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werner.pfeifer

Magazin nr. 03/2020 des Alpenvereins Villach

Gehen mit Stöcken

Kompetenz aus dem Alpinteam

ALOIS GOLLER

Gehen mit Stöcken ist sinnvoll. Ohne auch!

Ist Wandern bzw. Bergsteigen mit Stöcken oder ohne Stöcke besser? Das Thema ist und bleibt kontroversiell.

Dabei ist es eigentlich ganz einfach, die richtige Antwort lautet: Es hängt davon ab. Es gibt keine Lehrmeinung.

Michael Larcher, Leiter der ÖAV Bergsportabeilung, formuliert es diplomatisch: „Das ist eine individuelle Entscheidung“.

Moderne Wanderstöcke sind leicht,

höhenverstellbar und faltbar. Sie haben

ergonomische Griffe, praktische

Schlaufen sowie für die jeweiligen

Gegebenheiten spezielle Teller und

Spitzen. Sie passen in den Rucksack

und schieben sich bei Belastung nicht

mehr zusammen. All das sind gute

Argumente. Leider beziehen sie sich

aber nur auf die Stöcke selbst und

eben nicht auf den Menschen, auf den

es eigentlich ankommt. Der Industrie

ist das egal. Allein in Österreich

dürften laut Fachhandel [1] mittlerweile

mehr als eine Million Paare dieser

zeitgeistigen Accessoires über den Ladentisch

gegangen sein.

Booklet Bergwandern: Bestellmöglichkeit im

Alpenvereins-Shop auf www.alpenverein.at

Doppelstocktechnik 1

Wann mit?

Lt. UIAA können Stöcke bedenkenlos

verwendet werden [1] :

Im fortgeschrittenen Alter, bei starkem

Übergewicht, bei Gelenksund

Wirbelsäulen-Problemen,

beim Tragen sehr schwerer Rucksäcke,

auf sehr langen Touren, bei

schlechtem Wetter, in der Nacht

und/oder auf längeren Schneefeldern.

Viele Bergsportexperten und

Mediziner bestätigen dies. Der

Innsbrucker Orthopäde Thomas

Hochholzer [1] fügt noch hinzu: bei

langen Touren in „unangenehmem“

Gelände.

Wann ohne?

Doppelstocktechnik 2

Kurz gesagt: In allen anderen Fällen.

Die Innsbrucker Autoren und Sport-

Mediziner Arnold Koller und Christian

Haid

[1] haben herausgefunden,

dass der Einsatz von Stöcken die

Doppelstocktechnik 3

meisten Benutzer zu wesentlich größeren

Schritten verleitet. Und das vergrößert

den Kniewinkel (d.h., das Knie

wird stärker gebeugt) und somit werden

die Gelenke noch stärker belastet.

Und weiter: „... Ständiges Gehen mit

Stöcken schwächt das Gleichgewichtsgefühl,

das (lebens-)wichtig sein kann.

Außerdem verringert der dauernde

Einsatz die körpereigenen Reize und

Schutzmechanismen, die für den Aufbau

gesunder Gelenksknorpel wichtig

sind.“

Auch wenn Stöcke auf einer konkreten

Tour oder in einer speziellen Situation

angebracht sind, führt die dauernde

Verwendung dazu, dass man

das Gleichwichtsgefühl verliert und

das sichere Gehen ohne Stöcke verlernt.

Beides muss dann wieder mühsam

erlernt werden. Ich habe Stöcke

eine Saison lang bewusst immer verwendet

und rate jedem von so einem

Selbstversuch eindringlich ab!

Markus Hölzl schreibt in seinem Beitrag

in berg&steigen [3] : „Durchleuchtet

man die alpinen Unfallstatistiken

Doppelstocktechnik 4

© Cover „Booklet Bergwandern“ – Blick vom Muttekopf in die Lechtaler Alpen (Foto: Alpenverein/Klaus Kranewitter), Maj-Britt Macher (6), AV-Österreich, AV-Villach (2)

Dieser Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und ist nicht notwendigerweise

in allen Aspekten konform mit der offiziellen Lehrmeinung des ÖAV.

14 ALPENVEREIN SEKTION VILLACH 2020|03

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