Hölderlin Programmheft

t.online10948

24+4 Seiten, 4c

… INS OFFENE …

HÖLDERLIN

NONO

ZENDER


w e i t ! neue musik weingarten

in Kooperation mit der Stadt Weingarten

und der Pädagogischen Hochschule Weingarten

Unterstützt durch

HANS UND GERTRUD ZENDER-STIFTUNG

Gefördert von

Rose Ebner

Ursula und Gerold Kaiser

© 2020 w e i t !-weingarten e.V.

Texte: Rolf W. Stoll


… ins Offene …

Hölderlin – Nono – Zender

Weingarten, 29. August 2020

Aula der Pädagogischen Hochschule, 19 Uhr

Roland Reuß: »Friedrich Hölderlin, Diotima und die Göttin

der Erinnerung«

Pause

Luigi Nono (1924 – 1990): Fragmente – Stille, An Diotima

für Streichquartett

Hans Zender (1936 – 2019): Mnemosyne – Hölderlin lesen IV

für Frauenstimme und Streichquartett

Salome Kammer, Stimme

Arditti Quartet


4 //

Friedrich Hölderlin (1770 – 1843): Mit Hegel und Schelling war

er eng befreundet, von Schiller wurde er gefördert, Schlegel,

Tieck und Brentano gehörten zu seinen unbedingten Bewunderern.

Hinein geboren in eine Zeit der großen politischen und

kulturellen Umbrüche nach der Französischen Revolution, die

Epoche der Aufklärung, war er zeitlebens auf der Suche nach

Freiheit, einem Leben in einer humanen, Menschliches und

Göttliches verbindenden Gesellschaft. Hölderlin war ein politischer

Mensch, ein – wenn auch sanfter – Revolutionär, zumindest

ein Republikaner, dessen jakobinische Grundhaltung

sich mit seinem religiös-poetischen Enthusiasmus verband.

In seiner auf das christliche Abendmahl anspielenden Elegie

Brod und Wein schreibt er im Jahr 1800: »Göttliches Feuer

auch treibet, bei Tag und bei Nacht, | Aufzubrechen. So komm!

daß wir das Offene schauen, | Daß ein Eigenes wir suchen, soweit

es auch ist.«

Mit den Tübinger Freunden gründet er »die unsichtbare Kirche«,

eine Vereinigung, in der »Vernunft und Freiheit«, wie Schelling

an Hegel schreibt, »unsere Losung bleiben«. Für Hölderlin

geht es dabei um das »selbsterrungene Anschauen des Intellektualen

in uns«, das sich mehr auf Intuition und meditative

Versenkung denn auf Zergliedern, Deduzieren und Analysieren

stützt. »Dass Einbildungskraft ein notwendiges Ingredienz

der Wahrnehmung sei«, schreibt Kant, »daran hat wohl

noch kein Psychologe gedacht«. Diese Nobilitierung der

schöpferischen Einbildungskraft begreift Hölderlin als Selbst -

ermächtigung. Später einmal, im Februar 1798, sollte er an

den Bruder schreiben: »Ich hatte offenbar zu früh (…) nach

etwas Großem getrachtet.«



Kant und Spinoza sind seine intellektuellen Gewährsleute.

An die Mutter schreibt er: »Ich ahnete nemlich bald, daß jene

Beweise der Vernunft fürs Dasein Gottes, und auch für Unsterblichkeit,

so unvollkommen wären, daß sie von scharfen

Gegnern ganz (…) umgestoßen werden können.«

6 //

Hölderlin hat schon als junger Mensch gelitten: am unbedingten

Wunsch der Mutter, er möge Pfarrer werden, dem er sich

nur schwer entziehen konnte, an der Abhängigkeit, in der sie

ihn hielt, an der dogmatisch verkrusteten evangelischen

Theologie jener Zeit, schließlich am despotischen System

Herzogs Karl Eugen von Württemberg, dessen Häscher ihn

letztlich in die Autenrireth’sche Anstalt und danach ins 36-

jährige Exil des Tübinger Turms trieben.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Hölderlin seine große Liebe Susette

Gontard (Diotima) längst verloren. Die Hoffnungen auf

eine Blütezeit der Kunst, die mit der Revolution und ihren

Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verbunden

waren, hatten sich verflüchtigt.

Ein Schreinermeister, Ernst Zimmer, bewundert Hölderlins

Poesie und nimmt ihn bei sich auf. »Ich besuchte Hölderlin

im Clinikum und Bedauerte ihn sehr, daß ein so schönner Herlicher

Geist zu Grund gehen soll. Da im Clinikum nichts weiter

mit Hölderlin zu machen war, so machte der Canzler Autenrit

mir den Vorschlag Hölderlin in mein Hauß aufzunehmen, er

wüßte kein pasenderes Lokal«, berichtet der Bewunderer. Im

Turm läuft er viel herum. Hin und wieder spielt er auf Zimmers

Klavier: improvisiert und phantasiert. Manches Mal empfängt


er Besucher: Varnhagen von Ense, Wilhelm Waiblinger, Christoph

Schwab, Studenten … Zunehmend wird er zur Sehenswürdigkeit,

die noch manchmal, unter anderem Namen, Verse

schreibt: Scardanelli, Buonarotti, Salvator Rosa. Charlotte

Zimmer, die Frau des Schreinermeisters, betreut und pflegt

den Dichter, der sich mehr und mehr in einen Zustand des

Autismus flüchtet. Der bewahrt ihn, wie Rüdiger Safranski

schreibt, davor, »durch die Zumutungen des Sozialen vollends

zerstört zu werden«.

Wie kein anderer hatte Hölderlin seine gesamte Existenz auf

die Dichtung zu gründen gesucht. Nur wenige haben die deutsche

Sprache so bereichert wie er. Immer wieder hat er poe -

ti sche Entwürfe für ein anderes Leben in Freiheit und

Selbstbestimmung vorgelegt. In seinen kühnen Sprachexperimenten,

die nur schwer einer der bekannten Strö mungen zuzuordnen

sind, führte er die Dichtung an ihre Grenzen und über

sie hinaus in die Moderne.

// 7

Sein Mnemosyne überschriebenes Gedicht, das als eines der

letzten Gedichte gilt, die vor seiner Einlieferung in die Autenrieth’sche

Anstalt entstandenen sind, erinnert an die Göttin

des Gedächtnisses, die Mutter der Musen. Wolfgang Florey

liest es in Anlehnung an Fritz Mauthner so: »Die Bezugspunkte

des Gedächt nisses liegen zwar in der Vergangenheit, aber das

Erinnern ist eine an die Gegenwart gebundene Aktivität. Erinnerung,

Bewusstsein und Sprache bilden dabei eine unauflösbare

Einheit.« Und:» Im Überbewussten gibt es ein Erinnern

nicht nur an Vergangenes, sondern auch an Künftiges.« n



Fragmente – Stille, An Diotima lautet der Titel des einzigen

Streichquartetts des venezianischen Komponisten Luigi Nono

(1924–1990). Entstanden nach einer dreijährigen Schaffenskrise,

erklärt Nono 1981 im Gespräch mit Renato Garavaglia:

»Nach dem ›Gran Sole‹ hatte ich das Bedürfnis, meine ganze

Arbeit und mein ganzes Dasein als Musiker heute und als Intellektueller

in dieser Gesellschaft neu zu durchdenken, um

neue Möglichkeiten der Erkenntnis und des Schöpferischen

zu entdecken.« In gewisser Weise markiert das Werk also

einen Wendepunkt im Schaffen des Komponisten, der bis

dahin als Inbegriff des politischen Künstlers galt. Eine Wende

im Sinne eines Rückfalls in die Konvention allerdings ist damit

nicht verbunden. Nono, mit diesem Vorwurf konfrontiert,

antwortet: »Ich habe mich keineswegs verändert (…). Ich will

die große, aufrührerische Aussage mit kleinsten Mitteln.«

9 //

Aus verschiedenen Gedichten Hölderlins extrahiert Nono 52

Fragmente – zwölf davon aus Diotima – von einem bis neun

Wörtern Länge, darunter das fünfmal wiederholte »… das

weisst aber du nicht …«. Hinzu tritt eine Spielanweisung, die

er Ludwig van Beethovens op. 132 entnimmt. Der dritte Satz

»Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit« trägt

die Aufführungsanweisung »Mit innigster Empfindung«. Insgesamt

sind es also 53 solcher Bruchstücke, die er den Interpreten

in die Noten schreibt, als wären sie Spielanweisungen.

In keinem Fall, so Nono, sollen sie während der Auf füh rung

vorgetragen werden. Vielmehr materialisieren sie sich im

Klang, den die Musiker erzeugen. »... die Ausführenden mö -

gen sie ›singen‹ ganz nach ihrem eigenen Verständnis, nach

dem Selbstverständnis von Klängen, die auf ›die zartesten


Töne des innersten Lebens‹ (Hölderlin) hinstreben …«, wie er

in der Partitur vermerkt. Es sind »schweigende Gesänge«.

10 //

Die chromatische Skala des etwa vierzigminütigen Stücks ist

um Vierteltöne erweitert. Nicht weniger als vierzig verschiedene

Bogentechniken kommen zur Anwendung, die dynamischen

Angaben vermerken die Bandbreite von pppp bis ffff,

die Stufen oberhalb mf werden allerdings selten verwen det. Ein

ganz neues System von Fermaten, das jegliches Metrum negiert

– bereits die ersten drei Takte enthalten nicht weniger

als neun solcher »corone« –, und fortgesetzt wechselnde Metronomziffern

suspendieren die Zeitempfindung. Im Vorwort

des Quartetts heißt es dazu: »Die Fermaten sind immer verschiedenartig

zu empfinden mit offener Phantasie | – für träumende

Räume | – für plötzliche Ekstasen | – für unaus sprechliche

Gedanken | – für ruhige Atemzüge | und | für die Stille des ›zeitlosen‹

›Singens‹«. Das Stück bewegt sich durchgängig am

Rande der Stille, erzwingt also während der gesamten Dauer

höchst konzentriertes Hören.

Neben den Zitat-Fragmenten aus Hölderlins »schweigenden

Gesängen« und der Spielanweisung aus Beethovens »Dankgesang«

sind weitere geschichtliche Bezüge zu vermerken:

Nono verwendet in seinem Stück die »Scala enig matica« aus

dem »Ave Maria« der Quattro Pezzi Sacri von Giuseppe Verdi

für gemischten Chor und er zitiert Malheur me bat des Renaissancekomponisten

Johannes Ockeghem – wohl ein Verweis

auf seinen verstorbenen Lehrer Bruno Maderna (1920 - 1973).

In einem Gespräch mit Enzo Restagno sagt Nono: »Es ist vermutlich

richtig, dass dieses Werk einen Wendepunkt mar-


kiert, und zwar in dem Sinne, dass die Vergangenheit die Zukunft

antezipiert und die Zukunft der Gegenwart und der Vergangenheit

gedenkt.« Das geschichtliche Bewusstsein, das

Fragmente – Stille, An Diotima eignet, ist so auf Weitung und

Vielbezüglichkeit der Bedeutungen ausgerichtet.

»Das Ohr aufwecken, die Augen, das menschliche Denken,

die Intelligenz, die Exteriorisierung eines Maximums von Interiorisierung.

Das ist heute das Entscheidende.» Nono zeigt

sich überzeugt: Ein neues Hören, eine intensivierte Wahrnehmung

und eine tiefere Reflexion des Wahrgenommenen dienen

der Erforschung der noch unerforschten Möglichkeiten

des eigenen Inneren. Dabei weiß er um die Schwierigkeiten,

die damit verbunden sind. In seinem Vortrag »L’erreur comme

nécessité« schreibt er: »Die Stille. Hören ist sehr schwierig.

Sehr schwierig in der Stille die Anderen zu hören. Andere Gedanken,

andere Geräusche, andere Klänge, andere Ideen.

Wenn man hören kommt, versucht man oft sich selbst in den

Anderen wiederzufinden. Seine eigenen Mechanismen, System,

Rationalismus wiederzufinden, im Anderen.«

11 //

In Fragmente – Stille, An Diotima ist Nono, so Jürg Stenzl, »als

ein Wanderer unterwegs zu Klangwelten, in die sich noch

kaum jemand vorgewagt hatte. Radikal verabschiedet wird

dabei eine jede Form von Einschließendem, Abgegrenztem,

Vorgegebenem und Zielbestimmtem. Das menschliche Denken

– und eine durch dieses bestimmte Musik – hat aufzubrechen

ins Ungesicherte. Entscheidend ist nicht die Ankunft,

gar eine Heimkehr oder ein zu erreichendes Ziel, entscheidend

ist das Unterwegssein, der Weg ins Freie, ins ›weite Land‹.« n


Foto:Emilio Pomarico


Hans Zender (1936 – 2019) setzt sich – angeregt durch das

Homburger Folioheft – ab 1979 intensiv mit der Dichtung

Friedrich Hölderlins auseinander. Insgesamt entstehen fünf

Kompositionen mit dem Titel Hölderlin lesen, darunter Mnemosyne

– Hölderlin lesen IV für Frauenstimme und Streichquartett,

geschrieben für die Mezzosopranistin Salome Kammer.

In einem kleinen Aufsatz erhellt Zender die Motivation seiner

Hinwendung zu Hölderlin: »Ich spürte bei Hölderlin eine sehr

individuelle und höchst ungewöhnliche Aneignung der beiden

Grundlagen der europäischen Kultur – der biblischen Tadition

und der griechischen Antike –, die bis in die Tiefen seiner

Subjektivität hinabreichte. Gleichzeitig glaubte ich wahrzunehmen,

dass in seinem Denken und Dichten immer mehr die

enge Verbindung, in die die Väter der Kirche und des Abendlandes

diese beiden geistigen Welten gebracht hatten, gelöst,

ja gesprengt wurde. Genau in dieser inneren Zerspal tenheit,

die ich vor allem beim späten Hölderlin fand, witterte ich die

Affinität zur Moderne; ich rezipierte Hölderlin ganz instinktiv

als ›zeitgenössischen‹ Dichter …«

13 //

Mnemosyne – die griechische Göttin der Erinnerung und der

Besonnenheit – besitzt eine besondere Gabe: die Gabe des

Sich-Innewerdens. Erinnerung als ein Sich-Innewerden bedeutet

nicht Zementierung, sondern lebendige Vergegenwärtigung

des Vergan genen. Genau darum ist es Zender immer

wieder zu tun, vor allem in seinen »komponierten Interpretationen«

von Werken der Musikgeschichte: Haydns, Beethovens,

Schuberts, Schumanns und Debussys – allesamt Ver suche,

Vergangenes unmittelbar zur Präsenz zu bringen.


Im Vorwort zur Partitur schreibt Zender: »In meinen Hölderlin

lesen-Stücken ging es mir darum, Wege zu finden, die gewaltigen

Sprachstrukturen Hölderlins so in die zeitliche Form der

Musik zu integrieren, dass sie Funktionen der musikalischen

Form übernehmen, ohne in ihrer Eigenkraft (sowohl akustisch

wie auch im Sinne expressiver ›Deutung‹) im geringsten geschmälert

zu werden. (…) Zwei autonome Künste durchdringen

sich auf diaphane Weise, ohne sich zu überformen oder

auszulöschen; es handelt sich um einen Dialog, nicht um eine

Vereinnahmung durch Hierarchisierung.«

14 //

Hans Zenders Mnemosyne – Hölderlin lesen IV ist alles andere

als eine »Vertonung« des Hölderlin’schen Textes. Eher wird

hier die fragmentarische Sprache Hölderlins auf besondere

Weise zur Musik in Beziehung gesetzt. Die expressiven Qualitäten

des Singens treten dabei gänzlich in den Hintergrund;

die Sprache Hölderlins geht nahezu vollständig im musikalischen

Satz auf, wird zum musikalischen Material wie die

Musik Zenders Sprachqualität gewinnt.

Das Stück stellt besondere Anforderungen an die Interpreten:

Die Sängerin hat zu singen, rhythmisch zu sprechen, mal

deutlich, mal weniger deutlich (murmelnd, undeutlich, »mit

Luftzusatz, quasi flüsternd«) zu artikulieren; daneben sieht

ihr Part Sprechgesang und frei gesprochenen Text innerhalb

einer vorgegebenen Zeitspanne vor. Im dritten Teil des Stücks

soll die Stimme schließlich drei Deklamationscharaktere simultan

realisieren. Und auch dem Quartett, das (außer am

Ende) rhythmisch unabhängig vom Stimmpart agieren soll, gibt

Zender differenzierte Spielanweisungen vor. Das Violoncello


hat dazuhin seine C-Saite einen Tritonus tiefer zu stimmen

(Scordatur). Das gesamte Stück verwendet einen Tonvorrat,

in dem der temperierte Halbton sechsmal unterteilt ist. Die Differenz

der sechs Stufen beträgt jeweils 16 bzw. 17 Cent. Diese

Mikrotona lität »eröffnet dem Komponisten ein weites Feld

von Mehrdeutigkeit (…) und ermöglicht ihm ein Höchstmaß

an individueller Gestaltung«, wie Zender einmal schreibt.

Auf diese Weise, so Zender, kann »der Hörer vielleicht eine

neue Erfahrung von Wahrnehmung machen: Er hört Klang und

Rhythmus der Sprache in einer durch die Musik modulierten

neuen Plastizität; er hört die Zeichen der Musik in einem

Übergangszustand zum bedeutungstragenden Wort befindlich.«

Für den Hörer ergebe sich dergestalt eine oft geradezu

schizophrene Situation: »Er fühlt seine Aufmerksamkeit gleich -

zeitig von zwei Polen angezogen, die allerdings nicht nur Verschiedenes

mitteilen, sondern auf verschiedene Weise etwas

mitteilen.« Ziel eines solchen Verfahrens sei, so Zender, die

vollkommene Koinzidenz von Sinnlichkeit und Bewusstsein,

Denken und Fühlen.

15 //

Die Aufführung des Stücks sieht zwei gleichberechtigte Versionen

vor: eine, in der Zuspielungen zur Live-Musik über ein

Band erfolgen und vorproduzierte Texte bzw. Filmfragmente

des Hölderlin’schen Textes auf eine Leinwand projiziert werden,

sowie eine Alternativversion, in der lediglich die Zuspielung

erfolgt. Unser Konzert realisiert diese alternative Version,

gibt aber die Texte in der Zender’schen Fassung auf den beiden

folgenden Seiten zum Mit- bzw. Nachlesen wieder. n


Mnemosyne

Friedrich Hölderlin

(Fassung Hans Zender)

16 //

Ein Zeichen sind wir, deutungslos,

Schmerzlos sind wir und haben fast

Die Sprache in der Fremde verloren.

Wenn nämlich über Menschen

Ein Streit ist an dem Himmel und gewaltig

Die Monde gehn, so redet

Das Meer auch und Ströme müssen

Den Pfad sich suchen. Zweifellos

Ist aber Einer, der

Kann täglich es ändern. Kaum bedarf er

Gesetz. Und es tönet das Blatt und Eichbäume wehn dann neben

Den Firnen. Denn nicht vermögen

Die Himmlischen alles. Nämlich es reichen

Die Sterblichen eh an den Abgrund. Also wendet es sich, das Echo,

Mit diesen. Lang ist

Die Zeit, es ereignet sich aber

Das Wahre.

Wie aber Liebes? Sonnenschein

Am Boden sehen wir und trockenen Staub

Und heimatlich die Schatten der Wälder und es blühet

An Dächern der Rauch, bei alter Krone

Der Türme, friedsam; gut sind nämlich,

Hat gegenredend die Seele

Ein Himmlisches verwundet, die Tageszeichen.

Denn Schnee, wie Maienblumen

Das Edelmütige wo

Es seie, bedeutend, glänzet auf


Der grünen Wiese

Der Alpen, hälftig, da, vom Kreuze redend, das

Gesetzt ist unterwegs einmal

Gestorbenen, auf hoher Straß

Ein Wandersmann geht zornig,

Fern ahnend mit

Dem andern, aber was ist dies?

Am Feigenbaum ist mein

Achilles mir gestorben,

Und Ajax liegt

An den Grotten der See,

An Bächen, benachbart dem Skamandros.

An Schläfen Sausen einst, nach

Der unbewegten Salamis steter

Gewohnheit, in der Fremd, ist groß

Ajax gestorben,

Patroklos aber in des Königes Harnisch. Und es starben

Noch andere viel. Am Kithäron aber lag

Eleutherä, der Mnemosyne Stadt. Der auch, als

Ablegte den Mantel Gott, das Abendliche nachher löste

Die Locken. Himmlische nämlich sind

Unwillig, wenn einer nicht die Seele schonend sich

Zusammengenommen, aber er muss doch; dem

Gleich fehlet die Trauer.

17 //

Zender kompiliert in Hölderlin lesen IV die drei Fassungen des Gedichts aus der

Stuttgarter Ausgabe. Er verwendet die erste Strophe der 2. Fassung, die zweite

Strophe »mit Abweichungen und Widersprüchen« aus allen drei Fassungen sowie

die dritte Strophe aus der 3. Fassung.


Salome Kammers Repertoire umfasst Avantgarde-Gesang

und virtuose Stimmexperimente ebenso wie das klassische

Melodram, aber auch Dada-Lyrik, Jazzgesang oder Broadwaysongs.

Sie studierte Musik mit Hauptfach Violoncello (u.a. bei Maria

Kliegel und Janos Starker). Zunächst Schauspielerin an den

Städtischen Bühnen in Heidelberg (Sprechtheater, Musical,

Operette und Jugendtheater), begann sie parallel zu den Dreh -

arbeiten zu dem Film-Epos Die zweite Heimat von Edgar Reitz

in München ihre Stimme auszubilden. Seit 1990 ist sie in Kon -

zerten für Neue Musik als Vokalsolistin zu hören.

18 //

Zahlreiche Werke der neuen Musik hat Salome Kammer international

uraufgeführt. Komponisten im In- und Ausland,

darunter Helmut Oehring, Wolfgang Rihm, Isabel Mundry,

Bernhard Lang, Carola Bauckholt, Peter Eötvös oder Jörg

Widmann schreiben Stücke für die Künstlerin.

Als Sängerin ist Salome Kammer zu Gast bei zahlreichen Festivals

und Bühnen, u.a. beim Rheingau Musik Festival, Kurt Weill

Fest Dessau, Beethovenfest Bonn, Lucerne Festival, am Wiener

Konzerthaus, Staatstheater Stuttgart, an der Opéra National

de Paris, Bayerischen Staatsoper und Deutschen Oper Berlin.

Salome Kammer unterrichtet Neue Musik für Gesang an der

Münchner Musikhochschule. Zahlreiche Rundfunk- und CD-

Produktionen dokumentieren ihr künstlerisches Schaffen.

Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie der darstellenden

Künste und der Bayerischen Akademie der schönen Künste.


Foto: Christoph Hellhake


Irvine Arditti, Violine »

Ashot Sarkissjan, Violine ›

Ralf Ehlers, Viola «

Lucas Fels, Violoncello ‹

Foto: Astrid Karger


Seine präzise Artikulation und die rhythmische Prägnanz seines

Spiels machen das Arditti Quartet zu einer der bedeutends ten

Formationen der Interpretation der Musik des 20. und 21.

Jahr hunderts. Seit seiner Gründung 1974 durch den Geiger

Irvine Arditti wurden dem Quartett mehrere hundert Streichquartette

gewidmet. Durch ihre enge Zusammenarbeit und den

kreativen Dialog mit den KomponistInnen aber auch durch ihr

Engagement als Dozenten bei den Darmstädter Ferienkursen,

in zahllosen Meisterkursen sowie Workshops für InterpretInnen

und KomponistInnen auf der ganzen Welt wurde »Arditti«

selbst zu einer musikgeschichtlich wirkmächtigen Kraft.

Die Komponisten, deren Werke das Quartett uraufgeführt hat,

sind Legion, unter ihnen Ades, Andriessen und Aperghis,

Cage, Carter, Denisov und Dusapin, Ferneyhough, Francesconi

und Gubaidulina, Hosokawa, Kagel, Kurtág und Lachenmann,

Ligeti, Maderna, Manoury und Nancarrow, Rihm, Scelsi,

Sciarrino, Stockhausen und Xenakis.

21 //

Die inzwischen mehr als 200 CD-Einspielungen des Quartetts

erhielten zahlreiche Preise. Außerdem erhielt das Quartett

für seinen Beitrag zur Verbreitung der Musik unserer Zeit den

»Coup de Coeur« der Académie Charles Cros und schließlich

für sein »musikalisches Lebenswerk« 1999 den begehrten

Ernst-von-Siemens-Musikpreis.

Das Arditti Quartet ist weltweit bei vielen Festivals zu Gast.

Auch bei w e i t ! neue musik weingarten 2021 wird das Arditti

Quartet vertreten sein – mit den Streichquartetten des japanischen

Komponisten Toshio Hosokawa.



Roland Reuß studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie

und Musikwissenschaft in Heidelberg. 1990 promovierte er

über Friedrich Hölderlin. 1994 war er einer der Mitbegründer

des Instituts für Textkritik e.V. in Heidelberg. Nach seiner Habilitation

2003 zunächst Privatdozent, ist er seit 2007 Professor

für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der

Universität Heidelberg und leitet dort den Masterstudiengang

»Editionswissenschaft und Textkritik«.

Gemeinsam mit Peter Staengle ist er Herausgeber der »Historisch-kritischen

Franz-Kafka-Ausgabe« und der »Brandenburger

Kleist-Ausgabe«. Seit 2008 ist er Honorarprofessor

für Editionswissenschaft an der Freien Universität Berlin.

2011 war Reuß als Visiting Researcher am Kafka Research

Centre der University of Oxford. Neben Hölderlin und anderen

Dichtern hat er sich auch mit Franz Kafka, Heinrich von Kleist

und Paul Celan beschäftigt. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums

Deutschland.

23 //

Vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels wurde Roland

Reuß 2017 »in Anerkennung und Würdigung seines außergewöhnlichen

Engagements für das Buch« die Ehrungsplakette

»Dem Förderer des Buches« verliehen.

Roland Reuß: »…/ Die eigene Rede des andern«. Hölderlins

›Andenken‹ und ›Mnemosyne«. Stroemfeld/Roter Stern, Basel/

Frankfurt am Main 1990.


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