Koproduktion Urbaner Resilienz

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-641-0

Michael Ziehl

KOPRODUKTION URBANER RESILIENZ

Das Gängeviertel in Hamburg als Reallabor für eine

zukunftsfähige Stadtentwicklung mittels Kooperation

von Zivilgesellschaft, Politik und Verwaltung


Abbildung 1: Das Gängeviertel in der Hamburger Innenstadt, 2019.


INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung ................................................................................................... 8

1.1 Aufbau der Arbeit ............................................................................................... 13

2 Die Koproduktion Urbaner Resilienz als Teil einer

zukunftsfähigen Stadtentwicklung ........................................................... 16

2.1 Urbane Resilienz und nachhaltige Transformation von Städten ....................... 17

2.2 Beiträge von Bürger*innenorganisationen zur Resilienz von Städten ..............27

2.2.1 Redunanz und Modularität ............................................................................... 29

2.2.2 Diversität ...........................................................................................................31

2.2.3 Vernetzung ....................................................................................................... 32

2.2.4 Mehrfunktionalität ........................................................................................... 34

2.2.5 Innovation ......................................................................................................... 35

2.2.6 Selbstorganisation ............................................................................................37

2.3 Kooperationen zur Koproduktion Urbaner Resilienz im Rahmen

von Governance-Netzwerken ........................................................................... 39

2.3.1 Sechs-Ebenen-Transformation zur Stärkung der

Koproduktion Urbaner Resilienz ....................................................................... 46

2.4 Koproduktion Urbaner Resilienz als kooperative Entwicklung

von Stadträumen .............................................................................................. 49

2.4.1 Raumtheoretische Analysegrundlagen ............................................................. 51

3 Transdisziplinäre Realexperimente und das Reallabor Gängeviertel ........ 56

3.1 Reallabore und Realexperimente zum Erforschen Urbaner Resilienz ...............57

3.2 Das Gängeviertel als Reallabor ........................................................................ 62

3.2.1 Forschungsdesign ............................................................................................ 64

3.2.2 Erstes Realexperiment: Bausymposium .......................................................... 69

3.2.3 Zweites Realexperiment: Laborbericht .............................................................75

3.3 Reflexion der Realexperimente und künstlerischen Praktiken

im Reallabor Gängeviertel ................................................................................ 82

3.3.1 Aktiver und Forschender – die eigenen Rollen im Reallabor ............................ 86

3.3.2 Beiträge und Potenziale der Forschungsmethode zur

Koproduktion Urbaner Resilienz ....................................................................... 90

4 Koproduktion Urbaner Resilienz im Prozess der kooperativen

Entwicklung des Gängeviertels ................................................................ 94

4.1 Vorgeschichte und Hintergrund ....................................................................... 95

4.1.1 Politische und räumliche Entwicklungen in Hamburg

seit den 1980er Jahren .....................................................................................100


4.1.2 Ursachen für die Kooperation zur Sanierung und Entwicklung

des Gängeviertels ............................................................................................104

4.2 Erste Kooperationsphase: vom Rückkauf bis zur Kooperationsvereinbarung...108

4.2.1 Akteur*innen des Governance-Netzwerks .......................................................113

4.2.2 Koproduktion Urbaner Resilienz durch die Aneignung des Gängeviertels ...... 120

4.3 Zweite Kooperationsphase: von der Kooperationsvereinbarung

bis zum Planungsstopp ................................................................................... 130

4.3.1 Konflikte im Kooperationsprozess .................................................................. 133

4.3.2 Koproduktion Urbaner Resilienz während der Sanierung ................................ 139

4.4 Dritte Kooperationsphase: vom Planungsstopp bis zur Einigung ....................145

4.4.1 Maßnahmen zur Anpassung der Kooperation und Ursachen der Einigung ......151

4.4.2 Koproduktion Urbaner Resilienz während des Planungsstopps ...................... 159

4.5 Transformation in Sicht? Zur Koproduktion Urbaner Resilienz in Hamburg .... 162

5 Handlungsanregungen zur Koproduktion Urbaner Resilienz

durch die kooperative Entwicklung von Stadträumen .............................. 170

5.1 Vertrauen herstellen und bewahren ................................................................ 172

5.2 Entscheidungs- und Handlungsmacht ausgewogen aufteilen ....................... 173

5.3 Besitzrechte langfristig regeln ....................................................................... 174

5.4 Übergeordnete Koordinationsgremien schaffen ............................................. 175

5.5 Führungsstarke Vertreter*innen mandatieren ............................................... 176

5.6 Intermediäre und Expert*innen einbinden ...................................................... 177

5.7 Organisationsstrukturen anpassen ................................................................. 178

5.8 Mit Zeit und Geld Konflikten entgegenwirken ................................................. 179

5.9 Förderungen flexibel gestalten .......................................................................180

5.10 Ehrenamtlich Engagierte finanziell unterstützen ............................................181

5.11 Privilegien demokratisch legitimieren ............................................................ 182

5.12 Netzwerke nutzen und Öffentlichkeit einbeziehen ......................................... 183

5.13 Übergeordnete Ziele definieren .......................................................................184

5.14 Reallabore initiieren und Kooperationsmodelle entwickeln ........................... 186

6 Handlungsanregungen als Beitrag zu einer zukunftsfähigen

Stadtentwicklung .................................................................................... 188

Quellenverzeichnis ..........................................................................................194


1. EINLEITUNG

„Kooperation agierte während der

gesamten Evolutionsgeschichte

als die Architektin der Kreativität, die

immer neue Geschöpfe hervorbrachte,

von Einzellern über mehrzellige

Organismen und Ameisenhügel bis

hin zu den Menschen, die Dörfer

und Städte errichteten.“

(Nowak/Highfield 2013: 15)


Die Entwicklung von Städten wird weltweit zunehmend durch

ökologische, ökonomische und soziale Krisen beeinträchtigt.

Dazu zählen neben den Folgen des Klimawandels auch Folgen

von Finanzkrisen und wachsende soziale Disparitäten. Die Auswirkungen

der jüngsten globalen Krise, die durch das Virus SARS-

CoV-2 ausgelöst wurde, sind bei Veröffentlichung dieses Buches

noch nicht absehbar. Allerdings scheint die Krise eine zentrale

These dieser Publikation zu bestätigen: Für eine nachhaltige

Entwicklung ist eine grundlegende Transformation der Steuerung

sozio-ökologischer Systeme notwendig (vgl. Leopoldina

2020: 4ff.). Das gilt auch in Bezug auf die Stadtentwicklung, wie

ich in diesem Buch zeige. Dabei orientiere ich mich maßgeblich

an Konzepten der Urbanen Resilienz, denn diese haben in internationalen

Fachdebatten während der vergangenen Jahre stark

an Bedeutung gewonnen, wenn es darum geht, Städte nachhaltig

zu entwickeln und die Lebensqualität ihrer Bewohner*innen

zu verbessern.

Urbane Resilienz bedeutet, einfach ausgedrückt, dass Städte

schnell und ohne allzu große Störungen an innere und äußere

Krisen angepasst werden können. Um dies zu ermöglichen,

sollten urbane Teilsysteme auf lange Sicht so anpassungs- und

transformationsfähig gestaltet werden, dass sie notwendige

Veränderungen weitgehend aus sich selbst heraus bewältigen

können. Dass eine reine Anpassung an Krisen und ihre Folgen

nicht ausreicht, sondern auch grundlegende Transformationen

urbaner Teilsysteme notwendig sind, liegt daran, dass die Art

und Weise, wie Städte heute entwickelt werden, selbst maßgeblich

zu Störungen und Krisen beitragen kann. Insbesondere

das rasante Wachstum vieler Städte zerstört lokale Ökosysteme,

beschleunigt den globalen Klimawandel und verursacht soziale

Verdrängungsprozesse (vgl. WBGU 2016: 73ff., vgl. Kegler

2014: 28ff.). Vor diesem Hintergrund erfordert eine zukunftsfähige

Stadtentwicklung 1 , dass die Herstellung Urbaner Resilienz

an nachhaltige Transformationsprozesse gekoppelt wird. Deren

Ziel sollte es sein, dass die Entwicklung von Städten nicht länger

Krisen vorantreibt, die eine nachhaltige Entwicklung stören und

die Lebensqualität von Stadtbewohner*innen beeinträchtigen.

Um dies zu erreichen, sind aus Sicht der Resilienz-Forschung

unter anderem neue Akteur*innenkonstellationen notwendig,

sowie neue Formen der Zusammenarbeit und Wissensproduktion

(vgl. Folke 2016: 23, vgl. Beckmann 2013: 13). Aus meiner

1) Ich verwende die Bezeichnung

zukunftsfähige Stadtentwicklung

in Abgrenzung zum Leitbild einer

nachhaltigen Stadtentwicklung,

denn letztere wird in der Regel nicht

damit verbunden, der Abhängigkeit

urbaner Entwicklungen von

wirtschaftlichem Wachstumszwang

entgegenzuwirken. Im Gegenteil

versuchen Politiker*innen

parteiübergreifend Klima- und Umweltschutz

unter dem Schlagwort

„grünes Wachstum“ in wachstumsorientierte

Politikprogramme zu integrieren,

obwohl „der Wachstumszwang

des ökonomischen Systems

(…) als eine der Hauptursachen von

Klimawandel, Umweltzerstörung

und Ressourcenübernutzung gelten

[muss]“ (Loske 2015: 35) (siehe dazu

auch Eckardt/Brokow-Loga 2020).

9


2. DIE KOPRODUKTION

URBANER RESILIENZ

ALS TEIL EINER

ZUKUNFTSFÄHIGEN

STADTENTWICKLUNG

„Wenn die Veränderungsbereitschaft einer

Stadt oder Region gering ist und das System

inflexibel, kann die Krise ein Treiber auch

für drastische Veränderungen sein, die zuvor

nicht durchsetzbar gewesen wären.“

(Kopatz 2018: 285)


In diesem Kapitel lege ich die konzeptionellen und theoretischen

Grundlagen für die Analyse der Kooperation zur Entwicklung des

Gängeviertels und zur Interpretation der Untersuchungsergebnisse

dar. Zunächst erläutere ich anhand von Literatur aus der

Resilienz- und Nachhaltigkeitsforschung, inwiefern Urbane Resilienz

als planerisches und politisches Handlungskonzept geeignet

ist, um aktuellen Krisen im ökologischen, ökonomischen und

sozialen Bereich zu begegnen. Ergänzt um wachstumskritische

Texte vor allem aus der Humangeografie und Politikwissenschaft

leite ich eine Definition von zukunftsfähiger Stadtentwicklung ab,

die mir im Weiteren als argumentativer Bezugsrahmen dient. Im

nächsten Teil des Kapitels führe ich aus, wie Bürger*innenorganisationen

zur Urbanen Resilienz beitragen können und auf welchen

gesellschaftlichen Ebenen meines Erachtens eine Transformation

notwendig ist, um Resilienz-Beiträge von Bürger*innen

angesichts aktueller Krisen im ökologischen, ökonomischen und

sozialen Bereich angemessen in die Stadtentwicklungspraxis öffentlicher

und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen zu integrieren.

Dafür erweitere ich das Literaturspektrum dieser Arbeit um Texte

zu Governance und Planung. Am Ende des Kapitels erläutere ich

die theoretischen Grundlagen, mit denen ich im weiteren Verlauf

für den Fall des Gängeviertels darstelle, wie die Handlungsrationalitäten

der Beteiligten und die Machtbeziehungen zwischen

ihnen die Koproduktion Urbaner Resilienz als sozialen und physisch-materiellen

Prozess beeinflussen.

2.1 URBANE RESILIENZ UND

NACHHALTIGE TRANSFORMATION

VON STÄDTEN

Seit den 2000er Jahren gewinnt Resilienz als Begriff in vielen wissenschaftlichen

Disziplinen stark an Bedeutung, wie unzählige

Publikationen zeigen. Der ursprünglich aus der Psychologie stammende

Begriff ist heute in den Natur- und Sozialwissenschaften

vor allem im englischen Sprachraum weitverbreitet. Einen frühen

Anstoß zu seiner Popularität hat der Ökologe Crawford S. Holling

gegeben, indem er den Resilienz-Begriff auf Ökosysteme anwen-

17


Entwicklung auf lokaler und globaler Maßstabsebene. Um eine

solche Entwicklung zu ermöglichen, ist eine nachhaltige Transformation

wachstumsorientierter Stadtentwicklung notwendig –

einschließlich der Planungs- und Steuerungsstrukturen öffentlicher

Akteur*innen (vgl. McPhearson et al. 2017: 33ff., vgl. Kegler

2014: 59f.) (siehe Abbildung 3). Eine solche nachhaltige Transformation

bedeutet einen tief gehenden Wandel urbaner Systeme

und der Art und Weise, wie Städte derzeit entwickelt werden (vgl.

Opielka 2017: 72f., vgl. McCormick et al. 2013: 4). Das schließt aus

meiner Sicht mit ein, dass Politiker*innen und Planer*innen unabhängiger

von renditeorientierten Unternehmen und dem Kapital

von Investor*innen agieren können. Öffentliche Akteur*innen sind

dafür auf eine deutlich engere Zusammenarbeit mit Bürger*innen

angewiesen, als es derzeit üblich ist. Denn durch Kooperationen

von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen können

Städte unabhängiger von privatwirtschaftlichen Unternehmen

und dem Kapital von Investor*innen entwickelt werden, wenn es

gelingt, die Beiträge von Bürger*innen zur Resilienz und Nachhaltigkeit

von Städten zu stärken (vgl. Loske 2015: 30f.).

Wie Kooperationen zwischen öffentlichen und zivilgesellschaftlichen

Akteur*innen gestaltet sein sollten, damit sie gemeinsam

die Resilienz von Städten erhöhen können, steht im

Mittelpunkt dieser Arbeit. Um diese Frage mit Aspekten der Nachhaltigkeit,

der Wachstumsorientierung und des Gemeinwohls in

der Stadtentwicklung zu kontextualisieren, nutze ich das zuvor

dargestellte Verständnis einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung

als Bezugsrahmen. Den darin enthaltenen Implikationen für die

WACHSTUMS-

ORIENTIERTE

STADTENTWICKLUNG

NACHHALTIGE

TRANSFORMATION

KOPRODUKTION

URBANER RESILIENZ

ZUKUNFTSFÄHIGE

STADTENTWICKLUNG

NACHHALTIGE

ENTWICKLUNG

KOPRODUKTION

URBANER RESILIENZ

Abbildung 3: Schematische Darstellung einer nachhaltigen Transformation als Voraussetzung für eine

nachhaltige Entwicklung bei fortlaufender Koproduktion Urbaner Resilienz.

26


Stadtplanung und Stadtentwicklungspolitik gehe ich allerdings

nicht umfassend nach, denn die Beziehungen zwischen den Einzelaspekten

Nachhaltigkeit, Resilienz, Gemeinwohlorientierung,

Wachstumsüberwindung, Stadtplanung und -entwicklung sind

zu vielfältig und zu komplex, um sie im Rahmen dieser Arbeit in

vollem Umfang zu behandeln. Stattdessen habe ich die Fragestellung

auf die Koproduktion Urbaner Resilienz durch öffentliche

und zivilgesellschaftliche Akteur*innen eingegrenzt. Bevor ich in

Kapitel 2.3 genauer erläutere, was ich unter der Koproduktion Urbaner

Resilienz verstehe, zeige ich zunächst auf, wie zivilgesellschaftliche

Akteur*innen zur Urbanen Resilienz beitragen können.

Dabei nehme ich vor allem Bürger*innenorganisationen in den

Blick, denn sie eignen sich aufgrund ihres Organisationsgrades

im Vergleich zu losen Gruppen und Initiativen eher als strategische

Partnerinnen für Politik und Verwaltung, um zusammen eine

zukunftsfähige Stadtentwicklung umzusetzen.

2.2 BEITRÄGE VON

BÜRGER*INNENORGANISATIONEN

ZUR RESILIENZ VON STÄDTEN

In den vergangenen Jahren sind in der westlichen Welt viele Bürger*innenorganisationen

entstanden, deren Mitglieder durch ihre

Tätigkeiten eine nachhaltige Transformation von Städten unterstützen

und sie resilienter machen, indem sie die Anpassungsfähigkeit

urbaner Teilsysteme an soziale, ökonomische und ökologische

Krisen erhöhen (vgl. Frantzeskaki et al. 2016a: IV). Unter

Bürger*innenorganisationen verstehe ich Organisationen, die von

Stadtbewohner*innen gegründet wurden, um aktiv an der Entwicklung

von Städten mitwirken zu können – oder genauer: um

ihre Teilhabe an der Entwicklung von Städten selbst zu organisieren

und Teilhaberechte einzufordern, wenn es dafür notwendig

ist. Bürger*innenorganisationen im Bereich der Stadtentwicklung

können etwa Wohngruppen, Sozialunternehmen, Kultur- und

Bildungseinrichtungen, kleine Genossenschaften oder Urban-

Gardening-Vereine sein. Ihre Organisationsformen und Tätigkeitsbereiche

sind vielfältig und überlappen sich mitunter. Auch die

27


20) Viele Sozialwissenschaftler*innen

kritisieren am Resilienz-Begriff,

dass er aufgrund der positiven

Konnotation gemeinschaftlicher

Selbstorganisation von Politiker*innen

genutzt wird, um im Zuge

neoliberaler Politikprogramme den

Rückzug des Staates aus sozialen

Dienstleistungen zu rechtfertigen.

Dabei wird der Resilienz-Begriff

vielfach herangezogen, um die

Verantwortung zur Bewältigung von

Krisen und ihren Folgen verbal auf

Bürger*innen zu übertragen, da

diese in der Lage seien, sich selbst

zu helfen (vgl. Pratt 2015: 62, vgl.

Davoudi 2012: 305). Gleichzeitig wird

der Begriff von Wissenschaftler*innen

und Aktivist*innen auf selbstorganisierte

Gruppen angewendet, die

sich gegen neoliberale Politikprogramme

einsetzen, weil sie aus

ihrer Sicht einer sozial gerechteren

Gesellschaft entgegenstehen (vgl.

Kagan 2016, vgl. Petrescu et al.

2016, vgl. Exner 2013: o.S., vgl. Hopkins

2011: 15). Daran zeigt sich die

Unbestimmtheit des Resilienz-Begriffs

in öffentlichen und fachlichen

Diskursen über soziale Sicherungssysteme

und die Selbstorganisation

von Bürger*innen.

21) Commons sind Formen der

selbstorganisierten und gemeinschaftlichen

Produktion, Nutzung

und Verteilung von Ressourcen,

wobei keine marktwirtschaftlichen

und staatlichen Regulierungsmechanismen

angewendet werden. „In

ihrer emanzipatorischen Idealform

verwirklichen Commons die Überwindung

von Privateigentum, Knappheit,

Lohnarbeit, Wettbewerb und Markt.“

(Exner/Kratzwald 2012: 23)

Finanzkrise ab 2007 (vgl. Kopatz 2018: 331, vgl. Vaiou/Kalandides

2016: 63ff.). 20 Aber nicht nur bei akuten Störungen oder in Krisenzeiten

kann die Selbstorganisation von Bürger*innen die Resilienz

in einer Stadt erhöhen. Indem sie sich im Alltag selbst organisieren,

schaffen Bürger*innen Alternativen zu staatlichen und

privatwirtschaftlichen Organisationsstrukturen und können auf

dieser Grundlage ihre Selbstversorgung mit Gütern und Leistungen

weitgehend frei vom Markt und von staatlichen Institutionen

selbst regeln, etwa in Form von Commons 21 oder einer solidarischen

Ökonomie (vgl. Exner/Kratzwald 2012: 23ff.). Zum Beispiel

erzeugen selbstorganisierte Wohnprojekte in vielen Städten neuen

Wohnraum, den sie gemeinsam verwalten. Dabei schaffen

sie gemeinschaftliche Wohnformen, die sich vom bestehenden

Wohnraumangebot unterscheiden, und erhöhen so die Diversität

der Wohnraumversorgung in einer Stadt. Außerdem können sie zu

einer nachhaltigen Transformation von Städten beitragen, etwa

indem sie mit nachhaltigen Bauweisen experimentieren, Ressourcen

einsparen und den Flächenverbrauch reduzieren, wenn

sie Räume gemeinschaftlich nutzen (vgl. Görgen 2018: 131f., vgl.

Id22 2012: 16). Auch im Gängeviertel haben sich die Nutzer*innen

selbst organisiert. Die Aktiven betreiben das Gängeviertel weitgehend

gemeinschaftlich, arbeiten größtenteils ehrenamtlich und

organisieren sich in offenen und basisdemokratischen Strukturen

(Verein, Genossenschaft, Vollversammlungen etc.).

Des Weiteren ist die Selbstorganisation von Governance-Netzwerken

ein relevanter Faktor, damit urbane Teilsysteme anpassungsfähig

sind, wie ich im folgenden Kapitel ausführe. Darin erläutere

ich, inwiefern die vielfältigen Beiträge von Bürger*innen

zur Urbanen Resilienz und zu einer nachhaltigen Transformation

von Städten durch Kooperationen von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen

Akteur*innen im Rahmen von Governance-Netzwerken

gestärkt werden können. Dabei ziehe ich theoretische

und praxisbezogene Texte zu Resilienz, Governance, Planung und

Stadtentwicklungspolitik heran, um mit Blick auf eine zukunftsfähige

Stadtentwicklung auch auf Chancen und Probleme solcher

Netzwerke einzugehen.

38


2.3 KOOPERATIONEN ZUR

KOPRODUKTION URBANER

RESILIENZ IM RAHMEN VON

GOVERNANCE-NETZWERKEN

Meines Erachtens erfordert eine zukunftsfähige Stadtentwicklung,

dass die Beiträge von Bürger*innen zur Urbanen Resilienz

und zu einer nachhaltigen Transformation von Städten, wie sie

im vorherigen Kapitel exemplarisch dargestellt wurden, gestärkt

werden. Demnach müssen Politikbetrieb und Verwaltungsapparate

die Handlungsfähigkeit und Eigeninitiative von Bürger*innen

fördern, damit diese Ressourcen und soziales Kapital besser in

die Stadtentwicklung einbringen können (vgl. Hahne 2018: 50,

vgl. Petrescu et al. 2016: 720, vgl. Bovaird/Loeffler 2016: 160ff.).

Zentral ist dabei aus meiner Sicht die Koproduktion von Räumen

und Produkten (einschließlich materieller Güter und nicht materieller

Leistungen) durch öffentliche und zivilgesellschaftliche

Akteur*innen. Der Begriff Koproduktion wurde maßgeblich von

der Wirtschaftswissenschaftlerin und Nobelpreisträgerin Elinor

Ostrom geprägt. Er steht für Prozesse, in deren Verlauf Güter und

Leistungen durch Beiträge von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen

Akteur*innen unterschiedlicher Organisationen hergestellt

werden. Dieses Zusammenwirken erfordert laut Ostrom nicht unbedingt,

dass sich die Beteiligten auf gemeinsame Ziele verständigen

und untereinander abstimmen, es kann auch indirekt und

unkoordiniert erfolgen. In jedem Fall aber bringen die Beteiligten

eigene Ressourcen ein und kontrollieren Teilbereiche des Koproduktionsprozesses

weitgehend unabhängig voneinander (vgl.

Ostrom 1996: 1073ff.). Dementsprechend verstehe ich unter der

Koproduktion Urbaner Resilienz ein mehr oder weniger koordiniertes

Zusammenwirken von öffentlichen und zivilgesellschaftlichen

Akteur*innen, wodurch Räume und Produkte entstehen, die die

Resilienz von urbanen Teilsystemen erhöhen und zu einer nachhaltigen

Transformation von Städten beitragen.

Laut Klaus Selle, Planungstheoretiker und Professor für Raumund

Stadtplanung, sind Bürger*innen per se Koproduzent*innen

in der Stadtentwicklung, indem sie Räume in den Städten nutzen,

Güter und Leistungen produzieren und so die Entwicklung

39


50

schaften entwickelt, um Wechselwirkungen von sozialen und

physisch-materiellen Aspekten zu fassen. Einige davon beschäftigen

sich explizit mit urbanen Prozessen und weisen deutliche

Parallelen zum Verständnis von Städten in der Resilienz-Theorie

auf, wonach Städte aus anpassungs- und transformationsfähigen

Teilsystemen bestehen, die unter sozialen, ökologischen und

technischen Aspekten zu betrachten sind (vgl. Davoudi 2012: 304).

Solche Raumkonzepte eignen sich meines Erachtens in besonderem

Maße, um Handlungsanregungen für öffentliche und zivilgesellschaftliche

Akteur*innen zur Koproduktion Urbaner Resilienz

zu erarbeiten, denn Stadtentwicklung wird maßgeblich über die

Entwicklung von bestimmten Stadträumen organisiert, praktiziert

und imaginiert: Sowohl Bürger*innen wie auch Akteur*innen in

Verwaltung und Politik handeln und planen zumeist in Bezug auf

Quartiere, Entwicklungsgebiete, Innenstädte, Brachflächen etc.

(vgl. Levin-Keitel et al. 2018: 8). Aus dieser Sicht hängt die Koproduktion

Urbaner Resilienz vor allem von der kooperativen Entwicklung

von Räumen ab, die die Resilienz von Städten erhöhen.

Dazu müssen Stadträume entsprechend der Resilienz-Merkmale

so entwickelt werden, dass die Redundanz, Modularität, Diversität,

Vernetzung, Mehrfunktionalität, Innovation und Selbstorganisation

der sozio-ökologisch-technischen Teilsysteme von Städten

erhöht werden. Dabei ist zu beachten, dass sich in konkreten

Stadträumen bestimmte Teilsysteme überlagern oder verbinden

können (siehe Abbildung 5). Zum Beispiel wirken in einem Stadtquartier

das Verkehrssystem, der Gebäudebestand, die Energieversorgung

sowie das Wohnungssystem direkt zusammen. Deren

Wechselwirkungen können genutzt werden, um die Resilienz einer

Stadt zu erhöhen – etwa indem die Mitglieder einer Wohnungsgenossenschaft

beschließen (Selbstorganisation), ein BHKW zur

Energie- und Wärmeversorgung zu bauen (Modularität), dessen

überschüssiger Strom (Redundanz) zum Aufladen von Elektroautos

angeboten wird – so, wie es seitens der Aktiven für das

Gängeviertel angedacht ist. Abnehmer*in könnte im Fall des Gängeviertels

neben den Aktiven selbst unter anderem ein benachbartes

Schnellrestaurant sein, das mehrere Elektrofahrzeuge zur

Essensauslieferung betreibt. Die Stadtverwaltung müsste die entsprechenden

Genehmigungen erteilen sowie geeignete Stellplätze

einrichten, wo Elektroautos aufgeladen werden können.


STADTRAUM

SOZIO-ÖKOLOGISCH-

TECHNISCHE TEILSYSTEME

ÜBERLAGERUNGSPUNKTE

VON SETS

Abbildung 5: Schematische Darstellung von sozio-ökologisch-technischen Teilsystemen im Stadtraum.

2.4.1 RAUMTHEORETISCHE

ANALYSEGRUNDLAGEN

Angesichts der multiplen Krise und ihrer Folgen im ökologischen,

ökonomischen und sozialen Bereich eignen sich meines Erachtens

vor allem Raumkonzeptionen des historisch-geografischen Materialismus

als theoretische Grundlage, um Handlungsanregungen zur

Koproduktion Urbaner Resilienz im Rahmen einer zukunftsfähigen

Stadtentwicklung zu erarbeiten. Vertreter*innen des historisch-geografischen

Materialismus widmen sich insbesondere der Analyse urbaner

Entwicklungen im Kapitalismus und der damit verbundenen

51


3. TRANSDISZIPLINÄRE

REALEXPERIMENTE

UND DAS REALLABOR

GÄNGEVIERTEL

„Verändern werden sich unsere

Gesellschaften vor dem Hintergrund

ihres nicht-nachhaltigen Stoffwechsels

mit der außermenschlichen Natur

auf jeden Fall; die Frage ist nur,

ob by design or by disaster.“

(Sommer/Welzer 2014: 26)


In diesem Kapitel beschreibe und reflektiere ich das transdisziplinäre

Forschungsdesign meiner Arbeit. Ich zeige auf, wie ich das

Gängeviertel als Reallabor genutzt habe und welches Wissen ich

dadurch gewinnen konnte. Dabei gehe ich auch darauf ein, inwiefern

ich im Rahmen des Reallabors zur Anpassung der Kooperation

an Konflikte bei der Zusammenarbeit beitragen konnte. Weil

es sich bei Reallaboren um eine recht junge Forschungsmethode

handelt, erläutere ich sie eingangs anhand von Fachliteratur

zu transformativer und experimenteller Forschung in Bezug zur

Koproduktion Urbaner Resilienz. Besonderes Augenmerk liegt auf

den von mir umgesetzten transdisziplinären Realexperimenten

einschließlich der dabei angewendeten künstlerischen Praktiken,

denn diese sind von besonderer Bedeutung für das Forschungsdesign.

Außerdem reflektiere ich meine Rollen als Forschender

und Aktiver des Gängeviertels. Abschließend diskutiere ich, welche

Beiträge durch meine Arbeit im Reallabor Gängeviertel zur

Koproduktion Urbaner Resilienz geleistet werden konnten und

welche Potenziale die Methode meines Erachtens dafür über den

konkreten Fall des Gängeviertels hinaus bietet.

3.1 REALLABORE UND

REALEXPERIMENTE ZUM

ERFORSCHEN URBANER RESILIENZ

Wie Kooperationen zwischen zivilgesellschaftlichen und öffentlichen

Akteur*innen in der Stadtentwicklung gestaltet werden

müssen, um ihre Potenziale zur Koproduktion Urbaner Resilienz

zu nutzen, ist derzeit noch eine Forschungslücke (vgl. Petrescu

et al. 2016: 719). Zwar rücken soziale Aspekte und deren Einfluss

auf das Handeln von Akteur*innen in der Stadtentwicklung zunehmend

in den Fokus der Stadtforschung. Bei solchen Untersuchungen

interessiert die Forschenden allerdings eher die Frage,

welche gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Planungsund

Governance-Prozessen zu Konflikten führen, etwa im Fall von

des Protests gegen das Projekt „Stuttgart 21“ oder der „Recht auf

Stadt“-Initiativen in Hamburg – wozu auch das Gängeviertel zählt

(vgl. Othengrafen/Sondermann 2015: 7ff.). Wenig erforscht sind

57


31) Bereits vor dem Workshop

fand eine Online-Befragung der

Teilnehmenden statt. Moderiert

wurde der Workshop von Christoph

Hinske. Unter seiner Anleitung

wurde gemeinsam ein Behavior

over Time Graph (BoTG) erstellt.

BoTGs dienen zur Darstellung

von langfristigen Veränderungen

und einzelnen Ereignissen mit

Einfluss auf die Entwicklung eines

sozialen Systems. Dabei sollen die

Beteiligten erkennen, inwiefern

ihre Handlungen in Bezug auf das

Erreichen eines gemeinsamen

Ziels voneinander abhängen (vgl.

Spann/Ritchie-Dunham 2008). Die

Ergebnisse der Befragung und des

Workshops wurden vom Moderator

ausgewertet und sind in meine

Analyse des Kooperationsprozesses

mit eingeflossen.

bleme und Potenziale in Bezug auf die Sanierungsmaßnahmen

und die Bausubstanz informiert (siehe Abbildung 9). In der bereits

sanierten Fabrique fand ein moderierter Workshop statt, bei dem

die Teilnehmenden den bisherigen Kooperations- und Sanierungsverlauf

sowie mögliche zukünftige Entwicklungen gemeinsam

reflektierten („Werkstatt für gemeinsame Zukünfte“) (siehe

Abbildung 10). 31 Zuletzt fand im selben Gebäude eine öffentliche

Veranstaltung mit Vorträgen und einer Podiumsdiskussion statt

(siehe Abbildung 11). Eine ausführlichere Prozessbeschreibung

des Bausymposiums, der Workshop-Methode und ihrer Ergebnisse

findet sich im anschließend veröffentlichten „Laborbericht“

(siehe Kapitel 3.2.3).

Die drei Teile des Bausymposiums waren „inszeniert“ (Seel

2011: 353ff.) mit der Absicht, dass die Teilnehmer*innen einen

unmittelbaren Eindruck von den Selbstverwaltungspraktiken der

Nutzer*innen des Gängeviertels, der Ästhetik des Ortes und seiner

Geschichte bekommen. Des Weiteren sollte die Empathie der

Teilnehmenden und ihr Bezug zum Gängeviertel gefördert werden,

um unterschiedliche Wertvorstellungen, die sie daran knüpfen,

verhandeln zu können. So sollten gemeinsame Ziele für die

Abbildung 9: Rundgang im Rahmen des vierten Gängeviertel-Bausymposiums, 2016.

70


Abbildung 10: „Werkstatt für gemeinsame Zukünfte“ im Seminarraum des Gängeviertels, 2016.

Abbildung 11: Podiumsdiskussion zum Bausymposium im MOM Art Space im Gängeviertel, 2016.

71


76

Abbildung 12: Präsentation des Laborberichts in der HafenCity Universität Hamburg, 2017.


77


3.3.2 BEITRÄGE UND POTENZIALE

DER FORSCHUNGSMETHODE

ZUR KOPRODUKTION URBANER

RESILIENZ

Indem ich die beiden Realexperimente durchgeführt und im Rahmen

des Reallabors Zwischenergebnisse meiner Forschung in

den Kooperations- bzw. Verhandlungsprozess eingespeist habe,

wurde die Anpassung des Kooperationsverfahrens unterstützt.

Durch diese Anpassung haben die Beteiligten auf der Verfahrensebene

(2) eine Grundlage geschaffen, um die Resilienz-Beiträge

des Gängeviertels zu sichern und auszuweiten. Dazu zählt der von

mir angeregte Koordinierungskreis. Dieser erhöht das Potenzial

des Kooperationsverfahrens zur Koproduktion Urbaner Resilienz,

indem dadurch die Anpassung des Verfahrens an sich verändernde

Rahmenbedingungen und Konflikte dauerhaft erleichtert wird.

Dabei muss festgehalten werden, dass sich mehrere der Beteiligten

während meiner Forschung zwar für Urbane Resilienz als

Konzept zur Stadtentwicklung interessierten, es aber keine gemeinsame

Grundlage für ihr Handeln darstellte. Es ging ihnen

nicht darum, Hamburg resilienter zu machen. Dennoch stiegen

aus meiner Sicht durch die Anpassung des Verfahrens die Chancen,

dass es den Beteiligten gelingt, die Sanierung des Gängeviertels

unter Federführung der Stadt Hamburg und der steg als

Sanierungsträgerin bei gleichzeitiger Selbstverwaltung des Gängeviertels

durch die Genossenschaft umzusetzen. Wie ich bereits

dargestellt habe, ist dies aus meiner Sicht zentral, um die Koproduktion

Urbaner Resilienz durch die Stadt Hamburg und das Gängeviertels

zu verstetigen und zu intensivieren (siehe Kapitel 3.2).

Bei mir selbst hat im Zuge meiner Forschung auf subjektiver

Ebene (1) ein Bewusstseinswandel stattgefunden, in dessen Folge

ich mich von meiner Rolle als Aktivist des Gängeviertels gelöst

und verstärkt als Vermittler im Verhandlungsprozess eingebracht

habe. Vor allem aufseiten des Gängeviertels habe ich für

das Fortführen der Kooperation geworben, wenn sie so angepasst

wird, dass die Selbstverwaltung des Gängeviertels durch die Genossenschaft

langfristig gesichert wird. Dementsprechend habe

ich mich während des Forschungszeitraums auf struktureller

Ebene (3) in den Gremien des Gängeviertels für eine Ausrichtung

90


der Genossenschaft eingesetzt, die eine intensivere Kooperation

mit der Stadt Hamburg und die professionelle Selbstverwaltung

der sanierten Gebäude ermöglicht. Zu diesem Zweck wurde ein

Vorstandsmitglied der Genossenschaft fortgebildet und als Prokuristin

angestellt. Des Weiteren wurde eine externe Firma (P

99) mit der Mieter*innenverwaltung und Unterstützung bei der

Buchführung beauftragt. Diese Maßnahmen waren zwar seitens

der Genossenschaft schon vor dem Forschungszeitraum anvisiert

worden, aber sie waren unter den Aktiven des Gängeviertels

umstritten. Kritiker*innen sahen darin eine zu weitgehende

Professionalisierung, wodurch laufende Mehrkosten entstehen,

Wissenshierarchien gebildet und einzelne Personen besser gestellt

würden. Dennoch wurden in den folgenden Jahren auch

in anderen Bereichen bezahlte Stellen geschaffen. Das kann als

eine Anpassung der Strukturen des Gängeviertels verstanden

werden, mit der die Aktiven das Ziel verfolgen, ein höheres Maß

an Verlässlichkeit zu gewährleisten – auch gegenüber der Stadt

Hamburg und der steg. Die Stadt Hamburg dagegen setzte keine

Anpassungen auf struktureller Ebene (3) oder der Gesetzesebene

(4) in Bezug auf die Anforderungen des Gängeviertels um. Allerdings

initiierten Politiker*innen und Entscheidungsträger*innen

in den Verwaltungen mehrere Ausnahmeregelungen auf politischer

Ebene (5), um das Kooperationsverfahren an die Konflikte

anzupassen und eine Einigung mit dem Gängeviertel zu ermöglichen

(siehe Kapitel 4.4.1). Dementsprechend verstand die Stadt

Hamburg die Kooperation zur Sanierung des Gängeviertels insgesamt

als ein Ausnahmeverfahren und zeigte kein Interesse daran,

es als Grundlage für weitere Kooperationen mit Bürger*innenorganisationen

heranzuziehen. 39 Im Gegenteil fürchtete sie meines

Erachtens, einen Präzedenzfall zu schaffen, auf den sich weitere

Bürger*innenorganisationen beziehen könnten, um dieselben Regelungen

einzufordern. Die Aktiven dagegen verstanden das Gängeviertel

von Beginn an als ein Modellprojekt, um auch anderswo

die Vielfalt von Städten im sozialen und kulturellen Bereich zu fördern

und die Position von Bürger*innen in der Stadtentwicklung zu

stärken (vgl. VG 2010a: o.S.).

Nicht nur in Bezug auf das Gängeviertel liegt ein wesentliches

Potenzial von Reallaboren zur Koproduktion Urbaner Resilienz

meines Erachtens darin, dass Ausnahmeregelungen, die von öffentlichen

und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen ausgehandelt

wurden, genutzt werden, um neue Kooperationsverfahren zu

39) Mehrere Vertreter*innen der

Stadt Hamburg wiederholten diese

Aussage mir gegenüber in verschiedenen

Gesprächen. Der damals amtierende

Bürgermeister Olaf Scholz

machte seine ablehnende Haltung

gegenüber dem Gängeviertel auch

öffentlich deutlich (vgl. Scholz in

Iken et al.: 2017).

91


Abbildung 15: Gebäude im Gängeviertel an der Speckstraße mit der sanierten Fabrique (Bildmitte), 2018.

Abbildung 16: Die noch nicht sanierte Schierspassage im Gängeviertel, 2018.

96


Choleraepidemie zum öffentlichen Problem. Der Hamburger Senat

verfolgte daraufhin den allmählichen Abriss der Gängeviertel.

Damit begann eine Entwicklung, in deren Zuge diese Quartiere

über verschiedene Phasen des Stadtumbaus hinweg und durch

Kriegszerstörungen bis Mitte der 1960er Jahre fast vollständig

beseitigt wurden (vgl. Dahms/Rednak 2013: 201ff.). Die noch erhaltenen

Gebäude des heute als Gängeviertel bekannten Ensembles

wurden vom Ende der 1980er Jahre an schrittweise unter

Denkmalschutz gestellt. Parallel dazu suchte die Freie und Hansestadt

Hamburg (FHH) als Eigentümerin nach einem Weg, um

sie zu sanieren. Zu diesem Zweck entmietete sie die seit dem

Zweiten Weltkrieg stark vernachlässigten Gebäude. Dies führte

zu jahrelangem Leerstand und weitgehendem Verfall, da Bemühungen

zur Sanierung durch die FHH selbst wie auch durch einen

Projektentwickler an Finanzierungsproblemen scheiterten.

Schließlich verkaufte die Stadt Hamburg das Gängeviertel im Jahr

2008 an den meistbietenden Investor im Höchstgebotsverfahren:

das niederländische Unternehmen Hanzevast. Dessen Plan

sah vor, dass für rund 50 Millionen Euro Investitionsvolumen an

selber Stelle Wohnungen, Büros und Gewerbeflächen entstehen

Abbildung 17: Sanierte Gebäude im Gängeviertel an der Caffamacherreihe, 2018.

97


4.2 ERSTE KOOPERATIONSPHASE:

VOM RÜCKKAUF BIS ZUR

KOOPERATIONSVEREINBARUNG

46) Als einheitliche Bezeichnung für

BSW und BSU verwende ich im

Folgenden Stadtentwicklungsbehörde.

Als Einheitliche Bezeichnung

für BKSM und BKM verwende ich im

Folgenden Kulturbehörde.

Nachdem der Kaufvertrag mit Hanzevast Ende 2009 rückabgewickelt

war, übernahm die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt

(BSU, ab Juli 2015 Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen

– BSW) die Verhandlungen mit den Aktiven von der bis dahin

federführenden Behörde für Kultur, Sport und Medien (BKSM, ab

Oktober 2010 Behörde für Kultur und Medien – BKM). 46 Erstere beauftragte

nach Gesprächen mit den Aktiven über die Zukunft des

Gängeviertels die Stadterneuerungs- und Stadtentwicklungsgesellschaft

Hamburg (steg) mit der Entwicklung eines integrierten

Entwicklungskonzepts (IEK). Das Konzept wurde im September

2010 in Zusammenarbeit mit der FHH und den Aktiven fertiggestellt

und bildet seitdem die Grundlage für die Sanierung. Es sieht

vor, dass das Gängeviertel als Sanierungsgebiet nach Baugesetzbuch

(BauGB) festgelegt wird, um Fördermittel des Bundes in Anspruch

zu nehmen. Für ca. 19,4 Millionen Euro sollten die zwölf

Gebäude bis 2019 saniert und rund 7500 Quadratmeter Fläche für

verschiedene Nutzungen hergerichtet werden (siehe Abbildung 21).

Dabei sollten folgende Ziele erreicht werden (BSU 2010: 95ff.):

1. „Erhalt der historischen Bausubstanz“

2. „Schaffung von bezahlbarem Mietwohnraum“

3. „Schaffung von günstigen Gewerbeflächen und gewerblicher

Vielfalt im Viertel“

4. „Schaffung von günstigen Atelier- und Werkstattflächen für

Gängeviertel e.V. und andere“

5. „Durchführung einer effizienten Sanierung“

6. „Schaffung eines Zentrums für Kunst, Kultur und Soziales in

der ‚Fabrik‘ [sic!]“

7. „Übertragung eines Höchstmaßes an Eigenverantwortung und

Autonomie an Gängeviertel e.V. bei der Nutzung der gewerblichen

Flächen“

8. „Gestalterische Aufwertung der vorhandenen Freiflächen und

Erhöhung der Nutzbarkeit“

9. „Ausschöpfung aller Finanzierungsmöglichkeiten“

10. „Erhalt und langfristige Sicherung von preisgünstigen Wohnund

Gewerbeflächen“

108


Obwohl die Aktiven in die Erarbeitung des IEK eingebunden waren

und ihre Anliegen berücksichtigt wurden, blieb es im Gängeviertel

umstritten, weil keine verbindlichen Regelungen zur Beteiligung

im Sanierungsprozess und zur späteren Selbstverwaltung der sanierten

Gebäude festgeschrieben wurden. Beides waren allerdings

zentrale Anliegen der Aktiven. Dadurch wollten sie verhindern,

Valentinskamp

Durchgang

Durchgang

IV

IV IV V

V

V

V

III

V

Caffamacherreihe

I

III

IV

V

IV

IV

ÜBERWIEGEND WOHNEN

ÜBERWIEGEND GEWERBE

GEMEINBEDARF

UMGEBENDE BEBAUUNG

SANIERUNGSGEBIET

GRUNDSTÜCKSGRENZEN IM SANIERUNGSGEBIET

STOCKWERKE DER GEBÄUDE

Abbildung 21: Sanierungsgebiet Gängeviertel (Darstellung nach Bezirk Mitte 2019a).

109


118

ihren Einzelinteressen und Handlungsrationalitäten ressortübergreifend

aushandeln. Das teils widerstreitende Handeln der

Stadt Hamburg zeigte sich zum Beispiel an der Genehmigung

zur Nutzung der unsanierten Gebäude: Während die Stadtentwicklungsbehörde

bemüht war, deren weitgehende Nutzung für

kulturelle Zwecke zu ermöglichen, sperrte die Bauprüfabteilung

des Bezirksamts zwei der Gebäude aufgrund baulicher Mängel

(vgl. Gabriel et al. 2012: 94). Außerdem kostete es Zeit, dass

während der Regierungsbildung die Verwaltung aufgrund der

hierarchischen Strukturen nur eingeschränkt handlungsfähig war.

Seitens des Gängeviertels erforderten vor allem die weitgehend

offenen und selbstorganisierten Strukturen langwierige Entscheidungsprozesse.

Das galt insbesondere während der Anfangszeit

der Kooperation für die VV. Darin versammelten sich Menschen

mit sehr unterschiedlichen Meinungen, ohne dass klare Entscheidungsstrukturen

bestanden. Dies führte vor allem zu Beginn

der Kooperation zu weitgehend ungeregelten Aushandlungsprozessen,

wodurch die Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit

der Aktiven gegenüber der Stadt Hamburg vermindert wurde.

Darüber hinaus resultierte die Abstimmung von Beschlüssen der

VV und den offiziell gewählten Vorständen des Vereins und der

Genossenschaft wiederholt in Konflikten. Grund dafür waren vor

allem ungeklärte Verantwortlichkeiten bei der Umsetzung dieser

Beschlüsse, was die Zusammenarbeit innerhalb der Selbstorganisationsstrukturen

erschwerten (vgl. Kowalski/Weiß 2012: 124ff.).

Neben der Stadt Hamburg und dem Gängeviertel tragen im Governance-Netzwerk

mit der steg und dem Architekturbüro auch

privatwirtschaftliche Akteur*innen wichtige Funktionen. Der steg

kommt dabei trotz des separaten Architekturbüros eine Schlüsselfunktion

und zentrale Machtposition im Governance-Netzwerk

zu, weil sie viele entscheidende Aufgaben und Rollen übernimmt

(treuhändische Eigentümerin, Bauherrin, Verwaltung der Gebäude

und Grundstücke, Abrechnung der Kosten). Mit Blick auf die

Interdependenzen im Governance-Netzwerk wird allerdings deutlich,

dass die vorrangige Machtposition von der Stadt Hamburg

eingenommen wird. Sie beauftragt die steg, verfügt letztendlich

über das Eigentum am Gängeviertel, finanziert die Sanierung, erteilt

die Baugenehmigungen und gestaltet die Rahmenbedingungen

auf Landesebene, etwa zur Vergabe von Fördermitteln. Zwar

sind diese Aufgaben und Funktionen auf mehrere Behörden verteilt,

insgesamt bilden die beteiligten Behörden in Form der Stadt


Hamburg aber eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Deren

Machtposition im Governance-Netzwerk wird durch die Kooperationsvereinbarung

nicht eingegrenzt, obwohl darin vereinbart ist,

dass die Aktiven bei Entscheidungen einbezogen werden und die

Genossenschaft das Gängeviertel langfristig verwalten soll. Die

Vereinbarung sichert den Aktiven aber keinen Rechtsanspruch

zu und kann aufgekündigt werden. Insofern besteht auch keine

Augenhöhe zwischen den Kooperationspartner*innen im Sinne

eines ausgewogenen Machtverhältnisses. Zu dieser Analyse der

Interdependenzen im Governance-Netzwerk passt es, dass laut

einer internen Stellungsnahme der Stadt Hamburg die Umsetzung

der Kooperationsvereinbarung zum Großteil vom „gegenseitigen

Vertrauen“ (FHH 2011: 2) und dem „guten Willen“ (ebd.) der Beteiligten

abhängt.

Bevor ich auf den weiteren Verlauf der Kooperation eingehe,

stelle ich zunächst dar, inwiefern während der ersten Kooperationsphase

Urbane Resilienz von den Aktiven und der Stadt Hamburg

koproduziert wurde. Dafür nutze ich – wie auch für die zweite

und dritte Kooperationsphase (siehe Kapitel 4.3.2 und 4.4.2)

– verschiedene stadtplanerische Merkmale für die Resilienz von

sozio-ökologisch-technischen Teilsystemen wie Diversität, Vernetzung,

Selbstorganisation etc. (im Folgenden kursiv dargestellt).

Dabei beleuchte ich gemäß meinem Verständnis von einer

zukunftsfähigen Stadtentwicklung auch Nachhaltigkeitsaspekte,

denn Beiträge zur Nachhaltigkeit und zur Resilienz von Städten

hängen eng zusammen, wie ich in Kapitel 2 erläutere. Demnach

kann eine nachhaltige Transformation, bei der die derzeit dominierende

Wachstumsorientierung in der Stadtentwicklung überwunden

wird, maßgeblich dazu beitragen, dass Krisen und Störungen

unwahrscheinlicher werden, die derzeit Maßnahmen zur

Erhöhung der Resilienz von Städten erforderlich machen. Gleichzeitig

lässt sich durch solche Resilienz-Maßnahmen auch eine

nachhaltige Stadtentwicklung vorantreiben, wenn diese dementsprechend

konzipiert und umgesetzt werden (siehe Kapitel 2.1).

Aus Sicht der Resilienz-Theorie ist dabei vor allem der ökologische

Bereich relevant, weshalb ich insbesondere darauf eingehe

(vgl. Folke 2016: 1ff.).

119


50) In einem Vermerk vom

02.02.2015 argumentierte das

Referat für Rechtsfragen der

Städtebauförderung in der Stadtentwicklungsbehörde,

dass die

Finanzierung der Sanierung bereits

geregelt sei und daher kein Kapital

der Genossenschaft benötigt werde.

Demnach wäre es im Falle des

Gängeviertels zu einer unzulässigen

Koppelung der Vermietung

öffentlich geförderter Wohnungen

mit anderen von den Mieter*innen

zu erbringenden Leistungen gekommen.

Gemäß dieser Rechtsauslegung

hatten die steg und die

IfB bereits einen Modernisierungsvertrag

über Fördermittel für die

Sanierung des Gebäudes geschlossen,

allerdings ohne die Inhalte mit

dem Gängeviertel abzustimmen.

Der Vertrag wurde als Begründung

angeführt, um die von den Aktiven

geforderte Genossenschaftsbindung

abzulehnen, weshalb diese

sich hintergangen fühlten.

Eigentümerin war die steg zum Vermieten und Verwalten der Wohnungen

berechtigt und hatte sich aufgrund der schleppenden Verhandlungen

über die Selbstverwaltung bereits darauf eingestellt.

Die Unterzeichnung dieser Verträge war unter den Aktiven allerdings

äußerst umstritten, denn zur Finanzierung der Selbstverwaltung

war es für das Gängeviertel zentral, dass die Mieter*innen

auch Mitglieder in der Genossenschaft wurden und zur Bildung

von Eigenkapital beitrugen, indem sie anteilig pro Mietfläche Genossenschaftsanteile

zeichneten (vgl. VG 2015a). Laut dem damaligen

Standpunkt der Stadtentwicklungsbehörde war eine solche

durchaus übliche „Genossenschaftsanbindung“ im speziellen Fall

des Gängeviertels aufgrund von Förderrichtlinien der Stadt Hamburg

rechtlich nicht zulässig. 50 Bereits im Vorfeld waren Versuche

der Aktiven gescheitert, die Behörde durch ein Gespräch mit den

für das Gängeviertel zuständigen Senator*innen zum Einlenken

zu bewegen, da insbesondere die Stadtentwicklungssenatorin

zu einem solchen Gespräch nicht bereit war. Die Aktiven sperrten

daher im Februar 2015 die Baustellen im Gängeviertel, um ein

klärendes Gespräch mit politischen Vertreter*innen zu erwirken.

Abbildung 29: Protest der Aktiven anlässlich der Bauschildenthüllung des ersten Bauabschnitts, 2013.

132


Darin drohten sie, die Kooperation aufzukündigen, und einigten

sich mit der Stadt Hamburg auf einen vorläufigen Planungsstopp.

Dadurch wollten die Kooperationspartner*innen Zeit gewinnen,

um die aus Sicht der Aktiven drängendsten Probleme im Sanierungs-

und Kooperationsprozess zu lösen, bevor die Planungen

für weitere Bauabschnitte begannen. Um ihre Kritik am bisherigen

Sanierungs- und Kooperationsverfahren öffentlichkeitswirksam

zu unterstreichen, traten wenige Tage nach dem vereinbarten

Planungsstopp die drei Vertreter*innen des Gängeviertels vom

Vorstand des Sanierungsbeirats zurück (vgl. San.Beirat GV 2015: 2).

Im Folgenden gehe ich genauer auf die Konflikte in der zweiten

Kooperationsphase ein, denn wie sich aus der chronologischen

Betrachtung ergibt, drohte die Kooperation daran zu scheitern,

wodurch die damit verbundene Koproduktion Urbaner Resilienz

erheblich beeinträchtigt worden wäre (siehe Kapitel 4.3.2).

4.3.1 KONFLIKTE IM

KOOPERATIONSPROZESS

Die zweite Kooperationsphase war von Konflikten geprägt, die

sich zwei Problemkomplexen zuordnen lassen: die Sanierungsmaßnahmen

einschließlich der Entscheidungsfindung darüber

und die Selbstverwaltung der Gebäude durch das Gängeviertel

einschließlich der Konditionen dafür. Bezüglich des ersten Problemkomplexes

um die Sanierungsmaßnahmen führten vor allem

Veränderungen der Wohnungsgrundrisse, der Abriss historischer

Bauteile und die an den Gebäuden angebrachte Dämmung zu

Konflikten zwischen der steg, dem beauftragten Architektenbüro

(Plan-R) und dem Gängeviertel (siehe Abbildungen 30 bis

32). In diesem Zusammenhang kam es zu anhaltendem Streit

über Baukosten, bauphysikalische Notwendigkeiten und Fördervorschriften

zur energetischen Sanierung und für den öffentlich

geförderten Wohnungsbau. Die Aktiven forderten wiederholt, dass

Förderrichtlinien von der IfB so angepasst werden, dass sie ihren

Vorstellungen einer denkmalgerechten Sanierung entsprachen,

oder dass nach anderen Fördermöglichkeiten gesucht wird. Dagegen

war der steg vor allem an einem effizienten Einsatz der

vorhandenen Mittel und greifbaren Förderungen zur zügigen

133


Abbildung 30: Gedämmte Gebäuderückseite kurz vor Fertigstellung der

öffentlich geförderten Sanierungsarbeiten, 2015.

Umsetzung der Baumaßnahmen gelegen. Der leitende Architekt

konnte zwar viele Positionen der Aktiven nachvollziehen, zeigte

sich aber angesichts der bestehenden Fördervorschriften und des

Kostenrahmens, in dem er agieren musste, in den meisten Fällen

kompromissbereiter gegenüber der steg. In Bezug auf Maßnahmen

zur energetischen Sanierung befürwortete er von vornherein

die äußere Dämmung von Gebäudeteilen und vertrat damit

eine andere Position als das Gängeviertel (vgl. VG 2013b: 51ff.). Die

134


Abbildung 31: Leer geräumter Wohnraum kurz vor Beginn der Sanierung, 2013.

Abbildung 32: Öffentlich geförderter Wohnraum kurz nach Fertigstellung der Sanierungsarbeiten, 2015.

135


Abbildung 35: Carsten Brosda (Senator für Kultur und Medien), Dorothee Stapelfeldt (Senatorin für

Stadtentwicklung und Wohnen), Christine Ebeling (Pressesprecherin des Gängeviertels) und Till Haupt

(Vorstand Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG) (v.l.n.r.) bei der Pressekonferenz in der Fabrique im

Gängeviertel anlässlich des Senatsbeschlusses zum Erbbaurechtsvertrag, 2019.

55) Dementsprechend beauftragte

die steg im November 2019 das Büro

BWS (Bosse, Westphal, Schäffer). Es

wurde von der Baukommission des

Gängeviertels vorgeschlagen und

von den Kooperationspartner*innen

akzeptiert.

weil die neu ausgehandelten Maßnahmen die ursprünglichen Vereinbarungen

in diesen Dokumenten berührten oder erweiterten

(siehe Kapitel 4.4.1). Im Zuge dieser Abstimmungsprozesse wurde

auch der Planungsstopp einvernehmlich aufgehoben, sodass die

steg in Zusammenarbeit mit dem Gängeviertel mit der Planung

des nächsten Bauabschnittes beginnen konnte. Außerdem einigten

sich das Gängeviertel und die steg in Absprache mit dem Bezirksamt

Hamburg-Mitte darauf, dass ein anderes Architekturbüro

mit der Planung und Leitung des nächsten Sanierungsabschnittes

beauftragt werden sollte. 55 Im Folgenden stelle ich dar, worauf

sich die Kooperationspartner*innen im Wesentlichen verständigten

und welche Faktoren zur Einigung beigetragen haben.

150


4.4.1 MASSNAHMEN ZUR

ANPASSUNG DER KOOPERATION

UND URSACHEN DER EINIGUNG

Die von den Kooperationspartner*innen vereinbarten Maßnahmen

verstehe ich als eine Anpassung des Verfahrens an Konflikte im

Kooperationsprozess und veränderte Rahmenbedingungen, denn

sie haben damit Vereinbarungen über ihre Rechte und Pflichten

in Bezug auf die kooperative Entwicklung aktualisiert (Kooperationsvereinbarung

und IEK) sowie erweitert (Erbbaurechtsvertrag),

um die Kooperation produktiver fortführen zu können. Dafür verständigten

sie sich im Wesentlichen auf folgende Festlegungen

im Erbbaurechtsvertrag (vgl. FHH/GG 2019):

• Die FHH verpflichtet sich, weiterhin für die Kosten zur Sanierung

der noch nicht sanierten Gebäude aufzukommen und

diese von der steg sanieren zu lassen.

• Die Gängeviertel Genossenschaft übernimmt die Grundstücke

und Gebäude des Gängeviertels für 75 Jahre in Erbbaurecht.

Dieses beginnt für die bereits sanierten Gebäude schnellstmöglich

nach dem Vertragsabschluss. Noch zu sanierende

Gebäude kommen nach Abnahme der Baumaßnahmen durch

die steg und die Genossenschaft hinzu. Über eine Verlängerung

des Erbbaurechts sollen bereits nach 35 Jahren erneut

Gespräche geführt werden.

• Der Erbbauzins beträgt 2 Prozent auf den Bodenwert der

Grundstücke von rund 15,2 Millionen Euro laut Verkehrswertgutachten.

Wenn die Genossenschaft alle Grundstücke und

Gebäude übernommen hat, zahlt sie jährlich ca. 303.000 Euro

an die FHH. Sollte sich die finanzielle Situation der Genossenschaft

erheblich verbessern (z.B. durch Spenden oder zusätzliche

Einnahmen), kann der Erbbauzins erhöht werden.

• Die Gängeviertel Genossenschaft 2010 eG muss für die mit

dem Erbbaurecht verbundenen Steuern, Gebühren, Abgaben,

Entsorgungs- und Versicherungskosten aufkommen. Sie übernimmt

des Weiteren die Verkehrssicherungs- und die Instandhaltungspflicht

unter Achtung der Denkmalschutzauflagen.

Außerdem verpflichtet sie sich, die Gebäude rund 30 Jahre

nach Fertigstellung der Sanierung erneut zu sanieren und dafür

finanziell vorzusorgen.

151


66) Mehrere Vertreter*innen der

Stadt Hamburg trafen diese Aussage

bei verschiedenen Gesprächen,

an denen ich teilgenommen habe.

67) Aktuelle Veröffentlichungen der

FHH zeigen, dass Resilienz-Konzepte

bisher nur einen untergeordneten

Bezugspunkt für ihr Handeln

darstellen. Zum Beispiel kommt in

der Mitteilung des Senats an die

Bürgerschaft zur Umsetzung der

Nachhaltigkeitsziele der Vereinten

Nationen in Hamburg (FHH 2017b)

der Begriff Resilienz nicht vor,

obwohl er laut der UN dabei insbesondere

im Bereich der Stadtentwicklung

zentral ist. Zwar wird im

Hamburger Klimaplan Resilienz als

Konzept zur Anpassung der Stadt

an Folgen des Klimas thematisiert,

die Kooperation mit Bürger*innen

spielt dabei allerdings keine

wesentliche Rolle. Im Fokus stehen

stattdessen Kooperationen mit

privatwirtschaftlichen Akteur*innen

und technische Maßnahmen (vgl.

FHH 2019f, vgl. FHH 2015). Auch

Bürger*innenorgansiationen thematisieren

Urbane Resilienz bisher

kaum, wenn es um die Kooperation

mit der Stadt Hamburg geht, obwohl

dies aus meiner Sicht ein zentrales

Argument sein könnte, um mehr

Unterstützung durch die öffentliche

Hand bei der Selbstorganisation von

Bürger*innen einzufordern.

einmalige Ausnahme bleiben soll, da die Kosten und der Arbeitsaufwand

für die öffentliche Hand sehr hoch seien. 66 Aus meiner

Sicht ließe sich der Arbeitsaufwand für weitere Kooperationen allerdings

deutlich reduzieren und deren Kosten ließen sich besser

kalkulieren, wenn die langwierig ausgehandelte Einigung im Falle

des Gängeviertels als Grundlage genutzt wird.

Viele Bürger*innenorganisationen in Hamburg und die genannten

intermediären Organisationen haben während der vergangenen

Jahre zu einer Verschiebung auf diskursiver Ebene (6)

beigetragen, indem sie durch Öffentlichkeitsarbeit auf ihre Beiträge

für die Stadtentwicklung hingewiesen und durch konkrete

Projekte veranschaulicht haben, dass Bürger*innen Stadträume

selbstorganisiert mitgestalten möchten und können. Das gilt insbesondere

für mehrere Gruppen aus dem Hamburger „Recht auf

Stadt“-Netzwerk, wozu auch das Gängeviertel zählt, sowie die von

ihnen organisierten Proteste und Projekte (vgl. Rinn 2016: 257ff.,

vgl. Füllner/Templin 2011: 95f.). Parallel dazu sind mehrere Fachbücher

und -artikel erschienen, die die Selbstorganisation von

Bürger*innen und Kooperationen mit Politik und Verwaltung als

treibende Kraft für eine nachhaltige Stadtentwicklung thematisieren

(vgl. u.a. Ferguson/Make_Shift 2019, Gunßer 2018, Ferguson

2014, Rauterberg 2013a). Auch von mehreren, teilweise führenden

Medien in Deutschland wurde das Thema aufgegriffen (vgl.

u.a. Klöck 2018, Rauterberg 2013b). Ich werte dies als Anzeichen

für eine allmähliche Diskursverschiebung, die dazu führen kann,

dass Bürger*innen, Politiker*innen und Entscheidungsträger*innen

in den Verwaltungen auch auf subjektiver Ebene (1) der kooperativen

Entwicklung von Stadträumen eine zunehmende Bedeutung

zumessen, um Städte zukunftsfähig zu entwickeln. Im

Zuge dieser Verschiebungen auf den sechs Ebenen kann auch die

Koproduktion Urbaner Resilienz vorangetrieben werden, denn in

vielen Fällen wird Resilienz koproduziert, wenn öffentliche und

zivilgesellschaftliche Akteur*innen in der Stadtentwicklung kooperieren

(siehe Kapitel 2.3). Allerdings wird der Zusammenhang

zwischen solchen Kooperationen und Urbaner Resilienz bisher

von Bürger*innenorganisationen und der Stadt Hamburg kaum

thematisiert oder strategisch für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung

genutzt. 67

Seitens der Stadt Hamburg ist weiterhin das Leitbild der

„wachsenden Stadt“ dominant. Gemäß der Geschichte Hamburgs

zielen Politik und Planung primär auf „Wachstum und Beschäfti-

166


gung als Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand“ (FHH 2017b: 1).

Eine nachhaltige Transformation in der Stadtentwicklung, die sie

unabhängiger vom wirtschaftlichen Wachstum werden lässt, wird

demnach nicht angestrebt. Das zeigen auch aktuelle Äußerungen

führender Politiker*innen in Hamburg, die sich parteiübergreifend

positiv auf das Wachstum der Stadt beziehen (vgl. Tschentscher

in Drieschner/Widmann 2018, vgl. Kienscherf/Tjarks in Dey/Meyer

2018). Daher finden Instrumente und Konzepte einer nachhaltigen

Stadtentwicklung nur dann Anwendung in der Hamburger Stadtpolitik

und -planung, wenn sie in dieses Leitbild integriert werden

können (vgl. Loske 2015: 32ff., vgl. Bauriedl 2014: 172f.). Die Integration

von Kooperationen mit Bürger*innen in eine wachstumsorientierte

Stadtentwicklung ist allerdings widersinnig, wenn Urbane

Resilienz koproduziert werden soll, denn Folgen des Wachstums

laufen in der Regel der Koproduktion Urbaner Resilienz zuwider.

Dass zeigt sich am prägnantesten an der auf den Hafen ausgerichteten

Wirtschaftspolitik und der Wohnungsbaupolitik in Hamburg:

Die Hafenwirtschaft gilt immer noch als wichtigster Wirtschaftszweig

und Wachstumsmotor für die Stadt, obwohl sie ihre zentrale

Funktion für den Arbeitsmarkt längst verloren hat (vgl. Breckner

2013: 194). Dennoch lässt der Senat die Elbe vertiefen, damit größere

Containerschiffe in den Hafen einlaufen können. So sollen

der Warenumschlag und das Wachstum der Hafenwirtschaft gefördert

werden. Um die Hinterlandanbindung für den Warentransport

zu verbessern, lässt er des Weiteren neue Straßen und Brücken

für den hafenbedingten Lkw-Verkehr bauen. Damit treibt der

Senat eine Entwicklung voran, die zu Krisen in lokalem und globalem

Maßstab beiträgt. Das gilt in erster Linie für den ökologischen

Bereich, denn durch den Transport von Waren sowie den Ausbau

entsprechender Infrastrukturen für Schiffe und Lkw werden große

Mengen an CO 2

ausgestoßen, fossile Ressourcen verbraucht und

Grünflächen versiegelt. Hinzu kommt, dass durch die Elbvertiefung

das Ökosystem des Flusses beeinträchtigt wird (vgl. BUND

Hamburg et al. 2010: 214ff.). Gleichzeitig wird eine flächensparende

Innenentwicklung der Stadt blockiert, da der Senat große

Flächen für den Hafen und damit verbundene Wirtschaftsbetriebe

vorbehält (vgl. Lieber 2017: 116ff.). Die auf wirtschaftliches Wachstum

fokussierte Politik des Senats trägt außerdem zum Anstieg

der Bevölkerung in Hamburg bei, mit der Folge, dass Wohnraum

zunehmend nachgefragt wird, Mietpreise in vielen Quartieren

steigen und Gentrifizierung in innerstädtischen Quartieren voran-

167


Herausforderungen in der Stadtentwicklung

wie den Folgen von Klimawandel,

Finanzkrisen und demografischem Wandel

begegnen zu können (siehe Kapitel 2.1).

Daher erfordert eine zukunftsfähige Stadtentwicklung,

dass öffentliche und zivilgesellschaftliche

Akteur*innen voneinander

lernen, wie sie produktiv zusammenarbeiten

und Urbane Resilienz effizient koproduzieren

können. Die folgenden Handlungsempfehlungen

sollen ihnen dabei in Bezug

auf die kooperative Entwicklung von Stadträumen

helfen.

5.1 VERTRAUEN

HERSTELLEN

UND BEWAHREN

Bei Kooperation von so heterogenen Akteur*innen

wie Bürger*innen, Politiker*innen

und Entscheidungsträger*innen in den

Verwaltungen ist Vertrauen unter ihnen eine

zentrale Voraussetzung, damit sie langfristig

produktiv zusammenarbeiten können,

wie verschiedene Forschungen zeigen

(siehe Kapitel 2.3). Wenn Kooperationspartner*innen

sich vertrauen –, wenn sie also

davon ausgehen, dass ihr Gegenüber nicht

versucht, sie zu übervorteilen – gehen sie

eher Kompromisse ein und können Konflikte

schneller lösen. Bei einer vertrauensvollen

Zusammenarbeit sind sie daher in einer

besseren Ausgangslage, um Kooperationsverfahren

an Konflikte untereinander und

veränderte Rahmenbedingungen anzupassen,

denn dazu kann es erforderlich sein,

dass die Art und Weise der Zusammenarbeit

sowie die verfolgten Ziele zumindest teilweise

neu ausgehandelt werden. Das ist bei

einer höheren Bereitschaft zu Kompromissen

und einvernehmlicher Konfliktlösung

deutlich einfacher. Neben der Anpassung

einzelner Kooperationsverfahren können

sie darüber hinaus auch soziale Innovationen

anstoßen, wenn sie dabei zu neuartigen

Lösungen für Probleme gelangen, die

sich in der Stadtentwicklungspraxis etablieren

(siehe Kapitel 2.2.5).

Was für komplexe Konflikte dagegen

entstehen können, wenn sich Kooperationspartner*innen

nicht ausreichend vertrauen,

hat die Kooperation zur Sanierung

des Gängeviertels gezeigt: Weil sie nicht

in der Lage waren, Probleme in Bezug auf

die Sanierungsmaßnahmen und die Selbstverwaltung

der Aktiven des Gängeviertels

einvernehmlich zu lösen, eskalierten Konflikte

zwischen den Beteiligten. Das führte

zu einem mehr als vier Jahre andauernden

Planungsstopp und bedrohte die von den

Kooperationspartner*innen koproduzierten

Beiträge zur Resilienz in Hamburg, da diese

weitgehend von ihrer Zusammenarbeit bei

der Sanierung und Nutzung des Gängeviertels

abhingen (siehe Kapitel 4.3.2). Die Konflikte

und der Planungsstopp konnten erst

überwunden werden, nachdem sie mehrere

Maßnahmen vereinbart hatten, um das

Kooperationsverfahren so anzupassen,

dass die weitere Sanierung und langfristige

Selbstverwaltung gesichert waren (siehe

Kapitel 4.4.1).

Daraus schließe ich, dass Kooperationspartner*innen

solchen Eskalationen und

Blockaden entgegenwirken können, wenn

sie vertrauensbildende Maßnahmen ergreifen,

sobald Konflikte eine vertrauensvolle

Zusammenarbeit zu belasten drohen. Hilf-

172


eich dabei ist es, wenn sie ihre jeweiligen

Interessen, Handlungsrationalitäten und

Wertvorstellungen in Bezug auf die ursächlichen

Probleme und mögliche Lösungen

offen und ehrlich darlegen. Dadurch können

sie Verständnis füreinander entwickeln

und ein belastbares Vertrauensverhältnis

aufrecht erhalten – oder gegebenenfalls

aufbauen, wie sich aus meinen Realexperimenten

ergeben hat (siehe Kapitel

3.2.2 und 3.2.3). Zentral ist außerdem der

transparente Umgang mit Informationen,

die für die Zusammenarbeit relevant sind.

Diese sollten unter den Kooperationspartner*innen

bereitwillig ausgetauscht

werden, auch wenn es sich um interne Dokumente

einer der beteiligten Organisationen

handelt. Solche vertrauensbildenden Maßnahmen

bieten Kooperationspartner*innen

eine erfolgversprechende Grundlage, um

Interessenskonflikte besser zu bewältigen

und auch unter problematischen und sich

verändernden Rahmenbedingungen kooperativ

zu handeln.

5.2 ENTSCHEIDUNGS-

UND HANDLUNGS-

MACHT AUSGEWOGEN

AUFTEILEN

Wenn Bürger*innen, Politiker*innen und

Entscheidungsträger*innen in der Verwaltung

kooperieren, um Stadträume zu

entwickeln, sind die öffentlichen Akteur*innen

oft in einer mächtigeren Position. Sie

verfügen in der Regel über mehr Entscheidungs-

und Handlungsmacht, denn sie

haben die kommunale Planungshoheit

inne und entscheiden in vielen Fällen auch

über die Bereitstellung von Ressourcen

– etwa in Form von Geld, Gebäuden und

Grundstücken. Aus dieser Position heraus

handeln Politiker*innen und Entscheidungsträger*innen

in den Verwaltungen

mitunter paternalistisch und beachten die

Belange ihrer Kooperationspartner*innen

nicht in dem Maße, wie diese es einfordern

(siehe Kapitel 2.3). Bürger*innen können

dagegen eher vorübergehend ihre Machtposition

ausbauen, insbesondere durch

öffentlichkeitswirksame Handlungen, die

Politiker*innen unter Druck setzen.

Im Fall des Gängeviertels erreichten die

Aktiven durch die Besetzung und öffentlichkeitswirksame

Aktionen, dass die Stadt

Hamburg das Gängeviertel vom Investor zurückkaufte,

dem sie bereits den weitgehenden

Abriss genehmigt hatte, und dass sie

stattdessen in Kooperation mit den Aktiven

die Gebäude sanieren ließ (siehe Kapitel 4.1).

Jedoch können unausgewogenen Machtverhältnisse

für die kooperative Entwicklung

von Stadträumen langfristig zum Problem

werden, wie sich am Kooperationsprozess

und besonders am Planungsstopp gezeigt

hat (siehe Kapitel 4.4.1). Denn falls Kooperationspartner*innen

in Konfliktsituationen

ihre Machtpositionen nutzen, um Druck

aufzubauen und Zugeständnisse zu erwirken,

schadet das dem gegenseitigen Vertrauen

und damit auch der Koproduktion

Urbaner Resilienz, wenn in Folge wie im Fall

des Planungsstopps Maßnahmen blockiert

werden, die zur Resilienz einer Stadt beitragen

würden.

Im Gängeviertel gelang es, den Planungsstopp

und damit die Blockade der

operativen Maßnahmen zu beheben, indem

173


6. HANDLUNGS-

ANREGUNGEN ALS

BEITRAG ZU EINER

ZUKUNFTSFÄHIGEN

STADTENTWICKLUNG

„Was Kommunen also brauchen, um

zukunftsfähig zu sein, wäre eine andere,

eine für die Entfaltung der in ihren Bürgern

angelegten Potenziale und der in der Kommune

vorhandenen Möglichkeiten günstigere

Beziehungskultur.”

(Hüther 2013: 9)


Im Folgenden beziehe ich die Handlungsanregungen des fünften

Kapitels auf den argumentativen Bezugsrahmen der vorliegenden

Arbeit: eine zukunftsfähige Stadtentwicklung. Diese setzt meines

Erachtens voraus, dass die Art und Weise, wie Städte üblicherweise

entwickelt werden, nachhaltig transformiert wird. Transformation

steht dabei gemäß der Resilienz-Theorie für eine neue

Entwicklungsrichtung, die eingeschlagen wird, weil die heutige

Stadtentwicklung aus ökologischen, ökonomischen und sozialen

Gründen nicht länger vertretbar ist (siehe Kapitel 2.1). Dazu

muss aus meiner Sicht der aktuell dominante Wachstumszwang

in der Stadtentwicklung überwunden werden, weil das rasante

Wachstum vieler Städte Krisen verursacht, die ihrer Resilienz zuwiderlaufen.

Dazu zählen die Zerstörung lokaler Ökosysteme, die

Beschleunigung des globalen Klimawandels, Finanzkrisen und

soziale Verdrängungsprozesse. Die von mir erarbeiteten Handlungsanregungen

können für Bürger*innen, Politiker*innen und

Entscheidungsträger*innen in der Verwaltung eine Hilfe sein, um

solchen Krisen durch die kooperative Entwicklung von Stadträumen

entgegenzuwirken und durch produktive Zusammenarbeit

die Resilienz ihrer Städte zu stärken. In vielen Fällen tragen Koproduzent*innen

Urbaner Resilienz dabei auch zu einer nachhaltigen

Transformation bei (siehe Kapitel 2.2). Insofern sind die von

mir vorgeschlagenen Anpassungen ihrer Handlungen, Verfahrensweisen

und Organisationsformen an veränderte Rahmenbedingungen

und Konflikte (siehe Kapitel 5) integraler Bestandteil

einer nachhaltigen Transformation in der Stadtentwicklung.

Mit Blick auf die sechs Ebenen zur strategischen Einbindung der

Resilienz-Beiträge von Bürger*innen – Subjekte (1), Verfahren (2),

Strukturen (3), Gesetze (4), Politik (5) und Diskurse (6) (siehe Kapitel

2.3.1) – wird deutlich, dass sich die meisten der von mir erarbeiteten

Handlungsanregungen auf die Verfahrensebene (2) beziehen.

Sie betreffen also die Gestaltung von Kooperationsverfahren

und die Art und Weise, wie Kooperationspartner*innen dabei miteinander

umgehen sollten (siehe Kapitel 5.1 bis 5.6, 5.8 bis 5.10,

5.12 bis 5.14). Eng verbunden ist damit die subjektive Ebene (1),

also die Gefühls- und Gedankenwelt der beteiligten Personen. Das

zeigt sich vor allem an der Bedeutung des gegenseitigen Vertrauens

sowie der jeweiligen Eigeninteressen, Handlungsrationalitäten

und Wertvorstellungen für effiziente Kooperationsverfahren

(siehe Kapitel 5.1, 5.2, 5.4 bis 5.8, 5.12 bis 5.14). Ohne vertrauensvolle

Nahbeziehungen zwischen Kooperationspartner*innen und

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IMPRESSUM

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Margaux Weiß: 11–13, Wilhelm Seeger: 18 (Staatsarchiv Hamburg Nr. 00058431),

Till Wolfer: 24, Theo Bruns: 35, Michael Ziehl: alle anderen.

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Lithografie: Bild1Druck, Berlin

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