Wort und Klang im Museumsschloss

BernerKammerorchester
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Das Abendprogramm des 1.ABO-Konzertes des Berner Kammerorchesters.

Vorwort

Einführung

Wort und Klang

im Museumsschloss

Samstag

12.9.2020

Der grosse deutsche Aufklärer und Dichter Gotthold Ephraim Lessing

nahm in seiner kulturtheoretischen Schrift Laokoon (1761) eine folgenschwere

Unterscheidung vor. Er teilte die verschiedenen Disziplinen der

Kunst in zwei Kategorien ein: in Raumkünste und Zeitkünste. Zu letzterer

zählte Lessing die Musik; sie sei situativ, entstehe im Moment und ihre

Existenz sei durch ihre Aufführungsdauer zeitlich begrenzt. So nachvollziehbar

dieser Gedanke auf den ersten Blick erscheinen mag, so

gravierend sind dessen Konsequenzen. Wenn Musik nur das ist, was im

Moment klingt, so müssten wir uns fragen, ob denn die Noten und Partituren

historischer Musikstücke in unseren Bibliotheken, Archiven und auf

den Notenpulten von MusikerInnen nicht zur Zeitkunst Musik gehören,

sondern bloss deren räumliche Abbildung darstellen.

Spinnen wir diesen Gedanken etwas weiter, landen wir rasch bei

einer nahezu quantenphysikalischen Anschauung der Musik. Die musikalischen

Werke vergangener Epoche in ihrer verschriftlichten Form sind

historische – um es mal drastisch auszudrücken – tote historische Dokumente,

die jedoch im Moment ihrer Ausführung zur klingenden Gegenwart

werden. Zugleich schwingt der historische Kontext der Werke auch

im Augenblick der Aufführung stets mit. Wir wissen, dass wir alte Musik

hören, gerade solche interpretatorischen Konzepte wie die historisch

informierte Aufführungspraxis machen dies umso deutlicher. Auch der

klassische Konzertbetrieb mit seinen Kulissen und Kostümen aus dem

späten 19. Jahrhundert zollt dieser Ambivalenz von Zeitreise und akustischer

Gegenwart ihren Tribut. Wir holen uns ein Stück Museum in die

Klangwelt der Jetztzeit zurück. Ein faszinierender Schwebezustand.

(Text: Moritz Achermann)

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