine Krise der männlichen Eliten und eine Krise der von
diesen männlichen Eliten geführten Institutionen auf
nationaler und internationaler Ebene handelt – eine
Krise, in der die Frauen als Nothelferinnen einspringen.
Weniger pessimistisch ist durchaus festzustellen, dass
die Frauenbewegung der späten Sechziger- und frühen
Siebzigerjahre große Erfolge erzielt hat, sie hat das gesellschaftliche
Bewusstsein radikal verändert. Die traditionellen
Rollenklischees sind erodiert. Viele politische
Maßnahmen in Österreich haben diesen Wandel, vor
allem den Wandel des Frauenbildes, befördert: die Änderung
des Familienrechts, mit der Abschaffung des bis
1970 im Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB)
festgeschriebenen Patriarchats, die Erleichterung der
Scheidung, die Straffreiheit der Abtreibung (2018 sogar
im katholischen Irland durch eine Volksabstimmung erzwungen),
die Forderung nach selbstbestimmter Sexualität
und ‒ vor allem ‒ der massiv verstärkte Zugang der
Mädchen zu höherer Bildung, heute haben die Frauen
bei der Akademikerquote mit den Männern gleichgezogen
(wenn auch in sehr verschiedenen Disziplinen).
Weniger massiv war die Änderung des männlichen
Rollenbildes, hier ist erst in den letzten zwanzig Jahren
ein deutlicher Wandel in der jüngeren Männergeneration
eingetreten, der allerdings von der Politik bisher kaum
wahrgenommen wurde. Männer beginnen sich um Kindererziehung
und Haushalt zu kümmern, und wenn
auch der Karenzurlaub für Väter nur in einem geringen
Ausmaß in Anspruch genommen wird, ist dennoch ein
neues Rollenbild im Entstehen.
Backlash nach 1989
Die scheinbare Erfolgsstory des Feminismus weist allerdings
eine harte Bruchlinie auf. Wie in vielen anderen
Bereichen, vor allem im ökonomischen Bereich, bildet
das Jahr 1989 eine klare Zäsur. Die Implosion des
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 9
Kommunismus und die Wende der westlichen Welt,
angeführt von den USA, zum „Neoliberalismus“, der
für manche Kommentatoren immer noch nicht existiert,
aber im „Washington Consensus“ von 1990 festgeschrieben
ist (mit den drei Forderungen nach Privatisierung,
Deregulierung und Liberalisierung), blieb nicht ohne
Rückwirkung auf die Gesamtstruktur der Gesellschaft.
Wenn auch die Auswirkungen primär die Wirtschaft und
den Sozialstaat betrafen, so blieben weder die Demokratie
noch die Kultur noch die Geschlechterrollen davon
unberührt.
Wie so oft sind es die USA, die den neuen Ton in
der Geschlechterdebatte angeben, vor allem auf dem
Weg über ihre Film- und Fernsehindustrie (das Internetzeitalter
steckte noch in den Anfängen). Neue Serien
veränderten das Frauenbild ‒ die jungen Frauen waren
zwar nicht mehr die „Weibchen“ der Fünfzigerjahre à la
Doris Day, sie hatten Bildung und Selbstbewusstsein,
aber ihr einziges Ziel blieb die Eroberung eines reichen
Mannes, mithilfe von High Heels und attraktivem Dekolleté
‒ bekanntestes Beispiel für das „neue“, modernisierte
alte Frauenbild war „Sex and the City“. In der
Nachfolge wurden aus den Männerjägerinnen dann
„Desperate Housewives“, die sich in ihren Villen am
Stadtrand langweilen.
Und während die neue neoliberale Ideologie mit
gefälligen Bildern die Frauen wieder aus der Politik und
dem öffentlichen Leben drängte, vollzog auch die Frauenbewegung
eine fatale Wende. Judith Butler avancierte
mit ihrem 1991 erschienenen Werk „Gender Trouble“
(deutsch „Das Unbehagen der Geschlechter“) zur neuen
Kultfigur der Bewegung. Ihre radikale These, nicht
nur die kulturellen Rollenbilder seien gesellschaftlich
geformt, sondern auch die Biologie, der biologische Unterschied
zwischen Mann und Frau sei ein gesellschaftliches
Konstrukt, verstörte die Feministinnen alter Schule
und verlagerte den Kampf um Gleichberechtigung auf
die psychologische Ebene der ambivalenten Identitäten.
«Die #MeToo-Bewegung brachte
ein Thema aufs Tapet, das bislang unter
den Teppich gekehrt worden war:
die alltägliche, in verschiedensten Formen
stattfindende Gewalt gegen Frauen.»
Eine Demonstration für Gleichberechtigung, abgehalten 2011 in
München anlässlich des hundertsten Internationalen Frauentags
10
Von nun an ging es weder um die Macht in der Demokratie
noch um Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern,
weder um eine Emanzipation beider Geschlechter
von ihren alten Rollenklischees noch um die Erringung
eines neuen Freiheitsgrades in der Gesellschaft, die Frauenbewegung
reduzierte sich auf die Fragen der sexuellen
Identität – die Abkürzung LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual,
Transgender und Intersexual) wurde zur Flagge der
neuen Frauenbewegung der 2000er-Jahre.
Die Folgen der neuen Positionierung waren zwiespältig
– zum einen gab es sicher eine neue Sensibilisierung
für Gewalt gegen Frauen. Die #MeToo-Bewegung
brachte – bei aller rechtsstaatlichen Problematik ‒ ein
Thema aufs Tapet, das bislang unter den Teppich gekehrt
wurde: die alltägliche, in verschiedensten Formen stattfindende
Gewalt gegen Frauen.
Zum anderen führte diese Debatte aber auch zu
absurden Folgen: In Schweden wurde ein Gesetz beschlossen,
wonach der Geschlechtsverkehr nur mit ausdrücklichem
Einverständnis beider Partner erfolgen darf,
in Frankreich ein Gesetz, wonach Männer Frauen nicht
nachpfeifen dürfen. (Die „dollen Minnas“ in den Niederlanden
der Siebzigerjahre stellten sich noch reihen-
DAS JÜDISCHE ECHO
Brigitte Bierlein, Österreichs erste Bundeskanzlerin, wurde am 3. Juni 2019 mit der Führung der Übergangsregierung betraut
FOTOS: PICTUREDESK, BKA/ANDY WENZEL
weise auf der Straße auf und pfiffen den Männern nach,
um diese Art der „Anmache“ lächerlich zu machen.)
Solche gesellschaftlichen Entwicklungen lösen keinen
Geschlechterkampf, sondern einen Geschlechterkrampf
aus ‒ kein Wunder, dass derzeit die Idee kursiert,
der beste Sex sei Sex mit einem Roboter. Wenn im intimsten
Bereich der Roboter den Menschen ersetzt, sind
wir einen großen Schritt weiter in Richtung Dehumanisierung
der Gesellschaft.
Verdrängte Sozialfrage
Auf der Strecke bei der „Gender“-Debatte bleiben die
massiven sozialen Probleme, die der Neoliberalismus
und die von ihm ausgelöste Krise der Weltwirtschaft aufwirft:
das Sinken der Reallöhne, die Frauen noch stärker
trifft als Männer (sie verdienen ja im Schnitt immer noch
fast dreißig Prozent weniger als Männer), das Sparen bei
Kindergärten und Ganztagsschulen, der massive Anstieg
der Lebenshaltungs- und Wohnkosten, die wachsende
Kluft zwischen den wenigen Reichen und den mehr werdenden
Armen – für alle diese drastischen Entwicklungen
bietet die Debatte um Binnen-I und neuen Text der
Bundeshymne keine befriedigende Antwort.
Die realen Sorgen der Frauen und die ideologischen
Anliegen der Feministinnen haben sich weit voneinander
entfernt.
Ebenso vernachlässigt hat die Frauenbewegung
das Thema der Zuwanderung, vor allem der türkischen
Frauen und der Frauen aus dem arabischen Raum. Hier
nur nach einem „Kopftuchverbot“ zu schreien, greift zu
kurz. Es kann nur die Sache der Frauen selbst sein, sich
zu emanzipieren – natürlich unterstützt von engagierten
Frauen der hiesigen Frauenszene. Unterstützte Emanzipation
ist ein mühsamer, langwieriger Prozess und keine
Frage von Verboten und Strafen.
Der Rechtsruck in den europäischen Gesellschaften,
ausgelöst durch die neoliberale Orientierung der Wirtschaft
mit ihren katastrophalen sozialen Folgen, drängt
auch die Frauenpolitik nach rechts: Rückkehr zum traditionellen
Frauenbild, zur traditionellen Frauenrolle, Kür-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 11
Früher Einsatz für den Feminismus ab den späten 1960er-Jahren:
Die Protestgruppe „Dolle Minas“ in den Niederlanden
zung der Mittel für Fraueninitiativen, Wiederaufleben der
alten Männlichkeitsideale von Krieg und Heldentum.
Globalisierte Frauenbewegung
Dies ist allerdings der westliche Blick auf die Geschlechterverhältnisse.
Die Frauenbewegung hat sich längst globalisiert
und auf den anderen Kontinenten, vor allem in Afrika
und Asien, enorme politische Bedeutung gewonnen.
In weiten Teilen der Welt kämpfen Frauen noch immer
um ihr Überleben: In China wurden mit der jahrzehntelang
betriebenen Ein-Kind-Politik massiv weibliche
Föten abgetrieben, in Indien ist die Tötung weiblicher
Föten immer noch gang und gäbe. Indische Feministinnen
haben ihren Kampf erst begonnen.
Weltweit haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten
Protestbewegungen von Frauen formiert. Die Klitoris-Beschneidung
in Afrika ist ein immer noch praktizierter
Gewaltakt gegen Frauen – hier hat sich in Europa eine
breite Frauenprotestbewegung gegen „genitale Verstümmelung“
formiert, die von afrikanischen Frauen initiiert
wurde. In den arabischen Ländern ist der Widerstand gegen
gleiche Rechte für Frauen besonders ausgeprägt. Der
– kurze ‒ Arabische Frühling wurde ganz wesentlich von
jungen Frauen getragen. Erst jüngst haben sich Frauen
in Saudi-Arabien das Recht aufs Chauffieren eines Autos
erkämpft.
Dass die Religion – vom Judentum über das Christentum
bis zum heute aktuellen Islam ‒ das Thema Sexualität,
das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, die
Rolle der Frau in der Gesellschaft massiv prägt, wäre eine
eigene Analyse wert. Tatsache ist, dass sich die Frauenbewegung
in allen Phasen und in allen Kulturen gegen
den ausgeprägten Patriarchalismus der monotheistischen
Kulturen entwickelte und weiter entwickelt.
Bei allen politischen Rückschlägen und kulturellen
Schwierigkeiten: „Es gibt ein gemeinsames Ziel aller dieser
feministischen Aktivitäten: die Schaffung einer Welt,
in der ein gutes Leben für alle, ein gleiches, gerechtes und
solidarisches Leben für alle, Männer und Frauen, möglich
ist“ (zitiert aus der „Furche“, 23. August 2018). 2
Frauenbilder: „Brave“ Doris Day (1922–2019), #MeToo-Verbreiterin Alyssa Milano, Gender-Forscherin Judith Butler
12
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Julya Rabinowich
Der Weg zur Gleichberechtigung ist noch lang
Wir leben in einer Zeit gegenläufiger Strömungen:
Während in der Gleichstellung der Geschlechter
erhebliche Fortschritte gemacht werden, kommen
europaweit gleichzeitig Politiker an die Macht, die
Frauenrechte wieder beschneiden wollen.
FOTOS: WIKIPEDIA, PICTUREDESK (3), UNSPLASH
„Wir haben Zeiten, in denen die Frau am Herd wieder als denkmögliche
Lebensoption angedacht wird, mit Dirndl, Rüsche, Lächeln“
Die gute Nachricht zuerst: Wir haben, zumindest offiziell,
die Gleichstellung der Geschlechter. Wir haben
Menschenrechte, Gleichwertigkeit und den totalen
Humanismus. Wir haben quasi jene strahlende Zukunft
gepachtet, von der schon undemokratischere Systeme
träumten. Alle Menschen sind gleich und alles ist gut.
Die schlechte Nachricht ist, dass dieser begehrenswert
wundervolle Zustand bislang immer noch eher am
Papier zu finden ist als in der Realität. Wir haben nebst
der Gleichstellung und der Veränderung der Gesellschaft,
die so fröhlich verkündet werden, immer noch die
Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen, die sich
nicht schließt, sondern eher weiter aufgeht. Wir haben
die Frage der Kinderbetreuung und der Pflege der hilfsbedürftigen
Angehörigen: beide Themenkreise betreffen
immer noch überproportional oft Frauen. Wir haben es
immer noch nicht geschafft, Sexismus die Stirn zu bieten,
so dass er flächendeckend gesellschaftlich geächtet
ist. Wir haben Zeiten, in denen die Frau am Herd wieder
als denkmögliche Lebensoption angedacht wird, mit
Dirndl, Rüsche, Lächeln. Das Lächeln könnte gefrieren.
Wir sind in einer Zeit angelangt, in der das Recht
auf den eigenen Körper ernsthaft wieder diskutiert wird.
In einer Zeit, in der der Schwangerschaftsabbruch wieder
infrage gestellt wird. Hochrangige Mediziner müssen
ausrücken, um von der Unsinnigkeit dieser unmenschlichen
Bevormundung zu überzeugen. Es gibt bekanntlich
keinen verbotenen Schwangerschaftsabbruch. Es gibt
nur den illegalen Abbruch, der nachweislich Todesopfer
fordert. Wir sind also in einer Zeit angelangt, in der der
Tod von Frauen mutwillig in Kauf genommen werden
soll, während Alleinerzieherinnen und ihre Kinder und
deren Probleme keinen Lebensschützer mehr interessieren,
sobald diese Kinder geboren sind. Der Versuch,
den weiblichen Körper zu kontrollieren, ist natürlich der
gleichzeitige Versuch, die Gesellschaft zu kontrollieren
und neue Machtsysteme aufzuziehen.
Wir sind in einer Zeit angelangt, in der Politiker europaweit
an die Macht kommen, die Frauenrechte wieder
beschneiden wollen. Jene Frauenrechte, die noch nicht
einmal vollwertig umgesetzt worden sind. Alte Frauen holen
ihre alten Transparente vom Dachboden, um erneut
um dieselben Fragestellungen und Lösungsforderungen
zu kämpfen wie vor vielen, vielen Jahren. Auf Demonstrationen
treffen sie auf junge und neue Kämpferinnen. Das
Anliegen ist generationsübergreifend.
Wenn man sich die Geschichte der Frau in der Gesellschaft
näher ansieht, offenbart sich das Triptychon
von Kindern, Küche, Kirche. Oder das Schlachtgemälde
Gleichberechtigung, dramatisch ausgeleuchtete Rückzugsgefechte
mit einbegriffen. Wir können es eigentlich
nicht fassen, dass wir wieder gegen dieselben Ressentiments,
denselben Versuch, uns in dieses Kinder-Küche-
Kirche-Universum zurückzutreiben, aufstehen müssen.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 13
Bis in die Siebzigerjahre musste die Gattin die geneigte
Erlaubnis ihrer besseren Hälfte vorweisen können, sollte
sie arbeiten gehen wollen, und sieht man in die aktuelle
Politlandschaft, hört man immer noch Querschüsse, die
wieder lauter werden. Der Kampflärm kommt zurück.
Keiner wird Frauen jetzt die Stimme aberkennen wollen.
Aber der Versuch, sie zu schwächen, sie zu dämpfen,
ins Lächerliche zu ziehen, dieser Versuch ist schon da.
«Heute muss sich eine Politikerin
immer noch Fragen zu Kindererziehung,
Aussehen und Kleidung gefallen lassen,
während für männliche Kollegen die
Doppelbelastung kein Thema ist.»
Und was das passive Wahlrecht angeht: heute, immerhin
ganze hundert Jahre später, muss sich eine Politikerin
immer noch Fragen und Beschwerden zu Kindererziehung,
Aussehen, Kleidungsstil gefallen lassen, während
es für männliche Kollegen kein Thema ist, wie sie die
Doppelbelastung denn nun handhaben wollen. Warum
das so ist? Unter anderem deshalb, weil eh klar ist, dass
für ihre Kinder eine Frau zur Verfügung stehen wird.
Eine Frau, die weiß, was sie will, ist bossy. Und eine Frau,
die zögert und nachdenkt, ist einfach feig und keine
Führungspersönlichkeit. Es ist gehupft wie gehatscht.
Es ist egal. Dieses zweierlei Maß beeinflusst immer noch
unsere Politik und unser Wahlverhalten. Erkennt man
diese Beeinflussung nicht an, dann wirkt sie unbewusst
weiter und immer weiter, und in ihrem Wirken entstehen
die nächsten Generationen von jungen Frauen, die
an denselben Fehlern leiden könnten wie die vorangegangene.
Und wenn wir schon bei negativen Entwicklungen
sind: Österreich ist das Land mit der höchsten Gewaltrate
an Frauen. Allein in diesem Jahr, 2019, sind schon über
acht Frauen infolge häuslicher Gewalt ums Leben gekommen.
Das ist ein trauriger europäischer Höchstwert.
Während Gewaltschutzprogramme gekürzt oder
gleich gar nicht umgesetzt werden, kämpfen also die
Frauen immer noch um ihre Rechte.
Und sie sollten nicht damit aufhören. Wir haben
hundert Jahre Frauenwahlrecht. Und vermutlich noch
etliche Jahre Kampf vor uns. Frauen werden Ausdauer
und Biss dafür benötigen. Während die abgewählte Regierung
ein katastrophales Frauenbild offenbarte und etliche
Punkte umgesetzt hat, die Frauen mit voller Wucht
und Brutalität trafen, liefert die Übergangsregierung
wenigstens eine Korrektur des entstandenen Bildes. Österreich
hat zum ersten Mal eine Bundeskanzlerin. Das
ist ein gutes und wichtiges Signal. Der Weg zu einem
gleichberechtigten Alltag ist dennoch noch lang. Schnürt
euren Schuh. 2
Demonstration für die Einführung des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren: Versuche, Frauenstimmen zu schwächen, gibt es noch
14
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Susanne Scholl
Frauen und Politik – Politik der Frauen
Aus jungen Frauen, die schon in den Jahren nach
1968 nicht einsahen, von ach so fortschrittlichen
Männern beiseitegeschoben zu werden, sind
ältere geworden, die heute stets ihre Stimme
erheben und die sich nicht mehr fürchten.
FOTOS: KREISKY ARCHIV, JAQUELINE GODANY, NINI TSCHAVOLL
Wie es früher war?
Wir kamen kaum zu Wort. Wir Mädchen. Irgendwie
waren die Burschen immer frecher, selbstbewusster.
Als Frau hattest du nur die Wahl zwischen „Emanze,
Mannweib, Lesbe“ oder „Gefährtin, Genossin, Kameradin“
– was hieß: danebensitzen und zuhören und sich ja
nicht einmischen, wenn die Männer diskutierten.
Ich erinnere mich an eine Begebenheit in Leningrad
im Jahr 1972.
Ich war bei Freunden zu Besuch und natürlich wurde
über Politik diskutiert. Und als ich mitreden wollte,
rief mich die Hausfrau zu sich und sagte – komm mit in
die Küche, das sind doch Männergespräche.
So war es also rund um das berühmte Revolutionsjahr
1968. Die Revolutionäre waren solche immer nur
bis zur eigenen Wohnungstür. Dahinter begann der ganz
normale bürgerliche Wahnsinn.
Ach so, nicht ganz. Wenn es um die sexuelle Befreiung
ging, waren sie sehr revolutionär – die Männer. Sie
schliefen mit jeder, aber wenn „ihre“ Frau das auch tat,
machten sie Eifersuchtsszenen.
Ach ja – wie waren wir doch fortschrittlich. Die
Frauen hatten die Pille zu nehmen. Kinder zu kriegen
oder zu heiraten war reaktionär.
Natürlich gab es auch die „Emanzen“, die wiederum
fanden, die Welt brauche kaum Männer – es sei denn,
zur Fortpflanzung ‒, und die jede verachteten, die trotzdem
mit einem lebte. Die dich böse ansahen, wenn du
nicht die Pille nahmst und nicht nur feministische Literatur
lesen wolltest.
Und dann war da noch die sogenannte Frauenpolitik.
Die tatsächlich etwas in Bewegung setzte.
Protestplattform „Omas gegen rechts“, Autorin Susanne Scholl
(vorne l.): „Wir wissen, was wir den heutigen jungen Frauen
schuldig sind“
Liberalere Abtreibungsgesetze, bessere Kinderbetreuung,
die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit,
das Recht, der Vormund der eigenen „unehelich geborenen“
Kinder zu sein, und noch einiges mehr.
Als ich in den 1980er-Jahren Mutter wurde – ganz
ohne Ehemann –, bekam ich, die ich damals 34 Jahre alt
war und einen gutbezahlten Job hatte, Besuch von der
Fürsorgerin, die kontrollieren sollte, ob die Kinder auch
jedes ein eigenes Bett hätten.
In der Entbindungsstation lag ich in einem Zimmer
mit einem 19-jährigen Mädchen. Zu ihr kam keine Fürsorgerin.
Sie war nämlich verheiratet.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 15
Männlich betonter Studentenprotest (München 1968); ehemalige Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (gest. 2014):
In vierzig Jahren viel erreicht
Das ist lange her. Inzwischen, so sagt man mir, hat sich
da tatsächlich vieles geändert. Auch dank der manchmal
wirklich etwas mühsamen „Emanzen“ – aber leider nicht
dank der großen „Revolutionäre und Theoretiker“. Die
fanden das, was den Alltag der Frauen schwer machte,
immer „Nebensache“.
Und jetzt sind wir im Heute angelangt.
Meine Tochter ist eine höchst emanzipierte Unfallchirurgin.
Der unlängst ausgerechnet eine Frau erklärt
hat, dass sie sich nicht von Frauen operieren lasse. Wie?
Im Jahr 2019 kann man sowas zu hören bekommen?
«Meine Generation von Frauen war
privilegiert. Wir sind in einer Zeit groß
geworden, in der sich das Frauenleben doch
sehr stark zum Vorteil verändert hat.»
Wir entwickeln uns also zurück. In Richtung 1950er-
Jahre. Als man als Frau nicht auf der Straße rauchen
durfte und eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe eine
Katastrophe war.
Passt. Die zum Glück vergangene Regierung wollte
ja auch die Abtreibungsgesetze neu überdenken – und
verschärfen. Die Unterstützung für Frauenprojekte aller
Arten hat sie ja schon gestrichen.
Das klingt jetzt so ein bisschen nach mieselsüchtiger
Alter, die alles schlechtmacht, was ihr gerade einfällt.
Dieser Eindruck täuscht allerdings.
Ich weiß sehr wohl, wie viel wir einer gewissen Johanna
Dohnal oder auch anderen so wunderbaren Frauen wie
Barbara Prammer oder Sabine Oberhauser zu verdanken
haben. Frauen, die tatsächlich vieles bewegt haben.
Meine Generation von Frauen war überhaupt sehr
privilegiert. Wir sind in einer Zeit groß geworden, in
der sich das Frauenleben doch sehr stark zum Vorteil
verändert hat. Mich hat 1983 zwar noch die Fürsorgerin
besucht, aber es war vollkommen selbstverständlich,
dass ich Vormund meiner Kinder wurde – weil ihr Vater
dankenswerterweise nichts dagegen hatte! Bis auf meine
Mutter hat mich niemand gefragt, warum ich nicht heirate.
Spaß beiseite. Ich fühle mich bis heute sehr privilegiert,
weil ich leben konnte, wie ich wollte, und meine
Kinder großziehen konnte, wie es mir richtig erschien,
ohne dass man mir dreingeredet hätte.
Natürlich habe ich jede Art von diskriminierenden
Erlebnissen in meiner Arbeit zu verdauen gehabt. Wie
alle anderen Frauen wohl auch. Angefangen bei der damaligen
Unterrichtsministerin Hertha Firnberg, die allen
Ernstes einmal im Gespräch behauptete, sie sei nie als
Frau zurückgesetzt worden.
Okay, aber jetzt zurück ins Heute.
Ich beobachte den beruflichen – brillanten – Werdegang
meiner Tochter und wundere mich. Weil ihr die
gleichen Ungeheuerlichkeiten als Frau begegnen wie mir
vor dreißig, vierzig Jahren. Wie kann das sein?
Die wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen ist
wohl auch hundert Jahre nach Erreichung des Frauenwahlrechtes
immer noch ein Kampf bergauf.
FOTOS: PICTUREDESK/SZ/RITA STROTHJOHANN, SPÖ ARCHIV
16
DAS JÜDISCHE ECHO
Überhaupt. Wir dürfen erst seit hundert Jahren sagen,
wen wir für würdig halten, unsere Interessen zu vertreten,
und von diesen hundert Jahren haben „wir“, also
die Frauen, ungefähr fünfzig Jahre meistens für das
gestimmt, was uns die „Männer des Hauses“ vorgegeben
haben.
Auch das ist ein Grund, warum es heute uns laute
alte Frauen gibt – die „Omas gegen rechts“. Natürlich
sind wir entstanden, als wir sahen, was für eine unsägliche
Regierung sich da in Österreich festsetzt und versucht,
all das kaputt zu machen, was in siebzig Jahren
erreicht wurde – aber eben auch alles, was die Frauen
betrifft.
Es geht wohl um den Angriff auf den Sozialstaat,
der – Schande über Schande – immer noch die Frauen
am meisten betrifft.
Es geht auch um den Angriff auf den Rechtsstaat
und die Demokratie – und auch hier sind die Frauen die
ersten Betroffenen.
Es geht aber vor allem um jene Veränderung in der
Atmosphäre – um diese gewisse neue Luft, die plötzlich
über uns allen steht, die einem zuzeiten das Atmen
schwer macht.
In dieser Situation haben wir uns selbst klargemacht,
dass wir alt genug sind, um uns nicht mehr zu fürchten.
Ab einem gewissen Alter kann man laut sein. Auch und
gerade als Frau.
Deshalb sind wir jetzt viele „Omas gegen rechts“.
Wir haben nichts zu verlieren und wir sind auch nicht
mehr in irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen
gefangen, die uns daran hindern würden, unsere Meinung
laut und deutlich zu sagen. Und wir wissen, was
wir den heutigen jungen Frauen schuldig sind. Den jungen
Frauen, die im Beruf und mit den Kindern ausreichend
angespannt und gefordert sind. Wir wissen, welche
Hürden sie zu überwinden haben ‒ denn wir sehen,
wie viel trotz aller Fortschritte der 1970er- und 1980er-
Jahre noch zu machen ist und wie viele Kämpfe sie noch
auszustehen haben.
Auch deshalb gibt es uns – die „Omas gegen rechts“.
Wir kämpfen für Demokratie, Sozialstaat und Rechtsstaat
und wir kämpfen für unsere Kinder und Enkelkinder
– denn es darf einfach nicht sein, dass wir uns zurückentwickeln
lassen ins 20. Jahrhundert mit all seinen
entsetzlichen Auswüchsen. Wir haben viel Erfahrung, wir
haben das Trauma unserer Eltern geerbt, die ermordeten
Großeltern, die Flucht, die Verfolgung. Und wir wissen
genau, dass das nie wieder passieren darf. Und alle, die
jetzt dorthin zurückwollen, müssen mit uns rechnen –
den alten Frauen, die sich nicht mehr fürchten! 2
,,Für das Kind‘‘
Mit der „Operation Kindertransport“
gelang es jüdischen Kindern aus Deutschland,
Österreich und der ehemaligen
Tschechoslowakei aus ihren Heimatländern
auszureisen und so den Nazis zu entkommen.
Das Ziel stand fest, es war England.
Für die Kinder – vom drei Monate alten
Baby bis zum 17-jährigen Teenager – war
die Zukunft ungewiss und viele von ihnen
traten die Reise schweren Herzens an.
© ROSIE POTTER
„Für das Kind“ – Museum zur Erinnerung an die Kindertransporte
nach Großbritannien 1938/39
Wiedereröffnung Herbst 2018
VHS Urania, 1010 Wien, Uraniastraße 1
Infos unter: www.millisegal.at
„Für das Kind“ erinnert an die Ankunft
von 10.000 Flüchtlingen zwischen 1938 und
1939 in London. Die fotografischen Arbeiten,
23 Bilder, basieren auf einer Serie von
Stillleben, die Dinge zeigen, die die Kinder
auf die Reise mitnahmen, als sie in dieser
schrecklichen Zeit ihr Zuhause verlassen
mussten. Die Fotos zeigen Objekte wie
Bücher, private Fotografien, Hausübungshefte,
Schulmitteilungen, Puppen, Eislaufschuhe,
Kleidungsstücke, Schuhspanner,
Bettwäsche und die Schürze einer Mutter.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 17
Von Barbara Tóth
„Jössas, a Weib!“
Warum konservative Frauen in Österreich in der
Politik Pionierinnen waren und warum es deshalb
Frauenquoten braucht.
Frauen in der Politik, das ist nicht nur in Österreich,
aber besonders da, eine Geschichte des langen Wartens.
Es ist kein Zufall, dass die erste Bundeskanzlerin Österreichs,
Brigitte Bierlein, in einer Ausnahmesituation ins
Amt kam, nicht durch eine Wahl, sondern „von oben“
bestimmt durch den feministisch gesinnten Bundespräsidenten
Alexander Van der Bellen. Offensichtlich suchte
Van der Bellen für das Übergangskabinett, das das Land
Bestellung Brigitte Bierleins ein Meilenstein, wenn auch einer,
der von oben kam. Niemand kann nach ihr sagen: Eine Kanzlerin?
In Österreich? Undenkbar!
nach der Ibizia-Krise des Mai 2017 bis zur Bildung einer
neuen Regierung nach den Neuwahlen am 29. September
2019 regiert, nach der größtmöglichen Antithese zur
ihrem Vorgänger. Statt eines jugendlichen Kanzlers ohne
akademischen Abschluss wählte er eine erfahrene, reife
Frau mit hoher juristischer Kompetenz.
Es ist auch kein Zufall, dass die SPÖ erst im hundertsten
Jahr ihres Bestehens mit Pamela Rendi-Wagner
eine Parteichefin kürte. Auch sie kam als Quereinsteigerin
von „oben“, auf Wunsch ihres Vorgängers Christian
Kern, an die Macht und nicht über die „normale“ Ochsentour
durch die Parteivorfeldorganisationen.
Woran liegt es, dass Frauen in Österreich in der
Politik erst langsam zum „Normalfall“ werden, warum
machen bürgerliche Politikerinnen früher Karriere als sozialdemokratische?
Und sind Frauenquoten die Antwort
auf diese Herausforderungen?
Als ich vor zwanzig Jahren als politische Journalistin
zu arbeiten anfing, hob alleine meine Anwesenheit in
den Couloirs des Parlaments den Frauenanteil im Raum
enorm. Klubchefs: allesamt Männer, von Heide Schmidt,
damals Chefin des Liberalen Forums, einmal abgesehen.
Die drei Parlamentspräsidenten: Männerquote hundert
Prozent. Abgeordnete, Pressesprecher, ja sogar die Saaldiener:
männlich und meist älteren Jahrgangs.
Mit den Nationalratswahlen 1999 zogen mit der
Grünen Eva Glawischnig, damals dreißig, und der Sozialdemokratin
Ulrike „Ulli“ Sima, 31, erstmals zwei
Frauen ein, bei denen man erstmals das Gefühl hatte, sie
hatten nicht die einschlägige Ochsentour durch Gewerkschaften,
Vorfeldorganisationen oder politische Kabinette
hinter sich oder könnten die eigenen Eltern sein. Sie
lebten das Leben von Frauen, die Karriere machen und
Mutter sind.
Als die BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger im
Jahr 2006 als erste Ministerin in Österreich schwanger
wurde, stellte sich heraus, dass weder die Geschäftsordnung
des Parlaments noch die Verfassung diesen Fall
regelte. Rein rechtlich haben Politikerinnen, die Mütter
werden, weder Anspruch auf Mutterschutz noch auf
Karenzierung. Eine Schwangerschaft fiel bis 2015 in der
Geschäftsordnung des Nationalrats formal unter die Rubrik
„Krankheit und sonstige Verhinderungen“.
FOTOS: KATHARINA GOSSOW, BKA/ANDY WENZEL, PICTUREDESK/IMAGNO/VOTAVA
18
DAS JÜDISCHE ECHO
Österreichs erste Ministerin, Grete Rehor, wurde 1966 in der ÖVP-Alleinregierung vom damaligen Bundeskanzler Josef Klaus
(vorne in der Mitte neben ihr) mit dem Sozialressort betraut
Babys im Plenum waren bis Mitte der Nullerjahre unerwünscht.
Und als die grüne Abgeordnete Christine Heindl
im Jahr 1990 ihr Neugeborenes während der Angelobung
im Plenarsaal stillte, verlangte der damalige Nationalratspräsident
Rudolf Pöder (SPÖ) seine Entfernung
zur „Hintanhaltung gesundheitlicher Auswirkungen“
‒ gemeint waren jene für das Baby. Sima hatte sich ihr
„Stillzimmer“ noch selbst organisiert. Ihre Tochter Marie,
die 2003 zur Welt kam, schlummerte an Plenartagen
im nahe gelegenen Büro der damaligen Bundesratsvizepräsidenten.
«Konservative Frauen stammen eher
aus bürgerlichen Verhältnissen und haben
es leichter, Karrierenetzwerke zu
knüpfen, besserer Bildung zu erlangen.»
Auffällig ist, dass die Pionierinnen in der Politik fast
immer Konservative waren. Die erste Ministerin hieß
Grete Rehor: Sie wurde 1966, in der ÖVP-Alleinregierung
Josef Klaus’, als Sozialministerin angelobt. „Vernachlässigen
Sie jetzt nicht den Haushalt?“, wurde sie
damals gefragt. Die erste Parlamentspräsidentin hieß
zwanzig Jahre später Marga Hubinek, ebenfalls ÖVP.
„Jössas, a Weib!“, rief damals Alt-ÖGB-Präsident Anton
Benya. Die erste Landeshauptfrau Österreichs war die
Steirerin Waltraud Klasnic (ÖVP). Die erste österreichische
Außenministerin: Benita Ferrero-Waldner (ÖVP).
Die erste (und bis heute einzige) österreichische Finanzministerin:
Maria Fekter (ÖVP). Die erste (und bis heute
einzige) Vizekanzlerin: Susanne Riess-Passer (FPÖ). Die
erste (und bis heute einzige) Präsidentin der Nationalbank:
Maria Schaumayer, nominiert von der ÖVP. Die
erste Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs: Brigitte
Bierlein, nunmehr erste Kanzlerin, ebenfalls eine Konservative.
Was ist mit den Progressiven? Konservative Frauen
stammen eher aus bürgerlichen Verhältnissen und haben
es deswegen von Anfang an leichter, ihre Karrierenetzwerke
zu knüpfen und Zugang zu besserer Bildung zu
bekommen. Dazu kommt das bürgerliche Leistungscredo:
Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur genug anstrengt.
Das ist ein Erklärungsansatz. Der andere: Gerade
der Sozialismus hat die Frauenfrage lange als „Nebenwiderspruch“
deklariert. Zuerst galt es, die Vorherrschaft
der Arbeiterklasse herzustellen, danach könne man sich
der Gleichberechtigung der Geschlechter widmen. Linke
Frauen durften sich auf dem Weg dorthin in ihren Frauenorganisationen
betätigen ‒ und blieben oft in ihrer
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 19
Frauennische stecken. Ein schönes Beispiel dafür sind bis
heute die Spitzengremien der Gewerkschaften. Dort sind
die einzigen Frauen meistens jene, die aus ihren Frauenorganisationen
heraus nominiert wurden.
Im österreichischen Nationalrat liegt der Frauenanteil
derzeit bei 37,2 Prozent. Und das im Jahr 2019, in
dem wir hundert Jahre Frauenwahlrecht feiern. In der feministischen
Praxis gibt es eine simple Regel: Erst wenn
der Frauenanteil in einer Organisation dreißig Prozent
erreicht hat, wird ein Kulturwandel spürbar. Gleichberechtigung
heißt fünfzig Prozent. Niemand findet Quotenregelungen
besonders elegant, juristisch sind sie ohnehin
angreifbar, aber sie sind ein unumgängliches Mittel
zum Zweck und auf Zeit, will man das Männer-Frauen-
Verhältnis in den gesetzgebenden Institutionen ändern.
Grüne Bundessprecherinnen Madeleine Petrovic, Freda Meissner-
Blau und Eva Glawischnig (v. l.): Fast schon eine „Frauenpartei“
«Erst wenn der Frauenanteil in einer
Organisation dreißig Prozent erreicht hat,
wird ein Kulturwandel spürbar. Gleichberechtigung
heißt fünfzig Prozent.»
Heide Schmidt: Als Chefin des Liberalen Forums lang allein auf
weiter Flur. Die Nachfolgepartei Neos wird nun ebenfalls von einer
Frau geführt
Pamela Rendi-Wagner: Erst im hundertsten Jahr ihres Bestehens
schaffte es eine Frau an die Spitze der Sozialdemokratischen Partei
Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal, Polen, Irland,
Kroatien – die Liste der Länder, die Quotenregelungen
oder sogenannte „Paritätsgesetze“ verabschiedet haben,
ist lang. Sie tragen Parteien auf, in jedem Wahlkreis
ebenso viele Männer wie Frauen aufzustellen. Manche
belohnen Parteien, die dieses Ziel erreichen, mit extra
Förderungen und strafen jene ab, die es nicht schaffen.
Die Grünen schlugen als Erstes vor, jene Parlamentsklubs,
in denen halbe-halbe herrscht, finanziell zu belohnen.
Die SPÖ-Frauen schlossen auf, wenn auch nur mit
einer angestrebten Quote von vierzig Prozent. Wozu
diese Bescheidenheit? Das wäre Thema für eine eigene
Betrachtung. Die ÖVP kann sich inzwischen auch wieder
vorstellen, über ein Bonus-Malus-System für Frauenförderung
zu reden. Für die Nationalratswahl 2019
zeichnete sich ab, dass die Grünen fast schon als „Frauenpartei“
antreten, mit deutlich mehr Frauen auf den
ersten Listenplätzen als Männer, während die FPÖ zur
„Männerpartei“ wird.
Aber es geht ohnehin nicht um das Erreichen einer
Zielbestimmung, sondern um den Kulturwandel auf
dem Weg dorthin. Es beginnt bei den Listenerstellungen
an der Basis. Es setzt sich fort bei den politischen
Entscheidungs- und Sitzungskulturen, gerne abends und
gerne bei einem Glas Wein oder Bier. Und es zeigt sich
auch bei ganz banalen Dingen, etwa dass das Parlament
als Arbeitgeber und als Arbeitsort lange Zeit weder familien-
noch kinderfreundlich war.
Deshalb machen Paritätsgesetze Sinn, und deshalb
war die Bestellung Bierleins ein Meilenstein, wenn auch
einer, der von oben kam. Niemand kann nach ihr sagen:
Eine Kanzlerin? In Österreich? Undenkbar! 2
FOTOS: PICTUREDESK/ROMAN ZACH-KIESLING, WIKIPEDIA/MANFRED WERNER, ASTRID KNIE
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DAS JÜDISCHE ECHO
Von Gina Feldner-Busztin
Liebe Männer, seid unser Klappstuhl!
FOTO: PRIVAT, ILLUSTRATION: ISTOCK
Die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen
fordern mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz.
Sechs praktische Vorschläge, wie das gehen
kann.
„Wenn Sie dir keinen Platz am Tisch geben, dann bring
einen Klappstuhl mit.“
Das sagte Shirley Chisholm 1968, als sie als erste
schwarze Frau in das US-Repräsentantenhaus gewählt
wurde. Seit den Sechzigerjahren hat sich in unserer Welt
ziemlich viel verändert, Frauen haben mehr Rechte errungen,
werden im Schnitt besser behandelt und haben
auch karrieretechnisch bessere Aussichten. Obwohl sich
vieles für Frauen positiv entwickelt hat, lässt unsere Gesellschaft
noch immer viel zu wünschen übrig. Diese
Ungleichheit der Geschlechter wird auch auf den Arbeitsplatz
übertragen und beeinflusst das tägliche Leben
von Frauen. Seit Jänner 2018 müssen dreißig Prozent der
Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen in Österreich
von Frauen besetzt sein. Das heißt, Frauen haben
jetzt einen Platz am Tisch, werden aber trotzdem immer
noch anders behandelt.
Hier sind sechs Vorschläge, wie man das alltägliche
Leben von Frauen am Arbeitsplatz leichter machen kann:
1. Sprache prägt das Denken
Manche Ausdrücke werden vermehrt für Frauen verwendet.
Es hilft niemandem und ist einfach faul. Eine
Frau mit einer ausgeprägten Meinung, zu der sie steht, ist
nicht gleich „stur“. Eine Frau, die nicht flirtet, ist nicht
gleich „kalt“ oder „prüde“. Eine Frau, die laut ist und
ihre Emotionen zeigt, ist nicht gleich „hysterisch“. Bevor
Sie eine Frau beschreiben, halten Sie kurze inne. Überlegen
Sie sich, ob Sie einen Mann, der sich ähnlich verhält,
genauso darstellen würden.
2. Fehler ist nicht gleich Frau
Jeder macht mal Fehler. Sie hat sich nicht verrechnet, weil
sie eine Frau ist, sie hat sich verrechnet, weil das mal passiert.
Frauen haben das Recht, als nuancierte, dreidimensionale
Menschen wahrgenommen zu werden. Reduzieren
Sie sie nicht auf das „Dumme Frauen“-Vorurteil.
Wenn Sie eine Frau öffentlich kritisieren, auch wenn die
Kritik legitim ist, wird dies oftmals auf den Fakt, dass sie
eine Frau ist, übertragen. Seien Sie sich dessen bewusst.
Die Kritik wird nicht für sich, unabhängig von ihrer
Weiblichkeit, aufgefasst. Die Assoziation, dass es „eine
Frau ist, die den Fehler begeht“, anstatt „ein Individuum,
das einen Fehler begeht“, geschieht zwar meist unterbewusst,
man kann jedoch bewusst darauf achten, Frauen
nicht vor großem Publikum bloßzustellen.
Frauenquote hin oder her, in der Berufswelt werden Frauen noch
immer anders behandelt. Oft sind es scheinbare Kleinigkeiten
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 21
Ernst nehmen, Rückenschutz geben, nicht bloß stellen – kleine Schritte der Solidarität verhelfen zu mehr Gleichberechtigung
3. Geben Sie ihr Rückenschutz
Frauen wurden ihr Leben lang dahingehend sozialisiert,
still und brav zu sein. Ja keine Wellen zu schlagen, ja
nicht laut zu werden. Daher fällt es Frauen in Gruppendiskussionen
öfters schwerer, sich durchzusetzen oder
eine Meinung zu äußern. Deswegen ziehen sich Frauen
häufig zurück, wenn sie unterbrochen werden. Wenn Sie
merken, dass eine Frau bereits mehrmals unterbrochen
wurde, treffen Sie aktiv die Entscheidung, sie dazu aufzufordern
zu sprechen.
4. Sie ist nicht Ihre Mama
Am Arbeitsplatz hat die Frau einen genau definierten
Job. Es ist nicht auch noch ihre Aufgabe, Mutter, Kindermädchen
oder Putzfrau zu sein. Erwarten Sie sich nicht,
bemuttert zu werden. Räumen Sie Ihren Müll selbst
weg. Machen Sie sich Ihren Kaffee selbst. Und nein, Ihre
Kollegin hat keine Taschentücher dabei, wenn Sie krank
sind, kümmern Sie sich selbst darum. Sie haben schon
lang genug eine Nase, um zu wissen, was in der Allergiesaison
passiert.
Achten Sie darauf, wer wirklich die Idee hatte, und auch,
wer die Arbeit hineingesteckt hat. Die Idee einer Frau
lauter zu wiederholen ist nicht dasselbe wie ihr den Verdienst
zuzuschreiben. Eine Frau wird sich nicht wie ein
Mann dafür einsetzen, Lob zu lukrieren, und es ist wichtig,
öffentlich zu zeigen, dass Frauen genauso bedeutsame
Arbeit leisten.
6. Nehmen Sie Frauen ernst!
Wir sind dank unserer jiddischen Mammen daran
gewöhnt, weibliche Stimmen nicht immer ganz ernst
zu nehmen. Wir wissen, dass wir bei dreißig Grad im
Schatten keine Jacke mitnehmen müssen und dass gelegentlich
eine Portion zum Abendessen reicht. Aber nicht
jede Frau um Sie herum ist Ihre jiddische Mamme. Es
gibt einen Grund, warum Ihre Kolleginnen da sind, wo
sie sind. Sie brauchen keinen männlichen Kollegen, um
die Aussagen von Frauen zu bestätigen. Das, was Frauen
sagen, ist ernst zu nehmen. 2
5. Ehre, wem Ehre gebührt
Oftmals wird die Arbeit von Frauen als Gruppenarbeit
abgestempelt oder gar als die eines Mannes im Team.
FOTO: IISOTCK
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DAS JÜDISCHE ECHO
SAISON
2019.20
Chefdirigentin Marin Alsop
rso.ORF.at
50!
RSO WIEN FEIERT
Von Ruth Wodak
Genderdebatte und Body-Politik
Frauen in hohen Positionen, auch als Politikerinnen,
sind auch in Österreich willkommen,
sofern sie die „richtigen“ Einstellungen vertreten.
Und die sind in beträchtlichem Ausmaß oft
weiterhin Frauen gegenüber abwertend.
Geschlechtergerechtes Sprachverhalten – wozu?
In einem rezenten Artikel zu Entwicklungen der Genderpolitik
(v. a. in den USA) behauptet die Pionierin feministischer
Linguistik, Robin Lakoff, die durch ihre Monografie
„Language and Woman’s Place“ (1975) international
berühmt wurde, dass zwar in Bezug auf die (sprachliche)
Gleichbehandlung der Geschlechter einiges erreicht
worden sei, aber bei weitem nicht genug. Beispielsweise
sei heutzutage wesentlich mehr Sensibilität in Bezug auf
diskriminierendes (Sprach-)Verhalten Frauen gegenüber
vorhanden; auch hätten es mehr Frauen in Führungspositionen
geschafft, im Management, in der Wissenschaft,
in der Politik usw. Dennoch stellt sie fest, „while women
can now participate in public affairs in roles that would
have been unthinkable a quarter-century ago, they are
not yet heard on an equal footing“. (Lakoff 2019) Außerdem
sei evident, dass Männer Frauen bestimmte Sachen
sagen können, die umgekehrt unvorstellbar seien. Damit
nimmt Lakoff etwa Donald Trumps herabwürdigendes
und beleidigendes Verhalten Frauen gegenüber aufs
Korn. Daher ihr Resümee: “Everything has changed in
the last 50 years, yet so much has not.” (Ebd.)
Sprachhandeln und dessen Analyse dienen im Zusammenhang
mit Geschlechterpolitik mehreren Zielen:
Einerseits dem Versuch der sprachlichen Sichtbarmachung
von Frauen, von deren Äußerungen, Wünschen
und Positionen. Auch wenn manche JournalistInnen,
Lehrkräfte, WissenschaftlerInnen, BeamtInnen oder
LektorInnen noch immer die verschiedenen kreativen
Methoden geschlechtergerechten Sprachverhaltens offensichtlich
als bedrohlich empfinden und daher höchst
empfindlich auf Doppelformen, die Verwendung des
großen „I“ oder „*“ usw. reagieren, hat sich doch seit
einigen Jahren in der österreichischen Öffentlichkeit in
vielen Bereichen ein Sprachgebrauch durchgesetzt, der
die an einer Interaktion beteiligten Frauen explizit benennt
und damit sichtbar macht.
So löste die Bestellung der oberösterreichischen
Landesregierung 2015, die ausschließlich aus Männern
bestand, wieder einmal eine Debatte um die politische
(Unter-)Repräsentation von Frauen in Politik und anderen
gesellschaftlich wichtigen Positionen und um mögliche
Gegenmaßnahmen wie die Einführung von (verpflichtenden)
Quoten aus (vgl. Lehner/Rheindorf 2020).
Sogar in der „Neuen Kronen Zeitung“ fanden sich unter
der Headline „Macho-Truppe“ kritische Worte:
„Vom viel gepriesenen und immer wieder strapazierten
halbe-halbe sind wir nach wie vor weit entfernt.
Nicht nur in den Chefetagen der heimischen Unternehmen,
sondern auch in der Politik. [...] Fazit: Für Feministinnen
und auch jene, die es eigentlich nie werden wollten,
gibt es noch sehr viel zu tun.“ (Vettermann 2015)
Dennoch begegnen uns immer wieder Skepsis,
Empörung und Abwertung, wenn es um gendersensible
Sprachformen geht. Dies manifestierte sich beispielsweise
deutlich in den 2015 geführten Debatten rund um die
Einführung gegenderter Strafzettel oder eines Sprachleitfadens
im Bundesheer, in dem das Binnen-I 1 empfohlen
wurde 2 . Opponenten weisen dabei häufig auf extreme,
völlig übertriebene Beispiele hin, um die vermeintliche
Absurdität der Forderungen aufzuzeigen. So beurteilte
Tassilo Wallentin in der „Neuen Kronen Zeitung“ (nur
einen Tag nach der oben zitierten Ausgabe) den Sprachleitfaden
wie folgt:
„Der Gender-Sprachleitfaden des Bundesheeres ist
nicht nur überflüssig, sondern vermutlich auch teils gesetzwidrig.
In Österreich ist die Amtssprache Deutsch,
und der ist das ,Binnen-I‘ völlig fremd. Niemand kann
gezwungen sein, eine Phantasiesprache zu verwenden.
Sprachlich durchhalten lässt das Binnen-I sich ohnehin
nicht, wie die Worte ‚BürgerInnenmeisterInkandidatIn‘,
‚BäckerInneninnungsmeisterIn‘ oder ‚PatientInnenanwalt/wältin‘
zeigen. Und auch McDonald’s verkauft keine
,HamburgerInnen‘. [...] Überdies ist das Wort ,Sol-
FOTO: PRIVAT
24
DAS JÜDISCHE ECHO
datIn“ oder die Paar-Anrede ,Soldatin und Soldat‘ eine
sexistische Diskriminierung aller Transsexuellen und sexuell
Uneindeutigen der mittlerweile 58 verschiedenen
Geschlechter […].“ (Tassilo Wallentin 2015)
Wallentin bedient sich u. a. mehrerer Strohmann-
Argumente (Menschen sollten zur Verwendung der
„Phantasiesprache“ gezwungen werden, es werde behauptet,
es gebe 58 Geschlechter). Auch in der „Presse“ war ein
Beitrag mit ähnlichen Strohmann-Argumenten zu lesen:
„Arbeitslosigkeit, Krise, Budgetloch? Wir kümmern uns
ums Gendern! Statt sich ureigensten Aufgaben der Politik
zu stellen, beschäftigt sich der Staat mit Dingen, die
ihn nichts angehen. […]“ (Walterskirchen 2015).
Andrerseits erlaubt eine systematische Diskursanalyse
eine differenzierte Diagnose von Diskriminierung
und Ausgrenzung. Damit werden typische, vielfach
dokumentierte Charakteristika männlichen Sprachverhaltens
wie häufiges und unmotiviertes Unterbrechen,
Diffamieren, Beleidigen, mangelndes Zuhören, Lächerlichmachen
usw. angesprochen, die selten bzw. nicht
gegenüber Männern in derselben Position und Situation
angewendet werden (Kotthoff 2019).
Darüber hinaus weist eine Vielzahl wissenschaftlicher
Studien signifikante Unterschiede in der Art nach,
wie Männer bzw. Frauen in derselben Interaktion (bei
einem Hearing, einem Bewerbungsgespräch, in einer
Talkshow, einem Interview, einer Diskussion) beurteilt
werden (Lazar 2005): Männer werden als durchsetzungsfähig,
ehrgeizig und zielstrebig beurteilt; Frauen hingegen
als kalt, verbittert und karrieresüchtig oder als hysterisch
und irrational. Männer gelten als theoretisch innovativ,
als scharfe und analytische Denker, bei Frauen treffen wir
in Gutachten und Referenzschreiben (bei gleicher Qualifikation)
jedoch signifikant häufiger auf Attribute wie
kreativ, fleißig, kooperativ und teamfähig (Wodak 2005).
Und damit nicht genug: Wesentlich mehr kritische
Aufmerksamkeit wird dem Äußeren von Frauen geschenkt
als jenem von Männern, selbst in unserer so stark
mediatisierten Welt, in der hunderttausende ZuschauerInnen
die Performance und den Habitus von Politikerinnen
und Politikern täglich zu Hause vor dem Bildschirm
beurteilen.
Umgang mit Politikerinnen
Viele Zeitungsartikel und Beiträge in den Social Media
fokussieren hauptsächlich das Aussehen hochrangiger Politikerinnen
wie Golda Meir, Margaret Thatcher, Angela
Merkel, Theresa May, Nancy Pelosi, Hillary Clinton, Brigitte
Bierlein, Pamela Rendi-Wagner oder Jacinda Ardern,
und nicht deren Qualifikationen, politische Agenda und
inhaltliche Positionen. So beschwerte sich Angela Merkel
am 6. Februar 2019: „(E)in Mann kann hundert Tage hintereinander
einen dunkelblauen Anzug tragen, aber habe
ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer
an, gibt es Bürgerpost“ – so ungewohnt offen äußerte
sich Merkel kürzlich gegenüber der Wochenzeitung
„Die Zeit“. Gleichberechtigung in Sachen Mode sieht
anders aus! (vgl. https://www.rtl.de/cms/bundeskanzle
-rin-angela-merkel-fuer-blazer-wahl-kritisiert-4291083.
html). Und die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs
Brigitte Bierlein, Österreichs Bundeskanzlerin, genießt
laut oe24 „die Aufmerksamkeit der Mode-Welt, schweigt
aber zur Debatte um ihren Look. Lieber will sie jetzt mit
politischen Themen punkten“ (Madonna 2019). Dass die
Kanzlerin explizit betonen muss, dass sie sich der Politik
widmen will, ist eigentlich überflüssig, ja banal. Männliche
Kollegen müssen dies mit Sicherheit nicht betonen.
Dies, obwohl 2019 bei drei der fünf im österreichischen
Parlament vertretenen Parteien Frauen an der Spitze stehen
und auch erstmalig eine Bundeskanzlerin die Regierung
anführt. Tatsächlich regieren zurzeit in 23 von 193
Ländern (zwölf Prozent) demokratisch gewählte Ministerpräsidentinnen
bzw. ein weibliches Staatsoberhaupt.
«Sie werden als zu feminin oder als zu
maskulin beurteilt, als zu weich, irrational
und entscheidungsunfähig oder als zu hart,
verbittert und machtgierig.»
Wie die Linguistin Luisa Martin-Rojo (2005) anhand
vieler Interviews mit Top-Managerinnen nachweisen
konnte, befinden sich mächtige Frauen noch immer in
einer no-win situation: Entweder werden sie als zu feminin
oder als zu maskulin beurteilt, als zu weich, irrational
und entscheidungsunfähig oder als zu hart, verbittert und
machtgierig. Anscheinend erlauben die gängigen Stereotype
und die damit verbundene Wahrnehmung keine
Zwischentöne, keine flexible und kreative Rollenausgestaltung.
Sogenannte Ausnahmen scheinen die gängigen
Vorurteile nur zu bestätigen. Insofern können wir der
Meinung von Laura Wiesböck (2019) durchaus folgen:
„Während es für Politiker möglich ist, nach einem
historischen Skandal weiterhin Zuspruch zu erfahren,
zeichnet sich für Politikerinnen ein komplett anderes Bild.
Sie haben allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit
einen Startnachteil, unabhängig von ihrer Qualifikation
oder Leistung. Frauen in der Politik werden auf ihr Äußeres
reduziert und herabgewürdigt. Und zwar systematisch.“
Strukturelle Ungleichheit
Der oben kurz ausgeführte Befund bildet jedoch nur die
Spitze des Eisbergs: Unsere Diagnose muss notwendigerweise
auch strukturelle Diskriminierung einbeziehen. Der
Gender Pay Gap besteht weiterhin: Laut Statistik Austria
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 25
26
lag dieser 2016/17 in Österreich bei Vollzeitbeschäftigten
noch immer bei 16,8 Prozent, bei Teilzeit bei ca. 38 Prozent.
Auch an den österreichischen Universitäten bleibt
Ungleichheit manifest: 1970 gab es drei Prozent Professorinnen
in ganz Österreich, 2002 zehn und jetzt 29
Prozent. 1970 habilitierten sich circa vier Prozent Frauen,
2018 zehn Prozent. Trotz der schon 1982 begonnenen
besonderen Frauen-Fördermaßnahmen und der Gleichbehandlungsgesetzgebung
ab 1995 setzt sich systematische
Ungleichheit fort. Darüber hinaus sind besonders
Alleinerzieherinnen und deren Kinder von Armut betroffen:
Im August 2018 waren von den 180.000 Alleinerziehern
neunzig Prozent Frauen und davon wiederum vierzig
Prozent armuts- und ausgrenzungsgefährdet (https://
diepresse.com/home/innenpolitik/5487566/324000-
Kinder-armutsgefaehrdet-besonders-Alleinerziehendebetroffen).
Weiter stellen Gewaltschutzexperten fest, dass sich
Gewalt gegen Frauen quer durch alle Milieus und sozialen
Schichten zieht – ein globales Phänomen. Gewalt
gegen Frauen vor allem muslimischen jungen Männern
anzulasten, sei einfach falsch – genau solche Trugschlüsse
wurden aber massiv propagandistisch von Schwarz-Blau
II eingesetzt (Stuiber, 2019). Regte man sich berechtigterweise
über die schrecklichen Übergriffe gegen Frauen
in der Kölner Silvesternacht am 31.12.2015 auf, so vergaßen
dabei viele, dass der sogenannte „Pograpsch“-Paragraf
in Österreich nicht nur sehr umstritten war, sondern
erst am 1.1.2016 (sic!) gesetzlich verankert wurde.
Diskutiert wurde in Bezug auf den gesetzlichen Umgang
mit sexueller Belästigung, inwiefern es hier überhaupt
einer rechtlichen Reglementierung bedürfe. Es
bestand kein Konsens über die nicht-selbstverständliche
Verfügbarkeit des weiblichen Körpers und folglich auch
nicht über (ungewollte) Berührungen. Einerseits fanden
Verhandlungen zwischen der damaligen Frauenministerin
Gabriele Heinisch-Hosek und dem damaligen Justizminister
Wolfgang Brandstetter statt. Andrerseits gab es
Meinungen, die ein solches Gesetz als unnötig erklärten.
So Heinz-Christian Strache in einem Interview mit dem
Boulevardblatt „Österreich“:
„Wir müssen uns gegen die Verbots- und Zwangsregulierungsexzesse
wehren. Siehe die Diskussion um
das Grapschen. Jeder von uns erinnert sich, wie er seine
Partnerin kennengelernt hat, wie man sich mit verbaler
Kommunikation angenähert hat, aber dann doch mit einer
zärtlichen Berührung an der Schulter oder sonst wo
versucht hat, eine körperliche Nähe aufzubauen. Und
dann gehofft hat, dass das erwidert wird. Wenn das nicht
mehr möglich ist, frag’ ich mich, wie wir in Zukunft zueinanderfinden.
ÖSTERREICH: Aber es geht doch um Schutz vor
sexueller Belästigung (…)
Strache: Da haben wir heute sehr gute Gesetze.
Wenn jemand sexuell belästigt wird, ist das auch entsprechend
zu bestrafen. Doch bei der Regulierungswut stellt
sich doch die Frage: Wo hört’s auf? Als Nächstes ist dann
vielleicht die Ernährung dran. Dann erstellt man uns per
Gesetz Speisepläne. Das ist modernes Jakobinertum.“
(Österreich, 18.05.2015)
Allerdings hat die „#MeToo“-Bewegung mit ihren
Aufdeckungen von Vergewaltigungen und versuchten
Nötigungen (im Filmgeschäft, im Theater und im Sport)
und entsprechenden Forderungen nach Sanktionen diese
Debatte derzeit in den Hintergrund gerückt.
Dennoch wirken mächtige, intellektuelle (gebildete),
selbstbewusste Frauen für manche bildungsfernen Gesellschaftsschichten
weiterhin, selbst im 21. Jahrhundert, besonders
bedrohlich (Rosin 2013). Daher, meint Heinz Ulrich
Brinkmann (2019), konnte sich Barack Obama gegen
Hillary Clinton 2008 im Vorwahlkampf für die Präsidentschaftskandidatur
in den USA durchsetzen. Offenbar war
sogar der eklatante Rassismus gegen Schwarze, vor allem
in den Südstaaten, weniger wirksam und wahlverhindernd
als der virulente Hass auf eine liberale, intellektuelle, weiße
Frau. Genau dieser Hass hätte auch Donald Trump – abgesehen
von einer Reihe anderer Faktoren – genützt, trotz
oder vielleicht gerade wegen seiner unzähligen vulgären
und schamlosen Ausfälle gegen Frauen ganz allgemein und
gegen seine Gegnerin ganz konkret (S. 386‒87).
Österreichs „Helden der Nation“
Am 16.5.2015 wurden Conchita und Andreas Gabalier
als „Helden der Nation“ bzw. als die zwei Gesichter der
österreichischen Nation dargestellt und gefeiert (siehe
Abbildung 2, Cover der „News“-Ausgabe am Staatsvertragsjubiläum
15.5.2015) (Rheindorf/Lehner 2019).
Gabalier war schon 2014 prominentes Testimonial
der #stolzdrauf-Kampagne des damaligen Außen- und
Integrationsministers Sebastian Kurz (Abbildung 3) und
trat öffentlichkeitswirksam als Gegner der neuen Fassung
der Bundeshymne („Töchter/Söhne“) auf.
Zur Erinnerung: Gabalier stieß beim Grandprix in
Spielberg im Juni 2014 erneut eine Diskussion über die
(bereits seit 1.1.2012 gesetzeskonforme) Phrase „Heimat
großer Töchter und Söhne“ und somit über die Repräsentanz
von Frauen und Männern in der österreichischen
Bundeshymne an (Lehner/Wodak 2020). Damit vertrat
er dieselbe Meinung wie die FPÖ und insbesondere
H.-C. Strache, der während des Wiener Wahlkampfs
2015 wiederholt betonte:
„Wir singen die traditionelle und historische (Version
– Anm. Ruth Wodak) im Fußballstadion, wenn
die Nationalmannschaft einläuft, und lassen uns solche
Blödheiten von den anderen Parteien auch nicht gefallen,
und das ist gut so“ (Strache 2015).
Im Gegensatz dazu gewann Conchita für Österreich
den Eurovision Song Contest 2014, trat als gefeierte
DAS JÜDISCHE ECHO
US-Wahlkampf Donald Trump contra Hillary Clinton (2016): Der Mann nutzte den verbreiteten Hass auf die liberale intellektuelle weiße Frau
FOTO: PICTUREDESK/RON SACHS/ACTION PRESS
„Queen of Austria“ auf und fungierte als Testimonial des
Life Ball in Form einer neu inszenierten Klimt-„Adele“
samt Bezug auf die Hymnendebatte („Heimat großer
Töchtersöhne“).
Andreas Gabalier und Conchita Wurst werden weiterhin
in politischen, medialen und wissenschaftlichen
Diskursen vor allem wegen ihrer gegensätzlichen Verkörperung
von Genderrollen, aber auch wegen ihres unterschiedlichen
„Österreicher-Seins“ diskutiert und instrumentalisiert:
Der eine verkörpert und fordert öffentlich
konservative, hetero-normative Geschlechterrollen, die
er mit einem anachronistischen, ja reaktionären Heimatbegriff
verknüpft. Conchita hingegen konterkariert ihre
recht traditionelle Travestieperformance durch das Tragen
eines Bartes und wird international als Botschafterin
für Toleranz und Respekt gefeiert. Beide stehen also –
quasi metonymisch – für einander diametral entgegengesetzte
Genderideologien und Genderpolitiken und laden
jeweils zur Identifikation ein.
In diesem Fall begegnen wir also einer weiteren Spitze
des Eisbergs in der Genderdebatte und Body-Politik,
nämlich jener der erfolgreichen Populärkultur. Ähnlich
wie die Debatten um geschlechtergerechtes Sprachverhalten
manifestieren diese Debatten symbolisch wesentlich
tiefer liegende Ideologien, die – je nach Regierungsprogramm
und Parteienideologie – politikbestimmend
wirken, und zwar genau in jenen Bereichen, in denen
strukturelle Diskriminierung herrscht.
Wie der Diskursforscher Markus Rheindorf (2016) treffend
analysiert, repräsentiert Andreas Gabalier sowohl
in seinem musikalischen Schaffen als auch in Medienauftritten
eine stark sexualisierte traditionelle Männlichkeit,
die er wechselnd an den Figuren des ursprünglichen
„Bergbauernbuam“, des „Volks-Rock-’n’-Rollers“ und
des postmodernen Superhelden „Mountain Man“ verankert.
Seine Liedertexte feiern die österreichische Landschaft,
die aus Bergen, Bergseen, Flüssen und blühenden
Wiesen besteht; sie ist ländlich, unberührt, wenn auch
nicht frei von Sünde. Im Lied „Heimatsöhne“ (sozusagen
Gabaliers persönlichem Gegenentwurf zur Nationalhymne)
konkretisiert er die Ursprünge der „starken
Männerhand“: das „harte Handwerk liegt bei uns im
Blut“, das Blut wiederum entspringe der „ewigen Heimat“,
aus deren „Erde“ wir kommen; all dies durchaus
Äußerungen, die eine „Blut und Boden“-Ideologie assoziieren
lassen.
Diese nativistische, harte Männlichkeit durchzieht
alle Alben Gabaliers, bis hin zum 2015 veröffentlichten
„Mountain Man“: „Du bist hart wie Gletschereis“, besingt
er dort die „echte“ Männlichkeit (Rheindorf 2016).
Gabaliers Lieder bevölkern Mädchen, Mäderln, Dirndln
und Rehlein. Als klein, niedlich, daheim zurückbleibend
spricht Gabaliers Lied „Du musst nicht traurig sein“ die
Wunschpartnerin an: „Schau mich an, mein kleines Mäderl
[…] ich komm bald wieder, doch ein Mann muss
in die große weite Welt.“ Diese anachronistische, zutiefst
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 27
Conchita in Klimts Adele-Outfit, Andreas Gabalier in Kurz-Kampagne, zwei gegensätzliche Illustrierten-„Helden der Nation“
traditionelle Vision von Mann entspricht weitgehend der
Programmatik im „Handbuch freiheitlicher Politik“, der
schriftlich verfassten Ideologie der FPÖ (siehe unten;
Rheindorf/Wodak 2019; Wodak 2018).
Conchita Wurst, die von Thomas Neuwirth erschaffene
Kunstfigur, bildet den Gegenentwurf zur
Gabalier’schen Vision: Conchita performt ihre spezifische
Gender-Konstruktion durch das Tragen diverser
sichtbarer Merkmale wie Make-up, lange Haare, enganliegende
Kleidung, Bühneninszenierungen und grazilen
Habitus. Sie lehnt sich dabei bewusst an hegemoniale stereotypisierte
Vorstellungen eines weiblichen bzw. weiblich
geschmückten Körpers an (vgl. Lehner/Rheindorf
2020). Neben solchen weiblichen Attributen ist Conchitas
prominentestes Kennzeichen der Bart, der nicht
nur einen Bruch gegenüber dominanten Vorstellungen
von Weiblichkeit darstellt, sondern auch gegenüber ihrer
ansonsten traditionellen Travestieperformance. Damit
unterwandert sie bewusst hetero-normative Stereotype
und streng binäre Codes. All dies bedingt eine komplexe,
uneindeutige, nicht fixierbare Gender-Konstruktion,
die durchaus Irritationen verursachen will. Im Gegensatz
zu Gabalier steht sie als öffentliche Persona für Respekt
und Toleranz, ob bei Auftritten in EU-Organisationen,
bei großen Demonstrationen zugunsten einer „Willkommenskultur“,
beim Life Ball oder bei der Eröffnung der
Wiener Festwochen. Conchita repräsentiert eine andere
Body-Politik, eine offene, sich verändernde, widersprüchliche,
von Inkongruenzen gezeichnete.
Genderpolitik und -ideologien – ein Backlash?
Und wo stehen wir jetzt, 101 Jahre nach der Einführung
des Wahlrechts für Frauen 1918? 45 Jahre nach Einführung
der Fristenlösung am 1.1.1975? Seit der Erlaubnis
zur gleichgeschlechtlichen Ehe am 1.1.2019?
Das Gleichbehandlungsgesetz, konsolidiert am
22.6.2019, regelt die Gleichstellung der Geschlechter
und garantiert Strafen bei Verletzung der Gesetzesbestimmungen
(Gleichbehandlungsgesetz 2019). Viel ist
erreicht worden, zumindest was die Gesetzeslage betrifft
– da stimme ich mit der anfangs zitierten Robin Lakoff
durchaus überein. Umgesetzt ist allerdings noch lange
nicht alles, was national und auch in EU-Richtlinien festgeschrieben
ist. Im Gegenteil: Schwarz-Blau II versuchte
in ihrer 18 Monate dauernden Regierungsperiode von
1/2018 bis 5/2019 wichtige Errungenschaften zurückzunehmen.
Dementsprechend stellte der Österreichische
Frauenring am 10.4.2018 kritisch fest, dass „Frauen die
Verliererinnen angesichts eines sozial unausgewogenen
«Die Fortdauer des Patriarchats verwundert
nicht, wenn man sich beispielsweise
mit der Genderpolitik im Parteiprogramm
der FPÖ näher beschäftigt.»
Familienbonus sind, durch Kürzungen bei Frauenberatungsangeboten
und Gleichstellungspolitik“. Vor allem
wurde heftig moniert, dass bei der Gewaltprävention gespart
werden sollte (https://www.frauenring.at/budget-
201819-gleichstellung-gekuerzt-frauen-verliererinnen).
In der Tat begegnen wir immer noch im Alltag auf Schritt
und Tritt den oben ausgeführten, diametral entgegengesetzten
Genderideologien, darunter neuerdings auch
Versuchen, das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über
ihren Körper zu unterminieren (Hausbichler 2019). Entsprechende
Initiativen, wie etwa #Fairändern, werden
von Teilen der ÖVP und FPÖ unterstützt.
Die Aus- und Fortdauer des Patriarchats verwundern
nicht, wenn man sich beispielsweise mit der Genderpolitik
in dem Parteiprogramm der FPÖ näher beschäftigt:
Das Pamphlet „Für ein freies Österreich“ (2013), verfasst
von FPÖ-Funktionär Michael Howanietz und herausgegeben
vom neuen FPÖ-Vorsitzenden Norbert Hofer, begründet
im Detail die Positionen der FPÖ, gerade auch in
FOTOS: INGE PRADER FÜR LIFEBALL, SCRRENSHOTS, PICTUREDESK/STARPIX/A. TUMA
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DAS JÜDISCHE ECHO
FOTO: PICTUREDESK/STARPIX/A. TUMA
Bezug auf Genderpolitik. Dieses weist viele intertextuelle
Bezüge zum „Handbuch freiheitlicher Politik“ (FPÖ-Bildungsinstitut
2013) auf, eine Richtlinie für Parteifunktionäre,
mit Vorworten des ehemaligen Vorsitzenden H.-C.
Strache und von Norbert Hofer. Das obengenannte Pamphlet
betont die wahre „Heimat“, die nur im ländlichen
Raum zu finden sei, wo es höhere Geburtenraten, manuelle
Arbeit und „zeitlose Werte“ gibt (Howanietz 2013, 77).
In diesem Kontext betont der Autor die biologischen und
spirituellen Bezüge des „Volkes“, „de[n] Boden, aus dem
unser Wasser kommt, in dem unsere Nahrung wächst, aus
dem wir, wenigstens teilweise, unsere Energie beziehen,
ist das heiligste Gut der Gemeinschaft“ ( Howanietz 2013,
141). Anklänge an eine nativistische „Blut und Boden“-
Ideologie gehen damit einher: „Staaten und Völker sind
in unserem Sprachgebrauch weitgehend Synonyme. Das
Modell der Nation (von lat. nascere: geboren werden,
entstehen) gründet sich auf der Abstammung der Bevölkerung“
(Howanietz 2013, 125). Zur „Selbstzerstörung“
trägt, so wird behauptet, auch die – an sich selbstverständliche
– Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei
(Howanietz 2013, 21). Legale Abtreibung wird abgelehnt
(Howanietz 2013, 22). Diese anachronistische Genderpolitik
propagiert
„[e]in evolutionäres Konzept, das sich an biologischen
Gegebenheiten orientiert: der von keiner anderen
Emotion überragbaren Mutter-Kind-Bindung und des
mütterlichen Brutpflegetriebes einerseits, sowie des Vaters
als Versorger und Beschützer der Familie“ (Howanietz
2013, S. 119).
Derart ergänzen sich die hier angesprochenen Ebenen
einer rückwärtsgewandten Geschlechterpolitik: Elemente
der Symbolpolitik, wie die Ablehnung geschlechtergerechten
Sprachverhaltens oder die nativistischanachronistische
Männlichkeit eines Andreas Gabalier,
entsprechen einer völkischen, rechtsextremen Genderideologie
und -politik. Eine solche völkische Dimension
impliziert notwendigerweise die Ausgrenzung der
„anderen“, die dichotome Grenzziehung betrifft nicht
nur die Geschlechter, sondern auch die immer wieder
rhetorisch-medial konstruierte Bedrohung durch (ethnische,
kulturelle, religiöse, sprachliche) Minderheiten und
(nichtwillkommene) Fremde.
Je nach Bedarf können unterschiedliche Momente
solcher Einstellungen instrumentalisiert werden,
die manchmal durchaus paradox anmuten: Einerseits
sollen Frauen – gemäß der oben beschriebenen FPÖ-
Programmatik – zu Hause bleiben und viele Kinder
gebären; andrerseits wird aber muslimischen kopftuchtragenden
Frauen genau eine solche traditionelle und
konservative Haltung vorgeworfen. In einem FPÖ- Plakat
aus dem Wiener Wahlkampf 2010 wird dieser Widerspruch
deutlich.
Es besagt, dass „Wir“ – in Großbuchstaben geschrieben
und neben dem Bild von H.-C. Strache, der
die FPÖ und den „echten“ Wiener repräsentiert – jene
Partei sind, die „freie Frauen“ beschützt. Unmittelbar
daneben steht: „Die SPÖ [die Inhaberin der relativen
Mehrheit in Wien] [schützt] den Kopftuchzwang.“ In
diesem elliptischen Satz fehlt das Verb, ist aber leicht
zu erschließen. Zwischen der FPÖ als Beschützerin der
Frauenrechte und der SPÖ, die angeblich ihre Unterdrückung
befürwortet, wird ein Gegensatz hergestellt – für
die Zwecke der FPÖ durch das Kopftuch symbolisiert
(Wodak 2016, 182‒83). Oberflächlich findet also eine
Umkehrung von Positionen statt: Die FPÖ setzt sich für
das Verbot oder eine Untersagung von Kopftüchern ein
(um genau zu sein, nur gegen das religiös motivierte Tragen
von Kopftüchern und nur im Falle des Islam). Es
geht dabei um die Durchsetzung – durch sozialen Druck,
wenn nicht durch Gesetzgebung – einer konformen Vorstellung
„moderner“ Weiblichkeit. Die zweite Behauptung
ist zudem irreführend, denn die SPÖ ist weder für
die Unterdrückung von Frauen, noch setzt sie sich für
einen Kopftuchzwang ein. Darüber hinaus gleicht „Freie
Frauen“ einer Alliteration zur „Freiheitlichen Partei Österreichs“.
Welche Art von Freiheit, könnten wir uns nun
fragen, stellt sich die FPÖ für Frauen vor?
Muslimischen kopftuchtragenden Frauen gegenüber
werden also progressive Errungenschaften positiv bewertet,
sie werden sogar als wichtige anzustrebende Errungenschaften
angepriesen, ganz im Gegensatz zur Gender-
Vision Gabaliers und dem „Handbuch freiheitlicher
Politik“. Daher geraten Frauen wiederum in eine no-win
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, aktuell die
beliebteste Zielscheibe aggressiver und nicht nur alter Männer
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 29
situation: Um die „demographische Panik“ abzuwenden
(die Angst, „das genuine Volk“ könnte aussterben), müssen
viele – österreichische – Kinder geboren werden.
Frauen sollen zu Hause bleiben, man muss sie vor Fremden
beschützen; gleichzeitig wird sexuelle Belästigung
(Stichwort „Pograpschen“) verharmlost, jedoch nur dann,
wenn nicht Fremde daran beteiligt sind. Und weiter:
Frauen in hohen Positionen, auch als Politikerinnen, sind
durchaus willkommen, wenn sie entsprechende politischideologische
Einstellungen vertreten. Man denke nur an
die Vorsitzende des Rassemblement nationale (RN) in
Frankreich, Marine Le Pen, oder an Sarah Palin, die als
Kandidatin der Republikaner für die Vizepräsidentschaft
gemeinsam mit John McCain 2008 gegen den Kandidaten
der Demokraten, Barack Obama, antrat.
Insofern ist Genderpolitik leider weiterhin ein Spielball
in den Händen der Mächtigen. Wer in Österreich
bestimmend bleibt – Conchita oder Gabalier – wird erst
die Zukunft weisen. In jedem Fall bedarf es weiterer gemeinsamer
Anstrengungen, um vorhandene Ungleichheiten
zu überwinden. 2
1 Bezeichnend ist, dass der damalige Verteidigungsminister Mario
Kunasek (FPÖ) 2018 einen Erlass verabschiedete, der explizit die Verwendung
des Binnen-I untersagte. (https://derstandard.at/2000080389723/
Bundesheer-streicht-das-Binnen-I [27.04.2019]).
2 Die Daten aus dem Jahre 2015 stammen aus dem vom FWF geförderten
Projekt „Diskursive Konstruktion österreichischer Identitäten –
2015“ (P 27153), das unter meiner Leitung, gemeinsam mit Rudolf de
Cillia, Markus Rheindorf und Sabine Lehner, 2018 fertiggestellt wurde
(https://nationale-identitaet-2015.univie.ac.at; für extensive Analysen
und Interpretationen vgl. Wodak/De Cillia/Rheindorf/Lehner 2020).
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(https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnorm
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Handbuch freiheitlicher Politik (2013, 4. Aufl.), Wien: FPÖ-Bildungsinstitut.
Hausbichler, Beate (2019), Die Fristenregelung im Visier der Ab trei -
bungsgegner. Der Standard, 7.5.2019 (https://derstandard.at/2000
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Howanietz, Michael (2013), Für ein freies Österreich: Souveränität als
Zukunftsmodell, hg. von Norbert Hofer, Wien: Freiheitlicher Parlamentsklub.
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Gespräch und Geschlecht. Stuttgart: Narr.
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Lakoff, Robin (2019), Reflections on the Gender-Language Interface
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Lehner, Sabine/Wodak, Ruth (2020), Identitäten, Nationalismen und
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oe24, 5.6.2019
(https://madonna.oe24.at/fashion/Das-ist-die-Designerin-der-Bundeskanzlerin/383246711)
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DAS JÜDISCHE ECHO
Frauen und
politische Öffentlichkeit
Von Ingrid Brodnig
„Du schreist und brüllst“
FOTO: INGO PERTRAMMER
Gerade digitale Medien werden genutzt, um
Frauen einzuschüchtern und wegzudrängen. Die
Gefahr ist, dass in digitalen Debatten ein gesellschaftlicher
Rückschritt passiert.
Einst gab es diese Idee, die pure Existenz des Internets
würde zu einer fairen, zu einer aufgeklärten Debatte
führen. Zum Beispiel schrieb der Sozialwissenschaftler
Howard Rheingold im Jahr 1992: „Da wir einander
nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile
über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen
wollen: Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter,
nationale Abstammung und die äußere Erscheinung
werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale
angeben will.“
Doch wir wissen: Das stimmt nicht. Ganz im Gegenteil.
Gerade in den digitalen Kommunikationsräumen
können wir Antisemitismus, Rassismus und auch
Sexismus beobachten. Die Digitalisierung hat nicht automatisch
dazu geführt, dass Menschen sachlicher und
fairer miteinander umgehen. In vielen Fällen versuchen
Rüpel und Extremisten sogar die Deutungshoheit in Foren
oder sozialen Medien zu erlangen. Frauen sind eine
der Gruppen, die den Hass im Netz besonders deutlich
spüren. Es gibt eine gute Untersuchung des Pew Research
Center in den USA: Eine von fünf Frauen im Alter von
18 bis 29 hat sexuelle Herabwürdigungen online erlebt.
Generell empfinden Frauen Aggression als größeres
Problem als Männer. Die aktuellen Zahlen deuten darauf
hin, dass alle Geschlechter von Hasskommentaren
betroffen sind, aber auf unterschiedliche Weise. Bei Frauen
wird es schnell derb, es geht unter die Gürtellinie, da
werden beispielsweise obszöne Vermutungen über das
Sexualleben einer Frau angestellt oder ihr wird erklärt, sie
müsse sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird.
Das ist nicht nur verletzend für die Betroffenen, es
birgt auch eine gesellschaftliche Gefahr: dass Frauen in
manchen Debatten nicht ihre Meinung sagen, aus Angst,
sonst üble Reaktionen zu ernten, und dass die Stimme
von Frauen somit insgesamt leiser wird. Mit aggressiven
Kommentaren andere mundtot zu machen nennt man
„Silencing“. Eine Untersuchung von Amnesty International
befragte Frauen in acht Ländern, ob sie Opfer von
Belästigung oder Belästigungen in sozialen Medien wurden.
Unter jenen Frauen, die solche Aggressionen erlebt
haben, gab in etwa jede Dritte an, zu gewissen Themen
nicht mehr ihre Meinung zu veröffentlichen.
In der Praxis lässt sich beobachten: Speziell Frauen,
die selbstsicher auftreten oder die sich gar für feministische
Anliegen einsetzen, erleben oftmals Einschüchterungsversuche.
Feministische Bloggerinnen erhalten
zum Beispiel obszöne anonyme E-Mails, in denen fiktive
Vergewaltigungsszenen detailliert beschrieben werden.
Eine österreichische Bloggerin erhielt folgende Nach-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 31
Die im Internet attackierte Politikerin Sigrid Maurer: Dass sie erniedrigende Nachrichten offenlegte und sich vor
Gericht wehrte, brachte ihr Respekt ein
richt: „Du schreist und brüllst und heulst verzweifelt,
als das harte Leder zielsicher sein Ziel zwischen deinen
Schenkeln trifft. (...) Genüsslich tränkt er das Tuch mit
Alkohol und drückt es auf deine blutenden Wunden.
Mit aller Macht dringt der brennende Schmerz jetzt tief
(...) in deine F…e ein.“ Ein Teil der Gehässigkeiten, die
selbstbewusste Frauen im Netz erleben, zielt wohl auch
darauf ab, diese selbstbewussten Frauen aus der öffentlichen
digitalen Debatte zu verdrängen.
Eine Schattenseite ist auch, dass Frauen zum Teil
verstecken, dass sie eine Frau sind – und stattdessen unter
einem geschlechtsneutralen Pseudonym auftreten. Dazu
eine Untersuchung der Online-Community der „New
York Times“: Die Wissenschaftlerin Emma Pierson hat
schon vor rund fünf Jahren die Leserkommentare der
„New York Times“ analysiert. Sie wertete fast 900.000
Wortmeldungen aus, die User verfasst hatten und die
veröffentlicht wurden. Unter jenen Nutzeraccounts, deren
Geschlecht sich eindeutig erkennen ließ, waren nur
27,7 Prozent Frauen. Auch kommentierten diese Leserinnen
weniger als Männer, so stammen gerade einmal
24,8 Prozent der Beiträge von Frauen. Eine deutliche
Verzerrung verglichen mit der Printausgabe. Bei dieser
sind 44 Prozent der Leserschaft der „New York Times“
weiblich. Die Studie hat außerdem gezeigt, dass Frauen
eher ihre Identität verschweigen als Männer. Sie gaben
wesentlich seltener ihren Nachnamen an oder nannten
nur die Initialen. Die Forscherin Pierson notiert dazu,
dies könnte darauf hinweisen, dass sie im Forum Probleme
haben: „entweder damit, dass sie als Frau identifiziert
werden oder dass ihre gesamte Identität bekannt wird“.
Bedenklich ist dies deshalb, weil damit eine wichtige
Perspektive weniger sichtbar wird. Piersons Studie zeigte
ebenfalls, dass Nutzerinnen online andere Positionen
beziehen: In den USA gab es beispielsweise im Herbst
2013 eine Debatte über die Gesundheitsversicherungen,
die einige Arbeitgeber ihren Mitarbeitern anbieten. Konkret
wurde die Frage diskutiert, ob der Arbeitgeber im
Rahmen der Versicherung auch für einen Teil der Verhütungskosten
aufkommen muss. Hier handelt es sich um
ein Thema, bei dem Frauen und Männer oft andere Positionen
einnehmen, da die Kosten für Verhütung nicht
gleich zwischen den Geschlechtern verteilt sind. Vielfach
zahlen Frauen für die Pille. Über dieses Thema diskutierten
auch die Leser der „New York Times“. Jeder vierte
Mann sprach sich dagegen aus, dass der Arbeitgeber Verhütung
mitbezahlen soll. Jedoch keine einzige Frau sah
dies so. Wenn Userinnen weniger das Wort ergreifen,
ist die Sichtweise von Frauen im Vergleich zu jener von
Männern also unterrepräsentiert.
Wir haben in den vergangenen hundert Jahren hart
darum gekämpft, dass Frauen das gleiche Recht auf Mit-
FOTO: PICTUREDESK/HELMUT GRAF, WIKIPEDIA/MIKEGR.
32
DAS JÜDISCHE ECHO
sprache haben. Da wäre es eine Schande, wenn ausgerechnet
im modernsten aller Medien – dem Internet –
ein gesellschaftlicher Rückschritt stattfindet, indem die
Sichtweise von Frauen unsichtbarer wird.
Das Gute daran ist: Viele Frauen wehren sich. Sie
thematisieren das Unrecht, die Entgleisungen, mit denen
sie konfrontiert werden. Einer der berühmtesten Fälle
ist mittlerweile jener von Sigrid Maurer. Die frühere
Abgeordnete der Grünen erhielt auf Facebook obszöne
Nachrichten, die vom Account eines Wiener Biergeschäfts
abgesendet worden waren. Da hieß es: „Hallo Du
bist heute bei mir beim Geschäft vorbei gegangen und
hast auf meinen S…z geguckt als wolltest du Ihn essen
(...).“ Und ferner: „Bitte wenn Du nächstes Mal vorbei
kommst darfst Ihn ohne Worte in deinen Mund nehmen
und ihm bis zum letzten Tropfen aussaugen, zahle
auch 3 Euro mehr, wenn Du nix verschwendest!!! (...)“
«Eine obszöne Nachricht als E-Mail
nur an die betroffene Frau und an
niemanden sonst gesendet, kann nach
bisheriger Gesetzeslage keine Beleidigung
im engen strafrechtlichen Sinne sein.»
Maurer hatte den Eindruck, dass sie sich juristisch nicht
so leicht wehren kann – als Notlösung veröffentlichte
sie diese Nachrichten, um diese Herabwürdigung nicht
stillschweigend hinzunehmen. Daraufhin klagte sie der
Betreiber des Biergeschäfts. Er streitet gar nicht ab, dass
die Botschaften von seinem Profil gesendet wurden, er
behauptet aber, jemand anderer sei an seinem Computer
gesessen (wer es war, behauptet er, wisse er nicht). Seither
läuft ein komplizierter Rechtsstreit um diese Materie,
aber eines ist gewiss: Dass Sigrid Maurer diese erniedrigenden
Nachrichten offenlegte, brachte ihr viel Respekt
ein. Zum Beispiel gibt es Männer, die bei solchen Fällen
dann staunen, was Frauen alles lesen müssen. Und auch
viele Frauen zeigen sich solidarisch. Für die Betroffenen
kann es Unterstützung bringen, wenn sie auf derartige
Entgleisungen hinweisen – Maurer erhielt daraufhin viel
Zuspruch, von Internetnutzern bis hin zu Zeitungskommentatoren.
Und auch gesellschaftlich sind solche Anlassfälle
wichtig: Sie machen nämlich unmissverständlich
klar, dass wir ein ernsthaftes Problem mit dem Sexismus
im Netz haben.
Das Ansprechen derartiger verbaler Entgleisungen
ist durchaus eine Verteidigungsmaßnahme. Hier kann
auch jede und jeder Einzelne etwas tun – nämlich seine
Solidarität mit den Betroffenen aussprechen. Für Betroffene
ist es hilfreich zu erkennen, dass sie nicht alleine
sind – dass es die Mehrheit der Nutzer nicht in Ordnung
findet, was Frauen im Netz mitunter erleben. Aber es
braucht noch mehr, vor allem braucht es eine ernsthafte
politische Debatte. Wir sollten über das bestehende
Recht diskutieren und vor allem über die Frage, ob die
aktuellen Paragrafen in der Praxis genügend Schutz für
Frauen bieten. Nehmen wir noch einmal den Fall Maurer:
Obwohl sie herabwürdigende, obszöne Nachrichten
erhielt, konnte sie diese nicht als Beleidigung nach dem
Strafgesetzbuch anzeigen. Das österreichische Recht
macht hier eine Einschränkung: Um den Tatbestand der
Beleidigung zu erfüllen, muss eine Meldung vor mehreren
Menschen getätigt werden. Eine obszöne Nachricht,
die als E-Mail oder private Nachricht nur an die betroffene
Frau und an niemanden sonst gesendet wird, kann
nach bisheriger Gesetzeslage keine Beleidigung im engen
strafrechtlichen Sinne sein. In Deutschland ist das anders:
Da kann man als Betroffener eine verletzende Meldung
auch dann als Beleidigung anzeigen, wenn sie nur
an eine Person adressiert ist. Das zeigt: Womöglich lassen
sich einzelne Stellen des Strafgesetzbuches adaptieren,
um Frauen etwas mehr Rechtssicherheit zu bieten. Der
Gesetzgeber könnte noch einiges machen, um effizienter
gegen Hass im Netz vorgehen zu können. Diese rote Linie
des Strafrechts ist wichtig: Denn durch derartige Paragrafen
und ihre ernsthafte Verfolgung drückt eine Gesellschaft
auch aus, dass sie solche Erniedrigungen und
Verdrängungsversuche von Frauen nicht toleriert.
Anders als dies Howard Rheingold vor einem guten
Vierteljahrhundert noch hoffte, führt das Internet nicht
automatisch zu einer aufgeklärten, vorurteilsfreien Debatte.
Im Gegenteil: Das Netz wird häufig für Einschüchterungsversuche
von Menschen in Hinblick auf ihr Geschlecht,
ihre Religion, ihre Herkunft genutzt. Wenn wir
ein aufgeklärteres, respektvolleres Netz wollen, müssen
wir noch ernsthafter als bisher daran arbeiten. 2
Der Sozialwissenschaftler Howard Rheingold hatte sich
ursprünglich von der Anonymität im Internet eine Kommunikation
ohne Vorurteile erhofft
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 33
ESRA
Psychosoziales Zentrum
ESRA heißt Hilfe
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Das Psychosoziale Zentrum ESRA wurde 1994 gegründet,
um den Überlebenden der NS-Verfolgung umfassende professionelle
Hilfe zu bieten. Rund 3.000 Menschen finden jährlich
bei ESRA Hilfe. Alle Leistungen sind für PatientInnen und
KlientInnen kostenlos, auch Nicht-Versicherte werden in
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Durch eine Spende per Überweisung oder
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Von Manuela Tomic
„Ein Meer, in das ich eintauche“
Seit Jahrzehnten macht die Wiener Historikerin
Shoshana Duizend-Jensen Spuren jüdischen
Lebens in der Hauptstadt sichtbar. Heuer wurde
sie dafür mit dem Leon-Zelman-Preis für Dialog
und Verständigung ausgezeichnet.
FOTOS: MICHAEL OBEX, PID/SCHAUB-WALZER
Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen bei der Verleihung des
Leon-Zelman-Preises im Wiener Rathaus im Juni 2019
Wenn Shoshana Duizend-Jensen durch den zweiten
Wiener Gemeindebezirk streift, hat sie das Gefühl, die
Häuser würden zu ihr sprechen. Sie kennt jede Fassade,
jeden Hinterhof, weiß, welche tragischen Geschichten
mit den Gebäuden verbunden sind. Denn die Historikerin
kämpft Tag für Tag gegen das Vergessen an.
Vor dem „Anschluss“ 1938 florierte in der Hauptstadt
die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas mit
etwa 540 Vereinen, 300 Stiftungen und 26 Synagogen.
Heute ist nur wenig davon übrig. Es sind Zahlen wie diese,
die Duizend-Jensen umtreiben.
In der Ausstellung „Geplündert, verbrannt, geräumt,
demoliert. Verschwundene Zentren jüdischen
Lebens in Wien“ hat sie im Wiener Stadt- und Landesarchiv
Spuren dieser Kulturgeschichte wieder sichtbar gemacht
und dafür dieses Jahr den Leon-Zelman-Preis für
Dialog und Verständigung erhalten.
Duizend-Jensen bedeutet der Preis viel. Schließlich
ist es auch ihr Leben, das sie neben unzähligen weiteren
Schicksalen seit Jahrzehnten akribisch erforscht. In
der Community ist die 58-Jährige bekannt. Von 1998
bis 2002 war Duizend-Jensen festes Mitglied der Österreichischen
Historikerkommission, leitete dort ein großes
Forschungsprojekt, das jüdische Vereine, Stiftungen
und Fonds sowie deren „Arisierung“ und Restitution
im Blickwinkel hatte. Seit 1992 ist sie Mitarbeiterin im
Wiener Stadt- und Landesarchiv und spezialisierte sich
2003 zu den Themen Jüdisches Wien, Novemberpogrom,
Opfer- und Tätergeschichten und Nachkriegsjustiz.
Und erst kürzlich wurde sie in den Vorstand des Wiener
Stadttempels gewählt.
Der Erfolg ist der fast schüchtern wirkenden Frau
mit den dichten dunklen Haaren und dem rosa Lippenstift
nicht anzumerken. Wenn Duizend-Jensen über ihre
Forschung spricht, wirkt sie behutsam, zurückhaltend,
als würde sie ihrem Quellenmaterial jeden Tag aufs Neue
Respekt zollen.
Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich die
Historikerin mit der linkszionistischen jüdischen Jugendbewegung
Hashomer Hazair. „Ich habe mich richtig darauf
gestürzt“, sagt sie und gestikuliert mit ihren Händen.
„Ich wollte herausfinden, wieso sich jüdische Jugendliche
in der Ersten Republik einerseits dem Zionismus, andererseits
dem Kommunismus, dem Sozialismus oder den
konservativen jüdischen Parteien zugewandt haben“, er-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 35
Duizend-Jensen als Rotkäppchen im Fasching 1963 (l.) und mit ihrem Ehemann Herman und ihren zwei Kindern, 2016
zählt sie. Ihre Recherchen führten sie nach Israel. Sechs
Wochen lang besuchte die damalige Studentin Archive,
sprach mit Zeitzeugen und konstruierte so das jüdische
Vereinsleben akribisch nach. In der Nationalbibliothek
durchforstete sie die Folianten der jüdischen Zeitungen.
Das Quellenmaterial schien endlos. „Das war wie ein
Meer, in das ich eingetaucht bin“, sagt Duizend-Jensen.
Gerade arbeitet sie in der Historischen Wissensplattform
der Stadt Wien mit dem Namen „Wien Geschichte
Wiki“ das jüdische Wien und NS-bezogene Themen auf
und verfasst Artikel dazu. „Dort ist mein gesamtes Wissen
gelagert“, sagt sie und zeigt auf einen weißen Schrank
mit dicken Ordnern. Dieses Wissen gelte es nun systematisch
zu digitalisieren.
Doch Duizend-Jensen hat auch andere Bereiche, in
denen sie sich engagiert. 2008 gründete sie die „Selbsthilfegruppe
der Contergan- und Thalidomid-Geschädigten
Österreich“, war als deren Sprecherin in zahlreichen
TV-Sendungen zu sehen und erreichte 2011 mit ihrer
Gruppe eine Entschädigung für die österreichischen Betroffenen
in einer Gesamthöhe von 2,8 Millionen Euro. 1
Sie ist eine Frau mit langem Atem, Stück für Stück arbeitete
sie sich vor, sowohl als Historikerin als auch in
ihrer Funktion als Sprecherin der Selbsthilfegruppe. Für
beides brauche man Geduld, sagt Duizend-Jensen. Und
Geduld zu haben, immer wieder von Neuem Anlauf zu
nehmen, das hat sie schon in ihrer Kindheit gelernt.
1961 in Wien als Kind eines jüdischen Vaters und
einer nicht-jüdischen Mutter geboren und aufgewachsen,
war Duizend-Jensen seit ihrer Geburt von mehreren
tragischen Ereignissen begleitet. „Ich war ein absolutes
Wunschkind“, erzählt sie. Ihr Vater, ein Internist, starb
jedoch wenige Monate vor ihrer Geburt im Urlaub in
Südtirol an einem Herzinfarkt. Um den Schock auszuhalten,
nahm ihre schwangere Mutter das Beruhigungsmittel
Softenon, in Deutschland als Contergan bekannt.
Sie hoffte nur eines: dass ihr Mädchen gesund zur Welt
kommt. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Als
eine von weltweit mehreren tausend Contergan-Geschädigten
kam Duizend-Jensen mit verkürzten Armen und
anderen Fehlbildungen auf die Welt. Hinzu kam ein angeborener
Herzfehler. Karenz oder Kinderbetreuungsgeld
gab es damals nicht. Ihre Mutter musste funktionieren,
nahm ihre Stelle als Kinderärztin rasch wieder auf.
«Das Wort Jude wurde während meiner
gesamten Kindheit nicht in den Mund
genommen. Mein Vater ist mir sehr
abgegangen und ich habe mich regelrecht
an die Religion geklammert.»
Duizend-Jensen verbrachte sehr viel Zeit bei ihren katholischen
Großeltern. „Das Wort Jude wurde während meiner
gesamten Kindheit nicht in den Mund genommen“,
erinnert sich die Historikerin. Als Baby wurde sie katholisch
getauft und religiös erzogen. „Mein Vater ist mir
sehr abgegangen und ich habe mich deshalb regelrecht an
die Religion geklammert“, sagt sie.
Der Glaube half ihr über schwierige Zeiten hinweg.
Als Achtjährige hatte sie eine lebensgefährliche Herzoperation,
lag tagelang auf der Intensivstation im Alten
AKH in der Lazarettgasse. „Ich wusste damals nicht, ob
ich das überleben werde“, erzählt sie. In der Pubertät
wurde die Gymnasiastin wegen ihrer körperlichen Einschränkung
von den männlichen Mitschülern ignoriert.
Doch die Religion blieb eine Konstante.
FOTOS: PRIVAT
36
DAS JÜDISCHE ECHO
Als sie sich auf die Matura vorbereitete, kam das große
Erweckungserlebnis. „Die Schwester meines Vaters hat
mich für die Vorbereitung unter ihre Fittiche genommen
und mir erklärt, dass mein Vater Jude war, dass wir Juden
sind, und ich durfte mit ihr über die Familiengeheimnisse
reden, die mich seit Jahren beschäftigt haben“, sagt
sie. Für Duizend-Jensen änderte sich in diesem Jahr alles.
Sie entschied sich, Geschichte und Judaistik zu studieren,
lernte Hebräisch.
Nach ihrem Studienaufenthalt in Israel wollte die Historikerin
jüdisches Leben nicht nur erforschen, sondern
auch selbst leben. Doch das Konvertieren zum Judentum
stellte eine Hürde dar. Wie es die Halacha verlangt, wurde
Duizend-Jensen von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg
zunächst abgelehnt, aber dann sehr unterstützt. Er schickte
sie zu einem Lehrer, damit sie das gesamte jüdische Regelwerk,
den Schulchan Aruch, erlernt. „Ich wollte wie immer
alles perfekt machen“, erinnert sie sich. 1997 reiste sie mit
anderen Frauen nach Israel und konnte dort nach einem
intensiven Studium an einer Frauenjeschiwa orthodox zum
Judentum konvertieren. Zu ihrem Vornamen Angelika
kam nun der Vorname Shoshana. So nennt sich Duizend-
Jensen heute. „Zur Verwirrung meiner nicht-religiösen
Mutter bin ich dann doch streng religiös geworden“, sagt
sie mit einem Schmunzeln.
Heute bezeichnet sie sich als modern-orthodoxe, zionistisch
gesinnte Jüdin. Sie hält Schabbat und Kaschrut,
hat aber auch nicht-jüdische Freunde. „Wir haben
einen Fernseher zu Hause und sind offen und gebildet.
Menschlichkeit ist für mich die oberste Priorität“, sagt
Duizend-Jensen. Jeden Schabbat und an den Feiertagen
geht sie in den Wiener Stadttempel und akzeptiert
es, getrennt von den Männern in der Galerie zu sitzen.
„In haredischen Synagogen, wo ich in einem Nebenraum
sitzen würde und schlecht höre, fühle ich mich nicht
wohl“, sagt sie. Auch dass Frauen und Männer womöglich
getrennt in einem Bus sitzen, findet sie nicht gut.
Duizend-Jensen bewegt sich gekonnt zwischen den Welten,
möchte Frauen untereinander vernetzen und zum
Austausch anregen. Ebenfalls bekämpft sie traditionelle
Rollenbilder. „Männer sollten sich auch in streng-orthodoxen
jüdischen Familien an der Kindererziehung und
dem Haushalt beteiligen“, sagt sie.
Mit der Partnersuche hatte sie es selbst lange Zeit
schwer. „Nachdem ich zum Judentum konvertiert bin,
wurden mir einige Männer vorgeschlagen“, erzählt sie,
„ich fuhr mehrere Male nach Israel und Amerika, um
diese kennenzulernen. Doch meist erwies sich das als
Flop.“ Viele Männer konnten mit ihrer körperlichen Beeinträchtigung
nicht umgehen, erinnert sie sich. Ihrem
#glaubandich
Unser Land
braucht Menschen,
die an sich glauben.
Und eine Bank,
die an sie glaubt.
heutigen Ehemann Herman hatte sie schon per E-Mail
mit sehr viel Angst vor Ablehnung über ihre körperliche
Beeinträchtigung erzählt. Für ihn sei das aber kein Thema
gewesen, erzählt Duizend-Jensen. Sie hatte die Suche
nach „dem Richtigen“ schon aufgegeben, als sie Herman
durch Zufall über Freunde kennenlernte. 2002 heirateten
die beiden in Wien und in Amsterdam. Es sei eine absolute
Liebesheirat gewesen, schwärmt Duizend-Jensen.
«Viele wollten Norbert Hofer wählen,
weil sie Opfer von muslimischen Anfeindungen
waren. Ich habe versucht, sie davon zu
überzeugen, dass dies eine falsch verstandene
Liebe zu Juden ist.»
Obwohl ihre Behinderung in ihrem Leben eine prägende
Rolle spielte, erfuhr sie erst 1996, mit 35 Jahren, warum
sie mit den Fehlbildungen geboren wurde. Ihre Mutter
erzählte ihr erstmals, dass sie während der Schwangerschaft
Contergan eingenommen habe. Doch wer sich nicht bis
zum Jahr 1983 bei der deutschen Contergan-Stiftung für
behinderte Menschen gemeldet hatte, dem blieb jegliche
Entschädigung vorenthalten. Wie Duizend-J ensen erging
es auch anderen Geschädigten in Österreich.
Duizend-Jensen wollte das nicht einfach so hinnehmen
und gründete daraufhin die „Selbsthilfegruppe der
Contergan- und Thalidomidgeschädigten Österreichs“.
Nach jahrelangen Anspruchsstreitigkeiten, Medienauftritten
und Treffen mit anderen Betroffenen auf der ganzen
Welt, konnte Duizend-Jensen im Jahr 2011 einen
großen Erfolg erzielen: eine Einmalzahlung für die österreichischen
Betroffenen in Gesamthöhe von 2,8 Millionen
Euro, also etwa 160.000 Euro pro Person.
Wenn Duizend-Jensen Missstände entdeckt,
kämpft sie dagegen an – auch im Politischen. Im Bundespräsidentenwahlkampf
2017 ging sie für Alexander Van
der Bellen auf die Straße, verteilte Flyer, redete mit der
jüdischen Community. „Viele wollten Norbert Hofer
wählen, weil sie Opfer von muslimischen Anfeindungen
waren“, sagt Duizend-Jensen, „doch ich habe versucht,
sie davon zu überzeugen, dass dies eine falsch verstandene
Liebe zu Juden ist.“ Bis zum Schluss hat sie auf der
Straße politische Basisarbeit geleistet. Sie fehlt auch heute
bei kaum einer Demonstration gegen Rechtsruck und
Hass auf alles Fremde. Nicht zuletzt auch wegen ihrer
Erfahrung mit Geflüchteten. 2015 gab sie geflüchteten
Menschen Deutschunterricht. Die damals geschlossenen
Freundschaften halten bis heute. Duizend-Jensen berät,
hört zu, organisiert Kinderbetreuung, kauft Fahrräder
und PCs. Für Duizend-Jensen sind das „nur kleine Hilfestellungen“.
Mit Sorge beobachtet sie die gegenwärtigen
politischen Entwicklungen, sie will sich, wo sie kann,
weiter engagieren. Vielleicht hat ihr Engagement für geflüchtete
Menschen aber einen ganz einfachen Grund:
Duizend-Jensen weiß, was es bedeutet, sich fremd zu
fühlen und zwischen zwei Welten aufzuwachsen. 2
1 Thalidomid ist ein Arzneistoff, der bis in die 1960er-Jahre als Schlafund
Beruhigungsmittel unter den Markennamen Contergan und Softenon
verkauft worden ist und zu zahlreichen schweren Schädigungen an
ungeborenem Leben führte.
„Mosaiksteine des Gewesenen“
Im vergangenen Juni wurde der Historikerin Shoshana
Duizend-Jensen im Wiener Rathaus der Leon-Zelman-
Preis 2019 verliehen. Dieser wird an Personen oder
Initiativen vergeben, die sich im Sinne Leon Zelmans
– auch Gründer des „Jüdischen Echos“ ‒ aktiv für die
Erinnerung an die Schoah und den Dialog zwischen dem
heutigen Österreich und den Opfern der NS-Verfolgung
und ihren Nachkommen einsetzen. Duizend-Jensen
wurde von der Jury ausgewählt, weil sie „sich seit vielen
Jahren umfassend mit der Entrechtung, Beraubung,
Vertreibung und Verfolgung von Wiener Jüdinnen und
Juden“ auseinandersetzt.
In den Worten der Laudatorin Barbara Serloth,
Politikwissenschaftlerin und ehemalige Studienkollegin:
„Shoshana holt mit ihrer Arbeit das Vergangene in
unsere Gegenwart. Ihre verschiedenen Projekte beruhen
auf dem Selbstverständnis, dass sie nicht ruht, bis
sie die Mosaiksteine des Gewesenen freigelegt hat,
bis sie ein paar der manchmal unförmigen, manchmal
verwahrlosten, manchmal bloß unbeachteten,
manchmal auch achtsam aus dem Blickfeld
weggeräumten oder nur vergessenen Zeugnisse des
Gewesenen neu beleben und in erzählbare Geschichten
transferieren konnte; bis sie in der Lage war, ihnen
ein Antlitz zu geben, sie mit einem Namen und einem
Ort zu versehen – und sie damit nicht nur vor dem
Vergessenwerden bewahrt, sondern vor allem vor dem
Entschwinden aus dem Gewesenen. Das bedeutet sehr
viel. Es bedeutet, dem Damals seine Geschichte zu
bewahren. Den Opfern ihre Geschichte und ihr Leben zu
wahren oder auch zurückzugeben.“ (red)
38
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Melita H. Sunjic
Frauen flüchten anders
Frauen sind in der Masse der Flüchtlinge weniger
sichtbar, aber schutzbedürftiger und verwundbarer.
Auch in den Fluchtgründen unterscheiden
sie sich von den Männern.
In Europa ist die Lage von Asylwerberinnen und Flüchtlingsfrauen
ein wohlbeforschtes Thema. Es gibt eine Vielzahl
juristischer, soziologischer, ökonomischer, psychologischer
und medizinischer Untersuchungen. Große und
kleine Studien befassen sich mit ihrer Integration und
ihren Anpassungsstrategien in den Aufnahmeländern.
Doch was die wenigsten kennen, ist die lange Geschichte
davor. Die soll hier erzählt werden.
Was muss geschehen, damit eine Frau sich genötigt
sieht, ihr Zuhause zu verlassen? Was durchleben die Betroffenen
auf der Flucht? Was erwarten und erträumen
sie sich vom Leben in Europa und was finden sie in der
Realität vor? Und schließlich: Wie unterscheiden sich die
Fluchtgeschichten von Männern und Frauen? Das sind
Fragen, mit denen sich die Autorin seit Jahren befasst. Sie
hat hunderte formelle und informelle Gespräche mit potenziellen
Flüchtlingen in den Herkunftsländern Westund
Ostafrikas, des Mittleren Ostens und Zentralasiens,
mit Flüchtenden entlang der großen Routen über das
Mittelmeer und am Balkan sowie mit AsylwerberInnen
und Asylberechtigten in Europa geführt und die interne
Kommunikation von Flüchtlingscommunitys auf sozialen
Netzwerken ausgewertet. Die Erkenntnisse aus dieser
Forschungsarbeit fließen in den vorliegenden Text ein.
sie erfordern, desto eher wir sie zu einem Projekt für Männer,
die allein oder in kleinen Gruppen aufbrechen.
Wenn ganze Dörfer oder Regionen gefährdet sind,
sei es durch bewaffnete Auseinandersetzungen oder
durch Hunger, bringen sich vornehmlich die Schwächeren
in der Gesellschaft in Sicherheit. Sie flüchten
ins nächstgelegene sichere Gebiet im Inland oder über
der ersten Grenze. Viele Männer bleiben zurück, um den
Besitz zu sichern, Land und Vieh zu versorgen oder zu
kämpfen. Wer je ein UNHCR-Flüchtlingslager in einer
Krisenregion besucht, wird dort im Alterssegment von
zwanzig bis fünfzig Jahren weitaus mehr Frauen als Männer
sehen.
Anders liegt das Geschlechterverhältnis bei dem,
was unter der Bezeichnung „Mixed Migration“ verstanden
wird. Das sind die Wanderungsbewegungen, die
meist über mehrere Transitländer führen, in eine stabile
Region, wo man sich Schutz und Einkommen erhofft.
Es gibt viele solcher Zielregionen, wobei EU-Europa,
die USA und die Golfstaaten am populärsten sind. Die
Reisen sind langwierig, gefährlich und teuer. Vor allem
das Überqueren von Wüsten, Meeren und Staatsgrenzen
kann man oft nur mithilfe von Schleppern bewältigen
und muss teuer dafür bezahlen.
FOTOS: PRIVAT, UNHCR/IGOR PAVICEVIC
Fluchtgründe von Männern und Frauen
Für die Unterschiede zwischen weiblich und männlich
dominierter Flucht könnte man folgende Faustregel
aufstellen: Je kürzer die Flucht zeitlich und geografisch ist
und je spontaner sie erfolgen muss, desto eher sind mehrheitlich
Frauen mit Kindern und die Alten unterwegs. Je
länger die Fluchtwege, je mehr Planung, Zeit und Geld
Die ewige Ungewissheit: Im kroatischen Trnovec warten Flüchtlinge
darauf, dass ihr Zug nach Slowenien weiterfahren darf
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 39
Die Beweggründe für diese Art der Migration sind vielfältig,
daher „Mixed“ Migration. Sie reichen von wirtschaftlichen
Nöten und dem Mangel an Zukunftsperspektiven
für junge Leute im Heimatland über Gruppendruck
unter Jugendlichen, Zwang durch die Familie bis
hin zu klassischen Fluchtgründen im Sinne der Genfer
Konvention (Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion,
ethnischen Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu
einer gefährdeten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen
Überzeugung).
In diesen gemischten Gruppen aus Flüchtlingen und
Migranten gehören Frauen zur Minderheit, allein reisende
Frauen ganz besonders. Im Detail unterscheiden sich die
Fluchtmuster aber von Nationalität zu Nationalität.
Andere Länder, andere Fluchten
Unter Flüchtlingen aus Afghanistan oder aus Syrien und
dem Irak gibt es nur sehr selten allein reisende Frauen.
Manchmal kommen Männer mit den Familien, aber in
den meisten Fällen versucht ein männliches Familienmitglied,
zuerst in Europa Fuß zu fassen, um dann im
Wege des Familiennachzugs die nächsten Angehörigen
nachkommen zu lassen, darunter auch die Gattinnen,
Töchter und Schwestern.
Die typische Migrationsgeschichte aus Ostafrika
nach Europa spielt sich so ab: Junge erwachsene Somalier
und Eritreer leben zu Hause in Armut und Verfolgung
oder sind in Flüchtlingslagern in Äthiopien und
dem Sudan aufgewachsen. Sie haben ihr Leben satt, sehen
keine Chance auf eine bessere Zukunft und beschließen,
sich auf „Tahriib“ zu machen, auf die Reise ins sagenumwobene
Europa. Sie haben eine vage Vorstellung davon,
dass die Reise gefährlich werden könnte und dass sie
lang ist. Doch sie glauben, es ist das Risiko wert, weil alle
Probleme gelöst sein werden, wenn sie europäischen Boden
betreten. Meisten sind es Gruppen von Jugendlichen,
die gemeinsam das Entkommen aus dem schlechten und
gefährlichen Leben planen. Schlepperorganisationen haben
überall ihre Keiler. Die sprechen die Reisewilligen an
und versprechen, dass sie sie gratis oder gegen ein wenig
Bares oder den Schmuck der Mutter ins Nachbarland
bringen werden, und dann seien sie schon fast am Ziel.
FOTO: UNHCR/WILL SWANSON
40
DAS JÜDISCHE ECHO
FOTO: UNHCR/MOHAMED ALALEM, WILL SWANSON, SANTIAGO ESCOBAR-JARAMILLO, CAROLINE GLUCK
Im libyschen Lager Zintane betrachtet ein Mann das Bild seines
zurückgelassenen Sohns Yousef. Flüchtlinge aus Kamerun
unterwegs in ein nigerianisches Lager. Die schwangere Nidam
sucht in einer Moschee im sri-lankischen Mogombo Schutz vor
Übergriffen auf Moslems. Erschöpfte Venezolaner, wie 1,5 Millionen
Landsleute auf der Flucht, warten auf Aufnahme in Ecuador.
(von l. oben im Urzeigersinn)
In Nigeria kümmert sich das UNHCR um eine Flüchtlingsfrau aus
dem Kamerun, die mit vielen englischsprachigen Landsleuten vor
Gewaltausbrüchen geflohen ist (linke Seite)
Hinter dem Rücken der Eltern verabreden sich die
Jugendlichen, entwenden manchmal die wenigen Geldund
Goldreserven der Familie und machen sich auf
den Weg. Spätestens in Libyen beginnt eine Leidensgeschichte,
auf die sie nicht vorbereitet waren. Die jungen
Leute werden von den vermeintlichen Transportdienstleistern
oder von bewaffneten Gruppen als Geiseln
genommen und misshandelt. Die Entführer kontaktieren
die Angehörigen und fordern Lösegeld, andernfalls
drohen den Gefangenen Folter, Vergewaltigung und
Tod. Sie werden unter furchtbaren hygienischen Bedingungen
gehalten, ausgehungert und gequält. Oft treiben
bewaffnete Milizen mit Geiseln untereinander Handel,
wodurch das Freikaufen immer teurer wird. Wenn die
Familien die Mittel nicht aufbringen können, werden die
Geiseln getötet oder müssen ihre Freiheit durch jahrelange
schwere Sklavenarbeit selbst erkaufen.
Selbst jenen, die an wirkliche Menschenschmuggler
geraten ‒ also jene, die tatsächlich Leute gegen Bezahlung
nur durch die Sahara transportieren ‒, drohen in
der Wüste tödliche Gefahren. Viele sterben an Dehydrierung,
fallen von den überfüllten Lkw oder erleiden Hitzschläge.
Fast alle Betroffenen betonen, sie hätten mehr
Leute in der Wüste sterben sehen als im Mittelmeer.
Unter diesen Reisenden finden sich auch junge
Frauen. Sie kommen mit Brüdern und Ehemännern mit,
flüchten vor gewalttätigen Familienmitgliedern oder wollen
Angehörigen nachreisen, die bereits in Europa sind.
Frauen werden praktisch immer und systematisch von den
Schleppern vergewaltigt. In allen Interviews, die die Autorin
mit Überlebenden solcher Migrationsrouten geführt
hat, kommt diese Information vor. Männer wie Frauen berichten,
dass einzelne Frauen aus der Gruppe abgeholt und
vergewaltigt werden. Auch wenn viele Frauen sich scheu-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 41
en zuzugeben, dass ihnen selbst so etwas widerfahren ist,
so berichten alle davon, dass sie Augenzeuginnen solcher
Übergriffe an „anderen“ Frauen wurden.
Eines der Projekte, die die Menschen vor dem Aufbruch
über das Ausmaß an Gefahr warnen sollen, ist
„Telling the Real Story“. Es ist ein von der EU unterstütztes
Projekt des UNHCR, das von der Autorin ins
Leben gerufen wurde. Dutzende authentische Video-
Testimonials werden in Originalsprache in den Sozialen
Medien verbreiten, um die Betroffenen vorzuwarnen.
(Mit englischen Untertiteln sind diese Videos auf http://
tellingtherealstory.org/ zu sehen.)
Wer es an die libysche Küste schafft und Geld hat
oder verdienen kann, sucht Bootschlepper auf, die ihn
oder sie nach Europa bringen. Auch hier zeigt die Statistik,
dass Frauen die Minderheit stellen: Von den Bootsankömmlingen
in Italien und Spanien sind knapp 75
Prozent erwachsene Männer. Der Anteil erwachsener
Frauen liegt laut UNHCR zwischen fünf (Spanien) und
15 Prozent (Italien).
Flüchtlinge und Migranten aus Westafrika reisen etwas
leichter bis Libyen, denn im Gebiet der ECOWAS
(Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten)
kann man sich per Bus frei bewegen, man braucht nur
einen Personalausweis.
Französischsprachige Westafrikanerinnen, welche
die Autorin kürzlich im Rahmen einer Studie interviewt
hat 1 , entwarfen ein detaillierteres Bild von männlichen
und weiblichen Fluchtmustern.
Zukunftsträume haben ein Geschlecht
Die Mehrheit der interviewten Männer verließ nach
eigenen Angaben wegen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit
ihr Land. Nach der Ausbildung gab es für sie
keine Arbeitsplätze und keine Karriereaussichten. Sie
versuchten typischerweise, zuerst in anderen west- und
nordafrikanischen Staaten Fuß zu fassen, erst wenn das
nicht klappte, kamen sie nach Europa. Für sie steht der
Wunsch nach beruflicher Weiterbildung und nach einem
adäquaten Arbeitsplatz im Vordergrund. Nur eine Minderzahl
der (anonym) befragten Männer gab Asylgründe
für ihre Reise nach Europa an.
Bei den befragten westafrikanischen Frauen kehrte
sich das Verhältnis um. Sie nannten in der Mehrzahl die
Verfolgung durch Familienmitglieder oder Vorgesetzte
als Grund für ihre Flucht. Einige hatten sich zunächst im
Heimatland an die Polizei gewandt, aber keinen Schutz
erhalten. Viele dieser jungen Frauen kamen mit kleinen
Kindern zu den Interviews. Aus der Schilderung des jeweiligen
Reisezeitpunktes lässt sich rekonstruieren, dass
viele auf dem Weg nach Europa schwanger wurden, auch
wenn die Betroffenen selbst die näheren Umstände im
Interview nicht zur Sprache brachten.
42
Entsprechend unterschiedlich sind auch die Zukunftsträume
männlicher und weiblicher westafrikanischer
Asylwerber. Die Männer sprechen hauptsächlich von
den großen Lebensentwürfen: Sie wollen etwas dazulernen,
Geld sparen und nach einigen Jahren heimkehren,
um einen Familienbetrieb zu gründen. Ihre weiblichen
Schicksalsgenossinnen haben bescheidenere Vorstellungen:
Sie möchten Asyl bekommen und in Sicherheit
leben, Deutsch lernen und die Kinder auf eine gute
Schule schicken. Folgerichtig hoben viele Frauen auch
die Krankenversicherung als einen besonders positiven
Aspekt des Lebens in Europa hervor.
Was in Europa allen Betroffenen – Männern wie
Frauen – gleichermaßen zu schaffen macht, sind die
komplizierten bürokratischen Prozeduren des Aufenthalts-
und Asylrechts sowie das Dublin-System (das
bestimmt, in welchem Mitgliedsland das Asylverfahren
durchgeführt werden muss). Alle erwarteten, dass die
Schwierigkeiten bei der Ankunft in Europa enden würden,
dabei fangen die wirklich undurchschaubaren und
unbeeinflussbaren Vorgänge für sie da erst an.
Menschenhandel mit Nigerianerinnen
In der reinen Wirtschaftsmigration gibt es nur sehr
wenige Beispiele für eine frauendominierte Wanderung.
Da sind etwa Filipinas, die sich in großer Zahl als
Haushaltshilfen im Nahen Osten verdingen, oder Moldawierinnen,
die in den Haushalten wohlhabender italienischer
Familien die Reinigung und Kinderbetreuung
übernehmen.
Im Bereich der „Mixed Migration“ gibt es hingegen
eine Gruppe, die besonders heraussticht: junge Nigerianerinnen
aus Edo State. In der verarmten Provinz Edo
State hat sich seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert ein
Menschenhändlersystem etabliert, das junge Frauen für
die Prostitution in Europa anlockt. Es begann in Italien,
verbreitete sich aber bald. Heutzutage sieht man die nigerianischen
Zwangsprostituierten rund um die Bahnhöfe
vieler europäischer Städte ebenso wie an den Fernfahrerrouten
in der Umgebung stehen und auf Kunden warten.
Die europäischen Freier machen sich so zu Komplizen
der Menschenhändler.
Die Anwerbung verläuft stets nach demselben Schema.
Junge Mädchen (oder deren Mütter) werden von den
Keilerinnen und Keilern der Schlepperorganisationen angesprochen.
Man verspricht Jobs und gute Verdienstmöglichkeiten.
Die Reise müsse nicht gleich bezahlt werden,
die jungen Frauen würden die Kosten in Europa abarbeiten
und sogar noch Geld nach Hause schicken können.
Manchmal sagt man den Betroffenen zwar, dass
ihnen Sexarbeit abverlangt werden wird, aber die Menschenhändler
zeichnen ein Bild wie aus dem 19. Jahrhundert:
Als Edelmätressen würden sie eine Zeitlang von
DAS JÜDISCHE ECHO
Eine syrische Flüchtlingsfamilie im Lager Domiz, das unweit der Grenze im irakischen Kurdengebiet als „Klein-Syrien“
mit 32.000 Bewohnern entstand
FOTO: UNHCR/ANDREW MCCONNELL
einem vornehmen reichen Herren ausgehalten und verwöhnt,
bis ihre Reisekosten zur Gänze rückerstattet sind,
dann könnten sie sich einen anderen Job suchen.
Das Abkommen wird mit einem Juju-Schwur besiegelt,
einer magischen Zeremonie, bei der die Frauen einen
Trunk mit eigener Körpermaterie (Nägel oder Menstruationsblut)
zu sich nehmen und versprechen, alle ihre
Schulden abzuarbeiten. Man redet ihnen ein, dass ihnen
und ihrer Familie Schreckliches zustoßen wird, falls sie
ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.
Die Realität hat dann wenig mit den Romanen von
Émile Zola zu tun. Die Mädchen reisen in kleinen Gruppen
mit einer Aufpasserin („Madame“), die Papiere werden
ihnen abgenommen und sie müssen schon während
der Reise und dann in Europa ungeschützt im brutalsten
und entwürdigendsten Segment der Sexindustrie arbeiten.
Eine Frau erzählte der Autorin, sie und ihre Mitreisenden
hätten Schaumstoff aus den Matratzen gekratzt
und ausgekocht, um sie einzuführen und sich so einen
Minimum an Schutz vor Schwangerschaft und Infektion
zu verschaffen.
Die Madame bestimmt, wann die Schulden getilgt
sind. Für „Ungehorsam“ werden Strafen verrechnet.
Vielfach verabreicht man den jungen Nigerianerinnen
Drogen, die ebenfalls angerechnet werden. Üblicherweise
werden die betroffenen Frauen erst aus ihrer Schuldknechtschaft
entlassen, wenn sie zu alt oder verbraucht
sind, um noch Freier anzulocken. Nach Hause berichten
die Opfer nicht von ihrem als Schande erlebten Dasein,
sondern zeichnen ein geschöntes Bild vom Erfolg in Europa
und machen es damit den Menschenhändlerringen
leicht, weitere Mädchen in ihre Fänge zu locken.
Jene Zwangsprostituierten, denen es gelingt, sich
den Kartellen und dem Bann des Juju zu entziehen, haben
nicht automatisch Anspruch auf Asyl. Im Gegenteil.
Wenn sie sich an die Behörden wenden, kann es passieren,
dass sie sofort abgeschoben werden, weil sie sich illegal
in einem EU-Land aufhalten.
Frauen bilden nicht die Speerspitze der Flüchtlinge,
die nach Europa kommen. Sie sind Mitläuferinnen der
Flüchtlings- und Migrantenbewegungen. Die Medienöffentlichkeit
widmet ihnen weniger Aufmerksamkeit als
ihren zielstrebigen, manchmal auch aggressiven männlichen
Landsleuten. Geflüchtete Frauen sind weniger
sichtbar, doch in der Regel schutzbedürftiger und verwundbarer.
2
1 www.transcultural.at/wp-content/uploads/2019/04/TC-Mapping_
Report-GER-screen.pdf.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 43
Von Tessa Szyszkowitz
Die Suffragetten von 2019
Hundert Jahre nachdem die Engländerinnen das
Wahlrecht erkämpft haben, steigen Frauen mit
Zivilcourage in Großbritannien wieder auf die Barrikaden.
Drei moderne Suffragetten im Porträt.
Alles was Recht ist – Gina Miller
Man kann sich ihre Wut vorstellen. Da träumen alte
weiße Männer von einem herrlichen Brexit, und dann
kommt eine junge, schöne, dunkelhäutige Frau und
zwingt sie mit unbestechlicher Logik und guten Rechtsanwälten,
der Realität ins Auge zu schauen. Es gibt keinen
tollen EU-Austritt und vor allem keinen ungesetzlichen.
Auftritt: Gina Miller. Die Investmentbankerin war
entsetzt, als Britannien 2016 für den Brexit stimmte. Erst
trat Premierminister David Cameron zurück, dann kam
Theresa May. Diese wollte dann Artikel 50 der EU-Verträge
auslösen – die Austrittsklausel ‒, ohne vorher die Zustimmung
des Unterhauses einzuholen. Gina Miller saß
in ihren eleganten Büros in South Kensington und glaubte
ihren Ohren nicht zu trauen. Als Proeuropäerin war ihr
der ganze Brexit ein Graus, aber als britische Bürgerin
fand sie es fast noch schlimmer, dass die Regierungschefin
vorhatte, einen Brexit-Deal ohne Parlamentsbeschluss
durchzuziehen: „Wir haben nur eine ungeschriebene Verfassung“,
sagte sie bei einem unserer Treffen. „Wir müssen
unsere Rechte verteidigen, sonst könnten Politiker sie uns
in Zukunft einfach wegnehmen.“
So wurde die 54-jährige Geschäftsfrau zur politischen
Aktivistin. Miller stammt aus einer indischen Familie,
ihr Vater Doodnauth Singh war Generalstaatsanwalt
im südamerikanischen Britisch-Guayana. Tochter
Gina hat zwar nicht Rechtswissenschaften studiert, aber
den Gerechtigkeitssinn ihres Vaters geerbt. Sie initiierte
den Gerichtsfall „R (Miller) gegen den Staatssekretär
für den EU-Austritt“. Die britische Regierung hätte
kein Recht, argumentierte sie, den Brexit am Parlament
vorbei zu beschließen. „Brexit ist wie eine Religion geworden,
die Vernunft ist komplett ausgeschaltet“, sagte
Miller. Der Fall ging im Herbst 2016 bis zum Hohen
Gericht, dann weiter zum Obersten Gerichtshof. Die
Richter gaben ihr Recht. Miller hatte gewonnen.
Journalistin Carole Cadwalladr (l.), Abgeordnete Luciana Berger (r.), Nachfolgerinnen der Suffragette Millicent Fawcett (Mitte)
44
DAS JÜDISCHE ECHO
Seitdem gründet sie immer neue Initiativen, die den
Brexit stoppen oder zumindest in juristisch einwandfreie
Bahnen lenken sollen. Wie viele Briten fühlt sie sich
derzeit von ihrer Partei nicht mehr vertreten. Aus Protest
gegen Jeremy Corbyns Brexit-Wackelkurs hat sie sich von
der Labour Party abgewendet. Im Mai 2019 erregte sie
mit einer Webseite Aufsehen, die den Wählerinnen bei
den EU-Wahlen eine taktische Stimmabgabe empfahl. Es
war praktisch ein Wahlaufruf für die Liberaldemokraten,
die von Anbeginn einen eindeutigen Kurs verfolgten:
„Stoppt Brexit!“ Die LibDems gewannen am Ende 16
Sitze im Europäischen Parlament.
Doch Millers erfolgreicher Aktivismus hat eine
Schattenseite. Die EU-feindliche Boulevardpresse kürte
sie zur „Staatsfeindin“. Eine unfassbar rassistische und sexistische
Hasswelle ergießt sich permanent in den sozialen
Medien über sie. Sie kann heute nicht mehr allein mit
ihren Kindern auf die Straße gehen. „Die sollen sich nicht
täuschen“, richtet Miller jenen aus, die ihr auf Twitter
Mord und Totschlag wünschen: „Ich werde dadurch nur
stärker. Wir müssen um unseren Rechtsstaat kämpfen.“
bekam sie den Orwell-Preis für politischen Journalismus
2018. Cadwalladr ist der Grund, warum die romantische
Liebe vieler User zu den sozialen Medien sich in eine tiefe
Beziehungskrise verwandelt hat.
Auch sie hat sich dadurch viele mächtige Feinde
geschaffen. Britanniens oberster Brexiteer, Nigel Farage,
verweigert ihr grundsätzlich Interviews. Sie behalf sich
deshalb sogar schon mit journalistischen Guerillataktiken.
Um an ihn heranzukommen, ließ sie sich unter falschem
Namen in seine Radiotalkshow schalten. Kaum
durchgestellt, feuerte sie eine Frage an ihn ab, worauf er
sie aus der Leitung werfen ließ.
Ein Jahr lang bearbeitete sie den „Whistleblower“,
der ihr als Insider Infos zur Cambridge-Analytica-Story
geliefert hatte, seine Anonymität aufzugeben, um seiner
– und ihrer – Geschichte Glaubwürdigkeit zu verleihen.
Christopher Wylie tat dies und Facebook-Boss
Mark Zuckerberg entschuldigte sich: „Das war ein Vertrauensbruch
und wir müssen uns ändern, damit wir
das Vertrauen der User wieder verdienen.“ Doch Cadwalladr
fordert mehr. In einem TED-Talk, also in einer
Fakten vs. Fake News ‒ Carole Cadwalladr
FOTOS: PRIVAT, ANTONIO OLMOS, WIKIPEDIA/GARY WHITE, CHRIS MC ANDREW, ALEX SCHLACHER
Nachdem Trump im November 2016 gewählt worden
war, schrieb Carole Cadwalladr für das angesehene britische
Wochenblatt „Observer“ ein Feature über Fake
News. „Ich fing meine Recherche ganz einfach an. Ich gab
in Google Search zwei Worte ein: ,Sind Juden …?‘ Dann
schlug Google als Weiterführung der Frage vor: ,… böse?‘
Ich war sprachlos“, erzählte die Reporterin in einem Talk
auf dem Hay-Literaturfestival Ende Mai 2019. Schlimmer
noch: „Alle Webseiten, die darunter angegeben wurden,
kamen zu dem Schluss: Ja, Juden seien böse.“
Fakten, meint Carole Cadwalladr, werden uns im
Internet nur kuratiert serviert. Damit sei noch nicht alles
falsch, aber Firmen wie Google dürfe man nicht als
neutrale Plattformen betrachten. Drei Jahre nach dem
Beginn ihrer Nachforschungen ist Cadwalladr tief in
die dunkle Welt des Cyberspace eingedrungen. Die britische
Firma Cambridge Analytica hatte über eine App
in Zusammenarbeit mit Facebook Daten von Millionen
von Facebook-Nutzern gesammelt – ohne deren Wissen
– und diese Daten dann an politisch orientierte Interessenten
verkauft. Darunter waren Donald Trump und die
britische Vote-Leave-Kampagne.
Cadwalladr stammt aus dem englischen Somerset,
die fünfzigjährige Journalistin machte sich nach einem
Studium in Oxford als Autorin einen Namen. Ihr Debütroman
„The Family Tree“ wurde in mehrere Sprachen
übersetzt. Bekannt wurde sie in der englischsprachigen
Welt aber erst in den vergangenen drei Jahren mit ihrer
investigativen Arbeit. Sie hat mit einer einzigen Story
den Wert von Facebook um Milliarden reduziert. Dafür
Die Juristin Gina Miller versuchte, anfangs erfolgreich, den
EU-Austritt mit Klagen bis zum britischen Höchstgericht zu stoppen
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 45
Technologie- Video konferenz, im April 2019 beschuldigte
sie „die Götter des Silicon-Valleys“, wie Facebook-
Gründer Zuckerberg oder Google-Gründer Larry Page,
die Demokratie zu bedrohen. Manche halten sie für ihre
unorthodoxen Methoden für exzentrisch, doch wer ihr
zuhört, findet eine quirlige, scharfsinnige, investigative
Reporterin mit einer gehörigen Portion Zivilcourage.
Wenn man heute auf Google Search geht, dann
erscheint übrigens nicht mehr „Sind Juden … böse?“,
sondern Antworten wie „Sind Juden … eine ethnische
Gruppe?“. Und daneben steht ein Link, auf den man
klicken kann: „Zeige unangebrachte Voraussagen an.“
Carole Cadwalladr – und andere, die ihren Kampf um
Transparenz und Wahrheit im Internet führen ‒ haben
Spuren hinterlassen.
Courage gegen Corbyn – Luciana Berger
US-amerikanische Briefmarke aus dem Jahr 1970 zum fünfzigsten
Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts via Verfassungsänderung
46
Wo sollte man sein, wenn man links, jüdisch und proeuropäisch
ist? In England, historisch gesehen, in der
Labour Party. Luciana Berger lag also nicht so falsch, als
sie sich schon als Studentin dieser Partei anschloss. Unter
Ed Miliband, der nach Tony Blairs zentristischer „New
Labour“-Ära den Weg nach links einleitete, war Berger
„Schattenministerin“ für öffentliche Gesundheit, also die
im Labour-Oppositionsteam für diesen Bereich zuständige
Sprecherin.
Sie saß auch noch als Ministerin für geistige Gesundheit
im Jahre 2015 im ersten Schattenkabinett von Jeremy
Corbyn. Nach dem EU-Referendum legte sie aus Protest
über Corbyns Brexit-Haltung aber ihre Funktion zurück.
„In meinem Wahlkreis haben die Leute mit großer Mehrheit
für den Verbleib in der EU gestimmt“, meinte sie bei
einem Interview mit mir. „Wir sehen die Vorteile der Mitgliedschaft
jeden Tag.“ Noch schwerer wog für die 38-jährige
Politikerin die Haltung des siebzigjährigen Parteichefs
zum Antisemitismus in der Labour Party. Obwohl
er mehrfach erklärte, „den Antisemitismus in den eigenen
Reihen ausrotten“ zu wollen, geschah relativ wenig. Corbyn
ließ eine Untersuchung einleiten, deren Ergebnisse
aber wenig daran änderten, dass sich in seinem Umfeld
und in weiten Kreisen der Partei antisemitische Angriffe
auf jüdische Mitglieder der Partei häuften. „Es ist völlig
inakzeptabel, dass diese Attacken nicht von der Partei unterbunden
werden“, sagte Luciana Berger.
Zum Bruch mit Corbyn kam es im März 2018, als
sie eine öffentliche Anfrage an ihn stellte, wieso er sich
im Jahr 2012 dafür starkgemacht hatte, eine offensichtlich
antisemitische Wandmalerei in Ostlondon nicht zu
entfernen. Sie erhielt keine Antwort. Auf einer Demonstration
gegen Antisemitismus am Parlamentsplatz einige
Wochen später rief sie in Richtung Jeremy Corbyn, der
dem Protestmarsch ferngeblieben war: „Antisemitismus
blüht und gedeiht in der Labour-Party. Es schmerzt
mich, das heute sagen zu müssen.“
Im Herbst 2018 musste sie unter Polizeischutz zum
Labour-Parteitag in Liverpool gebracht werden. Sechs
Leute wurden wegen Todesdrohungen gegen sie verurteilt.
Dass man Berger in Corbyns Umfeld zur Verräterin
abstempelte, war für sie schmerzhaft. Noch schlimmer
war die Tatsache, dass in ihrer lokalen Parteigruppe im
Jänner 2019 zwei Misstrauensanträge gegen sie eingebracht
wurden. Und zwar wegen „fortgesetzter Kritik“
am Parteichef. Der Initiator einer der Anträge hatte sie
zuvor als „zerstörerische Zionistin“ bezeichnet.
Parteivize Tom Watson und Ex-Chef Tony Blair verteidigten
Luciana Berger. Blair nannte ihre Behandlung
in der eigenen Partei „beschämend“. Doch die damals
hochschwangere Frau konnte nicht mehr bleiben. Im
Februar 2019 verließ sie gemeinsam mit sechs anderen
Labour-Abgeordneten die Partei: „Ich bin zu der Auffassung
gelangt, dass die Labour-Partei institutionell antisemitisch
ist“, sagte sie in ihre Abschiedsrede.
Die Kleinpartei „Change UK“, in der sich elf Labourund
Tory-Rebellen zusammengeschlossen hatten, bröckelte
bereits im Juni wieder auseinander. Luciana Berger war
wegen ihrer Babypause wochenlang weniger in der Öffentlichkeit
gestanden als zuvor. Vorerst blieb sie als unabhängige
Abgeordnete im Parlament. Ob sie es bereut, die Labour
Party verlassen zu haben? „Ich hätte so tun können, als ob
nichts wäre“, meint sie in einem Videostatement, „doch
dazu bin ich nicht ins Parlament gewählt worden.“
Auf dem Parlamentsplatz vor dem House of Commons
wurde im Februar 2018 zum hundertsten Jahrestag
der Einführung des Frauenwahlrechts unweit vom
Denkmal für Winston Churchill die erste Statue einer
Frau aufgestellt. Sie stellt die Suffragette Millicent Fawcett
dar, die ein Transparent in Händen hält: „Courage
calls for courage everywhere.“ Ihr Aufruf zur Zivilcourage
wird hundert Jahre später immer noch gehört. 2
DAS JÜDISCHE ECHO
FOTO: ISTOCK
Kompetenz und noch
ein bisserl mehr!
ratiopharm zeigt Mehrwert.
Werte stehen in unseren Kundenbeziehungen an erster Stelle.
Werte, durch die wir in unserer Arbeit Mehrwert zeigen.
Durch Kompetenz, Konstanz und Kontinuität. Durch Seriosität,
Service und Qualität. Durch Portfolio und Tradition – eben durch
noch ein bisserl mehr.
Weil Gesundheit mehr wert ist.
ratiopharm zeigt Mehrwert. Gesundheit ist mehr wert.
AU/GENER/14/0002
Von Brigitte Voykowitsch
Der hohe Preis des Engagements
Die iranische Menschenrechtsanwältin und
Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi spricht
über die Ziele und die persönlichen Folgen
ihrer Tätigkeit.
„Wenn alle Gegner des Regimes das Land verlassen würden,
wer würde dann die diktatorischen Zustände aufzeigen und
zu Widerstand ermutigen?“
Shirin Ebadi war 31 Jahre alt und in leitender Position
am Teheraner Stadtgericht tätig, als am 1. Februar
1979 Ajatollah Khomeini aus dem Exil in den Iran zurückkehrte.
Wie Millionen ihrer Landsleute setzte auch
Shirin Ebadi große Hoffnungen in die Revolution, die
dem verhassten Regime der Pahlavi-Dynastie ein Ende
setzen sollte.
„Vor seiner Rückkehr äußerte Khomeini sehr schöne
Worte. Alle Gruppierungen, auch die Kommunisten,
würden künftig in Freiheit leben. Die Frauen würden
gleiche Rechte genießen. Khomeini sprach von sozialer
Gerechtigkeit.“
Am 8. März 1979 – dem internationalen Frauentag
– drehte Shirin Ebadi wie an jedem Morgen das Radio
auf. Die Meldungen machten ihr eindeutig klar, wohin
die Revolution steuerte. „Gemäß einer Erklärung Khomeinis
sollten künftig alle Frauen, die für die Regierung
oder in öffentlichen Ämtern tätig waren, die islamischen
Kleidungsvorschiften befolgen, also den Hidschab tragen.
Die Frauen versuchten natürlich, Widerstand zu
leisten. Daher dauerte es ein ganzes Jahr, bis dieser Plan
umgesetzt werden konnte. Doch an diesem 8. März erkannte
ich, dass Khomeini uns getäuscht hatte.“
Als Richterin durfte Shirin Ebadi in der neu errichteten
Islamischen Republik Iran nicht mehr arbeiten, es
war eine Berufssparte, zu der Frauen nicht mehr zugelassen
wurden. Nach einer kurzen Auszeit, in der sie sich
vor allem ihren beiden kleinen Töchtern widmete, beschloss
Shirin Ebadi, Anwältin zu werden. Sie wollte sich
für Kinder, Frauen, politisch Verfolgte und Minderheiten
engagieren. Hunderttausende IranerInnen verließen
schon kurz nach der Revolution ihre Heimat. Für Shirin
Ebadi kam eine Emigration nicht infrage.
„Wenn man fest an seine eigene Aufgabe glaubt,
dann hat man keine Angst vor Hindernissen und Mühsal“,
erklärt Shirin Ebadi gegenüber dem „Jüdischen
Echo“. Ihre Aufgabe hat sie stets darin gesehen, sich für
Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, die
Gleichstellung der Geschlechter sowie die Rechte aller
Minderheiten einzusetzen. Dass das im Iran ein Fernziel
ist und in ihrer eigenen Lebenszeit wohl kaum zu erreichen
wäre, war ihr klar. Aber sie wollte zumindest ihren
Beitrag leisten. Auch weil sie überzeugte Muslimin ist.
„Ich bin Muslimin, mein Glaube an Gott gibt mir
Kraft“, sagt sie im Interview und betont zwei für sie fundamentale
Aspekte: Religion sollte Privatsache sein. Und:
Man dürfe nicht schweigend zusehen, wenn Politiker und
Fanatiker den Islam oder andere Religionen für ihre Interessen
missbrauchen. Mit ihrer differenzierten Herangehensweise
und ihrer Weigerung, Religionsgruppen oder
Länder per se zu verdammen, hat sie sich des Öfteren Vorwürfen
des Verrats ausgesetzt, insbesondere wenn es um
das angespannte Verhältnis zwischen dem Iran und Israel
geht. Shirin Ebadi verweist darauf, dass das Judentum im
Iran eine offiziell anerkannte Religion ist, tritt für eine
Zwei-Staaten-Lösung ein und verurteilt die Extremisten
auf beiden Seiten. Allen Anfeindungen, Infragestellungen
und Bedrohungen begegnet sie mit einem einfachen Bekenntnis:
„Ich bin Menschenrechtsanwältin.“
Einiges konnte ihr Team nach 1979 erreichen. So
wurden Gesetze über Vormundschaft und Erbansprüche
zugunsten der Frauen verbessert. Shirin Ebadi verteidigte
und begleitete Dissidenten, soweit es die Umstände
ermöglichten. Vielen Menschen, die bei ihr Rechtshilfe
suchten, konnte sie lediglich Mut zusprechen.
„Ich machte mir insgeheim immer Sorgen um meinen
Mann und meine Töchter, denn mir war klar, dass
das Regime nie zögern würde, sie gegen mich auszuspielen“,
schreibt Shirin Ebadi in ihrem Buch „Bis wir frei
sind: Mein Kampf für Menschenrechte im Iran“. „Das
wusste ich seit dem Tag im Jahr 1999, an dem ich mich
auf einen Prozess vorbereitet hatte, bei dem ich die Familie
zweier ermordeter Dissidenten vertreten hatte
und beim Durcharbeiten der Regierungsakten auf eine
FOTO: PRIVAT, JOHN MURPHY/AURORA PA
48
DAS JÜDISCHE ECHO
Todesliste gestoßen war, auf der auch mein Name stand.
Größere Angst als in diesem Moment habe ich wohl nie
empfunden.“
Im Jahr 2000 wurde Shirin Ebadi selbst angeklagt.
26 Tage verbrachte sie in Einzelhaft, doch sie setzte ihr
Engagement fort. 2003 wurde sie für ihre Bemühungen
um Demokratie und Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis
ausgezeichnet. Das Preisgeld investierte sie in
ihr Zentrum für Menschenrechtsverteidiger und in die
Ausbildung ihrer Töchter. Shirin Ebadi war selbst größtenteils
unentgeltlich tätig.
Ihren Gegnern war der Nobelpreis ein weiterer Beweis
dafür, dass Shirin Ebadi eine Verräterin war und von
den weltweiten Feinden des Iran gefördert wurde. Der
Druck nahm zu. Telefongespräche wurden abgehört.
Drohbriefe mahnten Shirin Ebadi, sie möge ihre Arbeit
beenden oder man werde sie und ihre jüngere Tochter
„erledigen“; die ältere Tochter war zum Studium bereits
im Ausland. 2009 schöpfte Shirin Ebadi zunächst
neue Hoffnung, als zwei moderate Kandidaten gegen
Präsident Mahmoud Ahmadinedschad antraten. Doch
der Amtsinhaber erhielt genug Stimmen für eine zweite
Amtszeit, die Protestbewegung, die von Wahlbetrug
sprach, wurde niedergeschlagen.
«Ihren Gegnern war der Nobelpreis ein
weiterer Beweis dafür, dass Shirin Ebadi
eine Verräterin war und von den Feinden
des Iran gefördert wurde.»
Die ehemalige iranische Richterin und Anwältin Shirin Ebadi, nach
Verfolgungen im britischen Exil lebende Menschenrechtsaktivistin
Das Regime griff hart durch. Shirin Ebadis Organisation
wurde geschlossen, Kolleginnen wurden verhaftet
und verurteilt oder dazu gezwungen, ins Exil zu gehen.
Eine von ihnen, Nargis Mohammadi, verbüßt noch
immer eine lange Haftstrafe. Shirin Ebadi selbst war
zu dem Zeitpunkt, als die Razzien begannen, auf einer
Dienstreise im Ausland. Verwandte, Freunde und Kollegin
rieten ihr dringend von einer Rückkehr ab. In der
Zwischenzeit wurde ihr Mann in eine Falle gelockt, des
Ehebruchs angeklagt und zum Tod durch Steinigung
verurteilt. Nach Wochen in Einzelhaft kam er unter einer
Bedingung frei – er musste seine Frau öffentlich denunzieren
und auch ihre damals bereits mehr als 35 Jahre
währende Ehe im schlechtesten Licht darstellen. Schließlich
bat er sie um die Scheidung.
In ihren Büchern beschreibt Shirin Ebadi ihren
Mann, einen Ingenieur, der bei großen Stadtprojekten
leitende Aufgaben innehatte, stets als einen verständnisvollen
Partner. Er hatte zu ihr gehalten, als ein Mob
ihr Haus angriff. Er hatte sich um ihre Gesundheit und
ihr Wohl gesorgt. Doch am Ende war er ein gebrochener
Mann, der sie beschuldigte, die Familie ruiniert zu
haben. „Seit du mit deiner Menschenrechtsarbeit angefangen
hast, sind mehr als 25 Jahre vergangen. Ist in all
diesen Jahren irgendetwas Positives geschehen?“, zitiert
Shirin Ebadi die Vorwürfe ihres Mannes. Was habe sie
schon erreicht? Wenn mit ihrer Hilfe zehn Gefangene
freigelassen wurden, hätten zwanzig andere sofort deren
Platz eingenommen. Sie habe dem Iran nicht die Freiheit
gebracht, letztlich aber die Familie ruiniert.
War Shirin Ebadis Engagement diesen Preis wert?
Welchen Preis sollten Menschenrechtsaktivisten zu zahlen
bereit sein? Das Dilemma war offenkundig. Shirin
Ebadi war damals fast 65 Jahre alt: „Ich konnte nicht
aufgeben, wofür ich die meiste Zeit meines Lebens gearbeitet
hatte, oder meine Kollegen im Stich lassen, die im
Gefängnis saßen“, schreibt sie und gesteht auch ein: „An
diesem Tag erfassten mich Schuldgefühle, die ich – wie
mir sofort klar wurde – für immer in mir tragen würde.“
Seit 2009 lebt Shirin Ebadi im Exil in Großbritannien
und setzt von dort ihre Menschenrechtsarbeit fort. 2
Literatur
Ebadi, Shirin (2016), Mein Iran. Ein Leben zwischen Hoffnung und Revolution.
Ins Deutsche übersetzt von Ursula Pesch. München: Piper Verlag.
Ebadi, Shirin (2017), Bis wir frei sind: Mein Kampf für Menschenrechte
im Iran. Ins Deutsche übersetzt von Ursula Pesch. München: Piper Verlag.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 49
Von Helene Maimann
Ein heldisches Leben
Ruth von Mayenburg war eine Aristokratin, wurde
Kommunistin und diente in der Roten Armee als
furchtlose Agentin in Nazi-Deutschland und an
der Ostfront. Porträt einer Frau mit vielen Namen.
Man musste 1969 einen außergewöhnlichen Namen
haben, um mit einem Bericht über ein abenteuerliches
Leben unter dem Sowjetstern Aufsehen zu erregen.
Schon der Titel „Blaues Blut und rote Fahnen“ rief
Naserümpfen hervor. Und dann kam noch ein zweites
Buch nach, über das Moskauer Hotel Lux, die legendäre
Absteige der westlichen Exilkommunisten, in der
Ruth von Mayenburg mit Unterbrechungen sieben Jahre
gelebt hatte. Beide Bücher, Resümee einer gescheiterten
Avantgarde, wurden Bestseller und immer wieder aufgelegt.
In Ruths Leben bündelten sich wie in einem Brennglas
die heute kaum mehr nachvollziehbare Hingabe an
Die junge Ruth von Mayenburg (l.) in der Uniform der
Schutzbündler, 1. Mai 1934, Moskau
einen übergeordneten Lebenssinn, verbunden mit einem
hohen persönlichen Risiko und der tiefen Enttäuschung
einer ganzen Generation.
Ihr Vater war Maximilian Heinsius von Mayenburg,
der für die Familienfotos auf einem Kissen sitzen musste,
damit er nicht von der stattlichen Mutter, Lucie Freiin
von Thümen-Blankensee, überragt wurde. Die Familie
war nicht reich, besaß allerdings einen über ganz Europa
verzweigten Stammbaum, in dem es von Grafen und
Komtessen nur so rauschte. Die Mayenburgs lebten im
Nordwesten Böhmens, der Vater war hier Direktor eines
Bergwerks. Die junge Ruth wurde als Mona Lisa von
Teplitz-Schönau verehrt. Später hieß sie schlicht Frau
Fischer.
Sie entschloss sich früh, ein selbstbestimmtes, rebellisches,
ein heldisches Leben zu führen, ohne ihre
Herkunft jemals zu verleugnen. Kleine Brötchen zu backen
war nicht ihres. Sie liebte das Mondäne, die Jagd,
das Reisen, Eleganz, ältere und jüngere hochgewachsene
Herren, ihre Hunde, allesamt Scottish Terriers namens
Mäckie, die Verführung und das Verführtwerden
und große Namen. Aber sie hasste die Konvention. Ihren
Fast-Verlobten, Alexander-Edzard von Asseburg-
Neindorf, verließ sie für einen Redakteur der Wiener
„Arbeiter-Zeitung“, Ernst Fischer, Sozialdemokrat und
umschwärmter Mittelpunkt der jungen Linksintellektuellen.
1932 heirateten sie. Zwei Jahre später wurden beide
nach dem niedergeschlagenen Februaraufstand 1934
Kommunisten, flüchteten nach Prag, später nach Moskau
und kamen 1945 nach Wien zurück.
Zwei Fotos von ihr, aufgenommen am 1. Mai 1934
in Moskau, zeigen sie mitten unter den geflüchteten
Kämpfern des Republikanischen Schutzbundes, der
„Schutzbundowzi“, die Baskenmütze mit dem Sowjetstern
schräg in die Stirn gezogen, trotziger Mund, kühner
Blick, die rechte Hand zur Faust erhoben. Sie wusste sich
wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die Bilder zogen sarkastische
Kommentare der ehemaligen Genossen auf sich.
Wie kam sie dazu, sich als Frontfrau des geschlagenen
Schutzbundes zu inszenieren! Auf welchen Barrikaden
war sie eigentlich gestanden?
Als ich sie kennen lernte, Mitte der Achtzigerjahre,
war sie 78 und lebte mit ihrem zweiten Ehemann,
FOTOS: JULIA STIX, PRIVATES ARCHIV
50
DAS JÜDISCHE ECHO
dem katholischen Publizisten Kurt Dieman, und dem
damals letzten ihrer vielen Mäckies im Anbau eines alten
Fuhrmannshauses in Wien-Meidling. Dieman, 16
Jahre jünger als sie, hatte sie im Österreichischen Friedensrat
kennengelernt, bis in die späten Sechziger eine
kommunistische Vorfeldorganisation. Das Haus gehört
ihrer Tochter Marina. Die Möbel waren schon in ihrer
Wohnung mit Ernst Fischer und dann elf Jahre in Prag
gestanden. Die tschechische Hausmeisterin verbarg das
Mayenburg’sche Familiensilber unter ihrer Matratze,
in der weisen Voraussicht „Der Hitler halt sich nix, die
Fischers kummen z’ruck“, und schrieb nach der Befreiung
an den Staatskanzler Karl Renner: „Sagen Sie bitte
Ihrem Staatssekretär Ernst Fischer, wenn er der Fischer
ist, der in der Verdunská bei mir gewohnt hat, ich habe
seine Möbel aufgehoben und auch das Silber und er kann
alles holen. Hochachtungsvoll Lydia Kucerová. PS: Was
macht Mäckerle und Frau Fischer?“
Die Fischers sind nach dem Krieg noch fast zehn
Jahre zusammen. Ruth bringt ihre Tochter Marina zur
Welt und arbeitet als Chefdramaturgin bei der sowjetischen
Hälfte der Wien-Film (es gab auch eine amerikanische
in Wien-Sievering). In den Rosenhügelstudios entstehen
bemerkenswerte Filme, die heute längst vergessen
sind. Ernst Fischer avanciert zum intellektuellen Kopf der
KPÖ und schreibt linientreue Theaterstücke, die er zwanzig
Jahre später als „Verfinsterung seines Bewusstseins“
bezeichnet. Aber auch Essays und Bücher über Kunst und
Literatur, die ihm die Anerkennung der europäischen
Linken eintrug.
Als Lou Eisler, die Ehefrau des Komponisten Hanns
Eisler, in sein Leben tritt, geht die Ehe mit Ruth zu Ende.
Sie ist nie darüber hinweggekommen. Dass Fischer, der
prominente Schriftsteller und nach 1968 abtrünnige
Kommunist, sie in seinen Lebenserinnerungen fast verschweigt,
steckt sie weg. „Was immer der Ernst geschrieben
oder nicht: Es war eine außergewöhnliche Ehe.“ Sie
hat die wichtigste Zeit ihres Lebens ohne, auch gegen ihn
verbracht, dennoch bleibt er ihr geliebtester Mensch.
Mayenburg war immer unter Männern gewesen.
Sie hatte Freundinnen, aber keine innigen Frauenbeziehungen.
Eheliche Geborgenheit, romantische Anwandlungen
und Treueschwüre ließen sie kalt. Weiberfragen
interessierten sie ebenso wenig wie Gefühlskino. Sie
war eine typische Emanzipierte der Zwanzigerjahre, die
dem neuen Feminismus nur wenig abgewinnen konnte.
Selbstbewusst, wie sie war, hat sie es nie für nötig befunden,
sich von der Männerwelt abzugrenzen. Sie warf der
Frauenbewegung Humorlosigkeit vor, in ihren Augen
ein schweres Versäumnis.
„Nimm einmal die Alice Schwarzer. So eine gescheite
Frau. Aber warum muss sie ihre Anliegen mit diesem
Bierernst vorbringen? Und dann diese nachlässige Aufmachung.
Wozu soll das gut sein?“
„Du redest wie ein Mann.“
Ruth von Mayenburg in der Redaktion der „Frontillustrierten“
im Gespräch mit zwei russischen Kollegen
„Das sagt meine Tochter auch. Und diese ewige
Schmuserei zwischen den Frauen …“
Sie ging mit ihrem raschen Schritt hin und her,
wenn ich sie besuchte, den Ingwertee trank, auf den
sie schwörte, und ihr zusah, wie sie sich eine Filterlose
nach der anderen anzündete, täglich mindestens dreißig.
Immer in einem Hosenanzug, immer kerzengerade. Sie
erlaubte sich keine sichtbare Schwäche. Ihr Gesicht war
vom Alter gezeichnet, aber nicht zerstört, die spröde,
energische Stimme nicht brüchig. Wie wird eine attraktive
Frau wie sie mit dem Altwerden fertig? „Schade ist
es schon“, sagte sie. „Der Verfall des Fleisches ist nicht
angenehm. Ich vermag ja zu überspielen, dass ich alt geworden
bin. Die Männer nehmen mich immer noch so
in die Arme, wie man das mit einer Frau eben tut. Dieses
vorsichtige, distanzierte Begrüßen von alten Menschen
war mir immer schrecklich. So lange ich noch zum Anfassen
bin, so lange es eine Berührung von Haut zu Haut
gibt, ist noch nichts zu Ende.“ Sie räusperte sich. „Ich
kann eben nicht ohne Liebe leben.“
Ich war sprachlos. Dann sagte ich matt: „Klingt wie
ein Lied der Zarah Leander.“ Sie lachte und zündete sich
eine neue Zigarette an. „Was meinst du, wie ich sonst die
Illegalität und den Krieg überstanden hätte?“
Ernst Fischer wurde Mitglied des Politbüros der
KPÖ und verbrachte die Exiljahre im Hotel Lux. Was
immer er am Ende seines Lebens einbekannte – aus dem
Sozialdemokraten war ein überzeugter Propagandist des
Marxismus-Leninismus geworden. Auch Ruth wurde zu
„einer gläubigen Tochter der bolschewistischen Kirche“,
wie sie sich spöttisch erinnerte. Sie berauschte sich an der
Idee einer künftigen klassenlosen Gesellschaft, wie sie
hier in der Sowjetunion zu entstehen schien.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 51
Im Jänner 1946 kommt Tochter Marina in Wien zur Welt
„Du hast daran geglaubt?“
„Das ging gar nicht anders. Um uns herum waren
viele Leute, die uns einhämmerten, dass alles, was wir bisher
gedacht und wonach wir gehandelt hatten, falsch gewesen
war. Wir sahen natürlich das Elend in den Massenquartieren,
in denen die Arbeiter hausten. Ich habe mich
nicht täuschen lassen. Vieles war absolut abstoßend. Aber
die Energie, die dahinterstand, war faszinierend.“
„Vielleicht auch deshalb, weil es ein konventionelles
Leben ausschloss?“
„Aus heutiger Sicht ‒ ja, vielleicht. Und dann war
ich überzeugt, dass die Nazis besiegt werden mussten. Sie
steuerten schnurgerade auf einen neuen großen Krieg zu.
Diese Hunde!“ Sie kniff die Augen zusammen. „Ich sagte
mir, eine gewaltige Armee steht hinter uns, in der ganzen
Welt. Und ihr werdet daran zugrunde gehen.“
Im Lux konnte sie nichts dazu beitragen. Hier lebte
Tür an Tür die kommunistische Führungselite im Exil.
Darunter Tito, Palmiro Togliatti, Ho Chi Minh, Tschu En
Lai, Mátyás Rakosi, Otto Kuusinen, Herbert Wehner, Wilhelm
Pieck, Walter Ulbricht, Georgij Dimitroff, Maurice
Thorez, Dolores Ibarurri. Insgesamt an die sechshundert
Menschen, in wechselnder Belegschaft. 1 In ihren Heimatländern
brutal verfolgt und verboten, warteten sie darauf,
zurückkehren zu können, überwacht von der Geheimpolizei.
Ausländer waren suspekt in der Sowjetunion.
1936 begannen die Moskauer Prozesse gegen die alten
Bolschewiki. Tausende wurden verhaftet, verhört, gefoltert,
nach Sibirien deportiert oder erschossen. In jeder Ecke des
Lux lauerte die Angst vor Denunziation und nächtlichen
Kommandoaktionen. Und überall liefen die Ratten herum.
Ruth war nicht da. Sie hatte sich vom Geheimdienst
beim Generalstab der Roten Armee, der sogenannten Vierten
Abteilung, anwerben lassen. Sie wollte nach Deutschland,
in die Höhle des Löwen. Eine junge Frau aus bestem
Haus, mit vorzüglichen Umgangsformen, sehr gut angezogen,
ungebunden und mit genügend Geld versehen. Das
hässliche Wort Spionin existierte nicht in ihrem Vokabular.
Sie war Kundschafterin, keine Mata Hari, die sich ihre Informationen
im Bett holte.
Sie ließ sich von Fischer scheiden und tauchte als
Mayenburg in Berlin wieder auf. In kurzer Zeit gelang es
ihr, eingeschlafene Verbindungen aufzufrischen. Ihr hartes
Sudetendeutsch war eine ebenso gute Tarnkappe wie
ihr richtiger Stallgeruch. Sie verschaffte sich Zugang zu
den Offizierskasinos, genoss die höfliche, kultivierte Atmosphäre,
wohnte in den besten Hotels. Nicht alle hielten
ihr plötzliches Erscheinen für Zufall, aber niemand
zeigte sie an.
Ihr wichtigster Kontakt war die Bekanntschaft mit
General Kurt von Hammerstein-Equord, dem außer
Dienst gestellten Chef der deutschen Heeresleitung. Er
war durch keinen Treueeid an Hitler gebunden. Was
er über die Nazidiktatur dachte, war nicht unbekannt.
Hammerstein war einigermaßen erstaunt, als Ruth bei
ihm auftauchte. Sie wollte herausfinden, ob der General,
der als fähigster Kopf der alten Reichswehr galt, an einem
militärischen und politischen Masterplan gegen das Regime
arbeitete, und wenn ja, mit welchen Verbündeten.
„Meine Mutter hatte einen Logenplatz bei Hammerstein“,
erzählt Marina Fischer-Kowalski. „Sie hatte ja
ein Faible für Disziplin und Risiko, konnte mit Waffen
umgehen und ausgezeichnet schießen. Das hatte sie von
ihrem Vater gelernt. Natürlich war Hammerstein beeindruckt.
Die beiden hatten eine innige Beziehung.“
«Im Moskauer Hotel Lux lebte Tür
an Tür die exilierte KP-Elite, darunter
Tito, Ho Chi Minh, Tschu En Lai,
Herbert Wehner, Walter Ulbricht.»
Hammerstein war in der Weimarer Republik in
ständiger Verbindung mit der Roten Armee gewesen, wie
auch andere hohe deutsche Militärs. Aber Hammersteins
Kontakte waren weitaus enger. 1929 reiste er drei Monate
bis ins „finsterste und entlegenste Russland“, wie er seiner
Frau schrieb, um Truppenübungen der Roten Armee zu
beobachten und die Lieferung von Waffen und Knowhow
zu verhandeln. Er pflegte langjährige Freundschaften
mit ihren Stäben. Weltanschauung war eine Sache, aber
die gegenseitige Hochachtung eine andere. Er wusste,
dass jeder Angriffskrieg gegen die Sowjets scheitern musste.
Sie bräuchten sich nur in die unendlichen Weiten hinter
den Ural zurückzuziehen, erklärte er 1932, dann könne
kein Gegner sie besiegen. Eine Einschätzung, die sich
zehn Jahre später als richtig herausstellen sollte.
FOTO: PRIVATES ARCHIV
52
DAS JÜDISCHE ECHO
Als Hitler an die Macht kam, nahm Hammerstein
seinen Abschied und begann, ein gefährliches Doppelleben
zu führen. Und nicht nur er. Vier seiner sieben
Kinder gingen in den Widerstand. Zwei seiner Töchter
waren mit jüdischen Kommunisten liiert und spionierten
für die Kommunistische Internationale, zwei seiner
Söhne waren am Stauffenberg-Attentat auf Hitler im
Sommer 1944 beteiligt.
Ruth begegnet ihm am Silvesterabend 1930 auf
Schloss Neindorf bei Magdeburg, „einem älteren Herrn
im Abendanzug, hochgewachsen und sehr gutaussehend,
wie ich die älteren Herren liebte, für die ich seit jeher eine
Schwäche gehabt habe“. Der Hausherr Maximilian von
Asseburg-Neindorf ist ein alter Freund des Generals. Dass
die junge Frau in dieser Nacht ihre Verlobung mit dem
Sohn des Hauses feiern soll, stimmt sie nicht freudig. Sie
hat kurz zuvor in Wien einen jungen blonden Redakteur
der „Arbeiter-Zeitung“ kennengelernt. Ein aufregender
Mann, „der unentwegt sprach, geistreich, witzig, aggressiv,
flirtig. Groß, hundsmager. Ein Erosbesessener, worttrunken.“
Ein Offizierssohn, der ein Roter geworden war.
Er gefällt ihr sehr. Er fragte sie noch am selben Abend, ob
sie seine Frau werden möchte. Er schickt ihr einen Brief
nach: Werden Sie meine Frau! Er geht ihr nicht mehr aus
dem Kopf.
„Also hör mal, Ruth, wenn das nicht romantisch ist,
dann weiß ich nicht ...“
„Ach was. Das war ein Aufruf zu einer großen Liebe,
zum Wagnis eines Lebens in Leidenschaft. Und Schönheit.
Und Freiheit.“
Unerwartet mischt sich Hammerstein ein. Er rät ihr
von der geplanten Ehe ab und rettet sie vor einem Leben
in Eintracht und Langeweile. „Als wir später in unsere
benachbarten Gastzimmer hinaufgingen, lud ich ihn zu
einem kleinen Speech ein, die unsere spätere, recht gefährliche
Freundschaft begründete.“
Sechs Jahre später geht sie nach Berlin, als Major
der Roten Armee „auf große Fahrt“, wie sie es nennt. Sie
baut ihre Verbindung zu Hammerstein mit Bedacht aus,
trifft ihn zwischen ihren Erkundungsfahrten kreuz und
quer durch Deutschland in einem Zug oder einem verschlafenen
Kurort und immer häufiger in seinem Haus
in Dahlem. Nachher begleitet er sie durch die menschenleeren
Straßen zur letzten U-Bahn, den Revolver in der
Manteltasche.
„Bei diesem Gang über das kaum beleuchtete
Terrain führten wir unsere vortastenden und schließlich
sehr offenen Gespräche.“ In Hammersteins Haus hatte
der halbe Gotha verkehrt, die großen Adelsfamilien und
alle führenden Militärs und Politiker, bis er 1934 als
Chef der Heeresleitung entlassen wurde. Und auch nachher
fließen ihm die Informationen zu.
Er äußert sich unumwunden über die Appeasement-
Politik der Briten, der er die Hauptschuld an der Aufrüstung
des Dritten Reiches zuschreibt. Sie ließen das zu, vor
allem den Ausbau der deutschen Flotte! Die Gentle men
sollten umstecken, bevor es zu spät ist. Ruth ist sich
sicher, dass er seine Warnungen auch London zukommen
lässt. Wie weit würde er gehen?
Angst ist keine Weltanschauung, sagt Hammerstein.
Darin trifft er sich mit ihr. Aber wenn sie von Prag
über die deutsche Grenze reist, überwältigt sie würgende
Angst, saugt sich im Magen fest.
Sie wusste, dass jeder Kontakt eine Einbruchstelle
haben konnte. Sie hatte verschiedene Pässe, sehr gute,
saubere Papiere, aber ob sie jeder Kontrolle standhielten?
In ihren Handschuhfingern steckten fünfhundert Dollar,
als Notgroschen für Bestechungszwecke. Wenn das
aufflog, war das Devisenschmuggel und brachte sie ins
Konzentrationslager.
Sie hatte in der Ausbildung gelernt, dass sie erröten,
aber niemals erblassen durfte.
„Klar, dass die Gestapo einen erwischt und foltert,
davor hat man Angst. Aber die Anfälle waren kurz, sie
lähmten mich nicht, denn ich war absolut entschlossen,
mich umzubringen, wenn ich hochgehe.“
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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 53
An ihrem linken Ringfinger steckte ein Wappenring,
„von meiner Mutter“. Sie öffnete den Golddeckel
mit den Zähnen. „Der war voll mit Zyankali. Den Ring
hätte ich auch mit gefesselten Händen aufgekriegt, das
habe ich trainiert.“ Sie klappte den Ring wieder zu.
„1936, bei den Olympischen Spielen in Berlin, hat mir
Hammerstein einen ständigen Sitz verschafft. Hitler
ging mehrmals knapp an mir vorbei, inmitten der ganzen
Naziprominenz. Die Führerloge war auf Schussnähe
einzusehen, wie ein Wildwechsel. Ich hätte den Kerl
todsicher abknallen können. Die Pistole hatte in meiner
Handtasche Platz. Sie war zu einer richtigen Obsession
geworden.“
„Und?“
„Ich habe es nicht getan.“
„Warum nicht?“
„Weil einem Kommunisten so was absolut verboten
war. Individueller Terror! Streng verboten. Wir waren
keine Anarchisten. Und dann hatten wir doch alle die
vage Hoffnung auf einen Aufstand der deutschen Arbeiterklasse.
Oder der Generäle.“
„Du bist kein Typ für ein Selbstmordkommando.“
„Nein. Aber ich schlug mich lange damit herum,
welch einmalige Chance das gewesen ist. Es wäre eine
Entscheidung auch gegen mich selbst gewesen, gegen
meinen unbedingten Wunsch zu überleben.“
54
Dauerausstellung
Verdrängte Jahre
Bahn und Nationalsozialismus
in Österreich 1938 – 1945
ÖBB Bildungszentrum Wörth, St. Georgener Hauptstraße 91a,
3151 St. Georgen am Steinfeld
Besuch der Ausstellung: Nach Anmeldung unter
bildungszentrum.stpoelten@oebb.at während der
Öffnungszeiten des Bildungszentrums von Montag bis
Donnerstag, jeweils 08:00 Uhr bis 20:00 Uhr
Foto: Österreichische Nationalbibliothek
Ihre Berichte waren so aufschlussreich, dass Marschall
Woroschilow, Volkskommissar für Verteidigung, sie nach
Moskau zu einer Zusammenkunft lud. Im Mittelpunkt
des Gesprächs stand Hammerstein. „Woroschilow sprach
von ihm mit großer Wertschätzung, ja mit Wärme“,
erinnerte sie sich. „Ein ferner Kamerad, von dem man
mutige Taten erwartet.“ Ruth sollte ihr Inkognito lüften,
ihm persönliche Grüße ausrichten und ausloten, ob
er bereit wäre, einen Aufstand der Nazigegner unter den
deutschen Generälen anzuführen. Im Frühjahr 1937 traf
sie ihn in Bozen. „Auf einem Spaziergang durch die blühende
Landschaft ließ ich leicht und nebenbei, wie ein
Taschentuch, die Bombe fallen. Langes Schweigen. Warst
du drüben?, fragte er. Ja. Die Russen denken, ich könnte
was tun, stimmt’s? Ja. Fährst du wieder rüber? Ja.“
«Die Tschistka, die Säuberung, begann.
6000 Offiziere vom Oberst aufwärts fielen
ihr zum Opfer. Darunter auch die Köpfe
von Ruths Vorgesetzten.»
Hammerstein lehnte ab. Den Gedanken an eine putschartige
Übernahme der Macht durch Teile der Wehrmacht
hielt er für hirnrissig. „Wenn die deutsche Hammelherde
sich schon so einen Führer wählt, dann soll sie’s auch ausbaden.“
Diese bittere Erfahrung dürfe man den Deutschen
nicht ersparen. Und er sei kein Held. Für seine
alten Freunde in Moskau hatte er aber ein paar handfeste
Ratschläge parat: Verbesserung ihrer Beziehungen zu den
Briten, gründliche Ausbildung der unteren und mittleren
Kader der Roten Armee und maximale Motorisierung.
An einem Krieg gegen die Russen würde er nicht teilnehmen.
Beim Abschied von Ruth warnte er sie: „Hüte dich
vor Tuchatschewski.“
Hammerstein wusste also, dass in der deutschen
Abwehr finstere Gerüchte über den Marschall der Roten
Armee kursierten. In Wirklichkeit lancierte der Chef des
deutschen Geheimdienstes, Richard Heydrich, eine gefinkelte
Desinformationskampagne mit gefälschten Dokumenten
gegen den Führungsstab der Roten Armee,
die prompt zu ihrer Enthauptung führte. Der Marschall
wurde Ende Mai 1937 verhaftet, unter Anklage einer Verschwörung
gegen Stalin und die Sowjetmacht zum Tod
verurteilt und erschossen.
Damit begann die Tschistka, die Säuberung, die
zwei Jahre dauern und weit über die Armee hinausreichen
sollte. Drei von fünf Marschällen, dreizehn von fünfzehn
Generälen, 6000 Offiziere vom Oberst aufwärts fielen ihr
zum Opfer. Darunter waren auch die Köpfe von Ruths
Vorgesetzten.
Über 30.000 Kader der Roten Armee wurden hingerichtet.
Davon hat sie sich bis zum Ausbruch des Zweiten
Weltkrieges nicht erholt.
DAS JÜDISCHE ECHO
Als Ruth von Mayenburg 1938 nach Moskau zurückkehrte,
war der Große Terror vorbei. Stalin hatte
Hunderttausende liquidieren oder in den Gulag deportieren
lassen. Ratlosigkeit, Schweigen und Erklärungsversuche
im Hotel Lux. Unter den Toten befanden sich engste
Freunde und Kampfgefährten. Ihre Vierte Abteilung existierte
nicht mehr.
„Bist du auf einer der Listen gestanden?“
„Wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen Überlebenden
der Vierten Abteilung. Wahrscheinlich hat mich
Dimitroff gerettet, der Chef der Komintern.“
„Und? Bist du in deinen Überzeugungen wankend
geworden?“
„Nein. Ich hielt damals einen Umsturzversuch für
plausibel.“
Die stickige Atmosphäre im Hotel Lux war nicht
auszuhalten. Nach wie vor herrschte Paranoia, fanden
Verhaftungen statt. Mayenburg beschloss, einen klaren
Kampf gegen einen klaren Feind zu führen und wieder
Soldatin zu werden. 1943, nach Stalingrad, ließ sie sich an
die Front versetzen, nach Weißrussland. Sie ging in eine
Propagandaeinheit, um unter den kriegsgefangenen Österreichern
gezielte Umerziehung zu machen. Sie erhielt
den Auftrag, mit einer Gruppe verlässlicher Kriegsgefangener
direkt den kämpfenden Truppen nachzufahren und
einzelne Leute in deutsche Stellungen einzuschleusen,
um eine Antifa-Wehrmachtstruppe zu organisieren. Ein
Himmelfahrtskommando.
Ruth erlebte sich inmitten der Kriegsgräuel als echter
Frontowik, als Soldat in einer Männergesellschaft. Sie
klapperte mit ihrem Lautsprecherwagen unter Artilleriebeschuss
die Front ab, immer bemüht, Österreicher zum
Überlaufen zu bewegen. Eine Gefangennahme bedeutete
den sicheren Tod. Aber das schreckte sie nicht. Sie war
seit 1936 ständig in Lebensgefahr gewesen. Sie wusste,
dass die Politarbeiter an den Fronten im Verhältnis zu ihrer
Anzahl die größten Verluste aufwiesen. Sie überlebte
Bombenangriffe, schlief in Erdlöchern, ihre Füße erlitten
schwere Erfrierungen. Sie hat diese Jahre ausführlich beschrieben.
Kein Zweifel, es war ihre beste Zeit.
1945 kam sie als Oberst der Roten Armee nach Wien
zurück. Es dauerte lange, bis sie sich vom Kommunismus
lossagte. „Irgendwann in den Sechzigerjahren hab ich es
sattgehabt zu lügen. Wir haben alle wahnsinnig viel gelogen,
wir haben den Terror in der Sowjetunion verheimlicht,
obwohl wir doch seine Zeugen waren. Und was das
Schlimmste war: Wir haben unsere Kinder belogen.“
„Ich hatte eine absolut interessante Kindheit“, erzählt
Marina, „mit großen Freiheiten. Mit Eltern, die sehr
viele Interessen hatten und um sie herum außergewöhnliche
Menschen. Ich erinnere mich an Ferien im Sommerhaus
von Bert Brecht und Helly Weigel und an den Roten
Stern am Weihnachtsbaum, an die Geschichten von
Großväterchen Frost und die Konzerte des Ensembles
der Roten Armee. Mit Heldengeschichten bin ich nicht
behelligt worden. Ruth hat oft vom Krieg erzählt, und
ich denke, die schlimmsten Erlebnisse hat sie gut verstecken
können. Mich haben ihre Geschichten natürlich fasziniert
und imponiert. Sie wusste, was man einem Kind
zumuten kann und was nicht.“
„Wie hat Ruth ihre Fronterlebnisse verarbeitet?“
„Ab und zu hatte sie nachts Panikattacken. Aber sie
hatte eine sehr stabile Natur, konnte gut arbeiten, gut
schlafen. Ihr Körper hielt erstaunliche Balance.“
„Hat sie den Krieg ‒ geliebt?“
„Den Krieg selbst natürlich nicht. Aber das Leben
unter den Soldaten, die ständige Herausforderung, diese
Intensität, das schon.“
Die Geschichte, die ich zu Ruths achtzigstem Geburtstag
in der Zeitschrift „Transatlantik“ veröffentlichen wollte,
habe ich zurückgezogen. Als sie fertig war, 1986, rief
Ruth für Kurt Waldheim auf, überall klebten die Plakate
mit ihrem Namen. Sie ist an der Nachgiebigkeit gegenüber
ihrem Ehemann Kurt Dieman gescheitert, einem
der Wortführer für die Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten.
Später fragte ich sie, warum sie das getan
hatte. Sie zuckte die Achseln. „Aus Liebe.“ Was soll man
dazu sagen? Wir redeten nie wieder davon. 1993, mit 86
Jahren, ist Ruth von Mayenburg in Wien gestorben.
Aber das ist lange her. Vor einigen Jahren las ich
Hans Magnus Enzensbergers Buch über Hammerstein
und ging Ruths Leben von neuem nach. Hammerstein
war aktiv an der Planung des Stauffenberg-Attentats beteiligt
gewesen, bevor er 1942 starb.
Ruth hat sich also nicht in ihm getäuscht. 2
1 Im Moskauer Hotel Lux wohnten u. a. Josip Broz Tito (1935 unter
dem Namen „Walter“ als „Balkan-Sekretär“ der Komintern), Palmiro
Togliatti (1947 bis 1964 italienischer KP-Chef), Ho Chi Minh aus dem
damaligen Indochina (Vietnam), der Mao-Mitstreiter Tschu En Lai, der
Ungar Mátyás Rakosi, der Finne Otto Kuusinen, der spätere SPD-Fraktionschef
Herbert Wehner, die Ostdeutschen Wilhelm Pieck und Walter
Ulbricht, Georgij Dimitroff (Generalsekretär der Komintern, von
1946 bis 1949 bulgarischer Ministerpräsident), KPF-Generalsekretär
Maurice Thorez sowie Dolores Ibarurri, die als „La Pasionaria“ bekannt
gewordene spanische Kommunistin.
Quellen und Literatur
Enzensberger, Hans Magnus (2008), Hammerstein oder Der Eigensinn.
Eine deutsche Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Mayenburg, Ruth von (1969), Blaues Blut und rote Fahnen. Ein Leben
unter vielen Namen. Wien: Molden.
Mayenburg, Ruth von (1978), Hotel Lux. München: Bertelsmann.
Mayenburg, Ruth von (2011), Hotel Lux. Die Menschenfalle. Eine
Reise ‒ ein Film von Heinrich Breloer. München: Elisabeth Sandmann
Verlag.
Müller, Reinhard (2001), Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische
Verfolgung. Hamburg: Hamburger Edition.
Ich danke Marina Fischer-Kowalski für die Gespräche über ihre Mutter.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 55
Von Alexia Weiss
Ihrer Zeit voraus
Therese Schlesinger war unter den ersten acht
Frauen, die 1919 ein Mandat im Parlament
erringen konnten. Davor hatte sie sich lang für
das Frauenwahlrecht und für Bildung für Frauen
und Mädchen eingesetzt. Über eine Frau, die
wohlsituiert in einer liberalen jüdischen Familie
aufwuchs und sich später an die Seite von
Arbeiterinnen stellte. Eine, deren Leben von
Schicksalsschlägen geprägt war, die sich in ihrem
Kampfgeist aber nicht beirren ließ.
„Da gibt es immer noch sehr viele Männer und Frauen,
die meinen, das ist ja etwas Naturgegebenes, dass die
Frau alle Hausarbeiten zu verrichten hat. Aber es ist gar
nicht naturgegeben, davon können Sie sich sehr leicht
überzeugen. Alle die Arbeiten, die man für die natürlichen
Aufgaben der Frau ansieht, die können zu Aufgaben
für den Mann werden, sobald sie bezahlt werden.
Es gibt männliche Köche, es gibt männliche Stiefelputzer,
Fensterputzer, Wohnungsaufräumer, Friseure und
so weiter. Jede dieser Arbeiten, von denen man sagt, sie
seien der Frau natürlich, die machen Männer sehr gut,
wenn sie dafür bezahlt werden. Sie machen sie allerdings
nicht ohne Bezahlung.“
Ersetzt man die hier von Therese Schlesinger genannten
Berufe durch Pflegekraft, Kindergartenpädagoge
oder Reinigungskraft, sprach sie vor hundert Jahren
an, was teilweise noch heute gilt. Versorgungsarbeiten
werden auch dieser Tage von vielen Frauen – neben der
Erwerbsarbeit ‒ ohne Entgelt erledigt, während Männer
daraus einen Beruf machen. Mit ihren Befunden war die
Sozialdemokratin ihrer Zeit teils weit voraus: Manches
durfte sie jedoch noch selbst erleben. Viele Jahre etwa
hatte sie für das Frauenwahlrecht, das aktive und passive,
gekämpft. 1919 durfte sie dann gemeinsam mit sieben
weiteren weiblichen Abgeordneten in das Parlament einziehen
(siehe Kasten).
Einiges an ihrer Motivation, sich politisch zu engagieren,
schöpfte sie aus der Frustration über Hemmschwellen,
denen sie selbst ausgesetzt war. Während ihre
Brüder eine höhere Bildung absolvieren konnten, war für
sie nach der Bürgerschule Schluss. Ein Leben lang sollte
sie sich daher für Bildung für Frauen einsetzen. Darüber
hinaus erkannte sie, dass Arbeiter und Arbeiterinnen sich
nur mittels Bildung emanzipieren und für ihre Rechte
kämpfen konnten.
Einen Teil ihrer Motivation schöpfte sie aber auch
aus ihrem Aufwachsen in einer liberalen jüdischen Familie,
wie Birgit Jaindl in ihrer Diplomarbeit (Universität
Wien) über Schlesinger nachzeichnet. Der Vater,
Albert Eckstein, ein Chemiker und Erfinder, betrieb die
erste Pergamentfabrik in Europa. Die im Allgemeinen
vorherrschende schlechte Arbeitssituation der eingewanderten
Arbeiter versuchte er in seinem Betrieb besser zu
gestalten. Dabei setzte er auf Arbeitszeitverkürzung und
eine Krankenversicherung für die Beschäftigten.
Doch Schlesinger war nicht nur durch die sozialdemokratische
Einstellung des Vaters geprägt. Die 1863
in Wien Geborene und ihre Geschwister wuchsen gemeinsam
mit den Kindern der Arbeiter auf – im Betrieb
wurde ein gutes Verhältnis der Betreiberfamilie mit den
Beschäftigten gepflegt. „Diese Vertrautheit förderte bei
den Kindern Amalie und Albert Ecksteins eine große Anteilnahme
an dem Los der Arbeiter und ein tiefgreifendes
Verständnis für deren Situation. Der Wunsch nach Mitarbeit
zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen wurde
besonders bei Therese zur Lebensaufgabe“, hält Jaindl fest.
Therese Eckstein heiratete 1888 den Bankangestellten
Victor Schlesinger. 1890 kam Tochter Anna zur Welt.
Die nächsten zweieinhalb Jahre kämpfte die Mutter jedoch
gegen eine schwere Erkrankung: Sie hatte sich mit
Kindbettfieber und Rotlauf infiziert und konnte sich nur
im Rollstuhl oder auf Krücken fortbewegen. Ihr Mann
steckte sich wiederum mit Tuberkulose an – und überlebte
nicht. So zog sie Anna, die ebenfalls sehr kränklich
war (sie hatte eine schwache Lunge), alleine groß.
Die Tochter nahm sich allerdings im Erwachsenenleben
1920 das Leben.
FOTO: STANISLAV JENIS, VGA (2)
56
DAS JÜDISCHE ECHO
All diese Tragödien trugen aber auch dazu bei, dass sie
sich politisch zu engagieren begann. Biografin Jaindl
konstatierte, dass Schlesinger erst bei ihrem langen Krankenhausaufenthalt
nach der Geburt ihrer Tochter von
einer organisierten Arbeiterpartei erfuhr. In der Folge
interessierte sie sich für die Arbeiterbewegung. Hier war
weniger ihr politisches Bewusstsein ausschlaggebend,
sondern mehr ihr persönliches Bedauern, nicht an einer
Universität studiert haben zu können. Wie sie sich in der
Arbeiterbewegung engagieren sollte, wusste sie anfangs
nicht so recht. Sie spürte das, was man ihr später auch als
Nationalratsabgeordnete vorhalten sollte – ihre bürgerliche
Herkunft schien ihr im Weg zu stehen.
Über ihre Freundin Marie Lang stieß sie jedoch
schließlich zum Allgemeinen Österreichischen Frauenverein.
Dort erfuhr sie von der Lebensrealität der
Arbeiter und Arbeiterinnen und näherte sich politisch
dem Sozialismus. Sie wollte Seite an Seite mit einfachen
Frauen für deren Rechte kämpfen. Sie verließ daher
den bürgerlichen Frauenverein und trat 1897 in die
sozialdemokratische Partei ein. 1898 nahm sie aktiv am
Buchbinderstreik teil. Sie hielt Kurse, publizierte in der
„Arbeiterzeitung“, vertiefte sich in gewerkschaftliche Arbeit.
Als Ziele formulierte sie die Verbesserung der Lebenssituation
der Arbeiterschaft und die Mädchen- und
Frauenbildung. „Sie erkannte, dass nur ausreichende Bildung
und durch die damit verbundene Aufklärung das
Proletariat aus der Knechtschaft führen konnte. Für diese
politische Bewusstseinsbildung trat Schlesinger in ihren
Schriften und Feuilletons immer wieder ein“, so Jaindl.
Gegen Frauenkämpferinnen
Schon 1900 brachte sie beim Parteitag der sozialdemokratischen
Partei in Graz einen Antrag zur Einführung
des Frauenwahlrechts ein. Er wurde abgelehnt, denn
auch innerhalb der Sozialdemokratie gab es Widerstände
gegen Frauenkämpferinnen wie Schlesinger. Ein
Jahr später begründete sie den Verein sozialdemokratischer
Frauen und Mädchen mit – 1906 wurde schließlich
der Antrag für ein Frauenwahlrecht angenommen.
Während des Ersten Weltkriegs trat sie gemeinsam mit
Viktor Adler und Otto Bauer für Frieden ein. Schon als
Parlamentarierin verfasste sie die frauenpolitischen Teile
des Linzer Parteiprogramms von 1926. Dem Nationalrat
gehörte sie bis 1923 an, im Anschluss saß sie bis 1930 im
Bundesrat. 1933 zog sie sich, inzwischen siebzigjährig,
ins Privatleben zurück. 1939 musste sie nach Frankreich
emigrieren, wo sie 1940 verstarb.
In der Wiener Josefstadt erinnert heute der Schlesingerplatz
an die kämpferische Sozialdemokratin. Lange
nach dem christlich-sozialen Politiker Josef Schlesinger
(1831‒1901) benannt, der als Anhänger Karl Luegers
auch für seinen eigenen Antisemitismus bekannt war,
In einer liberalen jüdischen Familie als Tochter eines Unternehmers
aufgewachsen, entwickelte Therese Schlesinger große Anteilnahme
für die Arbeiter
Therese Schlesinger (mit verschränkten Armen) und weitere
weibliche Abgeordnete 1919 im österreichischen Parlament
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 57
Acht Pionierinnen mit höchst unterschiedlichem Background
1919 zogen erstmals acht Frauen in das österreichische
Parlament ein. Das Gros von ihnen war sozialdemokratisch.
Nur Hildegard Burjan (1883‒1933) gehörte
den Christlich-Sozialen an. Wie Therese Schlesinger
(1863‒1940) entstammte auch sie einer liberalen
jüdischen Familie – konvertierte aber 1909 zum Katholizismus.
Burjan gehörte dem Hohen Haus nur kurz an
und wurde vor allem durch die Gründung der religiösen
Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis bekannt.
2012 wurde sie im Stephansdom selig gesprochen.
Der sozialdemokratischen Fraktion gehörten neben
Schlesinger auch Anna Boschek, Emmy Freundlich,
Adelheid Popp, Gabriele Proft, Amalie Seidel und Marie
Tusch an. Anna Boschek (1874‒1957) musste schon
früh die Schule abbrechen, um zum Familieneinkommen
beizutragen, und arbeitete in der Chemie- und
Textilindustrie. Die spätere Pionierin der Gewerkschaftsbewegung
engagierte sich vor allem in Sozial- und
Arbeitsfragen. Das Gesetz zum Achtstundentag trug
laut Parlamentshomepage ebenso ihre Handschrift wie
Vorlagen zur Arbeitsruhe, zum Nachtarbeitsverbot für
Frauen oder zum Hausgehilfinnengesetz.
Emmy Freundlich (1878‒1948) kam aus einer
wohlhabenden böhmischen Familie und mit Politik und
sozialdemokratischen Ideen erst durch ihren Mann,
Leo Freundlich, in Berührung. Von ihm ließ sie sich
zwar wieder scheiden, engagierte sich aber weiter in
der Arbeiterbewegung und der Genossenschaftsbewegung.
Im Nationalrat meldete sie sich vor allem zu
ökonomischen Fragen, aber auch zu Ernährungs- und
Konsumentenangelegenheiten zu Wort. 1939 flüchtete
sie mit ihren beiden Töchtern (deren Vater jüdisch war)
nach England, 1947 übersiedelte sie nach New York.
Adelheid Popp (1869‒1939) stammte aus einer
Weberfamilie und war das jüngste von 15 Kindern.
Bereits mit acht Jahren musste sie als Heimarbeiterin
Geld verdienen, ab dem Alter von zehn Jahren meldeten
die Eltern sie nicht mehr in der Schule an. Doch sie
liebte das Lesen und bildete sich selbst fort. Sie war
die erste Frau, die von einer Partei angestellt wurde,
und gründete gemeinsam mit Schlesinger den Verein
sozialdemokratischer Frauen und Mädchen. Zu ihren
politischen Forderungen zählten eine Karenzzeit für
Mütter, die Errichtung von Entbindungsanstalten und
die Gleichstellung von Frauen in Ehe und Beruf.
Gabriele Proft (1879–1971) stammte aus Mähren
und war Tochter eines Schusters. Mit 17 Jahren kam
sie nach Wien, wo sie dem Bildungsverein Apollo beitrat
und sich in der sozialdemokratischen Frauenbewegung
Sozialdemokratisches Frauenkomitee (1904): Therese
Schlesinger, Anna Boschek, Amalie Seidel, Adelheid Popp und
Lotte Glas-Pohl (von l. nach r.)
und der Gewerkschaft engagierte. Sie gehörte zum
linken Flügel der Partei und trat für eine Friedenspolitik
ein. Als einzige der ersten Frauen im Parlament gehörte
sie auch in der Zweiten Republik dem Nationalrat an –
1934 wurde sie bereits vom Dollfuß-Regime verhaftet
und in der NS-Zeit war sie in einem Konzentrationslager
interniert. Nach 1945 wurde sie Vorsitzende der SPÖ-
Frauen und stellvertretende Vorsitzende der SPÖ.
Amalie Seidel (1876‒1952) stammte aus einer
Arbeiterfamilie. Mit 17 setzte sie den 1. Mai als arbeitsfreien
Tag an ihrer Dienststelle durch – und wurde
dafür am nächsten Tag entlassen. Daraufhin organisierte
sie einen Frauenstreik, und so wurde Viktor
Adler auf sie aufmerksam. Sie engagierte sich in der
Frauenbildung und war Mitbegründerin einer Konsumgenossenschaft.
Maria Tusch (1868‒1939) kam als Kind einer
ledigen Magd in Klagenfurt zur Welt. Auch sie musste
schon früh arbeiten – ab dem Alter von zwölf Jahren
war sie in der k. u. k. Tabakfabrik in Klagenfurt als
Arbeiterin tätig. Dort wurde sie Vertrauensfrau, später
Betriebsrätin und schließlich Leiterin des Landesfrauenkomitees
der Kärntner Sozialdemokraten. Als
Abgeordnete setzte sie sich vor allem für Frauenrechte,
für die Straffreiheit von Abtreibungen und für Kriegsversehrte
des Ersten Weltkriegs ein. Ihre Vorträge beendete
sie oft mit den Worten „Frauen, ihr müsst selbstbewusst
werden!“.
A.W.
FOTO: VGA
58
DAS JÜDISCHE ECHO
wurde der Platz im Februar 2006 unter einer damals
grünen Bezirksvorstehung Therese Schlesinger gewidmet
und erinnert so an ihren Einsatz für die Besserstellung
von Mädchen und Frauen.
Zu ihren wichtigsten Forderungen zählten laut
Parlamentshomepage gleicher Lohn für gleiche Arbeit,
gleiche politische Rechte für Frauen und Männer, eine
Arbeitszeitverkürzung für Mütter, eine staatliche Mutterschaftsversicherung,
eine allgemeine Kinderversicherung
und die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruches. Sie
setzte sich gegen die Prügelstrafe und für eine ambulante
Betreuung psychisch Kranker ein. Von ihr stammte auch
die Idee, in den Wohnhäusern der Arbeiter Zentralküchen
und Wäschereien einzurichten. So hätten Frauen
mehr Zeit für familiäre Beziehungen und Fortbildung,
war ihre Hoffnung.
Leicht hatte sie es bis zuletzt auch in der eigenen
Partei nicht. So heißt es in dem von Saskia Stachowitsch
und Eva Kreisky herausgegebenen Band „Jüdische Identitäten
und antisemitische Politiken im österreichischen
Parlament 1861‒1933“ über Schlesinger: „In Therese
Schlesinger vereinten sich verschiedene Merkmale, die
eine Angriffsfläche boten – jedoch nicht nur für politische
GegnerInnen, sondern auch für Missgunst aus den
eigenen Reihen. Als Frau, die für Gleichberechtigung
kämpfte, hatte sie mit dem Widerstand von Genossen,
auch in der Gewerkschaft, zu kämpfen und als bürgerliche
Frau begegneten ihr sozialdemokratische Genossinnen
zunächst mit Skepsis. Dass Schlesinger Jüdin war,
nutzten auch sozialdemokratische Proponenten wie der
deutschnational gesinnte Engelbert Pernerstorfer, um
mit antisemitischen Parolen Keile in die Partei zu treiben.
Als Schlesinger während des Ersten Weltkriegs dem
Verein Karl Marx, einer pazifistischen innerparteilichen
Linksopposition unter Friedrich Adler, angehörte,
schimpfte Pernerstorfer: ‚Dieses Häuflein besteht nicht
bloß aus Akademikern, sondern auch ausschließlich aus
Juden‘, sie seien allesamt ‚Internationalisten‘ und ‚kaltschnäuzig‘.“
Insgesamt gab es laut Stachowitsch und Kreisky in
der Ersten Republik 14 jüdische Abgeordnete, davon
zwölf Sozialdemokraten, eine Christlich-Soziale (Burjan,
die zwar aus einer jüdischen Familie stammte, aber zum
katholischen Glauben übertrat, wird hier mitgezählt)
und einen Zionisten. „Diese Gruppe hat die Politik der
Ersten Republik entscheidend mitgeprägt und im Parlament
durch Gesetzesinitiativen in den Bereichen Wahlrechtserweiterung,
Arbeiter- und Angestelltenschutz,
Sozialversicherung, Mieterschutz, Pressefreiheit und
Frauenpolitik national und regional gestaltet.“ 2
Weil das Leben
nicht nur aus
Arbeit besteht.
Festtage gehören zu den besonderen Momenten
im Leben. Die Bank Austria wünscht der jüdischen
Gemeinde alles Gute zu Rosh Hashanah.
F
ARCHIV
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Foto: Pez Hejduk, Wien
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DAS JÜDISCHE ECHO
Von der Gegenwehr
und vom Überleben
Von Ilse Korotin
Frauen des Widerstands sichtbar machen
FOTO: PRIVAT
Im Rahmen des Projekts, der Unterrepräsentanz
von Frauenbiografien generell entgegenzuwirken,
erarbeiten Frauenforscherinnen am Wiener
Institut für Wissenschaft und Kunst eine Datenbank
zu Widerstandskämpferinnen.
Zum Thema „Warum Gesellschaften sich erinnern“
schreibt die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl: „Was
wichtig und was unwichtig ist, welche Ereignisse und
Personen im Vordergrund stehen, welche an den Rand
gerückt werden oder unerwähnt bleiben, wird von der
Perspektive jener Gruppen bestimmt, die die Deutungsmacht
über die Vergangenheit innehaben, von denen die
Geschichte geschrieben und in Denkmälern, Museen,
Büchern, Filmen etc. dargestellt und in einer breiteren
Öffentlichkeit vermittelt wird. In einer pluralistischen,
ausdifferenzierten Gesellschaft ist die Definitionsmacht
aber nicht auf eine Gruppe beschränkt, sondern stets
umkämpft und herausgefordert. Erinnerungskultur wird
so zu einem dynamischen Feld von Verhandlungen und
Konflikten, ein unabgeschlossener Prozess der Auseinandersetzung
über das, was die Geschichte einer Gruppe,
einer Gesellschaft ausmachen soll – es wären immer auch
andere, alternative Darstellungen möglich.“
Jedenfalls bedeutet es aber, Geschlecht zum integralen
Bestandteil historischer Analyse zu machen, Männlichkeit
als normsetzendes Paradigma zu dekonstruieren.
Und so ist es auch für die Frauengeschichte von Relevanz,
„sich Orte zu schaffen und zu sichern“ (so der Kulturwissenschaftler
Jan Assmann), die den Ausdruck einer
kollektiven, aber dennoch in sich differenzierenden Erinnerung
darstellen.
Aus dem Bereich des multimodularen Dokumentations-,
Forschungs- und Vernetzungsprojekt „biografiA.
Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer
Frauen“, welches seit 1998 am Wiener Institut für Wissenschaft
und Kunst durchgeführt wird und die umfassende
historisch-biografische Aufarbeitung österreichischer Frauenpersönlichkeiten
zum Ziel hat, wollen wir nach Frauen
suchen, die Widerstand gegen das nationalsozialistische
Regime geleistet haben. Die Datenbank wird so zum „Ort
der Erinnerung“ und verweist auf Fragen, die sich nicht lediglich
auf nationale, sondern auf komplexe inter-, multiund
transkulturelle Konstellationen richten.
Wie lässt sich historisch arbeitende Genderforschung
mit den Debatten um Erinnerungskultur verbinden?
Wie kann die Erinnerung an Frauen und weibliche
Handlungsräume in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben
werden? Wie können Frauen als agierende Subjekte
mit ihren Handlungsspielräumen und Selbstentwürfen
in die Erinnerung aufgenommen werden?
Jan Assmann zufolge trägt das kulturelle Gedächtnis
zur Stiftung einer historisch begründeten Identität der
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 61
Angehörigen einer Kultur bei und spiegelt die öffentliche
Einordnung, Relevanzzuweisung, Bewertung und
Deutung der Geschehnisse wider, mithilfe derer sich das
politische und kulturelle Selbstbild eines Gemeinwesens
historisch verankert.
Gern wird in diesem Zusammenhang auch die Frage
nach der „Biografiewürdigkeit“ der jeweiligen Person
aufgeworfen. Nicht selten betrifft dies Frauen und ihre
unbekannten, versteckten und unsichtbaren Leistungen.
Es ist dabei nicht unwesentlich, was wir erinnern
wollen. Es geht hier – in unserem Zusammenhang, wo
wir gegen die Marginalisierung und das Vergessen von
Frauen ankämpfen ‒ auch um eine Geschichte, die Partei
ergreift. Daher müssen wir uns immer wieder fragen und
dabei ausloten: Geht es um die „objektive“ und unbeteiligte
Rekonstruktion der Vergangenheit oder um eine
Auseinandersetzung mit Geschichte, die Partei ergreift,
Zeugnis ablegt und in der Gegenwart etwas will?
«Je heller die Sonne scheint, je näher der
Frühling duftet und blüht, desto grausamer
steigen Bilder der unverdrängbaren
Vergangenheit in uns auf.»
Biografien können hier zwei grundlegende Funktionen
in der Erinnerungskultur erfüllen: jene der Gedächtnisbildung
und jene der Gedächtnisreflexion. Das Beispiel
„Widerstand“, welches im Projekt „biografiA“ einen
überaus großen – in vielerlei Hinsicht auch symbolischen
‒ Stellenwert einnimmt, greift es doch auf verschüttete
revolutionäre Traditionen der ArbeiterInnenbewegung
und des Widerstands gegen das NS-Regime zurück, sensibilisiert
aber auch für die Gefährdung der Demokratie
und die Aufrechterhaltung von Menschenrechten.
KZ-Opfer und Symbole des Widerstands: Christlichsoziale Franzi
Kantor (l.), Sozialdemokratin Käthe Leichter
Ziel eines Teilprojekts war die Erstellung einer biografischen
Dokumentation österreichischer Widerstandskämpferinnen.
Es sollte eine möglichst ausführliche
datenmäßige Erfassung von Frauen aus allen politischen
und weltanschaulichen Lagern erfolgen, die individuellen
oder organisierten Widerstand gegen die nationalsozialistische
Diktatur und das autoritäre Regime vor 1938
geleistet haben. Im Sinne eines breiten Widerstandsbegriffs
sollten neben dem weiblichen Widerstand in den
Bereichen Politik, konfessioneller Widerstand und Exil
auch Widerstandsbereiche berücksichtigt werden, die
erst in jüngster Zeit verstärkt ins Blickfeld der Widerstandsforschung
gerückt sind. Dazu zählen etwa Widerstand
auf individueller Basis oder in kleinen „privaten“
Netzwerken und Versuche von Angehörigen verfolgter
Bevölkerungsgruppen, sich und andere der Verfolgung
zu entziehen.
Die daraus entstandene Sammlung versteht sich
zum einen als Materialbasis für weiterführende Forschungen
auf dem Gebiet der Widerstands- und Frauenbiografieforschung
und soll zum anderen dazu beitragen,
den hohen und zumeist vergessenen, jedenfalls
aber unterschätzten Anteil der Frauen im Kampf gegen
Nationalsozialismus und Diktatur zu würdigen, die Erinnerung
an sie zu bewahren und der Öffentlichkeit näherzubringen.
Die Sammlung soll „dem weiblichen Widerstand
einen Namen geben“ und Frauen so mit ihrem
Denken und Handeln in die Geschichte einschreiben.
Grausam steigen Bilder auf
Die „große Dame der Sozialdemokratie“, KZ-Überlebende
und Politikerin Rosa Jochmann sagte im März
1957 im österreichischen Nationalrat: „Ich möchte gerne
dem Hohen Haus erklären, was dieses NIEMALS VER-
GESSEN bedeutet. Wir mussten und wir müssen vieles
vergessen, und ich wollte nur, dass wir wenigstens in
unseren Träumen von jener furchtbaren Zeit frei werden
könnten. Vielleicht versteht das der eine oder andere
nicht, aber glauben Sie es mir: Je heller die Sonne scheint
und je näher der Frühling duftet und blüht, desto grausamer
steigen die Bilder jener unverdrängbaren Vergangenheit
in uns auf. Wir müssen viel vergessen, denn wir
sind die ewig Gefangenen jener Zeit. Eines aber wollen
und dürfen wir nicht vergessen, nämlich was aus unserer
Heimat geworden ist und was aus diesem Land wird,
wenn die Freiheit und die Demokratie zerschlagen ist!
Das heißt unser NIEMALS VERGESSEN! Und daher
nicht nur heute, sondern auch morgen zum Wohle unserer
schönen und geliebten Heimat: NIEMALS VER-
GESSEN!“
In diesem Sinn soll an die vielen Frauen erinnert
werden, die Widerstand gegen die nationalsozialistische
Diktatur geleistet haben. Einen Widerstand, der in vie-
FOTO: WIKIPEDIA, ARCHIV, VGA
62
DAS JÜDISCHE ECHO
lerlei Hinsicht oftmals unbemerkt, unbeachtet und unbedacht
blieb.
Die Ärztin und Auschwitz-Überlebende Ella Lingens,
die nach der Entdeckung ihrer Hilfeleistung an
versteckten jüdischen Menschen (den so genannten „U-
Booten“) in Haft und Konzentrationslager kam, erhielt
auf ihren Entschädigungsantrag zunächst einen abschlägigen
Bescheid. „Juden verstecken, das ist eine private
Angelegenheit, das ist nicht Widerstand“, habe man ihr
erklärt. „Da hab ich dann berufen und dann haben sie
mir’s doch gegeben“, sagte Ella Lingens (1908 – 2002) in
einem Interview. (Von der Holocaust-Gedenkstätte Yad
Vashem wurde sie – als eine von 109 ÖsterreicherInnen
‒ mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.)
Viele Helfende, zum Großteil waren es Frauen, hatten
nach dem Erlebten nicht mehr die Kraft der Auseinandersetzung.
Das offizielle Österreich nach 1945 hat
lange Zeit das „Leben im Verborgenen“, wie das Leben
als U-Boot in behördlichen Verfahren bezeichnet wird,
nicht als eigenen zu entschädigenden Verfolgungstatbestand
anerkannt. Erst nach langwierigen und vielfach
beschämenden Debatten gelang es, in über zwanzig Novellen
1972 ein einigermaßen umfassendes Opferfürsorgegesetz
zu schaffen.
«Die Frauen und Männer, die den letzten
Gang zum Schafott gegangen sind, sie
starben im Bewusstsein, dass ein neues
Österreich entstehen wird.»
Auch hier ergriff Rosa Jochmann (1901 – 1994) immer
wieder das Wort 1 , indem sie die VertreterInnen aller
Parteien in ihrer Verantwortung ansprach. Bereits 1946
sagte sie: „Ich möchte von jeder Partei als Symbol einen
Namen herausgreifen. (…) Käthe Leichter, eine Angehörige
der Sozialistischen Partei, Amalie Brust, eine
Angehörige der Kommunistischen Partei, Franzi Kantor,
eine Angehörige der Christlichsozialen Partei. Es sind
dies drei Namen und drei Weltanschauungen, aber nur
ein einziger Begriff, und zwar der Begriff einer Kameradschaft,
die beispiellos in der Menschheitsgeschichte
dasteht. Diese drei Frauen sind in den Gaskammern oder
an den Folgen der Behandlung im Konzentrationslager
mit dem Bewusstsein und in dem Glauben gestorben,
dass ein neues Österreich auch für die Hinterbliebenen
der Opfer sorgen wird. Deshalb möchte ich im Namen
dieser drei Frauen und darüber hinaus im Namen der
Millionen Opfer heute hier allen drei Parteien zu bedenken
geben, dass es nicht angängig ist, dass bei den Familien
der Hinterbliebenen erst herumgefragt wird, ob sie
ein Einkommen haben und ob sie überhaupt bedürftig
sind (…) Die Männer und die Frauen, die den letzten
Widerstandskämpferin Rosa Jochmann: „Wenigstens in unseren
Träumen von jener furchtbaren Zeit frei werden.“
Gang zum Schafott gegangen sind – und es ist dies ein
schwerer Gang. Mag auch die Überzeugung noch so fest,
noch so tief und noch so innig gewesen sein – sie sind
gestorben mit dem Bewusstsein, dass ein neues Österreich
für ihre Kinder, für ihre Frauen und für ihre Männer
sorgen wird.“ 2
Dieser Beitrag basiert auf der Rede, die Ilse Korotin am
23. Jänner 2019 anlässlich des Internationalen Tages des
Gedenkens an die Opfer des Holocausts bei der Parlamentsveranstaltung
„Österreichische Frauen im Widerstand“ in
Wien gehalten hat.
1 Rosa Jochmann, Ein Kampf der nie zu Ende geht: Reden und Aufsätze.
Wien: Löcker Verlag, 1994.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 63
Von Christine Kanzler
Heldenhafte Frauen in der NS-Zeit
Die Zugehörigkeit zu bestimmten politischen
Milieus, Organisationen oder Religionsgemeinschaften
sowie eigene Diskriminierungserfahrungen
waren wichtige Faktoren, die eine Minderheit von
Frauen veranlasste, in der Zeit des Nationalsozialismus
heldenhaft Widerstand zu leisten.
sozialen und oft auch geografischen Radius, was von vielen
als durchaus attraktiv empfunden wurde. Aus dieser
Ambivalenz der weiblichen Geschlechterrolle heraus war
sowohl Kooperation mit dem Regime wie auch Widerstand
dagegen möglich. 1 Die Mehrheit der Frauen passte
sich dem totalitären System an, nur eine Minderheit
widersetzte sich dem allgegenwärtigen Druck.
Widerstand und Genderperspektive
Die nationalsozialistische Ideologie war gekennzeichnet
von einer extremen Polarisierung der Geschlechterrollen
und einem zutiefst antiemanzipatorischen Frauenbild.
Frauen und Männern waren jeweils unterschiedliche
soziale Handlungsfelder zugewiesen: Während Frauen
ihre Aufgabe in Ehe und Familie erfüllt sehen sollten –
als Produzentinnen „rassisch und erbbiologisch wertvollen“
Nachwuchses –, war der Bereich der Politik nahezu
exklusiv Männern vorbehalten. In der Praxis allerdings
ermöglichten das Engagement in den nationalsozialistischen
Frauenorganisationen, die Verpflichtung zum
Arbeitsdienst sowie Erwerbsarbeit in Rüstungsindustrie
und Verwaltung Frauen das Heraustreten aus der häuslichen
Sphäre und eine beträchtliche Erweiterung ihres
Briefmarke „Verfolgung und Widerstand 1933–1945“ der Deutschen
Bundespost von 1983: Die Weiße Rose symbolisierte das Thema
Was bewog diese Frauen, sich dem Regime mit seinen
Verfolgungsbehörden, oft im Wissen um die Konsequenzen
– Folter, Gefängnis, Zuchthausstrafen, Verurteilung
zum Tod, Deportation ins Konzentrationslager – entgegenzustellen?
Wichtige Faktoren der „Sozialisation zum Widerstand“
2 waren die Zugehörigkeit zu bestimmten
politischen Milieus bzw. Organisationen oder zu Religionsgemeinschaften.
Darüber hinaus weckten auch
Diskriminierungserfahrungen, etwa von Jüdinnen oder
Kärntner Sloweninnen, den Impuls, sich gegen das erlittene
Unrecht zur Wehr zu setzen. Zahlreiche Beispiele
belegen, dass intergenerationelle Beziehungen zwischen
Großmüttern, Müttern und Töchtern die Widerständigkeit
von Mädchen und Frauen geprägt haben.
Frauen waren an sämtlichen Gruppierungen und
Aktionsformen des österreichischen Widerstands beteiligt.
Zwar wurden wesentlich weniger Frauen als Männer,
die mit den NS-Gesetzen in Konflikt gerieten, aktenkundig,
doch belegen neuere Forschungen einen
Zusammenhang zwischen Geschlechterzugehörigkeit
und bestimmten Praxisbereichen des Widerstands. Delikte
im Zusammenhang mit humanitären Hilfeleistungen
rangieren vor jenen in anderen Kontexten des
Widerstands. So waren fast sechzig Prozent der von der
Gestapo erfassten Personen, die „verbotenen Umgang“
mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern pflegten,
Frauen, mehr als vierzig Prozent betrug ihr Anteil an Delikten
im Zusammenhang mit Kontakten zu Jüdinnen
und Juden. Diese eindeutigen Schwerpunkte politischer
Delinquenz von Frauen werden mit der Wirkmächtigkeit
der weiblichen Rollensozialisation erklärt. 3
FOTOS: PRIVAT, ARCHIV, NINI TSCHAVOLL
64
DAS JÜDISCHE ECHO
Seit 2010 gibt es in Wien-Landstraße, im Bereich der Aspanggründe, dieses Straßenschild mit Erläuterungen zu Josef und
Sidonie Rubin-Bittmann, die, selbst als U-Boote versteckt, anderen von den Nazis Verfolgten halfen. Die Benennung erfolgte, um Mut,
Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft zu ehren
Auch im Widerstand wurden traditionelle Rollenzuweisungen
fortgeschrieben. Nur selten drangen Frauen
in Männerdomänen vor, indem sie leitende Funktionen
besetzten oder mit der Waffe in der Hand kämpften.
Auf der anderen Seite wurden weibliche Rollenklischees
bewusst zur Täuschung der Verfolgungsbehörden eingesetzt.
Tätigkeiten wie Schmuggel von Flugschriften, Waffen
und Munition, Beschaffung lebenswichtiger Güter
oder Gewährung von Unterschlupf waren oft in den weiblichen
Alltagszusammenhang, etwa von Hausfrauen oder
Bäuerinnen, eingebettet, um ein unauffälliges Agieren zu
ermöglichen. So entstand jene Infrastruktur, ohne die ein
organisierter Widerstand gar nicht möglich gewesen wäre.
Aktionsfelder des weiblichen Widerstands 4
In den ehemals „roten Hochburgen“ der Industriegebiete
schlossen sich zahlreiche frühere Sozialdemokratinnen
der Kommunistischen Partei bzw. ihren Unterorganisationen
an, die im Gegensatz zu den Sozialdemokraten von
Beginn an für die Wiederherstellung der österreichischen
Eigenständigkeit eintrat und in der Folge zur stärksten
und opferreichsten Fraktion des Widerstands wurde. Ihre
Aktivistinnen waren an der Herstellung und Verbreitung
regimekritischer Flugblätter und Zeitungen beteiligt, die
das Meinungsmonopol der Machthaber durchkreuzen
sollten. Im Rahmen der „Roten Hilfe“ sammelten sie
Geldmittel zur Unterstützung der Familien von Inhaftierten.
Diese offiziell „überparteiliche“ Hilfsorganisation
für Opfer der politischen Repression war bereits seit
den 1920er-Jahren als Ländersektion der Internationalen
Roten Hilfe tätig und von der Führungsebene abwärts
maßgeblich von Frauen geprägt. Die Gruppe „Soldatenrat“
des Kommunistischen Jugendverbands, in der etliche
junge Frauen aktiv waren, stellte den Kampf gegen
den Krieg in den Mittelpunkt ihrer Agitation. In Feldpostbriefen
an einfache Frontsoldaten riefen sie diese zur
Beendigung des sinnlosen Mordens auf.
Im Widerstand des bürgerlichen Lagers fühlte man
sich, bedrängt durch die antikatholische Politik des NS-
Regimes, in erster Linie einem Österreich-Patriotismus
verpflichtet. Im Rückgriff auf autoritär-ständestaatliche
oder auch monarchistische Gesellschaftsvorstellungen
verschrieben sich etliche katholisch-konservative Gruppierungen
dem Kampf für ein eigenständiges (Groß-)
Österreich. Mit dem Aufbau eigener Frauengruppen
wurden die in diesem Milieu üblichen Organisationsformen
fortgesetzt. In der „Österreichischen Freiheitsbewegung“
um den Augustiner-Chorherrn Roman Karl
Scholz etwa war eine eigene „Frauenschaftsführerin“ für
die Betreuung und Anwerbung weiblicher Mitglieder
verantwortlich.
Die Unvereinbarkeit der nationalsozialistischen
Ideologie mit christlichen Werten führte zahlreiche Angehörige
von Religionsgemeinschaften in die Opposition.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 65
Anna Bertha Königsegg war eine katholische Nonne der Vinzentinerinnen.
1940 leitete sie eine Anstalt für geistig Behinderte bei
Schwarzach im Pongau. Gegen deren „Verlegung“ in Euthanasie-
Mordstätten wehrte sie sich so vehement, dass sie in Gestapohaft
kam. Sie überlebte und starb 1948 in Salzburg
Während die katholische Kirche als Institution die offene
Konfrontation vermied, gab es in ihren Reihen Persönlichkeiten,
die den Konflikt mit den NS-Behörden nicht
scheuten. Die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen
Vinzenz von Paul unter der Leitung ihrer Visitatorin
Anna Bertha von Königsegg widersetzten sich offen den
behördlichen Maßnahmen zur Euthanasie und konnten
etliche der in ihren Einrichtungen betreuten Behinderten
vor dem Abtransport in die Vernichtungsanstalt Hartheim
bewahren. Mit beeindruckender Konsequenz verweigerten
die Zeuginnen Jehovas nicht nur den Eintritt
in die nationalsozialistischen Massenorganisationen, sondern
auch die Arbeit in der Kriegsproduktion. Sie lehnten
es ab, die staatliche über die göttliche Autorität zu stellen,
und waren auch unter schwersten Repressalien nicht bereit,
sich von ihrer Gesinnung loszusagen.
Im bewaffneten Widerstand leisteten Frauen unverzichtbare
Unterstützung bei der Aufrechterhaltung von
Infrastruktur und Kommunikation. Weder die obersteirische
Partisanengruppe Leoben-Donawitz noch die
transnational operierende slowenische Befreiungsfront
z. B. hätten ohne die Kurierdienste ihrer Helferinnen,
die Lebensmittel, Medikamente oder Waffen in die
Stützpunkte transportierten, ihren Kampf führen können.
Nur wenige Frauen nahmen als bewaffnete Kämpferinnen
den Weg in den Untergrund, wie z. B. einige
Kärntner Sloweninnen. Dieser Schritt erfolgte nicht aus
freien Stücken, sondern war der letzte Ausweg vor einer
drohenden Verhaftung. Die Befreiungsbewegung verfügte
seit 1943 auch über eine eigene Frauenorganisation,
die Antifaschistische Frauenfront, die in Südkärnten ein
Netz von lokalen Ausschüssen unterhielt.
Auch in den Exilländern leisteten Österreicherinnen,
die aufgrund politischer oder rassistischer Verfolgung
ihre Heimat verlassen hatten müssen, ihren Beitrag
zur Bekämpfung des nationalsozialistischen Regimes. In
Frankreich und Belgien schlossen sich viele der „Travail
allemand“, der Sektion der deutschsprachigen Flüchtlinge
innerhalb der Résistance, an. Eine besonders riskante
Form des Einsatzes von Weiblichkeit im Widerstand war
die sogenannte „Mädelarbeit“, die von österreichischen
Exilantinnen (hauptsächlich Kommunistinnen, aber
auch Trotzkistinnen) durchgeführt wurde. Junge Frauen,
großteils jüdischer Herkunft und meist als Elsässerinnen
getarnt, um ihre guten Deutschkenntnisse plausibel zu
machen, knüpften scheinbar freundschaftliche Kontakte
zu Wehrmachtssoldaten und versuchten, sie zum Verteilen
von Propagandamaterial oder zur Desertion zu bewegen.
Auch der Eintritt in die Armeen der Alliierten
bot zahlreichen Österreicherinnen eine Möglichkeit des
antifaschistischen Engagements. In der britischen Armee
beispielsweise dienten einige hundert österreichische
Emigrantinnen in Frauenkorps wie dem Auxiliary Territorial
Service als Köchinnen, Sekretärinnen, Übersetzerinnen
oder Krankenschwestern; qualifizierte Tätigkeiten
waren eher die Ausnahme.
Wie bereits ausgeführt, zeigen Hilfeleistungen für
Verfolgte eine auffallende Dominanz in der Palette widerständigen
Handelns von Frauen. Diese aus Solidarität
und Mitmenschlichkeit resultierenden Verstöße gegen
Gesetze und Normen des NS-Staates, vielfach abseits
des organisierten Widerstands auf individueller Basis
unternommen, werden heute als typisch weibliche Form
des Widerstands bewertet. So standen viele in der Rüstungsindustrie
dienstverpflichtete Frauen dem Schicksal
der ausländischen Zwangsarbeiter nicht gleichgültig gegenüber
und missachteten das strikte Kontaktverbot, um
ihnen Lebensmittel, Kleidung oder andere Bedarfsgüter
zuzustecken oder kleine Hilfsdienste wie Wäschewaschen
zu übernehmen. Auch der Rettungswiderstand – die Beherbergung
und Unterstützung jüdischer Deportationsflüchtlinge
– war hauptsächlich von Frauen getragen.
Hier entstanden kleine Netzwerke, um die schwierige
Versorgung eines „U-Boots“ mit den kriegsbedingt ratio-
FOTO: ARCHIV
66
DAS JÜDISCHE ECHO
nierten Gütern des täglichen Bedarfs sicherzustellen. Zu
diesen Unterstützungsleistungen zählten darüber hinaus
Hilfe bei der Flucht ins Ausland oder die Beschaffung falscher
Papiere. Rund tausend im Raum Wien versteckten
„U-Booten“ wurde von ihren Helferinnen und Helfern
das Überleben ermöglicht. 5 Der Entschluss von durch
die Nürnberger Gesetze als Jüdinnen und Juden klassifizierten
Menschen, sich der tödlichen Verfolgung zu entziehen,
muss schließlich selbst als Akt des Widerstands
begriffen werden. Untertauchen war nur eine der Überlebensstrategien
der Opfer. Sie widersetzten sich mit großem
Mut den diskriminierenden Vorschriften wie der
Kennzeichnungspflicht durch den gelben Stern, wagten
den illegalen Grenzübertritt ins Ausland oder flüchteten
nach ihrer Deportation aus den Ghettos des Generalgouvernements,
um nach Österreich zurückzukehren.
Selbst in Gefängnissen und Konzentrationslagern
leisteten Frauen Widerstand, indem sie sich und andere
der Vernichtungsintention der nationalsozialistischen
Verwaltung zu entziehen versuchten. Die Besetzung
wichtiger Funktionen in der Lagerselbstverwaltung durch
politische Häftlinge ermöglichte die Versorgung von Kameradinnen
mit zusätzlicher Nahrung, die Vermittlung
auf weniger kraftraubende Arbeitsplätze oder das Manipulieren
von Identitätskarten. Akte der Selbstbehauptung
wie etwa gemeinsames Singen dienten der Stärkung der
psychischen Widerstandskraft. Auch die unspektakulärste
Handlung, der kleinste Freundschaftsbeweis konnte unter
diesen extremen Bedingungen lebensrettend sein.
Geschlechtsspezifische Verfolgung
Obwohl die nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden
mit brutaler Härte gegen weibliche Widerstandskämpfer
vorgingen, gab es geschlechtsspezifische Unterschiede
in der Sanktionierung von Widerstandsaktivitäten.
Patriarchale Geschlechterstereotype kamen auch bei
der Urteilspraxis der NS-Gerichte zum Tragen. Ein typisches
Argumentationsmuster in Urteilsbegründungen
war, Frauen politisches Bewusstsein und eigene Entscheidungskompetenz
abzusprechen: „Die Angeklagte war
ein willfähriges Werkzeug in der Hand ihres Geliebten
‚Hansl‘, der ihre unbedingte Bereitschaft, ihm zu Gefallen
zu sein, für seine politischen Umtriebe ausnutzte.“ 6
Es gehörte allerdings auch zur Verteidigungsstrategie
von Frauen, sich den Repressionsorganen gegenüber als
harmlos und unbedarft darzustellen. Konträr dazu lesen
sich Beurteilungen wie jene einer später hingerichteten
Tiroler Sozialistin, der eine hohe Intelligenz bescheinigt
www.iv.at
Euröpäisch
Industrie 4.0 – wir bringen Europa weiter.
Die Salzburgerin Marie Haslauer
und ihr Mann Johann waren Zeugen
Jehovas. Johann wurde 1939 als
Kriegsverweigerer im KZ Sachsenhausen
ermordet. Marie kam mit Tochter
Antonia nach Ravensbrück. 1942
wurde sie mit weiteren Frauen, die
Kriegsarbeit verweigerten, in Auschwitz
ermordet. Antonia überlebte
Elfriede Hartmann aus Wien musste
1940 als „Mischling“ ihr Studium
abbrechen. Durch ihren Freund Rudolf
Masl kam sie zur KP-Jugend. Sie
verfassten antifaschistische Briefe an
Wehrmachtsangehörige. 1943 wurden
die 22-jährige Elfriede und der 23-jährige
Rudolf deswegen im Landesgericht
exekutiert
Die Wienerin Edeltrud Becher
durfte den Verlobten, einen jüdischen
Tschechen, nicht heiraten. Er kehrte
nach Prag zurück, kam aber im Juli
1942 samt zwei Brüdern nach Wien.
Edeltrud versteckte sie und brachte
sie mithilfe von Freunden durch. Sie
wurde dafür als „Gerechte unter den
Völkern“ geehrt
wurde; sie habe sich „mit einer für eine Frau geradezu
beispiellosen Einsatzbereitschaft“ für ihre Organisation
betätigt, „deren Fäden sie in der Hand hielt“ 7 . Todesurteile
in Hochverratsverfahren vor dem Volksgerichtshof
wurden „nur“ gegen 5,9 Prozent der weiblichen Angeklagten
verhängt. Diese wurden offenbar als weniger
gefährlich eingeschätzt als ihre männlichen Mitkämpfer. 8
Kommunistinnen wurden jedoch häufiger zum Tod
verurteilt als Frauen aus dem katholischen Widerstand.
Die jüngste hingerichtete Widerstandskämpferin war
eine erst achtzehnjährige Jungkommunistin. 9 Auf keinerlei
Rücksichtnahme konnten Widerstandskämpferinnen
jüdischer Herkunft rechnen, die ab 1943 ohne Gerichtsverfahren
in die Konzentrations- und Vernichtungslager
deportiert wurden. Die Gesamtzahl der weiblichen Todesopfer
politischer Verfolgung betrug sieben Prozent. 10
Fest steht, dass Frauen gerade durch ihre Widerstandstätigkeit
die ihnen zugewiesene Rolle durchbrochen haben.
Rezeption weiblichen Widerstands
Der Widerstand von Frauen wurde in Politik, Forschung
und Erinnerungskultur erst spät in seiner Bedeutung
erfasst. Dies war einem verengten Verständnis des
Begriffs „Widerstand“ geschuldet, das diesen im Wesentlichen
auf politische und militärische Aktivitäten innerhalb
von Parteien und Organisationen reduzierte. Dieser
Auslegung entsprach auch die frühe Opferfürsorgegesetzgebung,
die Entschädigungsleistungen nur an Personen
vorsah, die im politisch organisierten Widerstand
aktiv gewesen waren. Dadurch fielen zahlreiche von
Frauen gesetzte Widerstandshandlungen nicht unter den
Interpretationsrahmen des Gesetzes, auch wenn diese
eine Verfolgung nach sich gezogen hatten. 11
In der Widerstandsforschung setzte sich erst ab
den 1970er-Jahren eine differenziertere Konzeption
von „Widerstand“ durch, die eine Vielzahl von gegen
das NS-Regime gesetzten Handlungen auch außerhalb
des traditionellen politischen Handlungsspektrums berücksichtigte.
Unter dem Einfluss der Frauenbewegung
sowie durch Anwendung von Forschungsmethoden wie
der Oral History wurde schließlich eine Neubewertung
des weiblichen Widerstands ermöglicht und dessen Protagonistinnen
seither in zahlreichen Publikationen eine
Stimme verliehen. 12
Ebenso spät wurde den Frauen seitens des offiziellen
Österreichs Anerkennung zuteil 13 , nachdem viele
einen entwürdigenden und oft vergeblichen Kampf um
Opferrenten und Entschädigungen führen mussten, die
durch Folter, Haft und Verlust von Angehörigen erlittene
körperliche und psychische Schädigungen ohnehin
nur symbolisch abgelten konnten. Die Orientierung der
Frauen des Widerstands an der Richtschnur des eigenen
FOTOS: COLL. YAD., ARCHIV
68
DAS JÜDISCHE ECHO
Gewissens, die sie gegen die damaligen Gesetze verstoßen
ließ, ihr Mut, ihre Mitmenschlichkeit, ihr Einstehen
für Überzeugungen oder, um mit dem Historiker Karl
Stadler zu sprechen, einfach ihr Versuch, anständig zu
bleiben, stehen jedenfalls heute auch im offiziellen politischen
Diskurs moralisch außer Zweifel.
Als Zeitzeuginnen haben ehemalige Widerstandskämpferinnen
und Verfolgte dazu beigetragen, die Erinnerung
an die Verbrechen des NS-Regimes aufrechtzuerhalten,
zugleich traten sie als Mahnerinnen gegen
ein Wiederaufleben nationalsozialistischer und totalitärer
Tendenzen auf. Die Frauen der Lagergemeinschaft
Ravensbrück haben diese Verknüpfung von Erinnerungsarbeit
und politischem Auftrag für die Gegenwart
in einer Präambel zu ihren Vereinsstatuten festgeschrieben.
14 Ihre Sorge um Demokratie und Menschenrechte
erscheint angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung
in Österreich und vielen Teilen Europas mehr
als berechtigt.
Die öffentliche Abwertung, Verunglimpfung und
Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen aufgrund
ihrer Herkunft, Religion und sozialen Klasse ist längst
vom gesellschaftlichen Rand in die Mitte gerückt und
prägt den politischen Diskurs. Hassrhetorik findet nicht
bloß in der Anonymität der sozialen Netzwerke statt, die
Akteure finden sich auch in höchsten politischen Funktionen.
Der Einsatz antisemitischer Codes und rassistischer
Stereotype in öffentlichen Äußerungen ist dabei
keineswegs eine zufällige Anhäufung von Entgleisungen,
sondern Methode. Migranten und Geflüchtete unter den
Generalverdacht des sozialen Missbrauchs und Betrugs
zu stellen, gehört heute nicht mehr ausschließlich zum
rhetorischen Inventar der extremen Rechten. Schutzsuchenden,
die vor Diskriminierung, Krieg und unwürdigen
Lebensverhältnissen fliehen, wird die Schutzwürdigkeit
abgesprochen, internationales Recht und
Menschenrechtspakte werden im Kontext von Flucht
und Migration offen infrage gestellt. Mitmenschen,
Nachbarn, Freunden wird ohne Rücksicht auf Bindungen,
die sie in der neuen Heimat geknüpft haben, das
Aufenthaltsrecht verwehrt. Auf der anderen Seite ist humanitäres
Engagement selbst namhafter Institutionen
der Diffamierung, in einigen Ländern sogar der Kriminalisierung
ausgesetzt. So werden Meinungen gebildet
und Haltungen verstärkt, die von der Ebene des Wortes
hin zu konkreten Handlungen führen. Das Sinken der
Hemmschwelle für physische Übergriffe steht in direktem
Zusammenhang mit diskriminierenden Kampagnen
gegen Minderheiten. 15
Die Frauen des Widerstands haben ihre historische
Erfahrung, oft in einem schmerzvollen Prozess, mit uns
geteilt. Dieses Wissen kann dazu dienen, den Blick für
aktuelle Bedrohungen von demokratischen Strukturen
und Menschenrechten zu schärfen und für das Dagegenhalten
verfügbar gemacht werden. 2
1 Vgl. Ingrid Bauer, Eine frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektive
des Nationalsozialismus. In: Emmerich Tálos/Ernst Hanisch/
Wolfgang Neugebauer/Reinhard Sieder (Hg.): NS-Herrschaft in Österreich.
Ein Handbuch, Wien 2000, S. 409‒443, bes. 411ff., 425‒429,
436.
2 Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr, Vom Leben und Überleben
– Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung,
Wien 2001 (Bd. 1: Dokumentation und Analysen), S. 48.
3 Vgl. Brigitte Bailer/Gerhard Ungar, Die Zahl der Todesopfer politischer
Verfolgung – Ergebnisse des Projekts. In: Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstandes (Hg.), Opferschicksale. Widerstand
und Verfolgung im Nationalsozialismus. 50 Jahre Dokumentationsarchiv
des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2013, S. 119‒122.
4 Das vielfältige Spektrum des Widerstands von Frauen kann hier nur
schlaglichtartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit dargestellt werden.
Eine Überblicksdarstellung zum österreichischen Widerstand bietet
Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand 1938–1945,
Wien 2008, überarb. u. erw. Fassung 2015; zum Widerstand von Frauen
vgl. Karin Berger/Elisabeth Holzinger/Lotte Podgornik/Lisbeth N. Trallori
(Hg.), Der Himmel ist blau. Kann sein. Frauen im Widerstand.
Österreich 1938–1945“, Wien 1985; Christine Kanzler/Ilse Korotin/
Karin Nusko (Hg.), „… den Vormarsch dieses Regimes einen Millimeter
aufgehalten zu haben …“. Österreichische Frauen im Widerstand
gegen den Nationalsozialismus, Wien 2015.
5 Sechzig Prozent der Helfenden und knapp über die Hälfte der insgesamt
mehr als 1600 Untergetauchten waren Frauen. Vgl. Brigitte
Ungar-Klein: Schattenexistenz. Jüdische U-Boote in Wien 1938–1945,
Wien 2019, S. 97, 109.
6 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, DÖW
19.793/29, Urteil des VGH gegen Helene Endlicher, 16.4.1943.
7 Urteil des VGH, 28.5.1943, zit. in: Gisela Hormayr, Josefine
Brunner, Wörgl. Eine Frau vor dem NS-Volksgerichtshof. In: Alexandra
Weiss/Elisabeth Gensluckner/Monika Jarosch/Horst Schreiber
(Hg.): Gaismair-Jahrbuch 2011. in bewegung, Innsbruck [u. a.] 2010,
S. 98‒105, hier: 102.
8 Vgl. Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand
1938‒1945, in: DÖW, Jahrbuch 2013, S. 236‒238.
9 Anna Gräf (28.3.1925 – 11.1.1944).
10 Vgl. Bailer/Ungar, in: DÖW, Jahrbuch 2013, S. 119.
11 Vgl. Brigitte Bailer, WiderstandskämpferInnen und politisch Verfolgte
in der Zweiten Republik. In: DÖW, Jahrbuch 2013, S. 283‒305,
hier: 299‒305; Andrea Strutz, Steirische Widerstandskämpferinnen
und ihre Erfahrungen in der Opferfürsorge. In: Christine Kanzler/Ilse
Korotin/Karin Nusko (Hg.), „… den Vormarsch dieses Regimes einen
Millimeter aufgehalten zu haben … Österreichische Frauen im Widerstand
gegen den Nationalsozialismus, Wien 2015, S. 276‒295.
12 Standardwerke wurden vorgelegt von Berger [u. a.] 1985 (s. Fn. 4);
Karin Berger/Elisabeth Holzinger/Lotte Podgornik/Lisbeth N. Trallori
(Hg.), „Ich geb dir einen Mantel, daß du ihn noch in Freiheit tragen
kannst. Widerstehen im KZ. Österreichische Frauen erzählen“, Wien
1987.
13 1976 wurde ein Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung
Österreichs gestiftet.
14 https://www.ravensbrueck.at/oesterreichische-lagergemeinschaftravensbrueck/.
15 Die Meldestelle ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit)
verzeichnet von Jahr zu Jahr steigende Zahlen an rassistischen Übergriffen
in Österreich (https://www.zara.or.at/de/wissen/publikationen/
rassismusreport).
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 69
Von Daniela Segenreich
Die ‚Kibbuznikit‘ vom Wiener Schwedenplatz
Wie Liselotte als junge Frau zu Chaja wurde
und in Pioniersiedlungen an Geheimprojekten
zum Schutz des entstehenden Staates Israel
mitwirkte.
Chaja Cnaani liebt es auch noch im Alter von 88 Jahren,
den Wiener Fleischmarkt entlangzuflanieren und
über den Schwedenplatz zu schauen, allerding virtuell
auf Google Earth von ihrem Computer aus. Es sind nostalgische
Spaziergänge, denn sie lebt seit vielen Jahren
in Ma’agan Michael, einem Kibbuz an der israelischen
Küste, etwa sechzig Kilometer nördlich von Tel Aviv, den
sie als Pionierin mitgegründet hat. Doch eigentlich ist
Chaja Wienerin und im ersten Bezirk aufgewachsen.
Wir trafen einander erstmals bei Dreharbeiten für
eine Fernsehdokumentation über Altösterreicher, die
Wien vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten.
Chaja war damals schon über achtzig und kam mir auf
einem kleinen Elektrofahrzeug, wie sie in den Kibbuzim
von älteren Leuten oft verwendet werden, bis zum Parkplatz
entgegen. (Damals wusste ich noch nicht, wie sportlich
sie immer noch war und dass sie mich bei späteren
Treffen im Freibad des Kibbuz beim Schwimmen noch
überholen würde.) Es war Anfang November, aber noch
mild, und die kleinen Gärten um die Kibbuz-Häuschen
waren noch üppig grün. Ich folgte meiner Gastgeberin
in ihr gemütliches Heim nur wenige Gehminuten vom
Strand entfernt.
Liselotte aus Wien
Hoch in den Achtzigern liebt es Chaja Cnaani über den Schwedenplatz
zu flanieren, allerding virtuell und auf Google Earth
Ich lernte Chaja Cnaani als eine kluge und warmherzige
Frau kennen, eine Kibbuznikit, also eine Frau aus dem
Kibbuz, die im Israel der 1940er-Jahre unter schwersten
Bedingungen drei dieser Gemeinschaftssiedlungen mitaufgebaut
hat. Doch schnell waren wir bei ihren Erinnerungen
aus der alten Heimat: „Das Zuckerlgeschäft
am Fleischmarkt, wo ich mir immer am Nachhauseweg
von der Schule eine Schokolade gekauft habe, gibt’s noch
immer! Ich war letztes Jahr erstmals nach so langer Zeit
wieder in Wien und habe gleich nachgeschaut … Und
auch das Schirmgeschäft am Schwedenplatz ist noch da!“
Chaja, damals noch Liselotte, hatte am Schwedenplatz 2
gewohnt und bis zum Alter von zwölf Jahren ein bürgerliches,
sicheres Leben gelebt, umgeben von ihren Eltern,
ihrem Bruder und den Tanten, Onkeln und Cousins.
Bis zu jenem für sie so traumatischen Tag im Jahr 1938,
FOTO: PRIVAT
70
DAS JÜDISCHE ECHO
als ihre Eltern vor dem Naziregime nach Schanghai
flüchteten und sie bei einer Tante zurückließen, weil sie
dachten, die Flucht und das Leben in Schanghai wären
zu gefährlich und anstrengend für ein knapp zwölfjähriges
Kind: „Sie wollten nicht, dass ich zum Bahnhof
mitkomme, aber ich bin trotzdem irgendwie hingegangen
und habe sie noch in den Zug einsteigen gesehen.
Danach bin ich wie verloren durch die Stadt gelaufen
und muss das Bewusstsein verloren haben. Ich erinnere
mich nur daran, dass ich in der Wohnung meiner Tante
im Bett aufgewacht bin.“
Kurz danach konnte Liselotte als jüdisches Mädchen
in Österreich nicht mehr zur Schule gehen. Sie lernte zu
Hause und wartete auf ihre Einreisegenehmigung ins
damalige Palästina. Nach etwa eineinhalb Jahren war es
dann so weit und sie konnte die lange Reise mit Zug und
Schiff antreten. In einem Brief an ihre Eltern, den sie erst
vor kurzem für einen Leseabend adaptiert hat, beschreibt
sie ihre Erlebnisse und Gefühle aus dieser Zeit:
Papa, Mutti, wie sehr ich euch vermisse!
Ich schreibe euch und weiß gar nicht, ob dieser Brief
euch jemals erreichen wird. Ich weiß, dass es euch nicht
gut geht in Schanghai unter dem brutalen japanischen
Regime und fühle mit euch.
Ich bin jetzt im Kibbuz Ein Gev, und endlich fühle
ich, dass ich am Leben bin. Die Zeit im Internat in Jerusalem
war für mich sehr schwer, ohne Familie und ohne
Sprache, und ich war verwirrt und alleine und verstand
nicht, wer ich eigentlich bin und wohin ich gehöre.
Mutti, erinnerst du dich an die Holztruhe, die du
mir vorbereitet hast, mit allen Dingen, die mir lieb waren?
Den Büchern, Kleidern, Spielsachen … Sie sind nie
angekommen, alles wurde mir gestohlen, als ich mit den
vielen anderen Kindern aufs Schiff ging. Aber diese Truhe
hat mich in meinen Gedanken immer begleitet, alle meine
Träume, meine ganze Sehnsucht, waren da drinnen,
alles, was ich so gerne wollte und nicht hatte, beinahe
war ich selbst in der Truhe. Alles, was um mich herum
geschah, war mir unverständlich, ich war ein verlorenes
Kind, traurig und verwahrlost, ohne Gefühle.
Aber jetzt, in Ein Gev, da gibt es so großartige junge
Leute, die den Kibbuz am See Genezareth aufbauen, und
die haben unsere Gruppe gebeten, ihnen dabei zu helfen.
[…] Sie sind etwa Mitte zwanzig und kommen uns ‚sehr
alt‘ vor. Und ich habe zwei Gruppenleiter, die sich um
mich kümmern und immer für mich da sind.
Plötzlich wache ich auf und fühle, dass ich wirklich
lebe, dass ich dazugehöre. Ich verstehe plötzlich, was dieses
Land ist, das die Jungen aufbauen, und ich bin ein Teil
davon. Plötzlich verstehe ich trotz allem Schmerz, dass das
mein Land ist und dass ich gerettet worden bin ...
Doch für keinen Moment vergesse ich Wien und unsere
liebe große Familie und frage mich, wo sie alle sind
und wie es ihnen geht. Papa, Mutti, ihr seid in meinem
Herzen immer bei mir, ich liebe euch und mache mir
Sorgen um euch.
Liselotte
Sie unterschrieb ihre Briefe an die Eltern noch mit Liselotte,
doch sie war längst Chaja, was so viel wie „die Lebendige“
bedeutet, braungebrannt und voll Leben. Sie arbeitete
im Kibbuz mit einer Gruppe von Kindern, setzte ihr
Schwimmtraining fort – in Wien hatte sie im jüdischen
Sportklub Hakoah trainiert –, konnte sogar den See
durchqueren und ritt eine weiße Stute aus dem Kibbuz.
Leben im Kibbuz
Ein Gev liegt am Ostufer des Sees Genezareth, nahe an
den Hügeln, die damals noch zu Syrien gehörten und von
wo die Syrer immer wieder hinunterschossen. Einmal
besuchte Chaja zum Wochenende Freunde am Südufer
des Sees. Sie hatte versprochen, rechtzeitig für ihre Arbeit
mit den Kindern zurück zu sein, und als sie die Fähre verpasste
und es keine Fahrmöglichkeit zurück gab, ging sie
kurz entschlossen zu Fuß. Prompt wurde sie von Arabern
am Weg festgenommen und eingesperrt. Es gelang ihr,
aus dem Fenster zu klettern und zu flüchten. Zu Hause
angekommen dachte sie, man würde sie für ihren Mut
loben: „Doch ich bekam nur eine auf den Deckel, was mir
denn eingefallen wäre, mich in solche Gefahr zu begeben“,
erinnert sie sich an ihr Abenteuer.
Chaja war mittlerweile bereits mit David befreundet,
ihrem späteren Mann. Die Hochzeit war, wie so vieles in
dieser stürmischen Zeit, abenteuerlich, denn sie fand mitten
im israelischen Unabhängigkeitskrieg statt. Für Ringe
gab es kein Geld, also borgte man welche von Freunden.
Chaja trug, wie die meisten Kibbuz-Mädchen, kurze
Hosen, Sandalen und zur Feier des Tages einen weißen
Sarafan: „Das war damals fast ein ‚Nationalkleid‘, ärmellos,
der russischen Tracht nachempfunden, aber viel einfacher,
und mit einer weißen Bluse darunter. Nach der
Zeremonie ging’s zum Eisessen auf die Tel Aviver Allenby
Straße, für mehr reichte es nicht.“ Kurz darauf wurde David
von britischen Soldaten im Rahmen einer Razzia festgenommen
und in ein Auffanglager gebracht. Auch Chaja
wurde arretiert, konnte aber flüchten. Um mit ihrem
Ehemann in Kontakt bleiben zu können, fand sie eine
kreative Lösung: Sie gab kurze Inserate in der damaligen
„Arbeiterzeitung“ auf, aus denen David erfahren konnte,
wo sie gerade war und wie es ihr ging.
Modernisiertes Kibbuzleben
Heute ist Ma’agan Michael ein blühender, reicher Kibbuz
und Chaja ist sichtlich stolz darauf, hat sie doch von
Anfang an beim Aufbau mitgewirkt und bis zu ihrer Pensi-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 71
onierung immer mitgearbeitet und mitentschieden, zuerst
als Buchhalterin in der Verwaltung des Kibbuz, später in
großen Konzernen außerhalb. Es gibt Fischteiche, zwei
große Fabriken, Orangenhaine, Bananen- und Avocadoplantagen,
einen wunderschönen Strand, ein modernes
Schwimmbad, hübsche Cottages inmitten von grünen
Gärten und einen riesigen Speisesaal mit Blick aufs Meer.
Immerhin leben hier heute etwa 2000 Menschen.
Die einst sozialistischen Landwirtschaftssiedlungen
haben, sofern sie die ökonomischen und politischen Krisen
überlebt haben, im Laufe der Jahre große strukturelle
Veränderungen durchgemacht. Wurde anfangs das
Ideal gelebt, dass alle gleich sind, und alles allen gehört,
so wuchsen manche Kibbuzim zu großen Unternehmen
mit Spitzenmanagern, deren Gehälter ihrem Job angepasst
wurden. Manche Mitglieder arbeiten auswärts,
andererseits werden Angestellte von außen angeheuert,
wenn es nötig ist. In Chajas Kibbutz verdienen die Topmanager
noch immer gleich viel wie die Arbeiter in der
Wäscherei. Die Kinderhäuser, wo alle Kinder gemeinsam
aufgezogen wurden und auch über Nacht blieben, sind
aber auch hier längst abgeschafft.
Und die Familien nehmen auch nicht mehr alle
ihre Mahlzeiten im gemeinsamen Speisesaal ein wie früher
einmal. Um eine faire Abrechnung zu ermöglichen,
wurden deswegen Kupons eingeführt, und nachdem wir
unsere Teller mit Salaten, Fisch und gefüllten Crêpes
beladen haben, bezahlt Chaja damit an der Kasse unser
gemeinsames Mittagessen. Ihr Häuschen ist, wie die
meisten in Ma’agan Michael, langsam gewachsen und
beherbergt heute schon zwei kleine Badezimmer und
zwei Schlafzimmer, sodass auch manchmal eines ihrer
Enkelkinder bei ihr übernachten kann.
Das Wiedersehen
Chaja Cnaani in Selfie-Pose, in die Mitte genommen von Autorin
Daniela Segenreich und dem ORF-Dokumentarfilmer Tom Matzek
Lesetipp:
Daniela Segenreich
Zwischen Kamelwolle und Hightech
Starke Frauen in Israel
Styria Verlag, 2014
Ihren Vater hat Chaja nie wieder gesehen, er starb in
Schanghai. Ihre Mutter kam erst viele Jahre später, nach
vielen Irrwegen, nach Israel, als Chaja selbst schon Mutter
war. Ihre Beziehung zueinander war nicht einfach:
„Sie hat versucht, die Zeit zurückzudrehen, und wollte
in mir noch das kleine Mädchen von damals sehen. Ich
habe mich um sie gekümmert, aber unbewusst hat mich
immer das Gefühl begleitet, verlassen worden zu sein.
Und sie hat das wohl gespürt, wir sprachen aber nie darüber.
Erst wenige Tage vor ihrem Tod hat sie plötzlich
zu mir gesagt: ‚Ich weiß, dass du denkst, ich hätte dich
verlassen.‘ All diese Jahre hatte sie mit dem Verlust ihrer
Kinder gelebt und nie darüber gesprochen.“
Mit ihren drei Söhnen hat Chaja eine bessere Beziehung,
der jüngste von ihnen, ein Bildhauer, wohnt
mit seinen Kindern auch in Ma’agan Michael. Ihr mittlerer
Sohn wurde im Jom-Kippur-Krieg von Granatsplittern
verletzt und verlor sein Augenlicht. Chaja
kämpfte wie eine Löwin, fuhr mit ihm sogar für Monate
zu Behandlungen in die USA, aber es half alles nichts, er
blieb blind.
Heute hat sie sich damit abgefunden und sieht das
halbvolle Glas. Aus der traurigen, verlassenen Liselotte
Laub aus Wien ist eine starke Frau mit einem erfüllten
Leben geworden: „Mein Stolz ist meine große Familie,
die immer weiter wächst, und ich als starke Säule inmitten
von ihnen, meinen drei Kindern, zehn Enkelkindern,
zehn Urenkeln und fünf Hunden, darunter ein Blindenhund.“
Heute ist sie froh, dass sie im Kibbuz geblieben und
nicht, wie viele andere, in die Stadt gezogen ist: „Wir waren
ja so verrückt damals, als wir jung waren. Aber jetzt
ist Ma’agan Michael einer der schönsten Kibbuzim, und
das Leben hier ist reichhaltig und fröhlich.“ Nicht alle
Immigranten hatten so viel Kraft und vielleicht auch so
viel Glück wie Chaja. 2
Abdruck aus dem Buch „Zwischen Kamelwolle und Hightech“
mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.
Chaja und die Untergrundfabrik, Seite 74
FOTO: PRIVAT
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DAS JÜDISCHE ECHO
400 Jahre Tradition
im ältesten Hotel von Wien
Österreichische Gastlichkeit ist seit jeher eine lang gehegte
Tradition im Hotel Stefanie, dem ältesten Hotel Wiens.
Rückwirkend bis ins Jahr 1600 finden sich Aufzeichnungen
über eine Gastwirtschaft auf der Taborstraße 12.
Schon seit über 130 Jahren befindet sich das
Traditionshotel im Besitz der Familie Schick, die es sich zur
Verpflichtung gemacht hat, diese Tradition zu wahren und
ganz im Sinne von „Wiens charmante Privathotels“ weiterzuführen.
Der Geist vergangener Tage trifft hier auf moderne
Annehmlichkeiten. Im Mittelpunkt des Hotellebens steht
der Gast, so dass er sich rundum betreut und immer herzlich
willkommen fühlt. Rücksicht auf spezielle Wünsche
und religiöse Gebote sind eine Selbstverständlichkeit.
Gerne servieren wir Ihnen auf Wunsch ein koscheres
Frühstück.
Der unterteilbare, klimatisierte Festsaal des Restaurant
Stefanie ist ideal um Ihre Bar Mizwa-Feier oder Ihre
Hochzeit zu arrangieren.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch im
SCHICK HOTELS -
WIENS CHARMANTE
PRIVATHOTELS
Hotel Stefanie
1020 Wien, Taborstraße 12
Tel. +43 (1) 211 50-0, Fax +43 (1) 211 50-160
E-Mail: stefanie@schick-hotels.com
www.schick-hotels.com
Zehn Meter unter der Erde
Chaja erinnert sich 2019 an ihre
Zeit im Untergrund
Bevor Chaja nach Ma’agan Michael ging, wurde sie
gemeinsam mit einigen jungen Leuten aus ihrem „Garin“,
der Kerngruppe, die den Kibbuz aufbauen sollte, für eine
streng geheime Mission ausgewählt. Einsatzort war ein
anderer Kibbuz, der gerade zwischen pastoralen Hügeln
und Feldern nahe der Stadt Rehovot entstand. Es sollte
so aussehen, als würde die Gruppe diese südöstlich von
Tel Aviv gelegene Gemeinschaftssiedlung weiter ausbauen.
Doch in Wirklichkeit würden „die Geheimagenten“ in
der unter der Waschküche verborgenen Munitionsfabrik
arbeiten.
Der Kibbuz war nur der Deckmantel für dieses Unternehmen:
„Oben flatterte die Wäsche im Wind und unten
haben wir Gewehrkugeln hergestellt“, erläutert Chaja. Es
war nicht nur ein geheimes, sondern auch ein ziemlich
gefährliches Projekt, denn die Fabrik befand sich in unmittelbarer
Nähe des britischen Hauptquartiers oder, wie
Chaja es beschreibt, „genau unter der Nase der Briten“,
und der jüdischen Bevölkerung war es damals strengstens
verboten, Waffen zu besitzen oder zu fabrizieren.
Die Räumlichkeiten der „Chalka“, wie sie den Ort
nannten, sind bis heute als Museum erhalten, und man
kann noch die Waschküche mit der riesigen Waschmaschine
sehen, die vorgeblich dazu da war, das Bettzeug
aus der Geburtsklinik von Rehovot zu waschen. Doch
eigentlich tarnte sie die direkt darunter liegende Falltüre
und eine Metalltreppe, die zehn Meter in die Tiefe zu der
verborgenen Fabrik führte. So weit unter der Erde konnte
diese Aktivität nicht von den Detektoren der Briten aufgespürt
werden. Die Lüftung ging durch das Abluftrohr der
ebenfalls über der Fabrik gelegenen Bäckerei, und in dem
Komplex wurde auch eine Spenglerei betrieben, um den
hohen Elektrizitätsverbrauch zu vertuschen. Kein Außenstehender,
weder Gäste noch Familie der Beteiligten,
durfte von dem Projekt wissen, nicht einmal die anderen
Kibbuzmitglieder, die nicht bei der Munitionsproduktion
mitarbeiteten. Die Mitwisser wurden kodiert als die „in den
Bund von Vater Avraham Aufgenommenen“ betitelt. Alle
„Unwissenden“ wurden in der Gruppe der Eingeweihten
„Ha Girraffot“ genannt, „die Giraffen“.
Chajas Aufgabe war es unter anderem, „den Sprengstoff
in die Kugeln zu stopfen“, diese wurden dann in
Milchkanistern unauffällig nach oben gebracht und so
aus dem Kibbuz geschmuggelt: „Wir waren sehr stolz,
dass die Leute von der Hagana uns für diese wichtige
Aufgabe ausgesucht und uns so viel Vertrauen geschenkt
haben“, erinnert sich die rüstige Ex-Wienerin heute, über
siebzig Jahre später. „Aber natürlich war das riskant, und
jedes Mal, wenn Besuch in den Kibbuz kam oder wenn
unerwartet plötzlich jemand in die Waschküche gekommen
ist, musste man schnell reagieren.“
Zu dem Zweck gab es eine Art Alarm, um die Arbeiter
unten in der Fabrik zu warnen: „Alles ging quasi vor den
Augen der Briten vor sich: Unterirdisch wurden die Waffen
produziert, und oben ging das Leben normal weiter.
Kinder wurden geboren, Hühner liefen umher, Felder
wurden bestellt.“ Wären die britischen Soldaten ihnen auf
die Schliche gekommen, hätte das die jungen Leute alle
an den Strick bringen können. „Die Briten waren damals
schon sehr nervös“, erinnert sich Chaja an die Jahre vor
dem Ende der britischen Mandatszeit. „Es war irgendwie
gut, dort zu arbeiten, unsere Gruppe in der „Chalka“ hat
eng zusammengehalten, und bei der Arbeit haben wir
gescherzt und gesungen. Gleichzeitig war es sehr gefährlich,
aber man hat eben alles getan, was man konnte, um
zu helfen.“
Einmal flog das ganze Unternehmen beinahe auf, als
nämlich die Untergrundorganisation Lechi einen Zug mit
britischen Soldaten genau neben dem Kibbuz in die Luft
sprengte: „Wir haben damals beschlossen, hinzulaufen und
den Verwundeten zu helfen. Und es war ein großes Glück,
dass die Engländer uns so dankbar waren, dass sie nicht
weiter fragten, wo wir plötzlich alle herkamen. Das hätte
schlecht für uns ausgehen können.“ Um die tägliche unterirdische
Arbeit zu verschleiern, wurde alles bedacht, und so
hatten die Fabrikarbeiter die Anweisung, sich regelmäßig
unter eine eigens vom Kibbuz erstandene Bräunungslampe
zu setzen, damit ihr Alibi der Feldarbeit nicht dadurch infrage
gestellt würde, dass sie zu blass aussahen.
Chaja war zu der Zeit Anfang zwanzig Jahre alt und
schon Mutter zweier Kinder, und David, ihr Mann, pendelte
anfangs zwischen Rehovot und dem entstehenden Kibbuz
Ma’agan Michael. Später nahm er Nimrod, den älteren
der beiden Buben, mit nach Ma’agan Michael, wo eine
74
DAS JÜDISCHE ECHO
Nun zu besichtigen: die geheime Fabrik tief unter der Waschküche, wo 1945 bis 1948 zwei Millionen Gewehrkugeln erzeugt wurden
FOTOS: AYALON INSTITUTE
Baracke als Kindergarten eingerichtet worden war. Und
so unternahm dann Chaja wöchentlich die beschwerliche,
lange Fahrt, um ihren Mann und ihren Sohn zu besuchen,
während Baby Jakov im Säuglingshaus in Rehovot blieb.
Ma’agan Michael hatte damals noch keine Zufahrtsstraße,
und sie musste sich den Weg über die Felder und durch
das hohe Schilf bahnen: „Wir hatten auch noch keinen
Strom hier, und es geschah öfter, dass ich im Halbdunkel
die Orientierung verlor. Und jedes Mal habe ich mich vor
dem wackligen Brett gefürchtet, das über den Fluss führte.“
Schließlich nahm Chaja eines Tages auch ihr Baby mit
und beschloss, bei David und Nimrod in Ma’agan Michael
zu bleiben: „Ich habe einfach vollendete Tatsachen
geschaffen, obwohl es auch hier nicht einfach war ...“
In der unterirdischen Munitionsfabrik waren in den
Jahren 1945 bis 1948 über zwei Millionen Sten-Gewehrkugeln
produziert worden, und diese gehörten damit zu
den wenigen Produkten, an denen es im Unabhängigkeitskrieg
nicht mangelte. Danach geriet der Platz in Vergessenheit
und wurde erst wieder in den 1970er-Jahren
von Mitarbeitern der Naturschutzbehörde entdeckt. Die
überschwemmten Räume wurden freigelegt und renoviert
und 1987 unter dem Namen „Machon Ajalon“ als Museum
eröffnet, das diese spannende Zeit und die Arbeit von
Chajas Gruppe für seine Besucher dokumentiert. Chaja
selbst sagt dazu: „Wenn ich das heute sehe und darüber
lese, fühle ich mich wie eine Heldin, aber in Wirklichkeit
war das alles ganz normal. Es gab viele solche Unternehmungen,
es war der ganze ,Jeschuv‘ (die jüdische Gemeinschaft
im britischen Mandatsgebiet für die gemeinsame
Sache) rekrutiert.“
Daniela Segenreich
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 75
DIE ISRAELITISCHE
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wünscht allen Mitgliedern
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glückliches und friedvolles
neues Jahr.
ISRAELITISCHE
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friedvolles neues Jahr!
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wünscht allen Freunden,
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Freunden, Bekannten und
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wünscht allen Freunden, Bekannten und
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wünschen allen Verwandten, Freunden
und Geschäftspartnern ein
gesundes, glückliches neues Jahr!
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76
DAS JÜDISCHE ECHO
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Verwandten und Freunden
ein glückliches neues Jahr.
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Committee for Jewish Claims on Austria
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ein friedvolles und glückliches neues Jahr 5780!
Dr. Thomas Fried
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Tel. 01/533 04 33
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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 77
Von Alexandra Föderl-Schmid
Gugelhupf in Jerusalem
Nach 44 Jahren in Israel fuhr die in Wien
geborene Sidonie Goldstein, die „nie wieder
zurück“ wollte, erstmals doch nach Österreich.
Seither kam sie immer wieder in die
alte Heimat.
Sie ist 96 Jahre alt und schaffte es 2018, den damaligen
österreichischen Bundeskanzler erröten zu lassen. Während
seines Israel-Besuchs hatte sich der junge konservative
Regierungschef mit Holocaust-Überlebenden im
Club der österreichischen Pensionisten getroffen. „Ich
habe ihm gesagt: ,Sind Sie schön!‘ Meine Enkelin, die
nicht Deutsch kann, hat zu mir gesagt: ,Was hast du zu
ihm gesagt? Er ist ganz rot im Gesicht geworden.‘ Es ist
so: Der Mann ist eine Schönheit. Das hat mit seinem
Beruf nichts zu tun.“
Sebastian Kurz lud bei dieser Gelegenheit alle ehemaligen
Österreicher ein, im November nach Wien zu
kommen – in diesem Jahr jährt sich zum achtzigsten Mal
die sogenannte „Reichskristallnacht“. Sidonie Goldstein
nahm die Einladung an. Obwohl sie damals am 31. Dezember
1939 geschworen hat, nie wieder nach Österreich
zu kommen. „Als ich am Bahnhof stand, habe ich gesagt:
,Ich komme nie wieder zurück. Nie wieder!‘“ Es sollte
mehr als 44 Jahre dauern, ehe sie erstmals wieder einen
Fuß auf österreichischen Boden setzte. Das habe sie auch
nur gemacht, weil ringsherum alle gefragt hätten: „Was?
Du bist noch nicht gefahren?“
In den vergangenen Jahren ist sie jeden Sommer
auf Urlaub nach Österreich gekommen, sie genießt die
Zeit und kehrt mit Rezepten und guten Erinnerungen
nach Israel zurück. „Es ist sehr schön dort.“ Von ihrem
letzten Besuch im August hat sie eine golden glänzende
antike Standuhr mitgebracht, die einen besonderen Platz
in ihrem Esszimmer hat. Kommen Gäste aus der alten
Heimat, bittet sie sie in ihrer sehr direkten Art, ihr statt
Mozartkugeln lieber Würstel mitzubringen. „So gute
Würstel gibt es nur in Österreich. Dieses Aroma, ganz
wunderbar!“ In ihrem Haus in Jerusalem kredenzt sie
Gugelhupf und insistiert, dass man nicht nur ein Stück
davon essen soll.
Sidonie Goldstein spricht Wienerisch, so wie man
es damals gesprochen hat. Sie lässt immer wieder ein melodisches
„Ich bitt’ Sie!“ ins Gespräch einfließen. Mehr
als sechzig Jahre lang war sie mit einem Wiener verheiratet
und hat sich in Jerusalem ein Ambiente geschaffen,
das an die frühere Heimat Österreich erinnert.
Dabei kann und will sie sich an vieles nicht mehr
erinnern, was damals in den Dreißigerjahren in ihrer
Heimat geschah. Ihre damalige Identitätskarte hat sie
aufbewahrt, die sie als „Sidonie Sara Scheinhorn“ ausweist.
Der inzwischen vergilbte grüne Ausweis ist am
2. Oktober 1939 ausgestellt worden, damals wurde noch
Kurrent geschrieben. Es prangt ein Stempel mit Naziemblem
darauf. Sie hat dieses historische Dokument auch
dem Bundeskanzler gezeigt, eine Aufnahme davon, wie
sie dem österreichischen Bundeskanzler den Ausweis
hinhält, ziert den Bericht über dessen Israel-Besuch im
Juni 2018, den sie ausgeschnitten und aufbewahrt hat.
„Was soll ich Ihnen erzählen? Es war alles höchst unangenehm.
Ich hab alles miterlebt 1938. Dann hat man
in Angst gelebt.“ Zuerst war der Einmarsch der deutschen
Truppen, dann folgte der „Anschluss“ Österreichs
ans Deutsche Reich und der umjubelte Empfang von
Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz in
Wien. „Bei den Fenstern haben sie Teppiche rausgehängt
und Kerzenleuchter aufgestellt. Und das Bild vom Hitler.
An jedem Fenster konnte man das sehen. An das kann
ich mich gut erinnern. So hat das angefangen.“
Auch in der Schule gab es von einem Tag auf den
anderen Veränderungen. „Wir haben eine Klassenlehrerin
gehabt, Professor Doktor Berta Leichtmaier hat sie
geheißen. In all den Jahren war sie sehr nett. An dem Tag,
an dem die Deutschen in Österreich einmarschiert sind,
ist sie mit einem Abzeichen gekommen. Das hat gezeigt,
dass sie schon eine illegale Nationalsozialistin war. Dabei
hat sie jahrelang eine jüdische Klasse unterrichtet.“
Mit dem „Anschluss“ kamen auch die Razzien bei
Juden. „Sie sind in der Nacht in die Häuser gekommen,
sie haben Listen gehabt. Sie haben mit den polnischen
Juden angefangen.“ Da auch ihre Familie aus Polen kam,
haben alle monatelang mit dem Schlimmsten gerechnet.
FOTO: REGINE HENDRICH, PICTUREDESK/GALI TIBBON/AFP
78
DAS JÜDISCHE ECHO
Sidonie Goldstein in einer TV-Doku über Sebastian Kurz, als sie ihn während eines Israel-Besuchs als „schön“ bezeichnete
Der Vater wurde in der sogenannten „Reichskristallnacht“
zwischen 9. und 10. November 1938 aus der
Wohnung im zweiten Wiener Bezirk abgeführt und ins
KZ Dachau gebracht. „Im gleichen Haus in der Engerthstraße
war ein Lebensmittelgeschäft. Die Leute von dort
sind gekommen und haben meiner Mutter gesagt, sie
geben ihr einen Tag, um die Wohnung zu verlassen. Die
Mutter hat alles zurückgelassen, sie hat gar nichts mitgenommen.
Möbel, alles, was dort war, ist dort geblieben.“
Untergekommen sind sie dann bei Bekannten.
Wie lange ihr Vater in Dachau war, daran kann sich
Sidonie Goldstein nicht mehr erinnern. „Meine Freundin
hat gehört, dass diejenigen, die im Ersten Weltkrieg
gedient haben, rausdürfen. Ich bin dann mit ihr zu einer
Stelle gegangen. Und mein Vater und auch ihr Vater
wurden freigelassen. Mein Vater musste unterschreiben,
dass er binnen zwei Wochen das Land verlässt. Das hat er
gemacht. Meine Mutter und ich blieben zurück.“
Ihr Vater, der Rechtsanwalt Dr. Martin Scheinhorn,
schaffte es nach Palästina, seine Frau Esther und Tochter
Sidonie machten sich Ende Dezember 1939 auf den
Weg. Die Reise ging über die Donau nach Rumänien,
dort mussten sie warten, denn für die Weiterfahrt fehlte
Geld. Die Gruppe wurde geteilt: Ein Teil wurde gezwungen,
nach Jugoslawien zu reisen. „Die nach Jugoslawien
geführt wurden, sind vernichtet worden. Von dort ist
niemand zurückgekommen.“ Schließlich bestiegen Esther
und Sidonie Scheinhorn ein Lastschiff Richtung
Palästina. „Zwei Monate haben meine Mutter und ich
auf Klappsesseln geschlafen. Wir waren froh, dass wir die
zwei Klappsessel gehabt haben. Es war so kalt, dass das
Wasser in einem Glas, während man es in der Hand gehalten
hat, sofort gefroren ist.“
Wie viele Leute auf dem Schiff waren, daran kann
sich Sidonie Goldstein nicht mehr erinnern. Nur dass
sie aus vielen unterschiedlichen Ländern kamen. In der
Nähe der türkischen Küste sei das Schiff von den Briten,
die damals die Mandatsmacht in Palästina waren,
abgefangen worden. „Die Engländer haben unseren Pass
genommen, sie haben uns nach Haifa und dann in ein
Lager gebracht, nach Atlit.“ Dieses Lager hatten die Briten
eingerichtet, dort internierten sie illegale jüdische
Einwanderer. Am 10. Oktober 1945 befreite die jüdische
Untergrundorganisation Hagana in einer vom späteren
Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin geplanten Aktion
die Internierten.
Sidonie und ihre Mutter Esther hielten sich nur ein
paar Wochen dort auf. „Wir haben Essen bekommen,
rundherum war Stacheldraht, die Engländer sind patrouilliert.
Aber im Lager konnten wir uns frei bewegen.“
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 79
Als sie aus dem Lager kamen, sind sie bei einer Tante, der
Zwillingsschwester ihrer Mutter, in Haifa untergekommen.
Der Vater arbeitete bei Afula in der Landwirtschaft.
Dafür sollte auch Sidonie ausgebildet werden, sie kam
auf eine landwirtschaftliche Schule bei Petach Tikwa.
Ihren Mann hat sie schon in Wien gekannt, er kam
auf dem gleichen Schiff wie ihr Vater in Palästina an. 1944
wurde der erste Sohn, David, geboren, der inzwischen
verstorben ist. 1957 kam Rami auf die Welt, der wie ihr
Vater Rechtsanwalt wurde. Sie hat drei Enkelkinder.
Ihr Mann Hans hat sich mit einem Kühltransporter
selbstständig gemacht, er hat Hotels beliefert. So konnten
sie sich ein Grundstück im südlichen Jerusalemer
Stadtviertel Baka leisten, zwei kleine Häuser bauen und
vermieten. „Wir haben unsere guten und unsere schlechten
Zeiten gehabt.“
An Politik ist Sidonie Goldstein seit jeher interessiert.
Zwei Politiker mit Österreich-Bezug haben in Israel
besondere Aufmerksamkeit genossen: „Bruno Kreisky
war verhasst bei den Juden, auch wenn er selbst einer
war. Weil er den Arafat gemocht hat. Und es gab den
Teddy Kollek. Jeden Tag haben die Religiösen gegen ihn
demonstriert. Wann ich am Rathaus vorbeigekommen
bin, sind sie draußen gestanden. Jeden Tag, jahrelang.“
Bruno Kreisky, der die Nazizeit im schwedischen
Exil verbracht hatte und zwischen 1970 und 1983 österreichischer
Bundeskanzler war, hatte ein schwieriges
Verhältnis zu Israel. Teddy Kollek, der mit seiner Familie
1935 aus Wien nach Palästina emigriert war, war 28 Jahre
lang Bürgermeister von Jerusalem.
Goldstein verfolgt auch das aktuelle politische Geschehen,
seit Jahrzehnten liegt jeden Tag die linksliberale
Zeitung „Haaretz“ vor der Tür. „Vor Jahren waren wir
politisch tätig. Für die Awoda. Die wähl ich aber nicht
mehr. Ich wähle jetzt Meretz“, sagt Goldstein. Die 1968
gegründete Arbeitspartei Awoda ist eine zionistische Partei
und politisch links positioniert. Im politischen Spektrum
Israels noch etwas weiter links angesiedelt ist die
1992 gegründete Partei Meretz.
Aber Premierminister Benjamin Netanjahu von der
rechtsgerichteten Likud-Partei werde ohnehin wiedergewählt,
davon ist Goldstein überzeugt. Auf die Frage
des österreichischen Kanzlers, ob er etwas für sie tun
80
Lesetipp:
Alexandra Föderl-Schmid
Unfassbare Wunder
Gespräche mit Holocaust-
Überlebenden in Deutschland,
Österreich und Israel
Böhlau Verlag, 2019
könne, habe sie geantwortet: „Können S’ den unsrigen
nicht mitnehmen?“ Gemeint war damit Netanjahu, dessen
Namen Sidonie Goldstein nicht einmal aussprechen
mag. Und seine Antwort? „Er hat gelacht.“ Wie schaut
sie auf die Gegenwart, auf die Regierung, die Kurz mit
der FPÖ gebildet hat? „Ich weiß, mit wem er zusammen
ist. Aber er ist noch immer besser als der, den wir haben.“
Dafür hat es ihr eine andere Politikerin angetan:
„Die Merkel! Ich rede nicht von Schönheit, alles an ihr ist
großartig. Gibt es nicht noch so eine?“
Wenn sie in Österreich sei, dann beschäftige sie sich
nicht mit Politik. „In Österreich bin ich auf Urlaub.“ Jedes
Jahr werde es schwieriger für sie, dorthin zu kommen,
sie bleibe nur noch eine Woche, begleitet von ihrer Familie.
Früher habe sie mit ihrem Mann, der hundert Jahre
alt geworden ist, jedes Jahr einen Monat dort verbracht.
Aber einmal pro Woche greift sie in Jerusalem zum
Telefonhörer, um mit einer Schulfreundin in Österreich
zu telefonieren. „Sie ist mit mir in die Volksschule gegangen.
Sie hat sich bei einem Nachhauseweg bei mir eingehängt
und meine Hand genommen. Und das habe ich
nie vergessen, deshalb habe ich sie gesucht.“ Und nach
mehr als fünfzig Jahren hat sie die Freundin gefunden,
die inzwischen in einem Altersheim in Neusiedl lebt. Seit
dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren spreche sie nur
noch selten Deutsch. „Verschiedene Worte fehlen mir.
Weil alle meine Freundinnen und die meisten Bekannten
sind schon begraben.“
Bei einem ihrer Besuche in Österreich haben sie
und ihr Mann die damalige Hausbesorgerin getroffen.
Ihr Mann habe von ihr wissen wollen, was sie über das
Schicksal seiner Mutter wisse. Er ist nach Palästina emigriert,
der Vater gestorben und die Mutter ist im Haus in
Wien zurückgeblieben und später in ein jüdisches Altersheim
gebracht worden. „Dort hat man sie umgebracht,
sie ist verhungert.“ Die Reaktion der Hausmeisterin
empört Goldstein noch heute: „Sie hat nichts gewusst,
gar nichts, als mein Mann sie über seine Mutter gefragt
hat. Sie hat so getan, wie wenn sie nichts gewusst hat.“
Andere Verwandte sind nach Riga deportiert und dort
ermordet worden.
Dann wiederholt Sidonie Goldstein einen Satz, den
sie schon mehrfach benutzt hat: „Es war eine unangenehme
Zeit.“ Die Erinnerungen daran haben sie anfangs
auch intensiv begleitet bei ihren Besuchen in der alten
Heimat. „Als ich zum ersten Mal nach Wien gekommen
bin, da hatte ich ein komisches Gefühl. Wenn ich
Schmuck gesehen habe, dann hab ich gedacht, das war
einer von Juden. Denn man hat uns genommen. Viel,
sehr viel! Und nicht nur Schmuck.“ 2
Auszug aus dem Buch „Unfassbare Wunder“, abgedruckt
mit freundlicher Erlaubnis von Autorin und Verlag.
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Astrid Kuffner
Die Stehauf-Gretel
Margarete Healy, geboren 1923 in Wien, hat zwei
Kriege, vier Ehen und zahllose Neuanfänge erlebt.
1938 war sie gezwungen, Wien zu verlassen, um
zu überleben – als Kindermädchen, später auch
als Geheimagentin in Vietnam. Eine Erinnerung.
FOTOS: NINI TSCHAVOLL/MADAMEWIEN.AT
Viele Jahre rang Gretel Healy damit, die Ansprüche der
kulturbeflissenen „Wiener Bürgertochter“ mit jenen des
„All American Girl“ in Einklang zu bringen. Weil man
ihr als Tochter, Frau und Ehefrau generell wenig zutraute,
musste sie viele Umwege machen. Als echte Stehauf-Gretel
hat sie sich nach jedem beruflichen, privaten oder finanziellen
Rückschlag aufgerappelt, abgebeutelt und weitergemacht.
Die passionierte Tagebuchschreiberin hat Wien
ab 1950 immer wieder besucht. 2002 kaufte sie eine
Wohnung in Baden statt in Wien, weil ihr die Bawag im
Hinblick auf ihr fortgeschrittenes Lebensalter einen Kredit
verwehrte. Die elegante, charmante und geistig überaus
rege Dame war bei unserem Treffen 94 Jahre alt. Sie las
damals, wenige Monate vor ihrem Tod, Ludwig Wittgenstein
und erzählte nebenbei delikate Graf-Bobby-Witze.
Wer ihr begegnet ist, vergisst sie nie.
Bis heute, so erzählte sie damals, sei sie „verliebt in
Wien“, jene Stadt, die sie 1938 nicht mehr haben wollte:
„Mein Leben an allen möglichen Orten hat mir gezeigt,
dass Wien eine der schönsten und besten Städte ist, um
darin zu leben.“ Antisemitismus und Machismo sind ihr
überall begegnet. Warum also nicht dort leben, wo man
sich wohlfühlt? Ihre vier Jahre mit den US-Besatzungskräften
(1950‒1954) zählt sie zu den schönsten in ihrem
langen Leben.
Nach dem „Anschluss“ im März 1938 beschloss Familie
Schön (der Vater Ingenieur, die Mutter Künstlerin),
dass die zweitgeborene Margarete das Land verlassen müsse.
Also ging die 15-Jährige allein an Bord des Dampfers
Europa von Bremerhaven nach New Jersey, um bei Verwandten
ihres Vaters zu leben. Die Onkel und Tanten in
Amerika waren ihr fremd und förderten sie kaum. Nach
rund eineinhalb Jahren nahm sie Reißaus, um sich fortan
Margarete Healy schlug sich in verschiedenen Ländern und
Lebenslagen durch, kehrte dann aber doch wieder in ihre
Lieblingsstadt Wien zurück
alleine durchzuschlagen. „Ohne Sprache geht es nicht“,
sagt Gretel, die sich nur ein paar Monate gönnte, um ihr
Schulenglisch auf Vordermann zu bringen.
Ihr erster Job war Kindermädchen bei einer wohlhabenden
Familie mit Hotels in den Catskills, in New York
und Miami. „Ich hatte nie ein Baby im Arm gehalten und
log, was das Zeug hält, über mein Alter und meine Erfahrung.
Ich kümmerte mich um die beiden Kleinkinder,
wusch ihre Windeln, verdiente zehn Doller die Woche
und hatte eine halbe Stunde Freizeit pro Woche.“ Die
Betreuung anderer Leute Kinder sollte eine eigenwillige
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 81
Konstante in ihrem Leben werden. Ebenso wie sexuelle
Übergriffe durch Vorgesetzte. Als dem Vater ihrer Schützlinge
die Ehefrau abhandenkam, suchte er sie nachts im
Schlafzimmer heim. Weil sie sich in diese Rolle nie fügen
wollte und niemand die Beschwerde der jungen Frau ernst
nahm („What are you saving it for?“), quittierte sie ihren
ersten Job. Weiter ging es mit der nahezu idealtypischen
Karriere für Neuankömmlinge in den USA: Kindermädchen,
Putzfrau, Snack-Bar-Aushilfe, Putzereiangestellte in
New York, Washington und Miami.
Bei Aristo Cleaners in Washington wurde ihr Handelsschulabschluss
aus Wien erstmals als Qualifikation
anerkannt. Binnen zweier Jahre arbeitet sie sich von der
Kleider-Aufhängerin zur Filialleiterin hoch, weil sie blitzartig
Kopfrechnen konnte. Mit 18 Jahren heiratete sie das
erste Mal, und weil ihr Mann bei der Air Force war, begann
sie 1942 in der Eglin Air Base (Florida) zu arbeiten.
1946 wurde sie US-Staatsbürgerin und holte ihre Eltern
nach. Ihre beruflichen Engagements begannen immer
wieder als Sekretärin. Anderes traute man Frauen damals
auch nicht zu. Von ihren Eltern angefangen war sie umgeben
von Menschen, die sie lieber als Hausmütterchen
in der Provinz gesehen hätten. Mit viel Einsatz arbeitete
sie sich immer wieder an anspruchsvolle Aufgaben heran,
bis eine Versetzung (des jeweiligen Ehemannes) anstand
und sie von vorne beginnen musste.
«Die Voreingenommenheit, den
Antisemitismus gibt es überall. Ich habe das
auch in Amerika gespürt. Aber Wien hat den
Prater und ein gutes Essen.»
Wer eine Beamtenkarriere für langweilig hält, wird von
Gretel eines Besseren belehrt. In ihren Händen wurden
selbst Maschineschreiben, Stenografie und Buchhaltung
zu Superkräften. Die größten Hämmer erwähnt
sie nebenbei. Ein kleines schwarzes Büchlein brachte sie
aus dem Sekretariat zur Counter Intelligence Agency.
Eines Tages kam jemand und fragte herum, ob jemand
diese Zeichen entziffern könne. Gretel konnte: Es war
deutsche Kurzschrift. Und so wurde sie „intelligence analyst“
mit eigener Abteilung. „Geheimdienst ist wie jede
andere Arbeit“, sagt sie trocken. „Du musst sorgfältig
sein, Informationen sammeln und bewerten.“ Wien war
wirklich eine Spionagehauptstadt. Mit Doppelagenten
hatte sie ständig zu tun. Und einmal schüttelte sie einen
Verfolger ab, indem sie ihren Mantel wendete.
Gretel war keine, die nur am Schreibtischsessel pickte.
1968 geriet sie nahe Vũng Tàu (Vietnam) in einen
Hinterhalt und wurde schwer verletzt. Bis heute piepst
es, wenn sie am Flughafen durch den Metalldetektor
geht. So nahe am Tod gewesen zu sein hat ihre Einstellung
verändert: „Ich fürchte mich nicht davor, dass mein
82
Leben langsam zu Ende geht. Ich erwarte noch ein paar
gute Jahre, und in die will ich so viel hineinpacken, wie
geht.“ 1975 schrieb sie am Vietnam-Abschlussbericht
mit, begann danach im Pentagon zu arbeiten. Dort verfasste
sie (auf der Schreibmaschine) eine vermutlich bis
heute gültige Direktive: „Wie man die Bürokratie bedient,
wusste ich inzwischen.“
Gretel ging aber immer mit der Zeit, schreibt Biografie
und Tagebuch inzwischen auf dem Computer, korrespondiert
per E-Mail mit Freunden und Verwandten
auf der ganzen Welt. Wenn der Drucker nicht gleich pariert,
flötet sie ihn an: „Komm, komm!“ Um dann selbstironisch
zu ergänzen, dass man meinen könnte, in ihrem
fortgeschrittenen Alter sei sie geduldiger geworden: „Bin
ich aber nicht!“ Die Wände ihres Büros zieren Zertifikate,
Auszeichnungen und Fotos. Als sie im Civil Service
pensioniert wurde, „war mir fad. Ich wollte nicht herumliegen.
Also habe ich mit 74 die zweitägige Prüfung
gemacht für meine Steuerberatungslizenz.“ In Montross,
Virginia eröffnete sie mit ihrem vierten Mann eine Kanzlei
mit zuletzt tausend Kunden.
„Die einzige Ehe, die ich anerkenne“, führte sie mit
Jack J. Healy, der aus der vorangegangenen Ehe fünf
Kinder mitbrachte. 1976 stellte ihr eine Freundin den
Nachbar im selben Wohnhaus vor. Beinahe ein Jahr lang
trafen sich die beiden, um Tennis zu spielen (und Sportskanone
Gretel siegte meistens). Geheiratet wurde im November
1977, und die Ehe würde heute noch bestehen,
wenn ihr an Alzheimer erkrankter Mann nicht 2011 gestorben
wäre. Auch er liebte Wien („das Bier, das Essen,
die Atmosphäre“). Sie kamen jedes Jahr mit zwei Katzen
für mehrere Wochen her. Als es 2008 zu schwierig wurde
zu pendeln, riet ihr seine Tochter, mit Jack in Österreich
zu bleiben.
Am Ende ihres Lebens sagte sie altersmild auf die
Frage, was sie trotz der negativen Erfahrungen nach
Wien zurückgebracht habe: „Die Voreingenommenheit
der Menschen, den Antisemitismus gibt es überall. Ich
habe das auch in Amerika gespürt. Aber Wien hat den
Prater, das Stadionbad, ein gutes Essen, den Wienerwald
– es ist schön, es ist sauber. Ich habe mich hier als Kind
wahnsinnig gut gefühlt ‒ es war für mich ein Paradies. In
New York war ich geschockt von der Schmutzigkeit und
der Schlampigkeit der Menschen im Umgang miteinander.
Ich habe mich nach Wien gesehnt, wo die Kellner
zuvorkommend grüßen. Ich habe mich von unten nach
oben gearbeitet, habe mich in den USA eingelebt. Ich
könnte dort zurechtkommen. Aber der Lebensstil und
der Kulturbegriff sind ganz anders. Ich habe immer meine
Schallplatten mit Opern und Operetten, mit Melodien,
die ich liebe, gehabt. Als ich in den 1950er-Jahren in
Wien war, bin ich fast jeden Abend in eine Oper oder in
ein Konzert gegangen. Meine Mutter war eine fantastische
Musikerin und Sängerin. Ich bin in diesem Milieu
aufgewachsen und war glücklich.“ 2
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Brigitte Ungar-Klein
Stille Heldinnen und Helden
Recherchen über Mut und Menschlichkeit unterm
Hakenkreuz ergaben, dass im Wien der NS-Zeit
mehr als tausend Jüdinnen und Juden im Verborgenen
überleben konnten.
FOTOS: PICUS VERLAG, ARCHIV
Elfriede, Gerti, Elisabeth, Kurt – sie waren Kinder,
Jugendliche oder junge Erwachsene, als das menschenverachtende
und mörderische NS-Regime in Österreich,
das nun die „Ostmark“ war, die Macht ergriff. Sie waren
jüdischer Herkunft und wurden mit dem Inkrafttreten
der Nürnberger Rassengesetze in Österreich am 20. Mai
1938 zu Menschen zweiter Klasse, denen Stück für
Stück der Lebensraum eingeschränkt und bald auch die
Lebensberechtigung abgesprochen wurde.
Der sogenannte „Anschluss“ Österreichs im März
1938 an das nationalsozialistische Deutsche Reich bedeutete
eine Zäsur für die etwa 200.000 Jüdinnen und
Juden Österreichs. Vom ersten Tag an begannen Verfolgung
und Vertreibung: Der Mob, der Juden zwang, Straßen
zu waschen, tobte, Juden wurden aus ihren Wohnungen
und Geschäften vertrieben, Schüler durften bald
nicht mehr in ihre Schulen gehen. Wer eine Möglichkeit
zur Flucht hatte, nützte diese – manche verfielen aber
auch dem Irrglauben, dass es wohl nicht so dramatisch
werden würde, und fügten sich zunächst der Situation.
In den unterschiedlichen NS-Medien – Zeitungen,
Filmen – wurde die „Judenfrage“ thematisiert, Jüdinnen
und Juden dämonisiert, als minderwertig und böse, als
Ausbeuter mit Hang zum Kriminellen dargestellt. Die
„deutschen“ Reichsbürger wurden auf diese Weise systematisch
negativ beeinflusst und so die Maßnahmen, die
letztlich in der „Endlösung“ mündeten, als begrüßenswert
und notwendig vorbereitet. Nicht alle – allerdings
viel zu wenige ‒ ließen sich von der Propaganda blenden
und beeinflussen. Als entschiedene Gegner des Nationalsozialismus
oder aus rein menschlichen Gründen wurden
sie zu „Gerechten“, die sich in unmittelbare Lebensgefahr
begaben, Zivilcourage bewiesen und den Bedrohten,
den Verfolgten, den Flüchtenden zur Seite standen, sie
Die Weißnäherin Josefine Praysnar schützte als Pflegemutter ein
jüdisches Kind, musste öfter die Wohnung wechseln, der Mann ließ
sich scheiden
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 83
Maria Potesil und Ella Lingens (von l.) leisteten durch die Rettung
Verfolgter Widerstand: „Er kam mit dem Zahnbürschtl plötzlich zu uns“
Gerettetes Kind Elisabeth Wessely: Die Pflegemutter „war für mich
alles, ich wär ja gar nicht mehr, bestimmt, ich wär ja in ein Lager
gekommen“
betreuten, ihnen Unterkunft gewährten, sie mit Lebensmitteln,
Geld, Kleidung usw. unterstützten. Das Ehepaar
Kurt und Ella Lingens hatte viele jüdische Bekannte, „wir
haben uns nicht verbieten lassen, mit Juden zusammenzukommen“,
und „so kam dann die ,Reichskristallnacht‘. [Ein
Freund] ist mit einem Pyjama und einem Zahnbürschtl zu
uns gekommen. ‚Kann ich bei euch übernachten?‘ Weil ihm
sofort klar war, was passiert. Wir haben gesagt: ‚Ja, selbstverständlich‘,
und da ist er bei uns geblieben und hat dann circa
drei Wochen bei uns gewohnt. /…/ Es sind dann aber auch
noch andere zu uns gekommen, wir waren ja eine ‚jugoslawische‘
Wohnung, es war eine sehr große Wohnung, es kamen
aber dann so viele, die Wohnung war so voll, dass mein
Mann und ich in ein Hotel gezogen sind.“ 1 Kurt und Ella
Lingens versuchten auf vielfältige Weise zu helfen, als sie
einigen Juden zum illegalen Grenzübertritt nach Ungarn
verhelfen wollten, gingen sie in die Falle eines Spitzels
der Gestapo und wurden verhaftet. Dr. Ella Lingens kam
in das Konzentrationslager Auschwitz und musste unter
dem berüchtigten Lagerarzt Dr. Josef Mengele arbeiten,
ihr Gatte Dr. Kurt Lingens wurde einer Strafkompanie
zugeteilt, jedoch bald schwer verwundet, womit sein
Kriegseinsatz beendet war. 2
Mit Kriegsbeginn gab es kaum mehr Möglichkeiten,
in ein sicheres Land zu gelangen, sogenannte „Umsiedlungen“,
wie in verharmlosender Weise die Deportationen
in Ghettos und Konzentrationslager genannt
wurden, erzeugten Angst und Unruhe, immer mehr
Menschen suchten durch Untertauchen diesen „Umsiedlungen“
zu entgehen – sie wurden zu U-Booten, sie
lebten im Verborgenen, sie hatten illegale, manipulierte
Papiere, sie wurden zu „Schattenexistenzen“. 3 Nicht alle
dieser U-Boote erlebten das Kriegsende, etliche wurden
entdeckt und Opfer der Schoah. Etwas mehr als eintausend
der im Verborgenen Lebenden tauchten mit Mai
1945 wieder auf – nur wenige konnten an das Leben davor
übergangslos anschließen. 4
Das Leben im Verborgenen war facettenreich, die
wenigsten U-Boote lebten tatsächlich in einem Versteck
wie Anne Frank, viele mussten mehrmals das Quartier
wechseln oder suchten in menschenunwürdigen Behausungen,
wie zum Beispiel in Grüften auf Friedhöfen, Zuflucht,
in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Ohne
behördliche Registrierung erhielten sie keine Bezugsmarken
– weder für Lebensmittel noch für Kleidung
oder Schuhe ‒ und sie waren auf die Hilfe anderer angewiesen.
Wer waren die Helferinnen und Helfer? Was
bewog sie, den Mut, die Zivilcourage aufzubringen und
auf der Seite der Verfolgten zu stehen, mit dem Wissen,
sich damit selbst in höchste Gefahr zu bringen? Unterschiedlichste
Beweggründe waren für Hilfestellungen
ausschlaggebend, zumeist standen aber Menschlichkeit
und die Gegnerschaft zur NS-Diktatur im Vordergrund.
War es für einzelne Hilfesuchende schon nicht einfach,
entsprechende Hilfe zu bekommen, hatten es Familien,
besonders mit Kindern, noch viel schwerer. Kinder
und Jugendliche waren zumeist gemeinsam mit wenigstens
einem Elternteil untergebracht, junge Erwachsene
oftmals auf sich allein gestellt. 5
Mit der Aufnahme eines Kindes durch eine Pflegemutter
oder Pflegefamilie hatten diese eine besondere
Verpflichtung übernommen. Nach dem „Anschluss“
umso mehr, wenn es sich um so genannte „nichtarische“
ILLUSTRATIONEN: CLAUDIA KÓZAK/ASPERN DEVELOPMENT, FOTO: PRIVATES ARCHIV
84
DAS JÜDISCHE ECHO
Kinder handelte. Wie leicht wäre es doch gewesen, dieser
Verpflichtung zu entkommen, das jüdische Kind hätte
bei den Behörden einfach abgegeben werden können! Es
gab aber die wahren Heldinnen, die den Kampf gegen
die Unmenschlichkeit aufnahmen und ihre Pflegekinder
mit der Kraft einer Löwin verteidigten und beschützten.
Als besonders aufopfernd beschreibt Elisabeth Wessely
ihre nichtjüdische Pflegemutter, Josefine Praysnar.
Die Frau war von Beruf Weißnäherin, sie nähte hauptsächlich
Herrenhemden: „Sie saß täglich bis tief in die
Nacht hinein an ihrer Nähmaschine und hat gearbeitet, um
das nötige Geld für den Lebensunterhalt für uns beide zu
verdienen. Die Mutter war eine hochanständige, feine, gute
Frau, die sehr viel auf sich genommen hat, denn sie musste
zwei- oder dreimal ausziehen, die Wohnung wechseln, als
man erfahren hat, dass sie ein jüdisches Kind beherbergt. So
etwas sickert ja komischerweise immer durch, sie hat auch
mit ihrem Mann Schwierigkeiten gehabt, der mit der ganzen
Sache nie sehr einverstanden war. Der Ehemann zog
schließlich aus, ließ sich scheiden. Die Wohnungen waren
[klein] ‒ Zimmer, Küche, Bassena auf dem Gang. Manchmal
noch ärger. Zeitweise waren wir sogar in Kellern versteckt
– wenn es ganz arg geworden ist, war sie mit mir als
U-Boot. Sie war immer mit mir. Diese Frau war für mich
alles, für mich ist sie die Frau, die etwas geleistet hat, ich
wär ja gar nicht mehr, bestimmt, ich wär ja in ein Lager
weggekommen.“ 6 Auch nach der Befreiung blieb Elisabeth
bei der Pflegemutter, die sich weiterhin um das
Mädchen kümmerte. „Sie stand immer an meiner Seite
und behandelte mich wie ein eigenes Kind.“ 7
Der 1924 geborene Kurt Martinetz wurde im Alter
von zweieinhalb Jahren von der Gemeinde Wien Maria
Potesil zur Pflege übergeben. Maria Potesil war Witwe,
Mutter zweier Kinder. Mit der Machtübernahme durch
die Nationalsozialisten 1938 wurden für den Jungen, der
jüdischer Herkunft war, die für die jüdische Bevölkerung
diskriminierenden Bestimmungen schlagend, so durfte
er zum Beispiel nicht mehr zum Unterricht in die Schule
gehen. Als die Gemeinde Wien die Vormundschaft für
den Pflegesohn ablegte, übernahm Maria Potesil die Verantwortung,
erhielt somit aber kein Pflegegeld mehr vom
Jugendamt. Sie versuchte eine Adoption durchzusetzen,
wofür sie ihre tschechische Staatsbürgerschaft zurücklegte
und die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, auch
versuchte sie alles, um Kurt als „Mischling 1. Grades“ –
was eine gewisse Besserstellung und geringere Gefahr bedeutet
hätte ‒ einstufen zu lassen, allerdings ohne Erfolg.
Sie zog mit ihrem Pflegesohn sogar in ein „Judenhaus“
im zweiten Wiener Bezirk und war zahllosen Anfeindungen
ihrer Nachbarinnen und Nachbarn ausgesetzt. Im
Herbst 1942 wurde Kurt des Nachts aus der Wohnung
abgeholt, zur Sammelstelle in die Kleine Sperlgasse ge-
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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 85
bracht und sollte deportiert werden. Maria Potesil konnte
dies verhindern, schaffte es, ihn freizubekommen und bis
Kriegsende zu schützen. 8 „Nur meiner Pflegemutter kann
ichs verdanken, dass ich heute noch am Leben bin. Meine
Pfl.Mutter [sic] setzte alles daran, scheute nichts und es gelang
ihr, mich vor der sicheren Vergasung zu retten.“ 9 Nach
1945 erwiesen sich die Behörden der neu entstandenen
Zweiten Republik keineswegs hilfreich und offen für die
Schwierigkeiten der Betroffenen. Durch den Wechsel der
Staatsbürgerschaft hatte Maria Potesil den Anspruch auf
ihre Witwenpension verloren, und auch die Forderung
um Nachzahlung des während der NS-Zeit nicht geleisteten
Pflegegeldes wurde abgewiesen.
Die 1933 geborene Gerti lebte bei ihren „arischen“ Verwandten
in Wien, da es ihren Eltern, die Mutter war bei der
Eheschließung zum Judentum übergetreten, gelungen war,
eine Passage nach dem damaligen Palästina zu bekommen,
allerdings ohne ihre kleine Tochter mitnehmen zu können.
Die Familie bemühte sich nun, unter der Behauptung, der
eingetragene Vater wäre gar nicht der richtige, eigentlich
wäre ein Däne der Vater, eine Einstufung als „Mischling“
zu erreichen. 10 Dazu wurde das kleine Mädchen einer rassenbiologischen
Untersuchung unterzogen, die sie noch
Jahrzehnte später schaudern lässt. „Sie [gemeint sind die
Personen, die die Untersuchung durchgeführt haben] haben
das aber nie geglaubt, weil die gesagt haben, nach meiner
Rasse nach kann ich nur von einem Juden abstammen. Die
haben Haare gemessen, und haben gesagt, solche Haare, wie
ich [sie habe], haben sie überhaupt nicht auf der Liste, das ist
überhaupt keiner Rasse zuzuordnen. Aber zu Dänen gehöre ich
auf jeden Fall nicht.“ 11 Auch wenn es immer wieder Schwierigkeiten
gab, innerhalb der Familie konnte das Mädchen
überleben. „Die Familie meiner Mutter hat eisern zusammen -
gehalten und geholfen. Es waren viele Kleinigkeiten – eigentlich
„Großigkeiten“. 12
Elfriede Gerstl, die mit ihrer Mutter an mehreren
Adressen in Wien versteckt überleben konnte, wollte
nicht immer an diese Zeit erinnert werden, dennoch war
ihr Leben davon geprägt, und in etlichen kleinen Dichtungen,
in kleinen lyrischen Arbeiten, wie im Gedicht
„Mein Lichtstrahl“, kommen die Gefühle, Empfindungen,
die sie als kleines Mädchen hatte, deutlich zum Ausdruck.
86
Die Autorin hat zum Thema dieses
für das „Jüdische Echo“ verfassten
Beitrags soeben das folgende Buch
herausgebracht:
Brigitte Ungar-Klein
Schattenexistenz
Jüdische U-Boote in Wien 1938–1945
Picus Verlag, 2019
„Als Kind habe ich einmal einen Lichtstrahl gekannt; im
Sommer 1942 lernte ich ihn kennen.
Es war ein sehr freundlicher Lichtstrahl, wenn es nicht
gerade regnete, schien er durch einen Riß in der Verdunklungsrolleau
in mein Zimmer. Er schnitt einen lichten Flimmerstreifen
in den dämmrigen Raum, so daß man für zehn
bis zwölf Minuten lesen konnte.
Wo er auf den Fußboden auffiel zeichnete er goldene
Ringe und Netze, die sich langsam auflösten und verschwanden.
Ich hatte mehrere Monate Gelegenheit, sein Kommen
und Gehen zu beobachten. Meist lag ich auf meinem Bett.
Anfangs hatte ich in einem Winkel des Zimmers gesessen
und mich gelangweilt; es war zu dunkel um irgend etwas
zu tun und ich durfte mich auch nur lautlos bewegen, denn
man sollte unsere Wohnung für leer halten. /…/“ 13 2
1 Interview DDr. Ella Lingens mit der Verfasserin vom 13. 11. 1988, PUK.
2 Zu DDr. Ella Lingens siehe u.a.: Ilse Korotin (Hg.), „Die Zivilisation
ist nur eine ganz dünne Decke …“ Ella Lingens (1908 – 2002), Ärztin
– Widerstandskämpferin – Zeugin der Anklage. Praesens, Wien 2011.
3 Brigitte Ungar-Klein, Schattenexistenz. Jüdische U-Boote in Wien
1938‒1945. Picus, Wien 2019.
4 Die Zahlen beziehen sich auf Personen jüdischer Herkunft, die vorwiegend
in Wien versteckt waren.
5 Forschungen ergaben etwa sechzig Kinder bis zum 14. Lebensjahr
und etwa hundert Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die als U-Boote
leben mussten.
6 Interview mit Elisabeth Wessely vom 13.8.1992 mit der Verfasserin.
PUK. 1937 geboren, kam das Mädchen schon bald nach der Geburt zu
der Pflegefamilie. Erst lange nach Kriegsende, schon als Erwachsene,
konnte sie nähere Informationen zu ihren leiblichen Eltern in Erfahrung
bringen.
7 Gespräch mit Elisabeth Wessely vom 28.6.2019 mit der Verfasserin.
8 Maria Potesil wurde für ihre aufopfernde Hilfe für Kurt Martinetz
1978 als „Gerechte“ ausgezeichnet. Yad Vashem, Dossier 1400.
Im 22. Wiener Bezirk, im Stadtteil Seestadt Aspern, wurde eine Straße
nach Maria Potesil benannt. www.aspern-seestadt.at (abgerufen am
23.6.2019).
9 WStLA. M-Abt.12. GZl. 20273/E.
10 Die Mutter von Gertrude G. hatte in den 1920er-Jahren für einige
Zeit in Dänemark gelebt und aus dieser Zeit einige Dokumente, die nun
für das Verfahren die Geschichte untermauern sollten.
11 Interview mit Gertrude G. vom 15.3.1989 mit der Verfasserin. PUK.
12 Ebd.
13 Elfriede Gerstl, 1932 – 2009, Lyrikerin, Schriftstellerin. Elfriede
Gerstl, Mein Lichtstrahl. In: Jüdisches Echo, Vol. 4, Nr.2/3, 1955, S. 8.
Siehe dazu auch: Raphaela Kitzmantel, „Ich möchte nicht als lebend
gebliebene Anne Frank gesehen werden“, Elfriede Gerstls jüdische Identität
im Licht des Überlebens im Versteck. In: Christa Gürtler/Martin
Wedl (Hg.), Elfriede Gerstl, „wer ist denn schon zu hause bei sich“. Profile,
Magazin des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek,
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012.
DAS JÜDISCHE ECHO
BEZAHLTE ANZEIGE
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4 5
6
FOTOS: ONB, WIKIPEDIA, PICTUREDESK, ARCHIV DER GESCHICHTE FÜR SOZIOLOGIE GRAZ, KREISKY ARCHIV, PETRA SPIOLA
1 Adelheid Popp (1869–1939) Mitbegründerin der proletarischen Frauenbewegung 2 Käthe Leichter (1895–1942) Gründerin und Leiterin
Frauenreferat Arbeiterkammer 3 Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) Erste Frau, die in Österreich ein Architekturstudium abgeschlossen hat.
Erfinderin der sogenannten „Frankfurter Küche“. Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus in Österreich
4 Marie Jahoda (1907–2001) Sozialpsychologin, u. a. aktiv in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und den Revolutionären Sozialisten. Berühmte
Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ 5 Johanna Dohnal (1939–2010) Erste Frauenstaatssekretärin 1979, erste Frauenministerin 1991
6 Barbara Prammer (1954–2014) Als erste Frau Nationalratspräsidentin, setzte sich für Frauen- und Minderheitenrechte ein
„Wien. Stadt der Großen Töchter“
„Frauen sichtbar machen“ ist ein zentrales Anliegen der
Stadt Wien. Ehrungen, die Verleihung von Preisen oder
die Benennung von Straßen, Plätzen oder Gebäuden
in Wien sind Formen, verdienstvolle Frauen und deren
Leben und Leistungen vor dem Vergessen zu bewahren.
Die Galerie „Wien. Stadt der Großen Töchter“ hat
darüber hinaus das Ziel, außergewöhnliche Frauen –
und „Töchter“ Wiens – miteinander in Verbindung zu
setzen und die Auswirkungen ihres Tuns auf das Wien
von heute aufzuzeigen. Zudem verbindet sie das Leben
von Frauen in der heutigen Zeit mit frauenpolitischen
Kämpfen und Errungenschaften vergangener Zeiten.
Die porträtierten Frauen stehen aber nicht nur
für soziale Bewegungen und die politischen und gesellschaftlichen
Kämpfe ihrer jeweiligen Zeit, sondern
sie stehen auch für die jeweilige Geschichte dieser
Stadt. In manchen Fällen eröffnete das künstlerische,
intellektuelle und politische Milieu der Großstadt
Wien Chancen für Frauen. Es gab aber auch Zeiten,
in denen für Frauen vieles verunmöglicht und verhindert
wurde – sei es für politische Aktivistinnen, für
Jüdinnen, für Romni, für Lesben und viele andere.
Diese Frauen und ihren Einsatz zu würdigen
ist das Anliegen der Galerie. Und die Arkaden des
Wiener Rathauses reichen nicht aus, all jene außergewöhnlichen
Frauen vorzustellen, die vor dem Vergessen
bewahrt und deren Schaffen und Wirken sichtbar
gemacht werden sollten. 2
Die Galerie „Wien. Stadt der Großen Töchter“ kann jedes
Jahr rund um den Frauentag am 8. März im Arkadenhof des
Wiener Rathauses besucht werden.
Das Frauenservice Wien (MA 57) hat mit dem Projekt „Frauen
sichtbar machen“ Frauen und ihre Leistungen in Bereichen
wie Kultur, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Soziales in
das öffentliche Bewusstsein gerufen. Die Forderungen und
die Lebenswelten von Frauen und Mädchen in Wien werden
mit Publikationen, Studien, Events und dem Einsatz neuer
Medien sichtbar gemacht. www.frauen.wien.at
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 87
Von Renate Welsh
Dorothea, die Lebensretterin
Wie es gewesen sein muss, unter dem Einsatz
des eigenen Lebens jemanden vor dem Tod zu
bewahren, schildert diese Geschichte über die
Schauspielerin Dorothea Neff und ihre Freundin
Lilli Wolff.
Ich bin nicht dabei gewesen, und dennoch meine ich,
diese Küche vor mir zu sehen, einen leichten Petroleumgeruch
zu riechen, der nicht hineinpasst. Ich sehe eine
weiße Kredenz mit Kathedralglas und gedrechselten Säulen,
weiße Fliesen mit kobaltblauem Fries, feine Haarrisse
in den Bodenkacheln.
Zwei Frauen knien neben einer Küchenwaage,
groß und dunkel die eine, klein und rothaarig die andere.
Dorothea Neff und Lilli Wolff. Die Messingschalen
blinken. Ringsum ist ein seltsames Gewirr von Dingen
ausgebreitet: gefütterte Schaftstiefel, ein Petroleumkocher,
ein kleiner Aluminiumtopf, Schichtseife, Wanzensalbe,
warme Unterwäsche, Handtücher, zwei Paar
dicke Wollfäustlinge, drei Dosen Biomalz, eine weiche
gestrickte Decke ...
Die Schaftstiefel waren nicht leicht abzuwiegen.
Immer wieder kippte der Schaft in die falsche Richtung.
600 Gramm pro Stiefel? oder doch nur 450?
Dorothea Neff machte eine genaue Liste, in die
rechte Kolonne schrieb sie die Gewichte.
„Wir sind schon bei ... 28 Kilo fast. Und was da noch
alles liegt“, könnte Lilli Wolff gesagt haben. „Meinst du
wirklich, dass ich einen Kocher brauchen werde?“
„Doch. Gerade den.“
Sie sortierten Allernotwendigstes auf einen Stapel, nur
Notwendiges auf einen anderen. Auch das Allernotwendigste
wog mehr als die erlaubten zwanzig Kilogramm.
Dorothea Neff war so zufrieden gewesen, als sie die
Stiefel und den Kocher im Schleichhandel erstanden hatte,
um teures Geld. Sie wollte Lilli das Leben so weit wie
möglich erleichtern.
Noch wusste man nicht, was eine Jüdin im Lager
erwarten würde, aber man wusste, dass es furchtbar war.
88
Man hatte gesehen, wie Juden den Gehsteig mit Zahnbürsten
säubern mussten. Man hatte gesehen, wie alte
Männer an den Schläfenlocken hochgerissen wurden.
Man hatte gesehen, wie der Hass die Gesichter braver
Bürger zu Fratzen verzerrte. Man hatte die sich überschlagenden
Stimmen Hitlers, Goebbels’ und der anderen im
Radio gehört, wenn sie über „Volksschädlinge“ geiferten.
Man hatte flüstern gehört über die Vernehmungsmethoden
der Gestapo.
Novemberregen klatschte gegen die Fensterscheiben.
Die Frauen fröstelte. Dorothea Neff stand auf,
knipste die Lampe an. Im Lichtkegel wirkte das Sammelsurium
auf dem Fußboden noch absurder.
Lilli Wolff begann, Dinge in den Rucksack zu stopfen.
Irgendwie. „Ich glaube, ich nehme den heute schon
mit. Man kann nie wissen. Vielleicht holen sie uns schon
morgen Früh.“
So könne man nicht packen, ereiferte sich Dorothea Neff.
Lilli zuckte mit den Schultern. Sie müsse bald zurück in die
Wohnung im zweiten Bezirk. Die Kontrollen ...
Dorothea Neff nahm alles aus dem Rucksack, packte
sorgfältig, schob die weiche Decke so, dass nichts
drückte, wenn die kleine zierliche Lilli den Rucksack
trug. Zwanzig Kilogramm.
Viel zu wenig, und doch viel zu schwer zu schleppen
für eine Frau, die nur ein Viertel Magen hatte.
Die Wollstrümpfe mussten unbedingt noch hinein.
Und die Schmerztabletten.
Dorothea Neff blickte auf, sah das graue, müde
Profil Lillis. Fünfundvierzig Jahre alt war sie, heute sah
sie aus wie siebzig. Sie, die immer gestrahlt hatte, war
glanzlos geworden, sie, die Tüchtige, ließ alles mit sich
geschehen.
Wie sie den Nacken über den Rucksack beugte.
Diese Ergebenheit, diese grauenvolle Ergebenheit.
Wo war die Frau geblieben, die eines der besten Modeateliers
in Köln geführt hatte, die für ihren Schick bekannt
war, die auflebte am Theater und voll Begeisterung
die Kostüme für moderne Stücke entwarf?
Strähnig hingen ihr die Haare ins Gesicht.
Wut gegen die brutale Macht, der dieser wehrlose
Mensch ausgeliefert war, würgte Dorothea Neff, Mitleid
überschwemmte sie. Sie griff nach Lillis Hand.
DAS JÜDISCHE ECHO
Die Wiener Schauspielerin Dorothea Neff wurde für ihre Heldentat mit der Medaille von Yad Vashem als
„Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet
FOTOS: CHRISTOPHER MAVRIC, PICTUREDESK/SCHEIDL
„Schluss damit. Räum das Zeug weg, das ist alles unsinnig,
du gehst heute Abend nicht dorthin zurück, du
bleibst bei mir, jetzt und weiterhin.“
Wer hatte das gesagt?
Sie selbst natürlich. Wer sonst?
Dorothea Neff atmete aus. Der Würgegriff an ihrer
Kehle lockerte sich.
Man hörte das leise Sirren im Glühfaden der Lampe.
Lilli wandte Dorothea Neff ihr Gesicht zu, langsam
wie in Zeitlupe. Aufgerissene Augen, grotesk geweitete
Nasenlöcher, zitternde, eingefallene Wangen. Langsam
öffnete sich der Mund und brachte kein Wort heraus. als
ihr die Tränen über die Wangen liefen, versuchte sie zu
lächeln.
In dieser Nacht schlief Lilli tief und fest, eingerollt
wie ein Kind, das Kopfkissen im Arm.
Dorothea Neff lag wach.
Nicht dass sie bereute, ihrem Gefühl gefolgt zu sein.
Aber sie wusste, dass sie von jetzt an jeden Schritt genau
überlegen musste. Sie wusste, welches Risiko sie eingegangen
war.
Sie wusste, dass sie von heute an ganz auf sich gestellt
sein würde.
Morgen würde sie in die Ferdinandgasse im zweiten Wiener
Gemeindebezirk gehen, in die Wohnung, wo Lilli
als Untermieterin einer jüdischen Familie eingewiesen
worden war. Jeden Morgen hatte Dorothea Neff sie an
der Schwedenbrücke abgeholt, Lilli hatte den Davidstern
von ihrem Mantel entfernt, und sie waren in die Annagasse
gegangen. Abends war Lilli rechtzeitig zur Kontrolle
zurück gewesen.
Bei ihren Besuchen in der Ferdinandgasse hatte Dorothea
Neff sich als Bibliothekarin ausgegeben, hatte die
Brille aufgesetzt, die sie sonst nie trug, trotz ihrer hochgradigen
Kurzsichtigkeit, weil sie fürchtete, ihre Augen
könnten auf der Bühne ausdruckslos wirken. Sie hatte
sich mit dem Namen ihres verstorbenen Mannes als Antonia
Schmid vorgestellt. Morgen also würde sie hingehen
und nach Lilli fragen. Sie würde Erstaunen zeigen
über Lillis Abwesenheit und damit ihre Spur verwischen.
Mit großer Wahrscheinlichkeit würde man annehmen,
dass Lilli wie so viele Juden in diesen Tagen Selbstmord
begangen hatte.
Das war noch verhältnismäßig einfach. Das traute
sie sich zu. Schließlich war sie Schauspielerin.
Aber dann?
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 89
Andrea Eckert (r.) als „Dorothea Neff“ und Martina Stilp als
„Lilli Wolf“ in Felix Mitterers Stück „Du bleibst bei mir“ im
Volkstheater (2011)
«Sie durfte keine spitzen Bemerkungen
mehr machen, keine Witze gegen die
Nazis weitererzählen, sie durfte keine
unerwünschten Reaktionen zeigen.»
Als Lilli plötzlich vor der Tür stand und dann einige Zeit
illegal in der Annagasse wohnte, hatten sie erlebt, wie
schwer es war, mit einer Lebensmittelkarte auszukommen.
Sie hatten Schmuck versetzt und Kleider verkauft.
Ein schönes Kleid hatte immerhin ein Dutzend Eier
eingebracht. Letzten Endes hatten sie Lilli wegen der
Lebensmittelkarten angemeldet, obwohl Juden damals
schon fast nichts darauf bekamen.
Wovon sollten sie jetzt zubessern? Die Gage am
Volkstheater war nicht hoch genug, um Schwarzmarktpreise
zu bezahlen. Vor allem aber: Wie lange würde es
dauern? Jeden Tag kamen neue Siegesmeldungen. Hitlers
Truppen rückten in Russland vor, Polen, Dänemark,
Norwegen, Holland, ein Teil Frankreichs, Belgien, Serbien
und Griechenland waren von den Deutschen besetzt.
Ein Ende war nicht abzusehen.
Dorothea Neff konnte nicht wissen, dass es dreieinhalb
Jahre werden würden. Dreieinhalb Jahre, in denen
die Gefahr von Tag zu Tag wuchs; weil die Brutalität der
Nazis immer noch zunahm. Das Abhören eines „Feindsenders“
konnte 1945 das Leben kosten.
Sie wusste, dass sie mit diesem Schritt die volle Verantwortung
für einen anderen Menschen übernommen
hatte, wusste, dass dieser Mensch jetzt schon gebrochen
war. Wie würde Lilli die Isolation ertragen? Ihre Arbeit war
Inhalt ihres Lebens gewesen. Wie würde sie die erzwungene
Untätigkeit verkraften? Die totale Abhängigkeit?
Irgendwo im Haus tönten Schritte.
Dorothea Neff saß aufrecht im Bett, bevor ihr bewusst
war, dass sie sich bewegt hatte.
Kamen sie jetzt schon?
Jeder Herzschlag schmerzte.
Niederlegen, befahl sie sich. Ausstrecken. Entspannen.
Nerven sind von jetzt an verboten. Ruhig. Ganz ruhig.
Sie war sich klar darüber, dass sie etwas für sie sehr
Kostbares aufgegeben hatte: ihre Unabhängigkeit, die
Möglichkeit, sich völlig zurückzuziehen, allein zu sein.
Sie ahnte, dass es schwer sein würde, nach einem anstrengenden
Tag am Theater nach Hause zu kommen, nur
noch abschalten zu wollen, und der Gier eines Menschen
nach draußen, nach Welt, ausgeliefert zu sein. Sie wusste
noch nicht, dass sie manchmal tagelang nicht miteinander
sprechen würden, dass ihr Lillis Gegenwart im Nebenzimmer
unerträglich sein würde, wusste noch nicht,
wie entsetzlich die Folgen sind, wenn einem Menschen
jahrelang eingehämmert wurde, er sei minderwertig, wie
furchtbar die daraus entstehende Bedürftigkeit auslaugen
kann, jede spontane Regung unmöglich machen muss.
Was sie wusste, genügte, um sie am Einschlafen zu
hindern.
Drei Uhr früh.
Die Gedanken dröhnten in ihrem Kopf.
So laut durfte sie nun nicht mehr denken.
Sie durfte auch keine spitzen Bemerkungen mehr
machen, keine Witze gegen die Nazis weitererzählen,
keine unerwünschten Reaktionen zeigen. Sie musste sich
jede Minute des Tages voll in der Gewalt haben. Hatte
die Hausmeisterin sie mit Lilli hereingehen sehen? Die
Hausmeisterin war eine glühende Anhängerin der Nazis.
Sie könnte Verdacht schöpfen. Dorothea Neff beschloss,
der Hausmeisterin zu sagen, dass eine ausgebombte
Freundin gelegentlich bei ihr sein würde. Von den Hausparteien
auf ihrer Stiege war wenig zu fürchten.
Freundin? War Lilli nicht eher eine Bekannte?
Wie wenig man einen Menschen kannte, den man
als Bekannten bezeichnen würde. Wie ungenau Sprache
benützt wurde.
Jedenfalls waren sie verschieden, sehr verschieden.
Vielleicht war das ein Vorteil. Vielleicht war es einfacher,
mit einem Gegenbild als mit einem Spiegelbild eingesperrt
zu sein.
Egal, die Entscheidung war getroffen.
Und sie war richtig.
Was aber, wenn Lilli krank wurde? In letzter Zeit
hatte sie oft die Hände auf den Magen gepresst. Schweißperlen
waren ihr auf der Stirn gestanden. Wenn das Magengeschwür
wieder aufbrach? Eine neue Operation notwendig
wurde?
Fortsetzung S. 92
FOTOS: PICTUREDESK/HERBERT NEUBAUER, VOTAVA/IMAGNO
90
DAS JÜDISCHE ECHO
Legendäre Gestalt des Theaterlebens
Dorothea Neff wurde am 21. Februar 1903 in München
geboren, als Tochter eines Gymnasiallehrers,
der seinen Kindern die Geborgenheit geben wollte,
die er vermisst hatte, und einer Mutter, die ihren für
die Ehe aufgegebenen Klavier- und Gesangsstudien
nachtrauerte, Schwester eines pazifistisch gesinnten,
elf Jahre älteren Bruders, ab 1921 Elevin an den
Bayrischen Staatstheatern, Schauspielerin in Gera,
Aachen, München, Köln, Königsberg, Wien, für viele
die Mutter Courage, die Elisabeth in „Maria Stuart“, die
Alte Dame schlechthin – all das definiert sie nicht. Der
Regisseur Leopold Lindtberg sagte über sie: „Dorothea
Neff, die nun fast Achtzigjährige, seit Jahren erblindete
Charakterdarstellerin des Wiener Volkstheaters ist
eine legendäre Gestalt des österreichischen Theaterlebens.
Wenn nach Vorbildern für jüngere Generationen
von Künstlern gesucht wird, muss Dorothea Neff an
herausragender Stelle genannt werden. Ich hatte den
Vorzug, mit ihr zu einer Zeit arbeiten zu dürfen, als
sie noch im Besitz ihres Augenlichts war. In den folgenden
Jahren konnte ich beobachten, wie sich ihre
Gestaltungskraft und ihre Fantasie durch den Ausfall
der kostbarsten Fähigkeit, welche die Natur dem Menschen
verliehen hat, nicht gemindert, sondern auf
bewundernswerte Weise gesteigert haben.
Was Dorothea Neff dazu befähigt hat, ist ihre Einstellung
zum Leben, ist vor allem der Mut, mit dem sie
sich ihrem Schicksal als Künstlerin und als Mensch
gestellt hat. Was in ihrem Beruf als Kühnheit der
Dorothea Neff 1963 bei der Verleihung der Josef-Kainz-
Medaille, gemeinsam mit Josef Meinrad (r.) und dem
Regisseur Heinrich Schnitzler
Fantasie hervortrat, hat sie in ihrem Leben durch Zivilcourage
bewährt: Zu einer Zeit, da eine solche Tat die
Gefährdung des eigenen Lebens bedeutete – in den
Jahren von 1939 bis 1945 – hat sie einem ihr nahestehenden
Menschen, den sie unter abenteuerlichen
Umständen als ,U-Boot‘ bei sich versteckt hielt, das
Leben gerettet. Eine Frau, die auf solche Art ihr Leben
zu einem imponierenden Kunstwerk gestaltet hat, verdient
den höchsten Respekt ihrer Mitmenschen. Hier
– und fast möchte man meinen – nur hier offenbaren
sich Qualitäten, mit denen es vielleicht schon in naher
Zukunft möglich sein wird, den Kampf um den Frieden
zu gewinnen.“
1980 wurde Dorothea Neff die Ehrenurkunde und
Medaille von Yad Vashem verliehen, der Jerusalemer
Gedächtnisstätte für die Opfer des Holocaust. Burgtheaterdirektor
Achim Benning erklärte bei der Feier
im Wiener Akademietheater: „Ich möchte dir sagen,
dass wir, die wir uns dem Theater gewidmet haben, in
dir ein verpflichtendes Vorbild sehen, weil das Gesetz
der Menschlichkeit und der entschlossenen Wahrhaftigkeit,
unter dem dein Leben stand und steht, auch
deine Kunst bestimmt hat. Diese Einheit, die nie von
biografischen Zufälligkeiten beschädigt worden ist,
bewundern wir zutiefst.“
Auf der Medaille von Yad Vashem stehen die
Worte: „Wer einmal ein Leben rettet, rettet die ganze
Welt.“
In ihrer Dankrede sagte Dorothea Neff: „Das Weiterreichen
von Hilfe wäre eine tröstliche Antwort auf
die Frage nach dem Sinn des Lebens.“
Karl Paryla schrieb über sie: „Die Dorothea Neff
wird von Freunden ,Dorli‘ genannt, denn obwohl sie
eine imponierende Dame und große Gestalterin
bedeutsamer Personen ist, hat sie die seltene Eigenschaft
(bei Schauspielern) des unvermittelt zärtlich
Geliebtwerdens, weil sie ungewöhnlich liebenswert ist
– daher Dorli!“ Dorothea Neff ist 1986 in Wien gestorben.
In dem Gespräch, das ich im Juni 1987 mit Eva
Zilcher führen durfte, spürte ich bei jedem Satz, dass
hier die Frau sprach, die jahrelang die Augen der Dorothea
Neff gewesen war, dass die lebendige Gegenwart
eines Menschen nicht mit seinem Tod aufhören muss
und dass die Fähigkeit des zärtlich Geliebtwerdens
nicht ein Jahr zuvor in einem Ehrengrab der Stadt Wien
begraben worden war.
Renate Welsh
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 91
Das sollte 1944 der Fall sein, allerdings würde es nicht
der Magen sein, sondern ein Geschwür in der Brust,
und eine lebensbedrohende Blutarmut dazu. Äußerlich
kühl und überlegt würde Dorothea Neff nach weiteren
durchwachten Nächten Lilli in die Klinik bringen, sie
vorstellen als Antonia Schmid, die nach einem Bombenangriff
alles, auch sämtliche Dokumente verloren hatte.
Die Schwester in der Aufnahme würde Dorothea Neff
voll Begeisterung auf ihre schauspielerische Leistung
als Königin Gertrude in Grillparzers „Ein treuer Diener
seines Herren“ ansprechen, sich über die angebotenen
Freikarten freuen und die Patientin kaum beachten.
Lilli würde sich in der Narkose nicht verplappern, und
die Nachbarin würde die Leckerbissen mit ihr teilen, die
Verwandte vom Land brachten, und dabei pausenlos
über die Juden schimpfen.
Das alles wusste Dorothea Neff damals noch nicht.
Sie verbot sich, an die Möglichkeit zu denken, dass Lilli
ernstlich krank werden könnte.
Noch etwas durfte nicht geschehen: Es durfte niemand
in die Wohnung eingewiesen werden. Morgen
musste sie vor der Probe in die Ferdinandgasse gehen,
aber gleich übermorgen würde sie der Sekretärin Baldur
von Schirachs eine Bonbonniere bringen und zwei Theaterkarten.
Dann würde die hoffentlich einsehen, dass
eine Schauspielerin ein Arbeitszimmer brauchte.
Es kam nur darauf an, alles zu bedenken, gewappnet
zu sein. Warum nur fror sie so?
Sie zog die Decke über den Kopf, atmete sich eine
warme Höhle.
Normal musste sie sich benehmen. Völlig normal.
Fast hätte sie aufgelacht.
Normal in dieser Zeit? Was hieß jetzt normal?
Jedenfalls durfte sie sich nicht verkriechen. Das
würde auffallen. Am Theater wurde getratscht, immer
schon, und jetzt konnte der harmloseste Klatsch tödliche
Folgen haben. Also musste sie Kollegen einladen. Und
Lilli inzwischen verstecken.
Es würde ja nicht lange dauern.
Es durfte nicht lange dauern.
Ihre Knochen schmerzten wie bei einer schweren
Grippe, jedes Gelenk war steif.
Sie knipste die Nachttischlampe an.
In einer Stunde konnte sie aufstehen, heiß baden,
ohne die Nachbarn zu stören.
Beim Frühstück fühlte sie Lillis fragend flackernden
Blick. Sie nickte ihr zu. „Übrigens“, sagte sie, „mein
blaues Kleid ist zu weit geworden. Wenn du das enger
machen könntest, das wäre großartig.“
So ähnlich kann es gewesen sein.
Oder auch ganz anders.
Tatsache ist, dass Dorothea Neff Lilli Wolff bis 1945
versteckte, die Lebensmittel mit ihr teilte, die kaum für
einen Menschen genügten, ihr Mut zusprach, auch wenn
sie selbst keinen mehr hatte. Wie oft klammerte sie sich
92
nur daran fest, dass sie sich sagte: Wenn ich den Tag überlebt
habe, werde ich auch die nächste Stunde überstehen.
Es war selbstverständlich, würde sie irgendwann sagen,
viel später, als alles vorbei war. Wie schwer das Selbstverständliche
war, davon sprach sie kaum. Im Nachhinein
war der Schrecken sogar noch größer, weil man mehr
wusste.
Manchmal meinte Dorothea Neff ersticken zu müssen
an ihrem Geheimnis. Bis 1944 die Theater geschlossen
wurden und die gefeierte Schauspielerin in eine Uniformschneiderei
abkommandiert wurde. Neben ihr kam
eine junge Kollegin zu sitzen, die gerade rechtzeitig an
die Josefstadt engagiert wurde, um in Wien und nicht in
Graz Uniformhemden nähen zu müssen.
Eva Zilcher hatte Dorothea Neff schon lange verehrt.
Jetzt kam zur Bewunderung Mitleid mit dieser
Frau, die bei einer Größe von 1,76 auf 45 Kilogramm
abgemagert war. Eva Zilcher, deren Mutter eine großartige
Organisatorin war, brachte einen Apfel, ein Stück
Kuchen, eine Buchtel mit, war ein wenig enttäuscht, dass
Dorothea Neff sich zwar sehr herzlich bedankte, aber die
Geschenke nie in der Frühstückspause aß, sondern einpackte
und in die Tasche steckte. Als sie endlich den Mut
fasste, nach dem Grund zu fragen, forderte Dorothea
Neff sie auf, draußen mit ihr eine Zigarette zu rauchen.
In eine Ecke gedrückt erzählte sie von Lilli.
„Wieso hast du dich getraut, mir das zu sagen?“,
fragte Eva Zilcher erschüttert.
„Ich habe deine Augen gesehen“, antwortete Dorothea
Neff. „Ich bin so glücklich, endlich einen Menschen
gefunden zu haben, dem ich’s sagen kann.“
Von dem Tag an wurden zwei Lebensmittelrationen
auf drei Frauen aufgeteilt. Nicht dass von nun an alles
einfach gewesen wäre.
Aber Dorothea Neff war nicht mehr allein. Sie würde
nie mehr allein sein. 2
Auszug aus dem Buch „In die Waagschale geworfen“, Abdruck
mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.
Lesetipp:
Renate Welsh
In die Waagschale geworfen
Geschichten über den Widerstand
gegen Hitler
Czernin-Verlag, 2019
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Anna Goldenberg
Im Zweifel für den Zweifel
FOTOS: HERIBERT CORN, PARLAMENTSDIREKTION/JOHANNES ZINNER
Vor einem Jahr veröffentlichte die Autorin ein
Buch über ihre Großeltern, die den Holocaust
überlebten. Ist die Geschichte zu Ende erzählt?
„Sie sind eher zurückhaltend“, urteilt der ausländische
Journalist. Gerade hat er mich gefragt, welche Parallelen
ich sehe zwischen dem, was mir meine Großeltern
über die NS-Zeit erzählt haben, und dem, was gerade in
Österreich geschieht. Meine Antworten sind zögerlich:
Antisemitismus gibt es, nur wurde ich als Jüdin noch nie
persönlich angegriffen. Dass die rechte FPÖ zu diesem
Zeitpunkt eine Regierungspartei ist, sehe ich kritisch,
aber fühle ich mich deshalb unwohl in Österreich? Hm.
Der Journalist scheint ein wenig enttäuscht.
Es ist Sommer 2018, seit wenigen Tagen ist mein
Buch „Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater
rettete“ am Markt. Fast drei Jahre habe ich daran gearbeitet,
die Geschichte meiner beiden Großeltern recherchiert
und aufgeschrieben. Es geht um Hansi, Jahrgang
1925, der den Holocaust beim Kinderarzt Josef „Pepi“
Feldner in Wien versteckt überlebte, und Helga, 1929
geboren, die mit 14 Jahren in das Konzentrationslager
Theresienstadt deportiert wurde. Die Großeltern lernten
sich im Herbst 1945 an ihrem Geburtsort Wien kennen.
Zehn Jahre später zogen die Jungärzte in die Vereinigten
Staaten, kehrten allerdings nach einem Jahr wieder zurück.
Die Frage, warum sie sich für Österreich entschieden,
bildet den Rahmen des Buches.
Ich finde darauf keine eindeutige Antwort. Zu
behaupten, Hansi und Helga hätten sich mit Wien
versöhnt, wäre nicht richtig. Auch nicht, dass es nur
praktische Gründe waren – das Leben im vertrauten
Land einfacher, die überlebende Familie näher. Es ist
nicht die einzige Frage, auf die ich keine klare Antwort
habe. Warum hat Pepi Hansi gerettet? Ich habe Vermutungen:
Stets Einzelgänger, hatte er keine Angst vor
Schmerzen, zudem war es ihm egal, was andere von ihm
dachten. Was ihn genau dazu bewogen hat, werde ich
jedoch nie wissen. Pepi starb lange, bevor ich auf die
Welt kam.
Diese Überlegungen, meine Zweifel aufzuschreiben ist
mir leichtgefallen. Wenn ich sie allerdings in Interviews
oder bei Lesungen erklären soll, stocke ich oft. Mit der
Zeit werde ich geübter darin, meine Unsicherheit zu formulieren.
Die Zuhörer scheinen dennoch enttäuscht,
wie der ausländische Journalist, der sich wohl Aussagen
für eine gute Titelzeile erhoffte.
Manchmal zweifle ich an mir selbst. Ich fühle mich
ertappt. Vielleicht habe ich einfach nicht genug darüber
nachgedacht, die falschen Bücher gelesen, nicht die richtigen
Leute befragt, denke ich dann. Vielleicht gäbe es
Antworten, wenn ich mich noch ein bisschen mehr angestrengt
hätte. Ich möchte mein Buch weiterschreiben
– nicht nur, um meine Unsicherheit zu überwinden.
In den Jahren der Entstehung war das Buch ein
wichtiger Anker in meinem Leben gewesen. Als ich mit
dem Verlag in Kontakt trat, lebte ich noch in New York.
Unglücklich und einsam in der amerikanischen Metropole,
wollte ich nach drei Jahren zurück nach Wien. Es
fühlte sich wie eine Niederlage an, weil es in New York
Anna Goldenberg und ihre Großmutter Helga Feldner-Bustin bei der
Präsentation von „Versteckte Jahre“ im Parlament, 3.12.2018
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 93
Retter und Sohn: Pepi Feldner, eine Verwandte und Goldenbergs Großvater Hansi (linkes Bild), Pepi und Hansi, ca. 1945
Lesetipp:
Anna Goldenberg
Versteckte Jahre.
Der Mann, der meinen
Großvater rettete
Paul Zsolnay Verlag, 2018
allen anderen gutzugehen schien. Der Buchvertrag rettete
mich: Über die eigene Familie schreiben, das geht
besser, wenn man bei ihr ist, etwa, um die Großmutter zu
interviewen oder die österreichischen Archive zu durchstöbern.
Und überhaupt, mit 25 Jahren einen Buchvertrag.
Wohlwollendes Nicken, wenige wollten wissen, was
in New York geschehen war. Gut so.
Wir waren uns nahe, das Manuskript und ich, verbrachten
viel Zeit zu zweit. Wann immer es mir schwerfiel,
mich wieder in Wien, der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen
war, einzufinden, tröstete es mich. „Tagebuch“
hatte ich den Ordner in meinem Computer benannt, da
ein Artikel über die Geschichte meines Großvaters Hansi
den Titel „Das Tagebuch des Hansi Bustin“ trug. Im Mai
2015 hatte ich ihn in der Wochenzeitung „Falter“ veröffentlicht;
so war der Verlag auf mich aufmerksam geworden.
Das „Tagebuch“ und ich, wir glaubten aneinander.
Mit ihm war es nie langweilig und einsam.
Im Juli 2018 wird das „Tagebuch“ zum Buch. Von
der Buchpräsentation und den Interviewterminen habe ich
geträumt, mich auf die Aufmerksamkeit gefreut. Die erste
Zeit ist so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Das Buch verkauft
sich besser als erwartet, wird in den Medien freundlich
besprochen, zu meinen Lesungen kommen Menschen,
die ich schon lange nicht gesehen habe. Das Interesse ist
ehrlich, ich bin zufrieden. Das Werk ist vollbracht.
Als die Monate vergehen, kommen andere Gefühle
dazu. Wo das Buch ein enger Partner war, ist nun Leere.
Daraus vorzulesen, über die Inhalte zu diskutieren, Lob
und Kritik zu erhalten, das ist schön, doch die Konversationen
fehlen mir – jene mit dem „Tagebuch“. Ich hatte
mit den Figuren gesprochen und ihnen Details abgerungen,
mit dem Text verhandelt und um Formulierungen
gekämpft. Mit den Seiten des „Tagebuchs“ war auch ich
gewachsen. Das Manuskript, das sich über die Jahre veränderte
‒ mal war es ausführlicher, mal trockener im Stil,
Szenen, Personen und Erläuterungen kamen und verschwanden
‒, ist nun starr und stumm.
Rastlosigkeit ist die Folge. Ich decke mich tagsüber
mit Arbeit ein und halte es abends kaum alleine aus. Ich
sehne mich nach den langen Nachmittagen in der Bibliothek
und den stillen Abenden am Schreibtisch zurück,
die das „Tagebuch“ und ich so friedlich und lustvoll miteinander
verbracht haben.
Jedes Mal, wenn jemand eine Antwort auf eine offene
Frage verlangt, flackert der Schmerz der Trennung
auf. Gib mir ein paar Monate, ich möchte noch einmal
darüber nachdenken, warum Pepi meinen Großvater gerettet
haben könnte, will ich antworten. Dann schreibe
ich das Buch weiter.
Aber nein. Die unbeantworteten Fragen sind ein
wichtiger Teil der Geschichte, gerade weil sie verunsichern,
die Leser genauso wie mich selbst. Sie zwingen
dazu, weiter nachzudenken. Deshalb muss das Buch so
bleiben, wie es ist. Oder? 2
FOTOS: PRIVATES ARCHIV, BEIGESTELLT
94
DAS JÜDISCHE ECHO
Die Verteidigung
der Erinnerung
Von Anna Goldenberg (Text) und Luigi Toscano (Fotos)
„Dann hab ich losgelassen“
Seine Ausstellung mit Holocaust-Überlebenden
wurde zerstört. Der Fotograf Luigi Toscano erinnert
sich an die unglaublichen Vorfälle in Wien.
Es begann mit Ali. In Mannheim lernte Luigi Toscano
den Asylwerber aus dem Iran kennen. Ali lud den Fotografen
ein, ihn in seiner Unterkunft zu besuchen. Toscano,
heute 47, erinnert sich an das Elend. Beengt und
voller Ungeziefer. „Leute, euch muss man sehen“, dachte
Toscano damals. Er fotografierte alle Bewohner der
Flüchtlingsunterkunft und überzeugte die Betreiber der
Alten Feuerwache, eines Kulturzentrums, die großen Bilder
auf der Fassade aufzuhängen. 2014 war das, und das
Echo überwältigend positiv.
Dann kam 2015 und die sogenannte „Flüchtlingskrise“.
Der Ton wurde rauer, und Toscano, selbst Sohn
sizilianischer Gastarbeiter, befand, er müsse etwas tun.
Da sich auch das Kriegsende zum siebzigsten Mal jährte,
beschloss er, Schoah-Überlebende zu fotografieren.
Alle Opfergruppen wollte er porträtieren und ihre Geschichten
erzählen. Zunächst verlief es schleppend, mehrere
Institutionen lehnten sein Konzept ab. „Wir wollen
nicht in die Vergangenheit investieren“, lautete eine der
Begründungen.
Bei einer Gedenkveranstaltung im Konzentrationslager
Sandhofen nahe Mannheim, wo Toscano lebt,
gelang es ihm schließlich, ehemalige Zwangsarbeiter zu
porträtieren. Dann nahm das Projekt seinen Lauf. Mittlerweile
hat Toscano rund 400 Überlebende fotografiert,
ist dafür in die Ukraine, nach Israel, in die USA und
nach Österreich gereist und hat die Wanderausstellung
„Gegen das Vergessen“ in 13 Städten gezeigt. Eine Million
Menschen haben die zwei Meter hohen Leinwände,
die an öffentlichen Orten ausgestellt werden, schon gesehen.
„Das hätte ich nie gedacht“, sagt Toscano.
Es ist Ende Juni 2019, die Ausstellung in Wien ist
bereits vorbei. Drei Wochen lang waren die Bilder auf
der Ringstraße nahe dem Heldenplatz zu sehen gewesen.
Toscano ist trotzdem da. Der Grund dafür ist traurig
und hoffnungsvoll zugleich. Die Fotos waren in Wien
mit Hakenkreuzen beschmiert und durch Schnitte beschädigt
worden. Engagierte Menschen hatten die Bilder
Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Fotograf Luigi
Toscano bei der Ausstellung am Ring in Wien, Mai 2019
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 95
Lisl Bogart, 1926 in Prag geboren, 1942 nach Theresienstadt deportiert, überstand Zwangsarbeit und Typhus. Sie lebt in den USA
96
DAS JÜDISCHE ECHO
Rena Finder, 1929 in Krakau geboren, fand Zuflucht in Oskar Schindlers Fabrik Emalia. Sie lebt heute in den USA
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 97
Susan Cernyak Spatz, 1922 in Wien geboren, überlebte Theresienstadt, Auschwitz und Ravensbrück. Sie lebt in den USA
98
DAS JÜDISCHE ECHO
ALLE PORTRÄTS: LUIGI TOSCANO/LUIGI-TOSCANO-PRODUCTION.COM
Ruth S. Stern, 1930 in Berlin geboren, war mehrere Jahre im Internierungslager in Kasba Tabdla im Vichy-Frankreich, heute Marokko, interniert
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 99
repariert und eine Mahnwache gebildet, eine Woche lang
rund um die Uhr bei den Leinwänden ausgeharrt. Die
Zerstörungen und der darauffolgende Aktivismus hatten
weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Nun, einen Monat
später, gibt es ein Fest, um sich bei den Beteiligten zu
bedanken.
Als Toscano von den Zerstörungen erfuhr, saß er gerade
im Taxi. Er war nach Wien gereist, um bei den letzten
Tagen der Ausstellung dabei zu sein und die Bilder
dann abzubauen. Toscano hat drei Lager, in der Ukraine,
in Mannheim und in Philadelphia, um die Transportkosten
gering zu halten, wenn die Fotos auf Reisen gehen.
„Gegen das Vergessen“ ist mittlerweile zu Toscanos
Vollzeitjob geworden, noch immer fotografiert er Überlebende,
bemüht sich um Kooperationspartner in neuen
Städten und Ländern. In Wien war die Organisation
Esra maßgeblich daran beteiligt, die Ausstellung möglich
zu machen. In jeder Stadt versucht Toscano, Bilder von
Menschen zu zeigen, die einen Bezug zu dem Ort haben.
Als Toscano auf seinem Handy die Fotos von den
zerschnittenen Leinwänden sah, bat er den Taxifahrer,
seine Route zu ändern. Statt ins Hotel fuhr er sofort zum
Ring. „Ich war wütend“, sagt er. „Österreich, was ist los
mit dir???? Weder die Polizei noch das österreichische
Innenministerium sind in der Lage, Schutz zu leisten“,
postete er am 27. Mai 2019 auf seiner Facebook-Seite.
Toscano stand fassungslos vor seinen Bildern.
Angst, dass so etwas passieren würde, hatte er immer
gehabt. „Aber mit dieser Wucht und mehrfach, das hat
uns erschlagen“, erzählt er. Einer Studentin, die weinend
versuchte, mit einem Klebeband die Bilder zu reparieren,
begegnete er noch schroff, erinnert er sich. „Das
sind meine Bilder, lass das“, sagte er. Doch dann kamen
immer mehr Menschen, darunter Mitglieder der Muslimischen
Jugend, der YoungCaritas und der Jüdischen österreichischen
HochschülerInnen. Sie nähten die Bilder
zusammen, legten Blumen nieder, weinten, sangen und
bauten schließlich Zelte auf, um die Ausstellung rund
um die Uhr zu bewachen. „Dann hab ich losgelassen“,
sagt Toscano, „es war so schön und zugleich traurig zuzuschauen.“
Eine Woche lang dauerte die Mahnwache an,
dann war die Ausstellung zu Ende. Da es in den Ramadan
fiel, gab es nach Sonnenuntergang ein gemeinsames
interreligiöses Fastenbrechen.
Toscano erzählt gerne von der Mahnwache, davon,
wie sehr ihn das Engagement der jungen Muslime berührte,
wie überwältigt er war, als das Haus der Geschichte
anfragte, ob die beschädigten Bilder in ihre Sammlung
aufgenommen werden könnten, und wie unerwartet es
ihn traf, dass Bundespräsident Alexander Van der Bellen
die Ausstellung ein weiteres Mal besuchte.
Am liebsten aber spricht Toscano von seiner Arbeit,
den Begegnungen mit Überlebenden. „Meine größte
Angst am Anfang war, etwas Falsches zu sagen“, meint
er. Toscano wusste über den Holocaust nur, was er in
der Schule gelernt hatte, und das war nicht viel. Er
war nicht in der „typischen italienischen Großfamilie“
groß geworden, sagt er, es gab Gewalt und Verwahrlosung.
Toscano, das älteste von sieben Kindern, wuchs
in Heimen auf, rutschte später in eine Drogenabhängigkeit.
Seit zwanzig Jahren ist er clean. Er jobbte viel,
als Dachdecker, Fensterputzer und Türsteher. Dann besuchte
er einen Fotografiekurs an der Volkshochschule
– und blieb dran, probierte viel aus und verbesserte seine
Technik.
Die Nähe, die Toscano zu den Menschen, die er
porträtiert, herstellt, spürt man in seinen Bildern. „Ich
habe keine Berührungsängste mit Menschen, die schlimme
Situationen überstanden haben“, sagt er. Vielleicht,
weil er selbst erlebt hat, wie sich das anfühlt. 2
100
DAS JÜDISCHE ECHO
Aus Religion
und Kultur
Von Oberrabbiner Arie Folger
Frauen im Judentum
FOTO: PRIVAT
Eva ist gleich viel wert wie Adam, dessen Name
ja „Mensch“ bedeutet. Ein jüdischer Ausblick
(Hashkafa) auf die Verhältnisse der Geschlechter.
Und Gott schuf den Menschen in Seinem Ebenbilde, im
Ebenbilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich
schuf er sie. (Genesis 1:27)
Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von
meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch! Die soll
Männin heißen; denn sie ist dem Mann entnommen!
Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter
verlassen und hänge seiner Frau an, dass sie zu einem
Fleische werden. (ebd. 2:23-24)
Der Status der Frau im Judentum und in anderen
traditionellen Konfessionen ist umstritten. Religionskritiker
betonen gerne Ausdrücke und Sprüche, die belegen
sollen, dass zu der einen oder anderen Konfession primitive
Auffassungen bezüglich Frauen gehören und deshalb
moderne Menschen sich nicht nach Religionen ausrichten
sollen, während Anhänger der jeweiligen Religionen
ihre Quellen gerne so auslegen, dass sie auch in modernen
Ohren relevant bleiben, ohne allerdings wichtigen
Lehren dieser oder jener Konfession zu widersprechen.
Beide Arten von Auslegungen wurden auch bezüglich
des Judentums angeboten.
Ob ein Leser nun eher die kritischen oder die apologetischen
Argumente akzeptiert, ist häufig nicht eine Folge
der Stärke der Argumente, sondern eher die Folge der
eigenen bereits bestehenden Neigungen. Intelligente,
weltoffene Leser lernen aber, diese eigenen prä-existierenden
Neigungen zu überwinden. In diesem Geiste
schlage ich den Lesern des „Jüdischen Echos“ vor, uns
mit einigen traditionellen jüdischen Quellen und Denkern
auseinanderzusetzen.
So eine Untersuchung bietet zwei besondere Vorteile:
Einerseits erlaubt sie uns, sich ein vollständigeres Bild
des Judentums zu formen, anderseits, gängige Denkmuster
zu durchbrechen und querzudenken. Obwohl manche
es so darstellen wollen, sind die Welt und das Leben
nicht zweipolig, schwarz und weiß, gut und schlecht,
klug und dumm (wobei die letzten zwei Gegensätze sehr
subjektiv sein können), sondern vielschichtig, vielfärbig
und komplex. Lösungen für gesellschaftliche Probleme
entstehen meistens nicht aus radikalen Angesichten, sondern
aus einer Anerkennung der Komplexität unserer
Welt. Hier bietet eine Religion wie das Judentum, in der
seit Jahrtausenden progressive und konservative Gedanken
einander mildern, ein wichtiges Gegengewicht zu
neuen Orthodoxien, die die Welt polarisieren.
Bevor wir uns mit den Quellen auseinandersetzen,
gehört es sich, die Auswahl der Quellen zu kommentieren.
Diese kommen aus der hebräischen Bibel, dem
Babylonischen Talmud, den Midraschim (Werken der
rabbinischen Exegese, die im ersten Jahrtausend der
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 101
bürgerlichen Zeitrechnung verfasst wurden) und den
Bibelkommentaren. Der Korpus ist enorm. Allein der
Babylonische Talmud besteht aus 2711 Folien, die in
37 Traktaten eingeteilt sind. In vielen Texten finden wir
kurze Zitate, die für den Status der Frau im Judentum
relevant sind. Da der Talmud in einem dialektischen
Stil verfasst wurde, sind viele dieser Zitate kurz und widersprüchlich,
denn aus der Begegnung und dem Vergleich
der verschiedenen Zitate leiten wir die rabbinische
Theologie ab. Dabei gibt es auch Zitate, die nur in ihrem
schriftlichen oder kulturellen Kontext sinnvoll interpretiert
werden können. Es ist durchaus möglich, einzelne
Zitate aus ihrem Zusammenhang zu reißen und so die
Sicht des Judentums zu einem beliebigen Thema zu manipulieren.
In diesem Artikel versuche ich bewusst, solche
falschen Darstellungen zu vermeiden.
Geschlecht ist bedeutend
Was zweifelsohne stimmt, ist, dass Geschlecht nach dem
Judentum bedeutend ist. Gott erschuf den Menschen
in zwei Geschlechtern, damit Mann mit Frau eine Einheit
bilden (Genesis 1:27, 2:24). Männer dürfen sich
nicht wie Frauen kleiden und Frauen nicht wie Männer
(Deuteronomium 22:5). Die Pflichten der Männer und
Frauen überlappen sich zum Teil, sind aber nicht identisch,
denn Frauen sind von verschiedenen „zeitgebundenen
Geboten“ befreit (Mischna Kidduschin 1:7; nicht
aber von „nicht-zeitgebundenen Geboten“ und erst recht
nicht von irgendwelchen Verboten, vor denen alle gleich
sind).
Das Judentum unterscheidet also zwischen Männern
und Frauen. Mann-Sein und Frau-Sein sind bedeutende
und entscheidende Begriffe, die Pflichten mit sich
bringen. Heißt das, dass Frauen im Judentum geringer
geschätzt werden? Dies ist zu bestreiten, denn zu viele
Quellen schätzen Frauen gleich wie Männer und preisen
Frauen für Tätigkeiten, die in anderen Gesellschaften erst
in der Moderne akzeptiert wurden.
Die Erschaffung der Geschlechter
Besonders bekannt ist die Auslegung der Erschaffung der
Frau aus dem schlummernden Mann (Genesis 2:21-22):
„Da ließ der Ewige, Gott-Allmächtiger, einen tiefen
Schlaf auf den Menschen fallen; und während er schlief,
nahm er eine seiner Rippen (Hebr.: Zäla’, pl. Zela’ot, seine
Z.: Zal’otaw) und verschloss deren Stelle mit Fleisch.
Und der Ewige, Gott-Allmächtiger, baute (Hebr.:
wajiwen) aus der Rippe, die er von dem Menschen genommen
hatte, ein Weib und brachte sie zu ihm.“
Im obigen Zitat wollen viele religionskritische Stimmen
eine Einstellung sehen, die Frauen grundsätzlich
102
den Männern unterordnet, denn die Frau wurde ja aus
einer Rippe des Mannes erschaffen, damit der Mann eine
Partnerin hat, also soll hier eine Einstellung bestehen, die
in der Frau ein zweitrangiges Geschöpf sieht. Was sagen
traditionelle Quellen dazu?
Traditionelle jüdische Quellen sind sich gar nicht
einig, dass die Frau aus einer Rippe erschaffen wurde.
So zitiert der Bibelkommentar Raschi (Genesis 1:27,
2:21) aus dem Midrasch Aggada, dass der Mensch anfänglich
zweigeschlechtlich war und dann in zwei geteilt
wurde, denn das hebräische Wort für Rippe, Zäla, heißt
auch „Seite“. Diese Auslegung wird bereits im Talmud
( Berachot 61a) gelehrt. Die gleiche Auslegung wird von
weiteren Bibelkommentaren – ohne Verweis auf irgendwelche
Alternativen – aufgeführt, wie etwa von Ibn
Esra 1 . So schrieb auch Rabbiner Samson Raphael Hirsch
(Genesis 2:21):
„… nicht wie beim Manne ward zum Leib der Frau
der Stoff von der Erde genommen. Eine Seite des Mannes
bildete Gott zur Frau, es ward der Mann gleichsam
geteilt und der eine Teil zur Frau gestaltet. (…) also, dass
das früher eine Geschöpf nun in zweien dastand und damit
die völlige Gleichheit der Frau für immer besiegelt.“
Allerdings erhielten Frauen in Österreich das Wahlrecht
erst dreißig Jahre nach dem Tod des Autors des obigen
Zitats.
Auf Basis des zweiten Verses des obigen Bibelzitats
(Genesis 2:22) lehrt der Talmud (Nidda 45a), dass Frauen
besonders verständnisvoll sind, denn das Verb bauen
(„und … baute aus der Rippe/Seite“), wajiwen, hat die
fast gleiche Wurzel wie das Wort für Verständnis, Bina. 2
Statt die Frau zu missachten und gering zu schätzen,
sieht der Talmud hier eine besondere Aufwertung der
Frau dem Mann gegenüber.
Bei der ersten Schilderung der Erschaffung des
Menschen (Genesis 1:27) wird vom Menschen im gleichen
Vers sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl
gesprochen. Das ist die Basis der obigen Lehre, dass der
Mensch anfänglich das Männliche und Weibliche in einem
doppelseitigen Wesen vereinte, das später in zwei
geteilt wurde. Auf Basis des gleichen Verses lehrt der
Talmud (Jewamot 63a), dass der Mensch erst „Mensch“
heißen kann, wenn Mann und Frau zusammen sind.
Erst mit der Ehe wird der Mensch vollständig; dann
lebt der Mensch im Ebenbild Gottes. Langzeit-Singles
mögen diese Lehre nur mit Mühe schlucken, aber statt
einer Geringschätzung der Frau finden wir nun in der
Schöpfungsgeschichte eine grundsätzliche Gleichheit
und Hochschätzung: Mann und Frau ergänzen einander
und alleine ist jeder von ihnen unvollständig.
So lehrte auch Rabbi Tanchum im Namen von Rabbi
Chanilai, dass jeder Mann, der keine Frau hat, weder
Freude noch Segen noch Güte kennt (ebd. 62b). 3
Alternativ betont ein Midrasch (Midrasch Aggada,
Genesis 5:1) auf Basis des gleichen Verses, dass die Frau
DAS JÜDISCHE ECHO
genau so sehr „Adam“ (Mensch) ist wie der Mann, und
betont damit die Gleichheit der Geschlechter.
Für Rabbiner Samson Raphael Hirsch stellt die
Frau in einem gewissen Sinne eine weitere Veredlung des
Menschen dar (Genesis 2:21):
„Die Weisen stellen auch alle Eigentümlichkeiten
der weiblichen Stimme, des weiblichen Charakters und
Temperaments sowie auch die frühere geistige Reife der
Frau im Zusammenhang mit dieser Bildung der Frau aus
bereits fühlendem, empfindendem, belebtem Menschenleib,
im Gegensatz zum Manne, dessen Leib aus Erde geschaffen
worden.“
Unterschiedliche Pflichten
FOTO: ISTOCK
Oben erwähnten wir, dass das jüdische Religionsgesetz
zwischen den Pflichten der Männer und der Frauen
unterscheidet. Zwar müssen jüdische Männer wie Frauen
sich an alle Verbote der Thora halten (Frauen sind lediglich
aus biologisch-technischen Gründen von zweien der
Verbote befreit 4 ). Hingegen sind die Gebote für Männer
und Frauen nicht gleich bindend. Manche Gebote
müssen nämlich in einer bestimmten Zeit erfüllt werden;
Frauen sind von der Pflicht befreit, einige dieser Gebote
zu erfüllen. So müssen Männer zum Laubhüttenfest in
einer Sukka (Laubhütte) essen, während Frauen es dürfen.
Männer müssen an den Ecken ihrer viereckigen
Kleider Zizit (Schaufäden) tragen, während Frauen von
dieser Pflicht befreit sind.
Sind Frauen von allen zeitbedingten Geboten befreit?
Nein, wie Rabbiner Hirsch erläutert:
„Man sieht, der Ausnahmen sind fast so viele wie
der Regeln [dass Frauen von zeitbedingten Geboten
befreit sind]. Erwägen wir, dass Schabbat und Pessach
die beiden größten der von Zeit zu Zeit wiederkehrenden,
das Judentum konstituierenden Institutionen des
göttlichen Gesetzes sind, und für beide, nicht nur zur
negativen – Arbeitsverbot und [zu Pessach] Chamezverzehrungsverbot
–, sondern zur positiven Begehung
derselben – Kiddusch des Schabbat, Pessach und Mazza
des Pessach – Frauen in vollem Maße verpflichtet sind,
dass sie ebenso, obgleich von [Pilgerpflichten im Tempel
Jerusalems] frei, gleichwohl zur positiven Mitbeteiligung
an den drei großen nationalen Festvereinigungen … und
zu der großen Nationalversammlung jedes siebten Jahres,
Hakhel, die Verpflichtung haben.“ 5
Man darf diese Unterscheidung nicht übertreiben.
Schließlich sind nur sieben 6 von 613 Ge- und Verboten
der Thora betroffen. Allerdings sind die unterschiedlichen
Pflichten bezüglich dieser sieben Mizwot (Gebote)
die Ursache, weshalb in einer orthodoxen Synagoge der
Gottesdienst von Männern geführt wird.
Aus seiner Analyse schließt Hirsch, dass es unvernünftig
wäre, in der Befreiung der Frauen von einer
Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies (Farblithografie
aus dem Jahr 1886): Wirkung des Fluchs hat sich gemildert
kleinen Zahl Gebote die Zuschreibung einer geistigen
Beschränkung zu sehen. Nein, Frauen sind nicht befreit,
weil sie jene Gebote nicht richtig erfüllen könnten, sondern
weil sie diese Pflichten nicht zwingend brauchen:
„So kann deren Befreiung von anderen zeitbedingten
Geboten nicht wahrlich in einer geringeren Würdigkeit
motiviert sein, dass das Gesetz Frauen der Erfüllung
dieser Gebote etwa nicht für würdig gefunden hätte.
Vielmehr liegt, wie wir glauben, es sehr nahe: es hat das
göttliche Gesetz die Frauen nicht zur Erfüllung aller
dieser Mizwot verpflichtet, weil es diese Verpflichtung
für Frauen nicht für nötig 7 erachtet. Alle zeitbedingten
Gebote sollen von Zeit zu Zeit gewisse Wahrheiten, Gesinnungen,
Grundsätze und Vorsätze durch symbolische
Handlungen aufs Neue uns zur Erkenntnis und Anerkenntnis
bringen, uns zu deren Betätigung und in deren
Betätigung aufs Neue anspornen und befestigen. Das
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 103
göttliche Gesetz setzt bei unseren Frauen eine größere Innigkeit
und Begeisterungstreue für ihren Gott dienenden
Beruf und eine geringere Gefährdung derselben durch
die in ihrem Berufskreise sich bietenden Versuchungen
voraus, als dass es für sie alle die die Männer wiederholt
zur Berufstreue spornenden und vor Berufsschwäche
warnenden Institutionen hätte nötig erachten sollen. So
fand ja bei der Urkonstitution des jüdischen Volkes die
göttliche Vorsicht es nicht für nötig, ihr Bündnis statt der
Mila (Beschneidung) durch ein anderes ewiges Symbol
auch im Kreise der Frauen sicherzustellen. So hat Gott
auch bei der Erteilung Seines Gesetzes ([Exodus] 19, 3)
zuerst auf die Treue und Hingebung der Frauen gerechnet,
und so hat auch das jüdische Nationalbewusstsein es
festgehalten und allen unseren Geschlechtern die Tatsache
vererbt, dass in allen Verirrungen und Gesunkenheiten
unseres Volkes überzeugungs- und pflichttreue Frauen
den Keim der Wiedererhebung gehegt und gepflegt.“ 8
Anderthalb Jahrhunderte nachdem Rabbiner Hirsch
diese Worte schrieb, belegen verschiedene Studien, dass
Frauen häufiger Konfessionen angehören, aktiv sind, an
Gott glauben und zu Ihm beten als Männer. Das Pew-
Forschungszentrum hat Folgendes veröffentlicht: „[T]his
study finds that, globally, women are more devout than
men by several standard measures of religious commitment“
und „The difference between women and men in
self-reported rates of daily prayer is the biggest average
gender gap found in this study. Across the 84 countries
for which data are available, the average share of women
who say they pray daily is eight percentage points higher
than the average share of men. Even religiously unaffiliated
women in some countries, including the United
States and Uruguay, report praying daily at higher rates
than unaffiliated men do.“ 9
Und George H. Gallup Jr. schreibt: „A mountain
of Gallup survey data attests to the idea that women are
more religious than men, hold their beliefs more firmly,
practice their faith more consistently, and work more vigorously
for the congregation. In fact, gender-based differences
in responses to religious questions are far more
pronounced than those between any other demographic
categories, such as age, education level, or geographic
region. The tendency toward higher religiosity among
women has manifested over seven decades of scientific
polling, and church membership figures indicate that it
probably existed for many decades prior to the advent of
survey research in the mid-1930s.“ 10
Religiös überraschen solche Zusammenflüsse zwischen
Religion und Wissenschaft nicht. Vor vielen Jahrhunderten
lehrten jüdische Quellen bereits, dass die
Welt auf der Erfüllung der Thora abgestimmt ist. Der
Schöpfer, der uns Sein Wort offenbart hat, hat schließlich
den Menschen erschaffen und kennt seine Schöpfung
bestens. Männer brauchen nämlich mehr Hilfe, um
Gott treu zu bleiben.
104
Tätigkeiten der Frau
Das letzte Kapitel der Sprüche Solomons (Kap. XXXI) ist
eine Ode an die tüchtige Frau. In diesem Text, der nach
der Tradition vor über 2500 Jahren niedergeschrieben
wurde und dessen Lehren bis zu 3000 Jahre alt sind, wird
die tüchtige Frau als Geschäftsfrau dargestellt. Während in
anderen Kulturen Frauen noch lange kein Eigentum besitzen
durften, lobten Juden die business women. Wie einer
gegenwärtigen Powerfrau gibt sie ihren Kindern Frühstück,
bevor sie auf Geschäftsreise fährt. Diese Frau treibt
nicht bloß Handel, sondern produziert hochwertige Ware,
und wenn sie ihren Mund öffnet, ertönt die Weisheit.
Auch wenn Frauen, in der jüdischen wie in der allgemeinen
Geschichte, historisch geringere öffentliche
Beiträge leisten konnten, hat die Bibel wiederholt die
Heldentaten, Weisheiten und Lehren besonderer Frauen
hervorgehoben. So bemerkt der mittelalterliche Bibelkommentator
Rabbenu Bachja Ben Ascher (zu Exodus 15:2):
„Du wirst große Prinzipien der Thora finden, die
durch Frauen zum Ausdruck gebracht wurden, wie das
Jenseits, durch Abigail, die künftige Wiederaufstehung
der Toten und [überhaupt der Zugang zu] Gebet, durch
Channa, die Wiedergeburt der Seelen durch die Frau aus
Tekoa. Daraus lässt sich schließen, dass die Frau nicht
zweitrangig, sondern auch sie eine Hauptperson ist.“
Sich besinnend auf die Tatsache, dass in den Texten,
die zum Neujahrsfest Rosch haSchana aus der Thora und
den Propheten vorgetragen werden, Frauen die entscheidende
Rolle spielen, bemerkt Rabbiner Hirsch:
„[D]ie Bilder, die uns der Brauch der Väter aus dem
Gottesworte (= aus der Bibel) an den ernsten Schwellen
des neuen Jahres [also zu Rosch haSchana – AF] entgegenführt,
[sind] Frauengestalten. Frauen sind es, deren
Gedächtnis bekehrend und mahnend, weihend und erhebend
die ernste Rosch-haSchana-Feier durchdringt;
Frauen, aus deren Geschick uns die allnahe Waltung
der prüfenden und beglückenden Allmacht entgegenleuchtet;
Frauen, von denen wir hoffen und harren, Gott
schauen und – beten lernen sollen. Sara, Hagar, Channa,
Rachel ziehen als leuchtende Gestalten an unserem Blick
vorüber. Und in dem Schmuck des heiligsten Berufes, der
höchsten Würde der Frauen glänzen die Gestalten.“ 11
Der Krieg der Geschlechter
Frauen haben sich die Rechte, die in den Sprüchen Solomons
selbstverständlich sind, in Wirklichkeit im Westen
nur mit großen Mühen erworben. Lange galten Frauen
als für viele Berufe nicht tauglich. Auch wenn das Gesetz
Frauen bei der Wahl ihres Berufes bereits schützte, haben
Frauen schwer kämpfen müssen, um gleich behandelt zu
werden, wie die Geschichte von Lois Jenson, die 1984
ihren Arbeitgeber EVTAC in Eveleth, Minnesota wegen
DAS JÜDISCHE ECHO
Belästigung verklagte. Diese Geschichte wurde 2005
unter dem Titel „North Country“ (deutscher Titel: „Kaltes
Land“) verfilmt. Dass diese Geschichte erst so spät auf
der großen Leinwand gezeigt wurde, ist vermutlich noch
ein Zeugnis der Mühe, die unsere westliche Gesellschaft
hat, zu gestehen, wie lange sie weiterhin gegen Frauen
diskriminiert hat.
Manche der Unterschiede zwischen Männern und
Frauen sind aber historisch und biologisch bedingt.
Nachdem der erste Mann und die erste Frau im Paradies
von der Frucht (Hinweis: es war kein Apfel) des Baumes
der Erkenntnis aßen, wurden sie von Gott bestraft:
„Und zur Frau sprach ER: Ich will dir viele Schmerzen
durch häufige Empfängnis bereiten; mit Schmerzen
sollst du Kinder gebären; und du sollst nach deinem
Manne verlangen, er aber soll herrschen über dich! Und
zu Adam sprach er: Dieweil du gehorcht hast der Stimme
deiner Frau und von dem Baum gegessen, davon ich dir
gebot und sprach: ‚Du sollst nicht davon essen‘, verflucht
sei der Erdboden um deinetwillen, mit Mühe sollst du
dich davon nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln
soll er dir tragen, und du sollst das Gewächs des Feldes
essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein
Brot essen, bis daß du wieder zur Erde kehrst, von der du
genommen bist; denn du bist Staub und kehrst wieder
zum Staub zurück!“ (Genesis 3:16-19)
Kurz gesagt: Männer werden sehr schwer arbeiten
müssen, um Brot auf den Tisch stellen zu können,
während Frauen schmerzhaft gebären werden und das
Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird ungleich
sein. Die Schlussfolgerung des dritten Kapitels der
Schöpfungsgeschichte in der Thora ist eine sehr prägnante
Zusammenfassung der Geschichte der Geschlechtsverhältnisse.
Eine Theologie der Frauenrechte
Gott ist erbarmensvoll und Seine Strafe nicht ewig. Der
Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt schlägt
etwas vor 12 , das wir eine Theologie der Entwicklung
der Frauenrechte nennen können. Lange war Gebären
eine äußerst gefährliche Erfahrung. Viele Frauen starben
auf dem Gebärstuhl. Mittlerweile ist Gebären zwar
noch immer keine leichte Sache, aber wesentlich sicherer,
und dank der Epiduralanästhesie wesentlich weniger
schmerzhaft.
Auch der Fluch des Mannes hat sich gemildert.
Statt „Dornen und Disteln“ hilft uns die moderne Landwirtschaft,
eine reiche Ernte zu bekommen. Statt „Im
Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“
arbeitet heute nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung
in der Landwirtschaft und lässt die schwersten Aufgaben
von Maschinen verrichten, während die meisten von
uns, Männer wie Frauen, in Büros arbeiten und ins Fitnesszentrum
gehen, um doch noch ein wenig Schweiß
am Angesicht zu spüren.
Es sieht ganz so aus, dass der Fluch Gottes an Adam
und Eva sich allmählich auflöst. Für Goldschmidt ist dies
nicht überraschend, denn im Judentum glauben wir an
einer künftigen Erlösung, an das Kommen des jüdischen
Messias, nach dem wir frei sein werden, uns geistig auf einer
ganz anderen, wesentlich erhabeneren Ebene zu entfalten.
Dazu gehört auch, dass der Aspekt der ungleichen
Machtverhältnisse der Geschlechter des Fluches Evas
sich ebenfalls löst. So kann man in Aspekten der Frauenbewegung
ein Zeichen sehen, dass die Zeit der großen
messianischen Erlösung näher kommt.
Diesbezüglich passen die Worte von Rabbiner
Hirsch: „[D]ie Tora die Erlösung und den Frieden in
alles dieses bringt, Mann und Frau wieder in gleichen,
Gott dienenden Priesterberuf einsetzt. 13 2
1 Was nicht bedeutet, dass alle Bibelkommentare dieser Meinung sind.
So übersetzen Targum Pseudo-Jonathan und Rabbi Owadja Seforno
beide Zäla als Rippe. Für eine gegenwärtige Auslegung auf Basis der
Interpretation von Zäla als Rippe, siehe Rebbetzin Tzipporah Heller,
Men & Women: Jewish View of Gender Differences, Aish.com: 2000
(https://www.aish.com/ci/w/48955181.html).
2 Um die Wurzel eines Wortes zu erhalten, müssen alle Präfixe und Suffixe
außer Betracht bleiben.
3 Nach dem Midrasch (Berejschit Rabb 17:2) fehlt es diesem Mann
auch an Schutz, Frieden und einigen weiteren unentbehrlichen Dingen.
4 Die zwei biologisch-technische Ausnahmen sind: Männer dürfen
weder ihren Bart mit einem Schermesser, noch ihrer Schlafen kahl scheren.
Aus diesem Grund lassen manche orthodoxe Juden Schlaflocken
wachsen. Aus hormonalen Gründen haben Frauen keinen Bart (mit
wenigen Ausnahmen, die es im Guiness Book of World Records schafften)
und sind deshalb weder vom Verbot, den Bart mit einem Messer
zu scheren, noch vom damit zusammenhängenden Verbot, die Schlafen
kahl zu scheren, betroffen.
5 Hirsch Chumasch zu Leviticus 23:46, Verlag Morascha, Basel 2010,
S. 679.
6 Als der Tempel Jerusalems noch stand, waren es insgesamt neun Mizwot,
von denen Frauen befreit waren.
7 Kursiv im Originaltext.
8 Ebd.
9 „The Gender Gap in Religion Around the World; Women are generally
more religious than men, particularly among Christians“, Pew:
2016, https://www.pewforum.org/2016/03/22/the-gender-gap-in-religion-around-the-world/
10 Georg H. Gallup Jr., „Why Are Women More Religious?“, Gallup:
2002, https://news.gallup.com/poll/7432/Why-Women-More-Religious.aspx
11 Thischri-Bilder, in „Gesammelte Schriften von Rabbiner Samson
Raphael Hirsch“, herausgegeben von Justizrat Dr. Naphtali Hirsch,
Frankfurt am Main, 1904, S. 1.
12 Pinchas Goldschmidt, Dvar Tora (Russisch), Jüdische Kultusgemeinde
von Russland, 2. Ausgabe: 2010, zu Genesis 3:16.
13 Hirsch Chumasch zu Genesis 3:16, Verlag Morascha, Basel 2008, S. 94.
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 105
Von Frimet Goldberger
Die Haare im Waschbecken
Die Autorin wuchs in einer ultra-orthodoxen Sekte
im Staat New York auf. Nach der Geburt ihres
zweiten Kindes verließ sie die Gemeinschaft. Hier
erklärt sie ihre Gründe.
Vor über zehn Jahren rasierte sich Frimet Goldberger zum letzten
Mal die Haare, wie es ihre chassidische Sekte vorsah
Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal die stechend
kalte Luft auf meinem frisch rasierten Schädel spürte.
Ich blickte in den Spiegel und starrte dann auf den Haufen
kastanienbraunen Haars, der nun im Waschbecken
der kleinen Kellerwohnung lag, die ich mit meinem
Ehemann teilte. Wir waren weniger als einen Tag lang
verheiratet. Meine Mutter stopfte die Haare in einen
Müllsack. Dabei blieb sie vollkommen ungerührt. Ich
erinnere mich, wie ich die neue Perücke auf meinen kahlen
Kopf setzte und an jenen Haarsträhnen herumzupfte,
die die Scheitelmacherin (Perückenmacherin) vergessen
hatte, mit Spray zu fixieren.
Am jenem Morgen nach meiner Hochzeit, drei Monate
nach meinem 18. Geburtstag, rasierte meine Mutter
meinen Kopf. Ich fühlte – überhaupt nichts. Hätte ich
mich angesichts des Verlusts traurig oder verletzt fühlen
sollen? Ich spürte nichts dergleichen. Verheiratete Frauen
rasierten sich nun mal den Kopf, weil Haschem und der
Rebbe es befahlen. Im Talmud steht, dass der unbedeckte
Kopf einer Frau physischer Nacktheit gleiche. Die chassidischen
Rabbiner gehen einen Schritt weiter. Frauen
müssen ihren Kopf rasieren, um sicherzugehen, dass kein
einziges Haar zu sehen sei. Das nicht zu tun, ist für Frauen
wie mich, die der chassidischen Satmar-Sekte angehören,
eine schwere Sünde. Man wird nicht im Friedhof
der Satmar begraben und, noch viel schlimmer, setzt die
geborenen und ungeborenen Kinder dem Risiko furchtbarer
Erkrankungen aus.
Der Satmar-Rabbiner Joel Teitelbaum ist für seine
emotionalen Reden zu diesem Thema bekannt. Er rührte
damit Zuhörer zu Tränen: „Jüdische Töchter, unsere
Mütter und Väter gaben ihre Leben für die Heiligkeit des
Namens unseres Vaters im Himmel auf. Aber ihr, deren
Töchter, wollt nicht einmal ein paar Haare aufgeben?“,
fragte er in einer Rede zu Jom Kippur im Jahr 1951. So
steht es in „The Rebbe“, einer Biografie von Dovid Meisels
aus dem Jahr 2010. „Was verlangt Gott von uns? Ein
paar Haare! Wegen ein paar Haaren sorgt ihr dafür, dass
ihr beide Welten verliert. Jüdische Töchter, rasiert eure
Haare und ehrt die Thora.“
Das letzte Mal, als ich mir die Haare rasierte, war
ganz anders als jenes erste Mal. Über zehn Jahre ist es
her. Jeder Jahrestag erinnert mich an diesen kritischen
Augenblick, steht für einen Punkt der enormen Veränderung,
der mich auf den Weg zu einem neuen Leben
brachte.
Am Tag vor der letzten Rasur, ein ungewöhnlich
warmer Abend im Oktober, saßen mein Ehemann und
FOTO: PRIVAT
106
DAS JÜDISCHE ECHO
ich an einem länglichen Holztisch in einem Nebenzimmer
der großen Satmar-Synagoge in Kiryas Joel, einem
Dorf im US-Bundesstaat New York. Am Tisch saßen
acht Männer mit schwarzen Hüten und in Anzügen.
Ihre langen Bärte waren gräulich-weiß. Meine zitternden
Hände hatte ich in meinem Schoß gefaltet und den langen
schwarzen Rock – Teil meines übertrieben sittsamen
Outfits, das ich davor sorgfältig ausgewählt hatte – zurechtgezupft.
So saß ich hier zum zigsten Mal und wartete
auf den Sturm.
In jenem Moment, als ich einige Tage zuvor das Kuvert
mit dem Logo der „United Talmudical Academy“ in
unserem Briefkasten sah, hatte ich gewusst, dass wir ein
Problem hatten. Der Brief war kurz und unmissverständlich.
Weil ich mich nicht nach den strengen Regeln der
Tznius, der Sittsamkeit, des heiligen Schtetls kleidete,
könne unser dreijähriger Sohn nicht mehr in die Schule
gehen.
Nach dem ersten Schock bemühten sich mein
Mann und ich um einen Termin bei den Va’ad Hatznius,
jener mysteriösen Gruppe, die für das Einhalten der
hohen Standards der Sittsamkeit, besonders für Frauen,
zuständig war. Man wusste, dass die Gruppe auch vor
extremen Maßnahmen nicht zurückschreckte. Sie zerschnitten
beispielsweise Autoreifen, wenn Warnungen
und Drohungen nicht ausreichten, um die Sittsamkeit
zu bewahren.
Als ich mit den Va’ad Hatznius an jenem Tisch saß,
erklärte deren Anführer, dass sie meine moderne Kleidung
nicht länger tolerieren könnten. „Das ist ein heiliges
Schtetl. Der Rabbi wäre schockiert, wenn er noch
am Leben wäre“, sagte er in Jiddisch, während er sich
auf seinem Klappsessel von links nach rechts wiegte. Er
habe gehört, ich habe „Bei-hur“, fügte ein anderer Mann
hinzu. „Bei-hur“ ist ein abwertender Begriff für die Haare
von verheirateten Frauen. Es gäbe keine Beweise, fuhr
er fort, aber oy vey für mich und meine Familie. Was für
eine Schande.
Ich blickte auf meine dunklen Schuhe und die dicken
beigen Strumpfhosen. Wie hatte die Va’ad Hatznius das
herausgefunden? Es mussten die Nachbarn gewesen sein,
die eine lose Haarsträhne gesehen hatten oder denen
aufgefallen war, dass ich die ganze Zeit denselben Turban
trug. Es war der einzige Turban, der über die große,
weiße Strick-Kippah passte, die ich gekauft hatte – eines
jener Modelle, das chassidische Männer normalerweise
zum Schlafen trugen. Nun versteckte es meine Haare.
Ich verbrachte jeden Tag viele Stunden mit diesen
Nachbarsfrauen, während unsere Kinder draußen spielten.
Sie mussten mich verraten haben. Oder vielleicht
hatte die Aufseherin der Mikwe etwas gesagt, weil ich
seit über einem Jahr nicht mehr dort gewesen war. Seit
ich mein Haar wachsen ließ, war ich für das rituelle Bad
nach der Menstruation nicht mehr in die strenge Mikwe
von Kiryas Joel gegangen. Stattdessen fuhr ich zu einer
Mikwe in Rockland County, wo Frauen mit Haaren baden
durften. Ich wusste, dass die Va’ad Hatznius mein
Geheimnis früher oder später entdecken würden. Nun
war es so weit.
«Der Brief war kurz. Weil ich mich nicht nach
den strengen Regeln der Sittsamkeit des
heiligen Schtetls kleidete, könne unser dreijähriger
Sohn nicht mehr in die Schule gehen.»
Die Gruppe würde eine Frau zu mir nachhause schicken,
um meinen Kopf zu kontrollieren, sagte der ältere Mann,
der mir gegenübersaß. Dabei bedeckte er seine Augen
mit der rechten Hand, um mich nicht anzusehen. Er
sprach mit meinem Ehemann, nie direkt mit mir.
Blass und erschöpft verließen wir die Synagoge.
Mein Mann hatte verzweifelt versucht, die Anschuldigungen
zu entkräften, um unsere letzten Verbindungen
zur Gemeinschaft intakt zu halten, damit unser Sohn
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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 107
Goldberger als junge Mutter in Kiryas Joel, ein ausschließlich von
Chassiden bewohntes Dorf im US-Bundesstaat New York
weiterhin in die einzige Jeschiwa durfte, die er noch besuchen
konnte. Uns war klar, wir mussten beweisen, dass
wir es ernst meinten. Wenn wir die Uhr zurückdrehten,
wenn ich wieder die Person wurde, die ich einst war – ein
Vorbild chassidischer Sittsamkeit –, vielleicht durften wir
dann an jenem Ort, an dem wir geboren und aufgewachsen
waren, bleiben. Ich würde meinen Rock verlängern,
größere Blusen kaufen, meine Perücke mit einem breiteren
Haarband bedecken und, natürlich, meine Haare
abrasieren.
Als ich nachhause kam, nahm ich den staubigen
Rasierer aus dem Wäscheschrank und starrte auf mein
Spiegelbild. Es fühlte sich sehr falsch an, mich zu rasieren.
Ich fühlte mich misshandelt und eingeschüchtert,
doch der Gedanke, entblößt zu werden, war schlimmer.
Morgen schon könnte eine Frau an der Tür läuten, mich
auffordern, meinen Turban zu entfernen, und dann alle
meine Haare sehen. Oh, was für eine Erniedrigung, was
für eine Schande. Meine Mutter, meine Freunde und die
Gemeinde würden mein Geheimnis entdecken, mein
Sohn seinen Schulplatz endgültig verlieren. Ich hatte keine
Wahl.
Die Entscheidung, mich nicht mehr zu rasieren,
war keine bewusste gewesen. Als ich mit meinem zweiten
Kind schwanger war, war ich nicht mehr zur Mikwe
gegangen. Und abgesehen von der Aufseherin gab es niemanden
mehr, der meinen Schädel kontrollierte. So ließ
ich meine Haare wachsen, wissend, dass ich sie nach der
Geburt meiner Tochter wieder rasieren müsste.
Zu diesem Zeitpunkt hatten mein Mann und ich
Freundschaften außerhalb der kleinen Enklave von Kiryas
Joel geschlossen. Wir hatten entdeckt, dass es viele
gläubige orthodoxe und sogar chassidische Juden gab,
deren Frauen sich nicht den Kopf rasierten. Heimlich
sahen wir Hollywood-Filme, die Gardinen vorgezogen,
und machten verbotene Urlaube. All das beeinflusste
meine Entscheidung, meine Haare wachsen zu lassen.
Ich fühlte mich dabei enorm schuldig, schließlich verurteilte
ich damit meine Familie zur Hölle. Das Gefühl
verfolgte mich wie ein Schatten.
An einem kalten Jännerabend kam meine wunderschöne
Tochter zur Welt. Ich ließ meine Haare weiter
wachsen. Ich fühlte mich wieder wie eine Frau, auch
wenn ich meine Haare nur wenige Stunden am Tag unbedeckt
ließ, zuhause, wo ich mich in Sicherheit glaubte.
Es fühlte sich zu gut an, um es aufzugeben.
Als ich nach dem Treffen mit den Va’ad Hatznius
vor dem Spiegel stand, wusste ich, dass ich dem Unvermeidbaren
zu lange ausgewichen war. Nach nur drei Minuten
lag mein langes kastanienbraunes Haar in einem
traurigen Haufen im gleichen Waschbecken, in dem es
fünf Jahre zuvor gelegen war. Ich weinte auf das abgeschnittene
Haar heiße Tränen voll Frustration, Wut und
Erniedrigung.
In dieser Nacht konnten mein Mann und ich kaum
schlafen. Am nächsten Tag entschieden wir uns, die Gemeinschaft
für immer zu verlassen. Wir konnten den
extremen chassidischen Lebensstil nicht mehr erhalten,
sehnten uns nach ein wenig Freiheit, wollten die Leine
um unseren Hals gelockert, mein Haar an seinem rechtmäßigen
Platz sehen. Es sollte wachsen und sichtbar sein,
wie es mir beliebte.
Das ist nun über zehn Jahre her. Unser Leben hat
sich mittlerweile immer wieder verändert. Ich bedecke
mein Haar nicht mehr und kann weder verstehen noch
akzeptieren, dass Frauen gezwungen werden, ihre Haare
zu rasieren und Drohungen eingesetzt werden, um das
durchzusetzen.
Ich bin jedoch auch dankbar. Dieser so persönliche
Übergriff hat dazu geführt, dass mein Mann und ich
die Stärke aufbrachten, die Kontrolle über unser Leben
selbst in die Hand zu nehmen und unsere eigenen Entscheidungen
zu treffen – für unsere Kinder und für mich,
meinen Körper. 2
Übersetzung: Anna Goldenberg
„Ex-Hasidic Woman Marks Five Years Since She Shaved
Her Head“ erschien am 7. November 2013 in der US-
Wochenzeitung „The Forward“. Diese Übersetzung wurde
inhaltlich leicht aktualisiert.
FOTOS: PRIVAT
108
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Clara Porak
„2015 war einfach“
Seit vier Jahren betreut der Verein Shalom
Aleikum Flüchtlinge in Wien. Wie geht jüdischmuslimisches
Zusammenleben?
Bei Familie Sulman ist Sonia Feiger Großmutter, Tante
und Freundin zu gleich. Die 68-jährige Frau trägt Kurzhaarschnitt
und dunkle Jeans. Wenn sie Nachrichten
in WhatsApp tippt oder ein Bild auf Facebook sucht,
würde man sie zehn Jahre jünger schätzen. Die vier Kinder
begrüßt die Pensionistin mit einem Kuss, die Eltern
Fatima und Murad wirken wie alte Freunde. Es ist ein
Montagabend, der Couchtisch geht über vor Keksen,
Kuchen und dem speziellen Zitronentee, den Feiger so
gerne trinkt. „Hier gibt es immer was zu essen“, sagt sie
und seufzt. Der letzte Teller passt kaum mehr auf den
Couchtisch, Fatima verrückt mehrmals alles, damit es
sich ausgeht.
Fatima, Murad und ihre Kinder heißen eigentlich
anders. Die Familie möchte nicht, dass ihre Namen öffentlich
werden, da sie sich in einem laufenden Verfahren
befinden. Sie sind zwei der über 90.000 Menschen, die
2015 nach Österreich kamen und um Asyl ansuchten.
Viele waren am Anfang auf sich gestellt. Nicht so Familie
Sulman. Sie sind sechs der rund 300 Menschen, die
die Organisation Shalom Alaikum unterstützt. 2015 von
fünf Jüdinnen, darunter auch Sonia Feiger, gegründet,
hilft Shalom Alakium auch heute noch rund zwanzig geflüchteten
Familien.
„Die Menschlichkeit kommt vor der Religion“, sagt
Feiger. „Und ist Teil davon“, ergänzt Golda Schlaff, 34.
Sie ist Ärztin, trägt ihr gelocktes braunes Haar offen.
Sie lacht viel, spricht mit einem bestimmten Ton in ihrer
Stimme. Gemeinsam mit Feiger ist auch Schlaff Teil
des Vorstandes der Organisation. Fast täglich betreuen
sie seit vier Jahren geflüchtete Familien. Wie gestalten
sich die Begegnungen von Juden und Moslems? Welche
Erfahrungen machen die Jüdinnen und die geflüchteten
Familien miteinander?
Während der Flüchtlingskrise 2015 hatte Schlaff
die Idee, die jüdischen Helfenden, die sich bereits in der
Flüchtlingshilfe engagierten, zu organisieren. „Wir wollten
zeigen, wir sind Juden und Jüdinnen und wir heißen
euch willkommen“, sagt sie. „Viele Geflüchtete hatten
noch keine Erfahrungen mit Juden, wir wollten zeigen,
wer wir sind“. Über Social Media fand sich damals eine
Gruppe zusammen, die teilweise noch immer den Kern
der Organisation ausmacht.
Die Organisation wirkt auf zwei Ebenen: Einerseits
gibt es Schlaff, Feiger und Miriam Tenner, die drei Frauen,
die den Vorstand bilden und sich besonders intensiv
um Betreuung und Organisation kümmern. Sie werden
von den sogenannten „Habibis“ unterstützt. Das sind
Menschen, die sich engagieren und meist eine oder zwei
der Familien in der Erstversorgung (und darüber hinaus)
betreuen. Außerdem gibt es seit 2015 eine ständig wachsende
Facebook-Community, die bereits rund 2000 Mitglieder
zählt. „Wenn wir einen Kinderwagen brauchen
oder einen Nachhilfelehrer, findet er sich in der Facebook-Gruppe“,
sagt Schlaff. „Auf diese Menschen können
wir uns verlassen.“ Am 20. Mai 2019 hat der Verein
den Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte
verliehen bekommen. Das Preisgeld betrug
4000 Euro. Der Verein finanziert sich auch durch solche
Preise, vor allem aber durch Erbschaften und Spenden,
sein Bankkonto sieht deshalb seit der Gründung immer
besser aus.
Trotz der Solidarität mit den Geflüchteten, die für
die Gründerinnen selbstverständlich war, hatten die
Frauen anfangs auch Bedenken. „Wir hatten schon ein
bisschen Angst, als wir da so standen, vor einem Raum
mit Moslems. Wir wussten ja nicht, wie sie reagieren
werden, wenn jemand kommt und sagt: Wir sind Juden
und wir möchten euch helfen“, sagt Feiger. Auch
Bekannte und Freunde äußerten ihre Sorge. „Wir hören
schon manchmal etwas wie: ,Hast du nicht Angst, dass
jemand etwas gegen Juden oder Frauen sagt oder dich
angreift?‘“, erzählt Schlaff.
Eine bundesweite Repräsentativumfrage des Parlaments
aus dem Jahr 2018 belegt, dass diese Angst nicht
ganz unbegründet ist. Der Antisemitismus ist noch immer
ein Problem in Österreich. Rund elf Prozent der Befragten
stimmten der Aussage „Wenn es den Staat Israel
nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Os-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 109
Die Organisation Shalom Alaikum hat eine Gemeinschaft geschaffen, in der sich Österreicher und Geflüchtete vernetzen
ten“ zu. Deutlich höher war der Anteil der Zustimmenden
mit Arabisch oder Türkisch als Muttersprache: 76
Prozent der Arabisch Sprechenden und 51 Prozent der
Türkisch Sprechenden stimmten der Aussage zu. Auch
in anderen Aussagen zeichnete sich diese Tendenz ab. Sowohl
die Autoren der Studie als auch Politikwissenschaftler
Andreas Peham betonen jedoch, dass die Befragung
jener Menschen, die nach 2015 nach Österreich gekommen
sind, noch aussteht. Man könne höchstens Vermutungen
über deren Anschauungen anstellen.
Peham, der am Dokumentationsarchiv des österreichischen
Widerstandes forscht, betont, dass eine Diskussion
über den muslimischen Antisemitismus nicht dazu
führen sollte, dass über den christlichen oder autochthonen
Antisemitismus, wie er ihn nennt, geschwiegen wird.
Den Begriff „importiert“ hält er deshalb für problematisch,
denn er impliziere, dass das Problem nicht in Österreich
bestehe. Das sei aber sehr wohl der Fall. „Glaubwürdigkeit
ist zentral, wenn man gegen Antisemitismus
vorgehen will“, sagt Peham. Der türkis-blauen Koalition,
die im Frühjahr zerfallen ist, habe das gefehlt. Mit der
FPÖ sei darin eine Partei vertreten gewesen, der „zumindest
ein problematisches Verhältnis zum Antisemitismus
attestiert werden muss“, so der Politikwissenschaftler.
Die Idee des „importierten Antisemitismus“ ist für
Schlaff und Feiger weit weg von ihren Erlebnissen: „Wir
haben nie negative Erfahrungen gemacht“, sagt Schlaff.
Politische Diskussionen vermeidet das Team von Shalom
Alaikum jedoch meistens. Wenn sie nicht gefragt werden,
wird zum Beispiel die Politik Israels nicht thematisiert.
„Wir trennen das bewusst“, sagt Schlaff. Für die beiden
Frauen ist die Frage, wie viele Geflüchtete antisemitisch
denken, weniger wichtig als die Frage, wie man damit
umgehen kann: „Die einzige Art und Weise, Vorurteile
abzubauen, ist Begegnung“, sagt Feiger.
Politikwissenschaftler Peham sieht diese Annahme
kritisch. Auch wenn er den Wert von Begegnungen und
Aufklärung betont, sagt er: „Bildung und Begegnung
können nur bedingt etwas gegen den Antisemitismus
tun. Oft werden die Anwesenden oder Menschen, die
man kennt, vom Feindbild ausgenommen“, sagt Peham.
„In Wirklichkeit geht es um die Person, die antisemitisch
denkt, selbst. Um das zu bekämpfen, braucht es ein fast
therapeutisches Setting.“
Familie Sulman hat bisher kaum darüber nachgedacht,
dass es sich bei den Frauen von Shalom Alaikum
um Jüdinnen handelt. Außerdem: Sie haben nichts gegen
Juden, da sind sich Fatima und Murad einig. Murads
Großvater lebte im sogenannten Judenviertel Mosuls,
ihrer irakischen Heimat. Mehr Bezug zum Judentum
hatte die Familie nicht. „Ich sehe zuerst den Menschen“,
sagt Murad. In Jogginghose lehnt er sich in das weiße,
bestrickte Sofa. Er kneift seine dunkelbraunen Augen
zusammen, wenn er nachdenkt. Fatima hat große dun-
FOTOS: SHALOM ALEIKUM, DANIEL NOVOTNY
110
DAS JÜDISCHE ECHO
kelbraune Augen, trägt Jeans und ein schwarzes Oberteil,
das zu ihrem schwarz-weiß gemusterten Kopftuch passt.
Die 39-Jährige spricht leise, aber bestimmt, wirkt entschlossen,
manchmal traurig.
„Am Anfang habe ich jeden Tag geweint“, sagt sie
nun. „Du musst dein Leben neu bauen. Du hast ein
Haus, ein Auto, Freunde, Familie, eine Heimat. Und
dann gehst du und fängst nochmal von vorne an.“ Murad
lehnt sich nach vorne. Langsam faltet er die Hände
ineinander. „Die Entscheidung, aus dem Irak zu flüchten,
ist uns sehr schwer gefallen“, sagt er. Kurz ist es still,
der jüngste Sohn Mohammed betritt den Raum. Fast
lautlos setzt er sich zwischen seine Eltern. Fatima lächelt,
streicht ihm über den Kopf, wechselt das Thema. Seine
drei älteren Schwestern kichern im Nebenzimmer. Heute
ist Mohammed acht. Als die Familie floh, war er gerade
vier Jahre alt.
«Familie Sulman hat kaum darüber
nachgedacht, dass es sich bei den Frauen
von Shalom Alaikum um Jüdinnen handelt.
Sie haben nichts gegen Juden, da sind
sich Fatima und Murad einig.»
2016 bekam die Familie subsidiären Schutz, seit knapp
zwei Jahren wohnt sie in einer eigenen Wohnung. Vor
allem Fatima wollte anfangs nicht in Österreich bleiben,
nicht Deutsch lernen, nicht arbeiten, am liebsten einfach
weg. Shalom Alaikum half ihr beim Ankommen. „Das
Härteste ist die Sprache“, sagt Fatima. „Und dass man niemanden
hat. Bei jedem muss man sich fragen, was denkt
der von mir, was hält er von meinem Kopftuch, meiner
Sprache“ Shalom Alaikum half ihnen bei vielen Kleinigkeiten.
Vor allem, dass die Kinder schnell zur Schule gehen
und so die Sprache lernen, war Murad sehr wichtig. „Wir
kannten das System hier einfach nicht“, sagt er.
Die Betreuung des Vereins geht auch über die Zeit
der Familien in der Grundversorgung hinaus: So besucht
Feiger die Familie Sulman noch immer regelmäßig. Sie
sprechen über die Kinder, Fatimas Leidenschaft für das
Schwimmen und die aktuellen politischen Entwicklungen
in Österreich. Fatima dankt Feiger für die Kleidung,
die sie für die Kinder vorbeigebracht hat.
Shalom Alaikum wurde, wie Feiger erklärt, „unfreiwillig“
zur Frauenorganisation. Während anfangs noch einige
Männer Teil des Teams waren, entstand schnell eine
Dynamik, in der sich fünf Frauen als treibende Kräfte herausstellten.
Sozialwissenschaftlerin Ruth Simsa überrascht
das nicht. Die Forscherin ist auf Soziologie und Ökonomie
spezialisiert und arbeitet als außerordentliche Universitätsprofessorin
an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie
erklärt, dass Freiwilligenarbeit soziale Ungleichheit reproduziere.
„Frauen üben auch in der ehrenamtlichen Arbeit
öfter Tätigkeiten aus, die Teil des ,Care‘-Sektors sind“,
sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Es ist zu vermuten, dass
sie deshalb auch öfter in der Flüchtlingshilfe tätig sind.“
Eine Studie dazu steht aber noch aus.
Gerade versucht die Familie, mithilfe des Vereins
ihren subsidiären Schutz in Asyl umzuwandeln. Sie wissen,
erstmal können sie nicht zurück, also wollen sie
bleiben. „Ich hoffe, es klappt, aber ich möchte mir keine
Hoffnungen machen“, sagt Murad. Fatima ist Sekretärin
in einem Büro und besucht zusätzlich einen Deutschkurs.
Murad hat vor kurzem einen neuen Job bei der Post begonnen.
Der studierte IT-Techniker ist im Computerbereich
tätig. Die Kinder haben Freunde gefunden, Deutsch
gelernt. Doch die Unsicherheit, ob die Familie bleiben
darf, macht allen zu schaffen – auch Shalom Alaikum.
„2015 war einfach“, sagt Feiger. Es ging damals
um Decken und neue Kleidung, um Arztbesuche und
Bustickets. Heute ist das anders. Vom Bundesamt für
Fremdenwesen und Asyl kommen mehr und mehr Asylbescheide
negativ zurück, sagt Feiger. Außerdem werden
die Wartezeiten länger. Diesen Trend bestätigen die Zahlen
des Bundesministeriums für Inneres: 2016 waren laut
BMI rund 37 Prozent der Asylbescheide negativ, 2018
waren es 58 Prozent. Die Abschiebungen durch Zwang
sind außerdem seit 2017 um 47 Prozent gestiegen.
Kommt ein negativer Bescheid aus dem Bundesamt
für Fremdenwesen und Asyl (BFA), das die Asylbescheide
in erster Instanz abwickelt, dann hilft vor allem Feiger,
unterstützt von einer Wiener Anwaltskanzlei, den betreuten
Familien, vor Gericht zu gehen. Neben der Begleitung
bei Arztbesuchen ist das zu ihrer Hauptaufgabe
geworden. „Ich begleite zur Geburt und zu Gericht“, sagt
sie mit einem Lächeln. Dann wird sie still. Zum ersten
Mal ist Bitterkeit in ihren Augen. 2018 gab es laut dem
Verena Krausneker, Sonia Feiger, Miriam Tenner und Golda Schlaff
erhielten den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte, 2019
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 111
Verein nur einen positiven und einen negativen Asylbescheid.
Der Rest, rund zwölf Familien, wartet noch. „Die
Menschen leben seit 2015 in Unsicherheit“, sagt Feiger.
Sie erzählt von einem Mann, dessen Antrag aufgrund
derselben Passage vom BFA abgelehnt und vom Gericht
angenommen wurde. Für das Gutachten war seine Schilderung
unglaubwürdig, für den Richter überzeugend.
Die Gründe, negative Bescheide auszustellen, würden
immer willkürlicher werden. „Auch das gesellschaftliche
Klima hat sich verändert“, ergänzt Schlaff.
Die Familie Sulman ist eine jener Familien, die – zumindest
bisher – Glück hatten. Dennoch: Die Zukunft
von Fatima, Murad und ihren vier Kindern hängt am
seidenen Faden. „Ich will kein Flüchtling sein, ich will
normal leben in Österreich“, sagt Murad. „Wir wollen
uns ein neues Leben bauen“, sagt Fatima. Bevor Sonia
geht, umarmt sie Fatima und schenkt ihr zwei der Zitronen,
mit denen sie den besonderen Tee zubereitet. Morgen
wird Sonia nach Israel fliegen, um das Pessachfest
mit ihrer Familie zu feiern. Familie Sulman wünscht ihr
eine gute Reise. Sie verabschieden sich. In der Tür dreht
Feiger sich noch einmal um und winkt.
Vor dem Haus hält sie einen Moment inne, holt tief
Luft. Während ihres Besuches bei Familie Sulman ist es
Abend geworden, die Schatten lassen sie müde wirken.
Manchmal, gibt sie zu, ist sie das auch. Das Asylsystem
kann grausam zu „ihren Familien“ sein. Sie kämpfe fast
täglich für etwas Selbstverständliches: das Recht auf eine
sichere Umgebung, das Recht auf Asyl. „2015 war wirklich
einfach“, sagt sie mit einem Kopfschütteln. Dennoch
ist klar: Der Verein wird weitermachen, wird alles daran
setzen, dass jede „ihrer“ Familien bleiben darf. 2
Von Frauke Steffens
„Ich bin keine Feministin“
Die ultraorthodoxe Richterin Ruchie Freier hat in
New York einen Ambulanzdienst gegründet, der
von Frauen betrieben wird.
112
Ruchie Freier flicht den Teig für das traditionelle Challa-
Brot wie einen Zopf. Sie schneidet Kartoffeln, Zwiebeln,
stellt den Ofen an. Freier arbeitet schnell, sie will keine
Zeit verlieren. Das Abendessen macht sie schon morgens.
„So funktioniert es, so kriege ich das alles hin“, sagt die
54-Jährige. Sie lacht viel, spricht schnell, vermittelt den
Eindruck schier unendlicher Energie. Klein ist sie, sehr
zierlich, sehr elegant. Freier ist oft beim Kochen zu sehen
in „93Queen“, einem Film von Paula Eiselt über den
Frauen-Rettungsdienst im chassidischen Teil von Brooklyn.
Freier hat im streng orthodoxen Stadtteil Borough
Park Dinge geschafft, die viele Menschen nicht für möglich
hielten. Sie gründete im Jahr 2011 gemeinsam mit
anderen Frauen den Rettungsdienst Ezras Nashim, drei
Jahre später konnten die Sanitäterinnen die Arbeit aufnehmen.
Und seit 2016 ist Freier Richterin in Brooklyn,
sie wechselte von Zivilrecht zu Strafsachen.
Für die Filmemacherin Eiselt verkörpert Freier einen
feministischen Aufbruch aus den Traditionen der chassidischen
Community. Wie sieht sie ihre Rolle selbst?
Es ist nicht leicht, einen Termin bei Richterin Freier
zu bekommen. Sie hat ihr Büro im streng bewachten Gerichtshochhaus
in Downtown Brooklyn. Unten müssen
alle Besucher durch die Sicherheitsschleuse, oben sind
die „Chambers“ der Richterinnen und Richter, was sich
deutlich alt-ehrwürdiger anhört, als es ist. Kleine Büros
sind es, die für New Yorker Verhältnisse aber sehr geräumig
sind. Das von Ruchie Freier ist voll mit Andenken,
viele Fotos von ihren sechs Kindern und ihrem Ehemann
David hat sie aufgestellt. An den Wänden hängen
gerahmte Zeitungsartikel über Freier, auch in anderen
Sprachen. Auf einer kleinen Kommode stehen Porträts
ihrer Urgroßeltern. Sie wurden von den Nazis ermordet.
Die Großeltern überlebten den Holocaust und wanderten
aus Ungarn in die USA aus. „In meiner Familie lieben
wir Amerika, wir sind alle amerikanische Patrioten“,
sagt Freier. Auf vielen Fotos ist sie selbst zu sehen – der
DAS JÜDISCHE ECHO
Die ultraorthodoxe Jüdin Ruchie Freier bei ihrer Angelobung als Richterin in Brooklyn, 2016
FOTOS: PRIVAT, ANDRE REICHMANN
Stolz ist ihr anzumerken, als sie auf ein Bild von ihrer
Examensfeier zeigt.
Berühmt wurde Ruchie Freier lange bevor sie die
erste chassidische Frau in einem öffentlichen Amt in
Amerika war. Die Reporter kamen schon, als sie seit 2011
dafür kämpfte, dass Frauen als Sanitäterinnen anderen
Frauen helfen können. „Den meisten Menschen ist das
gar nicht klar. Eine Notfallsituation ist oft ein Eingriff in
die Intimsphäre, und da sind alle Frauen verletzlich, ob
religiös oder nicht“, sagt Freier. „Wenn eine Frau die religiösen
Vorschriften befolgen will und ihr ist das wichtig
und sie hat das ihr Leben lang getan – dann kann es eben
sein, dass nie ein Mann außer ihrem Ehemann auch nur
ihr Bein nackt gesehen hat. Und dann stehen mehrere
Männer, Sanitäter, in ihrem Zimmer und sie bekommt
gleich ein Kind – das bedeutet eine Menge zusätzlichen
Stress.“ Religiöse Vorschriften besagen, dass Frauen von
fremden Männern nicht berührt werden und ihr Haar
nicht unbedeckt zeigen dürfen, wenn sie verheiratet sind.
Bei Notfällen gilt das allerdings nicht. Doch weil die Sanitäter
vom chassidischen Rettungsdienst Hatzolah Freiwillige
aus der ganzen Gemeinde sind, könne auch mal
der Nachbar dabei sein, sagt Freier.
Sie erzählt, dass die Chefs von Hatzolah in den 1970er-
Jahren sogar Frauen ausbildeten – über 200 in Brooklyn
und fast hundert im Norden des Bundesstaates New York,
wo es mehrere chassidische Dörfer gibt. Damals planten
sie eine 300 Frauen starke Einheit, die sich besonders um
Notfälle mit schwangeren Frauen kümmern sollte. Doch
am Ende meinten zu viele Männer mit Einfluss, Frauen
hätten im Sanitätsdienst nichts zu suchen. Jahrzehnte
passierte nichts, bis 2010. „Ich bekam diesen Anruf von
den Frauen, die gehört hatten, dass ein mächtiger Rabbi
in der Stadt New Square angefangen hatte, Frauen in
den Hatzolah-Sanitätsdienst zu integrieren. Und jemand
hatte ihnen gesagt, wenn ihr irgendetwas erreichen wollt,
nehmt euch einen Anwalt“, erzählt Freier.
New Square ist eine streng orthodoxe Gemeinde
im Norden des Staates New York – dass ausgerechnet
ein Rabbi dort Sanitäterinnen unterstützte, machte den
Frauen Mut. Bald kämpfte Freier mit ihnen gemeinsam
für den Segen der Rabbis in Brooklyn. Sie machte selbst
eine Hilfssanitäter-Ausbildung und ist bis heute Direktorin
des Rettungsdienstes. Heute hat Ezras Nashim eine
staatliche Zulassung und über fünfzig lizensierte Sanitäterinnen.
Bislang fahren die Frauen mit normalen Autos
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 113
114
Jewish Welcome Service Vienna
Sponsored by the City of Vienna
Der Jewish Welcome Service Vienna wurde 1980
auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Leopold
Gratz und Stadtrats Heinz Nittel gemeinsam mit
Leon Zelman gegründet.
Im Sinne der weltoffenen Tradition Wiens und des
Judentums sollen Brücken für die Zukunft geschlagen
werden, um Vorurteile abzubauen, aber auch um zum
besseren Verständnis zwischen Juden und Nicht juden
beizutragen. Hauptaufgaben des Jewish Welcome
Service sind Besuchsprogramme für Shoah-Überlebende
wie für die jüngere Generation aber auch
die Kooperation mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.
Als Service - und Informationsstelle
möchte der Jewish Welcome Service vielen jüdischen
Besucherinnen und Besuchern die Schwellenangst vor
einem Wien-Besuch nehmen.
Kontakt:
1010 Wien, Judenplatz 8/8
E-mail: office@jewish-welcome.at
www.jewish-welcome.at
zu ihren Patientinnen, aber sie sammeln Spenden und
wollen bald ihren ersten Krankenwagen kaufen.
Viele in der chassidischen Gemeinschaft waren am
Anfang gegen die Frauen in den weißen Kitteln. Auch
das zeigt der Film „93Queen“, dessen Name vom Notruf-Code
des Rettungsdienstes kommt: Das Auto für die
Rettungseinsätze wird eines Tages mit einer Parkkralle
lahmgelegt. Ein anonymer Mitarbeiter von Hatzolah
sagt mit verfremdeter Stimme, die Aufgabe von Frauen
sei es, zu Hause zu bleiben und die Kinder zu erziehen.
Und auf der Straße fragt ein Mann: „Warum müssen
Sie unbedingt Richterin werden?“ Ruchie Freier bleibt
freundlich und entgegnet ihm, sie könne vieles gleichzeitig
tun, sie backe ja auch immer noch Challa.
Die Rabbis sind inzwischen längst auf ihrer Seite –
nicht alle, aber die meisten. „Ihre Sorge war, dass Frauen in
Borough Park sehr beschäftigt sind und dass die Sanitäterinnen
vielleicht nicht mehr ihre wichtigste Arbeit machen
könnten – und die ist eben die Familie“, sagt Freier im Interview
in ihrem Büro. Ähnlich war es mit ihrer Karriere
als Richterin. Sie habe dafür keine Regeln brechen müssen.
Bislang hatte es nur keine Frau ausprobiert. „Wäre das hier
ein rabbinisches Gericht, wäre es ein Problem gewesen“,
sagt Freier und lacht. „Aber das ist es eben nicht.“
Eine Mehrheit der rund eine Million Juden in der
Stadt New York gibt in Umfragen an, nicht sehr religiös
zu leben. Die orthodoxen Chassidim wohnen vor allem
in Ruchie Freiers Heimat Borough Park oder in Süd-
Williamsburg in Brooklyn. Wer durch diese Stadtteile
spaziert, nimmt oft vor allem die Abgeschlossenheit der
chassidischen Gemeinschaft wahr. Die Geschäfte haben
jiddische Aufschriften in hebräischen Buchstaben, auf
der Straße gibt es kaum jemanden, der nicht hierher gehört.
Die Männer tragen schwarze Mäntel, Schläfenlocken,
je nach Sekte oder Anlass auch Pelzhüte.
Frauen, die verheiratet sind, verbergen ihr Haar unter
einer Perücke, manche auch unter einem Kopftuch,
das geknotet wird und bis in die Stirn reicht. Die Geburtenrate
unter den chassidischen Juden in Borough
Park, wo mehr als 100.000 Menschen leben, liegt bei
über sechs Kindern pro Frau. Nicht wenige Menschen
setzen die orthodoxe Lebensweise mit der Unterdrückung
von Frauen gleich. Berichte von Aussteigerinnen
scheinen das zu bestätigen – für sie gibt es in New York
auch Selbsthilfegruppen. Religion kann in traumatischen
Familienkonstellationen wie ein Brandbeschleuniger
wirken, überall auf der Welt. Ruchie Freier weiß das
– doch sie kämpft gegen die Vereinfachungen. „Es ist mir
wichtig, dass die Leute wissen, dass das Judentum Frauen
hoch achtet, regelrecht auf ein Podest stellt. Manche
Menschen schauen auf die religiösen Regeln und sagen,
das ist Diskriminierung, aber so wie ich aufgewachsen
bin, erlebe ich es ganz anders.“
Freiers schwarze Perücke ist besonders seidig, fällt
wie echtes Haar, das Make-up lässt ihre dunklen Augen
strahlen. Ein hochgeschlossenes Kostüm wirkt wie die
Antithese zu dem, was in Amerika so häufig als Uniform
der berufstätigen Frau gilt: gern eng, gern viel Haut, High
Heels sind ein Muss. Ähnlich wie muslimische Frauen
verzichten viele Chassidinnen keineswegs auf Eleganz. Sie
muss aber vereinbar sein mit der „Modesty“, den Regeln,
für die der englische Begriff nur unzureichend übersetzbar
scheint. Eine Mischung aus Haltung, Bescheidenheit,
Würde soll er bedeuten – „Keuschheit“ sagt man oft auf
Deutsch, das klingt etwas abwertend. Weibliche Macht
vermittelt sich in Ruchie Freiers Büro gerade nicht über
das sonst allgegenwärtige Sexy-Sein, sondern durch eine
gelassene, freundliche, ja auch strenge Sachlichkeit. Freier
ist die beste Botschafterin, die sich die Orthodoxen in Borough
Park wünschen können – irgendwann müssen das
auch die strengsten Rabbis erkannt haben.
Amtsrichterin ist in den USA ein Wahlamt. „Ich bin
Ruchie Freier, ich kandidiere als Amtsrichterin“, sagt sie zu
Passanten im Film „93Queen“. Hinter ihr am Infostand
DAS JÜDISCHE ECHO
Aus dem Film „93Queen“: Ruchie Freier mit einigen ihrer Kolleginnen. „Frauen für Frauen“ steht auf der Tür der Ambulanz.
FOTO: JULIETA CERVANTES
ruft ein junger Wahlkampfhelfer mit Schläfenlocken und
Kippa in ein Megafon: „Wählt Ruchie Freier zur Amtsrichterin!“
„Es ist Zeit“, steht auf ihren Aufklebern und Flyern.
Als man sie im Dokumentarfilm beim Straßenwahlkampf
sieht, ist Ruchie Freier schon seit Jahren Anwältin – und
Mutter von drei Töchtern und drei Söhnen. Viele Menschen
glauben, dass chassidische Frauen nicht außer Haus
arbeiten, doch das stimmt nicht. Oft arbeiten sie sogar
ziemlich viel, wenn auch meist nicht in akademischen Berufen.
Viele ernähren ein paar Jahre lang allein die Familie,
während der Ehemann sich religiösen Studien widmet.
So ist es auch bei Ruchie Freier. Schon in der orthodoxen
High School belegt sie einen Kurs in juristischer
Stenografie. Mit 19 heiratet sie ihren Ehemann David.
Erst arbeitet sie als Sekretärin, Mitte der 1990er-Jahre
wird sie Rechtsanwaltsgehilfin in einer Großkanzlei.
David Freier studiert in der Zeit in einem Kollel, einer
Talmud-Thora-Schule für verheiratete Männer. Als er
danach aufs College geht, beschließt Ruchie Freier, auch
einen höheren Abschluss machen zu wollen, und schreibt
sich am Touro College ein. Mit dreißig fängt sie an, Jus
zu studieren. „Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich die
Hälfte meiner Probleme. Wäre ich ein chassidischer
Mann, dann wäre alles leichter für mich“, sagt sie in einer
dieser schnellen Küchenszenen im Film, bei denen man
eine Ahnung davon bekommt, wie diszipliniert Freier
ihren Alltag organisieren muss.
Mit der Dokumentation von Paula Eiselt ist sie zufrieden,
zeigt sie doch ein differenziertes Bild von chassidischen
Frauen. Nur an einem Punkt sind sich Filmemacherin
und Protagonistin nicht ganz einig. Eiselt sieht
Freier als Teil eines feministischen Aufbruchs, das suggeriert
auch der Tenor mancher Presseberichte über sie: Die
Welt der ultraorthodoxen Juden und Jüdinnen erscheint
darin ausschließlich dunkel, und die Richterin kämpft
gegen diese Dunkelheit.
Aber so will Freier nicht verstanden werden. Alles,
was sie tue, tue sie im Einklang mit ihrer Religion, sagt
sie: „Feminismus ist ein säkulares Konzept, also lehne
ich dieses Label ab. Es bedeutet schließlich, dass Frauen
überall die Rolle von Männern übernehmen wollen,
auch in der Religion. Doch im Judentum haben Männer
und Frauen ihre Aufgaben und Rollen, und die lasse
ich mir auch nicht nehmen. Aber wenn wir über die
Ermächtigung von Frauen reden, über ihre Fähigkeiten
und das, was sie damit machen können, dann bin ich an
vorderster Stelle dabei.“ Was sie tue, werde für die nächste
Generation immer normaler werden – doch jede Frau
solle tun, was am besten zu ihr und ihrer Familie passe.
In der Schlussszene des Films „93Queen“ feiert Ruchie
Freier ihre Vereidigung am Gericht in Brooklyn. Ihr
Mann steht sichtlich gerührt am Rednerpult neben der
amerikanischen Flagge und spricht von einem Lebenstraum,
der für seine Frau in Erfüllung gehe. Ihre halbwüchsigen
Töchter, altmodisch gekleidet, legen der Richterin
die schwarze Robe um. Im Publikum applaudieren
viele orthodoxe Frauen, eine davon ist Freiers Mutter ‒ sie
wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. 2
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 115
Von Irene Suchy
Die Wiederentdeckung der Elsa Bienenfeld
Österreichs erste promovierte Musikwissenschaftlerin
war zugleich die erste Frau, die in Wien unter
eigenem Namen Kulturrezensionen publizierte.
1942 wurde sie in Maly Trostinez ermordet.
Gewidmet Eva Taudes, die, angeregt von Hilde Haider-
Pregler, in ihrer theaterwissenschaftlichen Dissertation Elsa
Bienenfeld erkannt hat und kurz nach der Publikation ihres
Buches gestorben ist.
Die Geschichte beginnt am Ende, lange nach dem
Lebensende der Elsa Bienenfeld, es dauerte, bis ihr Ende
zum Anfang der Forschung führte. Dort, wohin ihre Biografin
ihr gefolgt war, in die Blagowtschina, jenes Wäldchen
in Minsk, wo die Nachgehenden gelbe Schilder auf
die Bäume hängten. Eva Taudes ist ihrer Auserwählten
nicht nur zum Ermordungsort, sondern in die Archive
ihres Lebens und Wirkens gefolgt, sie hat ihre Briefe aufgespürt
in den Archiven Schönbergs und Furtwänglers,
wenigstens zu den Überschriften ihrer Radiovorträge
und Programmeinführungen.
Es gibt Hierarchien in der Forschung, Hierarchien
der Geschlechter, der Grausamkeiten, der Berühmtheiten.
Und es gibt die Frage nach der Berechtigung dieser
Hierarchien: ob nicht Grausamkeit anders gewichtbar,
Berühmtheit abwägbar, Verdienst unbemerkt, Fähigkeiten
überhört, Podeste zu hoch errichtet, die Abgründe
übersehen wurden. Herausfinden statt Andichten, die
Geschichte muss nicht erfunden werden, nichts muss
verbrämt werden, die Geschichte ist spannend genug,
auch wenn sie nicht nach Auschwitz führt.
Von der Vernichtung zum Lebensweg
Ihr letzter Weg dauerte eine Woche, war eine Zugfahrt,
die quasi zivilisiert mit Fahrkarten für einen Sitzplatz für
jeden und jede begonnen hatte; die knapp tausend LeidensgenossInnen
mochten es sich schwer eingestehen,
dass diese Reise in den Tod führte, „geradewegs“. Der
letzte Weg begann vor 77 Jahren, am 20. Mai 1942, und
war sechs Tage später zu Ende. Eva Taudes ist nicht nur
diesen Weg nachgegangen, sondern hat die Spuren Elsas
in den Archiven ihres Lebens und Wirkens, in den Archiven
ihrer Briefpartner Schönberg und Furtwängler erfasst.
Maly Trostinez, damals ein Vorort von Minsk, war
kein Konzentrationslager, es war ein Vernichtungsort, wo
die Menschen, in das Gas der mit Vorhängen geschmückten
Gaswägen getrieben, ihr Leben ließen und, auf Leichenberge
geworfen, verbrannt und verscharrt wurden.
An den letzten zwei Tagen ihres Lebens war Pfingsten,
da wurden die Waggons nicht „entladen“, die Menschen
waren, eingesperrt und ohne Wasser, der feuchten, ungesunden,
insektengeschwängerten Hitze ausgesetzt.
Das halbe Jahr vor dem Abtransport hat Elsa enterbt
und entmündigt, getroffen vom Tod ihrer Schwester
Bianka, erlebt. Die Geschichte der vorangehenden Grausamkeiten
ist gefinkelt. Sie mahnt bis heute zu Wachsamkeit,
was den Begriff der Legalität betrifft. Wegen
des Vorwurfs des Devisenvergehens wird sie 1939 festgenommen,
sie hatte Aktienbesitz nicht gemeldet und
in die Schweiz Pakete unter falschen „arischen“ Namen
geschickt, darin enthalten waren goldene Knöpfe, umhäkelt
mit Wollfäden. Alle Anträge auf Enthaftung werden
abgelehnt, das Gesetz exekutiert. Als sie endlich entlassen
wird, türmen sich die Unmöglichkeiten der Bezahlung
der Gerichtskosten angesichts der eingezogenen Rente
auf, ihre Bibliothek wird beschlagnahmt. Sie wird „wegen
Geistesschwäche beschränkt entmündigt“, das Dorotheum
kauft ihre Damenuhr an, ebenso zwei Ringe,
zwanzig kleine Löffel und so weiter.
Wer war sie?
Im Bestreben, eine musikwissenschaftliche Her-Story
des 20. Jahrhunderts zu schreiben, ist die Forschung zu
Leben und Werk der Elsa Bienenfeld unerlässlich. Ohne
in den Fehler zu verfallen, ihre Bedeutung als Kulturrezensentin
an jener ihrer (männlichen) Zeitgenossen zu
messen, soll ihre Tätigkeit als Wissenschaftlerin, Journalistin
und Mentorin erfasst werden:
FOTOS: C.CIZEK, WIKIPEDIA/FAYER, WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN
116
DAS JÜDISCHE ECHO
Elsa Bienenfeld rezensierte die Premiere der „Frau ohne Schatten“, 2019 wurde die Oper im Rahmen von 150 Jahren Staatsoper gezeigt
In ihren hunderten Feuilletons beweist sie Kenntnis und
bezieht Position in ästhetischen, politischen und kulturwissenschaftlichen
Fragen. Ihr publizistisches Werk
ist eine Reflexion der Musikgeschichte der ersten Hälfte
des 20. Jahrhunderts. Im Briefwechsel mit führenden
Persönlichkeiten des Musiklebens wird ihre vermittelndfördernde
Arbeit ersichtlich. Sie ist es, der Arnold Schönberg
die Lehrmöglichkeit an der Schwarzwald-Schule
verdankt, ihr ausführlicher Briefwechsel mit Wilhelm
Furtwängler zeigt ihre Bemühungen, jenem zum Posten
des Staatsoperndirektors zu verhelfen:
„Möchten einmal auch Sie bedenken, wie viel
Vorbereitung, Einfühlung in Kunstwerke und Einzelschicksale,
wie viel (rein technische) Arbeit am Wort erforderlich
ist, um ein Urteil für die Öffentlichkeit zu formulieren.
Es ist gerade so wie beim Dirigieren, ein gutes
Feuilleton braucht mindestens so viel Konzentration wie
ein gutes Konzert.“
Mit dem Selbstbewusstsein der ersten promovierten
Studentin bei Guido Adler (dem Begründer der Wiener
Musikwissenschaft), erkennt sie den Wert ihrer Arbeit,
die weit über das Rezensieren hinausgeht:
„Für mich gab und gibt es jetzt wieder nur die
Pflicht, zu tun, was meines Amtes ist (ich meine damit
nicht etwa die Anstellung bei der Zeitung), und da ist es
Gewissenssache, jegliche Begabung zu fördern, aus der
vielleicht einmal der Funke springen wird.“
Wie sie wurde, was sie ist
Sie ist eine Pionierin der Wiener Musikwissenschaft: Dieser
Aspekt stellt sich als am schwersten erfassbar dar. Mit
wissenschaftlicher Skepsis sind die editorischen Arbeiten
Adlers, die berühmten „Denkmäler der Tonkunst“, auf
Elsa Bienenfelds Beitrag hin zu untersuchen – auch wenn
sie nicht genannt ist. Sie war 1877 geboren, einem Vater,
der k. u. k. Hof- u. Gerichts-Advocat war, und einer
Mutter aus der Rabbinerfamilie Schmelkes. Die Hürde
des Schulbesuchsverbots überwindend, besucht sie die
damals in der österreichisch-ungarischen Monarchie für
Mädchen zugänglichen öffentlichen Schulen, maturiert
als Externistin 1898 am Akademischen Gymnasium und
studiert anschließend an der Wiener Universität zunächst
naturwissenschaftliche Fächer. Das Fach Musikwissenschaft
musste erst begründet werden.
Sie erhielt erst privaten Musikunterricht, studierte
von 1889/90 bis 1893/94 am Conservatorium der Gesellschaft
der Musikfreunde in Wien, der heutigen Universität
für Musik und darstellende Kunst, Klavier und
schloss mit 17 Jahren mit Auszeichnung ab.
Sie war nicht nur die erste promovierte Musikwissenschaftlerin
Wiens, sondern auch die erste Frau,
die Kulturkritiken unter eigenem Namen publizierte.
Als Musik- und Theaterkritikerin arbeitet sie für das
„Neue Wiener Journal“ und die „Frankfurter Zeitung“,
hält Vorträge im Wiener Volksbildungsverein und in
der Wiener Urania, auch im Radio. Sie beschreibt mit
Detailwissen und profunder Vorbereitung die Ur- und
Erstaufführungen, wie etwa Richard Strauss’ „Frau ohne
Schatten“, die Repertoirevorstellungen der Wiener Hofoper,
der Volksoper, des Theaters an der Wien, Gastspiele
und Festspiele, dokumentiert Konzerte und Kongresse.
Untaten und Täter
Die Abwägung der Taten und Untaten spielt eine Rolle
bei der Geschichtsschreibung. 1928 schreibt Soma Morgenstern
an Alban Berg über seine Rolle, die mutwil-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 117
Neues Mahnmal in Maly Trostinez für die ermordeten Wiener Juden:
Für Bienenfeld Endpunkt einer Geschichte der Grausamkeiten
lige Ablösung Elsa Bienenfelds als Kulturkritikerin der
„Frankfurter Zeitung“ betreffend:
„Aus Wien berichtete über Musik für die Frankfurter
Zeitung eine ältere Dame, die in einer Wiener
Zeitung die Musikkritikerin war und dort ihrer pathologischen
Aversion gegen moderne Musik, namentlich
gegen den Schoenberg-Kreis, Luft machte. Um sie nach
langjähriger Mitarbeit möglichst schmerzlos loszuwerden,
bat mich der Chef des Feuilletons, gelegentlich ein
Musikreferat zu liefern. Gleichzeitig teilte er der Wiener
Dame mit, daß das Feuilleton jetzt für die Berichterstattung
aus Wien die Kosten einschränken müsse, und da
die Zeitung einen Feuilletonkorrespondenten in Wien
engagiert habe, müsste man leider auf ihre weitere Mitarbeit
verzichten. Ich machte mich erbötig mitzuspielen,
weil ich mich diebisch darüber freute, Alban Berg und
anderen Freunden vom Schoenberg-Kreis zuliebe die
gehässige Streiterin gegen die moderne Musik aus der
Frankfurter Zeitung zu eliminieren.“
Hätte es einen Sarg für Elsa gegeben, wäre in der
Agitation Soma Morgensterns im Wissen oder gar mit
dem Einverständnis von Alban Berg einer der Sargnägel
zu erkennen. In ihrer letzten Rezension im „Neuen Wiener
Journal“ besprach sie ein Konzert der Pianistin Angelica
Morales vom 1. Dezember 1931. Sie wird entlassen,
die Gründe können im erstarkenden Nationalsozialismus
und Austrofaschismus als politisch angesehen werden.
Um ihre Existenz zu sichern, verfasst sie nun, ab
1932, kulturwissenschaftliche Feuilletons über die Rohrerhütte
oder die Stammtafel der Familie Robert Schumanns.
In einer profunden Recherche über Beethoven
und dessen unglückliche Mutter, Maria Magdalena Kewerich,
Tochter eines kurfürstlichen Leibkoches in Köln,
lässt sie etwa die Verdienste der Mütter in den Karrieren
von Genies erkennen.
„Das Beispiel Goethes lehrt, daß große Männer wesentliche
Teilanlagen ihres Genies ihren Müttern verdanken.
Daß das Erbgut der mütterlichen Familie entscheidend
für den Aufbau und die Schichtung der geistigen
und seelischen Anlagen ist, wird auch von der Erbforschung
behauptet. ,Das Genie der Frau liegt in ihren
Söhnen‘, erklärt auch Kretschmer.“ Sie versetzt sich in
eingeschränktes Hören von Komponisten, in „die große
Denkleistung eines Ertaubten“, das der Genialität die
Türe aufreiße, anlässlich eines Feuilletons über Johann
„Mattheson und taube Komponisten“: „Mit der Phantasie,
mit dem zerebralen Hören, das die Notenbilder (mit
dem Auge lesend) ohne sinnlichen Klangeindruck, ohne
kortikales Hören vorzustellen und zu verarbeiten vermag,
dringt Mattheson erstaunlich tief in den Inhalt und
das Wesen der ihm vorliegenden Kunstwerke. Den Anschauungen
seines noch in Lehrhaftigkeit eingeschnürten
Zeitalters weit voran, spürt und verkündet er das
Wunder der genialen Leistung, er wird in der deutschen
Geisteswelt der erste Genieanbeter. Aus neuen Erfindungen,
sagt er, entspringen neue Regeln, aus den Regeln
aber keine neuen Erfindungen; das Meiste, das Beste, ja
fast Alles leiste die Persönlichkeit, nicht die Schule (Lehre),
die nichts weiter abgebe als eine Handlangerin.“
Das Ende
Nach Hitlers Einmarsch in Österreich im März 1938 wird
im Verzeichnis über das Vermögen von Juden nach dem
Stand von 27. April 1938 ihr Beruf als „Redacteurin in
Pension“ angeführt. Um die sogenannte Reichsfluchtsteuer
gering zu halten, stellt sie im Dezember 1938 an die
„Vermögensverkehrsstelle“ den Antrag, „die in meinem
Verzeichnis vom 27. April 1938 angeführten Ansprüche
an die Versicherungsanstalt der Presse, Wien bei Berechnung
meines Vermögens nicht in Ansatz zu bringen.“
Das letzte Dokument, ihr Vermögensverzeichnis
vom August 1939, hat Irma Marx für Elsa Sara Bienenfeld
unterzeichnet. Zuletzt fristet sie ihr Leben in einer
Sammelwohnung in Wien 1, Dominikanerbastei 22,
von dort wird sie von den Nationalsozialisten 1942 nach
Maly Trostinez deportiert und ermordet.
Eva Taudes hat den Verlust gemildert. 2
Literatur
Taudes, Eva (2018), „Wien wird so unerträglich kleinstädtisch“. Elsa
Bienenfeld (1877‒1942). Werdegang und Wirken im kulturellen Wien
in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. biografiA Band 19 – Neue
Ergebnisse der Frauenbiografieforschung, hg. v. Ilse Korotin. Wien:
Praesens Verlag.
FOTOS: PICTUREDESK/NATALIA FEDOSENKO, CHRISTIAN POSTL, BELVEDERE/JOHANNES STOLL
118
DAS JÜDISCHE ECHO
Von Olga Kronsteiner
Zuerst ignoriert, dann vergessen
Bis 1938 waren weibliche Kunstschaffende in
Österreich präsenter, als lange angenommen. Ihr
Beitrag für die Moderne wurde über Jahrzehnte
einfach ignoriert. Bis die Grundlagenforschung
eine Kehrtwende einleitete.
Der Zweite Weltkrieg bescherte auch dem Kunstbetrieb
eine Zäsur, die bis heute und erstaunlich hartnäckig
nachwirkt. Sieht man von all den Künstlern ab, die der
Tötungsmaschinerie das NS-Regimes zum Opfer fielen,
oder jenen, die noch zeitgerecht ins Ausland flüchten
konnten, geht es um die Kunstgeschichtsschreibung:
Über Jahrzehnte vermittelte sie ein falsches Bild, indem
sie weibliche Kunstschaffende ignorierte und ihnen
damit jedwede Bedeutung absprach.
Nicht nur in Österreich. Dass mit ihren Werken in
den Nachkriegsjahren hierzulande zeitgleich eifrig gehandelt
wurde, war dabei kein Widerspruch. Der Gendergap
wurde hauptsächlich auf akademischer Ebene
gehätschelt. Während Privatsammler ihre Wohnzimmer
mit Zeugnissen einst vielversprechend angelaufener Karrieren
schmückten, verblieben solche aus Museumsbeständen
mehrheitlich in den Depots.
Dabei hatte es vor dem Zweiten Weltkrieg regelmäßige
Ankäufe in Verkaufsausstellungen von Galerien und
Vereinigungen gegeben, da zeitgenössische Künstlerinnen
in der agilen Wiener Szene sehr viel präsenter waren
als lange angenommen. Davon zeugen jene Kunstwerke,
Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Belvedere mit der „Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht“ von Teresa Feodorowna Ries
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 119
Gemälde „In der Laube“, 1901 von Marie Egner geschaffen; Selbstporträt der aus Moskau stammenden Teresa Feodorowna Ries
die – um Leihgaben ergänzt – jüngst im Zuge der Ausstellung
„Stadt der Frauen“ teils überhaupt erstmals im
Wiener Belvedere zu sehen waren.
Aus diesem Anlass rief Kuratorin Sabine Fellner
ein historisches Beispiel in Erinnerung, konkret die unter
der Präsidentschaft von Gustav Klimt abgehaltene
Kunstschau 1908. Ein Drittel der damals gezeigten Arbeiten
stammte nämlich von Frauen. Insofern erscheine
„der seit Jahrzehnten in unverminderter Intensität geführte
Diskurs über Frauenquoten geradezu regressiv“,
schlussfolgerte sie treffend.
Traum und Wirklichkeit
Nach 1945 geriet der Beitrag österreichischer Künstlerinnen
zur Moderne einfach in Vergessenheit. Die einzige
Ausnahme bildete die Gruppe der Stimmungsimpressionisten
rund um den Landschaftsmaler Jakob Emil
Schindler, namentlich Tina Blau, Olga Wisinger-Florian
oder Marie Egner. Den Werken ihrer Kolleginnen, auch
der jüngeren Generation der Zwischenkriegszeit, schenkten
die heimischen Museen dagegen bis in die 1990er-
Jahre hinein kaum bis keine Beachtung.
Bemerkenswertes trug sich etwa im Umfeld der
Sonderausstellung „Traum und Wirklichkeit – Wien
1870‒1930“ zu, die vom Historische Museum der Stadt
120
Wien (nunmehr Wien Museum) im Künstlerhaus veranstaltet
wurde. Innerhalb von sechs Monaten lockte sie im
Jahr 1985 mehr als 622.000 Besucher an ‒ bis heute ein
historischer Rekord für das Vereinsgebäude. Dem internationalen
Kunstmarkt sollte diese Präsentation eine bis
heute anhaltende Nachfrage an Werken und Objekten
dieser Epoche bescheren.
«Nach 1945 wurde der Beitrag österreichischer
Künstlerinnen zur Moderne vergessen,
ausgenommen die Gruppe der Stimmungsimpressionisten
rund um den Landschaftsmaler
Jakob Emil Schindler.»
Denn die mit Museumsbeständen und Privatleihgaben
aus dem In- und Ausland gespickte Schau, die das Phänomen
„Wien um 1900“ in all seinen Facetten darlegte,
war anschließend im Centre Pompidou in Paris und dem
Museum of Modern Art (MoMA) in New York (1987)
zu sehen. Für diese Gastspiele hatten die Kuratoren der
Institutionen die Zusammenstellung adaptiert. Für die
MoMA-Version hatte Kirk Varnedoe allerdings sämtliche
Werke von Künstlerinnen aussortiert.
Die Moderne sei „ein Unterfangen weißer europäischer
Männer, brutaler Fakt“, erklärte er Jahre später
DAS JÜDISCHE ECHO
„Feldblumenstrauß“, 1906 gemalt von der Impressionistin Olga Wisinger-Florian, die zuvor lang als Konzertpianistin tätig war
FOTOS: BELVEDERE/STOLL (2), WIEN MUSEUM (1)
in einem Interview. Er habe das genau analysiert und es
gebe nun mal keine Werke von Künstlerinnen, die einem
Vergleich mit Van Goghs „Sternennacht“ oder Cézannes
„Badenden“ standhielten.
Wiederentdeckungen
Eine Form der Geringschätzung, die der Tradition entsprach,
die Rolle von Künstlerinnen zu ignorieren und
ihre Bedeutung zu negieren. Das sollte sich erst mit der
nächsten Generation von Kunsthistorikern ändern. Wohl
auch, weil diese deutlich weniger Berührungsängste mit
dem Kunsthandel zu haben schien und dessen Ambition
bei der Aufarbeitung von Nachlässen zu schätzen wusste,
die ganz selbstverständlich auch solche von Künstlerinnen
umfasste.
Eine wesentliche Grundlage für viele der Ausstellungen
in den vergangenen Jahren, etwa „Jahrhundert der
Frauen“ (1999/2000, Kunstforum) oder zu Kinetismus
(2006, Wien Museum, 2011, Belvedere) und Hagenbund
(2014, Belvedere), bildete Sabine Plakolm-Forsthubers
1994 publizierte Forschungsarbeit. Eine daran
anknüpfende Ergänzung boten die Kuratorinnen Andrea
Winklbauer und Sabine Fellner mit der Aufarbeitung
vergessener jüdischer Künstlerinnen. Die Ausstellung
(2016/17, „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen
bis 1938“) im Jüdischen Museum vervollständigte das
Bild der Wiener Moderne weiter.
Zu den Wiederentdeckungen gehörte die Bildhauerin
Teresa Feodorowna Ries. Sie entstammte einer wohlhabenden
jüdischen Familie aus Moskau, wo sie ab 1890
an der Kunstakademie studierte, die sie jedoch später aus
disziplinären Gründen ausschloss. 1894 emigrierte sie nach
Wien. Ein Studium an der Akademie blieb ihr hier allerdings
aufgrund der Bestimmungen verwehrt. Erst ab dem
Wintersemester 1920/21 waren dort auch Studentinnen
willkommen. Ries wählte den damals üblichen Weg und
nahm Privatunterricht, konkret bei Edmund Hellmer. Er
war einer der wenigen Bildhauer unter den Künstlerhausmitgliedern,
die 1897 als Gründungsmitglieder der Secession
den Bruch mit der Tradition propagierten.
Im Jahr davor gab Teresa Feodorowna Ries im Rahmen
der Frühjahrsausstellung im Künstlerhaus ihr Debüt:
mit der aus Marmor gemeißelten „Hexe bei der Toilette
für die Walpurgisnacht“, in der manche einen Skandal
sahen, die ihr jedoch zum Durchbruch verhelfen sollte.
„So verderbt und verloren“
Als sie am Eröffnungstag „in die Ausstellungshalle kam,
um die Aufstellung meines Werkes zu besichtigen, wurde
ich gleich beim Eingang von einer Anzahl Kollegen stür-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 121
„Die Wache“, 1938 von Greta Freist geschaffen. Die Absolventin der Akademie der bildenden Künste in Wien emigrierte nach Paris
misch begrüßt“, erinnerte sie sich in ihrer 1928 publizierten
Autobiografie. „Irgendjemand nannte dabei laut
meinen Namen, und im selben Moment erscholl von
der Stiege, die in den Saal hinaufführte, eine donnernde
Stimme: ‚Das ist die Ries?! Man sollte ihr den Eintritt
verbieten. Wie kann sie sich unterstehen, aus einem
edlen Marmor eine so scheußliche Fratze zu machen?!‘“
Wie sie da mit gespreizten Beinen hockte, im Begriff,
ihre Zehennägel mit einer Gartenschere zu schneiden,
empörte auch so manchen Kunstkritiker.
Von „widerlicher Geschmacklosigkeit des dargestellten
Stoffes“ war die Rede, von „aufdringlicher Skizzenhaftigkeit
und protzenhafter Rohheit“, wohl ausschließlich,
„um von sich reden zu machen“. Andere lobten wiederum
„ihren geistreichen Humor und ihre sorgfältige technische
Behandlung“, die Schönheit treffende „Verkörperung des
Hexenthums“, so „verderbt und verloren!“. Eine „imponierende
Erscheinung“, die „von männlicher Kraft“ zeuge.
Die Avantgarde zollte Ries jedenfalls Anerkennung,
bald schon waren ihre Arbeiten – auf Veranlassung von
Gustav Klimt – in der Secession zu sehen. Es folgten
Einladungen zu Weltausstellungen (1900, 1911) und
122
zahlreiche Prämierungen. Weiters war sie Gründungsmitglied
der Gruppe „Acht Künstlerinnen“, einer Zweckgemeinschaft,
die als Vorläufer späterer Verbände gilt. Bis
1912 organisierte die Gruppe Verkaufsausstellungen im
Salon Pisko, über die damals auch einige Werke in den
Bestand des heutigen Belvedere gelangten.
Zu den „Acht“ gehörte auch Emilie Mediz-Pelikan,
von der die Galerie der Moderne 1903 das prachtvolle
Gemälde „Blühende Kastanien“ ankaufte. Anlass war die
VII. Ausstellung des Hagenbundes, die allein Emilie und
ihrem Mann Karl Mediz gewidmet war. Karl war seit
1901 ordentliches Mitglied der Vereinigung, die Bewerbung
seiner Frau war dagegen abgelehnt worden.
Ein Brief des damaligen Präsidenten Alexander
Demetrios Goltz an Karl Mediz ist symptomatisch für
das damalige Klima im Wiener Kulturbetrieb: „Was Ihre
uns ebenso werthe Frau Gemahlin anlangt“, so sei das in
den Beratungen nicht durchzusetzen gewesen, denn „es
war immer der größte Theil dagegen“, man befürchtete,
dass „dann einige der in Wien lebenden Frauenmaler
uns keine Ruhe gelassen hätten“, „dem wollte man ausweichen“.
DAS JÜDISCHE ECHO
Flucht und Ermordung
Als Schenkung eines Kunstfreundes gelangte wiederum
1914 eine um 1907 von Ilse Twardowski-Conrat von
Kaiserin Elisabeth geschaffene Büste in den Museumsbestand.
Die Bildhauerin war zunächst in Wien Privatschülerin
von Josef Breitner und später von Charles van der
Stappen in Brüssel. Ihre Skulpturen wurden nicht nur in
der Wiener Secession, sondern auch in internationalen
Ausstellungen, etwa in Rom, London, Paris und Venedig,
gezeigt.
Wie viele ihrer Kolleginnen lebte sie von Porträtaufträgen
der Wiener Gesellschaft und schuf Grabmäler, etwa
auch jenes von Johannes Brahms auf dem Wiener Zentralfriedhof.
1935 wurde ihr, die seit 1914 in München
lebte, Berufsverbot erteilt. Als sie 1942 die Aufforderung
erhält, sich mit ihren Habseligkeiten bei der jüdischen
Gemeinde einzufinden, wählte sie, aus der berechtigten
Angst vor der Deportation ins KZ, den Freitod.
Das Regime der Nationalsozialisten besiegelte die
Schicksale zahlreicher Künstlerinnen. Etwa auch das von
Marianne Saxl-Deutsch, die sich auf kunstgewerbliche
Arbeiten spezialisiert hatte. Sie wurde sechs Tage nach ihrer
Deportation im Mai 1942 in der Vernichtungsstätte
Maly Trostinez ermordet. Oder Friedl Dicker-Brandeis,
eine Malerin und Architektin, einstige Privatschülerin
von Johannes Itten und am Bauhaus in Weimar tätig, die
in den 1930er-Jahren sozialpolitisch aktiv wurde. 1934
wurde sie als Mitglied der KPÖ verhaftet und verarbeitete
die Verhöre in gleichnamigen Gemälden, die eindringlich
die damit verbundene Angst schildern. 1942 wurde
Friedl Dicker-Brandeis in das Ghetto Theresienstadt deportiert.
Dort gab sie Kindern Zeichenunterricht, bis sie
1944 nach Auschwitz überstellt und ermordet wurde.
Und Teresa Feodorowna Ries? Sie musste den Pavillon im
Garten des Palais Liechtenstein, den ihr der Fürst Liechtenstein
als Atelier überlassen hatte, 1938 räumen und
erhielt Berufsverbot. Während ihr Lebenswerk in Wien
verblieb, gelang ihr 1942 die Flucht in die Schweiz. Nur
ein Teil ihrer eindrucksvollen Skulpturen sollte den Zweiten
Weltkrieg und Bombardements überstehen. Zerstört
wurde etwa der einst vom amerikanischen Schriftsteller
Mark Twain so bewunderte Luzifer aus Gips.
Die Hexe hingegen blieb, wenngleich etwas ramponiert,
erhalten und gelangte als Schenkung der Künstlerin
und ihrer Nachfahren in den Bestand des Wien Museums.
Seit einigen Jahren gastiert diese Marmorskulptur
immer wieder als Leihgabe bei Ausstellungen. Dem
Vernehmen nach gibt es Überlegungen, dieses Werk in
der zukünftigen Dauerausstellung des Wien Museums
zu präsentieren: Ein außergewöhnlicher Blickfang, der
stellvertretend für Hundertschaften von Kunstwerken in
Erinnerung ruft, welchen Beitrag Künstlerinnen für die
Moderne zu leisten vermochten. 2
FOTOS: BELVEDERE (2), COURTESY WIDDER (1)
„Spielzeug“ von Fanny Harlfinger-Zakucka (1918), Lilly Steiners Porträt von Lilian Gaertner (1927): Viele verfolgt, andere vergessen
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 123
Von Uli Jürgens
Das bewegte Leben der Louise Fleck
Österreichs Filmpionierin und erste Regisseurin
Louise Kolm-Fleck ließ sich nicht einmal im Exil in
Schanghai in ihrem Schaffensdrang bremsen –
solange man sie ließ.
Schanghai, 1. September 1940. Louise Fleck sitzt an
ihrem Schreibtisch im Appartement 50, Bubbling Well
Road 11. Vor einem halben Jahr ist sie mit ihrem jüdischen
Mann Jakob, der sich in Schanghai Jack nennt, vor
den Nationalsozialisten aus Wien geflohen. Ende Jänner
bestiegen die beiden in Genua den Dampfer Conte
Biancamano und erreichten nach mehreren Wochen die
Metropole Ostasiens. Louise – Österreichs erste Filmregisseurin
– ist 67 Jahre alt. Nun antwortet sie auf einen
Brief ihrer Nichte Elli aus der Familie ihres verstorbenen
ersten Mannes Anton Kolm.
124
Meine liebste Elli!
Du kannst Dir wohl nicht denken, welche Freude
wir haben, wenn ein Brief von Dir kommt. Dein
herrlicher Wiener Humor ist bereits in Shanghai
(7 Millionen Einwohner) durch unsere Verbreitung
bekannt und alles wartet schon ungeduldig auf
den nächsten Brief von Dir und Du wirst es kaum
glauben, wenn ich Dir verrate, dass jeder Brief hier
in der Zeitung veröffentlicht wird. Demnächst wird
auch ein Foto von Dir in der chinesischen Zeitung
erscheinen unter dem Titel „Wiener Humor“.
Kurz hält Louise inne. Von draußen dringt Straßenlärm
herein. Händler, Rikschafahrer, fein gekleidete Damen
und Herren, Bettler – die Stadt ist bunt, laut und überfüllt.
Doch sie war für viele Flüchtlinge die allerletzte
Möglichkeit, dem NS-Terror zu entkommen. Und wer
ist nicht aller da! Die Sängerin Rosl Albach-Gerstl, die
Chansonnière Lilly Flohr, der Pianist Gino Smart, der
Schauspieler Fritz Heller, der Karikaturist Friedrich
Schiff. Auch ihren ehemaligen Aufnahmeleiter Arthur
Gottlein treffen Louise und Jack Fleck in Schanghai wieder.
Man trinkt im White Horse (Zum Weißen Rössl) Kaffee,
diskutiert im Corsogarten, Splendid oder Café Louis
die jüngsten Nachrichten aus der alten Welt, lauscht
beim Würsteltenor den wehmütigen Wienerliedern. An
diesem Septembernachmittag trägt Louise ein leichtes
Leinenkleid, die Fenster sind geöffnet.
Uns, liebe Elli, geht es gottlob sehr gut, nur die
Hitze ist furchtbar. 45 bis 48 Grad C im Schatten
und die Nächte sind auch nicht kühler. Man muss
4 bis 5 mal ein kaltes Wannenbad nehmen und
muss ich dazu bemerken, dass das kalte Wasser
30 Grad C hat, und dass man schweißtriefend aus
dem sogenannten erfrischenden Bad herauskommt.
Man fühlt sich erleichtert, so wie wenn man
3 Aspirintabletten und 2 Tassen Lindenblütentee
getrunken hätte. Diese Hitze soll noch bis Mitte
September dauern, dann soll ein herrlicher Herbst
kommen, der bis Ende Dezember anhält. Wie wir
uns auf diese Erholung freuen, kannst Du Dir,
meine liebe Elli, denken.
Am Tisch gegenüber sitzt Jack und arbeitet konzentriert an
einem Drehbuch. Kaum angekommen, war den Exilanten
eine Nachricht des chinesischen Regisseurs Fei-Mu überbracht
worden, er habe gehört, dass zwei bekannte Filmregisseure
aus Europa eingetroffen seien, sie sollten ihn doch
in seinem Atelier, den Lianhua-Studios, besuchen. Mehrere
Treffen später vereinbarten Louise und Jack mit Fei-
Mu eine spannende Zusammenarbeit, die gemeinsame
Regie eines chinesischen Kinofilms. Der Film, in dem es
um eine Dreiecksbeziehung geht, sollte viele typisch europäische
Szenen und Einstellungen enthalten, ein Tanzlokal
kommt vor, Brandy wird getrunken, man sieht einen
Kalender in englischer Sprache.
Wir arbeiten sehr fleißig, nur hat sich der Beginn
unseres Filmes ein wenig verschoben, da im
Atelier auf unsere Veranlassung Veränderungen
vorgenommen werden müssen, die für die Tonaufnahme
von Wichtigkeit sind. Dadurch kommen
wir in eine etwas kühlere Zeit ins Atelier, was uns
sehr erwünscht ist.
DAS JÜDISCHE ECHO
FOTOS: GERALD GOTTLIEB, PRIVATES ARCHIV
Die österreichische Filmpionierin Louise Fleck 1947 am Hafen
von Genua (oben); Louise und Jakob Fleck mit dem Tenor Hubert
Marischka und dem Komponisten Franz Léhar (Mitte l.); Louise
fotografiert von ihrem ersten Mann Anton Kolm (r.), Louise und
Jakob Fleck 1941 im Exil am Hafen von Schanghai (l. unten): Die
1873 geborene Tochter eines Panoptikumbesitzers konnte sich dem
Spiel von Licht und Schatten niemals entziehen
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 125
Louise reist in Gedanken zurück nach Wien. Dort, im
Dachatelier des Hauses Museumstraße 5, gleich hinter
dem Volkstheater, schrieben die Pioniere Anton und
Louise Kolm gemeinsam mit Jakob Fleck Filmgeschichte.
Dort entstanden um 1910 erste Stummfilme, dort führte
Louise erstmals Regie. Die im Jahr 1873 als Tochter des
Kunstfeuerwerkers und Panoptikumbesitzers Louis Veltée
geborene Louise konnte sich dem Spiel von Licht und
Schatten niemals entziehen. Ein heißer Windstoß holt
die kleine Frau mit den schelmischen Augen zurück in
die Gegenwart.
126
Die einzige Erholungsstätte, die wir hier haben,
ist das Kino, die alle herrlich und riesig groß sind
und alle Kühlanlagen haben, so dass ein Temperaturunterschied
von 10 bis 20 Grad C darinnen
ist. Man muss sich immer eine Umhüllung
mitnehmen, um sich langsam abzukühlen, dann
hat man zwei Stunden eine herrliche Erholung.
Desto schrecklicher, wenn man das Kino verlässt,
man möchte am liebsten Tag und Nacht darinnen
bleiben.
Ach, das Kino! Ihr ganzes Leben hat Louise der Filmproduktion
gewidmet. Anton, ihr erster Mann, kümmerte
sich ums Finanzielle, mit Jakob Fleck wurde sie
bald als Regiepaar bekannt. Gedreht wurden Komödien,
Sozialdramen, Literaturverfilmungen. Nach Antons Tod
heirateten Louise und Jakob. Von Wien ging es nach Berlin,
wo mit Produktionsfirmen wie Hegewald und UFA
zusammengearbeitet wurde. Vom Stummfilm zum Tonfilm.
1933, nach der NS-Machtübernahme, zogen sich
die Flecks wieder nach Österreich zurück. Besonders
angetan haben es Louise die Stücke Ludwig Anzengrubers:
„Der Pfarrer von Kirchfeld“ wurde dreimal verfilmt,
als Stummfilm 1914 und 1926, mit Ton im Jahr
1937, es war der letzte unabhängig in Österreich produzierte
Kinofilm vor dem sogenannten Anschluss an das
Deutsche Reich.
Jüdische Künstlerinnen und Künstler wurden ausgegrenzt,
vertrieben und verfolgt. Auch Jakob Fleck wurde
nach Dachau und später nach Buchenwald deportiert.
Seine Frau schaffte es, ihn freizukaufen – allerdings nur
Lesetipp:
Uli Jürgens
Louise, Licht und Schatten – Die
Filmpionierin Louise Kolm-Fleck
Mandelbaum Verlag, 2019
unter der Voraussetzung, das Land zu verlassen. Louise
lässt den Blick aus dem Fenster schweifen.
Wir wohnen jetzt in einem sehr schönen Gartenhaus,
haben ein sehr hübsches Zimmer mit
voller Verpflegung, interessant ist nur, dass ein
chinesischer Koch kocht und alle Wiener und
ungarischen Spezialitäten uns vorsetzt, sogar
meine geliebten Vanillekipferl sind auf seinem
Repertoire, dazu spielt das Radio echte Wiener
Musik, so dass man oft die riesige Entfernung
ganz vergisst. Beiliegend zwei Bildchen von uns,
im Garten aufgenommen.
Der Film „Kinder der Welt“ feiert schließlich im Schanghaier
Jindu-Theater eine glanzvolle Premiere, von der
Kritik wird er recht wohlwollend aufgenommen, er wird
jedoch die einzige Zusammenarbeit zwischen chinesischen
und ausländischen Filmkünstlern vor der Gründung
der Volksrepublik China bleiben.
Das Papier geht zu Ende, daher will ich Dich nur
noch bitten, gleich nach Erhalt dieses, uns auf
obgenannter Adresse zu schreiben.
Viele herzliche Grüße und sei Du innigst umarmt
und geküsst von Deinen Dich liebenden Tante
Louise & Jack
Das angenehme Leben in Schanghai währt nur kurz.
Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt
am 8. Dezember 1941 der Pazifik-Krieg. Die Verhältnisse
in Schanghai verschlechtern sich dramatisch, die
Emigranten werden in einem abgeschlossenen Stadtteil
interniert. Identitätskarten mit gelben Streifen müssen
an den Posten vorgewiesen werden, die Bewegungsfreiheit
der Bewohnerinnen und Bewohner ist extrem eingeschränkt.
Hunger, Arbeitslosigkeit, Elend. „Was wir
durchgemacht haben, können Worte kaum schildern“,
wird Louise Fleck in einem späteren Brief schreiben.
Nach Kriegsende wollen die beiden betagten Regisseure
so schnell wie möglich nach Österreich zurück,
wollen weiterarbeiten, dort anknüpfen, wo sie
1938 gezwungen waren aufzuhören. 1947 besteigen sie
am Schanghaier Hafen erneut einen Passagierdampfer,
diesmal geht es zurück nach Europa. Ein Comeback ist
ihnen nicht vergönnt. Louise stirbt im März 1950, ihr
Mann Jakob folgt ihr drei Jahre später. 2
Infos
Der zitierte Brief Louises an ihre Nichte Elli wird im Filmarchiv Austria
im Nachlass von Louises Sohn Walter Kolm-Veltée aufbewahrt und
ist eines der wenigen Dokumente, die aus der Zeit des Exils erhalten
geblieben sind.
Für das Wiener Filmfestival Viennale 2019 (24. Oktober bis 6. November
2019) wurde eine Retrospektive des Werkes Louise Flecks erarbeitet.
DAS JÜDISCHE ECHO
DAS JÜDISCHE ECHO
Die Zeitschrift „Das Jüdische Echo“ wurde 1951 von Leon Zelman s.A. und der Vereinigung Jüdischer
Hochschüler Österreichs in Wien gegründet. Es vermittelt die Vielfalt des jüdischen Kultur- und Geisteslebens.
Das Jüdische Echo 2019/20
Starke Frauenstimmen
100 Jahre nach Verwirklichung
des Wahlrechts für Frauen ist das
Thema des Heftes die Rolle der
Frau in Politik, Gesellschaft,
Kultur und Religion.
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Das Jüdische Echo 2018/19
Israel – ein junger Staat mit 70
Zwischen Start-up-Modernität
und Auslöschungsdrohungen.
Sieben Jahrzehnte nach der
Unabhängigkeitserklärung ist
Israel ein gefestigter Staat.
152 Seiten, € 19,90
Das Jüdische Echo 2017/18
Wohin unsere Welt treibt
Ist der liberale und gegenüber
Minderheiten tolerante Rechtsstaat
noch zu retten? Horrorszenarien und
Wunschträume – Utopien zum Zusammenleben
in der Gesellschaft.
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Das Jüdische Echo 2016/17
Bedrohungen, Feindbilder,
Sündenböcke
Wenn einem das Fremde nahekommt,
entsteht bei vielen Menschen Furcht.
Diese Furcht kann sich gegen all
jene richten, die anders sind.
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Das Jüdische Echo 2015/16
Identität? Welche Identität?
Wer sind wir, was sind wir und
wie lange lässt man es uns noch
sein? Wir erleben Ab- und Ausgrenzungen,
das Gefühl des
Andersseins ist weit verbreitet.
152 Seiten, € 14,50
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„Das Jüdische Echo“ verpasst?
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Von Susanne Belovari
Wiener Juden und die Wiener Küche vor 1938
Wie die Koch- und Esstraditionen der österreichischen
Donaumetropole als gemeinsames
Werk und Erbe von Wiener Juden und Nichtjuden
entstanden sind.
Um die Druckkosten meiner Doktorarbeit bezahlen zu
können, arbeitete ich 1997 als Haushaltshilfe bei einer
Familie in den USA. Zufälligerweise war die Familie
orthodox-jüdisch mit österreichisch-ungarischen Wurzeln.
Wir freundeten uns nicht nur rasch an; da ich die
nötigen Regeln für koscheres Kochen rasch lernte, vertrauten
sie mir auch das Kochen zu Pessach an, zu dem ja
die Regeln am strengsten sind. Als sie mich jedoch baten,
typische Pessach-Nachspeisen zuzubereiten, lehnte ich
zuerst ab. In Wien aufgewachsen, hatte ich die klassischen
Wiener Nachspeisen meiner Mutter, einer exzellenten
Köchin, gegessen. Die Mutter meiner Mutter hatte ein
kleines Wiener Kaffeehaus geführt, und ihre Apfelstrudel
z. B. waren so berühmt, dass mein viel älterer Cousin
in den 1950er-Jahren aus Graz angeradelt kam, um
ein Stück zu ergattern. Meine andere Großmutter hatte
bis 1918 für einen Grafen in Graz als Mehlspeisenköchin
gearbeitet. Mit einer solchen Familie erschienen mir
Pessachrezepte als unbrauchbar.
Stattdessen blätterte ich das handgeschriebene
Kochbuch meiner Mutter mit den Rezepten ihrer Mutter
durch, wie auch mein Exemplar der circa 1929er-Ausgabe
der „Wiener Küche“ von Olga und Adolf Hess, und
ich buk dann unsere Weihnachtsbäckereien, Haselnussbusserln,
eine Wiener Haselnusstorte und anderes mehr.
Keines dieser Gerichte brauchte Treibmittel, Mehl oder
gärungsfähige Zutaten, die zu Pessach alle verboten sind.
Während die zum Sederabend gekommenen Gäste begeistert
waren und Rezepte wollten, stand ich vor einem
Rätsel: Wie war es möglich, dass ich Rezepte und Speisefolgen
meiner Großmutter und jene aus dem Hess-
Kochbuch unter den strengsten jüdischen Speisegesetzen
kochen konnte, ohne dass ich sie anpassen musste? Und
Die Kochbuchautorin Olga Hess (aufgenommen um 1901) und ihr Mann Adolf Hess, Direktor der Wiener Gastgewerbeschule
FOTOS: STEPHEN J. FLETCHER, ARCHIV
128
DAS JÜDISCHE ECHO
dann hatte ich einen mir damals fast verrückt erscheinenden
Gedanken: War unsere berühmte klassische Wiener
Küche vielleicht ein gemeinsames Werk und Erbe von
Wiener Juden und Nichtjuden gleichermaßen?
Um diese Frage zu beantworten, suchte ich die
nächsten Jahre nach relevanten Geschichtsquellen. Und
diese zeigen, dass die Essgewohnheiten der Wiener von
circa 1790 bis 1938 durch das alltägliche Miteinander
und die gemeinsamen (kulinarischen) Leistungen von
Wiener Juden und Nichtjuden entstanden waren. Jeweilige
kulinarische Einflüsse spielten dabei ebenso eine
Rolle wie individuelle Beiträge und dass sich beide mit
der Wiener Küche identifizierten.
„À l’usage des deux nations“
Für Wiener war die Wiener Küche schon lange ein stolzes
Identifikationsmerkmal gewesen. Der Duft von Vanillekipferln,
Faschingskrapfen, Gugelhupf, Strudel; Gänsebraten
oder Karpfen zu Weihnachten, kräftige Suppen
und Rindfleischgerichte, Polsterzipf, Krautfleckerln
und Striezel – all das und mehr und gerade die Mehlspeisen
machten vor 1938 die klassische Wiener Küche
aus. Als Praxis und kultureller Bezugspunkt hatte sie sich
im Lauf der vorhergehenden 150 Jahre entwickelt; um
1880 wurde sie integraler Bestandteil der Wiener Kultur
und Identität. Um 1900 war sie die international einzige
nach einer Stadt benannten Küche; sie hinterließ bleibende
Spuren in der Kunst, in Publikationen wie auch in
gerichtlichen und familiären Streitigkeiten. Die Wiener
Küche war eine Art fokussierender Linse, durch die die
Wiener, die ihr Essen recht ernst nahmen, vor 1938 ihre
Welt betrachteten. Sie definierte „uns Wiener“ auf eine
Art und Weise, wie es keine andere Kunst (als solches
wurde sie damals beschrieben) konnte. Von der Lebensmittelherstellung
über Ver- und Einkauf und Zubereitung
‒ die drei Letzteren überwiegend von Frauen ausgeführt
‒ schufen tägliche Verrichtungen Leckerbissen und
Erinnerungen an Düfte, Geschmack, Bräuche, Kindheit
und Geborgenheit, die wir buchstäblich einatmeten und
zu uns nahmen.
Ab circa 1750 halfen Kochbücher, dieser eigenständigen
Stadtküche Form und Gestalt zu geben und das
„Wienerische bewährte Kochbuch“ (circa 1760) war
vielleicht das erste, welches die Bezeichnung „Wiener“
im Titel trug. Als Frauen im 19. Jahrhundert begannen,
immer mehr Kochbücher zu publizieren, wechselte das
Publikum von aristokratischen Familien zu überwiegend
bürgerlichen Hausfrauen. Zum ersten Mal schuf deren
Bestreben, den aristokratischen Lebensstil nachzuahmen,
in Verbindung mit Entwicklungen in der Papierherstellung,
Druck, Verlagswesen und der wachsenden
Schriftkundigkeit einen großen und sozioökonomisch
vielfältigen Markt für Kochbücher. Demzufolge wuchsen
die Reichweite sowie die Bedeutung auch teurer
Kochbücher dramatisch an, wie erhaltene Rezeptsammlungen
und Zeitungsarchive belegen.
Im selben Zeitraum wurde die jüdische Bevölkerung
zu einer der größten, erfolgreichsten und säkularsten Europas.
Sie wuchs von 1200 (0,5 Prozent) im Jahre 1800
auf 176.000 (zehn Prozent der Wiener Bevölkerung) im
Jahr 1934 an; Protestanten machten etwa sechs Prozent
aus. Und Christen und Juden – religiöse, weltliche ebenso
wie konvertierte – trugen gleichermaßen zu einer gemeinsamen
Wiener Küche bei. Sie arbeiteten als KöchInnen,
brachten einander das Kochen bei, schrieben Kochbücher
oder produzierten, verkauften und verzehrten genüsslich
wienerische Speisen. Schon 1852 schrieb Moritz Gottlieb
Saphir (1795–1858), ein einflussreicher Journalist
und Schriftsteller, der aus dem Judentum ausgetreten
war, über die verflochtene Natur der Wiener Küche. Er
beklagte das langsame Verschwinden der frommen Juden
seit 1800 samt deren religiös beinflussten traditionellen
Küche und Gastronomie. Nicht nur die Juden, sondern
auch deren Küche hatte sich emanzipiert. Die von ihm
gelobten emanzipierten Restaurants des Herrn Ehrmann
(vormals Herzl) böten eine Küche, „die Alles für Alle auf
das Vortrefflichste hat; eine Küche ‚à l’usage des deux
nations‘“(für Juden und Christen).
Faszinierenderweise werden seine Beobachtungen
auch dadurch bestätigt, dass vor 1938 kein einziges Wiener
jüdisches Kochbuch erschienen ist. In anderen Teilen
der Monarchie richteten sich solche Kochbücher an
fromme Juden und gewannen Auszeichnungen sogar auf
internationalen Ausstellungen in Wien (im deutschen
Kaiser reich waren sie ähnlich weit verbreitet). In der
Hauptstadt der Monarchie jedoch sahen Autoren dafür
offenbar weder Notwendigkeit noch Markt.
«Essbare kulturelle Brücken:
Hier finden wir typisch jüdische Speisen
wie Kugel (Nudel- oder Kartoffelauflauf),
Gans, Ritschert (Scholet), Barches
( Schabbatstriezel) oder die Fächertorte.»
Ab 1850 wurden typisch jüdische Speisen auch immer
weniger in jüdischen, nichtjüdischen und antisemitischen
Zeitungen – den einzigen weit verbreiteten Reportagen
kulinarischer Trends ‒ erwähnt. 1893 fanden
Leser z. B. ein Gedicht von einem Traum. Darin lobt der
Autor Speisen, die sich ein Kirchenfürst beim Besuch
eines jüdischen Millionärs zu essen weigerte. Hier finden
wir typisch jüdische Speisen wie Kugel (Nudel- oder
Kartoffelauflauf), Gans, Ritschert (Scholet), Barches
(Schabbatstriezel) oder „Fladen“ (Fächertorte), von dem
es hieß: „Zwischen Christenheit und Juden könnt’ die
Kluft er überbrücken.“ Dreißig Jahre später wurden die
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 129
meisten davon nicht mehr als jüdisch angesehen. Sie
waren „wienerisch“ geworden und regulär in Wiener
Kochbüchern zu finden. Manchmal wurde das Ritschert
noch als jüdisch bezeichnet, aber sowohl von Juden als
auch Christen gegessen.
Weiters begannen seit 1850 sprachliche Unterscheidungen
zu verschwinden; Ausdrücke für jüdische
und christliche Feiertage, Speisen und Zutaten wurden
zuneh mend austauschbar. Ostern verwies regelmäßig auf
Pessach und das christliche Osterfest. Barches war auch
als Zopf oder Striezel bekannt; mit oder ohne Milch
( parve – weder milch- noch fleischhaltig) hergestellt, passte
er zu koscheren Speisen, und Nichtjuden verzehrten ihn
als Jause. Selbst Rezepte, die Schmalz enthielten, konnten
koscher sein; es bezeichnete damals nicht nur Schweine-,
sondern auch Butter- (oft Rinderschmalz genannt), Gänse-
oder vegetarisches Fett. Das Pessach-Brot, Matze, und
Matzemehl wurden auch Osterbrot bzw. Brösel ge nannt.
Und aus Scholet war allgemein Ritschert geworden.
Die gemeinschaftliche Erfindung, Herstellung, Bezeichnung,
Verkauf und Verzehr von Lebensmitteln machen
es schwer, historische Quellen zu entschlüsseln. So
zählte z. B. ein Artikel über die 1. Wiener Internatio nale
Kochkunst-Ausstellung 1884 einige klassische Wiener
Mehlspeisen und Konditoren auf. Die Ausstellung der
Bäckerinnung „überrascht wirklich durch die Mannichfaltigkeit
ihrer Producte, unter denen besonders die Riesengugelhupfe
von Anton Mayer, die Eierstritzeln und
das Früchtebrot von Ignaz Kantor auf den Geschmack
des Publicums sehr anregend zu wirken scheinen“. Gemeinsam
mit anderen Mehlspeisen schafften sie „ein Bild
echt wienerischen Behagens und Genusses“. Allerdings
war nur Zeitgenossen klar, warum jene konkreten Speisen
und Bäcker hervorgehoben wurden, um die ganze
Breite der Wiener Küche zu repräsentieren. Kantors allgemein
beliebte Striezel und Früchtebrote waren nämlich
Barches und Sukkotfrüchtebrote aus der berühmten
jüdischen Kantor-Bäckerei, die bis in die 1930er-Jahre
auf der „Matzes-Insel“, Wiens zweitem Bezirk, existierte.
(Dort war die Bevölkerung vor 1938 bis zu vierzig Prozent
jüdisch.) Auf der ersten Kochkunstausstellung wurde
die Wiener Küche also bereits als gemeinsam produzierte
und genossene Küche ausgestellt und verstanden,
und besonders, was den Wienern am wichtigsten war,
ihre Mehlspeisen.
Dies alles sind Hinweise darauf, dass Christen und
Juden einander seit langem über Lebensmittel und Essgewohnheiten
nähergekommen waren, wobei jede Seite
das ihre dazu beigetragen hatte. Das war zu erwarten. Im
Jahr 1850 hatten beide schon Jahrzehnte miteinander
und nicht voneinander abgesondert gelebt. Seit Ende
des 18. Jahrhunderts war die berufliche Trennung zunehmend
abgeschafft worden, und 1867 erlangten beide
die vollen Bürgerrechte. Bis 1914 zog eine große Anzahl
christlicher und jüdischer Zuwanderer nach Wien, kulinarische
Traditionen aus dem gesamten Reich im Rucksack.
Sie studierten, heirateten, arbeiteten, kauften ein,
konvertierten, schlossen Freundschaften, stritten miteinander
und stellten einander an.
Kulinarisches Miteinander
Agnes Wlczek und ihre drei Töchter circa 1929: Jede erhielt zur
Hochzeit das Hess-Kochbuch; sowie später auch ihre Enkel
130
Exemplarisch für dieses kulinarische Miteinander zwischen
1790 und 1938 sind Biografien zweier prominenter
Kochbuchautoren, einer katholischen Köchin und
eines jüdischen Konditors, sowie einer protestantischen
Hausfrau der Arbeiterklasse.
Als Frauen wenig Rechte und öffentliche Annerkennung
hatten, war die Katholikin Theresia Ballauf (circa
1760‒1840) eine der Ersten, die ein Wiener Kochbuch
herausgab, „Die Wiener-Köchinn wie sie seyn soll …“
(1810). Bis 1844 wies der Titel aller Ausgaben Ballauf als
„gewesene Freyherrlich Arnstein’sche Köchinn“ aus, offensichtlich
hinzugefügt, um den Verkauf anzukurbeln.
Arnstein war ein prominenter Wiener Jude gewesen.
Wahrscheinlich hatte Ballauf Arnstein nach ihrer Heirat
DAS JÜDISCHE ECHO
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verlassen, unterrichtete dann Kochen und schrieb obiges
Kochbuch. Ohne weitere Dokumente ist es schwer,
kulinarische Einflüsse aus ihrer Zeit bei Arnstein zu
identifizieren, noch dazu, da Rezepte die religiöse Herkunft
zumeist nicht widerspiegeln. Manchmal kann man
Einflüsse aber erkennen, wie z.B. in dem Rezept für Judenbratel.
Ballauf wusste, was sie tat, wenn ihr Rezept
Kalbfleisch mit Milch und Butter briet und mit einer
Sauce aus Rahm, Kapern und Zitronenschalen servierte.
Koschere Regeln zu missachten, indem man Milch und
Fleisch zusammenkochte, bedeutete anscheinend wenig
für die Arnsteins; Zitronenschalen (und Kapern) waren
würzige Einflüsse der traditionellen jüdischen Küche.
Jac(k)ob Eb(p)stein (1830‒1904) wiederum war
Jude, ursprünglich aus Kremsier in Mähren, und ein
bekannter Wiener Konditor und Fabrikant. Möglicherweise
war er der erste Wiener Jude, der ein k. k. Privileg
für getrocknetes Gemüse führte, das er im ersten Bezirk
neben Konserven, Marmeladen, ,mixed pickles‘, seiner
patentierten Passiermaschine und Desserts verkaufte.
Viele seiner Produkte waren damals Teil revolutionärer
Verbesserungen in der Lebensmittelkonservierung, für
die er auch auf der Wiener Weltausstellung 1873 die Verdienstmedaille
erhielt.
In der Stadt der Mehlspeisen schrieb er dann eines
der ersten und seltenen Wiener Konditorkochbücher,
„Die Wiener Conditorei“ (1860). Dessen Hauptitel und
die spätere Ausgabe, „Der Wiener Conditor“ (1887),
weisen klar darauf hin, dass Ebstein vorrangig für Fachleute
geschrieben hatte. Sein Herausgeber bewarb die
neue Ausgabe auch als Kompendium für Fachschulen,
genau als diese sich professionalisierten (und 1891 zur
Wiener Fachschule für Gastwirte unter Adolf Hess zusammengeführt
wurden). Mit Hunderten an Rezepten
prägte Ebstein somit die Wiener Patisserie an Schulen
und als Folge davon in Konditoreien und der Gastronomie
sowie im Haushalt. Während seine kulinarischen
Beiträge sich generell genauso wenig auf sein Judentum
zurückführen lassen wie Ballaufs Rezepte auf ihren Katholizismus,
inkludierte er indes z. B. den Fladen, von
dem schon die Rede war.
Bis 1938 veranschaulicht die evangelische Agnes
Wlczek (1891‒1961, verh. Müller) das kulinarische Miteinander
in der Arbeiterklasse und zu Hause. In Mähren
geboren, schickte man Wlczek um 1905 nach Budapest,
wo sie in einer jüdischen Familie als Spielgefährtin
der behinderten Tochter und als Hausgehilfin lebte.
Um 1913 zog sie nach Wien und eröffnete ein kleines
Wiener Kaffeehaus im neunten Bezirk, in dem viele sekuläre
und ausgetretene Juden wohnten. 1920 heiratete
sie und zog 1927 auf die Matzes-Insel, wo sie mit ihrem
Mann bis 1961 eine kleine Tischlerei besaß. Natürlich
hatte Agnes in der Budapester Familie und von jüdischen
Wiener Nachbarn, Freunden und Geschäften aus erster
Hand gelernt, was in Wien weithin bekannt war: koschere
Kochregeln und eine gemeinsame Wiener Küche. Was
sie über diese Gerichte, Speisefolgen wie auch Zutaten
wusste und mochte, adaptierte sie für den Alltag. Und
sie gab dies an ihre drei Töchter weiter – jede erhielt zur
Hochzeit auch ein Hess-Kochbuch – und an ihre Enkel,
mich eingeschlossen, die zu jenem Zeitpunkt nichts
mehr über die jüdischen Ursprünge und Einflüsse in der
Wiener Küche wussten.
Das Hess-Kochbuch
Agnes selbst verwendete das Kochbuch „Wiener Küche“
(das Hess) von Adolf F. Hess (1862‒1928) und Olga C.
Hess (1881‒1965), das erstmals 1913 erschienen war.
Mit Rezepten von Kochlehrerinnen, Kochschulen, Restaurants,
KöchInnen und Hausfrauen war das Hess ein
Querschnitt der Wiener Kulinarik durch verschiedene
Bevölkerungsschichten, und es bot neben gesunder,
abwechslungsreiche Kost, die preiswert und schmackhaft
war, auch moderne Ernährungswissenschaft. Wissenschaftlicher
Inhalt, themenprägende Vollständigkeit und
Das Hess-Buch zur Wiener Küche, die Ausgabe aus dem Jahr 1929:
Erstmals erschien es 1913; bis 1939 erlebte es 27 Auflagen
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 131
Darstellung, hervorragende Rezepte, Kontakte des Ehepaares
Hess und die Nachkriegsnostalgie für das Habsburgerreich
erklären die enorme Beliebheit dieses Kochbuchs
zu Hause, in Fachschulen, in denen es jahrzehntelang
das Standardkochbuch blieb, und im Ausland. In
den 27 Jahren bis 1939 gab es 27 Ausgaben.
Meine Analyse basiert auf einer undatierten Hess-
Ausgabe (circa 1929) und gehörte ursprünglich Helene
Kohn, einer Wiener Jüdin und Mutter von Fritz Kortner,
die es auf die Flucht mitnahm.
Maßgeblich, wie das Hess für die Wiener Küche war,
veranschaulicht es auch das gemeinsame kulinarische
Erbe der Wiener Juden und Nichtjuden. Dieses Erbe lässt
sich auf verschiedene Weisen feststellen, z. B. durch das
Vorliegen von Rezepten, die für eine koschere und strikte
Pessach-Küche verwendet werden konnten, aber für
alle anderen lediglich Speisen mit oder ohne bestimmten
Zutaten waren. Als Köche noch fast alles ohne Fertigprodukte
zubereiteten, war koscher kochen um vieles leichter:
Fleischiges wird nicht mit Milchigem vermischt, alles
andere ist parve; es gibt erlaubte und nicht erlaubte Tiere
oder tierische Produkte; langsam kochende Gerichte werden
für Schabbat und solche ohne Treibmittel, Mehl und
anderen fermentierenden Zutaten für Pessach gekocht.
«Im Hess verwiesen die Rezepte nicht auf
religiöse Feiertage. Mit den Juden
als zweitgrößter Religionsgruppe war
das wohl eine Vermarktungsstrategie,
um ein großes Publikum zu erreichen.»
Aber wie findet man in einem Kochbuch koschere
Rezepte? Köche, die die Namen der Speisen kennen,
benützen dazu den alphabetischen Index. Das Hess verfügte
aber auch über ein 35-seitiges Sachregister, das
Rezepte nach Art von Gericht und Zutaten gruppenweise
auflistete und so half, Menüs zu erstellen, Neues
zu kochen und koschere Rezepte zu finden. Mithilfe der
Stichwörter konnte man Rezepte ohne Milchprodukte,
Mehl, tierisches Fett, Fleischarten oder Treibmittel finden
oder solche, die Ersatzzutaten vorschlugen (Strudelteig
aus Butter, Schweinefett oder Öl). Typisch für die
Wiener Küche, gab es wenige Rezepte für Schweinernes
und viele für Rind, Fisch, Lamm und Geflügel. Fast jeder
Abschnitt enthielt zumindest ein Rezept, das man zu
Pessach kochen konnte (z. B. Holunderkompott ohne
Mehl und Milch). Dieses Sachregister mag unbedeutend
erscheinen, aber seine feingliedrige Einteilung ist eigentlich
nur für die koschere Küche (und nicht einmal für
strenge Krankendiät) von Nutzen.
Weiters bot das Hess einen 48-seitigen Anhang mit
zwei täglichen Menüvorschlägen an: Ein teures, aufwendiges
A-Menü und ein billigeres, zeitsparendes Menü
132
B für jene, die neben der Hausarbeit kochten. Schweinernes
war hier einfach zu vermeiden. Enthielt Menü B
Schwein, was sehr selten der Fall war, bot Menü A eine
Alternative. Interessanterweise illustrieren die zwei Menüs
so auch, was eher säkulare Wiener Juden aßen – im
Gegensatz zu ärmeren, häufig frommen Juden, die oft
gerade vom Osten zugewandert waren.
Eine weitere Eigenschaft einer gemeinsamen Küche
ist das Vorhandensein von ursprünglich „typisch jüdischen“
Speisen, welche das Hess auch bis auf den Fladen
enthielt. Während 1847 das Scholet „in Kochbüchern
kein Bürgerrecht“ hatte (Saphir), beinhaltete das Hess
drei Rezepte für Ritschert. Um 1847 den Scholet zu genießen,
musste man sich „befreit haben von allen Vorurtheilen,
man muß den Magen emancipirt haben; die
Zunge darf keinen Judenhaß besitzen …“ (Saphir); in
der Zwischenkriegszeit gehörte Ritschert zur allgemeinen
Wiener Küche und blieb unerlässlich für ärmere,
fromme Juden. Da sie an religiösen Feiertagen weder arbeiten
und Feuer machen noch kochen durften, verwendeten
sie langsam kochende Speisen wie das Ritschert,
die in einer Kochkiste garten oder auf glosender Asche
warmgehalten wurden. Oder sie brachten diese am Freitag
in eine Bäckerei, um sie samstags wieder abzuholen.
Das Hess führte auch einige typische jüdische Speisen unter
ihren jiddischen Namen, etwa Gansbiegel und Ganseljunges
bzw. Gänseklein. Andere wie Barches, Kugel,
Rugelach, Hamantaschen, Gans- und Fischgerichte
(z. B. gefillte Fisch) und eingelegtes Gemüse wurden mit
den typischen Wiener Bezeichnungen angeführt.
Namen sind wichtig; ihre An- oder Abwesenheit
ist bezeichnend. In Wien wurden Speisen üblicherweise
nach christlichen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern
oder Allerheiligen benannt, z. B. „Osterbinsen“ (heute als
Pinze bekannt). Als solche in Kochbüchern geführt, waren
sie für die Gastronomie von saisonaler und finanzieller
Bedeutung. Im Hess jedoch verwiesen weder Rezepte
noch Menüs auf religiöse Feiertage. Mit Wiener Juden
als zweitgrößter Religionsgruppe war das Miteinbeziehen
aller Rezepte unter Weglassung von Hinweisen auf
Feiertage zumindestens eine sinnvolle Vermarktungsstrategie,
um das größtmöglichste Publikum zu erreichen.
Wie bereits erwähnt, kannten Köche alternative
Bezeichnungen für Zutaten und Speisen, z. B. für Fett
und Barches. Daher können Rezepte, die heute für die
koschere Küche als ungeeignet erscheinen, einst zweckmäßig
gewesen sein. Weiters wurde damals die Fähigkeit,
Zutaten zu ersetzen, als nützlich und finanzielle Notwendigkeit
angesehen, und das Hess gab ausgiebig Ratschläge:
z. B. Fleisch- durch Gemüsesuppen zu ersetzen,
Milch durch Wasser und Milch- oder Fleischfette durch
pflanzliche, was besonders bei Nachspeisen recht schwierig
ist. Dadurch wurden Speisen parve (wie etwa Knödel
und Füllungen) oder koscher (wenn man z. B. Rahm in
Fleischspeisen ersetzte).
DAS JÜDISCHE ECHO
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Selbst Küchengeräte konnten unterschiedliche Bedeutung
haben. Für Juden war es nichts Neues, wenn das
Hess Herstellung und Verwendung der Kochkiste erklärte
– die besonders im Ersten Weltkrieg notwendig wurde ‒
und einige Speisen mit Ritschert-Zutaten empfahl. Im
Gegensatz zu nichjüdischen Hausfrauen hatten fromme
Juden wärmeisolierte Kisten, in denen heiße Speisen
ohne Energiezufuhr weitergarten, schon lange verwendet.
Sie stimmten sicherlich mit dem Hess überein, dass
separate Kochanleitungen nicht nötig waren und so warmes
Wasser ohne beheizten Ofen verfügbar sei.
Mitarbeiter am „Hess“
Den Inhalt des Hess verdanken wir natürlich bestimmten
Personen, die so die Wiener Küche unmittelbar prägten.
Meist bleiben Erfinder von Rezepten unbekannt; diese wiederum
spiegeln Herkunft selten wider. Bei genauer Lektüre
des Hess stößt man jedoch auf Friedrich Sgalitzer, Wilhelm
Schlesinger und Heinrich Reichel – von denen einer im
Holocaust ermordet wurde, ein anderer fliehen konnte und
Letzterer half, den Holocaust vorzubereiten. Die Wiener
Küche – das Kochbuch und die Kochkultur der Stadt –
wird hier als gemeinsame Anstrengung sichtbar, unabhängig
von religiöser und ideologischer Herkunft.
Hier sind Inhalt und Gliederung des letzten Kapitels
interessant. Es gab Rezepte für die Krankenküche
(auch von Schlesinger), Massenverköstigung (von der
Magistrats direktion) und „Notfälle“ (Kochfachschule
von Olga Hess). Es war sicherlich vernünftig, dass nur
zwei Rezepte für Kranke Schweinefleisch enthielten:
schließlich ist es schwer zu verdauen. Aber es ist bemerkenswert,
dass die Abschnitte für Massenverköstigung
und Notfälle ebenfalls kein Schweinernes enthielten
– obwohl die Wiener seit 1900 mehr Schwein als
Rind aßen, der Konsum sich bis 1936 verdoppelte und
Schweinernes seit 1913 billiger als Rindfleisch war. Keines
der Rezepte in diesen Abschnitten mischte Milchiges
mit Fleischigem. Die meisten Suppen, alle Beilagen und
einige Nachspeisen waren parve. Für fromme Juden und
Katholiken, die an Fasttagen Fleisch vermeiden wollten,
war es auch praktisch, dass die „Notfallrezepte“ Fleischvon
Fleischersatzspeisen, die parve waren, trennten. Und
es gab Rezepte für ein als Rotei bekanntes Blutmehl.
Mit Rotei gibt es eine direkte Verbindung zu einem
jüdischen Wiener und der Kriegs- und Gemeinschaftsküchen
der Stadt. Wie das Hess erklärte, war dies ein Fleischersatz,
der von Dr. Friedrich Sgalitzer (1886–1944) erfunden
und in mehreren Ländern patentiert worden war
(1916 in Österreich). Da es während des Ersten Weltkriegs
wenig zu essen gab, entwickelte Sgalitzer ein leicht
verfügbares, billiges, haltbares und gut verdauliches Nahrungsmittel
namens Rotei, für das Tierblut schockgefroren
und im Vakuum verdampft wurde. Im Gegensatz zu
anderen Blutmehlarten enthielt sein geschmackloses Pulver
das gesamte Bluteiweiß und andere Bestandteile und
war nahrhafter. Es war ein derart revolutionärer Beitrag
zur Ernährung der Armen, dass Olga Hess in ihrer Fachschule
Rezepte für die Stadt Wien entwickelte. Sgalitzers
Erfindung ist auch ein perfektes Beispiel dafür, wie sich
weltliche Wiener Juden nicht verpflichtet fühlten, religiösen
Auflagen zu folgen: Verzehr von Tierblut war ja nicht
koscher. Wie viele Wiener stammte Sgalitzer aus einer jüdischen
Prager Familie und zog um 1900 für sein Studium
nach Wien. Nach 1938 versteckte er sich in Prag, wo
er mit seiner zweiten, „arischen“ Frau und seinen Kindern
bis 1944 lebte. Von Nachbarn denunziert, wurde er ins
Gestapogefängnis beim Konzentrationslager Theresienstadt
verschleppt und erschossen; seine beiden Söhne aus
erster Ehe wurden ebenfalls ermordet.
Das Ehepaar Hess ersuchte außerdem den Experten
für Krankenkost, Rezepte beizusteuern. Als Vorreiter in
Stoffwechsel-, Ernährungs- und Diabetesforschung hatte
Dr. Wilhelm Schlesinger (1869–1947) durch Vorlesungen
und Rezepte einen enormen Einfluss auf die
wissenschaftliche Literatur, die Kommunalpolitik und
auf Berufs- und Laienköche. Schlesinger war der Erste,
dessen Vorlesungen praktische Übungen zur Diätküche
inkludierten (1907). Während des Ersten Weltkriegs
instruierte er Ärzte über richtige Ernährung. Und nach
1918 publizierte er über Krankenkost daheim wie über
Obst- und Gemüsekost für das Gesundheitsamt. Aus einer
der ältesten und angesehensten jüdischen Familien
Wiens stammend, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte,
konvertierte er nach dem Tod seines Vaters zum
Protestantismus. 1939 gelang ihm die Flucht.
Bei jedem der Hess-Rezepte für Kranke wurde, um
Ärzten die Diätauswahl zu erleichtern, der Nähr wert
vermerkt; ansonsten jeweils nur für das erste Rezept eines
Abschnittes. Der Nährwert basierte auf den Untersuchungen
von Heinrich Reichel und Rudolf Bernhart,
Friedrich Sgalitzer mit Ehefrau Ilse und Kindern 1938: Der Erfinder
eines patentierten Fleischersatzes wurde im Holocaust ermordet
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 133
„Viennese Cooking“ von Schlesinger und Hess (l.). Aus dem Urbach-Kochbuch: Bildrezept für den Striezel, Kochschülerinnen bei der Arbeit
die als die wichtigsten Mitarbeiter des Hess angeführt
waren. Reichel (1876–1943) hatte an Adolf Hess’ Fachschule
für Gastwirte unterrichtet. In erster Linie war er
aber Mediziner und Universitätsprofessor für Hygiene
und einer der einflussreichsten Befürworter von „Rassenhygiene“
und „Rassenbiologie“. Er popularisierte beides
in Schulen, Museen, auf der Uni und in der Politik. Er
sprach sich gegen die Vermischung der sogenannte jüdischen
mit der ebenso fiktiven nordeuropäischen Rasse
aus und bildete eine Generation von Eugenikern heran,
die mithalfen, den Massenmord an Juden und anderen
umzusetzen. Bezeichnend für die gleichermaßen integrierte
wie antisemitische Stadt Wien, analysierte Reichel
die Diätrezepte eines jüdischen Wissenschaftlers und lieferte
deren Nährwertangaben. Ganz anders als Ballauf,
Ebstein und Wlzek, erlauben diese drei Wissenschaftler
somit eine dunklere Einsicht in das gemeinsame Wesen
der Wiener Küche, wie sie vor 1938 existierte.
Lebensbiografien und Erzählungen berücksicht. Jüdische
und nichtjüdische WienerInnen trafen sich zusätzlich
in Suppenküchen der Stadt Wien und der jüdischen
Gemeinde. Sie kauften in nicht-koscheren wie koscheren
Geschäften ein. Sie erwarben Wiener Kochbücher von
jüdischen AutorInnen wie Sidonie Rosenberg und Emma
Schreiber, Ludwig Karpath, Mela Weisz und Ida Bock.
Sie waren als Gäste in den jeweiligen Häusern eingeladen
oder arbeiteten dort als Köchinnen. Bevor sie heirateten,
nahmen jüdische Frauen aus wohlhabenden Familien an
Wiener Kochseminaren, wie z. B. im namhaften Hotel
Bristol, teil. Das war nicht nur Mode, sondern gehörte für
großbürgerliche Familien zum guten Ton.
«Alice Urbach leitete in den
Zwanzigerjahren „Moderne Kochkurse“.
Sie hielt im Café Landtmann Vorträge
über die klassische Wiener Küche.»
Außerhalb des Kochbuchs
Das Hess existierte jedoch nicht in einem Vakuum. Die
Wiener Küche war das Spiegelbild einer Stadt, in der Juden
und Nichtjuden täglich über Lebensmittel und Kulinarik
miteinander zu tun hatten, sei es, dass sie Betriebe in
der Lebensmittelherstellung und dem Lebensmittelverkauf
besaßen oder verwalteten, sei es im Gastgewerbe, in
Suppenküchen oder via Dienstboten, Kochbücher und
Kochschulen unter vielem anderen. Es gibt heute keine
verlässlichen statistischen Unterlagen mehr, wie groß
die jüdische Beteiligung an jener Branche vor 1938 tatsächlich
gewesen war. Sie war jedoch umfangreich, wenn
man Anekdoten, Forschungsarbeiten, Restititionsfälle,
Genauso war es für nichtjüdische Frauen gang und gäbe,
kulinarische Vorträge und Kochschulen zu besuchen, die
Jüdinnen organisierten. Alice Urbach (1886‒1983) war
geborene Wienerin, Jüdin und Autorin des renommierten
Kochbuchs „So kocht man in Wien!“, das erstmals 1935
veröffentlichte wurde. Seit Mitte der 1920er-Jahre leitete
sie eine erfolgreiche Kochschule für Fachkräfte und Laien,
„Moderne Kochkurse“ genannt. Sie hielt im berühmten
Café Landtmann und in anderen Lokalen weit publizierte
und beliebte Vorträge über die klassische und moderne
Wiener Küche. Weiters organisierte sie Kochkunstausstellungen,
veröffentlichte Rezepte und Menüs in Zeitungen
und warb mit täglicher Hauszustellung eines nahrhaften
FOTOS: ARCHIV
134
DAS JÜDISCHE ECHO
und billigen Menüs. Zusammen mit ihrer Halbschwester
Sidonie Rosenberg (1864‒1942) schrieb sie im Jahr 1925
ihr erstes Kochbuch. Rosenberg wurde später in Treblinka
ermordet, während Urbach zunächst nach England flüchtete,
wo sie Kinder der Kindertransporte versorgte, und
1946 zu ihren Söhnen in die USA emigrierte.
Eine gemeinsame Wiener Küche bedeutete allerdings
mehr als nur die Beteiligung an der Lebensmittelbranche,
der Essensherstellung, oder dass man für Kochschulen
und Kochbücher verantwortlich zeichnete. Beim
Kochen und dem genüsslichen Verzehr identifizierten
sich die nichtjüdischen Wiener selbstverständlich mit der
Wiener Küche und dem Hess. Es war ihre Wiener Küche.
Jüdische Wiener waren da nicht anders. Geschichtlich
gesehen trugen Wiener Juden maßgeblich dazu bei,
das öffentliche Ansehen der Wiener Küche bis und auch
nach 1938 zu schaffen und zu forcieren. Wie schon Moritz
Saphir oder August Silberstein und seine „Naturforschung
des Faschingskrapfen“ aus dem Jahr 1857 halfen
jüdische SchrifstellerInnen und Komponisten mit,
Wiener Speisen, Getränke, Kaffeehäuser und Heurige
unsterblich zu machen. Selbst verfolgte Wiener Juden
wie Gerhard Bronner, Peter Herz und Friedrich Torberg
kreierten im Exil und nach ihrer Rückkehr nach Wien
Lieder, Texte oder Kabarettprogramme mit kulinarischen
Wien-Bezügen. Auch zu Hause identifizierten sich jüdische
Wiener mit der Wiener Küche. Sie sahen keine Notwendigkeit
für jüdische Wiener Kochbücher, und typisch
christliche Speisen wurden ihren Kinder reimen und religiösen
Feiertagen einverleibt: z. B. „Wir buken Vanillekipferl
für Hanukkah und aßen sie zu Weihnachten“ oder
„Zu Purim muß man Krapfen essen und den Haman
nicht vergessen!“ (um/ab 1880). So sehr sich die in Wien
lebenden Juden als Wiener sahen, so sehr identifizierten
sie sich bis 1938 mit deren Küche. Und sie taten das auch
im Exil als Holocaustflüchtlinge und Überlebende. Denn
auch für sie galt: Es war ihre Wiener Küche.
Weibliche Flüchtlinge nahmen sowohl ihre Wiener
Kochbücher, inklusive des Hess (z. B. das Exemplar, das
ich analysierte), als auch ihre handgeschriebenen Rezeptbücher
mit auf die Flucht – obwohl sie kaum etwas
mitnehmen durften. Solche Sammlungen beinhalteten
Kombinationen von Wiener, Hess-, Weihnachts- und jüdischen
Rezepten, wie jenes von Margaretha Wolf, die in
die USA flüchtete. Wiener Speisen zu kochen sorgte für
das leibliche Wohl – sei es in Form von Essen, Erinnerungen
oder Bräuchen ‒, war aber auch eine Einkommensquelle,
wenn Margaretha und viele weibliche Flüchtlinge
und Überlebende im Ausland zumindest anfänglich ihren
Broterwerb als Wiener Köchinnen verdienten. Diejenigen,
die vor 1938 zu jung gewesen waren, lernten von
älteren Flüchtlingen und Überlebenden in der Emigration,
wie man typische Wiener Speisen zubereitete; entweder
weil sie es selber so wollten oder weil es ihre zukünftigen
Ehemänner und Schwiegereltern erwarteten.
Agnes Wlczek und ihr Ehemann: Erst Hausgehilfin, dann ein Kaffeehaus
im neunten Bezirk, Tischlerei auf der „Matzes-Insel“
Andere wiederum boten Wiener Kochkurse im Ausland
an, wie Alice Urbach mit 91 Jahren in San Francisco.
Nach der dritten Ausgabe des „So kocht man in Wien!“
im Frühjahr 1938 war sie gezwungen worden, die Rechte
zu ihrem Kochbuch abzutreten. Ab Herbst 1938 wurde
das unveränderte Kochbuch mit einem Rudolf Rösch als
Autor weiter veröffentlicht, bis 1966 in mehreren, zum
Teil veränderten Editionen, und sicherte so Röschs (!)
Ruhm. Urbachs Restitutionsantrag für ihre Rechte und
Verluste wurde abgelehnt.
Flüchtlinge kochten Speisen, die eng mit jener
Stadt identifiziert wurden, deren Bewohner sie vertrieben
hatten oder umzubringen versuchten. Selbst im Exil
genossen sie die klassische Wiener Küche. Sie sahen sie
nicht als belastet an – es war letztlich ihre eigene. Das ist
bemerkenswert, weil dieselben Holocaust-Überlebenden
andere kulturelle Kreationen, wie die Musik von Richard
Wagner oder Richard Strauss, als nationalsozialistisch zurückwiesen
oder es ablehnten, das ‚t‘ in der Handschrift
mit Querstrich zu schreiben, da dies dem christlichen
Kreuz ähnelte.
Viennese Cooking in New York
1952 berichtete die „New York Times“ in einer Buchbesprechung
über Clara Schlesinger, die als Jüdin aus
Wien geflüchtet war und nun in New York die feine
Wiener Küche unterrichtete. Schlesinger hatte zusammen
mit Olga Hess das Kochbuch „Die Wiener Küche“
bearbeitet, übersetzt und als „Viennese Cooking“ publiziert.
Fast in einer Art von Code, den aber New Yorker
Juden entziffern konnten, hob die Buchrezension beson-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 135
dere Merkmale dieses Hess hervor: spezifische Gerichte
(Nudelnachspeisen), den Mangel an Treibmittel, die Verwendung
von Nüssen statt Mehl und das einzige Rezept,
das beschrieben wurde: eine Haselnusstorte, die ohne
Mehl, Butter und Treibmittel selbst zum orthodoxen
Pessach serviert werden konnte.
Die berühmte Wiener Küche war in Wien schon
lange eine gemeinsame kulinarische Tradition von Juden
wie Nichtjuden gewesen. In einer immer auch antisemitischen
Stadt war dies vielleicht ein perfektes Beispiel
dafür, dass sich zwei ursprünglich klar getrennte
Gruppen langsam annäherten und (teilweise) integrierten,
während sie täglich eine gemeinsame Küche schufen,
kochten und aßen. Das ist auch von Menschen zu erwarten,
die so lange und eng miteinander gelebt hatten,
als es in Wien vor 1938 noch ein Miteinander gegeben
hatte, so fragil dieses auch gewesen sein mag. Jegliches
Wissen um diese gemeinsame Geschichte wurde durch
Flucht und Genozid ausgelöscht. Nach Kriegsende 1945
gab es in Wien kaum Wiener Juden, um daran zu erinnern.
Es bedurfte der Erinnerung jüdischer Holocaustflüchtlinge
und Überlebender in aller Welt, um die Beiträge
der Wiener Juden an der berühmten Wiener Küche
wiederzuentdecken. 2
Hier ein Link zur Vollversion des Textes mit allen Quellen
und Literaturangaben:
https://experts.illinois.edu/en/publications/wiener-juden
-und-die-wiener-kueche-vor-1938
EIN ORIGINALREZEPT
DER FLADEN
Fächertorte vom
K.u.K. Hofzuckerbäcker
Demel in Wien
(Rezept von Epstein 1890, S. 205‒207. Nach
1938 verschwand der Fladen, d. h. die Fächertorte,
weitgehend aus der Wiener Küche.)
„Unter dieser Bezeichnung versteht man einen
flachen tortenartigen Kuchen aus mehreren Lagen von
mürber Masse, zwischen welchen wiederum Schichten
von verschiedenartigen Füllungen angebracht sind.
Der Teig hierzu ist eine Art Strudelteig, jedoch mit
einem größeren Zusatz an Fett und enthält auch eine
Zugabe von Zucker und Ei; der Unterschied zwischen
diesem und einem ‚mürbe‘ oder Bröselteige, in einem
früheren Capitel beschrieben, besteht in dem Zusatze
von Wasser, welches darin Rechtfertigung findet, damit
der Teig leichter ,gar‘ und auch durch den Zusatz von
Wasser zähe wird.
50 Deka warmes Mehl, 1 ganzes Ei oder 2 Dotter,
15–25 Deka Zucker, 40 Deka Fett (Schmelzbutter oder
Gänsefett) wird untereinandergemengt und mit 4‒5
Eßlöffel voll lauwarmem Wasser der Teig vollständig
angeknetet, sodann Citronenschale, Zimmt, Pfeffer und
Cardamom als Würze zugegeben. Der Teig wird in einer
Serviette eingeschlagen und darin einige Stunden ruhen
gelassen. Es ist auch zweckmäßig, den Teig einen Tag
zuvor anzukneten. Der so bereitete Teig wird überknetet
und zart gearbeitet, dann 2 Messerrücken dick ausgerollt
und ein flaches Becken damit belegt. Die Bodenfläche
wird von Innen dann mit in Fett gerösteten Semmelbrösel
bestreut, ferner mit einer Schichte geriebenen
Lebkuchens, welcher mit einem guten Wein bespritzt
wird, belegt (auch kann zu diesem Zwecke Rum, Cognac,
Kirschwasser oder Marasquino gegeben werden). Über
diese Schichte werden dann entweder gedünstete Äpfel
oder im rohen Zustande solche, die durch’s Backen
schon weich genug werden, fein geschnitten, eine
Schichte aufgetragen, Rosen, Korinthen und gestiftelte
Mandeln darübergestreut. Darauf kommt eine Schichte
mit Honig versüßten gedünsteten Mohns (siehe Mohnfüllung).
Diese Mohnschicht wird mit zerkleinerten
Nußkernen überstreut. Schlieslich giebt man geriebenen,
mit Rum angefeuchteten Lebkuchen und darüber
geröstete Semmelbröseln. Über diese Füllung wird von
dem beschriebenen Teige ein Blatt gelegt, welches einen
Finger breit über den Rand hinausragt. Dieser Rand wird
eingeschnitten und daraus ein zackiger Rand dressirt.
Auf eine zweite Art wird dieser Fladen bereitet, indem
zwischen jeder Lage der Füllung ein messerrückendickes
Blatt von dem Teige gelegt wird; dann ist
aber das „Ausbacken“ mit mehr Vorsicht zu behandeln.
Ein drittes Verfahren ist folgendes: Es werden aus
dem Teige runde Scheiben in der Größe, welchen der
innere Raum im Durchmesser einnimmt, geschnitten
und auf einem Bleche gebacken. Diese gebackenen
„Blätter werden dann zwischen den Lagen der Füllung
angebracht und im warmen Zustande eingelegt.
Dieses Verfahren bezweckt, daß die Zwischenlagen
des Teiges nach dem Backen nicht teigig und unausgebacken
bleiben.“
[Anmerkung der Autorin: Normalerweise backe ich den
Fladen in einer Tortenform. Für die Füllungen verwende
ich Rezepte von meinem Hess-Kochbuch, ca 1929].
FOTO: NINI TTSCHAVOLL
136
DAS JÜDISCHE ECHO
Über das Hauptthema hinaus
Von Liam Hoare
Amos Oz: Schriftsteller, Leser, Träumer
FOTO: PRIVAT
Der Ende 2018 verstorbene Schriftsteller, der
größte israelische Autor seiner Generation, stellte
Menschlichkeit und Humanität in den Mittelpunkt
seiner Romane und seiner Weltanschauung. Ein
persönlicher Nachruf.
Susan Sontag definierte sich selbst einmal als „a writer,
a reader and a dreamer“. Auf die Frage, was sie dabei
träume, antwortete sie: „Wie Leben besser, tiefer, intensiver
und wunderbarer sein könnte.“ Eine bessere Zusammenfassung
eines Lebenswerkes kann für Amos Oz, der
am 28. Dezember 2018 gestorben ist, nicht gefunden
werden. Ohne ihn, wie David Grossman im Gespräch
mit dem „Guardian“ sagte, sei die Welt kleiner und weniger
wert geworden, und alle diejenigen, die ihn geschätzt
haben, haben jemanden verloren, der ihr Leben verbessert
hat.
Martin Amis spricht von dem Gefühl, sich in einer
Bibliothek oder Buchhandlung umzusehen, Bücher
aus dem Regal zu nehmen, Schriftsteller wie Anzugsakkos
anzuprobieren, jemanden zu lesen und plötzlich
zu entdecken, man müsse alles lesen, was der oder die
je geschrieben hat. Es war im Frühjahr 2012 im kleinen
englischsprachigen Trakt der Bibliothek des Kibbuz En
haSchofet, als mich dieses Gefühl überwältigte. Romane
wie „Black Box“ (1987) und „Eine Frau erkennen“
(1989) sowie sein 2002 veröffentlichtes Meisterwerk
„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ eröffneten
mir ein Neuland mit seiner klaren, gefühlvollen Prosa,
die sich anfühlt, als wäre sie für ein Einpersonenpublikum
geschrieben worden.
Oz fing an, in unsicheren Zeiten zu schreiben, als Israel
an der Schwelle zu einem existenzbedrohenden Krieg
stand, der politische Rahmenbedingungen hervorbrachte,
unter denen Oz sich einen Namen machte. Seine
ersten Geschichten und Romane wie „Wo die Schakale
heulen“ (1965) und „Keiner bleibt allein“ (1966) zeigten
mit einer gewissen Weitsicht die Brüchigkeit des Kibbuz
auf, zu einer Zeit, als dieses noch unzerstörbar schien.
In diesen Erzählungen steht der belagerte Kibbuz für die
beunruhigte israelische Gesellschaft, und zu dieser Zeit
waren die Ängste und Albträume des jüdischen Volkes
von zentraler Bedeutung für seine Romane. „Denke bitte
einmal an den Hauch der Nächte hier in Tel Aviv“,
schrieb er in „Dem Tod entgegen“ (1971). „Es gibt keine
Stadt auf der Welt, in der so viele Menschen Nacht für
Nacht so viele furchtbare Träume träumen.“
Sein bekanntester und meistgeliebter Roman,
„Mein Michael“ (auf Englisch 1968, auf Deutsch 1983
erschienen), beschwört Jerusalem, den Geburtsort von
Oz, wie wenige Schriftsteller es getan haben. Ich bin
allerdings der Meinung, dass er seine schönsten Werke
in der Mitte seines Schriftstellerlebens produziert hat.
„Black Box“ und besonders „Der dritte Zustand“ (1991)
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 137
sowie „Nenn die Nacht nicht Nacht“ (1994) schaffen es,
Israel als Ganzes zu begreifen. Hier trifft er auf wunderbare
Weise das empfindliche Gleichgewicht von Großartigem
und Alltäglichem. Im Mittelpunkt dieser Romane
stehen die Beziehungen von Menschen, die voller Zweifel
und Skepsis, Unruhe und Unsicherheit sind. Gleichzeitig
handeln diese Geschichten von den großen Fragen wie
Krieg und Frieden, von der Besatzung und vom Zustand
des Judentums. Aus dem Roman „Der dritte Zustand“
(in der Übersetzung aus dem Iwrit von Ruth Achlama):
All die Jahre über hatte er sich nach einem Ort gesehnt, an
dem er sich wie zu Hause fühlen könnte, aber niemals hatte
er diese Empfindung verspürt … Vielleicht, weil das ein von
vornherein unerfüllbarer Wunsch war. Außerhalb seiner
Reichweite. Außerhalb unser aller Reichweite. (...)
König Richard, bei Shakespeare, hatte den vergeblichen
Wunsch gehegt, ein Königreich für ein Pferd hinzugeben.
Und Efraim Nissan war jetzt, gegen drei Uhr nachts, auf
der Stelle bereit, seine gesamte Erbschaft für einen Tag, eine
Stunde völliger innerer Freiheit mit dem Gefühl des Daheimseins
einzutauschen. Obwohl sich der Verdacht bei ihm
regte, dass zwischen Daheimseinsgefühl und innerer Freiheit
eine Spannung oder sogar ein Gegensatz bestand. Den wohl
nicht einmal [sie], die in hundert Jahren hier an unserer
Stelle leben würden, aufzuheben vermöchten.
Diese Phase endet mit „Eine Geschichte von Liebe und
Finsternis“. Darin erzählt Oz von den Hoffnungen,
Erwartungen und unerfüllten Träumen seiner Eltern,
die aus Polen geflüchtet waren und die sich in Jerusalem
niedergelassen hatten, und besonders von seiner Mutter,
die in Depressionen versank und sich umbrachte, als Oz
zwölf Jahre alt war. Gleichzeitig erzählt er vom Ende des
jüdischen Europas und von der Geburt des Judenstaats.
Es ist in gewissem Sinne ein Schlüsselwerk, das den Rest
von Oz’ Romanen erschließt.
«Ich war vor der Begegnung ängstlich
und nervös, weil man niemals seine Helden
treffen soll. Am Ende waren solche
Sorgen vollkommen unbegründet.»
Im Alter von vierzehn Jahren verließ Oz die kleinbürgerliche
Nachbarschaft von Kerem Avraham und seinen verwitweten
Vater für ein neues Leben im Kibbuz Chulda,
wo er länger als dreißig Jahre leben sollte. In seinem
Alterswerk kehrte er wieder zurück zu den Orten und
Wegen, die er in seinen Romanen und Träumen beschritten
hatte: Jerusalem und der Kibbuz. „Unter Freunden“
(2012) ist mir mit seinen verflochtenen, in den Fünfzigerjahren
in einem Kibbuz spielenden Geschichten vielleicht
der liebste von Oz’ Romanen. Jedes Kapitel eine
138
Charakterstudie, die die unter der Oberfläche des Lebens
in einer kleinen, kollektivierten Gemeinschaft versteckte
Einsamkeit und Vereinsamung beschreibt. Oz’ Sätze sind
unverwechselbar, obwohl sein Prosastil im Laufe der
Zeit schlanker und prägnanter wurde. Er sagte mit weniger
mehr, und ihm blieb das Schicksal so vieler anderer
Schriftsteller erspart: nämlich der Verlust ihres literarischen
Genies noch vor dem Verlust des Lebens.
Das 20. Jahrhundert habe, wie der Essayist Christopher
Hitchens bei Susan Sontag wie auch bei George
Orwell, Albert Camus und Alexander Solschenizyn beobachtete,
Schriftsteller häufig gezwungen, ihre Schreibtische
aufzugeben und die Kampfarena zu betreten. Für
Oz, der 1967 und 1973 in Kriegen auf Leben und Tod
diente, war dieses Diktum vollkommen zutreffend. Bis zu
seinen letzten Plädoyers „Liebe Fanatiker“ (2017) blieb
Oz ein engagierter öffentlicher Intellektueller. Seine Aufsätze
und Feuilletons stehen für eine Art sozialistischen
Zionismus, der auf Erlösung eines Volkes und nicht eines
Landes ausgerichtet ist. Seine Weltanschauung war
humanistisch, aber nicht naiv, zukunftsorientiert, dabei
verwurzelt, visionär und gleichzeitig realistisch.
Er lieferte Bilder für den israelisch-palästinensischen
Konflikt, die ein Teil des gesellschaftlichen Diskurses
wurden, z. B. das Bild vom geschiedenen Ehepaar,
das trotzdem einen Weg finden musste, um weiter in
demselben Haus zusammenzuleben. Als Befürworter der
Zweistaatenlösung musste er enttäuscht zur Kenntnis
nehmen, dass seine Hoffnung unerfüllt blieb. „Im Lande
Israel“ (1983) bleibt eines der eindrucksvollsten Werke
des israelischen Journalismus, und seine Interviews und
Porträts behandeln die ganze Palette der Träume und
Albträume, Ängste und Gefühle, die Israel nach dem
Sechstagekrieg durcheinanderbrachten.
Ich hatte das Glück, Amos Oz nicht nur zu lesen,
sondern ihn auch kennenzulernen. Es war seine Tochter,
die Historikerin Fania Oz-Salzberger, die „Israelis in Berlin“
geschrieben hatte, ebenso „Juden und Worte“ (2014,
gemeinsam mit ihrem Vater), die die Idee aufbrachte. Ich
war vor der Begegnung ziemlich ängstlich und nervös,
mit der Begründung, dass man niemals seine Helden
treffen soll. Am Ende des Treffens waren solche Sorgen
vollkommen unbegründet. Im Arbeitszimmer in seiner
Wohnung in Tel Aviv stand sein Schreibtisch vor großen
Fenstern, die den Blick nach Norden entlang der Küstenebene
in Richtung Herzlia öffneten. Bei Sonnenuntergang
an einem Nachmittag im Spätjänner 2016 saßen
Oz und ich fast zwei Stunden lang bei Kaffee und unterhielten
uns – in Erwartung der Veröffentlichung der
englischen Übersetzung seines Romans „Judas“ (2014) –
über sein Leben und seine Arbeit.
Ich versuchte, so viele Themen wie möglich zu behandeln
‒ vielleicht zu viele: Jerusalem und den Kibbuz;
den Roman, auf den er am meisten stolz war, „Allein das
Meer“ (1999); seinen Prosastil und die hebräische Spra-
DAS JÜDISCHE ECHO
che; und natürlich die zeitgenössische Politik, obwohl ich
mich sehr zurückhalten wollte. Oz empfing mich freundlich
und herzlich und ging sehr großzügig mit seiner Zeit
und Weisheit um. Er war geduldig und ausgiebig bereit,
sich meinen neugierigen Fragen zu stellen. Gleichzeitig
war er sehr aufmerksam und korrigierte sofort, wenn ich
einen „Fehler“ machte: Als ich z. B. „Eine Geschichte
von Liebe und Finsternis“ als ein „memoir“ bezeichnete,
insistierte er sofort, dass es das gewiss nicht sei, oder
als ich das Wort „fiction“ benutzte, artikulierte er sofort
seinen Einwand gegen dieses Wort. Dieses Gespräch war
eine der größten Freuden meines Schriftstellerlebens.
«Ich schließe das Buch, und was bleibt, ist
Totenstille. Wenn ich an den Vergleich denke,
Schriftsteller wie Sakkos anzuprobieren, dann
war Amos Oz derjenige, der passte.»
Wir trafen uns ein Jahr danach zum letzten Mal bei einer
Veranstaltung in Tel Aviv zur bevorstehenden Veröffentlichung
eines Gesprächsbuches, „Was ist ein Apfel?“
(2018), mit seiner Herausgeberin Shira Hadad. Ich habe
jetzt die deutsche Übersetzung in meinen Händen. Ich
lasse mich in einen bequemen Sessel fallen, schlage das
Buch auf, und nach einigen Sätzen höre ich wieder seine
Stimme. Eine Leere, die er in der Welt hinterlassen hat,
wird wieder gefüllt. Nachdenklich, tiefgründig, einsichtsvoll
‒ Hadads Fragen sorgen für die besten Interviews
mit Oz, die ich je gelesen habe. Am Ende ihres letzten
Gesprächs fragt sie, ob Oz keine Angst vor dem Tod
habe. Er antwortet darauf:
FOTO: WIKIPEDIA/MICHIEL HENDRYCKX
Ich bin nicht bereit, fröhlichen Herzens und guter Dinge
heute Abend oder morgen Früh zu sterben. Natürlich nicht.
Denn alles in allem finde ich es hier wahnsinnig spannend.
Sogar die furchtbaren, die entsetzlichen Dinge sind interessant.
Ich will nichts verpassen: Ich bin so neugierig, wie es
hier weitergeht. Wenn man mir sagen würde: Bald wirst du
nicht mehr hier sein, aber es gibt da oben so eine Galerie mit
großen Teleskopen, da kannst du dich hinsetzen und deine
Kinder und deine Enkel beobachten, dann würde ich dem
irgendwie zustimmen. Ich würde mir sagen: In Ordnung,
dann werde ich nicht mehr essen und trinken und mich auch
nicht mehr anziehen, aber vielleicht werde ich da doch ab
und zu mal Musik hören, und ich werde immerhin wissen,
was dort unter passiert. Ich werde weiterhin im Bilde sein.
Ich schließe das Buch, und was bleibt, ist Totenstille.
Wenn ich an den Vergleich zurückdenke, Schriftsteller wie
Sakkos anzuprobieren, dann war Amos Oz derjenige, der
passte. Zweifellos ist das sehr eingebildet von mir, aber ich
dachte schon oft, dass ich in gewissem Sinne sein idealer
Leser war und dass niemand anders, der ihn auf Englisch
Amos Oz (1939–2018), dem meistübersetzten Schriftsteller Israels
lag der Staat sehr am Herzen, auch wenn er mit der Regierung
uneins war
liest, so viel Freude und Glück erlebte wie ich, wenn ich seinen
neuesten Roman aufschlug und die singenden, durch
Professor Nicholas de Lange übersetzten Sätze zum ersten
Mal hörte. Schriftsteller, Leser, Träumer. Oz’ Prosa machte
das Leben besser und tiefer, intensiver und wunderbarer,
und heute ist die Welt, in Wort und Tat, seines Wahrnehmungsvermögens
und seiner Zivilcourage beraubt.
Aber für einen Schriftsteller ist das Ende nicht ganz
das Ende. Amos Oz war Zeuge der Geburt des Judenstaats,
kämpfte zweimal, um ihn zu verteidigen, er lag
ihm sehr am Herzen, auch wenn er mit der Regierung
uneins war, und er prägte seine Politik und seine reiche,
sich ständig verändernde Sprache. Und von meinem
Schreibtisch aus kann ich ein Regal mit einem halben
Meter Taschenbücher sehen, deren Wahrheit, Schönheit
und Weisheit ewig währen werden. 2
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 139
Von Erhard Stackl
Die Irrfahrt des Flüchtlingsschiffes St. Louis
Wie ein Schiff mit fast tausend jüdischen Flüchtlingen
1939 in der Karibik an einem Eisberg an
menschlicher Kälte zerschellte, schildert ein neuer
Roman, der das an sich bekannte Drama nun
auch aus kubanischer Perspektive beleuchtet.
140
Es gibt wohl keinen zweiten Roman eines lateinamerikanischen
Autors, der in der Wiener Leopoldstadt anhebt.
Dort lässt der Kubaner Fernando Remírez de Estenoz
sein voluminöses Werk im kalten Winter 1939 beginnen.
Rebeca Kreiner, eine junge Jüdin, packt in einer fast
leeren Wohnung Fotos und Erinnerungsstücke wie den
Chanukka-Leuchter ihrer Großeltern ein, sie verabschiedet
sich vom bisherigen Leben. Inzwischen ist sie allein
in Wien. Die Mutter starb nach einer schweren Krankheit.
Der Vater, ein Arzt, war schon früher zu einem
Arbeitsaufenthalt in die USA gereist und dort geblieben.
In Wien ist die Lage für Juden unerträglich geworden.
Aber es gelingt Rebeca nicht und nicht, ein Visum
und eine Schiffskarte für die USA zu bekommen, wo der
Vater wartet. Doch dann hat sie scheinbar Glück: Die
Hamburg-Amerika-Linie bietet eine Kreuzfahrt nach
Havanna an. Für mehrere hundert Reichsmark kann
man die Hinreise und verpflichtend auch die Rückfahrt
buchen, obwohl die niemand nutzen will. Denn für 150
Dollar extra wird eine Einreiseerlaubnis für Kuba in Aussicht
gestellt – für jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen
Reich eine letzte Chance. Im sicheren Havanna
wollen sie abwarten, bis sie ein Visum für die USA bekommen.
Auch Rebeca Kreiner beschließt, diese einmalige
Gelegenheit zu nützen.
Die „Irrfahrt der St. Louis“ war schon Thema vieler
Bücher, Filme und Dokumentationen. Das Hapag-
Schiff, das am 13. Mai 1939 mit knapp tausend Passagieren
von Hamburg losfuhr, ging am 27. Mai 1939 in
der Bucht von Havanna vor Anker. Die Einfahrt in den
Hafen wurde dem Kapitän verboten, niemand durfte
aussteigen. Nach einem eine Woche dauernden Hin und
Her zwischen dem Kapitän und den kubanischen Behörden,
die schließlich nur zwei Dutzend Passagiere an Land
ließen, fuhr die „St. Louis“ mit zunächst ungewissem
Ziel wieder los.
Der 500 Seiten dicke Roman, in dem Remírez de
Estenoz die Schicksale von Passagieren und ihren um sie
bangenden Angehörigen detailreich – manche werde sagen:
weitschweifig – nachzeichnet, hat eine Besonderheit
aufzuweisen: er zeigt auch die kubanische Perspektive.
Der Autor, ein ausgebildeter Arzt und dann jahrelang
selbst kubanischer Spitzendiplomat, breitet sein Insiderwissen
über die Vorgänge aus.
Kuba, damals ein Staat mit vier Millionen Einwohnern,
hatte in den 1930er-Jahren zehnttausende Flüchtlinge
aufgenommen – Mitglieder der unterlegenen Republikaner
im Spanischen Bürgerkrieg, aber eben auch
14.000 Juden aus Deutschland und Österreich. Die
Weiterreise Letzterer in die USA geriet zunehmend ins
Stocken. Nach der gescheiterten Konferenz im französischen
Evian 1938, bei der sich kaum ein Aufnahmeland
bereiterklärt hatte, die Quoten für jüdische Flüchtlinge
zu erhöhen, schalteten auch die USA auf hart. Die
Quote blieb auf knapp 30.000 pro Jahr festgesetzt. Auf
Kuba, wo es als Nachwirkung der Weltwirtschaftskrise
noch hunderttausende Arbeitslose gab, machten zudem
Geheimdienstler und Propagandisten Nazideutschlands
gegen die Flüchtlinge Stimmung. Sie verbreiteten Fotos
besonders elend aussehender Menschen, von denen
manche direkt aus der Gestapohaft kommend in Hamburg
an Bord der St. Louis gegangen waren. Es seien viele
„Kriminelle“ auf dem Schiff, hieß das in der Nazi-Lesart.
Ähnlichkeiten mit der Situation von heute, da ebenfalls
ermüdende Hilfsbereitschaft auf abschreckende
Gerüchte trifft, sind für Ramírez nicht von der Hand zu
weisen. Er versichert aber, dass es fast alle seine Romanfiguren
wirklich gab und sie in der beschriebenen Weise
agierten.
Im Zentrum steht Manuel Benitez, ursprünglich
ein einfacher Soldat, der zum Oberst aufgestiegen war
und Direktor der Einwanderungsbehörde wurde. Als die
kubanische Regierung die Visaerteilung für Immigranten
verschärfte, hatte sie für Touristen eine Lücke im versperrten
Einreisetor gelassen. Benitez erkannte darin die
Möglichkeit, sich selbst rasch zu bereichern.
DAS JÜDISCHE ECHO
Am 13. Mai 1939 stach die St. Louis, ein deutsches Transatlantik-Passagierschiff, mit zahlreichen Flüchtlingen an Bord von Hamburg aus in See
FOTOS: CHRISTIAN FISCHER, NORA VERLAG MIT FREUNDLCIHER GENEHMIGUNG VON HERBERT KARLINER
Er bot jedem, der es haben wollte, „Anlandungserlaubnisse“
für 150 Dollar pro Stück an. Dieses Papier (spanisch:
permiso de entrada) berechtigte Touristen zur
Einreise und einem kurzen Aufenthalt. Bereits legal in
Kuba lebende Flüchtlinge kauften diese einem Visum
ähnlich sehenden „Dokumente“ zuhauf und schickten
sie ihren in Deutschland ausharrenden Angehörigen,
später bot sie auch die Hamburg-Amerika-Linie direkt
an. Für Benitez wurde das Papiergeschäft zur Geldfabrik:
In weniger als zwei Jahren verkaufte er 4000 Stück. Das
machte 600.000 Dollar Reingewinn, was bei einigen seiner
Landsleute natürlich nicht unbemerkt blieb.
Kuba war damals politisch instabil. 1933 war der
Diktator Gerardo Machado gestürzt worden, in den
sechs Jahren danach gab es acht Staatspräsidenten. Im
Hintergrund gewannen nach einem „Aufstand der Unteroffiziere“
die Militärs immer mehr an Einfluss, am
meisten Fulgencio Batista, ein ehemaliger Militärstenograf,
der sich nun an die Spitze der Armee stellte. (1940
bis 1944 amtierte er als gewählter Präsident, von 1952
bis zur kubanischen Revolution Ende 1958 als Diktator.)
1939 herrschte ein Wahlkampf besonderer Art: Politiker
bewarben sich als Kandidaten für die verfassungsgebende
Versammlung, die im Jahr darauf zusammentrat.
Im Roman wendet sich ein Kandidat, der für seine
Kampagne dringend finanzielle Unterstützung braucht,
an Benitez. Als ihn dieser schroff abweist, denunziert der
Möchtegern-Politiker den Chef der Einwanderungsbehörde
bei den Mächtigen des Landes. Der amtierende
Präsident Federico Laredo Brú erklärt die Benitez-Einreisepapiere
für ungültig – und das, während die St. Louis
auf hoher See Richtung Kuba unterwegs ist.
«Im Roman mischen sich Privatleute,
Politiker und Prominente, darunter
Meyer Lansky, der Mafia-Boss, der Havanna
zum Groß-Kasino machen will.»
Im Roman „Zuflucht Havanna“ versucht Remírez das
Leben der 937 Passagiere plastisch werden zu lassen. Zum
Abbau der Spannungen nehmen Rebeca und Gretel, die
beide eine Kabine miteinander teilen, samt männlichen
Verehrern an Tanzveranstaltungen und anderen Kreuzfahrtvergnügen
teil. Gleichzeitig versucht Rebeca, per
Telegramm mit ihrem Vater in den USA Kontakt aufzunehmen,
um die Weiterreise zu organisieren. Sie wendet
sich auch an José Antonio, einen jungen kubanischen
Arzt, den sie einige Jahre zuvor bei einem Aufenthalt in
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 141
den USA kennengelernt hatte (wozu es im Buch zahlreiche
Rückblenden gibt). Dieses private Personal mischt
sich mit den Politikern der damaligen Zeit und anderer
Prominenz. Darunter ist Meyer Lansky, der jüdische
Mafia-Boss, der in Havanna residiert und die Stadt zum
größten Spielkasino der Region und zu einem gigantischen
Nachtklub ausbauen will. Auf Ersuchen von
Bekannten wendet er sich direkt an Militärchef Batista,
wo auch Vertreter der jüdischen Hilfsorganisation Joint
(American Jewish Joint Distribution Committee) mit
Geldangeboten ein Umdenken der Kubaner erreichen
wollen.
Für einige der Protagonisten gibt es am Ende des
Romans doch noch ein Happy End, weil für sie ein kubanischer
Konsularbeamter illegal ein Visum ausstellt
– ein Vorgang, den es auch in der Realität immer wieder
gegeben hat. Und Remírez weiß genau, wovon er
schreibt, weil er selbst Diplomat war ‒ unter anderem
von 1995 bis 2001 als Leiter der Cuban Interest Section
in Washington der höchste seines Landes in den USA.
Die Affäre Elián
Autor Fernando Remírez de Estenoz: Als kubanischer Spitzendiplomat
war er früher selbst in Flüchtlingsdramen involviert
Preisgekröntes Foto, auf dem ein US-Polizist den sechsjährigen
Elián bedroht: Die amerikanische Öffentlichkeit war entsetzt
142
Mitte der 1990er-Jahre befand ich mich auf Kuba. An
einem Strand nördlich von Havanna traf ich Kubaner,
die dort aus alten Lkw-Reifenschläuchen und Brettern
Flößen ähnliche Boote zusammenbastelten. Sie waren
bereit, ihr Leben zu riskieren, um auf diesen Booten
das 170 Kilometer entfernte Florida zu erreichen. Ihre
Zukunftsaussichten auf Kuba seien so schlecht, sagten sie
mir, dass sie lieber alles auf eine Karte setzen wollten, um
in den USA ein neues Leben beginnen zu können. Niemand
hielt sie von ihrem Vorhaben ab. Als ich fragte, was
ich für sie tun könnte, baten sie mich, bei einem nahen
Kiosk einige Großpackungen Mineralwasser zu kaufen,
weil bei der Überfahrt unter gleißender Sonne Wassermangel
besonders gefährlich war.
Es gab keine Schlepper und es gab keine Retter. Ab
diesem Jahr 1995 mussten die Flüchtenden auch vermeiden,
von der US-Küstenwache aufgegriffen zu werden.
Denn die amerikanische Regierung hatte die jahrzehntealte
Übung, allen Immigranten aus Kuba rasch eine
Aufenthaltsbewilligung zu erteilen, durch ein neues
Verfahren ersetzt, die sogenannte „wet feet, dry feet policy“.
Danach bekamen Kubaner, die das amerikanische
Festland erreichten, eine Aufenthaltsbewilligung, während
man jene, die auf See aufgegriffen wurden, in ihre
Heimat zurückschickte. Nun unternahmen die „Balseros“
(„Flößer“) noch waghalsigere Manöver, um der US-
Küstenwache zu entgehen.
Im November 1999 zerbrach solch ein Gefährt vor
der Küste Floridas, an die zehn Menschen ertranken, darunter
eine junge Mutter, während ihr Sohn, der sechsjährige
Elián González, auf einem Reifenschlauch an Land
DAS JÜDISCHE ECHO
trieb und von einem Fischer entdeckt wurde. Gemäß der
neuen Regelung erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis und
sollte entfernten Verwandten übergeben werden. Auf
Kuba erhob Eliáns Vater Einspruch: Mutter und Sohn
hätten das Land ohne sein Wissen und Einverständnis
verlassen.
Die Angelegenheit wurde zu einer international
stark beachteten Affäre: Als Sorgerechtsfall, in dem sich
besonders Fernando Remírez de Estenoz als höchster
Repräsentant Kubas in den USA dafür einsetzte, Elián
zu seinem Vater zurückzubringen. Die US-Justiz, die
den Fall zu entscheiden hatte, kam unter den Druck der
öffentlichen Meinung, die gekippt war, als Fotos einen
Polizisten in Kampfausrüstung und mit Sturmgewehr
zeigten, der den kleinen Elián aus einer Wohnung holte.
«Zurück in Europa wurden die
Flüchtlinge aufgeteilt. Doch bald darauf
geriet ein großer Teil von ihnen wieder
in den Machtbereich der Nazis.»
Drei überlebende Passagiere der St. Louis – Sonja Sternberg, Thomas
Jacobson und Gisela Feldman (v. l.) – 2016 bei einem Besuch
in Yad Vashem
FOTOS: CAMILLA SEIDELBACH, PICTUREDESK AL DIAZ/EPA, PICTUREDESK/OLIVIER FITOUSSI
Elián kehrte zu seinem Vater zurück, die Affäre galt als
großer Propagandaerfolg Kubas, für den Fernando Remírez
einer der Hauptverantwortlichen war. Doch wenig
später fiel Remírez bei seiner Regierung in Ungnade.
Zusammen mit dem Außenminister und einem weiteren
hohen Funktionär verlor er alle Ämter. Nach dieser
„Säuberung“ ließ Fidel Castro verlauten, „der Honig der
Macht“ habe bei den Betroffenen verbotene persönliche
Ambitionen geweckt.
Während der abgesetzte Minister ‒ vergebens – öffentlich
Selbstkritik übte, wurde es um Remírez zunächst
still, bis er mit seinem Roman an die Öffentlichkeit trat.
Darin erwähnt er von der „Affäre Elián“ nichts und auch
die Rolle der USA bei der „Irrfahrt der St. Louis“ wird
in seinem Buch eher nebenbei und in neutralem Tonfall
geschildert.
Hartherzig gewordene USA
„Der Spiegel“ gab einer Geschichte über die St. Louis,
die das Magazin 2017 online stellte, dagegen den Titel
„Wie die Vereinigten Staaten 937 jüdische Flüchtlinge
abwiesen“. Darin ist die kubanische Affäre nur eine Episode
in einem größeren Drama. Schon von Havanna
aus hatte der Kapitän versucht, direkt an US-Präsident
Franklin D. Roosevelt zu appellieren. Doch auch, als die
Kubaner das Schiff hinausgeworfen hatten und es in der
Karibik hilfesuchend vor Florida kreuzte, blieb Roosevelt
trotz eines riesigen Medienwirbels um die St. Louis hart.
Die USA hatten im Lauf der Jahre hunderttausende
jüdische Flüchtlinge aufgenommen. Doch 1939 herrschte
ein isolationistisches, zunehmend fremdenfeindliches
Klima. Laut damals veröffentlichten Umfragen, ob die
Quote für „europäische Flüchtlinge“ erhöht werden
sollte, lehnten dies achtzig Prozent ab. Sogar gegen eine
Extra-Quote für einige tausend Kinder sprachen sich
sechzig Prozent aus. Mit Blick auf seine Chancen bei den
Präsidentschaftswahlen 1940 verwehrte Roosevelt der
St. Louis die Landung. Da sich auch Kanada hart zeigte,
kehrte das Schiff im Juni 1939 nach Europa zurück.
Der Zielhafen war das belgische Antwerpen. Im
Hintergrund hatte die Hilfsorganisation Joint inzwischen
einen Deal zur Verteilung der Flüchtlinge ausgehandelt.
Die größte Anzahl nahm Großbritannien auf (254), gefolgt
von Frankreich (224), Belgien (214) und den Niederlanden
(181). Im Jahr darauf geriet freilich ein großer
Teil von ihnen im Zuge des deutschen Angriffskriegs
gegen Belgien, die Niederlande und Frankreich wieder
in den Machtbereich der Nazis. Laut jüngeren Angaben
wurden 254 ehemalige Passagiere des Flüchtlingsschiffes
St. Louis im Holocaust ermordet. 2
Lesetipp:
Fernando Remírez de Estenoz
Zuflucht Havanna
Aus dem Spanischen von
Manfred Schmitz
Nora Verlag, 2019
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 143
Von Judith Brandner
„Tierärztliche“ in dunkler Zeit
Eine neue Studie geht den Schicksalen jüdischer
Studierender am Vorläufer der heutigen VetMed
Wien nach.
Nullkommaneun Prozent, in absoluten Zahlen drei Studierende
an der Tierärztlichen Hochschule gaben im
Wintersemester 1937/38 an, der israelitischen Glaubensgemeinschaft
anzugehören. Im Sommersemester 1938
habe es nur noch einen jüdischen Hörer gegeben, im darauffolgenden
Wintersemester sei gar kein Mitglied der
jüdischen Glaubensgemeinschaft mehr eingeschrieben
gewesen.
Diese lapidare, kommentarlose Aufzählung in einer
Dissertation über die „Tierärztliche Hochschule im Nationalsozialismus“
gab für die Historikerin Lisa Rettl den
Ausschlag, die konkreten Namen und Lebensgeschichten
hinter den Zahlen zu suchen und zu recherchieren.
Herausgekommen ist eine Pionierarbeit, mit der Rettl
eine Forschungslücke schließt, denn über jüdische Studierende
und Absolventen (es waren nur Männer) der
Tierärztlichen Hochschule (heute VetMed Wien) war
bisher kaum etwas bekannt; offenbar wollte niemand
wissen, wer diese Menschen waren oder was mit ihnen in
der NS-Zeit geschehen war.
Vier ausgewählte ausführlichere Biografien und
42 kürzere biografische Skizzen zeigen den konsequenten
Weg von der antisemitischen Diskriminierung und
Ausgrenzung über die Zerstörung der Existenz bis hin
zu Vertreibung und Vernichtung. Bei den Kurzbiografien
sind es manchmal nur die Eckdaten, die sich recherchieren
ließen, manchmal verlieren sich die Spuren der Menschen
im Nirgendwo, reißen die biografischen Fäden an
Orten und zu Zeiten ab, wo man erahnen kann, welches
Ende ihre Geschichte genommen haben muss: Todesdatum
und Todesort unbekannt. Gerade dieses Rudimentäre,
das Fehlende macht die Lektüre so beklemmend.
Zum Beispiel Hermine Allgayer. Sie musste ihr Studium
im Oktober 1939 nach zwei Jahren zwangsweise
beenden, weil sie als „jüdischer Mischling 2. Grades“ eingestuft
worden war. „Es wäre mein sehnlichster Wunsch,
mein Studium vollenden und meinen Beruf als Tierarzt
ausüben zu können“, schrieb sie im Jänner 1940 an das
Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und
Volksbildung. Ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Ein Studium
der Humanmedizin konnte sie abschließen. 1952
starb Hermine Allgayer im Alter von 35 Jahren durch
Suizid in Wien.
Zum Beispiel Edmund Weissberg. Sein Schicksal
zeigt die Dynamik antisemitischer Verleumdung und
eine ungeheure Verkettung unglücklicher Umstände, die
zur Judenhetze verwendet werden: Weissberg begann sein
Studium an der TiHo 1933. Wenige Tage vor dem „Anschluss“
1938 leitete das Rektorat ein Disziplinarverfahren
gegen ihn ein, untersagte ihm die Zulassung zu weiteren
Prüfungen und das Betreten der Hochschule. Zum
Verhängnis war Edmund Weissberg ein Liebesverhältnis
mit einer verheirateten, um einiges älteren Frau geworden.
Als diese schwanger wird, entscheidet sich das Paar
zu einer (damals unter Strafe stehenden) Abtreibung. Es
gibt Komplikationen, die Frau muss ins Krankenhaus,
die Affäre fliegt auf, der Ehemann erfährt davon.
Weissberg wird wegen Beihilfe zur Abtreibung verurteilt,
die Hochschule leitet daraufhin ein Disziplinarverfahren
ein, er darf jedoch zunächst noch weiterstudieren.
Das ruft die tierärztliche Studentenschaft und den
Antisemitenbund, darunter der betrogene Ehemann,
mit antisemitischen Hetzkampagnen auf den Plan. Die
Ex-Geliebte versucht sich aus der Aussichtslosigkeit ihrer
persönlichen Situation mithilfe eines (nationalsozialistischen)
Anwalts durch eine denunziatorische und
verleumderische Anzeige gegen Weissberg u. a. wegen
Vergewaltigung zu retten. Weissberg flieht am Tag des
„Anschlusses“ via die Tschechoslowakei nach Großbritannien.
Zum Beispiel Joseph Tyndel. Er steht für das Schicksal
vieler, die von den Nazis ihrer akademischen Karrieremöglichkeit
beraubt und vom Nachkriegsösterreich
nicht entschädigt wurden. Tyndel konnte das Studium
1938 an der TiHo gar nicht aufnehmen, weil er flüchten
musste. Nach Kriegsende konnte er zwar an der Tierärztlichen
Hochschule Wien studieren, doch wurden ihm
nur zwei Semester seines mittlerweile in Palästina absolvierten
Tierarzt-Studiums angerechnet. 1950 emigrierte
FOTOS: PRIVAT, LENNART HORST
144
DAS JÜDISCHE ECHO
er nach Neuseeland. 1969 lehnte der Hilfsfonds einen
Antrag Joseph Tyndels auf Entschädigung für erlittenen
Ausbildungsschaden ab und verwies ihn an die Opferfürsorgebehörde.
Was dann geschah, ist unklar. Seine Spur
verliert sich in Neuseeland.
Zum Beispiel … zum Beispiel …
Zu jeder Lebensgeschichte gibt es ein Foto und ein
Faksimile der Unterschrift des/der Porträtierten. Mit dieser
stimmigen und sorgfältigen Gestaltung hat der Wallstein
Verlag, der den Band herausgebracht hat, beeindruckend
dazu beigetragen, den Menschen ihr Gesicht und
ihre Individualität zurückzugeben.
Das Buch ist einer von zwei Bänden, die aus einem von
Lisa Rettl geleiteten FWF-Forschungsprojekt über „Die
Wiener Tierärztliche Hochschule im Nationalsozialismus“
resultieren. Damit setzt die Veterinärmedizinische
Universität spät, aber doch einen ersten wichtigen Schritt
zur Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte während und vor
der Zeit des Nationalsozialismus. 2
Literatur
Lisa Rettl (2018), Jüdische Studierende und Absolventen der Wiener
Tierärztlichen Hochschule, 1930 – 1947. Wege – Spuren – Schicksale.
Wien: Wallstein.
Von Ronnie Niedermeyer
„Eine Frau würde hier alles verändern“
Dr. Rick Hodes, medizinischer Direktor des
American Jewish Joint Distribution Committee,
spielte in der äthiopisch-israelischen Luftbrücke
„Operation Salomon“ 1991 eine maßgebliche Rolle.
Der als „Mutter Teresa in Woody Allens Körper“
beschriebene Arzt lebt heute als Junggeselle unter
bescheidensten Umständen inmitten seiner
zahlreichen Patienten in Addis Abeba.
Es ist Freitagabend – Erew Schabbat. Im schummrigen
Licht eines Wohnzimmers in Addis Abeba hat sich, Hände
haltend im Kreis, eine etwas ungewöhnliche Gruppe versammelt:
ein adretter Pharmavertreter aus Nairobi, eine
israelisch-amerikanische NGO-Mitarbeiterin mit brauner
Lockenmähne, vier schlaksige Medizinstudenten aus
Iowa, ein kahlköpfiger Tel Aviver Neurochirurg in abgetragenem
Nadelstreif und etwa zwanzig äthiopische Kinder,
Jugendliche und junge Erwachsene. Manche der Äthiopier
stützen sich auf Krücken, ein paar gehen gebeugt. Ein
Bursche hat gekrümmte, vernarbte Hände, ein zweiter ist
auf einem Auge blind. Zwei Mädchen stehen nebeneinander,
eines zwergwüchsig, eines mit ungleich hohen Schultern.
Ein Bub mit strahlendem Lächeln steht vollkommen
gerade auf einem Bein, das amputierte zweite scheint ihm
gar nicht zu fehlen. Statt Kippot tragen alle Anwesenden
gestrickte bunte Hüte. Über das eklektische Kollektiv präsidiert
ein kompakter Mann, Mitte sechzig, mit kurzgeschorenem
Haar und randloser Brille. Er hebt zum Singen
an, doch vor dem traditionellen Schalom Alejchem ertönt
ein anderes Lied: „If I Had a Hammer“ von Pete Seeger.
Rick Hodes entstammt einer reformjüdischen Familie
aus Long Island im Bundesstaat New York. Ab 1980
zog es ihn immer wieder als Arzt nach Äthiopien, zehn
Jahre später ließ er sich in der Hauptstadt nieder. Als
1991 die „Operation Salomon“ stattfand, war er Oberbeauftragter
für die Gesundheit der rund 14.000 Juden,
die nach Israel einreisen durften. Inzwischen führt der
gelernte Internist eine Praxis in Mutter Teresas Mission
und eine zweite im Kinderspital CURE. Zu seinem
Spezialgebiet wurde die Diagnose von Rückgraten, die
durch Tuberkulose entstellt wurden. Unbehandelt verursacht
ein verformtes Rückgrat nicht nur orthopädische
Probleme, sondern kann auch innere Organe quetschen
und dadurch zu Lebensgefahr führen. Täglich besuchen
ihn viele Patienten mit Rückenbeschwerden, die auf eine
bessere Zukunft hoffen. Doch auch mit Krebsgeschwü-
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 145
Ins CURE Hospital kommt Rick Hodes mindestens einmal wöchentlich. Aus ganz Äthiopien reisen Menschen an, manche hat er adoptiert
ren, Infektionskrankheiten oder Herzfehlern reisen Menschen
aus den entlegensten Provinzen nach Addis Abeba,
um den Rat des famosen Arztes einzuholen. Im ganzen
Land ist er als „Dr. Rick“ bekannt, Familiennamen spielen
im Alltag Äthiopiens keine große Rolle.
Freitagabend. Inzwischen sind alle vom rituellen
Händewaschen zurückgekehrt. Der Gastgeber nimmt
eine der vorbereiteten Semmeln in die Hand, reißt Stücke
davon ab und wirft sie den Gästen im hohen Bogen
zu. „Wie Manna aus dem Himmel“, scherzt er. Aus der
Küche kommt heiße Gemüsesuppe, dort wartet auch ein
bescheidenes Buffet äthiopischer Eintöpfe. Während die
Kinder Brettspiele herausholen und sich damit um den
Tisch setzen, öffnet Dr. Rick seinen Laptop und zeigt
den internationalen Besuchern Röntgenaufnahmen und
Fotos aktueller Patienten, die auf ihre Behandlung warten.
„Lebensgefahr hebt den Sabbat auf“, erklärt der sich
inzwischen als modern-orthodox bezeichnende Jude.
Wichtiger als die strenge Einhaltung aller Mizwot ist ihm
die Zedaka, das jüdische Gebot der Wohltätigkeit.
146
Nachdem ein Erkrankter seine Diagnose erhalten hat,
muss die entsprechende Behandlung ermöglicht werden.
Für eine Operation am Rückgrat zum Beispiel werden
Patienten ins entlegene Ghana oder noch weiter nach
Nordamerika geflogen. Auch wenn sich ein Chirurg findet,
der diese Operation ehrenamtlich durchführt, entstehen
Reise-, Spitals- und Materialkosten von zehn- bis
zwanzigtausend Euro. Rick Hodes begnügt sich nicht
damit, seine Patienten an Ärzte zu vermitteln, die sie
behandeln können: Er betreibt auch das dafür notwendige
Fundraising. An Tesfaye, einem Jugendlichen „mit
einem Rückgrat, das so gewunden ist wie das eines Reptils“
(Hodes), wurde 2009 in Vancouver erfolgreich operiert;
der jüdische Philanthrop Gary Segal kümmerte sich
um sämtliche Kosten. Letztes Jahr organisierten Hodes
und Segal in Kanada eine Benefizveranstaltung und das
Erfolgsbeispiel Tesfaye, inzwischen Unistudent, eroberte
dort die Herzen der Gäste. Insgesamt eine Million Dollar
spendeten sie an diesem Abend, das Geld wurde rasch
für weitere dringende Fälle ausgegeben. Ein Bekannter
DAS JÜDISCHE ECHO
Hodes gilt als Koryphäe beim Thema Rückgratsverkrümmung. Mit Sponsoren hat er vielen Menschen aufwendige Operationen vermittelt
FOTOS: RONNIE NIEDERMEYER
schätzt, dass Rick in den letzten 26 Jahren um die tausend
Menschenleben retten konnte.
Wenn man dem 160 Zentimeter kleinen Mann zusieht,
den ein Kollege als „Mutter Teresa in Woody Allens
Körper“ bezeichnet hat und der sich selbst als „Kolibri
auf Speed“ wahrnimmt, ist das mit den tausend Menschenleben
leicht zu glauben. Wie ein Perpetuum mobile
eilt er herum, telefoniert gleichzeitig auf zwei Leitungen,
tippt ein E-Mail und gibt seinem Assistenten – der auch
ehemaliger Patient ist – stichwortartige Anweisungen.
Um sein Personengedächtnis würde ihn mancher Politiker
beneiden: Wenn er im Hotelaufzug einer Kardiologin
begegnet, kann es sein, dass er sich Jahre später auf einmal
bei ihr meldet, um sich über aufgetretenes Herzflimmern
bei einem Tuberkulosekranken zu beraten. Er merkt sich
die Biografien aller langfristigen Patienten und könnte
jedem, der zuhört, stundenlang über sie erzählen. Keine
Verbindung ist zu weit hergeholt, wenn es ihm darum
geht, diesen Menschen zu helfen. Als am Anfang seiner
beruflichen Laufbahn für die Operation an zwei Waisen
kein Budget vorhanden war, setzte er schlichtweg ihre
Adoption durch: Seine Krankenversicherung kam dann
für alle Behandlungskosten auf. Insgesamt adoptierte er
fünf Kinder, die in Äthiopien erlaubte Höchstzahl. Als
sie erwachsen waren, zogen sie aus und schufen Platz
für neue Mitbewohner. Zwölf Patienten, die von weit
her nach Addis Abeba gekommen sind oder überhaupt
kein anderes Zuhause haben, wohnen derzeit unter Ricks
Dach, um die zwanzig sind in drei weitere Häuser untergebracht,
die er ebenso privat finanziert. Die Gebäude,
einschließlich Ricks Unterkunft, sind völlig abgewohnt
und es fehlt an allen Ecken und Enden. Der Vergleich zu
Mutter Teresa passt in mehrfacher Hinsicht: Die heiliggesprochene
Ordensfrau zelebrierte die Armut förmlich,
statt sie als Hürde zu empfinden.
Das CURE-Krankenhaus liegt malerisch auf einem
Hügel im Einzugsgebiet Gulele. An den Tagen, wo Dr.
Rick hier praktiziert, ist der Warteraum voll. „Meine Mitarbeiter
sind angewiesen, zuerst die Leute hereinzulassen,
denen ich nicht helfen kann“, erklärt er, während er ein
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 147
Zu Erew Schabbat bei Rick Hodes treffen sich Patienten, Geschäftsleute, Mediziner, Studenten, NGO-Mitarbeiter und der gelegentliche Reporter
Baby mit Downsyndrom untersucht. „So müssen sie nicht
den ganzen Tag lang warten, um dann am Ende noch eine
Enttäuschung zu erfahren.“ Fälle, die einander ähneln –
zum Beispiel Nachkontrollen von Rückgratsoperationen
– werden oft gruppenweise kontrolliert, um Zeit zu sparen.
Dr. Rick schafft es, jeden Patienten zum Lachen zu bringen,
und es gibt keinen einzigen, den er nicht fotografiert.
„Wenn ich den Patientenakt an andere Ärzte verschicke,
soll das Gesicht des Kranken sie daran erinnern, dass es
sich hier nicht nur um ein Herz oder ein Rückgrat handelt,
sondern um einen ganzen Menschen.“ Fast alle Besucher
haben ein kleines Kruzifix um den Hals, gelegentlich erscheinen
Mädchen im Hidschab. Dass heutzutage kaum
noch Juden unter seinen Patienten sind, stört Ricks Arbeitgeber
kaum. Unter den fünf Tätigkeitsbereichen des JDC
findet sich neben „Den ärmsten Juden der Welt zu helfen“
und „Israels Zukunft zu unterstützen“ auch „Die Opfer
weltweiter Notlagen zu retten“. Hodes hat immer wieder
bewiesen, wie sehr er dieser Aufgabe gewachsen ist. Auf Anfrage
des Redakteurs schwärmt JDC-Geschäftsführer Alan
Gill: „Dort, wo Optimismus ein kostbares Gut ist, verwandelt
Dr. Rick Hodes Verzweiflung in Hoffnung und lebt
somit die jüdische Idee des Tikun Olam. Sein Werk, das so
viele Menschen inspiriert, gibt auch uns den Auftrag, mehr
für die Welt zu tun.“
148
Beim genaueren Betrachten seines Lebens kommt es
einem vor wie ein ewiges Ferienlager. Für eine Instandhaltung
fehlt schlicht die Zeit: Daheim tollen ungewaschene
Kinder herum, in der Küche liegt Essen auf dem
Boden, die Klospülung wurde seit Jahren nicht repariert,
Teile des Gartens ähneln einem Dschungel. Zwei wilde
Hunde haben sich das Grundstück zu eigen gemacht,
in einer Ecke spielen ihre Welpen. Doch kann man dem
„Doktorvater“ kaum vorwerfen, dass er seine Schützlinge
vernachlässigt: Fast alle gehen auf teure Privatschulen, in
der Früh stellen sie sich blitzblank in ihren Uniformen
ein und am Nachmittag werken sie an den Hausaufgaben.
Die Sonne steht schon tief, als der Allradwagen den
Arzt von der Klinik abholt. Auf dem Rücksitz kommen
wir erstmals intimer ins Gespräch. Als die Beziehungsfrage
im Raum steht, fällt die Antwort des Junggesellen
lapidar aus: „Eine Frau würde hier alles verändern.“ Ein
Biograf des Peter-Pan-Erschaffers J. M. Barrie vermutet,
dass der legendäre Autor seinen drei Adoptivsöhnen
nicht nur Vater, sondern auch Mutter sein wollte. Rick
Hodes wirkt zeitweise, als möchte er weder das eine noch
das andere sein. Ungeachtet der Frage, was genau eine
Liebesbeziehung in der Welt des Dr. Rick verändern
würde, ist es offensichtlich, dass dieses Nimmerland auch
ohne sie ganz gut funktioniert. 2
DAS JÜDISCHE ECHO
FOTO: RONNIE NIEDERMEYER
Biografien der Autorinnen und Autoren
Belovari, Susanne. Geboren 1963 in Wien. Sie lebt in Wien und in
den USA. Professorin und Archivarin für Professorennachlässe an
der University of Illinois, Urbana-Champaign. Ehemals Holocaust-
Restitutionshistorikerin und Archivarin an der Anlaufstelle der
Israelitischen Kultusgemeinde für jüdische NS-Verfolgte in und
aus Österreich, Wien, wo sie das IKG-Archiv (von den Nationalsozialisten
1938 geschlossen) wieder aufbaute und mit dem
United States Holocaust Memorial Museum die Bearbeitung und
Verfilmung der IKG-Bestände in Jerusalem wie in Wien organisierte;
weiters die Verfilmung durch die Genealogical Society of
Utah. Publikationen über die Geschichte der Völkerkunde, des
Rassenbegriffes, Holocaustrestitution, kulinarische Geschichte,
Archivarbeit, bedrohte Archivsammlungen sowie Web- und
digitale Archive.
Brandner, Judith. Geboren 1963 in Salzburg. Japanologin und
Übersetzerin für Englisch und Japanisch. Radiojournalistin und
Moderatorin für Ö1 sowie für öffentlich-rechtliche Sender in
der Schweiz und in Deutschland; Publizistin und Buchautorin
(darunter: „Zu Hause in Fukushima“, Verlag Kremayr & Scheriau,
2014). Zahlreiche Journalistenpreise, darunter der Concordia-
Menschenrechtspreis 1998, Herta-Pammer-Preis 2005, Prälat-
Leopold-Ungar-Preis 2008 und der Verkauf-Verlon-Preis für
antifaschistische österreichische Publizistik 2013. Website:
www.judithbrandner.at
Brandstaller, Trautl. Geboren 1939 in Wien. Sie studierte Jus und
Französisch an der Uni Wien und an der Sorbonne in Paris sowie
danach Politikwissenschaften am Wiener Institut für Höhere
Studien. Ihre journalistische Laufbahn begann bei Kathpress
und der „Furche“. Weitere Stationen: „Neues Forum“ und „profil“.
Dr. Brandstaller kam 1975 zum ORF, wo sie mit einer Doku zur
österreichischen Minderheitspolitik („Fremde in der Heimat“)
startete. Von 1976 bis 1984 leitete sie das Magazin „Prisma“,
das die Themen der neuen Frauenbewegung aufgriff und damit
der österreichischen Frauenpolitik wichtige Impulse lieferte. Ab
1986 stand sie der Hauptabteilung Gesellschaft, Jugend und
Familie vor. Für ihre TV-Dokus (darunter „Juden in Wien heute“
und ein Porträt von Simone de Beauvoir) erhielt sie zahlreiche
Auszeichnungen, u. a. den Axel-Corti-Preis. Als freie Publizistin
veröffentlicht sie weiterhin politisch-historische Artikel u. a.
im „Standard“, in der „Presse“ sowie in der „Europäischen
Rundschau“.
Brodnig, Ingrid. Geboren 1984 in Graz. Sie studierte
„Journalismus und Unternehmenskommunikation“ an der
FH Joanneum in Graz. Danach arbeitete sie für den „Falter“
und für das „profil“, wo sie weiterhin eine Kolumne zur
Informationstechnologie schreibt. Sie hat drei Bücher zu diesem
Themenkomplex verfasst, zuletzt „Lügen im Netz“, das sich mit
politischer Manipulation im Internet beschäftigt, und „Hass im
Netz“, das erklärt, was gegen Hasskommentare, Mobbing und
Lügengeschichten getan werden kann. Ihre Arbeit wurde mit
mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Bruno-Kreisky-
Sonderpreis für das politische Buch. Im Herbst 2019 erscheint
von ihr „Übermacht im Netz. Warum wir für ein gerechtes Internet
kämpfen müssen“ im Brandstätter-Verlag.
Feldner-Busztin, Gina. Geboren 1997 in Wien. Sie ist
Vorstandsmitglied der Jüdischen österreichischen
HochschülerInnen.
Föderl-Schmid, Alexandra. Geboren 1971 in Haslach in
Oberösterreich. Sie studierte Publizistik, Politikwissenschaft
und Geschichte an der Universität Salzburg. Schon während
des Studiums schrieb sie für die Tageszeitung „Der Standard“.
Von 1993 bis 2006 war sie „Standard“-Korrespondentin in
Berlin und Brüssel. Von 2007 bis 2017 war sie Chefredakteurin
des „Standard“. Seit Anfang November 2017 ist sie
Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ in Israel. 2018
erhielt sie den Ari-Rath-Preis für kritischen Journalismus.
Jüngste Buchpublikation: „Unfassbare Wunder: Gespräche mit
Holocaust-Überlebenden“, Böhlau Verlag 2019.
Folger, Arie. Geboren 1974 in Antwerpen als Sohn eines Schoah-
Überlebenden, seine Mutter stammt aus Marokko. Er absolvierte
ein Rabbinatsstudium unter anderem in Wilrijk, Belgien,
Gateshead, England, Jerusalem und New York. An der Stern School
of Business der New York University erwarb er den Mastergrad
(MBA). 2003–2008 war er Rabbiner in Basel, später PR-Direktor
des Amerikanischen Rabbinerverbands. Danach betreute er
Gemeinden in München und Frankfurt am Main. Er spricht Deutsch,
Englisch, Französisch, Hebräisch, Jiddisch und Niederländisch. Der
orthodoxe Rabbiner bezeichnet sich zudem als Autor, Redakteur
und koscherer Nahrungsmittelexperte. In verschiedenen
Organisationen, darunter in der Konferenz Europäischer Rabbiner,
im Amerikanischen Rabbinerverband (RCA) und in der Orthodoxen
Rabbinerkonferenz Deutschland, bekleidete oder bekleidet er
Ehrenämter. 2016–2019 Oberrabbiner von Wien.
Goldberger, Frimet. Geboren 1985, schrieb die freie Print- und
Radiojournalistin mehrfach über ihre Jugend im chassidischen
Dorf Kiryas Joel in New York, das sie 2008 gemeinsam mit ihrem
Mann und ihren zwei Kindern verließ. Goldbergers Artikel über die
Vertuschung von sexuellem Missbrauch in einer chassidischen
Gemeinschaft wurde 2015 mit dem Ippies Award ausgezeichnet.
Goldberger ist Absolventin des Sarah Lawrence College und
lebt mit ihrer Familie in Rockland County, New York, wo sie einen
Online-Bäckerei-Versand („The Babka Lady“) betreibt. Sie
arbeitet gerade an ihrem ersten Roman.
Goldenberg, Anna. Geboren 1989 in Wien. Sie ist Journalistin
und Autorin in Wien. 2018 erschien ihr Buch „Versteckte Jahre.
Der Mann, der meinen Großvater rettete“ (Paul Zsolnay Verlag).
2020 wird im New Yorker Verlag „New Vessel Press“ die englische
Übersetzung erscheinen. Sie studierte Psychologie an der
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 149
Universität von Cambridge sowie Journalismus an der Columbia
University und war anschließend Redakteurin der Wochenzeitung
„Jewish Daily Forward“ in New York. Sie schreibt über Medien und
das Internet für den „Falter“.
Hoare, Liam. Geboren 1989 in Crawley, Großbritannien. Er
studierte Geschichte an der School of Slavonic and East
European Studies des University College London. Hoare arbeitet
als freier Journalist und lebt seit 2017 in Wien. Er ist Europa-
Editor des „Moment Magazine“ und schreibt für britische und
amerikanische jüdische Publikationen über Politik und Literatur.
Jürgens, Uli. Geboren 1970, aufgewachsen in Deutschland,
Brasilien und Österreich. Nach 13 Jahren bei Radio Wien und Ö1
nahm sie eine Auszeit, schloss ihr Romanistikstudium ab, lebte in
Portugal und kam dann als freie Mitarbeiterin zu Ö1 zurück. 2015
wurde aus einer Radiosendung ihre erste TV-Dokumentation
„Der ungehorsame Konsul ‒ Exil in Portugal“ und ein Buch
(„Ziegensteig ins Paradies“, Mandelbaum Verlag, 2015). Seither
entstanden weitere zeitgeschichtliche Dokumentationen für
ORF III. 2019 zeigte der Sender ihre Doku „Diagnose: unbrauch -
bar. Die Opfer der NS-Euthanasie“. Ihr Buch „Louise, Licht und
Schatten“ über die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck erschien
ebenfalls 2019 im Wiener Mandelbaum Verlag. 2018 wurde sie
mit dem Leon-Zelman-Preis geehrt.
Kanzler, Christine. Geboren 1955 in Wien. Nach Absolvierung
eines Studiums der Theaterwissenschaft an der Universität
Wien und eines Ausbildungslehrgangs für Informations- und
Dokumentationsfachleute im nichtöffentlichen Bereich war sie
u. a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt „biografiA.
biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen“
an der Dokumentationsstelle Frauenforschung am Institut für
Wissenschaft und Kunst (Leitung: Ilse Korotin) beschäftigt.
Gemeinsam mit Ilse Korotin und Karin Nusko veröffentlichte sie
den Sammelband „… den Vormarsch dieses Regimes einen
Millimeter aufgehalten zu haben …“. Österreichische Frauen im
Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Praesens Verlag,
Wien 2015. Sie ist außerdem als Lehrende für Deutsch als
Fremdsprache/Zweitsprache an Wiener Volkshochschulen tätig.
Korotin, Ilse. Geboren 1957. Dr. phil., MA, Studium der
Philosophie, Soziologie und Geschichte an der Universität
Wien. Leiterin der Dokumentationsstelle Frauenforschung am
Wiener Institut für Wissenschaft und Kunst. Seit 1998 Leitung
des multimodularen Forschungs- und Dokumentationsprojekts
„biografiA – Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen“.
In diesem Zusammenhang erschien 2016 im Böhlau Verlag
das vierbändige biografische Lexikon biografiA. 2018
erschien der Band „Biografien bedeutender österreichischer
Wissenschafterinnen – Die Neugier treibt mich, Fragen zu
stellen“. Ilse Korotin ist Leiterin der FrauenAG der österreichischen
Gesellschaft für Exilforschung. Weitere Arbeitsschwerpunkte
bewegen sich im Bereich der Wissenschaftsgeschichte und
in der Erforschung des Zusammenhangs von Philosophie und
Nationalsozialismus.
150
Kronsteiner, Olga. Geboren 1967 in Graz, aufgewachsen
in Wien. Studium der Kunstgeschichte sowie Publizistik
und Kommunikationswissenschaften in Wien. Ebendort
postgradualer Zertifikatskurs zum Thema Kunstrecht. Seit
1993 freie Journalistin und Korrespondentin für Tageszeitungen
und Fachzeitschriften (u. a. „Die Welt“, „Handelsblatt“, „Neue
Zürcher Zeitung“, „Weltkunst“, „Antiquitätenzeitung“, „The
Art Newspaper“). Spezialisiert auf den Bereich Kunstmarkt
sowie das Themengebiet Raubkunst und Restitution; dazu
Forschungsprojekte im Bereich österreichischen Kunstgewerbes
sowie Provenienzen. Seit Mitte der 1990er-Jahre freie
Mitarbeiterin bei „Der Standard“, dort auch sporadische
„Ausflüge“ zu kulturpolitischen und denkmalschutzrechtlichen
Themen.
Kuffner, Astrid. Geboren 1977 in Wien, studierte Ökologie/
Umweltökonomie an der Universität Wien und an der WU Wien;
sie durchlief zudem einen postgradualen Universitätslehrgang
für Public Relations an der Universität Wien. 2004 absolvierte
sie ein sechsmonatiges Praktikum bei Spiegel TV (Hamburg) und
begann als Redakteurin beim „Universum Magazin“ (LW Media).
Ab 2005 schrieb sie regelmäßig für das Branchenmagazin „Der
Österreichische Journalist“ und die Forschungsbeilage des
„Standard“. Seit Herbst 2006 ist sie freie Journalistin in Wien
(www.astroid.at). Ihre Leidenschaft für Porträts erwachte mit dem
„Geistesblitz“, den sie zehn Jahre lang für den „Standard“ mit
verfasste. Seit 2017 pflegt sie diese Vorliebe und die Beziehung
zu ihrer Heimatstadt beim Onlinemagazin „MadameWien.at“.
Maimann, Helene. Historikerin, Autorin und Filmemacherin. Sie
studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Uni
Wien. Hat große Ausstellungen zur Zeitgeschichte kuratiert
und geleitet, für Ö1 gearbeitet, war Abteilungsleiterin im
ORF für Dokumentarfilmleisten („Nightwatch“, „Brennpunkt“
„DOKUmente“). Zahlreiche Filme für die Abteilungen
Wissenschaft und Religion des ORF sowie Publikationen zu
Exil, Frauengeschichte, Geschichte der politischen Ideen,
Methodologie, Mentalitätsgeschichte, Biografien und jüdische
Identitäten. Zuletzt 2018 für 3Sat: „Die Coudenhove-Kalergis.
Europa im Herzen, zuhause in der Welt“. 1980 bis 1994 Lektorin
am Institut für Geschichte der Universität Wien, seit 2008 an
der Filmakademie Wien. Mehrere Auszeichnungen, darunter der
Karl-Renner-Publizistikpreis, das Ehrenkreuz für Wissenschaft
und Kunst und die Rosa-Jochmann-Plakette. 2019 wurde ihr der
Axel-Corti-Preis zuerkannt.
Niedermeyer, Ronnie. Geboren 1980 in Wien, wuchs dreisprachig
auf und lebte als Jugendlicher fünf Jahre in Jerusalem. Als
Fotograf und Journalist beschäftigt er sich vorwiegend mit
sozialen und kulturellen Themen. Seine Arbeiten im Bereich der
künstlerischen Fotografie wurden im Westlicht, im Wien Museum,
im Leopold Museum und im Künstlerhaus Wien ausgestellt; sein
erstes Fotobuch „Zeit und Wien“ erschien 2008 im Christian
Brandstätter Verlag. 2011 bekam seine Serie „Blinde sehen“
beim „Europaweiten Fotowettbewerb gegen Diskriminierung“
von Amnesty International den ersten Preis; sein Porträt von
DAS JÜDISCHE ECHO
Otto Muehl wurde Gesamtsieger unter 7000 Einreichungen
beim Kurier Fotowettbewerb 2014. Im darauffolgenden Jahr
veröffentlichte er das Fotobuch „Farben in Marrakesch“ im
Verlag Bibliothek der Provinz. Er unterrichtet Fotografie im
Wiener Bildungszentrum sowie als Gastlektor an der Höheren
Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt. Als Herausgeber
publizierte er 2014 fotografische Arbeiten des Regisseurs und
Schauspielers Otto Schenk und 2016 eine Monografie der
Fotografin Elfriede Mejchar. 2015 war er Artist in Residence an
der One World Foundation in Sri Lanka (gemeinsam mit David
Schalko). Neben seiner medialen Tätigkeit vermittelt Niedermeyer
als Outdoorguide im Rahmen der Initiative „Young Explorers
Vienna“ die Wildnis.
Porak, Clara. 1997 in Wien geboren. Studiert Germanistik und
Bildungswissenschaften in Wien und ist freie Journalistin. Vor
allem schreibt sie für das Monatsmagazin „DATUM“. Ehrenamtlich
arbeitet sie als Pfadfinderleiterin und engagiert sich für den
Klimaschutz.
Rabinowich, Julya. Geboren 1970 in Leningrad in der damaligen
Sowjetunion. Lebt seit 1977 in Wien, wo sie an der Universität
Wien ein Dolmetschstudium absolvierte und an der Universität
für angewandte Kunst ein Studium mit Schwerpunkt Malerei und
Philosophie abschloss. Als Dolmetscherin arbeitete sie u. a. für
das Integrationshaus Wien und in der Flüchtlingsbetreuung der
Diakonie. Sie schrieb Romane und andere Prosa („Spaltkopf“,
2008, „Herznovelle“, 2011, „Die Erdfresserin“, 2012) und
Theaterstücke (darunter „Stück ohne Juden“, 2010 und
„Tagfinsternis“, Uraufführung 2013), für die sie zahlreiche Preise
erhielt. 2019 erschien ihr Roman „Hinter Glas“ im Hanser Verlag,
München. Auf ihrem Roman „Herznovelle“ (2011) basiert der
Film „Herzjagen“ (2019) von Elisabeth Scharang (2019). Im
Oktober 2018 hielt sie die Festrede zur Feier von 100 Jahren
Frauenwahlrecht an der Universität Wien.
Scholl, Susanne. Geboren 1949 in Wien. 1972 Doktorat der
Slawistik an der Universität Rom. 1973/1974 Studienaufenthalt
an der Uni Leningrad. Ihre journalistische Arbeit begann
bei der APA und ab 1985 beim ORF. Sie hat 1989 als
ORF-Korrespondentin in Bonn das Ende der DDR miterlebt und
von 1991 bis 2009 mit einer kurzen Unterbrechung aus Moskau
berichtet. Scholl wurde mit dem österreichischen Ehrenkreuz für
Wissenschaft und Kunst und weiteren Preisen ausgezeichnet.
Seit 2009 ist sie freie Journalistin und Autorin. Soeben ist im
Residenz-Verlag ihr jüngstes Buch erschienen, der Roman „Die
Damen des Hauses“, in dem sich vier Frauen der Frage stellen, wie
sie im Alter leben können und wollen. Scholl engagiert sich zudem
in der Initiative „Omas gegen rechts“, die vor „Rechtspopulisten
und Menschenverächtern“ warnt.
Segenreich-Horsky, Daniela. Geboren 1959 in Wien. Studium in
Paris, Wien und New York, Design und PR für Theaterproduktionen
und Kunstevents. Ab 1986 als freie Journalistin bei den
Magazinen „trend“ und „Cashflow“. 1988 Auswanderung nach
Israel, Studium der Kunst- und Familientherapie, Tätigkeit als
Therapeutin. Zahlreiche Beiträge für Printmedien in Österreich,
Deutschland und der Schweiz (u. a. „Der Standard“, „Die Welt“,
„Neue Zürcher Zeitung“ und „Wina“). Freie Mitarbeiterin des ORF.
Bücher: „Zwischen Kamelwolle und Hightech“ (Styria Verlag,
2014) und das mit ihrem Ehemann Ben Segenreich verfasste
Buch „Fast ganz normal“ über ihr Leben in Israel (Amalthea
Verlag, 2018).
Stackl, Erhard. 1948 in Wien-Mödling geboren. Studien an der
Hochschule für Welthandel und an der Uni Wien, M.A. Im Jahr
1970 Gründungsmitglied des Magazins „profil“, später Leiter des
Auslandsressorts und stellvertretender Chefredakteur. Ab 1991
mehr als zwanzig Jahre bei der Tageszeitung „Der Standard“,
nun freier Journalist und Autor. Beiträge u. a. für „The New York
Times“ (International Weekly) und das „Südwind-Magazin“. Als
„Friedensjournalist“ wurde er mit dem Humanitätspreis des
Österreichischen Roten Kreuzes ausgezeichnet. Für sein Buch
„1989 – Sturz der Diktaturen“ über die demokratische Wende in
Zentraleuropa und Südamerika (Czernin Verlag, 2009) erhielt er
den Bruno-Kreisky-Buchpreis.
Steffens, Frauke. Geboren 1979 in Hannover, ist Politik-
Korrespondentin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in New
York, wo sie seit 2014 lebt. Zuvor arbeitete sie als Autorin für den
Westdeutschen Rundfunk und andere ARD-Anstalten in Köln und
New York. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft in
Hannover und promovierte 2008 mit einer Arbeit zum Umgang mit
der NS-Vergangenheit an der Technischen Hochschule Hannover
(heute Leibniz Universität).
Suchy, Irene. Geboren 1960 in Wien. Sie absolvierte Studien
der Musikwissenschaft und Germanistik, der Musikpädagogik
und Instrumentalmusikpädagogik in Wien und Tokio. Sie ist
Musikredakteurin bei Ö1, Lehrbeauftragte an der Universität
Wien und an der KUG Graz, Ausstellungsmacherin, Moderatorin,
Dramaturgin und Literatin. Dr. Suchy hat Publikationen zur
neueren Musikgeschichte – über Paul Wittgenstein (2006), Otto
M. Zykan (2008) und Friedrich Gulda (2010), zur Geschichte
der abendländischen Musik in Japan, zu NS-Verfolgten und
zur NS-Musikexilgeschichte, zu feministischer Musikologie
sowie zur Zeitgeschichte herausgebracht. 2010 wurde sie
mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich
ausgezeichnet, 2013 mit dem Dr.-Karl-Renner-Preis, 2017 war
sie Kulturjournalistin des Jahres. Seit 2018 leitete sie das EU
Creative Culture Projekt „MusicaFemina – women made music“.
Sunjic, Melita. Geboren 1955 in Rijeka. Sie kam 1957
als Flüchtlingskind nach Österreich, wohnte anfangs in
UNHCR-Flüchtlingslagern in Steyr und Linz. Nach dem
Studium der Publizistik und Promotion an der Universität Wien
arbeitete Sunjic als Journalistin, zwischen 1980 und 1993 als
Außenpolitik-Chefin der „Wiener Zeitung“. Danach Wechsel zum
UNO-Flüchtlingshilfswerk, wo sie Pressesprecherin und weltweit
in Krisenregionen im Einsatz war. Bücher: „Woher der Hass?
Kroaten und Slowenen kämpfen um Selbstbestimmung“ (1992),
„Echte Österreicher“ (gemeinsam mit Patrik-Paul Volf verfasst, mit
Vol. 68: Starke Frauenstimmen 151
dem Kreisky-Buchpreis prämiert) und „Flucht nach Österreich“
(Robert Schlesinger, 2001). Sie arbeitet für Transcultural
Communication, eine Agentur, die u. a. Regierungen und in
Migrationsfragen berät.
Szyszkowitz, Tessa. Geboren 1967. Journalistin und promovierte
Historikerin (Universität Wien), die sich seit Jahren mit dem
politischen Islam beschäftigt. Sie war Nahostkorrespondentin
(1994‒1998) und Russlandkorrespondentin (2002‒2010) für
das Magazin „profil“. Ihr Buch „Trauma und Terror“ (Böhlau Verlag,
2008) handelt vom Einfluss kollektiver Traumata auf nationale
Bewegungen am Beispiel von Tschetschenen und Palästinensern.
Sie lebt u. a. als „profil“-Korrespondentin in London. Jüngste
Buchpublikation: „Echte Engländer ‒ Britannien und der Brexit“,
Picus-Verlag, 2018.
Tomic, Manuela. Geboren 1988 in Sarajevo im ehemaligen
Jugoslawien. Journalismus-Studium an der Fachhochschule der
WKW in Wien. Danach tätig als freie Journalistin für Medien wie
„Die Zeit“, Deutsche Welle, Arte, „Datum“, „Die Tageszeitung“,
ORF.at und anderes. Sie schreibt über gesellschaftspolitische
Themen wie Asylwerber in der Lehre oder weibliche katholische
Priesterinnen. Ein erster Prosatext „1992“ ist 2019 in der
Kulturzeitschrift „Fluchtraum“ erschienen. Aktuell ist sie
Redakteurin bei der Wochenzeitung „Die Furche“.
Tóth, Barbara. 1974 in Wien als Tochter einer gebürtigen
Tschechin und eines Ungarn geboren. Studium der Geschichte,
das sie mit einer Dissertation über die „Reder-Frischenschlager-
Affäre“ abschloss. Journalistische Stationen: „Profil“, „Format“,
„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Der Standard“. Seit 2007
leitende Redakteurin beim „Falter“. Tóth unterrichtet Journalismus
an der Fachhochschule Wien und berichtet auch für ausländische
Medien über österreichische Politik und Zeitgeschichte. Sie
schrieb die Bücher „Karl von Schwarzenberg. Die Biografie“, „Wahl
2018“ (mit Thomas Hofer), „Sebastian Kurz. Österreichs neues
Wunderkind?“ (mit Nina Horaczek) und „Stiefmütter: Leben mit
Bonuskindern“ (2018). Exvizekanzler Reinhold Mitterlehner gab
sie bei dessen Buch „Haltung“ schreiberische Hilfestellung. Sie
wurde u. a. mit dem Prälat-Leopold-Ungar-JournalistInnenpreis
und mit dem Kurt-Vorhofer-Preis ausgezeichnet.
Ungar-Klein, Brigitte. Geboren 1953 in Wien. Sie studierte
Geschichte und Germanistik und übte den Lehrberuf aus.
Daneben wissenschaftliche Forschung zum Thema Zeitgeschichte
und Schoah. Ungar-Klein war Direktorin des Jüdischen Instituts
für Erwachsenenbildung in Wien. Sie ist eine der AutorInnen
des Buches „Kündigungsgrund Nichtarier. Die Vertreibung
jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten in den Jahren
1938–1939“ (Picus Verlag, 1996) sowie Herausgeberin des
im Jahr 2000 erschienenen Werks „Jüdische Gemeinden in
Europa. Zwischen Kontinuität und Aufbruch“ (Picus Verlag).
2019 erschien, nach jahrelangen Forschungen, bei Picus das
Buch „Schattenexistenz“ über die „jüdischen U-Boote in Wien
1938–1945“, die auch das Thema ihrer Doktorarbeit waren.
Voykowitsch, Brigitte. Geboren in Wien, ist freie Print- und
Radiojournalistin mit regelmäßigen Beiträgen für den ORF,
speziell für das Programm Ö1. Von 1991 bis 2000 war sie
außenpolitische Redakteurin der Zeitung „Der Standard“
mit Schwerpunkt Süd- und Südostasien, 2001 London-
Korrespondentin des „Standard“. Für ihre Berichterstattung über
Menschenrechte erhielt sie 1999 den Concordia-Preis. Lange
Jahre beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit Südasien, in
jüngster Zeit widmet sie sich verstärkt Osteuropa und Russland.
Buchpublikationen: „Dalits – die Unberührbaren in Indien“
(Verlag Der Apfel, 2006), „Allah, Ram und Kricket: Indisch-
Pakistanische Konfrontationen“ (Picus Verlag, 2003), „Göttinnen
und Frauenrechte: Indiens neue Töchter“ (Picus Verlag, 2000).
Weiss, Alexia. Geboren 1971, lebt als freie Journalistin und Autorin
in Wien. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an
der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig. Derzeit ist
sie Redakteurin des jüdischen Magazins „Wina“ und bloggt
regelmäßig zum Thema „Jüdisch leben“ auf www.wienerzeitung
.at/meinungen/blogs/juedisch_leben. Ihr erster Roman,
„Haschems Lasso“, erschien 2009 im Milena Verlag, das
Kinderbuch „Dinah und Levi. Wie jüdische Kinder feiern“ 2011
im Annette Betz Verlag. Im Frühjahr 2014 präsentierte sie ihren
zweiten Roman, „Endlosschleife“ (Iatros Verlag).
Welsh, Renate. Geboren 1937 in Wien, aufgewachsen in
Wien und Aussee. Sie studierte Englisch, Spanisch und
Staatswissenschaften, arbeitete als freie Übersetzerin und beim
British Council. Einen Namen machte sie sich als Autorin von
Kinder- und Jugendbüchern, am bekanntesten: „Das Vamperl“
und „Johanna“. Seit 1975 ist sie freie Schriftstellerin und schreibt
seit 1988 auch für Erwachsene. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen,
darunter: Deutscher Jugendliteraturpreis, Österreichischer
Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, Theodor-Kramer-Preis
und Preis der Stadt Wien für Literatur. Seit 2006 ist sie Präsidentin
der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen
und Autoren. Ihr erstmals 1988 erschienenes Buch über den
österreichischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, „In
die Waagschale geworfen“, hat der Wiener Czernin-Verlag 2019 in
einer Neuausgabe herausgebracht.
Wodak, Ruth. Geboren 1950 in London als Tochter einer
österreichischen Diplomatenfamilie. Volksschule in Belgrad,
Matura in Wien. 1974 promovierte sie „sub auspiciis
Praesidentis“ in Sprachwissenschaften, Habilitierung mit dreißig;
ab 1991 war sie ordentliche Professorin in Wien. 1996 erhielt
sie den Ludwig-Wittgenstein-Preis, Österreichs höchstdotierten
Forschungspreis. 2004 übernahm sie den Lehrstuhl für
Diskursforschung an der britischen Lancaster University. Ihr
jüngstes Buch, „The Politics of Fear. What Right-Wing Populist
Discourses Mean“, ist im September 2015 bei Sage Publications,
London, erschienen.
©WienTourismus/P. Rigaud
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