Dr. Birgit Schweiberer

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Dr. Birgit Schweiberer

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Birgit SchweiBerer

Die den Weg weitergeht

Seit 1998 ist Dr. Birgit SchweiBerer ordinierte Nonne in der tibetischbuddhistischen

Tradition und trägt den Namen getSulma loSang Drime.

Außerdem ist sie promovierte Fachärztin für Anästhesie und mehrfache

Europameisterin in Karate.

Motiviert durch ein Plakat und eine Freundin lernte Sensei SchweiBerer

als Fünfzehnjährige bei BernD hinSchBerger aus Homburg die Grundlagen

des Karatesports. Nachdem sie 1979 in das Dôjô von Sensei hiDeo ochi

gewechselt war, setzte sie zu einem sportlichen Höhenflug an. Bereits

1980 wurde sie in Bad Hersfeld erstmals Deutsche Meisterin, ein Erfolg,

den sie 1981 in Bonn, 1982 in Freiburg, 1983 in Gießen und 1984 in Bad

Hersfeld wiederholte. Bei den Europameisterschaften verblüffte sie das

Publikum von 1980 bis 1984. Denn sie gewann den Meistertitel 1980

in Bregenz, 1981 in Manchester, 1982 in Zürich, 1983 in München und

1984 in Dublin.

Sie beendete ihre Karriere als Leistungssportlerin, war anschließend zehn

Jahre als Ärztin an der Münchner Universitätsklinik tätig und befasste

sich ab 1997 intensiv mit der buddhistischen Weglehre. 1998 erhielt

sie von dem hoch angesehenen Ehrw. Geshe Jampa Gyatso die Ordination

als buddhistische Nonne und absolvierte bei ihm das Masters

Programm für Buddhistische Studien im Lama Tsong Khapa Institut in

Italien. Seit einigen Jahren leitet sie Studienprogramme für buddhistische

Studien in Italien, Deutschland und Österreich und unterrichtet an

verschiedenen buddhistischen Zentren in ganz Europa.

Erzählen Sie uns bitte etwas über Ihren Kampfkunsthintergrund!

Das erste Interesse am Karate weckten bei mir meine beste Freundin

und ein Plakat mit Sensei Shirai. Das zweite tiefere Interesse kam, als ein

befreundeter Taekwondoka mir sagte, mit Karate könne man Erleuchtung

erlangen. Das stimulierte bei mir Bilder von japanischen Klöstern und

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Mönchen und weckte den Wunsch nach

echter geistiger Transformation. Mit dieser

Überzeugung begann ich, viele Stunden

am Tag zu trainieren. Es war diese seelischgeistige

Entwicklung, die mir vor allem dabei

wichtig war. Offensichtlich führte mich

diese Entschlossenheit, verbunden mit dem

großen Glück, hervorragende Trainer zu haben,

dann auch zu einem gewissen Erfolg.

Jeder Erfolg lehrte mich, dass es nichts

zu gewinnen gibt, solange man am Erfolg

hängt. Siege gibt es nur in Bezug auf andere,

die weniger erfolgreich waren und ist

daher etwas sehr Relatives. Es sagt nicht

viel, wenn jemand Nr. 1 wird, es sei denn

man weiß, wer sonst noch da war. Sobald

man gewonnen hat, kann man nur noch

verlieren, sobald man erfolgreich ist, nimmt

der Druck zu, irgendwann geht der Weg

zwangsläufig wieder abwärts. Die größeren

Das stimulierte bei mir Bilder von japanischen „Erfolge“ waren für mich von unsichtbarer,

Klöstern und Mönchen und weckte den menschlicher Art, wie die tiefe innere Be-

Wunsch nach echter geistiger Transformation. ziehung zu meinem Meister ochi-sensei und

Mit dieser Überzeugung begann ich, viele die Zusammenarbeit mit ihm. Sie liegen da-

Stunden am Tag zu trainieren.

rin, dass ich lernte, ein Ziel zu haben, hart

zu arbeiten, die Erfahrungen eines Meisters

so genau wie möglich umzusetzen und gemeinsam

Schwierigkeiten durchzustehen.

Was bedeutet Karate für Sie?

Heute nur noch eine Erinnerung, die mein Herz höher schlagen lässt,

wenn ich an Hallen vorbeikomme, in denen „Mawate“ zu hören ist.

Hielten Sie sich, als Sie mit dem Karate begonnen haben, für

talentiert?

Ich hielt mich für eine Katastrophe, plump, ungelenkig, langsam, unelegant

und nicht auszuhalten, wenn ich dabei in den Spiegel geschaut

habe. Manchmal habe ich Tränen der Selbstverachtung vergossen.

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Ich war voller Bewunderung für uSchi Steiger, damals unerreichbar,

und war für mich ziemlich überrascht, als ich das erste Mal Deutsche

Meisterin wurde.

Wie veränderte oder entwickelte sich Ihr persönliches Karate

im Lauf der Jahre?

Es wurde lediglich besser, natürlicher und exakter. Aber kämpfen habe

ich nie gelernt, dafür fehlte mir immer der Instinkt und auch die Lust.

Können Sie uns eine interessante Anekdote aus Ihrem Karateleben

erzählen?

Das erste Mal war ich für die WM in Bremen nominiert. Damals hatte

mich ochi-sensei „entdeckt“ und einige Monate zuvor damit begonnen,

täglich mit mir zu trainieren, morgens um fünf Uhr in eiskalten Hallen.

Ich trainierte alle fünf Gasshukus in diesem Jahr nacheinander, dabei

jeweils alle Gruppen, und zwar acht Stunden am Tag, und jeweils vor

und nach jedem Training noch Extrastunden. Damals war ich die einzige

Frau im Männerkader, die Frauen wurden offiziell von horSt hanDel

trainiert. So sehr hatte ich nach einem Meister gesucht, und für mich

war es ein unbegreifliches Glück, dass er mich trainierte. Jedes Wort und

jede Geste von ihm waren für mich beachtenswert, wichtig, tiefgründig

und tiefe Wahrheit, die ich umzusetzen versuchte. Er lobte nie und

verzog keine Miene, egal wie fertig ich war, aber die Energie, die er in

mich steckte, empfand ich als unendliche Ehre und Anerkennung.

Eine Woche vor der WM hatte es offensichtlich eine harte Diskussion

zwischen horSt hanDel und Sensei gegeben; vermutlich über meine

korrekte Zugehörigkeit zum offiziellen Frauenkader. Bei einer der letzten

Vorbereitungstrainingsstunden kam Sensei unvermittelt auf mich zu

und fuhr mich in scharfem Ton an „Geh zu hanDel rüber!“ und ließ

mich stehen. Meinen Versuch, eine Erklärung zu bekommen, wies er

mit winzigen Schlitzaugen und schärfstem Ton ab, ich solle tun, was er

sage!

In diesem Augenblick war mir klar, dass Sensei mir wichtiger war als die

Teilnahme an der WM. Die ganze WM war nichts für mich ohne ihn. Ich

zog meinen Gi aus, setzte mich an den Rand und bewegte mich nicht

aus der Halle. Während er die Reihen auf und abschritt, konnte man

sehen, dass er mich unentwegt aus den Augenwinkeln beobachtete.

Nach einigen Minuten kam er bei mir vorbei und fauchte mich an, ich

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herBert PerchtolD, Birgit SchweiBerer, maijan glaD und toriBio oSterkamP

Damals war ich die einzige Frau im Männerkader, die Frauen wurden offiziell

von Horst Handel trainiert. So sehr hatte ich nach einem Meister gesucht,

und für mich war es ein unbegreifliches Glück, dass er mich trainierte.

solle endlich tun, was er sage, und zu horSt hanDelS Kader-Athletinnen

rübergehen, wo ich hingehöre. Ich rührte mich nicht und sagte fest:

„Sie sind mir wichtiger als die WM. Wenn ich nicht bei Ihnen trainieren

kann, nehme ich nicht teil.“ Das brach seine Härte. Man sah ihm an,

dass er zunächst nicht wusste, ob er den Ungehorsam strafen oder sich

freuen sollte. Ich wusste auch nicht, wie seine Entscheidung ausfallen

würde, und ich blieb bei meiner, auch auf die Gefahr hin, dass ich

am Ende aus allen Kadern rausgeworfen werden würde. Er ließ mich

die ganze Stunde lang sitzen. In der Pause vereinbarte er mit horSt

hanDel definitiv, dass ich bis zur WM bei ihm trainieren werde. Über-

raschenderweise wurde ich Dritte, alle waren äußerst zufrieden, und

nach diesem guten Ergebnis sagte ich Sensei, dass ich niemals bei jemand

anderem als ihm trainieren werde. Dabei blieb es. Ich blieb bei

Sensei, bis ich mit dem Karate aufhörte, und horSt hanDel akzeptierte

dies sportlich fair, ohne beleidigt zu sein.


Gibt es für Sie noch Trainingsmöglichkeiten?

Karate trainiere ich nicht mehr.

Gab es auch Zeiten, in denen Sie in Ihrem Karate-Training Angst

hatten?

Angst vor körperlicher Verletzung, ja, oft, vor allem beim Randori mit

hochmotivierten Anfängern. Vor allem hatte ich Angst, keine gute

Schülerin zu sein bzw. den starken Wunsch, es zu sein. Als ich mir

einmal im Training einen Muskelriss des Oberschenkelbizeps zugezogen

hatte, fuhr Sensei mich sehr hart an, es sei „kein Wunder, wenn die

Japanerinnen nächstes Mal wieder gewinnen“, wenn ich mich jetzt

hängen ließe. Daraufhin trainierte ich trotz des gerissenen Muskels für

die WM weiter, die ersten Einheiten musste ich das Bein nachziehen,

dann ging es allmählich wieder. Ich glaube es war die WM in Maastricht,

auf der ich dann ohnehin gesperrt wurde, weil wir zuvor mit der

Mannschaft in Südafrika gewesen waren. Es machte mir allerdings

nicht so viel aus, wie andere geglaubt haben.

Ein anderes Mal riss ich mir zwei Monate vor der EM in Glasgow alle

Bänder am Sprunggelenk. Weil es aber nicht beim Training, sondern

etwas angetrunken mit Stöckelschuhen in einer Straßenbahnschiene

passiert war, hatte ich Sensei gegenüber ein etwas schlechtes Gewissen.

Ich trainierte mit Tapeverband weiter und wurde zwei Monate später

Europameisterin. Das würde ich heute vielleicht anders machen, denn

man muss mit seinem Körper auch nach der sportlichen Zeit noch

lange leben, und schlecht verheilte Verletzungen können später sehr

lästig sein. Es ist aber auch wahr, dass solche Erfahrungen helfen, zu

sehen, dass man auch mit Einschränkungen sehr viel erreichen kann,

wenn man will, und dass man nicht zu leicht aufzugeben darf, wenn es

schwierig wird.

Ein anderes Mal zwang Ochi Sensei mich, vor einer Deutschen Meisterschaft

die ganze Nacht aufzubleiben und Bier zu trinken, sportwissenschaftlich

betrachtet ein Wahnsinn. Ich gewann aber trotzdem und

habe seither nie mehr Angst gehabt, zu versagen, wenn ich vor einem

Wettkampf einmal nicht geschlafen hatte oder mich anderweitig unwohl

fühlte. Ochi Sensei war ein Meister auf vielen Ebenen, der weit über die

sportliche Dimension hinaus mit seinen Schülern arbeitete, sofern man

seinen Stil annehmen konnte.

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Was haben Sie durch das Karate gelernt?

Ich habe heute noch das geistige Bild von mir selbst, das ich als Karateka

hatte: Ich empfinde mich meist als präsent, konzentriert und komme

ohne Umwege auf den Punkt. Diese Gewohnheiten laufen in allen

Aktivitäten mit, die ich heute ausübe: Sie gab es bei der Medizin,

wenn ich zu Notfällen laufen musste, beim Studieren, Meditieren und

Unterrichten. Ich habe insbesondere aufgrund des Kata-Trainings ein

gewisses Vertrauen in mein körperliches und geistiges Auftreten und

meine Präsenz anderen gegenüber.

Wie möchten Sie in der Welt des Karate gesehen werden?

Es ist mir nicht wichtig, heute noch gesehen zu werden, es ist ja sehr

lange vorbei. Aber ich sehe mich selbst als eine Person, die Karate

nicht als Wettkampfsport und nicht als Ziel in sich, sondern als Weg

zur inneren Entwicklung betrachtet hat. So kann man mich ruhig

wahrnehmen, und dafür eignet sich Karate auch.

Woran orientierten Sie Ihr eigenes Training?

Für mich diente und dient alles einer gewissen inneren Logik oder Wahrheit.

Wenn die Motivation und das innere Verständnis von der Logik der

Bewegung aufrichtig sind, wird das äußere Bild klar und schön. Zum

Beispiel mochte ich bei der Kata keine Schnörkel, nichts Aufgesetztes.

Es gab viele Mädchen, die mit kokettem Hüftschwung, Makeup und

niedlichen Pferdeschwänzchen mangelnde Kraft, Kontrolle und Eleganz

vor den Kampfrichtern auszugleichen versuchten. Davon habe ich nie

etwas gehalten und es immer vermieden. Ich war überzeugt, dass Schön-

heit sich automatisch ergibt, wenn jede Bewegung einer echten inneren

Logik entspricht.

Haben sich eigentlich Ihre persönlichen Ziele im Lauf der Jahre

verändert?

Die Ziele sind dieselben, die Methode, sie zu erreichen, hat sich geändert.

Damals wie heute ist mir das Wichtigste, in diesem Leben eine innere

Entwicklung zu nehmen, die zu besseren menschlichen und geistigen

Qualitäten führt. Damals war es Karate, heute bin ich buddhistische

Nonne in tibetischer Tradition, aber das Ziel ist immer dasselbe. Ich

möchte gern Kontrolle über meinen Geist, damit über meine Handlungen

und die daraus resultierenden Erfahrungen erlangen.

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Hat Karate Ihr Leben verändert? Wie

und wodurch?

Da ich so früh mit Karate begonnen habe,

kann ich mir nicht vorstellen, wie mein

Leben ohne Karate verlaufen wäre. Natürlich,

was man über längere Zeit intensiv

praktiziert, verändert das Leben. Ich betrachte

es wirklich als großen Glücksfall

für mich, dass ich die Möglichkeit dazu

hatte.

Gab oder gibt es Menschen, die Sie

besonders beeindruckt haben und zu

Vorbildern für Ihr Leben wurden?

Mein Vater als Arzt, ochi-sensei als Meister

im Karate, der Dalai lama und andere bud-

dhistischen Lehrer als spirituelle Meister

und viele andere Menschen, die ihr Leben

mit voller Überzeugung anderen zur Verfügung

stellen.

Für mich war Kata eine tiefbefriedigende

Sie haben mit dem Karate aufgehört. Konzentration, das äußere Bild innerer Sammlung

Können Sie uns etwas dazu sagen? und Präzision, eine starke Auseinandersetzung

Ja, ich habe mit dem Karatetraining nach mit sich selbst, mit eigenen Grenzen und

der WM in Sydney 1986 aufgehört, als ich Schwächen und mit ihrer Überwindung.

von Bochum nach München zog und anfing,

an der Uni zu arbeiten. Mir war klar,

dass ich Sport nicht beruflich ausüben wollte, und somit habe ich mich

mehr der Medizin, und danach dem Yoga und dem Buddhismus zugewandt.

Diese Lebensphase war abgeschlossen, dennoch hat Karate

seinen Wert für mich behalten, und ich möchte die Erinnerungen und

Erfahrungen, die ich während dieser intensiven Zeit sammeln konnte,

auf keinen Fall missen.

Glauben Sie, dass Karate Sie jung hält?

Wenn ich diejenigen ansehe, die es heute noch ausüben, glaube ich schon

irgendwie, dass es jung hält wie Sport im Allgemeinen. Aber man sollte

auch das sachlich betrachten, letztendlich kann man mit keiner äußeren

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Wettkampf ist gut, wenn er das Niveau und die

Begeisterung hebt, und schlecht, wenn er zu

Konkurrenzdenken, Neid, Enttäuschung, Korruption

und anderen materialistischen Haltungen führt.

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Methode Alter, Krankheit und Tod aus

dem Wege gehen. Dazu muss man einen

inneren Pfad praktizieren, der in der

Lage ist, die Ursachen für Alter, Krank-

heit und Tod zu überwinden. Das geht

nur mit einem spirituellen Pfad und

Meditation. Im Großen und Ganzen

ist es nicht so wichtig, wie lange man

sich jung fühlte, sondern wie man die

Zeit seines Lebens genutzt hat, um von

dieser Welt zu lernen, ihr etwas Positives

zu geben. Nicht nur ihre Güter und ihre

Zuneigung zu konsumieren, sondern etwas

dazu beizutragen. Nicht nur immer

etwas von anderen zu erwarten, sondern

die Wünsche anderer zu erfüllen. Die

Welt zu einem friedlicheren, liebevol-

leren, intelligenteren Ort mitzugestalten,

um diese Welt am Ende etwas besser

zurückzulassen, als man sie am Anfang

vorgefunden hat.

Auf welche Dinge in Ihrem Leben

sind Sie besonders stolz?

Ich bin stolz auf jedes Mal, wenn ich

meinen Egoismus überwinde, was selten

genug vorkommt.

Einige Leute sind der Ansicht, es sei notwendig, nach Japan zu

gehen, um dort zu trainieren, wenn man Karate wirklich lernen

möchte. Teilen auch Sie diese Auffassung?

Das ist individuell. Technisch gesehen bin ich anderer Meinung. Was die

Inspiration und das Selbstvertrauen betrifft, kann es helfen.

Das Training in Japan ist sehr hart. Wenn man sich dort durchgesetzt

hat, fällt es einem hier leichter. Es befreit aber auch von der Illusion,

dass die Japaner es grundsätzlich besser machen. Sie haben Karate auch

nicht in ihren Genen, sondern müssen sich ihr Können durch eigene

Arbeit aneignen, nicht anders als wir auch.


Beim Kata-Training muss man das Wiederholen von Fehlern meiden, sukzessive

vorgehen, immer eine kurze Sequenz perfekt lernen und oft wiederholen, bis sie sitzt.

Allgemein lassen sich beim Kulturtransfer viele wichtige Dinge lernen.

Man sollte darauf achten, die Essenz zu praktizieren, anstatt den

kulturellen Überbau zu betonen. Ich habe es immer merkwürdig gefunden,

wenn Karatekas sofort Tatamis zuhause haben und mit Essstäbchen

essen müssen. Ich verstehe aber auch bei den tibetischen

Buddhisten nicht, wenn sich Europäer mit Tashi Delek begrüßen und

überall Gebetsfahnen aufhängen. Oft bleibt dann die ganze Praxis

hauptsächlich auf solche Äußerlichkeiten beschränkt. Wenn aber der

Oi-zuki schlecht ist oder die Meditation schlecht geht, was sollen dann

die Tatamis und die Fahnen?

Für mich war Kata eine tiefbefriedigende Konzentration. Der Bewegungsablauf

ist immer gleich, aber jedes Mal geht man tiefer. Das äußere

Bild spiegelt die innere Sammlung und Präzision. Die äußere Form ist

ein Fahrzeug für den Geist, auf dem er sich richtet, das er nie verlässt,

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Kihon, Kata und Kumite sind wie

Alphabet, Schönschrift und Schriftstellerei.

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das er minutiös beobachtet und steuert.

Gleichzeitig ist Kata unglaublich an-

strengend. Kata ist nicht nur schön,

sondern verlangt in ein oder zwei Mi-

nuten so viel Kraft wie ein Sprint.

Man muss bis zum Ende, wenn die

Oberschenkel schon wie Feuer brennen

und man keinen Atem mehr hat, die

Grazie einer Geisha und die Unerschütterlichkeit

eines Samurai bewahren. In

der Kata hat man keine Gegner, daher

ist sie eine starke Auseinandersetzung

nur mit sich selbst, mit eigenen Grenzen

und Schwächen.

Mit welchen Meistern aus Vergangenheit

oder Gegenwart würden Sie

gern trainieren?

Mit Buddha! Natürlich nicht Karate,

sondern Meditation, um Erleuchtung

zu erlangen.

Welche sind wohl die wichtigsten

Eigenschaften, die einen erfolgreichen

Karateka auszeichnen?

Ich denke Zielstrebigkeit, Geduld und

Begeisterung. Aber auch Fleiß, Selbstvertrauen,

Toleranz und die Rücksichtnahme

anderen gegenüber. Einen Sinn

für Präzision, Bescheidenheit, körperliche Kontrolle und Kontrolle über

die eigenen Aggressionen, Schnelligkeit, Flexibilität, eine gute Bewegungsanalyse

und Kraft.

Wieso verlieren so viele Schüler nach zwei oder drei Jahren des

Trainings das Interesse am Karate?

Erstens ist es normal: Die meisten Leute verlieren nach einer Flirtphase

das Interesse an Dingen. Was dazu kommt: Es gibt nicht viele inspirierende

Lehrer. Ein Lehrer muss so sein, wie ein Schüler gerne

werden möchte. Außerdem kann nicht jeder Lehrer relevante Ziele

vermitteln.


Gegenseitiges Vertrauen, Respekt, dabei eine klare Distanz. Beide, Schüler

und Lehrer, sollten miteinander arbeiten, aber die Rollen sollten nicht verwischt werden.

Entweder ist offensichtlich, dass er/sie nicht die Fähigkeit hat, Schüler

zu relevanten Wettkampferfolgen zu führen, oder es ist offensichtlich,

dass er/sie keine innere Zielsetzung hat. Dazu kommen die Methoden:

Traditionelles Training ist oft zu phantasielos und bietet zu wenig

Abwechslung. Sehr modernisiertes Training beinhaltet oft zu viel Misch-

Masch und hat keine richtige Linie mehr. Einen mittleren Weg zu

finden, ist ideal, das heißt, es gilt, traditionelle Inhalte phantasievoll

und unserer Kultur angepasst zu präsentieren.

Können Sie sagen, dass früher etwas Bestandteil des Unterrichts

war oder die Atmosphäre geprägt hat, das Ihrer Meinung nach

im heutigen Unterricht fehlt?

Vielleicht fehlt heute etwas von der Begeisterung, die für Pionierzeiten

immer charakteristisch ist. Insgesamt hat die Bequemlichkeit etwas zu-

genommen, und die Bereitschaft, Schwierigkeiten auf sich zu nehmen,

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hat abgenommen. Aber in vielerlei Hinsicht kann das auch vernünftiger

sein als das Hauruck, das damals oft an der Tagesordnung gewesen ist.

Über welche Qualitäten und Eigenschaften sollte ein Ausbilder

verfügen?

Wirkliches Interesse am Wohlergehen seiner/ihrer SchülerInnen. Außer-

dem Bescheidenheit, ethische Integrität, Begeisterung und ein gutes Ein-

fühlungsvermögen. Dann die Fähigkeit, Bewegungen zu erklären, eine

gutes sportliches Niveau und Geduld.

Was bedeutet Kata für Sie?

Für mich war Kata eine tiefbefriedigende Konzentration, das äußere

Bild innerer Sammlung und Präzision, eine starke Auseinandersetzung

mit sich selbst, mit eigenen Grenzen und Schwächen und mit ihrer

Überwindung. Kata ist eine strenge Lehrerin, denn sie lässt keine Aus-

200

Ich wünsche mir, dass junge Leute weiterhin gute Vorbilder finden, die sowohl

menschlich als auch sportlich gute Beispiele im Sport und im eigenen Leben

abgeben. Es wäre auch schön, wenn Karate mit weniger Alkohol auskäme.


utscher zu, die man im Kampf noch einmal kompensieren könnte, und

deshalb hat sie mich mit unendlicher Freude erfüllt. Manchmal hatte

ich das Gefühl, zu fliegen. Die ewige Wiederholung desselben Ablaufes

hat mich gelehrt, dass man nie zweimal dasselbe tut, auch nicht in

dieser festgelegten Form, die nach Jahren des Trainings das Individuum

unverwechselbar zum Ausdruck bringt.

Wie sollten Schüler ihr Kata-Training angehen?

Intelligent beobachten, analysieren, viel bei guten Leuten zusehen, wie

z.B. efthimioS karamitSoS. Das Wiederholen von Fehlern meiden, sukzessive

vorgehen, immer eine kurze Sequenz perfekt lernen und oft

wiederholen, bis sie sitzt, bevor man lange Sequenzen aus Unfähigkeit

zu oft falsch wiederholt. Man muss immer präzise arbeiten und schlampige

Bewegungsmuster vermeiden. Wirklich bei der Reihenfolge bleiben.

Wenn man mit der Kata „Unsu“ anfängt, bleibt einem nichts mehr als

Inspiration für später.

Ist der Wettkampf schlecht für das Karate?

Wettkampf ist gut, wenn er das Niveau und die Begeisterung hebt,

und schlecht, wenn er zu Konkurrenzdenken, Neid, Enttäuschung,

Korruption und anderen materialistischen Haltungen führt.

Worin drückt sich eine ideale Beziehung zwischen Schüler und

Lehrer aus?

Gegenseitiges Vertrauen, Respekt, dabei eine klare Distanz. Der Lehrer

muss mehr können als der Schüler. Er oder sie sollte den Anforderungen

des Schülers entsprechen, d.h. wenn jemand Wettkampferfolge möchte,

sollte der Lehrer welche erlangt haben, sonst kann er andere nicht auf

dieses Niveau bringen. Schüler sollten ruhig bei mehreren Lehrern

trainieren, und ein guter Lehrer wird das immer unterstützen.

Wie hängen für Sie Kihon, Kata und Kumite zusammen?

Wie Alphabet, Schönschrift und Schriftstellerei.

Und was halten Sie vom Makiwara-Training?

Null-Komma-Null.

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Wie wichtig ist körperliche Abhärtung für Sie?

Sie kommt automatisch bei jedem, der mit Willenskraft etwas tut, ich

stelle sie in den Hintergrund. Im Karate gab es früher zu viele Tendenzen,

die körperliche Gesundheit zu ignorieren und sich absurden Härten zu

unterziehen, die dann später zu vielen Schmerzen und lästigen Dauerschäden

geführt haben.

Welche Eigenschaften sollte ein Schüler haben?

Respekt, Vertrauen, Konzentration und echtes Interesse.

Das zeitgenössische Karate präsentiert sich als Breiten- und

Spitzensport mit Angeboten für Kinder und Behinderte, mit

dem Anspruch, eine Freizeitbeschäftigung zu sein. Hat Karate

damit den Charakter einer Kampfkunst verloren?

Wahrscheinlich, aber es besteht für Kampfkünste auch kein Bedarf

für mehr. Sie waren zu einer Zeit wichtig, als man mit Händen und

Füßen um sein Überleben oder für seine Ideale kämpfen musste. Wenn

diese Notwendigkeit nicht besteht, kann man schlecht die Motivation

aufrechterhalten, noch ein Relikt zu praktizieren, das heute sinnlos ist.

Aber wenn die Leute doch noch eine Kampfkunst wollen, wird sie auch

irgendwie weiter bestehen.

Das moderne Sport-Karate ignoriert bei der Kata-Übung weitgehend

das Bunkai. Für wie wichtig erachten Sie Bunkai für das

Verständnis der Kata und des Karate-dô im Allgemeinen?

Ich habe mich nie damit befasst, mir erscheint es wie eine zusätzliche

Sache, die nicht unbedingt erforderlich wäre, und mir gefällt es nicht

besonders. Aber wenn es im Großen und Ganzen hilft, die Kata besser

zu verstehen, warum nicht?

Heute wird Karate oft nur noch als Sport betrachtet. Finden Sie

das richtig?

Ja, es ist völlige Privatsache, welche Bedeutung jemand seinem Sport

beimisst. Man kann alles religiös oder praktisch betrachten. Für mich

war Karate eine Kampfkunst und ein Sport ohne Widerspruch. Wenn

jemand aber nur das eine oder andere sehen kann, ist das völlig in

Ordnung.

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Glauben Sie, dass die Freikampf-Fertigkeiten, die man durch

Sport-Karate erlangt, im Straßenkampf eine Bedeutung haben?

Man sollte Straßenkämpfe meiden. Wer als Karateka in Straßenkämpfe

verwickelt ist, hat ohnehin eine Mentalität, die zu Straßenkämpfen

passt. Dem fügt Karate sicher Selbstbewusstsein und Technik hinzu.

Wie gesagt, man kann auch die Finger von Straßenkämpfen lassen,

auch als Karateka.

Wie sieht Ihr persönliches Training heute aus?

Viel sitzen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Karate-dô?

Ich wünsche mir, dass junge Leute weiterhin gute Vorbilder finden, die

sowohl menschlich als auch sportlich gute Beispiele im Sport und im

eigenen Leben abgeben. Es wäre auch schön, wenn Karate mit weniger

Alkohol auskäme.

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