Sternenhimmel über Dolphin Bay

helena.sanfort

Zwei Jahre meines Lebens waren eine einzige Lüge

Die 29-jährige Brianna O'Leary trennt sich von ihrem langjährigen Freund, nachdem sie herausfindet, dass er sie von Anfang an belogen hat. Enttäuscht und ohne Job kehrt sie aus Dublin zurück in ihr Heimatdorf an der irischen Westküste. Dort hilft sie übergangsweise als Barkeeperin im Pub ihres Vaters aus.

Der erfolgreiche Architekt Cameron McKay ist nach einer gescheiterten Beziehung desillusioniert. Er wirft kurz entschlossen sein altes Leben in Kanada über Bord und wandert nach Irland ins idyllische Dolphin Bay aus.

Obwohl zwischen Brianna und Cameron von Anfang an eine starke Anziehung herrscht, stehen ihnen immer wieder Missverständnisse im Weg. Als die beiden endlich einen Weg zueinanderfinden und sich aufeinander einlassen, zerbricht die Harmonie zwischen ihnen bereits nach kurzer Zeit.

Die Verletzungen aus der Vergangenheit haben bei Cameron tiefe Spuren hinterlassen. Er macht einen unüberlegten, fatalen Fehler, der die Beziehung auf eine harte Probe stellt. Cameron erkennt: Manchmal muss man sich seinen Dämonen stellen und um sein Glück kämpfen. Aber ist Brianna bereit, ihm zu verzeihen? Seine härteste Prüfung steht im noch bevor.


1. Strikte Bettruhe

Cameron McKay stand Schweiß auf der Stirn. Er fühlte

sich seit Tagen schlapp, heute war ihm außerdem

schwindelig, alle Knochen taten ihm weh und ein

rasselnder Laut entrang sich beim Luftholen seiner

Brust.

»Cam, du gehörst ins Bett. Geh nach Hause und kurier

dich endlich aus. Wenn du deine Bazillen weiterhin so

großzügig verteilst, liegt bald die ganze Mannschaft

flach.«

Declan Lynch blickte seinen Boss besorgt an, der sich an

einem Pfosten auf der Baustelle abstützte, während er

von einem nicht enden wollenden Hustenanfall

geschüttelt wurde.

»Ich kann mich jetzt nicht ins Bett legen. Der ...«

Weiter kam er nicht, da er wieder husten musste.

Declan streckte fordernd die Hand aus. »Gib mir

deinen Autoschlüssel, ich bringe dich sofort zum Arzt.

Widerrede zwecklos.« Er nahm Cameron den Schlüssel

aus den zitternden Fingern und bugsierte seinen Chef auf

den Beifahrersitz.

Während der Fahrt hustete Cameron fast

ununterbrochen und bekam kaum Luft. Daher entschied

Declan, umgehend zur Notfallambulanz des

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Krankenhauses von Dolphin Bay zu fahren. Er stellte

den Wagen vor dem Eingang ab.

»Warte hier, ich hole einen Rollstuhl.«

Cameron war mittlerweile zu schlapp, um zu

protestieren. Er hustete sich erneut die Lunge aus dem

Leib und röchelte. Declan betrat das Gebäude, wo er

geradewegs Dr. Kennedy in die Arme lief.

»Hallo Margaret, ich habe Cameron im Wagen. Ihm

geht es seit Längerem nicht gut, aber heute macht er mir

richtig Sorgen. Was er sich da eingefangen hat, ist

definitiv keine normale Erkältung. Ihm fällt das Atmen

schwer und er hört gar nicht mehr auf zu husten.«

Die Ärztin ging mit schnellen Schritten zum Auto.

Declan folgte ihr und schob den Rollstuhl, der immer am

Eingang bereitstand, vor sich her. Margaret fühlte kurz

Camerons Stirn.

»Hast du Brustschmerzen beim Einatmen?«,

erkundige sie sich und erhielt ein Nicken als Antwort.

Zusammen mit den rasselnden Atemgeräuschen und dem

starken Husten war Margarets Diagnose rasch klar.

»Das klingt nach einer ordentlichen

Lungenentzündung. Wir bringen dich erst einmal rein,

dann mache ich ein paar Tests, um sicherzugehen.«

Declan half dabei, Cameron aus dem Auto in den

Rollstuhl zu befördern, und folgte Margaret in das

Behandlungszimmer.

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»Ich warte draußen, bis du mit der Untersuchung

fertig bist«, sagte Declan und setzte sich auf einen der

Besucherstühle im Gang. Eine knappe Viertelstunde

später kam Margaret zu ihm.

»Cameron hat mich von der Schweigepflicht

entbunden. Meine Vermutung hat sich bestätigt. Er hat

eine schwere Lungenentzündung, allem Anschein nach

von einer verschleppten Erkältung. Ich halte es für

notwendig, dass er einige Tage zur Beobachtung

hierbleibt. Er ist dehydriert, hat hohes Fieber und braucht

strikte Bettruhe. In den nächsten vier Wochen muss er

sich insgesamt schonen, aber er will nicht hören. Sagt,

ihr habt zu viel zu tun. Bringst du dem sturen Patienten

bitte Vernunft bei? Gegen seinen Willen kann ich ihn

nicht hierbehalten, aber wenn er das nicht richtig

auskuriert, droht im schlimmsten Fall akutes

Lungenversagen. Es ist kurz vor zwölf.«

Declan hatte die Hand bereits auf der Türklinke.

»Kann man sich eigentlich anstecken? Es wäre

ungünstig, wenn ich auch noch ausfalle.«

»Theoretisch ja, die Keime übertragen sich schnell,

aber die wenigsten Menschen infizieren sich am Ende

damit. Du bist nicht erkältet oder hattest kürzlich einen

Infekt?«

Declan schüttelte den Kopf.

»Dann besteht kein Grund zur Sorge.«

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»Gut, ich blase ihm jetzt derart den Marsch, dass er

einverstanden sein wird. Mach ein Bett für ihn fertig.«

Mit den Worten verschwand Declan im

Untersuchungszimmer.

»Ich habe gehört, du möchtest dir lieber die

Radieschen von unten ansehen, anstatt dich um deine

Gesundheit zu kümmern?«

Cameron warf Declan einen grimmigen Blick zu.

»Du weißt genau, was im Moment los ist. Ich brauche

einfach nur etwas Schlaf und morgen bin ich wieder fit.«

»Ja klar, das ist genauso wahrscheinlich, als dass mir

gleich kleine Elfen aus dem Hintern fliegen. Du bleibst

so lange wie nötig hier und kurierst dich aus. Ich fahre

gleich ins Büro, rufe von dort deine Mutter an, damit sie

dir Sachen bringt, und dann sehe ich nach, was bei dir in

den nächsten Tagen ansteht.«

Er hob abwehrend die Hände und hinderte Cameron

mit dieser Geste daran, erneut zu protestieren. »Ich weiß,

dass du dir Sorgen machst, aber ich werde den Laden

schon irgendwie schmeißen. Lass das mein Problem

sein. Gib mir dein Passwort für den PC, damit ich vollen

Zugriff auf deinen Kalender habe.«

Die Antwort war Cameron erkennbar unangenehm.

»Brianna«, sagte er leise und sah seinen Bauingenieur

dabei nicht an.

Declan hob eine Augenbraue, verkniff sich jedoch die

Bemerkung, die ihm dazu auf der Zunge lag. Stattdessen

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sagte er: »Hör auf, dir Gedanken zu machen, wir kriegen

das hin. Ich melde mich morgen wieder bei dir. Gute

Besserung.« Er klopfte Cameron zum Abschied auf die

Schulter.

***

Declan parkte vor einem gelb gestrichenen,

zweistöckigen Haus, das direkt gegenüber des Fischereiund

Jachthafens von Dolphin Bay lag. Über dem

Eingang hing ein auffälliges Schild: Architekturbüro

Cameron McKay – Partner für energieeffizientes und

kostengünstiges Bauen.

Declan betrat das Büro, startete den PC, und drückte

eine Kurzwahltaste auf dem Telefon. Bereits nach dem

zweiten Klingeln wurde abgenommen.

»Welche Ausrede hast du heute, um wieder zu spät

zum Essen zu kommen?«, rief eine weibliche Stimme

lachend in den Hörer.

»Claire, hier ist Declan.«

»Oh, hallo. Mit dir hatte ich unter der Nummer nicht

gerechnet. Alles in Ordnung?«, fragte Camerons Mutter

alarmiert.

Declan räusperte sich und erklärte ihr in knappen

Worten, was passiert war.

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Claire sog scharf die Luft ein. »Danke, dass du dich

um meinen Sohn gekümmert hast. Wir kommen sofort

zu dir.«

Keine fünfzehn Minuten später betrat Claire

zusammen mit ihrem zweiten Ehemann, dem

Psychologen Dr. Alex Fraser, das Büro. Die beiden

machten besorgte Gesichter und ließen sich alles

nochmals genau von Declan erzählen.

»Ich gehe nach oben und suche zusammen, was Cam

braucht. Bin gleich zurück.«

Claire verschwand durch eine Tür und die Holzstufen

der Treppe knarzten bei jedem Schritt, als sie in den

ersten Stock zu Camerons Wohnung hochstieg. Declan

hatte in der Zwischenzeit am Schreibtisch Platz

genommen, fuhr sich immer wieder durch die Haare und

starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den

Bildschirm. Alex geschultem Blick entging nicht, dass

Declan außerordentlich gestresst war. Daher setzte er

sich zu ihm.

»Viel zu tun?«

»Das kannst du laut sagen. Ich werde übernehmen,

was geht und einiges lässt sich nach hinten verschieben,

aber sieh selbst.« Er drehte den Monitor in Alex'

Richtung, damit der einen besseren Blick auf den

Kalender hatte. »Alles was ich farbig markiert habe, ist

immens wichtig, aber ich kann diese Termine nicht

wahrnehmen, weil sie sich mit meinen überschneiden.

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Besonders der mit der Country House Gruppe hat

oberste Priorität. Da hängt viel dran.«

»Davon hat Cam erzählt. Das könnte eine Riesensache

werden, wenn die Präsentation erfolgreich ist.«

»Ja, aber da bin ich raus. An dem Tag ist Bauabnahme

für den Anbau des Blasket Islands Besucherzentrums,

und wenn wir den Termin nicht einhalten, zahlen wir

eine Vertragsstrafe im fünfstelligen Bereich. Die

Präsentation mit Country House lässt sich nicht

verschieben. Die haben mir soeben am Telefon klipp und

klar gesagt, entweder wir erscheinen zum bestätigten

Termin, oder das war es.«

Alex rieb sich nachdenklich übers Kinn.

»Ich habe vielleicht die Lösung für dein Dilemma.

Darum kümmere ich mich, sobald ich meine Frau an der

Klinik abgesetzt habe.«

Wie aufs Stichwort erschien Claire mit einer

gepackten Tasche.

»Können wir los?«

Alex stand sofort auf und wandte sich Declan

nochmals zu, während Claire bereits zum Auto ging.

»Ich melde mich später und sage dir, ob es mit meiner

Idee geklappt hat.«

»Super, ruf mich auf dem Handy an. Ich muss gleich

los zum nächsten Termin.«

Alex nickte und verließ das Büro. Auf dem kurzen

Weg zum Krankenhaus fragte er seine Frau: »Ist es in

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Ordnung, wenn ich dich absetze und noch etwas

erledige? Es sollte nicht allzu lange dauern. Ich komme

schnellstens nach.«

»Sicher, was hast du denn vor?«

»Declan ist besorgt, weil er die Arbeit nicht allein

schafft. Ich fahre rüber zu Brianna und frage, ob sie

aushilft, bis Cam wieder auf den Beinen ist.«

»Das ist eine brillante Idee. Was habe ich doch für

einen klugen Mann geheiratet.«

Alex lächelte und gab seiner Frau einen Kuss, bevor

sie aus dem Wagen stieg und er zurück ins Dorfzentrum

fuhr.

***

Brianna O‘Leary war Diplom-Ingenieurin und nach dem

Abschluss ihres Architekturstudiums am Dublin Institute

of Technology wieder zurück in ihr Heimatdorf Dolphin

Bay gezogen. Sie suchte händeringend nach einer Stelle

als Architektin, hatte sich auf offene Stellen im ganzen

Land beworben, aber bisher kein Glück gehabt. Daher

half sie momentan bei ihrem Vater aus, dem das "Old

Dublin", ein über die Halbinsel hinaus bekannter Pub,

gehörte. Alex betrat den Schankraum und sah Brianna

hinter der Theke Gläser polieren. Sie hatte immer ein

Auge auf die Tür und lächelte ihn sofort an.

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»Hallo schöner Mann, sind nach so kurzer Ehe bereits

Wolken am Horizont aufgetaucht oder brauchte Claire

einfach mal Zeit für sich?«

Entgegen seiner sonst üblichen Art blickte Alex ernst

drein und gab ihr keinen flotten Spruch zurück. Sie

runzelte die Stirn, unterbrach ihre Tätigkeit und kam um

die Theke herum auf ihn zu.

»Was ist los?«

»Kleines, ich könnte deine Hilfe gebrauchen.«

»Ist etwas mit Claire?«

Alex schüttelte den Kopf. »Nein, aber mit Cam.«

»Was ist mit ihm?« Brianna verkrampfte ihre Hände

ineinander.

»Er ist heute auf einer Baustelle zusammengeklappt

und liegt mit einer schweren Lungenentzündung im

Krankenhaus. Margaret meinte, es war kurz vor zwölf.

Gut das Declan dabei war und schnell reagiert hat.«

Briannas smaragdgrüne Augen weiteten sich besorgt,

obwohl das Verhältnis zwischen Cameron und ihr

momentan nicht das Beste war. Sie mochte ihn, sie

mochte ihn sogar mehr, als gut für sie war. Zwischen

ihnen hatte es über Wochen einen heißen Flirt gegeben,

von dem sie sich mehr erhofft hatte. Cameron war seit

langem der erste Mann, der sie ernsthaft interessierte.

Zufällig erfuhr sie, dass er eine Freundin hatte, die er ihr

gegenüber jedoch nie erwähnte. Schließlich war er dreist

genug gewesen, sie um ein Date zu bitten. In dieser

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Situation tat sie das einzig Richtige: Sie ließ ihn eiskalt

abblitzen und hielt ihn seitdem auf Abstand. Trotzdem

ging er ihr nicht aus dem Kopf.

»Was kann ich tun?«, erkundigte sich Brianna.

»Declan schafft es nicht, alle Termine von Cam zu

übernehmen, und es stehen ein paar extrem wichtige

Dinge an. Ich hatte gehofft, dass du einspringen kannst,

damit Cams Arbeit nicht den Bach runter geht. Er wird

garantiert vier Wochen ausfallen.«

Brianna musste nicht lange überlegen. Natürlich

würde sie aushelfen, egal wie die Dinge augenblicklich

zwischen Cameron und ihr standen. In Dolphin Bay war

man immer füreinander da.

»Ihr könnt auf mich zählen. Hoffentlich kriege ich das

auf die Reihe. Immerhin habe ich bisher nicht

selbstständig als Architektin gearbeitet«, gab sie zu

bedenken.

»Kleines, zerbrich dir darüber bitte nicht deinen Kopf.

Schlimmstenfalls müsste ich einspringen. Da bliebe mir

vermutlich nur, die Gesprächspartner zu hypnotisieren

und erst nach Camerons Genesung wieder ins Hier und

Jetzt zurückzuholen, denn ich tauge schon nichts als

Heimwerker. Einen Auftritt als Architekt würde man mir

eindeutig nicht abkaufen, da helfen nur unlautere

Mittel.«

Er grinste Brianna mit seinem jungenhaften Lächeln

an und zwinkerte ihr zu.

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»Wir wollen doch nicht, dass du deine ethischen

Grundsätze über Bord wirfst, Herr Doktor«, lachte sie.

»Ich habe in zehn Minuten Feierabend und kann mir

gerne heute schon einen Überblick verschaffen.«

***

Im Büro angekommen löste Alex den Hausschlüssel von

seinem Schlüsselbund und reichte ihn Brianna.

»Damit kommst du jederzeit rein. Declan hat alle

Termine, die er nicht wahrnehmen kann, im Kalender

gekennzeichnet. Am besten sprichst du dich mit ihm ab.

Die Handynummer liegt auf dem Schreibtisch.«

»Das mache ich.«

»Sag bitte ehrlich, wenn du feststellst, dass du die

Arbeit zusätzlich zu deinen Schichten im Pub nicht

schaffst. Dann sehe ich mich nach einer anderen Lösung

um.«

Brianna winkte mit einer Handbewegung ab. »Ach, da

mache ich mir keine Sorgen. Wir haben im Moment

genügend zuverlässige Aushilfen, außerdem möchte Lyle

mehr arbeiten. Seit Baby Nummer zwei da ist, freut er

sich über jeden zusätzlichen Euro. Er wird sicher gerne

weitere Dienste übernehmen.«

»Du wirst natürlich für deinen Einsatz bezahlt. Darum

kümmere ich mich.«

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»Alex, das ist nicht nötig. Ich helfe gerne und ich

freue mich ehrlich gesagt auf die Abwechselung. So

langsam habe ich das Bierzapfen satt. Wenn Cameron

zufrieden mit meiner Arbeit ist, kann er mir die Zeit

vielleicht als Praktikum bescheinigen. Das wäre prima

für meine weiteren Bewerbungen.«

Ȇber die Bezahlung wird nicht diskutiert, du rettest

uns hier schließlich den Allerwertesten. Und das mit

dem Praktikum ist sicher kein Problem.« Alex gab

Brianna eine freundschaftliche Umarmung. »Danke

Kleines, du bist fantastisch. Ich mache mich auf ins

Krankenhaus und melde mich morgen bei dir.«

Nachdem Alex gegangen war, sah sich Brianna

neugierig in Camerons penibel aufgeräumten Büro um.

Sie fand neben der Kaffeeküche einen Raum mit

Büromaterial, in dem es ebenfalls kein Durcheinander

gab. Die Schränke waren akkurat mit Informationen zum

Inhalt beschriftet. Brianna hatte ebenfalls einen

ausgeprägten Ordnungssinn, der ihr Umfeld

üblicherweise in den Wahnsinn trieb. Dass Cameron

offenbar genau wie sie tickte, brachte sie zum

Schmunzeln.

Sie ließ sich nach der Erkundungstour an dem

Schreibtisch nieder, den Alex ihr als Camerons

Arbeitsplatz gezeigt hatte. Sie startete den PC und

bemerkte eine Haftnotiz am Monitor, auf der ihr Name

stand. Verwundert legte sie die Stirn in Falten. Dann

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begriff sie, dass es sich um das Passwort handelte. Nicht

besonders sicher, dachte sie, während sie es eintippte.

Warum er wohl ihren Namen verwendet hatte? Brianna

war kein unüblicher Name, vielleicht hieß seine

Freundin genau wie sie. Das musste gar nichts mit ihr zu

tun haben. Bevor sie sich Tagträumen über Cameron

hingeben konnte, riss sie sich zusammen und öffnete den

Kalender.

Staunend überflog Brianna die Einträge. Sie hatte

einen derart vollen Terminplan nicht erwartet. Sie hatte

vermutet, dass Cameron als einziger Architekt auf der

Halbinsel gut überleben konnte, aber diese Auftragslage

war für sie überraschend. Wie schaffte er das bloß alles?

Brianna wurde von Sekunde zu Sekunde klarer, dass sie

mit ein paar Stunden zusätzlicher Arbeit in der Woche,

wovon sie eigentlich ausgegangen war, nicht

auskommen würde. Brianna erreichte Declan zwischen

zwei Terminen auf dem Handy und sie gingen im

Schnellverfahren die Termine durch. Er nannte ihr den

wichtigsten Punkt auf der Agenda und Brianna

versprach, sich als Erstes darum zu kümmern.

Sie fand schließlich den Eintrag: "Country House

Gruppe, Präsentation, River Lee Hotel, Cork". Sie hatte

von der Ausschreibung gehört, die dem Gewinner ein

hohes Ansehen in der Branche bescheren würde. Die

Country House Gruppe beschritt mit diesem Projekt

außergewöhnliche Wege. Statt neue Hotels und

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Ferienhäuser zu bauen, sollten seit langem leer stehende

Gebäude instand gesetzt werden. Ökologischer,

nachhaltiger Tourismus war der Gedanke dahinter.

Zunächst würde das Vorhaben in Irland und Schottland

umgesetzt und sollte bei Erfolg europaweit ausgebaut

werden. Brianna wusste auch, dass sich die

Ausschreibung eher an größere Architekturbüros

richtete, die sich hauptsächlich mit Projekten im

Tourismussektor beschäftigten. Sie war ehrlich erstaunt,

dass Cameron es überhaupt in die Präsentationsrunde

geschafft hatte.

Sie stand auf und ging hinüber zur Wand, um sich die

ausgedruckten Zeichnungen für das Projekt anzusehen,

die dort hingen. Interessiert studierte Brianna die

konzeptionellen Ideen. Cameron war gut. Er war sogar

besser als gut. Seine Entwürfe erzählten eine Geschichte,

sie sprachen die Sinne an und damit würde er garantiert

Eindruck machen. Im PC fand sie schließlich die bereits

vorbereitete Präsentationsmappe mit sämtlichen Folien,

3D-Modellen und die eingereichten

Bewerbungsunterlagen. Sie ging Seite für Seite durch,

bis sie bei den Referenzen auf einen Namen stieß, bei

dem ihr die Kinnlade herunterfiel. Cameron hatte für

Robert L. Henderson gearbeitet. Den Robert L.

Henderson, einen der zehn bedeutendsten Architekten

der heutigen Zeit. Für diesen Mann arbeiten zu dürfen,

kam einem Ritterschlag gleich.

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Brianna entdeckte, dass Cameron

alleinverantwortlicher Architekt für das Flaggschiff der

FullTide 5-Sterne-Hotels in Vancouver gewesen war.

Dafür hatte man ihn sogar für den internationalen

Innovationspreis nominiert. Kein Wunder, dass sein

Konzept großartig war. Was zur Hölle machte Cameron

hier, auf einer Halbinsel am westlichsten Ende von

Irland in einem Fischerdorf mit knapp fünfhundert

Einwohnern, statt in der großen weiten Welt bedeutende

Bauwerke zu erschaffen? Sie würde alles geben, für ein

derart renommiertes Architekturbüro arbeiten zu dürfen.

Selbst ein Praktikum wäre ein Traum. Brianna lenkte

ihre Gedanken zurück auf die Arbeit. Sie musste sich

schnellstmöglich in die Präsentation einarbeiten, da der

Termin bereits in vier Tagen anstand. Das würde eine

lange Nacht werden.

***

Alex betrat leise das Krankenzimmer. Claire saß am Bett

ihres Sohnes und hielt seine Hand. Mit einem Lächeln

blickte sie zu ihrem Mann hoch. »Er schläft.«

»Hast du mit einem Arzt sprechen können?«, fragte

Alex und küsste seine Frau auf den Scheitel.

»Ja, Margaret war hier. Sie meinte, in zwei bis drei

Tagen sollte sich erkennbarer Erfolg einstellen. Cam

bekommt Antibiotika und fiebersenkende Medikamente.

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Wie du siehst, haben sie ihn außerdem an den Tropf

gehängt, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen.«

»Margaret wird alles Menschenmögliche für ihn tun.

Mach dir nicht zu viele Sorgen.«

»Hattest du bei Brianna Erfolg?«

»Ja, sie springt ein und ist sofort mit ins Büro

gekommen. Ich bin mir sicher, dass Camerons Arbeit bei

ihr in den besten Händen ist.«

»Wunderbar, Brianna ist ein echter Schatz. Jetzt kann

Cam in Ruhe gesund werden, ohne sich ständig Sorgen

zu machen.«

»Hast du Nic informiert?«, erkundigte sich Alex.

Nicholas McKay war Camerons Vater und Claires

Ex-Mann, der mit seiner zweiten Frau ebenfalls in

Dolphin Bay lebte. Claire und Nicholas hatten trotz der

Scheidung ein freundschaftliches, harmonisches

Verhältnis.

»Nein, er und Sarah sind doch seit vorgestern mit dem

Expeditionsschiff in der Arktis unterwegs. Ich möchte

den beiden nicht ihren Urlaub verderben und rufe an,

sobald sie in Neufundland ankommen. Nic kann im

Moment hier ohnehin nichts tun.«

»Du hast vermutlich recht, allerdings kann ich mir

vorstellen, dass Nic das anders sieht.«

»Oh, er wird sauer sein. Aber das ist nicht das erste

Mal, dass er auf mich böse ist. Wird sicher auch nicht

das letzte Mal sein. Ich würde ihn sofort informieren,

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wenn Margaret mich nicht beruhigt hätte. Cams Fieber

ist sogar schon etwas gesunken. Ich mache mir trotzdem

Sorgen, dass er nicht richtig atmen kann. Er klingt

furchtbar.«

»Möchtest du heute Nacht bei ihm in der Klinik

bleiben?«

Claire war wieder einmal verblüfft, wie treffsicher

Alex ihre Gefühlslage einschätzte und genau das

Richtige vorschlug.

»Würde das gehen? Es ist vermutlich albern,

schließlich ist Cam mittlerweile zweiunddreißig Jahre

alt.«

»Das ist gar nicht albern. Ich kümmere mich darum,

dass du ein Bett bekommst. Wenn du möchtest, bleibe

ich auch hier.«

»Das ist nicht nötig, fahr ruhig heim. Wenn etwas sein

sollte, rufe ich dich an.« Claire stand auf, legte die Arme

um Alex und kuschelte sich für einen Moment fest an

seine Brust. »Habe ich heute schon erwähnt, wie

wunderbar du bist?«, sagte sie leise und hob ihren Kopf,

um ihm einen Kuss auf die Lippen zu hauchen.

»Mhm, aber es schadet nicht, die Worte noch einmal

zu hören«, lächelte Alex und vertiefte den Kuss, bevor er

sich von seiner Frau löste.

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