FINDORFF GLEICH NEBENAN Nr. 15

FINDORFF.GLEICH.NEBENAN

FINDORFF GLEICH NEBENAN ist das Stadtteilmagazin für Findorff und Bremen für Handel, Dienstleistung, Kultur & Politik

PROFILE

q DER RAPPER AUS FINDORFF ÜBER KINDHEIT, KARRIERE UND KATJA EBSTEIN

» Findorff war der verrückteste Stadtteil von allen. «

JOKA

DORFFRAPPER

FINDORFF GLEICH NEBENAN | 06

M

oin Moin, JokA ! Du bist der

einzige Rapper aus Bremen, der

bundesweit bekannt geworden ist.

Die Anfänge Deiner Karriere liegen

im Jugendzentrum Findorff und

Du bist auch im Stadtteil aufgewachsen

und lebst hier. Wie ging es

damals los – und was bedeutet Dir

das »Freizi« bis heute ?

Am aktuellsten präsent ist mir das »Freizi«, weil ich da meinen

Junggesellenabschied gefeiert habe – und ich schaue sonst auf

jeden Fall immer wieder gern einmal vorbei. Ein- bis zweimal im

Jahr lasse ich mich dort blicken und spiele ab und zu eine Runde

Basketball. Abgesehen davon gibt es hier auf jeden Fall noch

ein paar Rapper aus Bremen, die über die Stadtgrenzen hinaus

bekannt sind. Es gibt sie und es gab sie. Früher war das »Baba

Saad«. Auch heute ist das »Freizi« in Findorff für den Rappernachwuchs

immer noch die »Base«, von der viel ausgeht.

Ist es denn immer noch ein Ort, an dem man Dich erkennt ?

Ich glaube nicht, Alter. Wenn ich da hingehe, manchmal mit

einem Freund, glaube ich nicht, dass die Kinder, wenn sie zehn

Jahre alt sind, mich kennen können. Ein paar BetreuerInnen

kenne ich noch. Manchmal erkennt mich ein Jugendlicher. Aber

es ist nicht so, dass ich da hingehe und die Kids drehen durch.

Im Vergleich zu anderen Stadtteilen in Bremen ist Findorff

kein sozialer Brennpunkt, sondern ziemlich ruhig – und aus

der Weltsicht von Rappern betrachtet sicherlich »brav«. Konntest

Du Dich in jungen Jahren in Deinem Revier überhaupt

wie in einer »Hood« fühlen ? Konnte unser Stadtteil Dich in

Deinen Anfängen inspirieren – oder sind dafür in Bremen eher

Gröpelingen oder Tenever die richtigen Stadtteile ?

Findorff war für mich in meiner Welt immer der verrückteste

Stadtteil von allen. Ich bin ja keiner, der irgendwie der Gangster

war und voll den Gangsterrap gemacht hat. Wir machen natürlich

harte Rapmusik, aber wir machen ja nicht die ganze Zeit

Texte wie: »Ich stech‘ Dich ab und mach dies mach das«. Ich

glaube auch nicht, dass Rapper stadtteilabhängig sind. Verrückte

gibt es in Findorff. Verrückte gibt es überall – das kann ich Dir

auf jeden Fall sagen. Aber ich muss inspiriert sein, um Rap zu

machen. Ich bin inspiriert davon, wie mein Leben und wie das

Leben meiner Freunde ist. Die waren alle in Findorff. Sie sind

immer noch in Findorff. Ich lebe seit 34 Jahren im Stadtteil

und meine Freunde sind immer noch dieselben wie vor über

20 Jahren. Es hat sich in meiner Lebenswelt nicht viel verändert.

Ich sage es mal so: Wo ich während unseres Gesprächs gerade

bin, ist im Studio. Das Studio ist in Gröpelingen. Ich gucke auf

die Weser. So viel zur Inspiration. Die Weser fließt irgendwie

überall, egal ob Du in Findorff oder in Gröpelingen bist.

Du hast schon früh die türkische Sprache gelernt. Türkisch

ist die Sprache, die mit der deutschen Rap-Szene verflochten

ist wie keine zweite. Was war Deine Motivation, türkisch zu

lernen ? Was bedeutet es Dir, die Sprache sprechen zu können ?

Meine Motivation war ganz klar mein Freundeskreis. Als ich

jung war, bestand der zu 90 Prozent aus TürkInnen. Ich hatte

auch deutsche FreundInnen, aber auch viele TürkInnen. Mein

bester Freund, mit dem ich jeden Tag unterwegs war, ist halt

auch Türke. Mit ihm habe ich zusammen in der Grundschule

diesen Türkisch-Unterricht gehabt. Dadurch konnte ich irgendwann

die »Basics«. Türkisch ist eine »nice« Sprache, wenn man

früh anfängt, sie zu lernen. Den Rest habe ich an der Uni und

durch die Reiserei gelernt. Ich war bisher zehn- bis zwölfmal in

der Türkei. Ich würde nicht sagen, dass ich fließend türkisch

spreche. Aber ich komme klar. Wenn Du mich irgendwo in einem

Dorf aussetzt: Ich komme klar und weiß, was ich zu tun habe.

Türkisch bedeutet mir sehr viel, weil nach wie vor meine Freunde

Türken sind. Wenn wir im Café sitzen und Karten spielen,

kann ich alles verstehen. Das ist auch ein Vorteil, wenn du mit

den älteren Türken spielst, die kein deutsch können.

Die Chancen für RapperInnen sind anderswo sicherlich größer

als in Bremen. Hast Du Dich irgendwann entschieden die

Stadt zu verlassen – und wohin bist Du gegangen ?

Ich habe meine Stadt nie verlassen. Ich bin ab und zu mal nach

Berlin gefahren, weil da ein Studio war oder nach Hamburg

oder so. Aber ich bin immer noch in Bremen. Ich denke auch,

dass Rapper überall die gleichen Chancen haben, egal wo sie

herkommen. Das siehst Du auch an der aktuellen Rapszene.

»Bausa« oder »Shindy«, die kommen alle irgendwo her, aus

Städten, von denen vorher niemand jemals gehört hat.

Aber ziehen die aus ihrer Stadt nicht irgendwann weg ?

Nein, die wohnen alle noch da. Ich glaube, das ist ein Klischee.

Viele gehen nach Berlin, wenn sie etwas versuchen wollen. Ja,

natürlich gibt es das. Manche sind vielleicht auch nicht ganz so

familiär verwurzelt wie ich. Ich bin immer noch hier und mache

alles genau wie immer. Weißt Du was ? Vor Jahren, als ich meine

Alben veröffentlicht habe, war ich viel in Berlin und bin auch

viel auf Tour gewesen. Ich bin mit »MoTrip« auch nach wie vor

viel auf Tour. Das war natürlich vor »Coroni«. Aber es ist nicht

so, dass ich sagen würde: »Ich bin aus Bremen weggegangen.«

Ich bin mal weg, aber dann komme ich auch wieder nach Hause.

Viele Rapper, inklusive dem aktuell erfolgreichsten »Capital

Bra«, haben ein Gangster-Image. Ein »böses« Image scheint im

deutschen Rap nicht wegzudenken zu sein. Braucht es eine

Selbstinszenierung als »Bad Guy«, um Rapper zu sein ?

Ich glaube nicht. Wenn Du aktuell in die Charts siehst, glaube

ich nicht, dass du das brauchst. Es sind ganz viele liebe Leute

unterwegs, die trotzdem krasse Sachen machen. Ich glaube, es

geht nicht darum, wie hart man sich gibt. Ich glaube eher, dass

Leute nicht richtig zuhören und in Klischees oder in Schub- u

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