BIBER 09_20 Final

dasbibermitscharf

Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

SEPTEMBER

2020

+

MELISA ERKURT

IM INTERVIEW

+

LUDWIG AUF

BUREK

+

KINDER VOM

GEMEINDEBAU

+

WAHL-SPEZIAL

„WEIL IHR

JUDEN SEID!“

WARUM JUNGE JUDEN IHREN

GLAUBEN VERSTECKEN


bmf.gv.at/corona

Entgeltliche Einschaltung

Foto: BMF/Adobe Stock

3

minuten

mit

Zahra

Hashimi

Erst 2015 kam Zahra aus

Afghanistan nach Österreich.

Nun half sie mit ihren

Covid-Updates im ORF

auf Farsi vor allem in der

afghanischen Community,

Falschinformationen in der

Krise vorzubeugen.

Von Nada El-Azar, Foto: Zoe Opratko

Coronabonus

kommt!

Gerade jetzt mehr Entlastung für

Familien, Arbeitnehmer und Arbeitslose

Steuersenkung bringt bis zu 350 Euro jährlich

Die erste Stufe der Lohn- und Einkommensteuer wird wesentlich rascher

als geplant – nämlich rückwirkend ab 1. Jänner 2020 – von 25 % auf 20 %

gesenkt. Für Sie bedeutet das spätestens im September automatisch mehr

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müssen.

Alle Informationen auf bmf.gv.at/corona oder unter 050 233 770

© Livia Klingl

BIBER: Wie kam es dazu, dass du

im ORF auf Farsi über die neuesten

Hygiene maßnahmen und Covid-

Updates aufgeklärt hast?

ZAHRA: Über den Verein „Fremde

werden Freunde“. Es wurden Leute

gesucht, die für den ORF Nachrichten

übersetzen können, die man auf Facebook

teilen kann. Ich fand es wichtig,

dass jemand uns in unserer Sprache

informiert. Viele Leute schauen sonst

keine heimischen Nachrichten, weil

die Sprache schwer verständlich ist.

Deshalb habe ich zugesagt.

Welche Reaktionen kamen aus der

afghanischen Community?

Mein Ziel war es, Leute zu informieren.

Zu Beginn kamen aus der afghanischen

Community Kommentare über mein

Outfit oder meine Haare, oder warum

ich nicht „Salam“ am Anfang der News

gesagt habe. Später aber wurde ich

akzeptiert und es kamen Leute auf

mich zu, die fragten, ob etwa irgendwelche

Gerüchte aus der Community

denn wirklich stimmten. Einige Leute

dachten, dass man die Wohnung gar

nicht verlassen durfte! Somit habe ich

mein Ziel doch erfüllt.

Hast du vielleicht nun den Wunsch,

TV-Journalistin zu werden?

Ich wollte schon immer vor der Kamera

stehen. Ich träumte früher von einer

eigenen Talkshow. In Afghanistan gibt

es diese Möglichkeit für Frauen aber

kaum. Hier arbeite ich momentan mit

zwei YouTube Kanälen und dem MIR-

ROR Projekt der Uni Wien zusammen.

Ein anderer Wunsch wäre es, auf You-

Tube auch Mathe-Videos zu machen,

in denen ich Rechnen erkläre. Vielleicht

mache ich das auch eines Tages.

Gab es eine besonders schlimme

Falschmeldung, die du aus der

Community gehört hast?

Manche glaubten ernsthaft, dass

Corona nicht existiert und dass die

Regierung damit nur Ausländer aus

dem Weg schaffen wollte. Das war echt

schockierend.

Alter: 23

Geburtsort: Teheran, ist aber in Afghanistan

aufgewachsen

Besonderes: Ist studierte

Mathematikerin

Berechnen Sie Ihren persönlichen Vorteil auf bmf.gv.at/rechner

/ 3 MINUTEN / 3



3 3 MINUTEN MIT

ZAHRA HASHIMI

Die junge Afghanin und Nachrichtenübersetzerin

im Schnellinterview.

8 IVANAS WELT

Mit Audi ins Audimax. Ivana Cucujkic erzählt

von ihrem Bildungsweg und was für ein Glück

sie hatte.

10 SUMMER SCHOOL

MIT SCHARF

Journalismus-Crashkurs mit Scharf, Unsere

Summer School war ein voller Erfolg.

POLITIKA

12 BÜRGERMEISTER UND BUREK

Wir trafen Bürgermeister Michael Ludwig auf

einen Burek auf der Thaliastraße.

18 „FRAU HEBEIN, WIE OFT

WAREN SIE IM GÜRTELPOOL

SCHWIMMEN?“

Biber fragt in Worten, Vizebürgermeisterin

Birgit Hebein antwortet in Zahlen.

22 DIE SPITZEN­

KANDIDATINNEN

IM CHECK

Unser PolitkerInnen-Guide zur Wien-Wahl.

26 „PARTEISTIMME SCHLÄGT

VORZUGSSTIMME“

Polit-Wissenschaftlerin Tamara Ehs über

erkauftes Wahlrecht und Kommunisten im

Bezirksrat.

28 DIE FREMDEN KINDER

Wer in Österreich geboren wird und aufwächst,

sollte die österreichische Staatsbürgerschaft

bekommen – ganz ohne Integrationsbeweise,

findet Delna Antia-Tatić

30 „ÖSTERREICH IST NICHT

EHRLICH ZU SICH“

Ex-Kollegin Melisa Erkurt im Interview über

ihren Werdegang und ihren Bestseller

„Generation Haram“

36 KZ-ROLLENSPIEL UND

SPUCKATTACKEN

Vier junge Jüdinnen und Juden über

Antisemitismus in Österreich heute.

30

„MIGRANTEN

HABEN JAHRE­

LANG DEN MUND

GEHALTEN“

Melisa Erkurt kehrte

für das Interview

zu ihrem Buch

„Generation Haram“

wieder in die biber-

Redaktion zurück.

12

AUF EINE PITA

MIT KRAUT

Bürgermeister

Michael Ludwig

über Lebensqualität

in Ottakring und

Favoriten.

„WEIL IHR

JUDEN SEID“

Junge Juden zeigen

in unserer Coverstory,

wie für sie

Antisemitismus im

Jahr 2020 aussieht.

IN HALT SEPTEMBER

2020

42

36

NUR ARBEITSLOSE UND PROLETEN?

Gemeindebau-Kinder über das Aufwachsen am

Schöpfwerk, im Karl-Marx-Hof und Co.

Zoe Opratko, Cover: Zoe Opratko

RAMBAZAMBA

42 WIR KINDER VOM

GEMEINDEBAU

BewohnerInnen der berüchtigtsten Bauten

schlagen gegen Vorurteile zurück!

KARRIERE

48 PARA GUT, ALLES GUT

Anna Jandrisevits über Ethikunterricht und

verlorene Arbeitskräfte.

50 DER BABYELEFANT

IM SEMINARRAUM

Uni auf Abstand: Wie ging es Studierenden im

Corona-Sommersemester?

56 GESCHICHTSTRÄCHTIGES

GEBÄCK

Der Bagel – eine Wiener Erfindung?

Wir waren bei „1683 Handmade Bagels“.

LIFE&STYLE

59 BUSSI BUSSI UND TSCHÜSSI

Aleksandra Tulej begrüßt kontaktlose

Begrüßungen und Schnelltrockner-Hacks für

Nagellack.

TECHNIK

61 WORK-LIFE-BALANCE

Laut Adam Bezeczky war die Pandemie eine

digitale Watschn für alle HR-Manager.

KULTUR

62 KULTURA NEWS

Nada El-Azar interviewte Kostümbildner

Cedric Mpaka über seine Inspiration.

64 BIST DU CHRIST?

Jad Turjman profitiert von zwei Kulturen und

feiert die Unterschiede.

REISE

66 TRIP&TRAVEL

Andrea Grman verabschiedet sich nach einem

Jahr Nomaden-Dasein von der großen weiten

Welt und reist zurück zum Donaukanal.

70 TODOR

Wie ein Internetblog einer Frau half, endlich in

der Betriebskantine aufgenommen zu werden.



Liebe Leser und Leserinnen,

IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21, Musuemsplatz 1, E-1.4,

1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

Die f

leischlo

s e Kolumne von Zina Sayed

BEZAHLTE ANZEIGE

Im 15. Wiener Gemeindebezirk

dürfen 42 % der Bevölkerung

nicht wählen. Für mich ein

Skandal – und ein Erfolg des

strikten Einbürgerungsrechts.

Warum Österreich seit Jahren

konsequent seine Kinder verfremdet

und nicht jedem Säugling,

der hier geboren wird und

aufwächst, die österreichische

Staatsbürgerschaft zugesteht,

ist unbegreiflich. Ein Blick nach

Deutschland lohnt sich, Seite 28

Delna Antia-Tatić, “

Chefredakteurin

er hat sich für Krautfüllung entschieden. Bürgermeister Michael Ludwig

frühstückte beim biber-Interview auf der Thaliastraße genüsslich seine

Pita und die Besitzerin Aida lächelte zufrieden. Zum Schluss nahm er

natürlich noch einige Baklava im Sackl mit – Ehrensache. Warum er

dennoch keine romantische Vorstellung von Multikulti in seiner Stadt

hat, die FPÖ-Burschenschaften als eine Parallelgesellschaft sieht und

an welche Körperstelle er sein Wien-Tattoo pecken würde, lest ihr auf

Seite 12.

Willkommen im Wahlkampf: Wien wählt und das ist kompliziert. Nicht

nur, weil zum Verständnis der Wienwahl ein eigenes Studium vonnöten

scheint, sondern weil man vor lauter Gezänk oft gar nicht mehr weiß,

wofür die Parteien eigentlich stehen. Biber hat für Euch einen Check

gemacht und bei allen Spitzenkandidaten von ÖVP über SÖZ bis

Bierpartei nachgefragt: Welcher Bezirk macht Bauchschmerzen und ab

wann ist man ein echter Wiener? Seite 22

Integration ist stets heißes Wahlkampfthema – genauso wie

Wohnen. ÖVP-Spitzenkandidat Gerot Blümel schlägt gleich zwei

Fliegen mit einer Klappe: Deutschtest als Voraussetzung für die

Gemeindebauwohnung. Weil, so wohl die Annahme, das kann dort

keiner. Dass es genau solche Klischees sind, die nerven, beschreibt

biber-Akademikerin Naz Kücüktekin. Ihre persönliche Geschichte „Wir

Kinder vom Gemeindebau“ präsentiert endlich einmal die andere Seite

vom Ghetto-Image Gemeindebau. Seite 42

Last but not least: Die Coverstory „Weil ihr Juden seid!“ Auch für ein

erprobtes Migrantenmagazin wie biber war diese Geschichte eine

besondere. Denn das jüdische Leben scheint sich in Österreich unter

dem Radar abzuspielen. Der Judenhass tut es nicht. So erzählen

uns junge Juden, wie es ist, wenn man Hakenkreuze im Klassenheft

findet, die Mama davon abrät den Davidstern zu tragen und man die

Hebräischkenntnisse aus dem Lebenslauf streicht. Und sie berichten

über die Instrumentalisierung des muslimischen Antisemitismus und

das schwierige Verhältnis zu Israel. Seite 36

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić

STV. CHEFREDAKTEUR:

Amar Rajković

CHEFiN VOM DIENST:

Aleksandra Tulej

LEITUNG NEWCOMER:

Amar Rajković & Aleksandra Tulej

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panic, Todor Ovtcharov, Jad Turjman

LEKTORAT: Birgit Hohlbrugger

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar, Andrea Grman, Naz

Kücüktekin, Franziska Mayer, Berfin Marx, Anna Jsndrisevits

CONTENT CREATION, CAMPAIGN

MANAGEMENT & SOCIAL MEDIA

Aida Durić

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at

marketing@dasbiber.at abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

ÖAK GEPRÜFT laut Bericht über die Jahresprüfung im 2. HJ

2019:

Druckauflage 85.000 Stück

verbreitete Auflage 80.700 Stück

DRUCK: Mediaprint

Schöner als Döner

Salome Dorner

BLOSS KEINEN BEEF

ZUM SEMESTERSTART!

Tja, all die neumodischen Fleischersatzprodukte lassen den

guten alten Tofu ziemlich… alt aussehen. Als noch keiner

wusste, was denn bitteschön ein Veganer sein soll, war Tofu

DER Fels in der Brandung für alle Vegetarier. Aber auch er soll

sein Comeback bekommen! Und zwar in Form eines wahren

Klassikers: Chili con Carne. Aber eben ohne Carne. Glaubt

mir, wenn ich euch sage: Lasst das fancy vegane Faschierte

dort, wo es ist! Schnappt euch lieber SPAR Veggie Bio-Tofu

Geräuchert, und verpasst ihm eine buchstäbliche Abreibung.

Denn fein geschreddert verhält sich der Block aus Eiweiß wie

Faschiertes in der Pfanne. Durch das Räucheraroma kommt

richtiges BBQ-Feeling beim Braten auf. Zwiebeln, Dosentomaten,

Paprikapulver, gemahlener Kreuzkümmel, eine Prise

Zimt und etwas Cayennepfeffer verleihen dem Ganzen den

originalen Kick. Rote Kidneybohnen und Mais aus der Dose

hinzugefügt und voilà: Ihr habt eine perfekte Mahlzeit für

Zuhause, Büro oder Uni. Damit werdet ihr sicher keinen Beef

haben.

Mahlzeit!

Mehr scharfen Journalismus gibt es beim Umblättern!

Bussis und geht’s wählen!

Eure Redaktion

Spar Österreich

© Zoe Opratko

Präsentiert von

6 / MIT SCHARF /



In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Ivan Minić

11. Oktober

VON HAUSMEISTER ZU UNI-MASTER

Manchmal muss bloß die Arbeitsstelle der Eltern auf dem richtigen Weg

liegen, um in einer tollen Schule zu landen. Der Bildungsweg eines Parkkindes.

„Vielleicht wäre eine leichtere Schule besser für ihr

Kind“, haben bestimmt nicht nur meine Ausländer-Eltern

zu hören bekommen. Und zack, landen viel zu oft

Kinder mit anderen Wurzeln in Schulformen, die ihnen

von vorneweg Türen zu bestimmtem Karrierewegen

verschließen. Dass gerade ich in einem Elite-Gymnasium

gelandet bin, war nicht Resultat einer akribischen

Recherche sämtlicher Bildungsinstitute Wiens. Die

Schule lag schlicht auf dem Weg zur Arbeit meines Vaters.

Er konnte mich dort absetzten und weiterfahren.

Ur praktisch. Ur Glück.

DAS SERBISCHE HAUSMEISTERKIND &

THE RICH KIDS FROM DÖBLING

Unter den Regisseurtöchtern und Arztsöhnen war ich

neben Dejan, dessen Papa Nachtclub-Besitzer war und

Angela, der 1,85-Polin - mehr hab‘ ich in all den Jahren

nie von ihr erfahren - eine ziemliche Exotin. Und

Außenseiterin. Ich trug keine Timberlands, dafür Orsay.

Ich stand auf Ceca. Meine Schulkameraden auf Kurt

Cobain. Beim ersten Skikurs war ich mit 14 die einzige,

die noch nie auf Skiern gestanden ist.

Doch vorher musste ich irgendwie diese acht Jahre

absolvieren. Koste es, was es wolle. Das hat die Regierung

beim Lockdown auch angekündigt. Meine Eltern

aber haben tatsächlich ein riesiges Loch ins Haushaltsbudget

gerissen, um mich mit privaten Nachhilfestunden

durch meine Mathe-Krise bis zur Matura zu boxen.

GOETHE IST GUT, MAGISTER IST BESSER

Es heißt, Erfahrungen sind die Schule des Lebens. Diese

acht Jahre Oberschicht-Gymnasium haben mich

cucujkic@dasbiber.at

einiges gelehrt. Goethes Zauberlehrling, schlüpfrige

Gedichte auf Latein und dass mein zukünftiger Beruf

nichts mit Kurvendiskussionen zu tun haben wird. Vor

allem aber wusste ich: Der einzige Weg, um weiterzukommen,

ist die Uni. In einem Land, in dem man in der

Arztpraxis mit „Frau Dr. Magister Schuster“ aufgerufen

wird und der Dipl.-Ing. am Türschild als Präfix zum Familiennamen

prangert, führt kein Weg am Titel vorbei.

MIT AUDI INS AUDIMAX

Und da saß ich nun. Im wunderbar versifften, im dunklen

Holz verkleideten (Version 2003) Audimax der

Hauptuni. Zum ersten Mal fühlte ich mich frei und

gleich. Neben einigen Wienern studierte ich gemeinsam

mit vielen Deutschen und internationalen Studis.

Der Prof war zu allen gleich oarsch. Das war eine Offenbarung

und die beste Zeit meiner knackigen Jugend.

Zum Uni-Leben gehört auch eine eigene Wohnung.

Meine Eltern präsentierten mir alternativ Imagefolder

der neuesten Kleinwagenmodelle. Es hat gedauert, bis

sie sich aus ihrer Jugo-Denke „das Kind braucht jetzt

mal einen gescheiten Wagen auf Leasing“ befreien

konnten und ihre Tochter mit 23 alleine, ohne Freund,

vor der Ehe mit Bauchkrämpfen ausziehen ließen. Die

Wohnung befand sich drei Stiegen weiter… Aber weit

genug, um unerkannt von den legendären Rathaus-

Partys ausnüchtern zu können. In diesem Sinne guten

Start ins 1. Semester und zamzamzamzam Prost!

CHRISTOPH WIEDERKEHR | 30 | OPPOSITIONSFÜHRER

KÄMPFT

FÜR EIN

WELTOFFENES

WIEN.

WEIL’S NICHT

WURSCHT IST.

8 / MIT SCHARF /

besser.neos.eu



DA S WA R

DIE BIBER

SUMMER

SCHOOL

SOMMER, SONNE, SCHREIBEN!

Wenn über 50 motivierte

Jugendliche

im Sommer freiwillig

etwas mit „School“

im Namen besuchen,

dann hat biber etwas

sehr richtig gemacht:

Die biber Summer

School war ein voller

Erfolg.

Boah, so cool, ich hab wirklich

einen Text veröffentlicht,

meine Mama wird ur stolz

sein!“, freute sich ein 13-jähriger

Schüler der biber Summer School

über seinen ersten Artikel. Wir sind auch

stolz: Über einen Monat verteilt haben

Jugendliche aus ganz Österreich jeweils

eine Woche lang in kleinen Klassen in

den Redaktionsalltag hineingeschnuppert.

Dazu gehörte das Pitchen von Stories,

das Veröffentlichen eigener Texte,

aber auch harte Feedback-Runden und

Diskussionen über die österreichische

Medienlandschaft, die Herausforderungen

und Hürden im Medienbusiness.

JOURNALISMUS-

CRASHKURS MIT SCHARF

Die über 50 engagierten Teenies im Alter

von 13 bis 20 Jahren besuchen alle ganz

unterschiedliche Schultypen und Schulen

in Wien, quer durch alle Bezirke verteilt.

In der biber Summer School haben sie

gelernt, was guten Social Media Content

ausmacht, unter dem Auge von Profis

Texte geschrieben, Fotos gemacht und

journalistische Videos gedreht – ein

Journalismus-Crashkurs mit scharf eben.

Auch Gastvorträge von Star-Journalisten

wie Florian Klenk oder Alexandra Stanić

standen am Programm. „Der Beruf der

Journalistin wirkt ziemlich relaxed aber

© Zoe Opratko

trotzdem spannend. Besonders hat mir

gefallen, dass man das schreiben konnte,

was einen interessiert und dass man

in einem „jugendlichen“ Stil schreiben

darf, was man in der Schule nicht kann“,

resümiert die 18-jährige Teilnehmerin

Agnes die Woche. „Mir hat gefallen,

dass wir gelernt haben, professionelle

Videos zu drehen und besonders, dass

wir unserer Kreativität freien Lauf lassen

konnten“, fügt die 13-jährige Schülerin

Amina hinzu.

Abgesehen vom journalistischen

Know-How zeichnet die biber Summer

School nämlich etwas ganz Besonderes

aus: Jugendliche, die von Erwachsenen

oft nicht gehört werden, bekommen eine

Stimme. Ihre Sorgen, Ängste und Erlebnisse,

über die sie geschrieben haben,

waren genau so breit gefächert, wie die

Schülerredaktion: Alles von Bodyshaming

über Herkunftskonflikte und Feminismus

bis hin zu Depressionen im Jugendalter

war dabei. Was die Jugend eben so

bewegt. Die Texte der TeilnehmerInnen

könnt ihr übrigens auf dasbiber.at/newcomer

lesen – von einigen Schreibtalenten

hoffen wir in Zukunft noch einiges zu

hören!

Die Summer School wurde geleitet von Melisa

Erkurt, Nada El-Azar und Aleksandra Tulej

„Die TeilnehmerInnen

waren voller Tatendrang.

Das hat uns doppelt

motiviert, in der kurzen

Zeit möglichst viel

Wissen und Know-How zu

vermitteln. Es waren auf

jeden Fall einige Schreibtalente

dabei, von denen

wir bestimmt noch lesen

werden“

Aleksandra Tulej,

Chefin vom Dienst

10 / MIT SCHARF /

/ MIT SCHARF / 11



„Ich bin kein

Multikulti-

Romantiker.“

Anstatt im Rathaus das Interview zu führen, luden

wir Wiens Bürgermeister Michael Ludwig auf ein

Balkan-Frühstück im „Željo Grill Burek“ auf der

Thaliastraße ein. Während er eine Pita mit Krautfüllung

genoss, schoss er scharf gegen Integrationsministerin

Raab und ihren Vorgänger Kurz. Ob er Ghettos in

seiner Stadt sieht, warum Burschenschaften auch

Parallelgesellschaften sind und wie oft er ein Corona-

Verdachtsfall war, erzählt er im Gespräch mit biber.

Von Amar Rajković, Delna Antia-Tatić (Interview), Mitarbeit: Naz Kücüktekin, Fotos: Zoe Opratko

12 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 13



Linke Wienzeile 280

1150 Wien

Ludwig entschied sich für eine Pita mit Kraut. Sie schien ihm zu schmecken.

Ich würde auch die

schlagenden Verbindungen

der FPÖ als

Parallelgesellschaft

bezeichnen.

BIBER: Wir befinden uns gerade im

Zeljo-Imbiss auf der Thaliastraße. Haben

Sie Angst?

MICHAEL LUDWIG: Wovor? (lacht).

Höchstens vor kritischen journalistischen

Fragen (schmunzelt).

Mitkonkurrent und ÖVP-Parteiobmann

in Wien, Gernot Blümel, verspricht auf

Wahl-Plakaten, die Thaliastraße wieder

sicherer zu machen. Finden Sie es

gefährlich hier?

Das halte ich für einen Unsinn. Die

Thaliastraße ist eine interessante

Einkaufsstraße, die sehr bunt ist. Wir

bemühen uns gemeinsam, die Stadt

Wien und die Wirtschaftskammer, dass

wir die Einkaufsstraßen erhalten. Die sind

durchaus unter Druck gekommen, weil

es einen verstärkten Online-Handel und

Einkaufszentren gibt. Aber ich finde es

sehr sympathisch, dass es Einkaufsstraßen

mit sehr kleinen Geschäften gibt.

Auch, dass es hier verbunden mit dem

größten Straßenmarkt Europas, dem

Brunnen- und Yppenmarkt, eine großartige

Ergänzung gibt.

Über Favoriten wird ähnlich immer als

„Problem“-Bezirk berichtet. Mal umgekehrt

gefragt: Was macht es hier wie

dort denn lebenswert?

Die Lebensqualität in beiden Bezirken ist

deshalb so hoch, weil wir als Stadt Wien

mit großem finanziellem Aufwand versucht

haben, die abgewohnten Viertel zu

sanieren. In meiner Funktion als Wohnbaustadtrat

habe ich vor einigen Jahren

die höchste Auszeichnung von der UNO

für die sogenannte „sanfte Stadterneuerung“

für die Stadt Wien überreicht

bekommen.

Was heißt das genau?

Wir haben im Zuge der sanften Stadterneuerung

Maßnahmen gesetzt, um

die „Gentrifizierung“ aufzuhalten. In

anderen Großstädten ziehen Menschen

mit hohem Einkommen in neu sanierte

14 / POLITIKA /

Wohnhäuser ein und verdrängen die

ursprüngliche Bevölkerung, weil die

sich die Miete nicht mehr leisten kann.

Nicht bei uns in Wien. Wir haben die

Eigentümer dieser Gründerzeithäuser

verpflichtet, die Mieten 15 Jahre lang

nicht anzuheben. Damit ist eine gewisse

Sicherheit gegeben, dass die ursprüngliche

Bevölkerung bleiben kann. Dennoch

kann man durch Dachgeschossausbauten

und die Attraktivierung der abgewohnten

Viertel andere soziale Gruppen

anziehen, wodurch sich eine neue

Durchmischung ergibt. Und mittlerweile

gibt es viele junge Leute, Studenten,

kreative Menschen, die ganz bewusst in

diese Viertel ziehen wollen, weil sie das

interkulturelle Flair schätzen.

Die sogenannten Hipster.

(Lacht.) Ja durchaus. Dadurch entsteht

Buntheit. Menschen mit unterschiedlichen

sozialen und wirtschaftlichen

Möglichkeiten leben friedlich zusammen.

Nicht, dass es da nicht auch Probleme

gäbe. Mir ist bewusst, dass Integrationspolitik

immer eine Herausforderung ist,

aber wir lösen sie besser als viele andere.

Das bescheinigt uns die UNO.

Integrationsministerin Susanne Raab

behauptet, wir müssen uns von einer

romantischen Multikulti-Vorstellung

verabschieden – vor allem in Wien. Wie

stehen Sie dazu?

Ich habe nie eine romantische Vorstellung

von Multikulti gehabt, sondern eine

sehr realistische. Ich sage immer, die

Helden und die „Gfraster“ sind über alle

Bevölkerungsgruppen gleichmäßig verteilt,

auch bei zugewanderten Menschen.

Ich halte solche Aussagen von einer

Integrationsministerin für nicht sinnvoll.

Es gilt, nicht die Gesellschaft zu teilen.

Ihre Aufgabe wäre es, die Probleme und

Herausforderungen der Integration anzugehen

und zu lösen. Das gilt übrigens

auch für ihren Vorgänger (Anm. d. Red.:

Kanzler Sebastian Kurz von 2011-2013

als zuständiger Staatssekretär, von 2013

bis 2017 war Sebastian Kurz zuständiger

Minister für Integration). Wenn die Frau

Ministerin vom Scheitern der Integrationspolitik

in Österreich spricht, ist das

eine harte Kritik an ihrer Politik und der

ihres Vorgängers.

Selbstkritik also?

Sie formuliert es nicht selbstkritisch. Die Angriffe sind

jedoch schon immer klar formuliert. Aber ich würde

meinen, wenn man genau hinhört, wüsste man schon,

wo man die Kritik hinzuwenden hat.

Gemeint sind damit oft Parallelgesellschaften und Ghettos.

Sehen Sie die überhaupt in Wien?

Ich sehe die nicht. Ich habe vor mehr als zehn Jahren

als Wohnbaustadtrat eine wissenschaftliche Studie

bei Professor Heinz Faßman (Anm. d. Red.: jetziger

Bildungsminister) in Auftrag gegeben. Grund: Damals

wurde behauptet, in Gemeinedebauten würden Ghettos

entstehen. Das war aus dieser Studie dann nicht herauszulesen.

Er hat allerdings davor gewarnt, dass sich

eine Ghetto-ähnliche Situation entwickeln könnte. Diese

stellte er am Westgürtel (Anmerkung: u.a. zwischen

Gürtel und Brunnenmarkt) in den abgewohnten Gründerzeithäusern

fest, weil sich dort eine Konzentration

von sozial schwächeren Menschen befand. Daraufhin

haben wir gehandelt und gezielte Interventionen – etwa

durch Wohnhaussanierungen im Rahmen der sanften

Stadterneuerung - gesetzt. Wir sehen Integrationspolitik

nicht romantisch, sondern als eine große Herausforderung,

welche die Bildungspolitik, die Wohnbaupolitik

und die Stadtplanung umfasst. Es wird immer fokussiert

auf wenige Ereignisse, Bevölkerungsgruppen und Symbole.

Es ist aber eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung

und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Das heißt, Sie sehen auch keine Parallelgesellschaften

in Ihrer Stadt?

Was ist denn überhaupt eine Parallelgesellschaft?

Im Grunde gibt es ganz viele in einer Großstadt. Ich

würde auch die schlagenden Verbindungen der FPÖ

als Parallelgesellschaft bezeichnen. Die Frage ist nur:

Gibt es Gruppierungen, die ein Problem mit unserer

demokratischen Regierung haben? Das ist für mich das

Entscheidende und nicht, ob jemand ein Kopftuch trägt.

Ich habe keine Toleranz für Menschen, die Österreichs

hart erarbeitete Demokratie mit Gewalt und Terrorismus

bekämpfen. Ich war auch der Erste, der gefordert hat,

zurückgekommenen IS-Kämpfern die Staatsbürgerschaft

abzuerkennen. Und in Wien haben wir mittlerweile

auch so manchem ehemaligen IS-Kämpfer die

Staatbürgerschaft aberkannt.

Was halten Sie denn von der neuen Dokumentationsstelle

für politischen Islam?

Ich kenne sie bisher nur aus PR-Ankündigungen. Es

kann mir niemand erklären, was das genau sein soll –

außer, dass man versucht, den gesamten Islam zum

Feindbild zu erklären. Das ist echt schädlich. Das ist

Politik, die die FPÖ betrieben hat und die nun auch

von Teilen der ÖVP übernommen wird. Wo es darum

geht, Feindbilder zu erschaffen und die Gesellschaft zu

spalten. Ich habe mir das Gegenteil vorgenommen. Ich

/ POLITIKA /

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arbeite zum Beispiel am Projekt „Campus

der Religionen“, wo acht Religionsgemeinschaften

in der Seestadt zusammengeführt

werden. Es ist so berührend

zu sehen, dass diese Gemeinschaften,

die vorher keinen Kontakt miteinander

hatten, hier zusammenkommen. Im Zuge

dessen ist ein Projekt entstanden, bei

dem ein Imam, ein Rabbi und ein Priester

gemeinsam in Schulen gegen jede Form

von Rassismus auftreten. Ich glaube, es

ist gut, wenn das Miteinander im Vordergrund

steht und die isoliert werden, die

gegen die Demokratie sind.

Warum wird Sie Herr Blümel und die

ÖVP-Wien nicht vom Thron stoßen?

Sie werden es versuchen. Aber ich werde

alles daransetzen, das zu verhindern.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine

Partei, die stolz darauf ist, FPÖ-Politik zu

machen, in Zukunft den Bürgermeister

stellen sollte. Vor allem nicht in einer

Stadt wie Wien. Wir haben als SPÖ nicht

jahrelang gegen die FPÖ gekämpft, damit

nun eine andere Partei dieselbe Politik

macht.

Wenn wir uns die Wahlliste der SPÖ

anschauen, ist Omar Al-Rawi der höchst

gereihte Migrant. Auf Listenplatz Nr. 23

und mit 59 Jahren. Ist das nicht das

falsche Signal an MigrantInnen?

Das stimmt nicht, weil wir bereits

Menschen mit Migrationshintergrund in

der jetzigen Stadtregierung haben. Die

Ich selbst bin kein

begeisterter Radfahrer,

das gebe ich

offen zu.

Unter Einhaltung der Corona-Regeln wurde Ludwig in die Mangel genommen.

Kultur-Stadträtin Kaup-Hasler ist beispielsweise

in Deutschland geboren. Man

darf auch die Reihung auf der Landesliste

nicht allein betrachten, sondern muss

auch die Regionalwahlkreisliste beachten.

Denn die meisten Mandate, die die

SPÖ erreichen wird, werden bei den

Regionalwahlkreisen sein. Da bin ich sehr

zuversichtlich, dass eine Reihe von guten

Kandidaten mit Migrationshintergrund in

den Gemeinderat einziehen werden. In

meinem Bezirk Floridsdorf ist es Aslihan

Bozatemur, die ja türkischstämmig ist.

Sie hat gute Chancen, in den Gemeinderat

zu kommen.

Auf den SPÖ-Wahlplakaten finden wir

dennoch keine Schwarze Person oder

Frau mit Kopftuch. Haben Sie Angst,

Stimmen von rechten Wählern zu verlieren?

Menschen mit Migrationshintergrund

sollten nicht aufs Kopftuch reduziert

werden. Es gibt viele andere Möglichkeiten,

darzustellen, welchen großen

Wert Menschen aus anderen Ländern

haben, die hier in erster oder zweiter

Generation leben und sich integriert

haben. Menschen mit klar erkennbarer

anderer Hautfarbe haben wir auch sehr

gut gereiht. Mireille Ngosso zum Beispiel

hat gute Chancen in den Gemeinderat zu

ziehen. Sie ist stark präsent in der afrikanischen

Community. Wir distanzieren

uns nicht, ganz im Gegenteil: Aus meiner

Erfahrung kann ich sagen, dass das

Mitwirken von Menschen mit Migrationshintergrund

in vielen Bereichen zu einer

Selbstverständlichkeit geworden ist. Sei

es am Großgrünmarkt in Inzersdorf, im

Gesundheitswesen oder bei uns in der

öffentlichen Verwaltung.

30 Prozent der WienerInnen sind dennoch

nicht wahlberechtigt. Eine Migrantin

beispielsweise aus dritter Generation,

hier geboren und aufgewachsen, kann

nicht wählen – während ein seit 20 Jahren

ausgewanderter Österreicher in den

USA seine Stimme abgeben kann. Sieht

so demokratische Teilhabe aus?

Das müsste auf Bundesebene geregelt

werden, weil Wien gleichzeitig Bundesland,

Stadt und Gemeinde ist. Immer

dann, wenn es um Gesetzeswerdung

geht, ist die österreichische Staatsbürgerschaft

notwendig. Das ist auch der

Grund, warum EU-Bürger*innen bei der

Bezirksvertretungswahl sehr wohl wählen

können.

DELNA ANTIA-TATIĆ: Wie ich. Als Deutsche,

die seit über zehn Jahren hier lebt,

kann ich das. Ich würde aber auch gerne

auf Landesebene mitwählen, die Politik

betrifft mich ja.

Warum wollen Sie dann nicht österreichische

Staatsbürgerin werden?

Dann würde ich meine deutsche Staatsbürgerschaft

verlieren. Ich finde es schade,

dass das die Bedingung ist. Weil der

Pass viel mit Identität zu tun hat. Was

halten Sie von Modellen, wo die Wahlberechtigung

an die Aufenthaltsdauer

geknüpft ist? Dass man so eine politische

Teilhabe praktizieren kann.

Das ist etwas anderes. Da würde ich an

Modellen arbeiten, wo man auch außerhalb

des Wahlrechts andere Wege der

Partizipation findet. Eine österreichische

Staatsbürgerschaft ist mit vielen Rechten

und Pflichten verbunden. Man muss sich

schon entscheiden, ob man das möchte.

Ich glaube nicht, dass man demokratische

Mitbestimmung nur am Wahlrecht

ablesen kann.

Im Interview mit Zahlen sagt Frau

Hebein, dass die Wahrscheinlichkeit für

eine erneute Koalition bei 51 % liegt.

Teilen Sie die 51% Prozent?

Es ist sicher eine sehr wahrscheinliche

Koalitionsform, aber es gibt bei den

Grünen auch immer wieder Überlegungen,

andere Koalitionen einzugehen. Das

wird zwar bestritten, aber ich kann mich

da noch an einen namhaften Grünen

erinnern, der nach den Nationalratswahlen

gemeint hat, mit den „Schnöseln“

der ÖVP gehen sie keine Koalition ein.

Wir wissen, wie das ausgegangen ist. Ich

bin deshalb sehr vorsichtig. Es gibt auch

immer wieder den Wunsch mancher

politischer Mitbewerber, Wien zu verändern

und keine Sozialdemokratie mehr

zu haben. In Wiener Neustadt haben

sich zum Beispiel fünf Parteien zusammengetan,

um den sozialdemokratischen

Bürgermeister, der über 40 % der Stimmen

erhalten hat, zu verhindern. Es wird

wichtig sein, dass die SPÖ ein so starkes

Ergebnis hat, dass es keine Koalition

gegen die SPÖ und einen sozialdemokratischen

Bürgermeister geben kann.

Man hat den Eindruck, Rot-Grün funktioniert

eigentlich ganz gut, nur gibt

es Kleinigkeiten, wo man sich streitet.

Zum Beispiel das Thema Mobilität. Hier

scheinen Sie für die Autofahrer und Frau

Hebein für die Radfahrer zu stehen. Ist

das so?

Nein, das ist nicht so. Mir ist am wichtigsten,

dass der „Modal-Split“ gut

funktioniert. Das ist das Verhältnis von

Autofahrern, Radfahrern, öffentlichen

Verkehrsmitteln und Fußgängern. Wir

haben es in den letzten Jahren vor

allem geschafft, mehr Menschen auf die

öffentlichen Verkehrsmittel zu bringen.

Das hatte zwei Gründe: Erstens das

günstige Jahresticket für 365 Euro und

zweitens der Ausbau des öffentlichen

Verkehrsnetzes. Wien hat weltweit das

sechstgrößte Straßenbahnnetz. Radfahren

ist natürlich gut und wichtig und

wird unterstützt. Aber es wird immer nur

für eine bestimmte Bevölkerungsgruppe

relevant sein.

Wann sind Sie eigentlich das letzte Mal

mit dem Rad gefahren?

Das ist schon sehr lange her. Ich selbst

bin kein begeisterter Radfahrer, das gebe

ich offen zu. Ich fahre weder in die Arbeit

mit dem Rad noch fahre ich privat allzu

viel. Ich gehe sehr gerne zu Fuß und

fahre regelmäßig und gerne mit den Öffis

in Wien.

Würden Sie mir zustimmen, dass es in

Wien verhältnismäßig viele Autofahrer

gibt?

Nein. Es gibt mittlerweile mehr Besitzer

eines Wiener Linien Jahres-Ticket als

Autobesitzer.

Zum Schluss zur Pandemie: Waren Sie

schon mal ein Corona-Verdachtsfall?

Nein.

Wie oft wurden Sie bereits getestet?

Noch gar nicht.

Glück gehabt, das ist nämlich unangenehm.

Doch es gibt ja Abhilfe: Der

Gurgeltest gilt als Wiener Errungenschaft.

Gibt es schon Anfragen aus dem

Ausland?

Ja, die gibt es. Wir haben das finanziell

auch unterstützt. Ich muss nach unserem

Interview auch gleich weiter, weil ich im

Namen der Stadt Wien die Ärztin auszeichne,

die den Gurgeltest maßgeblich

entwickelt hat.

In Schulen werden Gurgeltests alle drei

Wochen angewandt. Im Kindergarten

nicht. Zumal so kleine Kinder auch nicht

gurgeln können. Gibt es dort diese Notwendigkeit

nicht?

Es scheint so zu sein, dass kleine Kinder

vom Virus nicht derart gefährdet sind.

Wird Ihnen Angst und Bange, wenn Sie

an den Herbst denken?

Wir haben zwar steigende Infektionszahlen,

aber dafür eine stabile Situation in

den Spitälern, auch bei den Intensivpatienten.

Die Kapazitäten sind lange nicht

ausgeschöpft. Das ist auch das wesentliche

Kriterium. Es darf zu keinen Kapazitätsengpässen

in den Spitälern kommen.

Was mich besonders herausfordern wird

– und alle Politikerinnen und Politiker im

Land auch fordern sollte - ist der wirtschaftliche

Standort und die Situation am

Arbeitsmarkt. Da werden wir uns ganz

stark um die jungen Leute kümmern, um

die Lehrlinge.

Zum Schluss: Von Favoritens Bezirksvorsteher

Marcus Franz gibt es seit Kurzem

ein Wandgemälde. Es zeigt ihn im

weißen Tanktop mit Tattoos wie „Born in

Favoriten“ oder „Bossbezirk“. Würde es

ein Gemälde von Ihnen geben, welche

Tattoos würde man bei Ihnen lesen?

Ich liebe Wien. (lacht)

Und wo hätten Sie das gern platziert?

Wenn schon, dann am Herzen. ●

Schien keine Angst auf der Thaliastraße zu haben – Bürgermeister Ludwig

16 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 17



Frau Hebein, wie

oft waren Sie

im Gürtelpool

schwimmen?

Wie viele

MigrantInnen

haben Sie

in Ihrem

Freundeskreis?

Wie viele der

Kleidungsstücke

in Ihrem

Schrank sind

Second Hand?

Wie viel

Prozent Ihrer

Verwandten

in Kärnten

würden niemals

die Grünen

wählen?

Wie viele

Jahre hat es

gedauert, bis

Sie sich in

Wien zu Hause

gefühlt haben?

Wie viel

Prozent der

Hausarbeit

erledigen Sie

selbst?

Wie hoch ist die

Wahrscheinlichkeit,

dass die

Grünen nach der

Wien-Wahl mit

der SPÖ koalieren

(in Prozent)?

Wie hoch ist die

Wahrscheinlichkeit,

dass die

Grünen nach der

Wien-Wahl mit

der ÖVP koalieren

(in Prozent)?

Wie oft im Jahr

gehen Sie zum

Mäci essen?

Interview in Zahlen:

In der Politik wird genug

ge redet. Biber fragt in

Worten, Vizebürgermeisterin

Birgit Hebein antwortet

mit einer Zahl.

7

45

85

2

92

51

0

0

Von Lea Nemes, Amar Rajković, Fotos: Zoe Opratko

Die grüne Vizebürgermeisterin hat sich noch kein einziges Mal

im Gürtelpool abgekühlt

Ganze 10 Mal in Woche ärgert sich die Verkehrsstadträtin über

andere Radfahrer

2 Jahre brauchte die geborene Villacherin, um sich in Wien

heimisch zu fühlen

7 MigrantInnen zählen zu Birgit Hebeins Freundeskreis

Wie viele

Pflanzen stehen

auf Ihrem

Balkon?

Wie viele

Meter links

von der Mitte

stehen Sie?

Wie viele

Meter links

von der Mitte

steht Michael

Ludwig?

Wie viele Meter

rechts von der

Mitte steht

Gernot Blümel?

Wie oft haben

Sie mit Ihrer

Vorgängerin

Maria Vassilakou

seit ihrem

Rücktritt 2019

telefoniert?

Wie oft

waren Sie im

Gürtelpool

schwimmen?

Wie viele

Millionen

Euro fließen

2020 in Rad-

Infrastruktur?

In welchem

Jahr werden

mehr Fahrräder

als Autos auf

Wiens Straßen

fahren?

Wie oft ärgern

Sie sich

wöchentlich

über andere

Radfahrer?

Wie viele

Kinder aus

Lesbos

sollte Wien

aufnehmen?

56

75

0

60

0

0

7

2030

10

400

18 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 19



BEZAHLTE ANZEIGE

NUTZE DEINE STIMME

UND MACH DEIN X!

ALLE FACTS

ZUR WIEN-

WAHL 2020

Wien geht wählen! Am Sonntag,

dem 11. Oktober 2020, finden

die Wiener Gemeinderats- und

Bezirksvertretungswahlen statt.

Hier erhältst du alle wichtigen

Infos zur Wien-Wahl 2020. Nur

wer wählt, entscheidet mit. Deshalb

ist es wichtig, dass du zur

Wahl gehst. Es geht immerhin um

die lebenswerteste Stadt der Welt

– das sind wir Wien schuldig.

Wir haben für euch die Hard

Facts zusammengefasst, damit

niemand eine Ausrede hat. Also:

Nutze deine Stimme und mach

dein X!

WER, WO, WIE,

WAS, WARUM?

Warum soll ich wählen?

Weil Wien eine leiwande Stadt

ist und du mitbestimmen kannst,

wie es in Zukunft weitergeht. Weil

Wien eine Wohlfühlstadt ist – und

du mitbestimmen kannst, dass

das auch so bleibt. Weil jede

einzelne Stimme zählt – ist es

wichtig, sich an der Demokratie

zu beteiligen.

Wer wird gewählt?

Gemeinderat und Bezirksvertretungen.

Im Gemeinderat geht

es um die Verteilung von 100

Mandaten, in den Bezirksvertretungen,

je nach Einwohneranzahl

der Bezirke, um die Verteilung von

40 bis 60 Mandaten. In Wien ist

der Gemeinderat gleichzeitig auch

der Landtag.

PID/Wache/MA 62

NAME: Fiona H.

ALTER: 18

WOHNBEZIRK:

1220 Wien

„Das Recht zu wählen,

ist auch eine Pflicht.“

NAME: Ibrahim K.

ALTER: 38

WOHNBEZIRK:

1200 Wien

„Ich lebe in Wien.

Ich möchte mich

einbringen.“

Wer darf wählen?

Wählen dürfen alle ÖsterreicherInnen

(bei beiden Wahlen)

und nichtösterreichische EU-

BürgerInnen (bei den Bezirksvertretungswahlen),

die am Wahltag

16 Jahre alt sind – also bis am

11. Oktober 2004 geboren wurden

– und am Stichtag der Wahl,

dem 14. Juli 2020 den Hauptwohnsitz

in Wien hatten. Für den

Gemeinderat sind nichtösterreichische

EU-BürgerInnen nicht

wahlberechtigt, da der Landtag

nur von Öster reicherInnen

gewählt werden darf.

Wo kann ich wählen?

Alle wahlberechtigten Personen

erhalten rund zwei Wochen vor

der Wahl die „Amtliche Wahlinformation“

per Post zugeschickt.

Sie informiert darüber,

wo sich das zuständige Wahllokal

befindet. Wer sich bei der Stimmabgabe

Zeit ersparen möchte,

sollte die „Amtliche Wahlinformation“

ins Wahllokal mitnehmen –

auf diese Weise wirst du schneller

im Wählerverzeichnis gefunden.

Es geht auch

per Briefwahl:

Wer nicht im zuständigen Wahllokal

wählen kann, hat die

Möglichkeit eine Wahlkarte zu

beantragen. Damit ist die Wahl

in einem beliebigen Wahlkarten-

Wahllokal oder auch per Briefwahl

möglich. Wahlkartenanträge

können noch bis 7. Oktober 2020

schriftlich (am einfachsten online

über wien.gv.at/wahlkarte) oder

persönlich bis 9. Oktober 2020,

12 Uhr, im zuständigen Wahlreferat

deines Magistratischen Bezirksamts

beantragt werden.

Alle Infos zur Wahl:

wien.gv.at/wahlen

01/4000-4001

Was muss ich zur

Wahl mitbringen?

Ein Identitätsdokument

(z.B. Reisepass,

Führerschein)

ACHTUNG: Die „Amtliche

Wahlinformation“ ist kein

Ausweis.

Wenn du eine Wahlkarte

beantragt hast, musst du

diese bei der Stimmabgabe

in einem Wahllokal

unbedingt mitnehmen

Deinen Mund-Nasen-

Schutz und einen eigenen

Kugelschreiber –

damit unser Wien

gesund bleibt



SpitzenkandidatInnen im Check:

Welcher Bezirk macht

Ihnen Bauchweh?

Von Franziska Mayer

FPÖ

Spitzenkandidat:

Dominik Nepp

Ergebnis 2015: 30,8%

Jüngster Kandidat:

Maximilian Krauss, 27

Warum sollten MigrantInnen die FPÖ wählen?

Die FPÖ ist selbstverständlich auch auf der Seite

jener Österreicher mit Migrationshintergrund,

die schon lange hier leben, sich vorbildlich

integriert haben und hier fleißig arbeiten. Wir

sind auch die einzige Partei im Wiener Rathaus,

die mit Nemanja Damnjanović einen am Balkan

geborenen Abgeordneten stellt.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Eine sozial gerechte Politik, bei der die fleißig

arbeitenden Menschen nicht auf der Strecke

bleiben und über Steuer- und Abgabensenkungen

entlastet werden.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh? Warum?

Favoriten. Weil sich dort manifestiert, dass eine

unkontrollierte Zuwanderungspolitik integrations-

und sicherheitspolitisch negative Folgen

hat. Das zeigt sich beispielsweise an der Kriminalitätsrate

und den ethnischen Konflikten, die

dort ausgetragen werden.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Im Wienerwald mit meiner Familie.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Wenn man viele Jahre hier gelebt, sich ordentlich

integriert und die österreichische Staatsbürgerschaft

erlangt hat und gut deutsch

spricht.

Mit wie vielen Vorzugsstimmen wird uns

Ursula Stenzel überraschen?

Mit sicher sehr vielen. Da lasse ich mich gerne

überraschen.

SPÖ

Spitzenkandidat:

Michael Ludwig

Ergebnis 2015: 39,6%

Jüngster Kandidat:

Emil Schüchner, 18

Warum platziert die SPÖ keine

Migrant*innen auf ihren Plakaten?

Es wurden bereits Migrant*innen im Rahmen

unserer aktuellen Kampagne plakatiert. Wir

erachten es als selbstverständlich, die Wiener

Bevölkerung in ihrer ganzen Vielfalt abzubilden.

Auf welches Projekt sind Sie besonders

stolz?

Vor mehr als zehn Jahren haben wir den einzigartigen

Schritt gesetzt, den Gratis-Kindergarten

einzuführen. Wir führen diesen Herbst die

Gratis-Ganztagsschule in Wien ein. Es wird dann

70 verschränkte Ganztagsschulen geben, wo

sich Lernen, Spaß und Bewegung auf kindgerechte

Weise abwechseln.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh? Warum?

Eben dass die Wiener Bezirke so unterschiedlich

sind, macht den besonderen Reiz Wiens aus.

Jeder dieser Stadtteile hat seine ganz eigenen

Grätzel, Milieus und Lebensbereiche. Mir geht es

nicht um irgendwelche willkürlichen Rankings,

sondern darum, das Beste für alle Bezirke herauszuholen.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Ich laufe sehr gerne in den Weinbergen in Stammersdorf

– in der schönsten Kellergasse von

Wien.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Jede und jeder, der hier in dieser Stadt seinen

Lebensmittelpunkt gefunden hat, ist auch ein*e

echter Wiener*in!

Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen?

„Lernen S‘ Geschichte, Herr Reporter!“ von

Ulrich Brunner.

ÖVP

Spitzenkandidat:

Gernot Blümel

Ergebnis 2015: 9,2%

Jüngster Kandidat:

Valentin Cagal, 18

Warum wollen Sie die Thaliastraße sicherer

machen?

Wien hat viel zu viele Unsicherheits-Hotspots,

an denen es immer wieder zu Gewalteskalationen

und Ausschreitungen kommt. So fordern wir

für Ottakring und die U6-Station Josefstädterstraße

ein Sicherheits- und Sozialkonzept. Auch

beim derzeit geplanten Umbau der Thaliastraße

müssen Angsträume beseitigt werden.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Mit einem Federstrich würde ich sofort

Tourismuszonen in Wien einführen – für mehr

Wachstum und 800 zusätzliche Arbeitsplätze in

unserer Stadt.

Welcher Bezirk bereitet Ihnen am meisten

Bauchweh? Warum?

Derzeit leider Favoriten, weil viele Menschen

dort das Gefühl haben, nicht mehr zu Hause zu

sein und sich nach den jüngsten gewaltsamen

Ausschreitungen auch nicht mehr sicher fühlen.

Die Entwicklung von Parallelgesellschaften

muss aktiv bekämpft werden.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Meine Lieblingsplätze in der Stadt sind der

Franziskanerplatz in der Innenstadt und der

Wakeboardlift an der Neuen Donau.

Wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Wenn man hier Wurzeln schlägt und sich hier

„ur“-zuhause fühlt.

Können Sie sich für die Zukunft die Doppelfunktion

als Landesparteiobmann von Wien

und Finanzminister vorstellen?

Jeder, der als Spitzenkandidat antritt, möchte

regieren und gestalten.

DIE GRÜNEN

Spitzenkandidatin:

Birgit Hebein

Ergebnis 2015: 11,8%

Jüngster Kandidat:

Ömer Öztas, 20

Warum ist der erste Bezirk noch nicht

autofrei?

Wenn es nach mir ginge, wären wir schon

soweit. Der Entwurf zur Verordnung ist fertig,

sachlich steht der Umsetzung des Projektes

nichts mehr im Weg. Eine autofreie City würde

den Autoverkehr in einem ersten Schritt um ein

Viertel verringern.

Auf welches Projekt sind Sie besonders

stolz?

Dank neuer Bauordnung schaffen wir im Neubau

zwei Drittel leistbares Wohnen. Wir haben

ganze Bezirke zu Klimaschutzgebieten gemacht,

wo es im Neubau kein Öl und Gas geben wird.

Wir haben coole Straßen und mehr Radwege

geschaffen, und hunderte neue Bäume in ganz

Wien gepflanzt.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh? Warum?

Jeder Wiener Bezirk hat seine Schönheiten,

Besonderheiten und auch Eigenheiten. Diese

Vielfalt macht Wien aus und soll auch weiter

bestehen bleiben.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Im Auer Welsbach-Park, nicht nur, weil ich im 15.

wohne, sondern weil ich dort gern mit meinen

Kindern, als sie noch klein waren, spazieren

gegangen bin.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Jede*r, der/die hier lebt, ist für mich ein echte*r

Wiener*in. Ich selbst komme ja aus Kärnten

und habe mich in meiner Jugend in diese Stadt

verliebt. Seither bin ich echte Wienerin.

Was spricht gegen eine Koalitionsfortsetzung

mit der SPÖ?

Am 11. Oktober gibt es eine Richtungswahl: Geht

es mit Grün in Richtung Zukunft und Klimahauptstadt?

Oder betoniert sich Rot-Schwarz in

der Vergangenheit und im Stillstand ein? Seit 10

Jahren regiert rot-grün in der lebenswertesten

Stadt der Welt, warum sollte man das ändern?

© Markus Sibrawa, Karo Pernegger, FPÖ Wien, Wenzel, Gerhard Schmolke

NEOS

Spitzenkandidat:

Christoph Wiederkehr

Ergebnis 2015: 6,2%

Jüngster Kandidat:

Carina Aschenbrenner, 18

Mit welchen Schritten möchten Sie aus dem

Schatten Ihrer Ex-Chefin Beate Meinl-Reisinger

treten?

Wie bisher mit guter Kontrollarbeit, um Freunderlwirtschaft

in der Stadt aufzudecken, und

mit konstruktiven Ideen für bessere Schulen,

lebendige Wirtschaft, eine menschliche Politik

und ein noch lebenswerteres Wien.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Ein Sonderbudget für Pflichtschulen in Höhe

von 40 Millionen Euro, damit Schulen mehr

Unterstützung durch Sozialarbeiter*innen,

Schulpsycholog*innen und mehr Lehrpersonal

erhalten.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh?

Der zehnte Wiener Gemeindebezirk Favoriten,

da im Vergleich zu den anderen Bezirken der

Anteil der Bevölkerung zwischen 25 und 64

Jahren ohne oder mit maximal Pflichtschulabschluss

am höchsten ist: bei 32,7%. Die Erhöhung

der Ressourcen im Bildungsbereich ist daher

dringend notwendig!

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Am Yppenplatz nach der Arbeit oder am Postsportplatz

in Hernals zum Tennis Spielen.

Ab wann ist man ein*e echt*r Wiener*in?

Wenn man sich so fühlt.

Welches Ressort beanspruchen Sie für sich

im Falle einer Koalitionsbeteiligung?

Wenn wir in Regierungsverantwortung kommen,

wäre natürlich das Bildungsressort für uns

NEOS logisch, weil gute Schulen und Kindergärten

einfach die zentrale Herausforderung sind!

22 / WAHLSPEZIAL /

/ WAHLSPEZIAL / 23



LINKS

Spitzenkandidatin:

Anna Svec

Ergebnis 2015: n. a.

Jüngster Kandidat:

Leonie Steinl, 18

Warum tun Sie sich das an, Frau Svec?

Nur weil Wien eh leiwand ist, will ich nicht die

Augen davor schließen, dass manche hier es extrem

schwer haben. Wenn man nix ändert, ändert

sich auch nix und ich glaube, laute Stimmen von

links braucht es ebenso in der Wiener Politik.

Das Gebrülle von den Rechten müssen wir uns

jeden Tag viel zu laut anhören.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Als erstes eine Arbeitszeitverkürzung auf 30h/

Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh?

Rudolfsheim-Fünfhaus, da wohne ich. Das ist der

ärmste Bezirk Wiens, sogar Österreichs und der

Anteil der Menschen, die aufgrund ihrer Staatsbürgerschaft

vom Wahlrecht ausgeschlossen

sind, ist mit 42% am höchsten. Da sterben die

Leute im Durchschnitt 7 Jahre früher als im

reichen Döbling.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Am liebsten im Auer-Welsbach-Park und in der

Märzstraße im 15., in der Gegend bin ich zuhause.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Wenn man dauernd nörgelt? Im Ernst: Echte

Wiener*innen sind alle Leute, die hier wohnen,

Punkt.

Haben wir ein Rassismus-Problem bei der

Polizei?

Absolut. Wir haben ein Rassismusproblem in der

Gesellschaft, die Polizei ist da natürlich nicht

ausgenommen. Fälle von Rassismus oder Gewalt

auf Polizeiseite zu kontrollieren, ist derzeit

mangels einer unabhängigen Kontrollstelle nur

schwer möglich, die Polizei kontrolliert sich

meist selbst. Das muss sich ändern.

BIERPARTEI

Spitzenkandidat:

Marco Pogo

Ergebnis 2015: n. a.

Jüngster Kandidat:

Marlene Swoboda, 26

Kann man Sie ernst nehmen?

Man muss die Bierpartei als neue starke Bürgerbewegung

definitiv ernst nehmen. Wer das

verabsäumt, verkennt die Situation total.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Wie kann man die lebenswerteste Stadt der

Welt noch lebenswerter machen? Richtig - mit

einem Bierbrunnen. Finanzieren werde ich mit

den eingesparten Geldern, die wir Steuerzahler

dann nicht mehr an Hans-Christian Strache als

Mietkostenzuschuss bezahlen.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh?

Döbling - das war schon immer ein Problembezirk.

Sozialer Brennpunkt, beinahe anarchische

Gesetzlosigkeit. Da muss ich dringend durchgreifen.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Simmering, meinem Heimatbezirk. Dort lässt es

sich auch hervorragend urlauben.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Wenn man sich so fühlt. Das kleine Wort im Pass

definiert sicher nicht, ob man WienerIn ist.

Was ist das beste Anti-Kater-Mittel?

Weitermachen.

Team HC STRACHE

Spitzenkandidat:

Heinz-Christian Strache

Ergebnis 2015: n. a.

Jüngster Kandidat:

Alexander Lahnsteiner, 20

Wann waren Sie das letzte Mal in Serbien?

Warum?

Im April/Mai, war ich sowohl privat als auch

beruflich in Belgrad. Ich habe vor Ort auch

Außenminister Dačić getroffen, mit dem mich

eine langjährige Freundschaft verbindet.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Die direkte Demokratie in Wien endlich gesetzlich

beschließen und einführen, sowie verbindliche

Volksabstimmungen sicherstellen.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh?

Wien Favoriten. Aufgrund der sozialen und kulturellen

Spannungen, sowie Konflikte und auch

den aktuellen Krawallen zwischen linksextremen

Kurden, der ANTIFA und rechtsextremen türkischen

Gruppen.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Zu Hause in Wien-Landstraße oder bei Spaziergängen

am Kahlenberg.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Der „Echte Wiener“ ist eine Mischung aus der

Monarchie und ihrer damaligen Völker. Viele

Wiener Familien leben seit mehreren Generationen

in Wien, sind mit der Wiener Kultur,

den Traditionen, der Wiener Seele und dem

sprichwörtlichen Wiener Herz und dem Wiener

Dialekt, sowie dem Wiener Liedgut und der

Heurigenkultur vertraut.

Wie wollen Sie das Wohnen in Wien attraktiver

gestalten?

Durch 15.000 leistbare soziale Gemeindewohnungen,

welche pro Jahr neu gebaut werden

sollen. Die Vergabe von Wiener Gemeindewohnungen

sollte wieder an die österreichische

Staatbürgerschaft gebunden sein.

D A M I T S I E N I C H T N U R

N E B E N E I N A N D E R ,

S O N D E R N

M I T E I N A N D E R L E B E N

Entgeltliche Einschaltung

Liste SÖZ

Spitzenkandidatin:

Martha Bissmann

Ergebnis 2015: Nur auf

Bezirksebene angetreten

Jüngster Kandidat:

Basant Elsanadidiy, 21

Sind Sie die Spitzenkandidatin einer Erdogan-Partei?

Genauso wie ich Spitzenkandidatin einer Jacinda

Arden Partei bin, wobei die Gründung einer

Schwesterpartei der neuseeländischen Sozialdemokratie

keine schlechte Idee wäre. Bis dahin

sind wir die bessere Alternative zur SPÖ.

Welches Projekt würden Sie bei einer Regierungsbeteiligung

als Erstes angehen?

Die Bildungsthemen sind besonders wichtig.

Wie auch Melisa Erkurt in ihrem Buch „Generation

Haram“ zeigt, ist das der Schlüssel für einen

sozialen Aufstieg, Integration und ein selbstbestimmtes

Leben.

Welcher Wiener Bezirk bereitet Ihnen am

meisten Bauchweh? Warum?

Der 7. Bezirk, weil er viel zu wenig begrünt ist

und die Temperaturen im Sommer aufgrund

des Klimawandels bis 2050 um bis zu 7,5 Grad

steigen werden.

Wo in Wien verbringen Sie am liebsten Ihre

Freizeit?

Im Wienerwald oder an der Donau.

Ab wann ist man ein*e echte*r Wiener*in?

Ab dem Moment, in dem man sich in Wien zu

Hause fühlt.

Wer soll die SÖZ wählen – außer die MigrantInnen?

Alle, denen eine soziale und ökologische Zukunft

am Herzen liegt und denen Rassismus auch am

Oa...geht.

LINKS, Team HC Strache, Stephan Bartunek, Max Hammel

Gutes Nebeneinander. Besseres Miteinander. Unser Gemeindebau.

Seit über 100 Jahren leben die Bewohnerinnen und Bewohner Seite an Seite im Gemeindebau. Und beim

gemeinsamen Garteln wird aus einem Nebeneinander auch ein Miteinander. Das Regelwerk für ein gutes

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„Parteistimme schlägt

Vorzugsstimme.“

Polit-Wissenschaftlerin Tamara Ehs über den Vorzugsstimmenwahlkampf,

das erkaufte Wahlrecht und kommunistische Bezirksrätinnen.

Von Franziska Mayer

BIBER: Was, wer und warum wird am

11. Oktober in Wien gewählt?

TAMARA EHS: Einerseits wird der

Gemeinderat gewählt, der in Wien

gleichzeitig der Landtag ist. Dann werden

noch die Bezirksvertretungen gewählt.

Es gibt 100 Mandate zu erreichen im

Landtag. Es gibt diese 100 Sitze, die entscheiden,

wer für die nächsten 5 Jahre

im Wiener Landtag Politik machen wird.

Dann haben wir die Bezirksvertretungen.

Das sind, je nach Größe des Bezirks, 40

bis 60 Mandatare*innen. Man kann zweimal

wählen und insgesamt vier Vorzugsstimmen

vergeben.

Was ist eine Vorzugsstimme?

Mit einer Vorzugsstimme kann ich einer

Person, die ich kenne und/oder bei der

ich schon gesehen hab, dass sie gute

Arbeit macht, eine persönliche Stimme

geben. Jede Partei hat ja nicht nur 20

oder 40 Mandatare und Mandatarinnen,

die auf der Liste für den Landtag stehen,

sondern bei den größeren Parteien sind

es 100 oder 200 oder noch mehr, die zur

Auswahl stehen. In Wirklichkeit haben

größere Parteien aber nur 20 oder 30

Plätze im Rathaus zu vergeben, kleinere

meist weniger als 10. An erster

Stelle steht der*die Spitzenkandidat*in

und dann folgen andere prominente

Politiker*innen aus der Partei. Und wenn

genug Menschen eine Vorzugsstimme

geben, dann wird diese Person, die auf

der Liste steht, vorgereiht. Es geht aber

nicht, dass ich eine Partei ankreuze und

die Vorzugsstimme einer*m Kandidat*in

einer anderen Partei gebe. Man kann

das nicht mischen. Die Regel ist immer:

Parteistimme schlägt Vorzugsstimme.

Mag. Dr. Tamara Ehs ist

Demokratie wissenschafterin

und Beraterin für Demokratie,

Demokratiereform und

Demokratieinnovation. Sie hat

Politik- und Rechtswissenschaften

studiert. Ihr neues Buch

heißt „Krisendemokratie“

und ist hier erhältlich:

mandelbaum.at

Wen kann man auf Landtags- und

Bezirksebene wählen? Gibt es Parteien,

die nur auf Bezirksebene antreten?

Wienweit treten neun Parteien an und

dann gibt es kleinere Parteien, die treten

entweder nur in einzelnen Wahlkreisen

an oder nur in einzelnen Bezirken. Es

kann dann sein, dass wir in einem Bezirk

eine*n Bezirksrat*rätin von einer Partei

haben, die überhaupt nicht im Gemeinderat

vertreten ist, also die es wienweit

nicht geschafft haben oder nicht angetreten

sind. Aber die haben eine Wählerbasis

in ihrem Bezirk. Zum Beispiel

die KPÖ, die war schon seit Jahrzehnten

nicht mehr im Wiener Gemeinderat

vertreten, aber in einzelnen Bezirken

in Wien stellt sie Bezirksräte*innen. In

den Bezirksvertretungswahlen sind auch

EU-Bürger*innen wahlberechtigt, die auf

Gemeindeebene nicht wahlberechtigt

sind. Das heißt, wir haben dort mehr

Wahlberechtigte. In den Bezirken sind

26 / WAHLSPEZIAL /

es rund 1.360.000, bei den Gemeinderatswahlen

in Wien haben wir nur ca.

1.130.000. Das ist ein Unterschied von

ungefähr 230.000 Menschen, die nur auf

der Bezirksebene wahlberechtigt sind.

Was, denken Sie, würde sich ändern,

wenn diese Gruppe mitwählen dürfte?

Wir sehen, dass es auch eine soziale

Verzerrung gibt. Diejenigen, die nicht

mitwählen dürfen, sind durchschnittlich

jünger. Die Hälfte der Wahlberechtigen

ist über 50 Jahre alt und da ist auch die

Wahlbeteiligung höher. Was macht das

eigentlich mit einer Gesellschaft, wenn

diejenigen, die wählen dürfen, überproportional

älter sind? Was bedeutet das

für die Zukunft, wenn ich bei den unter

30-Jährigen ein Drittel ausgeschlossen

habe? Außerdem ist zu beachten: Diejenigen,

die nicht wählen dürfen, verfügen

durchschnittlich über ein niedrigeres Einkommen.

Einerseits, weil sie jünger sind

und die Einkommens- und Vermögensbildung

noch nicht weit fortgeschritten ist.

Andererseits, weil die Einbürgerung sehr

kostspielig ist. Menschen, die manchmal

schon zehn Jahre oder länger in Wien

sind, die können es sich schlicht nicht

leisten, die Staatsbürgerschaft zu beantragen,

weil sie einen hohen „ökonomischen

Leistungsnachweis“ erbringen

müssen. Das heißt: Mit der Staatsbürgerschaft

„erkauft“ man sich auch das

Wahlrecht. Wir wissen, dass Menschen

vorrangig nach ihrer Schicht- oder

Klassenzugehörigkeit wählen. Die über

50-Jährigen mit höheren Einkommen

wählen dann eher die Parteien, die sich

nicht mit Fragen über Soziales, Mindestsicherung

oder Jugend beschäftigen.

© privat

In einem Monat

wählt Wien:

» Für mich gibt es

nichts Schöneres,

als für Wien

etwas zu tun.

Und es gibt kaum

Wichtigeres

für Österreich,

als Wien nach

vorne zu bringen.

Deshalb trete ich an.

Dafür trete ich ein.«

Gernot Blümel

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Dann solle ich doch Österreicherin werden, meint er, der

Bürgermeister. Im ersten Moment bin ich sprachlos. Der

meint das ernst. Österreicherin werden? Are you for real,

möchte ich mit Gif-Gestik antworten. Es würde nicht nur

bedeuten, dass ich auf alle Fragen a la „wer bist du, woher

kommst du, wohin gehst du?“ antworten müsste: I am from

Austria. Emotional eine glatte Lüge. Leider ist „Wienerin“ ja

keine Nationalität. Österreicherin zu sein würde vor allem

einen Verlust bedeuten: Ich wäre nicht mehr Deutsche. Und

das geht leider gar nicht. Die Staatsbürgerschaft ist nun

einmal ein Identitätszeugnis. Das weiß er, das weiß ich und

das weiß vor allem jeder „echte“ Österreicher.

30 Prozent der Wienerinnen und Wiener dürfen nicht

mitwählen. Krasse Sache, um es deutsch auszudrücken.

Unter diesen 500.000 Menschen sind vor allem Junge, die

ausgeschlossen werden: Es sind EU-Bürger wie ich, die

zumindest auf Bezirksebene mitbestimmen dürfen. Und es

sind Wienerinnen wie meine Bekannte Enisa. Sie, die Lektorin,

die mit dem Germanistikmagister, die in Wien geboren

wurde, hier zur Schule ging und aufwuchs, die also nichts

anderes ihr „Daham“ zu nennen weiß – Enisa darf gar nicht

mitbestimmen. Auf keiner Ebene. Ihre Eltern flüchteten

aus Bosnien, einem „Drittstaat“. Der Name ist hier wohl

Programm – dritte Klasse, so fühlt sie sich auch. Sieht so

demokratische Teilhabe 2020 aus? Der Bürgermeister zuckt

mit den Schultern und sagt: Bundesgesetz – kann er nichts

machen – man müsse sich schon entscheiden. Denn das

Wahlrecht wird nicht durch die Aufenthaltsdauer bestimmt,

sondern basiert auf der Staatsbürgerschaft.

Warum verfremdet Österreich konsequent und kontinuierlich

seine Kinder? Warum wird nicht jeder Säugling, der

auf österreichischem Boden geboren wird, zu einem österreichischen

Kind? In Deutschland ist das möglich. Dort gilt

MEINUNG

WARUM VERFREMDET ÖSTERREICH SEINE KINDER?

Wer in Österreich geboren wird und aufwächst, sollte die österreichische

Staatsbürgerschaft bekommen – ganz ohne Integrationsbeweise.

Von Delna Antia-Tatić

ein eingeschränktes „Geburtsortprinzip“ – nicht nur für die

stets privilegierten EU-Bürger sondern auch für Migranten

aus Drittstaaten. Beispiel: Sofern zumindest ein türkisches

Elternteil mindestens acht Jahre in Deutschland lebt, ist

Baby Mustafa ab Geburt Deutscher. Gute Lösung, oder?

Das alleinige Festhalten am bloßen Abstammungsrecht, wie

es in Österreich praktiziert wird – also die Vererbung der

Staatsbürgerschaft über das Blut – ist nicht nur fremdenfeindlich,

sondern vor allem dumm. Sie erzeugt eine emotionale

Spaltung bei den Betroffenen, die nicht notwendig ist.

Wer stets die Staatsbürgerschaft zur Integrationskrönung

stilisiert, die man sich durch Leistung verdienen soll und

sich monetär auch leisten können muss, verfremdet gezielt

einen großen Teil der eigenen Gesellschaft – bzw. des eigenen

Nachwuchses.

ÖSTERREICH ERZIEHT PER PASSVERGABE

Nochmal: Ich rede von Kindern, die hier in Österreich geboren

werden, die hier aufwachsen, zur Schule gehen und

später einen Job verrichten. Warum pickt man diese quasi

schon im Kreißsaal heraus und tätowiert ihnen schlechtere

Startbedingungen auf die Stirn, mit dem Hinweis: Du

musst dich erst beweisen! Warum fühlt man sich nicht für

diese Kinder verantwortlich – unterstützt sie, in guten wie

in schlechten Zeiten? Warum müssen sie erst knapp 2000

Euro auf den Tisch legen und sicherstellen, genügend Einkommen

vorweisen zu können? Ich finde das zutiefst ungerecht,

denn für ihre Startvoraussetzungen in diesem Land

können sie nichts. Und obgleich ihr Österreichleben schon

mit Hürden beginnt, wird von ihnen das Bravsein noch

besonders erwartet. Wer schlimm ist und Mist baut, der

könnte disqualifiziert werden. Es gilt die Unbescholtenheit

laut Einbürgerungsgesetz. Das kann so weit gehen, dass

© Zoe Opratko

schon mehrere, für sich genommen leichte Verkehrsstrafen

die Verleihung der Staatsbürgerschaft vereiteln

können. Österreich erzieht per Passvergabe, indem der

gute Migrant belohnt wird. Das böse Kind wird verstoßen

und man zieht sich aus der Verantwortung.

Das ist nicht konsequent sondern kontraproduktiv.

Immerhin besitzt ein Viertel aller guten und schlechten

Österreicher Migrationshintergrund. Und im Hinblick auf

den 15. Wiener Gemeindebezirk ist das Resultat dieser

Methode katastrophal. Dort dürfen nämlich unglaubliche

42 Prozent der Bewohner nicht den Gemeinderat wählen.

Tendenz steigend. Und ein Blick auf die Einbürgerungsrate

zeigt: Wurden 2003 noch fast 19.000 Menschen

eingebürgert, sind es im Jahr 2019 nicht einmal 5000

gewesen. Quasi ein Erfolg für die Verschärfung der

Hürden. Da muss man sich wirklich nicht wundern, wenn

bei dieser künstlichen Verfremdung von oben auch eine

innere Entfremdung stattfindet: Wenn Jugendliche extra

Gegenidentitäten aufbauen und beginnen, die Heimat

der Eltern zu verherrlichen. Wer den Pass dann irgendwann

trotzdem ergattert, für den verliert er meist genau

das, was er als ultimative Integrationslizenz ja eigentlich

soll: Ihm geht jegliche emotionale Bindung ab, es ist ein

Papier, das käuflich erworben wurde.

IM INTERESSE DER REPUBLIK?

Zum Erwerb gehört dann auch ein Verzicht: Wer sich

einbürgert, kann nicht „beides“ sein. Ausnahmen sind

Sternchen aus Musik und Sport, die Glanz und Gloria

für Österreich bringen. Solche Ausländer müssen nicht

„entweder-oder“ sagen, sie sind ja ein Gewinn, da drückt

man bei der zweiten Staatsbürgerschaft gern ein Auge

zu. Es liegt ja im sogenannten „Interesse der Republik“!

Nicht im Interesse der Republik sind hingegen türkische

Doppelstaatsbürger, da wird ganz genau hingeschaut

und wehe, hier ist einer auf Erdogans Wahlliste. Es

kann schon vorkommen, dass Österreich ratzfatz die

Staatsbürgerschaft wieder entzieht. Ein Austrotürke mit

österreichischem und türkischem Pass, ihn als Gewinn zu

sehen übersteigt jede Fantasie. Wo kämen wir da hin?

Ins deutsche Gesetz, möchte ich hier antworten.

Denn in Deutschland dürfen ausdrücklich auch Kinder

von Migranten aus Drittstaaten – wie eben der Türkei

– mehrere Staatsbürgerschaften besitzen. Es soll ihrer

besonderen Situation Rechnung getragen werden. Der

„Deutschtürke“ wird nicht unterbunden sondern ermöglicht,

seine Identität des „sowohl-als-auch“ anerkannt.

In Österreich wird in diesem Punkt mit zweierlei Maß

gemessen. Während Anna Netrebko zwei Pässe haben

darf, weil sie so schön singt, muss sich jeder Normalsterbliche

bei der Einbürgerung entscheiden: Entweder

nur Österreicher oder gar nicht. Schade. Weil ansonsten,

lieber Herr Bürgermeister, könnte ich mir das womöglich

schon vorstellen: Österreicherin zu werden und Deutsche

zu bleiben. ●

Joy

33 Jahre alt,

nigerianischer Pass,

lebt seit elf Jahren in Wien

PASS

EGAL

WAHL

Briefwahl

ab 17.8.2020

28 / WAHLSPEZIAL /

/ WAHLSPEZIAL /

Alle Infos zu den Wahlmöglichkeiten unter

WWW.SOSMITMENSCH.AT



Melisa Erkurt rüttelt

das österreichische

Bildungssystem wach

In ihrem Buch „Generation Haram“

gibt Ex-Biber redakteurin Melisa

Erkurt Bildungsverliererinnen eine

Stimme. Sie weiß, wovon sie spricht,

denn sie war eine von ihnen.

Von: Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

„MIGRANTEN BESCHWEREN

SICH ZU WENIG“

Als Melisa Erkurt 2018 nach sechs Jahren

die biber-Redaktion verließ, bekam

sie von mir zum Abschied einen ausgedruckten

fake-Wikipedia-Artikel, in

dem ihr eine glorreiche journalistische

Zukunft vorausgesagt wurde. Heute,

zwei Jahre später, hat Melisa einen

richtigen Wikipedia-Eintrag. Die glorreiche

Zukunft scheint spätestens seit

einigen Wochen erreicht zu sein: Am

17. August erschien ihr Buch „Generation

Haram - warum Schule lernen muss,

allen eine Chance zu geben“, in dem

Melisa mit einer Anklage an das Bildungssystem

kritisiert, dass der Unterricht

an Österreichs Schulen auf Annas

ausgerichtet ist – nicht aber auf Hülyas,

also Kinder mit Migrationshintergrund,

die oft benachteiligt werden: Aufgrund

mangelnder Deutschkentnisse, fehlender

Unterstützung von zuhause und

struktureller Diskriminierung.

Das Buch schlägt sofort hohe

Wellen: Die Rezensionen sind top. Auf

Amazon ist es bereits ein Bestseller,

Armin Wolf twittert, dass er sich Melisa

Erkurt als Bildungsministerin wünscht,

in gefühlt jedem österreichischen

Medium findet man lobende Worte über

die Neo-Buchautorin: Melisa hat es

geschafft. Dass sie einmal so erfolgreich

sein würde, konnte man schon

als biber-Kollegin erahnen: Die heute

29-Jährige Melisa wusste stets, was

sie will, hat aufwändig recherchiert

und hatte immer die besten Stories im

Ärmel. Bei Geschichten jedes Wort auf

den Punkt gebracht. Bei ihr schien alles

so leicht.

IMMER SCHON EIN VORBILD

Ihr Werdegang war aber bei Weitem

kein leichter: 1991 in Sarajevo gebo-

ren, 1992 nach Österreich geflüchtet,

wo sie in der Schule das einzige

muslimische Mädchen war. Als Kind

migrantischer Arbeiter, die Geldsorgen

und genug andere Probleme hatten,

wusste Melisa, dass Schule keines sein

darf. Nach der Matura studierte sie

Deutsch und Philosophie auf Lehramt,

besuchte 2012 die „biber-Akademie“,

blieb dann bei biber, wo sie Chefreporterin

wurde und das Schulprojekt

„Newcomer“ jahrelang leitete – bei dem

Projekt arbeitete Melisa mit SchülerInnen

aus bildungsfernen Elternhäusern

und brachte ihnen die österreichische

Medienlandschaft nahe. Ihren journalistischen

Durchbruch hatte Melisa, als sie

2016 mit ihrer gleichnamigen biber-

Covergeschichte „Generation Haram“

den Preis zur Story des Jahres gewann.

Danach folgten weitere Preise und Auszeichnungen,

wie beispielsweise 2018

der Prälat-Leopold-Ungar-JournalistInnenpreis,

wo sie den Anerkennungspreis

in der Kategorie Print erhielt.

Dann verließ Melisa biber, um als AHS-

Lehrerin zu unterrichten. Heute arbeitet

sie beim ORF Report, hat eine Kolumne

im FALTER sowie in Deutschland bei der

taz. Auch bevor die breite Öffentlichkeit

auf sie aufmerksam wurde, war Melisa

hier bei biber für uns vor allem eins: Ein

Vorbild. Ein Vorbild für junge JournalistInnen

mit Migrationshintergrund,

ein Vorbild für Jugendliche, ein Vorbild

der Generation der Bildungsverlierer.

Einer Generation, zu der sie selbst

gehört und der sie eine Stimme gibt.

Ich treffe Melisa zum Interview in der

biber-Redaktion, an dem Schreibtisch,

an dem sie die Reportage „Generation

Haram“ geschrieben hat.

BIBER: Melisa, am 17. August ist dein

Buch „Generation Haram“ erschienen.

2016 hast du – damals als Chefreporterin

von biber - eine Story mit dem

gleichnamigen Titel herausgebracht. Wie

kam es von dem Artikel zu der Idee, ein

Buch zu schreiben?

MELISA ERKURT: Ich hatte die Idee

nicht. Der Verlag hat mich angeschrieben,

als sie meine Kolumnen im Falter

gelesen haben, wo ich über Schule und

Bildung schreibe. Mein erster Gedanke

war: „Nein, wer bin ich schon, dass ich

ein Buch schreiben kann?“. In meinem

Kopf war ich immer noch die kleine

Melisa, das Flüchtlingsmädchen, das

nicht dasselbe erreichen kann, wie

autochthone ÖsterreicherInnen. Man

muss sich nur ansehen, wer Bücher

über Bildung schreibt? Es sind Frau

Wiesingers, Herr Salchers – es sind

autochthone Personen – es ist ja auch

ihr gutes Recht, solche Bücher zu schreiben,

aber ich denke nicht, dass sie so

viel Selbstzweifel wie ich hatten. Aber

dann dachte ich mir „Melisa – wer ist

qualifizierter als du? Du bist Lehrerin, du

hast das biber-Newcomer-Schulprojekt

geleitet, du hast Migrationshintergrund,

du kannst das.“

Wie fühlt sich das eigentlich an, für das

Interview wieder in die Redaktion zu

kommen, in der alles begonnen hat?

Ohne biber wäre ich nicht da, wo ich

jetzt bin. Der Herausgeber und damalige

Chefredakteur Simon Kravagna hat in mir

das gesehen, was ich selbst nicht gesehen

habe. Ich habe zu ihm gesagt „Ich

werde Lehrerin“ und er meinte darauf

„Nein, du wirst Journalistin.“ Ich wusste

nicht, dass Migrantinnen Journalistinnen

werden können. Biber war meine erste

30 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 31



Migranten haben

jahrelang den

Mund gehalten.

journalistische Liebe und wird es immer

bleiben.

Und jetzt sitzen wir da und dein erstes

Buch liegt vor uns. In dem Buch kritisierst

du das österreichische Bildungssystem,

in deinem Artikel von damals

die Verbotskultur, die von muslimischen

Jungs in Klassenzimmern ausgeht. Wie

fasst man beide Themen unter „Generation

Haram“ zusammen?

„Bildungsverliererinnen“ wäre viel zu

lang am Cover. Und der Begriff „Generation

Haram“ fasst das so gut zusammen,

was diese Kinder sind: Sie sind auf der

Oberfläche ProblemschülerInnen, die

Probleme machen. Aber wenn man tiefer

schaut, sieht man, dass sie diejenigen

sind, die diese Probleme haben. Dieser

Begriff fasst einfach diese verlorene

Generation zusammen.

In deinem Buch beschreibst du deine

Erfahrungen, die du als AHS Lehrerin

gesammelt hast. Dein Fazit ist, dass das

österreichische Bildungssystem auf Max

und Anna ausgerichet ist, nicht aber auf

Mohammed und Hülya. Welche Ratschläge

hast du für Jugendliche, die sich

in den SchülerInnen, die du in deinem

Buch beschreibst, wiederfinden – für die

Mohammeds und Hülyas?

Ich möchte, dass sie wissen, dass nicht

sie das Problem sind. Aber sie müssen

lernen, das auch zu artikulieren: In Österreich

kann man sich behaupten, indem

man selbstbewusst auftritt und Deutsch

kann. Ich hoffe, sie lernen durch mich

ein paar Werkzeuge kennen, wie sie das

schaffen. Ich möchte, dass sie wissen

„Ich bin nicht Schuld an dieser Diskriminierung,

sondern das System.“

Wer soll dein Buch unbedingt gelesen

haben?

Vor allem die BildungsverliererInnen

selbst. Damit sie erkennen, dass das ein

strukturelles Problem ist. Aber strukturell

wird sich nichts verändern, wenn es

nicht die EntscheidungsträgerInnen auch

lesen. Ich würde mir auch wünschen,

dass LehrerInnen das Buch mit ihren

SchülerInnen lesen. Ich weiß aber, dass

es sich viele SchülerInnen nicht leisten

können. Ich wünsche mir, dass das Buch

im Klassensatz ist. Ich hätte so ein Buch

gebraucht – wo irgendeine Migrantin, die

es in meinem Kosmos geschafft hat, so

etwas schreibt. Ich kannte keine Migranten,

die einen akademischen Abschluss

haben. Die einen Job machen, den sie

lieben und nicht nur Geld damit verdienen,

um die Miete zahlen zu können.

Das kann man auch gut aus den vielen

persönlichen Passagen in deinem Buch

herauslesen. Als Kind migrantischer

Arbeiter, die Geldsorgen und genug

andere Probleme hatten, wusstest du,

MELISAS TIPP:

Mehr Bücher von und

über Migranten lesen!

z.B.: Sascha Stanisić, Vladimir

Vertlib, Rafik Schami

Auch Bücher, in denen die

ProtagonistInnen schwarz oder

muslimisch sind, zum Beispiel

„Amy und die geheime Bibliothek.“

von Alan Gratz.

dass Schule keines sein darf. Gab es

Passagen, bei denen du dir schwer getan

hast, sie zu veröffentlichen?

Ich habe einiges wieder rausgenommen.

Die richtig harten Diskriminierungserfahrungen,

die ich und meine Familie erlebt

haben, die habe ich nicht geschrieben.

Weil das zu persönlich ist für meine

Familie. Und auch, weil ich mir sicher

bin, dass die Mehrheitsgesellschaft mir

nicht glauben würde. Irgendwo stößt die

Empathie an ihre Grenzen – außerdem

wollte ich in meinem Buch die Jugendlichen

in den Fokus rücken, nicht mich

selbst.

Aber du schreibst auch sehr persönlich

über das teils schwierige Verhältnis zu

deinem Vater – wird er dein Buch lesen?

Mein Vater kann kein Deutsch, er wird

es also nicht lesen. Meine Mutter hat es

schon gelesen und ihre erste Reaktion

32 / POLITIKA /

war Angst – die Angst davor, wie die

österreichische Politik und Gesellschaft

reagieren wird, wenn eine Erkurt ihr Land

kritisiert. Wäre ich eine Anna Bauer, ein

Kind autochthoner Eltern, dann würde

mir diese Kritik laut der Gesellschaft

zustehen – und die Eltern wären super

stolz. Das ist wieder der Unterschied.

Meine Eltern können nicht stolz sein, weil

die Angst überwiegt.

Denkst du, es wird negatives Feedback

von autochthonen ÖsterreicherInnen

geben, die sich angegriffen fühlen?

Viele werden bei meiner Kritik erstmal

in eine Abwehrhaltung gehen. Das

zeigt mir, dass sie noch immer nicht

bereit sind, sich von mir, einer Migrantin

erklären zu lassen, dass Österreich

seine MigrantInnen diskriminiert. Klar, bei

"Scheiß Ausländer" - Rufen ist man sich

schnell mal einig, dass das rassistisch ist,

aber darüber hinaus möchte der durchschnittliche

Österreicher noch immer

selber bestimmen, was er zu den MigrantInnen

sagen darf. Ich glaube, dass

viele auch sagen werden, dass nicht nur

MigrantInnen Probleme haben, dass es

alle schwer haben. Das leugne ich nirgends,

nur kommt bei MigrantInnen die

Diskriminierung aufgrund ihrer Herkunft

hinzu. Indem wir jede Diskussion mit "es

geht aber allen so" im Keim ersticken,

werden wir die Probleme nicht lösen und

wie lange wollen wir noch warten? Eine

Migrantengeneration nach der anderen

schafft den Bildungsaufstieg nicht.

Du schreibst, dass Kinder mit Migrationshintergrund

es schwieriger haben, als

autochthone ÖsterreicherInnen. Denkst

du nicht, dass das ein Klassenproblem

ist und nicht ein Migrationsproblem? Ein

österreichisches Arbeiterkind hat ja auch

nicht die gleichen Chancen wie ein Kind

aus einer Akademikerfamilie.

Natürlich haben es Arbeiterkinder

schwieriger, auch autochthone. Aber

Österreich ist

nicht ehrlich

zu sich.

wenn man Arbeiterkind ist und dann

auch noch Migrationshintergrund hat,

dann ist das doppelt schwierig. Weil

österreichische Arbeiterkinder nicht

aufgrund ihrer Herkunft diskriminiert

werden.

Du schreibst, dass du dich Menschen mit

Migrationshintergrund bzw. einem ähnlichen

Background wie deinem verbundener

fühlst als Ur-Österreichern. Denkst

du, dass es diesen Ur-Österreichern

genau so geht?

Nein, das glaube ich gar nicht. Ich

glaube, sie wären bereit, sich zu durchmischen.

Sie sehen aber nicht ein, wieso

eine „Woher kommst du wirklich?“-Frage

diskriminierend sein sollte. Ich habe versucht,

das in den letzten Jahren so oft zu

erklären: Mit Argumenten, mit Emotionen

– die Leute wollen es nicht akzeptieren.

Und da sehe ich, dass man nicht bereit

ist, Migrantinnen zuzuhören. Man möchte

immer noch den Diskurs bestimmen.

Du beschreibst deine Flucht aus dem

Bosnienkrieg und die schwierigen Anfänge

in Österreich. Das war 1992. Denkst

du, es hat sich in all diesen Jahren etwas

geändert? Haben es beispielsweise syrische

Kinder, die 2015 nach Österreich

kamen, leichter als du damals?

Ich glaube, die haben es sogar schwieriger.

Weil sie sichtbaren Migrationshintergrund

haben. Ich bin aus Bosnien, ich

bin keine sichtbare Muslima. Ich bin eine

weiße Frau mit blauen Augen. Bosnien

liegt näher als Syrien oder Afghanistan –

das erscheint vielen hier sehr fremd. Und

sie werden in Deutschklassen gesteckt

und in eine Parallelgesellschaft gedrängt.

Genau das willst du ja vermeiden. Du

beschreibst deine Forderungen an die

EntscheidungsträgerInnen : Ganztagsschule,

Migrantenquote, Neukonzipierung

des Deutschunterrichts: Was aber ist

dein Auftrag an die Gesamtgesellschaft,

an Menschen ohne Migrationshintergrund?

Ich würde mir wünschen, dass der Durschnittsösterreicher

ohne Migrationshintergrund

sich hinterfragt und reflektiert:

Ist er Migranten gegenüber wirklich offen

WER SCHAUT

AUFEINANDER,

WENN NICHT

WIEN?

11. OKTOBER:

DU ENTSCHEIDEST DIE

KLIMAWAHL

Inzwischen sehr selbstbewusst:

Das wünscht sich Melisa auch für

die Jugendlichen.

MEHR

GRÜN

FÜR

WIEN



oder nur, wenn sie einen Arbeiterjob

haben und weniger erreichen als er?

Man ist nicht bereit dafür, MigrantInnen

zuzuhören. Jahrzehntelang haben

MigrantInnen nur den Mund gehalten

und gehackelt – Migrantinnen beschweren

sich so wenig, man muss viel mehr

anprangern und es nicht einfach so hinnehmen.

Und jetzt kommt eine Generation

von Migranten, die beginnt, den Mund

aufzumachen und sich zu beschweren–

wir nehmen auch nur das „M“ von

„Mimimi“ in den Mund – und schon will

man diese Menschen zum Schweigen

bringen. Österreich ist nicht ehrlich zu

sich. Österreich ist nicht bereit für einen

Diskurs auf Augenhöhe.

Was können LehrerInnen in dieser Hinsicht

besser machen?

LehrerInnen müssen sich eingestehen,

dass sie diskriminieren. Egal, welche

Weltanschauung sie glauben, dass

sie vertreten, das hindert nicht daran,

Menschen aufgrund ihrer Herkunft zu

diskriminieren. Und in Supervision gehen

– man muss sich mit Menschen mit Migrationshintergund

austauschen – wenn

man das selbst nicht kennt, wird man es

nie zu hundert Prozent nachvollziehen

können.

Siehst du dich in der Politik, vielleicht als

Bildungsministerin?

Nicht in den jetzigen Strukturen. Ich

habe das Gefühl, dass man da nicht viel

verändern kann. Man hat es ja bei Justizministerin

Alma Zadic gesehen – da hieß

es „Wir haben ja eh eine Migrantin als

Justizministerin“. Dafür wird Österreich

sich jetzt wieder zwanzig Jahre auf die

Schulter klopfen. Aber sie wurde bedroht

und musste unter Polizeischutz. Das

klingt nicht gerade attraktiv für mich, in

die Politik zu gehen. ●

ÜBER DAS BUCH „GENERATION HARAM“:

Auf 192 sehr ehrlichen und persönlichen

Seiten kritisiert Melisa einen eigenen Schreibtisch haben,

zuhause teilen und oft nicht einmal

Erkurt in ihrem Buch „Generation um sich beim Lernen konzentrieren

Haram“ Österreichs Bildungssystem.

Das Buch ist eine Anklage an dieselben Chancen, wie Kinder aus

zu können. Sie haben einfach nicht

das System mit der Aussage: Kinder autochthonen Akademikerfamilien.

Woher Melisa das weiß? Sie

und Jugendliche mit Migrationshintergrund

haben es schwieriger als hat es selbst gelebt. Aber sie hat

Kinder autochthoner

es geschafft. Jetzt will

ÖsterreicherInnen. Sie

sie anderen helfen, es

müssen oft sehr früh

ihr gleich zu tun und vor

Verantwortung übernehmen:

Ihren Eltern,

nen endlich eine Stimme

allem eines: MigrantIn-

die oft schlechtes

geben. Ihr Buch „Generation

Haram“ appeliert

Deutsch sprechen, bei

Behördengängen und

an die VerliererInnen des

Bürokratie helfen, die

Bildungssystems: Nicht

Hausaufgaben der fünf

sie müssen sich ändern,

jüngeren Geschwister

kontrollieren, mit

Schule.

sondern das System

denen sie sich oft den

Generation Haram –

einzigen Computer

Zsolnay Verlag, 20 €

AUSZUG AUS DEM BUCH:

Migrantinnen und Migranten gehören in Österreich noch immer zu den

sozioökonomisch schwächeren Personen, sie haben als oft schon eine

schwierige Kindheit und Jugend. Man stelle sich vor, die Schule wer für sie

ein Zufluchtsort, ein „safe space“, in dem sie niemandem ihr Sein erklären

müssten. Stattdessen müssen sie sich rechtfertigen, werden oft – auch

wenn es gut gemeint ist – zu Expertinnen der Heimat und Sprachen ihrer

Eltern gemacht. Sie sollen türkisches Essen bei Projektwochen mitbringen

und Referate über Ägypten halten und werden im Geschichtsunterricht zum

Jugoslawienkrieg befragt. Ein Grund, wieso ich gute Noten hatte und die

Schule mochte, war, dass mich meine Volksschullehrerin nie nach meiner

Herkunft oder meinem Glauben gefragt hat. Sie fragte stattdessen, welche

Bücher sie uns vorlesen sollte, schrieb motivierende Zeilen unter meine

Hausübung und lobte viel und ausgiebig – dank ihr war die Schule tatsächlich

mein „safe space“. Sie hätte auch fragen können, warum mein Vater nie

in die Schule kommt, was ich so im islamischen Religionsunterricht lerne und

ob ich mich nicht lieber auf Deutsch konzentrieren sollte, statt in den bosnischen

Mutterspracheunterricht zu gehen, aber sie stülpte mir diese Rolle

nicht über, das hätte mich komplett überfordert. Hätte ich Eltern gehabt, die

mir ein Kopftuch aufzwingen oder mich zwangsverheiraten wollen, ich hätte

es meiner Lehrerin von damals selbst gesagt, obwohl ich ein sehr introvertiertes

Kind war. Sie hatte mit ihrer unaufdringlichen, sanften Art mein

Vertrauen gewonnen, ich fühlte mich nicht von ihr verurteilt, und ich hatte

nicht das Gefühl, dass ich ein vorgezeichnetes Bild, das sie von mir hatte,

ausmalen musste. Ich war nicht das unterdrückte muslimische Mädchen,

obwohl alle Anzeichen das bestätigen hätten können, ich war einfach nur

ein schüchternes Kind.

s. 72-73, Melisa Erkurt: Generation haram. Warum Schule lernen muss, allen eine Stimme zu

geben.

© 2020 Paul Zsolnay Verlag Ges.m.b.H., Wien, 1 Auflage 2020

Unsere

Arbeit

in starken

Händen.

> Wiener Lehrplatzgarantie für die Zukunftschancen einer ganzen

Generation.

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der Arbeitsmarktoffensive.

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34 / POLITIKA /

Entgeltliche Einschaltung; Foto: Dieter Steinbach



„WER ALS JUDE

ANGEGRIFFEN WIRD,

Antisemitismus gehört für viele Jüdinnen

und Juden zum Alltag. Das bekommen auch

all jene zu spüren, die nicht mit Perücke,

Kippa oder Schläfenlocken klar als jüdisch zu

erkennen sind. Vier junge Juden erzählen von

Vorurteilen über das Geld, Beleidigungen bis

hin zu erotischen KZ-Rollenspielen im Bett.

Von: Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

Johannes * ist in einer Kleinstadt in Oberösterreich

aufgewachsen. Wenn der 24-Jährige sich an seine

Kindheit in einem jüdischen Haushalt erinnert, fällt

ihm die Mutter ein, wie sie das Schweinefleisch

aus dem Kühlschrank im Keller versteckte. Die Verwandten,

die sie an Feiertagen wie Rosh ha-Shana – dem jüdischen

Neujahrsfest – besuchten, sollten das nicht wissen. „Meine

Familie ist gut assimiliert“, sagt Johannes, „und mein Vater aß

manchmal sogar Schweinsbraten.“ Diskretion wurde zuhause

großgeschrieben, das Wort „jüdisch“ kaum ausgesprochen und

die Feiertage wurden zwar gefeiert, aber ohne großen Wirbel

nach außen hin. „Natürlich hatten meine Eltern das Trauma

ihrer Eltern geerbt und haben das auch an uns weitergegeben.“

Dieses Trauma äußerte sich vor allem durch Schweigen,

erinnert sich Johannes. „Meine jüdische Identität ist durch

Fremdbestimmung passiert. Denn der Antisemit bestimmt in

erster Linie, wer Jude ist.“

„AUFKLÄRUNGSGESPRÄCH“

FÜR JÜDISCHE KINDER

Bei Johannes passierte diese Fremdbestimmung in der Volksschule.

Sein Nachname offenbarte ihn – er trägt einen offensichtlich

jüdisch-deutschen Namen. „Von Gleichaltrigen kamen

Beleidigungen wie ‚Saujude‘. Später nahmen sie mir meine

Schulhefte weg und malten rote Davidsterne hinein. Ich kannte

das Symbol, aber verstand die Aktion nicht.“ Er radierte die

Sterne aus und sagte zuhause lange Zeit nichts. Erst, als seine

Mutter bei der Kontrolle der Hausübungen Spuren der ausradierten

Sterne fand, stellte sie ihn aufgeregt zur Rede. „Einige

Tage später folgte das Holocaustgespräch mit meinem Vater.“

Johannes vergleicht dies mit einer Art Aufklärungsgespräch für

jüdische Kinder. „Wir saßen gemeinsam am Tisch und meine

Eltern erklärten mir das Jüdischsein und den Holocaust. Ich

war damals acht Jahre alt und dachte nur: Warum wir?“.

Johannes‘ Vater bekam im örtlichen Wirtshaus oft Antisemitismus

zu spüren, etwa durch Sprüche wie: „Zahl die

nächste Runde, bei deinen Leuten fehlt das Geld eh nicht“. Als

Jugendlicher verspürte er einen starken Zugehörigkeitswunsch

und schloss sich daher der Landjugend an. Dort erlebte er häufig

sehr unterschwelligen, Israel-bezogenen Antisemitismus.

Es wurde darüber geschimpft, wie schlimm Juden in Israel

mit Palästinensern umgegangen sind. Gleichzeitig waren viele

auch islamophob. „Israel wurde dazu benutzt, antisemitisch zu

sein – es ging aber niemals um das Wohl der Palästinenser“,

so Johannes. „Wer als Jude angegriffen wird, muss sich auch

MUSS SICH ALS

JUDE VERTEIDIGEN.“

Johannes schwieg über die roten Davidsterne, bis seine Mutter

Spuren der ausradierten Symbole in seinem Schulheft fand.

36 / POLITIKA /

/ POLITIKA / 37



als Jude verteidigen. Da hilft es nicht, zu sagen, wie assimiliert

man sei.“

In Österreich leben laut Schätzungen der Israelitischen

Kultusgemeinde Wien etwa 15.000 Menschen jüdischen

Glaubens. Die Wiener Leopoldstadt stellt ein wichtiges Zentrum

jüdischen Lebens dar, mit zahlreichen Gebetshäusern verschiedener

Glaubensrichtungen, koscheren Lebensmittelmärkten

und -bäckereien und diversen Kulturvereinen. Die jüdische

Community ist zwar klein, aber sehr heterogen. Doch was sich

in den Interviews mit den Betroffenen in diesem Artikel herauskristallisiert:

Sie sahen sich alle mit ähnlichen Vorurteilen konfrontiert.

Sie alle mussten lernen, wem sie ihren Glauben offen

sagen können, und wo es besser wäre, ihn zu verstecken. Dass

manche sogar ihre Hebräischkenntnisse aus dem Lebenslauf

streichen, ist keine Seltenheit. Teilweise liegt die Angst in den

Familien tief. So warnte Johannes‘ Mutter ihn davor, mit einem

Davidstern um den Hals hinauszugehen.

Johannes lebt offen homosexuell. Für ihn gab es nie einen

Widerspruch zwischen dem Jüdischsein und seiner sexuellen

Orientierung. Beim Dating erlebte er, dass Personen einfach

aufgestanden und gegangen seien, als er ihnen sagte, dass er

Jude ist. „Es gibt auch Leute, die es – offen gesagt – einfach ur

geil finden, dass ich Jude bin. Männer wollten unter anderem

Rollenspiele machen, dass sie die KZ-Aufseher sind, und ich

eben der Häftling. Das fand ich echt krass.“ Auf mehreren

Dates wurde Johannes gefragt, ob seine Eltern eigentlich reich

seien. Meistens versucht er das mit Humor zu nehmen und

versucht darüber aufzuklären, dass es durchaus auch arme

Juden gibt.

Anders als Johannes wuchs Sara * in einer orthodoxen

Familie auf, inmitten der jüdischen Community im zweiten

Als Kind der zweiten Generation von Holocaustüberlebenden

lacht man nicht über Vorschläge von KZ-Rollenspielen.

38 / POLITIKA /

Wiener Gemeindebezirk. Die 36-jährige Israelin kam mit vier

Jahren mit ihren Eltern von Tel Aviv nach Österreich und ging

in der Leopoldstadt in einen jüdischen Kindergarten. Danach

besuchte sie eine öffentliche Volksschule und erschien dort

stets im knielangen Rock und mit bedeckten Ellenbogen und

Schlüsselbeinen, gemäß der jüdischen Kleiderordnung. Ihren

Glauben thematisierte sie in der Schule nie, sie war allgemein

ein schüchternes Kind. Ihre beste Freundin hatte albanische

Wurzeln. „Wir hatten gemeinsam, dass wir beide den römischkatholischen

Religionsunterricht nicht besuchten“, erinnert sie

sich. Die beiden waren unzertrennlich und verbrachten auch

außerhalb der Schule viel Zeit miteinander. Das änderte sich

schlagartig, als die Mädchen sich eines Tages entschlossen,

während des Religionsunterrichts doch einmal in der Klasse zu

bleiben. „Es ging um Abraham und dessen Geschichte kannten

die Freundin und ich ja genauso gut wie die anderen Kinder

auch.“ Als die Religionslehrerin fragte, wie die Kinder ihren

Gott nennen, sagten die meisten Kinder „Gott“, die Freundin

sagte „Allah“ und Sara nannte einen der vielen Namen, der

im Judentum für Gott steht. Es dauerte nicht lange, bis Saras

Freundin in der Schule nicht mehr mit ihr sprach. „Der Vater

meiner Freundin begann, meine Mutter und mich vor dem

Schulgebäude anzuspucken. Er sagte, ich dürfe nicht mehr mit

seiner Tochter befreundet sein“, erzählt Sara. „Meine Mutter

konnte dagegen nichts unternehmen, sie sprach kaum Deutsch

und ließ es über sich ergehen.“ Als Sara in der Schule das

albanische Mädchen fragte, warum sie keinen Kontakt mehr

haben dürfen, war die Antwort: „Weil ihr Juden seid“.

MUSLIMISCHER ANTISEMITISMUS

VERSUS NAZI-HASS

Es ist unbestreitbar, dass es in der muslimischen Community

sehr wohl ein großes Problem mit Antisemitismus gibt. Nicht

zuletzt durch den Israel-Palästina-Konflikt, der in der muslimischen

Diaspora tiefe Gräben gezogen hat. Erst kürzlich hat ein

syrischer Staatsbürger eine Synagoge in Graz mit propalästinensischen

Parolen beschmiert, ein Fenster eingeschlagen und

soll versucht haben, den Präsidenten der Jüdischen Gemeinde

mit einem Holzprügel zu attackieren. Gleichzeitig wurden, laut

Standard-Bericht, bei einer Polizeidienststelle in unmittelbarer

Nähe unter anderem grausame antisemitische Inhalte auf den

Smartphones einer Beamtin gefunden, die an einen Kollegen

mit einem Schäferhund namens Adolf verschickt wurden.

Rebecca * hat die Vorfälle in den Medien aufmerksam verfolgt.

Die 35-Jährige kommt aus einer säkularen jüdischen Familie

und möchte lieber anonym bleiben, da sie im öffentlichen

Dienst tätig ist. „Jene Polizeiwache war für den Objektschutz

der Synagoge zuständig. Ich habe die Pressekonferenz von

Innenminister Nehammer gesehen und nach kurzer Zeit wieder

abgeschaltet. Ich hatte das Gefühl, dass es nicht um den

Kampf gegen Antisemitismus geht. Es wurde hauptsächlich

über den syrischen Täter gesprochen, aber keine konkreten

Vorschläge gemacht, wie denn Antisemitismus in der Polizei

bekämpft werden kann. Es ging viel mehr um ein Täterbild, das

man gerne hätte.“

Als Folge auf den Vorfall in Graz verordnet Integrationsministerin

Susanne Raab Antisemitismus-Kurse gezielt für

© Lukas Huter / APA / picturedesk.com

Flüchtlinge. In der dazugehörigen Presseaussendung war von

importiertem Antisemitismus durch die Flüchtlingswelle 2015

die Rede. Mangelt es in Österreich an Selbstkritik, wenn es um

Antisemitismus geht? „Ich begrüße diese Maßnahmen grundsätzlich,

jedoch wundere ich mich trotzdem, dass solche Kurse

nur auf Muslime abzielen sollen, wenn doch die Mehrheit aller

antisemitischen Straftaten dem rechten Spektrum zuzuordnen

sind“, so Rebecca. Im Antisemitismusbericht für 2019 konnten

von 550 verzeichneten Vorfällen 268 als rechtsextrem motiviert

zugeordnet werden, während 31 Meldungen mit islamischem

Hintergrund dokumentiert wurden. 25 Vorfälle kamen von

politisch linker Seite, die restlichen 226 Fälle waren ideologisch

gar nicht zuordenbar. Rebecca ist überzeugt, dass die muslimische

und die jüdische Community enger zusammenrücken

müssen, um gemeinsam gegen rechten Hass aufzutreten. Über

die letzten Jahre beobachtete sie eine zunehmende Rückkehr

zum Traditionellen in der jüdischen Community, was sie auf die

wachsende Ausgrenzung zurückführt. „Ich kenne offensichtlich

orthodoxe Jüdinnen und Juden, auf die Übergriffe stattgefunden

haben. Bei jenen, die auf den ersten Blick nicht als solche

erkennbar sind, taucht Antisemitismus oft erst dann auf, wenn

der Hintergrund klar ist. Was heute an antisemitischen Parolen,

auch in der Politik, so kursiert, wäre vor zehn oder zwanzig

Jahren noch undenkbar gewesen.“ Die 24-jährige Ex-Stewardess

Christina Kohl, Kandidatin der Liste HC Strache, wurde

nach den antisemitischen Rufen „Rothschild muss weg! Soros

muss weg!“ auf einer Demo scharf kritisiert.

Drei Mal wurden die Porträts der Holocaustüberlebenden

mitten in der Wiener Innenstadt 2019 geschändet.

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Im Mai 2019 zeigte der italienische Fotograf Luigi Toscano

in der Wiener Innenstadt die Ausstellung „Gegen das Vergessen“.

Gleich dreimal wurden die großformatigen Porträts der

Überlebenden des NS-Regimes mit einem Messer zerschnitten,

teilweise wurden Hakenkreuze und antisemitische Parolen platziert.

„Das sind Dinge, die der ganzen Gemeinde wehtun“, erinnert

sich Rebecca. „Der Großvater einer guten Freundin von

mir war ebenso porträtiert. Das sind Personen, die wir kennen

– als ich die zerschnittenen Gesichter am Ring sah, hatte das

gleich eine andere Schwere. Wie übel über jüdische Menschen

geredet wird, oder eben diese ganzen Verschwörungstheorien

in den sozialen Medien, ist im Vergleich weit weg. Der Angriff

auf die Porträts war echt. Und mitten in der Innenstadt.“ Umso

schöner fand sie es, dass unter anderem die Muslimische

Jugend eine Mahnwache hielt und während des Ramadans

auch das Fastenbrechen dort verrichtete.

„DAS SIND NICHT ‚MEINE LEUTE‘“

„Als diese furchtbare Explosion in Beirut geschehen ist, habe

ich aus meinem Arbeitsumfeld zweimal gehört ‚Na, deine Leute

können’s auch nicht lassen, alles in die Luft zu sprengen‘. Also

selbst wenn Israel etwas damit zu tun gehabt hätte – Juden

und Israelis sind nicht gleichzusetzen. Das sind nicht ‚meine

Leute‘“, so Rebecca.

Dass Menschen jüdischen Glaubens oft gut und gerne

mit Israel in Verbindung gebracht werden, ist auch für die

Musikerin Isabel Frey ein Problem. Für sie ist der sogenannte

Philosemitismus, also die politische Allianz mit dem jüdischen

Volk, oft die „andere Seite der Medaille des Antisemitismus.“

Auf den ersten Blick erscheine dieser harmlos. „Man wird auf

eine absurde Weise orientalisiert oder exotisiert, wenn auch

aus einer Unwissenheit heraus. Von einigen Leuten kommen

Aussagen, dass sie die jüdische Kultur lieben, oder sie erzählen

mir von ihrem Urlaub in Israel.“ In Wirklichkeit habe Isabel ein

kompliziertes Verhältnis zu Israel. „Man sollte Antisemitismus

immer verurteilen, egal von welcher Seite er kommt. Man sollte

auch bedenken, dass mit Philosemitismus auch eine Islamophobie

einhergeht. Das geht so weit, dass sogar rechtsextreme

Parteien gegen Flüchtlinge argumentieren, weil sie diese als

Antisemiten abstempeln. Das beobachtete ich in Holland, es

passiert aber auch in Österreich. Es ist eine temporäre Allianz,

die sich über Israel recht gut schließen lässt. Die israelische

Regierung ist nämlich rechts und ethnonationalistisch“, so die

25-Jährige.

Isabels musikalisches Spezialgebiet sind jiddische Lieder

der ArbeiterInnenbewegung. „Meine Familie waren ungarisch

assimilierte Juden. Jiddisch war historisch eigentlich eine

Sprache der Unterschicht und spielte überhaupt keine Rolle

bei uns.“ Über ihren politischen Aktivismus in Amsterdam

stieß Isabel auf die Geschichte der jiddischen ArbeiterInnenbewegung.

Sie war fasziniert, denn ihrer Meinung nach ist die

Geschichte eines linken Judentums bis heute ein wenig verlorengegangen.

„Ich konnte über dieses musikalische Erbe meine

jüdische Identität mit meiner politischen gut vereinbaren.“

Innerhalb der jüdischen Community findet Isabel als israelkritische

Jüdin nach eigenen Angaben überhaupt keinen Platz. „Ich

bin dort die ‚selbsthassende‘ Jüdin.“

Isabel Frey trägt den Davidstern offen erkennbar für andere. So

etwas trauen sich nicht alle Jüdinnen und Juden.

SELBSTHASS ALS BRANDMAL

Auch Johannes kämpft mit dem Stereotyp des „selbsthassenden“

Juden: „Ich habe das Gefühl, dass sich sowohl die

Linke als auch die Rechte in Österreich nur dann um jüdische

Menschen schert, wenn es ihren politischen Zielen entspricht.

Muslimischer Antisemitismus wird dazu verwendet, um Hetze

gegen Flüchtlinge zu machen. Oder wir benutzen ihn vor allem

in der Linken, um die Israelpolitik zu rechtfertigen. Aber wenn

Juden und Jüdinnen selbst ihre Stimme erheben, werden wir

oft vertröstet“, so Johannes, „Die IKG meldet sich auch nur,

wenn Feuer am Dach ist. Der Angriff in Graz war ein Angriff

auf österreichische Juden und Jüdinnen, und zwar unter dem

Deckmantel des Antizionismus. Da sitzen vielleicht 20 Leute in

der Synagoge und wollen beten. Plötzlich werden sie zu einem

Spielball für die Israelpolitik gemacht. Wenn jemand wie ich

dies aber aufzeigt, bekommt man den Stempel des ‚selbsthassenden

Juden‘ aufgedrückt. Am Ende soll es die Aufgabe von

Juden und Jüdinnen sein, gegen Antisemitismus vorzugehen.

Aber uns wird häufig der Raum dazu weggenommen, unsere

Standpunkte zu äußern.“

*Namen von der Autorin geändert

„IN ÖSTERREICH FEHLT ES AN SELBSTKRITIK.“

Die jüdische österreichische HochschülerInnenschaft vertritt seit 1947

Jüdinnen und Juden im Alter von 18–35 Jahren. Benjamin Hess, 26, studiert

Jus und ist seit 2018 Generaldirektor der JöH.

BIBER: Die Zahlen antisemitischer Übergriffe

steigen von Jahr zu Jahr. Woran

liegt das?

BENJAMIN HESS: Da spielen mehrere

Faktoren zusammen. Wir sehen einen

starken Anstieg von Antisemitismus im

Internet, da es dort eine große Enthemmung

gibt. Andererseits gibt es auch

statistisch erwiesen einen bestimmten

Bodensatz von Judenhass. Auf politischer

Ebene gab es von rechter und

rechtsextremer Seite nach Türkis-Blau

ein Gefühl von „jetzt sind wir an der

Macht“. Das war natürlich ein Treiber.

Von rechter Seite wird muslimischer,

bzw. eingewanderter Antisemitismus als

Problem festgemacht. Das suggeriert,

dass es auf der anderen Seite keinen

Judenhass gibt, oder dieser „unproblematisch“

sei. Wenn man Antisemitismus

bekämpfen will, muss man jede Form

angreifen.

Welche konkreten Zwischenfälle können

Wie das

Guggenheim.

Nur mit Chill-Zone.

Dein Sommerurlaub daheim.

#so gut fährt Wien

als Treiber für Antisemitismus fungieren?

Kürzlich fand in Wien eine Gedenkdemonstration

für die Opfer des Terroranschlags

von Hanau statt. Veranstalter

war die neu gegründete „Migrantifa

Wien“. Zur Kundgebung war auch eine

Vertreterin der JöH als Rednerin eingeladen,

um zu zeigen: Rechtsextreme

Gewalt bedroht Migranten, Juden und

andere Minderheiten gleichermaßen.

Doch die antisemitische Israel-Boykott-

Bewegung BDS versuchte, die Kundgebung

zu missbrauchen. Vor der

Demonstration beschuldigte BDS die

JöH, rassistisch zu sein, und verglich

sie gar mit den faschistischen „Grauen

Wölfen“. Die zwei Liederbuchaffären sind

ebenso gute Beispiele. Udo Landbauer

ist wieder Chef der niederösterreichischen

FPÖ, genauso gab es für Wolfgang

Zanger keinen Rausschmiss aus der

Partei. In der FPÖ herrscht die Maxime,

dass alles geht, solange es keine

strafrechtliche Verurteilung gibt. Es gibt

nur in wenigen Fällen ernsthafte Konsequenzen.

Ist Österreich selbstkritisch genug, wenn

es um Antisemitismus geht? In den Medien

und in der Politik wird oft von einem

importierten Problem durch Flüchtlinge

gesprochen.

Es fehlt in Österreich an Selbstkritik.

Oftmals wird nur dann Antisemitismus

thematisiert, wenn es politisch opportun

ist. Im Falle des Übergriffs in Graz

muss man aber schon sagen, dass in

diesem konkreten Fall der Täter einen

Israel-bezogenen, islamistisch geprägten

Antisemitismus hatte. Das muss man klar

benennen. Das ändert aber nichts an den

Problemen auf der anderen Seite herrschen,

wie etwa an dieser Polizeistation.

Bekanntlich wurde der Bezirkschef der

Grünen Gries Tristan Ammerer wegen

Nicht-Anmeldung einer Kundgebung

angezeigt. Genau jene Polizeistation

wollte auch uns gegenüber eine Mahnwache

unterbinden. Mir wurde vor Ort

mit einem, meiner Meinung nach, problematischen

Unterton erklärt, dass „auch

für uns“ die Gesetze zu gelten haben.

40 / POLITIKA /

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WIR KINDER VOM

GEMEINDEBAU

Arbeitslose, Proleten und Ausländer: Wer wenig Geld und

Bildung hat, der landet im Gemeindebau, so das gängige Vorurteil.

Wird hier zu viel gesudert oder ist das Leben im Karl

Marx Hof, am Schöpfwerk & Co. mit einem gesellschaftlichen

Abstieg gleichzusetzen? Gemeindebaukinder erinnern sich.

Von: Naz Kücüktekin, Fotos: Zoe Opratko

Ich war voller Vorfreude. Von der

kleinen Dachgeschosswohnung

im 23. Bezirk sollte es in den

12. gehen, in eine größere und

schönere Wohnung. Mein Bruder und

ich sollten endlich unser eigenes Zimmer

bekommen. Zuvor mussten wir uns mit

den Sofas im Wohnzimmer begnügen.

Die kalten Winter und heißen Sommer

im schlecht isolierten privaten Neubau

gehörten nun der Vergangenheit an.

Zwei Jahre hatten meine Familie und ich

auf den kommunalen Wohntraum gewartet.

Am Schöpfwerk ging er in Erfüllung.

Gemeindebau, wir kommen!

Leistbares Wohnen mit einer guten

Infrastruktur ist das Konzept des kommunalen

Wohnbaus im Roten Wien.

Rund 500.000 Menschen leben in der

österreichischen Hauptstadt in einer

Gemeindewohnung. Das ist im Schnitt

jeder Vierte. Was für viele ein wahrer

Wohnsegen ist, stellt für andere einen

sozialen Brennpunkt dar. Arbeitslose,

Proleten und ausländische Großfamilien,

die nur laut sind und Dreck verursachen.

Von Medien und Politik wird dieses Bild

nur bestärkt. Maxl, aus der ATV-Sendung

„Wir leben im Gemeindebau“ gibt den

ungebildeten, primitiven und hoffnungslosen

Proleten wieder, den sich eh jeder

von einem Bewohner des Gemeindebaus

erwarten würde. „Best of Maxl“ ist das

vierte Video, das auftaucht, wenn man

Gemeindebau auf YouTube eingibt. „Der

Gemeindebau muss wieder zum Öster-

reicherbau werden“, hetzte erst kürzlich

der Landesparteiobmann der Wiener FPÖ

Dominik Nepp in einem OE24-Interview.

Für die Wien-Wahlen 2020 steigt auch

die ÖVP auf den populisitschen Zug

auf. Spitzenkanditat Gernot Blümel ist

für Deutschkenntnisse auf B1-Niveau

als Voraussetzung, im Gemeindebau

zuleben.

Der Gemeindebau. Ein Ort, für den

uns ganz viele im Ausland beneiden.

Aber auch ein Ort, der für soziales Elend,

politische Vereinnahmung und Kulturkämpfe

steht.

KLISCHEE OLÉ

Schon bald nach unserem Umzug Am

Schöpfwerk merkte ich, wie schlecht

mein neues Zuhause in meiner Schule

wegkam. Fast beschämt antwortete

ich, wenn nun Klassenkameraden nach

meinem Wohnort fragten. Denn vom

Schöpfwerk, da höre man doch nur

Schlechtes. Drogen sollen dort verkauft

werden. „Ja oida, voll das Ghetto dort.

Polizei ist jeden Tag vor Türe“, hätte ich

im Nachhinein im gebrochenen Deutsch

antworten sollen. Jedes Klischee und

Vorurteil wäre damit bestätigt gewesen.

Der Realität entsprach das nicht,

zumindest nicht meiner. Ich wurde nie

Zeuge eines Drogenhandels. Unsere

Maisonette-Wohnung war geräumig, wir

hatten einen Balkon und Nachbarn, die

uns mit einem Lächeln begrüßten. Von

Drogenhandel und Alk-Exzessen keine

Spur. Ganz im Gegenteil. Am Schöpfwerk

war mein stinknormales Zuhause. Ja,

es war sogar oftmals langweilig. Das

Highlight des Tages war der Döner vom

„Alaturka“, direkt bei der U-Bahn-Station.

Mit Salat und Weißkraut. Laut wurde es

nur bei Schönwetter, wenn viele Kinder

im Park spielten, oder wenn mein

Bruder wieder mal meine Dolma (gefüllte

Paprika) weggegessen hat. So weit, so

normal.

Ist am schlechten Ruf des Gemeindebaus

was dran? Wer weiß das besser als

andere Gemeindebauern?

Mein Bruder Alper, der noch in der

Wohnung wohnt, auf die wir uns so

gefreut hatten und aus der ich mit 19

ausgezogen bin, sieht das Ganze entspannter:

„Ich wohne gern hier. Manche

Sachen nerven mich schon, dass zum

Beispiel unsere Nachbarin immer so laut

Karaoke singt“. Alper war es, im Gegensatz

zu mir, nie peinlich im Gemeindebau

zu leben. „Es gibt zwar schon viele

Vorurteile, dass da die Leute ungebildet

und unfreundlich sind und viel gestritten

wird, aber das stimmt ja nicht“, sagt er

nur gleichgültig und winkt ab. Sehr überraschend

kommt die Reaktion meines

Bruders für mich nicht, er ist eher der

pragmatische Typ. Von haltlosen Vorwürfen

und Vorurteilen lässt er sich nicht

aus der Ruhe bringen.

OMA VOM GEMEINDEBAU

Monika ist 65 und wohnt schon seit 36

42 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 43



Give me some Gemeindebau-Love: Ralph und Nici

Jahren in einem Gemeindebau. Mehr als

die Hälfte ihres Lebens ist die Anlage im

23. Bezirk schon ihr Zuhause. Sie erzählt

mir viele Geschichten. „Bei mir wurde

mal untertags eingebrochen, das war ein

Wahnsinn“, so Monika. Auch von ihren

Nachbarn erfahre ich viel. „Die tratschen

alle viel. Da wird oft geflüstert, wenn

ich vorbeigehe. Aber Nachbarn kann

man sich halt nicht aussuchen”, lacht

die Pensionistin. Viele Freunde habe

sie in ihrem Haus nicht. Angst vor einer

Überfremdung in Wiener Sozialbauten,

wie sie oft von rechten Politikern an die

Wand gemalt wird, auch nicht: „Dass viele

Ausländer hier leben, stört mich nicht.

Früher waren es mehr alte Leute, jetzt

sind es halt junge migrantische Familien”,

so Monika. „So ästhetisch finde

ich es zwar nicht, wenn z.B. Nachbarn

ihre Teppiche aus den Fenstern hängen,

aber das ist halt eine kulturelle Sache”,

erzählt mir Monika schulterzuckend. Sie

lebt gerne im Gemeindebau. „Es kommt

halt auch drauf an, in welchem. Vom

Schöpfwerk zum Beispiel, da hört man

nur Schlechtes.“

Ich muss schmunzeln, als sie das

sagt. Es erinnert mich an die alten Zeiten.

Dieselben Gefühle, dieselben Phrasen.

Ja, sogar von „Verbündeten“, die in

anderen Sozialbauten wohnen, kommt

wenig Liebe für mein „Schöpfwerk“.

Ich bin mir mittlerweile sicher: Nein, so

verzerrt habe ich das alles nicht wahrgenommen.

Was ich aber als Jugendliche

nicht erkannt habe: Gemeindebau-Kritiker

leben gar nicht im Gemeindebau. Sie

haben keine Ahnung, was in den großen

Höfen von Karl Marx Hof bis zur Albin

Hansson Siedlung passiert.

AKADEMISCHE

DISKRIMINIERUNG

Bei Nici sieht das anders aus. „Meine

Freunde haben alle im Gemeindebau

gewohnt. Da hat sich niemand

beschwert“, sagt die 22-jährige Studentin.

Sie wohnt ebenfalls ihr ganzes

Leben lang im Gemeindebau. Sie habe

sogar ein paar Freunde, die sie für ihre

jetzige Gemeindewohnung beneiden.

Das schlechte Image sei ihr aber schon

bewusst: „Auf der Uni hat mal eine Professorin

erzählt, dass man bei Bewerbungen

früher niemanden eingestellt hat,

der drei Zahlen in der Adresse hatte, also

Von Drogenhandel

und

Alk-Exzessen

keine Spur.

Hausnummer, Stiege und Türnummer,

weil das meist auf einen Gemeindebau

hindeutet”, erzählt Nici.

Auch Laurin bricht eine Lanze für das

Leben im Gemeindebau. Der schlechte

Ruf ist auch nicht spurlos an ihm

vorübergegangen. Er kann ihn inhaltlich

nicht verstehen, sehr wohl aber den

geschichtlichen Ursprung des Bashings

nachzeichnen. „Der Gemeindebau war

von Anfang an umstritten. Schon in den

1920er waren die konservativen Parteien

dagegen. Argumente dafür waren, dass

der Wohnungsmarkt geschädigt wird,

was man heute noch hört, oder dass

die Bauqualität nicht gut wäre. In den

70er und 80er Jahren war vor allem die

parteipolitische Vergabe von Gemeindewohnungen

ein großes Thema. Der

Gemeindebau war also immer schon

ein politischer Kampfbegriff“, so der

31-Jährige Museumsmitarbeiter. Laurin

hat selbst während seiner Studienzeit

im wohl bekanntesten Sozialbau Wiens

gewohnt – dem Karl-Marx-Hof. „Ich habe

den schon lange bewundert und wollte

unbedingt dorthin ziehen“, so Laurin.

Wie es der Zufall will, arbeitete er bei

der Dauerausstellung „Das Rote Wien

im Waschsalon Karl-Marx-Hof“. Seitdem

kann man den jungen Wiener getrost als

Gemeindebau-Experten bezeichnen.

FRISCH IM GEMEINDEBAU

Ralph ist Nicis Freund und ist vor knapp

einem Jahr in ihre Wohnung im 12.

Bezirk eingezogen. Er kommt aus Niederösterreich

und hatte vor seinem Einzug

wenig Wissen über den Gemeindebau.

“Ich kannte es nur von der ATV-Sendung.

Der Maxl aus dem Gemeindebau

hat das Bild schon geprägt. Daher dachte

ich schon, dass im Gemeindebau nicht

das beste Publikum ist oder die Wohnungen

nicht schön sind”, schmunzelt er.

Mit „Bruda, du musst so posieren“ crashte Frankie das Fotoshooting

HAST DU GEWUSST?

→ Rund 500.000 Menschen leben in 220.000 Gemeindewohnungen in

Wien.

→ Der erste Gemeindebau war der Metzleinstalerhof. Er wurde von 1916

bis 1925 errichtet und beherbergt 252 Wohnungen im 5. Bezirk.

→ Im Herbst 2019 wurde der Barbara-Prammer-Hof in der Fontanastraße

im 10. Bezirk als neuester Gemeindebau fertiggestellt.

→ „Die Türe des geförderten Wohnbaus ist in Wien für die Mittelschicht

ganz bewusst weit geöffnet. Auch Besserverdienende sind im Gemeindebau

willkommen, denn niemand soll für sozialen Aufstieg bestraft

werden“, laut Wiener Wohnen. Die monatliche Einkommenshöchstgrenze

für eine einzelne Person beträgt 3.372,14 Euro netto monatlich.

→ Die durchschnittliche Gemeindewohnung ist laut Statistik Austria im

Jahr 2018 59m 2 groß. Im Vergleich dazu: Eine durchschnittliche Mietwohnung

hat 68m 2 , 72m2 sind es bei Genossenschaftswohnungen,

90m 2 bei Eigentumswohnungen.

→ Favoriten hat mit rund 27.500 die meisten Gemeindewohnungen.

44 / RAMBAZAMBA /

/ RAMBAZAMBA / 45



Der Autorin Naz Kücüktekin war es

ein großes Anliegen, die unzähligen

negativen Klischees, die am

Gemeindebau haften, zu widerlegen. Ihr

müsst beurteilen, ob ihr das gelungen ist.

Ralph tat gut daran, nicht zu viel auf diese

Vorurteile zu geben „Wenn man selbst

im Gemeindebau lebt und sich auch mit

dem Thema des Sozialbaus beschäftigt,

kann man sich glücklich schätzen, hier zu

leben“, frohlockt Ralph.

Ähnlich sieht das Ivan. Auch er

betont die finanziellen Vorteile einer

Gemeindewohnung. “Ich habe eine super

Wohnung in bester Lage im sechsten

Bezirk. Für 37 m² zahle ich 345 Euro.

Für die müsste ich sonst sicher das

Doppelte Zahlen”, erzählt er. „Nur das

Doppelte?“, frage ich mich in meinen

Gedanken und denke an Wohnungen in

Bezirken innerhalb des Gürtels, die gar

das Dreifache kosten. Seit drei Jahren

wohnt der Kellner im Gemeindebau in

der Grabnergasse, nähe Linke Wienzeile.

Auch, wenn es ein paar Menschen

Billige Miete, gutes Leben: Ivan freut sich sogar über den Spielplatz

im Haus gibt, die offensichtlich an einer

Sucht leiden, denkt Ivan nicht daran, seine

Bleibe aufzugeben. Manchmal findet

er Möbel im Stiegenhaus, wie er ironisch

anmerkt: „Es steht schon seit Monaten

ein Glastisch am Gang. Ich überlege, ob

ich den mitnehme. So schlecht schaut er

nicht aus.”

Klischees und Vorteile, sie werden

von jedem genannt, mit dem ich

über den Gemeindebau spreche. Beim

Blick von oben herab wird allerdings

oft vergessen, was der Gemeindebau

wirklich ist. Er ist ein Wohnsystem, das

unterschiedlichsten Menschen leistbaren

Wohnraum bietet, die meist sehr

zufrieden damit sind. Ich war es ja

auch. Mein Auszug hatte persönliche

Gründe. Der Gemeindebau war nicht

das Problem. Und auch jetzt, wo ich in

46 / RAMBAZAMBA /

Der Gemeindebau

ist ein Wohnsystem,

das unterschiedlichsten

Menschen

leistbaren Wohnraum

bietet.

einem der „Bonzen“-Bezirke im Wiener

Westen wohne, kann ich keinen großen

Unterschied in der Wohnqualität feststellen,

außer dass ich jetzt viel länger zur

U-Bahn brauche. Das nervt. ●

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Ethik für alle

So oft wir das Bildungssystem in Österreich

auch kritisieren, manche Schulfächer

beeinflussen unsere berufliche Laufbahn

doch maßgeblich. Und so denke ich an den

Ethikunterricht zurück, der mich sehr geprägt

hat. Die türkis-grüne Regierung setzt ab 2021

verpflichtenden Ethikunterricht für jene SchülerInnen

an, die sich vom Religionsunterricht

abmelden oder konfessionslos sind. Obwohl

der Ansatz richtig ist, halte ich die Umsetzung

für falsch: Ethik ist kein Ersatz für Religion.

Ethik bietet einen Raum für Wertevermittlung,

in dem SchülerInnen - ob islamischen, katholischen

oder keinen Glaubens - über die Fragen

dieser Welt und ihre möglichen Antworten

reden können. Es werden Themen besprochen,

die im späteren Leben der Kinder und

Jugendlichen essentiell sein werden. Werte

und Normen werden hinterfragt, unterschiedliche

Weltanschauungen behandelt. Ich lernte

in diesen zwei Stunden pro Woche mehr über

die Welt als in den meisten anderen Schulfächern.

Es wurden gesellschaftskritische und

politische Themen angesprochen, die mich

in gewisser Weise dazu brachten, darüber

schreiben zu wollen. Es braucht Raum für

Diskurs in der Schule, für alle Kinder mit allen

Religionen. Der Ethikunterricht zeigt nämlich

vorrangig, wie Zusammenleben funktionieren

kann, ungeachtet der konfessionellen Zugehörigkeit.

Und das ist in Zeiten wie diesen

besonders wichtig.

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Zeiten von Corona ist leistbare Bildung noch wichtiger geworden. Kurse

mit dem Hinweis „Sparflamme“ sorgen dafür, dass am Ende des Monats

mehr im Börsel bleibt. Nachdem du also mithilfe der DIY-Anleitungen

deine Wohnung ausgemalt hast, kannst du mit deiner BFF endlich die

Sprache der Liebe lernen. C‘est génial! https://www.vhs.at/de

VERLORENE

ARBEITSKRÄFTE

In Österreich droht hunderten AsylwerberInnen

nach der Lehre die

Abschiebung. Das Gesetz sieht weiterhin

vor, dass die Lehrlinge nach der

Abschlussprüfung das Land verlassen

müssen. Die Grünen sprechen sich für

den Abschiebestopp und eine Gesetzesänderung

aus, die ÖVP denkt nicht

einmal daran. Sozialminister Rudolf

Anschober kann seinen Wunsch nach

Neuverhandlungen beim Koalitionspartner

nicht durchsetzen. Dabei ist

die Regelung auch aus wirtschaftlicher

Sicht sinnlos. Die heimische

Wirtschaft würde von einem Verbleib

der Lehrlinge profitieren. Gerade in

ländlichen Regionen sinkt die Zahl

der Erwerbsfähigen stetig, Österreich

braucht junge Arbeitskräfte. Nun

investieren österreichische Betriebe

Geld und Zeit in Lehrlinge, die sie folglich

nicht anstellen können. Warum

man zahlreiche Menschen, die fertig

ausgebildet sind und arbeiten wollen,

abschiebt, bleibt unklar. Die Regierung

unterstreicht die Botschaft: Selbst die

„leistungsbereiten“ AsylwerberInnen

scheinen nicht gut genug für dieses

Land zu sein.

Podcast

des Monats

BABY GOT

BUSINESS

Ann-Katrin Schmitz redet mit

Menschen, die Social Media

mit spannenden Geschäftsmodellen

und neuen Karrierewegen

verändern. Von der

Gründerin bis zum Influencer

geben die GesprächspartnerInnen

Einblick in die digitale

Karriere-Welt und sprechen

über coole Strategien, kreative

Berufsfelder und prägende

Ideen. Die thematische

Bandbreite ist groß: Von Anti-

Rassismus in den Sozialen

Medien bis hin zu Staatshilfen

für Selbstständige wird alles

abgedeckt. Inspirierend und

hörenswert!

© Christoph Liebentritt, © Instagram / himbeersahnetorte

Wir gratulieren unserer Redakteurin Nada El-Azar für den

Erhalt des JournalistInnenpreises für Integration 2019!

Ihre Story „Meine Tochter, meine Perle“ gewann den Preis

in der Kategorie Print. Die ganze Redaktion ist stolz auf

Nada und ihre Geschichte um die versteckte Rolle mancher

arabischer Mütter und wie diese zu Vorarbeiterinnen

des Partriarchats werden.

Job?

Fix!

DIE BERUFSLEBENSKOLUMNE

DES AMS WIEN

Bewerbungsgespräche! Jobinterviews! OMG!

Hattet Ihr so etwas schon einmal? Ich erinnere

mich noch ganz gut an mein erstes. Ich war

super nervös. Ich war ur nicht vorbereitet. Es

ist grandios gescheitert.

Na gut, am Nervös-Sein kann man nichts

ändern. Feuchte Hände und Herzklopfen

gehören dazu, außer für Miss Supercool und

Herrn Nerven-wie-Drahtseil. Aber nach einigen

erfolgreichen Vorstellungsgesprächen kann ich

Euch, glaube ich, sagen: Ihr habt vieles selber

in der Hand. Ich geb‘ hier mal ein paar Tipps.

Erstens: Schaut Euch das Unternehmen gut

an. Was machen die genau? Wie viele Leute

arbeiten für sie? Wo haben sie ihre Standorte?

Was schreiben Zeitungen über sie? Seht Euch

die Homepage an und googelt die Firma!

Zweitens: Überlegt Euch ein Outfit für das

Gespräch. Es soll authentisch sein und zu Euch

passen, aber natürlich auch zur Firmenatmosphäre.

Umgeben Euch Kisten und dunkle

Keller oder Krawatten und helle Kostümchen?

Und drittens. Naja, ein paar Fragen sind einfach

immer die selben, die sie uns stellen. Wo

liegen Deine Stärken und Schwächen? Warum

willst Du diese Stelle? Und warum sollte die

Stelle Dich wollen? Darauf kann man sich

vorbereiten, das Internet ist voller Erfahrungsberichte

und Ratschläge.

Tipp: Geh selbstbewusst zum Bewerbungsgespräch!

Sie testen Dich, genauso

wie auch Du sie unter die Lupe nimmst.

Wenn’s auf beiden Seiten passt, wird ein

Job draus. Und zwar von Anfang an auf

Augenhöhe.

Mehr Infos gibt’s auch hier: ams.at/wien

48 / KARRIERE /

/ KARRIERE / 49



Immer geht es nur um

die Corona-Situation

an Schulen und Kindergärten.

Aber wie haben

Studierende im Corona-Semester

gelernt?

Lebt der Babyelefant im

Audimax auch im Wintersemester

weiter?

Von: Anna Jandrisevits, Illustrationen: Christof Stanits

BEI UNS SPRINGT KEINER

INS KALTE WASSER.

Wer in der Vergangenheit um 8:00 Uhr

früh in den Lehrsaal einer jeden Hochschule

blickte, hat wohl kaum in ein

enthusiastisches Gesicht gesehen. Es

gab nun mal nichts Schlimmeres, als Lehrveranstaltungen

zu unchristlichen Zeiten. Oder das hoffnungslose Lernen

in der Bibliothek für eine Prüfung, zu der man am Ende

sowieso nicht antrat. Oder Lehrende, die nach dem Ende

des Unterrichts noch eine weitere Viertelstunde vortrugen,

sodass man weniger Zeit für den Burrito in der Mittagspause

hatte. Dass wir uns diese „Probleme“ mal sehnlichst

zurückwünschen würden, hätte wahrscheinlich niemand

gedacht. Aber nach diesem Sommersemester (und diesem

Jahr) wünschen wir uns alles zurück, was auch nur ein

kleines Stück Normalität bedeutet. Am Vormittag des 10.

März verkündete Bildungsminister Heinz Faßmann die

Schließung aller Hochschulen in Österreich. Ab diesem

Zeitpunkt änderte sich der gewohnte Alltag aller Studierenden

schlagartig. Die Pandemie verlegte das Studium über

Monate hinweg vor den Bildschirm. Das Zuhause wurde

zum Campus, das Zimmer zum Lehrsaal. Obwohl Zoom-

Einheiten, Online-Prüfungen und digitale Lehrformate den

Uni-Alltag auf den Kopf stellten, lässt sich aus der Fernlehre

auch Positives ziehen. Drei StudentInnen erzählen über

ein außergewöhnliches Sommersemester.

DER ELEFANT IM

SEMINARRAUM

50 / RAMBAZAMBA /

ALLER ANFANG IST SCHWER

„Niemand hat sich ausgekannt und alle waren verwirrt“,

erinnert sich Lena an den Tag der Schließung zurück. Die

26-Jährige studiert Gesundheits- und Krankenpflege am

FH Campus Wien. Im März wurde auch ihr 2. Semester

umgekrempelt: Anfangs war die Kommunikation zwischen

Lehrenden und Studierenden chaotisch, teilweise wurden

ihrer Kohorte missverständliche Informationen vermittelt.

Zu Beginn schienen die Hochschulen selbst nicht zu wissen,

wie es weitergehen wird. Lena kann es nachvollzie-

/ RAMBAZAMBA /

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Niemand hat sich

ausgekannt und alle

waren verwirrt.

“ Lena

52 / RAMBAZAMBA /

hen: „Es war eine neue Situation für uns alle.“ Im ganzen

Durcheinander stand am Ende des Tages allenfalls eines

fest: Die Hochschulen würden nicht mehr aufsperren.

Davon erfuhr auch Annika, als sie am 10. März am Flughafen

in Frankfurt saß. Die gebürtige Deutsche studiert

Journalismus und Neue Medien an der FH Wien der WKW

und arbeitet nebenbei als Stewardess. „Ich saß am Gate,

um zurück nach Wien zu fliegen, weil diese Woche wieder

Unterricht stattfinden sollte. Ich las die E-Mail und dachte:

Jetzt werden ein paar harte Wochen auf mich zukommen.

Die Vorfreude auf Wien war weg.“

Der Umstieg auf die Fernlehre schien an vielen

Hochschulen gleichsam holprig zu beginnen. Gerade bei

Lehrveranstaltungen, bei denen Studierende normalerweise

den gesamten Hörsaal einnahmen, war eine digitale

Umsetzung schwierig. Florian studiert Raumplanung und

Raumordnung an der Technischen Universität Wien.

Obwohl das Studium vermehrt auf Theorie setzt, konnten

Zoom & Co den Lehrinhalt nicht zur Gänze wiedergeben.

„Wenn 100 Leute an einer Online-Einheit teilnehmen,

wird es schwierig. Beim einen rauscht es, beim anderen

funktioniert das Mikrofon nicht. Und die Chat-Funktion

nutzen manche nur, um blöde Fragen zu stellen“, so der

21-Jährige. Technische Schwierigkeiten und ungünstige

Lehrformate erschwerten die Fernlehre, die Situation verbesserte

sich jedoch mit der Zeit: „Die Lehrenden haben

sich mit den Monaten gut umgestellt. Im Mai und Juni hat

dann schon alles gut funktioniert.“ Der Erfolg von Distance

Learning scheint vor allem von den ProfessorInnen abzuhängen,

meint auch Annika: „Manche Lehrende haben

sich Mühe gegeben und uns mit Aufgaben, Fragen und

Tests eingebunden. Andere haben ein PDF der Lehrinhalte

hochgeladen und uns damit mehr oder weniger allein

gelassen.“

PRAXIS AUS DER FERNE

Besonders in praxisorientierten Studiengängen stellte die

Fernlehre eine Herausforderung dar. In Lenas Studium

ist Praxis unabdingbar. Wer nicht lernt, wie man Infusionen

anhängt oder Blut abnimmt, kann den Beruf der

Krankenpflege nicht ausüben. Eine kleine Rettung war

das Praktikum: „Wir durften weiterhin unser Praktikum

machen. Ich habe auf einer Bettenstation im Krankenhaus

gearbeitet, das hat mir unglaublich geholfen.“ Doch in

manchen Fächern, wie etwa Neurologie, reichte weder

das Praktikum noch die Onlinelehre für den Lernerfolg

aus: „Der Stoff ist extrem anspruchsvoll und erfordert

fachspezifisches Lernen. Wir mussten uns das plötzlich

alles selbst beibringen.“ Rückblickend hat Lena nicht so

viel gelernt, wie sie hätte können und sollen. Da stimmt

auch Annika zu: „Uns ist der praktische und essentielle Teil

des Studiums verwehrt geblieben. Sei es auch nur ein Tag

im TV-Studio der Hochschule gewesen. Ich habe dieses

Semester viel weniger gelernt, weil uns gar nicht die Möglichkeit

geboten wurde, praxisorientiert zu lernen.“

Im Bildungsministerium sieht man das anders. Annette

Weber, Pressesprecherin im Kabinett des Bundesministers

/ RAMBAZAMBA /

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Ausbildner/innen

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Die Fernlehre hat

mich entschleunigt.

“ Florian

Faßmann, meint dazu: „Das Gesamtbild zeigt, dass ein Studieren

weitgehend möglich war. Unsere Wahrnehmung ist,

dass von allen eine hohe Flexibilität gefordert war, dass sich

aber auch alle große Mühe gegeben haben, die besondere

Situation konstruktiv zu gestalten und zu nutzen.“ An vielen

Hochschulen bot man den Studierenden Hilfe an. Lenas

Studiengang durfte etwa einen Tag vor der Online-Prüfung

einen Probetest machen, um den Ablauf kennenzulernen.

„So wurden wir nicht ins kalte Wasser gestoßen und die

Prüfung verlief gut.“ Die meisten Online-Prüfungen wurden

als Open-Book-Format abgehalten, was positive Resonanz

nach sich zog. „Man hatte zwar weniger Zeit und mehr

Stress, aber es war trotzdem angenehmer, weil man den

Stoff zur Hilfe nehmen durfte“, meint Florian. Gegen Ende

des Semesters durfte der TU-Student unter Abstandsregeln

wieder schriftliche Prüfungen im Lehrsaal absolvieren. Und

54 / RAMBAZAMBA /

auch an anderen Hochschulen wurden in den Sommermonaten

Lehrveranstaltungen und Prüfungen angeboten. Diese

Möglichkeit wurde erfreulicherweise gut genützt, heißt es

aus dem Bildungsministerium.

ABSTAND STATT AUSTAUSCH

So fortgeschritten die digitale Lehre auch sein mag, sie

kann keinesfalls den persönlichen Austausch ersetzen. Der

Bildschirm lag zwischen den Studierenden und erschwerte

die Kommunikation. „Manche Kolleginnen habe ich seit

Monaten nicht gesehen. Dieses Miteinander vermisse ich“,

meint Lena. In der Kohorte entstehen viele Freundschaften,

die unter der Pandemie litten. Man verbringt schließlich nicht

nur im Hörsaal Zeit miteinander, meint Florian: „Wir gingen in

der Mittagspause gemeinsam essen oder feierten zusammen

nach einer bestandenen Prüfung. Das fehlt sehr.“ Die Appelle

der Regierung waren teils missverständlich formuliert,

sodass ein Großteil glaubte, Besuche bei FreundInnen und

Bekannten seien verboten. Also sahen sich auch StudienkollegInnen

wochenlang nur im Netz. Der virtuelle Austausch

konnte den persönlichen Kontakt nicht ersetzen und führte

bei vielen zu Einsamkeit.

Gerade für Studierende aus dem Ausland stellte der

fehlende Kontakt zu den Lieben eine Hürde dar. Annika

stammt aus der Nähe von Heidelberg und entschloss sich

letztes Jahr für das Masterstudium nach Wien zu ziehen.

Die 23-Jährige war während des Lockdowns auf sich alleine

gestellt: „Klar fühlt man sich einsam, wenn man nicht mal

mehr die Freundinnen, die man in Wien kennengelernt

hat, sehen kann. Ich habe mich über den Smalltalk mit

dem Kassierer im Supermarkt gefreut, weil ich sonst keine

sozialen Kontakte hatte.“ Wer mit MitbewohnerInnen lebte

oder seine Familie sehen konnte, hatte mit jenem Problem

nicht zu kämpfen. Im Bildungsministerium sei man sich

bewusst, dass das Semester nicht für alle glatt gelaufen ist,

erläutert Weber: „Wir stehen im ständigen Austausch mit

Studierenden, besonders der Österreichischen HochschülerInnenschaft.

Sie hat auch bei der Erstellung des Leitfadens

für den Herbstbetrieb mitgewirkt. Das zeigt: Wir nehmen die

Anliegen der Studierenden äußerst ernst.“

ZU HOHE GEBÜHREN

Viele Studierende haben in der Corona-Krise ihren Job

verloren, die soziale Lage hat sich bei manchen massiv verschlechtert.

Die Studienvertretung schätzt, dass jeder dritte

Studierende den Arbeitsplatz verloren hat. Betroffene könnten

sich an den Härtefonds der ÖH wenden, der mit 500.000

Euro dotiert ist, so Weber. Trotz der Einschränkungen werden

die Studiengebühren aber nicht rückerstattet. Das Sommersemester

2020 habe stattgefunden, heißt es aus dem Bildungsministerium.

So ganz stimmt das nicht, meint Lena: „Es

hat nicht in dem Ausmaß stattgefunden, wie es hätte sein

sollen. Man hätte die Gebühren zumindest teilweise rückerstatten

können und vielen Studierenden das Leben erleichtert.“

Florian hätte sich mehr politischen Einsatz gewünscht:

„Im Vordergrund standen immer Kindergärten und Schulen,

dabei hätten auch Hochschulen mehr Unterstützung von der

Regierung gebraucht.“ Wie von der ÖH gefordert, findet auch

Annika eine Rückerstattung angemessen: „Die Nachteile, die

wir aus diesem Semester gezogen haben, scheinen den meisten

gar nicht bewusst zu sein.“

Der Hochschulbetrieb wird im kommenden Semester auf

eine Kombination aus Präsenz- und Fernlehre setzen. „Unser

gemeinsames Ziel ist ein möglichst reibungsloser Lehr-,

Prüfungs- und Forschungsbetrieb einschließlich geöffneter

Bibliotheken, damit die Studierenden zügig ihrem Studium

nachgehen können“, so Weber. Während in anderen Bereichen

der Alltag einkehrt, legt man im Hochschulbetrieb weiter den

Schwerpunkt auf Distance Learning. Für Annika unverständlich:

„Ob man die Abstands- und Hygieneregeln in einem H&M besser

einhalten kann, als in einem Lehrsaal, wage ich zu bezweifeln.“

Anders als in Schulen hängen die Einschränkungen von

den Gegebenheiten vor Ort ab, so Weber: „Grundsätzlich wird

in Präsenz studiert, gelehrt, geforscht und gearbeitet werden.

Allerdings sind an den Hochschulen meistens größere Personengruppen

anwesend.“ Daher werde es Unterschiede zum

Schutze der Studierenden und Lehrenden geben. Florian findet

das übertrieben: „Man könnte meinen, dass wir als erwachsene

Menschen verantwortungsbewusst genug sind, um Abstandsregeln

einzuhalten.“

GEMISCHTE GEFÜHLE

Der Blick in den Herbst ist unsicher. Die Erfahrungen der

letzten Monate haben gezeigt, dass ein digitaler Hochschulbetrieb

schwierig, aber möglich ist. „Im Unterschied zum Frühjahr

wissen die Universitäten und Hochschulen jetzt, was auf

sie zukommt“, meint Weber. Raum für Verbesserungen gäbe

es jedenfalls immer. Manches von der Fernlehre sollte man

auch beibehalten, findet Florian. Etwa könnten Vorlesungen,

bei denen Studierende sowieso nur zuhören, weiterhin online

stattfinden. „Man erspart sich Zeit und es erfüllt seinen Zweck

genauso.“ Der Student hat auch persönlich Positives aus der

Situation gezogen: „Es hat mich entschleunigt. Ich bin Fußballspieler,

engagiere mich im Jugendverein und fahre für meinen

Job als Paketzusteller jedes Wochenende nach Hause ins

Burgenland. Mein 3. Semester wäre ohne Fernlehre bestimmt

schwieriger gewesen.“

Lena sieht den Mix aus Online- und Präsenzlehre positiv:

„Man kann sich die Zeit selbst einteilen und sitzt nicht nur den

ganzen Tag auf der Fachhochschule.“ Die Kombination bringt

mehr Abwechslung in das Studium. Trotzdem hofft sie, dass

anspruchsvolle Fächer wieder vor Ort stattfinden können. „Man

bekommt viel mehr mit, wenn man im Lehrsaal sitzt und Fragen

stellen kann.“ Auch an Annikas Hochschule wird im nächsten

Semester vermehrt auf Onlinelehre gesetzt. Sie erwartet

sich für den Herbst spannendere digitale Möglichkeiten und

mehr Struktur: „In unserem Zeitalter könnte man viel aus der

Onlinelehre schöpfen. Ich wünsche mir, ein bisschen mehr an

die Hand genommen zu werden.“ Positiv sieht Annika, dass

sie den Präsenzunterricht mehr denn je zu schätzen weiß. Die

Studentin versucht ihre verbleibende Zeit in der Hauptstadt zu

genießen, auch wenn sie anders verläuft als erwartet. „Das ist

nun mal nicht das Studentenleben in Wien, das ich mir so sehr

gewünscht habe.“ ●

/ RAMBAZAMBA /

HÖCHSTE

ERFOLGSZAHL

ÖSTERREICHS

• AHS-Matura

• Berufsreifeprüfung

• Hauptschulabschluss

• Studienberechtigungsprüfung

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• Fernunterricht

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Tel.: 01/523 14 88,

Neubaugasse 43

1070 Wien

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Selbermacher

Bei „1683 Handmade

Bagels“ bekommt

man köstliche Snacks

– und eine kleine

Geschichtsstunde

auf’s Haus.

Text: Nada El-Azar, Fotos: Zoe Opratko

SStudenten, die Suche nach dem

perfekten Mittagssnack hat ein Ende.

Unweit der Hauptuni Wien wartet

nämlich „1683 Handmade Bagels“ mit einem

großen Aufgebot an belegten Broten. Bagelmeister

und Chefbarista Martin Keklak ist kurz

nach der Eröffnung des Shops im Jahr 2017

ins Geschäft eingestiegen. „Unser Motto ist

‚bagel to the roots‘. Wir möchten den Bagel

nach Wien zurückholen“, so der 38-Jährige.

Das Gebäck wird täglich frisch von einer

koscheren Bäckerei aus der Leopoldstadt

bezogen und mit frischen Salaten,

hausgemachten Aufstrichen und Saucen

verfeinert. Natürlich alles bio. „Wir haben

viele jüdische Kundinnen und Kunden, die

sich frische Bagels mitnehmen.“ Absolute

Spezialität ist der Pastrami-Bagel, der sich

auch in seiner Wahlheimat New York größter

Beliebtheit erfreut. „Der Rinderschinken

wird ein halbes Jahr lang geräuchert und im

Shop hauchdünn aufgeschnitten“, so Martin.

Auf dem New-York-Bagel vereinen sich

Räucherlachs und Frischkäse. Vegetarische

und vegane Optionen stehen ebenso

wie hausgemachter Apfelkuchen auf der

Speisekarte. Martin belegt jeden Bagel frisch

vor den Augen der Kundschaft. Plastik ist –

bis auf die biologisch abbaubaren Deckel für

den Kaffee – im Shop zu vermissen.

1683 Handmade Bagels

Währinger Straße 12

1090 Wien

Frisch zubereitet: Der beliebte „Italian Bagel“

mit hausgemachtem Basilikumpesto, Tomaten,

Mozzarella, roten Zwiebeln und Rucola.

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der

WKO-Wien kann man bei

einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die die

Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein

kann man sich auch

schon eigenständig online

informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen,

Amtswege oder

Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten:

Auf

der Website kommt man

mit wenigen Klicks zu allen

wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacher-Serie ist

eine redaktionelle Kooperation

von das biber mit der

Wirtschaftskammer Wien.

Der Bagel –

eine Wiener

Erfindung?

EIN GEBÄCK MIT GESCHICHTE

In New York ist der Bagel schon lange ein

fester Bestandteil der Esskultur. Anfang des

19. Jahrhunderts brachten jüdische Emigranten

das Gebäck in die USA, das seit einigen

Jahren im Trend liegt. Über den Ursprung des

runden Gebäcks gibt es viele Theorien. Eine

der gängigsten verbirgt sich im Geschäftsnamen:

Im geschichtsträchtigen Jahr 1683

hat der polnische Oberbefehlshaber der

Katholischen Liga, Jan III. Sobieski, Wien von

der Zweiten Türkenbelagerung befreit. „Als

Dank erfand ein jüdischer Bäcker ein Gebäck

in Form eines Steigbügels“, so Martin. Das

Wort „Bagel“ geht auf das jiddische Wort

„Bejgel“, zu Deutsch „Bügel“, zurück. Auf den

Wänden des Geschäfts ist diese Geschichte

von „Falter“-Karikaturist Bernd Püribauer

verewigt worden. Wie der „Retter von Wien“

hat auch Martin polnische Wurzeln. Neben

belegten Bagels ist der Shop auf Kaffee von

Daniel Moser spezialisiert – dessen Tradition

geht übrigens auf das Jahr 1685 zurück.

Hier gelingt dem Geschäftsführer also nicht

nur kulinarisch, sondern auch historisch ein

kleiner Coup.

© philipp nemenz/Shutterstock

VON DER IDEE

BIS ZUR GRÜNDUNG

» GRÜNDUNG UND ÜBERGABE

» Basis-Informationen und Tools zur Gründung

finden Sie auf unserer Webseite.

Jetzt online informieren.

56 / KARRIERE /

FRISCH VON HAND ZUBEREITET

Ein belegter Bagel ist nur so köstlich wie

die Summe seiner einzelnen Komponenten.

© Randy Faris/Corbis

W www.gruenderservice.at/wien



Für uns ist

Recycling

kein Thema.

Richtig! Die Sammlung, Trennung und Wiederverwertung

von Abfall ist bei McDonald’s schon lange kein Thema mehr

sondern gelebte Realität. Mit einem eigenen Recyclingsystem, einer

Recyclingquote von 90% und mit über 70% aller Verpackungen

aus wiederverwertbarem Papier und Karton, setzen wir Tag für

Tag ein starkes Zeichen für eine saubere Umwelt. Mit dem Ziel

zukünftig nur noch Verpackungen aus Recyclingmaterial

anzubieten. Denn reden allein ist bei McDonald’s kein Thema. Es

braucht nachhaltiges Engagement – für Mensch, Umwelt und

Gesellschaft. Wir machen’s. Und nennen das Machhaltigkeit.

www.machhaltigkeit.at

© Marko Mestrovic, Essence, MQVIENNAFASHIONWEEK, Mediengeil

MEINUNG

Bussi Bussi

und Tschüssi

Wenn ihr mich fragt, hat die Corona-Zeit

eine gute Nachwirkung: Wien hat sich

das Busseln abgewöhnt. Ich habe diese

Bussi-Links-Bussi-Rechts-Mentalität

immer gehasst. Während sich die Männer

gegenseitig immer mit Zunicken, superkompliziertem

Handschlag oder einem

Schulterklopfer begrüßt haben, wurden

wir Frauen immer mehr unfreiwillig

abgebusselt: Man nennt den Vornamen

und bekommt von einem Wildfremden

schon zwei halbherzige Schmatzer auf

beide Wangen gedrückt. Das erschien mir

immer so fremd und zu intim zugleich. Ich

habe schon vor Jahren in meinem Umfeld

ein Ultimatum gestellt: Guten Freunden

falle ich um den Hals, ob sie wollen oder

nicht. Fremden muss ich aber wirklich

nicht die Wange anschlatzen und vice

versa. Ihr kennt sicher die Abwägung der

Einstufung: Ist die Person vor mir schon

auf dem Umarmungslevel, noch auf

Bussi-Bussi-Niveau oder ist gar bloß ein

Händedruck angebracht? Danke Corona

für deine Unterstützung, wenigstens

muss man sich darum keine Gedanken

mehr machen. Ich begrüße Begrüßungen

ohne Körperkontakt. Ausgenommen sind

Hunde, Gspusis oder Mamas, die man

ein halbes Jahr nicht gesehen hat. Die

Reihenfolge wurde zufällig gewählt.

tulej@dasbiber.at

LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Von Aleksandra Tulej

Schnelle

Nagel-Nummer

NAGELLACK-

TROCKNER

Ich liebe schöne Dinge, bin aber zu unfähig

dafür. Exhibit A: Nagellack. Wer kennt’s nicht:

Nägel lackieren, eine Minute später irgendwo

hingreifen und schon sieht die frische Maniküre

aus wie die Hände eines Kindergartenkindes,

das mit Fingermalfarben

hantiert hat. Ich habe einfach keine

Geduld und keinen Bock zu warten,

bis der Nagellack trocknet. Der

Lifesaver: Die Express Dry Drops

von Essence. Einfach mit der

Pipette die Tropfen auf die frisch

lackierten Nägel auftragen, ein

paar Sekunden warten und fertig.

Keine Ahnung, wie diese Magie

funktioniert, aber das Produkt

bekommt von mir ein Ehren-Siegel.

essence, 1,95 €.

3

Was finde ich auf Mediengeil?

Auf medien-geil.at

findest du alles, was du FRAGEN AN:

brauchst, um die Journalistin

zu werden, die Gründerin von MEDIENGEIL

Jelena

du sein willst. Einerseits

praktische Tipps, Tricks

und Medienhacks und ein

Mentoring-Angebot, das

dir mehr Klarheit im Mediendschungel

bringt.

An wen richtet sich

Mediengeil?

medien.geil richtet sich an

angehende JournalistInnen,

die Medienarbeit noch immer lieben

und ihren Traum nicht aufgeben wollen.

ein bescheidenes stilles „Weibchen“.

WIEN

KANN

AUCH

FASHION

WEEK!

Von 7. bis 12.9.

hat in Wien die MQ

Vienna Fashion

Week stattgefunden

– bereits zum zwölften

Mal. 65 DesignerInnen

haben

ihre Kollektionen am

Catwalk präsentiert

– mehr dazu findet

ihr bei uns auf Instagram:

@dasbiber

Wie bist du auf die Idee

gekommen, Mediengeil zu

gründen?

Ich habe nach langer

Zeit meinen Platz in der

Medienbranche gefunden

und möchte anderen dazu

verhelfen, diesen Sprung

auch zu schaffen.

MEDIENGEIL AUF INSTA:

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TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

EINE INFORMATION DES LANDES NIEDERÖSTERREICH

MEINUNG

Die digitale

Watschen

Pandemie hin, Corona her – das

Virus und der Lockdown haben

nur beschleunigt, was die meisten

ArbeitnehmerInnen schon

immer wussten: arbeiten von zu

Hause geht gut, wenn es einem

erlaubt wird. Die Veränderungen

für den Büro-Arbeitsmarkt

werden auch nach einer Schutzimpfung

nicht mehr zurück

genommen werden können.

Und das ist gut so – einerseits

ist es umweltschonender von zu

Hause aus zu arbeiten, andererseits

wird das vielbemühte

Konzept des „Work-Life-Balance“

eine Realität. Statt leeren

Wegen in die Firma und zurück

kann diese Zeit für persönlich

wichtige Dinge genutzt werden.

Schade, dass es zahlreichen

Toten und einer abgewürgten

Wirtschaft bedurft hat – HR-

ManagerInnen aus dem vorigen

Jahrtausend haben offensichtlich

die digitale Watschen

benötigt.

bezeczky@dasbiber.at

Zurück

ins All

Kaum hat SpaceX die Astronauten

auf die Erde zurück gebracht,

vermelden sie einen weiteren

Fortschritt: das Spaceship, ein

gigantischer, wiederverwendbarer

Raumfrachter mit 9 m Durchmesser,

hat seinen ersten wichtigen

Flugtest an der Küste von Kalifornien

bestanden. Noch sieht

es zwar aus, wie ein fliegendes

Getreidesilo, schon bald könnte

es aber ernsthafte Flugversuche

in einige hundert Meter unternehmen.

Firmengründer Elon Musk

plant damit, das Reisen auf der

Erde und zum Mond zu revolutionieren.

Beispielsweise wäre die

Strecke New York-Paris mit dem

Spaceship in einer Stunde machbar.

Wir leben wirklich in einer

Science-Fiction Zukunft!

DOPPELBILD-

SCHIRM-SMART-

PHONE

Microsoft hat das Surface-Duo

Handy vorgestellt. Das Gerät ist

so groß wie ein Notizblock und

kann aufgeklappt auf beiden Bildschirmen

unterschiedliche Inhalte

anzeigen. Mit rund 1400 Dollar

Kaufpreis gehört es nicht zu den

günstigen Geräten, aber sicherlich

zu den innovativsten Handys der

letzten Jahre. Erhältlich in den

USA ab 10. September, der Verkaufsstart

in Europa ist unbekannt.

ADLER GEGEN

DROHNE

Die Natur schlägt zurück! In den

USA hat ein Weißkopf-Seeadler, das

auch das Wappentier der USA ist,

eine Drohne des Umweltamtes des

Staates Michigan zerfetzt. Das Gerät

überlebte den Kampf nicht und

stürzte in einen See und versank.

Warum der Adler die Drohe angegriffen

hat, ist nicht bekannt - möglicherweise

hat es sich in seinem

Revier angegriffen gefühlt.

© Marko Mestrovic, Microsoft, Space X, R. Winkelmann / Pixabay

9.10.-30.12.2020

w w w . Lange Nacht der Forschung . at

Design: message.at

/ TECHNIK / 61



MEINUNG

Wer hat Angst vor

Lisa Eckhart?

Ach herrje, was war das denn für ein

Hickhack mit der Teilnahme von Lisa

Eckhart am Harbour Front Literaturfestival?

Ob man nun ihre Satire als solche

anerkennt, oder sie „canceln“ will: Eine

Figur wie Eckhart gibt wichtige Einblicke

über den Zustand unserer Gesellschaft.

Keiner ihrer Kabarettauftritte hat mich

bislang überzeugt - jedoch zeugen ihre

Texte von einem extrem hohen philosophischen

Bildungsgrad, mit dem sie sich

erfrischend von anderen Kabarettisten

unterscheidet. Sprachlich sind ihre

Gedankenspiele auf höchstem Niveau.

Dass sie sich weigert, auf den Zug der

Political Correctness aufzusteigen,

finde ich mehr als löblich – auch wenn

mich ihre Witze („Juden geht es um

Weiber, deshalb brauchen sie Geld“)

nicht besonders zum Lachen bringen.

Es ist richtig und wichtig, dass Eckhart

auf ihrem Pfad bleibt und auch die

erneute Einladung zum Harbour Front

ausgeschlagen hat. Wer hat denn schon

wirklich Angst vor einer Kabarettistin

mit derben Altherrenwitzen? Sowieso

Menschen, die nicht ihr Publikum sind.

Was ist aus dem Motto „leben und

leben lassen“ geworden?

el-azar@dasbiber.at

KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang auf!

Von Nada El-Azar

Theatertipp

GELEEMANN

Eine Gefängniszelle in Wien. Ein Mann

in Untersuchungshaft. Die Zeitungen

berichten über den Inhaftierten als

Mörder und Vergewaltiger. „Geleemann“

ist der Name, den die Medien

ihm gegeben haben. Er ist iranischer

Asylwerber und sieht sich selbst nicht

als Verbrecher, sondern als Poet. Bei

der Uraufführung von Amir Gudarzis

Stück „Geleemann, die Zukunft

zwischen meinen Fingern“ führt Maria

Sendlhofer Regie. Es spielen: Clara

Schulze-Wegener, Simonida Selimović,

Philipp Auer, Johnny Mhanna.

Premiere und Spielzeiteröffnung

ist am 24. September um 19:30 im

Werk-X, Petersplatz.

Viennacontemporary 2020

Vom 24.-27. September

findet die diesjährige Viennacontemporary

mit den

Sonderausstellungen Explorations,

VIDEO und ZONE1 in

der Marx Halle statt. Österreichs

größte Kunstmesse

hat sich zum Ziel gesetzt,

Galerien zu entdecken, die

etablierte KünstlerInnen wie

neue experimentelle Positionen

zeigen. Schwerpunkt liegt

auf Zentral- und Osteuropa.

ZONE1-Kuratorin Cathrin Meyer

wird den Fokus auf junge

KünstlerInnen und Galerien

setzen, die eine neue Generation

innerhalb der heimischen

Kunstszene repräsentieren.

Selbstverständlich findet die

Messe unter erhöhten Sicherheitsvorkehrungen

statt.

Filmtipp

Jenseits des

Sichtbaren

Die Kunstwelt macht eine

sensationelle Entdeckung - nur

100 Jahre zu spät. 1906 malt

Hilma af Klint ihr erstes abstraktes

Bild, lange vor Kandinsky,

Mondrian oder Malewitsch.

Insgesamt erschafft sie über

1500 abstrakte Gemälde, die

der Nachwelt Jahrzehnte verborgen

bleiben. Wie kann es

sein, dass eine Frau Anfang des

20. Jahrhunderts die abstrakte

Malerei begründet und niemand

nimmt davon Notiz?

Seit 28.08. in den

österreichischen Kinos.

© Christoph Liebentritt, Andromeda Theater Vienna, viennacontemporary, Michael Obex

3 FRAGEN AN…

CEDRIC MPAKA

Cedric Mpaka ist im Kongo geboren. Nach einer

Assistenz bei Vivienne Westwood und diversen

Kostümassistenzen ist er seit der Spielzeit

2015/16 als freischaffender Kostümbildner

tätig. Zu seinen letzten Produktionen zählt

„Salome“ im Theater an der Wien

(Regie: Nikolaus Habjan).

Du bekommst einen Auftrag, Kostüme für ein Theaterstück

zu machen. Wie verläuft dein Arbeitsprozess?

Ich lese zuerst immer das Stück. Danach treffe ich mich

mit dem Regisseur und er erzählt mir, in welcher Welt er

die Handlung spielen lassen möchte. Ich arbeite auch eng

mit dem Bühnenbild zusammen, da ich dafür verantwortlich

bin, wie der Schauspieler aussieht, wenn der Vorhang

aufgeht. Daraufhin mache ich mir Gedanken und Skizzen,

und lasse mich meistens davon inspirieren, in welcher Zeit

das Stück im Original gespielt hat.

Woher beziehst du deine Inspiration?

Ich lasse mich tatsächlich viel von Passanten auf der

Straße inspirieren. Oft spaziere ich durch die Stadt und

beobachte Menschen. Ich achte darauf, wie sie sich bewegen

und wie sie sich kleiden. Vivienne Westwood, bei der

ich gelernt habe und als Assistent tätig war, ist auch eine

Quelle für Kostümideen. Meine Figurinen und Zeichnungen

ähneln daher ihren Designs. Und ich bin ein großer Fan der

Mode des 18. und 19. Jahrhunderts.

Wann hast du deine Leidenschaft für Kostüme entdeckt?

Ich wusste eigentlich schon sehr früh, dass ich in Richtung

Kostümdesign gehen wollte. Schon als Kind konnte ich

gut mit Farben umgehen. Ich dachte auch daran, vielleicht

Schauspieler zu werden. Aber nachdem ich zum ersten

Mal die Oper „Tosca“

sah, war ich einfach

begeistert und wollte

unbedingt gestalten.

Glücklicherweise

lernte ich den Regisseur

Nikolaus Habjan

kennen, ohne den

ich diese Leidenschaft

heute niemals

ausüben würde.

Cedric Mpakas

nächste große Premiere

findet Anfang

Oktober mit „Der

Leichenverbrenner“

von Landislav Fuks

in der Regie von

Nikolaus Habjan im

Burgtheater Wien

statt. Das Kostümbild

entsteht

gemeinsam mit

Lugh Wittig.

Stormy

Weather

AUSSTELLUNG:

24. 09.– 21. 11. 2020

ERÖFFNUNGSABEND/PREVIEW:

MI, 23. 09. 2020, 17:00 – 21:00 UHR

KÜNSTLER_INNEN: Susanna Flock & Leonhard Müllner,

Fragmentin (David Colombini, Marc Dubois und Laura Perrenoud),

Stefan Karrer, Till Langschied, Marc Lee, Yein Lee,

Christiane Peschek, Total Refusal (Robin Klengel, Leonhard Müllner

und Michael Stumpf), Christoph Wachter & Mathias Jud

KURATORINNEN: Katharina Brandl & Claire Hoffmann

KUNSTRAUM NIEDEROESTERREICH

HERRENGASSE 13

A-1010 WIEN

WWW.KUNSTRAUM.NET

ÖFFNUNGSZEITEN

DI – FR 11:00 – 19:00 UHR

SA 11:00 – 15:00 UHR

EINTRITT FREI

62 / KULTURA /

Die Ausstellung wird in Kooperation mit dem Centre culturel suisse, Paris durchgeführt.

Bild: © Christiane Peschek, Velvet Fields, 2017



KOLUMNE

www.hospiz.wien

Bist du Christ?

Robert Herbe

Bist du Christ? Du bist offener und aufgeschlossener

als deine Landsleute!

Du bist aber sicher kein strenger Muslim,

daher kommst du mit der österreichischen

Mentalität zurecht.

Was ist dein Geheimnis, so gut integriert in

Österreich zu sein?

All diese und andere Fragen und Aussagen

bekomme ich oft bei meinen Auftritten zu hören.

Dabei fühle ich mich selbst nicht gut integriert.

Worin denn?

Ich kann für mich selbst nicht definieren, was

diese sogenannte Integration ist. Ich weiß nur,

dass Flucht oder Migration oft bedeutet, dass du

auf den Startpunkt des Lebens zurückgeworfen

wirst. Und das ohne die Fürsorge deiner Eltern und die vertraute

Umgebung!

Natürlich war mir all dies auf der Flucht und bei meiner

Ankunft nicht bewusst. Ich wollte einfach so weit es geht

von dem Wahnsinn in Syrien wegkommen und in einem

Land leben, in dem ich als Mensch respektiert werde.

Die ersten Wochen nach meiner Ankunft waren voller

Erleichterung. Ich war froh, in so einem hochentwickelten

Land angekommen zu sein und fasziniert von der Hilfsbereitschaft

und Freundlichkeit der ÖsterreicherInnen, die uns

in vielerlei Hinsicht unterstützten. Aber diese Phase hielt

nicht lange an. Abgesehen vom Heimweh und dem schweren

Rucksack der Erlebnisse des Kriegs und der Flucht, wird

die Erfahrung, fremd zu sein, und die Perspektivlosigkeit zu

einer zunehmenden Bürde. Es war für mich klar, um wirklich

anzukommen, muss ich mich auf das Leben hier einlassen

und Näheres kennenlernen. Ich habe die Wohnung in Wien

abgelehnt und bin in das Salzburger-Land eingezogen. Ich

habe die deutsche Sprache bis zum C1-Niveau gelernt. Was

dann passierte: Je mehr ich mich mit ÖsterreicherInnen

umgeben habe, desto stärker wurde das Gefühl des Andersseins.

ICH FÜHLTE MICH SPRACHBEHINDERT

Die fehlenden sozialen Codes und Beherrschung der

Sprache wurden immer mehr zur hemmenden Barriere.

turjman@dasbiber.at

Jad Turjman

ist Comedian, Buch-

Autor und Flüchtling

aus Syrien. In seiner

Kolumne schreibt er

über sein Leben in

Österreich.

Oft erlebte ich, wenn ich etwas Kompliziertes

artikulieren wollte, dass die Worte in meinem

Mund stockten und ich lange brauchte, bis ich

die passenden Begriffe fand, und dann fällt dir

jemand ins Wort und das Gespräch geht weiter

und ich fühlte mich sprachbehindert. Ab einem

bestimmten Zeitpunkt wurde mir deutlich, dass

einen gleichwertigen Ersatz zu dem, was ich an

Zugehörigkeit nach der Flucht verloren habe, zu

finden, nicht möglich ist.

Im übertragenen Sinne könnte man sich die

Sache mit den sozialen Codes wie einen Kabel-

Adapter vorstellen. Das Kabelende soll in den

Anschluss des Gerätes hineinpassen, aber man

kommt oft mit einem ganz anderen Adapter, der

sich nicht anschließen lässt. Sprich, die Sozialisierung in der

Heimat hat einen nicht auf diese Lebensstile und Lebenssituationen

vorbereitet. Es fehlen gemeinsame Themen,

Interessen und Werte.

ICH MAG ES, VON ZWEI KULTUREN

ZU PROFITIEREN

Problematisch bei diesem Anpassungsprozess ist das Gefühl

der zunehmenden Entfremdung. Ich habe mich langsam

vom alten, gewohnten Leben und Herkunftsmilieu distanziert,

ohne irgendwo anzukommen und ohne unmittelbar

eine soziale Heimat zu finden. Diese Entfremdung und

Veränderung werden mir klar, wenn ich mit meiner Familie

telefoniere oder mit Landsleuten unterwegs bin.

Es klingt bis jetzt sehr nach schmerzhafter und verwirrender

Erfahrung. Aber diese Erfahrung hat auch positive

Aspekte. Ich habe durch diese intensive Auseinandersetzung

mit mir und meiner neuen Umgebung mehr zu mir

selbst gefunden und habe mich mehr kennengelernt. Ich

bin mehr als je zuvor im Einklang mit mir selbst und habe

mittlerweile meinen personalisierten Lebensstil. Ich habe

das Privileg, aus zwei verschiedenen „Kulturen“ zu profitieren.

Denn genau diese Unterschiede machen das Leben

bunt und bereichernd. Je mehr ich Menschen, die anders

als ich sind, kennenlerne, umso schärfer wird mein Blick auf

die Wirklichkeit.

/ MIT SCHARF / 65

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AUF ZU NEUEN UFERN

Destination:

Donaukanal Wien

Fast zwei Jahre war ich nun in der Weltgeschichte

unterwegs. Zwei „verlorene“

Jahre, wie es manche ausgedrückt haben,

denn ich konnte währenddessen weder

meinen Master machen noch Arbeitserfahrung

sammeln. Schließlich bekommt

man vom Reisen kein Diplom. Und so

richtig „bringen“ tut es ja auch nichts. Ja,

Lebensqualität und

so, aber die kann man

sich doch nicht in den

Lebenslauf schreiben.

Und so viel anders

als abends an den

Donaukanal setzen

und Hugo trinken

kann das wohl auch

nicht sein. Da muss

ich wenigstens nicht

so einen schweren

Rucksack mitschleppen.

Ich habe in den

letzten Jahren viel

gelernt. Zum Beispiel,

dass man nicht

jeden Ratschlag

ernst nehmen muss.

Stattdessen lächeln,

nicken und einfach

weiter sein Ding

TRIP & TRAVEL

Einmal um die ganze Welt

Andrea Grman

durchziehen. Hätte ich mich an Schema

F gehalten, wären mir so viele wunderbare

Bekanntschaften entgangen.

Natürlich ist nicht jeder Tag großartig. Ja,

es ist anstrengend und mühsam und man

muss ganz weit aus seiner Komfortzone

herauskommen. Doch wenn man schon

mal dort ist, kann man es auch einfach

genießen und die großartigen Erlebnisse

feiern, die sich daraus ergeben. Ich habe in

den letzten zwei Jahren wohl mehr erlebt

als manche Menschen in zwei Lebzeiten.

Manches davon habe ich hier mit euch

geteilt, manche Dinge werde ich schmunzelnd

für mich behalten und noch in 100

Jahren daran zurückdenken.

Unendlich dankbar blicke ich auf meine

Reisen zurück, zwischen Hostel-Stockbetten,

unberührter Wildnis und Nachtzügen

aus der Zwischenkriegszeit. Doch nicht

nur die aktuelle gesundheitliche Krise hat

meinen Reisen ein

vorläufiges Ende

bereitet. Auch die

Möglichkeit, mit

Teach for Austria als

Lehrerin arbeiten zu

können, brachte mich

wieder zurück nach

Wien. So blicke ich

mit einem lachenden

und einem weinenden

Auge nach vorne

und freue mich auf

neue Herausforderungen,

für die ich

dank meiner Abenteuer

und einem

guten Training bestens

gewappnet bin.

Adieu, große weite

Welt und hallo, Mittelschule!

Klappe zu, Affe tot

grman@dasbiber.at

Gewinnspiel

Denken wie

ein indischer

Mönch

Drei Jahre lang lebte Jay Shetty

in einem buddhistischen Kloster

in Indien, bevor er zum Influencer

wurde und seine Videos viral

gingen. Das „Think like a monk-

Prinzip“ erzählt, warum Mönche

ganz anders sind als du sie dir

vorstellst und was du von ihnen

lernen kannst. Schick mir ein Mail

an grman@dasbiber.at. Mit etwas

Glück findest du das Buch bald in

deinem Briefkasten. Möge es dir als

Inspiration dienen, Indien und seine

Klöster selbst zu erkunden.

Tipp für die Reise

AUF DIE ROUTINE

KOMMT’S AN

Reisen kann manchmal ganz schön

stressig sein – vor allem, wenn man

ständig neue Menschen trifft und

unbekannte Orte kennenlernt. Da hilft

es, sich eine Routine festzulegen,

die dir Halt gibt. Überleg dir, was dir

Energie gibt und baue es aktiv in deinen

Alltag ein. Das kann zum Beispiel

ein morgendlicher Spaziergang sein,

eine kurze Entspannungsübung oder

Tagebuchschreiben am Abend. Die

regelmäßige Aktivität hilft dir, auch

in hektischen oder unsicheren Zeiten

positiv zu bleiben.

© Christoph Liebentritt, Adrian Almasan, Rowohlt

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In der Porträtreihe „Meine Zukunft

in Österreich“ holt SOS Mitmensch

junge Frauen wie Sara und Sabiha vor

den Vorhang. Alle neun Porträts sind

auf der Website von SOS Mitmensch

nachzulesen: www.sosmitmensch.at

„Ein Mädchen zu sein

ist schwierig, ganz

egal wo man ist“

Sabiha weiß genau mit welchen Schwierigkeiten

Schüler innen, die nach Österreich kommen, konfrontiert

sind. Vor vier Jahren floh die heute 20-Jährige mit ihrer

Familie aus Pakistan nach Österreich. Heute besucht sie

die HTL Donaustadt in Wien.

„Love yourself!“

Nur mit Musik schaffte es Sara nach ihrer Flucht

aus Syrien selbstbewusst und lebensfroh zu bleiben.

Heute lebt die 17-Jährige in Ruprechtshofen im Bezirk

Melk, besucht das Musikgymnasium in Scheibbs und

spricht im Mostviertler Dialekt über ihr Ankommen in

Österreich und bei sich selbst.

Eine Geschichte, die mir

immer in Erinnerung bleiben

wird, ist die meines

zerrissenen Religionsbuches in

der Neuen Mittelschule Eferding

Nord in Oberösterreich: Jeden

Donnerstagnachmittag ging ich

in den Islamunterricht, mein Buch

lag immer in meinem Bankfach in

der Klasse. Eines Tages, als ich

wieder zum Religionsunterricht

gehen und mein Buch aus dem

Fach nehmen wollte, sah ich,

dass es komplett zerstört war.

Irgendwer musste es in der Pause

einfach genommen und zerrissen

haben! Ich war so traurig und

habe den ganzen Tag geweint.

Die Direktorin hat mich getröstet,

aber bis heute weiß ich nicht, wer

das gemacht hat.

Danach habe ich mir ein

neues Buch besorgt und habe mit

dem Unterricht weiter gemacht.

Ich musste ja weitermachen.

Einige Schülerinnen und Schüler

mobben und nennen das dann

Spaß. Ich fürchte, das ist in jeder

Schule so, aber es ist einfach

nicht lustig. Das war 2017, als

ich noch nicht lange in Österreich

war.

ANFANG MIT OBER-

ÖSTERREICHISCHEM

DIALEKT

Anfangs lebte ich mit meiner

Familie für zwei Jahre im Eferdinger

Asylquartier in Oberösterreich.

Wir wohnten gemeinsam

mit drei anderen Familien in

einem großen Raum, der in vier

Zimmer aufgeteilt war. Es war

oft sehr laut und ich konnte mich

nicht gut konzentrieren.

Die Schule war in Eferding

aber die größte Herausforderung.

Zu Beginn bin ich in der Klasse

gesessen und habe immer zugehört,

aber wirklich nichts verstanden.

Ich bin eigentlich eine sehr

fleißige Schülerin, aber anfangs

hatte ich einfach null Ahnung,

wovon die Lehrer sprachen. Das

lag auch am oberösterreichischen

Dialekt. Selbst die sehr nette

Deutschlehrerin hat immer im

Dialekt gesprochen. Heute hilft

mir das, weil ich dadurch jetzt

alles verstehe.

DURCHHALTEN

LOHNT SICH

Mittlerweile lebe ich mit meiner

Familie in einer Wohnung im

10.Wiener Bezirk. Ich besuche

die HTL-Donaustadt im Zweig

„Software Engineering“. Hier

habe ich keine Probleme mehr,

weder mit Deutsch noch mit meiner

Klasse. Die Hassfächer von

vielen anderen sind jetzt meine

Lieblingsfächer: Informatik und

Programmieren.

In zwei Jahren werde ich

maturieren und danach auf die

Universität gehen, denn ich

möchte unbedingt Ingenieurin

werden. Dass ich ein Mädchen

bin, hindert mich nicht daran. Ich

glaube, ein Mädchen zu sein, ist

sowieso oft schwierig — ganz

egal was man macht oder wo auf

der Welt man ist. Aber ich habe

gelernt: Es lohnt sich Vieles, auch

wenn es anfangs schwierig ist.“

Fotos von Karin Wasner

Das erste Wort, das ich

auf Deutsch kannte, war

das Wort Ausländerin.

Ich konnte die Sprache nicht,

habe aber immer und immer

wieder dieses Wort gehört. In der

ersten Schule haben meine Klassenkollegen

andauernd so zu mir

gesagt und ich wusste, es meint

irgendetwas Gemeines.

Einmal habe ich dann meinen

Vater gefragt, der schon länger in

Österreich war und deshalb besser

Deutsch konnte, was dieses

Wort eigentlich heißt. Er hat es

mir erklärt. Ich fühlte mich dann

wirklich schlecht und allein. Das

war vor etwa dreieinhalb Jahren,

da bin ich gerade mit meiner

Familie von Syrien nach Niederösterreich

gekommen.

K-POP ALS RETTUNG

In derselben Zeit habe ich

angefangen K-Pop zu hören.

Das ist koreanische Popmusik

mit Rap- und Elektro-Elementen

und ich kann gar nicht sagen,

wie wichtig diese Musik für mich

war. K-Pop hat mich durch die

schwierige Zeit des Ankommens

in Österreich begleitet und mir

sehr geholfen mich hier zurechtzufinden.

Ich liebe die Messages,

die die Musik transportiert. In den

Texten heißt es: „Love yourself!“

Das hat mir extrem viel Kraft

und Energie gegeben. Ich habe

mir damals gedacht: Ok, dann

habe ich eben keine Freunde und

Freundinnen mehr, ich brauche

sie nicht. Ich brauch gerade nur

mich selbst und die Musik. Auch

das Gefühl, dass ich mich selbst

mag und ich an mich selbst

glaube, habe ich durch die Songs

bekommen. Das war voll schön

für mich, denn die Musik konnte

mir niemand wegnehmen.

Mein Vater ist Musiklehrer

auch deshalb war Musik wohl

immer schon wichtig für mein

Leben. Ich wurde so krass zum

K-Pop Fan, dass ich sogar begonnen

habe, koreanisch zu lernen.

In der Schule lernte ich Deutsch

und nachmittags zu Hause brachte

ich mir selbst via Youtube koreanisch

bei. Das war auch etwas

verrückt, aber heute spreche ich

Arabisch, Deutsch, Englisch und

Koreanisch und bin ziemlich stolz

auf mich.

TANZEN IN KOREA

Ich gehe jetzt in das Musikgymnasium

in Scheibbs, wo ich

Klavier und Gitarre sogar als

Hauptfach habe. Es in dieses

Gymnasium zu schaffen, war

ein erster kleiner Traum, den ich

erreicht habe. Auf einmal bin ich

mit der ganzen Klasse befreundet.

Viele finden jetzt sogar mein

Kopftuch cool.

Später einmal will ich K-Pop

Coversongs produzieren, um

auch anderen Menschen mit

meiner Musik Hoffnung und Kraft

zu geben. Und mein allergrößter

Traum wäre es natürlich irgendwann

nach Korea zu reisen und

dort auf so vielen K-Pop Konzerten

wie möglich zu tanzen.“

68 / MIT SCHARF /

/ MIT SCHARF / 69



„Die Leiden des jungen Todor“

Von Todor Ovtcharov

Kulinarische Revolution

Vor 200 Jahren zog eine Familie in Japan von

einer Stadt in eine andere. Zwei Jahrhunderte

danach waren ihre Nachfahren immer

noch als die „Ausländer“ bekannt.

Eine andere Bekannte von mir möchte gerne eine

Heilige sein. Genau wie Mutter Teresa möchte sie

allen Kranken und Leidenden helfen. Um eine Heilige

zu sein muss man auf kleine Freuden des Lebens

verzichten, so wie Bier oder Käsekreiner, aber der

Zweck heiligt die Mittel. Stellt euch vor, wie cool es

wäre, mit einem Heiligenschein durch die Gegend

zu laufen. Man bräuchte nie wieder eine Leselampe.

Andererseits hat man den Nachteil, dass man lernen

muss, im Hellen einzuschlafen. Aber man gewöhnt

sich sicherlich daran.

Ich kenne viele Leute in Österreich, die seit mehr

als 30 Jahren hier leben. Diese ganze Zeit über

haben sie gearbeitet, Steuern gezahlt und ihre Kinder

in die Schule geschickt. Sie denken, sie haben das

ganze Integrationsprogramm schon durch. Bis ein

kleines Ereignis sie zurück in die Realität holt. Familie

K ist eine solche Familie. Eines Tages traute sich Frau

K in der Betriebskantine zu sagen, dass sie die österreichische

Küche fürchterlich findet. Stattdessen esse

sie lieber leichtere Kost aus dem Mittelmeerraum. Sie

bevorzuge einen Salat nur mit Olivenöl und nicht so

viel Essig. Als sie das sagte, sahen sie ihre Kolleginnen,

die normalerweise ausgesprochen nett zu ihr

waren, so an, als ob sie in eine Zitrone gebissen hätten.

Ohne das zu merken, redete Frau K weiter, dass

man nicht alles panieren sollte. Frau K wurde weiterhin

so angeschaut, als ob sie gerade den Abzug im

Attentat gegen Franz Ferdinand gedrückt hätte. Ihre

Kolleginnen meinten, sie sei undankbar und wenn es

ihr hier nicht gefalle, könne sie sofort ans Mittelmeer

ziehen. Hier werde sie jedenfalls nicht vermisst. Sie

versuchte, sich zu verteidigen, indem sie meinte, sie

äußere keine Kritik an Österreich selbst, sie finde

nur gegrillten Wolfsbarsch schmackhafter als Knödel

mit Sauerkraut. Man fange ja mit kulinarischer Kritik

an, meinten ihre Kolleginnen, dann belastet man das

Sozialsystem und am Ende wird man ein Terrorist.

Die Kritik am Salatdressing machte das Leben

von Frau K sauer. Sie kam weinend nach Hause und

erzählte ihrem Ehemann, dass sie sich nicht weiter

wie eine Ausländerin in dem Land fühlen mag, wo

sie ihre Jugend verbracht hatte und wo sie geplant

hatte alt zu werden. Herr K hingegen war ein Realist

und meinte, sie soll einfach ihr Leben weiterführen

und sich keine Gedanken über Kantinenstreitereien

machen. Doch Frau K konnte nicht alles so leicht nehmen.

Sie konnte die ganze Nacht nicht einschlafen.

Anfangs weinte sie bitter und ihr Polster saugte ihre

Tränen auf. Danach schaute sie mit nassen Augen

die Decke an. Sie ging in die Küche, um ihren Mann

nicht zu stören. Dort fand sie das alte Kochbuch ihrer

Großmutter. Sie blätterte darin. Und entschied sich zu

kämpfen. Sie machte einen Internetblog, wo sie über

die Vorteile der leichten Mittelmeerküche und über

die Knödel mit Sauerkraut schrieb. Sie hatte immer

mehr Leser – und nicht nur Menschen aus ihrem

Geburtsland, sondern immer mehr „echte“ Österreicher

und Österreicherinnen.

Bis sie eines Tages mit Verwunderung feststellte,

dass eine ihrer Kolleginnen, die sie „nach Hause“

schicken wollte, da ihr das Salatdressing in der

Betriebskantine missfallen war, ihrem Blog folgte. In

der Arbeit sagte sie nichts. Niemand sollte sie weiter

an die Mittelmeerküste schicken. Denn sie hat das

Mittelmeer hierher gebracht. ●

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Abstand halten, Hände waschen, Menschenansammlungen

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Bleiben Sie vorsichtig.

Bleiben Sie sicher.


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