One Day Magazin

oneday.de

Das erste ONE DAY Magazin... endlich ist es da! Ein Magazin das Menschen wie Dich erreichen soll – im Jahr von „Social Distancing”. Dieses Magazin ist eine Einladung. Wir würden Dich gerne mit auf eine Reise nehmen. Dir Geschichten erzählen, die einen anderen Blick auf die Dinge werfen. Geschichten über Menschen, die Du nie getroffen hast. Über Schicksale, die die Frage nach Gerechtigkeit aufwerfen. Sie inspirieren Dich möglicherweise dazu manches zu hinterfragen. Sie geben Dir die Möglichkeit, einen weiteren Horizont ins Auge zu fassen oder bekannte Werte aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Weinert Brothers

Soziale und okonomische Missstande, die Verletzung und Missachtung von

Menschenrechten, Kriege.

Dennis und Patrick Weinert sind Journalisten, Dokumentarfotografen und Filmemacher. Sie sind Mitte 20

und haben sich gegen Ausbildung und Studium entschieden. Die beiden Brüder, besser bekannt als

Weinert Brothers, sind für ihre Reportagen in der Welt unterwegs. Allerdings führen diese Reisen nicht

unbedingt an die schönsten Orte weltweit.

Mindestens eine Sache haben wir mit den Jungs gemein: Auch wir haben einen Blick hinter den Vorhang

gewagt und den Wunsch entwickelt, die Welt zu verändern. So wie Dennis und Patrick.

Wir haben die Jungs auf ein Corona-konformes Online-Interview getroffen – per Sprachnachricht ;)

Was haben Eure Eltern dazu gesagt,

dass ihr Euch gegen Ausbildung

entschieden und den Weg der

Selbstständigkeit gewählt habt?

Dennis:

Man kann sagen, dass unsere Eltern im

ersten Moment nicht besonders begeistert

waren. Die beiden haben uns eine Art

Ultimatum gestellt und gesagt „Okay, ihr

könnt das jetzt mal ein Jahr lang

ausprobieren, schaut euch das an und

findet heraus, ob es Hand und Fuß hat.“

Wenn nicht, hätte man danach noch das

Studium oder die Ausbildung beginnen

können.

Patrick:

Wir haben nicht sofort mit dem Gedanken

angefangen Journalismus zu machen

oder gezielt in den Bereich

Dokumentationen zu gehen. Für uns war

klar, dass wir selbstständig werden

wollten. Was unsere Eltern abgeschreckt

hat, war, dass es nicht diesen einen

vorgefertigten Weg gab, den wir gehen

konnten, sondern unser eigenes Ding

machen wollten. Deshalb mussten wir uns

einen ziemlich genauen Plan überlegen,

den wir vorlegen konnten, damit die

beiden ein Bild davon bekamen, was wir

vorhaben, wie der Anfang aussieht und

wie es sich weiterentwickeln kann. Ich

glaube, das hat sie dann tatsächlich ein

wenig beruhigt.

Ihr sagt, dass ihr mit Eurem Tun

etwas gefunden habt was für Euch

Sinn hat und noch dazu Spaß macht.

Warum hat Euch Euer Weg dorthin

geführt, Zufall? Oder war es die

Bestimmung, einen tieferen Sinn im

Leben zu finden?

Dennis:

Ich glaube, man kann schon sagen, dass

unsere Entwicklung in die

dokumentarische Richtung eine Art von

Zufall war. Wenn wir zurückblicken auf

das, was uns auch schon in früheren

Jahren als Kinder alles so interessiert hat,

ist es gar nicht so abwegig zu sagen, dass

viele dieser Punkte uns auf eine

dokumentarische Karriere vorbereitet

haben. Wir waren schon immer gern in

der Natur und interessierten uns schon

früh für ferne Orte und andere Kulturen.

Professionell gestartet haben wir mit dem

Filmemachen und Fotografieren eigentlich

mit super kleinen Werbeprojekten in der

Gegend.

Patrick:

Wir haben das Filmemachen mehr oder

weniger als Werkzeug benutzt, um mal

aus Deutschland rauszukommen, so ein

paar Test Doku-Projekte zu machen. Es

hatte damals noch mehr mit unserer

Abenteuerlust zu tun, dass wir reisen

wollten. Erst im Laufe der Reisen selbst ist

deutlich geworden, dass uns diese Art der

Arbeit auch persönlich sehr, sehr viel gibt.

Einerseits natürlich die Sinnhaftigkeit auf

gesellschaftlicher Ebene, gerade als es

mehr in die journalistische Richtung ging,

andererseits aber auch für uns persönlich.

Erst als wir schon mittendrin waren,

wurde klar, dass es etwas Tieferes gibt, als

wir es aus Deutschland kannten.

Wie hat Eure Arbeit Eure

Persönlichkeit geprägt? Was könnt

ihr uns dazu sagen?

Dennis:

Unsere Arbeit hat unsere Persönlichkeit

maßgeblich geprägt. Vor allem dadurch,

dass wir relativ früh damit angefangen

haben und dann auch in einer extremen

Form. In den frühen Zwanzigern hat sich

bei uns extrem viel getan und wir hatten

das Privileg, eine extreme Vielfalt an

Erfahrungen machen zu dürfen. Das hat

dazu geführt, dass wir uns ausdifferenziert

haben, zu toleranteren Menschen wurden,

gelernt haben empathisch zu sein und die

Perspektiven anderer einzunehmen, aber

eben auch besser zu verstehen was wir

eigentlich selbst vom Leben wollen und

herauszufinden wohin wir gehen möchten.

Wir konnten mit den dokumentarischen

Projekten professioneller starten und

damit genug Geld verdienen, um komplett

auf uns allein gestellt zu sein. In dieser

Phase reisten wir von Projekt zu Projekt.

Wir haben realisiert, dass es eine starke

Abtrennung gibt, dass das Leben so extrem

unterschiedlich sein kann - insbesondere

im Vergleich zwischen unserer

Wohlstandsgesellschaft in Deutschland

und vielen anderen Orten, die wir

besuchten - und mussten diese Eindrücke

und Erfahrungen erstmal verarbeiten.

Patrick:

Wir haben verstanden, dass wir mit diesen

neuen Perspektiven und Werten, die sich in

uns aufgebaut haben, eventuell

Schwierigkeiten haben könnten wieder

längerfristig in der deutschen

Wohlstandsgesellschaft zu leben, wo

zumindest der Durchschnitt der

Bevölkerung und die Funktion der

Gesamtgesellschaft auf anderen

Werten basiert. Von daher kam es für

uns zur Suche, nach einem Ort, an dem

wir uns ein Leben aufbauen

wollten, was nach unseren

Vorstellungen funktioniert

und wo wir möglichst frei

nach unseren Werten

leben können.

Eure Recherchen

und Berichte

lenken den Fokus auf

Themen, für die sich

sicherlich niemand, auch

kein Land, auf die Schulter

klopft. In Gefahr seid ihr

oft, um nicht zu sagen

immer. Wir kennen das

von Gerichtsprozessen,

die wir in Sierra Leone

gegen Täter führen, dass

man sich nicht immer

Freunde macht im Kampf

für die Gerechtigkeit.

Welche Situation ist Euch

in diesem Kontext

besonders in Erinnerung

geblieben?

Dennis:

Wir arbeiten nicht nur in

Krisengebieten sondern auch in Ländern,

die journalistisch gesehen schwierig sind

und in denen es viele Restriktionen gibt.

Wenn man im speziellen von

Krisengebieten spricht, ist oft das

Problem, dass die Bewegungsfreiheit

beschränkt ist, man nicht einfach so wie

man es gerne möchte mit Menschen

reden kann, nur begrenzte zeitliche

Ressourcen vor Ort hat, weil das Risiko zu

groß wird, dass man beispielsweise

gekidnappt wird. Es gibt aber auch eine

große Anzahl anderer Länder, die immer

weiter wächst, die man vielleicht nicht im

ersten Moment im Kopf hat: Länder wie

Indien beispielsweise, in denen die

Bedingungen dort als Journalist zu

arbeiten von Jahr zu Jahr schwieriger

werden. Die große Gefahr liegt dann vor

allem darin, dass man seine Arbeit nicht

machen kann. Die Auswirkungen treffen

dann oftmals Tausende, vielleicht sogar

Hunderttausende Menschen, die ihre

Rechte nicht mehr vernünftig

wahrnehmen können, weil nun keiner

mehr darüber berichtet, wie schlecht es

ihnen eigentlich geht.

Patrick:

Ich kann kein spezifisches Beispiel geben,

aber ich würde auch sagen, dass eine der

Gefahren für Journalisten auf jeden Fall

die Einschränkung ist, wenn wir über

heiklere Themen berichten wollen. Wir

können nie offiziell daran arbeiten. In dem

Moment setzt man sich schon einem

Risiko aus und muss versuchen, unter

dem Radar zu bleiben, da oft nicht

abschätzbar ist was passiert, wenn doch

jemand herausfindet, was wir da gerade

tun. Meistens versuchen wir gemeinsam

einen Weg zu finden, die Geschichten trotz

aller Risiken umzusetzen.

Was bedeutet Euch der Bildband

Resilienz und warum habt ihr

genau diesen Titel gewählt?

Dennis:

Resilienz ist ein besonderes Projekt für

uns, weil wir uns im Vorfeld viel

damit auseinandergesetzt

haben, was wir machen

wollen und in welche Länder

wir reisen möchten für

dieses Projekt. Resilienz ist

ein wichtiges Projekt für

uns gewesen, da es uns

lange Zeit begleitet hat. Eine

Zeit in der wir uns verändert

haben. Es hat uns in die

schwierigsten Länder geführt, die

wir bisher besucht haben, unter

anderem die Zentralafrikanische

Republik, Afghanistan und

Bangladesch. Der Titel entstand aus

unserer eigenen Lernerfahrung

heraus. Resilienz ist etwas, was wir

vor allem in den Ländern

kennengelernt haben, in denen

Menschen mit extrem schwierigen

Umständen konfrontiert sind. Wir

sagen immer, dass wir aus all diesen

Reisen mit mehr herausgehen, als wir

hineinstecken. Selbst, wenn die

Erfahrungen sehr schwierig sind und

wir mit Gefahren konfrontiert sind,

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