CMS-Magazin RADAR Nr. 11 August 2020: Häusliche Gewalt tut weh

christophmerianstiftung

CMS-Magazin Nr. 11: Häusliche Gewalt tut weh
Gewalt in Partnerschaft und Familie, häusliche Gewalt, ist eine heute international anerkannte Menschenrechtsverletzung. Sie geschieht auch in Basel – täglich. Davon erfassen die offiziellen Statistiken nur einen Teil, denn die Dunkelziffer ist sehr hoch.
Die Christoph Merian Stiftung, deren Stiftungszweck «Linderung der Noth und des Unglückes» ist, hat das Thema häusliche Gewalt seit ihrer 2017 durchgeführten Bedarfsanalyse als dringliches Handlungsfeld erkannt. Gerade weil häusliche Gewalt häufig nicht sichtbar ist, ist es wichtig, hinzuschauen und zu handeln. Die CMS engagiert sich deshalb bei der Unterstützung von Institutionen und Projekten: von der Soforthilfe über die Nachbetreuung, von der Aufklärung über Prävention bis zu zielgruppenspezifischen
Angeboten für Kinder, Männer und Frauen.
Die Bilder im ersten Bund sind Kreationen von Vanessa Serrano und Anna Klokow vom Grafik-Büro BKVK. In Zusammenarbeit mit dem Fotografen Cedric Christopher Merkli haben sie das Thema dieser Ausgabe künstlerisch umgesetzt.
Online-Version als pdf: https://www.cms-basel.ch/de/medien/Stiftungspublikationen/RADAR.html

Das Magazin der Christoph Merian Stiftung

STOPP!

Häusliche Gewalt tut weh

Nr. 11 2020


Editorial

Inhalt

Hinsehen

und

handeln

Liebe Leserin, lieber Leser

Gewalt in Partnerschaft und Familie, häusliche Gewalt, ist eine heute

international anerkannte Menschenrechtsverletzung. Sie geschieht

auch in Basel – täglich. Davon erfassen die offiziellen Statistiken nur

einen Teil, denn die Dunkelziffer ist sehr hoch. Und im Verlauf der

Corona-Krise war eine Zunahme der häuslichen Gewalt zu beobachten.

Gemäss den Erfahrungen von Fachstellen sind alle Bevölkerungsschichten

betroffen, in allen Quartieren, in allen Bildungsschichten,

bei allen Nationalitäten: vor allem Frauen, Kinder und besonders verletzliche

Gruppen – Menschen, die mit finanziellen Problemen, Arbeitslosigkeit,

einem unsicheren Aufenthaltsstatus, mit psychischen oder

physischen Erkrankungen zu kämpfen haben. Ganz besonders unter

häuslicher Gewalt leiden Kinder, weil sie oft «sprachlos» sind – mit

fatalen Folgen für ihre individuelle Entwicklung und ihre schulische

Karriere. Und schliesslich leidet unser Sozialsystem unter dem Phänomen

häusliche Gewalt, denn diese hat auch einen finanziellen, volkswirtschaftlich

relevanten Preis. Deshalb ist es wichtig, auch in die Vorsorge

zu investieren statt bloss in die reaktiven «Reparaturarbeiten» (Strafvollzug,

Sozialsystem, Therapien usw.).

Die Bilder in diesem RADAR

Die Bilder im ersten Bund sind Kreationen

von Vanessa Serrano und Anna Klokow vom

Büro BKVK. BKVK verantwortet die Gestaltung

des Magazins RADAR. In Zusammenarbeit

mit dem Basler Fotografen Cedric

Christopher Merkli haben sie das Thema

dieser Ausgabe künstlerisch umgesetzt. So

wie häusliche Gewalt oft im Verborgenen

geschieht, lassen sich erst beim genauen

Betrachten der komponierten Bilder Details

erschliessen, die Gefühle von Enge, Beklemmung

oder Schmerz hervorrufen. Häusliche

Gewalt betrifft Frauen, Kinder und Männer

auf verschiedenste Art und Weise. Die Bilder

auf den Seiten 4, 9 und 12 sind entsprechend

thematisch arrangiert.

Die Bilder orientieren sich an der

Gattung des Stilllebens, einer Kunstform, deren

Ursprünge in der flämischen Malerei des

17. Jahrhunderts liegen.

Seit Längerem haben private Organisationen, Vereine, Stiftungen wie

die Opferhilfe, das Frauenhaus oder das Männerbüro den Handlungsbedarf

erkannt und gehandelt. Und seit dem 1. April 2018 ist das Übereinkommen

des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt

gegen Frauen und häuslicher Gewalt für die Schweiz in Kraft. Die

Schweiz hat sich also verpflichtet, zu handeln und mehr (als bisher)

gegen häusliche Gewalt zu unternehmen. Auch die CMS, deren Stiftungszweck

«Linderung der Noth und des Unglückes» ist, hat das

Thema häusliche Gewalt seit ihrer 2017 durchgeführten Bedarfsanalyse

als dringliches Handlungsfeld erkannt. Gerade weil häusliche

Gewalt häufig nicht sichtbar ist, ist es wichtig, hinzuschauen und zu

handeln. Die CMS engagiert sich deshalb bei der Unterstützung von

Institutionen und Projekten: von der Soforthilfe über die Nachbetreuung,

von der Aufklärung über Prävention bis zu zielgruppenspezifischen

Angeboten für Kinder, Männer und Frauen. Sie hat einen Runden Tisch

zum Thema angestossen, versucht die Akteure zu vernetzen, ermöglicht

Pilotprojekte, fördert die Professionalisierung und Weiterentwicklung

der verschiedenen Angebote. Gemeinsam müssen nun Staat, Zivilgesellschaft

und Stiftungen versuchen, die Angebote zum Schutz

der Schwächsten nachhaltig zu gestalten und zu sichern. Die CMS wird

ihren Beitrag dazu leisten.

Häusliche Gewalt tut weh. Mit der vorliegenden RADAR-Ausgabe

möchten wir auf das Thema aufmerksam machen, Betroffene zu Wort

kommen lassen und jene vorstellen, die sich täglich für die Opfer von

häuslicher Gewalt einsetzen.

Dr. Beat von Wartburg

Direktor der Christoph Merian Stiftung

3 Was tut die CMS gegen

häusliche Gewalt?

Antworten im Interview

5 Daten und Fakten

Bericht der Basler Fachstelle

6 Seit Jahren Zufluchtsort

Frauenhaus beider Basel

7 Geburten voller Sorgen

Hebammenhilfe

im Pilotprojekt «Sorgsam»

8 Die Kleinsten im Blick

Kinder- und Jugenddienst

Basel-Stadt

10 Hilfe für Täter

Männerbüro Region Basel

11 Die neue App von

Pro Juventute

Opferhilfe beider Basel –

noch viel zu wenig bekannt

13 Mündliche Geschichte

Chemie und Stadtkultur

14 Guter Mut

Corona-Soforthilfe der CMS

16 Zwei Jubiläen

20 Jahre Literaturhaus

20 Jahre Kinderbüro

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Häusliche Gewalt

«Kinder sind besonders verletzlich

und hilflos bei häuslicher Gewalt»

sind körperlicher Misshandlung am stärksten ausgesetzt.

Sexuellen Missbrauch erfahren vor allem Kinder und

Jugendliche. Buben werden häufiger geschlagen und

körperlich bestraft. Mädchen werden häufiger Opfer von

sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung.

Woher wissen Sie das?

Bei der Bedarfsanalyse haben wir viele statistische

Daten ausgewertet. Aber die Dunkelziffer ist wie gesagt

hoch. Viele Fälle von häuslicher Gewalt tauchen in den

Statistiken gar nie auf. Deshalb war der intensive Austausch

mit den Fachstellen auch so wichtig, die täglich

mit allen Facetten der Gewalt konfrontiert sind.

Die CMS engagiert sich heute mit sehr viel mehr Unterstützungsbeiträgen

als noch vor ein paar Jahren im Kampf gegen die

häusliche Gewalt, sowohl bei der Prävention als auch bei der

Intervention in akuten Gewaltsituationen. Weshalb sind Kinder

besonders gefährdet und betroffen? Warum taugen Statistiken

für einmal wenig – und weshalb zahlt es sich auch volkswirtschaftlich

aus, hier viel Geld zu investieren? Fleur Jaccard, Leiterin

der Abteilung Soziales, gibt Auskunft.

RADAR: In den vergangenen zweieinhalb

Jahren hat die CMS Projekte im Bereich Gewaltprävention

und -intervention in Basel

mit rund CHF 1,5 Mio. unterstützt. Weshalb?

Fleur Jaccard: Die CMS will ihre Stiftungsgelder möglichst

wirkungsvoll einsetzen. Deshalb ist es für uns

wichtig zu wissen, wo es uns braucht. Aus diesem Grund

haben wir 2016 zusammen mit sämtlichen Fachstellen

und Organisationen im Sozialbereich in Basel die Problemfelder

erfasst und analysiert und 2017 eine umfassende

Bedarfsanalyse durchgeführt. Nach den vielen

Gesprächen mit Fachleuten wurde uns klar, dass wir uns

im Bereich Gewalt und vor allem der häuslichen Gewalt

stärker engagieren müssen. Und das tun wir seither auch.

Sie haben also die Strategie geändert …

Wir haben zum ersten Mal eine so umfassende Bedarfs-

analyse gemacht und unsere Strategie im Bereich Soziales

angepasst, ja.

Wie definieren Sie häusliche Gewalt?

Dazu gehören nicht nur physische Übergriffe mit sichtbaren

Verletzungen, sondern auch subtilere Formen wie

gezieltes und anhaltendes Einschüchtern und Abwerten,

Drohungen und das Verbot von sozialen Kontakten. Das

hat ganz schlimme psychische und physische Auswirkungen

für die Betroffenen.

Welche Auswirkungen?

Gesundheitliche Probleme wie Schmerzen am ganzen

Körper, Atemprobleme, Schlaflosigkeit, Panikattacken

und Depressionen. Oft kommt es auch zu Alkohol- und

Drogenmissbrauch und Suizidversuchen. Dazu kommen

häufig soziale Probleme hinzu, wie Stigmatisierung oder

soziale Isolation. Betroffene ziehen sich aus ihrem Um-

feld zurück. Finanzielle Schwierigkeiten verstärken die

Abhängigkeit. Oft gelingt es Frauen nach einer Trennung

auch nicht, finanziell unabhängig zu leben, und sie sind

auf Sozialleistungen angewiesen.

Das ist für die Gewaltbetroffenen schon schlimm

genug. Aber das alles hat auch enorme Kosten für un-

sere ganze Gesellschaft zur Folge! Kosten für Polizeieinsätze

und Gerichtsverfahren, Gesundheitskosten, Beratungskosten,

Ausgaben für Sozialarbeit und die Kinder-

und Jugendhilfe. Dazu kommen Kosten für den Ausfall

der Erwerbsarbeit und und und. Wenn wir in die Prävention

und schnelle, gezielte Interventionsmassnahmen

investieren, zahlt sich das auch volkswirtschaftlich aus.

Gibt es typische Konstellationen von Gewalt

im häuslichen Bereich?

Häusliche Gewalt kann in ganz unterschiedlichen Be-

ziehungskonstellationen in Erscheinung treten: Gewalt

gegen Frauen oder Männer in Paarbeziehungen und Tren-

nungssituationen, Kinder als Mitbetroffene der Gewalt,

Gewalt in jugendlichen Paarbeziehungen, Gewalt gegen

ältere Menschen im Familienverband oder in Betagtenbeziehungen.

Auch Gewalt von Kindern und Jugendlichen

gegen die Eltern oder Geschwister ist möglich.

Haben wir denn in Basel ein starkes Problem

mit häuslicher Gewalt?

Ich gehe nicht davon aus, dass die Situation in Basel im

Vergleich zu anderen Städten schlimmer ist. Das Problem

ist: Aussagen über das Ausmass der Gewalt sind

grundsätzlich schwierig, weil es immer noch ein stark

tabuisiertes Thema ist und die Dunkelziffer sehr hoch ist.

Da helfen Statistiken nur beschränkt weiter. Besonders

schwierig ist es, Zahlen zu Gewalt im frühkindlichen

Alter zu erheben. Säuglinge und Kleinkinder haben wenig

ausserfamiliäre Kontakte, haben Angst und können sich

nicht ausdrücken. Gewalt gegen Kinder zu bekämpfen ist

deshalb besonders schwierig, da sie oft «unsichtbar» ist.

Zudem sind in vielen Fällen gerade jene Personen, die

ihnen Sicherheit und Geborgenheit geben sollten, die

Täter oder Täterinnen, weshalb Kinder häufig zu Recht

befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird.

Sind Kinder denn besonders betroffen?

Von Gewalt betroffen sind vor allem Frauen und Kinder.

Aber auch Männer. Aber Kinder sind besonders verletzlich

und hilflos. Sie sind nicht nur Zeugen von verbalen

Auseinandersetzungen, sondern auch von Tätlichkeiten

– bis hin zu schwerster physischer und sexueller Gewalt.

Sie erleben Gewalt in bestehenden Beziehungen, aber

auch Trennungsgewalt in Übergabesituationen bei Be-

suchskontakten. Oft glauben sie, schuld am Streit der

Eltern zu sein und geraten zwischen die Fronten. Sie versuchen

zum Beispiel, der Mutter zu helfen und sie zu

schützen – und werden dann selber zu Opfern. Kinder

Hat man das Problem denn bisher

unterschätzt?

Es wird immer noch unterschätzt und zu wenig wahrgenommen,

wie stark gerade Kinder betroffen sind. Bei

Interventionen mit Kindern werden sie häufig noch

«übersehen». Oft fehlen den intervenierenden Organisationen

die Ressourcen dafür, und die Hilfestellung

konzentriert sich auf die erwachsenen Opfer und Täter.

Gibt es schichtspezifische Merkmale

häuslicher Gewalt?

Nein, überhaupt nicht. Häusliche Gewalt kommt in allen

gesellschaftlichen Schichten und Bevölkerungskreisen

vor. Bei systematischem Gewalt- und Kontrollverhalten

sind Frauen deutlich häufiger Opfer. Die aktuelle polizeiliche

Kriminalstatistik weist einen überproportional

hohen Anteil von Fällen häuslicher Gewalt bei Ausländerinnen

und Ausländern auf, und zwar sowohl auf der

Opferseite als auch der Täterseite.

Weshalb sind Ausländerinnen und Ausländer

häufiger Opfer und Täter?

Was wir aus der Forschung wissen: Herkunft, Religion,

traditionelle Werte, Normen und Geschlechterrollen taugen

als Erklärung für das höhere Gewaltrisiko nicht. Forschungsarbeiten

zeigen, dass die erhöhte Vulnerabilität,

Verletzlichkeit, aufgrund der Lebenssituation vieler Ausländerinnen

und Ausländer das Gewaltrisiko stark erhöht:

Bei einer Scheidung leiden ausländische Frauen

zudem neben gesundheitlichen Problemen oft unter

finanziellen Schwierigkeiten und befürchten, ihren Aufenthaltsstatus

zu verlieren und ausgewiesen zu werden.

Das alles erschwert es, sich aus Gewaltbeziehungen zu

lösen. Wenn noch Sprachprobleme dazukommen, finden

Gewaltbetroffene nur erschwert Zugang zu Beratungsund

Opferhilfestellen. Sie stehen unter dem Druck der

Familie oder ihrer Community – oder haben Angst, ausgewiesen

zu werden.

Welche Schlüsse hat die CMS aus der

Bedarfsanalyse für ihre Arbeit im Bereich

häusliche Gewalt gezogen?

Als ich die einzelnen Rückmeldungen der Fachstellen analysierte,

wurden mir zwei Dinge klar: Erstens ist häusliche

Gewalt wegen der hohen Dunkelziffer statistisch

schwer quantifizierbar. Sie führt bei den Betroffenen

aber zu schwerwiegenden multiplen Folgeerscheinungen

– mit massiven Auswirkungen und Kosten für unsere

ganze Gesellschaft. Und zweitens: Blinde «Aktionitis» ist

nicht sinnvoll. Da müssen wir gerade als Stiftung sorgfältig

vorgehen.

Was heisst das?

Die Verantwortung für den Schutz der Schwächsten liegt

beim Staat. Und da wird auch sehr viel getan. Prävention

und Bekämpfung von Gewalt benötigen Fachwissen und

die Berücksichtigung der vorhandenen Strukturen und

Schnittstellen. Daher agiert die CMS häufig in Kooperation

mit dem Staat oder mit weiteren Institutionen und

nicht im Alleingang. Wenn beispielsweise eine Frau mit

ihren Kindern rasch einen Schutzplatz benötigt, müssen

weitere Stellen wie die Opferhilfe oder auch Verantwortliche

aus dem Schulbereich involviert werden. Und es

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Häusliche Gewalt

muss bereits die Zeit danach geplant werden. Da engagieren

sich viele Organisationen sehr professionell mit

grossem Know-how.

Dennoch gibt es Lücken, vor allem bei den

Schnittstellen und Übergängen von den einzelnen Angeboten.

Das alles müssen wir als Stiftung mitberücksichtigen.

Das geht nur in engster Kooperation und Absprache

mit allen involvierten Stellen. Deshalb haben wir das

Justiz- und Sicherheitsdepartement des Kantons Basel-

Stadt und die Fachstelle Häusliche Gewalt gebeten,

einen Runden Tisch zum Thema häusliche Gewalt einzuberufen.

Und das wurde gemacht?

Ja, der Runde Tisch fand 2017 statt, mit 18 Fachstellen

und Organisationen, unter der Leitung von Sonja Roest

und Miko Iso von der Fachstelle Häusliche Gewalt im

Justiz- und Sicherheitsdepartment des Kantons Basel-

Stadt.

Waren Sie eine Art Katalysator?

Das kann man so sehen. Katalysator waren wir von der

CMS vor allem auch für andere Stiftungen, die sich nach

unserer umfassenden Bedarfsanalyse im Sozialbereich

mit mir in Verbindung gesetzt und um Tipps gebeten

haben, wie man da am besten vorgeht. Das hat uns

gefreut, weil es uns zeigte: Wir haben es offenbar gut

angepackt.

Welche zusätzlichen Erkenntnisse hat

der Runde Tisch gebracht?

Es hat sich bestätigt, was ich aufgrund der Rückmeldungen

der vielen Praxisorganisationen wie dem Frauenhaus,

der Opferhilfe, aber auch Behördenvertretern des Kinderund

Jugenddiensts, der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde

und der Fachstelle Häusliche Gewalt vermutet

hatte: Wir verfügen in Basel zwar über gute einzelne

Angebote zur Bekämpfung der häuslichen Gewalt. Die

Zusammenarbeit zwischen den Stellen muss aber intensiviert

und die Übergänge müssen für die Betroffenen in

Krisensituationen besser ausgestaltet werden.

Wo haben Sie denn Defizite ausgemacht?

Bei der Zusammenarbeit, der Früherkennung von Gewalt

und der Triage der verschiedenen Fälle. Dann gibt es

immer noch zu wenig spezifische Unterstützungsangebote

für gewaltbetroffene Frauen mit Kindern und für

traumatisierte Kleinkinder. Noch besser werden müsste

auch der Erfahrungsaustausch zwischen den verschiedenen

Stellen und Organisationen und die Weiterbildung

ihrer Mitarbeitenden. Genau dort setzen wir mit unserer

Unterstützung an.

Wäre das nicht primär Aufgabe des Staates?

Basel-Stadt investiert schon sehr viel in die Prävention

und den Schutz der Schwächsten. Wir engagieren uns

dort, wo es Lücken und Defizite gibt, wo wir etwas in

Bewegung setzen können – und wo es uns braucht.

Das ist doch Pflästerlipolitik. Sie stopfen die

Löcher und investieren Hunderttausende

von Stiftungsfranken. An den Ursachen von

häuslicher Gewalt ändert das aber wenig …

Ganz im Gegenteil. Ursachenbekämpfung ist eine der

Leitlinien unserer Förderstrategie. Daher unterstützt die

CMS soziale Benachteiligte umfassend, indem sie deren

Lebenssituation verbessert. «Wohl fördern» gehört genauso

zu unserem Stiftungsauftrag wie «Noth lindern»

– die beiden Pfeiler des Testaments unseres Stifters, die

ja auch zusammenhängen. Wir investieren zum Beispiel

sehr viel in gute Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche,

in zahlreiche ausserschulische Unterstützungsangebote

und in ein gutes Wohnumfeld. Wir stützen soziale

Netze und Angebote – übrigens auch im Kultur- und Naturbereich.

Und ganz wichtig: Wir initiieren und finanzieren

Praxisstudien und ermöglichen damit auch Pilotprojekte,

die ganz neue Ansätze aufzeigen.

Welche Auswirkungen wird die

Corona-Krise haben?

Die Gräben zwischen den Schichten werden grösser werden.

Armutsgefährdete werden zu Armutsbetroffenen.

Jugendliche benötigen mehr Unterstützung bei der Berufsbildung,

damit die Jugendarbeitslosigkeit nicht an-

steigt. Ältere Menschen werden verstärkt Hilfe benötigen.

Gleichzeitig erlebe ich auch mehr Solidarität und

Austausch zwischen den Menschen.

Ihre Förderstrategie im Sozialbereich stützt

sich auf die Bedarfsanalyse von 2017.

Planen Sie Änderungen für Ihre nächste

Förderperiode 2021–2024?

Wir haben die Bedarfsanalyse von 2017 zu Beginn dieses

Jahres bereits überprüft und aktualisiert. Rund 80

Prozent der Empfehlungen haben wir bereits umgesetzt.

Das ist eine sehr gute Bilanz, auf die wir stolz sind. Grosse

Veränderungen wird es in der nächsten Förderperiode

nicht geben. Neben der Unterstützung von sozial Benachteiligten

wollen wir unser Engagement aber noch stärker

auf den sozialen Zusammenhalt, die Generationenarbeit

und die Unterstützung der älteren Generation ausrichten.

Was ist das Schwierigste bei Ihrer Arbeit?

Die Ursachen sozialer Not richtig einzuschätzen. Mit welchen

Massnahmen können wir als Stiftung die grösstmögliche

Wirkung erzielen? Wo wollen wir ansetzen? Was ist

erfolgversprechend? Wie schaffen wir es, gute Kooperationen

einzugehen, damit wirksame Projekte auch längerfristig

finanzierbar sind? Das ist nicht immer einfach.

Sie sind jetzt seit bald fünf Jahren Leiterin

der Abteilung Soziales der CMS. Sie müssen

sich mit vielen Problemen dieser Stadt

auseinandersetzen: Gewalt, Armut, Elend,

Diskriminierungen … Das kann auch belasten.

Wie gehen Sie damit um?

Ich empfinde es nicht als belastend, im Gegenteil. Ich bewege

gerne etwas. Und in meiner Funktion kann ich ja

tatsächlich viel bewegen. Oberflächliches würde mich

langweilen. Ich arbeite in einem engagierten und motivierten

Team und schätze auch die vielen Kontakte zu all

unseren Partnern.

Interview: Sylvia Scalabrino

Existenziell betroffen —

besonders vulnerable Gruppen im

Bereich der häuslichen Gewalt

Für das Jahr 2019 verzeichnet die baselstädtische Kri-

minalstatistik 746 Delikte häuslicher Gewalt. Doch

dürfte dies nur die Spitze des Eisbergs sein. Die Dunkelziffer

in diesem Bereich ist enorm. Die Fachstelle

Häusliche Gewalt im Basler Justiz- und Sicherheitsdepartement

(JSD) versucht auch jene Opfer zu unterstützen,

die in keiner Statistik auftauchen. Die Leiterin

Miko Iso gibt Einblick in die Arbeit der Fachstelle.

Rund ein Drittel der Fälle häuslicher Gewalt beginnt in

Zeiten der Familiengründung, um Schwangerschaft und

Geburt, also in einer besonders vulnerablen Phase des

Übergangs: Werdende Eltern müssen vielerlei Anpassungsleistungen

erbringen, um sich vom Paar zur Familie

zu wandeln. Das fällt nicht allen leicht.

Nach der Geburt eines Kindes steht die Welt

oft kopf. Für viele Mütter und Väter bedeutet dies einen

Verlust an Autonomie. Der Radius wird eingeschränkt,

die gewohnte Tagesstruktur wird vom Neugeborenen

über den Haufen geworfen. Manche fühlen sich fremdbestimmt,

die Decke fällt ihnen auf den Kopf. Schlaf-

lose Nächte können dazu führen, dass die Nerven blank

liegen.

Wer selbst in einem Klima häuslicher Gewalt

aufgewachsen ist, greift unter Umständen selbst auf

Gewaltmuster zurück, und es kommt erneut zu Gewalt.

Für die Kinder ist das verheerend, denn sie sind von

dieser Gewalt existenziell betroffen. Sie können weder

ausweichen noch Hilfe holen. Deshalb ist es wichtig,

Oasen zu schaffen und Unterstützung anzubieten.

Um diesen Gewaltkreislauf zu unterbrechen,

hat die Fachstelle Häusliche Gewalt einen Schwerpunkt

auf die frühe Kindheit gelegt und Anstoss für mehrere

Projekte gegeben, die alle derselben Idee entspringen,

nämlich gewaltbetroffene Kleinstkinder, Kleinkinder

und Kinder möglichst früh zu erkennen, zu schützen

und ihnen niederschwellige Unterstützung anzubieten.

Dafür wurde mit Fachpersonen aus unterschiedlichsten

Bereichen über Jahre ein enger Austausch aufgebaut

und gepflegt. Die aktuellen Projekte für diese Zielgruppe

zeigen eindrücklich, wie sehr es sich lohnt, Schwerpunkte

zu setzen und dranzubleiben, bis alle am selben

Strang ziehen. Die Schwerpunktsetzung hat es sogar

möglich gemacht, dass der Schutz von Kindern vor

häuslicher Gewalt Eingang in die Legislaturziele der

baselstädtischen Regierung fand.

Im Bereich der Bekämpfung und der Prävention

von häuslicher Gewalt wurden in den letzten Jahren

zahlreiche weitere Projekte initiiert sowie bestehende

Angebote weiterentwickelt und in feste Strukturen überführt:

das Lernprogramm für gewaltausübende Männer,

die Väterberatung, die Erweiterte Gefährderansprache

sowie Sensibilisierungskampagnen im Gesundheitsbereich

(Schütteltrauma, Mädchenbeschneidung, sexuelle

Gewalt etc.).

Das Fachreferat des JSD, in welches die Fachstelle

Häusliche Gewalt eingebettet ist, sorgt durch die

Leitung von Gesetzgebungsprojekten dafür, dass das

Fachwissen zu häuslicher Gewalt Eingang in die Rechts-

grundlagen der Polizeiarbeit findet. Bei der letzten Polizeigesetzrevision

konnte unter anderem die Definition des

Begriffs «häusliche Gewalt» präzisiert und auf Minder-

jährige erweitert werden, wodurch diese heute besser un-

terstützt werden können. Aktuell leitet das Fachreferat

ein Projekt für die Entwicklung und Umsetzung eines

kantonalen Bedrohungsmanagements.

Dabei bleibt es eine komplexe Herausforderung,

sich ein Bild vom wirklichen Ausmass häuslicher

Gewalt zu machen. Polizeiliche Statistiken sind nicht

aussagekräftig für ein Gesamtbild. Sie bilden nur jenen

Teil häuslicher Gewalt ab, der angezeigt wird. Studien

zeigen jedoch: Häusliche Gewalt findet zu rund 90

Prozent im Verborgenen statt. Aufgrund von Scham und

Ambivalenz kommt es nur ganz selten vor, dass Fälle

häuslicher Gewalt angezeigt werden.

Fälle häuslicher Gewalt, die im Gesundheits-

oder Sozialbereich auftauchen, werden bislang nicht

systematisch erfasst. Hier braucht es ein transdisziplinäres

Monitoring-Konzept, um Ursachen, Ausmass und

Auswirkungen häuslicher Gewalt ganzheitlich einschät-

zen und aufeinander abgestimmte Massnahmen planen

zu können.

Die Fachstelle Häusliche Gewalt setzt sich auch

in Zukunft dafür ein, dass Massnahmen zur Verhinderung

von häuslicher Gewalt entwickelt, koordiniert und

umgesetzt werden.

Miko Iso, Leiterin Fachstelle Häusliche

Gewalt im Fachreferat des Justiz- und Sicherheitsdepartements

des Kantons Basel-Stadt

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Frauenhaus beider Basel

«Wir werden

überrannt»

Im Basler Frauenhaus finden seit vierzig Jahren

Frauen mit ihren Kindern Zuflucht vor häuslicher

Gewalt. Und die Nachfrage steigt und steigt.

Deshalb hat das Frauenhaus sein Angebot mit der

«PasserElle» erweitert – und unterstützt mit

zusätzlichen Angeboten vor allem die besonders

verletzlichen Kinder im Frauenhaus.

scy. Gewalt gegen Frauen war bis in die 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts

ein Tabu. Schliesslich stand im damaligen Zivilgesetzbuch der

Satz: «Der Mann ist das Oberhaupt der Familie.» Wenn dieses Oberhaupt

ausrastete und Frau und Kinder verprügelte, tuschelten höchstens

die Nachbarn. Die Polizei, wenn sie überhaupt gerufen wurde, versuchte

meist zu «vermitteln». Dann aber begann eine öffentliche Debatte über

das Leiden hinter den Fassaden, angestossen von Feministinnen und

unterstützt von Frauen aus allen Parteien, der Basler Frauenzentrale,

Wissenschaftlerinnen und Grossrätinnen. 1981 wurde das Basler Frauenhaus

eröffnet, das in der Anfangszeit noch ehrenamtlich von en-

gagierten Frauen betrieben wurde.

Heute ist das Frauenhaus eine professionelle, von einer Stif-

tung getragene Institution, die aus dem Basler sozialen Auffangnetz

nicht mehr wegzudenken ist. Es arbeitet sowohl mit der Polizei als auch

mit zahlreichen Verwaltungsstellen und Opferhilfeorganisationen eng zu-

sammen und bietet nicht nur Schutz, sondern unterstützt Frauen auch

auf ihrem Weg in ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt. Pro Jahr

finden rund 90 Frauen und zwischen 40 und 70 Kinder Unterschlupf.

Seit Jahren kann das Frauenhaus mit seinem Platz für zehn

Frauen und sieben Kinder die hohe Nachfrage allerdings nicht mehr

decken, wie alle Frauenhäuser in der Schweiz. Rund 40 Prozent der An-

fragen müssen abgewiesen werden. Auch war es immer sehr herausfordernd,

eine schnelle und gute Anschlusslösung nach dem Aufenthalt im

Frauenhaus zu finden. Deshalb hat die Stiftung Frauenhaus die teilstationäre

Aussenstelle PasserElle eingerichtet. Ende 2019 ist sie eröffnet

worden, an einem geheimen Ort wie das Frauenhaus auch. Dort können

vier Frauen und drei Kinder mit reduziertem Unterstützungsangebot

wohnen, bis sie ihr Leben in die eigene Hand nehmen können. Das

schafft auch neuen Platz für akute Fälle im Frauenhaus.

«Auffallend ist», sagt Bettina Bühler, Geschäftsleiterin des

Frauenhauses, «dass immer mehr Frauen mit sehr kleinen Kindern zu

uns kommen. 30 Prozent der Kinder waren letztes Jahr unter zwei Jahre

alt. Offenbar trauen sich gewaltbetroffene Frauen im Gegensatz zu

früher eher, zu uns zu kommen. Früher hätten sie das vielleicht einfach

ausgehalten.» Die verheerenden Folgen von Gewalterfahrungen gera-

de auch für kleine Kinder sowohl für ihre individuelle Entwicklung als

auch für die volkswirtschaftlichen «Reparaturarbeiten» sind erst in

jüngster Zeit breiter wahrgenommen worden. Mit dem Projekt «Liaison»

will die Stiftung Frauenhaus gezielt Kinder stärken und den Müttern

dabei zur Seite stehen. In enger Zusammenarbeit mit der Klinik

für Kinder und Jugendliche der Universitären Psychiatrischen Kliniken

Basel (UPKKJ) bietet das Frauenhaus für Mütter und ihre Kinder deshalb

seit letztem Jahr spezielle Sprechstunden mit Fachleuten an, steht

für Notfalleinsätze zur Verfügung und bildet seine Mitarbeiterinnen

gezielt weiter. Bei den 23 teilweise stark traumatisierten Kindern, welche

die Sprechstunde letztes Jahr mit ihren Müttern besuchten, war bei 70

Prozent eine weitergehen-

de kinderpsychologische

/-psychotherapeutische

Unterstützung dringend

nötig.

Die CMS unterstützt

das Angebot Passer-

Elle und das Projekt «Liai-

son» 2019 und 2020 mit ins-

gesamt CHF 485 000. «Wir

sind sehr froh um diese

Unterstützung», sagt Ge-

schäftsleiterin Bettina

Bühler, «weil uns die CMS

eine Startfinanzierung

ermöglicht hat, die es uns

erlaubt hat zu handeln.»

Die Kantone BS und BL tra-

gen rund 65 Prozent des

Angebots. Den Rest muss

das Frauenhaus aus Ei-

genmitteln, Drittmitteln

wie den CMS-Beiträgen

und Spenden finanzieren.

«Die CMS hat darüber hinaus auch sehr unbürokratisch und schnell eine

Notfinanzierung in der Höhe von CHF 200 000 für Zusatzplätze in der

Corona-Zeit gesprochen. Denn entgegen verschiedenen Medienberichten

sind die Anfragen von hilfesuchenden Frauen mit ihren Kindern

erheblich gestiegen.»

«Auffallend

ist, dass

immer mehr

Frauen mit

sehr kleinen

Kinder zu

uns kommen.»

«Wir alle haben

so viele Probleme!»

Die 32-jährige G. lebt mit ihren beiden kleinen Kindern

in der neuen PasserElle des Frauenhauses. Dort bereitet

sie sich auf ein selbstbestimmtes Leben ohne Gewalt

vor. Während des Aufenthalts im Frauenhaus sind

externe Kontakte grundsätzlich nicht möglich, da die

Institution ihre Klientinnen in ihrer verletzlichen Situa-

tion schützen will. Das Frauenhaus hat G. Ende April ge-

beten, für RADAR diesen Text zu verfassen.

Ich hatte sehr viel Stress und grosse Probleme mit meinem

Mann. Ich möchte nicht mehr darüber sagen. Ich

bin deshalb mit meinen beiden Kindern ins Frauenhaus

gegangen. Ich wusste vorher nichts über dieses Haus

und hatte grosse Bedenken. Im Haus fühlte ich mich

aber bald ruhiger, begann mehr zu schlafen und ass

auch wieder. Auch bei den Kindern sah ich, dass sie viel

ruhiger wurden.

Im Frauenhaus arbeitet ein sehr gutes Team.

Bald fühlte es sich an wie ein Leben in einer grossen

Familie. Das war sehr schön. Alle Mitarbeiterinnen arbeiten

jeden Tag, und auch in der Nacht sind sie anwesend

und bei Problemen für uns Frauen da.

Da ich schon länger im Frauenhaus war, wurde

mir angeboten, in die PasserElle überzutreten. Ich

konnte es mir zuerst nicht vorstellen und sagte: «Bitte,

bitte nicht!» Weil ich mich im Frauenhaus so wohl fühlte.

Nach einer gewissen Zeit stimmte ich zu, bin umgezogen

und habe es nicht bereut.

Auch für meine Kinder war der Umzug in die PasserElle

sehr gut. Es ist eine sehr schöne Wohnung. Auch die

Gegend ist gut, und es hat nette Nachbarn im Haus. Ich

mag diese Wohnung wirklich. Später hätte ich auch

gerne so eine Wohnung.

Es ist eine sehr gute Idee für Frauen in meiner

Situation. Die PasserElle hat den Vorteil, dass weniger

Frauen hier wohnen. Zurzeit leben wir hier zu dritt mit

drei Kindern. Im Frauenhaus leben mehr Frauen mit

ihren Kindern, und wir alle haben so viele Probleme! Die

PasserElle ist ein viel ruhigerer Ort. Da kann ich mich

besser auf mein Leben danach vorbereiten.

Ich möchte allen Mitarbeiterinnen vom Frauenhaus

sagen: VIELEN DANK! Sie sind alle höflich, kultiviert

und sehr hilfsbereit. Allen wird ruhig erklärt, was

jede für Möglichkeiten hat. Wer hat sich das ausgedacht?

Ich weiss es nicht, aber vielen Dank!

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Pilotprojekt «Sorgsam»

Vorsorgen ist besser

als Heilen

Nicht überall herrscht eitel Sonnenschein nach

der Geburt eines Babys. Die frei praktizierenden

Hebammen der Region Basel treffen bei ihren

Hausbesuchen zuweilen auf grosse Notlagen.

Die CMS unterstützt das Pilotprojekt «Sorgsam»,

das Babys zu einem besseren Start in die Welt

verhilft und Hebammen für die bisherige Gratisarbeit

entschädigt.

scy. Ein Kind zu gebären ist an sich schon kein Kinderspiel. Dann aber wird

es erst richtig anspruchsvoll – selbst für Frauen und Familien, die sich

sorgfältig auf das Baby vorbereitet haben. Erstgebärende haben in der

Schweiz seit 2015 Anrecht auf maximal 16 Hausbesuche von Hebammen

während 8 Wochen, bis sie alleine klarkommen. Die meisten von ihnen

(über 60 %) haben schon vor der Geburt eine der 120 frei praktizierenden

Hebammen in den beiden Basel beigezogen. Den anderen rund 1 600

Familien wird die von der Krankenkasse bezahlte Unterstützung gleich

im Spital empfohlen. Der Verein Familystart, dem die Hälfte der Hebammen

aus der Region angeschlossen ist, organisiert diese Betreuung.

Seit die Familystart-Helpline Wöchnerinnen nach der Geburt

eine Hebammenvermittlung anbietet, haben markant mehr Familien

diese Unterstützung in Anspruch genommen; gemäss Fünf-Jahres-

Evaluation stieg die Nachbetreuungsrate von 81 Prozent im Jahr 2012

auf 97 Prozent im Jahr 2016. Damit erhalten die frei praktizierenden

Hebammen auch vermehrt Einblick in die Lebensumstände von stark

belasteten Familien. Und der ist nicht immer schön: überforderte Familien

in desaströsen Wohnverhältnissen, massive finanzielle oder psychische

Probleme, manchmal fehlen die nötigsten Vorkehrungen für das

Neugeborene – und auch häusliche Gewalt. Nicht die Regel, klar. Aber

häufig genug.

Bis vor Kurzem leisteten die Hebammen alles, was über die

medizinische Betreuung hinausging, ehrenamtlich: vom Schoppenflaschen

einkaufen bis hin zur komplexen Hilfestellung beim Kontakt mit

Behörden, Sozial- und Opferhilfestellen. Als der Verein Familystart einen

Härtefallfonds einrichtete und damit begann, diese Leistungen zu entschädigen,

rutschte er in die roten Zahlen.

Mit dem von der CMS unterstützten Pilotprojekt «Sorgsam – Support am

Lebensstart» erhalten Hebammen seit 2018 speditiv fachliche Beratung

und Support bei der Betreuung von Neugeborenen und Familien in Ri-

sikokonstellationen. Auch eine interprofessionelle Weiterbildung ist

geplant. Zudem werden die Hebammen für ihre koordinierenden Leistungen

nun entschädigt. Kein Luxus, denn mit den rund 100 Franken

Stundenlohn, den die Hebammen den Krankenkassen in Rechnung stellen

können, verdienen selbstständige Hebammen nach ihrem heute

obligatorischen Studium sehr wenig.

Das niederschwellige Betreuungsangebot für Wöchnerinnen

hat auch eine höhere Nachfrage generiert. Wo bleibt da die Eigenverantwortung?

Elisabeth Kurth, Geschäftsleiterin von Familystart, hat

darauf eine klare Antwort: «Frühkindlicher Stress hat gravierende psychosoziale

und gesundheitliche Folgen. Aber nicht nur das.» Kurth, die

als erste Hebamme an einer Schweizer Universität promoviert hat, verweist

auch auf die enormen volkswirtschaftlichen Kosten: «Mehrere

Studien in den USA haben aufgezeigt, dass mit einer frühzeitigen

Unterstützung von Babys und Familien in prekären Verhältnissen verhindert

werden kann, dass Jugendliche in der Schule scheitern oder

später kriminell werden. So wird die Chancengleichheit verbessert.

Das zahlt sich auch volkswirtschaftlich

aus: Wir sparen mit

einer gezielten Hilfestellung in

der frühkindlichen Phase ein

Mehrfaches an schulischen und

sozialen Unterstützungsmass-

nahmen bis ins Erwachsenenalter.

Vorbeugen ist besser als

Heilen.»

Das Pilotprojekt «Sorg-

sam» läuft bis Ende dieses

Jahres und wird vom Schwei-

zerischen Tropen- und Public-

Health-Institut in Basel be-

gleitet und ausgewertet. Die

Zwischenergebnisse sind viel-

versprechend.

Frühkindlicher

Stress hat

gravierende

psychosoziale

und

gesundheitliche

Folgen.

Herzblut ja,

Gratisarbeit nein

Monika Barth ist seit dreissig Jahren Hebamme aus

Leidenschaft. Sie ist selber noch in der häuslichen

Wochenbettpflege tätig, berät und unterstützt aber

auch die rund 120 frei praktizierenden Hebammen in

der Region Basel. Was sie mitbekommt, wenn eine der

Hebammen sie notfallmässig um Rat bittet, verschlägt

auch der erfahrenen Berufsfrau manchmal die Sprache.

scy. Zum Beispiel kürzlich die Situation einer 21-jährigen

jungen Mutter. Bei ihrem ersten Hausbesuch traf die

Hebamme auf ein Chaos von Wohnung. Auf Hanfschwaden

und einen zugedröhnten Kindsvater. Kein Geld, kein

Essen, zu wenig Schoppen und Milchpulver, kein soziales

Netz und die junge Mutter am Rande ihrer Kräfte. Die

Hebamme hat über Sozialdienste sofort Geld für Schop-

pen und Babynahrung organisiert und sich mit der

Elternberatung, dem Kinderarzt und vielen anderen Stellen

in Verbindung gesetzt. Als der Kindsvater später mit

dem Messer auf die Frau losging, machte Familystart

eine Meldung bei der KESB, um die Situation abklären

zu lassen. Einige Tage später «fiel» das Kind angeblich

vom Wickeltisch. Sechs Wochen nach der Geburt wurde

das Baby in einer Pflegefamilie fremdplatziert. Ohne die

enge und aufwendige Begleitung durch die Hebamme

wäre wohl in einem solchen Fall erst viel später eingeschritten

worden. Zum Nachteil des Kindes.

Ein ganz anderer Fall: ein junges Paar aus der

Alternativszene. Schwangerschaft und Hausgeburt ohne

Zuzug einer medizinischen Fachperson. Drei Tage nach

der Geburt hat die Mutter sich eine Hebamme gesucht

und gefragt, wann denn «dieser Kloss weggehen würde».

Es waren Nabelschnur und Plazenta. Beim Hausbesuch

hat die Hebamme neben der medizinischen Betreuung

auch darauf hingewiesen, dass das Baby behördlich

angemeldet werden müsse, und ihnen die nötigen Formulare

gegeben. Daran hatten die Eltern bisher nicht gedacht.

Das sind krasse Beispiele. Aber sie kommen

vor, immer wieder. Allein im letzten Jahr ist Monika

Barth von 35 Berufskolleginnen um Rat und Unterstützung

angefragt worden. 57 Mal musste der Härtefallfonds

angezapft werden: für koordinierende Leistungen

in komplexen Betreuungssituationen, für Babynahrung,

Notgeld oder die Bezahlung der Hebammenrechnung,

weil die Wöchnerinnen nicht angemeldet waren und

keine Krankenkasse hatten.

«Wir engagieren uns mit Herzblut und Fachwissen

für Mütter und Neugeborene. Wir begleiten die

Familie und organisieren wenn nötig erste Hilfe», sagt

Monika Barth. «Aber wir wollen diese Arbeit nicht in

unserer Freizeit machen müssen. Deshalb ist das Pilotprojekt

für uns so wichtig.»

7


Kinder- und Jugenddienst Basel-Stadt

Soforthilfe

für die Kleinsten

Kleine Kinder und sogar Babys sind Opfer von

Gewalt – direkt oder als Zeugen. Mit verheerenden

Folgen für ihre Entwicklung. Die CMS

unterstützt ein Pilotprojekt des Kinder- und

Jugenddiensts (KJD) für traumatisierte

Kinder. Das Ziel: gewaltbetroffenen Kindern

sofort helfen und sie und ihre Familien

besser nachbetreuen.

scy. Ein Beispiel: Der zweijährige Leon und die siebenjährige Lea erleben

täglich, wie der Vater austickt. Sie sind vielleicht (noch) nicht selber von

physischer Gewalt betroffen, aber verstörte Zeugen und Opfer von psychischer

Gewalt. Nachbarn, die Kita oder die Schule melden sich bei der

Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) oder beim Kinder- und

Jugenddienst Basel-Stadt (KJD). Vielleicht rückt nach einem Ausraster

des Vaters sogar die Polizei aus und verfasst einen Rapport, der an die

KESB und an den KJD geht. Die beiden Fachstellen prüfen daraufhin den

Handlungsbedarf.

Bis vor Kurzem nahm dann der KJD eine Intervention bei der

Familie vor und besuchte sie – falls die Familie damit einverstanden war.

Und selbst wenn sie einwilligte, blieb es bei einem einmaligen kurzen

Hausbesuch: Der Gewalt ausübende Elternteil war vielleicht «leider»

gerade abwesend – und der andere Elternteil bemühte sich um die

Inszenierung eines intakten Familienlebens. Viele traumatisierte Kinder

konnten so nur unzureichend erreicht werden.

Mit dem Pilotprojekt des KJD, das die CMS 2019 bis 2021 mit

insgesamt rund CHF 340 000 unterstützt, kann Kindern in solchen Notsi-

tuationen schneller, umfassender und mit interdisziplinärem Ansatz ge-

holfen werden. Neu geschehen die Erstinterventionen des KJD nach

häuslicher Gewalt nicht mehr auf freiwilliger Basis, sondern sind eine

obligatorische Kindesschutzmassnahme der KESB. Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter können sich neu auch mehr Zeit nehmen für eine genauere

Einschätzung. Dank des interdisziplinären Ansatzes sind sie auch besser

sensibilisiert und können schneller Soforthilfe vermitteln, zum Beispiel

eine psychotherapeutische Begleitung traumatisierter Kinder. Manchmal

wenden sich Familien selbst an den KJD, auch das gibt es. Für die

Nachbetreuung der Kinder steht zudem neu ein Netzwerk von spezialisierten

Psychotherapeutinnen und -therapeuten zur Verfügung.

Sophia Fischer, Leiterin des Pilotprojekts des KJD, weiss nur zu gut um

die vielen Vorurteile gegenüber amtlich verordneter «Überbetreuung».

Auch um die Vorurteile gegenüber der KESB. Deshalb sei es dem KJD bei

Familienbesuchen auch so wichtig, erst einmal Ängste abzubauen: «Wir

hatten tatsächlich Mühe zu Beginn, im Auftrag der KESB zu arbeiten,

weil viele Familien auch wegen der zahlreichen negativen Medienberichte

Angst haben, wir nähmen ihnen die Kinder weg. Darum geht es

überhaupt nicht. Wir versuchen den Familien, auch den gewalttätigen

Elternteilen, aufzuzeigen, was für schlimme Folgen ihr Handeln für ihre

eigenen Kinder hat. Wie massiv

deren Entwicklung beeinträchtigt

wird. Und dass es in ihrem

ureigenen Interesse sein sollte,

das zu ändern. Manche begreifen

das, wissen aber nicht, wie

sie die Situation verbessern könnten.

Andere nicht», sagt Sophia

Fischer. Dann gibt der KJD eine

entsprechende Rückmeldung

an die KESB über die Gefährdung

der Kinder.

Welche Familien sind

denn besonders betroffen von

häuslicher Gewalt? «Betroffen

sind vor allem Familien, bei de-

nen sich Risikofaktoren kumulieren,

unabhängig von Nationalität,

Ausbildung, Herkunft

und Quartier: Finanzielle Probleme

und Arbeitslosigkeit spielen

eine grosse Rolle, Krankheit

oder psychische Beeinträchtigungen.

Das ganze Spektrum»,

sagt Sophia Fischer. Das Pilotprojekt

läuft bis 2021 und wird

wissenschaftlich begleitet.

«Finanzielle

Probleme

und Arbeitslosigkeit

spielen eine

grosse Rolle,

Krankheit

oder

psychische

Beeinträchtigungen.

Das ganze

Spektrum.»

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9


Männerbüro Region Basel

Täterarbeit —

aber nicht nur

Das Basler Männerbüro kümmert sich um Täter

von (häuslicher) Gewalt. Aber auch um Männer,

die keine Täter sind. Vor einem Jahr stand die

Beratungsstelle finanziell vor dem Aus. Dank der

CMS kann sie weitermachen. Voraussetzung für

die CMS-Unterstützung waren eine Organisationsanalyse

und eine weitere Professionalisierung.

scy. Was für ein Zufall: Im Davidseck im St. Johann, wo vor 42 Jahren

Basler Feministinnen das Frauenzimmer eröffnet haben, befindet sich

seit knapp zwei Jahren das Männerbüro. Das gibt es zwar auch schon

seit 25 Jahren. Der Umzug aus der versteckten Soussol-Wohnung an der

Blauenstrasse an den neuen Standort war aber ebenso ein emanzipatorischer

Akt: «Raus aus der Nische und auf allen Ebenen sichtbarer

werden, das war dringend nötig», sagt Gaudenz Löhnert, seit zwei Jahren

Geschäftsleiter. Seit der ehemalige Lehrer das Männerbüro managt,

hat sich viel verändert, nicht nur der Standort. Die Generation von

Ehrenamtlichen aus der linken Sozialarbeiterszene ist zurückgetreten

oder wurde pensioniert. Zwei neue Berater mit qualifizierten Weiterbildungen

in Männer-Gewaltprävention haben die Arbeit aufgenommen.

Allerdings gab es ein Problem: Vor einem Jahr war das Männerbüro

pleite und stand vor dem Aus. Der Kanton finanziert zwar bis

heute die sogenannte Täterarbeit. Die Kantonssubventionen decken

aber nur einen Bruchteil der Betriebskosten. Tatsächlich kümmert sich

das Männerbüro nicht nur um Männer, die bereits gedroht, geprügelt,

vergewaltigt oder genötigt haben. Diese Täterarbeit machte 2019 rund

ein Drittel der 433 Klienten aus. Sie kommen entweder freiwillig oder

werden dem Männerbüro von der Polizei, vom Sozial- oder Migrationsamt

und anderen Stellen zugewiesen.

Die übrigen zwei Drittel suchen das Männerbüro bei Konflikten in der

Partnerschaft, bei Trennungen, bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder

bei Problemen mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie auf. Sie sind

keine Täter – vielleicht auch noch keine Täter. «Viele Männer kommen

mit den gestiegenen Ansprüchen an sie in unserer heterogenen Gesellschaft,

dem zunehmendem Druck in Beruf und Familie und den ver-

änderten Rollenbildern nicht mehr klar», sagt Löhnert. Wären dafür

nicht Psychologen oder Psychiater die bessere Adresse? «Wir wollen

nicht therapieren oder ‹heilen›!», betont Löhnert. «Viele unserer Klienten

würden nie zu Psychologen oder

Psychiatern gehen. Wir bieten

eine sehr niederschwellige Be-

ratung an, die den Männern an-

dere Handlungsmöglichkeiten

aufzeigt. Oft reden sie bei uns

zum ersten Mal überhaupt über

ihre Nöte, was schon entlastet

und viel Druck wegnimmt.»

Mit den Unterstützungs-

beiträgen der CMS ist der Betrieb

vorläufig bis 2022 gesichert. Vor-

aussetzung für das CMS-Enga-

gement war eine umfassende

Organisationsanalyse und eine

weitere Professionalisierung. Bei-

des ist inzwischen angelaufen.

Die längerfristige Finanzierung

des Männerbüros soll zusammen

mit dem Kanton geregelt werden.

«Oft reden

sie bei uns zum

ersten Mal

überhaupt

über ihre Nöte,

was schon

entlastet und

viel Druck

wegnimmt.»

«Ich wusste, dass es so

nicht weitergehen kann»

Der 47-jährige Maschinenzeichner Thomas M.* hat

seine Freundin geschlagen. Sie hat ihn davon überzeugen

können, sich im Männerbüro beraten zu lassen.

Zum Glück, sagt er heute. RADAR hat seine Erfahrungen

aufgezeichnet.

Also eigentlich bin ich ein Mensch, der seinen Mist gerne

alleine ausbadet und keine Hilfe braucht. Aber irgendwann

wurde es sehr schwierig in der Beziehung mit meiner

Freundin. Wir haben viel gestritten, und dann ist es

auch eskaliert und wurde handgreiflich. Also … ich habe

sie geschlagen. Wegen Banalitäten. Und Eifersuchtsthemen

halt auch. Das ist doch häufig so in Beziehungen

zwischen Mann und Frau – und auch zwischen Männern.

Ausrasten ist ja ein weit verbreitetes Phänomen. Und da

zeigt sich auch, dass Frauen eigentlich das stärkere

Geschlecht sind. Sie drängen die Männer manchmal so

stark in die Ecke, dass man die Flucht nach vorne er-

greift, mit Gewalt. Du kannst dich nicht mehr ausdrücken

– und dann: Kurzschluss.

Ich habe mich danach immer sehr schlecht

gefühlt. Ich wusste, dass es so nicht weitergehen kann,

und hatte auch Angst, dass ich meine Freundin stark

verletze. Meine Freundin hat dann auf dem Internet

gegoogelt und das Männerbüro ausfindig gemacht. Es

brauchte schon ziemlich viel Überwindung, bis ich dort

hingegangen bin. Ich kannte das nicht und dachte

zuerst: Schon klar, da hocken so Soziopathen im Kreis

rum und säuseln – nein danke. Aber dann bin doch hingegangen,

mit mulmigem Gefühl. Die haben mich aber

sehr freundlich aufgenommen. Man fühlt sich dort

nicht verurteilt, eher im Gegenteil. Die haben mir fast

schon gratuliert, dass ich gekommen bin! Ich bin zehn

Mal in eine Beratung gegangen, je eine Stunde. Schon

alleine darüber reden zu können, hat mir sehr geholfen.

Häusliche Gewalt ist ja kein Thema, das man am

Stammtisch bequatscht. Das ist gar nicht populär. Du

schämst dich dafür – und es ist ja auch strafbar.

Die Sitzungen haben mir wirklich die Augen geöffnet. Die

Berater zeigen dir auf, worüber du dir Gedanken machen

musst. Und du wirst dir plötzlich über Gefühle bewusst,

die du bisher nicht einordnen konntest. Sie haben mir

auch Wege aufgezeigt, wie ich rechtzeitig aus der Rage

und aus der Hilflosigkeit rauskomme, bevor es eskaliert.

Ich habe dann auch meinen Kumpels in meiner Gruppe

davon erzählt. Das hat noch mehr Überwindung gekostet

als ins Männerbüro zu gehen. Aber die haben verständnisvoll

reagiert und fanden es sogar gut.

Ich kann eine solche Beratung im Männerbüro

jedem Mann empfehlen, der Probleme mit Gewalt hat.

Man wird auch nicht unter Druck gesetzt. Wenn ich

einen Termin hatte, war es für mich auch kein Müssen.

Meine Freundin und ich haben es jetzt gut zusammen,

sogar in der Corona-Zeit. Ich gehe schon länger nicht

mehr hin, weil es nicht nötig ist. Aber wenn es wieder

brenzlig würde, dann würde ich dort wieder anklopfen.

* Name geändert. Aufgezeichnet von Sylvia Scalabrino.

Das Gespräch fand Ende April aufgrund

der Corona-Auflagen per Videokonferenz statt.

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App Pro Juventute — Opferhilfe beider Basel

Ein Handy-Coach

für Kinder und Eltern

Mit einer neuen App will die Pro Juventute

Kinder besser vor Gefahren und Übergriffen im

Internet und in den sozialen Medien schützen.

WUP ergänzt das Beratungs- und Sorgentelefon

und die Website 147.ch der Stiftung.

scy. Kinder werden heute in eine stark digitalisierte Welt hineingeboren.

Rund die Hälfte der Sechs- bis Dreizehnjährigen benutzt ein Smartphone.

Ein Viertel der Primarschulkinder spielt täglich Games, schaut

Videos und surft im Internet. Das kann lustig und lehrreich sein – aber

auch bedrohlich und gefährlich. Rund ein Drittel der Jugendlichen

haben schon erlebt, dass jemand im Internet sie «fertigmachen» wollte.

Ein Drittel gibt an, dass Fotos oder Videos von ihnen ohne ihre Einwil-

ligung online gestellt wurden. Die Zahlen stammen aus den letzten

umfassenden Studien der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften

ZHAW von 2017 (Mike-Studie) und 2018 (James-Studie).

Pro Juventute hat nun zusammen mit dem Technologiepartner

Privately SA für die Zielgruppe der Neun- bis Zwölfjährigen eine

neue App fürs Smartphone entwickelt, die Kinder vor Gefahren schüt-

zen und sie gleichzeitig sensibilisieren und zu einem verantwortungsvollen

Medienkonsum befähigen soll. WUP funktioniert so: Die Eltern

melden sich an und verbinden die Anwendung mit dem Handy des

Kindes. WUP reagiert in Echtzeit mit Warnungen und Empfehlungen,

wenn das Kind unangemessene Fotos oder Beschimpfungen erhält oder

versenden will, private Daten teilt oder gar Websites mit pornografischem

Inhalt besucht. Die Eltern erhalten ebenfalls Informationen über

Trends in der Medienwelt von Kindern und Jugendlichen und bekommen

Tipps für die Medienerziehung – aber keine detaillierte Einsicht in die

digitalen Aktivitäten ihres Kindes. Erziehungshilfen also ja, Überwachung

nein.

Natürlich berücksichtigt das Angebot die Schweizer Datenschutzgesetzgebung.

Datenüberwachung und -analyse erfolgen innerhalb

des Smartphones, Betriebsinformationen werden befristet in der

Schweiz gespeichert und Daten nicht an Dritte weitergegeben. Die CMS

hat sich mit einem einmaligen Projektbeitrag in der Höhe von CHF

60 000 beteiligt.

«Ganz wichtig ist uns bei der App, dass wir Kinder ermutigen,

das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Auch möchten wir Eltern befähigen,

das Gespräch mit den Kindern zu führen», betont Manuela Wittmann,

die Projektleiterin bei Pro Juventute. WUP ist eine Ergänzung zur

Beratung «147», die Kindern und Jugendlichen seit mehr als zwanzig

Jahren rund um die Uhr an 365 Tagen in Notsituationen hilft und eine

niederschwellige und vertrauliche Beratung anbietet, sowohl telefonisch

als auch per Chat. Rund 350 Jugendliche und Kinder nutzen das

Angebot täglich.

Opferhilfe —

noch viel zu wenig

bekannt

Kennen Sie die Opferhilfe beider Basel? Wenn

nicht, sind Sie in bester Gesellschaft – und das ist

nicht gut. Denn viele wissen nicht, dass Opfer

ein Recht auf Beratung und Unterstützung haben,

wenn sie körperliche, psychische oder sexuelle

Gewalt erfahren haben. Das soll sich ändern.

scy. «Opferhilfe» assoziierten in einer repräsentativen Umfrage des Bundesamts

für Justiz von 2014 die Hälfte der Befragten mit Hilfswerken,

Katastrophenhilfe oder Spenden. Nur ein Drittel wusste, dass es in der

Schweiz ein Opferschutzgesetz gibt – und dass kantonale Stellen, eben

die Opferhilfen, Betroffenen gratis Beratung und Unterstützung bieten,

übrigens auch Rechtsberatung und finanzielle Unterstützung. Junge

Menschen (Altersgruppe 16–29) wussten noch viel weniger davon. Erfahrungen

zeigen, dass das seither nicht besser geworden ist und sogar

Bezugspersonen im Kinder- und Jugendbereich Informationsdefizite

haben.

Das ist umso bedauerlicher, als Jugendliche bei der Opferhilfe

sehr niederschwellig Hilfe und Unterstützung erhalten: Sie können

mit der Beratungsstelle am Basler Steinenring über verschiedene Kommunikationskanäle

Kontakt aufnehmen, selber anrufen oder eine Vertrauensperson

für einen Erstkontakt beauftragen, auch anonym. Und

kostenlos.

Die Opferhilfe beider Basel will mit einer Informationsoffensive

näher an Jugendliche herankommen. Mit einer neuen, interaktiven Website,

digitalen Mitteln und mit gedrucktem Informationsmaterial. Demnächst

soll die Website online gehen. In einer späteren Phase sind auch

Schulbesuche in der Region geplant, bei denen Schülerinnen und Schüler

über das Angebot informiert und sensibilisiert werden. Damit leistet die

Opferhilfe gleichzeitig auch einen Beitrag zur Gewaltprävention.

«Wir möchten mit zielgruppenspezifischen Informationsmitteln

nicht nur Jugendliche besser erreichen, sondern auch Eltern, Angehörige

und Fachpersonen. Damit möglichst viele wissen, dass Opfer ein

gesetzlich garantiertes Recht auf Beratung und Unterstützung haben»,

sagt Elena Spinnler von der Opferhilfe beider Basel. Die CMS hat das Projekt

mit insgesamt CHF 100 000 unterstützt.

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12


Basler Chemiegeschichte

Der Wohlstand

der Nachkriegszeit

Seit dem 19. Jahrhundert prägt die Chemie- und

Pharmaindustrie das Leben in Basel. Über den

Alltag in den Chemiewerken, die nach dem Zweiten

Weltkrieg die Grundlage waren für den

Wohlstand in der Region, wissen wir erstaunlich

wenig.

Novartis-Arbeiter verlassen das Firmengelände, um an einer GBI-Demo teilzunehmen, 2000

Das Projekt «Oral History – Chemie und

Stadtkultur» des Vereins Industrie- und Migrationsgeschichte

der Region Basel erschliesst

in Gesprächen mit Zeitzeugen die Arbeitswelten

der Basler Chemie in der zweiten Hälfte des

letzten Jahrhunderts. Damals wie heute tragen

die Firmen wesentlich zur Migration nach

Basel bei.

Laborantin Zita Krsak, Ciba Schweizerhalle, 1993

Der Verein Industrie- und Migrationsgeschichte

der Region Basel sucht, sammelt und veröffentlicht

Informationen und Objekte aus der regionalen

Geschichte der Industrie in Basel. Gegenwärtig

konzentrieren sich die Tätigkeiten auf die Geschichte

der Chemie- und Pharmaindustrie in der zweiten

Hälfte des 20. Jahrhunderts.

www.imgrb.ch

Oral History bedeutet wörtlich übersetzt: mündliche

Geschichte. Und in Bezug auf das Projekt: Interviews mit

Menschen, die in den 50er-Jahren in den Basler Werken

gearbeitet haben. Wie sind sie in die Firmen Ciba, Roche,

Sandoz und Geigy und damit nach Basel gekommen? Sie

hatten oft bescheidene oder schwierige Hintergründe

und konnten in der Chemie eine berufliche Laufbahn

beginnen, welche es ihnen ermöglichte, am Wohlstand

der Nachkriegszeit teilzunehmen.

Der enorme Arbeitskräftebedarf machte es einfach, eine

Stelle zu bekommen, vor allem wenn eine Vorbildung in

hygienischen Materialprozessen wie Koch oder Bäuerin

vorhanden war. Die Migration nach dem Zweiten Weltkrieg

erfolgte zuerst aus den ländlichen Gebieten der

Schweiz, danach aus dem benachbarten europäischen

Ausland und ab den 90er-Jahren international. Während

in der Sandoz politische Betätigung nicht gern gesehen

wurde, spielte ein solches Engagement bei Geigy und

Ciba weniger eine Rolle.

Einige Beispiele

Herr A. wuchs in Kleinhüningen als Sohn eines Chemiearbeiters

auf. Nach einer Lehre als Maschinenschlosser

in einer Chemischen Reinigung, welcher eine Färberei

angeschlossen war, kündigte er ca. 1950, als ein neuer

Chef eingestellt wurde. Nach einer Zeit ohne Arbeit

wegen der Koreakrise bewarb sich A. bei der Ciba für die

Schlosserei. «Am Montag habe ich mich angemeldet,

am Dienstag war Gesundheitscheck und am Mittwoch

hiess es: Wann können Sie anfangen? Ich sagte: Sofort.

Da holte mich ein Mann im Anzug und führte mich in

den Bau 92, der damals eine Färberei war.» Dort konnte

man zwar keinen Schlosser brauchen, aber ihm wurde

angeboten, eine Färberlaborantenlehre in Form von

Abendkursen zu machen. Herr A. stieg als Laborant auf.

Frau B. bewegte sich in Grafikerkreisen und arbeitete

1968 in einer Maschinenfabrik in der Werbung. Als sie

dort «die Nase voll hatte» und überdies alleinerziehende

Mutter war, rief sie in der Geigy an, als diese gerade

Leute in der Verwaltung suchte. Sie bekam eine Stelle.

«Ich musste dann ins Rosental, und dann hat der

gefragt, was ich schon gemacht habe, und dann hat er

gesagt, ich gehöre in die Werbung. Und dann bin ich in

die Medienabteilung gekommen.» Die Medienausbildung

fand «on the job» statt. Nach den Fusionen, die

zur Bildung der Novartis geführt haben, verliess Frau B.

die Chemie und gründete eine eigene Werbefirma.

Frau C. wuchs als Verdingkind in Wartau (St. Galler

Rheintal) bei Bauern auf. Eine Landdienstlerin aus Basel

schwärmte ihr um 1950 von der Chemie vor, nahm sie

nach Basel mit und brachte sie zunächst bei ihren Eltern

unter. Später hatte C. ein Zimmer am Wiesenplatz und

setzte im Akkord Treppenhaus-Minuterien bei Sauter

zusammen. Dort wurde sie von Geigy-Mitarbeitern

angesprochen, ob sie nicht mal etwas anderes probieren

wolle. Nach einer Zeit als Laborgehilfin folgte die interne

Ausbildung zur Laborantin. Ohne formalen Abschluss

arbeitete Frau C. bis zur Pension als Laborantin.

Herr D., Jahrgang 1950, aufgewachsen in Crailsheim

(Baden-Württemberg), machte eine Kochlehre in Ulm,

der Vater war Polizist. D. drückte sich vor dem Militärdienst,

indem er 1968 als Koch nach Winterthur ging,

verlor aber wegen seiner Nähe zu den Zürcher Globuskrawallen

seine Stelle und wurde ausgewiesen. 1971 heiratete

er eine Schweizerin und kam nach Basel, war aktiv

in linken Kreisen. Dabei lernte er den Gewerkschafter

Jost Arnet kennen, der damals in der Ciba-Geigy eine

Lehre machte, fing bei dieser Firma an und blieb gewerkschaftlich

aktiv. Bei seiner Pension war Herr D. Gewerkschaftspräsident.

Diese Kurzbeschreibungen sind beispielhaft für die 30

Interviews, die im Rahmen des Forschungsprojekts «Oral

History – Chemie und Stadtkultur» seit Oktober 2018

durchgeführt wurden.

Dr. Nicholas Schaffner, Wissenschaftlicher Leiter

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Soforthilfe CMS

Corona-Soforthilfe

zur «Linderung der Noth

und des Unglückes»

mwa. Christoph Merian hat seine Stiftung testamentarisch zur «Linderung der Noth und

des Unglückes» verpflichtet. Danach richtet sie seit 1886 ihre Förderpolitik. In diesem

Frühjahr hat dieser Auftrag eine ungeahnte Dringlichkeit erfahren. Die Covid-19-

Pandemie hat die Welt überrascht und viele Menschen und Einrichtungen in Not gebracht;

auch in Basel. Die CMS war aufgerufen, rasch zu handeln.

Mit der Absage der Fasnacht am 28. Februar 2020 nimmt die Corona-Krise in Basel ihren

Lauf. Die Situation spitzt sich fortlaufend zu, die Verunsicherung wächst, «Social Distancing»

wird zum Gebot der Stunde. Am 16. März erklärt der Bundesrat die «ausserordentliche

Lage». Läden und Restaurants, Museen, Theater und Schulen werden geschlossen.

Aber auch soziale Einrichtungen wie die Notschlafstellen können ihren Betrieb

nicht wie gewohnt aufrechterhalten. Bald wird klar: Die Krise trifft all jene besonders

hart, die ohnehin schon in prekären Verhältnissen leben, Armutsbetroffene und Obdachlose.

Aber auch Kunst- und Kulturschaffende, die mit den zunehmenden Restriktionen

ihre Lebensgrundlage schwinden sehen. Nicht zuletzt finden sich sogenannte Risikogruppen

existenziell gefährdet. Vulnerabel und isoliert, sind viele von heute auf morgen

auf Hilfsleistungen angewiesen.

Als der Bundesrat am 24. März das Notrecht ausruft, hat die CMS ein erstes dringliches

Hilfspaket von CHF 1 Mio. bereitgestellt. Der Betrag kommt primär sozialen und kulturellen

Partnerorganisationen zugute, die keinen Anspruch auf anderweitige Unterstützung

haben. Finanzielle Verluste sollen damit gemindert und Liquiditätsengpässe vermieden

werden. Zudem fördert die CMS auch neue Initiativen, die rasch und gezielt

reagiert und Lösungen erarbeitet haben. Bis Ende Juni hat die Stiftung insgesamt 110

Anträge erhalten und alsbald geprüft, damit die Hilfe unverzüglich dorthin fliessen

kann, wo sie dringend gebraucht wird.

Anfang April spricht die CMS zudem CHF 300 000 für die Notunterbringung von obdachlosen

Menschen und bewilligt anschliessend weitere Projekte zur Soforthilfe im Rahmen

des ordentlichen Förderprogramms. Unter anderem beteiligt sie sich mit CHF 200 000

bei der Einrichtung zusätzlicher Notschutzplätze für gewaltbetroffene Frauen und Kinder.

Ein zweites Hilfspaket über CHF 450 000 schnürt die Stiftung im Juni. Es ist für das

zweite Halbjahr bestimmt und wird, wie schon die erste Million, aus der Dachstiftung

der Christoph Merian Stiftung (DS-CMS) finanziert.

Vernetzte Solidarität

Unterstützt werden Online-Plattformen, die Hilfe zur Selbsthilfe anbieten, indem sie

Angebot und Nachfrage verknüpfen; wie Botengänge, Besorgungen oder Kinderbetreuung.

Über die Facebook-Gruppe von Bajour, die bereits nach wenigen Tagen über

10 000 Mitglieder zählt, findet eine Bäckerin etwa noch rar gewordene Hefe oder die

Gassenküche neue Freiwillige. Auf der Website hilf-jetzt.ch wird Nachbarschaftshilfe

koordiniert, vom Hundeausführen bis zum Vorlesen am Telefon. Bei Kummer und Einsamkeit

tröstet der freundliche Zuspruch aus der Community, zivilgesellschaftliches

Engagement at its best.

Professionelle Beratung und Services

Die Menschen zuhause erreichen, sie nicht alleine lassen, Ängste nehmen, sich austauschen:

Die Soforthilfe der CMS kommt professionellen Organisationen zugute, die in der

Ausnahmezeit neue Angebote entwickeln. Sei es zur psychologischen Unterstützung,

wie etwa die Spitex Basel mit ihrem Sorgentelefon oder die Selbsthilfe Schweiz mit nun

halt virtuellen Gesprächsgruppen. Spezifische Beratungen, etwa für junge Mütter, die

ins Berufsleben einsteigen wollen, oder für Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen,

werden telefonisch oder per Mail fortgesetzt, zuweilen sogar aufgestockt. Auf konkrete

Hilfe angewiesen sind Risikogruppen, die CMS unterstützt entsprechende Lieferservices

und Mahlzeitendienste, etwa von Pro Senectute.

Nothilfe- und Härtefallfonds

Die Stiftung finanziert mehrere Nothilfefonds, unter anderem für Sans-Papiers oder für

Sexarbeiterinnen. Insbesondere Sans-Papiers fallen durch alle Maschen. Ohne Aufenthaltsbewilligung

arbeiten sie schwarz. Verlieren sie ihren Job oder können sie krankheitshalber

nicht mehr arbeiten, haben sie kein Anrecht auf Lohnfortzahlung, Arbeitslosengeld

oder Sozialhilfe. Auch Homeoffice und Kurzarbeit greifen für diese Menschen nicht.

Aus den Fonds werden Beiträge an Unterkunft und Verpflegung, medizinische Versorgung

oder Dolmetscherdienste gedeckt. Zudem beteiligt sich die Stiftung an einem

Härtefallfonds für Musikerinnen und Musiker, deren Einkommen weggebrochen ist.

Gemeinsam Grundbedürfnisse decken

Etwas zu essen, sich waschen und für die Nacht eine sichere Unterkunft. Einrichtungen,

die so elementare Bedürfnisse abdecken, sind in der Krise besonders gefordert und

gleichzeitig durch die Umstände stark eingeschränkt. Flexibilität und Kooperation sind

gefragter denn je: So verlängert das Soup & Chill seine Wintersaison und funktioniert

fortan als Take-away. Und als die Abgabestellen der Lebensmittelhilfe «Tischlein deck

dich» schliessen, springt der Verein DaN ein und verteilt die Waren an Bedürftige. Mit

CHF 300 000 bringt sich die CMS bei einem Projekt der Sozialhilfe Basel-Stadt ein: Da

nahezu alle Einrichtungen der Obdachlosenhilfe gemäss den geltenden Abstandsregeln

umstrukturiert, de facto bis zur Hälfte reduziert oder ganz eingestellt werden, mietet

die Stadt 66 Zimmer im Hotel du Commerce am Riehenring und stellt sie obdach- und

wohnungslosen Menschen zur Verfügung.

Beschleunigte Digitalisierung

Eine bemerkenswerte Beschleunigung erfährt die Digitalisierung. Dem Verein Crescenda

hilft die CMS, digital aufzurüsten und sein Kursangebot für Migrantinnen fortan als

E-Learning anzubieten. Ein Beitrag wird für Corona-Infovideos in verschiedenen Sprachen

gesprochen, sie sollen via Social Media verbreitet werden. Die Kulturklinik etabliert

einen Webshop für Kultur- und Kunstschaffende: Abgesagte Ausstellungen, geschlossene

Bühnen und stornierte Aufträge haben in der Kreativszene zu einschneidenden Einbussen

geführt. Mit dem Verkauf ihrer Produkte können die Betroffenen einen Teil davon

wettmachen. Lokale Bands erhalten dank Bajour sogar die Möglichkeit eines Auftritts

vor Publikum: live via Streamingkanal, Kollekte inklusive. Eine Übersicht solcher krisenbedingter

Initiativen bietet der Kulturlotse, die neue Plattform der Programmzeitung.

Ausfälle und Aufwände

Nicht zuletzt unterstützt die Stiftung diverse grössere und kleinere Institutionen und

Projekte wie das Papiermuseum, die Buchmesse I Never Read oder das Backwaren Outlet

im Gundeli, welche aufgrund der verhängten Massnahmen monatelang weniger oder

gar keine Einnahmen generieren oder mit zusätzlichem Aufwand belastet sind, wenn

beispielsweise Schutzmaterial fürs Personal besorgt oder ein Anlass verschoben werden

muss. Welche Defizite infolge des Lockdowns entstanden sind, wird erst im zweiten

Halbjahr deutlich zu beziffern sein, wenn die CMS Anträge für das zweite Hilfspaket prüft.

Noch weiss niemand, wie lange die Krise uns noch beschäftigen wird und welche gesellschaftlichen

Folgen sie nach sich zieht. Was sich aber festhalten lässt ist, dass die

«Linderung der Noth und des Unglückes» nur mit vereinten Kräften zu meistern ist: Mit

fortwährender Unterstützung von Staat und Stiftungen, mit dem beherzten Einsatz der

Zivilgesellschaft, mit engagierten Organisationen, findigen Projekten und gutem Mut.

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Soforthilfe CMS

Aliena – Beratungsstelle für Frauen im Sexgewerbe

Nothilfefonds

CHF 30 000

HGK Hochschule für Gestaltung und Kunst

Corona Kino

CHF 6 000

Stiftung Radio X

Lese-Stafette

CHF 5 000

Verein AMIE – Berufseinstieg für junge Mütter

Sicherstellung der Beratungen

CHF 28 000

Icona Basel AG

Kampagne Basel Sichtbar

CHF 3 000

Anlaufstelle für Sans-Papiers Basel

Nothilfefonds

CHF 100 000

Backwaren Outlet

Betriebszuschuss

CHF 30 000

IGA Interprofessionelle Gewerkschaft der ArbeiterInnen

Infrastruktur für Ausbau der Beratungen

CHF 6 500

Verein Soup & Chill

Ausfallentschädigung und Notöffnung April

CHF 30 000

Verein Bajour

«Gärn gschee» Kultur

CHF 20 000

Verein I Never Read, Art Book Fair

Mehrkosten Verschiebung

CHF 16 700

Stiftung Selbsthilfe Schweiz

Virtuelle Selbsthilfegruppen zu Corona-Themen

CHF 15 000

Verein Bajour

«Gärn gschee» Soziales

CHF 20 000

Verein Bonjour

NotAlone-App

CHF 12 000

Verein Crescenda

Digitalisierung des Kursangebots

CHF 20 000

Verein DaN, Dienst am Nächsten

Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige

CHF 7 000

Verein Dokumentationsstelle Kunst der Region Basel

DOCK Archiv, Diskurs- und Kunstraum

CHF 5 000

ex/ex Theater

Mehrkosten Wiederaufnahme

CHF 1 900

Verein Filter4

Beitrag an Betriebskosten

CHF 13 000

Stiftung Frauenhaus beider Basel

Notschutzplätze für von Gewalt betroffene Frauen

und Kinder

CHF 200 000

Verein Frequenzwechsel

Beitrag an Betriebskosten

CHF 15 000

Verein Gassenküche

Zusätzliche Aufwände

CHF 21 000

Gewerbeverband Basel-Stadt

Nothilfefonds «Zäme fürs Basler Gwärb»

CHF 50 000

Stiftung HEKS

Mehrsprachiges Hilfstelefon

CHF 30 000

Stiftung Kammerorchester Basel

Härtefallfonds

CHF 30 000

Verein Kulturklinik

Verkaufsplattform

CHF 25 000

Verein Kultur Kieswerke, Humbug

Liquiditätszuschuss

CHF 15 800

Literaturecho

Bücherplausch

CHF 13 000

Verein Migranten helfen Migranten

Infovideos in mehreren Sprachen

CHF 4 000

Verein Offene Kirche Elisabethen

Betriebs- und Liquiditätszuschuss

CHF 20 000

Verein Padel Basel

Mietausfälle

CHF 16 000

Verein Perspektive 50plus

Hauslieferdienst für Risikogruppen

CHF 25 000

Stiftung Basler Papiermühle

Ausfallentschädigung

CHF 130 000

Verein Planet13

Zusätzliche Aufwände Internetcafé

CHF 4 000

ProgrammZeitung Verlags AG

Kulturlotse, Plattform für digitale Kulturaktionen

CHF 20 000

Stiftung Pro Senectute beider Basel

Botendienste für ältere Menschen

CHF 20 000

Verein PublicBeta

Plattform hilf-jetzt.ch

CHF 20 000

Sozialhilfe Basel-Stadt

Notunterbringung für Obdachlose

im Hotel du Commerce

CHF 300 000

Stiftung Spitex Basel

Sorgentelefon

CHF 4 000

Verein Starship Factory

Makerspace

CHF 4 000

Verein Startup Academy Basel

Deckung Mietausfälle

CHF 24 000

Stiftung Suchthilfe Region Basel

Deckung Betriebsaufwand

CHF 30 000

Verein Surprise

Betriebsbeitrag Standort Basel und Nothilfefonds

CHF 80 000

Verein Tanzbüro Basel

Ausfallentschädigung

CHF 8 000

Verein Treffpunkt Glaibasel

Betriebszuschuss

CHF 17 000

VAISk Verein für Internet und Spielkultur

Beitrag an Betriebskosten

CHF 55 000

Verein WALLS AND HEDGES

Ausfallentschädigung

CHF 6 000

Verein YOUNG STAGE Basel

Circus Camps für Kinder

CHF 30 000

Das Zelt AG

Mietausfälle

CHF 20 000

Im Rahmen der Soforthilfe von der CMS geförderte

Institutionen und Projekte, Stand 30. Juni 2020

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2020 = 2 × 20

Eröffnung Literaturhaus, Unternehmen Mitte, 7. April 2000

Eröffnung Kinderbüro, Auf der Lyss, 29. November 2000

Literaturhaus

Kinderbüro

Im Jahr 2000 wurde das Literaturhaus Basel als erstes Literaturhaus der Schweiz

gegründet, und die CMS engagiert sich seither massgeblich ideell und finanziell für das

Haus. Seit rund zehn Jahren vereint der Trägerverein LiteraturBasel das Literaturhaus,

das internationale Literaturfestival BuchBasel und den Schweizer Buchpreis unter einem

Dach. Zum 20. Geburtstag des Hauses hatten Katrin Eckert und ihr engagiertes Team

von Literaturvermittlerinnen im Mai ein Programm mit einer Palette von Veranstaltungen

geplant, das wegen der Pandemie nun am 26. September stattfindet.

Das Jubiläumsprogramm soll aufzeigen, wie es derzeit um das zeitgenössische Literaturschaffen

bestellt ist. Denn die Buchbranche befindet sich seit Jahren, bald Jahrzehnten

in einem gewaltigen Umbruch, der alle Bereiche berührt: Autorschaft, Verlag, Produktion,

Vertrieb, Vermittlung und Konsum von Büchern, auch die Literaturmedien

müssen sich immer wieder neu justieren und behaupten. So gab der Verein Literatur-

Basel 2012 den in früheren Jahren erfolgreichen Messeteil der BuchBasel auf und richtete

das Literaturfestival neu aus. Ein regelrechter Innovationsschub brachte neue Orte

und Formate. Mit Projekten wie den Sofalesungen hat der Verein dem jungen Literaturschaffen

deutlich mehr Relevanz verliehen und ein entsprechend jüngeres Publikum

erreicht. Nun steht eine grundlegende Weiterentwicklung der Literaturvermittlung an,

um der Vielstimmigkeit der Basler Gesellschaft gerecht zu werden. Vor diesem Hintergrund

soll das Jubiläum in einer Form gefeiert werden, die Offenheit und Bewegung

signalisiert, die zeigt, was in dieser Zeit aufgebaut worden ist und wie das Literaturhaus

im neuen Jahrzehnt in Bewegung bleiben will. Im Literaturhaus wird die interkulturelle

Öffnung ins Rampenlicht gerückt. Stärker als bisher soll das Programm in den kommenden

Jahren die fremdsprachigen Communities in Basel miteinbeziehen und verschiedene

Möglichkeiten der Kuration erproben, die ein neues und jüngeres Publikum ansprechen.

Kindern Gehör und eine Stimme geben – das sind die Anliegen des Basler Kinderbüros

seit nunmehr zwei Jahrzehnten. Seit seiner Gründung betreibt der Verein Kinderbüro

Basel eine niederschwellige Anlaufstelle für Kinderanliegen und Kinderrechte auf der

Lyss. Im Herbst feiert der Verein sein 20-jähriges Bestehen. Grund für eine Würdigung.

Am 20. November 1989 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen das

Übereinkommen über die Rechte des Kindes. Erstmals wurden die Rechte von Kindern

verbindlich festgeschrieben. Die Schweiz ratifizierte die UN-Konvention acht Jahre später.

Doch wie konkret umsetzen, was endlich gesetzlich festgeschrieben war? In Basel

lautete die Idee: mit einem Kinderbüro! Diese Idee griff die CMS im Jahr 1999 auf. Die

Stiftung beschäftigte sich zu dieser Zeit intensiv mit der künftigen Förderung von Kindern

und Jugendlichen in Basel und mit den bestehenden Angebotslücken. Ein Kinderbüro

sollte eine leicht zugängliche Anlaufstelle bieten für Fragen und Anliegen rund um

Kinderrechte und insbesondere Kindern eine Stimme geben.

Heute umfasst das Angebot des Kinderbüros eine breite Palette an Dienstleistungen,

Themen und innovativen Projekten: «Staatskunde live», «der junge rat», ein Leitfaden

für kinderfreundliche Stadtentwicklung oder die Zeitung Bebbi Kids, und vieles mehr.

Kurzum: Das Kinderbüro sorgt dafür, dass Kinderanliegen und -bedürfnisse in der Politik,

der Öffentlichkeit und in den Medien Beachtung finden und umgesetzt werden. Und

es sorgt auch dafür, dass Kinder einfach Spass haben. Es unterstützt die Kinder bei der

Verwirklichung ihrer Anliegen. Darüber hinaus arbeitet das Kinderbüro eng mit anderen

Akteuren zusammen, teilt seine Erfahrungen und das Wissen über Umsetzungsmöglichkeiten

von Kinderpartizipation mit interessierten Personen, berät und unterstützt

Behörden, Schulen, Institutionen und Fachstellen im Hinblick auf eine kinderfreundliche

Gestaltung, Planung und Umsetzung von Projekten.

Erster Schauplatz des Jubiläums sind die Merian Gärten. Sie stehen für die Verbundenheit

mit der Stiftung, gleichzeitig wollen die Veranstaltungen das Leichtfüssige und

Üppige der Gärten einfangen. LiteraturBasel lädt ausserdem in die Musik-Akademie

Basel ein und betont damit die Wichtigkeit der Kooperationen mit den Basler Kulturinstitutionen.

Es gibt viele Partnerinnen und Partner, zugewandte Orte, Unterstützer,

Medien und Fans, die dem Literaturhaus treu sind und ihre Wertschätzung zeigen, in

wechselnden Besetzungen, mit immer wieder neuen Schwerpunkten und Themen. Im

Volkshaus, dem Hauptschauplatz der BuchBasel, kann man sich am Jubiläum treffen,

um das Bestehende zu feiern und sich auf das Kommende zu freuen. So werden auf der

grossen Bühne nicht nur arrivierte Autor/innen auftreten, sondern auch jüngere Stimmen

zu Wort kommen.

Nach der Konsolidierungsphase und der Entwicklung neuer Angebote geht es heute

darum, die Finanzierungsbasis des Kinderbüros breiter aufzustellen. Mit der Gründung

der Stiftung Pro Kinderbüro im Jahr 2018 wurde ein gewichtiger Schritt gemacht. Die

CMS gratuliert dem Kinderbüro Basel zum Erreichten und dankt für das grosse Engagement

für die Rechte der Kinder.

Maya Natarajan

Projektleiterin Soziales, Christoph Merian Stiftung

Christoph Meneghetti

Projektleiter Kultur, Christoph Merian Stiftung

Redaktion: Carlo Clivio, Elisabeth Pestalozzi, Kommunikation CMS

Texte: Sylvia Scalabrino (scy), Matylda Walczak (mwa)

Gestaltung: BKVK, Basel — Vanessa Serrano, Anna Klokow

Korrektorat: Rosmarie Anzenberger, Basel

Druck und Bildbearbeitung: Gremper AG, Basel/Pratteln

Dieses RADAR wurde klimaneutral gedruckt: www.ClimatePartner.com/53229-2007-1004

Auflage August 2020: 3 500 Exemplare; erscheint dreimal jährlich

Bildnachweis: Cedric Christopher Merkli (Bund 1), Claude Giger (S. 13), CMS (S. 16 links), Kathrin Schulthess (S. 16 rechts)

St. Alban-Vorstadt 12

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T + 41 61 226 33 33

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