Leseprobe: Dino Buzzati - Beim Giro d'Italia

bergzicke

Als ich heute auf dem schrecklichen Anstieg des Col d’Izoard Bartali sah, wie er ganz allein zornig vor sich hin trat, schlammbedeckt, die Mundwinkel nach unten gezogen in seelischem und körperlichem Schmerz - und Coppi war schon seit einer Weile durch, er kletterte bereits die letzten Steilstücke des Passes hoch -, da stieg in mir ein in dreißig Jahren nie vergessenes Gefühl auf. Vor dreißig Jahren, das war, als ich erfuhr, dass Hektor von Achill getötet worden war.
So erzählt der berühmte italienische Schriftsteller Dino Buzzati, der im Mai und Juni 1949 den 32. Giro d’Italia im Auftrag des Corriere della Sera begleitete, von der epischen Rivalität zwischen den beiden großen Radsportlern Gino Bartali und Fausto Coppi. Die Szene verdeutlicht, wie die 25 miteinander verbundenen Texte dieses Bandes fast eher als Erzählung gelesen werden können denn als Bericht. Der Erzähler Buzzati steckt den Journalisten in die Tasche, seine Wahrnehmung verschränkt sich immer enger mit der Phantasie, seine Beschreibungen gerinnen zur zaubermächtigen existenziellen Metapher.
Dino Buzzati beim Giro d’Italia, das ist: Großer Sport. Zauberhafte Literatur. Ein bedeutendes Dokument der Zeitgeschichte, das nun - endlich - auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt.


Rennen ist

etwas Wunderbares

Palermo,

19. Mai, nachts.

Aufgrund einer Verkettung von Umständen, die vermutlich auf Launen

des Schicksals zurückzuführen und die zu beklagen müßig ist, hat der

Schreiber dieser Zeilen, Berichterstatter beim Giro d’Italia, nie zuvor in

seinem Leben ein Radrennen auf der Straße gesehen.

Etliches, nicht allzu vieles, hat dieser Schreiber schon auf die eine oder

andere Weise rennen sehen, über das Meer oder über Land; nie jedoch

die großen Radfahrer im Wettkampf unter sengender Sonne, Startnummer

auf dem Rücken, Schlauchreifen umgehängt und das Gesicht mit Staub

gepudert. Er hat, zum Beispiel, verspätete Kinder zur Schule rennen sehen,

Gewitterblitze über den Himmel, Leute in die Luftschutzkeller, wenn die

Sirenen heulten. Auch einen Dieb habe ich einmal rennen sehen, er flog

geradezu, weil er verfolgt wurde, in der Via Andrea del Sarto in Mailand;

dann wurde er eingeholt und verprügelt, aber beschwören könnte ich es

nicht, denn es geschah am anderen Ende der Straße und es herrschte ein

großes Durcheinander. Ich habe Strauße schnell wie Geschosse durch die

Wüste Afrikas rennen sehen; ich sah in sanften, bezaubernden Kurven

–25–


die Granaten der feindlichen Schiffe mit ihrem roten Licht durch die Nacht

sausen, und manche prallten perfekt wie Wurfscheiben vom Wasser ab

und spritzten weg als Querschläger. Ich sah Schnellzüge bei Einbruch der

Dämmerung mit schon erleuchteten Fenstern und all den Träumen und

Phantasien dahinter durch die verlassene Landschaft gleiten; und sie waren

wunderschön.

Ich habe auf der Via Aurelia, vor vielen Jahren, einen Radrennfahrer

im Trikot gesehen, der trainierte, und jemand sagte, es sei Girardengo,

aber ich glaube das nicht, weil er ihm nicht ähnlich sah. Ich sah auch den

Kurier Karls des Kühnen durch die Wälder sprengen, um dessen treuem

Knappen, der als Verräter verleumdet worden und dem der Henker gerade

dabei war, den blonden Kopf abzuschlagen, im letzten Moment die Begnadigung

zu überbringen; doch das war im Kinematographen und ist

vielleicht nicht ganz genau so geschehen. Ich habe mit eigenen Augen kurz

vor Sonnenaufgang über den Dächern von Mailand ein paar fliegende

Untertassen dahinsausen sehen; sie waren rot und hübsch anzusehen, nur

leider wollte mir niemand glauben. Ich habe die Zeit davonrennen sehen,

ach, wie viele Jahre und Monate und Tage unter uns Menschen dahinrennen

und unsere Gesichter allmählich verändern; und diese erschreckende Geschwindigkeit,

auch wenn sie nicht gemessen wird, ist gewiss viel höher

als jede jemals errechnete Durchschnittsgeschwindigkeit jedes einzelnen

Radrennfahrers, Autorennfahrers oder Raketenflugzeugpiloten seit Anbeginn

der Welt. Und schließlich fuhr auch ich meine Rennen als Junge auf

einem Fahrrad, dem ich die Schutzbleche abgenommen hatte, damit es

den Rädern der Champions ähnlicher sähe, und ich erinnere mich, dass

ich eines Abends im Park zwei ganze Runden lang, ich schwöre, am Hinterrad

von Alfonsina Strada klebte, die mich am Ende völlig ausgepumpt und

blamiert zurückließ; umso mehr, als ich, während sie davonschoss, von

einem Stadtpolizisten geschnappt wurde und Strafe zahlen musste (Geschwindigkeitsüberschreitung:

das machte damals die enorme Summe von

zwanzig Lire aus).

–26–


Etliches also habe ich rennen sehen: nie aber die Giganten der Landstraße

in einem regulären, von den höchsten radsportlichen Institutionen genehmigten

Rennen. Und das ist gewiss ein Nachteil für einen Berichterstatter,

der sich anschickt, ein Heldenepos wie den Giro ciclistico d’Italia zu schildern.

Diese meine Bildungslücke reizt, ich weiß nicht, ob aus Gutmütigkeit

oder Bosheit, meine Reisekameraden, für die der Giro eine alte Gewohnheit

ist. Und da der Giro in gewisser Weise schon vorgestern in Genua begonnen

hat, von wo ein Teil der Karawane und der Fahrer gemeinsam

über das Meer nach Neapel und von dort nach Palermo reiste (ein kurioses

Detail für die Chronik: gestern Abend, vor Capri, musste sich Serse Coppi

wegen beginnender Übelkeit überstürzt in seine Koje zurückziehen, und

auch Fausto schien sich nicht ganz wohlzufühlen, obwohl die Città di

Tunisi unbeweglich wie ein Basaltmassiv im Wasser lag), aufgrund dessen

also gab es schon reichlich Gelegenheit für diese alten Hasen, die die Weisheit

mit Löffeln gefressen haben, mich zu unterweisen und dabei ständig

für mich demütigende Anspielungen auszutauschen auf das Jahr, weißt

du noch?, als Camusso auf dem Ghisallo einen Reifenschaden hatte und

Pélissier im Ziel einen gewaltigen Streit mit Antonin Magne vom Zaun

brach. Der eine erzählte Schauergeschichten, der andere schilderte die

19 Etappen als ebenso viele erholsame Paradiese. So vieles wurde mir erzählt,

dass in jedem Fall, sei der Giro nun ein Kostümspektakel, eine Tortur,

ein gigantisches Geschäft, ein lyrisches Gedicht, eine Komödie oder ein

blutiger Krieg, dass also in jedem Fall zumindest einer von diesen Veteranen,

die mir Nachhilfe erteilen, recht behalten wird.

Einer sagt, der Giro sei ein unvergleichliches Tonikum, eine wunderbare

Landpartie, ein Pilgerzug von Wirtshaus zu Wirtshaus durch die Gastronomie

ganz Italiens. Er sagt, früher sei er jedes Jahr auf Kur nach

Montecatini gefahren, heute begleite er stattdessen den Giro und das bekomme

ihm sehr viel besser. Bei seiner Rückkehr, sagt er, sei seine Frau

stets bass erstaunt darüber, wie verjüngt er aussehe.

–27–


Ein anderer, ihm gleich an Erfahrung und Dienstalter, behauptet hingegen,

der Giro sei eine Höllenmaschine, um Menschen zu zerstören, Fahrer,

Begleiter, Manager, Journalisten, Photographen etcetera. Er sagt, drei

Wochen lang esse man nichts oder fast nichts, höchstens ein belegtes Brötchen

zum Frühstück und am Abend eine Mahlzeit, die einem aus Eile

und Erschöpfung im Hals stecken bleibe. Mit dem Schlafen, fügt er hinzu,

sei es noch schlimmer. Letztes Jahr, zum Beispiel, habe er nur an den

Ruhetagen vier Stunden am Stück geschlafen, eine ganze Nacht sei ihm

erst nach der letzten Zielankunft vergönnt gewesen. Aber ob das stimmt?

Einer sagt, das Ganze sei ein abgekartetes Spiel. Die Fahrer würden

Erster, Zweiter, Dritter und so weiter aufgrund vorherbestimmender Intrigen,

Bestechungen, obskurer übergeordneter Interessen. Wahrscheinlich

ist er ein Anhänger des dialektischen Materialismus, der alles mit den

sogenannten ökonomischen Faktoren erklärt, auch das Furunkel von

Malabrocca. Dennoch ist er suggestiv. Einfältig sei die Masse, sagt er, verrückt

die Fans, die sich erregen und nicht schlafen können, wenn ihr Liebling

im Klassement ein paar Minuten verloren hat. Der Liebling werde

schon seine Gründe gehabt haben, da könnten sie sicher sein.

Aber da ist auch der andere, nicht weniger besonnen und intelligent,

der die erhabene Reinheit des Giro beschwört. Er sieht darin eines der

letzten großen Phänomene individueller und kollektiver Mystik. Auch

wenn sie haufenweise Geld hätten, verausgabten sich die Fahrer allein für

die Idee. Die Idee, nichts anderes, bewirke die Massenansammlungen an

den Straßenrändern. Er bestreitet den Einfluss des Geldes, der Interessen,

sogar der Muskeln. Der Geist, sagt er, allein die Macht des Geistes lasse

die Räder rollen, erklimme Falzarego und Pordoi, breche Rekorde. Auserwählte

Helden sind für ihn die Champions, zelebrierende Priester die

Organisatoren, inbrünstig Glaubende die Menge der anonymen Sportsfreunde.

Und schließlich gibt es den einen, der sich den lieben langen Tag beklagt

und den verdammten Moment verflucht, in dem er zugesagt hat, auch in

–28–


diesem Jahr wieder dabei zu sein. Schon sagt er gemeine Strapazen voraus,

Regen, Unannehmlichkeiten und Wanzen in den Gasthäusern, Schnupfen.

Außerdem, beteuert er, sei das ganze Rennen eigentlich ohne Interesse,

da ein gewisser Fahrer fehle, man könne es genauso gut ausfallen lassen,

aber den Leuten sei ja alles egal. In den schlimmsten Momenten versichert

er sogar, der Radsport sei tot, mausetot, der Stoff, aus dem die Sieger sind,

sei Vergangenheit, die Tretkurbel im Jahrhundert der Atombombe ein Alteisen,

das ins Museum gehöre, und es sei lächerlich, dass man diesen Zirkus

weiterhin aufrechterhalte. Ich schaue ihn mir an. Er ist etwa 45, bärenstark

und wie immer gerade dabei, irgendeine unerwartete Attacke zu parieren;

sein Gesicht hat etwas von einem Bluthund, hart, aber sympathisch. Seit

einem Tag beobachte ich ihn aufmerksam. Ich habe nicht recht verstanden,

ob er sportlicher oder technischer Direktor oder Chefmechaniker oder der

Masseur irgendeines Teams ist. Er schimpft herum, grinst, sieht alles

schwarz, hetzt von einer Seite zur anderen, als ob sich ständig irgendetwas

überstürzen würde. Er schwitzt, flucht und raucht bis spät in die Nacht

hinein. Er wird so bleiben, nehme ich an, bis der Giro zu Ende ist. Einer

am falschen Ort, denkt man auf den ersten Blick, einer, der in einer Umgebung

arbeiten muss, die ihm ganz gegen den Strich geht. Auf den ersten

Blick. Dann habe ich es mir anders überlegt. Jetzt betrachte ich ihn, wie

er mault und herumläuft wie eine schmollende Bulldogge, ich betrachte

ihn mit außerordentlichem Vergnügen und frage mich: Wann habe ich zuletzt

einen so glücklichen Menschen gesehen?

–29–


Hundert Fahrer stürmen los

auf den Straßen Garibaldis

Palermo,

20. Mai, nachts.

Alles ist bereit. In wenigen Stunden heißt es aufstehen. Es ist Zeit zu

starten. Nach all den Feiern, Klängen, Gesängen, den Fahnen, dem bewegenden

Jubel dieser letzten beiden Tage schläft Palermo, aber nur mit

einem Auge.

Bereit stehen die Fahrräder, auf Hochglanz poliert wie edle Pferde am

Vorabend des Turniers. Getränkt wurden sie mit Öl, bis sie genug hatten.

Das rosa Schild mit der Startnummer wurde am Rahmen befestigt und

verplompt. Die schmalen Reifen sind glatt und prall wie junge Schlangen.

Die Schrauben sind angezogen, die Sattelneigung exakt eingestellt, millimetergenau

berechnet die Höhe des Lenkers. Die Räder haben ordentlich

gelernt, man könnte sagen, sie wissen jetzt alles, was es zu wissen gibt,

sie können es längst auswendig nach so vielen Trainings, Proben, Gegenproben.

Wie sollten sie auch nur ein Komma vergessen bei der großen

Prüfung? Bereit liegen die geheimen Taktiken der Rennställe, überarbeitet,

bis Nerven und Hirne nachgaben. Keine Eventualität, kein Zwischenfall,

keine Überraschung, kein böses Missgeschick, die nicht vorausbedacht

–30–


wären: wenn es regnet, wenn es nicht regnet, wenn die Asse sofort angreifen,

wenn sie eine ruhige Kugel schieben, wenn irgendein Wasserträger

ausreißt, wenn es staubig ist, wenn es warm ist, wenn es kalt ist und so

weiter.

Ganze Bände radsportlicher Weisheit sind in diese mysteriösen Strategien

eingegangen. Das Schlachtfeld ist neu, zumindest zum Teil. Viele

Regeln sind neu und gewagt: die fliegenden Etappen, die Zeitbonifikationen

für die Bergwertugen. Das hat den Generalstäben nie da gewesene

Rechenleistung, Intuition, Genialität abverlangt. Schließlich wurde, vom

General zum Oberst bis hinunter zum allerletzten Soldaten, unter größter

Geheimhaltung die Parole durchgegeben. Werden ihr die Kämpfer die

Treue halten können?

Bereit sind die Soldaten, die einhundertzwei Radrennfahrer (morgen

vielleicht Helden, oder besiegte Fußsoldaten auf beschämender Flucht?).

Heute Nacht noch, dann ist Schluss mit den Phantastereien. Ab morgen

wird ihr Schlaf hart, kompakt und schwarz wie Teer sein, um alle verfügbare

Erholung anzuhäufen, ohne den kleinsten Spalt, durch den das

täuschende Licht der Träume dringen könnte. Sie sind vorbereitet. Ihre

Muskeln haben die gebotene Elastizität erreicht. Die vorgeschriebenen

Hunderte von Kalorien sind in ihrem Verdauungstrakt verschwunden.

Der Herzschlag hat sich bei dem von den Ärzten empfohlenen Rhythmus

eingependelt. Jeder hält das Viereck aus Wachstuch mit seiner Startnummer

bereit und Nadeln, um es am Rücken zu befestigen. Jeder hat seine

kleinen Geheimwaffen dabei, von denen die anderen nichts erfahren dürfen:

den Talisman mit dem Foto der Kinder, die Medaille der Lieblingsmadonna,

die alte speckige dreckige Mütze, die unschlagbar ist als Glücksbringer,

die speziellen Schuhe mit ihrem besonders geformten Absatz,

die vor drei Jahren zu einem spektakulären Sieg führten. Weniger originell

hat einer eine Tube Simpamina in der Trikottasche versteckt, ein anderer

schwört auf den Energietrunk, den sich der Dorfapotheker eigens für

ihn ausgedacht hat.

–31–


Die Verpflegungsbeutel? Der Sportdirektor jedes Rennstalls hat sie

bereits mit väterlicher Sorge herrichten lassen, hat Art und Menge der

Speisen auf den Geschmack und die körperliche Verfassung eines jeden

Fahrers abgestimmt: dem einen ein Filet, dem anderen gekochtes Huhn,

für alle reichlich Zuckerwürfel, Brötchen mit Butter und Marmelade,

Reisküchlein, Kompottfrüchte. Bereit steht auch das Instrumentarium

des Masseurs: Pflaster, Salben, Einreibungen, Abführmittel für den Notfall;

blitzschnell wirkende Aufbaumittel. Und natürlich die »Bomben«,

dynamische Gebräue, die einen Toten vom Katafalk springen lassen wie

einen Zirkusartisten.

Bereit stehen die Fläschchen mit Tee, Kaffee, Mineralwasser. Bereit die

Ersatzteile. Bereit die Lastwagen der Werbung, die das Heer der Fahrer

in einen mitreißenden Karnevalszug verwandeln werden. Auf Punkt fünf

Uhr gestellt die Alarmzeiger der Wecker, die die Fans von Palermo morgen

rechtzeitig auf die Beine bringen sollen (die immer noch nicht genug

haben nach den Strapazen, dem Geschrei, dem Gedrängel, dem Tumult

und Irrsinn heute vor dem Gitterzaun des Teatro Politeama, wo die Fahrräder

plombiert wurden). Bereit sind in Catania, dem ersten Etappenziel,

die Jubelbotschaften für Cerami (gesprochen Seramì), den Kapitän der

belgischen Mannschaft, der in Catania geboren ist. Bereit die Blumen für

Corrieri, den Stolz Siziliens. Bereit die Rundschreiben der Polizeipräsidenten

über die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung längs der

Strecke. Bereit die Zielbänder, die Triumphbögen, die Girlanden, die Musikkapellen

mit spiegelblank polierten Blechen. Bereit sind die Stifte der

Berichterstatter, die Filmkameras, die Übertragungswagen. Bereit liegt das

gelbe Taschentuch, das unser Korrespondent Di Francesco beim Eintreffen

der Karawane am Stadteingang von Cefalù, gegenüber der Tankstelle,

als Erkennungszeichen schwenken wird.

Aber bereit ist auch der Feind, der diesmal noch stärker und furchterregender

ist als all die Jahre zuvor. Achtung, ihr Herren der Landstraße,

traut ihm nicht. Ja, Palermo hat euch wie Söhne willkommen gehei-

–32–


ßen, zwei Tage lang hat euch nichts umgeben als Beifall, Festlichkeiten,

das Lächeln schöner Mädchen. Gleich dahinter kommt nun der bittere

Nachgeschmack. Ein widerspenstiges und überaus zähes Heer habt

ihr vom ersten Tag an zu bekämpfen; es wird euch morgen, übermorgen

und von da an alle Tage euren Weg versperren. Es wird euch seine Regimenter

entgegenwerfen, die sinistre Namen tragen: Kilometer heißen

sie, Wolken und Donner (eine bedrohliche Ansammlung davon ist bereits

am Himmel zu sehen), Staub, Steigung, Scirocco, Schlaglöcher, Erschöpfung.

Eisige Schauer werden auf eure Rücken herabregnen, aufreibende Auf

und Abs werden euch zermürben, perfider Splitt wird unter euren Rädern

knirschen. Dann geht es los mit den berüchtigten Reifenschäden, mit

Zusammenstößen, Stürzen, Krämpfen, Furunkeln, Durst, falschen Abzweigungen,

Rückenschmerzen, Entmutigung und Einsamkeit. Zu den

verbotenen Waffen des Bourbonen gehören sogar die verdammten Zeitstrafen,

die Stunden über Stunden epischer Mühen verpuffen lassen und

zunichte machen. Und so geht es weiter bis zum Ende.

Wer wird durchhalten, ihr Garibaldini ohne Bajonette? Wer wird euer

Garibaldi werden? Noch habt ihr keine Generäle, noch seid ihr alle einfache

Soldaten. Die Sporen müssen verdient werden. Morgen früh geht

alles wieder von vorne los. Noch lächelt Viktoria mit ihrem unergründlichen

Gesicht euch allen, ohne Unterschied.

Es gibt unter euch formidable Krieger. Wenn man in einen neuen Krieg

zieht, kann auch das bescheidenste Herz größte Hoffnungen hegen. Man

kann nie wissen. Wer sich in der Vergangenheit mit Ruhm bedeckte,

mag im ersten Kampf geschlagen werden. Wer ergeben in der Etappe

diente, mag sich als Adler an die Spitze setzen. Und dann sind da die

neuen Rekruten, die unbekannten Jungen, denen das Schicksal vielleicht

schon einen Wink gegeben hat. Alles fängt nun von Neuem an, die Karten

sind noch nicht aufgedeckt, und unparteiisch wogt, für alle gleich

stark, die Illusion über den Startenden.

–33–


Wird das ganze Unternehmen auf ein Duell zwischen den beiden anerkannten

Assen hinauslaufen? Oder wird aus der Schar der Kadetten

plötzlich ein neuer Name aufsteigen und um die Welt gehen? Der alte

Pavesi, Entdecker von Siegern, Rutengänger künftigen Ruhms, Nestor

des Giro, runzelt diplomatisch das gutmütig mephistophelische Gesicht.

Vielleicht hat er ja, unter all den unbekannten Jungen, schon den einen

entdeckt, den das Schicksal auserkoren hat? Ist er schon unter uns, er,

der den Stern Bartalis und Coppis verblassen lassen wird? Aber der alte

Pavesi lächelt und sagt weder Ja noch Nein. »Wir werden sehen«, sagt

er, »morgen werden wir sehen.« Der Prolog ist nun zu Ende. Wir öffnen

die erste Seite des Romans. Eine lange Straße unter der Sonne, links

und rechts zwei Mauern tobender Menschheit. Und ganz hinten, gerade

erst zu erkennen, etwas Schwarzes, das näher kommt. Gott, wie der dahinfliegt!

Ein Mann auf einem Fahrrad, tiefgebeugt, allein, auf dem Weg

zum Sieg. Wer ist es? Wer? Ein Grollen nähert sich, wie ein Donner

rollt der Schrei der Menge. Wer ist es? Es gibt keine Antwort. Er ist

noch zu weit weg.

–34–


Ein Glücksfall für Freunde des Sports und der Literatur: 1949 entscheidet

sich die Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera, Dino Buzzati als Korrespondent

zum Giro d’Italia zu entsenden. Und was sich in den folgenden

Wochen auf den Straßen eines vom Kriege gezeichneten Landes vor

den Augen des gefeierten Romanciers abspielt, gerät zu einer Sternstunde

in der Geschichte des Radsports. Das Duell zwischen den ungleichen

Nationalhelden Fausto Coppi und Gino Bartali gipfelt in einer endgültigen

Machtübernahme, die Buzzati in seinen täglichen Reportagen vom

Rennen kunstvoll zur Schlacht zwischen Achill und Hektor verdichtet.

»Dino Buzzati beim G iro d’Italia«, das ist: Großer Sport. Großer

Journalismus. Ein bedeut endes Dokument der Zeit geschichte, das

nun – endlich – auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt.

In seiner Heimat Italien gilt Dino Buzzati (1906-1972) bis zum

heutigen Tag als einer der bedeutendsten Literaten. H ierzulande

hat insbesondere sein im Jahr 1940 veröffentlichter

Roman Die Tatarenwüste zahlreiche Neuaùagen erfahren.

Dieser Band lädt nun ein, auch den phänomenalen Reporter

Dino Buzzati zu entdecken.

ISBN 978-3-936973-95-2

9 783936 973952

covadonga

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