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Leseprobe: Die Schmetterlinge ... und die anderen (Léo Breda)

Für Britta Neumann hieß leben, mal die Würfel entscheiden lassen, mal Münzen werfen. Doch das ist zwanzig Jahre her. Aber als eine Stimme am Telefon sie daran erinnert, dass dieses Gesicht, das heutzutage alle von ihr kennen, nicht immer das Ihrige war, kommt das Spiel in den ruhigen Gassen ihrer Wahlheimat Frankfurt wieder in Fahrt. Sie weiß, dass sie dieses Mal nichts gewinnen kann und sogar alles verlieren könnte. „Die Schmetterlinge … und die anderen“, aus dem Französischen von Anni Sima-Ducree, verschreibt sich einer neuen Strömung des Roman Noir. Man schmunzelt, man lacht, dann taucht man mitten in spannungsgeladene Intrigen, wo die Grausamkeit der einen mit der Hinterlist der anderen wetteifert. Taschenbuch: 336 Seiten Verlag: FATHER OF SUN (8. Juli 2018) Sprache: Deutsch ISBN-10: 2954871784 ISBN-13: 978-2954871783

Für Britta Neumann hieß leben, mal die Würfel entscheiden lassen, mal Münzen werfen. Doch das ist zwanzig Jahre her. Aber als eine Stimme am Telefon sie daran erinnert, dass dieses Gesicht, das heutzutage alle von ihr kennen, nicht immer das Ihrige war, kommt das Spiel in den ruhigen Gassen ihrer Wahlheimat Frankfurt wieder in Fahrt. Sie weiß, dass sie dieses Mal nichts gewinnen kann und sogar alles verlieren könnte. „Die Schmetterlinge … und die anderen“, aus dem Französischen von Anni Sima-Ducree, verschreibt sich einer neuen Strömung des Roman Noir. Man schmunzelt, man lacht, dann taucht man mitten in spannungsgeladene Intrigen, wo die Grausamkeit der einen mit der Hinterlist der anderen wetteifert.

Taschenbuch: 336 Seiten
Verlag: FATHER OF SUN (8. Juli 2018)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 2954871784
ISBN-13: 978-2954871783

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Die Schmetterlinge ... und die anderen

(Leseprobe – Juli 2020)


Léo BREDA

Die Schmetterlinge

... und die anderen

Roman

Aus dem Französischen

von Anni Sima-Ducree

FATHER OF SUN


Alle Rechte vorbehalten für alle Länder.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist

ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen,

Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in

elektronischen Systemen.

Informationen über Bücher aus dem Father of Sun Verlag unter: www.fatherofsun.fr

Umschlaggestaltung, Illustration: Limiè an nwèsè

(Originalversion: ISBN 978-2-9548717-6-9,

Father of Sun - éditions, Dreieich)

Vollen Wortlaut

© FATHER OF SUN, 2018.

http://www.fatherofsun.fr

ISBN 978-2-9548717-8-3


An unsere

geliebten Irrtümer

und lass uns hoffen,

dass der Teufel

tatsächlich

im Detail steckt.


Erster Teil

Z i n n o b e r r o t


1

Spieglein, Spieglein

Der schrille Ton drang in mein Ohr, als ich über die Schwelle trat.

Ich ließ sogar versehentlich die Tür ziemlich unsanft hinter mir ins

Schloss fallen. Kurzum war es äußerst unwahrscheinlich, dass meine

Ankunft unbemerkt bleiben würde; trotzdem erschien niemand.

Ganz offensichtlich hatte der alte Giancarlo keine Eile einen weiteren

Kunden willkommen zu heißen. Zugegebenermaßen: Ich war

spät. Er hatte schon seine zwei Verkäuferinnen nach Hause geschickt

und war offenbar im Begriff zu schließen aber ich kenne ihn;

er würde es nicht übers Herz bringen mich rauszuschmeißen.

Er ließ sich jedoch immer noch nicht blicken. Macht nichts, ich

nutzte diese paar Minuten, alleine zu sein, um ein Auge auf die Neuheiten

zu werfen.

Giancarlo Rizzetti gefällt es, wenn seine Kunden, insbesondere

seine Kundinnen, sich in seiner Boutique wie zuhause fühlen. Und

durch seine angenehme Art, schafft er diese gemütliche Atmosphäre,

die den Eindruck vermittelt in einem Kaffeehaus oder etwas Ähnlichem

zu sein. Das ist auf jeden Fall der Eindruck, den ich hatte, als

ich das erste und einzige Mal tagsüber dort war. Ich hatte überwiegend

schwatzende Frauen gesehen und es schien, als seien sie nur

deshalb gekommen. Es waren zwar ein paar Männer da, aber eigentlich

fielen sie nicht weiter ins Gewicht. Man muss wirklich von

einem anderen Planeten kommen, um nicht zu wissen, dass "Nostra


Strada", die Boutique von Giancarlo Rizzetti, ein Ort ist, der mehr

oder weniger dem weiblichen Teil der Gesellschaft vorbehalten ist.

Ah! Das angenehme Geraune des nahezu ununterbrochenen Geschwätzes

der parfümierten Damen, die über alles und nichts redeten,

fröhlich und sorglos ... Ich hatte also beschlossen, nie wieder

am helllichten Tag einen Fuß dorthinein zu setzen. Diese zuckersüße

Affektiertheit war, vor allem heute Abend, das Letzte was ich

brauchte. Aber dennoch war mir danach jemanden zu sehen und mit

jemandem zu reden. Eine wohlwollende Person und ... nicht zu nahe

stehend. Hmh! Warum nicht mein alter Giancarlo?

»Oh! Meine liebe Donnerstagabend Kundin!«, rief mein altes

Schlitzohr, als er endlich aus dem Lager, in dem er beschäftigt

war, rein schneite.

»Wie geht es Ihnen Giancarlo?«

Ich versuchte ihn mit einem strahlenden Gesicht zu begrüßen; er

hingegen, baute sich direkt vor meiner Nase auf und musterte ganz

frech mit seinen kleinen forschenden Augen, mein Gesicht. Während

er mir die Hand gab, wackelte Giancarlo mit den Augenbrauen, wie

um mit mir scherzhaft ein bisschen zu flirten, wahrscheinlich auch,

um ein wenig meine Gedanken zu erraten. Der alte Fuchs! Tja! Man

kann einem alten Hund keine neuen Tricks beibringen. Ich sah sofort

das Fragezeichen in seinem Gesicht, aber er rang sich dazu durch

persönliche Fragen zu einem späteren Zeitpunkt zu stellen; sollte ich

es ihm überhaupt gestatten.

»Ich nehme an, dass etwas Unerwartetes passiert ist, meine

Liebe, jedenfalls etwas recht Dringendes, um an einem Dienstag

zwei Minuten vor Feierabend hierher zu kommen. Oder irre ich

mich?«

»Oh, Giancarlo! Ich weiß, es ist spät. Aber ich verspreche

nicht zu viel Ihrer Zeit zu beanspruchen. Ich habe schon bei den neuen

Modellen in dem Regal da, zwei Paar Pumps entdeckt, die mir

gefallen. Das Rote, in der Farbe von zerdrückten Erdbeeren und das

aus braunem Lack daneben ...«

»Aber, aber, junge Dame! Ich betreibe dieses Geschäft seit

fast vierundzwanzig Jahren und habe noch niemals abgelehnt eine

meiner guten Kundinnen zu bedienen, selbst wenn es mir einen

etwas späteren Feierabend beschert hat. Kommen Sie, machen Sie

12


sich’s bequem. Ich schließe die Türe zu — ich will trotz allem nicht

bis Mitternacht geöffnet haben. Und ich hole Ihnen was Sie möchten.

Die roten Schuhe und ... die aus Lack. Ich bin gleich zurück! 38,

39, ist ihre Größe, richtig?«

»Sie haben ein gutes Gedächtnis!«

»Ja, das ist berufsbedingt ...«

Ich zog meinen Mantel aus und wählte einen der abgewetzten Skai-

Puffs gegenüber dem schrägen Spiegel, um mich zu setzen.

Mein unerwarteter Besuch hatte die Neugierde meines alten Giancarlo

geweckt, doch momentan beschränkte er sich darauf, wie eine

Katze, um den heißen Brei zu schleichen. Er wagte es noch nicht die

Frage, die ihm auf der Zunge brannte vorzubringen, aber ganz bestimmt,

würde er bald ins kalte Wasser springen. Ich sah es kommen.

Und wenn er mich jetzt fragen würde: »Was läuft schief, junge

Dame?«, würde ich die Kraft haben weiter zu schweigen? Oder noch

schlimmer! Würde ich die Stirn haben ihm nette kleine Geschichten

zu erzählen, schön und gut zurechtgelegt aber falsch, wie die, die ich

meiner Familie schon seit vierundzwanzig Jahren auftischte und die

ich all denjenigen wiederholte, welche ich in den vergangenen zwanzig

Jahren kennengelernt hatte, seit dem Tag, an dem ich aufgehört

hatte Jasmin zu sein?

»Ja, ich erinnere mich, dass Sie einen schmalen Fuß haben«,

sagte Giancarlo nachdenklich, nachdem er mich jeden der zwei Paar

Schuhe anprobieren ließ. »Und wider Erwarten ... ist es ein Fuß, der

scheinbar viel gelaufen ist.«

»Ja, kann man so sagen, ja«, antwortete ich ihm absichtlich

ausweichend.

»Anfangs sind sie etwas eng«, fuhr er fort, professionell und

wie immer hilfsbereit, »aber sobald sie sich gedehnt haben, sind sie

sehr bequem. Also, echt! Diese Schuhe sind von hervorragender

Qualität.«

»Das ist mir schon klar, Giancarlo, sonst wäre ich nicht hier.

Sie gefallen mir sehr gut. Ich nehme beide!«

»Bravo!«

Über nichts war ich mir sicher, außer dass mir merkwürdig zumute

war. Ich fand mich eigentlich ziemlich erbärmlich. Ich war umhergeirrt

bis hierher, mit der vagen Idee im Kopf jemandem einzuge-

13


stehen was ich auf dem Herzen hatte, ein bisschen wie wenn man

eine zu schwer gewordene Last abwerfen würde. Aber letztendlich

war ich doch erleichtert es abzuhacken und nach Hause gehen zu

können. Es ist auf jeden Fall richtig, in dem Moment, wo ich den

Mund aufgemacht hätte, hätte ich mich möglicherweise gegenüber

meinem alten Schuhhändler gewunden wie ein Aal. Er hatte es wirklich

nicht verdient, meine Feigheit zu ertragen. In der Vergangenheit

hatte ich jede Menge anderer Händler kennengelernt, mit Produkten,

weit weniger zulässig, als meine hohen Schuhe, die ganz und gar

meine Heuchelei verdient hätten, aber nicht er; nicht mein alter

Giancarlo.

Es war in Ordnung. Alles in allem hatte er das Recht nach Hause zu

gehen, um sich auszuruhen. Und ich wollte jetzt nur bezahlen und

heimwärts gehen, zwar erleichtert, aber gleichzeitig mit einem tonnenschweren

Herzen, da ich schlussendlich nicht den Mumm gehabt

habe, ... zu reden.

»Verzeihung, ich möchte nicht indiskret sein ... aber ...«

»Was ist denn?«

»Nun ja! Ich weiß nicht genau, ob ich ... darf.«

»Aber ja doch! Schießen Sie los! Sie dürfen mich alles fragen,

was Sie wollen. Es wird mich überhaupt nicht stören.«

Unter seinen dichten, graumelierten Augenbrauen fixierte mich der

alte Giancarlo mit einem Blick voller Zärtlichkeit.

»Junge Dame, Sie haben meine Frage teilweise schon beantwortet.

Ihre Voreiligkeit mir zu versichern, dass Sie nicht irritiert

sein werden, egal was ich Sie fragen könnte, erscheint mir sehr befremdlich

... Dies ist für mich ein Zeichen, dass Sie heute Abend

nicht wirklich zum Schuhe kaufen gekommen sind. Ich bin übrigens

in der Lage abzuschätzen, dass wenn Ihnen etwas fehlt, es sicherlich

nicht ein Paar Schuhe ist. Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich freue

mich, dass ich heute noch zwei Paar Schuhe verkauft habe; leichte

Gewinne machen einen dicken Geldbeutel. Aber dieser Kauf ... ist

nur ein Vorwand, nicht wahr?«

Nein, nicht schon wieder! Nicht hier, nicht jetzt ... Genauso wie vor

zwei Tagen, als ich abends diese Reportage im Fernsehen über ehemalige

Prostituierte gesehen hatte. Zuerst hatte ich mit amüsierter

Neugierde zugeschaut. Alle diese Mädchen erzählten, wie schwierig

14


es ist, aus tausenderlei von Gründen, abzuspringen. Und ich sagte

mir: »Pff! Quatsch! Das ist alles nur Getue.« Und dann langsam,

keine Ahnung warum, spannte sich ein Bogen zwischen mir und den

Mädchen, meinen Schwestern. Und ganz plötzlich löste sich bei mir

ein Ventil. Aber er, mein alter Giancarlo, er würde doch sowas nicht

heraufbeschwören ...

»Ich habe es nicht eilig, wissen Sie. Wir können noch eine

Weile bleiben. Aber nicht zu lang, gell ... Ich bin ein alter Mann.

Und, um den Vorstellungen bezüglich älterer Menschen, deren

Nächte angeblich mit der Zeit kürzer und kürzer werden, zu widersprechen,

müssen Sie wissen: Ich! Ich brauche viel Schlaf. Und?

Warum sagen Sie mir nicht einfach was Sie so sehr bedrückt und

dazu bringt mir diesen liebenswürdigen Besuch abzustatten?

Selbstverständlich bleibt das unter uns, meine Liebe. Versprochen!«

Wenn man bedenkt, dass mir dergleichen seit Jahren nicht mehr

passiert ist ... Zum zweiten Mal innerhalb von achtundvierzig Stunden,

war ich in Tränen aufgelöst.

Giancarlo kniete immer noch ein bisschen betreten vor mir und

tätschelte meine Hand. Er wusste nicht so recht, wie er mich besser

trösten könnte.

»Oh nein. Was ist denn los, was ist Ihnen pass ...? Ach, da!

Nein!«

Er stand plötzlich mit einer für sein Alter flinken Bewegung auf

und steuerte mürrisch direkt auf die Eingangstür zu. Ein Mann —

scheinbar ein Obdachloser — hatte sein Gesicht an das Schaufenster

gedrückt, was seine Gesichtszüge zu einer fiesen Grimasse erstarren

ließ, und er schaute uns eindringlich an.

Giancarlo drehte den Schlüssel um und öffnete wütend die Tür.

»Geh weg! Hau ab! Verschwinde von hier! Ich hab genug

von dir.«

Der Armselige ließ locker. Giancarlo ist zu ihm nicht sehr entgegenkommend

gewesen, dennoch schien der Mann es ihm nicht übel

zu nehmen. Während er sich zurückzog, schenkte er dem Älteren

15


einen Blick, den hätte man beinahe als ehrerbietig bezeichnen können.

Dies war für mich eine rettende Unterbrechung. Ich konnte mich so

wieder fangen und dieses Übermaß an Emotionen abschütteln, die

mich aufgewühlt und dazu gedrängt hatten, meiner Niedergeschlagenheit

Luft zu machen.

»Alles Bestens«, sagte er, als er zurück kam. »Ich reiche

gerne, denen die Hand, die in Not sind aber mitunter missbraucht es

einer. Der da ist nicht bösartig. Aber er hat sich kürzlich schlecht benommen.

Ich stecke ihn sozusagen in Quarantäne, sagen wir mal, ...

für eine Weile«, schloss er in scherzhaftem Ton.

»Ich wollte sowieso gerade gehen.«

»Nicht doch, wie gesagt, ich habe alle Zeit der Welt. Sie

brauchen sich nicht zu genieren. Moment mal ... Mmh, ich sollte eine

Packung Papiertaschentücher hinter dem Tresen haben.«

»Nein, nein, machen Sie sich keine Umstände! Alles was ich

brauche, habe ich in meiner Handtasche. Es ist mir peinlich, so ein

Theater vor Ihnen gemacht zu haben. Es tut mir leid.«

»Es muss Ihnen nicht leid tun. Ich denke, in erster Linie sollten

Sie sich jemandem anvertrauen.«

Ich schaute Giancarlo ratlos an, und auf einmal entschied ich, mich

etwas zu entspannen. Vielleicht würde mir das gut tun.

»Ich weiß nicht so genau, wie ich an dieses Thema herangehen

soll. Sie wissen schon, sobald man sich ein bisschen offenbart,

neigen die Leute dazu, hinterm Rücken über einen zu reden ...«

»Ich weiß. Aber wissen Sie, die Leute, das sind wir selbst.

Na kommen Sie! Erzählen Sie mir ein bisschen, was Sie so durcheinanderbringt.

Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

Ich zögerte nochmals, schlussendlich gab ich ihm dann doch einen

Anhaltspunkt.

»Ich glaube, mein Make-up lastet schwer auf mir.«

Giancarlo starrte mich an, als ob er bereits verstanden hätte, dass

die Worte die ich nicht aussprechen konnte, mich schon seit Jahren

quälten.

»Ich weiß, was Sie meinen ... Jedem seine Maske, jedem seine

Geheimnisse. Wissen Sie was wir machen?«

»...«

16


»Sie gehen jetzt nach Hause und versuchen etwas zu

schlafen. Morgen früh oder im Laufe der Woche werden Sie mit

kühlem Kopf über all das nachgedacht haben, und falls Sie möchten,

kommen Sie doch einfach wieder vorbei und wir unterhalten uns.

Einverstanden? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?«

»Nein, das ist nicht nötig. Ich habe mein Auto dahinten auf

Ihrem kleinen Parkplatz stehen. Giancarlo, ... ich schätze Ihre Freundlichkeit.«

»Passen Sie auf sich auf.«

Nachts, um diese fortgeschrittene Uhrzeit war im Viertel alles

ruhig. Ich lief ein bisschen herum und war plötzlich wieder da. Giancarlo

hatte die Leuchtreklame des Geschäfts schon lange gelöscht.

Außer mir und einem trägen Taxifahrer, der in Zeitlupe Richtung

Mainufer fuhr, war keine Menschenseele unterwegs. Die Schweizerstraße

war für ein paar Stunden im Schlaf versunken.

Ich stand immer noch vor dem dunklen Schaufenster und fragte

mich, was ich hier zu suchen hatte, als die Stunde des Aufstandes

schlug. Jahre später, nachdem ich ihn täglich gezwungen hatte nach

meiner Pfeife zu tanzen, lange nachdem ich ihn zu einem gewöhnlichen

Instrument gemacht hatte, nachdem ich ihn als solches, weder

mit Respekt noch Schamgefühl, benutzt und missbraucht hatte,

leitete mein Körper eine kleine Palastrevolution ein. Meine Füße

widersetzten sich stur, sich von der Stelle zu bewegen, bald würde

ich Wurzeln schlagen. Dann war es meine rechte Hand, die sich aus

einem dumpfen Impuls heraus, der Mauer näherte, um meine flinken

Fingerspitzen besser über die komplett mit schwarzen Mosaiksteinen

bedeckte Fassade des Schuhladens, streicheln zu lassen. Nach Jahren

der Knechtschaft brachte meine fleischliche Hülle ihr Bedürfnis

nach Eigenständigkeit ans Licht. Ich bekam trotzdem wieder die

Oberhand und steuerte wie ein Roboter zu meinem Auto. Morgen

wäre ein neuer Tag; wie eh und je.

17


[Kapitel 7 – Spielend einfach]

-Britta hat eine komische Begegnung (Einführung einer neuen

Hauptfigur der Geschichte.)

(…/…)

Ich brauchte exakt eine Stunde, nicht eine Sekunde mehr, um mich

fertig zu machen, dann lief ich los. Ich trat aus dem Gebäude und

blieb direkt unten auf dem Bürgersteig kurz stehen, um ein paar Minuten

die Sonnenstrahlen zu genießen.

Das Viertel war frisch renoviert worden und alles war funkelnagelneu.

Die große Halle und das Einkaufszentrum auf der anderen Straßenseite,

das Altersheim, das Schwimmbad, die Bäckerei, all diese

Gebäude wurden vor kurzem wie Pilze aus dem Boden gestampft,

was mehr Backsteine, Stahl und Glas in die DNA meiner Straße

injizierte. Die Mutation war drastisch gewesen. Ein großer Straßenabschnitt

war unter Einsatz von Kränen und Baggern, von oben bis

unten neu gestaltet worden, und die komplette Textorstraße bekam

dadurch ein neues Kleid. Somit war unter diesen Gegebenheiten von

Alltag zu sprechen, fast eine falsche Bezeichnung. Wobei sich einiges

ziemlich schnell von selbst einspielte. Ein neuer Trott hatte sich

etabliert, an den ich mich bereits gewöhnt hatte. Daher nahm ich mit

einem sachkundigen Blick, mein Viertel in seinem neuen Gefieder

unter die Lupe; keine zusätzliche, signifikante Veränderung wäre

meiner Wachsamkeit entgangen. Es gab schätzungsweise die gleichen

Tauben, die gleichen älteren Leute, die ihren kleinen Spaziergang

über den Adlhoch Platz machten oder miteinander plaudernd

auf Bänken saßen. Alles war wie gewöhnlich ... oder nahezu.

Zunächst einmal war dieses Motorrad am Bordstein geparkt! Man

hat zwar das Recht, sich eine Rentnerschleuder zu kaufen; das ist jedem

Selbst überlassen. Aber hat man wirklich das Recht, solch eine

Lackierung auszusuchen? Die Debatte ist eröffnet. Ich ließ das Paillettenzweirad

zuerst links liegen, um den Platz zu überschauen. Dabei

erspähte ich noch eine Widersinnigkeit, beziehungsweise eine

Person, ein Schandfleck in der Landschaft, eine Art Kamel in einer

Schafherde. Nein, liebe Freunde! Elvis war nicht gestorben und er

genoss auch nicht incognito sein Leben in Las Vegas. Weitersagen!

Er war mitten unter uns, quietschlebendig, in Frankfurt! Ich hatte ihn


direkt vor meinen Augen. Die Legende des Rock'n'Rolls hatte seine

Bühnenkleidung im Schrank vergraben und war Fotograf geworden.

Ein Charmeur sondergleichen, knackig braun gebrannt; er sprach ungeniert

die alten Damen des Seniorenheims an — einzig und allein

die Damen — scherzte mit ihnen, und wie ich von meinem Beobachtungsposten

wahrnehmen konnte, bat er um ihre Zustimmung, sie zu

fotografieren. All diese alten Mädchen schienen von der Idee, vor

dem Objektiv des braunen Schönlings zu posieren, begeistert zu

sein. Sie glucksten vor Freude und erfüllten ganz selbstverständlich

seine Bitte.

Dieser kleine Ringelreihen hatte etwas Skurriles und Fröhliches,

das meine Stimmung ein wenig aufpeppte.

Ich überquerte den Platz, um mein Auto zu holen, das vor dem

Tante-Emma-Laden, Ecke Schwanthaler- und Laubestraße stand.

Die Blinker leuchteten auf, als ich die Türen aus der Entfernung

entriegelte und meine Hupe posaunte, was kurz die Harmonie des

Tschilpens der siebzigjährigen Mannequins, die sich auf der Esplanade

präsentierten, unterbrach. Schließlich kündigte sich der Tag

nicht so übel an, wie ich es mir vorgestellt hatte ...

Eigentlich doch! Ich hätte es besser wissen müssen. Dieser Tag

verhieß mies zu sein; ganz mies!

Ich war kaum aus meiner Parklücke gefahren, hatte keine fünf

Meter zurückgelegt, als ich das Gefühl bekam, jemand habe einen

Pflug hinten an mein Auto gekuppelt. Ich hielt an, zog die Handbremse

und sprang raus, um zu schauen, was los war; bäm! Mein

rechter Hinterreifen war platt. Ich dachte, ich führe mit dem Aufzug

nach oben, aber plötzlich öffnete sich die Tür und ich landete im

Keller. Meine Oberlippe verzog sich zu einem resignierten Grinsen.

Ich schüttelte demoralisiert den Kopf und sagte mir, dass ich echt

verflucht war. Ich dachte nicht einmal daran, jemanden um Hilfe zu

bitten. Ich parkte mein Auto einfach am Straßenrand und schickte

Aliana eine Nachricht, um ihr mitzuteilen, dass ich mich verspäten

würde, sie zu beruhigen und sie außerdem freundlich zu bitten, ihr

dickes Hinterteil zu bewegen und sich schon an die Arbeit zu ma-

108


chen, ohne auf mich zu warten. In Wirklichkeit hatte sie eher einen

kleinen Hintern, aber mein genervter Geist erfreute sich daran, sie

nach seinem Belieben umzugestalten und ... ihr Pech!

Nach dieser kleinen Umorganisation nahm ich meinen Kram raus

und machte mich ans Reifen Wechseln.

Ich hatte mir schon zwei Fingernägel abgebrochen und wischte mit

dem Handrücken die Schweißperlen ab, die von meiner Stirn tropften,

dabei tauschte sich mein Make-up teilweise gegen eine nette

Lage Schmieröl, als ich aus dem Augenwinkel jemanden vorbeigehen

sah. Ich drehte meinen Kopf nach links und ... Nun gut, ich vermute

niemand wird glauben, was ich jetzt erzählen werde, aber das

macht nichts. Stellt euch vor! Elvis in Person kreiste um mich herum.

Und er machte Fotos von mir!

»Sagen Sie mal, Herr Künstler! Was treiben Sie da? Eine

Foto-Safari? Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir zu helfen? ... Sie

sehen doch wie ich mich abrackere, oder?«

Der Typ betrachtete mich mit skeptischem Blick. Ich war mir nicht

ganz sicher, ob er meine Worte wirklich verstanden hatte. Bei seiner

gebräunten Haut war der Zweifel legitim. Vielleicht war er Latino ...

»¡Hola! You no parla kein Deutsch? ...«

Der Typ musterte mich weiterhin, während er seinen Kopf hin und

her wiegte. Dann blitzte er mich mit seinem ausgemachten Süßholzraspler

Strahlen an und ... fotografierte mich nochmal und drückte

mir seine monströse Gummilinse unter die Nase!

»Du Blödmann! Schleich dich! Ja, ja, ich weiß; ich bin ausfällig

und unfreundlich. Aber so bin ich, wenn Trottel mich auf den

Arm nehmen wollen. Dazu habe ich Ihnen nicht erlaubt, mich zu

fotografieren. Also bitte, tun Sie mir den Gefallen, löschen Sie die

Speicherkarte von Ihrem Dingenskirchen ...«

»Guten Tag! ... Zac!«, sagte Elvis, mir seine Hand reichend.

Ich ergriff sie nicht. Dafür verschränkte ich wütend die Arme vor

meiner Brust.

»Und, werden Sie mir helfen, ja oder nein?«

»Nein. Ich denke nicht.«

»Was?«

»Ich mag keine Autofahrer.«

»Dann scheren Sie sich doch z ...«

109


»Aber ich kann Sie irgendwo hinfahren, wenn Sie möchten.«

Zac-Elvis drehte sich um und zeigte mit der Hand in Richtung des

zweirädrigen Geräts für Lahme. Mein Kinn begann zu zittern; meine

Nerven versagten. »Nein! Oh nein ... Nicht das Brausebonbon! Lieber

Gott, wenn ich gesündigt habe, wenn ich Sie in irgendeiner

Weise beleidigt habe, nehmen Sie zur Kenntnis, dass die Schuld in

meiner sehr großen Unwissenheit begründet ist. Ich bedauere es

unendlich und ich bitte Sie demütig auf Knien um Verzeihung. Aber

aus Erbarmen könnten wir das nicht unter zivilisierten Menschen

regeln? ...« Ich wollte unbedingt glauben, dass der Zeigefinger des

Sängerfotografen auf ein anderes Fahrzeug deutete, egal welches,

aber zu meiner bodenlosen Verzweiflung, war das geradewegs aus

einer Wundertüte kommende knallbonbonfarbene Motorrad, das einzige

motorisierte Vehikel am Platz.

Ich schaute auf meine Uhr. Ich sollte vor neun Uhr dreißig im Büro

sein, da ich einen Termin mit einem neuen Lieferanten hatte; ihn

Aliana zu überlassen, wäre unchristlich von mir. In Gedanken eruierte

ich, dass ich mit dem Motorrad viel schneller wäre als mit

einem Taxi. Außerdem war ziemlich klar, dass ich mein Talent als

Mechanikerin überschätzt hatte; den Reifenwechsel zu Ende zu

bringen, würde mir endlos Zeit kosten.

»Das ist freundlich. Ich nehme Ihr Angebot an. Und bitte

nehmen Sie meine Entschuldigung an. Ich habe es nicht so gemeint.

Ich bin heute Morgen etwas grantig.«

»Kommt vor.«

Ich räumte meine Gerätschaften lose in den Kofferraum meines

nun dreirädrigen Mercedes SLK, dann steuerten wir gemeinsam auf

das zum Autoskooter umfrisierte Motorrad zu.

»Hier! Ziehen Sie das auf!«, bot mir mein Retter an, aus

dem Seitenkoffer seines Motorrads einen nostalgischen Jethelm, mit

einem einfachen Kinnriemen mit Ratsche Verschluss und einem

breiten, klappbaren Plexiglasvisier ziehend, das mich wie eine Fliege

in Nahaufnahme aussehen ließ.

»Oh, là, là! Sie sind aber gut ausgerüstet! Kann das Ding

auch grillen? ... Nein, ich mache nur Spaß. Danke.«

110


Mein Wohltäter ließ sich von meinen kleinen Sticheleien nicht irritieren.

Der Junge war die Ruhe selbst. Er stieg auf, startete seine

Maschine und lud mich ein, hinten aufzusteigen.

»Zac, steht das für Zacharias?«, fragte ich, während ich mich

setzte.

»Zac wie Zaccaria! Ich bin Korse. Laut der Familienlegende

tendierte mein Vater zu Julien. Glücklicherweise hat mich meine

Mutter vor diesem traurigen Schicksal bewahrt«, brabbelte er durch

seinen Integralhelm.

»Ah, okay! Zaccaria ... Korse ...«

Ich schaute auf meine unfassbar weißen Hände und spürte einen

leichten Anflug von Frustration. Neben meinem philanthropen Motorradfahrer

mit goldbrauner Haut und dichten, lockigen Haaren,

erschien ich wie eine große Aspirintablette, die sich nach ihrem Glas

Wasser sehnt. Da ich mich nicht auf eine mediterrane Abstammung

wie Monsieur berufen konnte, blieben mir kaum Alternativen, um

gut auszusehen; ich könnte vielleicht beten und auf ein Wunder

warten oder mich wieder im Solarium grillen lassen. Aber ich träumte

lieber davon, in die Sonne zu gehen und nichts anderes zu tun, als

mich einen Monat lang an einem Strand zu aalen. Dieser Bursche

musste komplett behämmert sein. Wenn ich auf Korsika geboren

wäre, würde ich nicht eine Minute darüber nachdenken, auch nur

einen Fuß nach Frankfurt zu setzen! Außer Frage! Aber ich war sehr

wohl in Frankfurt. Und zu meinem Leidwesen war mir der Besitzer

des hässlichsten Motorrads Europas und vielleicht der Welt, behilflich.

Ich ließ mich in die Innenstadt fahren, schweigend und ein bisschen

beschämt. Obwohl ich die glückliche Besitzerin einer Ducati Sport

gewesen war, mit welcher ich mir mehr als einmal fast das Genick

gebrochen hatte, überraschte ich mich, dem weichen und sicheren

Komfort dieses Ochsenkarrens etwas abzugewinnen. Was war los

mit mir? Schon wieder packte mich dieses Gefühl und ich war darauf

und dran mir die Augen auszuweinen. Veränderungen vollzogen

sich in mir, das war klar. Und ich war nicht sicher, ob mir das Zusammenleben

mit meinem neuen Ich gefiel ...

111


[Zweiter Teil: Scharlachrot / Kapitel 8 – Misston]

-Eine alte Bekannte taucht wieder in Brittas Leben auf.

(…/…)

Das Büro war von Samstag achtzehn Uhr bis Montagmorgen neun

Uhr geschlossen aber ich stellte das Telefon immer auf mein Handy

um. In der Regel ließ ich die Kunden auf den Anrufbeantworter sprechen

und hörte anschließend die Nachrichten ab. Aber mir schoss in

den Kopf, was Aliana mir wegen des berühmten, unbekannten Anrufers

berichtet hatte und so entschied ich, das Telefon abzunehmen.

Denn sollte es sich um einen Zögerlichen handeln, würde ich womöglich

sein Vertrauen gewinnen und ihn von einem möglichen zu

einem tatsächlichen Kunden machen.

»Hallo, guten Tag! Neumann Catering, Britta Neumann am

Apparat. Was kann ich für Sie tun?«

»Jasmin? ...«

Das Blut gefror mir in den Adern, als ich eine Frau diesen Namen

aussprechen hörte; ich hatte den Eindruck diese Stimme wiederzuerkennen.

Ein Knoten bildete sich in meiner Magengrube. Mein ganzer

Körper fing an zu zittern. Wie durch ein Wunder hielt ich mich

noch auf den Beinen.

»Wie bitte? ...«

»Jasmin? ... Ich möchte gerne Jasmin sprechen.«

»... Ähm, ich glaube, Sie haben sich verwählt. Es gibt hier

keine Jasmin. Tut mir leid.«

»Oh doch, es gibt eine! Und zwar diejenige, mit der ich gerade

spreche. Vielleicht gehst du deine Post holen? Ich rufe dich in

fünf Minuten wieder an.«

Sonntags Post? ... Das Telefonat mit dieser Unbekannten hatte nur

einige Sekunden gedauert aber die reichten aus, um meine Welt ins

Wanken zu bringen. Alles was in meinem Leben gut lief, schien

plötzlich kurz davor sich einfach in Luft aufzulösen. Es gab eine

Spannung und eine eindeutige Feindseligkeit in dem fast monotonen

Redefluss ... Ich hätte mir gewünscht, kaltblütiger zu sein, stattdessen

stürzte ich barfuß zum Treppenabsatz. Meine Beine überschlugen

sich beinahe und ich sauste die Treppe hinunter, um Sekunden


später, steif wie ein Brett, vor meinem Briefkasten zu stehen. Ich

zögerte ihn zu öffnen, fürchtend eine schreckliche Nachricht vorzufinden,

etwas das mich umhauen würde. Nichtsdestotrotz leerte

ich ihn. Es waren einige Werbeprospekte darin, obwohl ich neben

dem Briefkastenschlitz einen gut sichtbaren Aufkleber platziert hatte,

der ausdrücklich daraufhinwies: Keine Werbung! Danke. Außerdem

entdeckte ich einen Briefumschlag ohne Adressat und Absender.

Hektisch schaute ich nach hinten, um sicher zu sein, dass mich

niemand beobachtete. Ich konnte nicht warten den Umschlag aufzumachen

und zerfetzte auf der Stelle, mit nervösen Fingern das

Papier.

Das Erste was ich sah, war das Foto. Komischerweise blieb mein

Blick an unbedeutenden Details hängen; die Farbe des BHs passte

nicht ganz zu der des Höschens. Und ich erinnerte mich in der Tat,

wegen einer Laufmasche in einem meiner Nylons, musste ich improvisieren

und mir nur für die Fotoaufnahmen, ein neues Paar von

Gina leihen. Sie waren anthrazit und nicht schwarz, wie der Rest

meiner Kleidung. Ich entsinne mich auch, dass ich die Idee mit dem

zinnoberroten Korsett verworfen hatte; ich hielt es für zu übertrieben.

Ich hatte mich schlussendlich für schlicht entschieden: Balconett-BH,

G-String, Nylonstrümpfe, Strapse und hochhackige Schuhe.

Die feinen, schwarzen Dessous bildeten einen Kontrast zu meiner,

mittels künstlicher Sonne, frisch gebräunten Haut; alle diese

Details hatte ich in den Tiefen meines versehrten Gedächtnisses vergraben.

Selbst nach all den Jahren fand ich mich auf dem Schnappschuss

ziemlich präsentabel; vielleicht ein bisschen zu dünn aber ich hatte

noch nie viel auf den Rippen. Ich hatte keine eindeutigen Posen eingenommen.

Ich saß auf einem Stuhl, Beine übereinandergeschlagen,

mit manikürten Händen und lächelte. Ich las noch einmal den kleinen

Einleitungstext, den Sabine zu meinem Profil ausgetüftelt hatte:

Ich heiße Jasmin. Ich bin eine kleine sexy Katze von sechsundzwanzig

Jahren. Ich mag zärtliche und fantasievolle Männer, die

wissen, wie sie meinen Körper, einer Kindfrau, liebkosen. Ich mag

erotische Massagen zu geben und Zungenspiele sind meine Spezialität.

Analverkehr bekommst du bei mir nicht, aber ... viel Erregenderes.

Wenn du willst, kann ich auch mit einer Freundin zu dir

121


kommen. Du kannst uns zuschauen, wenn wir uns gegenseitig oral

verwöhnen (69). Du kannst gerne bei uns mitspielen, wenn du es

wünschst und mich in allen Positionen nehmen. Nur geschützter

Verkehr. Ich freue mich dich kennenzulernen. Leidenschaftliche

Küsse. Deine Jasmin.

Ich kam mit Beinen wie Blei zurück in die Wohnung. Schon klingelte

das Telefon erneut.

»Deine Adresse ausfindig zu machen war nicht einfach; dein

richtiger Name ist furchtbar banal und ich musste eine Auswahl treffen.

Aber wir haben uns endlich wieder gefunden.«

»Ss ... Sabine? ...«

»Ah! Siehst du? Deine Erinnerung kommt zurück. Du erkennst

meine Stimme wieder. Das ist gut, denn du wirst mir ein wenig

helfen müssen.«

»Was? Moment! Womit soll ich Ihnen helfen? Und warum

ich?«

»Warum du? Zu guter Letzt fast zufällig. Das hat sozusagen

das Schicksal entschieden. Ich habe die Liste meiner fünf besten

Goldesel aus der Glanzzeit aufgestellt und du gehörst dazu. Aber die

anderen Mädchen müssen entweder geheiratet oder Deutschland

verlassen haben, denn es ist mir nicht gelungen, ihre Spuren zurückzuverfolgen.

Bei dir war ich erfolgreicher. Mein Anliegen an dich,

ist nichts sonderlich Kompliziertes, keine Panik.«

»Ich glaube, dass Sie sich für etwas halten, was Sie nie

gewesen sind. Ich habe nie für Sie gearbeitet, sondern mit Ihnen. Es

war nur eine Kooperation. Somit verstehe ich nicht, wie ich Ihr

Goldesel gewesen sein könnte. Weder ich noch eins der Mädchen,

die mir über den Weg gelaufen sind, haben je einen Zuhälter gehabt.

Wir waren Mitglieder Ihrer Agentur. Das war’s!«

»Jasmin, komm ... Machen wir keine Wortspielereien. Wenn

du machst was ich dir sage, kannst du weiterhin dein neues Leben

genießen und ich werde keine Leiche aus deinem Keller holen. Aber

wenn du dich weigerst, ... werde ich dein Gedächtnis auffrischen

müssen und gleichzeitig dafür sorgen, dass deine Geheimnisse für

alle Leute um dich herum gelüftet werden. Das kann Schwierigkeiten

bereiten ... Du weißt genauso gut wie ich, dass es besser wäre,

einige Episoden aus deiner Vergangenheit nicht auszugraben. Das

122


wäre nicht gut fürs Geschäft. Es würde einen schlechten Eindruck

machen.«

»Ich habe das Blatt gewendet! Was wollen Sie?«

»Langsam, meine Hübsche! Ich glaube nicht, dass du in der

Position bist, mir imponieren zu können. Bleib ganz ruhig, es geht

nicht um dich persönlich, du bist viel zu alt, um den Job wieder aufzunehmen.

Du würdest mir nicht mehr genug einbringen. Also, hör

zu, was ich dir vorschlage: In deinem Gewerbe mangelt es dir gewiss

nicht an Kontakten. Und sicherlich kennst du etliche junge

Mädchen, vom Typ her ein bisschen wie du damals; nette Mädchen.

Studentinnen, zum Beispiel! Ja, Studentinnen sind gut. Sie sind heutzutage

kess, wie es im Buche steht, müssen ständig nebenbei etwas

Geld verdienen und haben keine Hemmungen. Du bringst mir lediglich

fünf oder sechs davon und ich lasse dich für immer in Ruhe.

Oder, wenn es dir lieber ist, kannst du mir auch einen kleinen Umschlag

geben und wir sind quitt.«

»Und wir sind quitt? Aber ich schulde Ihnen gar nichts!«

»Nach allem was ich für dich getan habe. Du bist so undankbar!

Vergiss nicht, dass ich dir ein Leben ermöglicht habe, von dem

du nicht einmal geträumt hättest.«

»Sie sagen es!«

»Ey! Sag mal! Niemand hat dich jemals gezwungen irgendetwas

zu tun. Falls du es vergessen hast; du kamst aus freien Stücken

zu mir, um deine Dienste anzubieten.«

»Genau! Ich hatte mich freiwillig gemeldet Und was bitteschön

haben Sie mit einer Namensliste von Leuten vor, die das nicht

machen wollen?«

»Betrachte dich als Priviligierte. Nicht jedes Mädchen wird

die Chance gehabt haben, eine Edelnutte wie du zu sein. Wenigstens

hattest du ein Wörtchen mitzureden. Aber glaub nicht, dass du die

Einzige bist, die einmal gedacht hat, dass deine Tugend zu opfern

nichts war, im Vergleich zu dem materiellen Vorteilen, die du dadurch

haben konntest. Und was meine Methoden betrifft, die Neulinge

zu überreden bei mir einzusteigen, geht dich nichts an. Begnüg

dich damit, sie auf den Weg zu bringen und alles Weitere mach ich.«

»Also! Lange Rede, kurzer Sinn. Wie viel wollen Sie, um

endgültig zu verschwinden?«

123


»Jasmin, du solltest nicht auf so einem hohen Ross sitzen,

weißt du ...«

»Und nennen Sie mich nicht mehr bei diesem Namen! Ich

heiße Britta Neumann. Der Rest ist Vergangenheit.«

»Eine Vergangenheit, die nur darauf wartet wieder erweckt

zu werden. Ich brauche eine kleine Finanzspritze, um ... ein neues

Geschäft aufzuziehen. Und ob du willst oder nicht, du wirst mir helfen,

sie zu bekommen. Achtzigtausend Euro und Schwamm drüber!«

»Was? Sind Sie wahnsinnig? So viel Geld habe ich nicht!«

»Komm schon! In deiner Branche kommt es auf achtzigtausend

nicht an. Ich gebe dir zehn Tage, um die Summe zusammenzutragen.

Du musst zugeben, ich hätte viel bösartiger sein können.

Aber ich zeige Einsicht. Ich gewähre dir etwas Zeit, um dich wieder

zu sortieren. Aber pass gut auf! Leg das nicht als Schwäche aus. Du

würdest einem großen Irrtum unterliegen. Du hast die Wahl: Entweder

du bringst mir die Scheine oder die Liste mit den Namen, Adressen

und Telefonnummern unserer Engelchen. Du wirst nur ein einziges

Mal meine Schlepperin sein, das ist doch kein Akt. Du kriegst

das schon hin.«

»Ich werde Ihnen bestimmt nicht helfen, was Sie beinahe

aus mir gemacht haben, jemandem anderen anzutun.«

»Beinahe? Ich lach mich kaputt. Ich habe dir fünf Jahre lang

Arbeit gegeben.«

»Vier!«

»Vier, ... wenn du willst. Auf jeden Fall, gibt es keinen Ort

in der Schweiz, wo ich dich nicht hingeschickt habe und wo man

deinen süßen, kleinen Arsch nicht kennt. Und du redest davon, was

ich beinahe aus dir gemacht habe! Ich habe aus dir die Nutte gemacht,

die du bist. Oder zumindest, habe ich deine Ausbildung vervollständigt.

Denn wenn ich mich recht erinnere, laut dem was du

vorgabst, war es nicht das erste Mal, dass du deinen Körper für Geld

verkauft hattest. Du hattest schon viel Erfahrung. Als du und dein

Schätzchen auf mein Jobangebot in der Zeitung geantwortet hattet,

warst du schon ein heißer Feger. Übrigens! Deine Freundin, Gina,

was ist denn aus der geworden?«

»Ich habe dieses Geld nicht.«

124


»Du wirst dir zu helfen wissen. Du bist ein großes Mädchen.

Ich gebe dir bis Mittwochabend. Ich rufe dich Anfang der Woche an,

um dir die Uhrzeit und den Treffpunkt zu geben. Damals warst du

immer sehr engagiert, also enttäusch mich auch diesmal nicht, Jasmin.

Mach deinem Ruf alle Ehre. Und begeh nicht die Dummheit,

die Bullen zu alarmieren; der Schuss würde nach hinten losgehen.

Tschüss dann!«

(…/…)

125


[Kapitel 10 – Freunde zur Not]

-Britta holt sich Hilfe.

(…/…)

Der Ort war ein Sammelsurium mit der Atmosphäre einer Autowerkstatt

und der Dekoration eines englischen Herrenklubs. Die Gesichter

überfliegend, war mir schnell klar, die Klientel war ein bunt

zusammengewürfeltes Völkchen, in dem sich würdige Vertreter

verschiedener sozialer Schichten der Frankfurter Gesellschaft in

seltsamem Einklang vermischten. Die Erklärung dieses Geheimnisses

...; es gab nur Bärtige! Die Allianz durch das Haar!

Ich schätzte die Ironie der Situation. Ich vermute, dass die Verlegenheit,

die mich in dem Moment ergriff, als ich auf den Stufen

des Ladens erschien, vergleichbar war mit dem, was einige Männer

gefühlt haben mussten, die die Tür des Pussy Bells aufgeschoben

hatten, als ich dort arbeitete. Es kam mir wieder in den Sinn, sobald

ein Typ durch den schwarzen Samtvorhang trat, drehten meine Kolleginnen

und ich, die in Reih und Glied, wie beim Schönheitswettbewerb

der Truthennen, in Bustiers und Strapsen auf den Barhockern

saßen, die Beine übereinandergeschlagen, wie auf Kommando

unsere Köpfe in seine Richtung und taxierten den Neuankömmling

ungeniert ab. Es gab unterschiedliche Möglichkeiten, je nach dem

wer auftrat. Meistens war es ein Stammkunde und da wussten wir

bereits mehr oder weniger, was der Herr wollte. Das konnte zu lustigen

Szenen führen. Es genügte, dass eine von uns sagte: »Oh nein!

Habt erbarmen, nicht er! Der da, füllt mich ab. Er will immer ins

Separee aber er ist echt eine Tortur. Es ist jedes Mal das Gleiche;

entweder fällt mir danach die Hand fast ab oder mein Kiefer fühlt

sich an wie ein Marshmallow.« Und plötzlich gab’s Bewegung auf

dem Hühnerhof: »Ach, du willst uns veräppeln! Ich mag ihn, unseren

Willi, mit seinem kleinen Bäuchlein. Es ist ein Zärtlicher.« »Ja,

ja, klar. Red nur ...« »Ah! Na du Frischling, geh ma’ hin. Er kennt

dich noch nicht, das wird ihm gefallen; er will immer ein neues


Hühnchen zum Befummeln haben.« »Oh nein, nein! Lass ihn mir,

bitte! Ich habe heute noch nicht groß abgesahnt. Die Kleine, sie

kann ruhig den Nächsten nehmen ...« »Mann, das ist mir wurscht.

Geh, probier dein Glück. Und du, schau gut zu was sie macht. Du

kannst dir eine Scheibe davon abschneiden, denn der Nächste ist

diener. Wird Zeit, dass du dich ein bisschen locker machst…« Und

es gab auch die Fälle, wo unser Besucher nicht nur völlig unbekannt,

sondern auch ziemlich schnuckelig war; wie eine unerwartete Gnade

des Allerhöchsten, um etwas Balsam für die Seelen der Schar von

Sünderinnen, die wir bildeten, zu bringen. In der Regel blieb er einen

Moment unter der Tür stehen, bis er sich an das gedämpfte Licht

gewöhnt hatte, das eigentlich unsere Makel kaschieren und uns noch

attraktiver machen sollte. Dann überflogen seine Augen das Menü,

während ihn der ganze Hühnerstall von Kopf bis Fuß eingehend

musterte: »Mmh ... Gar nicht so schlecht der Neue! ... Endlich Frischfleisch!«

»Wer geht zuerst?« »Eh, Mädels! Ich wette mit euch um

eine Flasche, dass ich den da direkt ins Separee schleppe. Er hat

keine Chance sich meinem Charme zu entziehen. Er riecht nach

Champagner. Mmh, lecker!« » Nee, nee! Das ist viel zu einfach. Du

musst das innerhalb von fünf Minuten hinbekommen, sonst zählt es

nicht.«

»Hey! Sie! Können’s nicht lesen? ... Sie haben einen Bart?

Sie sind ein Mann? ... Nein! Hopp, hopp! Raus hier!«

Na schön! Zumindest war es klar und deutlich; ich war in diesem

Haus nicht willkommen. Angewidert kam mir der Gedanke, dass

dieser Ort ebenso wie das Pussy Bell vollkommen frauenfeindlich

war. Die donnernde Stimme des Hausherrn hatte mich in null Komma

nichts aus meiner Träumerei gerissen. Haargenau wie wir damals,

drehten sich alle in meine Richtung und warfen mir einen vernichtenden

Blick zu — die Tatsache eine Frau zu sein, verlieh einem

hier absolut keinen Vorteil, ganz im Gegenteil. Der junge Mann, der

mich angefahren hatte, wedelte mit der Schere in seiner Hand durch

die Luft, als wolle er damit seine Mitarbeiter und Kunden darauf

hinweisen, dass er sich um das Problem kümmerte. Mit wutentbran-

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nter Miene stampfte er die drei Stufen hoch und traf mich auf der

kleinen Treppe, wo ich mich ganz klein machte. Beim Anblick seiner

gerunzelten Stirn und seines verschlossenen Gesichts, hautnah

vor mir, hatte ich fast Angst, dass er handgreiflich werden würde.

»Ähm, Verzeihung ... Ich wollte nur ...«

»Was? Was gibt’s? Was sagn Se? ...«

An seiner Statur, ungeachtet seines Nikolausbartes, sah man ganz

gut, dass es ein junger Mann war; vermutlich um die fünfundzwanzig.

Trotzdem beeindruckte er mich mit seinen Tätowierungen, wie

er Muskeln spielen ließ und mit mir wie zu einem Hund sprach. Das

große Tohuwabohu, das Sabine unlängst in meinem neuen Leben

verursacht hatte, war wohl dafür verantwortlich; denn im Gegensatz

zu meinen sonstigen Gewohnheiten, war ich nicht schlagfertig. Ich

konnte nicht anders, als mich wie ein tapsiger Tölpel anzustellen,

ohne die Courage zu haben, ihm Kontra zu geben.

»Also? Sie wollen? ...«

Ich schaffte es geradeso mit dem Finger auf einen Mann zu deuten;

genau dieser, mit dem mein liebenswürdiger Gastgeber beschäftigt

war, kurz bevor er mir an die Gurgel sprang, dieser, dessen Gesicht

er behutsam mit einem weißen Frotteehandtuch bedeckt hatte, der

einzige der keinerlei Reaktion erkennen ließ. Das Spektakel, das

mein Eindringen in das testosteronschwangere Heiligtum verursachte,

schien ihn nicht zu tangieren. Er blieb völlig unbeteiligt, halb liegend

auf einem bequemen Loungesessel und rührte seinen Allerwertesten

kein bisschen, der Kerl, als würde er ein Nickerchen machen.

Entsetzt schaute der junge Mann meinem Fingerzeig hinterher. Er

schnellte mit einem Satz in die Arena hinab und zog seinem Kunden

unwirsch das Handtuch vom Gesicht. Dieser fuhr hoch, als wäre er

auf frischer Tat beim Kartenbetrug erwischt worden.

»Fem! Die Maus, ist das deine?«

Femi schoss wie eine Sprungfeder in die Höhe, bezahlte bar auf die

Kralle für die Pflege, die seiner Haarpracht angediehen wurde,

stammelte im Vorbeigehen eine vage Entschuldigung, mit Müh und

Not dem überaus verärgerten Blick seines Hausherrn mit flinkem

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Kamm und Haarschneider, standhaltend, dann bugsierte er mich wie

einen Ausreißer auf die Gasse.

»Können wir eine Minute aufhören zu rennen?«

»Nein! Also Topas, das geht gar nicht! Du kannst nicht einfach

so bei Themis reinspazieren ... Du hast mich vor allen blamiert!«

»Femi, was ist das für ein Schwachsinn?«

»Das ist kein Schwachsinn! Das ist so, basta. In Solomons

Barbershop sind Frauen verboten.«

»Verboten? Wie bitteee, für was hält sich dein Friseur

denn?«

Femi machte eine Vollbremsung und schwenkte blitzschnell mit

großen Augen zu mir.

»Themistokles Solomos! Ein Friseur? ... Bitte, sag so etwas

nie wieder! Themis ist kein Friseur ... Er ist ein Barbier! Das sind

zwei Paar Stiefel.«

»Aha ... Aber ...«, stotterte ich in der Aufregung, was mich

noch mehr nervte. »Was ist das, eine Sekte?«

»Aaaahhh nein! Das ist unser Bereich; ohne Frauen, ohne

Geliebte. Es ist wie ... ein privater Klub.«

»Sag ich doch! Eine Sekte!«

»Nein! Wenn es dir lieber ist, nenn es ... einen Verbund von

Männern ... für Männer. Genau das!«

»Ach? Genau das, bist du jetzt homo?«

»Tzz! ... Topas, ich finde deinen Humor echt grenzwertig ...

Was ist heute los mit dir? Du bist nicht ganz auf dem Damm. Du

kannst froh sein, dass du es bist, sonst ...«

Ich blieb stumm vor Fassungslosigkeit über so viel Vehemenz.

Dann schüttelte ich mich, um mich wieder auf den Zweck meines

Besuchs bei meinem tollen Freund, zu konzentrieren.

»Femi, ich muss mit dir reden. Es ist sehr wichtig.«

»Das nehme ich an, weil ... Wenn du so weit gehst, mich

beim Barbier zu stören, wirst du mich notgedrungen fragen, ob ich

dich ins Ausland schmuggle, weil du eine Bank ausgeraubt hast oder

was Ähnliches. Aber ich habe einen guten Plan für dich, wenn du

möchtest; über London nach Casa, dann durch den Niger, dort kenne

ich Fischer, die dich mit dem Boot von Lagos nach Accra mitneh-

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men können. Mama wird dich abholen; du weißt, sie liebt dich! Du

kannst so lange bleiben, wie du möchtest. Oder aber du kannst zu

Onkel Seidu gehen. Er wohnt in der Nähe von Kumasi, du erinnerst

dich ... Er selbst ist zwar alt, aber meine Cousins sind auch da. Du

wirst sehen, sie werden sich gut um dich kümmern. Also ich empfehle

dir nicht zu Tante Afia zu gehen ... Sicher, das ist näher bei

Mama; sie hat ein Haus in Tema. Aber das Problem ist, sie ist ein

bisschen ... aufdringlich; zu arg Familie, Familie, verstehste ... Wann

möchtest du gehen? Eilt es? ...«

Ich hatte Femi ins Herz geschlossen. Und ich kam nicht umhin, von

seiner Fähigkeit mich zu durchschauen, überrascht zu sein. Es war

fast so, als könnte er erahnen, wenn es bei mir nicht gut lief. Wäre

ich nicht bei ihm aufgekreuzt, hätte er mich sicherlich demnächst

angerufen, um sich zu erkundigen, ob mir nichts fehle. Er hatte mir

gegenüber diese Sensibilität, quasi einen sechsten Sinn. Heute lag er

voll daneben, aber wenigstens hatte er die Eingebung, dass etwas

nicht in Ordnung war.

»Ich danke dir, aber ich habe keinerlei Veranlassung nach

Ghana ins Exil zu gehen, obwohl es dort sehr schön und dein Heimatland

ist. Es geht um etwas anderes ...«

»Mmh ... Verstehe. Noch eine Weibergeschichte ... Oder einer

deiner Liebhaber, der dir auf den Zeiger geht? Du brauchst wirklich

einen Mann in deinem Leben ...«

Exakt in dem Moment, hätte ich mir gewünscht, dass mein Femi,

den Macho etwas weniger als üblich raushängen ließ, aber ich konnte

nicht zu wählerisch sein. Also akzeptierte ich das Gesamtpaket zu

nehmen und entschied bestimmte Dinge für mich zu behalten. Ich

strich kurz mit meiner Hand über seinen frisch gestutzten Bart.

»Zumindest hat er Talent dein ... Barbier«, lobte ich lächelnd.

(…/…)

144


[Kapitel 14 – Bedienung in begriffen]

-Britta wurden Sabines ehemalige Geschäftsaufzeichnungen

übergeben und beim Durchblättern der Seiten entdeckt sie sich selbst

wieder.

(…/…)

Das Paket war eigentlich ein großer Umschlag aus Packpapier mit

viel von diesem Klebeband, das man für Umzugskartons verwendet,

eingewickelt. Seitdem ich ihn geöffnet hatte, stand ich ungläubig da

und wagte kaum den Inhalt weiter zu untersuchen. Dann fingen

meine Hände an mechanisch eines der zwei Geschäftsbücher durchzublättern;

die Dokumentationen des Jahres 1987/88, die des Jahres

1989, in dem ich mich ausgeklinkt hatte, erst einmal außer Acht lassend.

Sabine hatte darin alles mit Akribie, in minikleiner doch lesbarer

Schrift und jeder Menge Abkürzungen, aufgelistet: Datum, Kundenname,

Leistung, Dauer, Betrag, Name des Mädchens ... Alles!

Ich erfuhr aus dem relativ dürftigen Tätigkeitsbericht, in Verbindung

mit Lauras Namen, dass sie nur eine Stippvisite in das Metier gemacht

hatte und das freute mich für sie. Und während meine Augen

der Chronik einer gewissen Jasmin folgten, entdeckte ich mich selbst

wieder. Stimmt, ich war dieses Mädchen gewesen. Kein verlorenes

Mädchen, nur eine junge Frau, auf der Suche nach etwas, das sie nie

fand. Es war mir noch nicht einmal schwer ums Herz. Ich war weder

traurig noch froh. Mit ernüchtertem Blick kam mir ein ehemaliges

Ich wieder ins Bewusstsein. Ah! 25.04.1988 ... Thomas Alexander:

Dom-Duo, Abend + Opt Nacht kpl ... Den hatte ich völlig vergessen.

Den Franco-Schweizer! Er lebte in Paris; ein Rechtsorientierter, junge,

dynamische, Führungskraft, in den Dreißigern, betucht. Er war

geschäftlich in Zürich unterwegs, und der Kerl wollte die Puppen

tanzen lassen, um dem Pech zu entrinnen, bevor es zurück nach

Hause ging; sein Favorit war gerade im ersten Wahlgang in Frankreich

gegen den Sozi baden gegangen ... Mitélin ... Mittémon? ...

Mitterand! Oder irgendsowas. Aber anscheinend glaubte er immer

noch felsenfest, dass nicht alles gelaufen war. Er hatte uns, Gina und

mich, für den Abend gebucht, um ... seinen Stress abzubauen. Wir

hatten uns mit ihm in seinem Hotelzimmer getroffen und er hatte

gleich den Ton angegeben. Er hatte gesagt, er wolle uns beide ficken,


is der Arzt kommt! In solchen Fällen war ich noch erleichterter,

dass meine Freundin und ich ein eingespieltes Team waren, denn sie

hatte, im Vergleich zu mir, schon viel Erfahrung in dem Metier, es

machte ihr nichts aus, dass ich mich ein wenig auf sie verließ. Sie

übernahm gerne die Frenetischen und ich mischte eher für das

Horsd’œuvre mit und legte letzte Hand an. Und genau so war es an

diesem Abend abgelaufen. Ich hatte den Galan als Leckerbissen

großzügig mit der Zunge verwöhnt und Gina löste mich praktisch

ab, solange der Herr meinte, er wäre stark genug, die ganze Welt

durchzuvögeln. Man muss zugeben, er stand voll im Saft, der Lustmolch.

Aber er wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte. Gina hat

ihn schlichtweg ausgepresst, den Armen! Und als ich daran glauben

musste, hatte sich der Tiger in ein Katerchen verwandelt. Immerhin

war ich ihm gegenüber sehr reizend gewesen. Mmh ... Ach schau!

Der war ein Sonderfall: David Gröneberg; Bankier aus Genf. Er war

mein regelmäßigster und auch mein letzter Kunde gewesen. Er

mochte sehr gerne die Spielchen mit seinem Gürtel. Er war nett aber

ein bisschen seltsam; er nahm mich immer in der Hündchenstellung

und berührte mich dabei nie mit den Händen. Er wollte immer, dass

ich ihm zusah, wie er sich auszog, sich ein wenig selbst stimulierte

und dann legte er mir von hinten seinen Gürtel um die Taille und

nahm mich ausdauernd auf allen vieren auf dem Bett. Mindestens

waren die Hotels, in die er mich mitnahm, stets sehr angenehme Lokalitäten,

wo das Personal gleichermaßen viel Wert auf Herzlichkeit

wie auf Diskretion legte und jedes Mal wählte er einen anderen Ort.

Er war ein spezieller Kunde für mich und als solchen behandelte ich

ihn auch. Deshalb organisierte ich mich entweder so, dass ich niemanden

nach ihm hatte oder ich richtete mir genug Spielraum zu

meinem nachfolgenden Kunden ein, damit ich mich nicht hetzen

musste, nachdem wir fertig waren. Er hatte eine Art Ritual eingeführt;

nach einer ausgiebigen Dusche wollte er immer, dass wir uns

nackt auf dem Bett ausstreckten und Champagner tranken. Das

Wichtigste für ihn war, das Gefühl zu haben, seine Freundin würde

ihn begleiten. Er mochte die Vorstellung, all das wäre vertraulich,

privat. Und so war es in gewisser Weise mit der Zeit geworden. Mit

ihm musste ich immer aufpassen, nicht zu viel zu bechern. Abgesehen

von den seltenen Malen als ich hinterher ein oder mehrere

193


Verabredungen hatte, machte ich mich sofort auf den Weg und fuhr

die lange Strecke mit dem Auto nach Hause. Eines Abends hatte ich

mir auf der Rückfahrt einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Es

war mir nicht so klar, aber ich war ganz schön beschwipst. Wir

hatten auf unser Wohl getrunken und ich hatte nichts gegessen. Das

Auto hat kurz vor einem Waldrand, einen Schlenker gemacht. Ich

weiß nicht einmal, wie ich es geschafft habe, gerade noch zu bremsen.

Ich hätte leicht auf einen Baum prallen können. Vielleicht hätte

ich das ja auch tun sollen ... Kurz und gut! Ich hatte ihn im Pussy

Bell kennengelernt. Das Lokal war nicht besonders nobel aber man

kann sagen, es war ein ziemlich gut besuchter Klub. Die Kunden

waren alle mehr oder weniger respektvoll und sie konsumierten ohne

groß aufs Geld zu schauen. Größtenteils waren sie damit zufrieden,

uns ein wenig die Brüste, den Po und die Schenkel zu begrapschen

und uns Obszönitäten ins Ohr zu flüstern, während sie auf der

großen Leinwand Pornofilme schauten; weiter ging es nicht. Es gab

keine Durchgeknallten. Manchmal war es sogar nötig, dass ich mich

ein bisschen einbrachte, um einen zu ermutigen, mehr als nur zu

tätscheln; Geschäft ist Geschäft! Ich ging auf den Typ zu, die Hüften

wiegend, dann schmiegte ich mich mit treudoofer aber viel versprechender

und eindeutiger Mimik, eng an ihn. Ich rieb meine Scham

intensiv rittlings auf seinem Knie, bis zu dem Punkt, wo eine intime

Zweisamkeit in einem Separee, der einzig, mögliche Ausweg meines

kleinen Spielchens wäre. Das war nicht Davids Stil. Er hatte mich

gefragt, ob wir uns außerhalb des Klubs treffen könnten und ich

hatte geantwortet, es ließe sich arrangieren. Durch ihn kam ich übrigens

zu diesem anderen Vorhaben da ... Ach nee! Nein, nein! Das

war durch einen anderen Kunden aus dem Pussy Bell! Ja. Äh ... Wie

hieß der nochmal? Hm ... Weiß nicht mehr. Dirk ... Samuel ... Jochen?

... Ach nein. Ich weiß nicht mehr. Jedenfalls hatte der Kerl

mich gefragt, ob ich Strip-tease für Veranstaltungen, Partys machte.

Es sollte für den Junggesellenabschied seines besten Freundes sein.

Die Idee schien mir zunächst ganz nett, aber als er mir den Preis

nannte, den er dafür bezahlen wollte, fand ich sie schlichtweg sensationell.

Also wurden wir uns einig, doch dann sagte ich mir: »Mein

liebes Mädchen, auf was hast du dich jetzt schon wieder eingelassen?«

Tanzen, okay! Aber vor einer Bande junger, entfesselter

194


Wölfe zu strippen, so was hatte ich noch nie gemacht ... Ich verließ

mich ganz darauf, dass Gina bestimmt ein Schnellkurs für mich

einfallen würde, damit ich das meistern konnte.

Die Bilder des Abends zogen erneut vor meinen Augen vorbei und

ich konnte kaum glauben, dass es sich wirklich um meine Erinnerungen

handelte und nicht um eine Geschichte, die man mir über

jemand anderen erzählt hätte.

Das ist ganz schön eng da drinnen! Und was für eine Hitze! Pff!

Ich ersticke.

»Gut! Wir werden Sie jetzt hinübertragen, ja ... Sind Sie bereit?

Achtung! Es geht los.«

Der Boden war etwas verstärkt, damit ich ihn nicht mit meinen

Pfennigabsätzen aufreiße. Wenn ich keine Netzstrümpfe, Mieder

und das ganze Trallala getragen hätte, wäre ich mir vorgekommen

wie ein kleines Mädchen, das Verstecken spielt. Dank des Lichts,

das durch die Pappe schimmerte, sah ich die Umrisse meiner Gliedmaßen.

Ich saß in der Hocke, die Arme um meine Knie geschlungen.

Ich hätte gedacht, dass es noch viel mehr schaukeln würde, aber die

Jungs machten ihre Sache wirklich sehr gut. Gratulation!! Es war ein

sehr eigenartiges Gefühl; wohl ein bisschen wie auf einem fliegenden

Teppich zu sein aber ohne See- oder Höhenkrankheit; je nach

Belieben. Das Stimmengewirr der jungen Leute, die sich in dem Saal

versammelt hatten, die Hitze, die angestiegen war und dazu die Musik

mit den dröhnenden Bässen! ... Das Herz schlug mir bis zum

Hals. Ich wollte lachen, ich hatte einen riesen Bammel, gleichzeitig

war ich vor Aufregung ganz aus dem Häuschen! Es war völlig irre!

Ich konnte wahrhaftig kaum erwarten, dass es losging. Ich hatte den

jungen Mann noch nie gesehen, den ich mit meinen lasziven Verrenkungen

betören sollte, ich war viel zu spät angekommen, um mir

selbst einen Überblick der Räumlichkeiten zu verschaffen und somit

kannte ich den Ort an dem wir waren überhaupt nicht! Ich wusste lediglich,

dass man mich leiten würde ... Doch so viel, na bravo! Aber

es war ein bisschen zu spät, um einen Rückzieher zu machen.

Plötzlich wechselte jemand die Kassette. Das hieß, ich war in Kürze

195


dran. Ich hatte feuchte Hände. Ich erkannte meine Musik; jemand

hatte die Anlage nochmal aufgedreht: Talalaaa-lalaaa-la! Talalaaalalaaa-la!

Talalaaa-lalaaa-la! Taala-tat-taaaaaa… Bäm! Ich streckte

mich abrupt mit erhobenen Armen, meinen Zylinder fest auf den

Kopf gedrückt und stieß die Klappen des von den Jungs mit einer

großen, roten Schleife versehenen Kartons auf, in dem ich zusammengekauert

gewartet hatte — Talalat-tatata! Talalat-tatata! Talalat-tatata!

Auf ging’s! Ich war förmlich aus der Box heraus, in mein

Element geschossen und jetzt ging ich in die Vollen! Mit geschwellter

Brust, ich fühlte mich ein wenig ... Wie soll ich sagen? Wenn ihr

wollt, ich war Rocky, der in den Ring steigt! Ich weiß nicht, ob ihr

euch ... Könnt ihr euch ungefähr in die Szene ... reinversetzen?

Die Jungs hatten mir gesagt, dass ich mühelos erkennen würde, für

welchen der Meute das Geschenk bestimmt war. Sie hatten nicht

gelogen; um sämtliche Verwechslungen zu vermeiden, hatte sich

einer seiner Kumpels genau hinter ihn gestellt und hielt ein Schild

mit einem großen, weißen Pfeil, der auf seinen Kopf zeigte. Der

junge Mann saß auf einem Stuhl direkt vor mir, mit großen Augen,

die sagten wie glücklich und stolz er war, so wohlmeinende Freunde

zu haben. Ich schwang die Hüften im Rhythmus, erstaunt über mich

selbst, das doch so glatt hinzubekommen. Ein echter Profi! Ich riss

geschwind mit beiden Händen meine Klettverschlusshose auf, meine

verführerischen Dessous enthüllend und ging auf ihn zu, setzte mich

auf seinen Schoß, Beine weit gespreizt, den Kopf zurückgeworfen

und zog seine Nase an meinen Busen, den ich mit einem hübschen

Balconette-BH aus feiner Spitze, zur Geltung gebracht hatte. Mutiger

werdend streichelte er meine Hüften und packte mich an der

Taille. Aber ich erhob mich, unfassbar und aufreizend, ihn atemlos

und geknickt zurücklassend und das war erst der Anfang. Ich wollte,

dass er nur Augen für mich hatte, ich wollte ihn um den Verstand

bringen. Dann erschallte Joes raue Stimme: Tala-Take off your coat!

... Talalat-tatata! Ta-Reaaal slow. Talalat-tatata!

Ich tanzte an diesem Abend zweimal mit Kostümwechsel. Für meinen

zweiten Auftritt präsentierte ich mich in der Kluft einer Pseudosekretärin.

Es war lustig zu sehen, dass obwohl jeder in dem Raum

alle Einzelheiten meines Körperbaus kannte, die Uhr auf Null zurückgedreht

war, kaum dass ich mich wieder angekleidet hatte. Jeder

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verschlang mich erneut mit den Augen und wartete ungeduldig, dass

ich entblößte, was sich unter meinem eng um die Hüften anliegenden

Kostümrock versteckte. Das Lied endete und ich errang unter

großem Beifall meinen zweiten Triumpf des Abends. Danach wurde

ich äußerst liebenswürdig behandelt. Ich hatte einen dicken Bademantel

angezogen, was mir gut tat, denn als ich mich komplett entblättert

hatte, nachdem ich meinen kleinen Slip in eine Ecke des

Raumes geworfen hatte, nachdem ich mich in Position gebracht hatte,

nur in hohen Schuhen und Strümpfen, das Gesäß schön nach hinten

gewölbt, zog ich zwar die Aufmerksamkeit auf mich, war aber

starr vor Kälte. Jetzt umzingelten mich die Jungs und schlugen sich

nahezu darum, mich mit Getränken zu bedienen und mir kleine

Häppchen zu bringen. Ich lehnte den Alkohol ab, sodann wurden mir

Fruchtsäfte nach Belieben serviert. Sie boten mir an zu bleiben und

mit ihnen zu feiern aber das war nicht Teil der Abmachung; Arbeit

ist Arbeit! Ich dankte ihnen für ihre Freundlichkeit und verdrückte

mich.

(…/…)

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-Wenn eine Hand wegnimmt, was die andere gegeben hat.

15

Für jede Lösung ein Problem

Es war der Moment, den ich am wenigsten mochte. Das Schnurren

des Motors im Leerlauf war wie ein Wiegenlied und ich blieb hartnäckig,

wie der Efeu an seinem Ast, an Zac kleben, aber trotzdem

mussten wir uns trennen.

»Hey! Kleiner Koala. Wir sind da. Schläfst du?«

Zaccaria schaltete den Motor aus und ich stieg notgedrungen ab.

»Danke für die Spazierfahrt, night rider.«

»Aber es war mir ein Vergnügen, meine Liebe. Insbesondere,

weil du mich dieses Mal angerufen hast. Ich bin geschmeichelt.

Wir machen das wieder, wann immer es dir passt.«

Obwohl er nicht gezögert hatte, mich knapp eine Stunde nachdem

er mich das erste Mal getroffen hatte, zu küssen, zeigte sich mein

Zaccaria jetzt höchst zurückhaltend. Ich spürte, dass er genauso Lust

auf mich wie ich auf ihn hatte, dennoch drängte er nicht darauf. Er

wartete augenscheinlich, dass ich die Initiative ergriffe, die Nacht

gemeinsam zu verbringen. Aber ich hatte noch zu viel ins Reine zu

bringen und das ging ihn alles nichts an. Ich wollte mehr Klarheit in

meinem Leben haben, bevor ich die Beziehung mit ihm vertiefe.

»Ich habe keine Ahnung, wohin du fährst, Mister Secret-life,

aber pass’ auf dich auf. Ich ruf dich an.«

Ein Abschiedskuss und ich ging ins Haus.


Als ich in meiner Wohnung ankam, schaute ich aus dem Fenster

und Zac stand immer noch auf dem Platz. Er wartete jedes Mal bis

das Licht in meinem Appartement anging, bevor er losfuhr. Ich winkte

ihm und er antwortete mit einer kleinen Handbewegung, dann

startete er sein Motorad und verschwand in der Dunkelheit.

Ich hasste mir das eingestehen zu müssen, aber offenkundig musste

etwas in meinem Verhältnis zu anderen verdorben sein. Man hatte

sich meiner reichlich bedient — in der Regel, weil ich es so wollte

und wie von einem seltsamen Automatismus getrieben, bediente

ich mich meinerseits, ungeniert der anderen. In meinen objektiven

Augenblicken, wenn mein Ego sich eine Pause gönnte und darauf

verzichtete, mir die Realität der Dinge zu verschleiern, gestand ich

mir ein, dass ich unter einer Art emotionalem Manko litt; einem quälenden

Mangel, der auf einer Epoche beruhte, deren Beginn einzuordnen,

mir ziemliche Mühe bereitete. Dennoch vergaß ich nicht all

die Behaglichkeit, die mir Femi trotz unserer Diskrepanzen und zahlreichen

Streitigkeiten, gegeben hatte. Und er tat dies in gewissem

Maße immer noch. Ich betrachtete unsere langjährige Freundschaft

als Segen. Allerdings war dies nicht oder nicht mehr genug. Über

zwanzig Jahre hatte ich mir eingeredet, alles in meinem Leben sei

bestens, dann hatte ein kleines Nichts alles infrage gestellt. Eine

simple Fernsehsendung hatte eine Ecke des Teppichs angehoben, unter

welchen ich meinen Staub gekehrt hatte. Folglich war ich gekommen,

Giancarlo zu benutzen, um zu flicken, was noch geflickt

werden konnte und dies hatte ziemlich gut funktioniert, bis alles

komplett in sich zusammenfiel. All diese Jahre auf wackligem Fundament

stehend, hatte mein Kartenhaus den heftigen Böen eines Orkans

namens Sabine, nicht standgehalten. Jetzt war es Zac, dessen

ich mich bediente, um mein Leben erträglicher zu machen. Dies war

aus meiner Warte weder bösartig noch wirklich wissentlich; es war

lediglich eine Tatsache. Wenn ich eine Bestandsaufnahme der letzten

Zeiten machen sollte, würde ich sagen, dass Giancarlo und Zac,

jeder auf seine Art dazu beigetragen hatten, meinen Mangel an Zuneigung

auszugleichen. Und dafür war ich ihnen dankbar ... allen

beiden.

Ich schaute noch einen Augenblick nach draussen, denn nach ein

paar Sekunden würde ich mich umdrehen und erneut mit den Fragen

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konfrontieren, die ich fein säuberlich für den Abend beiseite geschoben

hatte. Langsam aber sicher verloren die guten Erinnerungen, die

ich an Giancarlo behalten hatte, ihren Glanz. Ich hatte mich ihm

anvertraut und wahrscheinlich dachte er mir einen großen Dienst zu

erweisen, indem er angeblich mein Problem lösen ließ. Allerdings

hatte ich immer noch keine Nachricht von Sabine und daher keinerlei

Gewissheit über sie. Doch dessen ungeachtet hielt ich die Dokumente,

die sie gegen mich besessen hatte, in der Hand und das war

schon mal nicht schlecht. Aber waren sie komplett? Und wer außer

mir hatte sie einsehen können? Ich hatte eine Telefonnummer, um

Giancarlo zu kontaktieren aber zwischen den Zeilen lesend, verstand

ich, dass er nicht unbedingt wollte, dass ich sie benutze. Alles in Allem:

Waren meine Probleme gelöst? Ja oder vielleicht, das heißt:

Nein! Ich hatte einst bewiesen, ein wahrer Künstler der Vogel Strauß

Methode zu sein. Ich hatte schon so viele Dinge ausgelöscht, von

denen ich nichts mehr wissen wollte, das könnte ich ohne Weiteres

wiederholen. Es lag mir durchaus. Aber heutzutage war daran nicht

mehr zu denken. Ich beabsichtigte mich mit all diesen Fragezeichen

zu attackieren und jedem den Hals umzudrehen. Aber nur mit

Maulaffen feilhalten war das nicht zu bewältigen. Die nächtlichen

Spazierfahrten mit Zac waren echte Sauerstoffspritzen. Ich wollte

jedes Mal so spät wie möglich zurückkehren, obwohl ich wusste,

aufgeschoben ist nicht aufgehoben, denn meine Sorgen erledigten

sich natürlich durch meine Abwesenheit nicht von selbst. Sie warteten

treu und brav auf mich. So drehte ich mich um, ging zum

Schrank, holte mein großes Sorgenpaket heraus und breitete es auf

dem Couchtisch aus.

Ich war bis zum Hals in die Geschäftsbücher versunken, auf der

Suche nach irgendeinem hoffnungstragenden Hinweis, als es an der

Tür klingelte. Um elf Uhr abends ... Das musste Herr Spillner sein,

mein Nachbar von unten. Er konnte schlecht laufen, aber der Alte

war weder taub noch blind; vermutlich hatte er mich nach Hause

kommen gehört und stieg hoch, mich zu fragen, ob ich ihm zufälligerweise

bis morgen mit einem Liter Öl oder drei Stück Zucker

aushelfen könnte oder vielleicht wollte er mit mir über ein sensibles

Thema, das er gerne bei der nächsten Eigentümerversammlung besprechen

würde, reden. Rentner, die können sich alles erlauben.

205


Ich nahm meine Lesebrille ab, legte meinen Stift aus der Hand und

ging die Tür öffnen. Trotzdem hakte ich aus reiner Gewohnheit die

Türkette ein.

Dies war nicht Herr Spillner.

Ein Unbekannter stand vor meiner Wohnungstür — was nutzt eine

Sprechanlage, wenn irgendwer in Ihr Haus eindringen und frei durch

die Stockwerke spazieren kann? Dies wäre vielleicht eine Frage für

die nächste Hauptversammlung ...

»Guten Abend der Herr ...«

Mein Gegenüber hatte ein sehr junges Gesicht. Er müsste höchstens

zwanzig sein. Er war ein paar Zentimeter größer als ich und sein an

den Schultern etwas zu großer Blouson, ließ ihn fast schmächtig aussehen.

»Britta Neumann? ...«

»Höchstpersönlich. Um was geht’s?«

Der Mann grinste mich in einer Art an, die mir nicht gefiel.

»Um Sie. Beziehungsweise um uns. Ich bin hier, damit Sie

sich für unsere Dienste erkenntlich zeigen können.«

»... Was meinen Sie? Wer sind Sie?«

»... Ein Freund. Wir sind bei Herr Nguyen gewesen. Er hat

uns versichert, Ihnen das Paket übergeben zu haben.«

Ich hab’s genau gewusst! Ich hätte darauf wetten können. Wenn

dieser Kerl die Lotterie gewesen wäre, wäre ich jetzt Millionärin.

»Darf ich einen Moment reinkommen? Es wird nicht lang

dauern.«

Ich war plötzlich bleich, gelähmt. Ich schätzte die Situation schnell

ein: Ich konnte gänzlich ablehnen zu kooperieren und gegenüber

diesem einen jungen Mann würde ich mich gut und gerne verteidigen

können. Aber auf eine Million waren die Chancen, dass es um

einen Kampf auf Augenhöhe ginge, gleich null. Femi hatte behauptet,

dass für einen Menschen, der sich auf ein betrügerisches Unternehmen

einlässt, isoliertes Handeln dem Laufen auf heißen Kohlen

entsprach. Dies erschien mir zur Stunde logisch. Und wenn ich an

dieser Theorie festhielt, müsste ich daraus ableiten, dass dieser Junge

bestimmt kein Einzelkämpfer war, denn er wirkte auf mich vollkommen

ruhig und seiner selbst sicher. Sollte ich ihm eine Abfuhr

erteilen, würde er später mit seinen Komplizen angerückt kommen,

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die sich wahrscheinlich weit schlechter aufgelegt erweisen würden,

als er derzeit. Es war so klar, wie zwei und zwei vier sind. Überflüssig

geworden, stellte mein Gehirn augenblicklich seine Arbeit ein;

ich entsicherte die Kette, öffnete die Tür und trat zur Seite, wie eine

Schlafwandlerin, um ihm Zutritt zu meinem Zuhause zu gewähren.

Der junge Mann schob mich gewaltlos vor sich her und schloss die

Tür.

Das Verzeichnis mit meinem Datenblatt und denen meiner Zeitgenossinnen

lag auf dem Tisch, neben dem, durch meine in der Mitte

steckende Brille offen gehaltenen, Geschäftsbuch das ich wälzte.

»Wir haben keine Kopien davon gemacht«, sagte er lässig,

mit dem Finger auf die Register deutend. »Ich schwör’s!«

Ich schwieg noch immer. Ich wartete darauf zu erfahren, in welche

Richtung der Wind sich drehen würde. Mein junger Gesprächspartner

schaute kurz aus dem Fenster, rieb sich die Hände, knackte seine

Knöchel, dann drehte er sich um und sprach mit klarer Stimme zu

mir.

»Hat Ihnen das Geschenk wenigstens gefallen?«

»Würden Sie bitte zur Sache kommen?«

Er bedachte mich mit einem leicht amüsierten Blick.

»Sie sind praktisch veranlagt ... Das ist gut. Lassen Sie uns

bitte einen Moment reden.«

Die gekünstelte Ausdrucksweise dieses jungen Mannes klang in

meinen Ohren wie das Knarren einer Tür. Ich setzte mich wieder auf

meine Couch und er nahm, ohne dass ich ihn dazu einlud, Platz auf

einem Stuhl, mir gegenüber.

»Don Rizzetti ist Ihr Wohltäter, Madam. Er betrachtet Sie,

als seinen Schützling. Er hat uns gebeten Ihnen einen Gefallen zu erweisen

und wir würden ihm natürlich nichts abschlagen. Sie waren

in Schwierigkeiten und unser Auftrag war, Ihre Probleme zu lösen.

Das ist erledigt. Nun möchten wir uns über einige Dinge mit Ihnen

unterhalten. Ein Projekt ...«

Der junge Mann machte eine Pause, wahrscheinlich dachte er, dass

es mir unter den Nägeln brennen würde, ihn mit Fragen zu bombardieren.

Ich tat nichts dergleichen. Er hatte auf jeden Fall ein

Mundwerk für zwei. Ich brauchte ihn mitnichten anzuschieben, sich

auszulassen, das schaffte er bestens alleine. Mir fiel auf, dass sein

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Deutsch, zwar von italienischem Singsang gefärbt, einwandfrei war.

Das war möglicherweise der Grund, warum Giancarlo ihn zu seinem

Kurier gemacht hatte.

(…/…)

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