Pandemie / dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 80 (3/2020)

derive

Der ursprünglich geplante Schwerpunkt für die 2020 Sommerausgabe war Mobilität, doch dann kam Covid-19 und es war klar, wir können dieses Ereignis nicht einfach ignorieren. Es zeigte sich bald, dass die Verwendung und Verteilung des Straßenraums ein Thema ist, dass Mobilität und Covid-19 verbindet. Covid-19 zeigt uns die gesellschaftlichen Zustände wie unter einer Lupe, egal ob es nun die Wohn- und Arbeitsverhältnisse sind oder die Verteilung des Straßenraums zwischen Fußgeher*innen, Radfahrer*innen und dem motorisierten Individualverkehr. Covid-19 zeigt aber auch, dass alle Hilfsprogramme vorrangig dazu da sind, die bestehenden Strukturen zu retten und alles getan wird, um zur sogenannten „Normalität“ zurückkehren zu können. Doch genau diese »Normalität« gilt es in Frage zu stellen. Der Schwerpunkt enthält Beiträge zu Alltagsökonomie, Wohnen, Straßenraum, Protest, Digitalisierung, Wanderarbeiter*innen, soziale und räumliche Segregation sowie Stadtgeschichte.

Jul — Sept 2020

N o 80

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

dérive

PANDEMIE

ISSN 1608-8131

9 euro

dérive


Editorial

Ursprünglich war geplant, den Schwerpunkt dieser Ausgabe

dem Thema Mobilität zu widmen. In zahlreichen Städten ist in

den letzten Jahren das Bewusstsein dafür gestiegen, dass

urbane Lebensqualität erfordert, die jahrzehntelange Bevorzugung

des motorisierten Individualverkehrs zu beenden und den

öffentlichen Verkehr und nicht-motorisierte Mobilitätsformen

wie Zufußgehen oder Radfahren zu stärken. Doch die beharrenden

Kräfte sind stark und einflussreich und stemmen sich

mit all ihrer gesellschaftlichen Macht gegen diese Entwicklungen.

Um jeden Parkplatz wird gekämpft, jeder neue Radweg ist

Anlass für medial geführte Kampagnen.

Während der Redaktionsarbeit für diesen Schwerpunkt

änderte sich mit Covid-19 und den damit verbundenen Maßnahmen

scheinbar plötzlich alles und es war uns klar, dass

Covid-19 bzw. Pandemien im Allgemeinen ein Thema für eine

Stadtforschungszeitschrift sein müssen. Der Eindruck, es hätte

sich alles geändert, erwies sich rasch als oberflächlich. Covid-19

hat einfach vieles, was latent ohnehin schon lange vorhanden

war, für alle offensichtlich gemacht. Die gesellschaftlichen Verhältnisse

wurden nicht auf den Kopf gestellt, sondern zeigen

sich uns durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie

wie unter einer Lupe. Das betrifft auch das Thema Mobilität.

Noch nie war es so sicht- und spürbar, wie viel Platz auf

den Straßen vorhanden ist, wenn der Verkehr von einem Tag

auf den anderen fast gänzlich verschwindet, wie das mit Verkündung

der Ausgangsbeschränkungen der Fall war. Viel freier

Platz wäre notwendig gewesen, um ausreichend räumlichen

Abstand halten zu können. Eine verantwortungsvolle Politik

hätte zu diesem Zeitpunkt Straßen für Fußgeher*innen geöffnet

und Open Streets, Shared Spaces, Begegnungszonen etc.

daraus gemacht. Doch davon war – von Ausnahmestädten

abgesehen – nichts zu hören oder die Maßnahmen kamen erst

sehr spät. Das Thema Flächengerechtigkeit, der zentrale Aspekt

unseres geplanten Mobilitätsschwerpunkts, war mit Covid-19

also plötzlich noch zentraler als zuvor. Somit ist das Thema

Mobilität nun auch Teil unseres Schwerpunkts zu Pandemien:

Rainer Stummer, aktuell Aktivist der wichtigen und unbedingt

unterstützenswerten Kampagne Platz für Wien, schreibt – ausgehend

von einer Analyse des Volksentscheids Fahrrad in Berlin

– über Raumverteilung und Protest und knüpft damit auch ein

wenig an den letzten dérive-Schwerpunkt zu Protest an. Florian

Lorenz hat für uns einen Text über das Konzept der Open

Streets verfasst, das mit der seit 1976 (!) jeden Sonntag stattfindenden

Ciclovía in Bogotá, Kolumbien, auf eine lange

Geschichte zurückblicken kann.

Frank Eckardt verweist in seinem Beitrag die Vertiefung

der Gräben auf die Zunahme gesellschaftlicher Ausschlüsse,

sozialer und ökonomischer Diskriminierung und der Segregation

zwischen Arm und Reich. Er tritt für eine Stadtplanung

ein, »die sich nicht auf infrastrukturelle und städtebauliche

Zielstellungen reduziert,« um die Voraussetzung für solidarische

Strukturen eines urbanen Zusammenlebens zu schaffen.

Die Notwendigkeit einer sozialen urbanen Infrastruktur, die

allen unabhängig von Herkunft und Klasse zur Verfügung steht

und unabhängig von der neoliberalen Marktordnung geschaffen

und aufrecht erhalten wird, betonen auch die Autor*innen

des Beitrags Die Alltagsökonomie als Fundament zukunftsfähiger

Stadtentwicklung. Der Ansatz der Alltagsökonomie (foundational

economy) findet seit einigen Jahren verstärkte Aufmerksamkeit,

und das, wie sich nun während Covid-19 wieder

zeigt, völlig zurecht. Ein schlagendes Beispiel dafür, was passiert,

wenn genau diese basale soziale Infrastruktur in Städten

nicht vorhanden ist oder nicht allen zur Verfügung steht, bringt

Ayona Datta mit ihrem Bericht über die Verhältnisse in indischen

Städten. Millionen Arbeiter*innen mussten ihre Städte

verlassen und zu Fuß oft über hunderte Kilometer in ihre Herkunfts-Dörfer

zurückkehren, weil ein Überleben mit Verhängung

der Ausgangssperren und somit ohne Einkommen für sie

nicht mehr möglich war.

Einen Überblick über die Situation am Wohnungsmarkt,

eine kritische Analyse der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen

und Beispiele für selbstorganisierte solidarische

Hilfsaktionen gibt das Redaktionskollektiv der Zeitschrift

Radical Housing in ihrem Beitrag Covid-19 and housing struggles,

den wir in einer gekürzten Version für diesen Schwerpunkt

übersetzt haben.

Felix Stalder schließlich konstatiert eine Beschleunigung

bestehender Digitalisierungsdynamiken, die sich durch die

massive Stärkung digitaler Infrastrukturen ebenso zeigt wie

durch den Ausbau der Marktmacht von Händler*innen wie

Amazon, die sich anschicken, sich als kritischer Teil der Grundversorgung

zu etablieren oder dem noch tieferen Eindringen von

Sozialen Medien in unseren Alltag. Als überraschende und positive

Entwicklung sieht Stalder die Entwicklung eines neuen

Standards für Kontaktnachverfolgung (DP 3 T), »bei dem weder

kommerzielle noch sicherheitspolitische, sondern zivilgesellschaftliche

Akteur*innen federführend sind.«

Für unsere lose Serie an Beiträgen zur Wiener Stadtgeschichte

stehen ein weiteres Mal die Donau und ihr räumliches

Umfeld im Mittelpunkt. Die kleine Anarchie an der Donau ist

der Titel von Matthias Marschiks Artikel über die Donauwiese.

Das Kunstinsert der vorliegenden Ausgabe stammt von Selma

Selman. Es zeigt »eine Auswahl von Arbeiten, die ihre Rolle als

Frau in einer patriarchalen und von sozialer Ungleichheit

geprägten Gesellschaft ebenso radikal wie direkt thematisieren«.

Mit dieser Ausgabe feiert dérive seinen 20. Geburtstag.

Letzten Herbst hatten wir noch eine große Party in der Nordbahnhalle

vor Augen, als wir an das Jubiläum dachten. Wäre

die Nordbahnhalle letzten November nicht einer Brandstiftung

zum Opfer gefallen, deren Aufklärung, wie es scheint, niemanden

mehr interessiert, hätte uns wohl Corona einen Strich

durch die Rechnung gemacht. Wenn es die Umstände erlauben,

werden wir den 20er zumindest in kleinerem Rahmen beim

diesjährigen urbanize!-Festival (nach-)feiern, das dieses Jahr

Raum als Gemeingut unter dem Motto »Common Spaces,

Hybrid Places« thematisiert und vom 14.–18. Oktober in Wien

stattfindet. Save the date!

Einen schönen Sommer wünscht

Christoph Laimer

01


»Es ist an der Zeit

» in jeder Stadt

» OFFENE STRASSEN

» für alle zu fordern!«

Florian Lorenz in seinem Text Offene Straßen für alle! Temporär autofreie Straßen als

Bewegungs- und Interaktionsräume auf den S. 37–45.

ANGEBOT: ABONNEMENT + BUCH*

8 Ausgaben (2 Jahre) dérive um 56,–/75,– Euro (Österr./Europa)

inkl. ein Exemplar von:

ÖGFA – Österreichische Gesellschaft für Architektur und

Ute Waditschatka (Hg.)

Wilhelm Schütte Architekt

Frankfurt – Moskau – Istanbul – Wien

Zürich: Park Books, 2019

176 Seiten, 38,00 Euro

oder

Katja Schwaller

Technopolis

Urbane Kämpfe in der San Francisco Bay Area

Berlin, Hamburg: Assoziation A, 2019

232 Seiten, 19,80 Euro

Bestellungen an: bestellung@derive.at

*Solange der Vorrat reicht!

dérive

Zeitschrift für Stadtforschung

www.derive.at


Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER

Schwerpunkt

04—05

Gegen eine Rückkehr zur Normalität

Zum Schwerpunkt Pandemie

CHRISTOPH LAIMER

06—11

Die Alltagsökonomie als Fundament zukunftsfähiger

STADTENTWICKLUNG

RICHARD BÄRNTHALER, SIGRID

KROISMAYR, ANDREAS NOVY, LEON-

HARD PLANK, ALEXANDRA STRICKNER

12—17

Reframing the Streets: Raumverteilung und PROTEST

RAINER STUMMER

18—20

Überlebensinfrastrukturen unter Covid-19 in INDIEN

AYONA DATTA

21—25

Pandemie als SMART-City-Labor

FELIX STALDER

37—45

Offene Straßen für ALLE!

Temporär autofreie Straßen als Bewegungs- und

Interaktionsräume

FLORIAN LORENZ

46—54

COVID-19 und die Wohnungskämpfe

Die (Wieder-)Auflage von Austeritätspolitik und

Katastrophen-Kapitalismus sowie die Nicht-Rückkehr

zur Normalität

RHJ EDITORIAL COLLECTIVE

Magazin

55—60

Die kleine ANARCHIE an der Donau

Das Inundationsgebiet (1875–1987)

MATTHIAS MARSCHIK

Besprechungen

61—63

Die Entgrenzung der Architektur,

S. 62

Mehr als Belanglosigkeiten,

68

IMPRESSUM

S. 61

Kunstinsert

32—36

Selma Selman

Tito’s bunker, Mercedes,

Washing Machine and Vampyr

dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

03


CHRISTOPH LAIMER

GEGEN eine

Rückkehr zur

»Normalität«

Zum Schwerpunkt Pandemie

Es ist erst wenige Monate her, dass Regierungen

weltweit drastische Maßnahmen als Reaktion auf die

steigenden Corona-Ansteckungszahlen durchgesetzt

haben. Seit einigen Wochen werden diese Maßnahmen

zurückgenommen, in manchen Ländern, weil

sich die Situation tatsächlich zum Besseren gewendet

hat, in anderen wohl vorrangig deshalb, weil wirtschaftliche

Interessen bedient werden wollen. In dieser

Zeit sind Unmengen von Artikeln und Beiträgen

zu Covid-19 veröffentlicht worden, trotzdem finden

wir es als Redaktion einer Zeitschrift für Stadtforschung

angebracht, einen eigenen Schwerpunkt zum

Thema Pandemie zu veröffentlichen. Das hat einerseits

damit zu tun, dass Gestalt und Ordnung von

Städten viel mehr von Seuchen und Krankheiten

beeinflusst und geprägt sind, als man gemeinhin

annimmt und andererseits damit, dass es für uns als

kritische Zeitschrift ein wichtiger Zeitpunkt ist, um auf

das Versagen eines Systems hinzuweisen, das noch

selten so offensichtlich war.

Das Leben in Städten war die längste Zeit ihrer Existenz von

einer sehr hohen Sterblichkeit gekennzeichnet. Die Lebenserwartung

von Stadtbewohner*innen lag über Jahrhunderte um einiges

unter derjenigen der Landbevölkerung. Krankheiten und Seuchen

rafften regelmäßig große Teile der Bevölkerung hinweg. Das

war im antiken Rom und Athen nicht anders als in den europäischen

Städten des 14. bis 18. Jahrhunderts, über die der Anthropologe

Mark Nathan Cohen schreibt, dass sie möglicherweise

die »am stärksten von Krankheiten befallenen und am kürzesten

lebenden Bevölkerungen in der Geschichte der Menschheit« (zit.

nach Bollyky 2019) waren. Pest-, Typhus- und Choleraepidemien

wüteten und kosteten jeweils tausenden Menschen das Leben.

Vor allem natürlich jenen, die aufgrund ihrer Armut ihr Dasein

unter miserablen Wohnbedingungen und katastrophalen hygienischen

Zuständen fristen mussten.

Doch obwohl Bourgeoisie und Arbeiterklasse natürlich

nicht in denselben Vierteln wohnten, waren auch Bürger*innen

nicht davor gefeit, an Seuchen zu erkranken und zu sterben.

Gegenmaßnahmen waren also notwendig, nicht zuletzt auch, um

den »Bestand der bürgerlichen Gesellschaft zu sichern« (Marx &

Engels 1972, S. 488), wie im Kommunistischen Manifest zu lesen

ist, das während der Hochzeit der Typhus- und Choleraepidemien

verfasst wurde. Friedrich Engels sah »die menschenfreundlichen

Bourgeois in edlem Wetteifer für die Gesundheit ihrer

Arbeiter« (Engels 1999, S. 233) entbrennen. Dass genau dieser

Aspekt auch in Zeiten von Covid-19 nicht übersehen werden

sollte, darauf weißen Vilenica et al. in ihrem Artikel Covid-19 und

die Wohnungskämpfe (S. 46–54) hin.

In den letzten Cholera-Epidemien in Wien (1866 und

1873) starben fast nur mehr arme Stadtbewohner*innen. 1 Die

Unterprivilegierten waren den Seuchen aber nicht nur am

stärksten ausgesetzt, sie wurden auch immer wieder für ihre

Verbreitung verantwortlich gemacht und im Zuge solcher

Kampagnen als gefährliche Klasse denunziert. Zuletzt beispielsweise

Bewohner*innen des Iduna-Zentrums in Göttingen

oder eines Asylwerber*innenheimes in Wien. In diesem

Zusammenhang ist auch die Dichte-Debatte zu sehen, die den

städtebaulichen Diskurs seither begleitet.

Aus dem Umstand, dass Arbeiter*innen in sehr dichten

Wohnvierteln lebten und leben, wurde und wird immer wieder

der Schluss gezogen, Dichte an sich wäre das Problem, das es

zu beseitigen gilt. Die Fantasien und Gerüchte darüber, wie das

Leben in den dichten Arbeiter*innenquartieren aussieht – Kriminalität,

Promiskuität, Krankheiten – war nicht nur für hetzerische

Kampagnen und Werke der Literaturgeschichte verantwortlich,

sondern in Folge auch für städtebauliche Konzepte, die beispielsweise

für die aufgelockerte Stadt eintraten. Nicht die physisch

ruinösen Arbeitsbedingungen, die fehlende Möglichkeit zur

Regeneration aufgrund extrem langer Arbeitszeiten, Unterernäh-

Stadtgeschichte, Pandemie, Städtebau,

Hygiene, Dichte, gefährliche Klasse,

Normalität, Wirtschaftskrise, Kapitalismus

04

dérive N o 80 — PANDEMIE


rung bzw. ungesunde Ernährung, fehlende Bildung und Gesundheitsversorgung

oder völlig unzureichend ausgestattete, feuchte

Wohnungen seien das Problem, sondern die Dichte. Die Dichte,

die genau das ermöglichte, was das Überleben irgendwie möglich

machte: alltägliche Solidarität und gegenseitige Hilfe im Viertel.

Bis heute passiert es, dass soziale Strukturen sowie die lokale

Möglichkeit für (informelle) Arbeit unter dem Vorwand, bessere

Wohnverhältnisse für Slumbewohner*innen zu schaffen, zerstört

werden, indem die verantwortlichen Politiker*innen die Bewohner*innen

an den Stadtrand absiedeln. Zufälligerweise können

die ehemaligen Grundstücke dann immer wieder teuer verkauft

oder mit ertragreichen Immobilien bebaut werden.

Zwei der wichtigsten baulichen Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung

waren der Bau stadtweiter Kanalisationsnetze

und die Versorgung aller Haushalte mit sauberem Trinkwasser.

In Wien konnte die Cholera endgültig erst mit dem Bau der äußerst

eindrucksvollen 95 km langen, 1873 eröffneten 1. Wiener

Hochquellenleitung, die die lokalen Hausbrunnen ersetzte, und

der Wienflussregulierung im Zuge des Baus der Stadtbahn,

verdrängt werden. 2

Neben reinem Wasser galten und gelten natürlich auch

saubere Luft und Licht als wichtige Voraussetzungen für ein

gesundes Leben in der Stadt, wobei die Annahme der Bedeutung

sauberer Luft bis Mitte des 19. Jahrhunderts noch eine Folge der

ebenso gebräuchlichen wie falschen Annahme, giftige Ausdünstungen

des Bodens (Miasma) seien für die Ausbreitung von

Seuchen verantwortlich, zurückzuführen ist.

So ist es nicht verwunderlich, dass auch die Errichtung

von Parks, Spielplätzen und sogar Schrebergärten als sozialhygienische

Maßnahme im Sinne der Gesundheitsversorgung gesetzt

wurde. 3 Das bekannteste Beispiel dafür ist wohl New Yorks Central

Park, die »Lunge der Stadt« wie sie der Landschaftsarchitekt

Frederick Olmsted, der gemeinsam mit dem Architekten Calvert

Vaux den Wettbewerb für die Gestaltung des Central Parks gewonnen

hat, bezeichnete.

Covid-19 und die Wirtschaftskrise

Wie zu den Zeiten der großen Epidemien des 19. Jahrhunderts

geht es auch heute bei all den Hilfsmaßnahmen nicht

darum, langfristig neue Strukturen aufzubauen, die gegenüber

Krisen resilienter sind und nicht jedes Mal aufs Neue zig Millionen

vor existenzielle Probleme stellen, sondern darum, den

stockenden Motor des Kapitalismus wieder in Gang zu bringen:

Koste es, was es wolle. Unser Wirtschaftssystem wäre aufgrund

seiner hohen Produktivität ohne Probleme in der Lage, Güter in

einem Ausmaß zu produzieren, die eine ausreichende Versorgung

der Menschheit mit allem Lebensnotwendigen garantiert.

Das Paradox an unserer aktuellen Situation ist nun, dass es

zu einer Wirtschaftskrise gigantischen Ausmaßes kommt, weil

eine Pandemie es notwendig macht(e), für ein paar Wochen den

Arbeitsalltag neu zu organisieren und einige Bereiche vorübergehend

einzustellen. Das Problem ist nun aber nicht, dass es zu

wenige Lebensmittel, Kleidung oder Wohnungen gibt, sondern,

dass viele Menschen aufgrund von Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit

über weniger oder kein Einkommen mehr verfügen, um diese

bezahlen zu können. Gleichzeitig fragen sich Investor*innen, ob

es schon der richtige Zeitpunkt ist, um wieder Aktien zu kaufen

oder sie besser warten sollten, bis die Krise noch größer wird,

weil der zu erwartende zukünftige Profit dann noch höher sein

wird. 4 Normalerweise verkündet die Ideologie-PR in Situationen,

in denen Menschen vor existenziellen Problemen stehen, sie seien

zu wenig tüchtig, zu wenig gebildet, zu wenig hartnäckig, zu unflexibel,

zu wenig leistungsbereit etc. und brauchen sich deswegen

nicht wundern, wenn sie nicht ausreichend Geld zur Verfügung

haben. Doch diesmal ist es einfach völlig offensichtlich, dass

keiner dieser Gründe angeführt werden kann, weil niemand, der/

die durch die Pandemie arbeitslos geworden ist oder nun weniger

Einkommen hat als zuvor, selbst dafür verantwortlich gemacht

werden kann.

Und siehe da, jetzt wo das System in Gefahr ist, weil die

Kaufkraft bzw. die Möglichkeit Geld auszugeben nicht mehr im

notwendigen Ausmaß vorhanden sind, können plötzlich hunderte

Milliarden Euro und Dollar aufgebracht werden, die teils

freihändig verteilt werden, um den Laden wieder in Schwung zu

bringen. Wie schon bei der Finanzkrise 2008 zeichnet sich auch

bei Covid-19 ab, dass keinerlei Überlegungen angestellt werden,

wie die Grundversorgung der Menschheit in Zukunft auch in

Zeiten von Krisen aufrecht erhalten werden könnte, ohne jedes

Mal große Teile der Bevölkerung unnötig dem Ruin auszuliefern.

Was, um es noch einmal zu betonen, angesichts der Tatsache,

dass es die Güter gibt oder sie jederzeit hergestellt werden könnten,

die dafür notwendig sind, besonders grotesk ist.

Die Milliarden, die jetzt verteilt werden, dienen ausschließlich

dazu, die Mauern des Systems zu stützen und die

Löcher zu stopfen, damit möglichst schnell die Rückkehr zu dem,

was aktuell unter den Begriff Normalität läuft, gelingt. Doch

genau diese Normalität gilt es in Frage zu stellen. Die Pandemie

zeigt, wie wichtig eine soziale Infrastruktur und eine eigenständige

Alltagsökonomie für ein gutes Leben für alle sind (siehe dazu

die Beiträge von Bärnthaler et al., S. 06–11 sowie von Ayona

Datta auf S. 18–20) und dass es der Gebrauchswert der Güter

ist, auf den wir schlussendlich zählen können müssen und nicht

der Tauschwert (Berardi 2020).

Christoph Laimer ist Chefredakteur von dérive.

Fußnoten

1

https://w w w.geschichtewiki.wien.gv.at/Cholera

2

https://www.geschichtewiki.wien.gv.at/Cholerakanäle

3

https://www.stadtmuseum.de/objekte-und-geschichten/seuchen-in-berlin

4

https://www.finanzen.net/aktien/corona-aktien

Literatur

Berardi, Franco »Bifo« (2020): Jenseits des Zusammenbruchs.

Drei Betrachtungen zu einer Zeit danach. In: transversal

texts, übersetzt von Adrian Hanselmann. Verfügbar unter:

https://transversal.at/transversal/0420/berardi/de

Bollyky, Thomas J. (2019): The Future of Global Health Is

Urban Health. Verfügbar unter https://w w w.cfr.org/article/

future-global-health-urban-health [Stand 24.006.2020]

Engels, Friedrich (1973) [1872/73]: Zur Wohnungsfrage. In:

Marx, Karl & Engels, Friedrich: Werke. Band 18. Dietz Verlag:

Berlin. S. 209–287.

Fisher, Thomas (2010): Frederick Law Olmsted’s Campaign

for Public Health. In: Places, 11/2010. Verfügbar unter:

https://placesjournal.org/article/frederick-law-olmstedand-the-campaign-for-public-health/

[Stand 24.06.2020]

Marx, Karl & Engels, Friedrich (1972) [1848]: Manifest der

Kommunistischen Partei. In: dies.: Werke. Band 4. Dietz

Verlag: Berlin. S. 459–493.

Christoph Laimer — GEGEN eine Rückkehr zur Normalität

05


RICHARD BÄRNTHALER, SIGRID KROISMAYR, ANDREAS NOVY, LEONHARD PLANK, ALEXANDRA STRICKNER

Die Alltagsökonomie

als Fundament

zukunftsfähiger

STADTENTWICKLUNG

Covid-19 demaskiert die neoliberale Behauptung, es

gäbe nur eine Ökonomie, nur einen großen, globalen

Markt, als das, was sie wirklich ist: Eine Illusion.

Die Pandemie hat die Hyperglobalisierung einer

grenzenlosen wirtschaftlichen Verflechtung ins

Wanken gebracht. Wäre dieser teilweise Rückbau

von globalen Lieferketten und Finanzbeziehungen

dauerhaft, eröffnen sich für die Stadtentwicklung

neue Handlungsspielräume, die durch geschicktes

politisches Agieren genutzt werden können. Es kann

aber auch erneut so enden wie nach der großen

Finanzkrise 2008, als es mächtigen Kapitalinteressen

rasch gelang, zum vermeintlichen Normalzustand

einer grenzenlosen Weltwirtschaft zurückzukehren.

Um dies 2020 zu verhindern, braucht es zweierlei:

einerseits ein gutes Verständnis des Markliberalismus,

der das ideologische Unterfutter für städtische

Strategien der Liberalisierung, Privatisierung und

Finanzialisierung liefert. Andererseits benötigen wir

die Vision einer anderen Wirtschaftsordnung sowie

Strategien, um die aktuelle neoliberale Marktordnung

abzulösen. Dies kann durch die Stärkung der

Alltagsökonomie gelingen. Die ihr zugrundeliegenden

Infra struk turen bilden das Fundament einer

zukunftsfähigen Stadtentwicklung, die die grundlegenden

Bedürfnisse ihrer Bewohner*innen befriedigt

(FEC 2018). Dies gelingt, wenn stadtpolitische Entscheidungen

getroffen werden, die sich von der

Logik des Marktliberalismus verabschieden und sich

auf die kollektive Bereitstellung dieser städtischen

Infrastrukturen konzentrieren.

Der Marktliberalismus:

Die neoliberale Verengung von Wirtschaften

Jahrzehntelang dominierten auch in der Stadtforschung

neoliberale Strategien von sich im internationalen Wettbewerb

behauptenden Städten. Es war dies Konsequenz eines Paradigmenwechsels,

der seit den 1980er-Jahren durch den Siegeszug

des Neoliberalismus eingeläutet wurde und in zumindest drei

Bereichen Denk- und Handlungsweisen änderte: (1) Innenwurde

zu Außenorientierung, (2) eine gemischte Wirtschaft zur

Marktwirtschaft und (3) gesamtgesellschaftliche Zielsetzungen

durch individualisierte Wünsche ersetzt. Kontextabhängigkeit

und eigenständige städtische Entwicklungswege wurden der

Hyperglobalisierung und ihrem Leitbild des einen globalen

Marktes geopfert.

(1) Die Schaffung und Liberalisierung von Märkten –

von Immobilien und Tourismus bis hin zu Märkten für Grundversorgung

– war eine logische Folge einer außenorientierten

Stadtpolitik, die, im internationalen Städtewettbewerb stehend,

möglichst attraktive Bedingungen für internationales Kapital

schaffen sollte. Internationale Investor*innen, Tourist*innen,

die creative class (Florida 2019) und hochqualifizierte Wissensarbeiter*innen

wurden zur Zielgruppe dieser Politik; Effizienz,

Optimierung und Renditeerwartungen zu ihren Leitwerten.

Die Funktionsfähigkeit von Städten wurde primär anhand ihrer

Anziehungskraft für ausländische Investor*innen gemessen und

nicht an der Fähigkeit, alltägliche Bedürfnisse der Stadtbewohner*innen

in hoher Qualität, leistbar und umweltfreundlich

zu befriedigen.

(2) Somit wich das pluralistische Verständnis einer

gemischten Wirtschaft, die die Grundlage der österreichischen

Sozialpartnerschaft sowie des europäischen Wohlfahrtskapitalismus

der Nachkriegszeit bildete, zunehmend einem fundamentalistischen

Markt-Monismus. Wirtschaften als ein komplexes,

sich gegenseitig ermöglichendes und beschränkendes

Zusammenspiel aus einer Vielfalt an Institutionen wurde vereinfachend

reduziert auf globales Marktwirtschaften. Der

Markt war nicht mehr eine Institution neben anderen, sondern

Alltagsökonomie, Marktliberalismus, Infrastruktur,

Dienstleistung, Wohlfahrtsstaat, Lebensqualität,

urban citizenship, Dekommodifizierung, Gemeinnützigkeit

06

dérive N o 80 — PANDEMIE


RAINER STUMMER

Reframing the

Streets: Raumverteilung

und PROTEST

Temporäre Bodenmarkierungen als Versinnbildlichung

diskursiv gezogener Grenzen – hier zeichnet sich die

Verschiebung von Machtverhältnissen ab; Pop-up-Radweg Wien

Praterstraße Juni 2020. Foto — Silvester Kreil, dérive

Der in Berlin angewandte Protestdiskurs um Flächengerechtigkeit

und Raumverteilung erlangt im Lichte der aktuell zur

Bekämpfung des Covid-19-Virus verhängten Maßnahmen

und ihrer Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten erneut

Bedeutung. Im Gegensatz zur neoliberalen Maxime »There

is no alternative« spiegeln Prozesse urbaner Raumverteilung

gesellschaftliche Verhältnisse und Machtverteilung wider

und weisen damit die gleiche Wandlungsfähigkeit wie diese

auf. Wird die Diskrepanz zwischen den seitens der Politik

gewünschten Ergebnissen von Planungs- und Steuerungsprozessen

und den Bedürfnissen von Bürger*innen zu groß,

können sich an diesem – in Plänen verzeichneten oder in

Beton gegossenen – Missverhältnis Proteste entzünden.

Dieser Artikel widmet sich der Schnittstelle von

Raum- und politischer Theorie, betrachtet die Konflikthaftigkeit

urbaner Raumverteilungsprozesse und einen Diskurs

– den des BVF –, der diesen Konflikt abbildet. Anschließend

wird der während des Covid-19-Lockdowns akut zutage

tretende Flächenkonflikt anhand ausgewählter theoretischer

Kategorien diskutiert und auf Wien übertragen.

Raumtheorie, Populismustheorie, Berlin, Volksentscheid, Corona,

Diskurs, Protest, Critical Mass

Als 2015 der sogenannte Volksentscheid Fahrrad

in Berlin (BVF) initiiert wird, zeigt sich bereits nach

wenigen Monaten, dass der Protestdiskurs der

Initiative mit seinen vielfältigen, performativen

Aktionen im öffentlichen Raum erfolgreich in den

stattfindenden Wahlkampf zur Berliner Senatswahl

eingreifen kann. In weiterer Folge wird das bundesweit

erste Mobilitätsgesetz beschlossen und die

Vorgangsweise des BVF findet breite Nachahmung:

zahlreiche deutsche Städte folgen dem

Beispiel Berlins – mit MoVe It Graz und Platz für

Wien gibt es mittlerweile zwei ähnliche Initiativen

in Österreich.

Der Berliner Volksentscheid Fahrrad –

Ausgangspunkt der Analyse

Bei dem Instrument des Volksentscheids, welches

von den Berliner Aktivist*innen genutzt wurde, handelt es

sich um ein dreistufiges direkt-demokratisches Verfahren,

dessen Anstoß bottom-up – also von Bürger*innen initiiert –

erfolgt. Die erste Stufe besteht aus dem Antrag auf ein

Volksbegehren, zu dessen Durchführung 20.000 gültige

Unterstützungserklärungen binnen sechs Monaten gesammelt

werden müssen. Sollte der Volksentscheid den Erlass

eines Gesetzes beabsichtigen, so wie es beim BVF tatsächlich

der Fall war, dann ist gleichzeitig der gewünschte

Gesetzesentwurf verpflichtend zur Begutachtung beizulegen.

Nachdem die erste Stufe erfolgreich absolviert wurde,

beginnt die Eintragungsphase des Volksbegehrens, bei der

in einem Zeitraum von vier Monaten 175.000 gültige Unter-

12

dérive N o 80 — PANDEMIE


AYONA DATTA

Überlebensinfrastrukturen

unter

Covid-19 in INDIEN

Infrastruktur, Indien, Wanderarbeiter*innen,

Ausgangssperre, Hungersnot

Foto — Gwydion M. Williams

Als ich ein Kind war, erzählte mir meine Großmutter Geschichten über Kalkutta während der

bengalischen Hungersnot im Jahr 1943. Die Hungersnot war eine künstlich herbeigeführte Katastrophe

unter den wachsamen Augen der britischen Kolonialregierung, die den indischen Bauern

und Bäuerinnen den Zugang zu Nahrungsmittelvorräten verwehrte, was zu Hunger und Tod

führte – ein Völkermord an etwa drei Millionen armen Inder*innen. Kolonialhistoriker*innen

und Wissenschaftler*innen haben darauf hingewiesen, dass Winston Churchill, der »Held« des

Krieges, bekanntlich erklärte, dass Inder*innen »sich wie Kaninchen vermehrten« und deshalb

den Tod verdienten.

Meine Großmutter und ihre Familie lebten zu dieser Zeit in Kalkutta, und sie wurden

Zeug*innen eines Exodus von Migrant*innen aus den umliegenden Dörfern und Gemeinden,

die in die Stadt strömten und verzweifelt hofften, überleben zu können. Im Laufe ihres Lebens

erzählte meine Großmutter immer wieder von den Schreien der Hungernden auf den Straßen

vor dem Haus ihrer Familie. Ein Vorfall, der sie als junge Frau besonders traf, war, als sich

18

dérive N o 80 — PANDEMIE


FELIX STALDER

Pandemie als

SMART-City-Labor

Smart City, Technopolitik, Digitalisierung, Überwachung, Handel,

Social Media, Bewegungsfreiheit, Open Source, Kontaktnachverfolgung

»I really think anyone who makes predictions now is a fool.«

»It’s a little bit like trying to predict the future of foreign policy

in October 2001.« Evgeny Morozov im Interview mit Holly Herndon

Während der Hochsaison bevölkern Ischgl Tourist*innen aus aller Welt und

machen das Bergdorf zur temporären Stadt. (c) Profil

Die Covid-19-Pandemie ist gleichermaßen ein urbanes wie ein technologisches Phänomen. 95%

aller Erkrankungen wurden bisher in Städten registriert. Vom Ausgangspunkt Wuhan, über die

Metropolregion der Lombardei, Paris, Madrid, New York, Rio de Janeiro bis Moskau breitet sich

das Virus vor allem innerhalb großer Städte aus. Das ist wenig verwunderlich, denn nicht nur

begünstigt die größere Dichte die lokale Verbreitung des Virus von Mensch zu Mensch, sondern

das Virus kommt auch zuerst in den großen Städten an. Sie sind die zentralen Knoten der

Hypermobilität von Menschen und Gütern, welche die neoliberale Phase der Globalisierung

prägt. Aus diesem Blickwinkel sind Tourist*innen-Hotspots wie Ischgl temporäre Städte in den

Bergen. Ob die Hypermobilität, die momentan weitgehend zum Erliegen gebracht wurde, wieder

in voll in Gang kommt, ist noch nicht absehbar, dass der globale Trend zur Urbanisierung gebrochen

wird, ist aber nicht anzunehmen. So viel Vorhersage kann man getrost machen.

Felix Stalder — Pandemie als SMART City Labor

21


FRANK ECKARDT

Vertiefung der

GRÄBEN

Corona in der fragmentierten Stadt

Social Distancing, Lockdown, Segregation, Armut,

Fragmentierung, Nachbarschaft, Exklusion, Wohnungslosigkeit,

Solidarität, Kontrolle

Essensspenden für Obdachlose am Zaun

eines Parks während der Corona-Ausgangsbeschränkungen.

Fotos — Silvester Kreil, dérive.

Die Corona-Krise hat den Alltag in der Stadt einschneidend verändert. Das

Leben der vulnerablen Gruppen wie Senior*innen, Kinder, Kranke, Arme und

Geflüchtete wird dadurch erheblich beschwert und gefährdet. Der Lockdown

verschärft dabei die bestehenden sozialen Ausschlüsse. Das »social distancing«

fällt mit den vorhandenen sozialen Distanzen gefährlich zusammen.

26

dérive N o 80 — PANDEMIE


Kunstinsert

Selma Selman

Tito’s bunker, Mercedes,

Washing Machine and Vampyr

Für die in Bosnien geborene Selma Selman ist ihre Roma-Herkunft ein wesentlicher Ausgangspunkt

ihrer künstlerischen Arbeit. In ihren Performances thematisiert sie vielfach geschlechtsspezifische

und rassistische Diskriminierungen, Verfolgungen, Traumata und Spannungen.

Dabei benutzt sie oft ihren Körper als Lautsprecher, um Verzweiflung, Wut, Angst, Widerstand

und dem Kampf ums Überleben Ausdruck zu verleihen. Sie kann als eine der jüngsten Vertreter*innen

einer langen Tradition kritischer und politisch engagierter Performance aus dem

ex-jugoslawischen Raum gesehen werden. Die Art und Weise, wie Selma Selman ihren Körper,

ihren weiblichen Zustand sowie ihren südosteuropäischen Hintergrund als Romni für politische

Inhalte einsetzt, zeigt eine Neuinterpretation des Performance-Diskurses und knüpft an Praktiken

von Künstler*innen wie Katalin Ladik oder Tanja Ostojić an.

Im dérive-Insert zeigt Selma Selman eine Auswahl von Arbeiten, die ihre Rolle als Frau

in einer patriarchalen und von sozialer Ungleichheit geprägten Gesellschaft ebenso radikal

wie direkt thematisieren. In Mercedes Matrix zerstört Selma Selman mit ihrer Familie auf der

Kampnagel-Piazza in Hamburg ein Statussymbol – den Mercedes Benz. Durch den Akt des

Zerstörens dieses Fahrzeugs setzt sie die Mechanismen der Performance ein, um die körperliche

Arbeit ihrer Familie in der Kunst zu positionieren. Dabei öffnet ihr biographischer Hintergrund

noch eine weitere wesentliche Ebene: Selma Selmans Familie ist darauf angewiesen, Metallabfälle

in Ressourcen zu verwandeln, um das Wohlergehen der Familie zu unterstützen.

In Self-portrait I & II zerstörte die Künstlerin eine Waschmaschine und einhundert

Staubsauger mit einer Axt. Die Künstlerin sagt dazu: »Diese früheren Arbeiten visualisieren die

Zerstörung von Haushaltsgeräten, die mehr als ein Jahrhundert lang mit der Versklavung von

Hausfrauen in Verbindung gebracht wurden, aber auch einen Moment der Katharsis, in dem ich

die inneren Spannungen, die mich sowohl zerstören als auch konstruieren, abbauen konnte.«

Auch hier transformiert Selma Selman wieder ihre biographischen Wurzeln einer patriarchalen

(Roma-)Gesellschaft in einen performativen Befreiungsakt.

Was ist ein sicherer Ort? Bunker werden als sichere Orte wahrgenommen, weil sie

Menschen Schutz vor der physischen Bedrohung durch Luftangriffe bieten. In Mercedes 310/

Iron Curtain thematisierte die Künstlerin für die Biennial of Contemporary Art D-0 ARK Underground

in Sarajewo (2015) den Mercedes 310 als sichersten Ort, weil ihre Familie dieses Auto

zum Sammeln und Verkaufen von Eisen benutzte. Der Eiserne Vorhang war einst ein Symbol

des ideologischen Konflikts zwischen zwei konkurrierenden Systemen. Als solches fungierte er

nicht nur als physische, sondern auch als psychologische Barriere. »Ich habe den psychosozialen

›Eisernen Vorhang‹, der die Praktiken von marginalisierten Menschen stigmatisiert, abgebaut,

um eine symbolische Öffnung zu erreichen und einen Boden zu schaffen, auf dem die Menschen

zusammenkommen können« (Selma Selman).

Selma Selman lebt derzeit zwischen Bihać und New York, wo sie an der University of

Syracuse tätig ist. Sie war unter anderem im Roma-Pavillon der Biennale in Venedig 2019 vertreten

und erhielt bereits zahlreiche Preise, u. a. den Young European Artist Award von trieste

contemporanea. In ihrer Heimatstadt Bihać gründete sie die Organisation Mars To School /

Go The Heck To School, die insbesondere den Schulbesuch von Romnija-Mädchen unterstützt.

Weitere Informationen: www.selmanselma.com

Barbara Holub und Paul Rajakovics

32

dérive N o 80 — PANDEMIE


FLORIAN LORENZ

Offene Straßen

für ALLE!

Temporär autofreie Straßen als

Bewegungs- und Interaktionsräume

Straße, Freiraum, Mobilität, Urbanität,

Ciclovía, Open Streets, öffentlicher Raum

Ciclovía in Minhocão (São Paulo) Foto — Nathan Bishop

Wenn über die Mobilitätswende und die Transformation

von Städten in der Klimakrise diskutiert

wird, stehen oft die Begriffe Straße 1 und Straßenraum

im Fokus. Auch in der aktuellen Covid-19-

Pandemie werden die Nutzung und die Aufteilung

von Straßenräumen heftig diskutiert. Straßen

bieten in der Pandemie – vor allem in dichten Innenstädten

ausreichend Raum für hygienisch notwendiges

physical distancing, Freizeitnutzungen,

Spaziergänge und sportliche Betätigung. In diesem

Zusammenhang erhielt das Konzept offener

Straßen – Straßenräume temporär als Bewegungsund

Interaktionsraum und nicht als Verkehrsraum

zu nutzen – eine neue Bedeutung und vermehrte

Aufmerksamkeit.

Straßen als öffentliche Räume

Straßen sind über Jahrhunderte gewachsene und durch

Asphaltierung dauerhaft etablierte, vernetzte Räume, die Städte

strukturieren und räumlich dominieren. Sie sind Transportwege,

Bewegungsräume, Aufenthaltsbereiche sowie Begegnungsräume,

wodurch sie sowohl funktionale als auch symbolische

Bedeutungen bekommen. Straßen sind die vorrangig

wichtigen öffentlichen Räume der Stadt des 21. Jahrhunderts.

Sie repräsentieren gesellschaftliche Prioritäten. Hier ist ablesbar,

wie energieintensiv und unter welchen Prämissen das

Verkehrssystem organisiert ist und welche Umweltwirkungen

welchen Bevölkerungsgruppen durch die Organisation von

Mobilitäts-Bedürfnissen zugemutet werden.

Als der »quintessentielle öffentliche Sozialraum« (Mehta

2013) machen Straßen den Hauptteil des öffentlichen Raumes

und einen Großteil der Fläche in Städten aus. In Nordamerika

nehmen sie zwischen 25 und 35 Prozent der bebauten Stadtfläche

ein (Jacobs 1993). Für europäische Städte – deren Kernstrukturen

oft vor der Erfindung des Autos angelegt wurden

– stellt sich dieses Flächenverhältnis vergleichbar dar: In Wien

nehmen Gemeindestraßen knappe 20 Prozent des gesamten für

Bauland und Verkehr genutzten Stadtgebietes ein bzw. knappe

10 Prozent der gesamten Stadtfläche. 2 Der Anteil der Straße an

der Stadtfläche ist auch von der Lage im Stadtgebiet abhängig.

In einem Außenbezirk wie dem 22. Bezirk beträgt dieser Anteil

nur 6 Prozent und steigt auf bis zu ca. 36 Prozent im viel dichter

bebauten 1. Bezirk (Stadt Wien, 2019. Eigene Berechnungen).

1

In diesem Artikel

bezeichnet der Begriff

Straße eine Straße im

städtischen Raum, keine

Landstraßen oder

Autobahnen. Diesen

Straßentypen fehlt die

Funktion als (potenziell)

multifunktional nutzbarer

öffentlicher Raum.

2

Diese Vergleiche beziehen

sich auf reine Straßenfläche

und exkludieren sonstige

für den

Kraftfahrzeugverkehr

versiegelten Flächen –

Parkplätze und

Erschließungsstraßen –

außerhalb der als

Gemeindestraßen gewidmeten

Flächen.

Florian Lorenz — Offene Straßen für ALLE!

37


RADICAL HOUSING JOURNAL COLLECTIVE

COVID-19 und

die Wohnungskämpfe

Die (Wieder-)Auflage von

Austeritätspolitik und Katastrophen-

Kapitalismus sowie die

Nicht-Rückkehr zur Normalität

Mietstreitprotest in LA.;

Foto — Timo Saarelma

Scheinbar über Nacht stand der Gebrauchswert

von Wohnraum als lebenserhaltender, sicherer Ort

im Mittelpunkt des politischen Diskurses der politischen

Entscheidungsfindung und von neuen Regierungspraktiken.

Die Forderung nach dem Recht auf

angemessenen und sicheren Wohnraum hat sich

plötzlich von den »radikalen« Rändern zum

Gegenstand beispielloser öffentlicher politischer

Interventionen weltweit verschoben. Da die Sicherheit

ganzer Bevölkerungsgruppen auf dem Spiel

steht, taucht das Thema Wohnen als öffentliche

Gesundheitsfrage schlagartig auf der Tagesordnung

auf. Wir wollen mit diesem Artikel den zentralen

Nexus zwischen Wohnen, Austeritätspolitik

und Covid-19 entwirren, indem wir die aktuellen

Reaktionen auf den längerfristigen Entwicklungsverlauf

von Vertreibung und Verfügbarkeit, Grenzpolitik,

Ethno-Nationalismus, Finanzialisierung,

Imperialismus, Kapitalismus, Patriarchat und Rassismus

in Zusammenhang bringen.

Austeritätspolitik, Covid-19, Mietstreik, Kapitalismus,

Wohnungslosigkeit, gegenseitige Hilfe, Prekarisierung

46

dérive N o 80 — PANDEMIE


MATTHIAS MARSCHIK

Die kleine

ANARCHIE an

der Donau

Donau, Donauregulierung, Hochwasserschutz,

Transdanubien, Vergnügungsort,

Freizeit, Naherholungsgebiet, Informalität

Das Inundationsgebiet (1875–1987)

Eine sommerliche Sonntagsszene vom Überschwemmungsgebiet aus den 1930er

Jahren. Man hatte Essen und Trinken eingepackt, saß am Ufer, schaute dem

fließenden Wasser und den vorbeifahrenden Schiffen zu und kühlte sich, wenn es

zu heiß wurde, kurz in den Fluten ab. Foto — Bezirksmuseum Floridsdorf

Überschwemmungs- oder Inundationsgebiet oder im Wienerischen einfach Donauwiese:

Drei Begriffe für ein etwa zehn Quadratkilometer großes Brachland in zentraler

Lage, das primär dem Hochwasserschutz diente, im kollektiven Gedächtnis der Wiener

Bevölkerung aber aus einem ganz anderen Grund präsent blieb, nämlich als individuell

nutzbares Naherholungsgebiet. Im Gegensatz zur nachfolgenden gartenplanerisch

durchkonzipierten Donauinsel wies die Donauwiese einen nahezu anarchischen Nutzungscharakter

auf.

Matthias Marschik — Die kleine ANARCHIE an der Donau

55


Besprechungen

Die Entgrenzung der

Architektur

Andre Krammer

Balkrishna Doshi, Wohnsiedlung

Aranya, Indore, 1989;

Foto — Iwan Baan 2018

Die aktuelle Ausstellung im Architekturzentrum

Wien mit dem Titel Balkrishna Doshi –

Architektur für den Menschen ist auf den

ersten Blick eine traditionelle Personale

und erscheint so von den zuletzt thematisch

orientierten Zugängen im Architekturmuseum

abzuweichen. Der Umstand, dass

es sich um eine internationale Wanderausstellung

handelt, ist spürbar: Die verschachtelte

Schau erscheint im Ausstellungsraum

des Az W etwas eingezwängt

und insbesondere das zentrale Modell

im Zentrum der Ausstellung wirkt in seiner

Übergröße leicht deplatziert.

Der indische Architekt Balkrishna Doshi,

Jahrgang 1927, hat in der Nachkriegszeit

in den Büros von Le Corbusier und Louis

Kahn gearbeitet. Sein eigenes, mittlerweile

viele Jahrzehnte umspannendes Werk ist

stark von der Formensprache und Ideenwelt

seiner Lehrmeister beeinflusst und

geht doch über diese hinaus. Es ist gleichermaßen

von der westlichen Moderne

geprägt wie von lokalen und regionalen

Bautraditionen der indischen Kultur-Landschaft,

in der sie eingebettet sind. Eine originäre

Offenheit der räumlichen und funk-

tionalen Konfigurationen zeichnet das

architektonische Werk Doshis aus, für das

er 2018 mit dem Pritzkerpreis ausgezeichnet

wurde.

Es überschreitet die Grenzen des traditionellen

Funktionalismus. Die von Doshis

Büro entworfenen Stadtquartiere, Wohnund

Bildungsbauten zeichnet eine hohe

Nutzungsoffenheit aus, die aus der traditionellen

indischen Alltagskultur abgeleitet

ist. Die Architektur versteht sich hier nicht

mehr als übergeordnetes Ordnungsprinzip,

sondern als Rahmenwerk, das vielfältige

Nutzungsszenarios ermöglichen

soll. Dabei ordnet sie sich einem gesellschaftlichen

Gesamtzusammenhang unter.

Lebenswirklichkeiten werden nicht als

Hindernis verstanden.

Doshis Arbeitsfelder beschränken sich

nicht auf die eines traditionellen Architekten.

Seine Bildungsbauten basieren auf

einem von ihm mitentwickelten interdisziplinären

Ausbildungskonzept. Die allumfassende

Konzeption ist aber gleichzeitig

immer als wandelbare, offene Struktur

konzipiert. Das Leben der Menschen auf

der gesellschaftlichen und kulturellen

Ebene soll durch das räumliche Dispositiv

nicht kontrolliert werden – es soll sich frei

entfalten können. Architektur schreibt

nichts Endgültiges fest, sondern soll auch

das Unvorhersehbare ermöglichen.

Manchen Entwürfen gingen vom Architekten

erfundene Erzählungen und Mythen

voraus, ein Narrativ wird angeboten, das

aber durch den Gebrauch überschrieben

werden darf und soll.

Nachhaltiges Bauen so verstanden, zielt

auch auf Wandelbarkeit ab. Räumliche,

architektonische, ökonomische, ökologische

und soziale Aspekte begegnen sich auf

Augenhöhe. Der anvisierte Gemeinsinn

der zukünftigen Bewohner*innen ist eine

Utopie, die erst durch die Praxis des

Bewohnens realisiert werden kann.

Am Bau einer Wohnsiedlung für einkommensschwache

Gruppen, die auch in

der Schau zu sehen ist, waren die zukünftigen

Bewohner*innen beteiligt. Die Architekt*innen

haben eine »main-structure«

entworfen, die von den Bewohner*innen

im Laufe der Zeit ihren Bedürfnissen

gemäß erweitert und verändert werden

darf – sie werden selbst zu Architekt*innen

der »sub-structure«. Diese Form der Raumproduktion

nimmt ein Spannungsverhältnis

von Kontrolle und Kontrollverlust bewusst

in Kauf.

Auf technischer Ebene bedeutete das in

diesem Fall eine Kombination aus Fertigbauweise

und lokalen Handwerkstechniken,

Tradition und Moderne. Doshis Landschaften

lösen die Grenze zwischen Innen und

Außen, zwischen Projekt und benachbarter

Siedlungsstruktur auf. Strategisch gesetzte

Zwischenräume und Schwellen, räumliche

Leerstellen erlauben Durchlässigkeit

und eine Praxis der Aneignung durch die

Bewohner*innen und Nutzer*innen.

In der Ausstellung verweisen bewegte

Bilder und Szenen, welche die digitalen

wie analogen Pläne ergänzen, auf die

Bedeutung des realen Gebrauchs. Doshis

Gemälde, die der Tradition indischer Miniaturmalerei

abgeleitet sind und seine

Projekte auf eine abstrakte wie imaginäre

Ebene heben, scheinen simultane Szenarien

zu präsentieren und verweisen so auf

einen zentralen Aspekt Doshis Architektur:

Zeit spielt in ihrer Konzeption eine genauso

wichtige Rolle wie Raum.

Ausstellung

Balkrishna Doshi – Architektur für den Menschen

Architekturzentrum Wien

29.05.2020 –29.06.2020

Kuratorin Khushnu Panthaki Hoof; Kuratorin Vitra Design

Museum: Jolanthe Kugler

Katalog

Vitra Design Museum, Wüstenrot Stiftung, Jolanthe

Kugler, Khushnu Panthaki Hoof (Hg.)

Balkrishna Doshi – Architektur für den Menschen

Vitra Design Museum, Weil am Rhein 2019

383 Seiten, 59,90 Euro

61


Mehr als

Belanglosigkeiten

Peter Payer

Er ist ein Augenöffner, stets wachsam und

unermüdlich neugierig in allen urbanistischen

Dingen. Vittorio Magnano Lampugnani,

renommierter Architekturtheoretiker und

-historiker, emeritierter Professor an der

ETH Zürich, hat ein neues Buch geschrieben.

Diesmal über jene zahlreichen

Objekte, die den öffentlichen Raum prägen

und uns vielfach so selbstverständlich

geworden sind, dass wir sie nur selten

wahrnehmen. Und auch nur selten daran

denken, dass sie eine teils weit zurückreichende

Geschichte haben.

Diese wurde im historisch-urbanistischen

Diskurs bislang sträflich vernachlässigt.

Zwar gab es bereits ab den 1980er-Jahren

in einzelnen Städten Versuche, die Genese

ihrer jeweiligen Kleinarchitekturen auf zuarbeiten,

etwa in Berlin, Paris oder Zürich;

und auch für Wien liegen mittlerweile

einige Einzelstudien dazu vor, unter

anderem – in aller Bescheidenheit sei dies

angemerkt – vom Autor dieser Zeilen. Eine

zusammenfassende Gesamtschau fehlte

jedoch bislang. Diese Lücke wurde nun erstmals

profund und kennerhaft geschlossen.

Der Titel von Lampugnanis Buch ist

natürlich kokett, eigentlich ein Oxymoron,

aber er spannt recht gut den Bogen, in

den die Straßenmöbel wahrnehmungsund

stadthistorisch einzubetten sind. Sie

sollen auffallen, aber nicht zu viel, und

einen funktionalen Beitrag zur Nutzung

der Stadt leisten. Belanglos sind sie keinesfalls,

wie wir gleich am Anfang des Buchs

erfahren: »Die Mikroarchitekturen, Stadteinrichtungsgegenstände

und Grundelemente

sind nicht nur Dinge, die den

Stadtraum ergänzen oder verstellen,

verschönern oder verunstalten und seinen

Charakter entscheidend mitbestimmen.

Sie sind weitgehend autonome Gegenstände,

die, sieht man genauer hin, eigene

Geschichten haben und diese auch erzählen.«

Und sie geben auch, wie Lampugnani

betont, genauen Einblick in das Wesen

jener Stadt, in der sie stehen.

Seine Ausführungen beziehen sich ausschließlich

auf die europäische Stadt, der

Zeitraum spannt sich von der Antike bis

heute. Mit Schwerpunkt allerdings auf das

19. Jahrhundert, als mit dem Aufstieg des

Bürgertums und einem gewaltigen Urbanisierungsschub

sich auch die Rolle des

öffentlichen Raums neu definierte. Walter

Benjamins bekanntes Diktum von der

»Wohnung des Kollektivs« drückte dies

treffend aus. Wie im privaten Bereich,

galt es nun, die Straßen und Plätze neu

einzurichten und jenen Erfordernissen

anzupassen, die für die Menschen der

modernen Metropolen relevant waren.

Essen, trinken, informieren, ausruhen bis

hin zum Notdurft verrichten, all diese

Funktionen verlagerten sich zunehmend

in die öffentliche Sphäre. Welche Objekte

man dazu benötigte und bis heute benötigt,

wie diese ausgestaltet sind und wie

wir von ihnen gleichsam Handlungsanleitungen

erfahren, ist Teil des europäischen

Zivilisationsprozesses, der auch – aber

natürlich nicht nur – ein Disziplinierungsprozess

ist. Der Stadtraum wurde zur

Bühne, inszeniert und ausgestattet mit

Requisiten, und diese fungieren, so der

Autor, als »Erkennungs zeichen für die

politische, ideologische, religiöse, soziale,

hygienische, technische, ökonomische und

kulturelle urbane Entwicklung.«

Drei Kategorien werden in der Folge

unterschieden: Mikroarchitekturen,

Objekte und Elemente. Zu ersteren

gehören etwa Kioske, Trinkhallen, Bedürfnisanstalten,

Telefonzellen, Haltestellen

oder Metroeingänge. Als Objekte werden

sodann Denkmäler, Brunnen, Bänke, Lichtmasten,

Uhren, Poller, Abfallkörbe, Litfaßsäulen,

Ampeln sowie Straßen- und Hausnummernschilder

behandelt. Und bei den

Elementen geht es schließlich um Themen

wie Schaufenster, Einfriedung, Bürgersteig,

Bodenbelag inklusive Schachtdeckel. Eine

überaus breite Palette also, die allein schon

offenbart, wie sehr sich das urbane Leben

im Lauf der Jahrhunderte differenzierte –

und auch verkomplizierte. Zwar vermisst

man manche Dinge, Briefkästen etwa, Personenwaagen,

Warenausgabeautomaten

bis hin zu Bankomaten oder auch die Fülle

der Verkehrszeichen, Lampugnani bekennt

sich aber zu einer bewusst subjektiven

Auswahl, bei der es nicht nur um typisch

und bedeutsam ging, sondern auch

Neugier und Narrationspotential eine

Rolle spielten. Sehr instruktiv ist, dass er

sein Thema weit fasst und auch die

Begrenzungsflächen des Raums mit einbezieht,

mit denen die Objekte in intensiver

Beziehung stehen. Den Boden und die

Wände also, die Dermatologie der Stadt,

die ja ihre eigentliche Materialität ausmacht

und von entscheidender sinnlicher

Wirkung auf die Stadtmenschen ist.

Die konkret geschilderten Beispiele entstammen

den damals wie heute führenden

Metropolen, London, Paris, Berlin, Wien,

Moskau oder Rom. Recht deutlich wird, wie

sehr sie alle vor ähnlichen urbanistischen

Anforderungen standen. Etwa auf dem

Gebiet der Kommunikation, wo mit der

1855 erfundenen Litfaßsäule erstmals ein

adäquates Massenmedium zur Verfügung

stand, das sich von Berlin aus in ganz

Europa verbreitete. Oder die bislang weitgehend

unerforschte Geschichte der

Metroeingänge, die mit Hector Guimards

Entwürfen für Paris emblematisch und

identitätsstiftend wurden, aber auch in

anderen Städten bemerkenswerte Varianten

zeitigten. Klar wird im Städtevergleich

auch, wie hoch schon im 19. Jahrhundert

die Städtekonkurrenz war, der Wettbewerb

der Metropolen untereinander und

ihre gegenseitigen, auch stilistischen Beeinflussungen.

Der Know-how-Transfer auf

diesem Gebiet war gewaltig, nicht zuletzt,

weil diese kleinen Dinge zu jenen gehören,

die den Besucher*innen als erstes ins Auge

springen. Das Bild der Stadt also entscheidend

(mit)prägen.

Auch die Frage der Orientierung ist

damit eng verbunden und wird am Beispiel

der Stadtorganisation durch Straßenbe-

62

dérive N o 80 — PANDEMIE


BACKISSUES

Bestellungen via Bestellformular auf www.derive.at

oder an bestellung(at)derive.at.

Alle Inhaltsverzeichnisse und zahlreiche Texte sind auf der dérive-Website nachzulesen.

dérive Nr. 1 (01/2000)

Schwerpunkte: Gürtelsanierung: Sicherheitsdiskurs,

Konzept – und Umsetzungskritik, Transparenzbegriff;

Institutionalisierter Rassismus am Beispiel der

»Operation Spring«

dérive Nr. 2 (02/2000)

Schwerpunkte: Wohnsituation von MigrantInnen und

Kritik des Integrationsbegriffes; Reclaim the Streets/

Politik und Straße

dérive Nr. 3 (01/2001)

Schwerpunkt: Spektaktelgesellschaft

dérive Nr. 4 (02/2001)

Schwerpunkte: Gentrification, Stadtökologie

dérive Nr. 5 (03/2001)

Sampler: Salzburger Speckgürtel, Museumsquartier,

räumen und gendern, Kulturwissenschaften und

Stadtforschung, Virtual Landscapes, Petrzalka,

Juden/Jüdinnen in Bratislava

dérive Nr. 6 (04/2001)

Schwerpunkt: Argument Kultur

dérive Nr. 7 (01/2002)

Sampler: Ökonomie der Aufmerksamkeit,

Plattenbauten, Feministische Stadtplanung,

Manchester, Augarten/Hakoah

dérive Nr. 8 (02/2002)

Sampler: Trznica Arizona, Dresden, Ottakring,

Tokio, Antwerpen, Graffiti

dérive Nr. 9 (03/2002)

Schwerpunkt in Kooperation mit dem

Tanzquartier Wien: Wien umgehen

dérive Nr. 10 (04/2002)

Schwerpunkt: Produkt Wohnen

dérive Nr. 11 (01/2003)

Schwerpunkt: Adressierung

dérive Nr. 12 (02/2003)

Schwerpunkt: Angst

dérive Nr. 13 (03/2003)

Sampler: Nikepark, Mumbai,

Radfahren, Belfast

dérive Nr. 14 (04/2003)

Schwerpunkt: Temporäre Nutzungen

dérive Nr. 15 (01/2004)

Schwerpunkt: Frauenöffentlichkeiten

dérive Nr. 16 (02/2004)

Sampler: Frankfurt am Arsch, Ghetto Realness,

Hier entsteht, (Un)Sicherheit, Reverse Imagineering,

Ein Ort des Gegen

dérive Nr. 17 (03/2004)

Schwerpunkt: Stadterneuerung

dérive Nr. 18 (01/2005)

Sampler: Elektronische Stadt, Erdgeschoßzonen,

Kathmandu, Architektur in Bratislava

dérive Nr. 19 (02/2005)

Schwerpunkt: Wiederaufbau des Wiederaufbaus

dérive Nr. 20 (03/2005)

Schwerpunkt: Candidates and Hosts

dérive Nr. 21/22 (01-02/2006)

Schwerpunkt: Urbane Räume – öffentliche Kunst

dérive Nr. 23 (03/2006)

Schwerpunkt: Visuelle Identität

dérive Nr. 24 (04/2006)

Schwerpunkt: Sicherheit: Ideologie und Ware

dérive Nr. 25 (05/2006)

Schwerpunkt: Stadt mobil

dérive Nr. 26 (01/2007)

Sampler: Stadtaußenpolitik, Sofia, Frank Lloyd Wright,

Banlieus, Kreative Milieus, Reflexionen der

phantastischen Stadt, Spatial Practices as a Blueprint

for Human Rights Violations

dérive Nr. 27 (02/2007)

Schwerpunkt: Stadt hören

dérive Nr. 28 (03/2007)

Sampler: Total Living Industry Tokyo, Neoliberale

Technokratie und Stadtpolitik, Planung in der

Stadtlandschaft, Entzivilisierung und Dämonisierung,

Stadt-Beschreibung, Die Unversöhnten

dérive Nr. 29 (04/2007)

Schwerpunkt: Transformation der Produktion

dérive Nr. 30 (01/2008)

Schwerpunkt: Cinematic Cities – Stadt im Film

dérive Nr. 31 (02/2008)

Schwerpunkt: Gouvernementalität

dérive Nr. 32 (03/2008)

Schwerpunkt: Die Stadt als Stadion

dérive Nr. 33 (04/2008)

Sampler: Quito, Identität und Kultur des Neuen

Kapitalismus, Pavillonprojekte, Hochschullehre,

Altern, Pliensauvorstadt, Istanbul, privater Städtebau,

Keller, James Ballard

dérive Nr. 34 (01/2009)

Schwerpunkt: Arbeit Leben

dérive Nr. 35 (02/2009)

Schwerpunkt: Stadt und Comic

dérive Nr. 36 (03/2009)

Schwerpunkt: Aufwertung

dérive Nr. 37 (04/2009)

Schwerpunkt: Urbanität durch Migration

dérive Nr. 38 (01/2010)

Schwerpunkt: Rekonstruktion

und Dekonstruktion

dérive Nr. 39 (02/2010)

Schwerpunkt: Kunst und urbane Entwicklung

dérive Nr. 40/41 (03+04/2010)

Schwerpunkt: Understanding Stadtforschung

dérive Nr. 42 (01/2011) Sampler

dérive Nr. 43 (02/2011) Sampler

dérive Nr. 44 (03/2011)

Schwerpunkt: Urban Nightscapes

dérive Nr. 45 (04/2011)

Schwerpunkt: Urbane Vergnügungen

dérive Nr. 46 (01/2012)

Das Modell Wiener Wohnbau

dérive Nr. 47 (02/2012)

Ex-Zentrische Normalität:

Zwischenstädtische Lebensräume

dérive Nr. 48 (03/2012)

Stadt Klima Wandel

dérive Nr. 49 (04/2012)

Stadt selber machen

dérive Nr. 50 (01/2013)

Schwerpunkt Straße

dérive Nr. 51 (02/2013)

Schwerpunkt: Verstädterung der Arten

dérive Nr. 52 (03/2013) Sampler

dérive Nr. 53 (04/2013)

Citopia Now

dérive Nr. 54 (01/2014)

Public Spaces. Resilience & Rhythm

dérive Nr. 55 (02/2014)

Scarcity: Austerity Urbanism

dérive Nr. 56 (03/2014)

Smart Cities

dérive Nr. 57 (04/2014)

Safe City

dérive Nr. 58 (01/2015)

Urbanes Labor Ruhr

dérive Nr. 59 (02/2015) Sampler

dérive Nr. 60 (03/2015)

Schwerpunkt: Henri Levebvre und das Recht aus Stadt

dérive Nr. 61 (04/2015)

Perspektiven eines kooperativen Urbanismus

dérive Nr. 62 (01/2016) Sampler

dérive Nr. 63 (02/2016)

Korridore der Mobilität

dérive Nr. 64 (03/2016)

Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung

dérive Nr. 65 (04/2016)

Housing the many Stadt der Vielen

dérive Nr. 66 (01/2017)

Judentum und Urbanität

dérive Nr. 67 (02/2017)

Nahrungsraum Stadt

dérive Nr. 68 (03/2017) Sampler

dérive Nr. 69 (04/2017) Demokratie

dérive Nr. 70 (01/2018) Detroit

dérive Nr. 71 (02/2018) Bidonvilles & Bretteldörfer

dérive Nr. 72 (03/2018) Warsaw

dérive Nr. 73 (04/2018) Nachbarschaft

dérive Nr. 74 (01/2019) Sampler

dérive Nr. 75 (02/2019) Sampler

dérive Nr. 76 (03/2019) Stadt – Land

dérive Nr. 77 (04/2019) Wohnungsfrage

dérive Nr. 78 (01/2020) Willkommen im Hotel

dérive Nr. 79 (02/2020) Protest


» Common Spaces,

Hybrid Places «

14.—18.10.20

save

the

date

Wien

www.urbanize.at

65


Das aktuelle Programm:

www.filmcasino.at

ENDLICH

WIEDER

KINO

STADT

STREIFEN

Architektur- & Stadtfilm-

Matinee von Cinema dérive

mit Filmgesprächen

13.09. Bikes vs. Cars

18.10. urbanize!

»Gemeingut Raum«

15.11. Planeta Petrila

13.12. Space Metropoliz

Sonntags 13 Uhr im Filmcasino

Margaretenstraße 78

1050 Wien

www.filmcasino.at

Park Fiction, © Margit Czenki


Impressum

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:

dérive – Verein für Stadtforschung

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth

ISSN 1608-8131

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz

Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung

von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden

Fragen. Besondere Berücksichtigung finden dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze.

Grundlegende Richtung

dérive – Zeitschrift für Stadtforschung versteht sich als

interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung.

Redaktion

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Tel.: +43 (01) 946 35 21

E-Mail: mail(at)derive.at

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dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von 17.30 bis 18 Uhr

in Wien live auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

Chefredaktion: Christoph Laimer

Schwerpunktredaktion: Christoph Laimer

Redaktion/Mitarbeit: Thomas Ballhausen, Andreas Fogarasi,

Elisabeth Haid, Barbara Holub, Michael Klein, Andre Krammer,

Silvester Kreil, Karin Lederer, Erik Meinharter, Sabina

Prudic-Hartl, Paul Rajakovics, Elke Rauth, Manfred Russo

Autor*innen, Interviewpartner*innen und Künstler*innen dieser Ausgabe:

Melissa Fernández Arrigoitia, Richard Bärnthaler, Ayona Datta, Frank

Eckardt, Mara Ferreri, Barbara Holub, Andre Krammer, Sigrid

Kroismayr, Christoph Laimer, Melissa García-Lamarca, Michele

Lancione, Florian Lorenz, Matthias Marschik, Erin McElroy, Andreas

Novy, Peter Payer, Leonhard Plank, Paul Rajakovics, Selma Selman,

Felix Stalder, Rainer Stummer, Ana Vilenica

Anzeigenleitung & Medienkooperationen:

Helga Kusolitsch, anzeigen(at)derive.at

Website: Artistic Bokeh, Simon Repp

Grafische Konzeption & Gestaltung:

Atelier Liska Wesle — Wien / Berlin

Lithografie: Branko Bily

Coverfoto: New York, 34th Street während des Lockdown; Paulo Silva

Hersteller: Resch Druck, 1150 Wien

Kontoverbindung

Empfänger: dérive — Verein für Stadtforschung

Bank: Hypo Oberösterreich

IBAN AT53 54000 0000 0418749, BIC OBLAAT2L

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Förder- und Institutionenabo: 50 Euro

Ausland jeweils plus 8 Euro Versandspesen

Abonnements laufen ein Jahr (vier Hefte). Bestellungen an:

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Wir danken für die Unterstützung:

Bundeskanzleramt – Kunstsektion,

MA 7 – Wissenschafts- und Forschungsförderung

Mitgliedschaften, Netzwerke:

Eurozine – Verein zur Vernetzung von Kulturmedien,

IG Kultur, INURA – International Network for Urban

Research and Action, Recht auf Stadt – Wien.

Die Veröffentlichung von Artikeln aus dérive ist nur mit

Genehmigung des Herausgebers gestattet.

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dérive N o 80 — PANDEMIE


»Covid-19 demaskiert

die neoliberale Be hauptung,

es gäbe nur eine

Ökonomie, nur einen

großen, globalen Markt,

als das, was sie wirklich

ist: Eine Illusion.«

Richard Bärnthaler, Sigrid Kroismayr, Andreas Novy,

Leonhard Plank und Alexandra Strickner, S. 06

Covid-19, Lockdown, Flächengerechtigkeit, Alltagsökonomie,

Infrastruktur, Austeritätspolitik, Raumtheorie, Solidarität,

Segregation, Wohnen, Ciclovía, Donauwiese

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