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Das Jüdische Echo 2019 - Vol. 68 / Starke Frauenstimmen

100 Jahre nach Verwirklichung des Wahlrechts für Frauen Ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion: Im Jüdischen Echo 2019/20 beleuchten wir die Rolle der Frau in Politik und Gesellschaft sowie Kultur und Religion, und das hundert Jahre nach dem Inkrafttreten des Wahlrechts für Frauen in Österreich. Über Verfolgung, Widerstand und Überleben einst, über Gleichstellung und Diskriminierung jetzt schreiben profilierte Autorinnen.

100 Jahre nach Verwirklichung des Wahlrechts für Frauen Ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion: Im Jüdischen Echo 2019/20 beleuchten wir die Rolle der Frau in Politik und Gesellschaft sowie Kultur und Religion, und das hundert Jahre nach dem Inkrafttreten des Wahlrechts für Frauen in Österreich. Über Verfolgung, Widerstand und Überleben einst, über Gleichstellung und Diskriminierung jetzt schreiben profilierte Autorinnen.

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DAS

JÜDISCHE

ECHO

STARKE FRAUENSTIMMEN

100 Jahre nach Verwirklichung des Wahlrechts für Frauen

Ihre Rolle in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion

Vol. 68

2019/20 | 5780


DAS

JÜDISCHE

ECHO

Gegründet von der Vereinigung Jüdischer Hochschüler Österreichs und Leon Zelman s. A.

Europäisches Forum für Kultur und Politik

Vol. 68

2019/20 | 5780


Impressum

Medieninhaber (Verleger), Herausgeber: Verein zur Herausgabe der Zeitschrift „Das Jüdische Echo“.

Zweck: Historisch-kritische Aufarbeitung des österreichisch-jüdischen Geisteslebens sowie die Darstellung

aktueller Strömungen zur Förderung demokratischer Kultur.

Obmann: Mag. Leon Widecki; Schriftführer: Peter Schwarz; Kassier: Norbert Gang.

Sitz: 1010 Wien, Judenplatz 8, Tel. 0043/1/535 04 31-500

E-Mail: office@juedischesecho.at, www.juedischesecho.at, www.facebook.com/DasJuedischeEcho

Chefredaktion: Erhard Stackl, Anna Goldenberg. Projektkoordination: Mag. Susanne Trauneck.

Mitarbeit: Irina Abajew. Lektorat: Helmut Gutbrunner. Bildredaktion: Nini Tschavoll.

Coverillustration: Cristóbal Schmal. Grafisches Konzept: Lisa Elena Hampel, Dirk Merbach.

Layout: Claudia Fritzenwanker. Produktion: Susanne Schwameis

Gesamtherstellung: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H. Druck: Finidr s.r.o., Česky Těšín

Für den Inhalt der einzelnen Artikel sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Die Inhalte der Artikel spiegeln nicht

unbedingt die Meinung der Redaktion und/oder des Herausgebervereins wider.

ISBN 978-3-85439-637-6

Vertrieb: Falter Verlagsgesellschaft m.b.H., Marc-Aurel-Straße 9, 1011 Wien

Tel. 0043/1/536 60, Fax 0043/1/536 60-935, E-Mail: service@falter.at

www.faltershop.at

Gefördert durch:

Mit freundlicher Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien

2

DAS JÜDISCHE ECHO


Inhalt

7 Das Jahrhundert der Frauen

Von Leon Widecki und Anna Goldenberg

Unterwegs zur Gleichberechtigung

9 Frauen an der Macht?

Jahrelang kam die Bewegung zur Gleichstellung

von Frauen Schritt für Schritt voran. Doch trotz

jüngster Erfolge – Stichwort Bundeskanzlerin –

bleibt die Bilanz zwiespältig. Sogar alte Männlichkeitsideale

leben wieder auf.

Von Trautl Brandstaller

13 Der Weg zur Gleichberechtigung ist noch lang

Wir leben in einer Zeit gegenläufiger Strömungen:

Während in der Gleichstellung der Geschlechter

erhebliche Fortschritte gemacht werden, kommen

europaweit gleichzeitig Politiker an die Macht, die

Frauenrechte wieder beschneiden wollen.

Von Julya Rabinowich

15 Frauen und Politik – Politik der Frauen

Aus jungen Frauen, die schon in den Jahren nach

1968 nicht einsahen, von ach so fortschrittlichen

Männern beiseitegeschoben zu werden, sind

ältere geworden, die heute stets ihre Stimme

erheben und die sich nicht mehr fürchten.

Von Susanne Scholl

18 „Jössas, a Weib!“

Warum konservative Frauen in Österreich in der

Politik Pionierinnen waren und warum es deshalb

Frauenquoten braucht.

Von Barbara Tóth

21 Liebe Männer, seid unser Klappstuhl!

Die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen

fordern mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz.

Sechs praktische Vorschläge, wie das gehen

kann.

Von Gina Feldner-Busztin

24 Genderdebatte und Body-Politik

Frauen in hohen Positionen, auch als Politikerinnen,

sind auch in Österreich willkommen,

sofern sie die „richtigen“ Einstellungen vertreten.

Und die sind in beträchtlichem Ausmaß oft

weiterhin Frauen gegenüber abwertend.

Von Ruth Wodak

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 3


Frauen und politische Öffentlichkeit

31 „Du schreist und brüllst“

Gerade digitale Medien werden genutzt, um

Frauen einzuschüchtern und wegzudrängen.

Die Gefahr ist, dass in digitalen Debatten ein

gesellschaftlicher Rückschritt passiert.

Von Ingrid Brodnig

35 „Ein Meer, in das ich eintauche“

Seit Jahrzehnten macht die Wiener Historikerin

Shoshana Duizend-Jensen Spuren jüdischen

Lebens in der Hauptstadt sichtbar. Heuer wurde

sie dafür mit dem Leon-Zelman-Preis für Dialog

und Verständigung ausgezeichnet.

Von Manuela Tomic

39 Frauen flüchten anders

Frauen sind in der Masse der Flüchtlinge

weniger sichtbar, aber schutzbedürftiger und

verwundbarer. Auch in den Fluchtgründen

unterscheiden sie sich von den Männern.

Von Melita H. Sunjic

44 Die Suffragetten von 2019

Hundert Jahre nachdem die Engländerinnen

das Wahlrecht erkämpft haben, steigen Frauen

mit Zivilcourage in Großbritannien wieder auf

die Barrikaden. Drei moderne Suffragetten im

Porträt.

Von Tessa Szyszkowitz

48 Der hohe Preis des Engagements

Die iranische Menschenrechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin

Shirin Ebadi spricht über die Ziele

und die persönlichen Folgen ihrer Tätigkeit.

Von Brigitte Voykowitsch

50 Ein heldisches Leben

Ruth von Mayenburg war eine Aristokratin, wurde

Kommunistin und diente in der Roten Armee als

furchtlose Agentin in Nazi-Deutschland und an der

Ostfront. Porträt einer Frau mit vielen Namen.

Von Helene Maimann

56 Ihrer Zeit voraus

Therese Schlesinger war unter den ersten acht

Frauen, die 1919 ein Mandat im Parlament

erringen konnten. Über eine Frau, die wohlsituiert

in einer liberalen jüdischen Familie aufwuchs und

sich später an die Seite von Arbeiterinnen stellte.

Die sich, trotz Schicksalsschlägen, in ihrem

Kampfgeist nicht beirren ließ.

Von Alexia Weiss

58 Acht Pionierinnen

Über die Frauen, die 1919 in das österreichische

Parlament einzogen, darunter Hildegard Burjan,

eine Christlich-Soziale, die wie Schlesinger einer

liberalen jüdischen Familie entstammte.

Von Alexia Weiss

Von der Gegenwehr und vom Überleben

61 Frauen des Widerstands sichtbar machen

Im Rahmen des Projekts, der Unterrepräsentanz

von Frauenbiografien generell entgegenzuwirken,

erarbeiten Frauenforscherinnen am Wiener

Institut für Wissenschaft und Kunst eine Datenbank

zu Widerstandskämpferinnen.

Von Ilse Korotin

64 Heldenhafte Frauen in der NS-Zeit

Die Zugehörigkeit zu bestimmten politischen

Milieus, Organisationen oder Religionsgemeinschaften

sowie eigene Diskriminierungserfahrungen

waren wichtige Faktoren, die eine Minderheit von

Frauen veranlasste, Widerstand zu leisten.

Von Christine Kanzler

4

DAS JÜDISCHE ECHO


70 Die ‚Kibbuznikit‘ vom Wiener Schwedenplatz

Wie Liselotte als junge Frau zu Chaja wurde

und in Pioniersiedlungen an Geheimprojekten

zum Schutz des entstehenden Staates Israel

mitwirkte.

Von Daniela Segenreich

78 Gugelhupf in Jerusalem

Nach 44 Jahren in Israel fuhr die in Wien geborene

Sidonie Goldstein, die „nie wieder zurück“

wollte, erstmals doch nach Österreich. Seither

kam sie immer wieder in die alte Heimat.

Von Alexandra Föderl-Schmid

81 Die Stehauf-Gretel

Margarete Healy, geboren 1923 in Wien, hat zwei

Kriege, vier Ehen und zahllose Neuanfänge erlebt.

1938 war sie gezwungen, Wien zu verlassen, um

zu überleben – als Kindermädchen, später auch

als Geheimagentin in Vietnam. Eine Erinnerung.

Von Astrid Kuffner

83 Stille Heldinnen und Helden

Recherchen über Mut und Menschlichkeit

unterm Hakenkreuz ergaben, dass im Wien der

NS-Zeit mehr als tausend Jüdinnen und Juden

im Verborgenen überleben konnten. Unter den

Rettern gab es mehr Frauen als Männer.

Von Brigitte Ungar-Klein

88 Dorothea, die Lebensretterin

Wie es gewesen sein muss, unter dem

Einsatz des Lebens jemanden vor dem Tod zu

bewahren, schildert diese Geschichte über die

Schauspielerin Dorothea Neff und ihre Freundin

Lilli Wolff.

Von Renate Welsh

93 Im Zweifel für den Zweifel

Vor einem Jahr veröffentlichte die Autorin ein

Buch über ihre Großeltern, die den Holocaust

überlebten. Ist die Geschichte zu Ende erzählt?

Von Anna Goldenberg

Die Verteidigung der Erinnerung

95 „Dann hab ich losgelassen“

Seine Ausstellung mit Holocaust-Überlebenden

wurde zerstört. Der Fotograf Luigi Toscano

erinnert sich an die unglaublichen Vorfälle in

Wien.

Von Anna Goldenberg (Text) und Luigi Toscano (Fotos)

Aus Religion und Kultur

101 Frauen im Judentum

Eva ist gleich viel wert wie Adam, dessen Name

ja „Mensch“ bedeutet. Ein jüdischer Ausblick

(Hashkafa) auf die Verhältnisse der Geschlechter.

Von Oberrabbiner Arie Folger

109 „2015 war einfach“

Seit vier Jahren betreut der Verein Shalom

Aleikum Flüchtlinge in Wien. Wie geht jüdischmuslimisches

Zusammenleben?

Von Clara Porak

106 Die Haare im Waschbecken

Die Autorin wuchs in einer ultra-orthodoxen Sekte

im Staat New York auf. Nach der Geburt ihres

zweiten Kindes verließ sie die Gemeinschaft.

Von Frimet Goldberger

112 „Ich bin keine Feministin“

Die ultraorthodoxe Richterin Ruchie Freier hat in

New York einen Ambulanzdienst gegründet, der

von Frauen betrieben wird.

Von Frauke Steffens

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 5


116 Die Wiederentdeckung der Elsa Bienenfeld

Österreichs erste promovierte Musikwissenschaftlerin

war zugleich die erste Frau, die in Wien unter

eigenem Namen Kulturrezensionen publizierte.

1942 wurde sie in Maly Trostinez ermordet.

Von Irene Suchy

124 Das bewegte Leben der Louise Fleck

Österreichs Filmpionierin und erste Regisseurin

Louise Kolm-Fleck ließ sich nicht einmal im Exil

in Schanghai in ihrem Schaffensdrang bremsen –

solange man sie ließ.

Von Uli Jürgens

119 Zuerst ignoriert, dann vergessen

Bis 1938 waren weibliche Kunstschaffende in

Österreich präsenter, als lange angenommen. Ihr

Beitrag für die Moderne wurde einfach ignoriert. Bis

die Forschung eine Kehrtwende einleitete.

Von Olga Kronsteiner

128 Wiener Juden und die Wiener Küche vor 1938

Wie die Koch- und Esstraditionen der österreichischen

Donaumetropole als gemeinsames

Werk und Erbe von Wiener Juden und Nichtjuden

entstanden sind.

Von Susanne Belovari

Über das Hauptthema hinaus

137 Amos Oz: Schriftsteller, Leser, Träumer

Der Ende 2018 verstorbene Schriftsteller, der

größte israelische Autor seiner Generation, stellte

Menschlichkeit und Humanität in den Mittelpunkt

seiner Romane und seiner Weltanschauung. Ein

persönlicher Nachruf.

Von Liam Hoare

140 Die Irrfahrt des Flüchtlingsschiffes St. Louis

Wie ein Schiff mit fast tausend jüdischen Flüchtlingen

1939 in der Karibik an einem Eisberg an

menschlicher Kälte zerschellte, schildert ein neuer

Roman, der das an sich bekannte Drama nun

auch aus kubanischer Perspektive beleuchtet.

Von Erhard Stackl

144 „Tierärztliche“ in dunkler Zeit

Eine neue Studie geht den Schicksalen jüdischer

Studierender am Vorläufer der heutigen VetMed

Wien nach.

Von Judith Brandner

145 „Eine Frau würde hier alles verändern“

Rick Hodes, medizinischer Direktor einer jüdischen

NGO, spielte in der äthiopisch-israelischen Luftbrücke

„Operation Salomon“ 1991 eine maßgebliche

Rolle. Der als „Mutter Teresa in Woody Allens

Körper“ beschriebene Arzt lebt als Junggeselle

unter bescheidensten Umständen inmitten seiner

zahlreichen Patienten in Addis Abeba.

Von Ronnie Niedermeyer

149 Biografien der Autorinnen und Autoren

ZUR COVER-ILLUSTRATION

Das Cover der Ausgabe 68 „Starke Frauenstimmen“ wurde vom

chilenischen Illustrator Cristóbal Schmal gestaltet.

Cristóbal Schmal wurde 1977 in Chile geboren. Nach Abschluss

seines Studiums zog er 2001 nach Barcelona, wo er sechs Jahre lang

für verschiedene Designstudios arbeitete. Seit 2008 lebt Cristóbal

Schmal in Berlin und arbeitet als freischaffender Illustrator.

www.artnomono.com

6

DAS JÜDISCHE ECHO


Vorworte

Das Jahrhundert der Frauen

ERNST HAMMERSCHMID, WWW.CORN.AT/PAUL ZSOLNAY VERLAG

Leon Widecki

Obmann

Ganz im Sinne von Leon Zelman,

s. A., der 1951 das „Jüdische Echo“

gegründet hat, bieten wir unseren

Leser/-innen einen Blick über den

eigenen Tellerrand. Wer offen ist

für neue Anregungen und erfahren

möchte, wie andere gescheite

Menschen denken, wer Interesse

hat, seinen Horizont zu erweitern,

um neue Perspektiven zu gewinnen

und sich eine umfassende Meinung zu bilden, der

hat genau das richtige Medium in Händen. Dass viele

unserer Autorinnen und Autoren auf unterschiedliche

Art und Weise mit dem Judentum verbunden sind, ist

selbstverständlich kein Zufall.

Unser mehrfach ausgezeichneter Chefredakteur

Erhard Stackl ist seit nunmehr sechs Ausgaben dafür verantwortlich,

dass wir Ihnen Jahr für Jahr anspruchsvollen

Lesestoff zu spezifischen Leitthemen bieten können. Als

ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des „profil“,

Ressortleiter Ausland und dann Chef vom Dienst bei

„Der Standard“ und als freiberuflicher Journalist – Beiträge

von ihm brachten unter anderem „The New York

Times“, „El País“, „Die Zeit“, Radio Ö1 und das „Südwind

Magazin“ – verfügt Erhard Stackl über höchste

Reputation und exzellente Kontakte in alle Welt. Die

Liste der Autorinnen und Autoren, die er für Beiträge im

„Jüdischen Echo“ gewinnen konnte, ist sehr beachtlich.

Die diesjährige Ausgabe ist, hundert Jahre nach Verwirklichung

des Wahlrechts für Frauen, „starken Stimmen

in Politik und Gesellschaft, Kultur und Religion“

gewidmet. Als Co-Chefredakteurin haben wir die junge,

erfolgreiche Journalistin und Buchautorin Anna Goldenberg

engagiert. Ihre feministische Sicht der Dinge hat

wesentlich zur Authentizität und Glaubwürdigkeit dieser

Ausgabe beigetragen.

In einem waren sich die von Männern dominierten

Gesellschaften, Kulturen und, ja, auch Religionen tau-

Anna Goldenberg

Co-Chefredakteurin

„Es sieht ganz so aus, dass der Fluch

Gottes an Adam und Eva sich allmählich

auflöst.“ Das schreibt der

scheidende Wiener Oberrabbiner

Arie Folger und bringt damit eine

Erkenntnis der aktuellen Ausgabe

des „Jüdischen Echos“ auf den

Punkt. Im Jahr 2019 richten wir

unseren Blick auf Frauen. Hundert

Jahre nach der Einführung des

Frauenwahlrechts in Österreich erkunden wir, wie die

Rolle der Frau in einer modernen Gesellschaft, beeinflusst

vom Judentum in all seinen unterschiedlichen Ausprägungen,

aussieht.

Der Fluch, der die Geschlechter ungleich gemacht

und die Frauen zu schmerzvoller Geburt und die Männer

zu harter Arbeit verdammt hat, verliert an Kraft.

Immer seltener bestimmt das Geschlecht, was einer

Person erlaubt ist oder was sie tun soll. Das zeigen etwa

die Beiträge von Tessa Szyszkowitz, Barbara Tóth und

Helene Maimann, die über Frauen in der Politik, einer

immer noch männerdominierten Domäne, schreiben.

Alexia Weiss porträtiert Therese Schlesinger, eine von

acht Frauen, die vor hundert Jahren in das österreichische

Parlament einzogen.

Jahrhundertelang hat der Fluch dafür gesorgt, dass

nur die eine Hälfte der Geschichte gesehen und überliefert

wurde. Was Frauen taten und wie sie es taten,

wurde oft nicht übermittelt. Die Geschichtsbücher

schrieben schließlich Männer. Umso notwendiger ist der

auf die Zeitgeschichte ausgerichtete Schwerpunkt dieser

Ausgabe. Gleich mehrere Beiträge widmen sich Widerstandskämpferinnen

in der NS-Zeit. Olga Kronsteiner

hat sich vergessener weiblicher Kunstschaffender, die vor

dem Holocaust in Österreich wirkten, angenommen.

Und um die Fehler unserer Vorfahren nicht zu

wiederholen, haben wir einen Blick aus Frauenperspektive

auf aktuelle Fragen geworfen. Seit der sogenannten

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 7


sende Jahre einig: Frauen sind minderwertig und können

gar nicht die gleichen Rechte genießen wie Männer.

Heutzutage kann man sich nur wundern, was alles möglich

gewesen ist. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert

der Frauenbewegung und großer Erfolge bei der

Durchsetzung von Gleichberechtigung. Die Frauen sind

weit gekommen. Das 21. könnte das Jahrhundert der

Frauen werden, wenn deren Unterrepräsentanz in Politik,

Wirtschaft und Kultur und die schlechtere Bezahlung

für gleiche Arbeit genauso Geschichte sein werden

wie das Vorenthalten des Wahlrechts.

Wie für alle Printmedien werden auch für Nischenpublikationen

wie das „Jüdische Echo“ die Zeiten nicht

einfacher. Umso mehr Dank und Anerkennung gebührt

unseren zum Teil langjährigen Inserent/-innen und

Unterstützer/-innen. Sie haben nicht nur klug investiert,

denn sie wissen um die hohe Qualität unserer Leserschaft

im In- und Ausland. Sie zeigen damit auch ihre Wertschätzung

für die umfangreichen Arbeiten rund um das

Erscheinen unserer Jahrespublikation. Apropos: Danke

an Susanne Trauneck, die seit vielen Jahren alles Organisatorische

im Herausgeberverein souverän „schupft“,

und Susanne Schwameis vom Falter Verlag, unserem

geschätzten Partner bei Gestaltung, Produktion und

Vertrieb.

Karl Farkas pflegte nach jeder Vorstellung im

Kabarett Simpl zu sagen: „Wenn es Ihnen gefallen hat,

empfehlen Sie uns weiter. Wenn nicht, behalten Sie es

für sich.“ Daran angelehnt: „Wenn Ihnen das ,Jüdische

Echo‘ gefällt, empfehlen Sie uns bitte weiter. Wenn

nicht, sagen Sie es uns, damit wir uns weiter verbessern

können.“ 2

Flüchtlingskrise sind vier Jahre ins Land gezogen, doch

Flucht bleibt ein aktuelles Thema. Wie geht es jenen jüdischen

Wiener Frauen, die damals die Hilfsorganisation

Shalom Alaikum gegründet haben, mit ihren Schützlingen

heute? Was erzählt die iranische Menschenrechtsaktivistin

und Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi, die

nun seit zehn Jahren im Exil lebt? Und wodurch unterscheiden

sich weibliche von männlichen Flüchtlingen?

Frauen haben so viele Freiheiten wie selten zuvor

in der Geschichte der Menschheit, doch der Kampf, um

diese Freiheiten zu bewahren, ist noch längst nicht ausgefochten.

Der Fluch mag sich allmählich auflösen, doch

wie die letzten Meter zurückgelegt werden sollen, darüber

herrscht Uneinigkeit. „Die realen Sorgen der Frauen

und die ideologischen Anliegen der Feministinnen

haben sich weit voneinander entfernt“, schreibt Trautl

Brandstaller. Sie argumentiert gegen gendergerechte

Sprache, während Ruth Wodak sprachwissenschaftliche

Argumente dafür liefert. Susanne Scholl und Julya Rabinowich

sehen in ihren Beiträgen wichtige frauenpolitische

Errungenschaften sogar in Gefahr. Die unterschiedlichen

Analysen zeigen: Den einen Feminismus, der den

Fluch endgültig beseitigen könnte, gibt es nicht.

Weniger Debatten über die Rolle der Frau gibt es

in religiösen Gemeinschaften. Hier sind die Regeln festgesetzt.

Für manche bietet das ausreichend Freiraum,

für andere nicht. Frauke Steffens’ Porträt der Richterin

Ruchie Freier sieht den ultraorthodoxen Lebensstil in

einem positives Licht, während Frimet Goldberger eindringlich

beschreibt, wie sie der engen chassidischen

Gemeinschaft, in der sie aufwuchs, entkommen ist.

Ein Fluch verliert seine magische Kraft, wenn

man ihn in seine Bestandteile zerlegt, ihn entzaubert,

beschreibt und analysiert. Nicht mehr und nicht weniger

soll diese Ausgabe des „Jüdischen Echos“ leisten. 2

8

DAS JÜDISCHE ECHO


Unterwegs

zur

Gleichberechtigung

Von Trautl Brandstaller

Frauen an der Macht?

FOTO: PRIVAT

Jahrelang kam die Bewegung zur Gleichstellung

von Frauen Schritt für Schritt voran. Doch trotz

jüngster Erfolge – Stichwort Bundeskanzlerin –

bleibt die Bilanz zwiespältig. Sogar alte Männlichkeitsideale

leben wieder auf.

Sieht man sich die derzeitige österreichische, aber auch

die europäische Politik an, könnte man den Eindruck

gewinnen, der Feminismus habe endgültig den Sieg

errungen. Die Übergangsregierung in Österreich wird

erstmals von einer Bundeskanzlerin angeführt, in ihrer

Regierungsriege sitzen fünfzig Prozent Frauen und fünfzig

Prozent Männer; auf europäischer Ebene wird für die

Spitzenposten intensiv um Geschlechterparität gerungen.

Ist in der Frauenpolitik also alles paletti?

Böse Zungen wenden ein, dass es sich hier eher um

eine Krise der männlichen Eliten und eine Krise der von

diesen männlichen Eliten geführten Institutionen auf

nationaler und internationaler Ebene handelt – eine

Krise, in der die Frauen als Nothelferinnen einspringen.

Weniger pessimistisch ist durchaus festzustellen, dass

die Frauenbewegung der späten Sechziger- und frühen

Siebzigerjahre große Erfolge erzielt hat, sie hat das gesellschaftliche

Bewusstsein radikal verändert. Die traditionellen

Rollenklischees sind erodiert. Viele politische

Maßnahmen in Österreich haben diesen Wandel, vor

allem den Wandel des Frauenbildes, befördert: die Änderung

des Familienrechts, mit der Abschaffung des bis

1970 im Allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch (ABGB)

festgeschriebenen Patriarchats, die Erleichterung der

Scheidung, die Straffreiheit der Abtreibung (2018 sogar

im katholischen Irland durch eine Volksabstimmung erzwungen),

die Forderung nach selbstbestimmter Sexualität

und ‒ vor allem ‒ der massiv verstärkte Zugang der

Mädchen zu höherer Bildung, heute haben die Frauen

bei der Akademikerquote mit den Männern gleichgezogen

(wenn auch in sehr verschiedenen Disziplinen).

Weniger massiv war die Änderung des männlichen

Rollenbildes, hier ist erst in den letzten zwanzig Jahren

ein deutlicher Wandel in der jüngeren Männergeneration

eingetreten, der allerdings von der Politik bisher kaum

wahrgenommen wurde. Männer beginnen sich um Kindererziehung

und Haushalt zu kümmern, und wenn

auch der Karenzurlaub für Väter nur in einem geringen

Ausmaß in Anspruch genommen wird, ist dennoch ein

neues Rollenbild im Entstehen.

Backlash nach 1989

Die scheinbare Erfolgsstory des Feminismus weist allerdings

eine harte Bruchlinie auf. Wie in vielen anderen

Bereichen, vor allem im ökonomischen Bereich, bildet

das Jahr 1989 eine klare Zäsur. Die Implosion des

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 9


Kommunismus und die Wende der westlichen Welt,

angeführt von den USA, zum „Neoliberalismus“, der

für manche Kommentatoren immer noch nicht existiert,

aber im „Washington Consensus“ von 1990 festgeschrieben

ist (mit den drei Forderungen nach Privatisierung,

Deregulierung und Liberalisierung), blieb nicht ohne

Rückwirkung auf die Gesamtstruktur der Gesellschaft.

Wenn auch die Auswirkungen primär die Wirtschaft und

den Sozialstaat betrafen, so blieben weder die Demokratie

noch die Kultur noch die Geschlechterrollen davon

unberührt.

Wie so oft sind es die USA, die den neuen Ton in

der Geschlechterdebatte angeben, vor allem auf dem

Weg über ihre Film- und Fernsehindustrie (das Internetzeitalter

steckte noch in den Anfängen). Neue Serien

veränderten das Frauenbild ‒ die jungen Frauen waren

zwar nicht mehr die „Weibchen“ der Fünfzigerjahre à la

Doris Day, sie hatten Bildung und Selbstbewusstsein,

aber ihr einziges Ziel blieb die Eroberung eines reichen

Mannes, mithilfe von High Heels und attraktivem Dekolleté

‒ bekanntestes Beispiel für das „neue“, modernisierte

alte Frauenbild war „Sex and the City“. In der

Nachfolge wurden aus den Männerjägerinnen dann

„Desperate Housewives“, die sich in ihren Villen am

Stadtrand langweilen.

Und während die neue neoliberale Ideologie mit

gefälligen Bildern die Frauen wieder aus der Politik und

dem öffentlichen Leben drängte, vollzog auch die Frauenbewegung

eine fatale Wende. Judith Butler avancierte

mit ihrem 1991 erschienenen Werk „Gender Trouble“

(deutsch „Das Unbehagen der Geschlechter“) zur neuen

Kultfigur der Bewegung. Ihre radikale These, nicht

nur die kulturellen Rollenbilder seien gesellschaftlich

geformt, sondern auch die Biologie, der biologische Unterschied

zwischen Mann und Frau sei ein gesellschaftliches

Konstrukt, verstörte die Feministinnen alter Schule

und verlagerte den Kampf um Gleichberechtigung auf

die psychologische Ebene der ambivalenten Identitäten.

«Die #MeToo-Bewegung brachte

ein Thema aufs Tapet, das bislang unter

den Teppich gekehrt worden war:

die alltägliche, in verschiedensten Formen

stattfindende Gewalt gegen Frauen.»

Eine Demonstration für Gleichberechtigung, abgehalten 2011 in

München anlässlich des hundertsten Internationalen Frauentags

10

Von nun an ging es weder um die Macht in der Demokratie

noch um Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern,

weder um eine Emanzipation beider Geschlechter

von ihren alten Rollenklischees noch um die Erringung

eines neuen Freiheitsgrades in der Gesellschaft, die Frauenbewegung

reduzierte sich auf die Fragen der sexuellen

Identität – die Abkürzung LGBTI (Lesbian, Gay, Bisexual,

Transgender und Intersexual) wurde zur Flagge der

neuen Frauenbewegung der 2000er-Jahre.

Die Folgen der neuen Positionierung waren zwiespältig

– zum einen gab es sicher eine neue Sensibilisierung

für Gewalt gegen Frauen. Die #MeToo-Bewegung

brachte – bei aller rechtsstaatlichen Problematik ‒ ein

Thema aufs Tapet, das bislang unter den Teppich gekehrt

wurde: die alltägliche, in verschiedensten Formen stattfindende

Gewalt gegen Frauen.

Zum anderen führte diese Debatte aber auch zu

absurden Folgen: In Schweden wurde ein Gesetz beschlossen,

wonach der Geschlechtsverkehr nur mit ausdrücklichem

Einverständnis beider Partner erfolgen darf,

in Frankreich ein Gesetz, wonach Männer Frauen nicht

nachpfeifen dürfen. (Die „dollen Minnas“ in den Niederlanden

der Siebzigerjahre stellten sich noch reihen-

DAS JÜDISCHE ECHO


Brigitte Bierlein, Österreichs erste Bundeskanzlerin, wurde am 3. Juni 2019 mit der Führung der Übergangsregierung betraut

FOTOS: PICTUREDESK, BKA/ANDY WENZEL

weise auf der Straße auf und pfiffen den Männern nach,

um diese Art der „Anmache“ lächerlich zu machen.)

Solche gesellschaftlichen Entwicklungen lösen keinen

Geschlechterkampf, sondern einen Geschlechterkrampf

aus ‒ kein Wunder, dass derzeit die Idee kursiert,

der beste Sex sei Sex mit einem Roboter. Wenn im intimsten

Bereich der Roboter den Menschen ersetzt, sind

wir einen großen Schritt weiter in Richtung Dehumanisierung

der Gesellschaft.

Verdrängte Sozialfrage

Auf der Strecke bei der „Gender“-Debatte bleiben die

massiven sozialen Probleme, die der Neoliberalismus

und die von ihm ausgelöste Krise der Weltwirtschaft aufwirft:

das Sinken der Reallöhne, die Frauen noch stärker

trifft als Männer (sie verdienen ja im Schnitt immer noch

fast dreißig Prozent weniger als Männer), das Sparen bei

Kindergärten und Ganztagsschulen, der massive Anstieg

der Lebenshaltungs- und Wohnkosten, die wachsende

Kluft zwischen den wenigen Reichen und den mehr werdenden

Armen – für alle diese drastischen Entwicklungen

bietet die Debatte um Binnen-I und neuen Text der

Bundeshymne keine befriedigende Antwort.

Die realen Sorgen der Frauen und die ideologischen

Anliegen der Feministinnen haben sich weit voneinander

entfernt.

Ebenso vernachlässigt hat die Frauenbewegung

das Thema der Zuwanderung, vor allem der türkischen

Frauen und der Frauen aus dem arabischen Raum. Hier

nur nach einem „Kopftuchverbot“ zu schreien, greift zu

kurz. Es kann nur die Sache der Frauen selbst sein, sich

zu emanzipieren – natürlich unterstützt von engagierten

Frauen der hiesigen Frauenszene. Unterstützte Emanzipation

ist ein mühsamer, langwieriger Prozess und keine

Frage von Verboten und Strafen.

Der Rechtsruck in den europäischen Gesellschaften,

ausgelöst durch die neoliberale Orientierung der Wirtschaft

mit ihren katastrophalen sozialen Folgen, drängt

auch die Frauenpolitik nach rechts: Rückkehr zum traditionellen

Frauenbild, zur traditionellen Frauenrolle, Kür-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 11


Früher Einsatz für den Feminismus ab den späten 1960er-Jahren:

Die Protestgruppe „Dolle Minas“ in den Niederlanden

zung der Mittel für Fraueninitiativen, Wiederaufleben der

alten Männlichkeitsideale von Krieg und Heldentum.

Globalisierte Frauenbewegung

Dies ist allerdings der westliche Blick auf die Geschlechterverhältnisse.

Die Frauenbewegung hat sich längst globalisiert

und auf den anderen Kontinenten, vor allem in Afrika

und Asien, enorme politische Bedeutung gewonnen.

In weiten Teilen der Welt kämpfen Frauen noch immer

um ihr Überleben: In China wurden mit der jahrzehntelang

betriebenen Ein-Kind-Politik massiv weibliche

Föten abgetrieben, in Indien ist die Tötung weiblicher

Föten immer noch gang und gäbe. Indische Feministinnen

haben ihren Kampf erst begonnen.

Weltweit haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten

Protestbewegungen von Frauen formiert. Die Klitoris-Beschneidung

in Afrika ist ein immer noch praktizierter

Gewaltakt gegen Frauen – hier hat sich in Europa eine

breite Frauenprotestbewegung gegen „genitale Verstümmelung“

formiert, die von afrikanischen Frauen initiiert

wurde. In den arabischen Ländern ist der Widerstand gegen

gleiche Rechte für Frauen besonders ausgeprägt. Der

– kurze ‒ Arabische Frühling wurde ganz wesentlich von

jungen Frauen getragen. Erst jüngst haben sich Frauen

in Saudi-Arabien das Recht aufs Chauffieren eines Autos

erkämpft.

Dass die Religion – vom Judentum über das Christentum

bis zum heute aktuellen Islam ‒ das Thema Sexualität,

das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, die

Rolle der Frau in der Gesellschaft massiv prägt, wäre eine

eigene Analyse wert. Tatsache ist, dass sich die Frauenbewegung

in allen Phasen und in allen Kulturen gegen

den ausgeprägten Patriarchalismus der monotheistischen

Kulturen entwickelte und weiter entwickelt.

Bei allen politischen Rückschlägen und kulturellen

Schwierigkeiten: „Es gibt ein gemeinsames Ziel aller dieser

feministischen Aktivitäten: die Schaffung einer Welt,

in der ein gutes Leben für alle, ein gleiches, gerechtes und

solidarisches Leben für alle, Männer und Frauen, möglich

ist“ (zitiert aus der „Furche“, 23. August 2018). 2

Frauenbilder: „Brave“ Doris Day (1922–2019), #MeToo-Verbreiterin Alyssa Milano, Gender-Forscherin Judith Butler

12

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Julya Rabinowich

Der Weg zur Gleichberechtigung ist noch lang

Wir leben in einer Zeit gegenläufiger Strömungen:

Während in der Gleichstellung der Geschlechter

erhebliche Fortschritte gemacht werden, kommen

europaweit gleichzeitig Politiker an die Macht, die

Frauenrechte wieder beschneiden wollen.

FOTOS: WIKIPEDIA, PICTUREDESK (3), UNSPLASH

„Wir haben Zeiten, in denen die Frau am Herd wieder als denkmögliche

Lebensoption angedacht wird, mit Dirndl, Rüsche, Lächeln“

Die gute Nachricht zuerst: Wir haben, zumindest offiziell,

die Gleichstellung der Geschlechter. Wir haben

Menschenrechte, Gleichwertigkeit und den totalen

Humanismus. Wir haben quasi jene strahlende Zukunft

gepachtet, von der schon undemokratischere Systeme

träumten. Alle Menschen sind gleich und alles ist gut.

Die schlechte Nachricht ist, dass dieser begehrenswert

wundervolle Zustand bislang immer noch eher am

Papier zu finden ist als in der Realität. Wir haben nebst

der Gleichstellung und der Veränderung der Gesellschaft,

die so fröhlich verkündet werden, immer noch die

Gehaltsschere zwischen Männern und Frauen, die sich

nicht schließt, sondern eher weiter aufgeht. Wir haben

die Frage der Kinderbetreuung und der Pflege der hilfsbedürftigen

Angehörigen: beide Themenkreise betreffen

immer noch überproportional oft Frauen. Wir haben es

immer noch nicht geschafft, Sexismus die Stirn zu bieten,

so dass er flächendeckend gesellschaftlich geächtet

ist. Wir haben Zeiten, in denen die Frau am Herd wieder

als denkmögliche Lebensoption angedacht wird, mit

Dirndl, Rüsche, Lächeln. Das Lächeln könnte gefrieren.

Wir sind in einer Zeit angelangt, in der das Recht

auf den eigenen Körper ernsthaft wieder diskutiert wird.

In einer Zeit, in der der Schwangerschaftsabbruch wieder

infrage gestellt wird. Hochrangige Mediziner müssen

ausrücken, um von der Unsinnigkeit dieser unmenschlichen

Bevormundung zu überzeugen. Es gibt bekanntlich

keinen verbotenen Schwangerschaftsabbruch. Es gibt

nur den illegalen Abbruch, der nachweislich Todesopfer

fordert. Wir sind also in einer Zeit angelangt, in der der

Tod von Frauen mutwillig in Kauf genommen werden

soll, während Alleinerzieherinnen und ihre Kinder und

deren Probleme keinen Lebensschützer mehr interessieren,

sobald diese Kinder geboren sind. Der Versuch,

den weiblichen Körper zu kontrollieren, ist natürlich der

gleichzeitige Versuch, die Gesellschaft zu kontrollieren

und neue Machtsysteme aufzuziehen.

Wir sind in einer Zeit angelangt, in der Politiker europaweit

an die Macht kommen, die Frauenrechte wieder

beschneiden wollen. Jene Frauenrechte, die noch nicht

einmal vollwertig umgesetzt worden sind. Alte Frauen holen

ihre alten Transparente vom Dachboden, um erneut

um dieselben Fragestellungen und Lösungsforderungen

zu kämpfen wie vor vielen, vielen Jahren. Auf Demonstrationen

treffen sie auf junge und neue Kämpferinnen. Das

Anliegen ist generationsübergreifend.

Wenn man sich die Geschichte der Frau in der Gesellschaft

näher ansieht, offenbart sich das Triptychon

von Kindern, Küche, Kirche. Oder das Schlachtgemälde

Gleichberechtigung, dramatisch ausgeleuchtete Rückzugsgefechte

mit einbegriffen. Wir können es eigentlich

nicht fassen, dass wir wieder gegen dieselben Ressentiments,

denselben Versuch, uns in dieses Kinder-Küche-

Kirche-Universum zurückzutreiben, aufstehen müssen.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 13


Bis in die Siebzigerjahre musste die Gattin die geneigte

Erlaubnis ihrer besseren Hälfte vorweisen können, sollte

sie arbeiten gehen wollen, und sieht man in die aktuelle

Politlandschaft, hört man immer noch Querschüsse, die

wieder lauter werden. Der Kampflärm kommt zurück.

Keiner wird Frauen jetzt die Stimme aberkennen wollen.

Aber der Versuch, sie zu schwächen, sie zu dämpfen,

ins Lächerliche zu ziehen, dieser Versuch ist schon da.

«Heute muss sich eine Politikerin

immer noch Fragen zu Kindererziehung,

Aussehen und Kleidung gefallen lassen,

während für männliche Kollegen die

Doppelbelastung kein Thema ist.»

Und was das passive Wahlrecht angeht: heute, immerhin

ganze hundert Jahre später, muss sich eine Politikerin

immer noch Fragen und Beschwerden zu Kindererziehung,

Aussehen, Kleidungsstil gefallen lassen, während

es für männliche Kollegen kein Thema ist, wie sie die

Doppelbelastung denn nun handhaben wollen. Warum

das so ist? Unter anderem deshalb, weil eh klar ist, dass

für ihre Kinder eine Frau zur Verfügung stehen wird.

Eine Frau, die weiß, was sie will, ist bossy. Und eine Frau,

die zögert und nachdenkt, ist einfach feig und keine

Führungspersönlichkeit. Es ist gehupft wie gehatscht.

Es ist egal. Dieses zweierlei Maß beeinflusst immer noch

unsere Politik und unser Wahlverhalten. Erkennt man

diese Beeinflussung nicht an, dann wirkt sie unbewusst

weiter und immer weiter, und in ihrem Wirken entstehen

die nächsten Generationen von jungen Frauen, die

an denselben Fehlern leiden könnten wie die vorangegangene.

Und wenn wir schon bei negativen Entwicklungen

sind: Österreich ist das Land mit der höchsten Gewaltrate

an Frauen. Allein in diesem Jahr, 2019, sind schon über

acht Frauen infolge häuslicher Gewalt ums Leben gekommen.

Das ist ein trauriger europäischer Höchstwert.

Während Gewaltschutzprogramme gekürzt oder

gleich gar nicht umgesetzt werden, kämpfen also die

Frauen immer noch um ihre Rechte.

Und sie sollten nicht damit aufhören. Wir haben

hundert Jahre Frauenwahlrecht. Und vermutlich noch

etliche Jahre Kampf vor uns. Frauen werden Ausdauer

und Biss dafür benötigen. Während die abgewählte Regierung

ein katastrophales Frauenbild offenbarte und etliche

Punkte umgesetzt hat, die Frauen mit voller Wucht

und Brutalität trafen, liefert die Übergangsregierung

wenigstens eine Korrektur des entstandenen Bildes. Österreich

hat zum ersten Mal eine Bundeskanzlerin. Das

ist ein gutes und wichtiges Signal. Der Weg zu einem

gleichberechtigten Alltag ist dennoch noch lang. Schnürt

euren Schuh. 2

Demonstration für die Einführung des Frauenwahlrechts vor hundert Jahren: Versuche, Frauenstimmen zu schwächen, gibt es noch

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DAS JÜDISCHE ECHO


Von Susanne Scholl

Frauen und Politik – Politik der Frauen

Aus jungen Frauen, die schon in den Jahren nach

1968 nicht einsahen, von ach so fortschrittlichen

Männern beiseitegeschoben zu werden, sind

ältere geworden, die heute stets ihre Stimme

erheben und die sich nicht mehr fürchten.

FOTOS: KREISKY ARCHIV, JAQUELINE GODANY, NINI TSCHAVOLL

Wie es früher war?

Wir kamen kaum zu Wort. Wir Mädchen. Irgendwie

waren die Burschen immer frecher, selbstbewusster.

Als Frau hattest du nur die Wahl zwischen „Emanze,

Mannweib, Lesbe“ oder „Gefährtin, Genossin, Kameradin“

– was hieß: danebensitzen und zuhören und sich ja

nicht einmischen, wenn die Männer diskutierten.

Ich erinnere mich an eine Begebenheit in Leningrad

im Jahr 1972.

Ich war bei Freunden zu Besuch und natürlich wurde

über Politik diskutiert. Und als ich mitreden wollte,

rief mich die Hausfrau zu sich und sagte – komm mit in

die Küche, das sind doch Männergespräche.

So war es also rund um das berühmte Revolutionsjahr

1968. Die Revolutionäre waren solche immer nur

bis zur eigenen Wohnungstür. Dahinter begann der ganz

normale bürgerliche Wahnsinn.

Ach so, nicht ganz. Wenn es um die sexuelle Befreiung

ging, waren sie sehr revolutionär – die Männer. Sie

schliefen mit jeder, aber wenn „ihre“ Frau das auch tat,

machten sie Eifersuchtsszenen.

Ach ja – wie waren wir doch fortschrittlich. Die

Frauen hatten die Pille zu nehmen. Kinder zu kriegen

oder zu heiraten war reaktionär.

Natürlich gab es auch die „Emanzen“, die wiederum

fanden, die Welt brauche kaum Männer – es sei denn,

zur Fortpflanzung ‒, und die jede verachteten, die trotzdem

mit einem lebte. Die dich böse ansahen, wenn du

nicht die Pille nahmst und nicht nur feministische Literatur

lesen wolltest.

Und dann war da noch die sogenannte Frauenpolitik.

Die tatsächlich etwas in Bewegung setzte.

Protestplattform „Omas gegen rechts“, Autorin Susanne Scholl

(vorne l.): „Wir wissen, was wir den heutigen jungen Frauen

schuldig sind“

Liberalere Abtreibungsgesetze, bessere Kinderbetreuung,

die Forderung nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit,

das Recht, der Vormund der eigenen „unehelich geborenen“

Kinder zu sein, und noch einiges mehr.

Als ich in den 1980er-Jahren Mutter wurde – ganz

ohne Ehemann –, bekam ich, die ich damals 34 Jahre alt

war und einen gutbezahlten Job hatte, Besuch von der

Fürsorgerin, die kontrollieren sollte, ob die Kinder auch

jedes ein eigenes Bett hätten.

In der Entbindungsstation lag ich in einem Zimmer

mit einem 19-jährigen Mädchen. Zu ihr kam keine Fürsorgerin.

Sie war nämlich verheiratet.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 15


Männlich betonter Studentenprotest (München 1968); ehemalige Nationalratspräsidentin Barbara Prammer (gest. 2014):

In vierzig Jahren viel erreicht

Das ist lange her. Inzwischen, so sagt man mir, hat sich

da tatsächlich vieles geändert. Auch dank der manchmal

wirklich etwas mühsamen „Emanzen“ – aber leider nicht

dank der großen „Revolutionäre und Theoretiker“. Die

fanden das, was den Alltag der Frauen schwer machte,

immer „Nebensache“.

Und jetzt sind wir im Heute angelangt.

Meine Tochter ist eine höchst emanzipierte Unfallchirurgin.

Der unlängst ausgerechnet eine Frau erklärt

hat, dass sie sich nicht von Frauen operieren lasse. Wie?

Im Jahr 2019 kann man sowas zu hören bekommen?

«Meine Generation von Frauen war

privilegiert. Wir sind in einer Zeit groß

geworden, in der sich das Frauenleben doch

sehr stark zum Vorteil verändert hat.»

Wir entwickeln uns also zurück. In Richtung 1950er-

Jahre. Als man als Frau nicht auf der Straße rauchen

durfte und eine Schwangerschaft außerhalb der Ehe eine

Katastrophe war.

Passt. Die zum Glück vergangene Regierung wollte

ja auch die Abtreibungsgesetze neu überdenken – und

verschärfen. Die Unterstützung für Frauenprojekte aller

Arten hat sie ja schon gestrichen.

Das klingt jetzt so ein bisschen nach mieselsüchtiger

Alter, die alles schlechtmacht, was ihr gerade einfällt.

Dieser Eindruck täuscht allerdings.

Ich weiß sehr wohl, wie viel wir einer gewissen Johanna

Dohnal oder auch anderen so wunderbaren Frauen wie

Barbara Prammer oder Sabine Oberhauser zu verdanken

haben. Frauen, die tatsächlich vieles bewegt haben.

Meine Generation von Frauen war überhaupt sehr

privilegiert. Wir sind in einer Zeit groß geworden, in

der sich das Frauenleben doch sehr stark zum Vorteil

verändert hat. Mich hat 1983 zwar noch die Fürsorgerin

besucht, aber es war vollkommen selbstverständlich,

dass ich Vormund meiner Kinder wurde – weil ihr Vater

dankenswerterweise nichts dagegen hatte! Bis auf meine

Mutter hat mich niemand gefragt, warum ich nicht heirate.

Spaß beiseite. Ich fühle mich bis heute sehr privilegiert,

weil ich leben konnte, wie ich wollte, und meine

Kinder großziehen konnte, wie es mir richtig erschien,

ohne dass man mir dreingeredet hätte.

Natürlich habe ich jede Art von diskriminierenden

Erlebnissen in meiner Arbeit zu verdauen gehabt. Wie

alle anderen Frauen wohl auch. Angefangen bei der damaligen

Unterrichtsministerin Hertha Firnberg, die allen

Ernstes einmal im Gespräch behauptete, sie sei nie als

Frau zurückgesetzt worden.

Okay, aber jetzt zurück ins Heute.

Ich beobachte den beruflichen – brillanten – Werdegang

meiner Tochter und wundere mich. Weil ihr die

gleichen Ungeheuerlichkeiten als Frau begegnen wie mir

vor dreißig, vierzig Jahren. Wie kann das sein?

Die wirkliche Gleichberechtigung zu erreichen ist

wohl auch hundert Jahre nach Erreichung des Frauenwahlrechtes

immer noch ein Kampf bergauf.

FOTOS: PICTUREDESK/SZ/RITA STROTHJOHANN, SPÖ ARCHIV

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DAS JÜDISCHE ECHO


Überhaupt. Wir dürfen erst seit hundert Jahren sagen,

wen wir für würdig halten, unsere Interessen zu vertreten,

und von diesen hundert Jahren haben „wir“, also

die Frauen, ungefähr fünfzig Jahre meistens für das

gestimmt, was uns die „Männer des Hauses“ vorgegeben

haben.

Auch das ist ein Grund, warum es heute uns laute

alte Frauen gibt – die „Omas gegen rechts“. Natürlich

sind wir entstanden, als wir sahen, was für eine unsägliche

Regierung sich da in Österreich festsetzt und versucht,

all das kaputt zu machen, was in siebzig Jahren

erreicht wurde – aber eben auch alles, was die Frauen

betrifft.

Es geht wohl um den Angriff auf den Sozialstaat,

der – Schande über Schande – immer noch die Frauen

am meisten betrifft.

Es geht auch um den Angriff auf den Rechtsstaat

und die Demokratie – und auch hier sind die Frauen die

ersten Betroffenen.

Es geht aber vor allem um jene Veränderung in der

Atmosphäre – um diese gewisse neue Luft, die plötzlich

über uns allen steht, die einem zuzeiten das Atmen

schwer macht.

In dieser Situation haben wir uns selbst klargemacht,

dass wir alt genug sind, um uns nicht mehr zu fürchten.

Ab einem gewissen Alter kann man laut sein. Auch und

gerade als Frau.

Deshalb sind wir jetzt viele „Omas gegen rechts“.

Wir haben nichts zu verlieren und wir sind auch nicht

mehr in irgendwelchen gesellschaftlichen Konventionen

gefangen, die uns daran hindern würden, unsere Meinung

laut und deutlich zu sagen. Und wir wissen, was

wir den heutigen jungen Frauen schuldig sind. Den jungen

Frauen, die im Beruf und mit den Kindern ausreichend

angespannt und gefordert sind. Wir wissen, welche

Hürden sie zu überwinden haben ‒ denn wir sehen,

wie viel trotz aller Fortschritte der 1970er- und 1980er-

Jahre noch zu machen ist und wie viele Kämpfe sie noch

auszustehen haben.

Auch deshalb gibt es uns – die „Omas gegen rechts“.

Wir kämpfen für Demokratie, Sozialstaat und Rechtsstaat

und wir kämpfen für unsere Kinder und Enkelkinder

– denn es darf einfach nicht sein, dass wir uns zurückentwickeln

lassen ins 20. Jahrhundert mit all seinen

entsetzlichen Auswüchsen. Wir haben viel Erfahrung, wir

haben das Trauma unserer Eltern geerbt, die ermordeten

Großeltern, die Flucht, die Verfolgung. Und wir wissen

genau, dass das nie wieder passieren darf. Und alle, die

jetzt dorthin zurückwollen, müssen mit uns rechnen –

den alten Frauen, die sich nicht mehr fürchten! 2

,,Für das Kind‘‘

Mit der „Operation Kindertransport“

gelang es jüdischen Kindern aus Deutschland,

Österreich und der ehemaligen

Tschechoslowakei aus ihren Heimatländern

auszureisen und so den Nazis zu entkommen.

Das Ziel stand fest, es war England.

Für die Kinder – vom drei Monate alten

Baby bis zum 17-jährigen Teenager – war

die Zukunft ungewiss und viele von ihnen

traten die Reise schweren Herzens an.

© ROSIE POTTER

„Für das Kind“ – Museum zur Erinnerung an die Kindertransporte

nach Großbritannien 1938/39

Wiedereröffnung Herbst 2018

VHS Urania, 1010 Wien, Uraniastraße 1

Infos unter: www.millisegal.at

„Für das Kind“ erinnert an die Ankunft

von 10.000 Flüchtlingen zwischen 1938 und

1939 in London. Die fotografischen Arbeiten,

23 Bilder, basieren auf einer Serie von

Stillleben, die Dinge zeigen, die die Kinder

auf die Reise mitnahmen, als sie in dieser

schrecklichen Zeit ihr Zuhause verlassen

mussten. Die Fotos zeigen Objekte wie

Bücher, private Fotografien, Hausübungshefte,

Schulmitteilungen, Puppen, Eislaufschuhe,

Kleidungsstücke, Schuhspanner,

Bettwäsche und die Schürze einer Mutter.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 17


Von Barbara Tóth

„Jössas, a Weib!“

Warum konservative Frauen in Österreich in der

Politik Pionierinnen waren und warum es deshalb

Frauenquoten braucht.

Frauen in der Politik, das ist nicht nur in Österreich,

aber besonders da, eine Geschichte des langen Wartens.

Es ist kein Zufall, dass die erste Bundeskanzlerin Österreichs,

Brigitte Bierlein, in einer Ausnahmesituation ins

Amt kam, nicht durch eine Wahl, sondern „von oben“

bestimmt durch den feministisch gesinnten Bundespräsidenten

Alexander Van der Bellen. Offensichtlich suchte

Van der Bellen für das Übergangskabinett, das das Land

Bestellung Brigitte Bierleins ein Meilenstein, wenn auch einer,

der von oben kam. Niemand kann nach ihr sagen: Eine Kanzlerin?

In Österreich? Undenkbar!

nach der Ibizia-Krise des Mai 2017 bis zur Bildung einer

neuen Regierung nach den Neuwahlen am 29. September

2019 regiert, nach der größtmöglichen Antithese zur

ihrem Vorgänger. Statt eines jugendlichen Kanzlers ohne

akademischen Abschluss wählte er eine erfahrene, reife

Frau mit hoher juristischer Kompetenz.

Es ist auch kein Zufall, dass die SPÖ erst im hundertsten

Jahr ihres Bestehens mit Pamela Rendi-Wagner

eine Parteichefin kürte. Auch sie kam als Quereinsteigerin

von „oben“, auf Wunsch ihres Vorgängers Christian

Kern, an die Macht und nicht über die „normale“ Ochsentour

durch die Parteivorfeldorganisationen.

Woran liegt es, dass Frauen in Österreich in der

Politik erst langsam zum „Normalfall“ werden, warum

machen bürgerliche Politikerinnen früher Karriere als sozialdemokratische?

Und sind Frauenquoten die Antwort

auf diese Herausforderungen?

Als ich vor zwanzig Jahren als politische Journalistin

zu arbeiten anfing, hob alleine meine Anwesenheit in

den Couloirs des Parlaments den Frauenanteil im Raum

enorm. Klubchefs: allesamt Männer, von Heide Schmidt,

damals Chefin des Liberalen Forums, einmal abgesehen.

Die drei Parlamentspräsidenten: Männerquote hundert

Prozent. Abgeordnete, Pressesprecher, ja sogar die Saaldiener:

männlich und meist älteren Jahrgangs.

Mit den Nationalratswahlen 1999 zogen mit der

Grünen Eva Glawischnig, damals dreißig, und der Sozialdemokratin

Ulrike „Ulli“ Sima, 31, erstmals zwei

Frauen ein, bei denen man erstmals das Gefühl hatte, sie

hatten nicht die einschlägige Ochsentour durch Gewerkschaften,

Vorfeldorganisationen oder politische Kabinette

hinter sich oder könnten die eigenen Eltern sein. Sie

lebten das Leben von Frauen, die Karriere machen und

Mutter sind.

Als die BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger im

Jahr 2006 als erste Ministerin in Österreich schwanger

wurde, stellte sich heraus, dass weder die Geschäftsordnung

des Parlaments noch die Verfassung diesen Fall

regelte. Rein rechtlich haben Politikerinnen, die Mütter

werden, weder Anspruch auf Mutterschutz noch auf

Karenzierung. Eine Schwangerschaft fiel bis 2015 in der

Geschäftsordnung des Nationalrats formal unter die Rubrik

„Krankheit und sonstige Verhinderungen“.

FOTOS: KATHARINA GOSSOW, BKA/ANDY WENZEL, PICTUREDESK/IMAGNO/VOTAVA

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DAS JÜDISCHE ECHO


Österreichs erste Ministerin, Grete Rehor, wurde 1966 in der ÖVP-Alleinregierung vom damaligen Bundeskanzler Josef Klaus

(vorne in der Mitte neben ihr) mit dem Sozialressort betraut

Babys im Plenum waren bis Mitte der Nullerjahre unerwünscht.

Und als die grüne Abgeordnete Christine Heindl

im Jahr 1990 ihr Neugeborenes während der Angelobung

im Plenarsaal stillte, verlangte der damalige Nationalratspräsident

Rudolf Pöder (SPÖ) seine Entfernung

zur „Hintanhaltung gesundheitlicher Auswirkungen“

‒ gemeint waren jene für das Baby. Sima hatte sich ihr

„Stillzimmer“ noch selbst organisiert. Ihre Tochter Marie,

die 2003 zur Welt kam, schlummerte an Plenartagen

im nahe gelegenen Büro der damaligen Bundesratsvizepräsidenten.

«Konservative Frauen stammen eher

aus bürgerlichen Verhältnissen und haben

es leichter, Karrierenetzwerke zu

knüpfen, besserer Bildung zu erlangen.»

Auffällig ist, dass die Pionierinnen in der Politik fast

immer Konservative waren. Die erste Ministerin hieß

Grete Rehor: Sie wurde 1966, in der ÖVP-Alleinregierung

Josef Klaus’, als Sozialministerin angelobt. „Vernachlässigen

Sie jetzt nicht den Haushalt?“, wurde sie

damals gefragt. Die erste Parlamentspräsidentin hieß

zwanzig Jahre später Marga Hubinek, ebenfalls ÖVP.

„Jössas, a Weib!“, rief damals Alt-ÖGB-Präsident Anton

Benya. Die erste Landeshauptfrau Österreichs war die

Steirerin Waltraud Klasnic (ÖVP). Die erste österreichische

Außenministerin: Benita Ferrero-Waldner (ÖVP).

Die erste (und bis heute einzige) österreichische Finanzministerin:

Maria Fekter (ÖVP). Die erste (und bis heute

einzige) Vizekanzlerin: Susanne Riess-Passer (FPÖ). Die

erste (und bis heute einzige) Präsidentin der Nationalbank:

Maria Schaumayer, nominiert von der ÖVP. Die

erste Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs: Brigitte

Bierlein, nunmehr erste Kanzlerin, ebenfalls eine Konservative.

Was ist mit den Progressiven? Konservative Frauen

stammen eher aus bürgerlichen Verhältnissen und haben

es deswegen von Anfang an leichter, ihre Karrierenetzwerke

zu knüpfen und Zugang zu besserer Bildung zu

bekommen. Dazu kommt das bürgerliche Leistungscredo:

Jeder kann es schaffen, wenn er sich nur genug anstrengt.

Das ist ein Erklärungsansatz. Der andere: Gerade

der Sozialismus hat die Frauenfrage lange als „Nebenwiderspruch“

deklariert. Zuerst galt es, die Vorherrschaft

der Arbeiterklasse herzustellen, danach könne man sich

der Gleichberechtigung der Geschlechter widmen. Linke

Frauen durften sich auf dem Weg dorthin in ihren Frauenorganisationen

betätigen ‒ und blieben oft in ihrer

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 19


Frauennische stecken. Ein schönes Beispiel dafür sind bis

heute die Spitzengremien der Gewerkschaften. Dort sind

die einzigen Frauen meistens jene, die aus ihren Frauenorganisationen

heraus nominiert wurden.

Im österreichischen Nationalrat liegt der Frauenanteil

derzeit bei 37,2 Prozent. Und das im Jahr 2019, in

dem wir hundert Jahre Frauenwahlrecht feiern. In der feministischen

Praxis gibt es eine simple Regel: Erst wenn

der Frauenanteil in einer Organisation dreißig Prozent

erreicht hat, wird ein Kulturwandel spürbar. Gleichberechtigung

heißt fünfzig Prozent. Niemand findet Quotenregelungen

besonders elegant, juristisch sind sie ohnehin

angreifbar, aber sie sind ein unumgängliches Mittel

zum Zweck und auf Zeit, will man das Männer-Frauen-

Verhältnis in den gesetzgebenden Institutionen ändern.

Grüne Bundessprecherinnen Madeleine Petrovic, Freda Meissner-

Blau und Eva Glawischnig (v. l.): Fast schon eine „Frauenpartei“

«Erst wenn der Frauenanteil in einer

Organisation dreißig Prozent erreicht hat,

wird ein Kulturwandel spürbar. Gleichberechtigung

heißt fünfzig Prozent.»

Heide Schmidt: Als Chefin des Liberalen Forums lang allein auf

weiter Flur. Die Nachfolgepartei Neos wird nun ebenfalls von einer

Frau geführt

Pamela Rendi-Wagner: Erst im hundertsten Jahr ihres Bestehens

schaffte es eine Frau an die Spitze der Sozialdemokratischen Partei

Frankreich, Belgien, Spanien, Portugal, Polen, Irland,

Kroatien – die Liste der Länder, die Quotenregelungen

oder sogenannte „Paritätsgesetze“ verabschiedet haben,

ist lang. Sie tragen Parteien auf, in jedem Wahlkreis

ebenso viele Männer wie Frauen aufzustellen. Manche

belohnen Parteien, die dieses Ziel erreichen, mit extra

Förderungen und strafen jene ab, die es nicht schaffen.

Die Grünen schlugen als Erstes vor, jene Parlamentsklubs,

in denen halbe-halbe herrscht, finanziell zu belohnen.

Die SPÖ-Frauen schlossen auf, wenn auch nur mit

einer angestrebten Quote von vierzig Prozent. Wozu

diese Bescheidenheit? Das wäre Thema für eine eigene

Betrachtung. Die ÖVP kann sich inzwischen auch wieder

vorstellen, über ein Bonus-Malus-System für Frauenförderung

zu reden. Für die Nationalratswahl 2019

zeichnete sich ab, dass die Grünen fast schon als „Frauenpartei“

antreten, mit deutlich mehr Frauen auf den

ersten Listenplätzen als Männer, während die FPÖ zur

„Männerpartei“ wird.

Aber es geht ohnehin nicht um das Erreichen einer

Zielbestimmung, sondern um den Kulturwandel auf

dem Weg dorthin. Es beginnt bei den Listenerstellungen

an der Basis. Es setzt sich fort bei den politischen

Entscheidungs- und Sitzungskulturen, gerne abends und

gerne bei einem Glas Wein oder Bier. Und es zeigt sich

auch bei ganz banalen Dingen, etwa dass das Parlament

als Arbeitgeber und als Arbeitsort lange Zeit weder familien-

noch kinderfreundlich war.

Deshalb machen Paritätsgesetze Sinn, und deshalb

war die Bestellung Bierleins ein Meilenstein, wenn auch

einer, der von oben kam. Niemand kann nach ihr sagen:

Eine Kanzlerin? In Österreich? Undenkbar! 2

FOTOS: PICTUREDESK/ROMAN ZACH-KIESLING, WIKIPEDIA/MANFRED WERNER, ASTRID KNIE

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DAS JÜDISCHE ECHO


Von Gina Feldner-Busztin

Liebe Männer, seid unser Klappstuhl!

FOTO: PRIVAT, ILLUSTRATION: ISTOCK

Die Jüdischen österreichischen HochschülerInnen

fordern mehr Gleichberechtigung am Arbeitsplatz.

Sechs praktische Vorschläge, wie das gehen

kann.

„Wenn Sie dir keinen Platz am Tisch geben, dann bring

einen Klappstuhl mit.“

Das sagte Shirley Chisholm 1968, als sie als erste

schwarze Frau in das US-Repräsentantenhaus gewählt

wurde. Seit den Sechzigerjahren hat sich in unserer Welt

ziemlich viel verändert, Frauen haben mehr Rechte errungen,

werden im Schnitt besser behandelt und haben

auch karrieretechnisch bessere Aussichten. Obwohl sich

vieles für Frauen positiv entwickelt hat, lässt unsere Gesellschaft

noch immer viel zu wünschen übrig. Diese

Ungleichheit der Geschlechter wird auch auf den Arbeitsplatz

übertragen und beeinflusst das tägliche Leben

von Frauen. Seit Jänner 2018 müssen dreißig Prozent der

Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen in Österreich

von Frauen besetzt sein. Das heißt, Frauen haben

jetzt einen Platz am Tisch, werden aber trotzdem immer

noch anders behandelt.

Hier sind sechs Vorschläge, wie man das alltägliche

Leben von Frauen am Arbeitsplatz leichter machen kann:

1. Sprache prägt das Denken

Manche Ausdrücke werden vermehrt für Frauen verwendet.

Es hilft niemandem und ist einfach faul. Eine

Frau mit einer ausgeprägten Meinung, zu der sie steht, ist

nicht gleich „stur“. Eine Frau, die nicht flirtet, ist nicht

gleich „kalt“ oder „prüde“. Eine Frau, die laut ist und

ihre Emotionen zeigt, ist nicht gleich „hysterisch“. Bevor

Sie eine Frau beschreiben, halten Sie kurze inne. Überlegen

Sie sich, ob Sie einen Mann, der sich ähnlich verhält,

genauso darstellen würden.

2. Fehler ist nicht gleich Frau

Jeder macht mal Fehler. Sie hat sich nicht verrechnet, weil

sie eine Frau ist, sie hat sich verrechnet, weil das mal passiert.

Frauen haben das Recht, als nuancierte, dreidimensionale

Menschen wahrgenommen zu werden. Reduzieren

Sie sie nicht auf das „Dumme Frauen“-Vorurteil.

Wenn Sie eine Frau öffentlich kritisieren, auch wenn die

Kritik legitim ist, wird dies oftmals auf den Fakt, dass sie

eine Frau ist, übertragen. Seien Sie sich dessen bewusst.

Die Kritik wird nicht für sich, unabhängig von ihrer

Weiblichkeit, aufgefasst. Die Assoziation, dass es „eine

Frau ist, die den Fehler begeht“, anstatt „ein Individuum,

das einen Fehler begeht“, geschieht zwar meist unterbewusst,

man kann jedoch bewusst darauf achten, Frauen

nicht vor großem Publikum bloßzustellen.

Frauenquote hin oder her, in der Berufswelt werden Frauen noch

immer anders behandelt. Oft sind es scheinbare Kleinigkeiten

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 21


Ernst nehmen, Rückenschutz geben, nicht bloß stellen – kleine Schritte der Solidarität verhelfen zu mehr Gleichberechtigung

3. Geben Sie ihr Rückenschutz

Frauen wurden ihr Leben lang dahingehend sozialisiert,

still und brav zu sein. Ja keine Wellen zu schlagen, ja

nicht laut zu werden. Daher fällt es Frauen in Gruppendiskussionen

öfters schwerer, sich durchzusetzen oder

eine Meinung zu äußern. Deswegen ziehen sich Frauen

häufig zurück, wenn sie unterbrochen werden. Wenn Sie

merken, dass eine Frau bereits mehrmals unterbrochen

wurde, treffen Sie aktiv die Entscheidung, sie dazu aufzufordern

zu sprechen.

4. Sie ist nicht Ihre Mama

Am Arbeitsplatz hat die Frau einen genau definierten

Job. Es ist nicht auch noch ihre Aufgabe, Mutter, Kindermädchen

oder Putzfrau zu sein. Erwarten Sie sich nicht,

bemuttert zu werden. Räumen Sie Ihren Müll selbst

weg. Machen Sie sich Ihren Kaffee selbst. Und nein, Ihre

Kollegin hat keine Taschentücher dabei, wenn Sie krank

sind, kümmern Sie sich selbst darum. Sie haben schon

lang genug eine Nase, um zu wissen, was in der Allergiesaison

passiert.

Achten Sie darauf, wer wirklich die Idee hatte, und auch,

wer die Arbeit hineingesteckt hat. Die Idee einer Frau

lauter zu wiederholen ist nicht dasselbe wie ihr den Verdienst

zuzuschreiben. Eine Frau wird sich nicht wie ein

Mann dafür einsetzen, Lob zu lukrieren, und es ist wichtig,

öffentlich zu zeigen, dass Frauen genauso bedeutsame

Arbeit leisten.

6. Nehmen Sie Frauen ernst!

Wir sind dank unserer jiddischen Mammen daran

gewöhnt, weibliche Stimmen nicht immer ganz ernst

zu nehmen. Wir wissen, dass wir bei dreißig Grad im

Schatten keine Jacke mitnehmen müssen und dass gelegentlich

eine Portion zum Abendessen reicht. Aber nicht

jede Frau um Sie herum ist Ihre jiddische Mamme. Es

gibt einen Grund, warum Ihre Kolleginnen da sind, wo

sie sind. Sie brauchen keinen männlichen Kollegen, um

die Aussagen von Frauen zu bestätigen. Das, was Frauen

sagen, ist ernst zu nehmen. 2

5. Ehre, wem Ehre gebührt

Oftmals wird die Arbeit von Frauen als Gruppenarbeit

abgestempelt oder gar als die eines Mannes im Team.

FOTO: IISOTCK

22

DAS JÜDISCHE ECHO


SAISON

2019.20

Chefdirigentin Marin Alsop

rso.ORF.at

50!

RSO WIEN FEIERT


Von Ruth Wodak

Genderdebatte und Body-Politik

Frauen in hohen Positionen, auch als Politikerinnen,

sind auch in Österreich willkommen,

sofern sie die „richtigen“ Einstellungen vertreten.

Und die sind in beträchtlichem Ausmaß oft

weiterhin Frauen gegenüber abwertend.

Geschlechtergerechtes Sprachverhalten – wozu?

In einem rezenten Artikel zu Entwicklungen der Genderpolitik

(v. a. in den USA) behauptet die Pionierin feministischer

Linguistik, Robin Lakoff, die durch ihre Monografie

„Language and Woman’s Place“ (1975) international

berühmt wurde, dass zwar in Bezug auf die (sprachliche)

Gleichbehandlung der Geschlechter einiges erreicht

worden sei, aber bei weitem nicht genug. Beispielsweise

sei heutzutage wesentlich mehr Sensibilität in Bezug auf

diskriminierendes (Sprach-)Verhalten Frauen gegenüber

vorhanden; auch hätten es mehr Frauen in Führungspositionen

geschafft, im Management, in der Wissenschaft,

in der Politik usw. Dennoch stellt sie fest, „while women

can now participate in public affairs in roles that would

have been unthinkable a quarter-century ago, they are

not yet heard on an equal footing“. (Lakoff 2019) Außerdem

sei evident, dass Männer Frauen bestimmte Sachen

sagen können, die umgekehrt unvorstellbar seien. Damit

nimmt Lakoff etwa Donald Trumps herabwürdigendes

und beleidigendes Verhalten Frauen gegenüber aufs

Korn. Daher ihr Resümee: “Everything has changed in

the last 50 years, yet so much has not.” (Ebd.)

Sprachhandeln und dessen Analyse dienen im Zusammenhang

mit Geschlechterpolitik mehreren Zielen:

Einerseits dem Versuch der sprachlichen Sichtbarmachung

von Frauen, von deren Äußerungen, Wünschen

und Positionen. Auch wenn manche JournalistInnen,

Lehrkräfte, WissenschaftlerInnen, BeamtInnen oder

LektorInnen noch immer die verschiedenen kreativen

Methoden geschlechtergerechten Sprachverhaltens offensichtlich

als bedrohlich empfinden und daher höchst

empfindlich auf Doppelformen, die Verwendung des

großen „I“ oder „*“ usw. reagieren, hat sich doch seit

einigen Jahren in der österreichischen Öffentlichkeit in

vielen Bereichen ein Sprachgebrauch durchgesetzt, der

die an einer Interaktion beteiligten Frauen explizit benennt

und damit sichtbar macht.

So löste die Bestellung der oberösterreichischen

Landesregierung 2015, die ausschließlich aus Männern

bestand, wieder einmal eine Debatte um die politische

(Unter-)Repräsentation von Frauen in Politik und anderen

gesellschaftlich wichtigen Positionen und um mögliche

Gegenmaßnahmen wie die Einführung von (verpflichtenden)

Quoten aus (vgl. Lehner/Rheindorf 2020).

Sogar in der „Neuen Kronen Zeitung“ fanden sich unter

der Headline „Macho-Truppe“ kritische Worte:

„Vom viel gepriesenen und immer wieder strapazierten

halbe-halbe sind wir nach wie vor weit entfernt.

Nicht nur in den Chefetagen der heimischen Unternehmen,

sondern auch in der Politik. [...] Fazit: Für Feministinnen

und auch jene, die es eigentlich nie werden wollten,

gibt es noch sehr viel zu tun.“ (Vettermann 2015)

Dennoch begegnen uns immer wieder Skepsis,

Empörung und Abwertung, wenn es um gendersensible

Sprachformen geht. Dies manifestierte sich beispielsweise

deutlich in den 2015 geführten Debatten rund um die

Einführung gegenderter Strafzettel oder eines Sprachleitfadens

im Bundesheer, in dem das Binnen-I 1 empfohlen

wurde 2 . Opponenten weisen dabei häufig auf extreme,

völlig übertriebene Beispiele hin, um die vermeintliche

Absurdität der Forderungen aufzuzeigen. So beurteilte

Tassilo Wallentin in der „Neuen Kronen Zeitung“ (nur

einen Tag nach der oben zitierten Ausgabe) den Sprachleitfaden

wie folgt:

„Der Gender-Sprachleitfaden des Bundesheeres ist

nicht nur überflüssig, sondern vermutlich auch teils gesetzwidrig.

In Österreich ist die Amtssprache Deutsch,

und der ist das ,Binnen-I‘ völlig fremd. Niemand kann

gezwungen sein, eine Phantasiesprache zu verwenden.

Sprachlich durchhalten lässt das Binnen-I sich ohnehin

nicht, wie die Worte ‚BürgerInnenmeisterInkandidatIn‘,

‚BäckerInneninnungsmeisterIn‘ oder ‚PatientInnenanwalt/wältin‘

zeigen. Und auch McDonald’s verkauft keine

,HamburgerInnen‘. [...] Überdies ist das Wort ,Sol-

FOTO: PRIVAT

24

DAS JÜDISCHE ECHO


datIn“ oder die Paar-Anrede ,Soldatin und Soldat‘ eine

sexistische Diskriminierung aller Transsexuellen und sexuell

Uneindeutigen der mittlerweile 58 verschiedenen

Geschlechter […].“ (Tassilo Wallentin 2015)

Wallentin bedient sich u. a. mehrerer Strohmann-

Argumente (Menschen sollten zur Verwendung der

„Phantasiesprache“ gezwungen werden, es werde behauptet,

es gebe 58 Geschlechter). Auch in der „Presse“ war ein

Beitrag mit ähnlichen Strohmann-Argumenten zu lesen:

„Arbeitslosigkeit, Krise, Budgetloch? Wir kümmern uns

ums Gendern! Statt sich ureigensten Aufgaben der Politik

zu stellen, beschäftigt sich der Staat mit Dingen, die

ihn nichts angehen. […]“ (Walterskirchen 2015).

Andrerseits erlaubt eine systematische Diskursanalyse

eine differenzierte Diagnose von Diskriminierung

und Ausgrenzung. Damit werden typische, vielfach

dokumentierte Charakteristika männlichen Sprachverhaltens

wie häufiges und unmotiviertes Unterbrechen,

Diffamieren, Beleidigen, mangelndes Zuhören, Lächerlichmachen

usw. angesprochen, die selten bzw. nicht

gegenüber Männern in derselben Position und Situation

angewendet werden (Kotthoff 2019).

Darüber hinaus weist eine Vielzahl wissenschaftlicher

Studien signifikante Unterschiede in der Art nach,

wie Männer bzw. Frauen in derselben Interaktion (bei

einem Hearing, einem Bewerbungsgespräch, in einer

Talkshow, einem Interview, einer Diskussion) beurteilt

werden (Lazar 2005): Männer werden als durchsetzungsfähig,

ehrgeizig und zielstrebig beurteilt; Frauen hingegen

als kalt, verbittert und karrieresüchtig oder als hysterisch

und irrational. Männer gelten als theoretisch innovativ,

als scharfe und analytische Denker, bei Frauen treffen wir

in Gutachten und Referenzschreiben (bei gleicher Qualifikation)

jedoch signifikant häufiger auf Attribute wie

kreativ, fleißig, kooperativ und teamfähig (Wodak 2005).

Und damit nicht genug: Wesentlich mehr kritische

Aufmerksamkeit wird dem Äußeren von Frauen geschenkt

als jenem von Männern, selbst in unserer so stark

mediatisierten Welt, in der hunderttausende ZuschauerInnen

die Performance und den Habitus von Politikerinnen

und Politikern täglich zu Hause vor dem Bildschirm

beurteilen.

Umgang mit Politikerinnen

Viele Zeitungsartikel und Beiträge in den Social Media

fokussieren hauptsächlich das Aussehen hochrangiger Politikerinnen

wie Golda Meir, Margaret Thatcher, Angela

Merkel, Theresa May, Nancy Pelosi, Hillary Clinton, Brigitte

Bierlein, Pamela Rendi-Wagner oder Jacinda Ardern,

und nicht deren Qualifikationen, politische Agenda und

inhaltliche Positionen. So beschwerte sich Angela Merkel

am 6. Februar 2019: „(E)in Mann kann hundert Tage hintereinander

einen dunkelblauen Anzug tragen, aber habe

ich innerhalb von zwei Wochen viermal den gleichen Blazer

an, gibt es Bürgerpost“ – so ungewohnt offen äußerte

sich Merkel kürzlich gegenüber der Wochenzeitung

„Die Zeit“. Gleichberechtigung in Sachen Mode sieht

anders aus! (vgl. https://www.rtl.de/cms/bundeskanzle

-rin-angela-merkel-fuer-blazer-wahl-kritisiert-4291083.

html). Und die Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs

Brigitte Bierlein, Österreichs Bundeskanzlerin, genießt

laut oe24 „die Aufmerksamkeit der Mode-Welt, schweigt

aber zur Debatte um ihren Look. Lieber will sie jetzt mit

politischen Themen punkten“ (Madonna 2019). Dass die

Kanzlerin explizit betonen muss, dass sie sich der Politik

widmen will, ist eigentlich überflüssig, ja banal. Männliche

Kollegen müssen dies mit Sicherheit nicht betonen.

Dies, obwohl 2019 bei drei der fünf im österreichischen

Parlament vertretenen Parteien Frauen an der Spitze stehen

und auch erstmalig eine Bundeskanzlerin die Regierung

anführt. Tatsächlich regieren zurzeit in 23 von 193

Ländern (zwölf Prozent) demokratisch gewählte Ministerpräsidentinnen

bzw. ein weibliches Staatsoberhaupt.

«Sie werden als zu feminin oder als zu

maskulin beurteilt, als zu weich, irrational

und entscheidungsunfähig oder als zu hart,

verbittert und machtgierig.»

Wie die Linguistin Luisa Martin-Rojo (2005) anhand

vieler Interviews mit Top-Managerinnen nachweisen

konnte, befinden sich mächtige Frauen noch immer in

einer no-win situation: Entweder werden sie als zu feminin

oder als zu maskulin beurteilt, als zu weich, irrational

und entscheidungsunfähig oder als zu hart, verbittert und

machtgierig. Anscheinend erlauben die gängigen Stereotype

und die damit verbundene Wahrnehmung keine

Zwischentöne, keine flexible und kreative Rollenausgestaltung.

Sogenannte Ausnahmen scheinen die gängigen

Vorurteile nur zu bestätigen. Insofern können wir der

Meinung von Laura Wiesböck (2019) durchaus folgen:

„Während es für Politiker möglich ist, nach einem

historischen Skandal weiterhin Zuspruch zu erfahren,

zeichnet sich für Politikerinnen ein komplett anderes Bild.

Sie haben allein aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit

einen Startnachteil, unabhängig von ihrer Qualifikation

oder Leistung. Frauen in der Politik werden auf ihr Äußeres

reduziert und herabgewürdigt. Und zwar systematisch.“

Strukturelle Ungleichheit

Der oben kurz ausgeführte Befund bildet jedoch nur die

Spitze des Eisbergs: Unsere Diagnose muss notwendigerweise

auch strukturelle Diskriminierung einbeziehen. Der

Gender Pay Gap besteht weiterhin: Laut Statistik Austria

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 25


26

lag dieser 2016/17 in Österreich bei Vollzeitbeschäftigten

noch immer bei 16,8 Prozent, bei Teilzeit bei ca. 38 Prozent.

Auch an den österreichischen Universitäten bleibt

Ungleichheit manifest: 1970 gab es drei Prozent Professorinnen

in ganz Österreich, 2002 zehn und jetzt 29

Prozent. 1970 habilitierten sich circa vier Prozent Frauen,

2018 zehn Prozent. Trotz der schon 1982 begonnenen

besonderen Frauen-Fördermaßnahmen und der Gleichbehandlungsgesetzgebung

ab 1995 setzt sich systematische

Ungleichheit fort. Darüber hinaus sind besonders

Alleinerzieherinnen und deren Kinder von Armut betroffen:

Im August 2018 waren von den 180.000 Alleinerziehern

neunzig Prozent Frauen und davon wiederum vierzig

Prozent armuts- und ausgrenzungsgefährdet (https://

diepresse.com/home/innenpolitik/5487566/324000-

Kinder-armutsgefaehrdet-besonders-Alleinerziehendebetroffen).

Weiter stellen Gewaltschutzexperten fest, dass sich

Gewalt gegen Frauen quer durch alle Milieus und sozialen

Schichten zieht – ein globales Phänomen. Gewalt

gegen Frauen vor allem muslimischen jungen Männern

anzulasten, sei einfach falsch – genau solche Trugschlüsse

wurden aber massiv propagandistisch von Schwarz-Blau

II eingesetzt (Stuiber, 2019). Regte man sich berechtigterweise

über die schrecklichen Übergriffe gegen Frauen

in der Kölner Silvesternacht am 31.12.2015 auf, so vergaßen

dabei viele, dass der sogenannte „Pograpsch“-Paragraf

in Österreich nicht nur sehr umstritten war, sondern

erst am 1.1.2016 (sic!) gesetzlich verankert wurde.

Diskutiert wurde in Bezug auf den gesetzlichen Umgang

mit sexueller Belästigung, inwiefern es hier überhaupt

einer rechtlichen Reglementierung bedürfe. Es

bestand kein Konsens über die nicht-selbstverständliche

Verfügbarkeit des weiblichen Körpers und folglich auch

nicht über (ungewollte) Berührungen. Einerseits fanden

Verhandlungen zwischen der damaligen Frauenministerin

Gabriele Heinisch-Hosek und dem damaligen Justizminister

Wolfgang Brandstetter statt. Andrerseits gab es

Meinungen, die ein solches Gesetz als unnötig erklärten.

So Heinz-Christian Strache in einem Interview mit dem

Boulevardblatt „Österreich“:

„Wir müssen uns gegen die Verbots- und Zwangsregulierungsexzesse

wehren. Siehe die Diskussion um

das Grapschen. Jeder von uns erinnert sich, wie er seine

Partnerin kennengelernt hat, wie man sich mit verbaler

Kommunikation angenähert hat, aber dann doch mit einer

zärtlichen Berührung an der Schulter oder sonst wo

versucht hat, eine körperliche Nähe aufzubauen. Und

dann gehofft hat, dass das erwidert wird. Wenn das nicht

mehr möglich ist, frag’ ich mich, wie wir in Zukunft zueinanderfinden.

ÖSTERREICH: Aber es geht doch um Schutz vor

sexueller Belästigung (…)

Strache: Da haben wir heute sehr gute Gesetze.

Wenn jemand sexuell belästigt wird, ist das auch entsprechend

zu bestrafen. Doch bei der Regulierungswut stellt

sich doch die Frage: Wo hört’s auf? Als Nächstes ist dann

vielleicht die Ernährung dran. Dann erstellt man uns per

Gesetz Speisepläne. Das ist modernes Jakobinertum.“

(Österreich, 18.05.2015)

Allerdings hat die „#MeToo“-Bewegung mit ihren

Aufdeckungen von Vergewaltigungen und versuchten

Nötigungen (im Filmgeschäft, im Theater und im Sport)

und entsprechenden Forderungen nach Sanktionen diese

Debatte derzeit in den Hintergrund gerückt.

Dennoch wirken mächtige, intellektuelle (gebildete),

selbstbewusste Frauen für manche bildungsfernen Gesellschaftsschichten

weiterhin, selbst im 21. Jahrhundert, besonders

bedrohlich (Rosin 2013). Daher, meint Heinz Ulrich

Brinkmann (2019), konnte sich Barack Obama gegen

Hillary Clinton 2008 im Vorwahlkampf für die Präsidentschaftskandidatur

in den USA durchsetzen. Offenbar war

sogar der eklatante Rassismus gegen Schwarze, vor allem

in den Südstaaten, weniger wirksam und wahlverhindernd

als der virulente Hass auf eine liberale, intellektuelle, weiße

Frau. Genau dieser Hass hätte auch Donald Trump – abgesehen

von einer Reihe anderer Faktoren – genützt, trotz

oder vielleicht gerade wegen seiner unzähligen vulgären

und schamlosen Ausfälle gegen Frauen ganz allgemein und

gegen seine Gegnerin ganz konkret (S. 386‒87).

Österreichs „Helden der Nation“

Am 16.5.2015 wurden Conchita und Andreas Gabalier

als „Helden der Nation“ bzw. als die zwei Gesichter der

österreichischen Nation dargestellt und gefeiert (siehe

Abbildung 2, Cover der „News“-Ausgabe am Staatsvertragsjubiläum

15.5.2015) (Rheindorf/Lehner 2019).

Gabalier war schon 2014 prominentes Testimonial

der #stolzdrauf-Kampagne des damaligen Außen- und

Integrationsministers Sebastian Kurz (Abbildung 3) und

trat öffentlichkeitswirksam als Gegner der neuen Fassung

der Bundeshymne („Töchter/Söhne“) auf.

Zur Erinnerung: Gabalier stieß beim Grandprix in

Spielberg im Juni 2014 erneut eine Diskussion über die

(bereits seit 1.1.2012 gesetzeskonforme) Phrase „Heimat

großer Töchter und Söhne“ und somit über die Repräsentanz

von Frauen und Männern in der österreichischen

Bundeshymne an (Lehner/Wodak 2020). Damit vertrat

er dieselbe Meinung wie die FPÖ und insbesondere

H.-C. Strache, der während des Wiener Wahlkampfs

2015 wiederholt betonte:

„Wir singen die traditionelle und historische (Version

– Anm. Ruth Wodak) im Fußballstadion, wenn

die Nationalmannschaft einläuft, und lassen uns solche

Blödheiten von den anderen Parteien auch nicht gefallen,

und das ist gut so“ (Strache 2015).

Im Gegensatz dazu gewann Conchita für Österreich

den Eurovision Song Contest 2014, trat als gefeierte

DAS JÜDISCHE ECHO


US-Wahlkampf Donald Trump contra Hillary Clinton (2016): Der Mann nutzte den verbreiteten Hass auf die liberale intellektuelle weiße Frau

FOTO: PICTUREDESK/RON SACHS/ACTION PRESS

„Queen of Austria“ auf und fungierte als Testimonial des

Life Ball in Form einer neu inszenierten Klimt-„Adele“

samt Bezug auf die Hymnendebatte („Heimat großer

Töchtersöhne“).

Andreas Gabalier und Conchita Wurst werden weiterhin

in politischen, medialen und wissenschaftlichen

Diskursen vor allem wegen ihrer gegensätzlichen Verkörperung

von Genderrollen, aber auch wegen ihres unterschiedlichen

„Österreicher-Seins“ diskutiert und instrumentalisiert:

Der eine verkörpert und fordert öffentlich

konservative, hetero-normative Geschlechterrollen, die

er mit einem anachronistischen, ja reaktionären Heimatbegriff

verknüpft. Conchita hingegen konterkariert ihre

recht traditionelle Travestieperformance durch das Tragen

eines Bartes und wird international als Botschafterin

für Toleranz und Respekt gefeiert. Beide stehen also –

quasi metonymisch – für einander diametral entgegengesetzte

Genderideologien und Genderpolitiken und laden

jeweils zur Identifikation ein.

In diesem Fall begegnen wir also einer weiteren Spitze

des Eisbergs in der Genderdebatte und Body-Politik,

nämlich jener der erfolgreichen Populärkultur. Ähnlich

wie die Debatten um geschlechtergerechtes Sprachverhalten

manifestieren diese Debatten symbolisch wesentlich

tiefer liegende Ideologien, die – je nach Regierungsprogramm

und Parteienideologie – politikbestimmend

wirken, und zwar genau in jenen Bereichen, in denen

strukturelle Diskriminierung herrscht.

Wie der Diskursforscher Markus Rheindorf (2016) treffend

analysiert, repräsentiert Andreas Gabalier sowohl

in seinem musikalischen Schaffen als auch in Medienauftritten

eine stark sexualisierte traditionelle Männlichkeit,

die er wechselnd an den Figuren des ursprünglichen

„Bergbauernbuam“, des „Volks-Rock-’n’-Rollers“ und

des postmodernen Superhelden „Mountain Man“ verankert.

Seine Liedertexte feiern die österreichische Landschaft,

die aus Bergen, Bergseen, Flüssen und blühenden

Wiesen besteht; sie ist ländlich, unberührt, wenn auch

nicht frei von Sünde. Im Lied „Heimatsöhne“ (sozusagen

Gabaliers persönlichem Gegenentwurf zur Nationalhymne)

konkretisiert er die Ursprünge der „starken

Männerhand“: das „harte Handwerk liegt bei uns im

Blut“, das Blut wiederum entspringe der „ewigen Heimat“,

aus deren „Erde“ wir kommen; all dies durchaus

Äußerungen, die eine „Blut und Boden“-Ideologie assoziieren

lassen.

Diese nativistische, harte Männlichkeit durchzieht

alle Alben Gabaliers, bis hin zum 2015 veröffentlichten

„Mountain Man“: „Du bist hart wie Gletschereis“, besingt

er dort die „echte“ Männlichkeit (Rheindorf 2016).

Gabaliers Lieder bevölkern Mädchen, Mäderln, Dirndln

und Rehlein. Als klein, niedlich, daheim zurückbleibend

spricht Gabaliers Lied „Du musst nicht traurig sein“ die

Wunschpartnerin an: „Schau mich an, mein kleines Mäderl

[…] ich komm bald wieder, doch ein Mann muss

in die große weite Welt.“ Diese anachronistische, zutiefst

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 27


Conchita in Klimts Adele-Outfit, Andreas Gabalier in Kurz-Kampagne, zwei gegensätzliche Illustrierten-„Helden der Nation“

traditionelle Vision von Mann entspricht weitgehend der

Programmatik im „Handbuch freiheitlicher Politik“, der

schriftlich verfassten Ideologie der FPÖ (siehe unten;

Rheindorf/Wodak 2019; Wodak 2018).

Conchita Wurst, die von Thomas Neuwirth erschaffene

Kunstfigur, bildet den Gegenentwurf zur

Gabalier’schen Vision: Conchita performt ihre spezifische

Gender-Konstruktion durch das Tragen diverser

sichtbarer Merkmale wie Make-up, lange Haare, enganliegende

Kleidung, Bühneninszenierungen und grazilen

Habitus. Sie lehnt sich dabei bewusst an hegemoniale stereotypisierte

Vorstellungen eines weiblichen bzw. weiblich

geschmückten Körpers an (vgl. Lehner/Rheindorf

2020). Neben solchen weiblichen Attributen ist Conchitas

prominentestes Kennzeichen der Bart, der nicht

nur einen Bruch gegenüber dominanten Vorstellungen

von Weiblichkeit darstellt, sondern auch gegenüber ihrer

ansonsten traditionellen Travestieperformance. Damit

unterwandert sie bewusst hetero-normative Stereotype

und streng binäre Codes. All dies bedingt eine komplexe,

uneindeutige, nicht fixierbare Gender-Konstruktion,

die durchaus Irritationen verursachen will. Im Gegensatz

zu Gabalier steht sie als öffentliche Persona für Respekt

und Toleranz, ob bei Auftritten in EU-Organisationen,

bei großen Demonstrationen zugunsten einer „Willkommenskultur“,

beim Life Ball oder bei der Eröffnung der

Wiener Festwochen. Conchita repräsentiert eine andere

Body-Politik, eine offene, sich verändernde, widersprüchliche,

von Inkongruenzen gezeichnete.

Genderpolitik und -ideologien – ein Backlash?

Und wo stehen wir jetzt, 101 Jahre nach der Einführung

des Wahlrechts für Frauen 1918? 45 Jahre nach Einführung

der Fristenlösung am 1.1.1975? Seit der Erlaubnis

zur gleichgeschlechtlichen Ehe am 1.1.2019?

Das Gleichbehandlungsgesetz, konsolidiert am

22.6.2019, regelt die Gleichstellung der Geschlechter

und garantiert Strafen bei Verletzung der Gesetzesbestimmungen

(Gleichbehandlungsgesetz 2019). Viel ist

erreicht worden, zumindest was die Gesetzeslage betrifft

– da stimme ich mit der anfangs zitierten Robin Lakoff

durchaus überein. Umgesetzt ist allerdings noch lange

nicht alles, was national und auch in EU-Richtlinien festgeschrieben

ist. Im Gegenteil: Schwarz-Blau II versuchte

in ihrer 18 Monate dauernden Regierungsperiode von

1/2018 bis 5/2019 wichtige Errungenschaften zurückzunehmen.

Dementsprechend stellte der Österreichische

Frauenring am 10.4.2018 kritisch fest, dass „Frauen die

Verliererinnen angesichts eines sozial unausgewogenen

«Die Fortdauer des Patriarchats verwundert

nicht, wenn man sich beispielsweise

mit der Genderpolitik im Parteiprogramm

der FPÖ näher beschäftigt.»

Familienbonus sind, durch Kürzungen bei Frauenberatungsangeboten

und Gleichstellungspolitik“. Vor allem

wurde heftig moniert, dass bei der Gewaltprävention gespart

werden sollte (https://www.frauenring.at/budget-

201819-gleichstellung-gekuerzt-frauen-verliererinnen).

In der Tat begegnen wir immer noch im Alltag auf Schritt

und Tritt den oben ausgeführten, diametral entgegengesetzten

Genderideologien, darunter neuerdings auch

Versuchen, das Selbstbestimmungsrecht von Frauen über

ihren Körper zu unterminieren (Hausbichler 2019). Entsprechende

Initiativen, wie etwa #Fairändern, werden

von Teilen der ÖVP und FPÖ unterstützt.

Die Aus- und Fortdauer des Patriarchats verwundern

nicht, wenn man sich beispielsweise mit der Genderpolitik

in dem Parteiprogramm der FPÖ näher beschäftigt:

Das Pamphlet „Für ein freies Österreich“ (2013), verfasst

von FPÖ-Funktionär Michael Howanietz und herausgegeben

vom neuen FPÖ-Vorsitzenden Norbert Hofer, begründet

im Detail die Positionen der FPÖ, gerade auch in

FOTOS: INGE PRADER FÜR LIFEBALL, SCRRENSHOTS, PICTUREDESK/STARPIX/A. TUMA

28

DAS JÜDISCHE ECHO


FOTO: PICTUREDESK/STARPIX/A. TUMA

Bezug auf Genderpolitik. Dieses weist viele intertextuelle

Bezüge zum „Handbuch freiheitlicher Politik“ (FPÖ-Bildungsinstitut

2013) auf, eine Richtlinie für Parteifunktionäre,

mit Vorworten des ehemaligen Vorsitzenden H.-C.

Strache und von Norbert Hofer. Das obengenannte Pamphlet

betont die wahre „Heimat“, die nur im ländlichen

Raum zu finden sei, wo es höhere Geburtenraten, manuelle

Arbeit und „zeitlose Werte“ gibt (Howanietz 2013, 77).

In diesem Kontext betont der Autor die biologischen und

spirituellen Bezüge des „Volkes“, „de[n] Boden, aus dem

unser Wasser kommt, in dem unsere Nahrung wächst, aus

dem wir, wenigstens teilweise, unsere Energie beziehen,

ist das heiligste Gut der Gemeinschaft“ ( Howanietz 2013,

141). Anklänge an eine nativistische „Blut und Boden“-

Ideologie gehen damit einher: „Staaten und Völker sind

in unserem Sprachgebrauch weitgehend Synonyme. Das

Modell der Nation (von lat. nascere: geboren werden,

entstehen) gründet sich auf der Abstammung der Bevölkerung“

(Howanietz 2013, 125). Zur „Selbstzerstörung“

trägt, so wird behauptet, auch die – an sich selbstverständliche

– Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt bei

(Howanietz 2013, 21). Legale Abtreibung wird abgelehnt

(Howanietz 2013, 22). Diese anachronistische Genderpolitik

propagiert

„[e]in evolutionäres Konzept, das sich an biologischen

Gegebenheiten orientiert: der von keiner anderen

Emotion überragbaren Mutter-Kind-Bindung und des

mütterlichen Brutpflegetriebes einerseits, sowie des Vaters

als Versorger und Beschützer der Familie“ (Howanietz

2013, S. 119).

Derart ergänzen sich die hier angesprochenen Ebenen

einer rückwärtsgewandten Geschlechterpolitik: Elemente

der Symbolpolitik, wie die Ablehnung geschlechtergerechten

Sprachverhaltens oder die nativistischanachronistische

Männlichkeit eines Andreas Gabalier,

entsprechen einer völkischen, rechtsextremen Genderideologie

und -politik. Eine solche völkische Dimension

impliziert notwendigerweise die Ausgrenzung der

„anderen“, die dichotome Grenzziehung betrifft nicht

nur die Geschlechter, sondern auch die immer wieder

rhetorisch-medial konstruierte Bedrohung durch (ethnische,

kulturelle, religiöse, sprachliche) Minderheiten und

(nichtwillkommene) Fremde.

Je nach Bedarf können unterschiedliche Momente

solcher Einstellungen instrumentalisiert werden,

die manchmal durchaus paradox anmuten: Einerseits

sollen Frauen – gemäß der oben beschriebenen FPÖ-

Programmatik – zu Hause bleiben und viele Kinder

gebären; andrerseits wird aber muslimischen kopftuchtragenden

Frauen genau eine solche traditionelle und

konservative Haltung vorgeworfen. In einem FPÖ- Plakat

aus dem Wiener Wahlkampf 2010 wird dieser Widerspruch

deutlich.

Es besagt, dass „Wir“ – in Großbuchstaben geschrieben

und neben dem Bild von H.-C. Strache, der

die FPÖ und den „echten“ Wiener repräsentiert – jene

Partei sind, die „freie Frauen“ beschützt. Unmittelbar

daneben steht: „Die SPÖ [die Inhaberin der relativen

Mehrheit in Wien] [schützt] den Kopftuchzwang.“ In

diesem elliptischen Satz fehlt das Verb, ist aber leicht

zu erschließen. Zwischen der FPÖ als Beschützerin der

Frauenrechte und der SPÖ, die angeblich ihre Unterdrückung

befürwortet, wird ein Gegensatz hergestellt – für

die Zwecke der FPÖ durch das Kopftuch symbolisiert

(Wodak 2016, 182‒83). Oberflächlich findet also eine

Umkehrung von Positionen statt: Die FPÖ setzt sich für

das Verbot oder eine Untersagung von Kopftüchern ein

(um genau zu sein, nur gegen das religiös motivierte Tragen

von Kopftüchern und nur im Falle des Islam). Es

geht dabei um die Durchsetzung – durch sozialen Druck,

wenn nicht durch Gesetzgebung – einer konformen Vorstellung

„moderner“ Weiblichkeit. Die zweite Behauptung

ist zudem irreführend, denn die SPÖ ist weder für

die Unterdrückung von Frauen, noch setzt sie sich für

einen Kopftuchzwang ein. Darüber hinaus gleicht „Freie

Frauen“ einer Alliteration zur „Freiheitlichen Partei Österreichs“.

Welche Art von Freiheit, könnten wir uns nun

fragen, stellt sich die FPÖ für Frauen vor?

Muslimischen kopftuchtragenden Frauen gegenüber

werden also progressive Errungenschaften positiv bewertet,

sie werden sogar als wichtige anzustrebende Errungenschaften

angepriesen, ganz im Gegensatz zur Gender-

Vision Gabaliers und dem „Handbuch freiheitlicher

Politik“. Daher geraten Frauen wiederum in eine no-win

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg, aktuell die

beliebteste Zielscheibe aggressiver und nicht nur alter Männer

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 29


situation: Um die „demographische Panik“ abzuwenden

(die Angst, „das genuine Volk“ könnte aussterben), müssen

viele – österreichische – Kinder geboren werden.

Frauen sollen zu Hause bleiben, man muss sie vor Fremden

beschützen; gleichzeitig wird sexuelle Belästigung

(Stichwort „Pograpschen“) verharmlost, jedoch nur dann,

wenn nicht Fremde daran beteiligt sind. Und weiter:

Frauen in hohen Positionen, auch als Politikerinnen, sind

durchaus willkommen, wenn sie entsprechende politischideologische

Einstellungen vertreten. Man denke nur an

die Vorsitzende des Rassemblement nationale (RN) in

Frankreich, Marine Le Pen, oder an Sarah Palin, die als

Kandidatin der Republikaner für die Vizepräsidentschaft

gemeinsam mit John McCain 2008 gegen den Kandidaten

der Demokraten, Barack Obama, antrat.

Insofern ist Genderpolitik leider weiterhin ein Spielball

in den Händen der Mächtigen. Wer in Österreich

bestimmend bleibt – Conchita oder Gabalier – wird erst

die Zukunft weisen. In jedem Fall bedarf es weiterer gemeinsamer

Anstrengungen, um vorhandene Ungleichheiten

zu überwinden. 2

1 Bezeichnend ist, dass der damalige Verteidigungsminister Mario

Kunasek (FPÖ) 2018 einen Erlass verabschiedete, der explizit die Verwendung

des Binnen-I untersagte. (https://derstandard.at/2000080389723/

Bundesheer-streicht-das-Binnen-I [27.04.2019]).

2 Die Daten aus dem Jahre 2015 stammen aus dem vom FWF geförderten

Projekt „Diskursive Konstruktion österreichischer Identitäten –

2015“ (P 27153), das unter meiner Leitung, gemeinsam mit Rudolf de

Cillia, Markus Rheindorf und Sabine Lehner, 2018 fertiggestellt wurde

(https://nationale-identitaet-2015.univie.ac.at; für extensive Analysen

und Interpretationen vgl. Wodak/De Cillia/Rheindorf/Lehner 2020).

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(https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnorm

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Hausbichler, Beate (2019), Die Fristenregelung im Visier der Ab trei -

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Howanietz, Michael (2013), Für ein freies Österreich: Souveränität als

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Lehner, Sabine/Rheindorf, Markus (2020), Töchtersöhne und nationale

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Lehner, Sabine/Wodak, Ruth (2020), Identitäten, Nationalismen und

nativistisch-populistische Rhetorik. In: Ruth Wodak et al. (Hg.), Zur

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(in Druck).

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DAS JÜDISCHE ECHO


Frauen und

politische Öffentlichkeit

Von Ingrid Brodnig

„Du schreist und brüllst“

FOTO: INGO PERTRAMMER

Gerade digitale Medien werden genutzt, um

Frauen einzuschüchtern und wegzudrängen. Die

Gefahr ist, dass in digitalen Debatten ein gesellschaftlicher

Rückschritt passiert.

Einst gab es diese Idee, die pure Existenz des Internets

würde zu einer fairen, zu einer aufgeklärten Debatte

führen. Zum Beispiel schrieb der Sozialwissenschaftler

Howard Rheingold im Jahr 1992: „Da wir einander

nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile

über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen

wollen: Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter,

nationale Abstammung und die äußere Erscheinung

werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale

angeben will.“

Doch wir wissen: Das stimmt nicht. Ganz im Gegenteil.

Gerade in den digitalen Kommunikationsräumen

können wir Antisemitismus, Rassismus und auch

Sexismus beobachten. Die Digitalisierung hat nicht automatisch

dazu geführt, dass Menschen sachlicher und

fairer miteinander umgehen. In vielen Fällen versuchen

Rüpel und Extremisten sogar die Deutungshoheit in Foren

oder sozialen Medien zu erlangen. Frauen sind eine

der Gruppen, die den Hass im Netz besonders deutlich

spüren. Es gibt eine gute Untersuchung des Pew Research

Center in den USA: Eine von fünf Frauen im Alter von

18 bis 29 hat sexuelle Herabwürdigungen online erlebt.

Generell empfinden Frauen Aggression als größeres

Problem als Männer. Die aktuellen Zahlen deuten darauf

hin, dass alle Geschlechter von Hasskommentaren

betroffen sind, aber auf unterschiedliche Weise. Bei Frauen

wird es schnell derb, es geht unter die Gürtellinie, da

werden beispielsweise obszöne Vermutungen über das

Sexualleben einer Frau angestellt oder ihr wird erklärt, sie

müsse sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt wird.

Das ist nicht nur verletzend für die Betroffenen, es

birgt auch eine gesellschaftliche Gefahr: dass Frauen in

manchen Debatten nicht ihre Meinung sagen, aus Angst,

sonst üble Reaktionen zu ernten, und dass die Stimme

von Frauen somit insgesamt leiser wird. Mit aggressiven

Kommentaren andere mundtot zu machen nennt man

„Silencing“. Eine Untersuchung von Amnesty International

befragte Frauen in acht Ländern, ob sie Opfer von

Belästigung oder Belästigungen in sozialen Medien wurden.

Unter jenen Frauen, die solche Aggressionen erlebt

haben, gab in etwa jede Dritte an, zu gewissen Themen

nicht mehr ihre Meinung zu veröffentlichen.

In der Praxis lässt sich beobachten: Speziell Frauen,

die selbstsicher auftreten oder die sich gar für feministische

Anliegen einsetzen, erleben oftmals Einschüchterungsversuche.

Feministische Bloggerinnen erhalten

zum Beispiel obszöne anonyme E-Mails, in denen fiktive

Vergewaltigungsszenen detailliert beschrieben werden.

Eine österreichische Bloggerin erhielt folgende Nach-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 31


Die im Internet attackierte Politikerin Sigrid Maurer: Dass sie erniedrigende Nachrichten offenlegte und sich vor

Gericht wehrte, brachte ihr Respekt ein

richt: „Du schreist und brüllst und heulst verzweifelt,

als das harte Leder zielsicher sein Ziel zwischen deinen

Schenkeln trifft. (...) Genüsslich tränkt er das Tuch mit

Alkohol und drückt es auf deine blutenden Wunden.

Mit aller Macht dringt der brennende Schmerz jetzt tief

(...) in deine F…e ein.“ Ein Teil der Gehässigkeiten, die

selbstbewusste Frauen im Netz erleben, zielt wohl auch

darauf ab, diese selbstbewussten Frauen aus der öffentlichen

digitalen Debatte zu verdrängen.

Eine Schattenseite ist auch, dass Frauen zum Teil

verstecken, dass sie eine Frau sind – und stattdessen unter

einem geschlechtsneutralen Pseudonym auftreten. Dazu

eine Untersuchung der Online-Community der „New

York Times“: Die Wissenschaftlerin Emma Pierson hat

schon vor rund fünf Jahren die Leserkommentare der

„New York Times“ analysiert. Sie wertete fast 900.000

Wortmeldungen aus, die User verfasst hatten und die

veröffentlicht wurden. Unter jenen Nutzeraccounts, deren

Geschlecht sich eindeutig erkennen ließ, waren nur

27,7 Prozent Frauen. Auch kommentierten diese Leserinnen

weniger als Männer, so stammen gerade einmal

24,8 Prozent der Beiträge von Frauen. Eine deutliche

Verzerrung verglichen mit der Printausgabe. Bei dieser

sind 44 Prozent der Leserschaft der „New York Times“

weiblich. Die Studie hat außerdem gezeigt, dass Frauen

eher ihre Identität verschweigen als Männer. Sie gaben

wesentlich seltener ihren Nachnamen an oder nannten

nur die Initialen. Die Forscherin Pierson notiert dazu,

dies könnte darauf hinweisen, dass sie im Forum Probleme

haben: „entweder damit, dass sie als Frau identifiziert

werden oder dass ihre gesamte Identität bekannt wird“.

Bedenklich ist dies deshalb, weil damit eine wichtige

Perspektive weniger sichtbar wird. Piersons Studie zeigte

ebenfalls, dass Nutzerinnen online andere Positionen

beziehen: In den USA gab es beispielsweise im Herbst

2013 eine Debatte über die Gesundheitsversicherungen,

die einige Arbeitgeber ihren Mitarbeitern anbieten. Konkret

wurde die Frage diskutiert, ob der Arbeitgeber im

Rahmen der Versicherung auch für einen Teil der Verhütungskosten

aufkommen muss. Hier handelt es sich um

ein Thema, bei dem Frauen und Männer oft andere Positionen

einnehmen, da die Kosten für Verhütung nicht

gleich zwischen den Geschlechtern verteilt sind. Vielfach

zahlen Frauen für die Pille. Über dieses Thema diskutierten

auch die Leser der „New York Times“. Jeder vierte

Mann sprach sich dagegen aus, dass der Arbeitgeber Verhütung

mitbezahlen soll. Jedoch keine einzige Frau sah

dies so. Wenn Userinnen weniger das Wort ergreifen,

ist die Sichtweise von Frauen im Vergleich zu jener von

Männern also unterrepräsentiert.

Wir haben in den vergangenen hundert Jahren hart

darum gekämpft, dass Frauen das gleiche Recht auf Mit-

FOTO: PICTUREDESK/HELMUT GRAF, WIKIPEDIA/MIKEGR.

32

DAS JÜDISCHE ECHO


sprache haben. Da wäre es eine Schande, wenn ausgerechnet

im modernsten aller Medien – dem Internet –

ein gesellschaftlicher Rückschritt stattfindet, indem die

Sichtweise von Frauen unsichtbarer wird.

Das Gute daran ist: Viele Frauen wehren sich. Sie

thematisieren das Unrecht, die Entgleisungen, mit denen

sie konfrontiert werden. Einer der berühmtesten Fälle

ist mittlerweile jener von Sigrid Maurer. Die frühere

Abgeordnete der Grünen erhielt auf Facebook obszöne

Nachrichten, die vom Account eines Wiener Biergeschäfts

abgesendet worden waren. Da hieß es: „Hallo Du

bist heute bei mir beim Geschäft vorbei gegangen und

hast auf meinen S…z geguckt als wolltest du Ihn essen

(...).“ Und ferner: „Bitte wenn Du nächstes Mal vorbei

kommst darfst Ihn ohne Worte in deinen Mund nehmen

und ihm bis zum letzten Tropfen aussaugen, zahle

auch 3 Euro mehr, wenn Du nix verschwendest!!! (...)“

«Eine obszöne Nachricht als E-Mail

nur an die betroffene Frau und an

niemanden sonst gesendet, kann nach

bisheriger Gesetzeslage keine Beleidigung

im engen strafrechtlichen Sinne sein.»

Maurer hatte den Eindruck, dass sie sich juristisch nicht

so leicht wehren kann – als Notlösung veröffentlichte

sie diese Nachrichten, um diese Herabwürdigung nicht

stillschweigend hinzunehmen. Daraufhin klagte sie der

Betreiber des Biergeschäfts. Er streitet gar nicht ab, dass

die Botschaften von seinem Profil gesendet wurden, er

behauptet aber, jemand anderer sei an seinem Computer

gesessen (wer es war, behauptet er, wisse er nicht). Seither

läuft ein komplizierter Rechtsstreit um diese Materie,

aber eines ist gewiss: Dass Sigrid Maurer diese erniedrigenden

Nachrichten offenlegte, brachte ihr viel Respekt

ein. Zum Beispiel gibt es Männer, die bei solchen Fällen

dann staunen, was Frauen alles lesen müssen. Und auch

viele Frauen zeigen sich solidarisch. Für die Betroffenen

kann es Unterstützung bringen, wenn sie auf derartige

Entgleisungen hinweisen – Maurer erhielt daraufhin viel

Zuspruch, von Internetnutzern bis hin zu Zeitungskommentatoren.

Und auch gesellschaftlich sind solche Anlassfälle

wichtig: Sie machen nämlich unmissverständlich

klar, dass wir ein ernsthaftes Problem mit dem Sexismus

im Netz haben.

Das Ansprechen derartiger verbaler Entgleisungen

ist durchaus eine Verteidigungsmaßnahme. Hier kann

auch jede und jeder Einzelne etwas tun – nämlich seine

Solidarität mit den Betroffenen aussprechen. Für Betroffene

ist es hilfreich zu erkennen, dass sie nicht alleine

sind – dass es die Mehrheit der Nutzer nicht in Ordnung

findet, was Frauen im Netz mitunter erleben. Aber es

braucht noch mehr, vor allem braucht es eine ernsthafte

politische Debatte. Wir sollten über das bestehende

Recht diskutieren und vor allem über die Frage, ob die

aktuellen Paragrafen in der Praxis genügend Schutz für

Frauen bieten. Nehmen wir noch einmal den Fall Maurer:

Obwohl sie herabwürdigende, obszöne Nachrichten

erhielt, konnte sie diese nicht als Beleidigung nach dem

Strafgesetzbuch anzeigen. Das österreichische Recht

macht hier eine Einschränkung: Um den Tatbestand der

Beleidigung zu erfüllen, muss eine Meldung vor mehreren

Menschen getätigt werden. Eine obszöne Nachricht,

die als E-Mail oder private Nachricht nur an die betroffene

Frau und an niemanden sonst gesendet wird, kann

nach bisheriger Gesetzeslage keine Beleidigung im engen

strafrechtlichen Sinne sein. In Deutschland ist das anders:

Da kann man als Betroffener eine verletzende Meldung

auch dann als Beleidigung anzeigen, wenn sie nur

an eine Person adressiert ist. Das zeigt: Womöglich lassen

sich einzelne Stellen des Strafgesetzbuches adaptieren,

um Frauen etwas mehr Rechtssicherheit zu bieten. Der

Gesetzgeber könnte noch einiges machen, um effizienter

gegen Hass im Netz vorgehen zu können. Diese rote Linie

des Strafrechts ist wichtig: Denn durch derartige Paragrafen

und ihre ernsthafte Verfolgung drückt eine Gesellschaft

auch aus, dass sie solche Erniedrigungen und

Verdrängungsversuche von Frauen nicht toleriert.

Anders als dies Howard Rheingold vor einem guten

Vierteljahrhundert noch hoffte, führt das Internet nicht

automatisch zu einer aufgeklärten, vorurteilsfreien Debatte.

Im Gegenteil: Das Netz wird häufig für Einschüchterungsversuche

von Menschen in Hinblick auf ihr Geschlecht,

ihre Religion, ihre Herkunft genutzt. Wenn wir

ein aufgeklärteres, respektvolleres Netz wollen, müssen

wir noch ernsthafter als bisher daran arbeiten. 2

Der Sozialwissenschaftler Howard Rheingold hatte sich

ursprünglich von der Anonymität im Internet eine Kommunikation

ohne Vorurteile erhofft

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 33


ESRA

Psychosoziales Zentrum

ESRA heißt Hilfe

Auch Sie können helfen!

Das Psychosoziale Zentrum ESRA wurde 1994 gegründet,

um den Überlebenden der NS-Verfolgung umfassende professionelle

Hilfe zu bieten. Rund 3.000 Menschen finden jährlich

bei ESRA Hilfe. Alle Leistungen sind für PatientInnen und

KlientInnen kostenlos, auch Nicht-Versicherte werden in

vollem Ausmaß betreut, behandelt und begleitet.

Durch eine Spende per Überweisung oder

online auf unserer Website

Durch einen Dauerauftrag oder

eine Fördermitgliedschaft

Regelmäßige Spenden helfen uns, längerfristig zu planen.

Seit einigen Jahren unterstützt ESRA vermehrt Menschen,

die ihren Wohnsitz nicht in Wien haben. Dazu gehören etwa

Überlebende des NS-Regimes, die ab 1938 aus Österreich

vertrieben wurden, NS-Überlebende in den Bundesländern

oder durch andere Ursachen schwerst traumatisierte

Menschen.

Da dieser Teil unserer Arbeit durch öffentliche Subventionen

nicht ausreichend finanziert werden kann, ist Ihre Unterstützung

für die Fortführung dieser Arbeit ganz besonders wichtig.

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ESRA Psychosoziales Zentrum

1020 Wien, Tempelgasse 5, Tel.: (+43 1) 214 90 14, Fax: (+43 1) 214 90 14-30

Mail: office@esra.at, Homepage: www.esra.at, DVR-Nr. 0782203

ESRA ist eine Einrichtung der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

© Coverfotos: links: ESRA Archiv, Mitte und rechts: Peter Rigaud


Von Manuela Tomic

„Ein Meer, in das ich eintauche“

Seit Jahrzehnten macht die Wiener Historikerin

Shoshana Duizend-Jensen Spuren jüdischen

Lebens in der Hauptstadt sichtbar. Heuer wurde

sie dafür mit dem Leon-Zelman-Preis für Dialog

und Verständigung ausgezeichnet.

FOTOS: MICHAEL OBEX, PID/SCHAUB-WALZER

Die Historikerin Shoshana Duizend-Jensen bei der Verleihung des

Leon-Zelman-Preises im Wiener Rathaus im Juni 2019

Wenn Shoshana Duizend-Jensen durch den zweiten

Wiener Gemeindebezirk streift, hat sie das Gefühl, die

Häuser würden zu ihr sprechen. Sie kennt jede Fassade,

jeden Hinterhof, weiß, welche tragischen Geschichten

mit den Gebäuden verbunden sind. Denn die Historikerin

kämpft Tag für Tag gegen das Vergessen an.

Vor dem „Anschluss“ 1938 florierte in der Hauptstadt

die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas mit

etwa 540 Vereinen, 300 Stiftungen und 26 Synagogen.

Heute ist nur wenig davon übrig. Es sind Zahlen wie diese,

die Duizend-Jensen umtreiben.

In der Ausstellung „Geplündert, verbrannt, geräumt,

demoliert. Verschwundene Zentren jüdischen

Lebens in Wien“ hat sie im Wiener Stadt- und Landesarchiv

Spuren dieser Kulturgeschichte wieder sichtbar gemacht

und dafür dieses Jahr den Leon-Zelman-Preis für

Dialog und Verständigung erhalten.

Duizend-Jensen bedeutet der Preis viel. Schließlich

ist es auch ihr Leben, das sie neben unzähligen weiteren

Schicksalen seit Jahrzehnten akribisch erforscht. In

der Community ist die 58-Jährige bekannt. Von 1998

bis 2002 war Duizend-Jensen festes Mitglied der Österreichischen

Historikerkommission, leitete dort ein großes

Forschungsprojekt, das jüdische Vereine, Stiftungen

und Fonds sowie deren „Arisierung“ und Restitution

im Blickwinkel hatte. Seit 1992 ist sie Mitarbeiterin im

Wiener Stadt- und Landesarchiv und spezialisierte sich

2003 zu den Themen Jüdisches Wien, Novemberpogrom,

Opfer- und Tätergeschichten und Nachkriegsjustiz.

Und erst kürzlich wurde sie in den Vorstand des Wiener

Stadttempels gewählt.

Der Erfolg ist der fast schüchtern wirkenden Frau

mit den dichten dunklen Haaren und dem rosa Lippenstift

nicht anzumerken. Wenn Duizend-Jensen über ihre

Forschung spricht, wirkt sie behutsam, zurückhaltend,

als würde sie ihrem Quellenmaterial jeden Tag aufs Neue

Respekt zollen.

Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich die

Historikerin mit der linkszionistischen jüdischen Jugendbewegung

Hashomer Hazair. „Ich habe mich richtig darauf

gestürzt“, sagt sie und gestikuliert mit ihren Händen.

„Ich wollte herausfinden, wieso sich jüdische Jugendliche

in der Ersten Republik einerseits dem Zionismus, andererseits

dem Kommunismus, dem Sozialismus oder den

konservativen jüdischen Parteien zugewandt haben“, er-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 35


Duizend-Jensen als Rotkäppchen im Fasching 1963 (l.) und mit ihrem Ehemann Herman und ihren zwei Kindern, 2016

zählt sie. Ihre Recherchen führten sie nach Israel. Sechs

Wochen lang besuchte die damalige Studentin Archive,

sprach mit Zeitzeugen und konstruierte so das jüdische

Vereinsleben akribisch nach. In der Nationalbibliothek

durchforstete sie die Folianten der jüdischen Zeitungen.

Das Quellenmaterial schien endlos. „Das war wie ein

Meer, in das ich eingetaucht bin“, sagt Duizend-Jensen.

Gerade arbeitet sie in der Historischen Wissensplattform

der Stadt Wien mit dem Namen „Wien Geschichte

Wiki“ das jüdische Wien und NS-bezogene Themen auf

und verfasst Artikel dazu. „Dort ist mein gesamtes Wissen

gelagert“, sagt sie und zeigt auf einen weißen Schrank

mit dicken Ordnern. Dieses Wissen gelte es nun systematisch

zu digitalisieren.

Doch Duizend-Jensen hat auch andere Bereiche, in

denen sie sich engagiert. 2008 gründete sie die „Selbsthilfegruppe

der Contergan- und Thalidomid-Geschädigten

Österreich“, war als deren Sprecherin in zahlreichen

TV-Sendungen zu sehen und erreichte 2011 mit ihrer

Gruppe eine Entschädigung für die österreichischen Betroffenen

in einer Gesamthöhe von 2,8 Millionen Euro. 1

Sie ist eine Frau mit langem Atem, Stück für Stück arbeitete

sie sich vor, sowohl als Historikerin als auch in

ihrer Funktion als Sprecherin der Selbsthilfegruppe. Für

beides brauche man Geduld, sagt Duizend-Jensen. Und

Geduld zu haben, immer wieder von Neuem Anlauf zu

nehmen, das hat sie schon in ihrer Kindheit gelernt.

1961 in Wien als Kind eines jüdischen Vaters und

einer nicht-jüdischen Mutter geboren und aufgewachsen,

war Duizend-Jensen seit ihrer Geburt von mehreren

tragischen Ereignissen begleitet. „Ich war ein absolutes

Wunschkind“, erzählt sie. Ihr Vater, ein Internist, starb

jedoch wenige Monate vor ihrer Geburt im Urlaub in

Südtirol an einem Herzinfarkt. Um den Schock auszuhalten,

nahm ihre schwangere Mutter das Beruhigungsmittel

Softenon, in Deutschland als Contergan bekannt.

Sie hoffte nur eines: dass ihr Mädchen gesund zur Welt

kommt. Doch diese Hoffnung erfüllte sich nicht. Als

eine von weltweit mehreren tausend Contergan-Geschädigten

kam Duizend-Jensen mit verkürzten Armen und

anderen Fehlbildungen auf die Welt. Hinzu kam ein angeborener

Herzfehler. Karenz oder Kinderbetreuungsgeld

gab es damals nicht. Ihre Mutter musste funktionieren,

nahm ihre Stelle als Kinderärztin rasch wieder auf.

«Das Wort Jude wurde während meiner

gesamten Kindheit nicht in den Mund

genommen. Mein Vater ist mir sehr

abgegangen und ich habe mich regelrecht

an die Religion geklammert.»

Duizend-Jensen verbrachte sehr viel Zeit bei ihren katholischen

Großeltern. „Das Wort Jude wurde während meiner

gesamten Kindheit nicht in den Mund genommen“,

erinnert sich die Historikerin. Als Baby wurde sie katholisch

getauft und religiös erzogen. „Mein Vater ist mir

sehr abgegangen und ich habe mich deshalb regelrecht an

die Religion geklammert“, sagt sie.

Der Glaube half ihr über schwierige Zeiten hinweg.

Als Achtjährige hatte sie eine lebensgefährliche Herzoperation,

lag tagelang auf der Intensivstation im Alten

AKH in der Lazarettgasse. „Ich wusste damals nicht, ob

ich das überleben werde“, erzählt sie. In der Pubertät

wurde die Gymnasiastin wegen ihrer körperlichen Einschränkung

von den männlichen Mitschülern ignoriert.

Doch die Religion blieb eine Konstante.

FOTOS: PRIVAT

36

DAS JÜDISCHE ECHO


Als sie sich auf die Matura vorbereitete, kam das große

Erweckungserlebnis. „Die Schwester meines Vaters hat

mich für die Vorbereitung unter ihre Fittiche genommen

und mir erklärt, dass mein Vater Jude war, dass wir Juden

sind, und ich durfte mit ihr über die Familiengeheimnisse

reden, die mich seit Jahren beschäftigt haben“, sagt

sie. Für Duizend-Jensen änderte sich in diesem Jahr alles.

Sie entschied sich, Geschichte und Judaistik zu studieren,

lernte Hebräisch.

Nach ihrem Studienaufenthalt in Israel wollte die Historikerin

jüdisches Leben nicht nur erforschen, sondern

auch selbst leben. Doch das Konvertieren zum Judentum

stellte eine Hürde dar. Wie es die Halacha verlangt, wurde

Duizend-Jensen von Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg

zunächst abgelehnt, aber dann sehr unterstützt. Er schickte

sie zu einem Lehrer, damit sie das gesamte jüdische Regelwerk,

den Schulchan Aruch, erlernt. „Ich wollte wie immer

alles perfekt machen“, erinnert sie sich. 1997 reiste sie mit

anderen Frauen nach Israel und konnte dort nach einem

intensiven Studium an einer Frauenjeschiwa orthodox zum

Judentum konvertieren. Zu ihrem Vornamen Angelika

kam nun der Vorname Shoshana. So nennt sich Duizend-

Jensen heute. „Zur Verwirrung meiner nicht-religiösen

Mutter bin ich dann doch streng religiös geworden“, sagt

sie mit einem Schmunzeln.

Heute bezeichnet sie sich als modern-orthodoxe, zionistisch

gesinnte Jüdin. Sie hält Schabbat und Kaschrut,

hat aber auch nicht-jüdische Freunde. „Wir haben

einen Fernseher zu Hause und sind offen und gebildet.

Menschlichkeit ist für mich die oberste Priorität“, sagt

Duizend-Jensen. Jeden Schabbat und an den Feiertagen

geht sie in den Wiener Stadttempel und akzeptiert

es, getrennt von den Männern in der Galerie zu sitzen.

„In haredischen Synagogen, wo ich in einem Nebenraum

sitzen würde und schlecht höre, fühle ich mich nicht

wohl“, sagt sie. Auch dass Frauen und Männer womöglich

getrennt in einem Bus sitzen, findet sie nicht gut.

Duizend-Jensen bewegt sich gekonnt zwischen den Welten,

möchte Frauen untereinander vernetzen und zum

Austausch anregen. Ebenfalls bekämpft sie traditionelle

Rollenbilder. „Männer sollten sich auch in streng-orthodoxen

jüdischen Familien an der Kindererziehung und

dem Haushalt beteiligen“, sagt sie.

Mit der Partnersuche hatte sie es selbst lange Zeit

schwer. „Nachdem ich zum Judentum konvertiert bin,

wurden mir einige Männer vorgeschlagen“, erzählt sie,

„ich fuhr mehrere Male nach Israel und Amerika, um

diese kennenzulernen. Doch meist erwies sich das als

Flop.“ Viele Männer konnten mit ihrer körperlichen Beeinträchtigung

nicht umgehen, erinnert sie sich. Ihrem

#glaubandich

Unser Land

braucht Menschen,

die an sich glauben.

Und eine Bank,

die an sie glaubt.


heutigen Ehemann Herman hatte sie schon per E-Mail

mit sehr viel Angst vor Ablehnung über ihre körperliche

Beeinträchtigung erzählt. Für ihn sei das aber kein Thema

gewesen, erzählt Duizend-Jensen. Sie hatte die Suche

nach „dem Richtigen“ schon aufgegeben, als sie Herman

durch Zufall über Freunde kennenlernte. 2002 heirateten

die beiden in Wien und in Amsterdam. Es sei eine absolute

Liebesheirat gewesen, schwärmt Duizend-Jensen.

«Viele wollten Norbert Hofer wählen,

weil sie Opfer von muslimischen Anfeindungen

waren. Ich habe versucht, sie davon zu

überzeugen, dass dies eine falsch verstandene

Liebe zu Juden ist.»

Obwohl ihre Behinderung in ihrem Leben eine prägende

Rolle spielte, erfuhr sie erst 1996, mit 35 Jahren, warum

sie mit den Fehlbildungen geboren wurde. Ihre Mutter

erzählte ihr erstmals, dass sie während der Schwangerschaft

Contergan eingenommen habe. Doch wer sich nicht bis

zum Jahr 1983 bei der deutschen Contergan-Stiftung für

behinderte Menschen gemeldet hatte, dem blieb jegliche

Entschädigung vorenthalten. Wie Duizend-J ensen erging

es auch anderen Geschädigten in Österreich.

Duizend-Jensen wollte das nicht einfach so hinnehmen

und gründete daraufhin die „Selbsthilfegruppe der

Contergan- und Thalidomidgeschädigten Österreichs“.

Nach jahrelangen Anspruchsstreitigkeiten, Medienauftritten

und Treffen mit anderen Betroffenen auf der ganzen

Welt, konnte Duizend-Jensen im Jahr 2011 einen

großen Erfolg erzielen: eine Einmalzahlung für die österreichischen

Betroffenen in Gesamthöhe von 2,8 Millionen

Euro, also etwa 160.000 Euro pro Person.

Wenn Duizend-Jensen Missstände entdeckt,

kämpft sie dagegen an – auch im Politischen. Im Bundespräsidentenwahlkampf

2017 ging sie für Alexander Van

der Bellen auf die Straße, verteilte Flyer, redete mit der

jüdischen Community. „Viele wollten Norbert Hofer

wählen, weil sie Opfer von muslimischen Anfeindungen

waren“, sagt Duizend-Jensen, „doch ich habe versucht,

sie davon zu überzeugen, dass dies eine falsch verstandene

Liebe zu Juden ist.“ Bis zum Schluss hat sie auf der

Straße politische Basisarbeit geleistet. Sie fehlt auch heute

bei kaum einer Demonstration gegen Rechtsruck und

Hass auf alles Fremde. Nicht zuletzt auch wegen ihrer

Erfahrung mit Geflüchteten. 2015 gab sie geflüchteten

Menschen Deutschunterricht. Die damals geschlossenen

Freundschaften halten bis heute. Duizend-Jensen berät,

hört zu, organisiert Kinderbetreuung, kauft Fahrräder

und PCs. Für Duizend-Jensen sind das „nur kleine Hilfestellungen“.

Mit Sorge beobachtet sie die gegenwärtigen

politischen Entwicklungen, sie will sich, wo sie kann,

weiter engagieren. Vielleicht hat ihr Engagement für geflüchtete

Menschen aber einen ganz einfachen Grund:

Duizend-Jensen weiß, was es bedeutet, sich fremd zu

fühlen und zwischen zwei Welten aufzuwachsen. 2

1 Thalidomid ist ein Arzneistoff, der bis in die 1960er-Jahre als Schlafund

Beruhigungsmittel unter den Markennamen Contergan und Softenon

verkauft worden ist und zu zahlreichen schweren Schädigungen an

ungeborenem Leben führte.

„Mosaiksteine des Gewesenen“

Im vergangenen Juni wurde der Historikerin Shoshana

Duizend-Jensen im Wiener Rathaus der Leon-Zelman-

Preis 2019 verliehen. Dieser wird an Personen oder

Initiativen vergeben, die sich im Sinne Leon Zelmans

– auch Gründer des „Jüdischen Echos“ ‒ aktiv für die

Erinnerung an die Schoah und den Dialog zwischen dem

heutigen Österreich und den Opfern der NS-Verfolgung

und ihren Nachkommen einsetzen. Duizend-Jensen

wurde von der Jury ausgewählt, weil sie „sich seit vielen

Jahren umfassend mit der Entrechtung, Beraubung,

Vertreibung und Verfolgung von Wiener Jüdinnen und

Juden“ auseinandersetzt.

In den Worten der Laudatorin Barbara Serloth,

Politikwissenschaftlerin und ehemalige Studienkollegin:

„Shoshana holt mit ihrer Arbeit das Vergangene in

unsere Gegenwart. Ihre verschiedenen Projekte beruhen

auf dem Selbstverständnis, dass sie nicht ruht, bis

sie die Mosaiksteine des Gewesenen freigelegt hat,

bis sie ein paar der manchmal unförmigen, manchmal

verwahrlosten, manchmal bloß unbeachteten,

manchmal auch achtsam aus dem Blickfeld

weggeräumten oder nur vergessenen Zeugnisse des

Gewesenen neu beleben und in erzählbare Geschichten

transferieren konnte; bis sie in der Lage war, ihnen

ein Antlitz zu geben, sie mit einem Namen und einem

Ort zu versehen – und sie damit nicht nur vor dem

Vergessenwerden bewahrt, sondern vor allem vor dem

Entschwinden aus dem Gewesenen. Das bedeutet sehr

viel. Es bedeutet, dem Damals seine Geschichte zu

bewahren. Den Opfern ihre Geschichte und ihr Leben zu

wahren oder auch zurückzugeben.“ (red)

38

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Melita H. Sunjic

Frauen flüchten anders

Frauen sind in der Masse der Flüchtlinge weniger

sichtbar, aber schutzbedürftiger und verwundbarer.

Auch in den Fluchtgründen unterscheiden

sie sich von den Männern.

In Europa ist die Lage von Asylwerberinnen und Flüchtlingsfrauen

ein wohlbeforschtes Thema. Es gibt eine Vielzahl

juristischer, soziologischer, ökonomischer, psychologischer

und medizinischer Untersuchungen. Große und

kleine Studien befassen sich mit ihrer Integration und

ihren Anpassungsstrategien in den Aufnahmeländern.

Doch was die wenigsten kennen, ist die lange Geschichte

davor. Die soll hier erzählt werden.

Was muss geschehen, damit eine Frau sich genötigt

sieht, ihr Zuhause zu verlassen? Was durchleben die Betroffenen

auf der Flucht? Was erwarten und erträumen

sie sich vom Leben in Europa und was finden sie in der

Realität vor? Und schließlich: Wie unterscheiden sich die

Fluchtgeschichten von Männern und Frauen? Das sind

Fragen, mit denen sich die Autorin seit Jahren befasst. Sie

hat hunderte formelle und informelle Gespräche mit potenziellen

Flüchtlingen in den Herkunftsländern Westund

Ostafrikas, des Mittleren Ostens und Zentralasiens,

mit Flüchtenden entlang der großen Routen über das

Mittelmeer und am Balkan sowie mit AsylwerberInnen

und Asylberechtigten in Europa geführt und die interne

Kommunikation von Flüchtlingscommunitys auf sozialen

Netzwerken ausgewertet. Die Erkenntnisse aus dieser

Forschungsarbeit fließen in den vorliegenden Text ein.

sie erfordern, desto eher wir sie zu einem Projekt für Männer,

die allein oder in kleinen Gruppen aufbrechen.

Wenn ganze Dörfer oder Regionen gefährdet sind,

sei es durch bewaffnete Auseinandersetzungen oder

durch Hunger, bringen sich vornehmlich die Schwächeren

in der Gesellschaft in Sicherheit. Sie flüchten

ins nächstgelegene sichere Gebiet im Inland oder über

der ersten Grenze. Viele Männer bleiben zurück, um den

Besitz zu sichern, Land und Vieh zu versorgen oder zu

kämpfen. Wer je ein UNHCR-Flüchtlingslager in einer

Krisenregion besucht, wird dort im Alterssegment von

zwanzig bis fünfzig Jahren weitaus mehr Frauen als Männer

sehen.

Anders liegt das Geschlechterverhältnis bei dem,

was unter der Bezeichnung „Mixed Migration“ verstanden

wird. Das sind die Wanderungsbewegungen, die

meist über mehrere Transitländer führen, in eine stabile

Region, wo man sich Schutz und Einkommen erhofft.

Es gibt viele solcher Zielregionen, wobei EU-Europa,

die USA und die Golfstaaten am populärsten sind. Die

Reisen sind langwierig, gefährlich und teuer. Vor allem

das Überqueren von Wüsten, Meeren und Staatsgrenzen

kann man oft nur mithilfe von Schleppern bewältigen

und muss teuer dafür bezahlen.

FOTOS: PRIVAT, UNHCR/IGOR PAVICEVIC

Fluchtgründe von Männern und Frauen

Für die Unterschiede zwischen weiblich und männlich

dominierter Flucht könnte man folgende Faustregel

aufstellen: Je kürzer die Flucht zeitlich und geografisch ist

und je spontaner sie erfolgen muss, desto eher sind mehrheitlich

Frauen mit Kindern und die Alten unterwegs. Je

länger die Fluchtwege, je mehr Planung, Zeit und Geld

Die ewige Ungewissheit: Im kroatischen Trnovec warten Flüchtlinge

darauf, dass ihr Zug nach Slowenien weiterfahren darf

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 39


Die Beweggründe für diese Art der Migration sind vielfältig,

daher „Mixed“ Migration. Sie reichen von wirtschaftlichen

Nöten und dem Mangel an Zukunftsperspektiven

für junge Leute im Heimatland über Gruppendruck

unter Jugendlichen, Zwang durch die Familie bis

hin zu klassischen Fluchtgründen im Sinne der Genfer

Konvention (Verfolgung aus Gründen der Rasse, Religion,

ethnischen Zugehörigkeit oder Zugehörigkeit zu

einer gefährdeten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen

Überzeugung).

In diesen gemischten Gruppen aus Flüchtlingen und

Migranten gehören Frauen zur Minderheit, allein reisende

Frauen ganz besonders. Im Detail unterscheiden sich die

Fluchtmuster aber von Nationalität zu Nationalität.

Andere Länder, andere Fluchten

Unter Flüchtlingen aus Afghanistan oder aus Syrien und

dem Irak gibt es nur sehr selten allein reisende Frauen.

Manchmal kommen Männer mit den Familien, aber in

den meisten Fällen versucht ein männliches Familienmitglied,

zuerst in Europa Fuß zu fassen, um dann im

Wege des Familiennachzugs die nächsten Angehörigen

nachkommen zu lassen, darunter auch die Gattinnen,

Töchter und Schwestern.

Die typische Migrationsgeschichte aus Ostafrika

nach Europa spielt sich so ab: Junge erwachsene Somalier

und Eritreer leben zu Hause in Armut und Verfolgung

oder sind in Flüchtlingslagern in Äthiopien und

dem Sudan aufgewachsen. Sie haben ihr Leben satt, sehen

keine Chance auf eine bessere Zukunft und beschließen,

sich auf „Tahriib“ zu machen, auf die Reise ins sagenumwobene

Europa. Sie haben eine vage Vorstellung davon,

dass die Reise gefährlich werden könnte und dass sie

lang ist. Doch sie glauben, es ist das Risiko wert, weil alle

Probleme gelöst sein werden, wenn sie europäischen Boden

betreten. Meisten sind es Gruppen von Jugendlichen,

die gemeinsam das Entkommen aus dem schlechten und

gefährlichen Leben planen. Schlepperorganisationen haben

überall ihre Keiler. Die sprechen die Reisewilligen an

und versprechen, dass sie sie gratis oder gegen ein wenig

Bares oder den Schmuck der Mutter ins Nachbarland

bringen werden, und dann seien sie schon fast am Ziel.

FOTO: UNHCR/WILL SWANSON

40

DAS JÜDISCHE ECHO


FOTO: UNHCR/MOHAMED ALALEM, WILL SWANSON, SANTIAGO ESCOBAR-JARAMILLO, CAROLINE GLUCK

Im libyschen Lager Zintane betrachtet ein Mann das Bild seines

zurückgelassenen Sohns Yousef. Flüchtlinge aus Kamerun

unterwegs in ein nigerianisches Lager. Die schwangere Nidam

sucht in einer Moschee im sri-lankischen Mogombo Schutz vor

Übergriffen auf Moslems. Erschöpfte Venezolaner, wie 1,5 Millionen

Landsleute auf der Flucht, warten auf Aufnahme in Ecuador.

(von l. oben im Urzeigersinn)

In Nigeria kümmert sich das UNHCR um eine Flüchtlingsfrau aus

dem Kamerun, die mit vielen englischsprachigen Landsleuten vor

Gewaltausbrüchen geflohen ist (linke Seite)

Hinter dem Rücken der Eltern verabreden sich die

Jugendlichen, entwenden manchmal die wenigen Geldund

Goldreserven der Familie und machen sich auf

den Weg. Spätestens in Libyen beginnt eine Leidensgeschichte,

auf die sie nicht vorbereitet waren. Die jungen

Leute werden von den vermeintlichen Transportdienstleistern

oder von bewaffneten Gruppen als Geiseln

genommen und misshandelt. Die Entführer kontaktieren

die Angehörigen und fordern Lösegeld, andernfalls

drohen den Gefangenen Folter, Vergewaltigung und

Tod. Sie werden unter furchtbaren hygienischen Bedingungen

gehalten, ausgehungert und gequält. Oft treiben

bewaffnete Milizen mit Geiseln untereinander Handel,

wodurch das Freikaufen immer teurer wird. Wenn die

Familien die Mittel nicht aufbringen können, werden die

Geiseln getötet oder müssen ihre Freiheit durch jahrelange

schwere Sklavenarbeit selbst erkaufen.

Selbst jenen, die an wirkliche Menschenschmuggler

geraten ‒ also jene, die tatsächlich Leute gegen Bezahlung

nur durch die Sahara transportieren ‒, drohen in

der Wüste tödliche Gefahren. Viele sterben an Dehydrierung,

fallen von den überfüllten Lkw oder erleiden Hitzschläge.

Fast alle Betroffenen betonen, sie hätten mehr

Leute in der Wüste sterben sehen als im Mittelmeer.

Unter diesen Reisenden finden sich auch junge

Frauen. Sie kommen mit Brüdern und Ehemännern mit,

flüchten vor gewalttätigen Familienmitgliedern oder wollen

Angehörigen nachreisen, die bereits in Europa sind.

Frauen werden praktisch immer und systematisch von den

Schleppern vergewaltigt. In allen Interviews, die die Autorin

mit Überlebenden solcher Migrationsrouten geführt

hat, kommt diese Information vor. Männer wie Frauen berichten,

dass einzelne Frauen aus der Gruppe abgeholt und

vergewaltigt werden. Auch wenn viele Frauen sich scheu-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 41


en zuzugeben, dass ihnen selbst so etwas widerfahren ist,

so berichten alle davon, dass sie Augenzeuginnen solcher

Übergriffe an „anderen“ Frauen wurden.

Eines der Projekte, die die Menschen vor dem Aufbruch

über das Ausmaß an Gefahr warnen sollen, ist

„Telling the Real Story“. Es ist ein von der EU unterstütztes

Projekt des UNHCR, das von der Autorin ins

Leben gerufen wurde. Dutzende authentische Video-

Testimonials werden in Originalsprache in den Sozialen

Medien verbreiten, um die Betroffenen vorzuwarnen.

(Mit englischen Untertiteln sind diese Videos auf http://

tellingtherealstory.org/ zu sehen.)

Wer es an die libysche Küste schafft und Geld hat

oder verdienen kann, sucht Bootschlepper auf, die ihn

oder sie nach Europa bringen. Auch hier zeigt die Statistik,

dass Frauen die Minderheit stellen: Von den Bootsankömmlingen

in Italien und Spanien sind knapp 75

Prozent erwachsene Männer. Der Anteil erwachsener

Frauen liegt laut UNHCR zwischen fünf (Spanien) und

15 Prozent (Italien).

Flüchtlinge und Migranten aus Westafrika reisen etwas

leichter bis Libyen, denn im Gebiet der ECOWAS

(Wirtschaftsgemeinschaft westafrikanischer Staaten)

kann man sich per Bus frei bewegen, man braucht nur

einen Personalausweis.

Französischsprachige Westafrikanerinnen, welche

die Autorin kürzlich im Rahmen einer Studie interviewt

hat 1 , entwarfen ein detaillierteres Bild von männlichen

und weiblichen Fluchtmustern.

Zukunftsträume haben ein Geschlecht

Die Mehrheit der interviewten Männer verließ nach

eigenen Angaben wegen wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit

ihr Land. Nach der Ausbildung gab es für sie

keine Arbeitsplätze und keine Karriereaussichten. Sie

versuchten typischerweise, zuerst in anderen west- und

nordafrikanischen Staaten Fuß zu fassen, erst wenn das

nicht klappte, kamen sie nach Europa. Für sie steht der

Wunsch nach beruflicher Weiterbildung und nach einem

adäquaten Arbeitsplatz im Vordergrund. Nur eine Minderzahl

der (anonym) befragten Männer gab Asylgründe

für ihre Reise nach Europa an.

Bei den befragten westafrikanischen Frauen kehrte

sich das Verhältnis um. Sie nannten in der Mehrzahl die

Verfolgung durch Familienmitglieder oder Vorgesetzte

als Grund für ihre Flucht. Einige hatten sich zunächst im

Heimatland an die Polizei gewandt, aber keinen Schutz

erhalten. Viele dieser jungen Frauen kamen mit kleinen

Kindern zu den Interviews. Aus der Schilderung des jeweiligen

Reisezeitpunktes lässt sich rekonstruieren, dass

viele auf dem Weg nach Europa schwanger wurden, auch

wenn die Betroffenen selbst die näheren Umstände im

Interview nicht zur Sprache brachten.

42

Entsprechend unterschiedlich sind auch die Zukunftsträume

männlicher und weiblicher westafrikanischer

Asylwerber. Die Männer sprechen hauptsächlich von

den großen Lebensentwürfen: Sie wollen etwas dazulernen,

Geld sparen und nach einigen Jahren heimkehren,

um einen Familienbetrieb zu gründen. Ihre weiblichen

Schicksalsgenossinnen haben bescheidenere Vorstellungen:

Sie möchten Asyl bekommen und in Sicherheit

leben, Deutsch lernen und die Kinder auf eine gute

Schule schicken. Folgerichtig hoben viele Frauen auch

die Krankenversicherung als einen besonders positiven

Aspekt des Lebens in Europa hervor.

Was in Europa allen Betroffenen – Männern wie

Frauen – gleichermaßen zu schaffen macht, sind die

komplizierten bürokratischen Prozeduren des Aufenthalts-

und Asylrechts sowie das Dublin-System (das

bestimmt, in welchem Mitgliedsland das Asylverfahren

durchgeführt werden muss). Alle erwarteten, dass die

Schwierigkeiten bei der Ankunft in Europa enden würden,

dabei fangen die wirklich undurchschaubaren und

unbeeinflussbaren Vorgänge für sie da erst an.

Menschenhandel mit Nigerianerinnen

In der reinen Wirtschaftsmigration gibt es nur sehr

wenige Beispiele für eine frauendominierte Wanderung.

Da sind etwa Filipinas, die sich in großer Zahl als

Haushaltshilfen im Nahen Osten verdingen, oder Moldawierinnen,

die in den Haushalten wohlhabender italienischer

Familien die Reinigung und Kinderbetreuung

übernehmen.

Im Bereich der „Mixed Migration“ gibt es hingegen

eine Gruppe, die besonders heraussticht: junge Nigerianerinnen

aus Edo State. In der verarmten Provinz Edo

State hat sich seit dem ausgehenden 20. Jahrhundert ein

Menschenhändlersystem etabliert, das junge Frauen für

die Prostitution in Europa anlockt. Es begann in Italien,

verbreitete sich aber bald. Heutzutage sieht man die nigerianischen

Zwangsprostituierten rund um die Bahnhöfe

vieler europäischer Städte ebenso wie an den Fernfahrerrouten

in der Umgebung stehen und auf Kunden warten.

Die europäischen Freier machen sich so zu Komplizen

der Menschenhändler.

Die Anwerbung verläuft stets nach demselben Schema.

Junge Mädchen (oder deren Mütter) werden von den

Keilerinnen und Keilern der Schlepperorganisationen angesprochen.

Man verspricht Jobs und gute Verdienstmöglichkeiten.

Die Reise müsse nicht gleich bezahlt werden,

die jungen Frauen würden die Kosten in Europa abarbeiten

und sogar noch Geld nach Hause schicken können.

Manchmal sagt man den Betroffenen zwar, dass

ihnen Sexarbeit abverlangt werden wird, aber die Menschenhändler

zeichnen ein Bild wie aus dem 19. Jahrhundert:

Als Edelmätressen würden sie eine Zeitlang von

DAS JÜDISCHE ECHO


Eine syrische Flüchtlingsfamilie im Lager Domiz, das unweit der Grenze im irakischen Kurdengebiet als „Klein-Syrien“

mit 32.000 Bewohnern entstand

FOTO: UNHCR/ANDREW MCCONNELL

einem vornehmen reichen Herren ausgehalten und verwöhnt,

bis ihre Reisekosten zur Gänze rückerstattet sind,

dann könnten sie sich einen anderen Job suchen.

Das Abkommen wird mit einem Juju-Schwur besiegelt,

einer magischen Zeremonie, bei der die Frauen einen

Trunk mit eigener Körpermaterie (Nägel oder Menstruationsblut)

zu sich nehmen und versprechen, alle ihre

Schulden abzuarbeiten. Man redet ihnen ein, dass ihnen

und ihrer Familie Schreckliches zustoßen wird, falls sie

ihren Verpflichtungen nicht nachkommen.

Die Realität hat dann wenig mit den Romanen von

Émile Zola zu tun. Die Mädchen reisen in kleinen Gruppen

mit einer Aufpasserin („Madame“), die Papiere werden

ihnen abgenommen und sie müssen schon während

der Reise und dann in Europa ungeschützt im brutalsten

und entwürdigendsten Segment der Sexindustrie arbeiten.

Eine Frau erzählte der Autorin, sie und ihre Mitreisenden

hätten Schaumstoff aus den Matratzen gekratzt

und ausgekocht, um sie einzuführen und sich so einen

Minimum an Schutz vor Schwangerschaft und Infektion

zu verschaffen.

Die Madame bestimmt, wann die Schulden getilgt

sind. Für „Ungehorsam“ werden Strafen verrechnet.

Vielfach verabreicht man den jungen Nigerianerinnen

Drogen, die ebenfalls angerechnet werden. Üblicherweise

werden die betroffenen Frauen erst aus ihrer Schuldknechtschaft

entlassen, wenn sie zu alt oder verbraucht

sind, um noch Freier anzulocken. Nach Hause berichten

die Opfer nicht von ihrem als Schande erlebten Dasein,

sondern zeichnen ein geschöntes Bild vom Erfolg in Europa

und machen es damit den Menschenhändlerringen

leicht, weitere Mädchen in ihre Fänge zu locken.

Jene Zwangsprostituierten, denen es gelingt, sich

den Kartellen und dem Bann des Juju zu entziehen, haben

nicht automatisch Anspruch auf Asyl. Im Gegenteil.

Wenn sie sich an die Behörden wenden, kann es passieren,

dass sie sofort abgeschoben werden, weil sie sich illegal

in einem EU-Land aufhalten.

Frauen bilden nicht die Speerspitze der Flüchtlinge,

die nach Europa kommen. Sie sind Mitläuferinnen der

Flüchtlings- und Migrantenbewegungen. Die Medienöffentlichkeit

widmet ihnen weniger Aufmerksamkeit als

ihren zielstrebigen, manchmal auch aggressiven männlichen

Landsleuten. Geflüchtete Frauen sind weniger

sichtbar, doch in der Regel schutzbedürftiger und verwundbarer.

2

1 www.transcultural.at/wp-content/uploads/2019/04/TC-Mapping_

Report-GER-screen.pdf.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 43


Von Tessa Szyszkowitz

Die Suffragetten von 2019

Hundert Jahre nachdem die Engländerinnen das

Wahlrecht erkämpft haben, steigen Frauen mit

Zivilcourage in Großbritannien wieder auf die Barrikaden.

Drei moderne Suffragetten im Porträt.

Alles was Recht ist – Gina Miller

Man kann sich ihre Wut vorstellen. Da träumen alte

weiße Männer von einem herrlichen Brexit, und dann

kommt eine junge, schöne, dunkelhäutige Frau und

zwingt sie mit unbestechlicher Logik und guten Rechtsanwälten,

der Realität ins Auge zu schauen. Es gibt keinen

tollen EU-Austritt und vor allem keinen ungesetzlichen.

Auftritt: Gina Miller. Die Investmentbankerin war

entsetzt, als Britannien 2016 für den Brexit stimmte. Erst

trat Premierminister David Cameron zurück, dann kam

Theresa May. Diese wollte dann Artikel 50 der EU-Verträge

auslösen – die Austrittsklausel ‒, ohne vorher die Zustimmung

des Unterhauses einzuholen. Gina Miller saß

in ihren eleganten Büros in South Kensington und glaubte

ihren Ohren nicht zu trauen. Als Proeuropäerin war ihr

der ganze Brexit ein Graus, aber als britische Bürgerin

fand sie es fast noch schlimmer, dass die Regierungschefin

vorhatte, einen Brexit-Deal ohne Parlamentsbeschluss

durchzuziehen: „Wir haben nur eine ungeschriebene Verfassung“,

sagte sie bei einem unserer Treffen. „Wir müssen

unsere Rechte verteidigen, sonst könnten Politiker sie uns

in Zukunft einfach wegnehmen.“

So wurde die 54-jährige Geschäftsfrau zur politischen

Aktivistin. Miller stammt aus einer indischen Familie,

ihr Vater Doodnauth Singh war Generalstaatsanwalt

im südamerikanischen Britisch-Guayana. Tochter

Gina hat zwar nicht Rechtswissenschaften studiert, aber

den Gerechtigkeitssinn ihres Vaters geerbt. Sie initiierte

den Gerichtsfall „R (Miller) gegen den Staatssekretär

für den EU-Austritt“. Die britische Regierung hätte

kein Recht, argumentierte sie, den Brexit am Parlament

vorbei zu beschließen. „Brexit ist wie eine Religion geworden,

die Vernunft ist komplett ausgeschaltet“, sagte

Miller. Der Fall ging im Herbst 2016 bis zum Hohen

Gericht, dann weiter zum Obersten Gerichtshof. Die

Richter gaben ihr Recht. Miller hatte gewonnen.

Journalistin Carole Cadwalladr (l.), Abgeordnete Luciana Berger (r.), Nachfolgerinnen der Suffragette Millicent Fawcett (Mitte)

44

DAS JÜDISCHE ECHO


Seitdem gründet sie immer neue Initiativen, die den

Brexit stoppen oder zumindest in juristisch einwandfreie

Bahnen lenken sollen. Wie viele Briten fühlt sie sich

derzeit von ihrer Partei nicht mehr vertreten. Aus Protest

gegen Jeremy Corbyns Brexit-Wackelkurs hat sie sich von

der Labour Party abgewendet. Im Mai 2019 erregte sie

mit einer Webseite Aufsehen, die den Wählerinnen bei

den EU-Wahlen eine taktische Stimmabgabe empfahl. Es

war praktisch ein Wahlaufruf für die Liberaldemokraten,

die von Anbeginn einen eindeutigen Kurs verfolgten:

„Stoppt Brexit!“ Die LibDems gewannen am Ende 16

Sitze im Europäischen Parlament.

Doch Millers erfolgreicher Aktivismus hat eine

Schattenseite. Die EU-feindliche Boulevardpresse kürte

sie zur „Staatsfeindin“. Eine unfassbar rassistische und sexistische

Hasswelle ergießt sich permanent in den sozialen

Medien über sie. Sie kann heute nicht mehr allein mit

ihren Kindern auf die Straße gehen. „Die sollen sich nicht

täuschen“, richtet Miller jenen aus, die ihr auf Twitter

Mord und Totschlag wünschen: „Ich werde dadurch nur

stärker. Wir müssen um unseren Rechtsstaat kämpfen.“

bekam sie den Orwell-Preis für politischen Journalismus

2018. Cadwalladr ist der Grund, warum die romantische

Liebe vieler User zu den sozialen Medien sich in eine tiefe

Beziehungskrise verwandelt hat.

Auch sie hat sich dadurch viele mächtige Feinde

geschaffen. Britanniens oberster Brexiteer, Nigel Farage,

verweigert ihr grundsätzlich Interviews. Sie behalf sich

deshalb sogar schon mit journalistischen Guerillataktiken.

Um an ihn heranzukommen, ließ sie sich unter falschem

Namen in seine Radiotalkshow schalten. Kaum

durchgestellt, feuerte sie eine Frage an ihn ab, worauf er

sie aus der Leitung werfen ließ.

Ein Jahr lang bearbeitete sie den „Whistleblower“,

der ihr als Insider Infos zur Cambridge-Analytica-Story

geliefert hatte, seine Anonymität aufzugeben, um seiner

– und ihrer – Geschichte Glaubwürdigkeit zu verleihen.

Christopher Wylie tat dies und Facebook-Boss

Mark Zuckerberg entschuldigte sich: „Das war ein Vertrauensbruch

und wir müssen uns ändern, damit wir

das Vertrauen der User wieder verdienen.“ Doch Cadwalladr

fordert mehr. In einem TED-Talk, also in einer

Fakten vs. Fake News ‒ Carole Cadwalladr

FOTOS: PRIVAT, ANTONIO OLMOS, WIKIPEDIA/GARY WHITE, CHRIS MC ANDREW, ALEX SCHLACHER

Nachdem Trump im November 2016 gewählt worden

war, schrieb Carole Cadwalladr für das angesehene britische

Wochenblatt „Observer“ ein Feature über Fake

News. „Ich fing meine Recherche ganz einfach an. Ich gab

in Google Search zwei Worte ein: ,Sind Juden …?‘ Dann

schlug Google als Weiterführung der Frage vor: ,… böse?‘

Ich war sprachlos“, erzählte die Reporterin in einem Talk

auf dem Hay-Literaturfestival Ende Mai 2019. Schlimmer

noch: „Alle Webseiten, die darunter angegeben wurden,

kamen zu dem Schluss: Ja, Juden seien böse.“

Fakten, meint Carole Cadwalladr, werden uns im

Internet nur kuratiert serviert. Damit sei noch nicht alles

falsch, aber Firmen wie Google dürfe man nicht als

neutrale Plattformen betrachten. Drei Jahre nach dem

Beginn ihrer Nachforschungen ist Cadwalladr tief in

die dunkle Welt des Cyberspace eingedrungen. Die britische

Firma Cambridge Analytica hatte über eine App

in Zusammenarbeit mit Facebook Daten von Millionen

von Facebook-Nutzern gesammelt – ohne deren Wissen

– und diese Daten dann an politisch orientierte Interessenten

verkauft. Darunter waren Donald Trump und die

britische Vote-Leave-Kampagne.

Cadwalladr stammt aus dem englischen Somerset,

die fünfzigjährige Journalistin machte sich nach einem

Studium in Oxford als Autorin einen Namen. Ihr Debütroman

„The Family Tree“ wurde in mehrere Sprachen

übersetzt. Bekannt wurde sie in der englischsprachigen

Welt aber erst in den vergangenen drei Jahren mit ihrer

investigativen Arbeit. Sie hat mit einer einzigen Story

den Wert von Facebook um Milliarden reduziert. Dafür

Die Juristin Gina Miller versuchte, anfangs erfolgreich, den

EU-Austritt mit Klagen bis zum britischen Höchstgericht zu stoppen

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 45


Technologie- Video konferenz, im April 2019 beschuldigte

sie „die Götter des Silicon-Valleys“, wie Facebook-

Gründer Zuckerberg oder Google-Gründer Larry Page,

die Demokratie zu bedrohen. Manche halten sie für ihre

unorthodoxen Methoden für exzentrisch, doch wer ihr

zuhört, findet eine quirlige, scharfsinnige, investigative

Reporterin mit einer gehörigen Portion Zivilcourage.

Wenn man heute auf Google Search geht, dann

erscheint übrigens nicht mehr „Sind Juden … böse?“,

sondern Antworten wie „Sind Juden … eine ethnische

Gruppe?“. Und daneben steht ein Link, auf den man

klicken kann: „Zeige unangebrachte Voraussagen an.“

Carole Cadwalladr – und andere, die ihren Kampf um

Transparenz und Wahrheit im Internet führen ‒ haben

Spuren hinterlassen.

Courage gegen Corbyn – Luciana Berger

US-amerikanische Briefmarke aus dem Jahr 1970 zum fünfzigsten

Jahrestag der Einführung des Frauenwahlrechts via Verfassungsänderung

46

Wo sollte man sein, wenn man links, jüdisch und proeuropäisch

ist? In England, historisch gesehen, in der

Labour Party. Luciana Berger lag also nicht so falsch, als

sie sich schon als Studentin dieser Partei anschloss. Unter

Ed Miliband, der nach Tony Blairs zentristischer „New

Labour“-Ära den Weg nach links einleitete, war Berger

„Schattenministerin“ für öffentliche Gesundheit, also die

im Labour-Oppositionsteam für diesen Bereich zuständige

Sprecherin.

Sie saß auch noch als Ministerin für geistige Gesundheit

im Jahre 2015 im ersten Schattenkabinett von Jeremy

Corbyn. Nach dem EU-Referendum legte sie aus Protest

über Corbyns Brexit-Haltung aber ihre Funktion zurück.

„In meinem Wahlkreis haben die Leute mit großer Mehrheit

für den Verbleib in der EU gestimmt“, meinte sie bei

einem Interview mit mir. „Wir sehen die Vorteile der Mitgliedschaft

jeden Tag.“ Noch schwerer wog für die 38-jährige

Politikerin die Haltung des siebzigjährigen Parteichefs

zum Antisemitismus in der Labour Party. Obwohl

er mehrfach erklärte, „den Antisemitismus in den eigenen

Reihen ausrotten“ zu wollen, geschah relativ wenig. Corbyn

ließ eine Untersuchung einleiten, deren Ergebnisse

aber wenig daran änderten, dass sich in seinem Umfeld

und in weiten Kreisen der Partei antisemitische Angriffe

auf jüdische Mitglieder der Partei häuften. „Es ist völlig

inakzeptabel, dass diese Attacken nicht von der Partei unterbunden

werden“, sagte Luciana Berger.

Zum Bruch mit Corbyn kam es im März 2018, als

sie eine öffentliche Anfrage an ihn stellte, wieso er sich

im Jahr 2012 dafür starkgemacht hatte, eine offensichtlich

antisemitische Wandmalerei in Ostlondon nicht zu

entfernen. Sie erhielt keine Antwort. Auf einer Demonstration

gegen Antisemitismus am Parlamentsplatz einige

Wochen später rief sie in Richtung Jeremy Corbyn, der

dem Protestmarsch ferngeblieben war: „Antisemitismus

blüht und gedeiht in der Labour-Party. Es schmerzt

mich, das heute sagen zu müssen.“

Im Herbst 2018 musste sie unter Polizeischutz zum

Labour-Parteitag in Liverpool gebracht werden. Sechs

Leute wurden wegen Todesdrohungen gegen sie verurteilt.

Dass man Berger in Corbyns Umfeld zur Verräterin

abstempelte, war für sie schmerzhaft. Noch schlimmer

war die Tatsache, dass in ihrer lokalen Parteigruppe im

Jänner 2019 zwei Misstrauensanträge gegen sie eingebracht

wurden. Und zwar wegen „fortgesetzter Kritik“

am Parteichef. Der Initiator einer der Anträge hatte sie

zuvor als „zerstörerische Zionistin“ bezeichnet.

Parteivize Tom Watson und Ex-Chef Tony Blair verteidigten

Luciana Berger. Blair nannte ihre Behandlung

in der eigenen Partei „beschämend“. Doch die damals

hochschwangere Frau konnte nicht mehr bleiben. Im

Februar 2019 verließ sie gemeinsam mit sechs anderen

Labour-Abgeordneten die Partei: „Ich bin zu der Auffassung

gelangt, dass die Labour-Partei institutionell antisemitisch

ist“, sagte sie in ihre Abschiedsrede.

Die Kleinpartei „Change UK“, in der sich elf Labourund

Tory-Rebellen zusammengeschlossen hatten, bröckelte

bereits im Juni wieder auseinander. Luciana Berger war

wegen ihrer Babypause wochenlang weniger in der Öffentlichkeit

gestanden als zuvor. Vorerst blieb sie als unabhängige

Abgeordnete im Parlament. Ob sie es bereut, die Labour

Party verlassen zu haben? „Ich hätte so tun können, als ob

nichts wäre“, meint sie in einem Videostatement, „doch

dazu bin ich nicht ins Parlament gewählt worden.“

Auf dem Parlamentsplatz vor dem House of Commons

wurde im Februar 2018 zum hundertsten Jahrestag

der Einführung des Frauenwahlrechts unweit vom

Denkmal für Winston Churchill die erste Statue einer

Frau aufgestellt. Sie stellt die Suffragette Millicent Fawcett

dar, die ein Transparent in Händen hält: „Courage

calls for courage everywhere.“ Ihr Aufruf zur Zivilcourage

wird hundert Jahre später immer noch gehört. 2

DAS JÜDISCHE ECHO

FOTO: ISTOCK


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Von Brigitte Voykowitsch

Der hohe Preis des Engagements

Die iranische Menschenrechtsanwältin und

Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi spricht

über die Ziele und die persönlichen Folgen

ihrer Tätigkeit.

„Wenn alle Gegner des Regimes das Land verlassen würden,

wer würde dann die diktatorischen Zustände aufzeigen und

zu Widerstand ermutigen?“

Shirin Ebadi war 31 Jahre alt und in leitender Position

am Teheraner Stadtgericht tätig, als am 1. Februar

1979 Ajatollah Khomeini aus dem Exil in den Iran zurückkehrte.

Wie Millionen ihrer Landsleute setzte auch

Shirin Ebadi große Hoffnungen in die Revolution, die

dem verhassten Regime der Pahlavi-Dynastie ein Ende

setzen sollte.

„Vor seiner Rückkehr äußerte Khomeini sehr schöne

Worte. Alle Gruppierungen, auch die Kommunisten,

würden künftig in Freiheit leben. Die Frauen würden

gleiche Rechte genießen. Khomeini sprach von sozialer

Gerechtigkeit.“

Am 8. März 1979 – dem internationalen Frauentag

– drehte Shirin Ebadi wie an jedem Morgen das Radio

auf. Die Meldungen machten ihr eindeutig klar, wohin

die Revolution steuerte. „Gemäß einer Erklärung Khomeinis

sollten künftig alle Frauen, die für die Regierung

oder in öffentlichen Ämtern tätig waren, die islamischen

Kleidungsvorschiften befolgen, also den Hidschab tragen.

Die Frauen versuchten natürlich, Widerstand zu

leisten. Daher dauerte es ein ganzes Jahr, bis dieser Plan

umgesetzt werden konnte. Doch an diesem 8. März erkannte

ich, dass Khomeini uns getäuscht hatte.“

Als Richterin durfte Shirin Ebadi in der neu errichteten

Islamischen Republik Iran nicht mehr arbeiten, es

war eine Berufssparte, zu der Frauen nicht mehr zugelassen

wurden. Nach einer kurzen Auszeit, in der sie sich

vor allem ihren beiden kleinen Töchtern widmete, beschloss

Shirin Ebadi, Anwältin zu werden. Sie wollte sich

für Kinder, Frauen, politisch Verfolgte und Minderheiten

engagieren. Hunderttausende IranerInnen verließen

schon kurz nach der Revolution ihre Heimat. Für Shirin

Ebadi kam eine Emigration nicht infrage.

„Wenn man fest an seine eigene Aufgabe glaubt,

dann hat man keine Angst vor Hindernissen und Mühsal“,

erklärt Shirin Ebadi gegenüber dem „Jüdischen

Echo“. Ihre Aufgabe hat sie stets darin gesehen, sich für

Freiheit, Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, die

Gleichstellung der Geschlechter sowie die Rechte aller

Minderheiten einzusetzen. Dass das im Iran ein Fernziel

ist und in ihrer eigenen Lebenszeit wohl kaum zu erreichen

wäre, war ihr klar. Aber sie wollte zumindest ihren

Beitrag leisten. Auch weil sie überzeugte Muslimin ist.

„Ich bin Muslimin, mein Glaube an Gott gibt mir

Kraft“, sagt sie im Interview und betont zwei für sie fundamentale

Aspekte: Religion sollte Privatsache sein. Und:

Man dürfe nicht schweigend zusehen, wenn Politiker und

Fanatiker den Islam oder andere Religionen für ihre Interessen

missbrauchen. Mit ihrer differenzierten Herangehensweise

und ihrer Weigerung, Religionsgruppen oder

Länder per se zu verdammen, hat sie sich des Öfteren Vorwürfen

des Verrats ausgesetzt, insbesondere wenn es um

das angespannte Verhältnis zwischen dem Iran und Israel

geht. Shirin Ebadi verweist darauf, dass das Judentum im

Iran eine offiziell anerkannte Religion ist, tritt für eine

Zwei-Staaten-Lösung ein und verurteilt die Extremisten

auf beiden Seiten. Allen Anfeindungen, Infragestellungen

und Bedrohungen begegnet sie mit einem einfachen Bekenntnis:

„Ich bin Menschenrechtsanwältin.“

Einiges konnte ihr Team nach 1979 erreichen. So

wurden Gesetze über Vormundschaft und Erbansprüche

zugunsten der Frauen verbessert. Shirin Ebadi verteidigte

und begleitete Dissidenten, soweit es die Umstände

ermöglichten. Vielen Menschen, die bei ihr Rechtshilfe

suchten, konnte sie lediglich Mut zusprechen.

„Ich machte mir insgeheim immer Sorgen um meinen

Mann und meine Töchter, denn mir war klar, dass

das Regime nie zögern würde, sie gegen mich auszuspielen“,

schreibt Shirin Ebadi in ihrem Buch „Bis wir frei

sind: Mein Kampf für Menschenrechte im Iran“. „Das

wusste ich seit dem Tag im Jahr 1999, an dem ich mich

auf einen Prozess vorbereitet hatte, bei dem ich die Familie

zweier ermordeter Dissidenten vertreten hatte

und beim Durcharbeiten der Regierungsakten auf eine

FOTO: PRIVAT, JOHN MURPHY/AURORA PA

48

DAS JÜDISCHE ECHO


Todesliste gestoßen war, auf der auch mein Name stand.

Größere Angst als in diesem Moment habe ich wohl nie

empfunden.“

Im Jahr 2000 wurde Shirin Ebadi selbst angeklagt.

26 Tage verbrachte sie in Einzelhaft, doch sie setzte ihr

Engagement fort. 2003 wurde sie für ihre Bemühungen

um Demokratie und Menschenrechte mit dem Friedensnobelpreis

ausgezeichnet. Das Preisgeld investierte sie in

ihr Zentrum für Menschenrechtsverteidiger und in die

Ausbildung ihrer Töchter. Shirin Ebadi war selbst größtenteils

unentgeltlich tätig.

Ihren Gegnern war der Nobelpreis ein weiterer Beweis

dafür, dass Shirin Ebadi eine Verräterin war und von

den weltweiten Feinden des Iran gefördert wurde. Der

Druck nahm zu. Telefongespräche wurden abgehört.

Drohbriefe mahnten Shirin Ebadi, sie möge ihre Arbeit

beenden oder man werde sie und ihre jüngere Tochter

„erledigen“; die ältere Tochter war zum Studium bereits

im Ausland. 2009 schöpfte Shirin Ebadi zunächst

neue Hoffnung, als zwei moderate Kandidaten gegen

Präsident Mahmoud Ahmadinedschad antraten. Doch

der Amtsinhaber erhielt genug Stimmen für eine zweite

Amtszeit, die Protestbewegung, die von Wahlbetrug

sprach, wurde niedergeschlagen.

«Ihren Gegnern war der Nobelpreis ein

weiterer Beweis dafür, dass Shirin Ebadi

eine Verräterin war und von den Feinden

des Iran gefördert wurde.»

Die ehemalige iranische Richterin und Anwältin Shirin Ebadi, nach

Verfolgungen im britischen Exil lebende Menschenrechtsaktivistin

Das Regime griff hart durch. Shirin Ebadis Organisation

wurde geschlossen, Kolleginnen wurden verhaftet

und verurteilt oder dazu gezwungen, ins Exil zu gehen.

Eine von ihnen, Nargis Mohammadi, verbüßt noch

immer eine lange Haftstrafe. Shirin Ebadi selbst war

zu dem Zeitpunkt, als die Razzien begannen, auf einer

Dienstreise im Ausland. Verwandte, Freunde und Kollegin

rieten ihr dringend von einer Rückkehr ab. In der

Zwischenzeit wurde ihr Mann in eine Falle gelockt, des

Ehebruchs angeklagt und zum Tod durch Steinigung

verurteilt. Nach Wochen in Einzelhaft kam er unter einer

Bedingung frei – er musste seine Frau öffentlich denunzieren

und auch ihre damals bereits mehr als 35 Jahre

währende Ehe im schlechtesten Licht darstellen. Schließlich

bat er sie um die Scheidung.

In ihren Büchern beschreibt Shirin Ebadi ihren

Mann, einen Ingenieur, der bei großen Stadtprojekten

leitende Aufgaben innehatte, stets als einen verständnisvollen

Partner. Er hatte zu ihr gehalten, als ein Mob

ihr Haus angriff. Er hatte sich um ihre Gesundheit und

ihr Wohl gesorgt. Doch am Ende war er ein gebrochener

Mann, der sie beschuldigte, die Familie ruiniert zu

haben. „Seit du mit deiner Menschenrechtsarbeit angefangen

hast, sind mehr als 25 Jahre vergangen. Ist in all

diesen Jahren irgendetwas Positives geschehen?“, zitiert

Shirin Ebadi die Vorwürfe ihres Mannes. Was habe sie

schon erreicht? Wenn mit ihrer Hilfe zehn Gefangene

freigelassen wurden, hätten zwanzig andere sofort deren

Platz eingenommen. Sie habe dem Iran nicht die Freiheit

gebracht, letztlich aber die Familie ruiniert.

War Shirin Ebadis Engagement diesen Preis wert?

Welchen Preis sollten Menschenrechtsaktivisten zu zahlen

bereit sein? Das Dilemma war offenkundig. Shirin

Ebadi war damals fast 65 Jahre alt: „Ich konnte nicht

aufgeben, wofür ich die meiste Zeit meines Lebens gearbeitet

hatte, oder meine Kollegen im Stich lassen, die im

Gefängnis saßen“, schreibt sie und gesteht auch ein: „An

diesem Tag erfassten mich Schuldgefühle, die ich – wie

mir sofort klar wurde – für immer in mir tragen würde.“

Seit 2009 lebt Shirin Ebadi im Exil in Großbritannien

und setzt von dort ihre Menschenrechtsarbeit fort. 2

Literatur

Ebadi, Shirin (2016), Mein Iran. Ein Leben zwischen Hoffnung und Revolution.

Ins Deutsche übersetzt von Ursula Pesch. München: Piper Verlag.

Ebadi, Shirin (2017), Bis wir frei sind: Mein Kampf für Menschenrechte

im Iran. Ins Deutsche übersetzt von Ursula Pesch. München: Piper Verlag.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 49


Von Helene Maimann

Ein heldisches Leben

Ruth von Mayenburg war eine Aristokratin, wurde

Kommunistin und diente in der Roten Armee als

furchtlose Agentin in Nazi-Deutschland und an

der Ostfront. Porträt einer Frau mit vielen Namen.

Man musste 1969 einen außergewöhnlichen Namen

haben, um mit einem Bericht über ein abenteuerliches

Leben unter dem Sowjetstern Aufsehen zu erregen.

Schon der Titel „Blaues Blut und rote Fahnen“ rief

Naserümpfen hervor. Und dann kam noch ein zweites

Buch nach, über das Moskauer Hotel Lux, die legendäre

Absteige der westlichen Exilkommunisten, in der

Ruth von Mayenburg mit Unterbrechungen sieben Jahre

gelebt hatte. Beide Bücher, Resümee einer gescheiterten

Avantgarde, wurden Bestseller und immer wieder aufgelegt.

In Ruths Leben bündelten sich wie in einem Brennglas

die heute kaum mehr nachvollziehbare Hingabe an

Die junge Ruth von Mayenburg (l.) in der Uniform der

Schutzbündler, 1. Mai 1934, Moskau

einen übergeordneten Lebenssinn, verbunden mit einem

hohen persönlichen Risiko und der tiefen Enttäuschung

einer ganzen Generation.

Ihr Vater war Maximilian Heinsius von Mayenburg,

der für die Familienfotos auf einem Kissen sitzen musste,

damit er nicht von der stattlichen Mutter, Lucie Freiin

von Thümen-Blankensee, überragt wurde. Die Familie

war nicht reich, besaß allerdings einen über ganz Europa

verzweigten Stammbaum, in dem es von Grafen und

Komtessen nur so rauschte. Die Mayenburgs lebten im

Nordwesten Böhmens, der Vater war hier Direktor eines

Bergwerks. Die junge Ruth wurde als Mona Lisa von

Teplitz-Schönau verehrt. Später hieß sie schlicht Frau

Fischer.

Sie entschloss sich früh, ein selbstbestimmtes, rebellisches,

ein heldisches Leben zu führen, ohne ihre

Herkunft jemals zu verleugnen. Kleine Brötchen zu backen

war nicht ihres. Sie liebte das Mondäne, die Jagd,

das Reisen, Eleganz, ältere und jüngere hochgewachsene

Herren, ihre Hunde, allesamt Scottish Terriers namens

Mäckie, die Verführung und das Verführtwerden

und große Namen. Aber sie hasste die Konvention. Ihren

Fast-Verlobten, Alexander-Edzard von Asseburg-

Neindorf, verließ sie für einen Redakteur der Wiener

„Arbeiter-Zeitung“, Ernst Fischer, Sozialdemokrat und

umschwärmter Mittelpunkt der jungen Linksintellektuellen.

1932 heirateten sie. Zwei Jahre später wurden beide

nach dem niedergeschlagenen Februaraufstand 1934

Kommunisten, flüchteten nach Prag, später nach Moskau

und kamen 1945 nach Wien zurück.

Zwei Fotos von ihr, aufgenommen am 1. Mai 1934

in Moskau, zeigen sie mitten unter den geflüchteten

Kämpfern des Republikanischen Schutzbundes, der

„Schutzbundowzi“, die Baskenmütze mit dem Sowjetstern

schräg in die Stirn gezogen, trotziger Mund, kühner

Blick, die rechte Hand zur Faust erhoben. Sie wusste sich

wirkungsvoll in Szene zu setzen. Die Bilder zogen sarkastische

Kommentare der ehemaligen Genossen auf sich.

Wie kam sie dazu, sich als Frontfrau des geschlagenen

Schutzbundes zu inszenieren! Auf welchen Barrikaden

war sie eigentlich gestanden?

Als ich sie kennen lernte, Mitte der Achtzigerjahre,

war sie 78 und lebte mit ihrem zweiten Ehemann,

FOTOS: JULIA STIX, PRIVATES ARCHIV

50

DAS JÜDISCHE ECHO


dem katholischen Publizisten Kurt Dieman, und dem

damals letzten ihrer vielen Mäckies im Anbau eines alten

Fuhrmannshauses in Wien-Meidling. Dieman, 16

Jahre jünger als sie, hatte sie im Österreichischen Friedensrat

kennengelernt, bis in die späten Sechziger eine

kommunistische Vorfeldorganisation. Das Haus gehört

ihrer Tochter Marina. Die Möbel waren schon in ihrer

Wohnung mit Ernst Fischer und dann elf Jahre in Prag

gestanden. Die tschechische Hausmeisterin verbarg das

Mayenburg’sche Familiensilber unter ihrer Matratze,

in der weisen Voraussicht „Der Hitler halt sich nix, die

Fischers kummen z’ruck“, und schrieb nach der Befreiung

an den Staatskanzler Karl Renner: „Sagen Sie bitte

Ihrem Staatssekretär Ernst Fischer, wenn er der Fischer

ist, der in der Verdunská bei mir gewohnt hat, ich habe

seine Möbel aufgehoben und auch das Silber und er kann

alles holen. Hochachtungsvoll Lydia Kucerová. PS: Was

macht Mäckerle und Frau Fischer?“

Die Fischers sind nach dem Krieg noch fast zehn

Jahre zusammen. Ruth bringt ihre Tochter Marina zur

Welt und arbeitet als Chefdramaturgin bei der sowjetischen

Hälfte der Wien-Film (es gab auch eine amerikanische

in Wien-Sievering). In den Rosenhügelstudios entstehen

bemerkenswerte Filme, die heute längst vergessen

sind. Ernst Fischer avanciert zum intellektuellen Kopf der

KPÖ und schreibt linientreue Theaterstücke, die er zwanzig

Jahre später als „Verfinsterung seines Bewusstseins“

bezeichnet. Aber auch Essays und Bücher über Kunst und

Literatur, die ihm die Anerkennung der europäischen

Linken eintrug.

Als Lou Eisler, die Ehefrau des Komponisten Hanns

Eisler, in sein Leben tritt, geht die Ehe mit Ruth zu Ende.

Sie ist nie darüber hinweggekommen. Dass Fischer, der

prominente Schriftsteller und nach 1968 abtrünnige

Kommunist, sie in seinen Lebenserinnerungen fast verschweigt,

steckt sie weg. „Was immer der Ernst geschrieben

oder nicht: Es war eine außergewöhnliche Ehe.“ Sie

hat die wichtigste Zeit ihres Lebens ohne, auch gegen ihn

verbracht, dennoch bleibt er ihr geliebtester Mensch.

Mayenburg war immer unter Männern gewesen.

Sie hatte Freundinnen, aber keine innigen Frauenbeziehungen.

Eheliche Geborgenheit, romantische Anwandlungen

und Treueschwüre ließen sie kalt. Weiberfragen

interessierten sie ebenso wenig wie Gefühlskino. Sie

war eine typische Emanzipierte der Zwanzigerjahre, die

dem neuen Feminismus nur wenig abgewinnen konnte.

Selbstbewusst, wie sie war, hat sie es nie für nötig befunden,

sich von der Männerwelt abzugrenzen. Sie warf der

Frauenbewegung Humorlosigkeit vor, in ihren Augen

ein schweres Versäumnis.

„Nimm einmal die Alice Schwarzer. So eine gescheite

Frau. Aber warum muss sie ihre Anliegen mit diesem

Bierernst vorbringen? Und dann diese nachlässige Aufmachung.

Wozu soll das gut sein?“

„Du redest wie ein Mann.“

Ruth von Mayenburg in der Redaktion der „Frontillustrierten“

im Gespräch mit zwei russischen Kollegen

„Das sagt meine Tochter auch. Und diese ewige

Schmuserei zwischen den Frauen …“

Sie ging mit ihrem raschen Schritt hin und her,

wenn ich sie besuchte, den Ingwertee trank, auf den

sie schwörte, und ihr zusah, wie sie sich eine Filterlose

nach der anderen anzündete, täglich mindestens dreißig.

Immer in einem Hosenanzug, immer kerzengerade. Sie

erlaubte sich keine sichtbare Schwäche. Ihr Gesicht war

vom Alter gezeichnet, aber nicht zerstört, die spröde,

energische Stimme nicht brüchig. Wie wird eine attraktive

Frau wie sie mit dem Altwerden fertig? „Schade ist

es schon“, sagte sie. „Der Verfall des Fleisches ist nicht

angenehm. Ich vermag ja zu überspielen, dass ich alt geworden

bin. Die Männer nehmen mich immer noch so

in die Arme, wie man das mit einer Frau eben tut. Dieses

vorsichtige, distanzierte Begrüßen von alten Menschen

war mir immer schrecklich. So lange ich noch zum Anfassen

bin, so lange es eine Berührung von Haut zu Haut

gibt, ist noch nichts zu Ende.“ Sie räusperte sich. „Ich

kann eben nicht ohne Liebe leben.“

Ich war sprachlos. Dann sagte ich matt: „Klingt wie

ein Lied der Zarah Leander.“ Sie lachte und zündete sich

eine neue Zigarette an. „Was meinst du, wie ich sonst die

Illegalität und den Krieg überstanden hätte?“

Ernst Fischer wurde Mitglied des Politbüros der

KPÖ und verbrachte die Exiljahre im Hotel Lux. Was

immer er am Ende seines Lebens einbekannte – aus dem

Sozialdemokraten war ein überzeugter Propagandist des

Marxismus-Leninismus geworden. Auch Ruth wurde zu

„einer gläubigen Tochter der bolschewistischen Kirche“,

wie sie sich spöttisch erinnerte. Sie berauschte sich an der

Idee einer künftigen klassenlosen Gesellschaft, wie sie

hier in der Sowjetunion zu entstehen schien.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 51


Im Jänner 1946 kommt Tochter Marina in Wien zur Welt

„Du hast daran geglaubt?“

„Das ging gar nicht anders. Um uns herum waren

viele Leute, die uns einhämmerten, dass alles, was wir bisher

gedacht und wonach wir gehandelt hatten, falsch gewesen

war. Wir sahen natürlich das Elend in den Massenquartieren,

in denen die Arbeiter hausten. Ich habe mich

nicht täuschen lassen. Vieles war absolut abstoßend. Aber

die Energie, die dahinterstand, war faszinierend.“

„Vielleicht auch deshalb, weil es ein konventionelles

Leben ausschloss?“

„Aus heutiger Sicht ‒ ja, vielleicht. Und dann war

ich überzeugt, dass die Nazis besiegt werden mussten. Sie

steuerten schnurgerade auf einen neuen großen Krieg zu.

Diese Hunde!“ Sie kniff die Augen zusammen. „Ich sagte

mir, eine gewaltige Armee steht hinter uns, in der ganzen

Welt. Und ihr werdet daran zugrunde gehen.“

Im Lux konnte sie nichts dazu beitragen. Hier lebte

Tür an Tür die kommunistische Führungselite im Exil.

Darunter Tito, Palmiro Togliatti, Ho Chi Minh, Tschu En

Lai, Mátyás Rakosi, Otto Kuusinen, Herbert Wehner, Wilhelm

Pieck, Walter Ulbricht, Georgij Dimitroff, Maurice

Thorez, Dolores Ibarurri. Insgesamt an die sechshundert

Menschen, in wechselnder Belegschaft. 1 In ihren Heimatländern

brutal verfolgt und verboten, warteten sie darauf,

zurückkehren zu können, überwacht von der Geheimpolizei.

Ausländer waren suspekt in der Sowjetunion.

1936 begannen die Moskauer Prozesse gegen die alten

Bolschewiki. Tausende wurden verhaftet, verhört, gefoltert,

nach Sibirien deportiert oder erschossen. In jeder Ecke des

Lux lauerte die Angst vor Denunziation und nächtlichen

Kommandoaktionen. Und überall liefen die Ratten herum.

Ruth war nicht da. Sie hatte sich vom Geheimdienst

beim Generalstab der Roten Armee, der sogenannten Vierten

Abteilung, anwerben lassen. Sie wollte nach Deutschland,

in die Höhle des Löwen. Eine junge Frau aus bestem

Haus, mit vorzüglichen Umgangsformen, sehr gut angezogen,

ungebunden und mit genügend Geld versehen. Das

hässliche Wort Spionin existierte nicht in ihrem Vokabular.

Sie war Kundschafterin, keine Mata Hari, die sich ihre Informationen

im Bett holte.

Sie ließ sich von Fischer scheiden und tauchte als

Mayenburg in Berlin wieder auf. In kurzer Zeit gelang es

ihr, eingeschlafene Verbindungen aufzufrischen. Ihr hartes

Sudetendeutsch war eine ebenso gute Tarnkappe wie

ihr richtiger Stallgeruch. Sie verschaffte sich Zugang zu

den Offizierskasinos, genoss die höfliche, kultivierte Atmosphäre,

wohnte in den besten Hotels. Nicht alle hielten

ihr plötzliches Erscheinen für Zufall, aber niemand

zeigte sie an.

Ihr wichtigster Kontakt war die Bekanntschaft mit

General Kurt von Hammerstein-Equord, dem außer

Dienst gestellten Chef der deutschen Heeresleitung. Er

war durch keinen Treueeid an Hitler gebunden. Was

er über die Nazidiktatur dachte, war nicht unbekannt.

Hammerstein war einigermaßen erstaunt, als Ruth bei

ihm auftauchte. Sie wollte herausfinden, ob der General,

der als fähigster Kopf der alten Reichswehr galt, an einem

militärischen und politischen Masterplan gegen das Regime

arbeitete, und wenn ja, mit welchen Verbündeten.

„Meine Mutter hatte einen Logenplatz bei Hammerstein“,

erzählt Marina Fischer-Kowalski. „Sie hatte ja

ein Faible für Disziplin und Risiko, konnte mit Waffen

umgehen und ausgezeichnet schießen. Das hatte sie von

ihrem Vater gelernt. Natürlich war Hammerstein beeindruckt.

Die beiden hatten eine innige Beziehung.“

«Im Moskauer Hotel Lux lebte Tür

an Tür die exilierte KP-Elite, darunter

Tito, Ho Chi Minh, Tschu En Lai,

Herbert Wehner, Walter Ulbricht.»

Hammerstein war in der Weimarer Republik in

ständiger Verbindung mit der Roten Armee gewesen, wie

auch andere hohe deutsche Militärs. Aber Hammersteins

Kontakte waren weitaus enger. 1929 reiste er drei Monate

bis ins „finsterste und entlegenste Russland“, wie er seiner

Frau schrieb, um Truppenübungen der Roten Armee zu

beobachten und die Lieferung von Waffen und Knowhow

zu verhandeln. Er pflegte langjährige Freundschaften

mit ihren Stäben. Weltanschauung war eine Sache, aber

die gegenseitige Hochachtung eine andere. Er wusste,

dass jeder Angriffskrieg gegen die Sowjets scheitern musste.

Sie bräuchten sich nur in die unendlichen Weiten hinter

den Ural zurückzuziehen, erklärte er 1932, dann könne

kein Gegner sie besiegen. Eine Einschätzung, die sich

zehn Jahre später als richtig herausstellen sollte.

FOTO: PRIVATES ARCHIV

52

DAS JÜDISCHE ECHO


Als Hitler an die Macht kam, nahm Hammerstein

seinen Abschied und begann, ein gefährliches Doppelleben

zu führen. Und nicht nur er. Vier seiner sieben

Kinder gingen in den Widerstand. Zwei seiner Töchter

waren mit jüdischen Kommunisten liiert und spionierten

für die Kommunistische Internationale, zwei seiner

Söhne waren am Stauffenberg-Attentat auf Hitler im

Sommer 1944 beteiligt.

Ruth begegnet ihm am Silvesterabend 1930 auf

Schloss Neindorf bei Magdeburg, „einem älteren Herrn

im Abendanzug, hochgewachsen und sehr gutaussehend,

wie ich die älteren Herren liebte, für die ich seit jeher eine

Schwäche gehabt habe“. Der Hausherr Maximilian von

Asseburg-Neindorf ist ein alter Freund des Generals. Dass

die junge Frau in dieser Nacht ihre Verlobung mit dem

Sohn des Hauses feiern soll, stimmt sie nicht freudig. Sie

hat kurz zuvor in Wien einen jungen blonden Redakteur

der „Arbeiter-Zeitung“ kennengelernt. Ein aufregender

Mann, „der unentwegt sprach, geistreich, witzig, aggressiv,

flirtig. Groß, hundsmager. Ein Erosbesessener, worttrunken.“

Ein Offizierssohn, der ein Roter geworden war.

Er gefällt ihr sehr. Er fragte sie noch am selben Abend, ob

sie seine Frau werden möchte. Er schickt ihr einen Brief

nach: Werden Sie meine Frau! Er geht ihr nicht mehr aus

dem Kopf.

„Also hör mal, Ruth, wenn das nicht romantisch ist,

dann weiß ich nicht ...“

„Ach was. Das war ein Aufruf zu einer großen Liebe,

zum Wagnis eines Lebens in Leidenschaft. Und Schönheit.

Und Freiheit.“

Unerwartet mischt sich Hammerstein ein. Er rät ihr

von der geplanten Ehe ab und rettet sie vor einem Leben

in Eintracht und Langeweile. „Als wir später in unsere

benachbarten Gastzimmer hinaufgingen, lud ich ihn zu

einem kleinen Speech ein, die unsere spätere, recht gefährliche

Freundschaft begründete.“

Sechs Jahre später geht sie nach Berlin, als Major

der Roten Armee „auf große Fahrt“, wie sie es nennt. Sie

baut ihre Verbindung zu Hammerstein mit Bedacht aus,

trifft ihn zwischen ihren Erkundungsfahrten kreuz und

quer durch Deutschland in einem Zug oder einem verschlafenen

Kurort und immer häufiger in seinem Haus

in Dahlem. Nachher begleitet er sie durch die menschenleeren

Straßen zur letzten U-Bahn, den Revolver in der

Manteltasche.

„Bei diesem Gang über das kaum beleuchtete

Terrain führten wir unsere vortastenden und schließlich

sehr offenen Gespräche.“ In Hammersteins Haus hatte

der halbe Gotha verkehrt, die großen Adelsfamilien und

alle führenden Militärs und Politiker, bis er 1934 als

Chef der Heeresleitung entlassen wurde. Und auch nachher

fließen ihm die Informationen zu.

Er äußert sich unumwunden über die Appeasement-

Politik der Briten, der er die Hauptschuld an der Aufrüstung

des Dritten Reiches zuschreibt. Sie ließen das zu, vor

allem den Ausbau der deutschen Flotte! Die Gentle men

sollten umstecken, bevor es zu spät ist. Ruth ist sich

sicher, dass er seine Warnungen auch London zukommen

lässt. Wie weit würde er gehen?

Angst ist keine Weltanschauung, sagt Hammerstein.

Darin trifft er sich mit ihr. Aber wenn sie von Prag

über die deutsche Grenze reist, überwältigt sie würgende

Angst, saugt sich im Magen fest.

Sie wusste, dass jeder Kontakt eine Einbruchstelle

haben konnte. Sie hatte verschiedene Pässe, sehr gute,

saubere Papiere, aber ob sie jeder Kontrolle standhielten?

In ihren Handschuhfingern steckten fünfhundert Dollar,

als Notgroschen für Bestechungszwecke. Wenn das

aufflog, war das Devisenschmuggel und brachte sie ins

Konzentrationslager.

Sie hatte in der Ausbildung gelernt, dass sie erröten,

aber niemals erblassen durfte.

„Klar, dass die Gestapo einen erwischt und foltert,

davor hat man Angst. Aber die Anfälle waren kurz, sie

lähmten mich nicht, denn ich war absolut entschlossen,

mich umzubringen, wenn ich hochgehe.“

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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 53


An ihrem linken Ringfinger steckte ein Wappenring,

„von meiner Mutter“. Sie öffnete den Golddeckel

mit den Zähnen. „Der war voll mit Zyankali. Den Ring

hätte ich auch mit gefesselten Händen aufgekriegt, das

habe ich trainiert.“ Sie klappte den Ring wieder zu.

„1936, bei den Olympischen Spielen in Berlin, hat mir

Hammerstein einen ständigen Sitz verschafft. Hitler

ging mehrmals knapp an mir vorbei, inmitten der ganzen

Naziprominenz. Die Führerloge war auf Schussnähe

einzusehen, wie ein Wildwechsel. Ich hätte den Kerl

todsicher abknallen können. Die Pistole hatte in meiner

Handtasche Platz. Sie war zu einer richtigen Obsession

geworden.“

„Und?“

„Ich habe es nicht getan.“

„Warum nicht?“

„Weil einem Kommunisten so was absolut verboten

war. Individueller Terror! Streng verboten. Wir waren

keine Anarchisten. Und dann hatten wir doch alle die

vage Hoffnung auf einen Aufstand der deutschen Arbeiterklasse.

Oder der Generäle.“

„Du bist kein Typ für ein Selbstmordkommando.“

„Nein. Aber ich schlug mich lange damit herum,

welch einmalige Chance das gewesen ist. Es wäre eine

Entscheidung auch gegen mich selbst gewesen, gegen

meinen unbedingten Wunsch zu überleben.“

54

Dauerausstellung

Verdrängte Jahre

Bahn und Nationalsozialismus

in Österreich 1938 – 1945

ÖBB Bildungszentrum Wörth, St. Georgener Hauptstraße 91a,

3151 St. Georgen am Steinfeld

Besuch der Ausstellung: Nach Anmeldung unter

bildungszentrum.stpoelten@oebb.at während der

Öffnungszeiten des Bildungszentrums von Montag bis

Donnerstag, jeweils 08:00 Uhr bis 20:00 Uhr

Foto: Österreichische Nationalbibliothek

Ihre Berichte waren so aufschlussreich, dass Marschall

Woroschilow, Volkskommissar für Verteidigung, sie nach

Moskau zu einer Zusammenkunft lud. Im Mittelpunkt

des Gesprächs stand Hammerstein. „Woroschilow sprach

von ihm mit großer Wertschätzung, ja mit Wärme“,

erinnerte sie sich. „Ein ferner Kamerad, von dem man

mutige Taten erwartet.“ Ruth sollte ihr Inkognito lüften,

ihm persönliche Grüße ausrichten und ausloten, ob

er bereit wäre, einen Aufstand der Nazigegner unter den

deutschen Generälen anzuführen. Im Frühjahr 1937 traf

sie ihn in Bozen. „Auf einem Spaziergang durch die blühende

Landschaft ließ ich leicht und nebenbei, wie ein

Taschentuch, die Bombe fallen. Langes Schweigen. Warst

du drüben?, fragte er. Ja. Die Russen denken, ich könnte

was tun, stimmt’s? Ja. Fährst du wieder rüber? Ja.“

«Die Tschistka, die Säuberung, begann.

6000 Offiziere vom Oberst aufwärts fielen

ihr zum Opfer. Darunter auch die Köpfe

von Ruths Vorgesetzten.»

Hammerstein lehnte ab. Den Gedanken an eine putschartige

Übernahme der Macht durch Teile der Wehrmacht

hielt er für hirnrissig. „Wenn die deutsche Hammelherde

sich schon so einen Führer wählt, dann soll sie’s auch ausbaden.“

Diese bittere Erfahrung dürfe man den Deutschen

nicht ersparen. Und er sei kein Held. Für seine

alten Freunde in Moskau hatte er aber ein paar handfeste

Ratschläge parat: Verbesserung ihrer Beziehungen zu den

Briten, gründliche Ausbildung der unteren und mittleren

Kader der Roten Armee und maximale Motorisierung.

An einem Krieg gegen die Russen würde er nicht teilnehmen.

Beim Abschied von Ruth warnte er sie: „Hüte dich

vor Tuchatschewski.“

Hammerstein wusste also, dass in der deutschen

Abwehr finstere Gerüchte über den Marschall der Roten

Armee kursierten. In Wirklichkeit lancierte der Chef des

deutschen Geheimdienstes, Richard Heydrich, eine gefinkelte

Desinformationskampagne mit gefälschten Dokumenten

gegen den Führungsstab der Roten Armee,

die prompt zu ihrer Enthauptung führte. Der Marschall

wurde Ende Mai 1937 verhaftet, unter Anklage einer Verschwörung

gegen Stalin und die Sowjetmacht zum Tod

verurteilt und erschossen.

Damit begann die Tschistka, die Säuberung, die

zwei Jahre dauern und weit über die Armee hinausreichen

sollte. Drei von fünf Marschällen, dreizehn von fünfzehn

Generälen, 6000 Offiziere vom Oberst aufwärts fielen ihr

zum Opfer. Darunter waren auch die Köpfe von Ruths

Vorgesetzten.

Über 30.000 Kader der Roten Armee wurden hingerichtet.

Davon hat sie sich bis zum Ausbruch des Zweiten

Weltkrieges nicht erholt.

DAS JÜDISCHE ECHO


Als Ruth von Mayenburg 1938 nach Moskau zurückkehrte,

war der Große Terror vorbei. Stalin hatte

Hunderttausende liquidieren oder in den Gulag deportieren

lassen. Ratlosigkeit, Schweigen und Erklärungsversuche

im Hotel Lux. Unter den Toten befanden sich engste

Freunde und Kampfgefährten. Ihre Vierte Abteilung existierte

nicht mehr.

„Bist du auf einer der Listen gestanden?“

„Wahrscheinlich gehöre ich zu den wenigen Überlebenden

der Vierten Abteilung. Wahrscheinlich hat mich

Dimitroff gerettet, der Chef der Komintern.“

„Und? Bist du in deinen Überzeugungen wankend

geworden?“

„Nein. Ich hielt damals einen Umsturzversuch für

plausibel.“

Die stickige Atmosphäre im Hotel Lux war nicht

auszuhalten. Nach wie vor herrschte Paranoia, fanden

Verhaftungen statt. Mayenburg beschloss, einen klaren

Kampf gegen einen klaren Feind zu führen und wieder

Soldatin zu werden. 1943, nach Stalingrad, ließ sie sich an

die Front versetzen, nach Weißrussland. Sie ging in eine

Propagandaeinheit, um unter den kriegsgefangenen Österreichern

gezielte Umerziehung zu machen. Sie erhielt

den Auftrag, mit einer Gruppe verlässlicher Kriegsgefangener

direkt den kämpfenden Truppen nachzufahren und

einzelne Leute in deutsche Stellungen einzuschleusen,

um eine Antifa-Wehrmachtstruppe zu organisieren. Ein

Himmelfahrtskommando.

Ruth erlebte sich inmitten der Kriegsgräuel als echter

Frontowik, als Soldat in einer Männergesellschaft. Sie

klapperte mit ihrem Lautsprecherwagen unter Artilleriebeschuss

die Front ab, immer bemüht, Österreicher zum

Überlaufen zu bewegen. Eine Gefangennahme bedeutete

den sicheren Tod. Aber das schreckte sie nicht. Sie war

seit 1936 ständig in Lebensgefahr gewesen. Sie wusste,

dass die Politarbeiter an den Fronten im Verhältnis zu ihrer

Anzahl die größten Verluste aufwiesen. Sie überlebte

Bombenangriffe, schlief in Erdlöchern, ihre Füße erlitten

schwere Erfrierungen. Sie hat diese Jahre ausführlich beschrieben.

Kein Zweifel, es war ihre beste Zeit.

1945 kam sie als Oberst der Roten Armee nach Wien

zurück. Es dauerte lange, bis sie sich vom Kommunismus

lossagte. „Irgendwann in den Sechzigerjahren hab ich es

sattgehabt zu lügen. Wir haben alle wahnsinnig viel gelogen,

wir haben den Terror in der Sowjetunion verheimlicht,

obwohl wir doch seine Zeugen waren. Und was das

Schlimmste war: Wir haben unsere Kinder belogen.“

„Ich hatte eine absolut interessante Kindheit“, erzählt

Marina, „mit großen Freiheiten. Mit Eltern, die sehr

viele Interessen hatten und um sie herum außergewöhnliche

Menschen. Ich erinnere mich an Ferien im Sommerhaus

von Bert Brecht und Helly Weigel und an den Roten

Stern am Weihnachtsbaum, an die Geschichten von

Großväterchen Frost und die Konzerte des Ensembles

der Roten Armee. Mit Heldengeschichten bin ich nicht

behelligt worden. Ruth hat oft vom Krieg erzählt, und

ich denke, die schlimmsten Erlebnisse hat sie gut verstecken

können. Mich haben ihre Geschichten natürlich fasziniert

und imponiert. Sie wusste, was man einem Kind

zumuten kann und was nicht.“

„Wie hat Ruth ihre Fronterlebnisse verarbeitet?“

„Ab und zu hatte sie nachts Panikattacken. Aber sie

hatte eine sehr stabile Natur, konnte gut arbeiten, gut

schlafen. Ihr Körper hielt erstaunliche Balance.“

„Hat sie den Krieg ‒ geliebt?“

„Den Krieg selbst natürlich nicht. Aber das Leben

unter den Soldaten, die ständige Herausforderung, diese

Intensität, das schon.“

Die Geschichte, die ich zu Ruths achtzigstem Geburtstag

in der Zeitschrift „Transatlantik“ veröffentlichen wollte,

habe ich zurückgezogen. Als sie fertig war, 1986, rief

Ruth für Kurt Waldheim auf, überall klebten die Plakate

mit ihrem Namen. Sie ist an der Nachgiebigkeit gegenüber

ihrem Ehemann Kurt Dieman gescheitert, einem

der Wortführer für die Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten.

Später fragte ich sie, warum sie das getan

hatte. Sie zuckte die Achseln. „Aus Liebe.“ Was soll man

dazu sagen? Wir redeten nie wieder davon. 1993, mit 86

Jahren, ist Ruth von Mayenburg in Wien gestorben.

Aber das ist lange her. Vor einigen Jahren las ich

Hans Magnus Enzensbergers Buch über Hammerstein

und ging Ruths Leben von neuem nach. Hammerstein

war aktiv an der Planung des Stauffenberg-Attentats beteiligt

gewesen, bevor er 1942 starb.

Ruth hat sich also nicht in ihm getäuscht. 2

1 Im Moskauer Hotel Lux wohnten u. a. Josip Broz Tito (1935 unter

dem Namen „Walter“ als „Balkan-Sekretär“ der Komintern), Palmiro

Togliatti (1947 bis 1964 italienischer KP-Chef), Ho Chi Minh aus dem

damaligen Indochina (Vietnam), der Mao-Mitstreiter Tschu En Lai, der

Ungar Mátyás Rakosi, der Finne Otto Kuusinen, der spätere SPD-Fraktionschef

Herbert Wehner, die Ostdeutschen Wilhelm Pieck und Walter

Ulbricht, Georgij Dimitroff (Generalsekretär der Komintern, von

1946 bis 1949 bulgarischer Ministerpräsident), KPF-Generalsekretär

Maurice Thorez sowie Dolores Ibarurri, die als „La Pasionaria“ bekannt

gewordene spanische Kommunistin.

Quellen und Literatur

Enzensberger, Hans Magnus (2008), Hammerstein oder Der Eigensinn.

Eine deutsche Geschichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Mayenburg, Ruth von (1969), Blaues Blut und rote Fahnen. Ein Leben

unter vielen Namen. Wien: Molden.

Mayenburg, Ruth von (1978), Hotel Lux. München: Bertelsmann.

Mayenburg, Ruth von (2011), Hotel Lux. Die Menschenfalle. Eine

Reise ‒ ein Film von Heinrich Breloer. München: Elisabeth Sandmann

Verlag.

Müller, Reinhard (2001), Menschenfalle Moskau. Exil und stalinistische

Verfolgung. Hamburg: Hamburger Edition.

Ich danke Marina Fischer-Kowalski für die Gespräche über ihre Mutter.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 55


Von Alexia Weiss

Ihrer Zeit voraus

Therese Schlesinger war unter den ersten acht

Frauen, die 1919 ein Mandat im Parlament

erringen konnten. Davor hatte sie sich lang für

das Frauenwahlrecht und für Bildung für Frauen

und Mädchen eingesetzt. Über eine Frau, die

wohlsituiert in einer liberalen jüdischen Familie

aufwuchs und sich später an die Seite von

Arbeiterinnen stellte. Eine, deren Leben von

Schicksalsschlägen geprägt war, die sich in ihrem

Kampfgeist aber nicht beirren ließ.

„Da gibt es immer noch sehr viele Männer und Frauen,

die meinen, das ist ja etwas Naturgegebenes, dass die

Frau alle Hausarbeiten zu verrichten hat. Aber es ist gar

nicht naturgegeben, davon können Sie sich sehr leicht

überzeugen. Alle die Arbeiten, die man für die natürlichen

Aufgaben der Frau ansieht, die können zu Aufgaben

für den Mann werden, sobald sie bezahlt werden.

Es gibt männliche Köche, es gibt männliche Stiefelputzer,

Fensterputzer, Wohnungsaufräumer, Friseure und

so weiter. Jede dieser Arbeiten, von denen man sagt, sie

seien der Frau natürlich, die machen Männer sehr gut,

wenn sie dafür bezahlt werden. Sie machen sie allerdings

nicht ohne Bezahlung.“

Ersetzt man die hier von Therese Schlesinger genannten

Berufe durch Pflegekraft, Kindergartenpädagoge

oder Reinigungskraft, sprach sie vor hundert Jahren

an, was teilweise noch heute gilt. Versorgungsarbeiten

werden auch dieser Tage von vielen Frauen – neben der

Erwerbsarbeit ‒ ohne Entgelt erledigt, während Männer

daraus einen Beruf machen. Mit ihren Befunden war die

Sozialdemokratin ihrer Zeit teils weit voraus: Manches

durfte sie jedoch noch selbst erleben. Viele Jahre etwa

hatte sie für das Frauenwahlrecht, das aktive und passive,

gekämpft. 1919 durfte sie dann gemeinsam mit sieben

weiteren weiblichen Abgeordneten in das Parlament einziehen

(siehe Kasten).

Einiges an ihrer Motivation, sich politisch zu engagieren,

schöpfte sie aus der Frustration über Hemmschwellen,

denen sie selbst ausgesetzt war. Während ihre

Brüder eine höhere Bildung absolvieren konnten, war für

sie nach der Bürgerschule Schluss. Ein Leben lang sollte

sie sich daher für Bildung für Frauen einsetzen. Darüber

hinaus erkannte sie, dass Arbeiter und Arbeiterinnen sich

nur mittels Bildung emanzipieren und für ihre Rechte

kämpfen konnten.

Einen Teil ihrer Motivation schöpfte sie aber auch

aus ihrem Aufwachsen in einer liberalen jüdischen Familie,

wie Birgit Jaindl in ihrer Diplomarbeit (Universität

Wien) über Schlesinger nachzeichnet. Der Vater,

Albert Eckstein, ein Chemiker und Erfinder, betrieb die

erste Pergamentfabrik in Europa. Die im Allgemeinen

vorherrschende schlechte Arbeitssituation der eingewanderten

Arbeiter versuchte er in seinem Betrieb besser zu

gestalten. Dabei setzte er auf Arbeitszeitverkürzung und

eine Krankenversicherung für die Beschäftigten.

Doch Schlesinger war nicht nur durch die sozialdemokratische

Einstellung des Vaters geprägt. Die 1863

in Wien Geborene und ihre Geschwister wuchsen gemeinsam

mit den Kindern der Arbeiter auf – im Betrieb

wurde ein gutes Verhältnis der Betreiberfamilie mit den

Beschäftigten gepflegt. „Diese Vertrautheit förderte bei

den Kindern Amalie und Albert Ecksteins eine große Anteilnahme

an dem Los der Arbeiter und ein tiefgreifendes

Verständnis für deren Situation. Der Wunsch nach Mitarbeit

zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen wurde

besonders bei Therese zur Lebensaufgabe“, hält Jaindl fest.

Therese Eckstein heiratete 1888 den Bankangestellten

Victor Schlesinger. 1890 kam Tochter Anna zur Welt.

Die nächsten zweieinhalb Jahre kämpfte die Mutter jedoch

gegen eine schwere Erkrankung: Sie hatte sich mit

Kindbettfieber und Rotlauf infiziert und konnte sich nur

im Rollstuhl oder auf Krücken fortbewegen. Ihr Mann

steckte sich wiederum mit Tuberkulose an – und überlebte

nicht. So zog sie Anna, die ebenfalls sehr kränklich

war (sie hatte eine schwache Lunge), alleine groß.

Die Tochter nahm sich allerdings im Erwachsenenleben

1920 das Leben.

FOTO: STANISLAV JENIS, VGA (2)

56

DAS JÜDISCHE ECHO


All diese Tragödien trugen aber auch dazu bei, dass sie

sich politisch zu engagieren begann. Biografin Jaindl

konstatierte, dass Schlesinger erst bei ihrem langen Krankenhausaufenthalt

nach der Geburt ihrer Tochter von

einer organisierten Arbeiterpartei erfuhr. In der Folge

interessierte sie sich für die Arbeiterbewegung. Hier war

weniger ihr politisches Bewusstsein ausschlaggebend,

sondern mehr ihr persönliches Bedauern, nicht an einer

Universität studiert haben zu können. Wie sie sich in der

Arbeiterbewegung engagieren sollte, wusste sie anfangs

nicht so recht. Sie spürte das, was man ihr später auch als

Nationalratsabgeordnete vorhalten sollte – ihre bürgerliche

Herkunft schien ihr im Weg zu stehen.

Über ihre Freundin Marie Lang stieß sie jedoch

schließlich zum Allgemeinen Österreichischen Frauenverein.

Dort erfuhr sie von der Lebensrealität der

Arbeiter und Arbeiterinnen und näherte sich politisch

dem Sozialismus. Sie wollte Seite an Seite mit einfachen

Frauen für deren Rechte kämpfen. Sie verließ daher

den bürgerlichen Frauenverein und trat 1897 in die

sozialdemokratische Partei ein. 1898 nahm sie aktiv am

Buchbinderstreik teil. Sie hielt Kurse, publizierte in der

„Arbeiterzeitung“, vertiefte sich in gewerkschaftliche Arbeit.

Als Ziele formulierte sie die Verbesserung der Lebenssituation

der Arbeiterschaft und die Mädchen- und

Frauenbildung. „Sie erkannte, dass nur ausreichende Bildung

und durch die damit verbundene Aufklärung das

Proletariat aus der Knechtschaft führen konnte. Für diese

politische Bewusstseinsbildung trat Schlesinger in ihren

Schriften und Feuilletons immer wieder ein“, so Jaindl.

Gegen Frauenkämpferinnen

Schon 1900 brachte sie beim Parteitag der sozialdemokratischen

Partei in Graz einen Antrag zur Einführung

des Frauenwahlrechts ein. Er wurde abgelehnt, denn

auch innerhalb der Sozialdemokratie gab es Widerstände

gegen Frauenkämpferinnen wie Schlesinger. Ein

Jahr später begründete sie den Verein sozialdemokratischer

Frauen und Mädchen mit – 1906 wurde schließlich

der Antrag für ein Frauenwahlrecht angenommen.

Während des Ersten Weltkriegs trat sie gemeinsam mit

Viktor Adler und Otto Bauer für Frieden ein. Schon als

Parlamentarierin verfasste sie die frauenpolitischen Teile

des Linzer Parteiprogramms von 1926. Dem Nationalrat

gehörte sie bis 1923 an, im Anschluss saß sie bis 1930 im

Bundesrat. 1933 zog sie sich, inzwischen siebzigjährig,

ins Privatleben zurück. 1939 musste sie nach Frankreich

emigrieren, wo sie 1940 verstarb.

In der Wiener Josefstadt erinnert heute der Schlesingerplatz

an die kämpferische Sozialdemokratin. Lange

nach dem christlich-sozialen Politiker Josef Schlesinger

(1831‒1901) benannt, der als Anhänger Karl Luegers

auch für seinen eigenen Antisemitismus bekannt war,

In einer liberalen jüdischen Familie als Tochter eines Unternehmers

aufgewachsen, entwickelte Therese Schlesinger große Anteilnahme

für die Arbeiter

Therese Schlesinger (mit verschränkten Armen) und weitere

weibliche Abgeordnete 1919 im österreichischen Parlament

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 57


Acht Pionierinnen mit höchst unterschiedlichem Background

1919 zogen erstmals acht Frauen in das österreichische

Parlament ein. Das Gros von ihnen war sozialdemokratisch.

Nur Hildegard Burjan (1883‒1933) gehörte

den Christlich-Sozialen an. Wie Therese Schlesinger

(1863‒1940) entstammte auch sie einer liberalen

jüdischen Familie – konvertierte aber 1909 zum Katholizismus.

Burjan gehörte dem Hohen Haus nur kurz an

und wurde vor allem durch die Gründung der religiösen

Schwesterngemeinschaft Caritas Socialis bekannt.

2012 wurde sie im Stephansdom selig gesprochen.

Der sozialdemokratischen Fraktion gehörten neben

Schlesinger auch Anna Boschek, Emmy Freundlich,

Adelheid Popp, Gabriele Proft, Amalie Seidel und Marie

Tusch an. Anna Boschek (1874‒1957) musste schon

früh die Schule abbrechen, um zum Familieneinkommen

beizutragen, und arbeitete in der Chemie- und

Textilindustrie. Die spätere Pionierin der Gewerkschaftsbewegung

engagierte sich vor allem in Sozial- und

Arbeitsfragen. Das Gesetz zum Achtstundentag trug

laut Parlamentshomepage ebenso ihre Handschrift wie

Vorlagen zur Arbeitsruhe, zum Nachtarbeitsverbot für

Frauen oder zum Hausgehilfinnengesetz.

Emmy Freundlich (1878‒1948) kam aus einer

wohlhabenden böhmischen Familie und mit Politik und

sozialdemokratischen Ideen erst durch ihren Mann,

Leo Freundlich, in Berührung. Von ihm ließ sie sich

zwar wieder scheiden, engagierte sich aber weiter in

der Arbeiterbewegung und der Genossenschaftsbewegung.

Im Nationalrat meldete sie sich vor allem zu

ökonomischen Fragen, aber auch zu Ernährungs- und

Konsumentenangelegenheiten zu Wort. 1939 flüchtete

sie mit ihren beiden Töchtern (deren Vater jüdisch war)

nach England, 1947 übersiedelte sie nach New York.

Adelheid Popp (1869‒1939) stammte aus einer

Weberfamilie und war das jüngste von 15 Kindern.

Bereits mit acht Jahren musste sie als Heimarbeiterin

Geld verdienen, ab dem Alter von zehn Jahren meldeten

die Eltern sie nicht mehr in der Schule an. Doch sie

liebte das Lesen und bildete sich selbst fort. Sie war

die erste Frau, die von einer Partei angestellt wurde,

und gründete gemeinsam mit Schlesinger den Verein

sozialdemokratischer Frauen und Mädchen. Zu ihren

politischen Forderungen zählten eine Karenzzeit für

Mütter, die Errichtung von Entbindungsanstalten und

die Gleichstellung von Frauen in Ehe und Beruf.

Gabriele Proft (1879–1971) stammte aus Mähren

und war Tochter eines Schusters. Mit 17 Jahren kam

sie nach Wien, wo sie dem Bildungsverein Apollo beitrat

und sich in der sozialdemokratischen Frauenbewegung

Sozialdemokratisches Frauenkomitee (1904): Therese

Schlesinger, Anna Boschek, Amalie Seidel, Adelheid Popp und

Lotte Glas-Pohl (von l. nach r.)

und der Gewerkschaft engagierte. Sie gehörte zum

linken Flügel der Partei und trat für eine Friedenspolitik

ein. Als einzige der ersten Frauen im Parlament gehörte

sie auch in der Zweiten Republik dem Nationalrat an –

1934 wurde sie bereits vom Dollfuß-Regime verhaftet

und in der NS-Zeit war sie in einem Konzentrationslager

interniert. Nach 1945 wurde sie Vorsitzende der SPÖ-

Frauen und stellvertretende Vorsitzende der SPÖ.

Amalie Seidel (1876‒1952) stammte aus einer

Arbeiterfamilie. Mit 17 setzte sie den 1. Mai als arbeitsfreien

Tag an ihrer Dienststelle durch – und wurde

dafür am nächsten Tag entlassen. Daraufhin organisierte

sie einen Frauenstreik, und so wurde Viktor

Adler auf sie aufmerksam. Sie engagierte sich in der

Frauenbildung und war Mitbegründerin einer Konsumgenossenschaft.

Maria Tusch (1868‒1939) kam als Kind einer

ledigen Magd in Klagenfurt zur Welt. Auch sie musste

schon früh arbeiten – ab dem Alter von zwölf Jahren

war sie in der k. u. k. Tabakfabrik in Klagenfurt als

Arbeiterin tätig. Dort wurde sie Vertrauensfrau, später

Betriebsrätin und schließlich Leiterin des Landesfrauenkomitees

der Kärntner Sozialdemokraten. Als

Abgeordnete setzte sie sich vor allem für Frauenrechte,

für die Straffreiheit von Abtreibungen und für Kriegsversehrte

des Ersten Weltkriegs ein. Ihre Vorträge beendete

sie oft mit den Worten „Frauen, ihr müsst selbstbewusst

werden!“.

A.W.

FOTO: VGA

58

DAS JÜDISCHE ECHO


wurde der Platz im Februar 2006 unter einer damals

grünen Bezirksvorstehung Therese Schlesinger gewidmet

und erinnert so an ihren Einsatz für die Besserstellung

von Mädchen und Frauen.

Zu ihren wichtigsten Forderungen zählten laut

Parlamentshomepage gleicher Lohn für gleiche Arbeit,

gleiche politische Rechte für Frauen und Männer, eine

Arbeitszeitverkürzung für Mütter, eine staatliche Mutterschaftsversicherung,

eine allgemeine Kinderversicherung

und die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruches. Sie

setzte sich gegen die Prügelstrafe und für eine ambulante

Betreuung psychisch Kranker ein. Von ihr stammte auch

die Idee, in den Wohnhäusern der Arbeiter Zentralküchen

und Wäschereien einzurichten. So hätten Frauen

mehr Zeit für familiäre Beziehungen und Fortbildung,

war ihre Hoffnung.

Leicht hatte sie es bis zuletzt auch in der eigenen

Partei nicht. So heißt es in dem von Saskia Stachowitsch

und Eva Kreisky herausgegebenen Band „Jüdische Identitäten

und antisemitische Politiken im österreichischen

Parlament 1861‒1933“ über Schlesinger: „In Therese

Schlesinger vereinten sich verschiedene Merkmale, die

eine Angriffsfläche boten – jedoch nicht nur für politische

GegnerInnen, sondern auch für Missgunst aus den

eigenen Reihen. Als Frau, die für Gleichberechtigung

kämpfte, hatte sie mit dem Widerstand von Genossen,

auch in der Gewerkschaft, zu kämpfen und als bürgerliche

Frau begegneten ihr sozialdemokratische Genossinnen

zunächst mit Skepsis. Dass Schlesinger Jüdin war,

nutzten auch sozialdemokratische Proponenten wie der

deutschnational gesinnte Engelbert Pernerstorfer, um

mit antisemitischen Parolen Keile in die Partei zu treiben.

Als Schlesinger während des Ersten Weltkriegs dem

Verein Karl Marx, einer pazifistischen innerparteilichen

Linksopposition unter Friedrich Adler, angehörte,

schimpfte Pernerstorfer: ‚Dieses Häuflein besteht nicht

bloß aus Akademikern, sondern auch ausschließlich aus

Juden‘, sie seien allesamt ‚Internationalisten‘ und ‚kaltschnäuzig‘.“

Insgesamt gab es laut Stachowitsch und Kreisky in

der Ersten Republik 14 jüdische Abgeordnete, davon

zwölf Sozialdemokraten, eine Christlich-Soziale (Burjan,

die zwar aus einer jüdischen Familie stammte, aber zum

katholischen Glauben übertrat, wird hier mitgezählt)

und einen Zionisten. „Diese Gruppe hat die Politik der

Ersten Republik entscheidend mitgeprägt und im Parlament

durch Gesetzesinitiativen in den Bereichen Wahlrechtserweiterung,

Arbeiter- und Angestelltenschutz,

Sozialversicherung, Mieterschutz, Pressefreiheit und

Frauenpolitik national und regional gestaltet.“ 2

Weil das Leben

nicht nur aus

Arbeit besteht.

Festtage gehören zu den besonderen Momenten

im Leben. Die Bank Austria wünscht der jüdischen

Gemeinde alles Gute zu Rosh Hashanah.


F

ARCHIV

BIBLIOTHEK

MUSEUM

VERANSTALTUNGS-

ZENTRUM

Altes Rathaus, Wipplingerstraße 6–8, 1010 Wien, Eingang im Hof

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Foto: Pez Hejduk, Wien

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DAS JÜDISCHE ECHO


Von der Gegenwehr

und vom Überleben

Von Ilse Korotin

Frauen des Widerstands sichtbar machen

FOTO: PRIVAT

Im Rahmen des Projekts, der Unterrepräsentanz

von Frauenbiografien generell entgegenzuwirken,

erarbeiten Frauenforscherinnen am Wiener

Institut für Wissenschaft und Kunst eine Datenbank

zu Widerstandskämpferinnen.

Zum Thema „Warum Gesellschaften sich erinnern“

schreibt die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl: „Was

wichtig und was unwichtig ist, welche Ereignisse und

Personen im Vordergrund stehen, welche an den Rand

gerückt werden oder unerwähnt bleiben, wird von der

Perspektive jener Gruppen bestimmt, die die Deutungsmacht

über die Vergangenheit innehaben, von denen die

Geschichte geschrieben und in Denkmälern, Museen,

Büchern, Filmen etc. dargestellt und in einer breiteren

Öffentlichkeit vermittelt wird. In einer pluralistischen,

ausdifferenzierten Gesellschaft ist die Definitionsmacht

aber nicht auf eine Gruppe beschränkt, sondern stets

umkämpft und herausgefordert. Erinnerungskultur wird

so zu einem dynamischen Feld von Verhandlungen und

Konflikten, ein unabgeschlossener Prozess der Auseinandersetzung

über das, was die Geschichte einer Gruppe,

einer Gesellschaft ausmachen soll – es wären immer auch

andere, alternative Darstellungen möglich.“

Jedenfalls bedeutet es aber, Geschlecht zum integralen

Bestandteil historischer Analyse zu machen, Männlichkeit

als normsetzendes Paradigma zu dekonstruieren.

Und so ist es auch für die Frauengeschichte von Relevanz,

„sich Orte zu schaffen und zu sichern“ (so der Kulturwissenschaftler

Jan Assmann), die den Ausdruck einer

kollektiven, aber dennoch in sich differenzierenden Erinnerung

darstellen.

Aus dem Bereich des multimodularen Dokumentations-,

Forschungs- und Vernetzungsprojekt „biografiA.

Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer

Frauen“, welches seit 1998 am Wiener Institut für Wissenschaft

und Kunst durchgeführt wird und die umfassende

historisch-biografische Aufarbeitung österreichischer Frauenpersönlichkeiten

zum Ziel hat, wollen wir nach Frauen

suchen, die Widerstand gegen das nationalsozialistische

Regime geleistet haben. Die Datenbank wird so zum „Ort

der Erinnerung“ und verweist auf Fragen, die sich nicht lediglich

auf nationale, sondern auf komplexe inter-, multiund

transkulturelle Konstellationen richten.

Wie lässt sich historisch arbeitende Genderforschung

mit den Debatten um Erinnerungskultur verbinden?

Wie kann die Erinnerung an Frauen und weibliche

Handlungsräume in das kulturelle Gedächtnis eingeschrieben

werden? Wie können Frauen als agierende Subjekte

mit ihren Handlungsspielräumen und Selbstentwürfen

in die Erinnerung aufgenommen werden?

Jan Assmann zufolge trägt das kulturelle Gedächtnis

zur Stiftung einer historisch begründeten Identität der

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 61


Angehörigen einer Kultur bei und spiegelt die öffentliche

Einordnung, Relevanzzuweisung, Bewertung und

Deutung der Geschehnisse wider, mithilfe derer sich das

politische und kulturelle Selbstbild eines Gemeinwesens

historisch verankert.

Gern wird in diesem Zusammenhang auch die Frage

nach der „Biografiewürdigkeit“ der jeweiligen Person

aufgeworfen. Nicht selten betrifft dies Frauen und ihre

unbekannten, versteckten und unsichtbaren Leistungen.

Es ist dabei nicht unwesentlich, was wir erinnern

wollen. Es geht hier – in unserem Zusammenhang, wo

wir gegen die Marginalisierung und das Vergessen von

Frauen ankämpfen ‒ auch um eine Geschichte, die Partei

ergreift. Daher müssen wir uns immer wieder fragen und

dabei ausloten: Geht es um die „objektive“ und unbeteiligte

Rekonstruktion der Vergangenheit oder um eine

Auseinandersetzung mit Geschichte, die Partei ergreift,

Zeugnis ablegt und in der Gegenwart etwas will?

«Je heller die Sonne scheint, je näher der

Frühling duftet und blüht, desto grausamer

steigen Bilder der unverdrängbaren

Vergangenheit in uns auf.»

Biografien können hier zwei grundlegende Funktionen

in der Erinnerungskultur erfüllen: jene der Gedächtnisbildung

und jene der Gedächtnisreflexion. Das Beispiel

„Widerstand“, welches im Projekt „biografiA“ einen

überaus großen – in vielerlei Hinsicht auch symbolischen

‒ Stellenwert einnimmt, greift es doch auf verschüttete

revolutionäre Traditionen der ArbeiterInnenbewegung

und des Widerstands gegen das NS-Regime zurück, sensibilisiert

aber auch für die Gefährdung der Demokratie

und die Aufrechterhaltung von Menschenrechten.

KZ-Opfer und Symbole des Widerstands: Christlichsoziale Franzi

Kantor (l.), Sozialdemokratin Käthe Leichter

Ziel eines Teilprojekts war die Erstellung einer biografischen

Dokumentation österreichischer Widerstandskämpferinnen.

Es sollte eine möglichst ausführliche

datenmäßige Erfassung von Frauen aus allen politischen

und weltanschaulichen Lagern erfolgen, die individuellen

oder organisierten Widerstand gegen die nationalsozialistische

Diktatur und das autoritäre Regime vor 1938

geleistet haben. Im Sinne eines breiten Widerstandsbegriffs

sollten neben dem weiblichen Widerstand in den

Bereichen Politik, konfessioneller Widerstand und Exil

auch Widerstandsbereiche berücksichtigt werden, die

erst in jüngster Zeit verstärkt ins Blickfeld der Widerstandsforschung

gerückt sind. Dazu zählen etwa Widerstand

auf individueller Basis oder in kleinen „privaten“

Netzwerken und Versuche von Angehörigen verfolgter

Bevölkerungsgruppen, sich und andere der Verfolgung

zu entziehen.

Die daraus entstandene Sammlung versteht sich

zum einen als Materialbasis für weiterführende Forschungen

auf dem Gebiet der Widerstands- und Frauenbiografieforschung

und soll zum anderen dazu beitragen,

den hohen und zumeist vergessenen, jedenfalls

aber unterschätzten Anteil der Frauen im Kampf gegen

Nationalsozialismus und Diktatur zu würdigen, die Erinnerung

an sie zu bewahren und der Öffentlichkeit näherzubringen.

Die Sammlung soll „dem weiblichen Widerstand

einen Namen geben“ und Frauen so mit ihrem

Denken und Handeln in die Geschichte einschreiben.

Grausam steigen Bilder auf

Die „große Dame der Sozialdemokratie“, KZ-Überlebende

und Politikerin Rosa Jochmann sagte im März

1957 im österreichischen Nationalrat: „Ich möchte gerne

dem Hohen Haus erklären, was dieses NIEMALS VER-

GESSEN bedeutet. Wir mussten und wir müssen vieles

vergessen, und ich wollte nur, dass wir wenigstens in

unseren Träumen von jener furchtbaren Zeit frei werden

könnten. Vielleicht versteht das der eine oder andere

nicht, aber glauben Sie es mir: Je heller die Sonne scheint

und je näher der Frühling duftet und blüht, desto grausamer

steigen die Bilder jener unverdrängbaren Vergangenheit

in uns auf. Wir müssen viel vergessen, denn wir

sind die ewig Gefangenen jener Zeit. Eines aber wollen

und dürfen wir nicht vergessen, nämlich was aus unserer

Heimat geworden ist und was aus diesem Land wird,

wenn die Freiheit und die Demokratie zerschlagen ist!

Das heißt unser NIEMALS VERGESSEN! Und daher

nicht nur heute, sondern auch morgen zum Wohle unserer

schönen und geliebten Heimat: NIEMALS VER-

GESSEN!“

In diesem Sinn soll an die vielen Frauen erinnert

werden, die Widerstand gegen die nationalsozialistische

Diktatur geleistet haben. Einen Widerstand, der in vie-

FOTO: WIKIPEDIA, ARCHIV, VGA

62

DAS JÜDISCHE ECHO


lerlei Hinsicht oftmals unbemerkt, unbeachtet und unbedacht

blieb.

Die Ärztin und Auschwitz-Überlebende Ella Lingens,

die nach der Entdeckung ihrer Hilfeleistung an

versteckten jüdischen Menschen (den so genannten „U-

Booten“) in Haft und Konzentrationslager kam, erhielt

auf ihren Entschädigungsantrag zunächst einen abschlägigen

Bescheid. „Juden verstecken, das ist eine private

Angelegenheit, das ist nicht Widerstand“, habe man ihr

erklärt. „Da hab ich dann berufen und dann haben sie

mir’s doch gegeben“, sagte Ella Lingens (1908 – 2002) in

einem Interview. (Von der Holocaust-Gedenkstätte Yad

Vashem wurde sie – als eine von 109 ÖsterreicherInnen

‒ mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet.)

Viele Helfende, zum Großteil waren es Frauen, hatten

nach dem Erlebten nicht mehr die Kraft der Auseinandersetzung.

Das offizielle Österreich nach 1945 hat

lange Zeit das „Leben im Verborgenen“, wie das Leben

als U-Boot in behördlichen Verfahren bezeichnet wird,

nicht als eigenen zu entschädigenden Verfolgungstatbestand

anerkannt. Erst nach langwierigen und vielfach

beschämenden Debatten gelang es, in über zwanzig Novellen

1972 ein einigermaßen umfassendes Opferfürsorgegesetz

zu schaffen.

«Die Frauen und Männer, die den letzten

Gang zum Schafott gegangen sind, sie

starben im Bewusstsein, dass ein neues

Österreich entstehen wird.»

Auch hier ergriff Rosa Jochmann (1901 – 1994) immer

wieder das Wort 1 , indem sie die VertreterInnen aller

Parteien in ihrer Verantwortung ansprach. Bereits 1946

sagte sie: „Ich möchte von jeder Partei als Symbol einen

Namen herausgreifen. (…) Käthe Leichter, eine Angehörige

der Sozialistischen Partei, Amalie Brust, eine

Angehörige der Kommunistischen Partei, Franzi Kantor,

eine Angehörige der Christlichsozialen Partei. Es sind

dies drei Namen und drei Weltanschauungen, aber nur

ein einziger Begriff, und zwar der Begriff einer Kameradschaft,

die beispiellos in der Menschheitsgeschichte

dasteht. Diese drei Frauen sind in den Gaskammern oder

an den Folgen der Behandlung im Konzentrationslager

mit dem Bewusstsein und in dem Glauben gestorben,

dass ein neues Österreich auch für die Hinterbliebenen

der Opfer sorgen wird. Deshalb möchte ich im Namen

dieser drei Frauen und darüber hinaus im Namen der

Millionen Opfer heute hier allen drei Parteien zu bedenken

geben, dass es nicht angängig ist, dass bei den Familien

der Hinterbliebenen erst herumgefragt wird, ob sie

ein Einkommen haben und ob sie überhaupt bedürftig

sind (…) Die Männer und die Frauen, die den letzten

Widerstandskämpferin Rosa Jochmann: „Wenigstens in unseren

Träumen von jener furchtbaren Zeit frei werden.“

Gang zum Schafott gegangen sind – und es ist dies ein

schwerer Gang. Mag auch die Überzeugung noch so fest,

noch so tief und noch so innig gewesen sein – sie sind

gestorben mit dem Bewusstsein, dass ein neues Österreich

für ihre Kinder, für ihre Frauen und für ihre Männer

sorgen wird.“ 2

Dieser Beitrag basiert auf der Rede, die Ilse Korotin am

23. Jänner 2019 anlässlich des Internationalen Tages des

Gedenkens an die Opfer des Holocausts bei der Parlamentsveranstaltung

„Österreichische Frauen im Widerstand“ in

Wien gehalten hat.

1 Rosa Jochmann, Ein Kampf der nie zu Ende geht: Reden und Aufsätze.

Wien: Löcker Verlag, 1994.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 63


Von Christine Kanzler

Heldenhafte Frauen in der NS-Zeit

Die Zugehörigkeit zu bestimmten politischen

Milieus, Organisationen oder Religionsgemeinschaften

sowie eigene Diskriminierungserfahrungen

waren wichtige Faktoren, die eine Minderheit von

Frauen veranlasste, in der Zeit des Nationalsozialismus

heldenhaft Widerstand zu leisten.

sozialen und oft auch geografischen Radius, was von vielen

als durchaus attraktiv empfunden wurde. Aus dieser

Ambivalenz der weiblichen Geschlechterrolle heraus war

sowohl Kooperation mit dem Regime wie auch Widerstand

dagegen möglich. 1 Die Mehrheit der Frauen passte

sich dem totalitären System an, nur eine Minderheit

widersetzte sich dem allgegenwärtigen Druck.

Widerstand und Genderperspektive

Die nationalsozialistische Ideologie war gekennzeichnet

von einer extremen Polarisierung der Geschlechterrollen

und einem zutiefst antiemanzipatorischen Frauenbild.

Frauen und Männern waren jeweils unterschiedliche

soziale Handlungsfelder zugewiesen: Während Frauen

ihre Aufgabe in Ehe und Familie erfüllt sehen sollten –

als Produzentinnen „rassisch und erbbiologisch wertvollen“

Nachwuchses –, war der Bereich der Politik nahezu

exklusiv Männern vorbehalten. In der Praxis allerdings

ermöglichten das Engagement in den nationalsozialistischen

Frauenorganisationen, die Verpflichtung zum

Arbeitsdienst sowie Erwerbsarbeit in Rüstungsindustrie

und Verwaltung Frauen das Heraustreten aus der häuslichen

Sphäre und eine beträchtliche Erweiterung ihres

Briefmarke „Verfolgung und Widerstand 1933–1945“ der Deutschen

Bundespost von 1983: Die Weiße Rose symbolisierte das Thema

Was bewog diese Frauen, sich dem Regime mit seinen

Verfolgungsbehörden, oft im Wissen um die Konsequenzen

– Folter, Gefängnis, Zuchthausstrafen, Verurteilung

zum Tod, Deportation ins Konzentrationslager – entgegenzustellen?

Wichtige Faktoren der „Sozialisation zum Widerstand“

2 waren die Zugehörigkeit zu bestimmten

politischen Milieus bzw. Organisationen oder zu Religionsgemeinschaften.

Darüber hinaus weckten auch

Diskriminierungserfahrungen, etwa von Jüdinnen oder

Kärntner Sloweninnen, den Impuls, sich gegen das erlittene

Unrecht zur Wehr zu setzen. Zahlreiche Beispiele

belegen, dass intergenerationelle Beziehungen zwischen

Großmüttern, Müttern und Töchtern die Widerständigkeit

von Mädchen und Frauen geprägt haben.

Frauen waren an sämtlichen Gruppierungen und

Aktionsformen des österreichischen Widerstands beteiligt.

Zwar wurden wesentlich weniger Frauen als Männer,

die mit den NS-Gesetzen in Konflikt gerieten, aktenkundig,

doch belegen neuere Forschungen einen

Zusammenhang zwischen Geschlechterzugehörigkeit

und bestimmten Praxisbereichen des Widerstands. Delikte

im Zusammenhang mit humanitären Hilfeleistungen

rangieren vor jenen in anderen Kontexten des

Widerstands. So waren fast sechzig Prozent der von der

Gestapo erfassten Personen, die „verbotenen Umgang“

mit Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern pflegten,

Frauen, mehr als vierzig Prozent betrug ihr Anteil an Delikten

im Zusammenhang mit Kontakten zu Jüdinnen

und Juden. Diese eindeutigen Schwerpunkte politischer

Delinquenz von Frauen werden mit der Wirkmächtigkeit

der weiblichen Rollensozialisation erklärt. 3

FOTOS: PRIVAT, ARCHIV, NINI TSCHAVOLL

64

DAS JÜDISCHE ECHO


Seit 2010 gibt es in Wien-Landstraße, im Bereich der Aspanggründe, dieses Straßenschild mit Erläuterungen zu Josef und

Sidonie Rubin-Bittmann, die, selbst als U-Boote versteckt, anderen von den Nazis Verfolgten halfen. Die Benennung erfolgte, um Mut,

Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft zu ehren

Auch im Widerstand wurden traditionelle Rollenzuweisungen

fortgeschrieben. Nur selten drangen Frauen

in Männerdomänen vor, indem sie leitende Funktionen

besetzten oder mit der Waffe in der Hand kämpften.

Auf der anderen Seite wurden weibliche Rollenklischees

bewusst zur Täuschung der Verfolgungsbehörden eingesetzt.

Tätigkeiten wie Schmuggel von Flugschriften, Waffen

und Munition, Beschaffung lebenswichtiger Güter

oder Gewährung von Unterschlupf waren oft in den weiblichen

Alltagszusammenhang, etwa von Hausfrauen oder

Bäuerinnen, eingebettet, um ein unauffälliges Agieren zu

ermöglichen. So entstand jene Infrastruktur, ohne die ein

organisierter Widerstand gar nicht möglich gewesen wäre.

Aktionsfelder des weiblichen Widerstands 4

In den ehemals „roten Hochburgen“ der Industriegebiete

schlossen sich zahlreiche frühere Sozialdemokratinnen

der Kommunistischen Partei bzw. ihren Unterorganisationen

an, die im Gegensatz zu den Sozialdemokraten von

Beginn an für die Wiederherstellung der österreichischen

Eigenständigkeit eintrat und in der Folge zur stärksten

und opferreichsten Fraktion des Widerstands wurde. Ihre

Aktivistinnen waren an der Herstellung und Verbreitung

regimekritischer Flugblätter und Zeitungen beteiligt, die

das Meinungsmonopol der Machthaber durchkreuzen

sollten. Im Rahmen der „Roten Hilfe“ sammelten sie

Geldmittel zur Unterstützung der Familien von Inhaftierten.

Diese offiziell „überparteiliche“ Hilfsorganisation

für Opfer der politischen Repression war bereits seit

den 1920er-Jahren als Ländersektion der Internationalen

Roten Hilfe tätig und von der Führungsebene abwärts

maßgeblich von Frauen geprägt. Die Gruppe „Soldatenrat“

des Kommunistischen Jugendverbands, in der etliche

junge Frauen aktiv waren, stellte den Kampf gegen

den Krieg in den Mittelpunkt ihrer Agitation. In Feldpostbriefen

an einfache Frontsoldaten riefen sie diese zur

Beendigung des sinnlosen Mordens auf.

Im Widerstand des bürgerlichen Lagers fühlte man

sich, bedrängt durch die antikatholische Politik des NS-

Regimes, in erster Linie einem Österreich-Patriotismus

verpflichtet. Im Rückgriff auf autoritär-ständestaatliche

oder auch monarchistische Gesellschaftsvorstellungen

verschrieben sich etliche katholisch-konservative Gruppierungen

dem Kampf für ein eigenständiges (Groß-)

Österreich. Mit dem Aufbau eigener Frauengruppen

wurden die in diesem Milieu üblichen Organisationsformen

fortgesetzt. In der „Österreichischen Freiheitsbewegung“

um den Augustiner-Chorherrn Roman Karl

Scholz etwa war eine eigene „Frauenschaftsführerin“ für

die Betreuung und Anwerbung weiblicher Mitglieder

verantwortlich.

Die Unvereinbarkeit der nationalsozialistischen

Ideologie mit christlichen Werten führte zahlreiche Angehörige

von Religionsgemeinschaften in die Opposition.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 65


Anna Bertha Königsegg war eine katholische Nonne der Vinzentinerinnen.

1940 leitete sie eine Anstalt für geistig Behinderte bei

Schwarzach im Pongau. Gegen deren „Verlegung“ in Euthanasie-

Mordstätten wehrte sie sich so vehement, dass sie in Gestapohaft

kam. Sie überlebte und starb 1948 in Salzburg

Während die katholische Kirche als Institution die offene

Konfrontation vermied, gab es in ihren Reihen Persönlichkeiten,

die den Konflikt mit den NS-Behörden nicht

scheuten. Die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen

Vinzenz von Paul unter der Leitung ihrer Visitatorin

Anna Bertha von Königsegg widersetzten sich offen den

behördlichen Maßnahmen zur Euthanasie und konnten

etliche der in ihren Einrichtungen betreuten Behinderten

vor dem Abtransport in die Vernichtungsanstalt Hartheim

bewahren. Mit beeindruckender Konsequenz verweigerten

die Zeuginnen Jehovas nicht nur den Eintritt

in die nationalsozialistischen Massenorganisationen, sondern

auch die Arbeit in der Kriegsproduktion. Sie lehnten

es ab, die staatliche über die göttliche Autorität zu stellen,

und waren auch unter schwersten Repressalien nicht bereit,

sich von ihrer Gesinnung loszusagen.

Im bewaffneten Widerstand leisteten Frauen unverzichtbare

Unterstützung bei der Aufrechterhaltung von

Infrastruktur und Kommunikation. Weder die obersteirische

Partisanengruppe Leoben-Donawitz noch die

transnational operierende slowenische Befreiungsfront

z. B. hätten ohne die Kurierdienste ihrer Helferinnen,

die Lebensmittel, Medikamente oder Waffen in die

Stützpunkte transportierten, ihren Kampf führen können.

Nur wenige Frauen nahmen als bewaffnete Kämpferinnen

den Weg in den Untergrund, wie z. B. einige

Kärntner Sloweninnen. Dieser Schritt erfolgte nicht aus

freien Stücken, sondern war der letzte Ausweg vor einer

drohenden Verhaftung. Die Befreiungsbewegung verfügte

seit 1943 auch über eine eigene Frauenorganisation,

die Antifaschistische Frauenfront, die in Südkärnten ein

Netz von lokalen Ausschüssen unterhielt.

Auch in den Exilländern leisteten Österreicherinnen,

die aufgrund politischer oder rassistischer Verfolgung

ihre Heimat verlassen hatten müssen, ihren Beitrag

zur Bekämpfung des nationalsozialistischen Regimes. In

Frankreich und Belgien schlossen sich viele der „Travail

allemand“, der Sektion der deutschsprachigen Flüchtlinge

innerhalb der Résistance, an. Eine besonders riskante

Form des Einsatzes von Weiblichkeit im Widerstand war

die sogenannte „Mädelarbeit“, die von österreichischen

Exilantinnen (hauptsächlich Kommunistinnen, aber

auch Trotzkistinnen) durchgeführt wurde. Junge Frauen,

großteils jüdischer Herkunft und meist als Elsässerinnen

getarnt, um ihre guten Deutschkenntnisse plausibel zu

machen, knüpften scheinbar freundschaftliche Kontakte

zu Wehrmachtssoldaten und versuchten, sie zum Verteilen

von Propagandamaterial oder zur Desertion zu bewegen.

Auch der Eintritt in die Armeen der Alliierten

bot zahlreichen Österreicherinnen eine Möglichkeit des

antifaschistischen Engagements. In der britischen Armee

beispielsweise dienten einige hundert österreichische

Emigrantinnen in Frauenkorps wie dem Auxiliary Territorial

Service als Köchinnen, Sekretärinnen, Übersetzerinnen

oder Krankenschwestern; qualifizierte Tätigkeiten

waren eher die Ausnahme.

Wie bereits ausgeführt, zeigen Hilfeleistungen für

Verfolgte eine auffallende Dominanz in der Palette widerständigen

Handelns von Frauen. Diese aus Solidarität

und Mitmenschlichkeit resultierenden Verstöße gegen

Gesetze und Normen des NS-Staates, vielfach abseits

des organisierten Widerstands auf individueller Basis

unternommen, werden heute als typisch weibliche Form

des Widerstands bewertet. So standen viele in der Rüstungsindustrie

dienstverpflichtete Frauen dem Schicksal

der ausländischen Zwangsarbeiter nicht gleichgültig gegenüber

und missachteten das strikte Kontaktverbot, um

ihnen Lebensmittel, Kleidung oder andere Bedarfsgüter

zuzustecken oder kleine Hilfsdienste wie Wäschewaschen

zu übernehmen. Auch der Rettungswiderstand – die Beherbergung

und Unterstützung jüdischer Deportationsflüchtlinge

– war hauptsächlich von Frauen getragen.

Hier entstanden kleine Netzwerke, um die schwierige

Versorgung eines „U-Boots“ mit den kriegsbedingt ratio-

FOTO: ARCHIV

66

DAS JÜDISCHE ECHO


nierten Gütern des täglichen Bedarfs sicherzustellen. Zu

diesen Unterstützungsleistungen zählten darüber hinaus

Hilfe bei der Flucht ins Ausland oder die Beschaffung falscher

Papiere. Rund tausend im Raum Wien versteckten

„U-Booten“ wurde von ihren Helferinnen und Helfern

das Überleben ermöglicht. 5 Der Entschluss von durch

die Nürnberger Gesetze als Jüdinnen und Juden klassifizierten

Menschen, sich der tödlichen Verfolgung zu entziehen,

muss schließlich selbst als Akt des Widerstands

begriffen werden. Untertauchen war nur eine der Überlebensstrategien

der Opfer. Sie widersetzten sich mit großem

Mut den diskriminierenden Vorschriften wie der

Kennzeichnungspflicht durch den gelben Stern, wagten

den illegalen Grenzübertritt ins Ausland oder flüchteten

nach ihrer Deportation aus den Ghettos des Generalgouvernements,

um nach Österreich zurückzukehren.

Selbst in Gefängnissen und Konzentrationslagern

leisteten Frauen Widerstand, indem sie sich und andere

der Vernichtungsintention der nationalsozialistischen

Verwaltung zu entziehen versuchten. Die Besetzung

wichtiger Funktionen in der Lagerselbstverwaltung durch

politische Häftlinge ermöglichte die Versorgung von Kameradinnen

mit zusätzlicher Nahrung, die Vermittlung

auf weniger kraftraubende Arbeitsplätze oder das Manipulieren

von Identitätskarten. Akte der Selbstbehauptung

wie etwa gemeinsames Singen dienten der Stärkung der

psychischen Widerstandskraft. Auch die unspektakulärste

Handlung, der kleinste Freundschaftsbeweis konnte unter

diesen extremen Bedingungen lebensrettend sein.

Geschlechtsspezifische Verfolgung

Obwohl die nationalsozialistischen Verfolgungsbehörden

mit brutaler Härte gegen weibliche Widerstandskämpfer

vorgingen, gab es geschlechtsspezifische Unterschiede

in der Sanktionierung von Widerstandsaktivitäten.

Patriarchale Geschlechterstereotype kamen auch bei

der Urteilspraxis der NS-Gerichte zum Tragen. Ein typisches

Argumentationsmuster in Urteilsbegründungen

war, Frauen politisches Bewusstsein und eigene Entscheidungskompetenz

abzusprechen: „Die Angeklagte war

ein willfähriges Werkzeug in der Hand ihres Geliebten

‚Hansl‘, der ihre unbedingte Bereitschaft, ihm zu Gefallen

zu sein, für seine politischen Umtriebe ausnutzte.“ 6

Es gehörte allerdings auch zur Verteidigungsstrategie

von Frauen, sich den Repressionsorganen gegenüber als

harmlos und unbedarft darzustellen. Konträr dazu lesen

sich Beurteilungen wie jene einer später hingerichteten

Tiroler Sozialistin, der eine hohe Intelligenz bescheinigt

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Die Salzburgerin Marie Haslauer

und ihr Mann Johann waren Zeugen

Jehovas. Johann wurde 1939 als

Kriegsverweigerer im KZ Sachsenhausen

ermordet. Marie kam mit Tochter

Antonia nach Ravensbrück. 1942

wurde sie mit weiteren Frauen, die

Kriegsarbeit verweigerten, in Auschwitz

ermordet. Antonia überlebte

Elfriede Hartmann aus Wien musste

1940 als „Mischling“ ihr Studium

abbrechen. Durch ihren Freund Rudolf

Masl kam sie zur KP-Jugend. Sie

verfassten antifaschistische Briefe an

Wehrmachtsangehörige. 1943 wurden

die 22-jährige Elfriede und der 23-jährige

Rudolf deswegen im Landesgericht

exekutiert

Die Wienerin Edeltrud Becher

durfte den Verlobten, einen jüdischen

Tschechen, nicht heiraten. Er kehrte

nach Prag zurück, kam aber im Juli

1942 samt zwei Brüdern nach Wien.

Edeltrud versteckte sie und brachte

sie mithilfe von Freunden durch. Sie

wurde dafür als „Gerechte unter den

Völkern“ geehrt

wurde; sie habe sich „mit einer für eine Frau geradezu

beispiellosen Einsatzbereitschaft“ für ihre Organisation

betätigt, „deren Fäden sie in der Hand hielt“ 7 . Todesurteile

in Hochverratsverfahren vor dem Volksgerichtshof

wurden „nur“ gegen 5,9 Prozent der weiblichen Angeklagten

verhängt. Diese wurden offenbar als weniger

gefährlich eingeschätzt als ihre männlichen Mitkämpfer. 8

Kommunistinnen wurden jedoch häufiger zum Tod

verurteilt als Frauen aus dem katholischen Widerstand.

Die jüngste hingerichtete Widerstandskämpferin war

eine erst achtzehnjährige Jungkommunistin. 9 Auf keinerlei

Rücksichtnahme konnten Widerstandskämpferinnen

jüdischer Herkunft rechnen, die ab 1943 ohne Gerichtsverfahren

in die Konzentrations- und Vernichtungslager

deportiert wurden. Die Gesamtzahl der weiblichen Todesopfer

politischer Verfolgung betrug sieben Prozent. 10

Fest steht, dass Frauen gerade durch ihre Widerstandstätigkeit

die ihnen zugewiesene Rolle durchbrochen haben.

Rezeption weiblichen Widerstands

Der Widerstand von Frauen wurde in Politik, Forschung

und Erinnerungskultur erst spät in seiner Bedeutung

erfasst. Dies war einem verengten Verständnis des

Begriffs „Widerstand“ geschuldet, das diesen im Wesentlichen

auf politische und militärische Aktivitäten innerhalb

von Parteien und Organisationen reduzierte. Dieser

Auslegung entsprach auch die frühe Opferfürsorgegesetzgebung,

die Entschädigungsleistungen nur an Personen

vorsah, die im politisch organisierten Widerstand

aktiv gewesen waren. Dadurch fielen zahlreiche von

Frauen gesetzte Widerstandshandlungen nicht unter den

Interpretationsrahmen des Gesetzes, auch wenn diese

eine Verfolgung nach sich gezogen hatten. 11

In der Widerstandsforschung setzte sich erst ab

den 1970er-Jahren eine differenziertere Konzeption

von „Widerstand“ durch, die eine Vielzahl von gegen

das NS-Regime gesetzten Handlungen auch außerhalb

des traditionellen politischen Handlungsspektrums berücksichtigte.

Unter dem Einfluss der Frauenbewegung

sowie durch Anwendung von Forschungsmethoden wie

der Oral History wurde schließlich eine Neubewertung

des weiblichen Widerstands ermöglicht und dessen Protagonistinnen

seither in zahlreichen Publikationen eine

Stimme verliehen. 12

Ebenso spät wurde den Frauen seitens des offiziellen

Österreichs Anerkennung zuteil 13 , nachdem viele

einen entwürdigenden und oft vergeblichen Kampf um

Opferrenten und Entschädigungen führen mussten, die

durch Folter, Haft und Verlust von Angehörigen erlittene

körperliche und psychische Schädigungen ohnehin

nur symbolisch abgelten konnten. Die Orientierung der

Frauen des Widerstands an der Richtschnur des eigenen

FOTOS: COLL. YAD., ARCHIV

68

DAS JÜDISCHE ECHO


Gewissens, die sie gegen die damaligen Gesetze verstoßen

ließ, ihr Mut, ihre Mitmenschlichkeit, ihr Einstehen

für Überzeugungen oder, um mit dem Historiker Karl

Stadler zu sprechen, einfach ihr Versuch, anständig zu

bleiben, stehen jedenfalls heute auch im offiziellen politischen

Diskurs moralisch außer Zweifel.

Als Zeitzeuginnen haben ehemalige Widerstandskämpferinnen

und Verfolgte dazu beigetragen, die Erinnerung

an die Verbrechen des NS-Regimes aufrechtzuerhalten,

zugleich traten sie als Mahnerinnen gegen

ein Wiederaufleben nationalsozialistischer und totalitärer

Tendenzen auf. Die Frauen der Lagergemeinschaft

Ravensbrück haben diese Verknüpfung von Erinnerungsarbeit

und politischem Auftrag für die Gegenwart

in einer Präambel zu ihren Vereinsstatuten festgeschrieben.

14 Ihre Sorge um Demokratie und Menschenrechte

erscheint angesichts der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung

in Österreich und vielen Teilen Europas mehr

als berechtigt.

Die öffentliche Abwertung, Verunglimpfung und

Ausgrenzung von gesellschaftlichen Gruppen aufgrund

ihrer Herkunft, Religion und sozialen Klasse ist längst

vom gesellschaftlichen Rand in die Mitte gerückt und

prägt den politischen Diskurs. Hassrhetorik findet nicht

bloß in der Anonymität der sozialen Netzwerke statt, die

Akteure finden sich auch in höchsten politischen Funktionen.

Der Einsatz antisemitischer Codes und rassistischer

Stereotype in öffentlichen Äußerungen ist dabei

keineswegs eine zufällige Anhäufung von Entgleisungen,

sondern Methode. Migranten und Geflüchtete unter den

Generalverdacht des sozialen Missbrauchs und Betrugs

zu stellen, gehört heute nicht mehr ausschließlich zum

rhetorischen Inventar der extremen Rechten. Schutzsuchenden,

die vor Diskriminierung, Krieg und unwürdigen

Lebensverhältnissen fliehen, wird die Schutzwürdigkeit

abgesprochen, internationales Recht und

Menschenrechtspakte werden im Kontext von Flucht

und Migration offen infrage gestellt. Mitmenschen,

Nachbarn, Freunden wird ohne Rücksicht auf Bindungen,

die sie in der neuen Heimat geknüpft haben, das

Aufenthaltsrecht verwehrt. Auf der anderen Seite ist humanitäres

Engagement selbst namhafter Institutionen

der Diffamierung, in einigen Ländern sogar der Kriminalisierung

ausgesetzt. So werden Meinungen gebildet

und Haltungen verstärkt, die von der Ebene des Wortes

hin zu konkreten Handlungen führen. Das Sinken der

Hemmschwelle für physische Übergriffe steht in direktem

Zusammenhang mit diskriminierenden Kampagnen

gegen Minderheiten. 15

Die Frauen des Widerstands haben ihre historische

Erfahrung, oft in einem schmerzvollen Prozess, mit uns

geteilt. Dieses Wissen kann dazu dienen, den Blick für

aktuelle Bedrohungen von demokratischen Strukturen

und Menschenrechten zu schärfen und für das Dagegenhalten

verfügbar gemacht werden. 2

1 Vgl. Ingrid Bauer, Eine frauen- und geschlechtergeschichtliche Perspektive

des Nationalsozialismus. In: Emmerich Tálos/Ernst Hanisch/

Wolfgang Neugebauer/Reinhard Sieder (Hg.): NS-Herrschaft in Österreich.

Ein Handbuch, Wien 2000, S. 409‒443, bes. 411ff., 425‒429,

436.

2 Helga Amesberger/Brigitte Halbmayr, Vom Leben und Überleben

– Wege nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung,

Wien 2001 (Bd. 1: Dokumentation und Analysen), S. 48.

3 Vgl. Brigitte Bailer/Gerhard Ungar, Die Zahl der Todesopfer politischer

Verfolgung – Ergebnisse des Projekts. In: Dokumentationsarchiv

des österreichischen Widerstandes (Hg.), Opferschicksale. Widerstand

und Verfolgung im Nationalsozialismus. 50 Jahre Dokumentationsarchiv

des österreichischen Widerstandes, Jahrbuch 2013, S. 119‒122.

4 Das vielfältige Spektrum des Widerstands von Frauen kann hier nur

schlaglichtartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit dargestellt werden.

Eine Überblicksdarstellung zum österreichischen Widerstand bietet

Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand 1938–1945,

Wien 2008, überarb. u. erw. Fassung 2015; zum Widerstand von Frauen

vgl. Karin Berger/Elisabeth Holzinger/Lotte Podgornik/Lisbeth N. Trallori

(Hg.), Der Himmel ist blau. Kann sein. Frauen im Widerstand.

Österreich 1938–1945“, Wien 1985; Christine Kanzler/Ilse Korotin/

Karin Nusko (Hg.), „… den Vormarsch dieses Regimes einen Millimeter

aufgehalten zu haben …“. Österreichische Frauen im Widerstand

gegen den Nationalsozialismus, Wien 2015.

5 Sechzig Prozent der Helfenden und knapp über die Hälfte der insgesamt

mehr als 1600 Untergetauchten waren Frauen. Vgl. Brigitte

Ungar-Klein: Schattenexistenz. Jüdische U-Boote in Wien 1938–1945,

Wien 2019, S. 97, 109.

6 Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, DÖW

19.793/29, Urteil des VGH gegen Helene Endlicher, 16.4.1943.

7 Urteil des VGH, 28.5.1943, zit. in: Gisela Hormayr, Josefine

Brunner, Wörgl. Eine Frau vor dem NS-Volksgerichtshof. In: Alexandra

Weiss/Elisabeth Gensluckner/Monika Jarosch/Horst Schreiber

(Hg.): Gaismair-Jahrbuch 2011. in bewegung, Innsbruck [u. a.] 2010,

S. 98‒105, hier: 102.

8 Vgl. Wolfgang Neugebauer, Der österreichische Widerstand

1938‒1945, in: DÖW, Jahrbuch 2013, S. 236‒238.

9 Anna Gräf (28.3.1925 – 11.1.1944).

10 Vgl. Bailer/Ungar, in: DÖW, Jahrbuch 2013, S. 119.

11 Vgl. Brigitte Bailer, WiderstandskämpferInnen und politisch Verfolgte

in der Zweiten Republik. In: DÖW, Jahrbuch 2013, S. 283‒305,

hier: 299‒305; Andrea Strutz, Steirische Widerstandskämpferinnen

und ihre Erfahrungen in der Opferfürsorge. In: Christine Kanzler/Ilse

Korotin/Karin Nusko (Hg.), „… den Vormarsch dieses Regimes einen

Millimeter aufgehalten zu haben … Österreichische Frauen im Widerstand

gegen den Nationalsozialismus, Wien 2015, S. 276‒295.

12 Standardwerke wurden vorgelegt von Berger [u. a.] 1985 (s. Fn. 4);

Karin Berger/Elisabeth Holzinger/Lotte Podgornik/Lisbeth N. Trallori

(Hg.), „Ich geb dir einen Mantel, daß du ihn noch in Freiheit tragen

kannst. Widerstehen im KZ. Österreichische Frauen erzählen“, Wien

1987.

13 1976 wurde ein Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung

Österreichs gestiftet.

14 https://www.ravensbrueck.at/oesterreichische-lagergemeinschaftravensbrueck/.

15 Die Meldestelle ZARA (Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit)

verzeichnet von Jahr zu Jahr steigende Zahlen an rassistischen Übergriffen

in Österreich (https://www.zara.or.at/de/wissen/publikationen/

rassismusreport).

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 69


Von Daniela Segenreich

Die ‚Kibbuznikit‘ vom Wiener Schwedenplatz

Wie Liselotte als junge Frau zu Chaja wurde

und in Pioniersiedlungen an Geheimprojekten

zum Schutz des entstehenden Staates Israel

mitwirkte.

Chaja Cnaani liebt es auch noch im Alter von 88 Jahren,

den Wiener Fleischmarkt entlangzuflanieren und

über den Schwedenplatz zu schauen, allerding virtuell

auf Google Earth von ihrem Computer aus. Es sind nostalgische

Spaziergänge, denn sie lebt seit vielen Jahren

in Ma’agan Michael, einem Kibbuz an der israelischen

Küste, etwa sechzig Kilometer nördlich von Tel Aviv, den

sie als Pionierin mitgegründet hat. Doch eigentlich ist

Chaja Wienerin und im ersten Bezirk aufgewachsen.

Wir trafen einander erstmals bei Dreharbeiten für

eine Fernsehdokumentation über Altösterreicher, die

Wien vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten.

Chaja war damals schon über achtzig und kam mir auf

einem kleinen Elektrofahrzeug, wie sie in den Kibbuzim

von älteren Leuten oft verwendet werden, bis zum Parkplatz

entgegen. (Damals wusste ich noch nicht, wie sportlich

sie immer noch war und dass sie mich bei späteren

Treffen im Freibad des Kibbuz beim Schwimmen noch

überholen würde.) Es war Anfang November, aber noch

mild, und die kleinen Gärten um die Kibbuz-Häuschen

waren noch üppig grün. Ich folgte meiner Gastgeberin

in ihr gemütliches Heim nur wenige Gehminuten vom

Strand entfernt.

Liselotte aus Wien

Hoch in den Achtzigern liebt es Chaja Cnaani über den Schwedenplatz

zu flanieren, allerding virtuell und auf Google Earth

Ich lernte Chaja Cnaani als eine kluge und warmherzige

Frau kennen, eine Kibbuznikit, also eine Frau aus dem

Kibbuz, die im Israel der 1940er-Jahre unter schwersten

Bedingungen drei dieser Gemeinschaftssiedlungen mitaufgebaut

hat. Doch schnell waren wir bei ihren Erinnerungen

aus der alten Heimat: „Das Zuckerlgeschäft

am Fleischmarkt, wo ich mir immer am Nachhauseweg

von der Schule eine Schokolade gekauft habe, gibt’s noch

immer! Ich war letztes Jahr erstmals nach so langer Zeit

wieder in Wien und habe gleich nachgeschaut … Und

auch das Schirmgeschäft am Schwedenplatz ist noch da!“

Chaja, damals noch Liselotte, hatte am Schwedenplatz 2

gewohnt und bis zum Alter von zwölf Jahren ein bürgerliches,

sicheres Leben gelebt, umgeben von ihren Eltern,

ihrem Bruder und den Tanten, Onkeln und Cousins.

Bis zu jenem für sie so traumatischen Tag im Jahr 1938,

FOTO: PRIVAT

70

DAS JÜDISCHE ECHO


als ihre Eltern vor dem Naziregime nach Schanghai

flüchteten und sie bei einer Tante zurückließen, weil sie

dachten, die Flucht und das Leben in Schanghai wären

zu gefährlich und anstrengend für ein knapp zwölfjähriges

Kind: „Sie wollten nicht, dass ich zum Bahnhof

mitkomme, aber ich bin trotzdem irgendwie hingegangen

und habe sie noch in den Zug einsteigen gesehen.

Danach bin ich wie verloren durch die Stadt gelaufen

und muss das Bewusstsein verloren haben. Ich erinnere

mich nur daran, dass ich in der Wohnung meiner Tante

im Bett aufgewacht bin.“

Kurz danach konnte Liselotte als jüdisches Mädchen

in Österreich nicht mehr zur Schule gehen. Sie lernte zu

Hause und wartete auf ihre Einreisegenehmigung ins

damalige Palästina. Nach etwa eineinhalb Jahren war es

dann so weit und sie konnte die lange Reise mit Zug und

Schiff antreten. In einem Brief an ihre Eltern, den sie erst

vor kurzem für einen Leseabend adaptiert hat, beschreibt

sie ihre Erlebnisse und Gefühle aus dieser Zeit:

Papa, Mutti, wie sehr ich euch vermisse!

Ich schreibe euch und weiß gar nicht, ob dieser Brief

euch jemals erreichen wird. Ich weiß, dass es euch nicht

gut geht in Schanghai unter dem brutalen japanischen

Regime und fühle mit euch.

Ich bin jetzt im Kibbuz Ein Gev, und endlich fühle

ich, dass ich am Leben bin. Die Zeit im Internat in Jerusalem

war für mich sehr schwer, ohne Familie und ohne

Sprache, und ich war verwirrt und alleine und verstand

nicht, wer ich eigentlich bin und wohin ich gehöre.

Mutti, erinnerst du dich an die Holztruhe, die du

mir vorbereitet hast, mit allen Dingen, die mir lieb waren?

Den Büchern, Kleidern, Spielsachen … Sie sind nie

angekommen, alles wurde mir gestohlen, als ich mit den

vielen anderen Kindern aufs Schiff ging. Aber diese Truhe

hat mich in meinen Gedanken immer begleitet, alle meine

Träume, meine ganze Sehnsucht, waren da drinnen,

alles, was ich so gerne wollte und nicht hatte, beinahe

war ich selbst in der Truhe. Alles, was um mich herum

geschah, war mir unverständlich, ich war ein verlorenes

Kind, traurig und verwahrlost, ohne Gefühle.

Aber jetzt, in Ein Gev, da gibt es so großartige junge

Leute, die den Kibbuz am See Genezareth aufbauen, und

die haben unsere Gruppe gebeten, ihnen dabei zu helfen.

[…] Sie sind etwa Mitte zwanzig und kommen uns ‚sehr

alt‘ vor. Und ich habe zwei Gruppenleiter, die sich um

mich kümmern und immer für mich da sind.

Plötzlich wache ich auf und fühle, dass ich wirklich

lebe, dass ich dazugehöre. Ich verstehe plötzlich, was dieses

Land ist, das die Jungen aufbauen, und ich bin ein Teil

davon. Plötzlich verstehe ich trotz allem Schmerz, dass das

mein Land ist und dass ich gerettet worden bin ...

Doch für keinen Moment vergesse ich Wien und unsere

liebe große Familie und frage mich, wo sie alle sind

und wie es ihnen geht. Papa, Mutti, ihr seid in meinem

Herzen immer bei mir, ich liebe euch und mache mir

Sorgen um euch.

Liselotte

Sie unterschrieb ihre Briefe an die Eltern noch mit Liselotte,

doch sie war längst Chaja, was so viel wie „die Lebendige“

bedeutet, braungebrannt und voll Leben. Sie arbeitete

im Kibbuz mit einer Gruppe von Kindern, setzte ihr

Schwimmtraining fort – in Wien hatte sie im jüdischen

Sportklub Hakoah trainiert –, konnte sogar den See

durchqueren und ritt eine weiße Stute aus dem Kibbuz.

Leben im Kibbuz

Ein Gev liegt am Ostufer des Sees Genezareth, nahe an

den Hügeln, die damals noch zu Syrien gehörten und von

wo die Syrer immer wieder hinunterschossen. Einmal

besuchte Chaja zum Wochenende Freunde am Südufer

des Sees. Sie hatte versprochen, rechtzeitig für ihre Arbeit

mit den Kindern zurück zu sein, und als sie die Fähre verpasste

und es keine Fahrmöglichkeit zurück gab, ging sie

kurz entschlossen zu Fuß. Prompt wurde sie von Arabern

am Weg festgenommen und eingesperrt. Es gelang ihr,

aus dem Fenster zu klettern und zu flüchten. Zu Hause

angekommen dachte sie, man würde sie für ihren Mut

loben: „Doch ich bekam nur eine auf den Deckel, was mir

denn eingefallen wäre, mich in solche Gefahr zu begeben“,

erinnert sie sich an ihr Abenteuer.

Chaja war mittlerweile bereits mit David befreundet,

ihrem späteren Mann. Die Hochzeit war, wie so vieles in

dieser stürmischen Zeit, abenteuerlich, denn sie fand mitten

im israelischen Unabhängigkeitskrieg statt. Für Ringe

gab es kein Geld, also borgte man welche von Freunden.

Chaja trug, wie die meisten Kibbuz-Mädchen, kurze

Hosen, Sandalen und zur Feier des Tages einen weißen

Sarafan: „Das war damals fast ein ‚Nationalkleid‘, ärmellos,

der russischen Tracht nachempfunden, aber viel einfacher,

und mit einer weißen Bluse darunter. Nach der

Zeremonie ging’s zum Eisessen auf die Tel Aviver Allenby

Straße, für mehr reichte es nicht.“ Kurz darauf wurde David

von britischen Soldaten im Rahmen einer Razzia festgenommen

und in ein Auffanglager gebracht. Auch Chaja

wurde arretiert, konnte aber flüchten. Um mit ihrem

Ehemann in Kontakt bleiben zu können, fand sie eine

kreative Lösung: Sie gab kurze Inserate in der damaligen

„Arbeiterzeitung“ auf, aus denen David erfahren konnte,

wo sie gerade war und wie es ihr ging.

Modernisiertes Kibbuzleben

Heute ist Ma’agan Michael ein blühender, reicher Kibbuz

und Chaja ist sichtlich stolz darauf, hat sie doch von

Anfang an beim Aufbau mitgewirkt und bis zu ihrer Pensi-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 71


onierung immer mitgearbeitet und mitentschieden, zuerst

als Buchhalterin in der Verwaltung des Kibbuz, später in

großen Konzernen außerhalb. Es gibt Fischteiche, zwei

große Fabriken, Orangenhaine, Bananen- und Avocadoplantagen,

einen wunderschönen Strand, ein modernes

Schwimmbad, hübsche Cottages inmitten von grünen

Gärten und einen riesigen Speisesaal mit Blick aufs Meer.

Immerhin leben hier heute etwa 2000 Menschen.

Die einst sozialistischen Landwirtschaftssiedlungen

haben, sofern sie die ökonomischen und politischen Krisen

überlebt haben, im Laufe der Jahre große strukturelle

Veränderungen durchgemacht. Wurde anfangs das

Ideal gelebt, dass alle gleich sind, und alles allen gehört,

so wuchsen manche Kibbuzim zu großen Unternehmen

mit Spitzenmanagern, deren Gehälter ihrem Job angepasst

wurden. Manche Mitglieder arbeiten auswärts,

andererseits werden Angestellte von außen angeheuert,

wenn es nötig ist. In Chajas Kibbutz verdienen die Topmanager

noch immer gleich viel wie die Arbeiter in der

Wäscherei. Die Kinderhäuser, wo alle Kinder gemeinsam

aufgezogen wurden und auch über Nacht blieben, sind

aber auch hier längst abgeschafft.

Und die Familien nehmen auch nicht mehr alle

ihre Mahlzeiten im gemeinsamen Speisesaal ein wie früher

einmal. Um eine faire Abrechnung zu ermöglichen,

wurden deswegen Kupons eingeführt, und nachdem wir

unsere Teller mit Salaten, Fisch und gefüllten Crêpes

beladen haben, bezahlt Chaja damit an der Kasse unser

gemeinsames Mittagessen. Ihr Häuschen ist, wie die

meisten in Ma’agan Michael, langsam gewachsen und

beherbergt heute schon zwei kleine Badezimmer und

zwei Schlafzimmer, sodass auch manchmal eines ihrer

Enkelkinder bei ihr übernachten kann.

Das Wiedersehen

Chaja Cnaani in Selfie-Pose, in die Mitte genommen von Autorin

Daniela Segenreich und dem ORF-Dokumentarfilmer Tom Matzek

Lesetipp:

Daniela Segenreich

Zwischen Kamelwolle und Hightech

Starke Frauen in Israel

Styria Verlag, 2014

Ihren Vater hat Chaja nie wieder gesehen, er starb in

Schanghai. Ihre Mutter kam erst viele Jahre später, nach

vielen Irrwegen, nach Israel, als Chaja selbst schon Mutter

war. Ihre Beziehung zueinander war nicht einfach:

„Sie hat versucht, die Zeit zurückzudrehen, und wollte

in mir noch das kleine Mädchen von damals sehen. Ich

habe mich um sie gekümmert, aber unbewusst hat mich

immer das Gefühl begleitet, verlassen worden zu sein.

Und sie hat das wohl gespürt, wir sprachen aber nie darüber.

Erst wenige Tage vor ihrem Tod hat sie plötzlich

zu mir gesagt: ‚Ich weiß, dass du denkst, ich hätte dich

verlassen.‘ All diese Jahre hatte sie mit dem Verlust ihrer

Kinder gelebt und nie darüber gesprochen.“

Mit ihren drei Söhnen hat Chaja eine bessere Beziehung,

der jüngste von ihnen, ein Bildhauer, wohnt

mit seinen Kindern auch in Ma’agan Michael. Ihr mittlerer

Sohn wurde im Jom-Kippur-Krieg von Granatsplittern

verletzt und verlor sein Augenlicht. Chaja

kämpfte wie eine Löwin, fuhr mit ihm sogar für Monate

zu Behandlungen in die USA, aber es half alles nichts, er

blieb blind.

Heute hat sie sich damit abgefunden und sieht das

halbvolle Glas. Aus der traurigen, verlassenen Liselotte

Laub aus Wien ist eine starke Frau mit einem erfüllten

Leben geworden: „Mein Stolz ist meine große Familie,

die immer weiter wächst, und ich als starke Säule inmitten

von ihnen, meinen drei Kindern, zehn Enkelkindern,

zehn Urenkeln und fünf Hunden, darunter ein Blindenhund.“

Heute ist sie froh, dass sie im Kibbuz geblieben und

nicht, wie viele andere, in die Stadt gezogen ist: „Wir waren

ja so verrückt damals, als wir jung waren. Aber jetzt

ist Ma’agan Michael einer der schönsten Kibbuzim, und

das Leben hier ist reichhaltig und fröhlich.“ Nicht alle

Immigranten hatten so viel Kraft und vielleicht auch so

viel Glück wie Chaja. 2

Abdruck aus dem Buch „Zwischen Kamelwolle und Hightech“

mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

Chaja und die Untergrundfabrik, Seite 74

FOTO: PRIVAT

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DAS JÜDISCHE ECHO


400 Jahre Tradition

im ältesten Hotel von Wien

Österreichische Gastlichkeit ist seit jeher eine lang gehegte

Tradition im Hotel Stefanie, dem ältesten Hotel Wiens.

Rückwirkend bis ins Jahr 1600 finden sich Aufzeichnungen

über eine Gastwirtschaft auf der Taborstraße 12.

Schon seit über 130 Jahren befindet sich das

Traditionshotel im Besitz der Familie Schick, die es sich zur

Verpflichtung gemacht hat, diese Tradition zu wahren und

ganz im Sinne von „Wiens charmante Privathotels“ weiterzuführen.

Der Geist vergangener Tage trifft hier auf moderne

Annehmlichkeiten. Im Mittelpunkt des Hotellebens steht

der Gast, so dass er sich rundum betreut und immer herzlich

willkommen fühlt. Rücksicht auf spezielle Wünsche

und religiöse Gebote sind eine Selbstverständlichkeit.

Gerne servieren wir Ihnen auf Wunsch ein koscheres

Frühstück.

Der unterteilbare, klimatisierte Festsaal des Restaurant

Stefanie ist ideal um Ihre Bar Mizwa-Feier oder Ihre

Hochzeit zu arrangieren.

Wir freuen uns auf Ihren Besuch im

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WIENS CHARMANTE

PRIVATHOTELS

Hotel Stefanie

1020 Wien, Taborstraße 12

Tel. +43 (1) 211 50-0, Fax +43 (1) 211 50-160

E-Mail: stefanie@schick-hotels.com

www.schick-hotels.com


Zehn Meter unter der Erde

Chaja erinnert sich 2019 an ihre

Zeit im Untergrund

Bevor Chaja nach Ma’agan Michael ging, wurde sie

gemeinsam mit einigen jungen Leuten aus ihrem „Garin“,

der Kerngruppe, die den Kibbuz aufbauen sollte, für eine

streng geheime Mission ausgewählt. Einsatzort war ein

anderer Kibbuz, der gerade zwischen pastoralen Hügeln

und Feldern nahe der Stadt Rehovot entstand. Es sollte

so aussehen, als würde die Gruppe diese südöstlich von

Tel Aviv gelegene Gemeinschaftssiedlung weiter ausbauen.

Doch in Wirklichkeit würden „die Geheimagenten“ in

der unter der Waschküche verborgenen Munitionsfabrik

arbeiten.

Der Kibbuz war nur der Deckmantel für dieses Unternehmen:

„Oben flatterte die Wäsche im Wind und unten

haben wir Gewehrkugeln hergestellt“, erläutert Chaja. Es

war nicht nur ein geheimes, sondern auch ein ziemlich

gefährliches Projekt, denn die Fabrik befand sich in unmittelbarer

Nähe des britischen Hauptquartiers oder, wie

Chaja es beschreibt, „genau unter der Nase der Briten“,

und der jüdischen Bevölkerung war es damals strengstens

verboten, Waffen zu besitzen oder zu fabrizieren.

Die Räumlichkeiten der „Chalka“, wie sie den Ort

nannten, sind bis heute als Museum erhalten, und man

kann noch die Waschküche mit der riesigen Waschmaschine

sehen, die vorgeblich dazu da war, das Bettzeug

aus der Geburtsklinik von Rehovot zu waschen. Doch

eigentlich tarnte sie die direkt darunter liegende Falltüre

und eine Metalltreppe, die zehn Meter in die Tiefe zu der

verborgenen Fabrik führte. So weit unter der Erde konnte

diese Aktivität nicht von den Detektoren der Briten aufgespürt

werden. Die Lüftung ging durch das Abluftrohr der

ebenfalls über der Fabrik gelegenen Bäckerei, und in dem

Komplex wurde auch eine Spenglerei betrieben, um den

hohen Elektrizitätsverbrauch zu vertuschen. Kein Außenstehender,

weder Gäste noch Familie der Beteiligten,

durfte von dem Projekt wissen, nicht einmal die anderen

Kibbuzmitglieder, die nicht bei der Munitionsproduktion

mitarbeiteten. Die Mitwisser wurden kodiert als die „in den

Bund von Vater Avraham Aufgenommenen“ betitelt. Alle

„Unwissenden“ wurden in der Gruppe der Eingeweihten

„Ha Girraffot“ genannt, „die Giraffen“.

Chajas Aufgabe war es unter anderem, „den Sprengstoff

in die Kugeln zu stopfen“, diese wurden dann in

Milchkanistern unauffällig nach oben gebracht und so

aus dem Kibbuz geschmuggelt: „Wir waren sehr stolz,

dass die Leute von der Hagana uns für diese wichtige

Aufgabe ausgesucht und uns so viel Vertrauen geschenkt

haben“, erinnert sich die rüstige Ex-Wienerin heute, über

siebzig Jahre später. „Aber natürlich war das riskant, und

jedes Mal, wenn Besuch in den Kibbuz kam oder wenn

unerwartet plötzlich jemand in die Waschküche gekommen

ist, musste man schnell reagieren.“

Zu dem Zweck gab es eine Art Alarm, um die Arbeiter

unten in der Fabrik zu warnen: „Alles ging quasi vor den

Augen der Briten vor sich: Unterirdisch wurden die Waffen

produziert, und oben ging das Leben normal weiter.

Kinder wurden geboren, Hühner liefen umher, Felder

wurden bestellt.“ Wären die britischen Soldaten ihnen auf

die Schliche gekommen, hätte das die jungen Leute alle

an den Strick bringen können. „Die Briten waren damals

schon sehr nervös“, erinnert sich Chaja an die Jahre vor

dem Ende der britischen Mandatszeit. „Es war irgendwie

gut, dort zu arbeiten, unsere Gruppe in der „Chalka“ hat

eng zusammengehalten, und bei der Arbeit haben wir

gescherzt und gesungen. Gleichzeitig war es sehr gefährlich,

aber man hat eben alles getan, was man konnte, um

zu helfen.“

Einmal flog das ganze Unternehmen beinahe auf, als

nämlich die Untergrundorganisation Lechi einen Zug mit

britischen Soldaten genau neben dem Kibbuz in die Luft

sprengte: „Wir haben damals beschlossen, hinzulaufen und

den Verwundeten zu helfen. Und es war ein großes Glück,

dass die Engländer uns so dankbar waren, dass sie nicht

weiter fragten, wo wir plötzlich alle herkamen. Das hätte

schlecht für uns ausgehen können.“ Um die tägliche unterirdische

Arbeit zu verschleiern, wurde alles bedacht, und so

hatten die Fabrikarbeiter die Anweisung, sich regelmäßig

unter eine eigens vom Kibbuz erstandene Bräunungslampe

zu setzen, damit ihr Alibi der Feldarbeit nicht dadurch infrage

gestellt würde, dass sie zu blass aussahen.

Chaja war zu der Zeit Anfang zwanzig Jahre alt und

schon Mutter zweier Kinder, und David, ihr Mann, pendelte

anfangs zwischen Rehovot und dem entstehenden Kibbuz

Ma’agan Michael. Später nahm er Nimrod, den älteren

der beiden Buben, mit nach Ma’agan Michael, wo eine

74

DAS JÜDISCHE ECHO


Nun zu besichtigen: die geheime Fabrik tief unter der Waschküche, wo 1945 bis 1948 zwei Millionen Gewehrkugeln erzeugt wurden

FOTOS: AYALON INSTITUTE

Baracke als Kindergarten eingerichtet worden war. Und

so unternahm dann Chaja wöchentlich die beschwerliche,

lange Fahrt, um ihren Mann und ihren Sohn zu besuchen,

während Baby Jakov im Säuglingshaus in Rehovot blieb.

Ma’agan Michael hatte damals noch keine Zufahrtsstraße,

und sie musste sich den Weg über die Felder und durch

das hohe Schilf bahnen: „Wir hatten auch noch keinen

Strom hier, und es geschah öfter, dass ich im Halbdunkel

die Orientierung verlor. Und jedes Mal habe ich mich vor

dem wackligen Brett gefürchtet, das über den Fluss führte.“

Schließlich nahm Chaja eines Tages auch ihr Baby mit

und beschloss, bei David und Nimrod in Ma’agan Michael

zu bleiben: „Ich habe einfach vollendete Tatsachen

geschaffen, obwohl es auch hier nicht einfach war ...“

In der unterirdischen Munitionsfabrik waren in den

Jahren 1945 bis 1948 über zwei Millionen Sten-Gewehrkugeln

produziert worden, und diese gehörten damit zu

den wenigen Produkten, an denen es im Unabhängigkeitskrieg

nicht mangelte. Danach geriet der Platz in Vergessenheit

und wurde erst wieder in den 1970er-Jahren

von Mitarbeitern der Naturschutzbehörde entdeckt. Die

überschwemmten Räume wurden freigelegt und renoviert

und 1987 unter dem Namen „Machon Ajalon“ als Museum

eröffnet, das diese spannende Zeit und die Arbeit von

Chajas Gruppe für seine Besucher dokumentiert. Chaja

selbst sagt dazu: „Wenn ich das heute sehe und darüber

lese, fühle ich mich wie eine Heldin, aber in Wirklichkeit

war das alles ganz normal. Es gab viele solche Unternehmungen,

es war der ganze ,Jeschuv‘ (die jüdische Gemeinschaft

im britischen Mandatsgebiet für die gemeinsame

Sache) rekrutiert.“

Daniela Segenreich

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 75


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76

DAS JÜDISCHE ECHO


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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 77


Von Alexandra Föderl-Schmid

Gugelhupf in Jerusalem

Nach 44 Jahren in Israel fuhr die in Wien

geborene Sidonie Goldstein, die „nie wieder

zurück“ wollte, erstmals doch nach Österreich.

Seither kam sie immer wieder in die

alte Heimat.

Sie ist 96 Jahre alt und schaffte es 2018, den damaligen

österreichischen Bundeskanzler erröten zu lassen. Während

seines Israel-Besuchs hatte sich der junge konservative

Regierungschef mit Holocaust-Überlebenden im

Club der österreichischen Pensionisten getroffen. „Ich

habe ihm gesagt: ,Sind Sie schön!‘ Meine Enkelin, die

nicht Deutsch kann, hat zu mir gesagt: ,Was hast du zu

ihm gesagt? Er ist ganz rot im Gesicht geworden.‘ Es ist

so: Der Mann ist eine Schönheit. Das hat mit seinem

Beruf nichts zu tun.“

Sebastian Kurz lud bei dieser Gelegenheit alle ehemaligen

Österreicher ein, im November nach Wien zu

kommen – in diesem Jahr jährt sich zum achtzigsten Mal

die sogenannte „Reichskristallnacht“. Sidonie Goldstein

nahm die Einladung an. Obwohl sie damals am 31. Dezember

1939 geschworen hat, nie wieder nach Österreich

zu kommen. „Als ich am Bahnhof stand, habe ich gesagt:

,Ich komme nie wieder zurück. Nie wieder!‘“ Es sollte

mehr als 44 Jahre dauern, ehe sie erstmals wieder einen

Fuß auf österreichischen Boden setzte. Das habe sie auch

nur gemacht, weil ringsherum alle gefragt hätten: „Was?

Du bist noch nicht gefahren?“

In den vergangenen Jahren ist sie jeden Sommer

auf Urlaub nach Österreich gekommen, sie genießt die

Zeit und kehrt mit Rezepten und guten Erinnerungen

nach Israel zurück. „Es ist sehr schön dort.“ Von ihrem

letzten Besuch im August hat sie eine golden glänzende

antike Standuhr mitgebracht, die einen besonderen Platz

in ihrem Esszimmer hat. Kommen Gäste aus der alten

Heimat, bittet sie sie in ihrer sehr direkten Art, ihr statt

Mozartkugeln lieber Würstel mitzubringen. „So gute

Würstel gibt es nur in Österreich. Dieses Aroma, ganz

wunderbar!“ In ihrem Haus in Jerusalem kredenzt sie

Gugelhupf und insistiert, dass man nicht nur ein Stück

davon essen soll.

Sidonie Goldstein spricht Wienerisch, so wie man

es damals gesprochen hat. Sie lässt immer wieder ein melodisches

„Ich bitt’ Sie!“ ins Gespräch einfließen. Mehr

als sechzig Jahre lang war sie mit einem Wiener verheiratet

und hat sich in Jerusalem ein Ambiente geschaffen,

das an die frühere Heimat Österreich erinnert.

Dabei kann und will sie sich an vieles nicht mehr

erinnern, was damals in den Dreißigerjahren in ihrer

Heimat geschah. Ihre damalige Identitätskarte hat sie

aufbewahrt, die sie als „Sidonie Sara Scheinhorn“ ausweist.

Der inzwischen vergilbte grüne Ausweis ist am

2. Oktober 1939 ausgestellt worden, damals wurde noch

Kurrent geschrieben. Es prangt ein Stempel mit Naziemblem

darauf. Sie hat dieses historische Dokument auch

dem Bundeskanzler gezeigt, eine Aufnahme davon, wie

sie dem österreichischen Bundeskanzler den Ausweis

hinhält, ziert den Bericht über dessen Israel-Besuch im

Juni 2018, den sie ausgeschnitten und aufbewahrt hat.

„Was soll ich Ihnen erzählen? Es war alles höchst unangenehm.

Ich hab alles miterlebt 1938. Dann hat man

in Angst gelebt.“ Zuerst war der Einmarsch der deutschen

Truppen, dann folgte der „Anschluss“ Österreichs

ans Deutsche Reich und der umjubelte Empfang von

Adolf Hitler am 15. März 1938 auf dem Heldenplatz in

Wien. „Bei den Fenstern haben sie Teppiche rausgehängt

und Kerzenleuchter aufgestellt. Und das Bild vom Hitler.

An jedem Fenster konnte man das sehen. An das kann

ich mich gut erinnern. So hat das angefangen.“

Auch in der Schule gab es von einem Tag auf den

anderen Veränderungen. „Wir haben eine Klassenlehrerin

gehabt, Professor Doktor Berta Leichtmaier hat sie

geheißen. In all den Jahren war sie sehr nett. An dem Tag,

an dem die Deutschen in Österreich einmarschiert sind,

ist sie mit einem Abzeichen gekommen. Das hat gezeigt,

dass sie schon eine illegale Nationalsozialistin war. Dabei

hat sie jahrelang eine jüdische Klasse unterrichtet.“

Mit dem „Anschluss“ kamen auch die Razzien bei

Juden. „Sie sind in der Nacht in die Häuser gekommen,

sie haben Listen gehabt. Sie haben mit den polnischen

Juden angefangen.“ Da auch ihre Familie aus Polen kam,

haben alle monatelang mit dem Schlimmsten gerechnet.

FOTO: REGINE HENDRICH, PICTUREDESK/GALI TIBBON/AFP

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DAS JÜDISCHE ECHO


Sidonie Goldstein in einer TV-Doku über Sebastian Kurz, als sie ihn während eines Israel-Besuchs als „schön“ bezeichnete

Der Vater wurde in der sogenannten „Reichskristallnacht“

zwischen 9. und 10. November 1938 aus der

Wohnung im zweiten Wiener Bezirk abgeführt und ins

KZ Dachau gebracht. „Im gleichen Haus in der Engerthstraße

war ein Lebensmittelgeschäft. Die Leute von dort

sind gekommen und haben meiner Mutter gesagt, sie

geben ihr einen Tag, um die Wohnung zu verlassen. Die

Mutter hat alles zurückgelassen, sie hat gar nichts mitgenommen.

Möbel, alles, was dort war, ist dort geblieben.“

Untergekommen sind sie dann bei Bekannten.

Wie lange ihr Vater in Dachau war, daran kann sich

Sidonie Goldstein nicht mehr erinnern. „Meine Freundin

hat gehört, dass diejenigen, die im Ersten Weltkrieg

gedient haben, rausdürfen. Ich bin dann mit ihr zu einer

Stelle gegangen. Und mein Vater und auch ihr Vater

wurden freigelassen. Mein Vater musste unterschreiben,

dass er binnen zwei Wochen das Land verlässt. Das hat er

gemacht. Meine Mutter und ich blieben zurück.“

Ihr Vater, der Rechtsanwalt Dr. Martin Scheinhorn,

schaffte es nach Palästina, seine Frau Esther und Tochter

Sidonie machten sich Ende Dezember 1939 auf den

Weg. Die Reise ging über die Donau nach Rumänien,

dort mussten sie warten, denn für die Weiterfahrt fehlte

Geld. Die Gruppe wurde geteilt: Ein Teil wurde gezwungen,

nach Jugoslawien zu reisen. „Die nach Jugoslawien

geführt wurden, sind vernichtet worden. Von dort ist

niemand zurückgekommen.“ Schließlich bestiegen Esther

und Sidonie Scheinhorn ein Lastschiff Richtung

Palästina. „Zwei Monate haben meine Mutter und ich

auf Klappsesseln geschlafen. Wir waren froh, dass wir die

zwei Klappsessel gehabt haben. Es war so kalt, dass das

Wasser in einem Glas, während man es in der Hand gehalten

hat, sofort gefroren ist.“

Wie viele Leute auf dem Schiff waren, daran kann

sich Sidonie Goldstein nicht mehr erinnern. Nur dass

sie aus vielen unterschiedlichen Ländern kamen. In der

Nähe der türkischen Küste sei das Schiff von den Briten,

die damals die Mandatsmacht in Palästina waren,

abgefangen worden. „Die Engländer haben unseren Pass

genommen, sie haben uns nach Haifa und dann in ein

Lager gebracht, nach Atlit.“ Dieses Lager hatten die Briten

eingerichtet, dort internierten sie illegale jüdische

Einwanderer. Am 10. Oktober 1945 befreite die jüdische

Untergrundorganisation Hagana in einer vom späteren

Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin geplanten Aktion

die Internierten.

Sidonie und ihre Mutter Esther hielten sich nur ein

paar Wochen dort auf. „Wir haben Essen bekommen,

rundherum war Stacheldraht, die Engländer sind patrouilliert.

Aber im Lager konnten wir uns frei bewegen.“

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 79


Als sie aus dem Lager kamen, sind sie bei einer Tante, der

Zwillingsschwester ihrer Mutter, in Haifa untergekommen.

Der Vater arbeitete bei Afula in der Landwirtschaft.

Dafür sollte auch Sidonie ausgebildet werden, sie kam

auf eine landwirtschaftliche Schule bei Petach Tikwa.

Ihren Mann hat sie schon in Wien gekannt, er kam

auf dem gleichen Schiff wie ihr Vater in Palästina an. 1944

wurde der erste Sohn, David, geboren, der inzwischen

verstorben ist. 1957 kam Rami auf die Welt, der wie ihr

Vater Rechtsanwalt wurde. Sie hat drei Enkelkinder.

Ihr Mann Hans hat sich mit einem Kühltransporter

selbstständig gemacht, er hat Hotels beliefert. So konnten

sie sich ein Grundstück im südlichen Jerusalemer

Stadtviertel Baka leisten, zwei kleine Häuser bauen und

vermieten. „Wir haben unsere guten und unsere schlechten

Zeiten gehabt.“

An Politik ist Sidonie Goldstein seit jeher interessiert.

Zwei Politiker mit Österreich-Bezug haben in Israel

besondere Aufmerksamkeit genossen: „Bruno Kreisky

war verhasst bei den Juden, auch wenn er selbst einer

war. Weil er den Arafat gemocht hat. Und es gab den

Teddy Kollek. Jeden Tag haben die Religiösen gegen ihn

demonstriert. Wann ich am Rathaus vorbeigekommen

bin, sind sie draußen gestanden. Jeden Tag, jahrelang.“

Bruno Kreisky, der die Nazizeit im schwedischen

Exil verbracht hatte und zwischen 1970 und 1983 österreichischer

Bundeskanzler war, hatte ein schwieriges

Verhältnis zu Israel. Teddy Kollek, der mit seiner Familie

1935 aus Wien nach Palästina emigriert war, war 28 Jahre

lang Bürgermeister von Jerusalem.

Goldstein verfolgt auch das aktuelle politische Geschehen,

seit Jahrzehnten liegt jeden Tag die linksliberale

Zeitung „Haaretz“ vor der Tür. „Vor Jahren waren wir

politisch tätig. Für die Awoda. Die wähl ich aber nicht

mehr. Ich wähle jetzt Meretz“, sagt Goldstein. Die 1968

gegründete Arbeitspartei Awoda ist eine zionistische Partei

und politisch links positioniert. Im politischen Spektrum

Israels noch etwas weiter links angesiedelt ist die

1992 gegründete Partei Meretz.

Aber Premierminister Benjamin Netanjahu von der

rechtsgerichteten Likud-Partei werde ohnehin wiedergewählt,

davon ist Goldstein überzeugt. Auf die Frage

des österreichischen Kanzlers, ob er etwas für sie tun

80

Lesetipp:

Alexandra Föderl-Schmid

Unfassbare Wunder

Gespräche mit Holocaust-

Überlebenden in Deutschland,

Österreich und Israel

Böhlau Verlag, 2019

könne, habe sie geantwortet: „Können S’ den unsrigen

nicht mitnehmen?“ Gemeint war damit Netanjahu, dessen

Namen Sidonie Goldstein nicht einmal aussprechen

mag. Und seine Antwort? „Er hat gelacht.“ Wie schaut

sie auf die Gegenwart, auf die Regierung, die Kurz mit

der FPÖ gebildet hat? „Ich weiß, mit wem er zusammen

ist. Aber er ist noch immer besser als der, den wir haben.“

Dafür hat es ihr eine andere Politikerin angetan:

„Die Merkel! Ich rede nicht von Schönheit, alles an ihr ist

großartig. Gibt es nicht noch so eine?“

Wenn sie in Österreich sei, dann beschäftige sie sich

nicht mit Politik. „In Österreich bin ich auf Urlaub.“ Jedes

Jahr werde es schwieriger für sie, dorthin zu kommen,

sie bleibe nur noch eine Woche, begleitet von ihrer Familie.

Früher habe sie mit ihrem Mann, der hundert Jahre

alt geworden ist, jedes Jahr einen Monat dort verbracht.

Aber einmal pro Woche greift sie in Jerusalem zum

Telefonhörer, um mit einer Schulfreundin in Österreich

zu telefonieren. „Sie ist mit mir in die Volksschule gegangen.

Sie hat sich bei einem Nachhauseweg bei mir eingehängt

und meine Hand genommen. Und das habe ich

nie vergessen, deshalb habe ich sie gesucht.“ Und nach

mehr als fünfzig Jahren hat sie die Freundin gefunden,

die inzwischen in einem Altersheim in Neusiedl lebt. Seit

dem Tod ihres Mannes vor zehn Jahren spreche sie nur

noch selten Deutsch. „Verschiedene Worte fehlen mir.

Weil alle meine Freundinnen und die meisten Bekannten

sind schon begraben.“

Bei einem ihrer Besuche in Österreich haben sie

und ihr Mann die damalige Hausbesorgerin getroffen.

Ihr Mann habe von ihr wissen wollen, was sie über das

Schicksal seiner Mutter wisse. Er ist nach Palästina emigriert,

der Vater gestorben und die Mutter ist im Haus in

Wien zurückgeblieben und später in ein jüdisches Altersheim

gebracht worden. „Dort hat man sie umgebracht,

sie ist verhungert.“ Die Reaktion der Hausmeisterin

empört Goldstein noch heute: „Sie hat nichts gewusst,

gar nichts, als mein Mann sie über seine Mutter gefragt

hat. Sie hat so getan, wie wenn sie nichts gewusst hat.“

Andere Verwandte sind nach Riga deportiert und dort

ermordet worden.

Dann wiederholt Sidonie Goldstein einen Satz, den

sie schon mehrfach benutzt hat: „Es war eine unangenehme

Zeit.“ Die Erinnerungen daran haben sie anfangs

auch intensiv begleitet bei ihren Besuchen in der alten

Heimat. „Als ich zum ersten Mal nach Wien gekommen

bin, da hatte ich ein komisches Gefühl. Wenn ich

Schmuck gesehen habe, dann hab ich gedacht, das war

einer von Juden. Denn man hat uns genommen. Viel,

sehr viel! Und nicht nur Schmuck.“ 2

Auszug aus dem Buch „Unfassbare Wunder“, abgedruckt

mit freundlicher Erlaubnis von Autorin und Verlag.

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Astrid Kuffner

Die Stehauf-Gretel

Margarete Healy, geboren 1923 in Wien, hat zwei

Kriege, vier Ehen und zahllose Neuanfänge erlebt.

1938 war sie gezwungen, Wien zu verlassen, um

zu überleben – als Kindermädchen, später auch

als Geheimagentin in Vietnam. Eine Erinnerung.

FOTOS: NINI TSCHAVOLL/MADAMEWIEN.AT

Viele Jahre rang Gretel Healy damit, die Ansprüche der

kulturbeflissenen „Wiener Bürgertochter“ mit jenen des

„All American Girl“ in Einklang zu bringen. Weil man

ihr als Tochter, Frau und Ehefrau generell wenig zutraute,

musste sie viele Umwege machen. Als echte Stehauf-Gretel

hat sie sich nach jedem beruflichen, privaten oder finanziellen

Rückschlag aufgerappelt, abgebeutelt und weitergemacht.

Die passionierte Tagebuchschreiberin hat Wien

ab 1950 immer wieder besucht. 2002 kaufte sie eine

Wohnung in Baden statt in Wien, weil ihr die Bawag im

Hinblick auf ihr fortgeschrittenes Lebensalter einen Kredit

verwehrte. Die elegante, charmante und geistig überaus

rege Dame war bei unserem Treffen 94 Jahre alt. Sie las

damals, wenige Monate vor ihrem Tod, Ludwig Wittgenstein

und erzählte nebenbei delikate Graf-Bobby-Witze.

Wer ihr begegnet ist, vergisst sie nie.

Bis heute, so erzählte sie damals, sei sie „verliebt in

Wien“, jene Stadt, die sie 1938 nicht mehr haben wollte:

„Mein Leben an allen möglichen Orten hat mir gezeigt,

dass Wien eine der schönsten und besten Städte ist, um

darin zu leben.“ Antisemitismus und Machismo sind ihr

überall begegnet. Warum also nicht dort leben, wo man

sich wohlfühlt? Ihre vier Jahre mit den US-Besatzungskräften

(1950‒1954) zählt sie zu den schönsten in ihrem

langen Leben.

Nach dem „Anschluss“ im März 1938 beschloss Familie

Schön (der Vater Ingenieur, die Mutter Künstlerin),

dass die zweitgeborene Margarete das Land verlassen müsse.

Also ging die 15-Jährige allein an Bord des Dampfers

Europa von Bremerhaven nach New Jersey, um bei Verwandten

ihres Vaters zu leben. Die Onkel und Tanten in

Amerika waren ihr fremd und förderten sie kaum. Nach

rund eineinhalb Jahren nahm sie Reißaus, um sich fortan

Margarete Healy schlug sich in verschiedenen Ländern und

Lebenslagen durch, kehrte dann aber doch wieder in ihre

Lieblingsstadt Wien zurück

alleine durchzuschlagen. „Ohne Sprache geht es nicht“,

sagt Gretel, die sich nur ein paar Monate gönnte, um ihr

Schulenglisch auf Vordermann zu bringen.

Ihr erster Job war Kindermädchen bei einer wohlhabenden

Familie mit Hotels in den Catskills, in New York

und Miami. „Ich hatte nie ein Baby im Arm gehalten und

log, was das Zeug hält, über mein Alter und meine Erfahrung.

Ich kümmerte mich um die beiden Kleinkinder,

wusch ihre Windeln, verdiente zehn Doller die Woche

und hatte eine halbe Stunde Freizeit pro Woche.“ Die

Betreuung anderer Leute Kinder sollte eine eigenwillige

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 81


Konstante in ihrem Leben werden. Ebenso wie sexuelle

Übergriffe durch Vorgesetzte. Als dem Vater ihrer Schützlinge

die Ehefrau abhandenkam, suchte er sie nachts im

Schlafzimmer heim. Weil sie sich in diese Rolle nie fügen

wollte und niemand die Beschwerde der jungen Frau ernst

nahm („What are you saving it for?“), quittierte sie ihren

ersten Job. Weiter ging es mit der nahezu idealtypischen

Karriere für Neuankömmlinge in den USA: Kindermädchen,

Putzfrau, Snack-Bar-Aushilfe, Putzereiangestellte in

New York, Washington und Miami.

Bei Aristo Cleaners in Washington wurde ihr Handelsschulabschluss

aus Wien erstmals als Qualifikation

anerkannt. Binnen zweier Jahre arbeitet sie sich von der

Kleider-Aufhängerin zur Filialleiterin hoch, weil sie blitzartig

Kopfrechnen konnte. Mit 18 Jahren heiratete sie das

erste Mal, und weil ihr Mann bei der Air Force war, begann

sie 1942 in der Eglin Air Base (Florida) zu arbeiten.

1946 wurde sie US-Staatsbürgerin und holte ihre Eltern

nach. Ihre beruflichen Engagements begannen immer

wieder als Sekretärin. Anderes traute man Frauen damals

auch nicht zu. Von ihren Eltern angefangen war sie umgeben

von Menschen, die sie lieber als Hausmütterchen

in der Provinz gesehen hätten. Mit viel Einsatz arbeitete

sie sich immer wieder an anspruchsvolle Aufgaben heran,

bis eine Versetzung (des jeweiligen Ehemannes) anstand

und sie von vorne beginnen musste.

«Die Voreingenommenheit, den

Antisemitismus gibt es überall. Ich habe das

auch in Amerika gespürt. Aber Wien hat den

Prater und ein gutes Essen.»

Wer eine Beamtenkarriere für langweilig hält, wird von

Gretel eines Besseren belehrt. In ihren Händen wurden

selbst Maschineschreiben, Stenografie und Buchhaltung

zu Superkräften. Die größten Hämmer erwähnt

sie nebenbei. Ein kleines schwarzes Büchlein brachte sie

aus dem Sekretariat zur Counter Intelligence Agency.

Eines Tages kam jemand und fragte herum, ob jemand

diese Zeichen entziffern könne. Gretel konnte: Es war

deutsche Kurzschrift. Und so wurde sie „intelligence analyst“

mit eigener Abteilung. „Geheimdienst ist wie jede

andere Arbeit“, sagt sie trocken. „Du musst sorgfältig

sein, Informationen sammeln und bewerten.“ Wien war

wirklich eine Spionagehauptstadt. Mit Doppelagenten

hatte sie ständig zu tun. Und einmal schüttelte sie einen

Verfolger ab, indem sie ihren Mantel wendete.

Gretel war keine, die nur am Schreibtischsessel pickte.

1968 geriet sie nahe Vũng Tàu (Vietnam) in einen

Hinterhalt und wurde schwer verletzt. Bis heute piepst

es, wenn sie am Flughafen durch den Metalldetektor

geht. So nahe am Tod gewesen zu sein hat ihre Einstellung

verändert: „Ich fürchte mich nicht davor, dass mein

82

Leben langsam zu Ende geht. Ich erwarte noch ein paar

gute Jahre, und in die will ich so viel hineinpacken, wie

geht.“ 1975 schrieb sie am Vietnam-Abschlussbericht

mit, begann danach im Pentagon zu arbeiten. Dort verfasste

sie (auf der Schreibmaschine) eine vermutlich bis

heute gültige Direktive: „Wie man die Bürokratie bedient,

wusste ich inzwischen.“

Gretel ging aber immer mit der Zeit, schreibt Biografie

und Tagebuch inzwischen auf dem Computer, korrespondiert

per E-Mail mit Freunden und Verwandten

auf der ganzen Welt. Wenn der Drucker nicht gleich pariert,

flötet sie ihn an: „Komm, komm!“ Um dann selbstironisch

zu ergänzen, dass man meinen könnte, in ihrem

fortgeschrittenen Alter sei sie geduldiger geworden: „Bin

ich aber nicht!“ Die Wände ihres Büros zieren Zertifikate,

Auszeichnungen und Fotos. Als sie im Civil Service

pensioniert wurde, „war mir fad. Ich wollte nicht herumliegen.

Also habe ich mit 74 die zweitägige Prüfung

gemacht für meine Steuerberatungslizenz.“ In Montross,

Virginia eröffnete sie mit ihrem vierten Mann eine Kanzlei

mit zuletzt tausend Kunden.

„Die einzige Ehe, die ich anerkenne“, führte sie mit

Jack J. Healy, der aus der vorangegangenen Ehe fünf

Kinder mitbrachte. 1976 stellte ihr eine Freundin den

Nachbar im selben Wohnhaus vor. Beinahe ein Jahr lang

trafen sich die beiden, um Tennis zu spielen (und Sportskanone

Gretel siegte meistens). Geheiratet wurde im November

1977, und die Ehe würde heute noch bestehen,

wenn ihr an Alzheimer erkrankter Mann nicht 2011 gestorben

wäre. Auch er liebte Wien („das Bier, das Essen,

die Atmosphäre“). Sie kamen jedes Jahr mit zwei Katzen

für mehrere Wochen her. Als es 2008 zu schwierig wurde

zu pendeln, riet ihr seine Tochter, mit Jack in Österreich

zu bleiben.

Am Ende ihres Lebens sagte sie altersmild auf die

Frage, was sie trotz der negativen Erfahrungen nach

Wien zurückgebracht habe: „Die Voreingenommenheit

der Menschen, den Antisemitismus gibt es überall. Ich

habe das auch in Amerika gespürt. Aber Wien hat den

Prater, das Stadionbad, ein gutes Essen, den Wienerwald

– es ist schön, es ist sauber. Ich habe mich hier als Kind

wahnsinnig gut gefühlt ‒ es war für mich ein Paradies. In

New York war ich geschockt von der Schmutzigkeit und

der Schlampigkeit der Menschen im Umgang miteinander.

Ich habe mich nach Wien gesehnt, wo die Kellner

zuvorkommend grüßen. Ich habe mich von unten nach

oben gearbeitet, habe mich in den USA eingelebt. Ich

könnte dort zurechtkommen. Aber der Lebensstil und

der Kulturbegriff sind ganz anders. Ich habe immer meine

Schallplatten mit Opern und Operetten, mit Melodien,

die ich liebe, gehabt. Als ich in den 1950er-Jahren in

Wien war, bin ich fast jeden Abend in eine Oper oder in

ein Konzert gegangen. Meine Mutter war eine fantastische

Musikerin und Sängerin. Ich bin in diesem Milieu

aufgewachsen und war glücklich.“ 2

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Brigitte Ungar-Klein

Stille Heldinnen und Helden

Recherchen über Mut und Menschlichkeit unterm

Hakenkreuz ergaben, dass im Wien der NS-Zeit

mehr als tausend Jüdinnen und Juden im Verborgenen

überleben konnten.

FOTOS: PICUS VERLAG, ARCHIV

Elfriede, Gerti, Elisabeth, Kurt – sie waren Kinder,

Jugendliche oder junge Erwachsene, als das menschenverachtende

und mörderische NS-Regime in Österreich,

das nun die „Ostmark“ war, die Macht ergriff. Sie waren

jüdischer Herkunft und wurden mit dem Inkrafttreten

der Nürnberger Rassengesetze in Österreich am 20. Mai

1938 zu Menschen zweiter Klasse, denen Stück für

Stück der Lebensraum eingeschränkt und bald auch die

Lebensberechtigung abgesprochen wurde.

Der sogenannte „Anschluss“ Österreichs im März

1938 an das nationalsozialistische Deutsche Reich bedeutete

eine Zäsur für die etwa 200.000 Jüdinnen und

Juden Österreichs. Vom ersten Tag an begannen Verfolgung

und Vertreibung: Der Mob, der Juden zwang, Straßen

zu waschen, tobte, Juden wurden aus ihren Wohnungen

und Geschäften vertrieben, Schüler durften bald

nicht mehr in ihre Schulen gehen. Wer eine Möglichkeit

zur Flucht hatte, nützte diese – manche verfielen aber

auch dem Irrglauben, dass es wohl nicht so dramatisch

werden würde, und fügten sich zunächst der Situation.

In den unterschiedlichen NS-Medien – Zeitungen,

Filmen – wurde die „Judenfrage“ thematisiert, Jüdinnen

und Juden dämonisiert, als minderwertig und böse, als

Ausbeuter mit Hang zum Kriminellen dargestellt. Die

„deutschen“ Reichsbürger wurden auf diese Weise systematisch

negativ beeinflusst und so die Maßnahmen, die

letztlich in der „Endlösung“ mündeten, als begrüßenswert

und notwendig vorbereitet. Nicht alle – allerdings

viel zu wenige ‒ ließen sich von der Propaganda blenden

und beeinflussen. Als entschiedene Gegner des Nationalsozialismus

oder aus rein menschlichen Gründen wurden

sie zu „Gerechten“, die sich in unmittelbare Lebensgefahr

begaben, Zivilcourage bewiesen und den Bedrohten,

den Verfolgten, den Flüchtenden zur Seite standen, sie

Die Weißnäherin Josefine Praysnar schützte als Pflegemutter ein

jüdisches Kind, musste öfter die Wohnung wechseln, der Mann ließ

sich scheiden

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 83


Maria Potesil und Ella Lingens (von l.) leisteten durch die Rettung

Verfolgter Widerstand: „Er kam mit dem Zahnbürschtl plötzlich zu uns“

Gerettetes Kind Elisabeth Wessely: Die Pflegemutter „war für mich

alles, ich wär ja gar nicht mehr, bestimmt, ich wär ja in ein Lager

gekommen“

betreuten, ihnen Unterkunft gewährten, sie mit Lebensmitteln,

Geld, Kleidung usw. unterstützten. Das Ehepaar

Kurt und Ella Lingens hatte viele jüdische Bekannte, „wir

haben uns nicht verbieten lassen, mit Juden zusammenzukommen“,

und „so kam dann die ,Reichskristallnacht‘. [Ein

Freund] ist mit einem Pyjama und einem Zahnbürschtl zu

uns gekommen. ‚Kann ich bei euch übernachten?‘ Weil ihm

sofort klar war, was passiert. Wir haben gesagt: ‚Ja, selbstverständlich‘,

und da ist er bei uns geblieben und hat dann circa

drei Wochen bei uns gewohnt. /…/ Es sind dann aber auch

noch andere zu uns gekommen, wir waren ja eine ‚jugoslawische‘

Wohnung, es war eine sehr große Wohnung, es kamen

aber dann so viele, die Wohnung war so voll, dass mein

Mann und ich in ein Hotel gezogen sind.“ 1 Kurt und Ella

Lingens versuchten auf vielfältige Weise zu helfen, als sie

einigen Juden zum illegalen Grenzübertritt nach Ungarn

verhelfen wollten, gingen sie in die Falle eines Spitzels

der Gestapo und wurden verhaftet. Dr. Ella Lingens kam

in das Konzentrationslager Auschwitz und musste unter

dem berüchtigten Lagerarzt Dr. Josef Mengele arbeiten,

ihr Gatte Dr. Kurt Lingens wurde einer Strafkompanie

zugeteilt, jedoch bald schwer verwundet, womit sein

Kriegseinsatz beendet war. 2

Mit Kriegsbeginn gab es kaum mehr Möglichkeiten,

in ein sicheres Land zu gelangen, sogenannte „Umsiedlungen“,

wie in verharmlosender Weise die Deportationen

in Ghettos und Konzentrationslager genannt

wurden, erzeugten Angst und Unruhe, immer mehr

Menschen suchten durch Untertauchen diesen „Umsiedlungen“

zu entgehen – sie wurden zu U-Booten, sie

lebten im Verborgenen, sie hatten illegale, manipulierte

Papiere, sie wurden zu „Schattenexistenzen“. 3 Nicht alle

dieser U-Boote erlebten das Kriegsende, etliche wurden

entdeckt und Opfer der Schoah. Etwas mehr als eintausend

der im Verborgenen Lebenden tauchten mit Mai

1945 wieder auf – nur wenige konnten an das Leben davor

übergangslos anschließen. 4

Das Leben im Verborgenen war facettenreich, die

wenigsten U-Boote lebten tatsächlich in einem Versteck

wie Anne Frank, viele mussten mehrmals das Quartier

wechseln oder suchten in menschenunwürdigen Behausungen,

wie zum Beispiel in Grüften auf Friedhöfen, Zuflucht,

in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Ohne

behördliche Registrierung erhielten sie keine Bezugsmarken

– weder für Lebensmittel noch für Kleidung

oder Schuhe ‒ und sie waren auf die Hilfe anderer angewiesen.

Wer waren die Helferinnen und Helfer? Was

bewog sie, den Mut, die Zivilcourage aufzubringen und

auf der Seite der Verfolgten zu stehen, mit dem Wissen,

sich damit selbst in höchste Gefahr zu bringen? Unterschiedlichste

Beweggründe waren für Hilfestellungen

ausschlaggebend, zumeist standen aber Menschlichkeit

und die Gegnerschaft zur NS-Diktatur im Vordergrund.

War es für einzelne Hilfesuchende schon nicht einfach,

entsprechende Hilfe zu bekommen, hatten es Familien,

besonders mit Kindern, noch viel schwerer. Kinder

und Jugendliche waren zumeist gemeinsam mit wenigstens

einem Elternteil untergebracht, junge Erwachsene

oftmals auf sich allein gestellt. 5

Mit der Aufnahme eines Kindes durch eine Pflegemutter

oder Pflegefamilie hatten diese eine besondere

Verpflichtung übernommen. Nach dem „Anschluss“

umso mehr, wenn es sich um so genannte „nichtarische“

ILLUSTRATIONEN: CLAUDIA KÓZAK/ASPERN DEVELOPMENT, FOTO: PRIVATES ARCHIV

84

DAS JÜDISCHE ECHO


Kinder handelte. Wie leicht wäre es doch gewesen, dieser

Verpflichtung zu entkommen, das jüdische Kind hätte

bei den Behörden einfach abgegeben werden können! Es

gab aber die wahren Heldinnen, die den Kampf gegen

die Unmenschlichkeit aufnahmen und ihre Pflegekinder

mit der Kraft einer Löwin verteidigten und beschützten.

Als besonders aufopfernd beschreibt Elisabeth Wessely

ihre nichtjüdische Pflegemutter, Josefine Praysnar.

Die Frau war von Beruf Weißnäherin, sie nähte hauptsächlich

Herrenhemden: „Sie saß täglich bis tief in die

Nacht hinein an ihrer Nähmaschine und hat gearbeitet, um

das nötige Geld für den Lebensunterhalt für uns beide zu

verdienen. Die Mutter war eine hochanständige, feine, gute

Frau, die sehr viel auf sich genommen hat, denn sie musste

zwei- oder dreimal ausziehen, die Wohnung wechseln, als

man erfahren hat, dass sie ein jüdisches Kind beherbergt. So

etwas sickert ja komischerweise immer durch, sie hat auch

mit ihrem Mann Schwierigkeiten gehabt, der mit der ganzen

Sache nie sehr einverstanden war. Der Ehemann zog

schließlich aus, ließ sich scheiden. Die Wohnungen waren

[klein] ‒ Zimmer, Küche, Bassena auf dem Gang. Manchmal

noch ärger. Zeitweise waren wir sogar in Kellern versteckt

– wenn es ganz arg geworden ist, war sie mit mir als

U-Boot. Sie war immer mit mir. Diese Frau war für mich

alles, für mich ist sie die Frau, die etwas geleistet hat, ich

wär ja gar nicht mehr, bestimmt, ich wär ja in ein Lager

weggekommen.“ 6 Auch nach der Befreiung blieb Elisabeth

bei der Pflegemutter, die sich weiterhin um das

Mädchen kümmerte. „Sie stand immer an meiner Seite

und behandelte mich wie ein eigenes Kind.“ 7

Der 1924 geborene Kurt Martinetz wurde im Alter

von zweieinhalb Jahren von der Gemeinde Wien Maria

Potesil zur Pflege übergeben. Maria Potesil war Witwe,

Mutter zweier Kinder. Mit der Machtübernahme durch

die Nationalsozialisten 1938 wurden für den Jungen, der

jüdischer Herkunft war, die für die jüdische Bevölkerung

diskriminierenden Bestimmungen schlagend, so durfte

er zum Beispiel nicht mehr zum Unterricht in die Schule

gehen. Als die Gemeinde Wien die Vormundschaft für

den Pflegesohn ablegte, übernahm Maria Potesil die Verantwortung,

erhielt somit aber kein Pflegegeld mehr vom

Jugendamt. Sie versuchte eine Adoption durchzusetzen,

wofür sie ihre tschechische Staatsbürgerschaft zurücklegte

und die deutsche Staatsbürgerschaft annahm, auch

versuchte sie alles, um Kurt als „Mischling 1. Grades“ –

was eine gewisse Besserstellung und geringere Gefahr bedeutet

hätte ‒ einstufen zu lassen, allerdings ohne Erfolg.

Sie zog mit ihrem Pflegesohn sogar in ein „Judenhaus“

im zweiten Wiener Bezirk und war zahllosen Anfeindungen

ihrer Nachbarinnen und Nachbarn ausgesetzt. Im

Herbst 1942 wurde Kurt des Nachts aus der Wohnung

abgeholt, zur Sammelstelle in die Kleine Sperlgasse ge-

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MIT RAIMUND LÖW

FALTER-Redakteurinnen und -Redakteure diskutieren jede Woche

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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 85


bracht und sollte deportiert werden. Maria Potesil konnte

dies verhindern, schaffte es, ihn freizubekommen und bis

Kriegsende zu schützen. 8 „Nur meiner Pflegemutter kann

ichs verdanken, dass ich heute noch am Leben bin. Meine

Pfl.Mutter [sic] setzte alles daran, scheute nichts und es gelang

ihr, mich vor der sicheren Vergasung zu retten.“ 9 Nach

1945 erwiesen sich die Behörden der neu entstandenen

Zweiten Republik keineswegs hilfreich und offen für die

Schwierigkeiten der Betroffenen. Durch den Wechsel der

Staatsbürgerschaft hatte Maria Potesil den Anspruch auf

ihre Witwenpension verloren, und auch die Forderung

um Nachzahlung des während der NS-Zeit nicht geleisteten

Pflegegeldes wurde abgewiesen.

Die 1933 geborene Gerti lebte bei ihren „arischen“ Verwandten

in Wien, da es ihren Eltern, die Mutter war bei der

Eheschließung zum Judentum übergetreten, gelungen war,

eine Passage nach dem damaligen Palästina zu bekommen,

allerdings ohne ihre kleine Tochter mitnehmen zu können.

Die Familie bemühte sich nun, unter der Behauptung, der

eingetragene Vater wäre gar nicht der richtige, eigentlich

wäre ein Däne der Vater, eine Einstufung als „Mischling“

zu erreichen. 10 Dazu wurde das kleine Mädchen einer rassenbiologischen

Untersuchung unterzogen, die sie noch

Jahrzehnte später schaudern lässt. „Sie [gemeint sind die

Personen, die die Untersuchung durchgeführt haben] haben

das aber nie geglaubt, weil die gesagt haben, nach meiner

Rasse nach kann ich nur von einem Juden abstammen. Die

haben Haare gemessen, und haben gesagt, solche Haare, wie

ich [sie habe], haben sie überhaupt nicht auf der Liste, das ist

überhaupt keiner Rasse zuzuordnen. Aber zu Dänen gehöre ich

auf jeden Fall nicht.“ 11 Auch wenn es immer wieder Schwierigkeiten

gab, innerhalb der Familie konnte das Mädchen

überleben. „Die Familie meiner Mutter hat eisern zusammen -

gehalten und geholfen. Es waren viele Kleinigkeiten – eigentlich

„Großigkeiten“. 12

Elfriede Gerstl, die mit ihrer Mutter an mehreren

Adressen in Wien versteckt überleben konnte, wollte

nicht immer an diese Zeit erinnert werden, dennoch war

ihr Leben davon geprägt, und in etlichen kleinen Dichtungen,

in kleinen lyrischen Arbeiten, wie im Gedicht

„Mein Lichtstrahl“, kommen die Gefühle, Empfindungen,

die sie als kleines Mädchen hatte, deutlich zum Ausdruck.

86

Die Autorin hat zum Thema dieses

für das „Jüdische Echo“ verfassten

Beitrags soeben das folgende Buch

herausgebracht:

Brigitte Ungar-Klein

Schattenexistenz

Jüdische U-Boote in Wien 1938–1945

Picus Verlag, 2019

„Als Kind habe ich einmal einen Lichtstrahl gekannt; im

Sommer 1942 lernte ich ihn kennen.

Es war ein sehr freundlicher Lichtstrahl, wenn es nicht

gerade regnete, schien er durch einen Riß in der Verdunklungsrolleau

in mein Zimmer. Er schnitt einen lichten Flimmerstreifen

in den dämmrigen Raum, so daß man für zehn

bis zwölf Minuten lesen konnte.

Wo er auf den Fußboden auffiel zeichnete er goldene

Ringe und Netze, die sich langsam auflösten und verschwanden.

Ich hatte mehrere Monate Gelegenheit, sein Kommen

und Gehen zu beobachten. Meist lag ich auf meinem Bett.

Anfangs hatte ich in einem Winkel des Zimmers gesessen

und mich gelangweilt; es war zu dunkel um irgend etwas

zu tun und ich durfte mich auch nur lautlos bewegen, denn

man sollte unsere Wohnung für leer halten. /…/“ 13 2

1 Interview DDr. Ella Lingens mit der Verfasserin vom 13. 11. 1988, PUK.

2 Zu DDr. Ella Lingens siehe u.a.: Ilse Korotin (Hg.), „Die Zivilisation

ist nur eine ganz dünne Decke …“ Ella Lingens (1908 – 2002), Ärztin

– Widerstandskämpferin – Zeugin der Anklage. Praesens, Wien 2011.

3 Brigitte Ungar-Klein, Schattenexistenz. Jüdische U-Boote in Wien

1938‒1945. Picus, Wien 2019.

4 Die Zahlen beziehen sich auf Personen jüdischer Herkunft, die vorwiegend

in Wien versteckt waren.

5 Forschungen ergaben etwa sechzig Kinder bis zum 14. Lebensjahr

und etwa hundert Jugendliche bzw. junge Erwachsene, die als U-Boote

leben mussten.

6 Interview mit Elisabeth Wessely vom 13.8.1992 mit der Verfasserin.

PUK. 1937 geboren, kam das Mädchen schon bald nach der Geburt zu

der Pflegefamilie. Erst lange nach Kriegsende, schon als Erwachsene,

konnte sie nähere Informationen zu ihren leiblichen Eltern in Erfahrung

bringen.

7 Gespräch mit Elisabeth Wessely vom 28.6.2019 mit der Verfasserin.

8 Maria Potesil wurde für ihre aufopfernde Hilfe für Kurt Martinetz

1978 als „Gerechte“ ausgezeichnet. Yad Vashem, Dossier 1400.

Im 22. Wiener Bezirk, im Stadtteil Seestadt Aspern, wurde eine Straße

nach Maria Potesil benannt. www.aspern-seestadt.at (abgerufen am

23.6.2019).

9 WStLA. M-Abt.12. GZl. 20273/E.

10 Die Mutter von Gertrude G. hatte in den 1920er-Jahren für einige

Zeit in Dänemark gelebt und aus dieser Zeit einige Dokumente, die nun

für das Verfahren die Geschichte untermauern sollten.

11 Interview mit Gertrude G. vom 15.3.1989 mit der Verfasserin. PUK.

12 Ebd.

13 Elfriede Gerstl, 1932 – 2009, Lyrikerin, Schriftstellerin. Elfriede

Gerstl, Mein Lichtstrahl. In: Jüdisches Echo, Vol. 4, Nr.2/3, 1955, S. 8.

Siehe dazu auch: Raphaela Kitzmantel, „Ich möchte nicht als lebend

gebliebene Anne Frank gesehen werden“, Elfriede Gerstls jüdische Identität

im Licht des Überlebens im Versteck. In: Christa Gürtler/Martin

Wedl (Hg.), Elfriede Gerstl, „wer ist denn schon zu hause bei sich“. Profile,

Magazin des Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek,

Paul Zsolnay Verlag, Wien 2012.

DAS JÜDISCHE ECHO


BEZAHLTE ANZEIGE

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FOTOS: ONB, WIKIPEDIA, PICTUREDESK, ARCHIV DER GESCHICHTE FÜR SOZIOLOGIE GRAZ, KREISKY ARCHIV, PETRA SPIOLA

1 Adelheid Popp (1869–1939) Mitbegründerin der proletarischen Frauenbewegung 2 Käthe Leichter (1895–1942) Gründerin und Leiterin

Frauenreferat Arbeiterkammer 3 Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000) Erste Frau, die in Österreich ein Architekturstudium abgeschlossen hat.

Erfinderin der sogenannten „Frankfurter Küche“. Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus in Österreich

4 Marie Jahoda (1907–2001) Sozialpsychologin, u. a. aktiv in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und den Revolutionären Sozialisten. Berühmte

Studie „Die Arbeitslosen von Marienthal“ 5 Johanna Dohnal (1939–2010) Erste Frauenstaatssekretärin 1979, erste Frauenministerin 1991

6 Barbara Prammer (1954–2014) Als erste Frau Nationalratspräsidentin, setzte sich für Frauen- und Minderheitenrechte ein

„Wien. Stadt der Großen Töchter“

„Frauen sichtbar machen“ ist ein zentrales Anliegen der

Stadt Wien. Ehrungen, die Verleihung von Preisen oder

die Benennung von Straßen, Plätzen oder Gebäuden

in Wien sind Formen, verdienstvolle Frauen und deren

Leben und Leistungen vor dem Vergessen zu bewahren.

Die Galerie „Wien. Stadt der Großen Töchter“ hat

darüber hinaus das Ziel, außergewöhnliche Frauen –

und „Töchter“ Wiens – miteinander in Verbindung zu

setzen und die Auswirkungen ihres Tuns auf das Wien

von heute aufzuzeigen. Zudem verbindet sie das Leben

von Frauen in der heutigen Zeit mit frauenpolitischen

Kämpfen und Errungenschaften vergangener Zeiten.

Die porträtierten Frauen stehen aber nicht nur

für soziale Bewegungen und die politischen und gesellschaftlichen

Kämpfe ihrer jeweiligen Zeit, sondern

sie stehen auch für die jeweilige Geschichte dieser

Stadt. In manchen Fällen eröffnete das künstlerische,

intellektuelle und politische Milieu der Großstadt

Wien Chancen für Frauen. Es gab aber auch Zeiten,

in denen für Frauen vieles verunmöglicht und verhindert

wurde – sei es für politische Aktivistinnen, für

Jüdinnen, für Romni, für Lesben und viele andere.

Diese Frauen und ihren Einsatz zu würdigen

ist das Anliegen der Galerie. Und die Arkaden des

Wiener Rathauses reichen nicht aus, all jene außergewöhnlichen

Frauen vorzustellen, die vor dem Vergessen

bewahrt und deren Schaffen und Wirken sichtbar

gemacht werden sollten. 2

Die Galerie „Wien. Stadt der Großen Töchter“ kann jedes

Jahr rund um den Frauentag am 8. März im Arkadenhof des

Wiener Rathauses besucht werden.

Das Frauenservice Wien (MA 57) hat mit dem Projekt „Frauen

sichtbar machen“ Frauen und ihre Leistungen in Bereichen

wie Kultur, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Soziales in

das öffentliche Bewusstsein gerufen. Die Forderungen und

die Lebenswelten von Frauen und Mädchen in Wien werden

mit Publikationen, Studien, Events und dem Einsatz neuer

Medien sichtbar gemacht. www.frauen.wien.at

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 87


Von Renate Welsh

Dorothea, die Lebensretterin

Wie es gewesen sein muss, unter dem Einsatz

des eigenen Lebens jemanden vor dem Tod zu

bewahren, schildert diese Geschichte über die

Schauspielerin Dorothea Neff und ihre Freundin

Lilli Wolff.

Ich bin nicht dabei gewesen, und dennoch meine ich,

diese Küche vor mir zu sehen, einen leichten Petroleumgeruch

zu riechen, der nicht hineinpasst. Ich sehe eine

weiße Kredenz mit Kathedralglas und gedrechselten Säulen,

weiße Fliesen mit kobaltblauem Fries, feine Haarrisse

in den Bodenkacheln.

Zwei Frauen knien neben einer Küchenwaage,

groß und dunkel die eine, klein und rothaarig die andere.

Dorothea Neff und Lilli Wolff. Die Messingschalen

blinken. Ringsum ist ein seltsames Gewirr von Dingen

ausgebreitet: gefütterte Schaftstiefel, ein Petroleumkocher,

ein kleiner Aluminiumtopf, Schichtseife, Wanzensalbe,

warme Unterwäsche, Handtücher, zwei Paar

dicke Wollfäustlinge, drei Dosen Biomalz, eine weiche

gestrickte Decke ...

Die Schaftstiefel waren nicht leicht abzuwiegen.

Immer wieder kippte der Schaft in die falsche Richtung.

600 Gramm pro Stiefel? oder doch nur 450?

Dorothea Neff machte eine genaue Liste, in die

rechte Kolonne schrieb sie die Gewichte.

„Wir sind schon bei ... 28 Kilo fast. Und was da noch

alles liegt“, könnte Lilli Wolff gesagt haben. „Meinst du

wirklich, dass ich einen Kocher brauchen werde?“

„Doch. Gerade den.“

Sie sortierten Allernotwendigstes auf einen Stapel, nur

Notwendiges auf einen anderen. Auch das Allernotwendigste

wog mehr als die erlaubten zwanzig Kilogramm.

Dorothea Neff war so zufrieden gewesen, als sie die

Stiefel und den Kocher im Schleichhandel erstanden hatte,

um teures Geld. Sie wollte Lilli das Leben so weit wie

möglich erleichtern.

Noch wusste man nicht, was eine Jüdin im Lager

erwarten würde, aber man wusste, dass es furchtbar war.

88

Man hatte gesehen, wie Juden den Gehsteig mit Zahnbürsten

säubern mussten. Man hatte gesehen, wie alte

Männer an den Schläfenlocken hochgerissen wurden.

Man hatte gesehen, wie der Hass die Gesichter braver

Bürger zu Fratzen verzerrte. Man hatte die sich überschlagenden

Stimmen Hitlers, Goebbels’ und der anderen im

Radio gehört, wenn sie über „Volksschädlinge“ geiferten.

Man hatte flüstern gehört über die Vernehmungsmethoden

der Gestapo.

Novemberregen klatschte gegen die Fensterscheiben.

Die Frauen fröstelte. Dorothea Neff stand auf,

knipste die Lampe an. Im Lichtkegel wirkte das Sammelsurium

auf dem Fußboden noch absurder.

Lilli Wolff begann, Dinge in den Rucksack zu stopfen.

Irgendwie. „Ich glaube, ich nehme den heute schon

mit. Man kann nie wissen. Vielleicht holen sie uns schon

morgen Früh.“

So könne man nicht packen, ereiferte sich Dorothea Neff.

Lilli zuckte mit den Schultern. Sie müsse bald zurück in die

Wohnung im zweiten Bezirk. Die Kontrollen ...

Dorothea Neff nahm alles aus dem Rucksack, packte

sorgfältig, schob die weiche Decke so, dass nichts

drückte, wenn die kleine zierliche Lilli den Rucksack

trug. Zwanzig Kilogramm.

Viel zu wenig, und doch viel zu schwer zu schleppen

für eine Frau, die nur ein Viertel Magen hatte.

Die Wollstrümpfe mussten unbedingt noch hinein.

Und die Schmerztabletten.

Dorothea Neff blickte auf, sah das graue, müde

Profil Lillis. Fünfundvierzig Jahre alt war sie, heute sah

sie aus wie siebzig. Sie, die immer gestrahlt hatte, war

glanzlos geworden, sie, die Tüchtige, ließ alles mit sich

geschehen.

Wie sie den Nacken über den Rucksack beugte.

Diese Ergebenheit, diese grauenvolle Ergebenheit.

Wo war die Frau geblieben, die eines der besten Modeateliers

in Köln geführt hatte, die für ihren Schick bekannt

war, die auflebte am Theater und voll Begeisterung

die Kostüme für moderne Stücke entwarf?

Strähnig hingen ihr die Haare ins Gesicht.

Wut gegen die brutale Macht, der dieser wehrlose

Mensch ausgeliefert war, würgte Dorothea Neff, Mitleid

überschwemmte sie. Sie griff nach Lillis Hand.

DAS JÜDISCHE ECHO


Die Wiener Schauspielerin Dorothea Neff wurde für ihre Heldentat mit der Medaille von Yad Vashem als

„Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet

FOTOS: CHRISTOPHER MAVRIC, PICTUREDESK/SCHEIDL

„Schluss damit. Räum das Zeug weg, das ist alles unsinnig,

du gehst heute Abend nicht dorthin zurück, du

bleibst bei mir, jetzt und weiterhin.“

Wer hatte das gesagt?

Sie selbst natürlich. Wer sonst?

Dorothea Neff atmete aus. Der Würgegriff an ihrer

Kehle lockerte sich.

Man hörte das leise Sirren im Glühfaden der Lampe.

Lilli wandte Dorothea Neff ihr Gesicht zu, langsam

wie in Zeitlupe. Aufgerissene Augen, grotesk geweitete

Nasenlöcher, zitternde, eingefallene Wangen. Langsam

öffnete sich der Mund und brachte kein Wort heraus. als

ihr die Tränen über die Wangen liefen, versuchte sie zu

lächeln.

In dieser Nacht schlief Lilli tief und fest, eingerollt

wie ein Kind, das Kopfkissen im Arm.

Dorothea Neff lag wach.

Nicht dass sie bereute, ihrem Gefühl gefolgt zu sein.

Aber sie wusste, dass sie von jetzt an jeden Schritt genau

überlegen musste. Sie wusste, welches Risiko sie eingegangen

war.

Sie wusste, dass sie von heute an ganz auf sich gestellt

sein würde.

Morgen würde sie in die Ferdinandgasse im zweiten Wiener

Gemeindebezirk gehen, in die Wohnung, wo Lilli

als Untermieterin einer jüdischen Familie eingewiesen

worden war. Jeden Morgen hatte Dorothea Neff sie an

der Schwedenbrücke abgeholt, Lilli hatte den Davidstern

von ihrem Mantel entfernt, und sie waren in die Annagasse

gegangen. Abends war Lilli rechtzeitig zur Kontrolle

zurück gewesen.

Bei ihren Besuchen in der Ferdinandgasse hatte Dorothea

Neff sich als Bibliothekarin ausgegeben, hatte die

Brille aufgesetzt, die sie sonst nie trug, trotz ihrer hochgradigen

Kurzsichtigkeit, weil sie fürchtete, ihre Augen

könnten auf der Bühne ausdruckslos wirken. Sie hatte

sich mit dem Namen ihres verstorbenen Mannes als Antonia

Schmid vorgestellt. Morgen also würde sie hingehen

und nach Lilli fragen. Sie würde Erstaunen zeigen

über Lillis Abwesenheit und damit ihre Spur verwischen.

Mit großer Wahrscheinlichkeit würde man annehmen,

dass Lilli wie so viele Juden in diesen Tagen Selbstmord

begangen hatte.

Das war noch verhältnismäßig einfach. Das traute

sie sich zu. Schließlich war sie Schauspielerin.

Aber dann?

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 89


Andrea Eckert (r.) als „Dorothea Neff“ und Martina Stilp als

„Lilli Wolf“ in Felix Mitterers Stück „Du bleibst bei mir“ im

Volkstheater (2011)

«Sie durfte keine spitzen Bemerkungen

mehr machen, keine Witze gegen die

Nazis weitererzählen, sie durfte keine

unerwünschten Reaktionen zeigen.»

Als Lilli plötzlich vor der Tür stand und dann einige Zeit

illegal in der Annagasse wohnte, hatten sie erlebt, wie

schwer es war, mit einer Lebensmittelkarte auszukommen.

Sie hatten Schmuck versetzt und Kleider verkauft.

Ein schönes Kleid hatte immerhin ein Dutzend Eier

eingebracht. Letzten Endes hatten sie Lilli wegen der

Lebensmittelkarten angemeldet, obwohl Juden damals

schon fast nichts darauf bekamen.

Wovon sollten sie jetzt zubessern? Die Gage am

Volkstheater war nicht hoch genug, um Schwarzmarktpreise

zu bezahlen. Vor allem aber: Wie lange würde es

dauern? Jeden Tag kamen neue Siegesmeldungen. Hitlers

Truppen rückten in Russland vor, Polen, Dänemark,

Norwegen, Holland, ein Teil Frankreichs, Belgien, Serbien

und Griechenland waren von den Deutschen besetzt.

Ein Ende war nicht abzusehen.

Dorothea Neff konnte nicht wissen, dass es dreieinhalb

Jahre werden würden. Dreieinhalb Jahre, in denen

die Gefahr von Tag zu Tag wuchs; weil die Brutalität der

Nazis immer noch zunahm. Das Abhören eines „Feindsenders“

konnte 1945 das Leben kosten.

Sie wusste, dass sie mit diesem Schritt die volle Verantwortung

für einen anderen Menschen übernommen

hatte, wusste, dass dieser Mensch jetzt schon gebrochen

war. Wie würde Lilli die Isolation ertragen? Ihre Arbeit war

Inhalt ihres Lebens gewesen. Wie würde sie die erzwungene

Untätigkeit verkraften? Die totale Abhängigkeit?

Irgendwo im Haus tönten Schritte.

Dorothea Neff saß aufrecht im Bett, bevor ihr bewusst

war, dass sie sich bewegt hatte.

Kamen sie jetzt schon?

Jeder Herzschlag schmerzte.

Niederlegen, befahl sie sich. Ausstrecken. Entspannen.

Nerven sind von jetzt an verboten. Ruhig. Ganz ruhig.

Sie war sich klar darüber, dass sie etwas für sie sehr

Kostbares aufgegeben hatte: ihre Unabhängigkeit, die

Möglichkeit, sich völlig zurückzuziehen, allein zu sein.

Sie ahnte, dass es schwer sein würde, nach einem anstrengenden

Tag am Theater nach Hause zu kommen, nur

noch abschalten zu wollen, und der Gier eines Menschen

nach draußen, nach Welt, ausgeliefert zu sein. Sie wusste

noch nicht, dass sie manchmal tagelang nicht miteinander

sprechen würden, dass ihr Lillis Gegenwart im Nebenzimmer

unerträglich sein würde, wusste noch nicht,

wie entsetzlich die Folgen sind, wenn einem Menschen

jahrelang eingehämmert wurde, er sei minderwertig, wie

furchtbar die daraus entstehende Bedürftigkeit auslaugen

kann, jede spontane Regung unmöglich machen muss.

Was sie wusste, genügte, um sie am Einschlafen zu

hindern.

Drei Uhr früh.

Die Gedanken dröhnten in ihrem Kopf.

So laut durfte sie nun nicht mehr denken.

Sie durfte auch keine spitzen Bemerkungen mehr

machen, keine Witze gegen die Nazis weitererzählen,

keine unerwünschten Reaktionen zeigen. Sie musste sich

jede Minute des Tages voll in der Gewalt haben. Hatte

die Hausmeisterin sie mit Lilli hereingehen sehen? Die

Hausmeisterin war eine glühende Anhängerin der Nazis.

Sie könnte Verdacht schöpfen. Dorothea Neff beschloss,

der Hausmeisterin zu sagen, dass eine ausgebombte

Freundin gelegentlich bei ihr sein würde. Von den Hausparteien

auf ihrer Stiege war wenig zu fürchten.

Freundin? War Lilli nicht eher eine Bekannte?

Wie wenig man einen Menschen kannte, den man

als Bekannten bezeichnen würde. Wie ungenau Sprache

benützt wurde.

Jedenfalls waren sie verschieden, sehr verschieden.

Vielleicht war das ein Vorteil. Vielleicht war es einfacher,

mit einem Gegenbild als mit einem Spiegelbild eingesperrt

zu sein.

Egal, die Entscheidung war getroffen.

Und sie war richtig.

Was aber, wenn Lilli krank wurde? In letzter Zeit

hatte sie oft die Hände auf den Magen gepresst. Schweißperlen

waren ihr auf der Stirn gestanden. Wenn das Magengeschwür

wieder aufbrach? Eine neue Operation notwendig

wurde?

Fortsetzung S. 92

FOTOS: PICTUREDESK/HERBERT NEUBAUER, VOTAVA/IMAGNO

90

DAS JÜDISCHE ECHO


Legendäre Gestalt des Theaterlebens

Dorothea Neff wurde am 21. Februar 1903 in München

geboren, als Tochter eines Gymnasiallehrers,

der seinen Kindern die Geborgenheit geben wollte,

die er vermisst hatte, und einer Mutter, die ihren für

die Ehe aufgegebenen Klavier- und Gesangsstudien

nachtrauerte, Schwester eines pazifistisch gesinnten,

elf Jahre älteren Bruders, ab 1921 Elevin an den

Bayrischen Staatstheatern, Schauspielerin in Gera,

Aachen, München, Köln, Königsberg, Wien, für viele

die Mutter Courage, die Elisabeth in „Maria Stuart“, die

Alte Dame schlechthin – all das definiert sie nicht. Der

Regisseur Leopold Lindtberg sagte über sie: „Dorothea

Neff, die nun fast Achtzigjährige, seit Jahren erblindete

Charakterdarstellerin des Wiener Volkstheaters ist

eine legendäre Gestalt des österreichischen Theaterlebens.

Wenn nach Vorbildern für jüngere Generationen

von Künstlern gesucht wird, muss Dorothea Neff an

herausragender Stelle genannt werden. Ich hatte den

Vorzug, mit ihr zu einer Zeit arbeiten zu dürfen, als

sie noch im Besitz ihres Augenlichts war. In den folgenden

Jahren konnte ich beobachten, wie sich ihre

Gestaltungskraft und ihre Fantasie durch den Ausfall

der kostbarsten Fähigkeit, welche die Natur dem Menschen

verliehen hat, nicht gemindert, sondern auf

bewundernswerte Weise gesteigert haben.

Was Dorothea Neff dazu befähigt hat, ist ihre Einstellung

zum Leben, ist vor allem der Mut, mit dem sie

sich ihrem Schicksal als Künstlerin und als Mensch

gestellt hat. Was in ihrem Beruf als Kühnheit der

Dorothea Neff 1963 bei der Verleihung der Josef-Kainz-

Medaille, gemeinsam mit Josef Meinrad (r.) und dem

Regisseur Heinrich Schnitzler

Fantasie hervortrat, hat sie in ihrem Leben durch Zivilcourage

bewährt: Zu einer Zeit, da eine solche Tat die

Gefährdung des eigenen Lebens bedeutete – in den

Jahren von 1939 bis 1945 – hat sie einem ihr nahestehenden

Menschen, den sie unter abenteuerlichen

Umständen als ,U-Boot‘ bei sich versteckt hielt, das

Leben gerettet. Eine Frau, die auf solche Art ihr Leben

zu einem imponierenden Kunstwerk gestaltet hat, verdient

den höchsten Respekt ihrer Mitmenschen. Hier

– und fast möchte man meinen – nur hier offenbaren

sich Qualitäten, mit denen es vielleicht schon in naher

Zukunft möglich sein wird, den Kampf um den Frieden

zu gewinnen.“

1980 wurde Dorothea Neff die Ehrenurkunde und

Medaille von Yad Vashem verliehen, der Jerusalemer

Gedächtnisstätte für die Opfer des Holocaust. Burgtheaterdirektor

Achim Benning erklärte bei der Feier

im Wiener Akademietheater: „Ich möchte dir sagen,

dass wir, die wir uns dem Theater gewidmet haben, in

dir ein verpflichtendes Vorbild sehen, weil das Gesetz

der Menschlichkeit und der entschlossenen Wahrhaftigkeit,

unter dem dein Leben stand und steht, auch

deine Kunst bestimmt hat. Diese Einheit, die nie von

biografischen Zufälligkeiten beschädigt worden ist,

bewundern wir zutiefst.“

Auf der Medaille von Yad Vashem stehen die

Worte: „Wer einmal ein Leben rettet, rettet die ganze

Welt.“

In ihrer Dankrede sagte Dorothea Neff: „Das Weiterreichen

von Hilfe wäre eine tröstliche Antwort auf

die Frage nach dem Sinn des Lebens.“

Karl Paryla schrieb über sie: „Die Dorothea Neff

wird von Freunden ,Dorli‘ genannt, denn obwohl sie

eine imponierende Dame und große Gestalterin

bedeutsamer Personen ist, hat sie die seltene Eigenschaft

(bei Schauspielern) des unvermittelt zärtlich

Geliebtwerdens, weil sie ungewöhnlich liebenswert ist

– daher Dorli!“ Dorothea Neff ist 1986 in Wien gestorben.

In dem Gespräch, das ich im Juni 1987 mit Eva

Zilcher führen durfte, spürte ich bei jedem Satz, dass

hier die Frau sprach, die jahrelang die Augen der Dorothea

Neff gewesen war, dass die lebendige Gegenwart

eines Menschen nicht mit seinem Tod aufhören muss

und dass die Fähigkeit des zärtlich Geliebtwerdens

nicht ein Jahr zuvor in einem Ehrengrab der Stadt Wien

begraben worden war.

Renate Welsh

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 91


Das sollte 1944 der Fall sein, allerdings würde es nicht

der Magen sein, sondern ein Geschwür in der Brust,

und eine lebensbedrohende Blutarmut dazu. Äußerlich

kühl und überlegt würde Dorothea Neff nach weiteren

durchwachten Nächten Lilli in die Klinik bringen, sie

vorstellen als Antonia Schmid, die nach einem Bombenangriff

alles, auch sämtliche Dokumente verloren hatte.

Die Schwester in der Aufnahme würde Dorothea Neff

voll Begeisterung auf ihre schauspielerische Leistung

als Königin Gertrude in Grillparzers „Ein treuer Diener

seines Herren“ ansprechen, sich über die angebotenen

Freikarten freuen und die Patientin kaum beachten.

Lilli würde sich in der Narkose nicht verplappern, und

die Nachbarin würde die Leckerbissen mit ihr teilen, die

Verwandte vom Land brachten, und dabei pausenlos

über die Juden schimpfen.

Das alles wusste Dorothea Neff damals noch nicht.

Sie verbot sich, an die Möglichkeit zu denken, dass Lilli

ernstlich krank werden könnte.

Noch etwas durfte nicht geschehen: Es durfte niemand

in die Wohnung eingewiesen werden. Morgen

musste sie vor der Probe in die Ferdinandgasse gehen,

aber gleich übermorgen würde sie der Sekretärin Baldur

von Schirachs eine Bonbonniere bringen und zwei Theaterkarten.

Dann würde die hoffentlich einsehen, dass

eine Schauspielerin ein Arbeitszimmer brauchte.

Es kam nur darauf an, alles zu bedenken, gewappnet

zu sein. Warum nur fror sie so?

Sie zog die Decke über den Kopf, atmete sich eine

warme Höhle.

Normal musste sie sich benehmen. Völlig normal.

Fast hätte sie aufgelacht.

Normal in dieser Zeit? Was hieß jetzt normal?

Jedenfalls durfte sie sich nicht verkriechen. Das

würde auffallen. Am Theater wurde getratscht, immer

schon, und jetzt konnte der harmloseste Klatsch tödliche

Folgen haben. Also musste sie Kollegen einladen. Und

Lilli inzwischen verstecken.

Es würde ja nicht lange dauern.

Es durfte nicht lange dauern.

Ihre Knochen schmerzten wie bei einer schweren

Grippe, jedes Gelenk war steif.

Sie knipste die Nachttischlampe an.

In einer Stunde konnte sie aufstehen, heiß baden,

ohne die Nachbarn zu stören.

Beim Frühstück fühlte sie Lillis fragend flackernden

Blick. Sie nickte ihr zu. „Übrigens“, sagte sie, „mein

blaues Kleid ist zu weit geworden. Wenn du das enger

machen könntest, das wäre großartig.“

So ähnlich kann es gewesen sein.

Oder auch ganz anders.

Tatsache ist, dass Dorothea Neff Lilli Wolff bis 1945

versteckte, die Lebensmittel mit ihr teilte, die kaum für

einen Menschen genügten, ihr Mut zusprach, auch wenn

sie selbst keinen mehr hatte. Wie oft klammerte sie sich

92

nur daran fest, dass sie sich sagte: Wenn ich den Tag überlebt

habe, werde ich auch die nächste Stunde überstehen.

Es war selbstverständlich, würde sie irgendwann sagen,

viel später, als alles vorbei war. Wie schwer das Selbstverständliche

war, davon sprach sie kaum. Im Nachhinein

war der Schrecken sogar noch größer, weil man mehr

wusste.

Manchmal meinte Dorothea Neff ersticken zu müssen

an ihrem Geheimnis. Bis 1944 die Theater geschlossen

wurden und die gefeierte Schauspielerin in eine Uniformschneiderei

abkommandiert wurde. Neben ihr kam

eine junge Kollegin zu sitzen, die gerade rechtzeitig an

die Josefstadt engagiert wurde, um in Wien und nicht in

Graz Uniformhemden nähen zu müssen.

Eva Zilcher hatte Dorothea Neff schon lange verehrt.

Jetzt kam zur Bewunderung Mitleid mit dieser

Frau, die bei einer Größe von 1,76 auf 45 Kilogramm

abgemagert war. Eva Zilcher, deren Mutter eine großartige

Organisatorin war, brachte einen Apfel, ein Stück

Kuchen, eine Buchtel mit, war ein wenig enttäuscht, dass

Dorothea Neff sich zwar sehr herzlich bedankte, aber die

Geschenke nie in der Frühstückspause aß, sondern einpackte

und in die Tasche steckte. Als sie endlich den Mut

fasste, nach dem Grund zu fragen, forderte Dorothea

Neff sie auf, draußen mit ihr eine Zigarette zu rauchen.

In eine Ecke gedrückt erzählte sie von Lilli.

„Wieso hast du dich getraut, mir das zu sagen?“,

fragte Eva Zilcher erschüttert.

„Ich habe deine Augen gesehen“, antwortete Dorothea

Neff. „Ich bin so glücklich, endlich einen Menschen

gefunden zu haben, dem ich’s sagen kann.“

Von dem Tag an wurden zwei Lebensmittelrationen

auf drei Frauen aufgeteilt. Nicht dass von nun an alles

einfach gewesen wäre.

Aber Dorothea Neff war nicht mehr allein. Sie würde

nie mehr allein sein. 2

Auszug aus dem Buch „In die Waagschale geworfen“, Abdruck

mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.

Lesetipp:

Renate Welsh

In die Waagschale geworfen

Geschichten über den Widerstand

gegen Hitler

Czernin-Verlag, 2019

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Anna Goldenberg

Im Zweifel für den Zweifel

FOTOS: HERIBERT CORN, PARLAMENTSDIREKTION/JOHANNES ZINNER

Vor einem Jahr veröffentlichte die Autorin ein

Buch über ihre Großeltern, die den Holocaust

überlebten. Ist die Geschichte zu Ende erzählt?

„Sie sind eher zurückhaltend“, urteilt der ausländische

Journalist. Gerade hat er mich gefragt, welche Parallelen

ich sehe zwischen dem, was mir meine Großeltern

über die NS-Zeit erzählt haben, und dem, was gerade in

Österreich geschieht. Meine Antworten sind zögerlich:

Antisemitismus gibt es, nur wurde ich als Jüdin noch nie

persönlich angegriffen. Dass die rechte FPÖ zu diesem

Zeitpunkt eine Regierungspartei ist, sehe ich kritisch,

aber fühle ich mich deshalb unwohl in Österreich? Hm.

Der Journalist scheint ein wenig enttäuscht.

Es ist Sommer 2018, seit wenigen Tagen ist mein

Buch „Versteckte Jahre. Der Mann, der meinen Großvater

rettete“ am Markt. Fast drei Jahre habe ich daran gearbeitet,

die Geschichte meiner beiden Großeltern recherchiert

und aufgeschrieben. Es geht um Hansi, Jahrgang

1925, der den Holocaust beim Kinderarzt Josef „Pepi“

Feldner in Wien versteckt überlebte, und Helga, 1929

geboren, die mit 14 Jahren in das Konzentrationslager

Theresienstadt deportiert wurde. Die Großeltern lernten

sich im Herbst 1945 an ihrem Geburtsort Wien kennen.

Zehn Jahre später zogen die Jungärzte in die Vereinigten

Staaten, kehrten allerdings nach einem Jahr wieder zurück.

Die Frage, warum sie sich für Österreich entschieden,

bildet den Rahmen des Buches.

Ich finde darauf keine eindeutige Antwort. Zu

behaupten, Hansi und Helga hätten sich mit Wien

versöhnt, wäre nicht richtig. Auch nicht, dass es nur

praktische Gründe waren – das Leben im vertrauten

Land einfacher, die überlebende Familie näher. Es ist

nicht die einzige Frage, auf die ich keine klare Antwort

habe. Warum hat Pepi Hansi gerettet? Ich habe Vermutungen:

Stets Einzelgänger, hatte er keine Angst vor

Schmerzen, zudem war es ihm egal, was andere von ihm

dachten. Was ihn genau dazu bewogen hat, werde ich

jedoch nie wissen. Pepi starb lange, bevor ich auf die

Welt kam.

Diese Überlegungen, meine Zweifel aufzuschreiben ist

mir leichtgefallen. Wenn ich sie allerdings in Interviews

oder bei Lesungen erklären soll, stocke ich oft. Mit der

Zeit werde ich geübter darin, meine Unsicherheit zu formulieren.

Die Zuhörer scheinen dennoch enttäuscht,

wie der ausländische Journalist, der sich wohl Aussagen

für eine gute Titelzeile erhoffte.

Manchmal zweifle ich an mir selbst. Ich fühle mich

ertappt. Vielleicht habe ich einfach nicht genug darüber

nachgedacht, die falschen Bücher gelesen, nicht die richtigen

Leute befragt, denke ich dann. Vielleicht gäbe es

Antworten, wenn ich mich noch ein bisschen mehr angestrengt

hätte. Ich möchte mein Buch weiterschreiben

– nicht nur, um meine Unsicherheit zu überwinden.

In den Jahren der Entstehung war das Buch ein

wichtiger Anker in meinem Leben gewesen. Als ich mit

dem Verlag in Kontakt trat, lebte ich noch in New York.

Unglücklich und einsam in der amerikanischen Metropole,

wollte ich nach drei Jahren zurück nach Wien. Es

fühlte sich wie eine Niederlage an, weil es in New York

Anna Goldenberg und ihre Großmutter Helga Feldner-Bustin bei der

Präsentation von „Versteckte Jahre“ im Parlament, 3.12.2018

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 93


Retter und Sohn: Pepi Feldner, eine Verwandte und Goldenbergs Großvater Hansi (linkes Bild), Pepi und Hansi, ca. 1945

Lesetipp:

Anna Goldenberg

Versteckte Jahre.

Der Mann, der meinen

Großvater rettete

Paul Zsolnay Verlag, 2018

allen anderen gutzugehen schien. Der Buchvertrag rettete

mich: Über die eigene Familie schreiben, das geht

besser, wenn man bei ihr ist, etwa, um die Großmutter zu

interviewen oder die österreichischen Archive zu durchstöbern.

Und überhaupt, mit 25 Jahren einen Buchvertrag.

Wohlwollendes Nicken, wenige wollten wissen, was

in New York geschehen war. Gut so.

Wir waren uns nahe, das Manuskript und ich, verbrachten

viel Zeit zu zweit. Wann immer es mir schwerfiel,

mich wieder in Wien, der Stadt, in der ich geboren und aufgewachsen

war, einzufinden, tröstete es mich. „Tagebuch“

hatte ich den Ordner in meinem Computer benannt, da

ein Artikel über die Geschichte meines Großvaters Hansi

den Titel „Das Tagebuch des Hansi Bustin“ trug. Im Mai

2015 hatte ich ihn in der Wochenzeitung „Falter“ veröffentlicht;

so war der Verlag auf mich aufmerksam geworden.

Das „Tagebuch“ und ich, wir glaubten aneinander.

Mit ihm war es nie langweilig und einsam.

Im Juli 2018 wird das „Tagebuch“ zum Buch. Von

der Buchpräsentation und den Interviewterminen habe ich

geträumt, mich auf die Aufmerksamkeit gefreut. Die erste

Zeit ist so, wie ich sie mir vorgestellt habe. Das Buch verkauft

sich besser als erwartet, wird in den Medien freundlich

besprochen, zu meinen Lesungen kommen Menschen,

die ich schon lange nicht gesehen habe. Das Interesse ist

ehrlich, ich bin zufrieden. Das Werk ist vollbracht.

Als die Monate vergehen, kommen andere Gefühle

dazu. Wo das Buch ein enger Partner war, ist nun Leere.

Daraus vorzulesen, über die Inhalte zu diskutieren, Lob

und Kritik zu erhalten, das ist schön, doch die Konversationen

fehlen mir – jene mit dem „Tagebuch“. Ich hatte

mit den Figuren gesprochen und ihnen Details abgerungen,

mit dem Text verhandelt und um Formulierungen

gekämpft. Mit den Seiten des „Tagebuchs“ war auch ich

gewachsen. Das Manuskript, das sich über die Jahre veränderte

‒ mal war es ausführlicher, mal trockener im Stil,

Szenen, Personen und Erläuterungen kamen und verschwanden

‒, ist nun starr und stumm.

Rastlosigkeit ist die Folge. Ich decke mich tagsüber

mit Arbeit ein und halte es abends kaum alleine aus. Ich

sehne mich nach den langen Nachmittagen in der Bibliothek

und den stillen Abenden am Schreibtisch zurück,

die das „Tagebuch“ und ich so friedlich und lustvoll miteinander

verbracht haben.

Jedes Mal, wenn jemand eine Antwort auf eine offene

Frage verlangt, flackert der Schmerz der Trennung

auf. Gib mir ein paar Monate, ich möchte noch einmal

darüber nachdenken, warum Pepi meinen Großvater gerettet

haben könnte, will ich antworten. Dann schreibe

ich das Buch weiter.

Aber nein. Die unbeantworteten Fragen sind ein

wichtiger Teil der Geschichte, gerade weil sie verunsichern,

die Leser genauso wie mich selbst. Sie zwingen

dazu, weiter nachzudenken. Deshalb muss das Buch so

bleiben, wie es ist. Oder? 2

FOTOS: PRIVATES ARCHIV, BEIGESTELLT

94

DAS JÜDISCHE ECHO


Die Verteidigung

der Erinnerung

Von Anna Goldenberg (Text) und Luigi Toscano (Fotos)

„Dann hab ich losgelassen“

Seine Ausstellung mit Holocaust-Überlebenden

wurde zerstört. Der Fotograf Luigi Toscano erinnert

sich an die unglaublichen Vorfälle in Wien.

Es begann mit Ali. In Mannheim lernte Luigi Toscano

den Asylwerber aus dem Iran kennen. Ali lud den Fotografen

ein, ihn in seiner Unterkunft zu besuchen. Toscano,

heute 47, erinnert sich an das Elend. Beengt und

voller Ungeziefer. „Leute, euch muss man sehen“, dachte

Toscano damals. Er fotografierte alle Bewohner der

Flüchtlingsunterkunft und überzeugte die Betreiber der

Alten Feuerwache, eines Kulturzentrums, die großen Bilder

auf der Fassade aufzuhängen. 2014 war das, und das

Echo überwältigend positiv.

Dann kam 2015 und die sogenannte „Flüchtlingskrise“.

Der Ton wurde rauer, und Toscano, selbst Sohn

sizilianischer Gastarbeiter, befand, er müsse etwas tun.

Da sich auch das Kriegsende zum siebzigsten Mal jährte,

beschloss er, Schoah-Überlebende zu fotografieren.

Alle Opfergruppen wollte er porträtieren und ihre Geschichten

erzählen. Zunächst verlief es schleppend, mehrere

Institutionen lehnten sein Konzept ab. „Wir wollen

nicht in die Vergangenheit investieren“, lautete eine der

Begründungen.

Bei einer Gedenkveranstaltung im Konzentrationslager

Sandhofen nahe Mannheim, wo Toscano lebt,

gelang es ihm schließlich, ehemalige Zwangsarbeiter zu

porträtieren. Dann nahm das Projekt seinen Lauf. Mittlerweile

hat Toscano rund 400 Überlebende fotografiert,

ist dafür in die Ukraine, nach Israel, in die USA und

nach Österreich gereist und hat die Wanderausstellung

„Gegen das Vergessen“ in 13 Städten gezeigt. Eine Million

Menschen haben die zwei Meter hohen Leinwände,

die an öffentlichen Orten ausgestellt werden, schon gesehen.

„Das hätte ich nie gedacht“, sagt Toscano.

Es ist Ende Juni 2019, die Ausstellung in Wien ist

bereits vorbei. Drei Wochen lang waren die Bilder auf

der Ringstraße nahe dem Heldenplatz zu sehen gewesen.

Toscano ist trotzdem da. Der Grund dafür ist traurig

und hoffnungsvoll zugleich. Die Fotos waren in Wien

mit Hakenkreuzen beschmiert und durch Schnitte beschädigt

worden. Engagierte Menschen hatten die Bilder

Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Fotograf Luigi

Toscano bei der Ausstellung am Ring in Wien, Mai 2019

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 95


Lisl Bogart, 1926 in Prag geboren, 1942 nach Theresienstadt deportiert, überstand Zwangsarbeit und Typhus. Sie lebt in den USA

96

DAS JÜDISCHE ECHO


Rena Finder, 1929 in Krakau geboren, fand Zuflucht in Oskar Schindlers Fabrik Emalia. Sie lebt heute in den USA

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 97


Susan Cernyak Spatz, 1922 in Wien geboren, überlebte Theresienstadt, Auschwitz und Ravensbrück. Sie lebt in den USA

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DAS JÜDISCHE ECHO


ALLE PORTRÄTS: LUIGI TOSCANO/LUIGI-TOSCANO-PRODUCTION.COM

Ruth S. Stern, 1930 in Berlin geboren, war mehrere Jahre im Internierungslager in Kasba Tabdla im Vichy-Frankreich, heute Marokko, interniert

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 99


repariert und eine Mahnwache gebildet, eine Woche lang

rund um die Uhr bei den Leinwänden ausgeharrt. Die

Zerstörungen und der darauffolgende Aktivismus hatten

weltweit für Schlagzeilen gesorgt. Nun, einen Monat

später, gibt es ein Fest, um sich bei den Beteiligten zu

bedanken.

Als Toscano von den Zerstörungen erfuhr, saß er gerade

im Taxi. Er war nach Wien gereist, um bei den letzten

Tagen der Ausstellung dabei zu sein und die Bilder

dann abzubauen. Toscano hat drei Lager, in der Ukraine,

in Mannheim und in Philadelphia, um die Transportkosten

gering zu halten, wenn die Fotos auf Reisen gehen.

„Gegen das Vergessen“ ist mittlerweile zu Toscanos

Vollzeitjob geworden, noch immer fotografiert er Überlebende,

bemüht sich um Kooperationspartner in neuen

Städten und Ländern. In Wien war die Organisation

Esra maßgeblich daran beteiligt, die Ausstellung möglich

zu machen. In jeder Stadt versucht Toscano, Bilder von

Menschen zu zeigen, die einen Bezug zu dem Ort haben.

Als Toscano auf seinem Handy die Fotos von den

zerschnittenen Leinwänden sah, bat er den Taxifahrer,

seine Route zu ändern. Statt ins Hotel fuhr er sofort zum

Ring. „Ich war wütend“, sagt er. „Österreich, was ist los

mit dir???? Weder die Polizei noch das österreichische

Innenministerium sind in der Lage, Schutz zu leisten“,

postete er am 27. Mai 2019 auf seiner Facebook-Seite.

Toscano stand fassungslos vor seinen Bildern.

Angst, dass so etwas passieren würde, hatte er immer

gehabt. „Aber mit dieser Wucht und mehrfach, das hat

uns erschlagen“, erzählt er. Einer Studentin, die weinend

versuchte, mit einem Klebeband die Bilder zu reparieren,

begegnete er noch schroff, erinnert er sich. „Das

sind meine Bilder, lass das“, sagte er. Doch dann kamen

immer mehr Menschen, darunter Mitglieder der Muslimischen

Jugend, der YoungCaritas und der Jüdischen österreichischen

HochschülerInnen. Sie nähten die Bilder

zusammen, legten Blumen nieder, weinten, sangen und

bauten schließlich Zelte auf, um die Ausstellung rund

um die Uhr zu bewachen. „Dann hab ich losgelassen“,

sagt Toscano, „es war so schön und zugleich traurig zuzuschauen.“

Eine Woche lang dauerte die Mahnwache an,

dann war die Ausstellung zu Ende. Da es in den Ramadan

fiel, gab es nach Sonnenuntergang ein gemeinsames

interreligiöses Fastenbrechen.

Toscano erzählt gerne von der Mahnwache, davon,

wie sehr ihn das Engagement der jungen Muslime berührte,

wie überwältigt er war, als das Haus der Geschichte

anfragte, ob die beschädigten Bilder in ihre Sammlung

aufgenommen werden könnten, und wie unerwartet es

ihn traf, dass Bundespräsident Alexander Van der Bellen

die Ausstellung ein weiteres Mal besuchte.

Am liebsten aber spricht Toscano von seiner Arbeit,

den Begegnungen mit Überlebenden. „Meine größte

Angst am Anfang war, etwas Falsches zu sagen“, meint

er. Toscano wusste über den Holocaust nur, was er in

der Schule gelernt hatte, und das war nicht viel. Er

war nicht in der „typischen italienischen Großfamilie“

groß geworden, sagt er, es gab Gewalt und Verwahrlosung.

Toscano, das älteste von sieben Kindern, wuchs

in Heimen auf, rutschte später in eine Drogenabhängigkeit.

Seit zwanzig Jahren ist er clean. Er jobbte viel,

als Dachdecker, Fensterputzer und Türsteher. Dann besuchte

er einen Fotografiekurs an der Volkshochschule

– und blieb dran, probierte viel aus und verbesserte seine

Technik.

Die Nähe, die Toscano zu den Menschen, die er

porträtiert, herstellt, spürt man in seinen Bildern. „Ich

habe keine Berührungsängste mit Menschen, die schlimme

Situationen überstanden haben“, sagt er. Vielleicht,

weil er selbst erlebt hat, wie sich das anfühlt. 2

100

DAS JÜDISCHE ECHO


Aus Religion

und Kultur

Von Oberrabbiner Arie Folger

Frauen im Judentum

FOTO: PRIVAT

Eva ist gleich viel wert wie Adam, dessen Name

ja „Mensch“ bedeutet. Ein jüdischer Ausblick

(Hashkafa) auf die Verhältnisse der Geschlechter.

Und Gott schuf den Menschen in Seinem Ebenbilde, im

Ebenbilde Gottes schuf er ihn; männlich und weiblich

schuf er sie. (Genesis 1:27)

Da sprach der Mensch: Das ist nun einmal Bein von

meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch! Die soll

Männin heißen; denn sie ist dem Mann entnommen!

Darum wird der Mensch seinen Vater und seine Mutter

verlassen und hänge seiner Frau an, dass sie zu einem

Fleische werden. (ebd. 2:23-24)

Der Status der Frau im Judentum und in anderen

traditionellen Konfessionen ist umstritten. Religionskritiker

betonen gerne Ausdrücke und Sprüche, die belegen

sollen, dass zu der einen oder anderen Konfession primitive

Auffassungen bezüglich Frauen gehören und deshalb

moderne Menschen sich nicht nach Religionen ausrichten

sollen, während Anhänger der jeweiligen Religionen

ihre Quellen gerne so auslegen, dass sie auch in modernen

Ohren relevant bleiben, ohne allerdings wichtigen

Lehren dieser oder jener Konfession zu widersprechen.

Beide Arten von Auslegungen wurden auch bezüglich

des Judentums angeboten.

Ob ein Leser nun eher die kritischen oder die apologetischen

Argumente akzeptiert, ist häufig nicht eine Folge

der Stärke der Argumente, sondern eher die Folge der

eigenen bereits bestehenden Neigungen. Intelligente,

weltoffene Leser lernen aber, diese eigenen prä-existierenden

Neigungen zu überwinden. In diesem Geiste

schlage ich den Lesern des „Jüdischen Echos“ vor, uns

mit einigen traditionellen jüdischen Quellen und Denkern

auseinanderzusetzen.

So eine Untersuchung bietet zwei besondere Vorteile:

Einerseits erlaubt sie uns, sich ein vollständigeres Bild

des Judentums zu formen, anderseits, gängige Denkmuster

zu durchbrechen und querzudenken. Obwohl manche

es so darstellen wollen, sind die Welt und das Leben

nicht zweipolig, schwarz und weiß, gut und schlecht,

klug und dumm (wobei die letzten zwei Gegensätze sehr

subjektiv sein können), sondern vielschichtig, vielfärbig

und komplex. Lösungen für gesellschaftliche Probleme

entstehen meistens nicht aus radikalen Angesichten, sondern

aus einer Anerkennung der Komplexität unserer

Welt. Hier bietet eine Religion wie das Judentum, in der

seit Jahrtausenden progressive und konservative Gedanken

einander mildern, ein wichtiges Gegengewicht zu

neuen Orthodoxien, die die Welt polarisieren.

Bevor wir uns mit den Quellen auseinandersetzen,

gehört es sich, die Auswahl der Quellen zu kommentieren.

Diese kommen aus der hebräischen Bibel, dem

Babylonischen Talmud, den Midraschim (Werken der

rabbinischen Exegese, die im ersten Jahrtausend der

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 101


bürgerlichen Zeitrechnung verfasst wurden) und den

Bibelkommentaren. Der Korpus ist enorm. Allein der

Babylonische Talmud besteht aus 2711 Folien, die in

37 Traktaten eingeteilt sind. In vielen Texten finden wir

kurze Zitate, die für den Status der Frau im Judentum

relevant sind. Da der Talmud in einem dialektischen

Stil verfasst wurde, sind viele dieser Zitate kurz und widersprüchlich,

denn aus der Begegnung und dem Vergleich

der verschiedenen Zitate leiten wir die rabbinische

Theologie ab. Dabei gibt es auch Zitate, die nur in ihrem

schriftlichen oder kulturellen Kontext sinnvoll interpretiert

werden können. Es ist durchaus möglich, einzelne

Zitate aus ihrem Zusammenhang zu reißen und so die

Sicht des Judentums zu einem beliebigen Thema zu manipulieren.

In diesem Artikel versuche ich bewusst, solche

falschen Darstellungen zu vermeiden.

Geschlecht ist bedeutend

Was zweifelsohne stimmt, ist, dass Geschlecht nach dem

Judentum bedeutend ist. Gott erschuf den Menschen

in zwei Geschlechtern, damit Mann mit Frau eine Einheit

bilden (Genesis 1:27, 2:24). Männer dürfen sich

nicht wie Frauen kleiden und Frauen nicht wie Männer

(Deuteronomium 22:5). Die Pflichten der Männer und

Frauen überlappen sich zum Teil, sind aber nicht identisch,

denn Frauen sind von verschiedenen „zeitgebundenen

Geboten“ befreit (Mischna Kidduschin 1:7; nicht

aber von „nicht-zeitgebundenen Geboten“ und erst recht

nicht von irgendwelchen Verboten, vor denen alle gleich

sind).

Das Judentum unterscheidet also zwischen Männern

und Frauen. Mann-Sein und Frau-Sein sind bedeutende

und entscheidende Begriffe, die Pflichten mit sich

bringen. Heißt das, dass Frauen im Judentum geringer

geschätzt werden? Dies ist zu bestreiten, denn zu viele

Quellen schätzen Frauen gleich wie Männer und preisen

Frauen für Tätigkeiten, die in anderen Gesellschaften erst

in der Moderne akzeptiert wurden.

Die Erschaffung der Geschlechter

Besonders bekannt ist die Auslegung der Erschaffung der

Frau aus dem schlummernden Mann (Genesis 2:21-22):

„Da ließ der Ewige, Gott-Allmächtiger, einen tiefen

Schlaf auf den Menschen fallen; und während er schlief,

nahm er eine seiner Rippen (Hebr.: Zäla’, pl. Zela’ot, seine

Z.: Zal’otaw) und verschloss deren Stelle mit Fleisch.

Und der Ewige, Gott-Allmächtiger, baute (Hebr.:

wajiwen) aus der Rippe, die er von dem Menschen genommen

hatte, ein Weib und brachte sie zu ihm.“

Im obigen Zitat wollen viele religionskritische Stimmen

eine Einstellung sehen, die Frauen grundsätzlich

102

den Männern unterordnet, denn die Frau wurde ja aus

einer Rippe des Mannes erschaffen, damit der Mann eine

Partnerin hat, also soll hier eine Einstellung bestehen, die

in der Frau ein zweitrangiges Geschöpf sieht. Was sagen

traditionelle Quellen dazu?

Traditionelle jüdische Quellen sind sich gar nicht

einig, dass die Frau aus einer Rippe erschaffen wurde.

So zitiert der Bibelkommentar Raschi (Genesis 1:27,

2:21) aus dem Midrasch Aggada, dass der Mensch anfänglich

zweigeschlechtlich war und dann in zwei geteilt

wurde, denn das hebräische Wort für Rippe, Zäla, heißt

auch „Seite“. Diese Auslegung wird bereits im Talmud

( Berachot 61a) gelehrt. Die gleiche Auslegung wird von

weiteren Bibelkommentaren – ohne Verweis auf irgendwelche

Alternativen – aufgeführt, wie etwa von Ibn

Esra 1 . So schrieb auch Rabbiner Samson Raphael Hirsch

(Genesis 2:21):

„… nicht wie beim Manne ward zum Leib der Frau

der Stoff von der Erde genommen. Eine Seite des Mannes

bildete Gott zur Frau, es ward der Mann gleichsam

geteilt und der eine Teil zur Frau gestaltet. (…) also, dass

das früher eine Geschöpf nun in zweien dastand und damit

die völlige Gleichheit der Frau für immer besiegelt.“

Allerdings erhielten Frauen in Österreich das Wahlrecht

erst dreißig Jahre nach dem Tod des Autors des obigen

Zitats.

Auf Basis des zweiten Verses des obigen Bibelzitats

(Genesis 2:22) lehrt der Talmud (Nidda 45a), dass Frauen

besonders verständnisvoll sind, denn das Verb bauen

(„und … baute aus der Rippe/Seite“), wajiwen, hat die

fast gleiche Wurzel wie das Wort für Verständnis, Bina. 2

Statt die Frau zu missachten und gering zu schätzen,

sieht der Talmud hier eine besondere Aufwertung der

Frau dem Mann gegenüber.

Bei der ersten Schilderung der Erschaffung des

Menschen (Genesis 1:27) wird vom Menschen im gleichen

Vers sowohl in der Einzahl als auch in der Mehrzahl

gesprochen. Das ist die Basis der obigen Lehre, dass der

Mensch anfänglich das Männliche und Weibliche in einem

doppelseitigen Wesen vereinte, das später in zwei

geteilt wurde. Auf Basis des gleichen Verses lehrt der

Talmud (Jewamot 63a), dass der Mensch erst „Mensch“

heißen kann, wenn Mann und Frau zusammen sind.

Erst mit der Ehe wird der Mensch vollständig; dann

lebt der Mensch im Ebenbild Gottes. Langzeit-Singles

mögen diese Lehre nur mit Mühe schlucken, aber statt

einer Geringschätzung der Frau finden wir nun in der

Schöpfungsgeschichte eine grundsätzliche Gleichheit

und Hochschätzung: Mann und Frau ergänzen einander

und alleine ist jeder von ihnen unvollständig.

So lehrte auch Rabbi Tanchum im Namen von Rabbi

Chanilai, dass jeder Mann, der keine Frau hat, weder

Freude noch Segen noch Güte kennt (ebd. 62b). 3

Alternativ betont ein Midrasch (Midrasch Aggada,

Genesis 5:1) auf Basis des gleichen Verses, dass die Frau

DAS JÜDISCHE ECHO


genau so sehr „Adam“ (Mensch) ist wie der Mann, und

betont damit die Gleichheit der Geschlechter.

Für Rabbiner Samson Raphael Hirsch stellt die

Frau in einem gewissen Sinne eine weitere Veredlung des

Menschen dar (Genesis 2:21):

„Die Weisen stellen auch alle Eigentümlichkeiten

der weiblichen Stimme, des weiblichen Charakters und

Temperaments sowie auch die frühere geistige Reife der

Frau im Zusammenhang mit dieser Bildung der Frau aus

bereits fühlendem, empfindendem, belebtem Menschenleib,

im Gegensatz zum Manne, dessen Leib aus Erde geschaffen

worden.“

Unterschiedliche Pflichten

FOTO: ISTOCK

Oben erwähnten wir, dass das jüdische Religionsgesetz

zwischen den Pflichten der Männer und der Frauen

unterscheidet. Zwar müssen jüdische Männer wie Frauen

sich an alle Verbote der Thora halten (Frauen sind lediglich

aus biologisch-technischen Gründen von zweien der

Verbote befreit 4 ). Hingegen sind die Gebote für Männer

und Frauen nicht gleich bindend. Manche Gebote

müssen nämlich in einer bestimmten Zeit erfüllt werden;

Frauen sind von der Pflicht befreit, einige dieser Gebote

zu erfüllen. So müssen Männer zum Laubhüttenfest in

einer Sukka (Laubhütte) essen, während Frauen es dürfen.

Männer müssen an den Ecken ihrer viereckigen

Kleider Zizit (Schaufäden) tragen, während Frauen von

dieser Pflicht befreit sind.

Sind Frauen von allen zeitbedingten Geboten befreit?

Nein, wie Rabbiner Hirsch erläutert:

„Man sieht, der Ausnahmen sind fast so viele wie

der Regeln [dass Frauen von zeitbedingten Geboten

befreit sind]. Erwägen wir, dass Schabbat und Pessach

die beiden größten der von Zeit zu Zeit wiederkehrenden,

das Judentum konstituierenden Institutionen des

göttlichen Gesetzes sind, und für beide, nicht nur zur

negativen – Arbeitsverbot und [zu Pessach] Chamezverzehrungsverbot

–, sondern zur positiven Begehung

derselben – Kiddusch des Schabbat, Pessach und Mazza

des Pessach – Frauen in vollem Maße verpflichtet sind,

dass sie ebenso, obgleich von [Pilgerpflichten im Tempel

Jerusalems] frei, gleichwohl zur positiven Mitbeteiligung

an den drei großen nationalen Festvereinigungen … und

zu der großen Nationalversammlung jedes siebten Jahres,

Hakhel, die Verpflichtung haben.“ 5

Man darf diese Unterscheidung nicht übertreiben.

Schließlich sind nur sieben 6 von 613 Ge- und Verboten

der Thora betroffen. Allerdings sind die unterschiedlichen

Pflichten bezüglich dieser sieben Mizwot (Gebote)

die Ursache, weshalb in einer orthodoxen Synagoge der

Gottesdienst von Männern geführt wird.

Aus seiner Analyse schließt Hirsch, dass es unvernünftig

wäre, in der Befreiung der Frauen von einer

Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies (Farblithografie

aus dem Jahr 1886): Wirkung des Fluchs hat sich gemildert

kleinen Zahl Gebote die Zuschreibung einer geistigen

Beschränkung zu sehen. Nein, Frauen sind nicht befreit,

weil sie jene Gebote nicht richtig erfüllen könnten, sondern

weil sie diese Pflichten nicht zwingend brauchen:

„So kann deren Befreiung von anderen zeitbedingten

Geboten nicht wahrlich in einer geringeren Würdigkeit

motiviert sein, dass das Gesetz Frauen der Erfüllung

dieser Gebote etwa nicht für würdig gefunden hätte.

Vielmehr liegt, wie wir glauben, es sehr nahe: es hat das

göttliche Gesetz die Frauen nicht zur Erfüllung aller

dieser Mizwot verpflichtet, weil es diese Verpflichtung

für Frauen nicht für nötig 7 erachtet. Alle zeitbedingten

Gebote sollen von Zeit zu Zeit gewisse Wahrheiten, Gesinnungen,

Grundsätze und Vorsätze durch symbolische

Handlungen aufs Neue uns zur Erkenntnis und Anerkenntnis

bringen, uns zu deren Betätigung und in deren

Betätigung aufs Neue anspornen und befestigen. Das

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 103


göttliche Gesetz setzt bei unseren Frauen eine größere Innigkeit

und Begeisterungstreue für ihren Gott dienenden

Beruf und eine geringere Gefährdung derselben durch

die in ihrem Berufskreise sich bietenden Versuchungen

voraus, als dass es für sie alle die die Männer wiederholt

zur Berufstreue spornenden und vor Berufsschwäche

warnenden Institutionen hätte nötig erachten sollen. So

fand ja bei der Urkonstitution des jüdischen Volkes die

göttliche Vorsicht es nicht für nötig, ihr Bündnis statt der

Mila (Beschneidung) durch ein anderes ewiges Symbol

auch im Kreise der Frauen sicherzustellen. So hat Gott

auch bei der Erteilung Seines Gesetzes ([Exodus] 19, 3)

zuerst auf die Treue und Hingebung der Frauen gerechnet,

und so hat auch das jüdische Nationalbewusstsein es

festgehalten und allen unseren Geschlechtern die Tatsache

vererbt, dass in allen Verirrungen und Gesunkenheiten

unseres Volkes überzeugungs- und pflichttreue Frauen

den Keim der Wiedererhebung gehegt und gepflegt.“ 8

Anderthalb Jahrhunderte nachdem Rabbiner Hirsch

diese Worte schrieb, belegen verschiedene Studien, dass

Frauen häufiger Konfessionen angehören, aktiv sind, an

Gott glauben und zu Ihm beten als Männer. Das Pew-

Forschungszentrum hat Folgendes veröffentlicht: „[T]his

study finds that, globally, women are more devout than

men by several standard measures of religious commitment“

und „The difference between women and men in

self-reported rates of daily prayer is the biggest average

gender gap found in this study. Across the 84 countries

for which data are available, the average share of women

who say they pray daily is eight percentage points higher

than the average share of men. Even religiously unaffiliated

women in some countries, including the United

States and Uruguay, report praying daily at higher rates

than unaffiliated men do.“ 9

Und George H. Gallup Jr. schreibt: „A mountain

of Gallup survey data attests to the idea that women are

more religious than men, hold their beliefs more firmly,

practice their faith more consistently, and work more vigorously

for the congregation. In fact, gender-based differences

in responses to religious questions are far more

pronounced than those between any other demographic

categories, such as age, education level, or geographic

region. The tendency toward higher religiosity among

women has manifested over seven decades of scientific

polling, and church membership figures indicate that it

probably existed for many decades prior to the advent of

survey research in the mid-1930s.“ 10

Religiös überraschen solche Zusammenflüsse zwischen

Religion und Wissenschaft nicht. Vor vielen Jahrhunderten

lehrten jüdische Quellen bereits, dass die

Welt auf der Erfüllung der Thora abgestimmt ist. Der

Schöpfer, der uns Sein Wort offenbart hat, hat schließlich

den Menschen erschaffen und kennt seine Schöpfung

bestens. Männer brauchen nämlich mehr Hilfe, um

Gott treu zu bleiben.

104

Tätigkeiten der Frau

Das letzte Kapitel der Sprüche Solomons (Kap. XXXI) ist

eine Ode an die tüchtige Frau. In diesem Text, der nach

der Tradition vor über 2500 Jahren niedergeschrieben

wurde und dessen Lehren bis zu 3000 Jahre alt sind, wird

die tüchtige Frau als Geschäftsfrau dargestellt. Während in

anderen Kulturen Frauen noch lange kein Eigentum besitzen

durften, lobten Juden die business women. Wie einer

gegenwärtigen Powerfrau gibt sie ihren Kindern Frühstück,

bevor sie auf Geschäftsreise fährt. Diese Frau treibt

nicht bloß Handel, sondern produziert hochwertige Ware,

und wenn sie ihren Mund öffnet, ertönt die Weisheit.

Auch wenn Frauen, in der jüdischen wie in der allgemeinen

Geschichte, historisch geringere öffentliche

Beiträge leisten konnten, hat die Bibel wiederholt die

Heldentaten, Weisheiten und Lehren besonderer Frauen

hervorgehoben. So bemerkt der mittelalterliche Bibelkommentator

Rabbenu Bachja Ben Ascher (zu Exodus 15:2):

„Du wirst große Prinzipien der Thora finden, die

durch Frauen zum Ausdruck gebracht wurden, wie das

Jenseits, durch Abigail, die künftige Wiederaufstehung

der Toten und [überhaupt der Zugang zu] Gebet, durch

Channa, die Wiedergeburt der Seelen durch die Frau aus

Tekoa. Daraus lässt sich schließen, dass die Frau nicht

zweitrangig, sondern auch sie eine Hauptperson ist.“

Sich besinnend auf die Tatsache, dass in den Texten,

die zum Neujahrsfest Rosch haSchana aus der Thora und

den Propheten vorgetragen werden, Frauen die entscheidende

Rolle spielen, bemerkt Rabbiner Hirsch:

„[D]ie Bilder, die uns der Brauch der Väter aus dem

Gottesworte (= aus der Bibel) an den ernsten Schwellen

des neuen Jahres [also zu Rosch haSchana – AF] entgegenführt,

[sind] Frauengestalten. Frauen sind es, deren

Gedächtnis bekehrend und mahnend, weihend und erhebend

die ernste Rosch-haSchana-Feier durchdringt;

Frauen, aus deren Geschick uns die allnahe Waltung

der prüfenden und beglückenden Allmacht entgegenleuchtet;

Frauen, von denen wir hoffen und harren, Gott

schauen und – beten lernen sollen. Sara, Hagar, Channa,

Rachel ziehen als leuchtende Gestalten an unserem Blick

vorüber. Und in dem Schmuck des heiligsten Berufes, der

höchsten Würde der Frauen glänzen die Gestalten.“ 11

Der Krieg der Geschlechter

Frauen haben sich die Rechte, die in den Sprüchen Solomons

selbstverständlich sind, in Wirklichkeit im Westen

nur mit großen Mühen erworben. Lange galten Frauen

als für viele Berufe nicht tauglich. Auch wenn das Gesetz

Frauen bei der Wahl ihres Berufes bereits schützte, haben

Frauen schwer kämpfen müssen, um gleich behandelt zu

werden, wie die Geschichte von Lois Jenson, die 1984

ihren Arbeitgeber EVTAC in Eveleth, Minnesota wegen

DAS JÜDISCHE ECHO


Belästigung verklagte. Diese Geschichte wurde 2005

unter dem Titel „North Country“ (deutscher Titel: „Kaltes

Land“) verfilmt. Dass diese Geschichte erst so spät auf

der großen Leinwand gezeigt wurde, ist vermutlich noch

ein Zeugnis der Mühe, die unsere westliche Gesellschaft

hat, zu gestehen, wie lange sie weiterhin gegen Frauen

diskriminiert hat.

Manche der Unterschiede zwischen Männern und

Frauen sind aber historisch und biologisch bedingt.

Nachdem der erste Mann und die erste Frau im Paradies

von der Frucht (Hinweis: es war kein Apfel) des Baumes

der Erkenntnis aßen, wurden sie von Gott bestraft:

„Und zur Frau sprach ER: Ich will dir viele Schmerzen

durch häufige Empfängnis bereiten; mit Schmerzen

sollst du Kinder gebären; und du sollst nach deinem

Manne verlangen, er aber soll herrschen über dich! Und

zu Adam sprach er: Dieweil du gehorcht hast der Stimme

deiner Frau und von dem Baum gegessen, davon ich dir

gebot und sprach: ‚Du sollst nicht davon essen‘, verflucht

sei der Erdboden um deinetwillen, mit Mühe sollst du

dich davon nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln

soll er dir tragen, und du sollst das Gewächs des Feldes

essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein

Brot essen, bis daß du wieder zur Erde kehrst, von der du

genommen bist; denn du bist Staub und kehrst wieder

zum Staub zurück!“ (Genesis 3:16-19)

Kurz gesagt: Männer werden sehr schwer arbeiten

müssen, um Brot auf den Tisch stellen zu können,

während Frauen schmerzhaft gebären werden und das

Verhältnis zwischen Männern und Frauen wird ungleich

sein. Die Schlussfolgerung des dritten Kapitels der

Schöpfungsgeschichte in der Thora ist eine sehr prägnante

Zusammenfassung der Geschichte der Geschlechtsverhältnisse.

Eine Theologie der Frauenrechte

Gott ist erbarmensvoll und Seine Strafe nicht ewig. Der

Moskauer Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt schlägt

etwas vor 12 , das wir eine Theologie der Entwicklung

der Frauenrechte nennen können. Lange war Gebären

eine äußerst gefährliche Erfahrung. Viele Frauen starben

auf dem Gebärstuhl. Mittlerweile ist Gebären zwar

noch immer keine leichte Sache, aber wesentlich sicherer,

und dank der Epiduralanästhesie wesentlich weniger

schmerzhaft.

Auch der Fluch des Mannes hat sich gemildert.

Statt „Dornen und Disteln“ hilft uns die moderne Landwirtschaft,

eine reiche Ernte zu bekommen. Statt „Im

Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen“

arbeitet heute nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung

in der Landwirtschaft und lässt die schwersten Aufgaben

von Maschinen verrichten, während die meisten von

uns, Männer wie Frauen, in Büros arbeiten und ins Fitnesszentrum

gehen, um doch noch ein wenig Schweiß

am Angesicht zu spüren.

Es sieht ganz so aus, dass der Fluch Gottes an Adam

und Eva sich allmählich auflöst. Für Goldschmidt ist dies

nicht überraschend, denn im Judentum glauben wir an

einer künftigen Erlösung, an das Kommen des jüdischen

Messias, nach dem wir frei sein werden, uns geistig auf einer

ganz anderen, wesentlich erhabeneren Ebene zu entfalten.

Dazu gehört auch, dass der Aspekt der ungleichen

Machtverhältnisse der Geschlechter des Fluches Evas

sich ebenfalls löst. So kann man in Aspekten der Frauenbewegung

ein Zeichen sehen, dass die Zeit der großen

messianischen Erlösung näher kommt.

Diesbezüglich passen die Worte von Rabbiner

Hirsch: „[D]ie Tora die Erlösung und den Frieden in

alles dieses bringt, Mann und Frau wieder in gleichen,

Gott dienenden Priesterberuf einsetzt. 13 2

1 Was nicht bedeutet, dass alle Bibelkommentare dieser Meinung sind.

So übersetzen Targum Pseudo-Jonathan und Rabbi Owadja Seforno

beide Zäla als Rippe. Für eine gegenwärtige Auslegung auf Basis der

Interpretation von Zäla als Rippe, siehe Rebbetzin Tzipporah Heller,

Men & Women: Jewish View of Gender Differences, Aish.com: 2000

(https://www.aish.com/ci/w/48955181.html).

2 Um die Wurzel eines Wortes zu erhalten, müssen alle Präfixe und Suffixe

außer Betracht bleiben.

3 Nach dem Midrasch (Berejschit Rabb 17:2) fehlt es diesem Mann

auch an Schutz, Frieden und einigen weiteren unentbehrlichen Dingen.

4 Die zwei biologisch-technische Ausnahmen sind: Männer dürfen

weder ihren Bart mit einem Schermesser, noch ihrer Schlafen kahl scheren.

Aus diesem Grund lassen manche orthodoxe Juden Schlaflocken

wachsen. Aus hormonalen Gründen haben Frauen keinen Bart (mit

wenigen Ausnahmen, die es im Guiness Book of World Records schafften)

und sind deshalb weder vom Verbot, den Bart mit einem Messer

zu scheren, noch vom damit zusammenhängenden Verbot, die Schlafen

kahl zu scheren, betroffen.

5 Hirsch Chumasch zu Leviticus 23:46, Verlag Morascha, Basel 2010,

S. 679.

6 Als der Tempel Jerusalems noch stand, waren es insgesamt neun Mizwot,

von denen Frauen befreit waren.

7 Kursiv im Originaltext.

8 Ebd.

9 „The Gender Gap in Religion Around the World; Women are generally

more religious than men, particularly among Christians“, Pew:

2016, https://www.pewforum.org/2016/03/22/the-gender-gap-in-religion-around-the-world/

10 Georg H. Gallup Jr., „Why Are Women More Religious?“, Gallup:

2002, https://news.gallup.com/poll/7432/Why-Women-More-Religious.aspx

11 Thischri-Bilder, in „Gesammelte Schriften von Rabbiner Samson

Raphael Hirsch“, herausgegeben von Justizrat Dr. Naphtali Hirsch,

Frankfurt am Main, 1904, S. 1.

12 Pinchas Goldschmidt, Dvar Tora (Russisch), Jüdische Kultusgemeinde

von Russland, 2. Ausgabe: 2010, zu Genesis 3:16.

13 Hirsch Chumasch zu Genesis 3:16, Verlag Morascha, Basel 2008, S. 94.

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 105


Von Frimet Goldberger

Die Haare im Waschbecken

Die Autorin wuchs in einer ultra-orthodoxen Sekte

im Staat New York auf. Nach der Geburt ihres

zweiten Kindes verließ sie die Gemeinschaft. Hier

erklärt sie ihre Gründe.

Vor über zehn Jahren rasierte sich Frimet Goldberger zum letzten

Mal die Haare, wie es ihre chassidische Sekte vorsah

Ich erinnere mich, als ich zum ersten Mal die stechend

kalte Luft auf meinem frisch rasierten Schädel spürte.

Ich blickte in den Spiegel und starrte dann auf den Haufen

kastanienbraunen Haars, der nun im Waschbecken

der kleinen Kellerwohnung lag, die ich mit meinem

Ehemann teilte. Wir waren weniger als einen Tag lang

verheiratet. Meine Mutter stopfte die Haare in einen

Müllsack. Dabei blieb sie vollkommen ungerührt. Ich

erinnere mich, wie ich die neue Perücke auf meinen kahlen

Kopf setzte und an jenen Haarsträhnen herumzupfte,

die die Scheitelmacherin (Perückenmacherin) vergessen

hatte, mit Spray zu fixieren.

Am jenem Morgen nach meiner Hochzeit, drei Monate

nach meinem 18. Geburtstag, rasierte meine Mutter

meinen Kopf. Ich fühlte – überhaupt nichts. Hätte ich

mich angesichts des Verlusts traurig oder verletzt fühlen

sollen? Ich spürte nichts dergleichen. Verheiratete Frauen

rasierten sich nun mal den Kopf, weil Haschem und der

Rebbe es befahlen. Im Talmud steht, dass der unbedeckte

Kopf einer Frau physischer Nacktheit gleiche. Die chassidischen

Rabbiner gehen einen Schritt weiter. Frauen

müssen ihren Kopf rasieren, um sicherzugehen, dass kein

einziges Haar zu sehen sei. Das nicht zu tun, ist für Frauen

wie mich, die der chassidischen Satmar-Sekte angehören,

eine schwere Sünde. Man wird nicht im Friedhof

der Satmar begraben und, noch viel schlimmer, setzt die

geborenen und ungeborenen Kinder dem Risiko furchtbarer

Erkrankungen aus.

Der Satmar-Rabbiner Joel Teitelbaum ist für seine

emotionalen Reden zu diesem Thema bekannt. Er rührte

damit Zuhörer zu Tränen: „Jüdische Töchter, unsere

Mütter und Väter gaben ihre Leben für die Heiligkeit des

Namens unseres Vaters im Himmel auf. Aber ihr, deren

Töchter, wollt nicht einmal ein paar Haare aufgeben?“,

fragte er in einer Rede zu Jom Kippur im Jahr 1951. So

steht es in „The Rebbe“, einer Biografie von Dovid Meisels

aus dem Jahr 2010. „Was verlangt Gott von uns? Ein

paar Haare! Wegen ein paar Haaren sorgt ihr dafür, dass

ihr beide Welten verliert. Jüdische Töchter, rasiert eure

Haare und ehrt die Thora.“

Das letzte Mal, als ich mir die Haare rasierte, war

ganz anders als jenes erste Mal. Über zehn Jahre ist es

her. Jeder Jahrestag erinnert mich an diesen kritischen

Augenblick, steht für einen Punkt der enormen Veränderung,

der mich auf den Weg zu einem neuen Leben

brachte.

Am Tag vor der letzten Rasur, ein ungewöhnlich

warmer Abend im Oktober, saßen mein Ehemann und

FOTO: PRIVAT

106

DAS JÜDISCHE ECHO


ich an einem länglichen Holztisch in einem Nebenzimmer

der großen Satmar-Synagoge in Kiryas Joel, einem

Dorf im US-Bundesstaat New York. Am Tisch saßen

acht Männer mit schwarzen Hüten und in Anzügen.

Ihre langen Bärte waren gräulich-weiß. Meine zitternden

Hände hatte ich in meinem Schoß gefaltet und den langen

schwarzen Rock – Teil meines übertrieben sittsamen

Outfits, das ich davor sorgfältig ausgewählt hatte – zurechtgezupft.

So saß ich hier zum zigsten Mal und wartete

auf den Sturm.

In jenem Moment, als ich einige Tage zuvor das Kuvert

mit dem Logo der „United Talmudical Academy“ in

unserem Briefkasten sah, hatte ich gewusst, dass wir ein

Problem hatten. Der Brief war kurz und unmissverständlich.

Weil ich mich nicht nach den strengen Regeln der

Tznius, der Sittsamkeit, des heiligen Schtetls kleidete,

könne unser dreijähriger Sohn nicht mehr in die Schule

gehen.

Nach dem ersten Schock bemühten sich mein

Mann und ich um einen Termin bei den Va’ad Hatznius,

jener mysteriösen Gruppe, die für das Einhalten der

hohen Standards der Sittsamkeit, besonders für Frauen,

zuständig war. Man wusste, dass die Gruppe auch vor

extremen Maßnahmen nicht zurückschreckte. Sie zerschnitten

beispielsweise Autoreifen, wenn Warnungen

und Drohungen nicht ausreichten, um die Sittsamkeit

zu bewahren.

Als ich mit den Va’ad Hatznius an jenem Tisch saß,

erklärte deren Anführer, dass sie meine moderne Kleidung

nicht länger tolerieren könnten. „Das ist ein heiliges

Schtetl. Der Rabbi wäre schockiert, wenn er noch

am Leben wäre“, sagte er in Jiddisch, während er sich

auf seinem Klappsessel von links nach rechts wiegte. Er

habe gehört, ich habe „Bei-hur“, fügte ein anderer Mann

hinzu. „Bei-hur“ ist ein abwertender Begriff für die Haare

von verheirateten Frauen. Es gäbe keine Beweise, fuhr

er fort, aber oy vey für mich und meine Familie. Was für

eine Schande.

Ich blickte auf meine dunklen Schuhe und die dicken

beigen Strumpfhosen. Wie hatte die Va’ad Hatznius das

herausgefunden? Es mussten die Nachbarn gewesen sein,

die eine lose Haarsträhne gesehen hatten oder denen

aufgefallen war, dass ich die ganze Zeit denselben Turban

trug. Es war der einzige Turban, der über die große,

weiße Strick-Kippah passte, die ich gekauft hatte – eines

jener Modelle, das chassidische Männer normalerweise

zum Schlafen trugen. Nun versteckte es meine Haare.

Ich verbrachte jeden Tag viele Stunden mit diesen

Nachbarsfrauen, während unsere Kinder draußen spielten.

Sie mussten mich verraten haben. Oder vielleicht

hatte die Aufseherin der Mikwe etwas gesagt, weil ich

seit über einem Jahr nicht mehr dort gewesen war. Seit

ich mein Haar wachsen ließ, war ich für das rituelle Bad

nach der Menstruation nicht mehr in die strenge Mikwe

von Kiryas Joel gegangen. Stattdessen fuhr ich zu einer

Mikwe in Rockland County, wo Frauen mit Haaren baden

durften. Ich wusste, dass die Va’ad Hatznius mein

Geheimnis früher oder später entdecken würden. Nun

war es so weit.

«Der Brief war kurz. Weil ich mich nicht nach

den strengen Regeln der Sittsamkeit des

heiligen Schtetls kleidete, könne unser dreijähriger

Sohn nicht mehr in die Schule gehen.»

Die Gruppe würde eine Frau zu mir nachhause schicken,

um meinen Kopf zu kontrollieren, sagte der ältere Mann,

der mir gegenübersaß. Dabei bedeckte er seine Augen

mit der rechten Hand, um mich nicht anzusehen. Er

sprach mit meinem Ehemann, nie direkt mit mir.

Blass und erschöpft verließen wir die Synagoge.

Mein Mann hatte verzweifelt versucht, die Anschuldigungen

zu entkräften, um unsere letzten Verbindungen

zur Gemeinschaft intakt zu halten, damit unser Sohn

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Vol. 68: Starke Frauenstimmen 107


Goldberger als junge Mutter in Kiryas Joel, ein ausschließlich von

Chassiden bewohntes Dorf im US-Bundesstaat New York

weiterhin in die einzige Jeschiwa durfte, die er noch besuchen

konnte. Uns war klar, wir mussten beweisen, dass

wir es ernst meinten. Wenn wir die Uhr zurückdrehten,

wenn ich wieder die Person wurde, die ich einst war – ein

Vorbild chassidischer Sittsamkeit –, vielleicht durften wir

dann an jenem Ort, an dem wir geboren und aufgewachsen

waren, bleiben. Ich würde meinen Rock verlängern,

größere Blusen kaufen, meine Perücke mit einem breiteren

Haarband bedecken und, natürlich, meine Haare

abrasieren.

Als ich nachhause kam, nahm ich den staubigen

Rasierer aus dem Wäscheschrank und starrte auf mein

Spiegelbild. Es fühlte sich sehr falsch an, mich zu rasieren.

Ich fühlte mich misshandelt und eingeschüchtert,

doch der Gedanke, entblößt zu werden, war schlimmer.

Morgen schon könnte eine Frau an der Tür läuten, mich

auffordern, meinen Turban zu entfernen, und dann alle

meine Haare sehen. Oh, was für eine Erniedrigung, was

für eine Schande. Meine Mutter, meine Freunde und die

Gemeinde würden mein Geheimnis entdecken, mein

Sohn seinen Schulplatz endgültig verlieren. Ich hatte keine

Wahl.

Die Entscheidung, mich nicht mehr zu rasieren,

war keine bewusste gewesen. Als ich mit meinem zweiten

Kind schwanger war, war ich nicht mehr zur Mikwe

gegangen. Und abgesehen von der Aufseherin gab es niemanden

mehr, der meinen Schädel kontrollierte. So ließ

ich meine Haare wachsen, wissend, dass ich sie nach der

Geburt meiner Tochter wieder rasieren müsste.

Zu diesem Zeitpunkt hatten mein Mann und ich

Freundschaften außerhalb der kleinen Enklave von Kiryas

Joel geschlossen. Wir hatten entdeckt, dass es viele

gläubige orthodoxe und sogar chassidische Juden gab,

deren Frauen sich nicht den Kopf rasierten. Heimlich

sahen wir Hollywood-Filme, die Gardinen vorgezogen,

und machten verbotene Urlaube. All das beeinflusste

meine Entscheidung, meine Haare wachsen zu lassen.

Ich fühlte mich dabei enorm schuldig, schließlich verurteilte

ich damit meine Familie zur Hölle. Das Gefühl

verfolgte mich wie ein Schatten.

An einem kalten Jännerabend kam meine wunderschöne

Tochter zur Welt. Ich ließ meine Haare weiter

wachsen. Ich fühlte mich wieder wie eine Frau, auch

wenn ich meine Haare nur wenige Stunden am Tag unbedeckt

ließ, zuhause, wo ich mich in Sicherheit glaubte.

Es fühlte sich zu gut an, um es aufzugeben.

Als ich nach dem Treffen mit den Va’ad Hatznius

vor dem Spiegel stand, wusste ich, dass ich dem Unvermeidbaren

zu lange ausgewichen war. Nach nur drei Minuten

lag mein langes kastanienbraunes Haar in einem

traurigen Haufen im gleichen Waschbecken, in dem es

fünf Jahre zuvor gelegen war. Ich weinte auf das abgeschnittene

Haar heiße Tränen voll Frustration, Wut und

Erniedrigung.

In dieser Nacht konnten mein Mann und ich kaum

schlafen. Am nächsten Tag entschieden wir uns, die Gemeinschaft

für immer zu verlassen. Wir konnten den

extremen chassidischen Lebensstil nicht mehr erhalten,

sehnten uns nach ein wenig Freiheit, wollten die Leine

um unseren Hals gelockert, mein Haar an seinem rechtmäßigen

Platz sehen. Es sollte wachsen und sichtbar sein,

wie es mir beliebte.

Das ist nun über zehn Jahre her. Unser Leben hat

sich mittlerweile immer wieder verändert. Ich bedecke

mein Haar nicht mehr und kann weder verstehen noch

akzeptieren, dass Frauen gezwungen werden, ihre Haare

zu rasieren und Drohungen eingesetzt werden, um das

durchzusetzen.

Ich bin jedoch auch dankbar. Dieser so persönliche

Übergriff hat dazu geführt, dass mein Mann und ich

die Stärke aufbrachten, die Kontrolle über unser Leben

selbst in die Hand zu nehmen und unsere eigenen Entscheidungen

zu treffen – für unsere Kinder und für mich,

meinen Körper. 2

Übersetzung: Anna Goldenberg

„Ex-Hasidic Woman Marks Five Years Since She Shaved

Her Head“ erschien am 7. November 2013 in der US-

Wochenzeitung „The Forward“. Diese Übersetzung wurde

inhaltlich leicht aktualisiert.

FOTOS: PRIVAT

108

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Clara Porak

„2015 war einfach“

Seit vier Jahren betreut der Verein Shalom

Aleikum Flüchtlinge in Wien. Wie geht jüdischmuslimisches

Zusammenleben?

Bei Familie Sulman ist Sonia Feiger Großmutter, Tante

und Freundin zu gleich. Die 68-jährige Frau trägt Kurzhaarschnitt

und dunkle Jeans. Wenn sie Nachrichten

in WhatsApp tippt oder ein Bild auf Facebook sucht,

würde man sie zehn Jahre jünger schätzen. Die vier Kinder

begrüßt die Pensionistin mit einem Kuss, die Eltern

Fatima und Murad wirken wie alte Freunde. Es ist ein

Montagabend, der Couchtisch geht über vor Keksen,

Kuchen und dem speziellen Zitronentee, den Feiger so

gerne trinkt. „Hier gibt es immer was zu essen“, sagt sie

und seufzt. Der letzte Teller passt kaum mehr auf den

Couchtisch, Fatima verrückt mehrmals alles, damit es

sich ausgeht.

Fatima, Murad und ihre Kinder heißen eigentlich

anders. Die Familie möchte nicht, dass ihre Namen öffentlich

werden, da sie sich in einem laufenden Verfahren

befinden. Sie sind zwei der über 90.000 Menschen, die

2015 nach Österreich kamen und um Asyl ansuchten.

Viele waren am Anfang auf sich gestellt. Nicht so Familie

Sulman. Sie sind sechs der rund 300 Menschen, die

die Organisation Shalom Alaikum unterstützt. 2015 von

fünf Jüdinnen, darunter auch Sonia Feiger, gegründet,

hilft Shalom Alakium auch heute noch rund zwanzig geflüchteten

Familien.

„Die Menschlichkeit kommt vor der Religion“, sagt

Feiger. „Und ist Teil davon“, ergänzt Golda Schlaff, 34.

Sie ist Ärztin, trägt ihr gelocktes braunes Haar offen.

Sie lacht viel, spricht mit einem bestimmten Ton in ihrer

Stimme. Gemeinsam mit Feiger ist auch Schlaff Teil

des Vorstandes der Organisation. Fast täglich betreuen

sie seit vier Jahren geflüchtete Familien. Wie gestalten

sich die Begegnungen von Juden und Moslems? Welche

Erfahrungen machen die Jüdinnen und die geflüchteten

Familien miteinander?

Während der Flüchtlingskrise 2015 hatte Schlaff

die Idee, die jüdischen Helfenden, die sich bereits in der

Flüchtlingshilfe engagierten, zu organisieren. „Wir wollten

zeigen, wir sind Juden und Jüdinnen und wir heißen

euch willkommen“, sagt sie. „Viele Geflüchtete hatten

noch keine Erfahrungen mit Juden, wir wollten zeigen,

wer wir sind“. Über Social Media fand sich damals eine

Gruppe zusammen, die teilweise noch immer den Kern

der Organisation ausmacht.

Die Organisation wirkt auf zwei Ebenen: Einerseits

gibt es Schlaff, Feiger und Miriam Tenner, die drei Frauen,

die den Vorstand bilden und sich besonders intensiv

um Betreuung und Organisation kümmern. Sie werden

von den sogenannten „Habibis“ unterstützt. Das sind

Menschen, die sich engagieren und meist eine oder zwei

der Familien in der Erstversorgung (und darüber hinaus)

betreuen. Außerdem gibt es seit 2015 eine ständig wachsende

Facebook-Community, die bereits rund 2000 Mitglieder

zählt. „Wenn wir einen Kinderwagen brauchen

oder einen Nachhilfelehrer, findet er sich in der Facebook-Gruppe“,

sagt Schlaff. „Auf diese Menschen können

wir uns verlassen.“ Am 20. Mai 2019 hat der Verein

den Bruno-Kreisky-Preis für Verdienste um die Menschenrechte

verliehen bekommen. Das Preisgeld betrug

4000 Euro. Der Verein finanziert sich auch durch solche

Preise, vor allem aber durch Erbschaften und Spenden,

sein Bankkonto sieht deshalb seit der Gründung immer

besser aus.

Trotz der Solidarität mit den Geflüchteten, die für

die Gründerinnen selbstverständlich war, hatten die

Frauen anfangs auch Bedenken. „Wir hatten schon ein

bisschen Angst, als wir da so standen, vor einem Raum

mit Moslems. Wir wussten ja nicht, wie sie reagieren

werden, wenn jemand kommt und sagt: Wir sind Juden

und wir möchten euch helfen“, sagt Feiger. Auch

Bekannte und Freunde äußerten ihre Sorge. „Wir hören

schon manchmal etwas wie: ,Hast du nicht Angst, dass

jemand etwas gegen Juden oder Frauen sagt oder dich

angreift?‘“, erzählt Schlaff.

Eine bundesweite Repräsentativumfrage des Parlaments

aus dem Jahr 2018 belegt, dass diese Angst nicht

ganz unbegründet ist. Der Antisemitismus ist noch immer

ein Problem in Österreich. Rund elf Prozent der Befragten

stimmten der Aussage „Wenn es den Staat Israel

nicht mehr gibt, dann herrscht Frieden im Nahen Os-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 109


Die Organisation Shalom Alaikum hat eine Gemeinschaft geschaffen, in der sich Österreicher und Geflüchtete vernetzen

ten“ zu. Deutlich höher war der Anteil der Zustimmenden

mit Arabisch oder Türkisch als Muttersprache: 76

Prozent der Arabisch Sprechenden und 51 Prozent der

Türkisch Sprechenden stimmten der Aussage zu. Auch

in anderen Aussagen zeichnete sich diese Tendenz ab. Sowohl

die Autoren der Studie als auch Politikwissenschaftler

Andreas Peham betonen jedoch, dass die Befragung

jener Menschen, die nach 2015 nach Österreich gekommen

sind, noch aussteht. Man könne höchstens Vermutungen

über deren Anschauungen anstellen.

Peham, der am Dokumentationsarchiv des österreichischen

Widerstandes forscht, betont, dass eine Diskussion

über den muslimischen Antisemitismus nicht dazu

führen sollte, dass über den christlichen oder autochthonen

Antisemitismus, wie er ihn nennt, geschwiegen wird.

Den Begriff „importiert“ hält er deshalb für problematisch,

denn er impliziere, dass das Problem nicht in Österreich

bestehe. Das sei aber sehr wohl der Fall. „Glaubwürdigkeit

ist zentral, wenn man gegen Antisemitismus

vorgehen will“, sagt Peham. Der türkis-blauen Koalition,

die im Frühjahr zerfallen ist, habe das gefehlt. Mit der

FPÖ sei darin eine Partei vertreten gewesen, der „zumindest

ein problematisches Verhältnis zum Antisemitismus

attestiert werden muss“, so der Politikwissenschaftler.

Die Idee des „importierten Antisemitismus“ ist für

Schlaff und Feiger weit weg von ihren Erlebnissen: „Wir

haben nie negative Erfahrungen gemacht“, sagt Schlaff.

Politische Diskussionen vermeidet das Team von Shalom

Alaikum jedoch meistens. Wenn sie nicht gefragt werden,

wird zum Beispiel die Politik Israels nicht thematisiert.

„Wir trennen das bewusst“, sagt Schlaff. Für die beiden

Frauen ist die Frage, wie viele Geflüchtete antisemitisch

denken, weniger wichtig als die Frage, wie man damit

umgehen kann: „Die einzige Art und Weise, Vorurteile

abzubauen, ist Begegnung“, sagt Feiger.

Politikwissenschaftler Peham sieht diese Annahme

kritisch. Auch wenn er den Wert von Begegnungen und

Aufklärung betont, sagt er: „Bildung und Begegnung

können nur bedingt etwas gegen den Antisemitismus

tun. Oft werden die Anwesenden oder Menschen, die

man kennt, vom Feindbild ausgenommen“, sagt Peham.

„In Wirklichkeit geht es um die Person, die antisemitisch

denkt, selbst. Um das zu bekämpfen, braucht es ein fast

therapeutisches Setting.“

Familie Sulman hat bisher kaum darüber nachgedacht,

dass es sich bei den Frauen von Shalom Alaikum

um Jüdinnen handelt. Außerdem: Sie haben nichts gegen

Juden, da sind sich Fatima und Murad einig. Murads

Großvater lebte im sogenannten Judenviertel Mosuls,

ihrer irakischen Heimat. Mehr Bezug zum Judentum

hatte die Familie nicht. „Ich sehe zuerst den Menschen“,

sagt Murad. In Jogginghose lehnt er sich in das weiße,

bestrickte Sofa. Er kneift seine dunkelbraunen Augen

zusammen, wenn er nachdenkt. Fatima hat große dun-

FOTOS: SHALOM ALEIKUM, DANIEL NOVOTNY

110

DAS JÜDISCHE ECHO


kelbraune Augen, trägt Jeans und ein schwarzes Oberteil,

das zu ihrem schwarz-weiß gemusterten Kopftuch passt.

Die 39-Jährige spricht leise, aber bestimmt, wirkt entschlossen,

manchmal traurig.

„Am Anfang habe ich jeden Tag geweint“, sagt sie

nun. „Du musst dein Leben neu bauen. Du hast ein

Haus, ein Auto, Freunde, Familie, eine Heimat. Und

dann gehst du und fängst nochmal von vorne an.“ Murad

lehnt sich nach vorne. Langsam faltet er die Hände

ineinander. „Die Entscheidung, aus dem Irak zu flüchten,

ist uns sehr schwer gefallen“, sagt er. Kurz ist es still,

der jüngste Sohn Mohammed betritt den Raum. Fast

lautlos setzt er sich zwischen seine Eltern. Fatima lächelt,

streicht ihm über den Kopf, wechselt das Thema. Seine

drei älteren Schwestern kichern im Nebenzimmer. Heute

ist Mohammed acht. Als die Familie floh, war er gerade

vier Jahre alt.

«Familie Sulman hat kaum darüber

nachgedacht, dass es sich bei den Frauen

von Shalom Alaikum um Jüdinnen handelt.

Sie haben nichts gegen Juden, da sind

sich Fatima und Murad einig.»

2016 bekam die Familie subsidiären Schutz, seit knapp

zwei Jahren wohnt sie in einer eigenen Wohnung. Vor

allem Fatima wollte anfangs nicht in Österreich bleiben,

nicht Deutsch lernen, nicht arbeiten, am liebsten einfach

weg. Shalom Alaikum half ihr beim Ankommen. „Das

Härteste ist die Sprache“, sagt Fatima. „Und dass man niemanden

hat. Bei jedem muss man sich fragen, was denkt

der von mir, was hält er von meinem Kopftuch, meiner

Sprache“ Shalom Alaikum half ihnen bei vielen Kleinigkeiten.

Vor allem, dass die Kinder schnell zur Schule gehen

und so die Sprache lernen, war Murad sehr wichtig. „Wir

kannten das System hier einfach nicht“, sagt er.

Die Betreuung des Vereins geht auch über die Zeit

der Familien in der Grundversorgung hinaus: So besucht

Feiger die Familie Sulman noch immer regelmäßig. Sie

sprechen über die Kinder, Fatimas Leidenschaft für das

Schwimmen und die aktuellen politischen Entwicklungen

in Österreich. Fatima dankt Feiger für die Kleidung,

die sie für die Kinder vorbeigebracht hat.

Shalom Alaikum wurde, wie Feiger erklärt, „unfreiwillig“

zur Frauenorganisation. Während anfangs noch einige

Männer Teil des Teams waren, entstand schnell eine

Dynamik, in der sich fünf Frauen als treibende Kräfte herausstellten.

Sozialwissenschaftlerin Ruth Simsa überrascht

das nicht. Die Forscherin ist auf Soziologie und Ökonomie

spezialisiert und arbeitet als außerordentliche Universitätsprofessorin

an der Wirtschaftsuniversität Wien. Sie

erklärt, dass Freiwilligenarbeit soziale Ungleichheit reproduziere.

„Frauen üben auch in der ehrenamtlichen Arbeit

öfter Tätigkeiten aus, die Teil des ,Care‘-Sektors sind“,

sagt die Sozialwissenschaftlerin. „Es ist zu vermuten, dass

sie deshalb auch öfter in der Flüchtlingshilfe tätig sind.“

Eine Studie dazu steht aber noch aus.

Gerade versucht die Familie, mithilfe des Vereins

ihren subsidiären Schutz in Asyl umzuwandeln. Sie wissen,

erstmal können sie nicht zurück, also wollen sie

bleiben. „Ich hoffe, es klappt, aber ich möchte mir keine

Hoffnungen machen“, sagt Murad. Fatima ist Sekretärin

in einem Büro und besucht zusätzlich einen Deutschkurs.

Murad hat vor kurzem einen neuen Job bei der Post begonnen.

Der studierte IT-Techniker ist im Computerbereich

tätig. Die Kinder haben Freunde gefunden, Deutsch

gelernt. Doch die Unsicherheit, ob die Familie bleiben

darf, macht allen zu schaffen – auch Shalom Alaikum.

„2015 war einfach“, sagt Feiger. Es ging damals

um Decken und neue Kleidung, um Arztbesuche und

Bustickets. Heute ist das anders. Vom Bundesamt für

Fremdenwesen und Asyl kommen mehr und mehr Asylbescheide

negativ zurück, sagt Feiger. Außerdem werden

die Wartezeiten länger. Diesen Trend bestätigen die Zahlen

des Bundesministeriums für Inneres: 2016 waren laut

BMI rund 37 Prozent der Asylbescheide negativ, 2018

waren es 58 Prozent. Die Abschiebungen durch Zwang

sind außerdem seit 2017 um 47 Prozent gestiegen.

Kommt ein negativer Bescheid aus dem Bundesamt

für Fremdenwesen und Asyl (BFA), das die Asylbescheide

in erster Instanz abwickelt, dann hilft vor allem Feiger,

unterstützt von einer Wiener Anwaltskanzlei, den betreuten

Familien, vor Gericht zu gehen. Neben der Begleitung

bei Arztbesuchen ist das zu ihrer Hauptaufgabe

geworden. „Ich begleite zur Geburt und zu Gericht“, sagt

sie mit einem Lächeln. Dann wird sie still. Zum ersten

Mal ist Bitterkeit in ihren Augen. 2018 gab es laut dem

Verena Krausneker, Sonia Feiger, Miriam Tenner und Golda Schlaff

erhielten den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte, 2019

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 111


Verein nur einen positiven und einen negativen Asylbescheid.

Der Rest, rund zwölf Familien, wartet noch. „Die

Menschen leben seit 2015 in Unsicherheit“, sagt Feiger.

Sie erzählt von einem Mann, dessen Antrag aufgrund

derselben Passage vom BFA abgelehnt und vom Gericht

angenommen wurde. Für das Gutachten war seine Schilderung

unglaubwürdig, für den Richter überzeugend.

Die Gründe, negative Bescheide auszustellen, würden

immer willkürlicher werden. „Auch das gesellschaftliche

Klima hat sich verändert“, ergänzt Schlaff.

Die Familie Sulman ist eine jener Familien, die – zumindest

bisher – Glück hatten. Dennoch: Die Zukunft

von Fatima, Murad und ihren vier Kindern hängt am

seidenen Faden. „Ich will kein Flüchtling sein, ich will

normal leben in Österreich“, sagt Murad. „Wir wollen

uns ein neues Leben bauen“, sagt Fatima. Bevor Sonia

geht, umarmt sie Fatima und schenkt ihr zwei der Zitronen,

mit denen sie den besonderen Tee zubereitet. Morgen

wird Sonia nach Israel fliegen, um das Pessachfest

mit ihrer Familie zu feiern. Familie Sulman wünscht ihr

eine gute Reise. Sie verabschieden sich. In der Tür dreht

Feiger sich noch einmal um und winkt.

Vor dem Haus hält sie einen Moment inne, holt tief

Luft. Während ihres Besuches bei Familie Sulman ist es

Abend geworden, die Schatten lassen sie müde wirken.

Manchmal, gibt sie zu, ist sie das auch. Das Asylsystem

kann grausam zu „ihren Familien“ sein. Sie kämpfe fast

täglich für etwas Selbstverständliches: das Recht auf eine

sichere Umgebung, das Recht auf Asyl. „2015 war wirklich

einfach“, sagt sie mit einem Kopfschütteln. Dennoch

ist klar: Der Verein wird weitermachen, wird alles daran

setzen, dass jede „ihrer“ Familien bleiben darf. 2

Von Frauke Steffens

„Ich bin keine Feministin“

Die ultraorthodoxe Richterin Ruchie Freier hat in

New York einen Ambulanzdienst gegründet, der

von Frauen betrieben wird.

112

Ruchie Freier flicht den Teig für das traditionelle Challa-

Brot wie einen Zopf. Sie schneidet Kartoffeln, Zwiebeln,

stellt den Ofen an. Freier arbeitet schnell, sie will keine

Zeit verlieren. Das Abendessen macht sie schon morgens.

„So funktioniert es, so kriege ich das alles hin“, sagt die

54-Jährige. Sie lacht viel, spricht schnell, vermittelt den

Eindruck schier unendlicher Energie. Klein ist sie, sehr

zierlich, sehr elegant. Freier ist oft beim Kochen zu sehen

in „93Queen“, einem Film von Paula Eiselt über den

Frauen-Rettungsdienst im chassidischen Teil von Brooklyn.

Freier hat im streng orthodoxen Stadtteil Borough

Park Dinge geschafft, die viele Menschen nicht für möglich

hielten. Sie gründete im Jahr 2011 gemeinsam mit

anderen Frauen den Rettungsdienst Ezras Nashim, drei

Jahre später konnten die Sanitäterinnen die Arbeit aufnehmen.

Und seit 2016 ist Freier Richterin in Brooklyn,

sie wechselte von Zivilrecht zu Strafsachen.

Für die Filmemacherin Eiselt verkörpert Freier einen

feministischen Aufbruch aus den Traditionen der chassidischen

Community. Wie sieht sie ihre Rolle selbst?

Es ist nicht leicht, einen Termin bei Richterin Freier

zu bekommen. Sie hat ihr Büro im streng bewachten Gerichtshochhaus

in Downtown Brooklyn. Unten müssen

alle Besucher durch die Sicherheitsschleuse, oben sind

die „Chambers“ der Richterinnen und Richter, was sich

deutlich alt-ehrwürdiger anhört, als es ist. Kleine Büros

sind es, die für New Yorker Verhältnisse aber sehr geräumig

sind. Das von Ruchie Freier ist voll mit Andenken,

viele Fotos von ihren sechs Kindern und ihrem Ehemann

David hat sie aufgestellt. An den Wänden hängen

gerahmte Zeitungsartikel über Freier, auch in anderen

Sprachen. Auf einer kleinen Kommode stehen Porträts

ihrer Urgroßeltern. Sie wurden von den Nazis ermordet.

Die Großeltern überlebten den Holocaust und wanderten

aus Ungarn in die USA aus. „In meiner Familie lieben

wir Amerika, wir sind alle amerikanische Patrioten“,

sagt Freier. Auf vielen Fotos ist sie selbst zu sehen – der

DAS JÜDISCHE ECHO


Die ultraorthodoxe Jüdin Ruchie Freier bei ihrer Angelobung als Richterin in Brooklyn, 2016

FOTOS: PRIVAT, ANDRE REICHMANN

Stolz ist ihr anzumerken, als sie auf ein Bild von ihrer

Examensfeier zeigt.

Berühmt wurde Ruchie Freier lange bevor sie die

erste chassidische Frau in einem öffentlichen Amt in

Amerika war. Die Reporter kamen schon, als sie seit 2011

dafür kämpfte, dass Frauen als Sanitäterinnen anderen

Frauen helfen können. „Den meisten Menschen ist das

gar nicht klar. Eine Notfallsituation ist oft ein Eingriff in

die Intimsphäre, und da sind alle Frauen verletzlich, ob

religiös oder nicht“, sagt Freier. „Wenn eine Frau die religiösen

Vorschriften befolgen will und ihr ist das wichtig

und sie hat das ihr Leben lang getan – dann kann es eben

sein, dass nie ein Mann außer ihrem Ehemann auch nur

ihr Bein nackt gesehen hat. Und dann stehen mehrere

Männer, Sanitäter, in ihrem Zimmer und sie bekommt

gleich ein Kind – das bedeutet eine Menge zusätzlichen

Stress.“ Religiöse Vorschriften besagen, dass Frauen von

fremden Männern nicht berührt werden und ihr Haar

nicht unbedeckt zeigen dürfen, wenn sie verheiratet sind.

Bei Notfällen gilt das allerdings nicht. Doch weil die Sanitäter

vom chassidischen Rettungsdienst Hatzolah Freiwillige

aus der ganzen Gemeinde sind, könne auch mal

der Nachbar dabei sein, sagt Freier.

Sie erzählt, dass die Chefs von Hatzolah in den 1970er-

Jahren sogar Frauen ausbildeten – über 200 in Brooklyn

und fast hundert im Norden des Bundesstaates New York,

wo es mehrere chassidische Dörfer gibt. Damals planten

sie eine 300 Frauen starke Einheit, die sich besonders um

Notfälle mit schwangeren Frauen kümmern sollte. Doch

am Ende meinten zu viele Männer mit Einfluss, Frauen

hätten im Sanitätsdienst nichts zu suchen. Jahrzehnte

passierte nichts, bis 2010. „Ich bekam diesen Anruf von

den Frauen, die gehört hatten, dass ein mächtiger Rabbi

in der Stadt New Square angefangen hatte, Frauen in

den Hatzolah-Sanitätsdienst zu integrieren. Und jemand

hatte ihnen gesagt, wenn ihr irgendetwas erreichen wollt,

nehmt euch einen Anwalt“, erzählt Freier.

New Square ist eine streng orthodoxe Gemeinde

im Norden des Staates New York – dass ausgerechnet

ein Rabbi dort Sanitäterinnen unterstützte, machte den

Frauen Mut. Bald kämpfte Freier mit ihnen gemeinsam

für den Segen der Rabbis in Brooklyn. Sie machte selbst

eine Hilfssanitäter-Ausbildung und ist bis heute Direktorin

des Rettungsdienstes. Heute hat Ezras Nashim eine

staatliche Zulassung und über fünfzig lizensierte Sanitäterinnen.

Bislang fahren die Frauen mit normalen Autos

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 113


114

Jewish Welcome Service Vienna

Sponsored by the City of Vienna

Der Jewish Welcome Service Vienna wurde 1980

auf Initiative des damaligen Bürgermeisters Leopold

Gratz und Stadtrats Heinz Nittel gemeinsam mit

Leon Zelman gegründet.

Im Sinne der weltoffenen Tradition Wiens und des

Judentums sollen Brücken für die Zukunft geschlagen

werden, um Vorurteile abzubauen, aber auch um zum

besseren Verständnis zwischen Juden und Nicht juden

beizutragen. Hauptaufgaben des Jewish Welcome

Service sind Besuchsprogramme für Shoah-Überlebende

wie für die jüngere Generation aber auch

die Kooperation mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen.

Als Service - und Informationsstelle

möchte der Jewish Welcome Service vielen jüdischen

Besucherinnen und Besuchern die Schwellenangst vor

einem Wien-Besuch nehmen.

Kontakt:

1010 Wien, Judenplatz 8/8

E-mail: office@jewish-welcome.at

www.jewish-welcome.at

zu ihren Patientinnen, aber sie sammeln Spenden und

wollen bald ihren ersten Krankenwagen kaufen.

Viele in der chassidischen Gemeinschaft waren am

Anfang gegen die Frauen in den weißen Kitteln. Auch

das zeigt der Film „93Queen“, dessen Name vom Notruf-Code

des Rettungsdienstes kommt: Das Auto für die

Rettungseinsätze wird eines Tages mit einer Parkkralle

lahmgelegt. Ein anonymer Mitarbeiter von Hatzolah

sagt mit verfremdeter Stimme, die Aufgabe von Frauen

sei es, zu Hause zu bleiben und die Kinder zu erziehen.

Und auf der Straße fragt ein Mann: „Warum müssen

Sie unbedingt Richterin werden?“ Ruchie Freier bleibt

freundlich und entgegnet ihm, sie könne vieles gleichzeitig

tun, sie backe ja auch immer noch Challa.

Die Rabbis sind inzwischen längst auf ihrer Seite –

nicht alle, aber die meisten. „Ihre Sorge war, dass Frauen in

Borough Park sehr beschäftigt sind und dass die Sanitäterinnen

vielleicht nicht mehr ihre wichtigste Arbeit machen

könnten – und die ist eben die Familie“, sagt Freier im Interview

in ihrem Büro. Ähnlich war es mit ihrer Karriere

als Richterin. Sie habe dafür keine Regeln brechen müssen.

Bislang hatte es nur keine Frau ausprobiert. „Wäre das hier

ein rabbinisches Gericht, wäre es ein Problem gewesen“,

sagt Freier und lacht. „Aber das ist es eben nicht.“

Eine Mehrheit der rund eine Million Juden in der

Stadt New York gibt in Umfragen an, nicht sehr religiös

zu leben. Die orthodoxen Chassidim wohnen vor allem

in Ruchie Freiers Heimat Borough Park oder in Süd-

Williamsburg in Brooklyn. Wer durch diese Stadtteile

spaziert, nimmt oft vor allem die Abgeschlossenheit der

chassidischen Gemeinschaft wahr. Die Geschäfte haben

jiddische Aufschriften in hebräischen Buchstaben, auf

der Straße gibt es kaum jemanden, der nicht hierher gehört.

Die Männer tragen schwarze Mäntel, Schläfenlocken,

je nach Sekte oder Anlass auch Pelzhüte.

Frauen, die verheiratet sind, verbergen ihr Haar unter

einer Perücke, manche auch unter einem Kopftuch,

das geknotet wird und bis in die Stirn reicht. Die Geburtenrate

unter den chassidischen Juden in Borough

Park, wo mehr als 100.000 Menschen leben, liegt bei

über sechs Kindern pro Frau. Nicht wenige Menschen

setzen die orthodoxe Lebensweise mit der Unterdrückung

von Frauen gleich. Berichte von Aussteigerinnen

scheinen das zu bestätigen – für sie gibt es in New York

auch Selbsthilfegruppen. Religion kann in traumatischen

Familienkonstellationen wie ein Brandbeschleuniger

wirken, überall auf der Welt. Ruchie Freier weiß das

– doch sie kämpft gegen die Vereinfachungen. „Es ist mir

wichtig, dass die Leute wissen, dass das Judentum Frauen

hoch achtet, regelrecht auf ein Podest stellt. Manche

Menschen schauen auf die religiösen Regeln und sagen,

das ist Diskriminierung, aber so wie ich aufgewachsen

bin, erlebe ich es ganz anders.“

Freiers schwarze Perücke ist besonders seidig, fällt

wie echtes Haar, das Make-up lässt ihre dunklen Augen

strahlen. Ein hochgeschlossenes Kostüm wirkt wie die

Antithese zu dem, was in Amerika so häufig als Uniform

der berufstätigen Frau gilt: gern eng, gern viel Haut, High

Heels sind ein Muss. Ähnlich wie muslimische Frauen

verzichten viele Chassidinnen keineswegs auf Eleganz. Sie

muss aber vereinbar sein mit der „Modesty“, den Regeln,

für die der englische Begriff nur unzureichend übersetzbar

scheint. Eine Mischung aus Haltung, Bescheidenheit,

Würde soll er bedeuten – „Keuschheit“ sagt man oft auf

Deutsch, das klingt etwas abwertend. Weibliche Macht

vermittelt sich in Ruchie Freiers Büro gerade nicht über

das sonst allgegenwärtige Sexy-Sein, sondern durch eine

gelassene, freundliche, ja auch strenge Sachlichkeit. Freier

ist die beste Botschafterin, die sich die Orthodoxen in Borough

Park wünschen können – irgendwann müssen das

auch die strengsten Rabbis erkannt haben.

Amtsrichterin ist in den USA ein Wahlamt. „Ich bin

Ruchie Freier, ich kandidiere als Amtsrichterin“, sagt sie zu

Passanten im Film „93Queen“. Hinter ihr am Infostand

DAS JÜDISCHE ECHO


Aus dem Film „93Queen“: Ruchie Freier mit einigen ihrer Kolleginnen. „Frauen für Frauen“ steht auf der Tür der Ambulanz.

FOTO: JULIETA CERVANTES

ruft ein junger Wahlkampfhelfer mit Schläfenlocken und

Kippa in ein Megafon: „Wählt Ruchie Freier zur Amtsrichterin!“

„Es ist Zeit“, steht auf ihren Aufklebern und Flyern.

Als man sie im Dokumentarfilm beim Straßenwahlkampf

sieht, ist Ruchie Freier schon seit Jahren Anwältin – und

Mutter von drei Töchtern und drei Söhnen. Viele Menschen

glauben, dass chassidische Frauen nicht außer Haus

arbeiten, doch das stimmt nicht. Oft arbeiten sie sogar

ziemlich viel, wenn auch meist nicht in akademischen Berufen.

Viele ernähren ein paar Jahre lang allein die Familie,

während der Ehemann sich religiösen Studien widmet.

So ist es auch bei Ruchie Freier. Schon in der orthodoxen

High School belegt sie einen Kurs in juristischer

Stenografie. Mit 19 heiratet sie ihren Ehemann David.

Erst arbeitet sie als Sekretärin, Mitte der 1990er-Jahre

wird sie Rechtsanwaltsgehilfin in einer Großkanzlei.

David Freier studiert in der Zeit in einem Kollel, einer

Talmud-Thora-Schule für verheiratete Männer. Als er

danach aufs College geht, beschließt Ruchie Freier, auch

einen höheren Abschluss machen zu wollen, und schreibt

sich am Touro College ein. Mit dreißig fängt sie an, Jus

zu studieren. „Wenn ich ein Mann wäre, hätte ich die

Hälfte meiner Probleme. Wäre ich ein chassidischer

Mann, dann wäre alles leichter für mich“, sagt sie in einer

dieser schnellen Küchenszenen im Film, bei denen man

eine Ahnung davon bekommt, wie diszipliniert Freier

ihren Alltag organisieren muss.

Mit der Dokumentation von Paula Eiselt ist sie zufrieden,

zeigt sie doch ein differenziertes Bild von chassidischen

Frauen. Nur an einem Punkt sind sich Filmemacherin

und Protagonistin nicht ganz einig. Eiselt sieht

Freier als Teil eines feministischen Aufbruchs, das suggeriert

auch der Tenor mancher Presseberichte über sie: Die

Welt der ultraorthodoxen Juden und Jüdinnen erscheint

darin ausschließlich dunkel, und die Richterin kämpft

gegen diese Dunkelheit.

Aber so will Freier nicht verstanden werden. Alles,

was sie tue, tue sie im Einklang mit ihrer Religion, sagt

sie: „Feminismus ist ein säkulares Konzept, also lehne

ich dieses Label ab. Es bedeutet schließlich, dass Frauen

überall die Rolle von Männern übernehmen wollen,

auch in der Religion. Doch im Judentum haben Männer

und Frauen ihre Aufgaben und Rollen, und die lasse

ich mir auch nicht nehmen. Aber wenn wir über die

Ermächtigung von Frauen reden, über ihre Fähigkeiten

und das, was sie damit machen können, dann bin ich an

vorderster Stelle dabei.“ Was sie tue, werde für die nächste

Generation immer normaler werden – doch jede Frau

solle tun, was am besten zu ihr und ihrer Familie passe.

In der Schlussszene des Films „93Queen“ feiert Ruchie

Freier ihre Vereidigung am Gericht in Brooklyn. Ihr

Mann steht sichtlich gerührt am Rednerpult neben der

amerikanischen Flagge und spricht von einem Lebenstraum,

der für seine Frau in Erfüllung gehe. Ihre halbwüchsigen

Töchter, altmodisch gekleidet, legen der Richterin

die schwarze Robe um. Im Publikum applaudieren

viele orthodoxe Frauen, eine davon ist Freiers Mutter ‒ sie

wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. 2

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 115


Von Irene Suchy

Die Wiederentdeckung der Elsa Bienenfeld

Österreichs erste promovierte Musikwissenschaftlerin

war zugleich die erste Frau, die in Wien unter

eigenem Namen Kulturrezensionen publizierte.

1942 wurde sie in Maly Trostinez ermordet.

Gewidmet Eva Taudes, die, angeregt von Hilde Haider-

Pregler, in ihrer theaterwissenschaftlichen Dissertation Elsa

Bienenfeld erkannt hat und kurz nach der Publikation ihres

Buches gestorben ist.

Die Geschichte beginnt am Ende, lange nach dem

Lebensende der Elsa Bienenfeld, es dauerte, bis ihr Ende

zum Anfang der Forschung führte. Dort, wohin ihre Biografin

ihr gefolgt war, in die Blagowtschina, jenes Wäldchen

in Minsk, wo die Nachgehenden gelbe Schilder auf

die Bäume hängten. Eva Taudes ist ihrer Auserwählten

nicht nur zum Ermordungsort, sondern in die Archive

ihres Lebens und Wirkens gefolgt, sie hat ihre Briefe aufgespürt

in den Archiven Schönbergs und Furtwänglers,

wenigstens zu den Überschriften ihrer Radiovorträge

und Programmeinführungen.

Es gibt Hierarchien in der Forschung, Hierarchien

der Geschlechter, der Grausamkeiten, der Berühmtheiten.

Und es gibt die Frage nach der Berechtigung dieser

Hierarchien: ob nicht Grausamkeit anders gewichtbar,

Berühmtheit abwägbar, Verdienst unbemerkt, Fähigkeiten

überhört, Podeste zu hoch errichtet, die Abgründe

übersehen wurden. Herausfinden statt Andichten, die

Geschichte muss nicht erfunden werden, nichts muss

verbrämt werden, die Geschichte ist spannend genug,

auch wenn sie nicht nach Auschwitz führt.

Von der Vernichtung zum Lebensweg

Ihr letzter Weg dauerte eine Woche, war eine Zugfahrt,

die quasi zivilisiert mit Fahrkarten für einen Sitzplatz für

jeden und jede begonnen hatte; die knapp tausend LeidensgenossInnen

mochten es sich schwer eingestehen,

dass diese Reise in den Tod führte, „geradewegs“. Der

letzte Weg begann vor 77 Jahren, am 20. Mai 1942, und

war sechs Tage später zu Ende. Eva Taudes ist nicht nur

diesen Weg nachgegangen, sondern hat die Spuren Elsas

in den Archiven ihres Lebens und Wirkens, in den Archiven

ihrer Briefpartner Schönberg und Furtwängler erfasst.

Maly Trostinez, damals ein Vorort von Minsk, war

kein Konzentrationslager, es war ein Vernichtungsort, wo

die Menschen, in das Gas der mit Vorhängen geschmückten

Gaswägen getrieben, ihr Leben ließen und, auf Leichenberge

geworfen, verbrannt und verscharrt wurden.

An den letzten zwei Tagen ihres Lebens war Pfingsten,

da wurden die Waggons nicht „entladen“, die Menschen

waren, eingesperrt und ohne Wasser, der feuchten, ungesunden,

insektengeschwängerten Hitze ausgesetzt.

Das halbe Jahr vor dem Abtransport hat Elsa enterbt

und entmündigt, getroffen vom Tod ihrer Schwester

Bianka, erlebt. Die Geschichte der vorangehenden Grausamkeiten

ist gefinkelt. Sie mahnt bis heute zu Wachsamkeit,

was den Begriff der Legalität betrifft. Wegen

des Vorwurfs des Devisenvergehens wird sie 1939 festgenommen,

sie hatte Aktienbesitz nicht gemeldet und

in die Schweiz Pakete unter falschen „arischen“ Namen

geschickt, darin enthalten waren goldene Knöpfe, umhäkelt

mit Wollfäden. Alle Anträge auf Enthaftung werden

abgelehnt, das Gesetz exekutiert. Als sie endlich entlassen

wird, türmen sich die Unmöglichkeiten der Bezahlung

der Gerichtskosten angesichts der eingezogenen Rente

auf, ihre Bibliothek wird beschlagnahmt. Sie wird „wegen

Geistesschwäche beschränkt entmündigt“, das Dorotheum

kauft ihre Damenuhr an, ebenso zwei Ringe,

zwanzig kleine Löffel und so weiter.

Wer war sie?

Im Bestreben, eine musikwissenschaftliche Her-Story

des 20. Jahrhunderts zu schreiben, ist die Forschung zu

Leben und Werk der Elsa Bienenfeld unerlässlich. Ohne

in den Fehler zu verfallen, ihre Bedeutung als Kulturrezensentin

an jener ihrer (männlichen) Zeitgenossen zu

messen, soll ihre Tätigkeit als Wissenschaftlerin, Journalistin

und Mentorin erfasst werden:

FOTOS: C.CIZEK, WIKIPEDIA/FAYER, WIENER STAATSOPER/MICHAEL PÖHN

116

DAS JÜDISCHE ECHO


Elsa Bienenfeld rezensierte die Premiere der „Frau ohne Schatten“, 2019 wurde die Oper im Rahmen von 150 Jahren Staatsoper gezeigt

In ihren hunderten Feuilletons beweist sie Kenntnis und

bezieht Position in ästhetischen, politischen und kulturwissenschaftlichen

Fragen. Ihr publizistisches Werk

ist eine Reflexion der Musikgeschichte der ersten Hälfte

des 20. Jahrhunderts. Im Briefwechsel mit führenden

Persönlichkeiten des Musiklebens wird ihre vermittelndfördernde

Arbeit ersichtlich. Sie ist es, der Arnold Schönberg

die Lehrmöglichkeit an der Schwarzwald-Schule

verdankt, ihr ausführlicher Briefwechsel mit Wilhelm

Furtwängler zeigt ihre Bemühungen, jenem zum Posten

des Staatsoperndirektors zu verhelfen:

„Möchten einmal auch Sie bedenken, wie viel

Vorbereitung, Einfühlung in Kunstwerke und Einzelschicksale,

wie viel (rein technische) Arbeit am Wort erforderlich

ist, um ein Urteil für die Öffentlichkeit zu formulieren.

Es ist gerade so wie beim Dirigieren, ein gutes

Feuilleton braucht mindestens so viel Konzentration wie

ein gutes Konzert.“

Mit dem Selbstbewusstsein der ersten promovierten

Studentin bei Guido Adler (dem Begründer der Wiener

Musikwissenschaft), erkennt sie den Wert ihrer Arbeit,

die weit über das Rezensieren hinausgeht:

„Für mich gab und gibt es jetzt wieder nur die

Pflicht, zu tun, was meines Amtes ist (ich meine damit

nicht etwa die Anstellung bei der Zeitung), und da ist es

Gewissenssache, jegliche Begabung zu fördern, aus der

vielleicht einmal der Funke springen wird.“

Wie sie wurde, was sie ist

Sie ist eine Pionierin der Wiener Musikwissenschaft: Dieser

Aspekt stellt sich als am schwersten erfassbar dar. Mit

wissenschaftlicher Skepsis sind die editorischen Arbeiten

Adlers, die berühmten „Denkmäler der Tonkunst“, auf

Elsa Bienenfelds Beitrag hin zu untersuchen – auch wenn

sie nicht genannt ist. Sie war 1877 geboren, einem Vater,

der k. u. k. Hof- u. Gerichts-Advocat war, und einer

Mutter aus der Rabbinerfamilie Schmelkes. Die Hürde

des Schulbesuchsverbots überwindend, besucht sie die

damals in der österreichisch-ungarischen Monarchie für

Mädchen zugänglichen öffentlichen Schulen, maturiert

als Externistin 1898 am Akademischen Gymnasium und

studiert anschließend an der Wiener Universität zunächst

naturwissenschaftliche Fächer. Das Fach Musikwissenschaft

musste erst begründet werden.

Sie erhielt erst privaten Musikunterricht, studierte

von 1889/90 bis 1893/94 am Conservatorium der Gesellschaft

der Musikfreunde in Wien, der heutigen Universität

für Musik und darstellende Kunst, Klavier und

schloss mit 17 Jahren mit Auszeichnung ab.

Sie war nicht nur die erste promovierte Musikwissenschaftlerin

Wiens, sondern auch die erste Frau,

die Kulturkritiken unter eigenem Namen publizierte.

Als Musik- und Theaterkritikerin arbeitet sie für das

„Neue Wiener Journal“ und die „Frankfurter Zeitung“,

hält Vorträge im Wiener Volksbildungsverein und in

der Wiener Urania, auch im Radio. Sie beschreibt mit

Detailwissen und profunder Vorbereitung die Ur- und

Erstaufführungen, wie etwa Richard Strauss’ „Frau ohne

Schatten“, die Repertoirevorstellungen der Wiener Hofoper,

der Volksoper, des Theaters an der Wien, Gastspiele

und Festspiele, dokumentiert Konzerte und Kongresse.

Untaten und Täter

Die Abwägung der Taten und Untaten spielt eine Rolle

bei der Geschichtsschreibung. 1928 schreibt Soma Morgenstern

an Alban Berg über seine Rolle, die mutwil-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 117


Neues Mahnmal in Maly Trostinez für die ermordeten Wiener Juden:

Für Bienenfeld Endpunkt einer Geschichte der Grausamkeiten

lige Ablösung Elsa Bienenfelds als Kulturkritikerin der

„Frankfurter Zeitung“ betreffend:

„Aus Wien berichtete über Musik für die Frankfurter

Zeitung eine ältere Dame, die in einer Wiener

Zeitung die Musikkritikerin war und dort ihrer pathologischen

Aversion gegen moderne Musik, namentlich

gegen den Schoenberg-Kreis, Luft machte. Um sie nach

langjähriger Mitarbeit möglichst schmerzlos loszuwerden,

bat mich der Chef des Feuilletons, gelegentlich ein

Musikreferat zu liefern. Gleichzeitig teilte er der Wiener

Dame mit, daß das Feuilleton jetzt für die Berichterstattung

aus Wien die Kosten einschränken müsse, und da

die Zeitung einen Feuilletonkorrespondenten in Wien

engagiert habe, müsste man leider auf ihre weitere Mitarbeit

verzichten. Ich machte mich erbötig mitzuspielen,

weil ich mich diebisch darüber freute, Alban Berg und

anderen Freunden vom Schoenberg-Kreis zuliebe die

gehässige Streiterin gegen die moderne Musik aus der

Frankfurter Zeitung zu eliminieren.“

Hätte es einen Sarg für Elsa gegeben, wäre in der

Agitation Soma Morgensterns im Wissen oder gar mit

dem Einverständnis von Alban Berg einer der Sargnägel

zu erkennen. In ihrer letzten Rezension im „Neuen Wiener

Journal“ besprach sie ein Konzert der Pianistin Angelica

Morales vom 1. Dezember 1931. Sie wird entlassen,

die Gründe können im erstarkenden Nationalsozialismus

und Austrofaschismus als politisch angesehen werden.

Um ihre Existenz zu sichern, verfasst sie nun, ab

1932, kulturwissenschaftliche Feuilletons über die Rohrerhütte

oder die Stammtafel der Familie Robert Schumanns.

In einer profunden Recherche über Beethoven

und dessen unglückliche Mutter, Maria Magdalena Kewerich,

Tochter eines kurfürstlichen Leibkoches in Köln,

lässt sie etwa die Verdienste der Mütter in den Karrieren

von Genies erkennen.

„Das Beispiel Goethes lehrt, daß große Männer wesentliche

Teilanlagen ihres Genies ihren Müttern verdanken.

Daß das Erbgut der mütterlichen Familie entscheidend

für den Aufbau und die Schichtung der geistigen

und seelischen Anlagen ist, wird auch von der Erbforschung

behauptet. ,Das Genie der Frau liegt in ihren

Söhnen‘, erklärt auch Kretschmer.“ Sie versetzt sich in

eingeschränktes Hören von Komponisten, in „die große

Denkleistung eines Ertaubten“, das der Genialität die

Türe aufreiße, anlässlich eines Feuilletons über Johann

„Mattheson und taube Komponisten“: „Mit der Phantasie,

mit dem zerebralen Hören, das die Notenbilder (mit

dem Auge lesend) ohne sinnlichen Klangeindruck, ohne

kortikales Hören vorzustellen und zu verarbeiten vermag,

dringt Mattheson erstaunlich tief in den Inhalt und

das Wesen der ihm vorliegenden Kunstwerke. Den Anschauungen

seines noch in Lehrhaftigkeit eingeschnürten

Zeitalters weit voran, spürt und verkündet er das

Wunder der genialen Leistung, er wird in der deutschen

Geisteswelt der erste Genieanbeter. Aus neuen Erfindungen,

sagt er, entspringen neue Regeln, aus den Regeln

aber keine neuen Erfindungen; das Meiste, das Beste, ja

fast Alles leiste die Persönlichkeit, nicht die Schule (Lehre),

die nichts weiter abgebe als eine Handlangerin.“

Das Ende

Nach Hitlers Einmarsch in Österreich im März 1938 wird

im Verzeichnis über das Vermögen von Juden nach dem

Stand von 27. April 1938 ihr Beruf als „Redacteurin in

Pension“ angeführt. Um die sogenannte Reichsfluchtsteuer

gering zu halten, stellt sie im Dezember 1938 an die

„Vermögensverkehrsstelle“ den Antrag, „die in meinem

Verzeichnis vom 27. April 1938 angeführten Ansprüche

an die Versicherungsanstalt der Presse, Wien bei Berechnung

meines Vermögens nicht in Ansatz zu bringen.“

Das letzte Dokument, ihr Vermögensverzeichnis

vom August 1939, hat Irma Marx für Elsa Sara Bienenfeld

unterzeichnet. Zuletzt fristet sie ihr Leben in einer

Sammelwohnung in Wien 1, Dominikanerbastei 22,

von dort wird sie von den Nationalsozialisten 1942 nach

Maly Trostinez deportiert und ermordet.

Eva Taudes hat den Verlust gemildert. 2

Literatur

Taudes, Eva (2018), „Wien wird so unerträglich kleinstädtisch“. Elsa

Bienenfeld (1877‒1942). Werdegang und Wirken im kulturellen Wien

in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. biografiA Band 19 – Neue

Ergebnisse der Frauenbiografieforschung, hg. v. Ilse Korotin. Wien:

Praesens Verlag.

FOTOS: PICTUREDESK/NATALIA FEDOSENKO, CHRISTIAN POSTL, BELVEDERE/JOHANNES STOLL

118

DAS JÜDISCHE ECHO


Von Olga Kronsteiner

Zuerst ignoriert, dann vergessen

Bis 1938 waren weibliche Kunstschaffende in

Österreich präsenter, als lange angenommen. Ihr

Beitrag für die Moderne wurde über Jahrzehnte

einfach ignoriert. Bis die Grundlagenforschung

eine Kehrtwende einleitete.

Der Zweite Weltkrieg bescherte auch dem Kunstbetrieb

eine Zäsur, die bis heute und erstaunlich hartnäckig

nachwirkt. Sieht man von all den Künstlern ab, die der

Tötungsmaschinerie das NS-Regimes zum Opfer fielen,

oder jenen, die noch zeitgerecht ins Ausland flüchten

konnten, geht es um die Kunstgeschichtsschreibung:

Über Jahrzehnte vermittelte sie ein falsches Bild, indem

sie weibliche Kunstschaffende ignorierte und ihnen

damit jedwede Bedeutung absprach.

Nicht nur in Österreich. Dass mit ihren Werken in

den Nachkriegsjahren hierzulande zeitgleich eifrig gehandelt

wurde, war dabei kein Widerspruch. Der Gendergap

wurde hauptsächlich auf akademischer Ebene

gehätschelt. Während Privatsammler ihre Wohnzimmer

mit Zeugnissen einst vielversprechend angelaufener Karrieren

schmückten, verblieben solche aus Museumsbeständen

mehrheitlich in den Depots.

Dabei hatte es vor dem Zweiten Weltkrieg regelmäßige

Ankäufe in Verkaufsausstellungen von Galerien und

Vereinigungen gegeben, da zeitgenössische Künstlerinnen

in der agilen Wiener Szene sehr viel präsenter waren

als lange angenommen. Davon zeugen jene Kunstwerke,

Ausstellung „Stadt der Frauen“ im Belvedere mit der „Hexe bei der Toilette für die Walpurgisnacht“ von Teresa Feodorowna Ries

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 119


Gemälde „In der Laube“, 1901 von Marie Egner geschaffen; Selbstporträt der aus Moskau stammenden Teresa Feodorowna Ries

die – um Leihgaben ergänzt – jüngst im Zuge der Ausstellung

„Stadt der Frauen“ teils überhaupt erstmals im

Wiener Belvedere zu sehen waren.

Aus diesem Anlass rief Kuratorin Sabine Fellner

ein historisches Beispiel in Erinnerung, konkret die unter

der Präsidentschaft von Gustav Klimt abgehaltene

Kunstschau 1908. Ein Drittel der damals gezeigten Arbeiten

stammte nämlich von Frauen. Insofern erscheine

„der seit Jahrzehnten in unverminderter Intensität geführte

Diskurs über Frauenquoten geradezu regressiv“,

schlussfolgerte sie treffend.

Traum und Wirklichkeit

Nach 1945 geriet der Beitrag österreichischer Künstlerinnen

zur Moderne einfach in Vergessenheit. Die einzige

Ausnahme bildete die Gruppe der Stimmungsimpressionisten

rund um den Landschaftsmaler Jakob Emil

Schindler, namentlich Tina Blau, Olga Wisinger-Florian

oder Marie Egner. Den Werken ihrer Kolleginnen, auch

der jüngeren Generation der Zwischenkriegszeit, schenkten

die heimischen Museen dagegen bis in die 1990er-

Jahre hinein kaum bis keine Beachtung.

Bemerkenswertes trug sich etwa im Umfeld der

Sonderausstellung „Traum und Wirklichkeit – Wien

1870‒1930“ zu, die vom Historische Museum der Stadt

120

Wien (nunmehr Wien Museum) im Künstlerhaus veranstaltet

wurde. Innerhalb von sechs Monaten lockte sie im

Jahr 1985 mehr als 622.000 Besucher an ‒ bis heute ein

historischer Rekord für das Vereinsgebäude. Dem internationalen

Kunstmarkt sollte diese Präsentation eine bis

heute anhaltende Nachfrage an Werken und Objekten

dieser Epoche bescheren.

«Nach 1945 wurde der Beitrag österreichischer

Künstlerinnen zur Moderne vergessen,

ausgenommen die Gruppe der Stimmungsimpressionisten

rund um den Landschaftsmaler

Jakob Emil Schindler.»

Denn die mit Museumsbeständen und Privatleihgaben

aus dem In- und Ausland gespickte Schau, die das Phänomen

„Wien um 1900“ in all seinen Facetten darlegte,

war anschließend im Centre Pompidou in Paris und dem

Museum of Modern Art (MoMA) in New York (1987)

zu sehen. Für diese Gastspiele hatten die Kuratoren der

Institutionen die Zusammenstellung adaptiert. Für die

MoMA-Version hatte Kirk Varnedoe allerdings sämtliche

Werke von Künstlerinnen aussortiert.

Die Moderne sei „ein Unterfangen weißer europäischer

Männer, brutaler Fakt“, erklärte er Jahre später

DAS JÜDISCHE ECHO


„Feldblumenstrauß“, 1906 gemalt von der Impressionistin Olga Wisinger-Florian, die zuvor lang als Konzertpianistin tätig war

FOTOS: BELVEDERE/STOLL (2), WIEN MUSEUM (1)

in einem Interview. Er habe das genau analysiert und es

gebe nun mal keine Werke von Künstlerinnen, die einem

Vergleich mit Van Goghs „Sternennacht“ oder Cézannes

„Badenden“ standhielten.

Wiederentdeckungen

Eine Form der Geringschätzung, die der Tradition entsprach,

die Rolle von Künstlerinnen zu ignorieren und

ihre Bedeutung zu negieren. Das sollte sich erst mit der

nächsten Generation von Kunsthistorikern ändern. Wohl

auch, weil diese deutlich weniger Berührungsängste mit

dem Kunsthandel zu haben schien und dessen Ambition

bei der Aufarbeitung von Nachlässen zu schätzen wusste,

die ganz selbstverständlich auch solche von Künstlerinnen

umfasste.

Eine wesentliche Grundlage für viele der Ausstellungen

in den vergangenen Jahren, etwa „Jahrhundert der

Frauen“ (1999/2000, Kunstforum) oder zu Kinetismus

(2006, Wien Museum, 2011, Belvedere) und Hagenbund

(2014, Belvedere), bildete Sabine Plakolm-Forsthubers

1994 publizierte Forschungsarbeit. Eine daran

anknüpfende Ergänzung boten die Kuratorinnen Andrea

Winklbauer und Sabine Fellner mit der Aufarbeitung

vergessener jüdischer Künstlerinnen. Die Ausstellung

(2016/17, „Die bessere Hälfte. Jüdische Künstlerinnen

bis 1938“) im Jüdischen Museum vervollständigte das

Bild der Wiener Moderne weiter.

Zu den Wiederentdeckungen gehörte die Bildhauerin

Teresa Feodorowna Ries. Sie entstammte einer wohlhabenden

jüdischen Familie aus Moskau, wo sie ab 1890

an der Kunstakademie studierte, die sie jedoch später aus

disziplinären Gründen ausschloss. 1894 emigrierte sie nach

Wien. Ein Studium an der Akademie blieb ihr hier allerdings

aufgrund der Bestimmungen verwehrt. Erst ab dem

Wintersemester 1920/21 waren dort auch Studentinnen

willkommen. Ries wählte den damals üblichen Weg und

nahm Privatunterricht, konkret bei Edmund Hellmer. Er

war einer der wenigen Bildhauer unter den Künstlerhausmitgliedern,

die 1897 als Gründungsmitglieder der Secession

den Bruch mit der Tradition propagierten.

Im Jahr davor gab Teresa Feodorowna Ries im Rahmen

der Frühjahrsausstellung im Künstlerhaus ihr Debüt:

mit der aus Marmor gemeißelten „Hexe bei der Toilette

für die Walpurgisnacht“, in der manche einen Skandal

sahen, die ihr jedoch zum Durchbruch verhelfen sollte.

„So verderbt und verloren“

Als sie am Eröffnungstag „in die Ausstellungshalle kam,

um die Aufstellung meines Werkes zu besichtigen, wurde

ich gleich beim Eingang von einer Anzahl Kollegen stür-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 121


„Die Wache“, 1938 von Greta Freist geschaffen. Die Absolventin der Akademie der bildenden Künste in Wien emigrierte nach Paris

misch begrüßt“, erinnerte sie sich in ihrer 1928 publizierten

Autobiografie. „Irgendjemand nannte dabei laut

meinen Namen, und im selben Moment erscholl von

der Stiege, die in den Saal hinaufführte, eine donnernde

Stimme: ‚Das ist die Ries?! Man sollte ihr den Eintritt

verbieten. Wie kann sie sich unterstehen, aus einem

edlen Marmor eine so scheußliche Fratze zu machen?!‘“

Wie sie da mit gespreizten Beinen hockte, im Begriff,

ihre Zehennägel mit einer Gartenschere zu schneiden,

empörte auch so manchen Kunstkritiker.

Von „widerlicher Geschmacklosigkeit des dargestellten

Stoffes“ war die Rede, von „aufdringlicher Skizzenhaftigkeit

und protzenhafter Rohheit“, wohl ausschließlich,

„um von sich reden zu machen“. Andere lobten wiederum

„ihren geistreichen Humor und ihre sorgfältige technische

Behandlung“, die Schönheit treffende „Verkörperung des

Hexenthums“, so „verderbt und verloren!“. Eine „imponierende

Erscheinung“, die „von männlicher Kraft“ zeuge.

Die Avantgarde zollte Ries jedenfalls Anerkennung,

bald schon waren ihre Arbeiten – auf Veranlassung von

Gustav Klimt – in der Secession zu sehen. Es folgten

Einladungen zu Weltausstellungen (1900, 1911) und

122

zahlreiche Prämierungen. Weiters war sie Gründungsmitglied

der Gruppe „Acht Künstlerinnen“, einer Zweckgemeinschaft,

die als Vorläufer späterer Verbände gilt. Bis

1912 organisierte die Gruppe Verkaufsausstellungen im

Salon Pisko, über die damals auch einige Werke in den

Bestand des heutigen Belvedere gelangten.

Zu den „Acht“ gehörte auch Emilie Mediz-Pelikan,

von der die Galerie der Moderne 1903 das prachtvolle

Gemälde „Blühende Kastanien“ ankaufte. Anlass war die

VII. Ausstellung des Hagenbundes, die allein Emilie und

ihrem Mann Karl Mediz gewidmet war. Karl war seit

1901 ordentliches Mitglied der Vereinigung, die Bewerbung

seiner Frau war dagegen abgelehnt worden.

Ein Brief des damaligen Präsidenten Alexander

Demetrios Goltz an Karl Mediz ist symptomatisch für

das damalige Klima im Wiener Kulturbetrieb: „Was Ihre

uns ebenso werthe Frau Gemahlin anlangt“, so sei das in

den Beratungen nicht durchzusetzen gewesen, denn „es

war immer der größte Theil dagegen“, man befürchtete,

dass „dann einige der in Wien lebenden Frauenmaler

uns keine Ruhe gelassen hätten“, „dem wollte man ausweichen“.

DAS JÜDISCHE ECHO


Flucht und Ermordung

Als Schenkung eines Kunstfreundes gelangte wiederum

1914 eine um 1907 von Ilse Twardowski-Conrat von

Kaiserin Elisabeth geschaffene Büste in den Museumsbestand.

Die Bildhauerin war zunächst in Wien Privatschülerin

von Josef Breitner und später von Charles van der

Stappen in Brüssel. Ihre Skulpturen wurden nicht nur in

der Wiener Secession, sondern auch in internationalen

Ausstellungen, etwa in Rom, London, Paris und Venedig,

gezeigt.

Wie viele ihrer Kolleginnen lebte sie von Porträtaufträgen

der Wiener Gesellschaft und schuf Grabmäler, etwa

auch jenes von Johannes Brahms auf dem Wiener Zentralfriedhof.

1935 wurde ihr, die seit 1914 in München

lebte, Berufsverbot erteilt. Als sie 1942 die Aufforderung

erhält, sich mit ihren Habseligkeiten bei der jüdischen

Gemeinde einzufinden, wählte sie, aus der berechtigten

Angst vor der Deportation ins KZ, den Freitod.

Das Regime der Nationalsozialisten besiegelte die

Schicksale zahlreicher Künstlerinnen. Etwa auch das von

Marianne Saxl-Deutsch, die sich auf kunstgewerbliche

Arbeiten spezialisiert hatte. Sie wurde sechs Tage nach ihrer

Deportation im Mai 1942 in der Vernichtungsstätte

Maly Trostinez ermordet. Oder Friedl Dicker-Brandeis,

eine Malerin und Architektin, einstige Privatschülerin

von Johannes Itten und am Bauhaus in Weimar tätig, die

in den 1930er-Jahren sozialpolitisch aktiv wurde. 1934

wurde sie als Mitglied der KPÖ verhaftet und verarbeitete

die Verhöre in gleichnamigen Gemälden, die eindringlich

die damit verbundene Angst schildern. 1942 wurde

Friedl Dicker-Brandeis in das Ghetto Theresienstadt deportiert.

Dort gab sie Kindern Zeichenunterricht, bis sie

1944 nach Auschwitz überstellt und ermordet wurde.

Und Teresa Feodorowna Ries? Sie musste den Pavillon im

Garten des Palais Liechtenstein, den ihr der Fürst Liechtenstein

als Atelier überlassen hatte, 1938 räumen und

erhielt Berufsverbot. Während ihr Lebenswerk in Wien

verblieb, gelang ihr 1942 die Flucht in die Schweiz. Nur

ein Teil ihrer eindrucksvollen Skulpturen sollte den Zweiten

Weltkrieg und Bombardements überstehen. Zerstört

wurde etwa der einst vom amerikanischen Schriftsteller

Mark Twain so bewunderte Luzifer aus Gips.

Die Hexe hingegen blieb, wenngleich etwas ramponiert,

erhalten und gelangte als Schenkung der Künstlerin

und ihrer Nachfahren in den Bestand des Wien Museums.

Seit einigen Jahren gastiert diese Marmorskulptur

immer wieder als Leihgabe bei Ausstellungen. Dem

Vernehmen nach gibt es Überlegungen, dieses Werk in

der zukünftigen Dauerausstellung des Wien Museums

zu präsentieren: Ein außergewöhnlicher Blickfang, der

stellvertretend für Hundertschaften von Kunstwerken in

Erinnerung ruft, welchen Beitrag Künstlerinnen für die

Moderne zu leisten vermochten. 2

FOTOS: BELVEDERE (2), COURTESY WIDDER (1)

„Spielzeug“ von Fanny Harlfinger-Zakucka (1918), Lilly Steiners Porträt von Lilian Gaertner (1927): Viele verfolgt, andere vergessen

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 123


Von Uli Jürgens

Das bewegte Leben der Louise Fleck

Österreichs Filmpionierin und erste Regisseurin

Louise Kolm-Fleck ließ sich nicht einmal im Exil in

Schanghai in ihrem Schaffensdrang bremsen –

solange man sie ließ.

Schanghai, 1. September 1940. Louise Fleck sitzt an

ihrem Schreibtisch im Appartement 50, Bubbling Well

Road 11. Vor einem halben Jahr ist sie mit ihrem jüdischen

Mann Jakob, der sich in Schanghai Jack nennt, vor

den Nationalsozialisten aus Wien geflohen. Ende Jänner

bestiegen die beiden in Genua den Dampfer Conte

Biancamano und erreichten nach mehreren Wochen die

Metropole Ostasiens. Louise – Österreichs erste Filmregisseurin

– ist 67 Jahre alt. Nun antwortet sie auf einen

Brief ihrer Nichte Elli aus der Familie ihres verstorbenen

ersten Mannes Anton Kolm.

124

Meine liebste Elli!

Du kannst Dir wohl nicht denken, welche Freude

wir haben, wenn ein Brief von Dir kommt. Dein

herrlicher Wiener Humor ist bereits in Shanghai

(7 Millionen Einwohner) durch unsere Verbreitung

bekannt und alles wartet schon ungeduldig auf

den nächsten Brief von Dir und Du wirst es kaum

glauben, wenn ich Dir verrate, dass jeder Brief hier

in der Zeitung veröffentlicht wird. Demnächst wird

auch ein Foto von Dir in der chinesischen Zeitung

erscheinen unter dem Titel „Wiener Humor“.

Kurz hält Louise inne. Von draußen dringt Straßenlärm

herein. Händler, Rikschafahrer, fein gekleidete Damen

und Herren, Bettler – die Stadt ist bunt, laut und überfüllt.

Doch sie war für viele Flüchtlinge die allerletzte

Möglichkeit, dem NS-Terror zu entkommen. Und wer

ist nicht aller da! Die Sängerin Rosl Albach-Gerstl, die

Chansonnière Lilly Flohr, der Pianist Gino Smart, der

Schauspieler Fritz Heller, der Karikaturist Friedrich

Schiff. Auch ihren ehemaligen Aufnahmeleiter Arthur

Gottlein treffen Louise und Jack Fleck in Schanghai wieder.

Man trinkt im White Horse (Zum Weißen Rössl) Kaffee,

diskutiert im Corsogarten, Splendid oder Café Louis

die jüngsten Nachrichten aus der alten Welt, lauscht

beim Würsteltenor den wehmütigen Wienerliedern. An

diesem Septembernachmittag trägt Louise ein leichtes

Leinenkleid, die Fenster sind geöffnet.

Uns, liebe Elli, geht es gottlob sehr gut, nur die

Hitze ist furchtbar. 45 bis 48 Grad C im Schatten

und die Nächte sind auch nicht kühler. Man muss

4 bis 5 mal ein kaltes Wannenbad nehmen und

muss ich dazu bemerken, dass das kalte Wasser

30 Grad C hat, und dass man schweißtriefend aus

dem sogenannten erfrischenden Bad herauskommt.

Man fühlt sich erleichtert, so wie wenn man

3 Aspirintabletten und 2 Tassen Lindenblütentee

getrunken hätte. Diese Hitze soll noch bis Mitte

September dauern, dann soll ein herrlicher Herbst

kommen, der bis Ende Dezember anhält. Wie wir

uns auf diese Erholung freuen, kannst Du Dir,

meine liebe Elli, denken.

Am Tisch gegenüber sitzt Jack und arbeitet konzentriert an

einem Drehbuch. Kaum angekommen, war den Exilanten

eine Nachricht des chinesischen Regisseurs Fei-Mu überbracht

worden, er habe gehört, dass zwei bekannte Filmregisseure

aus Europa eingetroffen seien, sie sollten ihn doch

in seinem Atelier, den Lianhua-Studios, besuchen. Mehrere

Treffen später vereinbarten Louise und Jack mit Fei-

Mu eine spannende Zusammenarbeit, die gemeinsame

Regie eines chinesischen Kinofilms. Der Film, in dem es

um eine Dreiecksbeziehung geht, sollte viele typisch europäische

Szenen und Einstellungen enthalten, ein Tanzlokal

kommt vor, Brandy wird getrunken, man sieht einen

Kalender in englischer Sprache.

Wir arbeiten sehr fleißig, nur hat sich der Beginn

unseres Filmes ein wenig verschoben, da im

Atelier auf unsere Veranlassung Veränderungen

vorgenommen werden müssen, die für die Tonaufnahme

von Wichtigkeit sind. Dadurch kommen

wir in eine etwas kühlere Zeit ins Atelier, was uns

sehr erwünscht ist.

DAS JÜDISCHE ECHO


FOTOS: GERALD GOTTLIEB, PRIVATES ARCHIV

Die österreichische Filmpionierin Louise Fleck 1947 am Hafen

von Genua (oben); Louise und Jakob Fleck mit dem Tenor Hubert

Marischka und dem Komponisten Franz Léhar (Mitte l.); Louise

fotografiert von ihrem ersten Mann Anton Kolm (r.), Louise und

Jakob Fleck 1941 im Exil am Hafen von Schanghai (l. unten): Die

1873 geborene Tochter eines Panoptikumbesitzers konnte sich dem

Spiel von Licht und Schatten niemals entziehen

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 125


Louise reist in Gedanken zurück nach Wien. Dort, im

Dachatelier des Hauses Museumstraße 5, gleich hinter

dem Volkstheater, schrieben die Pioniere Anton und

Louise Kolm gemeinsam mit Jakob Fleck Filmgeschichte.

Dort entstanden um 1910 erste Stummfilme, dort führte

Louise erstmals Regie. Die im Jahr 1873 als Tochter des

Kunstfeuerwerkers und Panoptikumbesitzers Louis Veltée

geborene Louise konnte sich dem Spiel von Licht und

Schatten niemals entziehen. Ein heißer Windstoß holt

die kleine Frau mit den schelmischen Augen zurück in

die Gegenwart.

126

Die einzige Erholungsstätte, die wir hier haben,

ist das Kino, die alle herrlich und riesig groß sind

und alle Kühlanlagen haben, so dass ein Temperaturunterschied

von 10 bis 20 Grad C darinnen

ist. Man muss sich immer eine Umhüllung

mitnehmen, um sich langsam abzukühlen, dann

hat man zwei Stunden eine herrliche Erholung.

Desto schrecklicher, wenn man das Kino verlässt,

man möchte am liebsten Tag und Nacht darinnen

bleiben.

Ach, das Kino! Ihr ganzes Leben hat Louise der Filmproduktion

gewidmet. Anton, ihr erster Mann, kümmerte

sich ums Finanzielle, mit Jakob Fleck wurde sie

bald als Regiepaar bekannt. Gedreht wurden Komödien,

Sozialdramen, Literaturverfilmungen. Nach Antons Tod

heirateten Louise und Jakob. Von Wien ging es nach Berlin,

wo mit Produktionsfirmen wie Hegewald und UFA

zusammengearbeitet wurde. Vom Stummfilm zum Tonfilm.

1933, nach der NS-Machtübernahme, zogen sich

die Flecks wieder nach Österreich zurück. Besonders

angetan haben es Louise die Stücke Ludwig Anzengrubers:

„Der Pfarrer von Kirchfeld“ wurde dreimal verfilmt,

als Stummfilm 1914 und 1926, mit Ton im Jahr

1937, es war der letzte unabhängig in Österreich produzierte

Kinofilm vor dem sogenannten Anschluss an das

Deutsche Reich.

Jüdische Künstlerinnen und Künstler wurden ausgegrenzt,

vertrieben und verfolgt. Auch Jakob Fleck wurde

nach Dachau und später nach Buchenwald deportiert.

Seine Frau schaffte es, ihn freizukaufen – allerdings nur

Lesetipp:

Uli Jürgens

Louise, Licht und Schatten – Die

Filmpionierin Louise Kolm-Fleck

Mandelbaum Verlag, 2019

unter der Voraussetzung, das Land zu verlassen. Louise

lässt den Blick aus dem Fenster schweifen.

Wir wohnen jetzt in einem sehr schönen Gartenhaus,

haben ein sehr hübsches Zimmer mit

voller Verpflegung, interessant ist nur, dass ein

chinesischer Koch kocht und alle Wiener und

ungarischen Spezialitäten uns vorsetzt, sogar

meine geliebten Vanillekipferl sind auf seinem

Repertoire, dazu spielt das Radio echte Wiener

Musik, so dass man oft die riesige Entfernung

ganz vergisst. Beiliegend zwei Bildchen von uns,

im Garten aufgenommen.

Der Film „Kinder der Welt“ feiert schließlich im Schanghaier

Jindu-Theater eine glanzvolle Premiere, von der

Kritik wird er recht wohlwollend aufgenommen, er wird

jedoch die einzige Zusammenarbeit zwischen chinesischen

und ausländischen Filmkünstlern vor der Gründung

der Volksrepublik China bleiben.

Das Papier geht zu Ende, daher will ich Dich nur

noch bitten, gleich nach Erhalt dieses, uns auf

obgenannter Adresse zu schreiben.

Viele herzliche Grüße und sei Du innigst umarmt

und geküsst von Deinen Dich liebenden Tante

Louise & Jack

Das angenehme Leben in Schanghai währt nur kurz.

Nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbour beginnt

am 8. Dezember 1941 der Pazifik-Krieg. Die Verhältnisse

in Schanghai verschlechtern sich dramatisch, die

Emigranten werden in einem abgeschlossenen Stadtteil

interniert. Identitätskarten mit gelben Streifen müssen

an den Posten vorgewiesen werden, die Bewegungsfreiheit

der Bewohnerinnen und Bewohner ist extrem eingeschränkt.

Hunger, Arbeitslosigkeit, Elend. „Was wir

durchgemacht haben, können Worte kaum schildern“,

wird Louise Fleck in einem späteren Brief schreiben.

Nach Kriegsende wollen die beiden betagten Regisseure

so schnell wie möglich nach Österreich zurück,

wollen weiterarbeiten, dort anknüpfen, wo sie

1938 gezwungen waren aufzuhören. 1947 besteigen sie

am Schanghaier Hafen erneut einen Passagierdampfer,

diesmal geht es zurück nach Europa. Ein Comeback ist

ihnen nicht vergönnt. Louise stirbt im März 1950, ihr

Mann Jakob folgt ihr drei Jahre später. 2

Infos

Der zitierte Brief Louises an ihre Nichte Elli wird im Filmarchiv Austria

im Nachlass von Louises Sohn Walter Kolm-Veltée aufbewahrt und

ist eines der wenigen Dokumente, die aus der Zeit des Exils erhalten

geblieben sind.

Für das Wiener Filmfestival Viennale 2019 (24. Oktober bis 6. November

2019) wurde eine Retrospektive des Werkes Louise Flecks erarbeitet.

DAS JÜDISCHE ECHO


DAS JÜDISCHE ECHO

Die Zeitschrift „Das Jüdische Echo“ wurde 1951 von Leon Zelman s.A. und der Vereinigung Jüdischer

Hochschüler Österreichs in Wien gegründet. Es vermittelt die Vielfalt des jüdischen Kultur- und Geisteslebens.

Das Jüdische Echo 2019/20

Starke Frauenstimmen

100 Jahre nach Verwirklichung

des Wahlrechts für Frauen ist das

Thema des Heftes die Rolle der

Frau in Politik, Gesellschaft,

Kultur und Religion.

152 Seiten, € 19,90

Das Jüdische Echo 2018/19

Israel – ein junger Staat mit 70

Zwischen Start-up-Modernität

und Auslöschungsdrohungen.

Sieben Jahrzehnte nach der

Unabhängigkeitserklärung ist

Israel ein gefestigter Staat.

152 Seiten, € 19,90

Das Jüdische Echo 2017/18

Wohin unsere Welt treibt

Ist der liberale und gegenüber

Minderheiten tolerante Rechtsstaat

noch zu retten? Horrorszenarien und

Wunschträume – Utopien zum Zusammenleben

in der Gesellschaft.

152 Seiten, € 14,50

Das Jüdische Echo 2016/17

Bedrohungen, Feindbilder,

Sündenböcke

Wenn einem das Fremde nahekommt,

entsteht bei vielen Menschen Furcht.

Diese Furcht kann sich gegen all

jene richten, die anders sind.

152 Seiten, € 14,50

Das Jüdische Echo 2015/16

Identität? Welche Identität?

Wer sind wir, was sind wir und

wie lange lässt man es uns noch

sein? Wir erleben Ab- und Ausgrenzungen,

das Gefühl des

Andersseins ist weit verbreitet.

152 Seiten, € 14,50

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Von Susanne Belovari

Wiener Juden und die Wiener Küche vor 1938

Wie die Koch- und Esstraditionen der österreichischen

Donaumetropole als gemeinsames

Werk und Erbe von Wiener Juden und Nichtjuden

entstanden sind.

Um die Druckkosten meiner Doktorarbeit bezahlen zu

können, arbeitete ich 1997 als Haushaltshilfe bei einer

Familie in den USA. Zufälligerweise war die Familie

orthodox-jüdisch mit österreichisch-ungarischen Wurzeln.

Wir freundeten uns nicht nur rasch an; da ich die

nötigen Regeln für koscheres Kochen rasch lernte, vertrauten

sie mir auch das Kochen zu Pessach an, zu dem ja

die Regeln am strengsten sind. Als sie mich jedoch baten,

typische Pessach-Nachspeisen zuzubereiten, lehnte ich

zuerst ab. In Wien aufgewachsen, hatte ich die klassischen

Wiener Nachspeisen meiner Mutter, einer exzellenten

Köchin, gegessen. Die Mutter meiner Mutter hatte ein

kleines Wiener Kaffeehaus geführt, und ihre Apfelstrudel

z. B. waren so berühmt, dass mein viel älterer Cousin

in den 1950er-Jahren aus Graz angeradelt kam, um

ein Stück zu ergattern. Meine andere Großmutter hatte

bis 1918 für einen Grafen in Graz als Mehlspeisenköchin

gearbeitet. Mit einer solchen Familie erschienen mir

Pessachrezepte als unbrauchbar.

Stattdessen blätterte ich das handgeschriebene

Kochbuch meiner Mutter mit den Rezepten ihrer Mutter

durch, wie auch mein Exemplar der circa 1929er-Ausgabe

der „Wiener Küche“ von Olga und Adolf Hess, und

ich buk dann unsere Weihnachtsbäckereien, Haselnussbusserln,

eine Wiener Haselnusstorte und anderes mehr.

Keines dieser Gerichte brauchte Treibmittel, Mehl oder

gärungsfähige Zutaten, die zu Pessach alle verboten sind.

Während die zum Sederabend gekommenen Gäste begeistert

waren und Rezepte wollten, stand ich vor einem

Rätsel: Wie war es möglich, dass ich Rezepte und Speisefolgen

meiner Großmutter und jene aus dem Hess-

Kochbuch unter den strengsten jüdischen Speisegesetzen

kochen konnte, ohne dass ich sie anpassen musste? Und

Die Kochbuchautorin Olga Hess (aufgenommen um 1901) und ihr Mann Adolf Hess, Direktor der Wiener Gastgewerbeschule

FOTOS: STEPHEN J. FLETCHER, ARCHIV

128

DAS JÜDISCHE ECHO


dann hatte ich einen mir damals fast verrückt erscheinenden

Gedanken: War unsere berühmte klassische Wiener

Küche vielleicht ein gemeinsames Werk und Erbe von

Wiener Juden und Nichtjuden gleichermaßen?

Um diese Frage zu beantworten, suchte ich die

nächsten Jahre nach relevanten Geschichtsquellen. Und

diese zeigen, dass die Essgewohnheiten der Wiener von

circa 1790 bis 1938 durch das alltägliche Miteinander

und die gemeinsamen (kulinarischen) Leistungen von

Wiener Juden und Nichtjuden entstanden waren. Jeweilige

kulinarische Einflüsse spielten dabei ebenso eine

Rolle wie individuelle Beiträge und dass sich beide mit

der Wiener Küche identifizierten.

„À l’usage des deux nations“

Für Wiener war die Wiener Küche schon lange ein stolzes

Identifikationsmerkmal gewesen. Der Duft von Vanillekipferln,

Faschingskrapfen, Gugelhupf, Strudel; Gänsebraten

oder Karpfen zu Weihnachten, kräftige Suppen

und Rindfleischgerichte, Polsterzipf, Krautfleckerln

und Striezel – all das und mehr und gerade die Mehlspeisen

machten vor 1938 die klassische Wiener Küche

aus. Als Praxis und kultureller Bezugspunkt hatte sie sich

im Lauf der vorhergehenden 150 Jahre entwickelt; um

1880 wurde sie integraler Bestandteil der Wiener Kultur

und Identität. Um 1900 war sie die international einzige

nach einer Stadt benannten Küche; sie hinterließ bleibende

Spuren in der Kunst, in Publikationen wie auch in

gerichtlichen und familiären Streitigkeiten. Die Wiener

Küche war eine Art fokussierender Linse, durch die die

Wiener, die ihr Essen recht ernst nahmen, vor 1938 ihre

Welt betrachteten. Sie definierte „uns Wiener“ auf eine

Art und Weise, wie es keine andere Kunst (als solches

wurde sie damals beschrieben) konnte. Von der Lebensmittelherstellung

über Ver- und Einkauf und Zubereitung

‒ die drei Letzteren überwiegend von Frauen ausgeführt

‒ schufen tägliche Verrichtungen Leckerbissen und

Erinnerungen an Düfte, Geschmack, Bräuche, Kindheit

und Geborgenheit, die wir buchstäblich einatmeten und

zu uns nahmen.

Ab circa 1750 halfen Kochbücher, dieser eigenständigen

Stadtküche Form und Gestalt zu geben und das

„Wienerische bewährte Kochbuch“ (circa 1760) war

vielleicht das erste, welches die Bezeichnung „Wiener“

im Titel trug. Als Frauen im 19. Jahrhundert begannen,

immer mehr Kochbücher zu publizieren, wechselte das

Publikum von aristokratischen Familien zu überwiegend

bürgerlichen Hausfrauen. Zum ersten Mal schuf deren

Bestreben, den aristokratischen Lebensstil nachzuahmen,

in Verbindung mit Entwicklungen in der Papierherstellung,

Druck, Verlagswesen und der wachsenden

Schriftkundigkeit einen großen und sozioökonomisch

vielfältigen Markt für Kochbücher. Demzufolge wuchsen

die Reichweite sowie die Bedeutung auch teurer

Kochbücher dramatisch an, wie erhaltene Rezeptsammlungen

und Zeitungsarchive belegen.

Im selben Zeitraum wurde die jüdische Bevölkerung

zu einer der größten, erfolgreichsten und säkularsten Europas.

Sie wuchs von 1200 (0,5 Prozent) im Jahre 1800

auf 176.000 (zehn Prozent der Wiener Bevölkerung) im

Jahr 1934 an; Protestanten machten etwa sechs Prozent

aus. Und Christen und Juden – religiöse, weltliche ebenso

wie konvertierte – trugen gleichermaßen zu einer gemeinsamen

Wiener Küche bei. Sie arbeiteten als KöchInnen,

brachten einander das Kochen bei, schrieben Kochbücher

oder produzierten, verkauften und verzehrten genüsslich

wienerische Speisen. Schon 1852 schrieb Moritz Gottlieb

Saphir (1795–1858), ein einflussreicher Journalist

und Schriftsteller, der aus dem Judentum ausgetreten

war, über die verflochtene Natur der Wiener Küche. Er

beklagte das langsame Verschwinden der frommen Juden

seit 1800 samt deren religiös beinflussten traditionellen

Küche und Gastronomie. Nicht nur die Juden, sondern

auch deren Küche hatte sich emanzipiert. Die von ihm

gelobten emanzipierten Restaurants des Herrn Ehrmann

(vormals Herzl) böten eine Küche, „die Alles für Alle auf

das Vortrefflichste hat; eine Küche ‚à l’usage des deux

nations‘“(für Juden und Christen).

Faszinierenderweise werden seine Beobachtungen

auch dadurch bestätigt, dass vor 1938 kein einziges Wiener

jüdisches Kochbuch erschienen ist. In anderen Teilen

der Monarchie richteten sich solche Kochbücher an

fromme Juden und gewannen Auszeichnungen sogar auf

internationalen Ausstellungen in Wien (im deutschen

Kaiser reich waren sie ähnlich weit verbreitet). In der

Hauptstadt der Monarchie jedoch sahen Autoren dafür

offenbar weder Notwendigkeit noch Markt.

«Essbare kulturelle Brücken:

Hier finden wir typisch jüdische Speisen

wie Kugel (Nudel- oder Kartoffelauflauf),

Gans, Ritschert (Scholet), Barches

( Schabbatstriezel) oder die Fächertorte.»

Ab 1850 wurden typisch jüdische Speisen auch immer

weniger in jüdischen, nichtjüdischen und antisemitischen

Zeitungen – den einzigen weit verbreiteten Reportagen

kulinarischer Trends ‒ erwähnt. 1893 fanden

Leser z. B. ein Gedicht von einem Traum. Darin lobt der

Autor Speisen, die sich ein Kirchenfürst beim Besuch

eines jüdischen Millionärs zu essen weigerte. Hier finden

wir typisch jüdische Speisen wie Kugel (Nudel- oder

Kartoffelauflauf), Gans, Ritschert (Scholet), Barches

(Schabbatstriezel) oder „Fladen“ (Fächertorte), von dem

es hieß: „Zwischen Christenheit und Juden könnt’ die

Kluft er überbrücken.“ Dreißig Jahre später wurden die

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 129


meisten davon nicht mehr als jüdisch angesehen. Sie

waren „wienerisch“ geworden und regulär in Wiener

Kochbüchern zu finden. Manchmal wurde das Ritschert

noch als jüdisch bezeichnet, aber sowohl von Juden als

auch Christen gegessen.

Weiters begannen seit 1850 sprachliche Unterscheidungen

zu verschwinden; Ausdrücke für jüdische

und christliche Feiertage, Speisen und Zutaten wurden

zuneh mend austauschbar. Ostern verwies regelmäßig auf

Pessach und das christliche Osterfest. Barches war auch

als Zopf oder Striezel bekannt; mit oder ohne Milch

( parve – weder milch- noch fleischhaltig) hergestellt, passte

er zu koscheren Speisen, und Nichtjuden verzehrten ihn

als Jause. Selbst Rezepte, die Schmalz enthielten, konnten

koscher sein; es bezeichnete damals nicht nur Schweine-,

sondern auch Butter- (oft Rinderschmalz genannt), Gänse-

oder vegetarisches Fett. Das Pessach-Brot, Matze, und

Matzemehl wurden auch Osterbrot bzw. Brösel ge nannt.

Und aus Scholet war allgemein Ritschert geworden.

Die gemeinschaftliche Erfindung, Herstellung, Bezeichnung,

Verkauf und Verzehr von Lebensmitteln machen

es schwer, historische Quellen zu entschlüsseln. So

zählte z. B. ein Artikel über die 1. Wiener Internatio nale

Kochkunst-Ausstellung 1884 einige klassische Wiener

Mehlspeisen und Konditoren auf. Die Ausstellung der

Bäckerinnung „überrascht wirklich durch die Mannichfaltigkeit

ihrer Producte, unter denen besonders die Riesengugelhupfe

von Anton Mayer, die Eierstritzeln und

das Früchtebrot von Ignaz Kantor auf den Geschmack

des Publicums sehr anregend zu wirken scheinen“. Gemeinsam

mit anderen Mehlspeisen schafften sie „ein Bild

echt wienerischen Behagens und Genusses“. Allerdings

war nur Zeitgenossen klar, warum jene konkreten Speisen

und Bäcker hervorgehoben wurden, um die ganze

Breite der Wiener Küche zu repräsentieren. Kantors allgemein

beliebte Striezel und Früchtebrote waren nämlich

Barches und Sukkotfrüchtebrote aus der berühmten

jüdischen Kantor-Bäckerei, die bis in die 1930er-Jahre

auf der „Matzes-Insel“, Wiens zweitem Bezirk, existierte.

(Dort war die Bevölkerung vor 1938 bis zu vierzig Prozent

jüdisch.) Auf der ersten Kochkunstausstellung wurde

die Wiener Küche also bereits als gemeinsam produzierte

und genossene Küche ausgestellt und verstanden,

und besonders, was den Wienern am wichtigsten war,

ihre Mehlspeisen.

Dies alles sind Hinweise darauf, dass Christen und

Juden einander seit langem über Lebensmittel und Essgewohnheiten

nähergekommen waren, wobei jede Seite

das ihre dazu beigetragen hatte. Das war zu erwarten. Im

Jahr 1850 hatten beide schon Jahrzehnte miteinander

und nicht voneinander abgesondert gelebt. Seit Ende

des 18. Jahrhunderts war die berufliche Trennung zunehmend

abgeschafft worden, und 1867 erlangten beide

die vollen Bürgerrechte. Bis 1914 zog eine große Anzahl

christlicher und jüdischer Zuwanderer nach Wien, kulinarische

Traditionen aus dem gesamten Reich im Rucksack.

Sie studierten, heirateten, arbeiteten, kauften ein,

konvertierten, schlossen Freundschaften, stritten miteinander

und stellten einander an.

Kulinarisches Miteinander

Agnes Wlczek und ihre drei Töchter circa 1929: Jede erhielt zur

Hochzeit das Hess-Kochbuch; sowie später auch ihre Enkel

130

Exemplarisch für dieses kulinarische Miteinander zwischen

1790 und 1938 sind Biografien zweier prominenter

Kochbuchautoren, einer katholischen Köchin und

eines jüdischen Konditors, sowie einer protestantischen

Hausfrau der Arbeiterklasse.

Als Frauen wenig Rechte und öffentliche Annerkennung

hatten, war die Katholikin Theresia Ballauf (circa

1760‒1840) eine der Ersten, die ein Wiener Kochbuch

herausgab, „Die Wiener-Köchinn wie sie seyn soll …“

(1810). Bis 1844 wies der Titel aller Ausgaben Ballauf als

„gewesene Freyherrlich Arnstein’sche Köchinn“ aus, offensichtlich

hinzugefügt, um den Verkauf anzukurbeln.

Arnstein war ein prominenter Wiener Jude gewesen.

Wahrscheinlich hatte Ballauf Arnstein nach ihrer Heirat

DAS JÜDISCHE ECHO


FOTOS: PRIVATES ARCHIV

verlassen, unterrichtete dann Kochen und schrieb obiges

Kochbuch. Ohne weitere Dokumente ist es schwer,

kulinarische Einflüsse aus ihrer Zeit bei Arnstein zu

identifizieren, noch dazu, da Rezepte die religiöse Herkunft

zumeist nicht widerspiegeln. Manchmal kann man

Einflüsse aber erkennen, wie z.B. in dem Rezept für Judenbratel.

Ballauf wusste, was sie tat, wenn ihr Rezept

Kalbfleisch mit Milch und Butter briet und mit einer

Sauce aus Rahm, Kapern und Zitronenschalen servierte.

Koschere Regeln zu missachten, indem man Milch und

Fleisch zusammenkochte, bedeutete anscheinend wenig

für die Arnsteins; Zitronenschalen (und Kapern) waren

würzige Einflüsse der traditionellen jüdischen Küche.

Jac(k)ob Eb(p)stein (1830‒1904) wiederum war

Jude, ursprünglich aus Kremsier in Mähren, und ein

bekannter Wiener Konditor und Fabrikant. Möglicherweise

war er der erste Wiener Jude, der ein k. k. Privileg

für getrocknetes Gemüse führte, das er im ersten Bezirk

neben Konserven, Marmeladen, ,mixed pickles‘, seiner

patentierten Passiermaschine und Desserts verkaufte.

Viele seiner Produkte waren damals Teil revolutionärer

Verbesserungen in der Lebensmittelkonservierung, für

die er auch auf der Wiener Weltausstellung 1873 die Verdienstmedaille

erhielt.

In der Stadt der Mehlspeisen schrieb er dann eines

der ersten und seltenen Wiener Konditorkochbücher,

„Die Wiener Conditorei“ (1860). Dessen Hauptitel und

die spätere Ausgabe, „Der Wiener Conditor“ (1887),

weisen klar darauf hin, dass Ebstein vorrangig für Fachleute

geschrieben hatte. Sein Herausgeber bewarb die

neue Ausgabe auch als Kompendium für Fachschulen,

genau als diese sich professionalisierten (und 1891 zur

Wiener Fachschule für Gastwirte unter Adolf Hess zusammengeführt

wurden). Mit Hunderten an Rezepten

prägte Ebstein somit die Wiener Patisserie an Schulen

und als Folge davon in Konditoreien und der Gastronomie

sowie im Haushalt. Während seine kulinarischen

Beiträge sich generell genauso wenig auf sein Judentum

zurückführen lassen wie Ballaufs Rezepte auf ihren Katholizismus,

inkludierte er indes z. B. den Fladen, von

dem schon die Rede war.

Bis 1938 veranschaulicht die evangelische Agnes

Wlczek (1891‒1961, verh. Müller) das kulinarische Miteinander

in der Arbeiterklasse und zu Hause. In Mähren

geboren, schickte man Wlczek um 1905 nach Budapest,

wo sie in einer jüdischen Familie als Spielgefährtin

der behinderten Tochter und als Hausgehilfin lebte.

Um 1913 zog sie nach Wien und eröffnete ein kleines

Wiener Kaffeehaus im neunten Bezirk, in dem viele sekuläre

und ausgetretene Juden wohnten. 1920 heiratete

sie und zog 1927 auf die Matzes-Insel, wo sie mit ihrem

Mann bis 1961 eine kleine Tischlerei besaß. Natürlich

hatte Agnes in der Budapester Familie und von jüdischen

Wiener Nachbarn, Freunden und Geschäften aus erster

Hand gelernt, was in Wien weithin bekannt war: koschere

Kochregeln und eine gemeinsame Wiener Küche. Was

sie über diese Gerichte, Speisefolgen wie auch Zutaten

wusste und mochte, adaptierte sie für den Alltag. Und

sie gab dies an ihre drei Töchter weiter – jede erhielt zur

Hochzeit auch ein Hess-Kochbuch – und an ihre Enkel,

mich eingeschlossen, die zu jenem Zeitpunkt nichts

mehr über die jüdischen Ursprünge und Einflüsse in der

Wiener Küche wussten.

Das Hess-Kochbuch

Agnes selbst verwendete das Kochbuch „Wiener Küche“

(das Hess) von Adolf F. Hess (1862‒1928) und Olga C.

Hess (1881‒1965), das erstmals 1913 erschienen war.

Mit Rezepten von Kochlehrerinnen, Kochschulen, Restaurants,

KöchInnen und Hausfrauen war das Hess ein

Querschnitt der Wiener Kulinarik durch verschiedene

Bevölkerungsschichten, und es bot neben gesunder,

abwechslungsreiche Kost, die preiswert und schmackhaft

war, auch moderne Ernährungswissenschaft. Wissenschaftlicher

Inhalt, themenprägende Vollständigkeit und

Das Hess-Buch zur Wiener Küche, die Ausgabe aus dem Jahr 1929:

Erstmals erschien es 1913; bis 1939 erlebte es 27 Auflagen

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 131


Darstellung, hervorragende Rezepte, Kontakte des Ehepaares

Hess und die Nachkriegsnostalgie für das Habsburgerreich

erklären die enorme Beliebheit dieses Kochbuchs

zu Hause, in Fachschulen, in denen es jahrzehntelang

das Standardkochbuch blieb, und im Ausland. In

den 27 Jahren bis 1939 gab es 27 Ausgaben.

Meine Analyse basiert auf einer undatierten Hess-

Ausgabe (circa 1929) und gehörte ursprünglich Helene

Kohn, einer Wiener Jüdin und Mutter von Fritz Kortner,

die es auf die Flucht mitnahm.

Maßgeblich, wie das Hess für die Wiener Küche war,

veranschaulicht es auch das gemeinsame kulinarische

Erbe der Wiener Juden und Nichtjuden. Dieses Erbe lässt

sich auf verschiedene Weisen feststellen, z. B. durch das

Vorliegen von Rezepten, die für eine koschere und strikte

Pessach-Küche verwendet werden konnten, aber für

alle anderen lediglich Speisen mit oder ohne bestimmten

Zutaten waren. Als Köche noch fast alles ohne Fertigprodukte

zubereiteten, war koscher kochen um vieles leichter:

Fleischiges wird nicht mit Milchigem vermischt, alles

andere ist parve; es gibt erlaubte und nicht erlaubte Tiere

oder tierische Produkte; langsam kochende Gerichte werden

für Schabbat und solche ohne Treibmittel, Mehl und

anderen fermentierenden Zutaten für Pessach gekocht.

«Im Hess verwiesen die Rezepte nicht auf

religiöse Feiertage. Mit den Juden

als zweitgrößter Religionsgruppe war

das wohl eine Vermarktungsstrategie,

um ein großes Publikum zu erreichen.»

Aber wie findet man in einem Kochbuch koschere

Rezepte? Köche, die die Namen der Speisen kennen,

benützen dazu den alphabetischen Index. Das Hess verfügte

aber auch über ein 35-seitiges Sachregister, das

Rezepte nach Art von Gericht und Zutaten gruppenweise

auflistete und so half, Menüs zu erstellen, Neues

zu kochen und koschere Rezepte zu finden. Mithilfe der

Stichwörter konnte man Rezepte ohne Milchprodukte,

Mehl, tierisches Fett, Fleischarten oder Treibmittel finden

oder solche, die Ersatzzutaten vorschlugen (Strudelteig

aus Butter, Schweinefett oder Öl). Typisch für die

Wiener Küche, gab es wenige Rezepte für Schweinernes

und viele für Rind, Fisch, Lamm und Geflügel. Fast jeder

Abschnitt enthielt zumindest ein Rezept, das man zu

Pessach kochen konnte (z. B. Holunderkompott ohne

Mehl und Milch). Dieses Sachregister mag unbedeutend

erscheinen, aber seine feingliedrige Einteilung ist eigentlich

nur für die koschere Küche (und nicht einmal für

strenge Krankendiät) von Nutzen.

Weiters bot das Hess einen 48-seitigen Anhang mit

zwei täglichen Menüvorschlägen an: Ein teures, aufwendiges

A-Menü und ein billigeres, zeitsparendes Menü

132

B für jene, die neben der Hausarbeit kochten. Schweinernes

war hier einfach zu vermeiden. Enthielt Menü B

Schwein, was sehr selten der Fall war, bot Menü A eine

Alternative. Interessanterweise illustrieren die zwei Menüs

so auch, was eher säkulare Wiener Juden aßen – im

Gegensatz zu ärmeren, häufig frommen Juden, die oft

gerade vom Osten zugewandert waren.

Eine weitere Eigenschaft einer gemeinsamen Küche

ist das Vorhandensein von ursprünglich „typisch jüdischen“

Speisen, welche das Hess auch bis auf den Fladen

enthielt. Während 1847 das Scholet „in Kochbüchern

kein Bürgerrecht“ hatte (Saphir), beinhaltete das Hess

drei Rezepte für Ritschert. Um 1847 den Scholet zu genießen,

musste man sich „befreit haben von allen Vorurtheilen,

man muß den Magen emancipirt haben; die

Zunge darf keinen Judenhaß besitzen …“ (Saphir); in

der Zwischenkriegszeit gehörte Ritschert zur allgemeinen

Wiener Küche und blieb unerlässlich für ärmere,

fromme Juden. Da sie an religiösen Feiertagen weder arbeiten

und Feuer machen noch kochen durften, verwendeten

sie langsam kochende Speisen wie das Ritschert,

die in einer Kochkiste garten oder auf glosender Asche

warmgehalten wurden. Oder sie brachten diese am Freitag

in eine Bäckerei, um sie samstags wieder abzuholen.

Das Hess führte auch einige typische jüdische Speisen unter

ihren jiddischen Namen, etwa Gansbiegel und Ganseljunges

bzw. Gänseklein. Andere wie Barches, Kugel,

Rugelach, Hamantaschen, Gans- und Fischgerichte

(z. B. gefillte Fisch) und eingelegtes Gemüse wurden mit

den typischen Wiener Bezeichnungen angeführt.

Namen sind wichtig; ihre An- oder Abwesenheit

ist bezeichnend. In Wien wurden Speisen üblicherweise

nach christlichen Feiertagen wie Weihnachten, Ostern

oder Allerheiligen benannt, z. B. „Osterbinsen“ (heute als

Pinze bekannt). Als solche in Kochbüchern geführt, waren

sie für die Gastronomie von saisonaler und finanzieller

Bedeutung. Im Hess jedoch verwiesen weder Rezepte

noch Menüs auf religiöse Feiertage. Mit Wiener Juden

als zweitgrößter Religionsgruppe war das Miteinbeziehen

aller Rezepte unter Weglassung von Hinweisen auf

Feiertage zumindestens eine sinnvolle Vermarktungsstrategie,

um das größtmöglichste Publikum zu erreichen.

Wie bereits erwähnt, kannten Köche alternative

Bezeichnungen für Zutaten und Speisen, z. B. für Fett

und Barches. Daher können Rezepte, die heute für die

koschere Küche als ungeeignet erscheinen, einst zweckmäßig

gewesen sein. Weiters wurde damals die Fähigkeit,

Zutaten zu ersetzen, als nützlich und finanzielle Notwendigkeit

angesehen, und das Hess gab ausgiebig Ratschläge:

z. B. Fleisch- durch Gemüsesuppen zu ersetzen,

Milch durch Wasser und Milch- oder Fleischfette durch

pflanzliche, was besonders bei Nachspeisen recht schwierig

ist. Dadurch wurden Speisen parve (wie etwa Knödel

und Füllungen) oder koscher (wenn man z. B. Rahm in

Fleischspeisen ersetzte).

DAS JÜDISCHE ECHO


FOTO: PRIVATES ARCHIV

Selbst Küchengeräte konnten unterschiedliche Bedeutung

haben. Für Juden war es nichts Neues, wenn das

Hess Herstellung und Verwendung der Kochkiste erklärte

– die besonders im Ersten Weltkrieg notwendig wurde ‒

und einige Speisen mit Ritschert-Zutaten empfahl. Im

Gegensatz zu nichjüdischen Hausfrauen hatten fromme

Juden wärmeisolierte Kisten, in denen heiße Speisen

ohne Energiezufuhr weitergarten, schon lange verwendet.

Sie stimmten sicherlich mit dem Hess überein, dass

separate Kochanleitungen nicht nötig waren und so warmes

Wasser ohne beheizten Ofen verfügbar sei.

Mitarbeiter am „Hess“

Den Inhalt des Hess verdanken wir natürlich bestimmten

Personen, die so die Wiener Küche unmittelbar prägten.

Meist bleiben Erfinder von Rezepten unbekannt; diese wiederum

spiegeln Herkunft selten wider. Bei genauer Lektüre

des Hess stößt man jedoch auf Friedrich Sgalitzer, Wilhelm

Schlesinger und Heinrich Reichel – von denen einer im

Holocaust ermordet wurde, ein anderer fliehen konnte und

Letzterer half, den Holocaust vorzubereiten. Die Wiener

Küche – das Kochbuch und die Kochkultur der Stadt –

wird hier als gemeinsame Anstrengung sichtbar, unabhängig

von religiöser und ideologischer Herkunft.

Hier sind Inhalt und Gliederung des letzten Kapitels

interessant. Es gab Rezepte für die Krankenküche

(auch von Schlesinger), Massenverköstigung (von der

Magistrats direktion) und „Notfälle“ (Kochfachschule

von Olga Hess). Es war sicherlich vernünftig, dass nur

zwei Rezepte für Kranke Schweinefleisch enthielten:

schließlich ist es schwer zu verdauen. Aber es ist bemerkenswert,

dass die Abschnitte für Massenverköstigung

und Notfälle ebenfalls kein Schweinernes enthielten

– obwohl die Wiener seit 1900 mehr Schwein als

Rind aßen, der Konsum sich bis 1936 verdoppelte und

Schweinernes seit 1913 billiger als Rindfleisch war. Keines

der Rezepte in diesen Abschnitten mischte Milchiges

mit Fleischigem. Die meisten Suppen, alle Beilagen und

einige Nachspeisen waren parve. Für fromme Juden und

Katholiken, die an Fasttagen Fleisch vermeiden wollten,

war es auch praktisch, dass die „Notfallrezepte“ Fleischvon

Fleischersatzspeisen, die parve waren, trennten. Und

es gab Rezepte für ein als Rotei bekanntes Blutmehl.

Mit Rotei gibt es eine direkte Verbindung zu einem

jüdischen Wiener und der Kriegs- und Gemeinschaftsküchen

der Stadt. Wie das Hess erklärte, war dies ein Fleischersatz,

der von Dr. Friedrich Sgalitzer (1886–1944) erfunden

und in mehreren Ländern patentiert worden war

(1916 in Österreich). Da es während des Ersten Weltkriegs

wenig zu essen gab, entwickelte Sgalitzer ein leicht

verfügbares, billiges, haltbares und gut verdauliches Nahrungsmittel

namens Rotei, für das Tierblut schockgefroren

und im Vakuum verdampft wurde. Im Gegensatz zu

anderen Blutmehlarten enthielt sein geschmackloses Pulver

das gesamte Bluteiweiß und andere Bestandteile und

war nahrhafter. Es war ein derart revolutionärer Beitrag

zur Ernährung der Armen, dass Olga Hess in ihrer Fachschule

Rezepte für die Stadt Wien entwickelte. Sgalitzers

Erfindung ist auch ein perfektes Beispiel dafür, wie sich

weltliche Wiener Juden nicht verpflichtet fühlten, religiösen

Auflagen zu folgen: Verzehr von Tierblut war ja nicht

koscher. Wie viele Wiener stammte Sgalitzer aus einer jüdischen

Prager Familie und zog um 1900 für sein Studium

nach Wien. Nach 1938 versteckte er sich in Prag, wo

er mit seiner zweiten, „arischen“ Frau und seinen Kindern

bis 1944 lebte. Von Nachbarn denunziert, wurde er ins

Gestapogefängnis beim Konzentrationslager Theresienstadt

verschleppt und erschossen; seine beiden Söhne aus

erster Ehe wurden ebenfalls ermordet.

Das Ehepaar Hess ersuchte außerdem den Experten

für Krankenkost, Rezepte beizusteuern. Als Vorreiter in

Stoffwechsel-, Ernährungs- und Diabetesforschung hatte

Dr. Wilhelm Schlesinger (1869–1947) durch Vorlesungen

und Rezepte einen enormen Einfluss auf die

wissenschaftliche Literatur, die Kommunalpolitik und

auf Berufs- und Laienköche. Schlesinger war der Erste,

dessen Vorlesungen praktische Übungen zur Diätküche

inkludierten (1907). Während des Ersten Weltkriegs

instruierte er Ärzte über richtige Ernährung. Und nach

1918 publizierte er über Krankenkost daheim wie über

Obst- und Gemüsekost für das Gesundheitsamt. Aus einer

der ältesten und angesehensten jüdischen Familien

Wiens stammend, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichte,

konvertierte er nach dem Tod seines Vaters zum

Protestantismus. 1939 gelang ihm die Flucht.

Bei jedem der Hess-Rezepte für Kranke wurde, um

Ärzten die Diätauswahl zu erleichtern, der Nähr wert

vermerkt; ansonsten jeweils nur für das erste Rezept eines

Abschnittes. Der Nährwert basierte auf den Untersuchungen

von Heinrich Reichel und Rudolf Bernhart,

Friedrich Sgalitzer mit Ehefrau Ilse und Kindern 1938: Der Erfinder

eines patentierten Fleischersatzes wurde im Holocaust ermordet

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 133


„Viennese Cooking“ von Schlesinger und Hess (l.). Aus dem Urbach-Kochbuch: Bildrezept für den Striezel, Kochschülerinnen bei der Arbeit

die als die wichtigsten Mitarbeiter des Hess angeführt

waren. Reichel (1876–1943) hatte an Adolf Hess’ Fachschule

für Gastwirte unterrichtet. In erster Linie war er

aber Mediziner und Universitätsprofessor für Hygiene

und einer der einflussreichsten Befürworter von „Rassenhygiene“

und „Rassenbiologie“. Er popularisierte beides

in Schulen, Museen, auf der Uni und in der Politik. Er

sprach sich gegen die Vermischung der sogenannte jüdischen

mit der ebenso fiktiven nordeuropäischen Rasse

aus und bildete eine Generation von Eugenikern heran,

die mithalfen, den Massenmord an Juden und anderen

umzusetzen. Bezeichnend für die gleichermaßen integrierte

wie antisemitische Stadt Wien, analysierte Reichel

die Diätrezepte eines jüdischen Wissenschaftlers und lieferte

deren Nährwertangaben. Ganz anders als Ballauf,

Ebstein und Wlzek, erlauben diese drei Wissenschaftler

somit eine dunklere Einsicht in das gemeinsame Wesen

der Wiener Küche, wie sie vor 1938 existierte.

Lebensbiografien und Erzählungen berücksicht. Jüdische

und nichtjüdische WienerInnen trafen sich zusätzlich

in Suppenküchen der Stadt Wien und der jüdischen

Gemeinde. Sie kauften in nicht-koscheren wie koscheren

Geschäften ein. Sie erwarben Wiener Kochbücher von

jüdischen AutorInnen wie Sidonie Rosenberg und Emma

Schreiber, Ludwig Karpath, Mela Weisz und Ida Bock.

Sie waren als Gäste in den jeweiligen Häusern eingeladen

oder arbeiteten dort als Köchinnen. Bevor sie heirateten,

nahmen jüdische Frauen aus wohlhabenden Familien an

Wiener Kochseminaren, wie z. B. im namhaften Hotel

Bristol, teil. Das war nicht nur Mode, sondern gehörte für

großbürgerliche Familien zum guten Ton.

«Alice Urbach leitete in den

Zwanzigerjahren „Moderne Kochkurse“.

Sie hielt im Café Landtmann Vorträge

über die klassische Wiener Küche.»

Außerhalb des Kochbuchs

Das Hess existierte jedoch nicht in einem Vakuum. Die

Wiener Küche war das Spiegelbild einer Stadt, in der Juden

und Nichtjuden täglich über Lebensmittel und Kulinarik

miteinander zu tun hatten, sei es, dass sie Betriebe in

der Lebensmittelherstellung und dem Lebensmittelverkauf

besaßen oder verwalteten, sei es im Gastgewerbe, in

Suppenküchen oder via Dienstboten, Kochbücher und

Kochschulen unter vielem anderen. Es gibt heute keine

verlässlichen statistischen Unterlagen mehr, wie groß

die jüdische Beteiligung an jener Branche vor 1938 tatsächlich

gewesen war. Sie war jedoch umfangreich, wenn

man Anekdoten, Forschungsarbeiten, Restititionsfälle,

Genauso war es für nichtjüdische Frauen gang und gäbe,

kulinarische Vorträge und Kochschulen zu besuchen, die

Jüdinnen organisierten. Alice Urbach (1886‒1983) war

geborene Wienerin, Jüdin und Autorin des renommierten

Kochbuchs „So kocht man in Wien!“, das erstmals 1935

veröffentlichte wurde. Seit Mitte der 1920er-Jahre leitete

sie eine erfolgreiche Kochschule für Fachkräfte und Laien,

„Moderne Kochkurse“ genannt. Sie hielt im berühmten

Café Landtmann und in anderen Lokalen weit publizierte

und beliebte Vorträge über die klassische und moderne

Wiener Küche. Weiters organisierte sie Kochkunstausstellungen,

veröffentlichte Rezepte und Menüs in Zeitungen

und warb mit täglicher Hauszustellung eines nahrhaften

FOTOS: ARCHIV

134

DAS JÜDISCHE ECHO


und billigen Menüs. Zusammen mit ihrer Halbschwester

Sidonie Rosenberg (1864‒1942) schrieb sie im Jahr 1925

ihr erstes Kochbuch. Rosenberg wurde später in Treblinka

ermordet, während Urbach zunächst nach England flüchtete,

wo sie Kinder der Kindertransporte versorgte, und

1946 zu ihren Söhnen in die USA emigrierte.

Eine gemeinsame Wiener Küche bedeutete allerdings

mehr als nur die Beteiligung an der Lebensmittelbranche,

der Essensherstellung, oder dass man für Kochschulen

und Kochbücher verantwortlich zeichnete. Beim

Kochen und dem genüsslichen Verzehr identifizierten

sich die nichtjüdischen Wiener selbstverständlich mit der

Wiener Küche und dem Hess. Es war ihre Wiener Küche.

Jüdische Wiener waren da nicht anders. Geschichtlich

gesehen trugen Wiener Juden maßgeblich dazu bei,

das öffentliche Ansehen der Wiener Küche bis und auch

nach 1938 zu schaffen und zu forcieren. Wie schon Moritz

Saphir oder August Silberstein und seine „Naturforschung

des Faschingskrapfen“ aus dem Jahr 1857 halfen

jüdische SchrifstellerInnen und Komponisten mit,

Wiener Speisen, Getränke, Kaffeehäuser und Heurige

unsterblich zu machen. Selbst verfolgte Wiener Juden

wie Gerhard Bronner, Peter Herz und Friedrich Torberg

kreierten im Exil und nach ihrer Rückkehr nach Wien

Lieder, Texte oder Kabarettprogramme mit kulinarischen

Wien-Bezügen. Auch zu Hause identifizierten sich jüdische

Wiener mit der Wiener Küche. Sie sahen keine Notwendigkeit

für jüdische Wiener Kochbücher, und typisch

christliche Speisen wurden ihren Kinder reimen und religiösen

Feiertagen einverleibt: z. B. „Wir buken Vanillekipferl

für Hanukkah und aßen sie zu Weihnachten“ oder

„Zu Purim muß man Krapfen essen und den Haman

nicht vergessen!“ (um/ab 1880). So sehr sich die in Wien

lebenden Juden als Wiener sahen, so sehr identifizierten

sie sich bis 1938 mit deren Küche. Und sie taten das auch

im Exil als Holocaustflüchtlinge und Überlebende. Denn

auch für sie galt: Es war ihre Wiener Küche.

Weibliche Flüchtlinge nahmen sowohl ihre Wiener

Kochbücher, inklusive des Hess (z. B. das Exemplar, das

ich analysierte), als auch ihre handgeschriebenen Rezeptbücher

mit auf die Flucht – obwohl sie kaum etwas

mitnehmen durften. Solche Sammlungen beinhalteten

Kombinationen von Wiener, Hess-, Weihnachts- und jüdischen

Rezepten, wie jenes von Margaretha Wolf, die in

die USA flüchtete. Wiener Speisen zu kochen sorgte für

das leibliche Wohl – sei es in Form von Essen, Erinnerungen

oder Bräuchen ‒, war aber auch eine Einkommensquelle,

wenn Margaretha und viele weibliche Flüchtlinge

und Überlebende im Ausland zumindest anfänglich ihren

Broterwerb als Wiener Köchinnen verdienten. Diejenigen,

die vor 1938 zu jung gewesen waren, lernten von

älteren Flüchtlingen und Überlebenden in der Emigration,

wie man typische Wiener Speisen zubereitete; entweder

weil sie es selber so wollten oder weil es ihre zukünftigen

Ehemänner und Schwiegereltern erwarteten.

Agnes Wlczek und ihr Ehemann: Erst Hausgehilfin, dann ein Kaffeehaus

im neunten Bezirk, Tischlerei auf der „Matzes-Insel“

Andere wiederum boten Wiener Kochkurse im Ausland

an, wie Alice Urbach mit 91 Jahren in San Francisco.

Nach der dritten Ausgabe des „So kocht man in Wien!“

im Frühjahr 1938 war sie gezwungen worden, die Rechte

zu ihrem Kochbuch abzutreten. Ab Herbst 1938 wurde

das unveränderte Kochbuch mit einem Rudolf Rösch als

Autor weiter veröffentlicht, bis 1966 in mehreren, zum

Teil veränderten Editionen, und sicherte so Röschs (!)

Ruhm. Urbachs Restitutionsantrag für ihre Rechte und

Verluste wurde abgelehnt.

Flüchtlinge kochten Speisen, die eng mit jener

Stadt identifiziert wurden, deren Bewohner sie vertrieben

hatten oder umzubringen versuchten. Selbst im Exil

genossen sie die klassische Wiener Küche. Sie sahen sie

nicht als belastet an – es war letztlich ihre eigene. Das ist

bemerkenswert, weil dieselben Holocaust-Überlebenden

andere kulturelle Kreationen, wie die Musik von Richard

Wagner oder Richard Strauss, als nationalsozialistisch zurückwiesen

oder es ablehnten, das ‚t‘ in der Handschrift

mit Querstrich zu schreiben, da dies dem christlichen

Kreuz ähnelte.

Viennese Cooking in New York

1952 berichtete die „New York Times“ in einer Buchbesprechung

über Clara Schlesinger, die als Jüdin aus

Wien geflüchtet war und nun in New York die feine

Wiener Küche unterrichtete. Schlesinger hatte zusammen

mit Olga Hess das Kochbuch „Die Wiener Küche“

bearbeitet, übersetzt und als „Viennese Cooking“ publiziert.

Fast in einer Art von Code, den aber New Yorker

Juden entziffern konnten, hob die Buchrezension beson-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 135


dere Merkmale dieses Hess hervor: spezifische Gerichte

(Nudelnachspeisen), den Mangel an Treibmittel, die Verwendung

von Nüssen statt Mehl und das einzige Rezept,

das beschrieben wurde: eine Haselnusstorte, die ohne

Mehl, Butter und Treibmittel selbst zum orthodoxen

Pessach serviert werden konnte.

Die berühmte Wiener Küche war in Wien schon

lange eine gemeinsame kulinarische Tradition von Juden

wie Nichtjuden gewesen. In einer immer auch antisemitischen

Stadt war dies vielleicht ein perfektes Beispiel

dafür, dass sich zwei ursprünglich klar getrennte

Gruppen langsam annäherten und (teilweise) integrierten,

während sie täglich eine gemeinsame Küche schufen,

kochten und aßen. Das ist auch von Menschen zu erwarten,

die so lange und eng miteinander gelebt hatten,

als es in Wien vor 1938 noch ein Miteinander gegeben

hatte, so fragil dieses auch gewesen sein mag. Jegliches

Wissen um diese gemeinsame Geschichte wurde durch

Flucht und Genozid ausgelöscht. Nach Kriegsende 1945

gab es in Wien kaum Wiener Juden, um daran zu erinnern.

Es bedurfte der Erinnerung jüdischer Holocaustflüchtlinge

und Überlebender in aller Welt, um die Beiträge

der Wiener Juden an der berühmten Wiener Küche

wiederzuentdecken. 2

Hier ein Link zur Vollversion des Textes mit allen Quellen

und Literaturangaben:

https://experts.illinois.edu/en/publications/wiener-juden

-und-die-wiener-kueche-vor-1938

EIN ORIGINALREZEPT

DER FLADEN

Fächertorte vom

K.u.K. Hofzuckerbäcker

Demel in Wien

(Rezept von Epstein 1890, S. 205‒207. Nach

1938 verschwand der Fladen, d. h. die Fächertorte,

weitgehend aus der Wiener Küche.)

„Unter dieser Bezeichnung versteht man einen

flachen tortenartigen Kuchen aus mehreren Lagen von

mürber Masse, zwischen welchen wiederum Schichten

von verschiedenartigen Füllungen angebracht sind.

Der Teig hierzu ist eine Art Strudelteig, jedoch mit

einem größeren Zusatz an Fett und enthält auch eine

Zugabe von Zucker und Ei; der Unterschied zwischen

diesem und einem ‚mürbe‘ oder Bröselteige, in einem

früheren Capitel beschrieben, besteht in dem Zusatze

von Wasser, welches darin Rechtfertigung findet, damit

der Teig leichter ,gar‘ und auch durch den Zusatz von

Wasser zähe wird.

50 Deka warmes Mehl, 1 ganzes Ei oder 2 Dotter,

15–25 Deka Zucker, 40 Deka Fett (Schmelzbutter oder

Gänsefett) wird untereinandergemengt und mit 4‒5

Eßlöffel voll lauwarmem Wasser der Teig vollständig

angeknetet, sodann Citronenschale, Zimmt, Pfeffer und

Cardamom als Würze zugegeben. Der Teig wird in einer

Serviette eingeschlagen und darin einige Stunden ruhen

gelassen. Es ist auch zweckmäßig, den Teig einen Tag

zuvor anzukneten. Der so bereitete Teig wird überknetet

und zart gearbeitet, dann 2 Messerrücken dick ausgerollt

und ein flaches Becken damit belegt. Die Bodenfläche

wird von Innen dann mit in Fett gerösteten Semmelbrösel

bestreut, ferner mit einer Schichte geriebenen

Lebkuchens, welcher mit einem guten Wein bespritzt

wird, belegt (auch kann zu diesem Zwecke Rum, Cognac,

Kirschwasser oder Marasquino gegeben werden). Über

diese Schichte werden dann entweder gedünstete Äpfel

oder im rohen Zustande solche, die durch’s Backen

schon weich genug werden, fein geschnitten, eine

Schichte aufgetragen, Rosen, Korinthen und gestiftelte

Mandeln darübergestreut. Darauf kommt eine Schichte

mit Honig versüßten gedünsteten Mohns (siehe Mohnfüllung).

Diese Mohnschicht wird mit zerkleinerten

Nußkernen überstreut. Schlieslich giebt man geriebenen,

mit Rum angefeuchteten Lebkuchen und darüber

geröstete Semmelbröseln. Über diese Füllung wird von

dem beschriebenen Teige ein Blatt gelegt, welches einen

Finger breit über den Rand hinausragt. Dieser Rand wird

eingeschnitten und daraus ein zackiger Rand dressirt.

Auf eine zweite Art wird dieser Fladen bereitet, indem

zwischen jeder Lage der Füllung ein messerrückendickes

Blatt von dem Teige gelegt wird; dann ist

aber das „Ausbacken“ mit mehr Vorsicht zu behandeln.

Ein drittes Verfahren ist folgendes: Es werden aus

dem Teige runde Scheiben in der Größe, welchen der

innere Raum im Durchmesser einnimmt, geschnitten

und auf einem Bleche gebacken. Diese gebackenen

„Blätter werden dann zwischen den Lagen der Füllung

angebracht und im warmen Zustande eingelegt.

Dieses Verfahren bezweckt, daß die Zwischenlagen

des Teiges nach dem Backen nicht teigig und unausgebacken

bleiben.“

[Anmerkung der Autorin: Normalerweise backe ich den

Fladen in einer Tortenform. Für die Füllungen verwende

ich Rezepte von meinem Hess-Kochbuch, ca 1929].

FOTO: NINI TTSCHAVOLL

136

DAS JÜDISCHE ECHO


Über das Hauptthema hinaus

Von Liam Hoare

Amos Oz: Schriftsteller, Leser, Träumer

FOTO: PRIVAT

Der Ende 2018 verstorbene Schriftsteller, der

größte israelische Autor seiner Generation, stellte

Menschlichkeit und Humanität in den Mittelpunkt

seiner Romane und seiner Weltanschauung. Ein

persönlicher Nachruf.

Susan Sontag definierte sich selbst einmal als „a writer,

a reader and a dreamer“. Auf die Frage, was sie dabei

träume, antwortete sie: „Wie Leben besser, tiefer, intensiver

und wunderbarer sein könnte.“ Eine bessere Zusammenfassung

eines Lebenswerkes kann für Amos Oz, der

am 28. Dezember 2018 gestorben ist, nicht gefunden

werden. Ohne ihn, wie David Grossman im Gespräch

mit dem „Guardian“ sagte, sei die Welt kleiner und weniger

wert geworden, und alle diejenigen, die ihn geschätzt

haben, haben jemanden verloren, der ihr Leben verbessert

hat.

Martin Amis spricht von dem Gefühl, sich in einer

Bibliothek oder Buchhandlung umzusehen, Bücher

aus dem Regal zu nehmen, Schriftsteller wie Anzugsakkos

anzuprobieren, jemanden zu lesen und plötzlich

zu entdecken, man müsse alles lesen, was der oder die

je geschrieben hat. Es war im Frühjahr 2012 im kleinen

englischsprachigen Trakt der Bibliothek des Kibbuz En

haSchofet, als mich dieses Gefühl überwältigte. Romane

wie „Black Box“ (1987) und „Eine Frau erkennen“

(1989) sowie sein 2002 veröffentlichtes Meisterwerk

„Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ eröffneten

mir ein Neuland mit seiner klaren, gefühlvollen Prosa,

die sich anfühlt, als wäre sie für ein Einpersonenpublikum

geschrieben worden.

Oz fing an, in unsicheren Zeiten zu schreiben, als Israel

an der Schwelle zu einem existenzbedrohenden Krieg

stand, der politische Rahmenbedingungen hervorbrachte,

unter denen Oz sich einen Namen machte. Seine

ersten Geschichten und Romane wie „Wo die Schakale

heulen“ (1965) und „Keiner bleibt allein“ (1966) zeigten

mit einer gewissen Weitsicht die Brüchigkeit des Kibbuz

auf, zu einer Zeit, als dieses noch unzerstörbar schien.

In diesen Erzählungen steht der belagerte Kibbuz für die

beunruhigte israelische Gesellschaft, und zu dieser Zeit

waren die Ängste und Albträume des jüdischen Volkes

von zentraler Bedeutung für seine Romane. „Denke bitte

einmal an den Hauch der Nächte hier in Tel Aviv“,

schrieb er in „Dem Tod entgegen“ (1971). „Es gibt keine

Stadt auf der Welt, in der so viele Menschen Nacht für

Nacht so viele furchtbare Träume träumen.“

Sein bekanntester und meistgeliebter Roman,

„Mein Michael“ (auf Englisch 1968, auf Deutsch 1983

erschienen), beschwört Jerusalem, den Geburtsort von

Oz, wie wenige Schriftsteller es getan haben. Ich bin

allerdings der Meinung, dass er seine schönsten Werke

in der Mitte seines Schriftstellerlebens produziert hat.

„Black Box“ und besonders „Der dritte Zustand“ (1991)

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 137


sowie „Nenn die Nacht nicht Nacht“ (1994) schaffen es,

Israel als Ganzes zu begreifen. Hier trifft er auf wunderbare

Weise das empfindliche Gleichgewicht von Großartigem

und Alltäglichem. Im Mittelpunkt dieser Romane

stehen die Beziehungen von Menschen, die voller Zweifel

und Skepsis, Unruhe und Unsicherheit sind. Gleichzeitig

handeln diese Geschichten von den großen Fragen wie

Krieg und Frieden, von der Besatzung und vom Zustand

des Judentums. Aus dem Roman „Der dritte Zustand“

(in der Übersetzung aus dem Iwrit von Ruth Achlama):

All die Jahre über hatte er sich nach einem Ort gesehnt, an

dem er sich wie zu Hause fühlen könnte, aber niemals hatte

er diese Empfindung verspürt … Vielleicht, weil das ein von

vornherein unerfüllbarer Wunsch war. Außerhalb seiner

Reichweite. Außerhalb unser aller Reichweite. (...)

König Richard, bei Shakespeare, hatte den vergeblichen

Wunsch gehegt, ein Königreich für ein Pferd hinzugeben.

Und Efraim Nissan war jetzt, gegen drei Uhr nachts, auf

der Stelle bereit, seine gesamte Erbschaft für einen Tag, eine

Stunde völliger innerer Freiheit mit dem Gefühl des Daheimseins

einzutauschen. Obwohl sich der Verdacht bei ihm

regte, dass zwischen Daheimseinsgefühl und innerer Freiheit

eine Spannung oder sogar ein Gegensatz bestand. Den wohl

nicht einmal [sie], die in hundert Jahren hier an unserer

Stelle leben würden, aufzuheben vermöchten.

Diese Phase endet mit „Eine Geschichte von Liebe und

Finsternis“. Darin erzählt Oz von den Hoffnungen,

Erwartungen und unerfüllten Träumen seiner Eltern,

die aus Polen geflüchtet waren und die sich in Jerusalem

niedergelassen hatten, und besonders von seiner Mutter,

die in Depressionen versank und sich umbrachte, als Oz

zwölf Jahre alt war. Gleichzeitig erzählt er vom Ende des

jüdischen Europas und von der Geburt des Judenstaats.

Es ist in gewissem Sinne ein Schlüsselwerk, das den Rest

von Oz’ Romanen erschließt.

«Ich war vor der Begegnung ängstlich

und nervös, weil man niemals seine Helden

treffen soll. Am Ende waren solche

Sorgen vollkommen unbegründet.»

Im Alter von vierzehn Jahren verließ Oz die kleinbürgerliche

Nachbarschaft von Kerem Avraham und seinen verwitweten

Vater für ein neues Leben im Kibbuz Chulda,

wo er länger als dreißig Jahre leben sollte. In seinem

Alterswerk kehrte er wieder zurück zu den Orten und

Wegen, die er in seinen Romanen und Träumen beschritten

hatte: Jerusalem und der Kibbuz. „Unter Freunden“

(2012) ist mir mit seinen verflochtenen, in den Fünfzigerjahren

in einem Kibbuz spielenden Geschichten vielleicht

der liebste von Oz’ Romanen. Jedes Kapitel eine

138

Charakterstudie, die die unter der Oberfläche des Lebens

in einer kleinen, kollektivierten Gemeinschaft versteckte

Einsamkeit und Vereinsamung beschreibt. Oz’ Sätze sind

unverwechselbar, obwohl sein Prosastil im Laufe der

Zeit schlanker und prägnanter wurde. Er sagte mit weniger

mehr, und ihm blieb das Schicksal so vieler anderer

Schriftsteller erspart: nämlich der Verlust ihres literarischen

Genies noch vor dem Verlust des Lebens.

Das 20. Jahrhundert habe, wie der Essayist Christopher

Hitchens bei Susan Sontag wie auch bei George

Orwell, Albert Camus und Alexander Solschenizyn beobachtete,

Schriftsteller häufig gezwungen, ihre Schreibtische

aufzugeben und die Kampfarena zu betreten. Für

Oz, der 1967 und 1973 in Kriegen auf Leben und Tod

diente, war dieses Diktum vollkommen zutreffend. Bis zu

seinen letzten Plädoyers „Liebe Fanatiker“ (2017) blieb

Oz ein engagierter öffentlicher Intellektueller. Seine Aufsätze

und Feuilletons stehen für eine Art sozialistischen

Zionismus, der auf Erlösung eines Volkes und nicht eines

Landes ausgerichtet ist. Seine Weltanschauung war

humanistisch, aber nicht naiv, zukunftsorientiert, dabei

verwurzelt, visionär und gleichzeitig realistisch.

Er lieferte Bilder für den israelisch-palästinensischen

Konflikt, die ein Teil des gesellschaftlichen Diskurses

wurden, z. B. das Bild vom geschiedenen Ehepaar,

das trotzdem einen Weg finden musste, um weiter in

demselben Haus zusammenzuleben. Als Befürworter der

Zweistaatenlösung musste er enttäuscht zur Kenntnis

nehmen, dass seine Hoffnung unerfüllt blieb. „Im Lande

Israel“ (1983) bleibt eines der eindrucksvollsten Werke

des israelischen Journalismus, und seine Interviews und

Porträts behandeln die ganze Palette der Träume und

Albträume, Ängste und Gefühle, die Israel nach dem

Sechstagekrieg durcheinanderbrachten.

Ich hatte das Glück, Amos Oz nicht nur zu lesen,

sondern ihn auch kennenzulernen. Es war seine Tochter,

die Historikerin Fania Oz-Salzberger, die „Israelis in Berlin“

geschrieben hatte, ebenso „Juden und Worte“ (2014,

gemeinsam mit ihrem Vater), die die Idee aufbrachte. Ich

war vor der Begegnung ziemlich ängstlich und nervös,

mit der Begründung, dass man niemals seine Helden

treffen soll. Am Ende des Treffens waren solche Sorgen

vollkommen unbegründet. Im Arbeitszimmer in seiner

Wohnung in Tel Aviv stand sein Schreibtisch vor großen

Fenstern, die den Blick nach Norden entlang der Küstenebene

in Richtung Herzlia öffneten. Bei Sonnenuntergang

an einem Nachmittag im Spätjänner 2016 saßen

Oz und ich fast zwei Stunden lang bei Kaffee und unterhielten

uns – in Erwartung der Veröffentlichung der

englischen Übersetzung seines Romans „Judas“ (2014) –

über sein Leben und seine Arbeit.

Ich versuchte, so viele Themen wie möglich zu behandeln

‒ vielleicht zu viele: Jerusalem und den Kibbuz;

den Roman, auf den er am meisten stolz war, „Allein das

Meer“ (1999); seinen Prosastil und die hebräische Spra-

DAS JÜDISCHE ECHO


che; und natürlich die zeitgenössische Politik, obwohl ich

mich sehr zurückhalten wollte. Oz empfing mich freundlich

und herzlich und ging sehr großzügig mit seiner Zeit

und Weisheit um. Er war geduldig und ausgiebig bereit,

sich meinen neugierigen Fragen zu stellen. Gleichzeitig

war er sehr aufmerksam und korrigierte sofort, wenn ich

einen „Fehler“ machte: Als ich z. B. „Eine Geschichte

von Liebe und Finsternis“ als ein „memoir“ bezeichnete,

insistierte er sofort, dass es das gewiss nicht sei, oder

als ich das Wort „fiction“ benutzte, artikulierte er sofort

seinen Einwand gegen dieses Wort. Dieses Gespräch war

eine der größten Freuden meines Schriftstellerlebens.

«Ich schließe das Buch, und was bleibt, ist

Totenstille. Wenn ich an den Vergleich denke,

Schriftsteller wie Sakkos anzuprobieren, dann

war Amos Oz derjenige, der passte.»

Wir trafen uns ein Jahr danach zum letzten Mal bei einer

Veranstaltung in Tel Aviv zur bevorstehenden Veröffentlichung

eines Gesprächsbuches, „Was ist ein Apfel?“

(2018), mit seiner Herausgeberin Shira Hadad. Ich habe

jetzt die deutsche Übersetzung in meinen Händen. Ich

lasse mich in einen bequemen Sessel fallen, schlage das

Buch auf, und nach einigen Sätzen höre ich wieder seine

Stimme. Eine Leere, die er in der Welt hinterlassen hat,

wird wieder gefüllt. Nachdenklich, tiefgründig, einsichtsvoll

‒ Hadads Fragen sorgen für die besten Interviews

mit Oz, die ich je gelesen habe. Am Ende ihres letzten

Gesprächs fragt sie, ob Oz keine Angst vor dem Tod

habe. Er antwortet darauf:

FOTO: WIKIPEDIA/MICHIEL HENDRYCKX

Ich bin nicht bereit, fröhlichen Herzens und guter Dinge

heute Abend oder morgen Früh zu sterben. Natürlich nicht.

Denn alles in allem finde ich es hier wahnsinnig spannend.

Sogar die furchtbaren, die entsetzlichen Dinge sind interessant.

Ich will nichts verpassen: Ich bin so neugierig, wie es

hier weitergeht. Wenn man mir sagen würde: Bald wirst du

nicht mehr hier sein, aber es gibt da oben so eine Galerie mit

großen Teleskopen, da kannst du dich hinsetzen und deine

Kinder und deine Enkel beobachten, dann würde ich dem

irgendwie zustimmen. Ich würde mir sagen: In Ordnung,

dann werde ich nicht mehr essen und trinken und mich auch

nicht mehr anziehen, aber vielleicht werde ich da doch ab

und zu mal Musik hören, und ich werde immerhin wissen,

was dort unter passiert. Ich werde weiterhin im Bilde sein.

Ich schließe das Buch, und was bleibt, ist Totenstille.

Wenn ich an den Vergleich zurückdenke, Schriftsteller wie

Sakkos anzuprobieren, dann war Amos Oz derjenige, der

passte. Zweifellos ist das sehr eingebildet von mir, aber ich

dachte schon oft, dass ich in gewissem Sinne sein idealer

Leser war und dass niemand anders, der ihn auf Englisch

Amos Oz (1939–2018), dem meistübersetzten Schriftsteller Israels

lag der Staat sehr am Herzen, auch wenn er mit der Regierung

uneins war

liest, so viel Freude und Glück erlebte wie ich, wenn ich seinen

neuesten Roman aufschlug und die singenden, durch

Professor Nicholas de Lange übersetzten Sätze zum ersten

Mal hörte. Schriftsteller, Leser, Träumer. Oz’ Prosa machte

das Leben besser und tiefer, intensiver und wunderbarer,

und heute ist die Welt, in Wort und Tat, seines Wahrnehmungsvermögens

und seiner Zivilcourage beraubt.

Aber für einen Schriftsteller ist das Ende nicht ganz

das Ende. Amos Oz war Zeuge der Geburt des Judenstaats,

kämpfte zweimal, um ihn zu verteidigen, er lag

ihm sehr am Herzen, auch wenn er mit der Regierung

uneins war, und er prägte seine Politik und seine reiche,

sich ständig verändernde Sprache. Und von meinem

Schreibtisch aus kann ich ein Regal mit einem halben

Meter Taschenbücher sehen, deren Wahrheit, Schönheit

und Weisheit ewig währen werden. 2

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 139


Von Erhard Stackl

Die Irrfahrt des Flüchtlingsschiffes St. Louis

Wie ein Schiff mit fast tausend jüdischen Flüchtlingen

1939 in der Karibik an einem Eisberg an

menschlicher Kälte zerschellte, schildert ein neuer

Roman, der das an sich bekannte Drama nun

auch aus kubanischer Perspektive beleuchtet.

140

Es gibt wohl keinen zweiten Roman eines lateinamerikanischen

Autors, der in der Wiener Leopoldstadt anhebt.

Dort lässt der Kubaner Fernando Remírez de Estenoz

sein voluminöses Werk im kalten Winter 1939 beginnen.

Rebeca Kreiner, eine junge Jüdin, packt in einer fast

leeren Wohnung Fotos und Erinnerungsstücke wie den

Chanukka-Leuchter ihrer Großeltern ein, sie verabschiedet

sich vom bisherigen Leben. Inzwischen ist sie allein

in Wien. Die Mutter starb nach einer schweren Krankheit.

Der Vater, ein Arzt, war schon früher zu einem

Arbeitsaufenthalt in die USA gereist und dort geblieben.

In Wien ist die Lage für Juden unerträglich geworden.

Aber es gelingt Rebeca nicht und nicht, ein Visum

und eine Schiffskarte für die USA zu bekommen, wo der

Vater wartet. Doch dann hat sie scheinbar Glück: Die

Hamburg-Amerika-Linie bietet eine Kreuzfahrt nach

Havanna an. Für mehrere hundert Reichsmark kann

man die Hinreise und verpflichtend auch die Rückfahrt

buchen, obwohl die niemand nutzen will. Denn für 150

Dollar extra wird eine Einreiseerlaubnis für Kuba in Aussicht

gestellt – für jüdische Flüchtlinge aus dem Deutschen

Reich eine letzte Chance. Im sicheren Havanna

wollen sie abwarten, bis sie ein Visum für die USA bekommen.

Auch Rebeca Kreiner beschließt, diese einmalige

Gelegenheit zu nützen.

Die „Irrfahrt der St. Louis“ war schon Thema vieler

Bücher, Filme und Dokumentationen. Das Hapag-

Schiff, das am 13. Mai 1939 mit knapp tausend Passagieren

von Hamburg losfuhr, ging am 27. Mai 1939 in

der Bucht von Havanna vor Anker. Die Einfahrt in den

Hafen wurde dem Kapitän verboten, niemand durfte

aussteigen. Nach einem eine Woche dauernden Hin und

Her zwischen dem Kapitän und den kubanischen Behörden,

die schließlich nur zwei Dutzend Passagiere an Land

ließen, fuhr die „St. Louis“ mit zunächst ungewissem

Ziel wieder los.

Der 500 Seiten dicke Roman, in dem Remírez de

Estenoz die Schicksale von Passagieren und ihren um sie

bangenden Angehörigen detailreich – manche werde sagen:

weitschweifig – nachzeichnet, hat eine Besonderheit

aufzuweisen: er zeigt auch die kubanische Perspektive.

Der Autor, ein ausgebildeter Arzt und dann jahrelang

selbst kubanischer Spitzendiplomat, breitet sein Insiderwissen

über die Vorgänge aus.

Kuba, damals ein Staat mit vier Millionen Einwohnern,

hatte in den 1930er-Jahren zehnttausende Flüchtlinge

aufgenommen – Mitglieder der unterlegenen Republikaner

im Spanischen Bürgerkrieg, aber eben auch

14.000 Juden aus Deutschland und Österreich. Die

Weiterreise Letzterer in die USA geriet zunehmend ins

Stocken. Nach der gescheiterten Konferenz im französischen

Evian 1938, bei der sich kaum ein Aufnahmeland

bereiterklärt hatte, die Quoten für jüdische Flüchtlinge

zu erhöhen, schalteten auch die USA auf hart. Die

Quote blieb auf knapp 30.000 pro Jahr festgesetzt. Auf

Kuba, wo es als Nachwirkung der Weltwirtschaftskrise

noch hunderttausende Arbeitslose gab, machten zudem

Geheimdienstler und Propagandisten Nazideutschlands

gegen die Flüchtlinge Stimmung. Sie verbreiteten Fotos

besonders elend aussehender Menschen, von denen

manche direkt aus der Gestapohaft kommend in Hamburg

an Bord der St. Louis gegangen waren. Es seien viele

„Kriminelle“ auf dem Schiff, hieß das in der Nazi-Lesart.

Ähnlichkeiten mit der Situation von heute, da ebenfalls

ermüdende Hilfsbereitschaft auf abschreckende

Gerüchte trifft, sind für Ramírez nicht von der Hand zu

weisen. Er versichert aber, dass es fast alle seine Romanfiguren

wirklich gab und sie in der beschriebenen Weise

agierten.

Im Zentrum steht Manuel Benitez, ursprünglich

ein einfacher Soldat, der zum Oberst aufgestiegen war

und Direktor der Einwanderungsbehörde wurde. Als die

kubanische Regierung die Visaerteilung für Immigranten

verschärfte, hatte sie für Touristen eine Lücke im versperrten

Einreisetor gelassen. Benitez erkannte darin die

Möglichkeit, sich selbst rasch zu bereichern.

DAS JÜDISCHE ECHO


Am 13. Mai 1939 stach die St. Louis, ein deutsches Transatlantik-Passagierschiff, mit zahlreichen Flüchtlingen an Bord von Hamburg aus in See

FOTOS: CHRISTIAN FISCHER, NORA VERLAG MIT FREUNDLCIHER GENEHMIGUNG VON HERBERT KARLINER

Er bot jedem, der es haben wollte, „Anlandungserlaubnisse“

für 150 Dollar pro Stück an. Dieses Papier (spanisch:

permiso de entrada) berechtigte Touristen zur

Einreise und einem kurzen Aufenthalt. Bereits legal in

Kuba lebende Flüchtlinge kauften diese einem Visum

ähnlich sehenden „Dokumente“ zuhauf und schickten

sie ihren in Deutschland ausharrenden Angehörigen,

später bot sie auch die Hamburg-Amerika-Linie direkt

an. Für Benitez wurde das Papiergeschäft zur Geldfabrik:

In weniger als zwei Jahren verkaufte er 4000 Stück. Das

machte 600.000 Dollar Reingewinn, was bei einigen seiner

Landsleute natürlich nicht unbemerkt blieb.

Kuba war damals politisch instabil. 1933 war der

Diktator Gerardo Machado gestürzt worden, in den

sechs Jahren danach gab es acht Staatspräsidenten. Im

Hintergrund gewannen nach einem „Aufstand der Unteroffiziere“

die Militärs immer mehr an Einfluss, am

meisten Fulgencio Batista, ein ehemaliger Militärstenograf,

der sich nun an die Spitze der Armee stellte. (1940

bis 1944 amtierte er als gewählter Präsident, von 1952

bis zur kubanischen Revolution Ende 1958 als Diktator.)

1939 herrschte ein Wahlkampf besonderer Art: Politiker

bewarben sich als Kandidaten für die verfassungsgebende

Versammlung, die im Jahr darauf zusammentrat.

Im Roman wendet sich ein Kandidat, der für seine

Kampagne dringend finanzielle Unterstützung braucht,

an Benitez. Als ihn dieser schroff abweist, denunziert der

Möchtegern-Politiker den Chef der Einwanderungsbehörde

bei den Mächtigen des Landes. Der amtierende

Präsident Federico Laredo Brú erklärt die Benitez-Einreisepapiere

für ungültig – und das, während die St. Louis

auf hoher See Richtung Kuba unterwegs ist.

«Im Roman mischen sich Privatleute,

Politiker und Prominente, darunter

Meyer Lansky, der Mafia-Boss, der Havanna

zum Groß-Kasino machen will.»

Im Roman „Zuflucht Havanna“ versucht Remírez das

Leben der 937 Passagiere plastisch werden zu lassen. Zum

Abbau der Spannungen nehmen Rebeca und Gretel, die

beide eine Kabine miteinander teilen, samt männlichen

Verehrern an Tanzveranstaltungen und anderen Kreuzfahrtvergnügen

teil. Gleichzeitig versucht Rebeca, per

Telegramm mit ihrem Vater in den USA Kontakt aufzunehmen,

um die Weiterreise zu organisieren. Sie wendet

sich auch an José Antonio, einen jungen kubanischen

Arzt, den sie einige Jahre zuvor bei einem Aufenthalt in

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 141


den USA kennengelernt hatte (wozu es im Buch zahlreiche

Rückblenden gibt). Dieses private Personal mischt

sich mit den Politikern der damaligen Zeit und anderer

Prominenz. Darunter ist Meyer Lansky, der jüdische

Mafia-Boss, der in Havanna residiert und die Stadt zum

größten Spielkasino der Region und zu einem gigantischen

Nachtklub ausbauen will. Auf Ersuchen von

Bekannten wendet er sich direkt an Militärchef Batista,

wo auch Vertreter der jüdischen Hilfsorganisation Joint

(American Jewish Joint Distribution Committee) mit

Geldangeboten ein Umdenken der Kubaner erreichen

wollen.

Für einige der Protagonisten gibt es am Ende des

Romans doch noch ein Happy End, weil für sie ein kubanischer

Konsularbeamter illegal ein Visum ausstellt

– ein Vorgang, den es auch in der Realität immer wieder

gegeben hat. Und Remírez weiß genau, wovon er

schreibt, weil er selbst Diplomat war ‒ unter anderem

von 1995 bis 2001 als Leiter der Cuban Interest Section

in Washington der höchste seines Landes in den USA.

Die Affäre Elián

Autor Fernando Remírez de Estenoz: Als kubanischer Spitzendiplomat

war er früher selbst in Flüchtlingsdramen involviert

Preisgekröntes Foto, auf dem ein US-Polizist den sechsjährigen

Elián bedroht: Die amerikanische Öffentlichkeit war entsetzt

142

Mitte der 1990er-Jahre befand ich mich auf Kuba. An

einem Strand nördlich von Havanna traf ich Kubaner,

die dort aus alten Lkw-Reifenschläuchen und Brettern

Flößen ähnliche Boote zusammenbastelten. Sie waren

bereit, ihr Leben zu riskieren, um auf diesen Booten

das 170 Kilometer entfernte Florida zu erreichen. Ihre

Zukunftsaussichten auf Kuba seien so schlecht, sagten sie

mir, dass sie lieber alles auf eine Karte setzen wollten, um

in den USA ein neues Leben beginnen zu können. Niemand

hielt sie von ihrem Vorhaben ab. Als ich fragte, was

ich für sie tun könnte, baten sie mich, bei einem nahen

Kiosk einige Großpackungen Mineralwasser zu kaufen,

weil bei der Überfahrt unter gleißender Sonne Wassermangel

besonders gefährlich war.

Es gab keine Schlepper und es gab keine Retter. Ab

diesem Jahr 1995 mussten die Flüchtenden auch vermeiden,

von der US-Küstenwache aufgegriffen zu werden.

Denn die amerikanische Regierung hatte die jahrzehntealte

Übung, allen Immigranten aus Kuba rasch eine

Aufenthaltsbewilligung zu erteilen, durch ein neues

Verfahren ersetzt, die sogenannte „wet feet, dry feet policy“.

Danach bekamen Kubaner, die das amerikanische

Festland erreichten, eine Aufenthaltsbewilligung, während

man jene, die auf See aufgegriffen wurden, in ihre

Heimat zurückschickte. Nun unternahmen die „Balseros“

(„Flößer“) noch waghalsigere Manöver, um der US-

Küstenwache zu entgehen.

Im November 1999 zerbrach solch ein Gefährt vor

der Küste Floridas, an die zehn Menschen ertranken, darunter

eine junge Mutter, während ihr Sohn, der sechsjährige

Elián González, auf einem Reifenschlauch an Land

DAS JÜDISCHE ECHO


trieb und von einem Fischer entdeckt wurde. Gemäß der

neuen Regelung erhielt er eine Aufenthaltserlaubnis und

sollte entfernten Verwandten übergeben werden. Auf

Kuba erhob Eliáns Vater Einspruch: Mutter und Sohn

hätten das Land ohne sein Wissen und Einverständnis

verlassen.

Die Angelegenheit wurde zu einer international

stark beachteten Affäre: Als Sorgerechtsfall, in dem sich

besonders Fernando Remírez de Estenoz als höchster

Repräsentant Kubas in den USA dafür einsetzte, Elián

zu seinem Vater zurückzubringen. Die US-Justiz, die

den Fall zu entscheiden hatte, kam unter den Druck der

öffentlichen Meinung, die gekippt war, als Fotos einen

Polizisten in Kampfausrüstung und mit Sturmgewehr

zeigten, der den kleinen Elián aus einer Wohnung holte.

«Zurück in Europa wurden die

Flüchtlinge aufgeteilt. Doch bald darauf

geriet ein großer Teil von ihnen wieder

in den Machtbereich der Nazis.»

Drei überlebende Passagiere der St. Louis – Sonja Sternberg, Thomas

Jacobson und Gisela Feldman (v. l.) – 2016 bei einem Besuch

in Yad Vashem

FOTOS: CAMILLA SEIDELBACH, PICTUREDESK AL DIAZ/EPA, PICTUREDESK/OLIVIER FITOUSSI

Elián kehrte zu seinem Vater zurück, die Affäre galt als

großer Propagandaerfolg Kubas, für den Fernando Remírez

einer der Hauptverantwortlichen war. Doch wenig

später fiel Remírez bei seiner Regierung in Ungnade.

Zusammen mit dem Außenminister und einem weiteren

hohen Funktionär verlor er alle Ämter. Nach dieser

„Säuberung“ ließ Fidel Castro verlauten, „der Honig der

Macht“ habe bei den Betroffenen verbotene persönliche

Ambitionen geweckt.

Während der abgesetzte Minister ‒ vergebens – öffentlich

Selbstkritik übte, wurde es um Remírez zunächst

still, bis er mit seinem Roman an die Öffentlichkeit trat.

Darin erwähnt er von der „Affäre Elián“ nichts und auch

die Rolle der USA bei der „Irrfahrt der St. Louis“ wird

in seinem Buch eher nebenbei und in neutralem Tonfall

geschildert.

Hartherzig gewordene USA

„Der Spiegel“ gab einer Geschichte über die St. Louis,

die das Magazin 2017 online stellte, dagegen den Titel

„Wie die Vereinigten Staaten 937 jüdische Flüchtlinge

abwiesen“. Darin ist die kubanische Affäre nur eine Episode

in einem größeren Drama. Schon von Havanna

aus hatte der Kapitän versucht, direkt an US-Präsident

Franklin D. Roosevelt zu appellieren. Doch auch, als die

Kubaner das Schiff hinausgeworfen hatten und es in der

Karibik hilfesuchend vor Florida kreuzte, blieb Roosevelt

trotz eines riesigen Medienwirbels um die St. Louis hart.

Die USA hatten im Lauf der Jahre hunderttausende

jüdische Flüchtlinge aufgenommen. Doch 1939 herrschte

ein isolationistisches, zunehmend fremdenfeindliches

Klima. Laut damals veröffentlichten Umfragen, ob die

Quote für „europäische Flüchtlinge“ erhöht werden

sollte, lehnten dies achtzig Prozent ab. Sogar gegen eine

Extra-Quote für einige tausend Kinder sprachen sich

sechzig Prozent aus. Mit Blick auf seine Chancen bei den

Präsidentschaftswahlen 1940 verwehrte Roosevelt der

St. Louis die Landung. Da sich auch Kanada hart zeigte,

kehrte das Schiff im Juni 1939 nach Europa zurück.

Der Zielhafen war das belgische Antwerpen. Im

Hintergrund hatte die Hilfsorganisation Joint inzwischen

einen Deal zur Verteilung der Flüchtlinge ausgehandelt.

Die größte Anzahl nahm Großbritannien auf (254), gefolgt

von Frankreich (224), Belgien (214) und den Niederlanden

(181). Im Jahr darauf geriet freilich ein großer

Teil von ihnen im Zuge des deutschen Angriffskriegs

gegen Belgien, die Niederlande und Frankreich wieder

in den Machtbereich der Nazis. Laut jüngeren Angaben

wurden 254 ehemalige Passagiere des Flüchtlingsschiffes

St. Louis im Holocaust ermordet. 2

Lesetipp:

Fernando Remírez de Estenoz

Zuflucht Havanna

Aus dem Spanischen von

Manfred Schmitz

Nora Verlag, 2019

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 143


Von Judith Brandner

„Tierärztliche“ in dunkler Zeit

Eine neue Studie geht den Schicksalen jüdischer

Studierender am Vorläufer der heutigen VetMed

Wien nach.

Nullkommaneun Prozent, in absoluten Zahlen drei Studierende

an der Tierärztlichen Hochschule gaben im

Wintersemester 1937/38 an, der israelitischen Glaubensgemeinschaft

anzugehören. Im Sommersemester 1938

habe es nur noch einen jüdischen Hörer gegeben, im darauffolgenden

Wintersemester sei gar kein Mitglied der

jüdischen Glaubensgemeinschaft mehr eingeschrieben

gewesen.

Diese lapidare, kommentarlose Aufzählung in einer

Dissertation über die „Tierärztliche Hochschule im Nationalsozialismus“

gab für die Historikerin Lisa Rettl den

Ausschlag, die konkreten Namen und Lebensgeschichten

hinter den Zahlen zu suchen und zu recherchieren.

Herausgekommen ist eine Pionierarbeit, mit der Rettl

eine Forschungslücke schließt, denn über jüdische Studierende

und Absolventen (es waren nur Männer) der

Tierärztlichen Hochschule (heute VetMed Wien) war

bisher kaum etwas bekannt; offenbar wollte niemand

wissen, wer diese Menschen waren oder was mit ihnen in

der NS-Zeit geschehen war.

Vier ausgewählte ausführlichere Biografien und

42 kürzere biografische Skizzen zeigen den konsequenten

Weg von der antisemitischen Diskriminierung und

Ausgrenzung über die Zerstörung der Existenz bis hin

zu Vertreibung und Vernichtung. Bei den Kurzbiografien

sind es manchmal nur die Eckdaten, die sich recherchieren

ließen, manchmal verlieren sich die Spuren der Menschen

im Nirgendwo, reißen die biografischen Fäden an

Orten und zu Zeiten ab, wo man erahnen kann, welches

Ende ihre Geschichte genommen haben muss: Todesdatum

und Todesort unbekannt. Gerade dieses Rudimentäre,

das Fehlende macht die Lektüre so beklemmend.

Zum Beispiel Hermine Allgayer. Sie musste ihr Studium

im Oktober 1939 nach zwei Jahren zwangsweise

beenden, weil sie als „jüdischer Mischling 2. Grades“ eingestuft

worden war. „Es wäre mein sehnlichster Wunsch,

mein Studium vollenden und meinen Beruf als Tierarzt

ausüben zu können“, schrieb sie im Jänner 1940 an das

Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und

Volksbildung. Ihr Wunsch wurde nicht erfüllt. Ein Studium

der Humanmedizin konnte sie abschließen. 1952

starb Hermine Allgayer im Alter von 35 Jahren durch

Suizid in Wien.

Zum Beispiel Edmund Weissberg. Sein Schicksal

zeigt die Dynamik antisemitischer Verleumdung und

eine ungeheure Verkettung unglücklicher Umstände, die

zur Judenhetze verwendet werden: Weissberg begann sein

Studium an der TiHo 1933. Wenige Tage vor dem „Anschluss“

1938 leitete das Rektorat ein Disziplinarverfahren

gegen ihn ein, untersagte ihm die Zulassung zu weiteren

Prüfungen und das Betreten der Hochschule. Zum

Verhängnis war Edmund Weissberg ein Liebesverhältnis

mit einer verheirateten, um einiges älteren Frau geworden.

Als diese schwanger wird, entscheidet sich das Paar

zu einer (damals unter Strafe stehenden) Abtreibung. Es

gibt Komplikationen, die Frau muss ins Krankenhaus,

die Affäre fliegt auf, der Ehemann erfährt davon.

Weissberg wird wegen Beihilfe zur Abtreibung verurteilt,

die Hochschule leitet daraufhin ein Disziplinarverfahren

ein, er darf jedoch zunächst noch weiterstudieren.

Das ruft die tierärztliche Studentenschaft und den

Antisemitenbund, darunter der betrogene Ehemann,

mit antisemitischen Hetzkampagnen auf den Plan. Die

Ex-Geliebte versucht sich aus der Aussichtslosigkeit ihrer

persönlichen Situation mithilfe eines (nationalsozialistischen)

Anwalts durch eine denunziatorische und

verleumderische Anzeige gegen Weissberg u. a. wegen

Vergewaltigung zu retten. Weissberg flieht am Tag des

„Anschlusses“ via die Tschechoslowakei nach Großbritannien.

Zum Beispiel Joseph Tyndel. Er steht für das Schicksal

vieler, die von den Nazis ihrer akademischen Karrieremöglichkeit

beraubt und vom Nachkriegsösterreich

nicht entschädigt wurden. Tyndel konnte das Studium

1938 an der TiHo gar nicht aufnehmen, weil er flüchten

musste. Nach Kriegsende konnte er zwar an der Tierärztlichen

Hochschule Wien studieren, doch wurden ihm

nur zwei Semester seines mittlerweile in Palästina absolvierten

Tierarzt-Studiums angerechnet. 1950 emigrierte

FOTOS: PRIVAT, LENNART HORST

144

DAS JÜDISCHE ECHO


er nach Neuseeland. 1969 lehnte der Hilfsfonds einen

Antrag Joseph Tyndels auf Entschädigung für erlittenen

Ausbildungsschaden ab und verwies ihn an die Opferfürsorgebehörde.

Was dann geschah, ist unklar. Seine Spur

verliert sich in Neuseeland.

Zum Beispiel … zum Beispiel …

Zu jeder Lebensgeschichte gibt es ein Foto und ein

Faksimile der Unterschrift des/der Porträtierten. Mit dieser

stimmigen und sorgfältigen Gestaltung hat der Wallstein

Verlag, der den Band herausgebracht hat, beeindruckend

dazu beigetragen, den Menschen ihr Gesicht und

ihre Individualität zurückzugeben.

Das Buch ist einer von zwei Bänden, die aus einem von

Lisa Rettl geleiteten FWF-Forschungsprojekt über „Die

Wiener Tierärztliche Hochschule im Nationalsozialismus“

resultieren. Damit setzt die Veterinärmedizinische

Universität spät, aber doch einen ersten wichtigen Schritt

zur Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte während und vor

der Zeit des Nationalsozialismus. 2

Literatur

Lisa Rettl (2018), Jüdische Studierende und Absolventen der Wiener

Tierärztlichen Hochschule, 1930 – 1947. Wege – Spuren – Schicksale.

Wien: Wallstein.

Von Ronnie Niedermeyer

„Eine Frau würde hier alles verändern“

Dr. Rick Hodes, medizinischer Direktor des

American Jewish Joint Distribution Committee,

spielte in der äthiopisch-israelischen Luftbrücke

„Operation Salomon“ 1991 eine maßgebliche Rolle.

Der als „Mutter Teresa in Woody Allens Körper“

beschriebene Arzt lebt heute als Junggeselle unter

bescheidensten Umständen inmitten seiner

zahlreichen Patienten in Addis Abeba.

Es ist Freitagabend – Erew Schabbat. Im schummrigen

Licht eines Wohnzimmers in Addis Abeba hat sich, Hände

haltend im Kreis, eine etwas ungewöhnliche Gruppe versammelt:

ein adretter Pharmavertreter aus Nairobi, eine

israelisch-amerikanische NGO-Mitarbeiterin mit brauner

Lockenmähne, vier schlaksige Medizinstudenten aus

Iowa, ein kahlköpfiger Tel Aviver Neurochirurg in abgetragenem

Nadelstreif und etwa zwanzig äthiopische Kinder,

Jugendliche und junge Erwachsene. Manche der Äthiopier

stützen sich auf Krücken, ein paar gehen gebeugt. Ein

Bursche hat gekrümmte, vernarbte Hände, ein zweiter ist

auf einem Auge blind. Zwei Mädchen stehen nebeneinander,

eines zwergwüchsig, eines mit ungleich hohen Schultern.

Ein Bub mit strahlendem Lächeln steht vollkommen

gerade auf einem Bein, das amputierte zweite scheint ihm

gar nicht zu fehlen. Statt Kippot tragen alle Anwesenden

gestrickte bunte Hüte. Über das eklektische Kollektiv präsidiert

ein kompakter Mann, Mitte sechzig, mit kurzgeschorenem

Haar und randloser Brille. Er hebt zum Singen

an, doch vor dem traditionellen Schalom Alejchem ertönt

ein anderes Lied: „If I Had a Hammer“ von Pete Seeger.

Rick Hodes entstammt einer reformjüdischen Familie

aus Long Island im Bundesstaat New York. Ab 1980

zog es ihn immer wieder als Arzt nach Äthiopien, zehn

Jahre später ließ er sich in der Hauptstadt nieder. Als

1991 die „Operation Salomon“ stattfand, war er Oberbeauftragter

für die Gesundheit der rund 14.000 Juden,

die nach Israel einreisen durften. Inzwischen führt der

gelernte Internist eine Praxis in Mutter Teresas Mission

und eine zweite im Kinderspital CURE. Zu seinem

Spezialgebiet wurde die Diagnose von Rückgraten, die

durch Tuberkulose entstellt wurden. Unbehandelt verursacht

ein verformtes Rückgrat nicht nur orthopädische

Probleme, sondern kann auch innere Organe quetschen

und dadurch zu Lebensgefahr führen. Täglich besuchen

ihn viele Patienten mit Rückenbeschwerden, die auf eine

bessere Zukunft hoffen. Doch auch mit Krebsgeschwü-

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 145


Ins CURE Hospital kommt Rick Hodes mindestens einmal wöchentlich. Aus ganz Äthiopien reisen Menschen an, manche hat er adoptiert

ren, Infektionskrankheiten oder Herzfehlern reisen Menschen

aus den entlegensten Provinzen nach Addis Abeba,

um den Rat des famosen Arztes einzuholen. Im ganzen

Land ist er als „Dr. Rick“ bekannt, Familiennamen spielen

im Alltag Äthiopiens keine große Rolle.

Freitagabend. Inzwischen sind alle vom rituellen

Händewaschen zurückgekehrt. Der Gastgeber nimmt

eine der vorbereiteten Semmeln in die Hand, reißt Stücke

davon ab und wirft sie den Gästen im hohen Bogen

zu. „Wie Manna aus dem Himmel“, scherzt er. Aus der

Küche kommt heiße Gemüsesuppe, dort wartet auch ein

bescheidenes Buffet äthiopischer Eintöpfe. Während die

Kinder Brettspiele herausholen und sich damit um den

Tisch setzen, öffnet Dr. Rick seinen Laptop und zeigt

den internationalen Besuchern Röntgenaufnahmen und

Fotos aktueller Patienten, die auf ihre Behandlung warten.

„Lebensgefahr hebt den Sabbat auf“, erklärt der sich

inzwischen als modern-orthodox bezeichnende Jude.

Wichtiger als die strenge Einhaltung aller Mizwot ist ihm

die Zedaka, das jüdische Gebot der Wohltätigkeit.

146

Nachdem ein Erkrankter seine Diagnose erhalten hat,

muss die entsprechende Behandlung ermöglicht werden.

Für eine Operation am Rückgrat zum Beispiel werden

Patienten ins entlegene Ghana oder noch weiter nach

Nordamerika geflogen. Auch wenn sich ein Chirurg findet,

der diese Operation ehrenamtlich durchführt, entstehen

Reise-, Spitals- und Materialkosten von zehn- bis

zwanzigtausend Euro. Rick Hodes begnügt sich nicht

damit, seine Patienten an Ärzte zu vermitteln, die sie

behandeln können: Er betreibt auch das dafür notwendige

Fundraising. An Tesfaye, einem Jugendlichen „mit

einem Rückgrat, das so gewunden ist wie das eines Reptils“

(Hodes), wurde 2009 in Vancouver erfolgreich operiert;

der jüdische Philanthrop Gary Segal kümmerte sich

um sämtliche Kosten. Letztes Jahr organisierten Hodes

und Segal in Kanada eine Benefizveranstaltung und das

Erfolgsbeispiel Tesfaye, inzwischen Unistudent, eroberte

dort die Herzen der Gäste. Insgesamt eine Million Dollar

spendeten sie an diesem Abend, das Geld wurde rasch

für weitere dringende Fälle ausgegeben. Ein Bekannter

DAS JÜDISCHE ECHO


Hodes gilt als Koryphäe beim Thema Rückgratsverkrümmung. Mit Sponsoren hat er vielen Menschen aufwendige Operationen vermittelt

FOTOS: RONNIE NIEDERMEYER

schätzt, dass Rick in den letzten 26 Jahren um die tausend

Menschenleben retten konnte.

Wenn man dem 160 Zentimeter kleinen Mann zusieht,

den ein Kollege als „Mutter Teresa in Woody Allens

Körper“ bezeichnet hat und der sich selbst als „Kolibri

auf Speed“ wahrnimmt, ist das mit den tausend Menschenleben

leicht zu glauben. Wie ein Perpetuum mobile

eilt er herum, telefoniert gleichzeitig auf zwei Leitungen,

tippt ein E-Mail und gibt seinem Assistenten – der auch

ehemaliger Patient ist – stichwortartige Anweisungen.

Um sein Personengedächtnis würde ihn mancher Politiker

beneiden: Wenn er im Hotelaufzug einer Kardiologin

begegnet, kann es sein, dass er sich Jahre später auf einmal

bei ihr meldet, um sich über aufgetretenes Herzflimmern

bei einem Tuberkulosekranken zu beraten. Er merkt sich

die Biografien aller langfristigen Patienten und könnte

jedem, der zuhört, stundenlang über sie erzählen. Keine

Verbindung ist zu weit hergeholt, wenn es ihm darum

geht, diesen Menschen zu helfen. Als am Anfang seiner

beruflichen Laufbahn für die Operation an zwei Waisen

kein Budget vorhanden war, setzte er schlichtweg ihre

Adoption durch: Seine Krankenversicherung kam dann

für alle Behandlungskosten auf. Insgesamt adoptierte er

fünf Kinder, die in Äthiopien erlaubte Höchstzahl. Als

sie erwachsen waren, zogen sie aus und schufen Platz

für neue Mitbewohner. Zwölf Patienten, die von weit

her nach Addis Abeba gekommen sind oder überhaupt

kein anderes Zuhause haben, wohnen derzeit unter Ricks

Dach, um die zwanzig sind in drei weitere Häuser untergebracht,

die er ebenso privat finanziert. Die Gebäude,

einschließlich Ricks Unterkunft, sind völlig abgewohnt

und es fehlt an allen Ecken und Enden. Der Vergleich zu

Mutter Teresa passt in mehrfacher Hinsicht: Die heiliggesprochene

Ordensfrau zelebrierte die Armut förmlich,

statt sie als Hürde zu empfinden.

Das CURE-Krankenhaus liegt malerisch auf einem

Hügel im Einzugsgebiet Gulele. An den Tagen, wo Dr.

Rick hier praktiziert, ist der Warteraum voll. „Meine Mitarbeiter

sind angewiesen, zuerst die Leute hereinzulassen,

denen ich nicht helfen kann“, erklärt er, während er ein

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 147


Zu Erew Schabbat bei Rick Hodes treffen sich Patienten, Geschäftsleute, Mediziner, Studenten, NGO-Mitarbeiter und der gelegentliche Reporter

Baby mit Downsyndrom untersucht. „So müssen sie nicht

den ganzen Tag lang warten, um dann am Ende noch eine

Enttäuschung zu erfahren.“ Fälle, die einander ähneln –

zum Beispiel Nachkontrollen von Rückgratsoperationen

– werden oft gruppenweise kontrolliert, um Zeit zu sparen.

Dr. Rick schafft es, jeden Patienten zum Lachen zu bringen,

und es gibt keinen einzigen, den er nicht fotografiert.

„Wenn ich den Patientenakt an andere Ärzte verschicke,

soll das Gesicht des Kranken sie daran erinnern, dass es

sich hier nicht nur um ein Herz oder ein Rückgrat handelt,

sondern um einen ganzen Menschen.“ Fast alle Besucher

haben ein kleines Kruzifix um den Hals, gelegentlich erscheinen

Mädchen im Hidschab. Dass heutzutage kaum

noch Juden unter seinen Patienten sind, stört Ricks Arbeitgeber

kaum. Unter den fünf Tätigkeitsbereichen des JDC

findet sich neben „Den ärmsten Juden der Welt zu helfen“

und „Israels Zukunft zu unterstützen“ auch „Die Opfer

weltweiter Notlagen zu retten“. Hodes hat immer wieder

bewiesen, wie sehr er dieser Aufgabe gewachsen ist. Auf Anfrage

des Redakteurs schwärmt JDC-Geschäftsführer Alan

Gill: „Dort, wo Optimismus ein kostbares Gut ist, verwandelt

Dr. Rick Hodes Verzweiflung in Hoffnung und lebt

somit die jüdische Idee des Tikun Olam. Sein Werk, das so

viele Menschen inspiriert, gibt auch uns den Auftrag, mehr

für die Welt zu tun.“

148

Beim genaueren Betrachten seines Lebens kommt es

einem vor wie ein ewiges Ferienlager. Für eine Instandhaltung

fehlt schlicht die Zeit: Daheim tollen ungewaschene

Kinder herum, in der Küche liegt Essen auf dem

Boden, die Klospülung wurde seit Jahren nicht repariert,

Teile des Gartens ähneln einem Dschungel. Zwei wilde

Hunde haben sich das Grundstück zu eigen gemacht,

in einer Ecke spielen ihre Welpen. Doch kann man dem

„Doktorvater“ kaum vorwerfen, dass er seine Schützlinge

vernachlässigt: Fast alle gehen auf teure Privatschulen, in

der Früh stellen sie sich blitzblank in ihren Uniformen

ein und am Nachmittag werken sie an den Hausaufgaben.

Die Sonne steht schon tief, als der Allradwagen den

Arzt von der Klinik abholt. Auf dem Rücksitz kommen

wir erstmals intimer ins Gespräch. Als die Beziehungsfrage

im Raum steht, fällt die Antwort des Junggesellen

lapidar aus: „Eine Frau würde hier alles verändern.“ Ein

Biograf des Peter-Pan-Erschaffers J. M. Barrie vermutet,

dass der legendäre Autor seinen drei Adoptivsöhnen

nicht nur Vater, sondern auch Mutter sein wollte. Rick

Hodes wirkt zeitweise, als möchte er weder das eine noch

das andere sein. Ungeachtet der Frage, was genau eine

Liebesbeziehung in der Welt des Dr. Rick verändern

würde, ist es offensichtlich, dass dieses Nimmerland auch

ohne sie ganz gut funktioniert. 2

DAS JÜDISCHE ECHO

FOTO: RONNIE NIEDERMEYER


Biografien der Autorinnen und Autoren

Belovari, Susanne. Geboren 1963 in Wien. Sie lebt in Wien und in

den USA. Professorin und Archivarin für Professorennachlässe an

der University of Illinois, Urbana-Champaign. Ehemals Holocaust-

Restitutionshistorikerin und Archivarin an der Anlaufstelle der

Israelitischen Kultusgemeinde für jüdische NS-Verfolgte in und

aus Österreich, Wien, wo sie das IKG-Archiv (von den Nationalsozialisten

1938 geschlossen) wieder aufbaute und mit dem

United States Holocaust Memorial Museum die Bearbeitung und

Verfilmung der IKG-Bestände in Jerusalem wie in Wien organisierte;

weiters die Verfilmung durch die Genealogical Society of

Utah. Publikationen über die Geschichte der Völkerkunde, des

Rassenbegriffes, Holocaustrestitution, kulinarische Geschichte,

Archivarbeit, bedrohte Archivsammlungen sowie Web- und

digitale Archive.

Brandner, Judith. Geboren 1963 in Salzburg. Japanologin und

Übersetzerin für Englisch und Japanisch. Radiojournalistin und

Moderatorin für Ö1 sowie für öffentlich-rechtliche Sender in

der Schweiz und in Deutschland; Publizistin und Buchautorin

(darunter: „Zu Hause in Fukushima“, Verlag Kremayr & Scheriau,

2014). Zahlreiche Journalistenpreise, darunter der Concordia-

Menschenrechtspreis 1998, Herta-Pammer-Preis 2005, Prälat-

Leopold-Ungar-Preis 2008 und der Verkauf-Verlon-Preis für

antifaschistische österreichische Publizistik 2013. Website:

www.judithbrandner.at

Brandstaller, Trautl. Geboren 1939 in Wien. Sie studierte Jus und

Französisch an der Uni Wien und an der Sorbonne in Paris sowie

danach Politikwissenschaften am Wiener Institut für Höhere

Studien. Ihre journalistische Laufbahn begann bei Kathpress

und der „Furche“. Weitere Stationen: „Neues Forum“ und „profil“.

Dr. Brandstaller kam 1975 zum ORF, wo sie mit einer Doku zur

österreichischen Minderheitspolitik („Fremde in der Heimat“)

startete. Von 1976 bis 1984 leitete sie das Magazin „Prisma“,

das die Themen der neuen Frauenbewegung aufgriff und damit

der österreichischen Frauenpolitik wichtige Impulse lieferte. Ab

1986 stand sie der Hauptabteilung Gesellschaft, Jugend und

Familie vor. Für ihre TV-Dokus (darunter „Juden in Wien heute“

und ein Porträt von Simone de Beauvoir) erhielt sie zahlreiche

Auszeichnungen, u. a. den Axel-Corti-Preis. Als freie Publizistin

veröffentlicht sie weiterhin politisch-historische Artikel u. a.

im „Standard“, in der „Presse“ sowie in der „Europäischen

Rundschau“.

Brodnig, Ingrid. Geboren 1984 in Graz. Sie studierte

„Journalismus und Unternehmenskommunikation“ an der

FH Joanneum in Graz. Danach arbeitete sie für den „Falter“

und für das „profil“, wo sie weiterhin eine Kolumne zur

Informationstechnologie schreibt. Sie hat drei Bücher zu diesem

Themenkomplex verfasst, zuletzt „Lügen im Netz“, das sich mit

politischer Manipulation im Internet beschäftigt, und „Hass im

Netz“, das erklärt, was gegen Hasskommentare, Mobbing und

Lügengeschichten getan werden kann. Ihre Arbeit wurde mit

mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter der Bruno-Kreisky-

Sonderpreis für das politische Buch. Im Herbst 2019 erscheint

von ihr „Übermacht im Netz. Warum wir für ein gerechtes Internet

kämpfen müssen“ im Brandstätter-Verlag.

Feldner-Busztin, Gina. Geboren 1997 in Wien. Sie ist

Vorstandsmitglied der Jüdischen österreichischen

HochschülerInnen.

Föderl-Schmid, Alexandra. Geboren 1971 in Haslach in

Oberösterreich. Sie studierte Publizistik, Politikwissenschaft

und Geschichte an der Universität Salzburg. Schon während

des Studiums schrieb sie für die Tageszeitung „Der Standard“.

Von 1993 bis 2006 war sie „Standard“-Korrespondentin in

Berlin und Brüssel. Von 2007 bis 2017 war sie Chefredakteurin

des „Standard“. Seit Anfang November 2017 ist sie

Korrespondentin der „Süddeutschen Zeitung“ in Israel. 2018

erhielt sie den Ari-Rath-Preis für kritischen Journalismus.

Jüngste Buchpublikation: „Unfassbare Wunder: Gespräche mit

Holocaust-Überlebenden“, Böhlau Verlag 2019.

Folger, Arie. Geboren 1974 in Antwerpen als Sohn eines Schoah-

Überlebenden, seine Mutter stammt aus Marokko. Er absolvierte

ein Rabbinatsstudium unter anderem in Wilrijk, Belgien,

Gateshead, England, Jerusalem und New York. An der Stern School

of Business der New York University erwarb er den Mastergrad

(MBA). 2003–2008 war er Rabbiner in Basel, später PR-Direktor

des Amerikanischen Rabbinerverbands. Danach betreute er

Gemeinden in München und Frankfurt am Main. Er spricht Deutsch,

Englisch, Französisch, Hebräisch, Jiddisch und Niederländisch. Der

orthodoxe Rabbiner bezeichnet sich zudem als Autor, Redakteur

und koscherer Nahrungsmittelexperte. In verschiedenen

Organisationen, darunter in der Konferenz Europäischer Rabbiner,

im Amerikanischen Rabbinerverband (RCA) und in der Orthodoxen

Rabbinerkonferenz Deutschland, bekleidete oder bekleidet er

Ehrenämter. 2016–2019 Oberrabbiner von Wien.

Goldberger, Frimet. Geboren 1985, schrieb die freie Print- und

Radiojournalistin mehrfach über ihre Jugend im chassidischen

Dorf Kiryas Joel in New York, das sie 2008 gemeinsam mit ihrem

Mann und ihren zwei Kindern verließ. Goldbergers Artikel über die

Vertuschung von sexuellem Missbrauch in einer chassidischen

Gemeinschaft wurde 2015 mit dem Ippies Award ausgezeichnet.

Goldberger ist Absolventin des Sarah Lawrence College und

lebt mit ihrer Familie in Rockland County, New York, wo sie einen

Online-Bäckerei-Versand („The Babka Lady“) betreibt. Sie

arbeitet gerade an ihrem ersten Roman.

Goldenberg, Anna. Geboren 1989 in Wien. Sie ist Journalistin

und Autorin in Wien. 2018 erschien ihr Buch „Versteckte Jahre.

Der Mann, der meinen Großvater rettete“ (Paul Zsolnay Verlag).

2020 wird im New Yorker Verlag „New Vessel Press“ die englische

Übersetzung erscheinen. Sie studierte Psychologie an der

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 149


Universität von Cambridge sowie Journalismus an der Columbia

University und war anschließend Redakteurin der Wochenzeitung

„Jewish Daily Forward“ in New York. Sie schreibt über Medien und

das Internet für den „Falter“.

Hoare, Liam. Geboren 1989 in Crawley, Großbritannien. Er

studierte Geschichte an der School of Slavonic and East

European Studies des University College London. Hoare arbeitet

als freier Journalist und lebt seit 2017 in Wien. Er ist Europa-

Editor des „Moment Magazine“ und schreibt für britische und

amerikanische jüdische Publikationen über Politik und Literatur.

Jürgens, Uli. Geboren 1970, aufgewachsen in Deutschland,

Brasilien und Österreich. Nach 13 Jahren bei Radio Wien und Ö1

nahm sie eine Auszeit, schloss ihr Romanistikstudium ab, lebte in

Portugal und kam dann als freie Mitarbeiterin zu Ö1 zurück. 2015

wurde aus einer Radiosendung ihre erste TV-Dokumentation

„Der ungehorsame Konsul ‒ Exil in Portugal“ und ein Buch

(„Ziegensteig ins Paradies“, Mandelbaum Verlag, 2015). Seither

entstanden weitere zeitgeschichtliche Dokumentationen für

ORF III. 2019 zeigte der Sender ihre Doku „Diagnose: unbrauch -

bar. Die Opfer der NS-Euthanasie“. Ihr Buch „Louise, Licht und

Schatten“ über die Filmpionierin Louise Kolm-Fleck erschien

ebenfalls 2019 im Wiener Mandelbaum Verlag. 2018 wurde sie

mit dem Leon-Zelman-Preis geehrt.

Kanzler, Christine. Geboren 1955 in Wien. Nach Absolvierung

eines Studiums der Theaterwissenschaft an der Universität

Wien und eines Ausbildungslehrgangs für Informations- und

Dokumentationsfachleute im nichtöffentlichen Bereich war sie

u. a. als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Projekt „biografiA.

biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen“

an der Dokumentationsstelle Frauenforschung am Institut für

Wissenschaft und Kunst (Leitung: Ilse Korotin) beschäftigt.

Gemeinsam mit Ilse Korotin und Karin Nusko veröffentlichte sie

den Sammelband „… den Vormarsch dieses Regimes einen

Millimeter aufgehalten zu haben …“. Österreichische Frauen im

Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Praesens Verlag,

Wien 2015. Sie ist außerdem als Lehrende für Deutsch als

Fremdsprache/Zweitsprache an Wiener Volkshochschulen tätig.

Korotin, Ilse. Geboren 1957. Dr. phil., MA, Studium der

Philosophie, Soziologie und Geschichte an der Universität

Wien. Leiterin der Dokumentationsstelle Frauenforschung am

Wiener Institut für Wissenschaft und Kunst. Seit 1998 Leitung

des multimodularen Forschungs- und Dokumentationsprojekts

„biografiA – Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen“.

In diesem Zusammenhang erschien 2016 im Böhlau Verlag

das vierbändige biografische Lexikon biografiA. 2018

erschien der Band „Biografien bedeutender österreichischer

Wissenschafterinnen – Die Neugier treibt mich, Fragen zu

stellen“. Ilse Korotin ist Leiterin der FrauenAG der österreichischen

Gesellschaft für Exilforschung. Weitere Arbeitsschwerpunkte

bewegen sich im Bereich der Wissenschaftsgeschichte und

in der Erforschung des Zusammenhangs von Philosophie und

Nationalsozialismus.

150

Kronsteiner, Olga. Geboren 1967 in Graz, aufgewachsen

in Wien. Studium der Kunstgeschichte sowie Publizistik

und Kommunikationswissenschaften in Wien. Ebendort

postgradualer Zertifikatskurs zum Thema Kunstrecht. Seit

1993 freie Journalistin und Korrespondentin für Tageszeitungen

und Fachzeitschriften (u. a. „Die Welt“, „Handelsblatt“, „Neue

Zürcher Zeitung“, „Weltkunst“, „Antiquitätenzeitung“, „The

Art Newspaper“). Spezialisiert auf den Bereich Kunstmarkt

sowie das Themengebiet Raubkunst und Restitution; dazu

Forschungsprojekte im Bereich österreichischen Kunstgewerbes

sowie Provenienzen. Seit Mitte der 1990er-Jahre freie

Mitarbeiterin bei „Der Standard“, dort auch sporadische

„Ausflüge“ zu kulturpolitischen und denkmalschutzrechtlichen

Themen.

Kuffner, Astrid. Geboren 1977 in Wien, studierte Ökologie/

Umweltökonomie an der Universität Wien und an der WU Wien;

sie durchlief zudem einen postgradualen Universitätslehrgang

für Public Relations an der Universität Wien. 2004 absolvierte

sie ein sechsmonatiges Praktikum bei Spiegel TV (Hamburg) und

begann als Redakteurin beim „Universum Magazin“ (LW Media).

Ab 2005 schrieb sie regelmäßig für das Branchenmagazin „Der

Österreichische Journalist“ und die Forschungsbeilage des

„Standard“. Seit Herbst 2006 ist sie freie Journalistin in Wien

(www.astroid.at). Ihre Leidenschaft für Porträts erwachte mit dem

„Geistesblitz“, den sie zehn Jahre lang für den „Standard“ mit

verfasste. Seit 2017 pflegt sie diese Vorliebe und die Beziehung

zu ihrer Heimatstadt beim Onlinemagazin „MadameWien.at“.

Maimann, Helene. Historikerin, Autorin und Filmemacherin. Sie

studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Uni

Wien. Hat große Ausstellungen zur Zeitgeschichte kuratiert

und geleitet, für Ö1 gearbeitet, war Abteilungsleiterin im

ORF für Dokumentarfilmleisten („Nightwatch“, „Brennpunkt“

„DOKUmente“). Zahlreiche Filme für die Abteilungen

Wissenschaft und Religion des ORF sowie Publikationen zu

Exil, Frauengeschichte, Geschichte der politischen Ideen,

Methodologie, Mentalitätsgeschichte, Biografien und jüdische

Identitäten. Zuletzt 2018 für 3Sat: „Die Coudenhove-Kalergis.

Europa im Herzen, zuhause in der Welt“. 1980 bis 1994 Lektorin

am Institut für Geschichte der Universität Wien, seit 2008 an

der Filmakademie Wien. Mehrere Auszeichnungen, darunter der

Karl-Renner-Publizistikpreis, das Ehrenkreuz für Wissenschaft

und Kunst und die Rosa-Jochmann-Plakette. 2019 wurde ihr der

Axel-Corti-Preis zuerkannt.

Niedermeyer, Ronnie. Geboren 1980 in Wien, wuchs dreisprachig

auf und lebte als Jugendlicher fünf Jahre in Jerusalem. Als

Fotograf und Journalist beschäftigt er sich vorwiegend mit

sozialen und kulturellen Themen. Seine Arbeiten im Bereich der

künstlerischen Fotografie wurden im Westlicht, im Wien Museum,

im Leopold Museum und im Künstlerhaus Wien ausgestellt; sein

erstes Fotobuch „Zeit und Wien“ erschien 2008 im Christian

Brandstätter Verlag. 2011 bekam seine Serie „Blinde sehen“

beim „Europaweiten Fotowettbewerb gegen Diskriminierung“

von Amnesty International den ersten Preis; sein Porträt von

DAS JÜDISCHE ECHO


Otto Muehl wurde Gesamtsieger unter 7000 Einreichungen

beim Kurier Fotowettbewerb 2014. Im darauffolgenden Jahr

veröffentlichte er das Fotobuch „Farben in Marrakesch“ im

Verlag Bibliothek der Provinz. Er unterrichtet Fotografie im

Wiener Bildungszentrum sowie als Gastlektor an der Höheren

Graphischen Bundes-Lehr- und Versuchsanstalt. Als Herausgeber

publizierte er 2014 fotografische Arbeiten des Regisseurs und

Schauspielers Otto Schenk und 2016 eine Monografie der

Fotografin Elfriede Mejchar. 2015 war er Artist in Residence an

der One World Foundation in Sri Lanka (gemeinsam mit David

Schalko). Neben seiner medialen Tätigkeit vermittelt Niedermeyer

als Outdoorguide im Rahmen der Initiative „Young Explorers

Vienna“ die Wildnis.

Porak, Clara. 1997 in Wien geboren. Studiert Germanistik und

Bildungswissenschaften in Wien und ist freie Journalistin. Vor

allem schreibt sie für das Monatsmagazin „DATUM“. Ehrenamtlich

arbeitet sie als Pfadfinderleiterin und engagiert sich für den

Klimaschutz.

Rabinowich, Julya. Geboren 1970 in Leningrad in der damaligen

Sowjetunion. Lebt seit 1977 in Wien, wo sie an der Universität

Wien ein Dolmetschstudium absolvierte und an der Universität

für angewandte Kunst ein Studium mit Schwerpunkt Malerei und

Philosophie abschloss. Als Dolmetscherin arbeitete sie u. a. für

das Integrationshaus Wien und in der Flüchtlingsbetreuung der

Diakonie. Sie schrieb Romane und andere Prosa („Spaltkopf“,

2008, „Herznovelle“, 2011, „Die Erdfresserin“, 2012) und

Theaterstücke (darunter „Stück ohne Juden“, 2010 und

„Tagfinsternis“, Uraufführung 2013), für die sie zahlreiche Preise

erhielt. 2019 erschien ihr Roman „Hinter Glas“ im Hanser Verlag,

München. Auf ihrem Roman „Herznovelle“ (2011) basiert der

Film „Herzjagen“ (2019) von Elisabeth Scharang (2019). Im

Oktober 2018 hielt sie die Festrede zur Feier von 100 Jahren

Frauenwahlrecht an der Universität Wien.

Scholl, Susanne. Geboren 1949 in Wien. 1972 Doktorat der

Slawistik an der Universität Rom. 1973/1974 Studienaufenthalt

an der Uni Leningrad. Ihre journalistische Arbeit begann

bei der APA und ab 1985 beim ORF. Sie hat 1989 als

ORF-Korrespondentin in Bonn das Ende der DDR miterlebt und

von 1991 bis 2009 mit einer kurzen Unterbrechung aus Moskau

berichtet. Scholl wurde mit dem österreichischen Ehrenkreuz für

Wissenschaft und Kunst und weiteren Preisen ausgezeichnet.

Seit 2009 ist sie freie Journalistin und Autorin. Soeben ist im

Residenz-Verlag ihr jüngstes Buch erschienen, der Roman „Die

Damen des Hauses“, in dem sich vier Frauen der Frage stellen, wie

sie im Alter leben können und wollen. Scholl engagiert sich zudem

in der Initiative „Omas gegen rechts“, die vor „Rechtspopulisten

und Menschenverächtern“ warnt.

Segenreich-Horsky, Daniela. Geboren 1959 in Wien. Studium in

Paris, Wien und New York, Design und PR für Theaterproduktionen

und Kunstevents. Ab 1986 als freie Journalistin bei den

Magazinen „trend“ und „Cashflow“. 1988 Auswanderung nach

Israel, Studium der Kunst- und Familientherapie, Tätigkeit als

Therapeutin. Zahlreiche Beiträge für Printmedien in Österreich,

Deutschland und der Schweiz (u. a. „Der Standard“, „Die Welt“,

„Neue Zürcher Zeitung“ und „Wina“). Freie Mitarbeiterin des ORF.

Bücher: „Zwischen Kamelwolle und Hightech“ (Styria Verlag,

2014) und das mit ihrem Ehemann Ben Segenreich verfasste

Buch „Fast ganz normal“ über ihr Leben in Israel (Amalthea

Verlag, 2018).

Stackl, Erhard. 1948 in Wien-Mödling geboren. Studien an der

Hochschule für Welthandel und an der Uni Wien, M.A. Im Jahr

1970 Gründungsmitglied des Magazins „profil“, später Leiter des

Auslandsressorts und stellvertretender Chefredakteur. Ab 1991

mehr als zwanzig Jahre bei der Tageszeitung „Der Standard“,

nun freier Journalist und Autor. Beiträge u. a. für „The New York

Times“ (International Weekly) und das „Südwind-Magazin“. Als

„Friedensjournalist“ wurde er mit dem Humanitätspreis des

Österreichischen Roten Kreuzes ausgezeichnet. Für sein Buch

„1989 – Sturz der Diktaturen“ über die demokratische Wende in

Zentraleuropa und Südamerika (Czernin Verlag, 2009) erhielt er

den Bruno-Kreisky-Buchpreis.

Steffens, Frauke. Geboren 1979 in Hannover, ist Politik-

Korrespondentin für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ in New

York, wo sie seit 2014 lebt. Zuvor arbeitete sie als Autorin für den

Westdeutschen Rundfunk und andere ARD-Anstalten in Köln und

New York. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft in

Hannover und promovierte 2008 mit einer Arbeit zum Umgang mit

der NS-Vergangenheit an der Technischen Hochschule Hannover

(heute Leibniz Universität).

Suchy, Irene. Geboren 1960 in Wien. Sie absolvierte Studien

der Musikwissenschaft und Germanistik, der Musikpädagogik

und Instrumentalmusikpädagogik in Wien und Tokio. Sie ist

Musikredakteurin bei Ö1, Lehrbeauftragte an der Universität

Wien und an der KUG Graz, Ausstellungsmacherin, Moderatorin,

Dramaturgin und Literatin. Dr. Suchy hat Publikationen zur

neueren Musikgeschichte – über Paul Wittgenstein (2006), Otto

M. Zykan (2008) und Friedrich Gulda (2010), zur Geschichte

der abendländischen Musik in Japan, zu NS-Verfolgten und

zur NS-Musikexilgeschichte, zu feministischer Musikologie

sowie zur Zeitgeschichte herausgebracht. 2010 wurde sie

mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Republik Österreich

ausgezeichnet, 2013 mit dem Dr.-Karl-Renner-Preis, 2017 war

sie Kulturjournalistin des Jahres. Seit 2018 leitete sie das EU

Creative Culture Projekt „MusicaFemina – women made music“.

Sunjic, Melita. Geboren 1955 in Rijeka. Sie kam 1957

als Flüchtlingskind nach Österreich, wohnte anfangs in

UNHCR-Flüchtlingslagern in Steyr und Linz. Nach dem

Studium der Publizistik und Promotion an der Universität Wien

arbeitete Sunjic als Journalistin, zwischen 1980 und 1993 als

Außenpolitik-Chefin der „Wiener Zeitung“. Danach Wechsel zum

UNO-Flüchtlingshilfswerk, wo sie Pressesprecherin und weltweit

in Krisenregionen im Einsatz war. Bücher: „Woher der Hass?

Kroaten und Slowenen kämpfen um Selbstbestimmung“ (1992),

„Echte Österreicher“ (gemeinsam mit Patrik-Paul Volf verfasst, mit

Vol. 68: Starke Frauenstimmen 151


dem Kreisky-Buchpreis prämiert) und „Flucht nach Österreich“

(Robert Schlesinger, 2001). Sie arbeitet für Transcultural

Communication, eine Agentur, die u. a. Regierungen und in

Migrationsfragen berät.

Szyszkowitz, Tessa. Geboren 1967. Journalistin und promovierte

Historikerin (Universität Wien), die sich seit Jahren mit dem

politischen Islam beschäftigt. Sie war Nahostkorrespondentin

(1994‒1998) und Russlandkorrespondentin (2002‒2010) für

das Magazin „profil“. Ihr Buch „Trauma und Terror“ (Böhlau Verlag,

2008) handelt vom Einfluss kollektiver Traumata auf nationale

Bewegungen am Beispiel von Tschetschenen und Palästinensern.

Sie lebt u. a. als „profil“-Korrespondentin in London. Jüngste

Buchpublikation: „Echte Engländer ‒ Britannien und der Brexit“,

Picus-Verlag, 2018.

Tomic, Manuela. Geboren 1988 in Sarajevo im ehemaligen

Jugoslawien. Journalismus-Studium an der Fachhochschule der

WKW in Wien. Danach tätig als freie Journalistin für Medien wie

„Die Zeit“, Deutsche Welle, Arte, „Datum“, „Die Tageszeitung“,

ORF.at und anderes. Sie schreibt über gesellschaftspolitische

Themen wie Asylwerber in der Lehre oder weibliche katholische

Priesterinnen. Ein erster Prosatext „1992“ ist 2019 in der

Kulturzeitschrift „Fluchtraum“ erschienen. Aktuell ist sie

Redakteurin bei der Wochenzeitung „Die Furche“.

Tóth, Barbara. 1974 in Wien als Tochter einer gebürtigen

Tschechin und eines Ungarn geboren. Studium der Geschichte,

das sie mit einer Dissertation über die „Reder-Frischenschlager-

Affäre“ abschloss. Journalistische Stationen: „Profil“, „Format“,

„Frankfurter Allgemeine Zeitung“, „Der Standard“. Seit 2007

leitende Redakteurin beim „Falter“. Tóth unterrichtet Journalismus

an der Fachhochschule Wien und berichtet auch für ausländische

Medien über österreichische Politik und Zeitgeschichte. Sie

schrieb die Bücher „Karl von Schwarzenberg. Die Biografie“, „Wahl

2018“ (mit Thomas Hofer), „Sebastian Kurz. Österreichs neues

Wunderkind?“ (mit Nina Horaczek) und „Stiefmütter: Leben mit

Bonuskindern“ (2018). Exvizekanzler Reinhold Mitterlehner gab

sie bei dessen Buch „Haltung“ schreiberische Hilfestellung. Sie

wurde u. a. mit dem Prälat-Leopold-Ungar-JournalistInnenpreis

und mit dem Kurt-Vorhofer-Preis ausgezeichnet.

Ungar-Klein, Brigitte. Geboren 1953 in Wien. Sie studierte

Geschichte und Germanistik und übte den Lehrberuf aus.

Daneben wissenschaftliche Forschung zum Thema Zeitgeschichte

und Schoah. Ungar-Klein war Direktorin des Jüdischen Instituts

für Erwachsenenbildung in Wien. Sie ist eine der AutorInnen

des Buches „Kündigungsgrund Nichtarier. Die Vertreibung

jüdischer Mieter aus den Wiener Gemeindebauten in den Jahren

1938–1939“ (Picus Verlag, 1996) sowie Herausgeberin des

im Jahr 2000 erschienenen Werks „Jüdische Gemeinden in

Europa. Zwischen Kontinuität und Aufbruch“ (Picus Verlag).

2019 erschien, nach jahrelangen Forschungen, bei Picus das

Buch „Schattenexistenz“ über die „jüdischen U-Boote in Wien

1938–1945“, die auch das Thema ihrer Doktorarbeit waren.

Voykowitsch, Brigitte. Geboren in Wien, ist freie Print- und

Radiojournalistin mit regelmäßigen Beiträgen für den ORF,

speziell für das Programm Ö1. Von 1991 bis 2000 war sie

außenpolitische Redakteurin der Zeitung „Der Standard“

mit Schwerpunkt Süd- und Südostasien, 2001 London-

Korrespondentin des „Standard“. Für ihre Berichterstattung über

Menschenrechte erhielt sie 1999 den Concordia-Preis. Lange

Jahre beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit Südasien, in

jüngster Zeit widmet sie sich verstärkt Osteuropa und Russland.

Buchpublikationen: „Dalits – die Unberührbaren in Indien“

(Verlag Der Apfel, 2006), „Allah, Ram und Kricket: Indisch-

Pakistanische Konfrontationen“ (Picus Verlag, 2003), „Göttinnen

und Frauenrechte: Indiens neue Töchter“ (Picus Verlag, 2000).

Weiss, Alexia. Geboren 1971, lebt als freie Journalistin und Autorin

in Wien. Germanistikstudium und Journalismusausbildung an

der Universität Wien. Seit 1993 journalistisch tätig. Derzeit ist

sie Redakteurin des jüdischen Magazins „Wina“ und bloggt

regelmäßig zum Thema „Jüdisch leben“ auf www.wienerzeitung

.at/meinungen/blogs/juedisch_leben. Ihr erster Roman,

„Haschems Lasso“, erschien 2009 im Milena Verlag, das

Kinderbuch „Dinah und Levi. Wie jüdische Kinder feiern“ 2011

im Annette Betz Verlag. Im Frühjahr 2014 präsentierte sie ihren

zweiten Roman, „Endlosschleife“ (Iatros Verlag).

Welsh, Renate. Geboren 1937 in Wien, aufgewachsen in

Wien und Aussee. Sie studierte Englisch, Spanisch und

Staatswissenschaften, arbeitete als freie Übersetzerin und beim

British Council. Einen Namen machte sie sich als Autorin von

Kinder- und Jugendbüchern, am bekanntesten: „Das Vamperl“

und „Johanna“. Seit 1975 ist sie freie Schriftstellerin und schreibt

seit 1988 auch für Erwachsene. Sie erhielt zahlreiche Ehrungen,

darunter: Deutscher Jugendliteraturpreis, Österreichischer

Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur, Theodor-Kramer-Preis

und Preis der Stadt Wien für Literatur. Seit 2006 ist sie Präsidentin

der Interessengemeinschaft Österreichischer Autorinnen

und Autoren. Ihr erstmals 1988 erschienenes Buch über den

österreichischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus, „In

die Waagschale geworfen“, hat der Wiener Czernin-Verlag 2019 in

einer Neuausgabe herausgebracht.

Wodak, Ruth. Geboren 1950 in London als Tochter einer

österreichischen Diplomatenfamilie. Volksschule in Belgrad,

Matura in Wien. 1974 promovierte sie „sub auspiciis

Praesidentis“ in Sprachwissenschaften, Habilitierung mit dreißig;

ab 1991 war sie ordentliche Professorin in Wien. 1996 erhielt

sie den Ludwig-Wittgenstein-Preis, Österreichs höchstdotierten

Forschungspreis. 2004 übernahm sie den Lehrstuhl für

Diskursforschung an der britischen Lancaster University. Ihr

jüngstes Buch, „The Politics of Fear. What Right-Wing Populist

Discourses Mean“, ist im September 2015 bei Sage Publications,

London, erschienen.


©WienTourismus/P. Rigaud

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