Leseprobe_Friebert

HollitzerVerlag

Markus Eberhardt

JOHANN JOSEPH FRIEBERT

UND SEINE ZEIT

Leben und Werk des letzten Passauer Hofkapellmeisters


DON JUAN ARCHIV WIEN

SPECULA SPECTACULA

11

Reihe herausgegeben von

Michael Hüttler

Matthias Johannes Pernerstorfer

Hans Ernst Weidinger


Markus Eberhardt

JOHANN JOSEPH FRIEBERT

UND SEINE ZEIT

Leben und Werk des letzten Passauer Hofkapellmeisters


Publiziert mit freundlicher Unterstützung des

Don Juan Archiv Wien – Forschungsverein für Theater- und Kulturgeschichte

Markus Eberhardt:

Johann Joseph Friebert und seine Zeit.

Leben und Werk des letzten Passauer Hofkapellmeisters.

Wien: HOLLITZER Verlag 2020

(= Specula Spectacula 11)

Titelbild

Detail aus: Passavium. Passau.

Altkolorierter Kupferstich von Johann Christian Leopold

nach Friedrich Bernhard Werner.

Augsburg, ca. 1740 (Staatliche Bibliothek Passau);

Unterschrift Joseph Frieberts (1795),

Archiv des Bistums Passau

Produktionsleitung: Matthias J. Pernerstorfer (Wien)

Lektorat: Marion Linhardt (Bayreuth)

Layout: Gabriel Fischer (Wien)

© HOLLITZER Verlag, Wien 2020

HOLLITZER Verlag

der HOLLITZER Baustoffwerke Graz GmbH

www.hollitzer.at

Alle Rechte vorbehalten.

ISSN 2616-9037

ISBN 978-3-99012-882-4


INHALT

VII

ZUM GELEIT

3

7

9

13

PROLOG

Die politischen Rahmenbedingungen

Leopold Ernst von Firmian, Fürstbischof von Passau 1763–1783

Joseph Franz Anton von Auersperg, Fürstbischof von Passau 1783–1795

21

23

26

28

ZU JOSEPH FRIEBERTS BIOGRAPHIE

Herkunft und Familie

Engagement nach Passau

Ehe und Lebensabend

35

39

46

50

52

DIE PASSAUER HOFMUSIKKAPELLE

UNTER JOSEPH FRIEBERT (1763–1795)

Struktur und Größe

Personalstand (1763–1803)

Passauer Hofmusiker als Komponisten

Erneuerung des Repertoires

63

65

73

87

93

99

103

JOSEPH FRIEBERT ALS KOMPONIST

Das musikdramatische Werk (1764–1778)

Die Bearbeitung der Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze

von Joseph Haydn (1792)

Notenbeispiele

Die Worte Christi am Kreutze. Textsynopse (1792/1801)

Exkurs: Das Heilige Grab in der Liturgie der Passauer Domkirche

während der 1790er-Jahre

Werkverzeichnis

107

113

129

EPILOG

BIBLIOGRAPHIE

ABBILDUNGSNACHWEIS


ZUM GELEIT

Wenn im Titel von Markus Eberhardts Buch über Johann Joseph Friebert vom

„letzten Passauer Hofkapellmeister“ die Rede ist, so hat das einen melancholischen

Unterton: Eine Epoche geht zu Ende – in doppelter Hinsicht, sowohl für den Hofkapellmeister

als auch für Passau.

Friebert entfaltet sein Wirken in Zeiten des Umbruchs, in denen Traditionen

zugrunde gehen und Neues entsteht. Er zählt zu einer Reihe von Künstlern, die

noch in einem intakten kulturellen Umfeld des Barock aufgewachsen sind, die

dann aber – während die Josephinischen Reformen vor allem auf dem Land das

Musikleben im religiösen Kontext massiv beschneiden (und so die Provinz erst

zur Provinz machen) – die Voraussetzung für die Entwicklung einer bürgerlichen

Kultur im 19. Jahrhundert schaffen. Friebert ist kein Spielball, sondern aktiver

Gestalter.

Friebert wurde 1724 in der zur Diözese Passau gehörigen niederösterreichischen

Pfarre Gnadendorf geboren. Für ihn als Sohn eines gewiss auch für die

musikalische Gestaltung der kirchlichen Feierlichkeiten zuständigen Schulmeisters

war Kirchenmusik eine Selbstverständlichkeit. Talent und Eifer führten ihn über

eingespielte Verbindungen nach Stift Melk, wo er von 1743 bis 1745 als Tenorist beschäftigt

war. Danach wechselte er wie so viele Talente aus dem ländlichen Raum

nach Wien und damit ins weltliche Fach. Er lernte beim renommierten Komponisten

Giuseppe Bonno am Hof des Prinzen von Sachsen-Hildburghausen und

sang mit prominenten Künstlerinnen und Künstlern 1754 beim legendären letzten

großen Barockfest in Österreich auf Schlosshof. Dem folgte eine Anstellung im

Ensemble des Theaters am Kärntnerthor.

Von der ersten Bühne des Heiligen Römischen Reichs wurde Friebert 1763 an

die Residenz des Passauer Fürstbischofs Joseph Maria von Thun-Hohenstein engagiert,

um als Kapellmeister die Musikpflege in der Dreiflüssestadt zu alten Höhen

und neuen Ufern zu führen. Nach dem jähen Tod seines neuen Herrn noch im

selben Jahr erfüllte Friebert unter dessen Nachfolgern Leopold Ernst von Firmian

(1763–1783) und Joseph Franz Anton von Auersperg (1783–1795) seine Aufgabe als

Organisator wie auch als Künstler mit Umsicht bis wenige Jahre vor seinem Tod

1799. Kraft seines Amtes war er Mitgestalter des Wandels vom Ballhaus zu einem

zunächst dem Adel vorbehaltenen und dann zu einem für alle Schichten offenen

Hoftheater, er führte öffentliche Konzerte ein, machte das Passauer Publikum mit

Wolfgang Amadé Mozart bekannt (Die Entführung aus dem Serail 1785, Don Giovanni

1789) und regte Joseph Haydn durch seine Oratorienfassung der Sieben letzten Worte

unseres Erlösers am Kreuze zu einer Bearbeitung eben dieser Fassung an.

VII


Zum Geleit

Ein erfolgreiches Künstlerleben, während Diözese und Fürstbistum Passau ums

Überleben kämpften – und diesen Kampf in Etappen verloren: Joseph II. trennte

1784 die österreichischen Pfarreien von der davor so großen, weite Teile Ober- und

Niederösterreichs umfassenden Diözese ab, wodurch sie an Bedeutung verlor und

beträchtliche wirtschaftliche Einbußen erlitt. Und nur wenige Jahre nach Frieberts

Tod wurde durch den Reichsdeputationshauptschluss von 1803 das Ende des Fürstbistums

Passau besiegelt. Dennoch: Die Voraussetzungen für ein reges Musik- und

Theaterleben in der Dreiflüssestadt auch nach diesen Umbrüchen waren unter

Hofkapellmeister Friebert gelegt worden.

Es ist höchst erfreulich, dass mit Markus Eberhardt einer der profundesten

Kenner der Passauer Kulturgeschichte sich dieser Persönlichkeit angenommen hat

und Johann Joseph Friebert durch die vorliegende Monographie in ein angemessenes

Licht rückt. Dadurch ist ein Kapitel der Stadtgeschichte auf neuestem Stand

geschrieben, aber auch eine biographische Grundlage für die internationale Forschung

geschaffen. Diese setzt sich seit einigen Jahren, angeregt durch zwei vom

Don Juan Archiv Wien in Salzburg (2016) und Passau (2018) organisierte Symposien

der Reihe „Ottoman Empire & European Theatre“, intensiv mit Friebert und seinem

musikdramatischen Werk auseinander. Im Mittelpunkt steht das von Friebert

1778 vertonte Singspiel Das Serail, dessen Musik lange verschollen war und nach

seiner Wiederauffindung gemeinsam mit Notenmaterialien zu den Singspielen

Nanerl bey Hof und Adelstan und Röschen 2006 zur Versteigerung gelangte. Die drei

Notenkonvolute wurden von Hans Ernst Weidinger erworben, der das von ihm

gegründete Don Juan Archiv Wien mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der

Werke und Vorbereitung der modernen Erstaufführung des Serails betraute. Von

besonderem Interesse ist gerade dieses Stück, da es als Vorlage für Mozarts Zaide

diente und deshalb als „Modell für Mozart“ anzusehen ist, wie in einem dem Serail

gewidmeten Band der Reihe „Ottoman Empire & European Theatre“ ausführlich

dargelegt wird.

Matthias J. Pernerstorfer

Don Juan Archiv Wien

25. April 2020

VIII


Zum Geleit

PROLOG

1


2

Zum Geleit


PROLOG

Der Stellenwert des Kapellmeisters am Hof des Passauer Fürstbischofs unterlag im

18. Jahrhundert einem signifikanten Wandel. Als Georg Muffat (1653–1704) am

23. Februar 1704 starb,1 dauerte es nicht einmal ein Jahr, bis Johann Philipp Kardinal

von Lamberg (1651–1712, reg. 1690–1712),2 der wohl bedeutendste Passauer

Kirchenfürst im Zeitalter des Barock, einen Nachfolger präsentierte – und das,

obwohl die Dreiflüssestadt zu diesem Zeitpunkt, im Spanischen Erbfolgekrieg,

bayerisch besetzt war. 38 Jahre später, die sechsmonatige bayerische Belagerung

der geistlichen Residenzstadt im Österreichischen Erbfolgekrieg ging gerade zu

Ende, dauerte dies deutlich länger: Mit dem Tod des Vorgängers von Joseph Friebert,

des Hofkapellmeisters Benedict Anton Aufschnaiter (1665–1742),3 der am

24. Januar 1742 im Kreuzgang des Passauer Doms beigesetzt wurde, begann eine

über zwanzigjährige Vakanz, in der die Stelle des Passauer Hofkapellmeisters unbesetzt

blieb.

Offenkundig spielte für Fürstbischof Joseph Dominikus von Lamberg (1680–

1761, reg. 1723–1761)4 im Jahre 1742 die Musik, bislang ein wesentliches Element

höfischer Repräsentation,5 nicht unbedingt die erste Geige. Unter seiner Ägide

waren es vor allem die wirtschaftliche Konsolidierung des Hochstiftes und die

1 Vgl. Markus Eberhardt: „Georg Muffat und seine Zeit“, in: Georg Muffat. Ein reichsfürstlicher

Kapellmeister zwischen den Zeiten, hg. von Heinz-Walter Schmitz, 2. Aufl. Passau: Verlag Karl

Stutz, 2006, S. 7–69.

2 Die bislang immer noch umfassendste Biographie stammt von Franz Niedermayer: Johann Philipp

von Lamberg Fürstbischof von Passau (1651–1712). Reich, Landesfürstentum und Kirche im Zeitalter des

Barock. Passau: Kommissionsverlag Paul Egger, 1938 (= Veröffentlichungen des Instituts für ostbairische

Heimatforschung 17). Lambergs seelsorgerisches Wirken betont auch Herbert W. Wurster:

„Implevit orbem fama. Johann Philipp Kardinal Graf von Lamberg, Fürstbischof von Passau

1689–1712, Prinzipalkommissar zu Regensburg 1699–1712“, in: Beiträge zur Geschichte des Bistums

Regensburg 39 (2005) (= Festschrift Paul Mai zum 70. Geburtstag), S. 101–117.

3 Vgl. Markus Eberhardt: „Musarum es modulaminis aemulis arte. Leben und Werk des Passauer

Hof- und Domkapellmeisters Benedict Anton Aufschnaiter (1665–1742)“, in: Musik unter Krummstäben.

Zur Kirchenmusik des 18. Jahrhunderts im Fürstbistum Passau, hg. von Heinz-Walter Schmitz.

Passau: Verlag Karl Stutz, 2009, S. 23–92.

4 Vgl. Rudolf Weiß: Das Bistum Passau unter Kardinal Joseph Dominikus von Lamberg (1723–1761). Zugleich

ein Beitrag zur Geschichte des Kryptoprotestantismus in Oberösterreich. St. Ottilien: EOS Verlag,

1980 (= Münchener theologische Studien I/21), zur Hofmusik S. 228–230.

5 Dazu allgemein Peter Claus Hartmann: Kulturgeschichte des Heiligen Römischen Reiches 1648 bis

1806. Verfassung, Religion und Kultur. Wien, Köln, Graz: Böhlau Verlag, 2001 (= Studien zu Politik

und Verwaltung 72), S. 311–316. Zu Aspekten des „Repräsentationsgottesdienstes“ Markus Eberhardt:

„Zwischen barocker Tradition und dem Aufbruch in die Klassik: Der Passauer Hof- und

Domkapellmeister Benedict Anton Aufschnaiter“, in: Ostbairische Lebensbilder, Bd. 5, hg. von

Franz-Reiner Erkens. Passau: Dietmar Klinger Verlag, 2016 (= Veröffentlichungen des Instituts

für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der Universität Passau 54/V),

S. 77–93, hier S. 84–85.

3


Prolog

Abb. 1: Der Passauer Fürstbischof Joseph Maria von Thun-Hohenstein

bestellte Joseph Friebert am 11. März 1763 zu seinem Hofkapellmeister

4


Prolog

Hinwendung zur Seelsorge bzw. deren Organisation, die nunmehr ihren Primat

vor einer reichsfürstlichen Repräsentationskultur behaupten konnten. Es wäre

aber naiv zu glauben, dass die Passauer Hofmusik damit in eine Art „Dornröschenschlaf“

gefallen sei. Nach Aufschnaiters Tod hielten Franz Anton Hugl

(1706–1745),6 der gerade mit seinen Dreyssig Cammer- oder Galanterie-Stück vor das

Clavier (1738)7 gleichsam zum Türöffner der Klassik in Passau wurde, und ab 1745

vor allem Vinzenz Schmid (1714–1783), der vormalige Kremsmünsterer Stiftsorganist,

die Kontinuität der Hofmusik aufrecht. Zwischen 1742 und 1763 wurden also

Musiker eingestellt, es wurde komponiert und natürlich auch musiziert. Derartige

„Interregna“ waren in süddeutschen Hofkapellen im 18. Jahrhundert überdies

nicht ungewöhnlich; beispielsweise blieb auch die Stelle des Würzburger Hofkapellmeisters

von 1766 bis 1802 unbesetzt.8

Fürstbischof Joseph Maria von Thun-Hohenstein (1713–1763, reg. 1762–1763)9

versuchte ab 1763 nun eine Synthese zwischen den spät-absolutistisch anmutenden

Formen höfischer Repräsentation und der Genese eines modernen, aufgeklärten

Staatswesens. In Passau kündigte sich damit, auch kulturell gesehen, eine neue

Epoche an. In dieses Klima des Aufbruchs wurde nun der Wiener Hofopernsänger

Joseph Friebert bestellt und stand über 32 Jahre hinweg als Hof- und Domkapellmeister

an der Spitze des Passauer Musiklebens.

6 Vgl. Heinz-Walter Schmitz: „Franz Anton Hugl. Hof- und Domorganist in Passau. Vizekapellmeister

der Passauer Hofkapelle“, in: Ostbairische Grenzmarken 38 (1996), S. 111–134.

7 RISM A/I H 7826. Der einzige erhaltene Druck befindet sich heute in der Musiksammlung der

Österreichischen Nationalbibliothek Wien. Als Faksimile ediert von Konrad Ruhland (Hg.):

Franz Anton Hugl: Parthien I-III und IV-VI für Cembalo. Altötting: Coppenrath, 1987/1988 (= Musik

aus Ostbayern 3 u. 13). Hugls Druck ist auch im Wiener Musikalienhandel des 18. Jahrhunderts

nachweisbar; vgl. Hannelore Gericke: Der Wiener Musikalienhandel von 1700 bis 1778. Graz,

Köln: Hermann Böhlaus Nachfahren, 1960 (= Wiener musikwissenschaftliche Beiträge 5), S. 35.

Zur Einordnung in den Passauer musikhistorischen Kontext vgl. Markus Eberhardt: „Innovation,

Transfer und Vernetzung. Die Passauer Musik des 17. und 18. Jahrhunderts im europäischen

Kontext“, in: Passauer Jahrbuch 59 (2017), S. 185–209, hier S. 198–199.

8 Dieter Kirsch: „Die fürstbischöfliche Hofmusik zu Würzburg im 18. Jahrhundert“, in: Süddeutsche

Hofkapellen im 18. Jahrhundert. Eine Bestandsaufnahme, hg. von Silke Leopold und Bärbel Pelker.

Heidelberg: Heidelberg University Publishing, 2018 (= Schriften zur Südwestdeutschen Hofmusik

1), S. 577–595, hier S. 584 u. 588.

9 Vgl. die Kurzbiographie von August Leidl: Das Bistum Passau zwischen Wiener Konkordat (1448)

und Gegenwart. Kurzporträts der Passauer Bischöfe, Weihbischöfe, Offiziale (Generalvikare) dieser

Epoche. Passau: Passavia Universitätsverlag, 1993, S. 136–139. Die Bedeutung des Fürstbischofs

Joseph Maria von Thun-Hohenstein insbesondere für die infrastrukturelle Entwicklung Passaus

betont auch Heinz Kellermann: Die Durchbrüche durch den Oberhauser Berg in Passau (Schwerpunkt:

2. Hälfte 18. Jahrhundert) und ein Überblick über das Urfar vom Ort zur Ilzstadt. Passau: Selbstverlag,

2016, bes. S. 15–28.

5


Prolog

Abb. 2: Das Hochstift Passau 1790

6


Die politischen Rahmenbedingungen

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, nicht nur den aktuellen Stand der Friebert-

Forschung zu referieren, sondern auch viele in den letzten Jahren neu gewonnene

Quellenfunde und Erkenntnisse zu einem geschlossenen Lebensbild zusammenzuführen.

Im Wesentlichen werden dabei vier Aspekte seiner Biographie und insbesondere

seines Wirkens in Passau beleuchtet:

1. Die (kultur-)politischen Rahmenbedingungen, in denen sich das Wirken

Frieberts entfaltete: Passau als geistliche Residenzstadt zwischen Größe und

Peripherisierung;

2. Joseph Frieberts Biographie;

3. die Passauer Hofmusikkapelle und die Dommusik unter Frieberts Leitung:

Strukturen, Personal sowie die Repertoiregestaltung;

4. Joseph Friebert als Komponist mit einer Fokussierung auf seine Bearbeitung

der Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze von Joseph Haydn.

DIE POLITISCHEN RAHMENBEDINGUNGEN

1763 war das Bistum Passau seiner Fläche nach eines der größten im Alten Reich;

es umfasste weite Teile der heutigen Diözesen Passau, Linz, St. Pölten und Wien.

Daher zählte der Passauer Fürstbischof10 zu den einflussreichsten Kirchenfürsten

seiner Zeit. Dem stand jedoch ein mit rund 47 Quadratkilometern und 55.000 Einwohnern11

äußerst überschaubares Hochstift12 gegenüber, welches neben kleineren

vereinzelten Besitztümern in Österreich vor allem das Gebiet nördlich der Donau

hin zur böhmischen Grenze, den früher als Salzhandelsstraße so bedeutenden

„Goldenen Steig“, und seit 1730 auch die Grafschaft Neuburg am Inn13 umfasste.

Eines der kirchenpolitischen Hauptziele seit dem Beginn des Episkopates

Johann Philipps von Lamberg (1690) war es, das Suffraganbistum14 Passau aus der

10 Vgl. Margarete Laudenbach: „Im Schatten starker Fürstbischöfe 1713–1803“, in: Geschichte der

Stadt Passau, hg. von Egon Boshof et al., 2. Aufl. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, 2003,

S. 187–215.

11 Nach Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter

bis zur Gegenwart, 6. Aufl. München: C. H. Beck, 1999.

12 Vgl. Ludwig Veit: Passau. Das Hochstift. München: Kommission für Bayerische Landesgeschichte,

1978 (= Historischer Atlas von Bayern, Altbayern 35).

13 Dazu Weiß: Das Bistum Passau unter Kardinal Joseph Dominikus von Lamberg (1723–1761), S. 208–

211.

14 Ein Suffraganbistum wird zwar durch einen eigenen Bischof verwaltet, untersteht jedoch einem

Metropoliten (Erzbischof). Um 1750 gehörten die Bistümer Freising, Regensburg und Bozen sowie

die Eigenbistümer Gurk, Seckau, Chiemsee und Lavant zur Salzburger Kirchenprovinz. Vgl.

Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder, S. 557–558.

7


Prolog

Salzburger Kirchenprovinz herauszulösen.15 Unter Berufung auf die „Lorcher

Tradition“, einer aus der Zeit Bischof Pilgrims (971–991) herrührenden und durch

gefälschte Papsturkunden16 untermauerten Theorie, wonach ein alter Metropolitansitz

auf Mähren und Ungarn von Lauriacum/Lorch nach Passau übertragen

worden sei, sollte die Exemtion Passaus erreicht werden. Ab den 1690er-Jahren

durchforstete man hierzu unter Federführung des bedeutenden Wirtschaftstheoretikers

Philipp Wilhelm von Hörnigk (1640–1714)17 die Passauer Archive (zunächst

jedoch ohne Erfolg) und intervenierte in Rom. Erst 1729 gab Papst Benedikt XIII.

dem Drängen aus Passau nach. Fürstbischof Josef Dominikus von Lamberg musste

dafür aber, überdies gegen den heftigen Widerstand seines Domkapitels, zugunsten

der erst 1722/23 konstituierten Erzdiözese Wien auf den Distrikt „Unter dem

Wienerwald“ mit 64 Pfarreien zwischen Wien und Wiener Neustadt verzichten.18

Die Exemtion bedeutete für das Fürstbistum Passau demgegenüber eine signifikante

Rangerhöhung – diesen herausgehobenen Status unterstreichen auch die vier

Kardinalskreierungen19 von Passauer Bischöfen des 18. Jahrhunderts.

Politisch und geographisch lag das Großbistum stets zwischen Bayern und

Österreich, seit dem frühen 17. Jahrhundert stand es jedoch klar an der Seite der

Habsburger.20 Sowohl die Bischöfe als auch die Kanoniker des Domkapitels21 waren

mehrheitlich Mitglieder der österreichischen Hocharistokratie. Kaiser Joseph II.

beabsichtigte jedoch das Großbistum Passau vollständig zu zerschlagen oder zu-

15 Dazu Peter Claus Hartmann: „Das Hochstift Passau und das Erzstift Salzburg. Zwei geistliche

Territorien zwischen Bayern und Österreich“, in: Ostbairische Grenzmarken 30 (1988), S. 17–26.

16 Vgl. die Edition von Egon Boshof (Bearb.): Die Regesten der Bischöfe von Passau, Bd. I, 736–1206.

München: C. H. Beck, 1992 (= Regesten zur bayerischen Geschichte 1), S. 66, Regest † 230, sowie

Franz-Reiner Erkens: Die Fälschungen Pilgrims von Passau. Historisch-kritische Untersuchungen und

Edition nach dem Codex Gottwicensis 53a (rot), 56 (schwarz). München: C. H. Beck, 2011 (= Quellen

und Erörterungen zur bayerischen Geschichte, Neue Folge XLVI).

17 Zu Hörnigk (auch Hörnick, Hornick oder Horneck) vgl. Heinz-Joachim Brauleke: Leben und

Werk des Kameralisten Philipp Wilhelm von Hörnigk. Versuch einer wissenschaftlichen Biographie.

Frankfurt am Main: Peter Lang, 1978, sowie das ausführliche Lebensbild von Alois Schmid: „Philipp

Wilhelm von Hörnigk (1640–1714) – Hofrat, Kameralist, Geschichtsforscher“, in: Ostbairische

Lebensbilder, Bd. 5, hg. von Franz-Reiner Erkens. Passau: Dietmar Klinger Verlag, 2016 (= Veröffentlichungen

des Instituts für Kulturraumforschung Ostbaierns und der Nachbarregionen der

Universität Passau 54/V), S. 33–55.

18 Vgl. hierzu die detaillierte Darstellung von Weiß: Das Bistum Passau unter Kardinal Joseph Dominikus

von Lamberg (1723–1761), S. 131–139, sowie Herbert W. Wurster: Das Bistum Passau und seine

Geschichte. Straßburg: Édition du Signe, 2010, S. 118–119.

19 1700 Johann Philipp von Lamberg, 1738 Joseph Dominikus von Lamberg, 1772 Leopold Ernst von

Firmian und 1789 Joseph Franz Anton von Auersperg.

20 Wurster: Das Bistum Passau und seine Geschichte, S. 112–113.

21 Vgl. Hannelore Putz: „Den Bischof wählen – Funktion und Verständnis des Passauer Domkapitels

in der Frühen Neuzeit“, in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 81 (2018), S. 33–45.

8


Leopold Ernst von Firmian (1763–1783)

mindest signifikant zu verkleinern.22 Joseph Friebert wurde 1763 demzufolge

Kapellmeister in einem zwar fest etablierten Fürstbistum, allerdings war dessen

Fortbestand als Großbistum spätestens seit den Säkularisierungsplänen23 im Österreichischen

Erbfolgekrieg keine Selbstverständlichkeit mehr. Während seiner

Amtszeit wirkten nach dem bereits am 15. Juni 1763 auf einer Visitationsreise verstorbenen

Joseph Maria von Thun-Hohenstein zwei Fürstbischöfe in Passau, deren

Amtszeiten im Folgenden kurz charakterisiert werden sollen.

LEOPOLD ERNST VON FIRMIAN,

FÜRSTBISCHOF VON PASSAU 1763–1783

Der aus dem Tiroler Geschlecht der Firmian stammende Leopold Ernst24 war vor

seiner Inbesitznahme der Passauer Kathedra Fürstbischof von Seckau und Koadjutor

des Fürstbischofs von Trient. Am 1. September 1763 wurde er mit Unterstützung

Kaiserin Maria Theresias, die ihn, genau wie ihr Sohn Joseph II., als Berater

hoch schätzte, vom Passauer Domkapitel zum Fürstbischof gewählt. Auch seine

Verbindung zu den Habsburgern blieb intensiv, August Leidl bezeichnet ihn wohl

nicht zu Unrecht als „Habsburgerenthusiast auf dem Passauer Bischofsthron“.25

1764 verlieh ihm Maria Theresia als erstem Geistlichen den von ihr gestifteten Stephansorden,

1772 wurde er von Papst Clemens XIV. zum Kardinal kreiert.

Vor allem in seiner Bildungspolitik setzte er viele Ideen der Aufklärung in

Passau durch. So versuchte Firmian etwa bei der Ausbildung des Klerus die Monopolstellung

der Jesuiten zurückzudrängen und schrieb für das Weltpriesterseminar

„Josepho-Leopoldinum“ eigenhändig neue Statuten; insbesondere an den Quellen

und den Schriften des Augustinus sollten sich die Geistlichen fortan orientieren.26

Eine tadellose Lebensführung sowie eine ehrliche und tiefgründige Frömmigkeit

22 Dazu Karl Vocelka: Glanz und Untergang der höfischen Welt. Repräsentation, Reform und Reaktion im

habsburgischen Vielvölkerstaat. Wien: Verlag Carl Ueberreuther, 2001, S. 379–380.

23 Vgl. Ludwig Hüttl: „Geistlicher Fürst und geistliche Fürstentümer im Barock und Rokoko. Ein

Beitrag zur Strukturanalyse von Gesellschaft, Herrschaft, Politik und Kultur des alten Reiches“,

in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 37 (1974), S. 3–48, hier S. 45–46, sowie Weiß: Das Bistum

Passau unter Kardinal Joseph Dominikus von Lamberg (1723–1761), S. 170–180.

24 Vgl. August Leidl: „Leopold Ernst Kardinal von Firmian (1708–1783). Ein Kirchenfürst an der

Wende vom Barock zur Aufklärung“, in: Ostbairische Grenzmarken 13 (1971), S. 5–26, sowie Alessandro

Cont: „Leopoldo Ernesto Firmian (1708–1783) e l’arcidiocesi di Salisburgo“, in: Annali

dell’Istituto storico italo-germanico in Trento 32 (2006), S. 71–126.

25 Leidl: Das Bistum Passau zwischen Wiener Konkordat (1448) und Gegenwart, S. 144.

26 Zur Hochschulpolitik Firmians ausführlich Franz Xaver Eggersdorfer: Die philosophisch-theologische

Hochschule Passau. Dreihundert Jahre ihrer Geschichte. Ein Blick in die Entwicklung der katholischen

Geistlichen-Bildung in Deutschland seit dem Ausgang des Mittelalters. Passau: Phil.-theol. Hochschule

Passau, 1933, S. 185–201.

9


Prolog

Abb. 3: Fürstbischof Leopold Ernst Kardinal von Firmian

10


Leopold Ernst von Firmian (1763–1783)

schienen ihm die geeignetste Waffe gegen den in Oberösterreich immer noch weit

verbreiteten Kryptoprotestantismus zu sein. Nach dem Verbot der Jesuiten 1773

gründete Firmian die Fürstbischöfliche Akademie, die drei Fakultäten umfasste:

Philosophie, Jurisprudenz und Theologie. Auch für das allgemeine Schulwesen erließ

er bereits am 30. Januar 1769 eine Verordnung,27 die nicht zuletzt katechetische

Fragen regelte. Für Firmian war die sog. niedere Schule „eine Angelegenheit des

Staates, also ein ‚Politikum‘“28.

Weitreichende sozialpolitische Maßnahmen waren die Anlage eines neuen

Friedhofes am Südhang vor der Severinskirche in der Innstadt29 1772 und vor allem

die Eröffnung des Allgemeinen Krankenhauses im Jahr 1773.30 Auch in der

Seelsorge setzte Firmian deutliche Akzente; so unternahm er Visitationsreisen zu

insgesamt 850 Pfarreien des Großbistums und dämmte im Rahmen seines reformkatholischen

Engagements Praktiken spätbarocker Volksfrömmigkeit durch die

Reduktion von Feiertagen und Prozessionen weiter ein.31

Mit seiner Kulturpolitik verbindet man heute vor allem den Ausbau der Neuen

Residenz32 in Passau von 1765 bis 1771 im „Wiener Stil“ durch Melchior Hefele

(1716–1794).33

Als Kardinal Firmian am 13. März 1783 starb, wurden auf Anordnung Kaiser

Josephs II. gleichsam über Nacht die Gebiete ob und unter der Enns vom Passauer

Kirchensprengel abgetrennt und die Bistümer Linz und St. Pölten errichtet.34

27 Verordnung den Gebrauch des Katechismus und das Schulwesen betreffend. Passau: s. typ., 30. Januar

1769. Bayerische Staatsbibliothek München: 1047017 2 Bavar. 1401,III,9.

28 Heinrich Ferihumer: „Das niedere Schulwesen im Zeitalter Maria Theresias und Josephs II.

Mit Berücksichtigung oberösterreichischer Verhältnisse“, in: Oberösterreichische Heimatblätter 12

(1958), S. 21–38, hier S. 24.

29 Leidl: „Leopold Ernst Kardinal von Firmian (1708–1783)“, S. 22–23.

30 Vgl. Pia Neumeier: „Armenfürsorge und Spitäler“, in: Geschichte der Stadt Passau, hg. von Egon

Boshof et al., 2. Aufl. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, 2003, S. 407–416, hier S. 416, sowie

zum Gesundheitswesen allgemein Laudenbach: „Im Schatten starker Fürstbischöfe 1713–1803“,

S. 205–208; speziell in der Regentschaft Firmians August Leidl: „Die soziale Fürsorge im Hochstift

Passau unter Fürstbischof Leopold Ernst von Firmian (1763–1783)“, in: Ostbairische Grenzmarken

28 (1986), S. 120–127.

31 Dazu Konrad Baumgartner: Die Seelsorge im Bistum Passau zwischen barocker Tradition, Aufklärung

und Restauration. St. Ottilien: EOS Verlag, 1975 (= Münchener theologische Studien I/19),

S. 32–33, und Wurster: Das Bistum Passau und seine Geschichte, S. 126.

32 Vgl. Edith Schmidmeier: Die Fürstbischöflichen Residenzen in Passau. Baugeschichte und Ausstattung vom

Spätmittelalter bis zur Säkularisation. Frankfurt am Main: Peter Lang, 1994 (= Reihe Kunstgeschichte

215), S. 218–302, sowie Egon Johannes Greipl: Macht und Pracht. Die Geschichte der Residenzen in

Franken, Schwaben und Altbayern. Regensburg: Verlag Friedrich Pustet, 1991, zu Passau S. 267–279.

33 Vgl. Heinz Kellermann: Maurermeister, Baumeister und Architekten der Fürstbischöfe und des Domkapitels

zu Passau zwischen 1650 und 1803. Passau: Selbstverlag, 2010, S. 48–50.

34 Dazu August Leidl: „Das Ende des Großbistums Passau“, in: Ostbairische Grenzmarken 25 (1983),

S. 21–30.

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Prolog

Abb. 4: Fürstbischof Joseph Franz Anton Kardinal von Auersperg

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