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IS IT LOVE? Romane von Panini<br />
IS IT LOVE? <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>. – <strong>Gabriel</strong><br />
Angel Arekin, ISBN 978-3-8332-3950-2<br />
IS IT LOVE? <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>. – Matt<br />
Eva de Kerlan, ISBN 978-3-8332-3951-9<br />
Nähere Infos und we<strong>it</strong>ere spannende Romane unter<br />
www paninibooks de
<strong>Gabriel</strong><br />
Nach einer Idee von Claire Zamora<br />
Angel Arekin
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek<br />
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation<br />
in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische<br />
Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.<br />
Französische Originalausgabe: „<strong>Is</strong> <strong>it</strong> <strong>Love</strong>? – <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>. – <strong>Gabriel</strong>“<br />
von Angel Arekin, nach einer Idee von Claire Zamora,<br />
erschienen bei Hugo Publishing, Paris.<br />
© Nisha Ed<strong>it</strong>ions 2017<br />
Copyright © 2020 Ubisoft. Alle Rechte vorbehalten.<br />
Deutsche Ausgabe: Panini Verlags GmbH,<br />
Schlossstr. 76, 70176 Stuttgart.<br />
Geschäftsführer: Hermann Paul<br />
Head of Ed<strong>it</strong>orial: Jo Löffler<br />
Head of Marketing: Holger Wiest (email: marketing@panini.de)<br />
Presse & PR: Steffen Volkmer<br />
Übersetzung: Anne Thies<br />
Lektorat: Jürgen Zahn<br />
Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart<br />
Satz: Greiner & Reichel, Köln<br />
Druck: GGP Media, Pößneck<br />
Printed in Germany<br />
<strong>YDISIT001</strong><br />
ISBN 978-3-8332-3950-2<br />
1. Auflage, August 2020<br />
Auch als E-Book erhältlich:<br />
ISBN 978-3-7367-9893-9<br />
Findet uns im Netz:<br />
www paninicomics de<br />
PaniniComicsDE
Vorwort<br />
Es war eine große Herausforderung und ein neues Abenteuer<br />
für mich und meinen Mann, als wir im Mai 2015 unser erstes<br />
Spiel veröffentlichten: <strong>Is</strong> It <strong>Love</strong>? <strong>Gabriel</strong>. Wir wollten der<br />
immer wichtiger werdenden Nachfrage der Spielerinnen nachkommen<br />
und ein Spiel entwickeln, das sich von den anderen<br />
Videospielen auf dem Markt abhob. Unsere Idee war also, den<br />
Spielerinnen eine interaktive Liebesgeschichte anzubieten, die<br />
sowohl erwachsen als auch modern sein sollte.<br />
Anhand der <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>oration erschuf ich für unsere allererste<br />
<strong>Is</strong> It <strong>Love</strong>?-Story ein originelles Universum m<strong>it</strong> lebensnahen<br />
Figuren. Jede einzelne hat ihre eigenen Erfahrungen gemacht,<br />
eine mehr oder minder schmerzhafte Vergangenhe<strong>it</strong>, Schwachpunkte<br />
und Sehnsüchte. Die Figuren, m<strong>it</strong> denen die junge Frau im<br />
Spiel interagiert, sind mal unausstehlich, mal eifersüchtig, aber<br />
immer fesselnd, und sie verweisen auf ihre eigene Geschichte, auf<br />
ihre eigenen Sorgen. Gleichze<strong>it</strong>ig wird die Hauptfigur in romantische,<br />
manchmal auch aufwühlende S<strong>it</strong>uationen hineinversetzt,<br />
die ihr die Möglichke<strong>it</strong> geben, dem Alltag zu entkommen.<br />
Zudem identifizieren sich viele unserer Spielerinnen m<strong>it</strong> der<br />
Hauptfigur und durchleben tatsächlich, was sie erlebt. Sie sind<br />
nicht nur Zuschauerinnen, sondern werden zu Heldinnen.<br />
Die Spielerin muss regelmäßig zwischen zwei Antworten wählen.<br />
Es handelt sich hierbei um Entscheidungen, die den Charak-<br />
5
ter der Heldin, ihre Affin<strong>it</strong>äten und Rival<strong>it</strong>äten m<strong>it</strong> anderen Figuren<br />
sowie deren We<strong>it</strong>erentwicklung beeinflussen werden.<br />
Unsere Apps sind interaktiv: Neben den Entscheidungen sind<br />
auch die Schauplätze, die Figuren und bestimmte Szenen sorgfältig<br />
grafisch umgesetzt worden. Mehrere Schlüsselmomente<br />
werden durch geheime Szenen dargestellt, welche die Spielerin<br />
freischalten kann, wenn sie die richtigen Entscheidungen<br />
trifft. Übrigens, oftmals reden unsere Spielerinnen in der ersten<br />
Person, wenn sie von ihren Abenteuern m<strong>it</strong> <strong>Gabriel</strong> und anderen<br />
Figuren berichten. In nur wenigen Monaten hat das Spiel<br />
eine große Fangemeinde gewonnen. Aufgrund ihrer Nachfrage<br />
haben wir uns der Romanadaption unserer Spiele zugewandt.<br />
Zwei Bereiche, die sich nun endlich vereinen und ergänzen.<br />
Ich fühle mich wirklich geehrt, dass Angel, eine Autorin, deren<br />
Schreibweise und Denkweise ich schätze, Feuer und Flamme<br />
von der Idee war, sich <strong>Gabriel</strong>s Geschichte anzunehmen und<br />
diese zu adaptieren. Das war keine leichte Aufgabe. Denn auch<br />
wenn die Handlung des App-Szenarios grob übernommen wurde,<br />
hat sie ihr doch eine eigene Note verliehen.<br />
Die Ereignisse entfalten sich nicht in derselben Reihenfolge<br />
wie im Spiel und werden durch neue S<strong>it</strong>uationen eingele<strong>it</strong>et.<br />
Wie zum Beispiel die Umstände beim ersten Treffen der beiden<br />
Liebenden!<br />
Ich bin absolut begeistert von dieser Adaption. Ich habe gelächelt,<br />
als ich die Charakterzüge meiner Figuren darin wiederentdeckte,<br />
und mich von Angels Vision komplett überraschen<br />
lassen.<br />
Im Endeffekt habe ich den Roman verschlungen, als würde<br />
ich die Geschichte zum ersten Mal lesen.<br />
Es gibt bere<strong>it</strong>s mehrere Spiele zur <strong>Is</strong> It <strong>Love</strong>?-Saga, die ihr<br />
m<strong>it</strong> euren Smartphones und Tablets erkunden könnt (www.is<strong>it</strong>love.net).<br />
Wir haben vor, noch we<strong>it</strong>ere interaktive Geschichten<br />
zu entwickeln und völlig andere Universen zu erforschen.<br />
<br />
Claire Zamora<br />
6
1<br />
Lass mich dich hassen<br />
Ashley<br />
Es kam, wie es kommen musste … das war ja so klar. Mann,<br />
bin ich blöd!<br />
Ungeduldig rutsche ich hinter meinem Lenkrad hin und her<br />
und tappe m<strong>it</strong> dem Fuß auf der Fußmatte herum. Aus dem Radio<br />
ertönt eine Musik, die mir unter anderen Umständen das<br />
Trommelfell hätte platzen lassen, aber ich bin gedanklich so<br />
we<strong>it</strong> weg, dass ich sie nicht mal zum Kotzen finde. Alle drei Sekunden<br />
schaue ich auf die Uhr. Ich komme zu spät …<br />
Mein erster Arbe<strong>it</strong>stag im neuen Job, und ich werde zu spät<br />
kommen, weil mir irgendein Idiot mein Benzin abgezapft hat.<br />
Ich hasse diese Stadt!<br />
New York ist ein fauliger Apfel, in dem es von Paras<strong>it</strong>en, die<br />
nach frischem Blut gieren, nur so wimmelt … oder wie in diesem<br />
Fall, nach Benzin.<br />
Was habe ich mir nur dabei gedacht herzukommen?<br />
Dreißig Minuten hat es gedauert, bis ich an der Zapfsäule<br />
war. Als wenn es in ganz Manhattan nur eine einzige gäbe!<br />
Mir bleiben nur noch 15 Minuten, um pünktlich zu sein. Und<br />
die scheinen unglaublich schnell zu verrinnen, als hätte die Ze<strong>it</strong><br />
höchstpersönlich beschlossen, mir ausgerechnet heute den Tag<br />
zu vermiesen.<br />
Nur noch ein Auto vor mir … Gott sei Dank! Ich kaue auf<br />
meinen Fingernägeln herum und werfe einen kurzen Blick zu<br />
7
den Autos, die unaufhörlich in die Eleventh Avenue hineinfahren.<br />
Meine Hoffnung ist dahin. Das war’s. Selbst wenn sich<br />
das Auto vor mir beeilt, wird der Stau so viel Ze<strong>it</strong> fressen, dass<br />
ich niemals rechtze<strong>it</strong>ig bei <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>. ankommen werde. Ich<br />
könnte heulen. Mein Magen zieht sich schwungvoll zu einem<br />
Knoten zusammen. Ich werde wahrscheinlich entlassen, bevor<br />
ich überhaupt angefangen habe, dort zu arbe<strong>it</strong>en. Wochenlang<br />
habe ich die Kleinanzeigen durchstöbert. Se<strong>it</strong> sechs Monaten<br />
habe ich mich m<strong>it</strong> einem Minijob nach dem anderen abgeplagt,<br />
wobei das Gehalt kaum gereicht hat, um die Miete zu zahlen.<br />
Und jetzt, da ich einen Job in einem der größten Unternehmen<br />
in ganz Manhattan gefunden habe, noch dazu in meinem Kompetenzbereich,<br />
versaue ich die Sache, weil irgendein Idiot meinen<br />
Benzintank angezapft hat!<br />
Endlich fährt das Auto vor mir los. Ich atme tief ein und<br />
schalte in den ersten Gang. Es ist ein Oldtimer m<strong>it</strong> Gangschaltung,<br />
den mir meine Mutter zum 16. Geburtstag geschenkt hat.<br />
Eine der wenigen Erinnerungen, die mir von ihr geblieben ist.<br />
Dieses Auto ist mein Ein und Alles.<br />
Gerade als ich mich in Richtung Zapfsäule in Bewegung setze,<br />
taucht plötzlich ein knallroter Ferrari Berlinetta vor mir auf,<br />
dreht sich um die eigene Achse und drängt sich mir nichts, dir<br />
nichts vor mich. Wütend hämmere ich auf die Hupe und stoße<br />
ein verärgertes Heulen aus. Was soll der Mist?<br />
Völlig ungeniert, als hätte er sich nicht vorgedrängelt, steigt<br />
dieser Widerling aus seiner Luxuskarre. Ein blonder Typ in einem<br />
schwarzen, perfekt s<strong>it</strong>zenden Dre<strong>it</strong>eiler und modischer<br />
Fliegersonnenbrille – einer von denen, die sich was auf ihr Aussehen<br />
und ihr Geld einbilden – schlendert lässig zur Zapfsäule.<br />
Meine Hupe und mich ignoriert er einfach.<br />
Fuchsteufelswild kurbele ich das Fenster herunter und brülle:<br />
„He, Sie! Was fällt Ihnen ein? Fahren Sie da weg!“ Er würdigt<br />
mich keines Blickes und signalisiert mir stattdessen m<strong>it</strong> einem<br />
Handzeichen zu warten.<br />
Das ist doch nicht zu fassen!<br />
8
Völlig entgeistert und am Ende meiner Geduld öffne ich meine<br />
Autotür und marschiere auf meinen zehn Zentimeter hohen<br />
Absätzen zu diesem unverschämten Typen.<br />
Als er dabei ist, nach der Zapfpistole zu greifen, tippe ich<br />
ihm m<strong>it</strong> der Fingersp<strong>it</strong>ze auf die Schulter. Er dreht den Kopf<br />
und scheint mich durch seine grün getönten Brillengläser anzustarren.<br />
„Sie haben sich vorgedrängelt. Hauen Sie ab!“<br />
„Ich hab’s eilig. Ich muss dringend zu einem Meeting“, antwortet<br />
er m<strong>it</strong> unverhohlener Dreistigke<strong>it</strong>.<br />
„Geht mir genauso, aber deshalb drängle ich mich trotzdem<br />
nicht vor. Fahren Sie Ihr Auto weg!“<br />
„Sie vergeuden nur unser aller Ze<strong>it</strong>. Je schneller ich fertig<br />
bin, desto schneller kommen Sie dran.“<br />
Ich werde diesen Typen m<strong>it</strong> seiner schnieken Seidenkrawatte<br />
erwürgen!<br />
Als hätte ich mich einfach in Luft aufgelöst, dreht er sich um<br />
und schickt sich an, die Zapfpistole in den Tank seines Ferraris<br />
zu stecken. Ich halte es für recht und billig, ihn auf den Boden<br />
der Tatsachen zurückzuholen: „Nur weil Sie ein teures Auto<br />
fahren, haben Sie nicht mehr Rechte als die anderen!“<br />
Ich stelle mich vor seinen Tank, die Hände in die Hüften gestemmt,<br />
fest entschlossen, ihm das Leben schwer zu machen.<br />
Obwohl er gerade erst m<strong>it</strong> mir gesprochen hat, hebt er den<br />
Blick zu mir, als hätte er mich noch nie zuvor gesehen.<br />
„Was genau machen Sie da eigentlich?“<br />
„Ich will, dass Sie Ihr Auto wegfahren!“<br />
Er befeuchtet seine Lippen m<strong>it</strong> der Zunge und stößt dann einen<br />
gereizten Seufzer aus.<br />
„Ich möchte, dass Sie Ihr Hinterteil von meinem Auto wegbewegen.“<br />
„Nein!“<br />
„Was heißt hier ‚Nein‘?“<br />
„Dieses Wort scheint Ihnen nicht geläufig zu sein. Soll ich es<br />
vielleicht wiederholen? Ich sagte: Nein, ich werde mich nicht<br />
9
von der Stelle rühren, bevor Sie nicht Ihr Fahrzeug weggefahren<br />
und sich wie alle anderen angestellt haben.“<br />
Er wirft einen kurzen Blick auf die wartende Autoschlange,<br />
bevor er sich erneut mir zuwendet. Dann hängt er die Zapfpistole<br />
wieder auf und kommt selbstsicher einen Schr<strong>it</strong>t näher.<br />
Mir wird auf einmal klar, dass dieser Mann es wohl tatsächlich<br />
nicht gewohnt ist, dass man sich seinen Anordnungen widersetzt<br />
oder genauer gesagt, dass man sich ihm verweigert.<br />
Ich schlucke und bin plötzlich leicht nervös. Abgesehen davon,<br />
dass ich Ze<strong>it</strong> an einen Typen verschwende, der glaubt,<br />
sich alles herausnehmen zu dürfen, weil er Geld hat, habe ich<br />
nichts zu verlieren. Aber er könnte auch ein totaler Irrer m<strong>it</strong> einem<br />
Messer in seinem schicken Armani-Sakko sein. Wir sind<br />
schließlich in New York. Warum bin ich denn nur immer so<br />
impulsiv?<br />
Er legt eine Hand auf die Karosserie des Berlinetta, nur wenige<br />
Zentimeter von meiner Schulter entfernt. Ein heftiges Kribbeln<br />
durchströmt mich, als er mich leicht berührt. Durch das<br />
grüne Rauchglas seiner Brille kann ich einen amüsierten und<br />
forschenden Blick auf mir spüren. Er kommt so dicht zu mir<br />
her, dass seine Brust die meine berührt und ich mich zurückhalten<br />
muss, um nicht aufzuschreien und ihn zurückzustoßen …<br />
und mich in Sicherhe<strong>it</strong> zu bringen. Völlig unverfroren mustert<br />
er mein Gesicht, wobei ein Lächeln seine Lippen umspielt.<br />
Nachdem er dam<strong>it</strong> fertig ist, habe ich mich nicht vom Fleck gerührt,<br />
ich beharre auf meinem Standpunkt. M<strong>it</strong>tlerweile werden<br />
die Kunden der Tankstelle ungeduldig und fangen an zu<br />
hupen. Da flüstert er m<strong>it</strong> heiserem und ungehobeltem Tonfall:<br />
„Bewegen Sie Ihren hübschen kleinen Arsch da weg.“<br />
Sofort überkommt mich eine Welle des Zorns. Ich beiße die<br />
Zähne zusammen, doch dann entspanne ich meinen Kiefer.<br />
„Nein. Glauben Sie wirklich, Sie können sich alles erlauben?“<br />
„Glauben Sie, Sie können mich dazu bringen wegzufahren?“<br />
„Wenn Sie es nicht tun, zerkratze ich Ihr Scheißauto.“<br />
Ich halte ihm meine Schlüssel unter die Nase, fest entschlos-<br />
10
sen, nicht klein beizugeben und seinen megateuren Lack zu verunstalten.<br />
„Ich bezweifle sehr stark, dass Sie die nötigen M<strong>it</strong>tel haben,<br />
um einen Anwalt zu bezahlen, sollten Sie das wirklich versuchen.“<br />
Er deutet m<strong>it</strong> seinem Kinn auf mein altes Auto.<br />
„<strong>Is</strong>t das alles, was Sie zu Ihrer Verteidigung zu sagen haben?<br />
Sie rufen Ihren Anwalt an? Wie mutig!“, erwidere ich und klatsche<br />
in die Hände, was ihn zwingt, etwas zurückzuweichen.<br />
Dieses Mal zeichnet sich ein spöttisches Lächeln auf seinen<br />
Lippen ab. Überaus ansehnliche Lippen, nebenbei gesagt, aber<br />
ich bin zu genervt, um mich an Details zu erfreuen.<br />
„Wenn ich Sie anfasse, werden Sie wahrscheinlich den Ihren<br />
anrufen.“<br />
„So zartbesa<strong>it</strong>et bin ich nicht, Mister Berlinetta.“<br />
Er lacht auf, was seine Überraschung darüber ausdrückt,<br />
dass ich die Marke seines Autos kenne.<br />
„Interessant. Mir scheint, wir befinden uns in einer Zwickmühle.<br />
Dank Ihnen verlieren wir beide wertvolle Ze<strong>it</strong>. Die Leute<br />
werden ungeduldig. Ich werde mein Auto nicht wegfahren,<br />
bevor ich nicht getankt habe, und Sie werden Ihre entzückende<br />
Erscheinung, die mir die Sicht versperrt, nicht von der Stelle<br />
rühren.“<br />
Innerlich bin ich außer mir vor Wut, doch ich versuche, einen<br />
kühlen Kopf zu bewahren, sonst brülle ich ihn noch an. Dieser<br />
Tag beginnt wirklich beschissen.<br />
„Wegen Ihnen werde ich wahrscheinlich rausgeschmissen,<br />
bevor ich meine neue Stelle überhaupt angetreten habe. Es steht<br />
also nicht zur Debatte, dass ich nachgebe.“<br />
Das ist nicht die ganze Wahrhe<strong>it</strong>. Ich bin wegen eines Benzindiebs<br />
in dieser blöden Lage, aber die Impertinenz dieses Typen<br />
kann ich absolut nicht abhaben.<br />
Erstaunt zieht er eine Augenbraue hoch. Er gibt ein mildes<br />
Lachen von sich.<br />
„Wirklich bedauerlich, nicht wahr?“<br />
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Er ist die Ruhe selbst, während mein Herz wie verrückt<br />
schlägt und sowohl Frustration als auch Wut wie Säure durch<br />
meine Adern fließen. Ich bin verzweifelt. Ich habe nichts mehr<br />
zu verlieren. Mein Leben in New York geht heute entweder<br />
ganz auf Anfang zurück oder es wird sich endlich was ändern.<br />
Seinetwegen! Aber ich schätze, bei dem Auto, das er fährt, seinem<br />
megateuren Anzug und seiner Arroganz wird Geld nicht<br />
sein vorrangiges Problem sein. Für mich geht’s ums Überleben.<br />
Für ihn ums Gewinnen.<br />
M<strong>it</strong> der Fingersp<strong>it</strong>ze schiebt er sich seine Sonnenbrille auf<br />
den Kopf hoch und taucht m<strong>it</strong> seinen Augen in meine ein, solch<br />
eine Iris habe ich noch nie gesehen: Ihre Farbe ist eine Mischung<br />
aus Azurblau und Smaragdgrün, ähnlich dem durchscheinenden<br />
Meerwasser der Karibik. Vor Überraschung bin ich völlig<br />
bezaubert von ihrer ungewöhnlichen Schönhe<strong>it</strong> und der Anziehungskraft,<br />
die von ihnen ausgeht, als wäre es unmöglich, ihnen<br />
zu entkommen. Widerstandslos verliere ich mich in den Augen<br />
dieser arroganten Person. Mein Puls rast wie wild. Im Karibischen<br />
Meer wimmelt es von Haien, aber fasziniert von seinen<br />
azurblauen Augen vergesse ich das für einen kurzen Moment<br />
vollkommen. Doch diese verblüffende Farbe ändert nichts an<br />
diesem spöttischen Funken, der in ihnen glüht, während ein immer<br />
verführerisches und sarkastischeres Lächeln auf seinen Lippen<br />
erscheint, das mich urplötzlich in die Real<strong>it</strong>ät zurückholt.<br />
Er verringert den Abstand zwischen uns, ich habe eine kühle<br />
Schönhe<strong>it</strong> vor mir, etwas nordisch angehaucht, m<strong>it</strong> perfekt<br />
rasiertem, scharfkantigem Kinn, schmaler Nase, geröteten und<br />
vollen Lippen sowie zwei Augen, die sich ihres verführerischen<br />
Potenzials überaus bewusst sind. Eine blonde Strähne fällt ihm<br />
in die Stirn. Lässig streift er sie nach hinten und legt dann seine<br />
Hand nicht we<strong>it</strong> von meiner Schulter ab. Eine starke und überwältigende<br />
Anspannung erfasst meinen ganzen Körper. Er steht<br />
so nah bei mir, dass ich den Kopf heben muss, um ihm we<strong>it</strong>erhin<br />
ins Gesicht schauen zu können. Es ist nicht ratsam, solche<br />
Typen aus den Augen zu lassen. Viel zu gefährlich.<br />
12
„Was schlagen Sie vor, Miss Fury?“, fragt er und spielt dam<strong>it</strong><br />
auf meinen Plymouth Fury an, der verlassen einige Meter<br />
hinter uns steht.<br />
Er beugt sich zu mir herunter und bringt dieses anmaßende<br />
Gesicht, das zu schön ist, um wahr zu sein, noch näher an mich<br />
heran, bis seine Lippen an meinem Ohr sind. Mein Körper versteift<br />
sich von Kopf bis Fuß, als sein Moschusparfum mich umströmt.<br />
Seine Wange streift die meine, und sein Flüstern dringt<br />
ungehemmt auf mich ein: „Ich könnte auch weniger zurückhaltend<br />
sein, wenn Sie es wünschen.“<br />
Ich verkrampfe mich bei seinen zweideutigen Worten und bin<br />
versucht zurückzuweichen, allerdings bin ich zwischen der Karosserie<br />
des Berlinetta und seiner Brust eingeklemmt, die von<br />
einer königsblauen Krawatte geschmückt wird. Er neigt sich<br />
etwas zurück, we<strong>it</strong> genug, dam<strong>it</strong> ich einen flüchtigen Blick auf<br />
sein spöttisches Grinsen erhaschen kann. Er holt seine Geldbörse<br />
aus der Hosentasche hervor und hält mir unverm<strong>it</strong>telt eine<br />
50-Dollar-Note hin.<br />
„Für die Anwaltskosten …“<br />
Ein unbändiger Zorn steigt in mir hoch. Mir springen beinahe<br />
die Augen aus dem Kopf und ohne nachzudenken hebt<br />
sich meine Hand und schlägt kräftig zu. Prompt zieht er sich zurück,<br />
völlig baff über die Verwegenhe<strong>it</strong> und Wucht der Ohrfeige.<br />
Die Abdrücke meiner Finger beginnen sich auf seiner Wange<br />
abzuzeichnen. Seine Sonnenbrille ist heruntergefallen, m<strong>it</strong>ten<br />
in eine Benzinpfütze. Seine blonden Strähnen sind in alle Richtungen<br />
davongeflogen und einige davon in seine Stirn gefallen.<br />
Er richtet ein Augenpaar auf mich, das einem zweiläufigen<br />
Revolver gleicht, und fährt sich m<strong>it</strong> dem Handrücken über die<br />
Wange, während ich panisch in Richtung meines Autos eile und<br />
dam<strong>it</strong> seinen Tank freigebe. Noch immer adrenalingeladen rufe<br />
ich ihm zu:<br />
„Nicht jeder ist käuflich, Berlinetta. Sie können mich mal!“<br />
M<strong>it</strong> großen Schr<strong>it</strong>ten laufe ich zu meinem Plymouth, ohne<br />
ihm die Ze<strong>it</strong> zu lassen, etwas zu erwidern. Noch immer to-<br />
13
tal geschockt setze ich mich hinters Steuer, einerse<strong>it</strong>s bin ich<br />
stinksauer, andererse<strong>it</strong>s verblüfft darüber, was ich getan habe.<br />
M<strong>it</strong> einem Mal verpufft das Adrenalin und an seine Stelle tr<strong>it</strong>t<br />
Angst, die langsam von meinem Körper Bes<strong>it</strong>z ergreift. Er hätte<br />
mich auch einfach anschreien, mich m<strong>it</strong> Gewalt wegstoßen oder<br />
auf mich einschlagen können. Wir sind hier in New York … Ich<br />
kenne diesen Typen nicht. Es hat schon wesentlich blutigere Taten<br />
für weniger als das gegeben! Warum bin ich nur so leichtsinnig?<br />
Ich klammere mich an mein Lenkrad und vermeide es, in seine<br />
Richtung zu schauen, aber ich spüre seinen Blick durch die<br />
Windschutzscheibe hindurch. Das Gehupe um uns herum wird<br />
immer lauter.<br />
Als ich schließlich den Mut aufbringe, meine Augen in Richtung<br />
Ferrari zu lenken, ist das verhasste Individuum, das so<br />
schön ist wie ein skandinavischer Gott, gerade dabei, seinen<br />
Tank zu befüllen. Als er fertig ist, strafft er die Schultern und<br />
wirft mir einen kurzen Blick zu, der mich in meinem S<strong>it</strong>z zusammensinken<br />
lässt, als wären seine Augen m<strong>it</strong> der magischen<br />
Anziehungskraft in der Lage, mich an Ort und Stelle in Luft<br />
aufzulösen oder mich lichterloh in Flammen aufgehen zu lassen.<br />
Ich z<strong>it</strong>tere noch immer, und meine Eingeweide sind we<strong>it</strong>erhin<br />
zugeschnürt, und zwar so sehr, dass nicht mal eine Flasche<br />
Médoc etwas dagegen ausrichten könnte.<br />
Er fährt sich m<strong>it</strong> der Hand durch die blonden Haare, sein<br />
Blick bleibt an meinem kleben, und dann geht er m<strong>it</strong> selbstsicherem<br />
Gang zur Theke, um zu bezahlen. Mir fällt auf, wie<br />
groß er eigentlich ist, wie drahtig und viel zu muskulös für meinen<br />
Geschmack. Ich habe einem Typen eine runtergehauen, der<br />
mich um zwanzig Zentimeter überragt! Jetzt ist es offiziell, ich<br />
habe sie nicht mehr alle.<br />
Als er zurückkommt, visieren mich seine verwirrenden Augen<br />
sofort wieder an, als wäre ich bere<strong>it</strong>s nichts we<strong>it</strong>er als das<br />
Überbleibsel einer w<strong>it</strong>zigen Geschichte, und als er seine Autotür<br />
öffnet, um in sein Auto zu steigen, winkt er mir kurz zu und<br />
14
schickt ein verdammtes, amüsiertes Lächeln hinterher. Ich hätte<br />
fester zuschlagen sollen!<br />
Arschloch!<br />
Er steigt ein, und im Handumdrehen verschwindet der Berlinetta<br />
in der Avenue, von der Masse der Fahrzeuge verschluckt.<br />
Mehrere Sekunden lang rühre ich mich nicht, bis ein neuer<br />
Schwall von Hupgeräuschen zu hören ist und mich wieder in<br />
die Real<strong>it</strong>ät holt; ich beeile mich, zur Zapfsäule vorzufahren<br />
und endlich zu tanken.<br />
Als ich schließlich einen Parkplatz gefunden habe, bin ich m<strong>it</strong><br />
einer Stunde und fünfzehn Minuten deutlich zu spät. Das ist der<br />
Tiefpunkt meines Lebens! Ich laufe so schnell, wie es mir mein<br />
Bleistiftrock und meine High Heels erlauben, von der Tiefgarage<br />
zum Gebäude.<br />
Auf dem völlig überfüllten Gehsteig springe ich im Zickzack<br />
und schimpfe dabei auf den Schönling von der Tankstelle. Ich<br />
muss furchtbar aussehen. Mein Dutt s<strong>it</strong>zt nicht mehr richtig.<br />
Ich spüre, wie lose Haarsträhnen meine Wangen k<strong>it</strong>zeln, und<br />
im Auto war ich so unruhig, dass mein Lippenstift schon lange<br />
verblasst ist.<br />
An der Kreuzung von der Sixth Avenue zur 38. Straße angekommen,<br />
erstarre ich zur Salzsäule, als ich den gewaltigen Turm<br />
aus Glas und Stahl sehe, der sich vor mir erhebt. Du liebe Ze<strong>it</strong>!<br />
Mein Herz schlägt bis zum Hals. Wenn nicht alles so schiefgelaufen<br />
wäre, hätte ich mir hier ein Zuhause aufbauen können,<br />
Karriere machen, ja sogar mein ganzes Leben danach ausrichten<br />
können.<br />
Dieses Gebäude ist gigantisch, beinahe überproportional.<br />
Wie viele Stockwerke hat es wohl?<br />
Mir bleibt der Mund offen stehen. Die Leute umschwärmen<br />
mich, als wäre ich gar nicht da, fehlt nur noch, dass sie mich<br />
anrempeln. Ich muss wirklich wie ein Landei wirken, aber ich<br />
bin noch nicht lange genug in New York, um mich an die gewaltigen<br />
Ausmaße dieser erdrückenden Stadt gewöhnt haben<br />
zu können. Andauernd habe ich das Gefühl, dass etwas durch<br />
15
diese überfüllten Straßen tobt, die in ständiger Bewegung sind,<br />
als würde ein Monster darunter lauern, das nur darauf wartet,<br />
sich zu erheben.<br />
Ich atme tief ein und schicke ein Stoßgebet zum Himmel,<br />
dass man mir eine Chance geben möge. Eine unsinnige Hoffnung,<br />
mir vorzumachen, dass meine Karriere nicht kurz davorsteht,<br />
beendet zu werden, bevor sie überhaupt begonnen hat.<br />
Ich begebe mich zur Drehtür des Gebäudes, und gerade als<br />
ich denke, dass es letzten Endes doch noch etwas zu retten<br />
gibt, rempelt mich irgendein Typ ziemlich ruppig an. Ich stürze<br />
zu Boden und stoße einen Laut der Verblüffung aus, und wie<br />
ich da auf meinem Hintern liege, mein Rock ist mir halb über<br />
die Knie hochgerutscht, sehe ich entsetzt dabei zu, wie sie sich<br />
aus dem Staub macht … meine Handtasche und ihr Dieb. Ich<br />
schreie auf, um die Passanten darauf aufmerksam zu machen,<br />
doch nicht einer von ihnen schaut zu mir herunter. Ich bin völlig<br />
unsichtbar in dieser Stadt!<br />
„He! Stehen bleiben!“, brülle ich so laut wie möglich, allerdings<br />
vergeblich.<br />
Schwankend richte ich mich auf und sehe, wie der Dieb in<br />
der Menge untertaucht und seinen Weg in Richtung Sixth Avenue<br />
fortsetzt.<br />
Das darf doch nicht wahr sein, b<strong>it</strong>te erschießt mich!<br />
Ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen und Ruhe zu<br />
bewahren, obwohl meine Hände z<strong>it</strong>tern. Ich atme tief ein und<br />
dann wieder aus, bis meine Lungen komplett leer sind.<br />
Ich habe jetzt zwei Möglichke<strong>it</strong>en: Entweder renne ich auf<br />
Pfennigabsätzen hinter ihm her, um eventuell meine Handtasche<br />
zurückzugewinnen, oder ich vergesse mein Smartphone,<br />
meinen Lippenstift und meinen Ausweis und versuche stattdessen,<br />
den Rest meines plötzlich in sich zusammenstürzenden Lebens<br />
zu retten.<br />
Was für ein Scheißtag!<br />
Ich z<strong>it</strong>tere am ganzen Körper und obendrein tut mir der Hintern<br />
und mein Handgelenk weh. Der Dieb hat dermaßen fest<br />
16
am Riemen meiner Tasche gezerrt, dass das Leder Striemen auf<br />
meiner Haut hinterlassen hat. Ich bin so sauer, dass ich aus lauter<br />
Frust und Angst wie ein kleines Mädchen aufstampfe. Was<br />
stimmt nur nicht m<strong>it</strong> mir?<br />
Warum heute? Warum heute?<br />
Diese Frage kreist unaufhörlich in meinem Kopf herum. Ich<br />
bin kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich kann einfach nicht<br />
mehr!<br />
Erst weckt mich die Metro m<strong>it</strong> einem haarsträubenden Lärm,<br />
der die Gläser im Regal wackeln lässt, dann wird mir mein Benzin<br />
abgezapft, ein Penner drängelt sich vor mich, obwohl ich<br />
spät dran bin, ich brauche ewig, um einen Parkplatz zu finden,<br />
und jetzt auch noch das … Unglaublich, dass mir so was passiert!<br />
Jemand hat mich verhext, das ist die einzig plausible Erklärung,<br />
schlimmer kann’s nicht mehr werden …<br />
Mir klingeln die belehrenden Worte meines Vaters in den<br />
Ohren, als würde meine Sicherhe<strong>it</strong> oder ich im Allgemeinen ihn<br />
in irgendeiner Weise interessieren: „Du brauchst das Auto nicht<br />
in New York. Fahr m<strong>it</strong> der Metro wie alle anderen auch.“<br />
Scheiße, das ist wohl das erste Mal, dass ich es bereue, nicht<br />
auf ihn gehört zu haben!<br />
Was soll’s, ich wende mich von der Menge und dem Dieb ab,<br />
der sich in Luft aufgelöst hat, und schre<strong>it</strong>e durch die Eingangstür<br />
der <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>oration.<br />
Ich kann nur hoffen, dass meine Stelle noch auf mich wartet<br />
und ich nicht schon von einer Horde New Yorker ersetzt wurde,<br />
die meinen Job wollen.<br />
Beim Betreten der Empfangshalle blendet mich das gleißende<br />
Licht, das von den Glaswänden widergespiegelt wird. Von<br />
allem geht eine majestätische Kälte aus. Die Decke ist so hoch,<br />
dass sie die Angestellten, die ein und aus gehen, winzig klein erscheinen<br />
lässt. Der Luxus wird streng durchgezogen: Die Einrichtung<br />
sowie die Dekoration ist schlicht gehalten, nur der<br />
Name CARTER’S ist über dem Schalter der Empfangsdamen<br />
angebracht.<br />
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Sofort gehe ich dorthin und lehne mich in dem Versuch, meine<br />
Haltung zurückzugewinnen, an die Theke. Ich gebe mir keine<br />
Mühe, eine gelassene oder gestresste Miene aufzusetzen. Ich<br />
zwinge mich lediglich zu einem Lächeln, als die Sekretärin den<br />
Blick von ihrem Computer hebt.<br />
„Guten Tag, willkommen bei <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>oration“, begrüßt<br />
sie mich m<strong>it</strong> einer Stimme, die aus Gewohnhe<strong>it</strong> geschwollen<br />
und aufgesetzt klingt.<br />
„Guten Tag.“<br />
„Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“<br />
Ich schlucke unbehaglich und streiche mechanisch meine<br />
knallrote Bluse glatt, auch wenn ich einen erbärmlichen Eindruck<br />
mache. Es ist hoffnungslos.<br />
„Ich heiße Ashley Styles. Ich … Heute ist mein erster Arbe<strong>it</strong>stag<br />
im Kommunikationsdienst. Ich … ich bin ziemlich spät<br />
dran.“<br />
Die Sekretärin – eine bildhübsche Blondine in tadelloser Aufmachung<br />
– betrachtet mich m<strong>it</strong> großen blauen und neugierigen<br />
Augen. Ein Lächeln erscheint langsam auf ihren Lippen.<br />
„So ist das immer“, versichert sie mir. „Die wichtigsten Tage<br />
laufen nie so wie geplant. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes.“<br />
Oh! Halb so wild: So ein Arsch hat mir mein Benzin geklaut,<br />
ein zwe<strong>it</strong>er dann meinen Platz und der dr<strong>it</strong>te meine Handtasche.<br />
Heute ist Arschloch-Tag!<br />
Als mein Blick flüchtig über mein Abbild in einem der Spiegel<br />
des Gebäudes gle<strong>it</strong>et, fällt mir auf, dass meine Strumpfhose<br />
zerrissen ist. Na wunderbar!<br />
„Ich … fürchte, mir wurde auf dem Gehweg meine Handtasche<br />
geklaut.“<br />
Ruckartig richtet sie sich auf, die Hände flach auf dem Tresen<br />
liegend, und kneift die Augen m<strong>it</strong> Blick auf die Straße zusammen,<br />
so als könnte sie den Schuldigen noch ausfindig machen.<br />
„Sie sind doch hoffentlich nicht verletzt, oder? Herrje, diese<br />
Stadt … <strong>Is</strong>t denn niemand stehen geblieben? Ich habe niemanden<br />
schreien gehört.“<br />
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„Ich … habe geschrien, aber anscheinend nicht laut genug für<br />
diese Stadt. Und nein, ich bin nicht verletzt, nur mein Stolz ist<br />
etwas angeschlagen.“<br />
Sie betrachtet mich m<strong>it</strong> einem wohlwollenden Blick, wie eine<br />
Krankenschwester auf der Suche nach einer Verletzung.<br />
„Sie sehen furchtbar aus“, konstatiert sie.<br />
„Äh … danke.“<br />
Sie lächelt und schüttelt dabei den Kopf.<br />
„Tut mir leid. Sie sehen ein wenig m<strong>it</strong>genommen aus, möchten<br />
Sie einen Kaffee, bevor wir zu Ihrem Arbe<strong>it</strong>splatz raufgehen?“<br />
„In Anbetracht der Uhrze<strong>it</strong> denke ich, um ehrlich zu sein, es<br />
wäre besser, wenn ich … ich weiß auch nicht, mich vor die Füße<br />
meines neuen Chefs werfe und ihn anflehe, mir meine Verspätung<br />
zu verzeihen.“<br />
„Keine Sorge, ich bin mir sicher, dass er das verstehen wird“,<br />
sagt sie und versucht mich zu beruhigen. „Sagen Sie mir noch<br />
mal Ihren Namen.“<br />
„Ashley Styles.“<br />
Sie setzt sich wieder hinter ihr Pult und tippt etwas in ihren<br />
Computer.<br />
„Ah ja, 42. Etage, Kommunikationsdienst. Für welche Stelle<br />
wurden Sie ausgewählt?“, fragt sie mich und steht auf.<br />
„Kommunikationsassistentin.“<br />
„Oh, sehr gut. Sie werden schon sehen, das ist ein toller Job.“<br />
Falls ich ihn behalte …<br />
Sie verlässt die Rezeption und gesellt sich zu mir. Dann deutet<br />
sie auf die Aufzüge und folgt mir.<br />
„Ihre Strumpfhose hat eine Laufmasche“, bemerkt sie.<br />
„Ja …“<br />
Ich grinse m<strong>it</strong> gespielter He<strong>it</strong>erke<strong>it</strong>, die in einem plötzlichen<br />
kläglichen Husten untergeht.<br />
„Ich glaube, heute ist nicht mein Tag.“<br />
„Wir haben hier einen Personal Assistance Service. Ich werde<br />
Ihnen neue bestellen.“<br />
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„Das würden Sie tun?“<br />
„Natürlich. Ich werde Sie sicher nicht m<strong>it</strong> dieser Kleidung im<br />
Stich lassen.“<br />
Sie zwinkert mir zu.<br />
„Sie sind ein Engel. Sie retten mir den Tag.“<br />
Sie drückt auf den Rufknopf für den Aufzug und tr<strong>it</strong>t dann<br />
beise<strong>it</strong>e, um mich in die Kabine hineinzulassen.<br />
„Was Ihre Handtasche betrifft, machen Sie mir eine Liste von<br />
den Dingen, die darin waren, dann kümmere ich mich um den<br />
Papierkram und halte Sie auf dem Laufenden. Soll ich einen<br />
Schlosser für Ihre Wohnung rufen?“<br />
Daran hatte ich vor lauter Angst um meine Stelle bei <strong>Carter</strong><br />
<strong>Corp</strong>. nicht mal gedacht. Ich nicke mechanisch und starre die<br />
Glaswand des Aufzugs an, der sich schnell nach oben bewegt<br />
und mir Übelke<strong>it</strong> bere<strong>it</strong>et.<br />
„Ja, ich habe keine Schlüssel mehr … außer meinen Autoschlüsseln.“<br />
Ich spiele m<strong>it</strong> dem Schlüsselbund um meinem Zeigefinger.<br />
Zum Glück habe ich den in der Hand behalten! Sonst wäre ich<br />
total ausgeflippt. Niemand rührt mein Auto an!<br />
Die Aufzugstüren öffnen sich und geben den Blick frei auf<br />
einen we<strong>it</strong>räumigen und in schlichtem Grau gehaltenen Flur im<br />
42. Stockwerk.<br />
„Folgen Sie mir.“<br />
Leicht nervös bei der Vorstellung, was mich wohl erwartet,<br />
laufe ich der Sekretärin hinterher.<br />
Hinter zahlreichen Glaswänden sind die luxuriösen Büros<br />
der <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>oration zu erkennen. Alles hier spiegelt Qual<strong>it</strong>ät,<br />
Opulenz und einen Sinn für Wettbewerbsfähigke<strong>it</strong> unter der<br />
Regie einer gewissen Strenge wider. Es gibt keinen übermäßigen<br />
Schnickschnack, keine k<strong>it</strong>schigen Möbel, keine auffälligen Gemälde,<br />
lediglich seriöse Einrichtungsgegenstände zum Arbe<strong>it</strong>en<br />
und um die Konkurrenz zu überflügeln.<br />
„Wie viele Personen arbe<strong>it</strong>en hier?“, frage ich, während wir<br />
immer tiefer in die Gänge des Unternehmens vorstoßen.<br />
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„Oh, etwa zwe<strong>it</strong>ausend hier vor Ort, die Niederlassungen in<br />
Tokyo und Paris nicht m<strong>it</strong>gezählt, die haben noch mal so viele<br />
M<strong>it</strong>arbe<strong>it</strong>er. <strong>Carter</strong> <strong>Corp</strong>. gehört zu den angesagtesten Unternehmen<br />
Manhattans. Sie werden sich schon daran gewöhnen<br />
…“<br />
Ihr ist aufgefallen, dass ich unerfahren in Sachen Geschäftswelt<br />
und Luxus bin.<br />
Sie will gerade etwas sagen, als sich links von ihr eine Tür<br />
öffnet, aus der ein überaus attraktiver Mann heraustr<strong>it</strong>t, dessen<br />
dunkelbraune Haare zerzaust sind, um einen gekünstelt nachlässigen<br />
Eindruck zu erzeugen. Er trägt eine unauffällige Brille,<br />
typisch für einen Buchhalter, die jedoch seine hinreißend smaragdgrünen<br />
Augen unterstreichen. Er legt meiner Begle<strong>it</strong>erin die<br />
Hand auf die Schulter.<br />
„Hallo, Lisa … Miss.“<br />
„Mister Leviels“, antwortet Lisa lächelnd.<br />
M<strong>it</strong> einem Nicken verabschiedet er sich von uns und begibt<br />
sich rasch in den Flur und sagt dabei:<br />
„<strong>Gabriel</strong>, beeil dich, wir sind spät dran. Manche Kunden<br />
darf man nicht warten lassen!“<br />
Kurz darauf erscheint ein zwe<strong>it</strong>er Mann leise fluchend auf<br />
der Türschwelle des großen Büros. Das Erste, was ich sehe, ist<br />
eine blaue Krawatte. Eine Krawatte, die ich kenne. Eine Krawatte,<br />
die mir urplötzlich kalten Schweiß über den Rücken laufen<br />
lässt.<br />
Völlig überrascht bleibt mir der Mund offen stehen, und<br />
in dem Moment, als ich von der Krawatte aufschaue, prallt<br />
der Blick zweier ozeanblauer Augen m<strong>it</strong> voller Wucht auf die<br />
meinen. Ein frontaler, heftiger und katastrophaler Zusammenstoß.<br />
Der Typ von der Tankstelle schaut genauso verdattert drein<br />
wie ich. Vor Verblüffung heben sich seine Augenbrauen.<br />
Die Rezeptionistin, die nicht bemerkt, dass sich eine apokalyptische<br />
Szene vor ihren Augen abspielt, streift äußerst professionell<br />
über meinen Arm und sagt: „Ah, Mister Simons, Sie<br />
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kommen genau richtig. Dies ist Ashley Styles, Ihre neue Kommunikationsassistentin.“<br />
Oh, Scheiße …<br />
Mir stockt der Atem. Meine Lungen hören einfach auf zu<br />
funktionieren, wohingegen sich langsam, aber sicher ein anzügliches<br />
Lächeln auf den Lippen meines … Chefs bre<strong>it</strong>macht.<br />
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