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Leseprobe_Themessl

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Wo dein sanfter Flügel weilt

Schuberts letzte Symphonie


Sebastian Themessl

Wo dein sanfter

Flügel weilt

Schuberts letzte Symphonie

Ein musikgeschichtlicher Kriminalroman


Gedruckt mit freundlicher Unterstützung von:

ma 7 – Kulturabteilung der Stadt Wien

Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Kultur

Sebastian Themessl: Wo dein sanfter Flügel weilt – Schuberts letzte Symphonie

Ein musikgeschichtlicher Kriminalroman

Lektorat: Teresa Profanter

Umschlaggestaltung und Satz: Daniela Seiler

Coverbild: „Writing on the Wall III/IX“, anonym, Foto: Sebastian Themessl

Hergestellt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

© HOLLITZER Verlag, Wien 2020

www.hollitzer.at

ISbn 978-3-99012-806-0


Eine ungewöhnliche

Korrespondenz


Chevalier Jacques de Valette

134 Cour Delepine, 75011 Paris

St. Margarethen an der Raab, im November 2019

Verehrter Chevalier de Valette,

wie bei unserer letzten Zusammenkunft vereinbart,

übermittle ich Dir anbei jenes Manuskript, das mir von

Adam Mason im April 2015 aus Havanna zugesandt

wurde. Du kannst Dir meine Verwunderung vorstellen,

als ich mich darin als Romanfigur selbst wiederfand!

Und dies nicht gerade schmeichelhaft gezeichnet! Als

ich Deinen unsäglichen Vorgänger mit diesem – man

muss es als solchen bezeichnen – Skandal konfrontierte,

teilte er mir damals dazu lediglich mit, dass Mason

nach seiner Rückkehr nach New York sofort eliminiert

worden sei und keine weiteren Fassungen des Buches

existierten; darüber hinaus solle ich mich als Pensionist

gefälligst nicht in die Agenden seiner Abteilung einmischen!

Aber das ist völlig ausgeschlossen! Der Mann hat

nicht die geringste Ahnung von Musiktheorie. Es ist

von fundamentaler Bedeutung, dass eine reibungslose

Zusammenarbeit aller Abteilungen in jedem Moment

gewährleistet ist! Davon abgesehen halte ich es für eine

ungeheure Entgleisung, junge Menschen einfach über


den Haufen schießen zu lassen, wenn nicht musiktheoretisch

die absolute Notwendigkeit dazu besteht.

Da die Leitung der Abteilung nun Deiner geschätzten

Fürsorge übertragen wurde, ersuche ich Dich dringend

um Aufklärung, was in dem betreffenden Zeitraum tatsächlich

geschehen ist. Dieses Morden muss ein Ende

finden, das Unheil gehört an der Wurzel ausgemerzt!

Diese unglückselige Schubert-Symphonie!

Dein Franz-Egon


Adam Mason

The House of Denmark


Die Welt wird von ganz anderen Persönlichkeiten regiert,

als diejenigen glauben, die nicht hinter die Kulissen blicken.

Benjamin Disraeli

Britischer Premier-Minister (1874–1880)

Du darfst wählen, aber du zahlst dafür.

Aldous Huxley

„Brave New World“


Erster Teil: Wien


Eine verhängniSVolle

Entscheidung

In jenem Oktober zeigte sich New York in seinen buntesten

Farben. Die Tage waren mild und angenehm, und

jene bizarren Erscheinungen im Gefolge des sogenannten

„Crash“, welche die Stadt einige Jahre in Atem gehalten

hatten, waren vorüber. Eine gewisse Normalität

war zurückgekehrt, wenn auch die Normalität – sofern

von so etwas nach den Ereignissen im September 2001

überhaupt die Rede sein konnte – eine andere geworden

war. Neuerdings gab es Leute, die im Zucotti-Park ihre

Zelte aufschlugen und unter dem Namen Occupy Wall

Street von sich reden machten. Unter dem Motto „We

are the 99 percent!“ wollten sie wohl eine Art Revolte gegen

das internationale Kartellsystem des Großkapitals in

Gang setzen, und tatsächlich gelang es ihnen, einige Monate

lang ziemliches Aufsehen zu erregen. Aber die Sache

musste scheitern: zu zersplittert war die Bewegung

in sich, zu konfus die Forderungen nach Gerechtigkeit

und zu wenige Leute gab es in all diesen Diskussionen

auf den Straßen und im Internet, die mit den Grundlagen

der Problematik vertraut waren.

Philip Mason war nie ein großer Freund des big apple

gewesen und verbrachte seine freie Zeit lieber in dem

Landhaus in Stafford, New Jersey, das er von seinen

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Eltern geerbt hatte. In jenen Tagen jedoch schlenderte

er mit einer gewissen Schwermut die Straßen entlang.

Es hieß Abschied nehmen von Amerika, Abschied von

New York. Doch Abschied nehmen bedeutet zumeist,

dass sich die Dinge in einem anderen Licht zeigen. Menschen,

an denen man jahrelang schweigend vorübergegangen

ist, beginnen plötzlich zu sprechen. Das ist vielleicht

das Beste an den fare-wells, dachte Phil, das neue

Licht. Im Grunde kam ihm aber die bevorstehende Reise

recht entgegen. Was ließ er denn schon zurück? – Sein

Liebesleben war auf einem Tiefpunkt, New York war

seine Sache sowieso nicht und die Universität in Princeton

langweilte ihn zu Tode. Die Assistentenstelle am

musikwissenschaftlichen Institut überließ er gerne anderen:

Nachdem schon so vieles erforscht war, liefen die

neuesten Arbeiten letztlich darauf hinaus, an welchem

Tag ein Schoenberg oder Glenn Miller welche Socken

angehabt hatte. Dazu hatte Phil doch nicht Musikwissenschaft

studiert.

Als sich eines Tages die Gelegenheit ergab, hatte er

sich daher für das neu angelegte Trans-Atlantic-Scholarship

beworben. Der Titel der geplanten Arbeit lautete:

„Mozart in Paris. Die Verbindungen zwischen der Amerikanischen

Unabhängigkeitserklärung 1776 und der

Wiener Klassik“. Das war natürlich nur halb im Ernst

gedacht. Phil war über das Thema so bewandert, dass

er eine Arbeit darüber innerhalb von zwei Monaten in

seinem Haus in Stafford hätte schreiben können. Aber

die Vergabekommission war überzeugt. Dass er Französisch

und Deutsch sprach, kam der Sache sehr entgegen,

und nun sandte man den jungen Mann also nach Europa.

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Hatte sich Phils Bewerbung ursprünglich auf die Sorbonne

in Paris bezogen, so lief es bei der Vergabe der

Stipendien indes darauf hinaus, dass nur die Universität

Wien in Frage kam.

Philip Mason kannte Wien ein wenig aus Kindheitstagen.

Seine Mutter, ursprünglich aus Schlesien, war

nach dem Krieg in München aufgewachsen, hatte Klavier

in Wien studiert und seinen Vater dort in den Siebzigerjahren

kennengelernt. Eine lukrative Stelle ließ die

Familie schließlich in die Vereinigten Staaten umziehen,

wo Phil und sein Bruder auf die Welt kamen. Doch Mutter

flog regelmäßig nach Europa und nahm von Zeit zu

Zeit die Kinder auf ihre ausgedehnten Reisen mit.

Als Phil nun im Zug von Manhattan zum J. F. Kennedy

Airport saß, dachte er gern an diese längst vergangenen

Kindheitstage zurück. Jene Reisen schienen dem

jungen Mann heute wie eine Erinnerung ans Paradies.

Weltgewandt und elegant war seine Mutter durch die

Alte Welt geflattert – oder besser: geschwebt. Die großen

Hotels von Paris, Rom und Wien, die Opernhäuser

in Mailand, Venedig oder London schienen wie für

sie gemacht, waren für sie eine Form von Heimat. Die

schillernden Stars der Musikwelt jener Zeit, ein Luciano

Pavarotti, ein José Carreras oder ein Leonard Bernstein

hatten den Rang von Hausfreunden, die nur gerade wie

zufällig auf der Bühne standen und dort mit Leichtigkeit

das Unwahrscheinlichste und zugleich Selbstverständlichste

der Welt vollbrachten: den Zauber der Auflösung

von Raum und Zeit.

Doch wie sehr war die Wirklichkeit andere Wege gegangen,

dachte Phil nun. Seinen Eltern waren im Senegal

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tödlich verunglückt, und mit dem Tod seiner Mutter

schien ihm nun auch die farbenprächtige Welt der Oper

seit langer Zeit gestorben zu sein; hatten die südeuropäischen

Länder und ihre Kultur der „Oper als das Leben

und das Leben als Schauspiel“ doch schon vor zweihundert

Jahren den Anschluss an die rasanten Entwicklungen

der nördlichen Länder verpasst. Mit den Weltkriegen

wurden die Machtverhältnisse zementiert, und mit

dem Niedergang Russlands 1991 war weit mehr verbunden,

als sich denken lässt. In diesem Oktober 2011, als

Philip Mason das Flugzeug nach Wien bestieg, waren

in Amerika kaum noch Menschen denkbar, die gewusst

hätten, was es hieß, dass die Welt als Bühne möglich

war, dass es diese Welt gegeben hatte und dass sie eine

freiere und sogar komfortablere Welt war als jene der

sogenannten freien Demokraten Amerikas, denn sie war

eine, die sprichwörtlich „nicht von dieser Welt“ war.

Hatten die USA den Planeten mit ihrem Geld scheinbar

endgültig und für alle Zeiten besiegt, so war der Preis

indes hoch, denn diese Welt der Verwandlung hatte das

Land verloren. Spätestens als Phil die Sicherheitsvorkehrungen

am Flughafen über sich ergehen ließ, kam es ihm

wieder schmerzlich zu Bewusstsein: Aus dem Land der

Freiheit war ein paranoides Gefängnis geworden.

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Ankunft in Wien

Die Maschine der Air France landete mit einiger Verspätung

in Wien. Als Philip Mason sein Mobiltelefon

am Flughafen aktivierte, hatte er bereits drei verpasste

Anrufe einer Wiener Nummer. Seine künftige Vermieterin

hatte ihm jedes Mal eine Nachricht hinterlassen

und gefragt, wo er denn bleibe. Sie habe übrigens kein

Handy, hatte sie hinzugefügt, nicht ohne darauf hinzuweisen,

dass sie so etwas auch auf keinen Fall wolle. Sie

müsse abends aber ins Konzert, weshalb er bis spätestens

fünf Uhr in der Wohnung erwartet würde.

Tatsächlich war das Treffen für drei Uhr vereinbart

gewesen, und nun war er es fast vier. Phil entschloss

sich, ein Taxi in die Stadt zu nehmen, und gab dem Fahrer

die Adresse im siebten Bezirk.

Der Kontrast zu Manhattan konnte größer kaum sein.

Die prächtigen Häuser des Stadtteils stammten großteils

aus der sogenannten „Gründerzeit“, als die Stadt Wien

noch lange vor dem Ersten Weltkrieg einen regelrechten

Bauboom erlebt hatte. Zwischen diesen Häusern standen

ältere und wesentlich niedrigere Gebäude, die im

17. und 18. Jahrhundert noch als „Häuser am Land“ bezeichnet

wurden. Vor so einem Barock-Häuschen ließ

der Fahrer Phil nun aussteigen.

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Er klingelte beim Namen seiner Vermieterin – Witting

– und arbeitete sich dann durch eine dunkle Wendeltreppe

die zwei Stockwerke hinauf bis zur Wohnung.

Und da stand sie jetzt auch, die alte Dame, und hielt ihm

die Tür auf.

– Na, da sind S’ ja endlich, der Herr; nur herein, herein

mit ihm.

– Guten Tag, mein Name ist Mason, Philip Mason,

ich …

– Ja, ja, ist schon gut, der Herr, ich weiß ja, wer Sie

sind. Und mich nennen S’ einfach Tante Sophie. Glauben

S’, ich würd’ da irgendwen in Miete nehmen, von

dem ich nix wüsst’? Sie sind der Sohn von der Frau Marianne

Dornbach, eine fesche Pianistin war das. Mein

Gott, was für ein Unglück, der Unfall. Aber! Jetzt legen

S’ einmal Ihren Mantel ab und trinken S’ einen Kaffee

mit mir. Ich muss dann nur gleich in den Musikverein,

der Wallisch gibt ein Konzert mit Schubert!

Phil war ziemlich überrascht, den Namen seiner Mutter

zu hören.

– Dornbach, aber woher kennen Sie …?

Sie ließ ihn nicht ausreden. Während sie sich in der

uralten Küche zu schaffen machte, holte sie weit aus.

– Mein junger Freund, die Welt ist klein. Ihr in Amerika

glaubts’ immer noch, ihr habts’ das Radl neu erfunden.

Wenn ihr nur ein bisschen zurückschauen würdets’,

dann wäre eure Politik vielleicht auch vernünftiger.

Weil dann wüsste der Herr Präsident, dass seine Großeltern

aus Schlesien, Galizien und Mähren kommen …

Tante Sophie zwinkerte ihm zu.

– Und der Urgroßvater is’ a behmischer Jud’ …!

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Phil war etwas verwirrt.

– Ahm, Madame, unser Präsident ist der … erste

afro-amerikanische …

Sophie blickte ihn mitleidig an und brachte ihn mit

einer Geste zum Schweigen.

– Junger Mann, Sie müssen noch sehr viel lernen. –

Aber! Wissen Sie, Wiener Schmäh und solche Sachen …

mein Großvater war auch ein böhmischer Jud’, umgebracht

haben ihn die Nazis, wie die Mutter auch, da war

der Vater zum Glück schon tot. Aber jetzt lassen wir das!

Sie stellte Phil eine Tasse Kaffee auf den Tisch, dazu

eine Süßspeise, die er nicht kannte.

– Nehmen S’ nur! Buchteln! Frisch gemacht für den

besonderen Tag. Wissen Sie, Ihre Frau Mutter hat ja in

Wien studiert, seinerzeit, und da hab’ ich sie gut gekannt.

Das war Ende der Sechziger. In jedes Konzert

sind wir gegangen, sonst haben wir ja nichts gehabt damals.

Und wenn dann der Karajan dirigiert hat, das war

ein G’stritt um die Karten … Aber! Tempi passati! Na,

jetzt erzählen S’ einmal, wie war Ihre Reise?

Phil brachte nur ein paar Sätze zustande und kämpfte

noch mit seiner deutschen Aussprache. Sicherheitsvorkehrungen,

Gewehre, eine unerlaubte Zigarette auf einer

Toilette am Pariser Flughafen … und Tante Sophie

übernahm wieder das Gespräch.

– Ja, das Reisen heute ist ein Tschach. Wenn Sie früher

mit dem Nachtzug nach Rom gefahren sind, sind S’

wie ein König behandelt worden. Wie ein König! Gutes

Abendessen, frischer Kaffee und feine Brioches zum

Frühstück. Heute werden S’ verladen wie Schlachtvieh,

alles abgeriegelt wegen den Räubern. In den Siebzigern

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in ich nach Afrika gefahren, ohne einen Knopf in der

Tasche – und nicht ein Mal hätt’ ich mich gefürchtet!

Phil verstand nicht.

– Knopf?

– Ja, Knopf; also Geld, mein ich. Das Leben ist eine Frage

der Courage, junger Mann, und nicht eine vom Geld,

verstehen Sie? Ein bissl Chuzpe gehört freilich auch dazu.

– Chu…?

– Na, powidl.

Tante Sophie lachte und machte sich nun einen kleinen

Spaß daraus, den jugendlichen Gast mit Wienerischen

Ausdrücken zu verwirren. Sie zeigte ihm sein

geräumiges Zimmer im gegenüberliegenden Flügel der

Wohnung, übergab ihm seine Schlüssel und hastete dann

eilends aus dem Haus und ins Konzert.

– Stellen Sie sich vor: Der Wallisch spielt Schubert!

Phil war müde und ließ sich auf einem der mächtigen

Fauteuils nieder. Ein hübscher Wirbelwind, die alte

Dame, dachte er und musterte den ungewöhnlichen

Raum, der nun für ein Jahr sein Zuhause werden sollte.

An den hohen Wänden hingen zahlreiche Bilder, teils

alte Niederländer, teils wildromantische Jagd- und Wandermotive.

Die Mitte dominierte eine düster-monumentale

Golgota-Darstellung, die aber den Raum nicht

unangenehm beherrschte. Das Biedermeier-Ensemble

davor aus Sofa, Tisch, Stühlen und Luster gab der Szene

einen theatralischen Anstrich. Erst jetzt bemerkte Phil

eine Flasche Wein, ein Glas, Aschenbecher und die Tageszeitung

am Tisch. Auf einer winzigen Karte war zu

lesen: „Willkommen!“

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Er öffnete eines der Fenster, die zur Straße hinausgingen,

und beobachtete das belebte Treiben auf der Gasse.

Von Westen her tauchten die letzten Sonnenstrahlen

die Konturen in leuchtendes Gold, und auf der anderen

Seite bemerkte er das Schild eines Gasthauses: „Zum

linden Wirt“.

Auf seinem Bett fand Phil Handtücher und Toiletteartikel

und daneben lagen zwei Eintrittskarten für die

Oper: 12. Oktober 2011 – Don Giovanni von W. A.

Mozart – Beginn: 19.00 Uhr.

Die Alte lässt nichts anbrennen, dachte Phil, und

machte sich auf die Suche nach dem Bad.

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