2020-10-16 Kulturmagazin

DiePresseMagazin
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magazin

16.10. 2020

Auf dem

Absprung

Frischer Wind im Kulturherbst: Jungkünstlerin

Sara Lanner und andere neue Namen bei der

Diplomausstellung der Bildenden in Wien.


Gershwin

Rossini

PORGY AND BESS IL BARBIERE

Wayne Marshall |Matthew Wild

DI SIVIGLIA *

Wiener KammerOrchester

special extended

George Jackson |Christoph Zauner

Porgy and Bess-Ensemble

Wiener KammerOrchester

Eric Greene, Simon Shibambu,

Mit dem Jungen Ensemble

Jeanine De Bique, Pumeza Matshikiza

Theater an der Wien

Premiere: 14. Oktober 2020

Premiere: 5. März 2021

Änderungen vorbehalten

Mozart

LE NOZZE DI FIGARO

Stefan Gottfried |Alfred Dorfer

Concentus Musicus Wien

Arnold Schoenberg Chor

Florian Boesch, Cristina Pasaroiu,

Robert Gleadow, Giulia Semenzato

Premiere: 12. November 2020

Cavalli

GIASONE *

Benjamin Bayl |Georg Zlabinger

Bach Consort Wien

Mit dem Jungen Ensemble

Theater an der Wien

Premiere: 29. November 2020

Rameau

PLATÉE

William Christie |Robert Carsen

Les Arts Florissants |Arnold Schoenberg Chor

Marcel Beekman, Jeanine De Bique,

Edwin Crossley Mercer, Cyril Auvity

Premiere: 14. Dezember 2020

Massenet

THAÏS

Leo Hussain |Peter Konwitschny

RSO Wien |Arnold Schoenberg Chor

Nicole Chevalier, Josef Wagner,

Roberto Sacca, Carolina Lippo

Premiere: 19. Jänner 2021

Donizetti

BELISARIO

Oksana Lyniv |Nigel Lowery

RSO Wien |Arnold Schoenberg Chor

Roberto Frontali, Carmela Remigio,

Paolo Fanale, Stefan Cerny

Premiere: 16. Februar 2021

Prokofjew

DER FEURIGE

ENGEL

Constantin Trinks |Andrea Breth

Wiener Symphoniker

Arnold Schoenberg Chor

Ausrine Stundyte, Bo Skovhus,

Nikolai Schukoff, Natascha Petrinsky

Premiere: 17. März 2021

Händel

SAUL

Christopher Moulds |Claus Guth

Freiburger Barockorchester

Arnold Schoenberg Chor

Florian Boesch, Anna Prohaska,

Jake Arditti, Giulia Semenzato

Premiere: 16. April 2021

Beethoven

AN DIE FREUDE

John Neumeier |Hamburg Ballett

Wiener KammerOrchester

Arnold Schoenberg Chor

Valentina Petraeva, Sofia Vinnik,

Andrew Morstein, Ivan Zinoviev

Premiere: 5. Mai 2021

Wagner

TRISTAN

EXPERIMENT *

Hartmut Keil |Günther Groissböck

Wiener KammerOrchester

Norbert Ernst, Kristiane Kaiser,

Günther Groissböck, Juliette Mars

Premiere: 26. Mai 2021

*Theater an der Wien

IN DER KAMMEROPER

wwww.theater-wien.at

DAS OPERNHAUS

Intendanz:Roland Geyer

vor abendrot

SAISON

de facto

beyond |Hermine Karigl-Wagenhofer

Hauptsponsor

Theater an der Wien

Tageskasse: Mo-Sa 10-18 Uhr

Linke Wienzeile 6|1060 Wien

www.theater-wien.at


Inhalt

Cover: Christine Ebenthal. Fotos: Wolfgang Vollmer/Henry Rox Archive Cologne 2020; Clemens Fabry;

magazin

Kunstbeschau. Johanna Hofleitner führt durch

die besten Ausstellungen der kommenden Monate.Oben:

Wolfgang Vollmer im Fotohof.

Vorwort

38

Mit Euphorie –und Vorbehalt: So lässt sich ganz grob die

Arbeit an dieser Ausgabe des„Kulturmagazins“beschreiben,

das –aus bekannten Gründen –imOktober ungewohnterweisezum

ersten Malindiesem Jahr erscheint.

Alle mitwirkenden Autorinnen und Autorenwaren wohl nicht minder

froh als ihrejeweiligen Gesprächspartner,dass da geradewieder

ein Kulturbetrieb zu laufen beginnt,der,wenngleich unter neuen Voraussetzungen,

erahnen lässt,wie die liebe neue Normalität im jeweiligenZusammenhang

aussehen wird. Vieleskann freilich doch nicht,

wie vonden Veranstaltern geplant,aus dem Frühling in das zweite

Halbjahr herübergeholt werden; einiges wurde aufdas kommende

Jahr verschoben, manchesentfällt ganz.Und –jetzt eben zu unserem

Vorbehalt –esist auch nicht auszuschließen, dass aufden folgenden

Seiten Angekündigtesdoch entfallen muss. Die Tipps in der „Panorama

International“-Rubrik sind zudem mit Reisewarnungsvorsicht

zu genießen. Wirhoffen aber,Ihnen stehen einigeMonate Kultur-und

auch einiges an Lesegenuss bevor. Für laufend aktuelle

Veranstaltungshinweiseerlauben wir uns, auf

die Rubrik DiePresse.com/kulturkalender

zu verweisen.

AufWiederlesen im Frühling!

Daniela Tomasovsky, BarbaraPetsch, Daniel Kalt

Impressum

4 Panorama. Höhepunktedes kulturellen Treibens aus

allen Himmelsrichtungen.

14 Talentprobe. Die Diplomausstellung derBildenden

als Sprungbrett fürjunge Kunstschaffende.

24 Personalpolitik. Neue Köpfefür Albertina, Kunstraum

Niederösterreich unddie Bildende.

28 Hausbesuch. Die Burggasse 98 alsinterdisziplinäre

Kunst-Design-Anlaufstelle.

30 Zeitfenster. Auch im Coronakunstjahr findeteine

Vienna ArtWeek statt.

34 Reisefieber. Zu Besuch in Thessaloniki, wo sich

Orient und Okzident ganz nahekommen.

44 Wertsteigerung. Die Begeisterungsfähigkeit des

Kunstmarkts für afrikanische Kunstpositionen.

48 Kauflaune. EinÜberblick der wichtigsten Kunstmarkttermineinden

kommenden Monaten.

58 Aufbruchstimmung. Anna B. Savage im Gespräch über

musikalische Einflüsse und literarische Inspiration.

60 Festlich. Jamie Cullumlegtsein erstesWeihnachtsalbumvor

und istimmer nochsehr „boyish“.

62 Tanzbein. Acht Musiker ausdem Weinviertel sind

Skolka, mitSka-und Polkaanklängen.

64 Bühnenpsychologie. Eine Vorstellungvon Hans

Werner HenzesOper „Das verratene Meer“.

66 Musikgeschichte. Maddalenadel Gobbo spielt

historisch wertvoll die VioladaGamba.

68 Preisverdacht. Clemens MariaSchreiner erhält im

November denÖsterreichischenKabarettpreis.

70 Famos. Alfred Dorfer inszeniert den „Figaro“,auchin

Burgtheaterund Staatsopergibtman Mozart.

74 Sprachverliebt. Dorfliteratur mitmagischen Tönen

vonKatharina Johanna Ferner.

76 Einstand. Der neueChef desStaatsopernballetts,

Martin Schläpfer,imgroßen Interview.

78 Neuland. Eine neue Kulturstiftung will markante

Kulturimpulse in Kärnten setzen.

80 Autoritäten. Die Anfänge desösterreichischen Autorenfilms

sind Thema derdiesjährigen Viennale.

84 Lichtspielfest. Filmfestivals in ganz Österreich sorgen

für vielfältigeUnterhaltung.

90 Kulturherbst. Nataša Ilić istTeil desDirektorinnen-

Triosder Kunsthalle Wien undgibtKulturtipps.

Medieninhaber undHerausgeber: „Die Presse“ Verlags-Ges.m.b.H. &CoKG, 1030 Wien, HainburgerStraße 33,Tel.: 01/514 14-Serie. Geschäftsführung: Mag. Herwig Langanger, RainerNowak.

Chefredaktion: Rainer Nowak. Leitung „Kulturmagazin“: Mag. Dr.Daniel Kalt,BarbaraPetsch, MMag. Daniela Tomasovsky. Mitarbeiter (Text): Mag. Andrey Arnold, Mag. Holger Fleischmann,JohannaHofleitner,

Dr.Harald Klauhs,Samir H. Köck, EvaKomarek,MAMag. MagdalenaMayer,Katrin NussmayrBA, Barbara Petsch, Mag. Dr.Veronika Schmidt,Mag.Dr. Wilhelm Sinkovicz,Mag.AlmuthSpiegler,MMag.

DanielaTomasovsky,Mag.Isabella Wallnöfer, Paula Watzl MA. Bildredaktion: Mag. Christine Pichler. ProjektleitungVermarktung: Adelheid Liehr, Tel.:+43/1/514 14-554 Artdirection: Matthias Eberhart.

Produktion/Layout: Bakk. Thomas Kiener, Christian Stutzig, Patricia Varga. Dispo:Alexander Schindler. Hersteller: Druck Styria GmbH &CoKG. Herstellungsort: Martin-Priekopa/SK. Beiträge überKooperationspartner

der„Presse“ erscheinen in redaktionellerUnabhängigkeit mitfinanzieller Unterstützung der jeweiligen Kooperationspartner.

Kulturmagazin 3


Panorama

SÜD

Zwiespältig. Das „Morgen“, von

dem Herbert Brandls Ausstellung

im Kunsthaus Graz erzählt,

ist ungewiss,vage, ausweichend.

Werweiß schon, was

morgen ist? Wirdesüberhaupt

ein Morgen geben? Ab 23.10.

Märchenhaft. Höchst lebendig ist

die russische Kunst des Spitzentanzes.Wenn

das St.Petersburger

Klassische Ballett auf Tournee

geht,dann reisen natürlich die

Schwäne samt ihrer Königin mit.

„Schwanensee“ am 25. 11. im

Konzerthaus Klagenfurt.

Twins. IhrePR-Frau vergleicht

sie mit Cigarettes After Sex.

Das ist ein bisserl weit hergeholt,aber

ein gewisses Kreisen

um sich selbst zeichnet auch

die sanfte Musik von Mynth

aus.Das hat vielleicht damit

zu tun, dass Mario und Giovanna

Fartacek Zwillinge sind.

Orpheum Graz, 25. 2. 2021

„Alcina“. Voneiner Zauberin handelt

Händels Oper „Alcina“ –und

von zaubrischer Schönheit ist

auch KiandraHowarth, die australische

Sopranistin singt die Partie

in Klagenfurt.Florentine Klepper

inszeniert,Attilio Cremonesi

dirigert.Esgeht um Utopien.

Vis-à-vis. Zarte geometrische Kompositionen

versus kräftige abstrakte Expression:

Mit Suse Krawagna und Franco

Kappl (Bild) zeigt das Museum Moderner

Kunst Kärnten zwei Maler,die konträrer

nicht sein könnten, in einer Doppelausstellung.

4. 2.–2. 5. 2021.

„Das Licht im Kasten“. Elfriede Jelinek

befasst sich mit einem ihrer

Lieblingsthemen: Mode.Sprachgewaltig

macht sie sich über schöne

Oberflächen und hässliche Kehrseiten

der Branche lustig. Im Grazer

Schauspielhaus inszeniert der

begabte Franz-Xaver Mayr.Mit Oliver

Chomik (Foto links), Johanna

Sophia Baader.Ab20. 11.

Fotos: Wolfgang Günzel, Offenbach, Brandl,beigestellt

4 Kulturmagazin


Feiern SieSilvester im

Wiener Konzerthaus!

28 &29/12/20 &01/01/21

Strauss Festival Orchester Wien

»Märchen ausdem Orient«

Willy Büchler Leitung

30 &31/12/20 &01/01/21

Wiener Symphoniker

»Beethoven: Symphonie Nr.9«

Wiener Singakademie, ManfredHoneck Dirigent

30/12/20

Habjan &Friends

»Luftkunst«

Nikolaus Habjan, Ines Schüttengruber u. a.

31/12/20

Silvester-Gala

»Best of Philharmonix«

©Helmut Prochart


Panorama

NORD

Klassiker in neuem Gewand. Nicht

umzubringen sind Romeo und Julia,

sie sterben immer wieder von

Neuem. Die Liebe und das Paar leben

heute, der Todist der alte.Das

kann auch Choreograf Reginaldo

Oliveiranicht ändern. Ab 14. 11. im

Salzburger Landestheater

„Schöne Bescherung“. Früh ist

das Salzburger Landestheater

heuer mit einem Vorgeschmack

auf Weihnachten dran: Ab 21. 11.

wirdAlan Ayckbourns beliebte

Farceüber ein explosives Familienfest

mit echten Gewehren und

Puppentheater gespielt.

Subtil. Für musikalische

Connaisseureist der

Stubnblues das ansprechendste

Programm des

vielseitigen Veteranen

Willi Resetarits.Blues,

Country und Folk fließen

hier sanft ineinander,und

der Willi singt so subtil

wie sonst nirgends.

30. 10., Minoriten, Wels

Wellenbad. Die ArsElectronica hatte

sie schon am Radar.Nun taucht

das britische Kollektiv Squidsoup

auch das Linzer Schlossmuseum in

ein immersives Bad aus Sound und

Lichtbällen. Lautsprecher,Sensorenund

Mikrocomputer machen es

möglich. Ab 12. 11.

Aufmüpfig. IhreKunst

warunerschrocken, innovativ

und frech, ihr zurückgelassenes

Œuvre

immens.Das Lentos

würdigt das unterschätzte

Werk von Linda Bilda

(1963–2019) nun posthum

mit einer Retrospektive.Ab11.

11.

Naturgewaltig. Werner Reiterer lädt

in Linz zu einem weiteren seiner

„Walksonthe mind-side“. Als gedankliches

Experiment zur Umkehrung

der Werte sperrt er im Mediendeck

des OK-Centrum ein ohrenbetäubendes

Gewitter ein. Ab 17. 12.

Fotos: Ralf-Bodo Kliem, Bildrecht, Wien 2020; Rieser, Giles Rocholl; Werner Reiterer; Maria Löffelberger;

6 Kulturmagazin


DER NEUE ORT

FURFOTOGRAFIE

UND MEDIEN­

KUNST IN LINZ

LUOYANG

21.10.20— 21.02.21

Luo Yang, Princess butterfly

(aus der Serie YOUTH), 2019

©Luo Yang

THEPLACE OF THE MIND

ROGER BALLEN –RETROSPEKTIVE

14.10.20— 14.02.21

Roger Ballen

Cat Catcher,1998

©Roger Ballen

FAMILYSKIN

ANETAGRZESZYKOWSKA

28.10.20—28.02.21

Aneta Grzeszykowska, aus der Serie Mama, Nr.32, 2018

Pigment Tusche auf Baumwollpapier,36x50cm

©Künstlerin und Raster Gallery


Panorama

WEST

Best of. Weltberühmt sind

die Choreografen Nacho

Duato,Jiří Kylián und Mauro

Bigonzetti. In der Großen

Nacht des Tanzes zeigt das

Ensemble des Tiroler Landestheatersjeeines

der berühmten

Ballette.15.11.

Queer. Zum Jahreswechsel

machen sich Jakob Lena Knebl

&Ashley Hans Scheirl über das

Kunsthaus Bregenz her.Mit

Malerei, Installationen, Textilien

und bühnenartigen Eingriffen

transformieren sie es in ein

humorvoll-anarchisches Universum.

Ab 12. 12.

Spiel der Nacht. Doppelt gemoppelt

ist das Tanztheater

von Kristina &Sadé, wenn die

Zwillinge als „Alleyne Dance“

auftreten. Diesmal im jährlichen

Herbstfestival mit der

neuen Produktion „A Night’s

Game“ von „Tanz.ist“.

7.–15. 11., Spielboden

Dornbirn. tanzist.at

„Katja Kabanowa“. Eine leidenschaftliche

Frau flüchtet aus

ihrer Ehe (und vor der Schwiegermutter)

in eine leidenschaftliche

Affäre. Hermann Schneider,Intendant

in Linz, inszeniert

am Tiroler Landestheater

LeoŠ JanáČeksOper mit Anna-

Maria Kalesidis,inRussland geborene

Sängerin mit griechischen

Wurzeln. Es dirigiert LukasBeikircher.Ab14.

11.

„Tschick“. So zart wie rohist

diese Geschichte über zwei

Burschen, die sich mit einem

halbkaputten Lada nach Transsilvanien

aufmachen. Im Vorarlberger

Landestheater inszeniert

Martin Brachvogel das

Roadmovie von Wolfgang

Herrndorf.Ab20. 10.

8 Kulturmagazin

Fragil. Ausgangspunkt der Installationen, Filme,

Sound- und Textarbeiten von Iman Issa sind Kunstgegenstände,

architektonische oder historische

Elemente.Das Innsbrucker Taxispalais widmet ihr

nun ihreerste Personale in Österreich. Ab 8. 11.

Fotos: Lidia Crisafulli, Anja Koehler, Miro Kuzmanovic/Kunstahus Bregenz; Sebastian Stadler; beigestellt


Marina Faust

Otto-Breicha-Preis

für Fotokunst 2019

26. September 2020 –14. Februar 2021

Rupertinum

Fiona Tan

Mit der anderen Hand

With the other hand

31. Oktober 2020 –21. Februar 2021

Mönchsberg

In Kooperation mit Kunsthalle Krems

(21.11.2020–14.2.2021)

Marina Faust, aus der Serie Untitled ITA, 1975–1989, Archiv Marina Faust ©Marina Faust |Fiona Tan, Gray Glass, 2020, Zweikanal-Videoinstallation (schwarz-weiß, Ton), Filmstill,

in Auftrag gegeben vom Museum der Moderne Salzburg, mit Unterstützung von Mondriaan Fund, NL, Museum der Moderne Salzburg, Courtesy die Künstlerin, Frith Street Gallery,

London, Peter Freeman Inc., New York, Wako Works of Art, Tokyo

museumdermoderne.at


Panorama

OST

Umbruch. Modernistische Experimente,

feministische Rollenspiele,

politische Ideologien und das Verhältnis

zwischen Individuum und

Typveränderten die Porträtfotografie

in den 1920ern. Die Schau „Faces“

in der Albertina zeichnet diesen Umbruch

nach. Ab 12. 2. 2021.

Poppig. Jazz und Hip­Hop tanzen

sie ebenso perfekt wie zeitgenössisches

Ballett,die jungen und sehr

jungen Tänzerinnen und Tänzer der

Groupe Grenade aus Aix­en­Provence.InSt.

Pölten zeigen sie Ausschnitte

aus bekannten Choreografien.

5. 12. Festspielhaus

Querdenkerin. Bunt,schrill, emotional,

grotesk, figurativ wie abstrakt

sind die Skulpturen und Bilder,an

denen die Wienerin Lieselott Beschorner

seit den 1950ern fern jeglicher

Kategorisierung arbeitet.Der

spät Entdeckten widmet die Landesgalerie

NÖ nun eine große Retrospektive.Ab7.11.

Christian Fennesz. Als raffinierte

Klanginstallation zum Eintauchen

und Mitmachen ist „Area“ am

19. 11. im Wiener Konzerthaus avisiert.Fennesz

ist ein international

renommierter Elektronikmusiker

aus Österreich. „Area: Fennesz

playsNous sonic“ ist eine Uraufführung

beim Festival Wien Modern.

Verletzlich. Das prekäreVerhältnis

von Mensch und Umwelt beleuchtet

die aktuelle Ausstellung des

Dommuseums.„Fragile Schöpfung“

versammelt rund 40 künstlerische

Positionen vom Mittelalter bis zur

Gegenwart.Bis 28. 8. 2021.

Hochkultur. Die geheimnisumwobene

Kultur der Azteken steht im Zentrum

einer Ausstellung über ein Volk,

das 1430–1521 eine der wichtigsten

Hochkulturen der Neuzeit entwickelte.Ein

starker Fokus gilt den

Tributen und Opferungen.

Bis 13. 4. 2021.

Fotos: Cécile Martini; Nachlass Helmar Lerski/Museum Folkwang, Essen; Lieselott Beschorner/Wien Museum; Paul Schirnweg/Studio Lois Weinberger und Galerie Krinzinger/Friedl Rusch; Christian Fennesz; beigestellt

10 Kulturmagazin


Johannesgasse 6, 1010 Wien, www.onb.ac.at

Entgeltliche Einschaltung


Panorama

INTERNATIONAL

Raubein. Als er noch

ohne Hut und Sonnenbrille

sang, warersanft

und zuweilen spirituell.

Heute klingt VanMorrison

raubeiniger und bluesiger.Neuerdings

singt er

gegen die Coronastrategie

der britischen Regierung.

17.–21.11.,

Palladium, London.

Wartestellung. Der Warschauer

Künstler Andrzej Wróblewski

(1927–1957) schuf in nur wenigen

Jahren ein Werk von erstaunlicher

Aktualität.Zumal seine Bilder von

Warteräumen wurden als Sinnbilder

für die Erfahrung des sozialistischen

Mittel- und Osteuropa gesehen.

Bis 10. 1. 2021 in der Modernen

Galerie Ljubljana.

Spacig. Sonja Leimer befasst sich

mit kollektiven Wünschen, Ängsten

und den Bedrohungen unserer

Lebenswelt.Für „Space Junk“ im

Bozener Museion arbeitet sie mit

Weltraumschrott als historisch und

kulturell aufgeladenem Material.

Bis 17. 1. 2021.

„Everywoman“. Eine erfolgreiche

Schauspielerin

begegnet einer tödlich

Erkrankten, die in einem

Theaterstück mitspielen

möchte.Das ist ihr letzter

Wunsch. Die Aufführung

von den Salzburger

Festspielen übersiedelte

an die Schaubühne

Berlin. Ab 27. 10.

VomReisen. Für seine magischen

Bilder taucht Cyrill Lachauer auf

langen Reisen tief in lokale Kulturen

ein. „I am not sea, Iamnot land“

heißt seine Schau mit Filmen,

Videos,Fotos und Texten im

Münchner Haus der Kunst.

Von23. 10. bis 11. 4. 2021

„Die Vögel“. Frank Castorf

inszeniert im Bühnenbild von

Aleksandar Denic (o.l.) die

lyrisch-fantastische Oper von

Walter Braunfels nach Aristophanes:

Gefiederte ergreifen

mit Hilfezweier Exilanten aus

Athen die Macht.Ingo Metzmacher

dirigiert in der Bayerischen

Staatsoper in München.

Ab 31. 10.

Fotos: Reuters, Andrzej Wróblewski Foundation; Courtesy Galerie Barbara Gross,; Armin Samilovic; W.Hoesl;Cyrill Lachauer;

12 Kulturmagazin



Wien feiert in einergroßartigen Ausstellung

die französischen Meister! “

Neue Zürcher Zeitung

ENDLICH

ZU SEHEN!

NUR BIS

15.11.2020

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Vincent van Gogh, Der Sämann (Detail), 1888, Kunstmuseum Bern, Dauerleihgabe Hahnloser/Jaeggli Stiftung ©Foto: Reto Pedrini, Zürich


Hinaus aus den

heiligen Hallen

Die Akademie macht aus ihrer Raumnot eine

Tugend und zeigt die Diplom-Ausstellung 2020

im Stephanushaus, einem ehemaligen Priesterund

Gästehaus und zukünftigen Hotel.

Text: Johanna Hofleitner

Fotos: Christine Ebenthal

Die unmittelbare Lebensrealität beschreibt Abiona Esther

Ojo als ihr Bezugsfeld, darauf verweist auch ihre Maske

aus afrikanischem Stoff. „Ich beschäftige mich stets mit

Themen, die mich selbst betreffen“, sagt sie. Die Arbeit

mit Stoffen, Taschen, Haaren spiegelt die Erfahrung, mit zwei Kulturen

groß geworden zu sein. Aufgewachsen im Mühlviertel, war

die Kultur Afrikas für das Kind nigerianischer Eltern ein Teil des

Alltags. Auch Rassismuserfahrung schwingt mit. „Man muss leider

auch 2021 noch davonausgehen, dass jede Person, die keine weiße

Haut hat, mit Rassismus konfrontiert ist“, sagt sie. „Ich will in meiner

Arbeit jedoch Empowerment zeigen und nicht auseiner Opferrolle

heraus agieren.“ Haare stehen auch im Mittelpunkt von Ojos

Abschlussarbeit. „Haare sind in der afrikanischen Kultur ein wichtiges

Thema, weil sie viel Pflege und Aufmerksamkeit brauchen.“

Ihre Diplomarbeit legt sie als Kombination von Bildhauerei und

Fotografie an. Dafür hat sie Menschen aus der afrikanischen Diasporazuhause

fotografiert, die Fotosprojiziertsie dann aufObjekte,

die mit Haaren assoziiert sind: Bänder, Haarteile, Tücher, Caps.

Ojo: „Mit den Haaren sind viele Geschichten verbunden, aber auch

verloren gegangen. Sie aufzuarbeiten wäre ein Lebensprojekt.“

14 Kulturmagazin


Kunst aus der Realität. Abiona

Esther Ojo,Absolventin der Klasse

Bildhauerei/Raumstrategien.

Kulturmagazin 15


In ihrem Element. SaraLanner,

Absolventin der Performativen

Kunst,Klasse Carola Dertnig.

Sie hat ein abgeschlossenes Tanzstudium und ist als Choreografin,

freischaffende Tänzerin und Performance-

Künstlerin tätig. Trotzdem entschied sich Sara Lanner,

nochmals zu studieren, und machte2015ander Akademie

die Aufnahmeprüfung für Performative Kunst. „Ich wollte nicht

nur interpretativ arbeiten, sondern auch in neuen Formaten und

Kollaborationen. Es interessiert mich, Dinge zuübersetzen und in

einen anderen Kontext zubringen“, sagt sie. „Die Performance ist

mein ganz persönliches Interesse. Schon als Kind hatte ich mir

kleine Szenen, Performances, Choreografien ausgedacht.“ In ihrer

Kunst arbeitet SaraLanner daran, die unterschiedlichen performativen

Traditionen zusammenzuführen. „Für viele bin ich ein Alien,

weil der Graubereich zwischen Tanz und Kunst noch nicht sehr

ergründet ist.“ Oft ergänzt und erweitert sie den Raum der Performance

um skulpturale Elemente, Objekte oder Wandzeichnungen.

Oder sie entwickelt Performances für Galerieräume, die später auf

Bühnen aufgeführt werden. „Ein Galerie- oder Ausstellungsraum

ermöglicht, anders als ein Bühnenraum, die Performance nicht

nurzukonsumieren, sondern direkt zu erleben. Das istein Prozess

desgemeinsamen Denkens zwischen mir und dem Publikum.“

16 Kulturmagazin


Grenzgänger. Christian Rothwangl,

Fachbereich Grafik und

druckgrafische Techniken.

Die Bilder von Christian Rothwangl kommen bald farbigbunt

daher, bald sind sie reduziert auf die Nichtfarben

Schwarz, Grau und Weiß. Bisweilen präsentieren sie sich

linear, jasogar recht filigran, mit einem Schuss Ornamentalität,

dann aber auch wieder recht flächig und orientieren

sich an Alltagsobjekten als einfachen Formvorlagen. Als Materialien

verwendet Rothwangl Tusche ebenso wie Acrylfarbe, als Malwerkzeug

eher Pinsel als spitze Stifte.

Ist es nun Malerei oder Zeichnung? Esist der schmale Grat zwischen

diesen beiden Medien, dem sich der gebürtige Steirer, Jahrgang

1993, der nach dem Studium in Wien, London und Hamburg

sein Diplom nun imFachbereich Grafik und druckgrafische Techniken

bei Christian Schwarzwald ablegen wird, mit seinen Arbeiten

verschrieben hat. „Ich bin irgendwann an einen Punkt gekommen,

wo ich die Farbe gebraucht habe“, sagt er. Mit seiner

Abschlussarbeit geht Christian Rothwangl noch einen Schritt weiterund

stellt einer Gruppe vonkleinformatigen Werken eine übergroße,

in die Waagrechte gekippte Bodenarbeit imAusmaß von

mehr als zwei mal vier Metern entgegen. Die Erfahrung desRaums

wirdauf diese Weisevon der Malerei buchstäblich ins Bild geholt.

Kulturmagazin 17


Pille-Riin Jaik hat inden letzten Jahren

Filme und Videos vorgelegt, deren Bildsprache

und Atmosphäre von dunkler

Melancholie geprägt sind. Aufmerksamkeit

erregte die estnische Künstlerin auch mit

handgemachten Papierblumen aus zerschnittenen

Archivmaterialien der Akademie, mit denen

sie versuchte, dem viele Jahrzehnte erschwerten

Zugang von Frauen zum Studium materielle

Form zu geben. Als medienspezfisch würde

Jaik – sie hatte in Tallinn Fotografie studiert,

bevor sie 2015 nach Wien an die Klasse Kunst

und digitale Medien vonConstanze Ruhm kam –

ihre Arbeitsweise jedoch nicht beschreiben.

„Abhängig vom Konzept und den äußeren Rahmenbedingungen

variiert mein Medium zwischen

Videokunst und Performance bis hin zu

performativenSkulpturen“, sagtsie.

Immer wieder kommen auch recycelte Materialien

ins Spiel, von Abfall, alten Textilien, Archivalien

bis hin zu eigenen wiederverwerteten

Arbeiten. Die Videoaufnahmen für ihr neuestes

Filmprojekt „Xeroines“ –eine Multichannel-Installation,

die zugleich auch ihre Abschlussarbeit

ist –hat sie im Sommer in Estland gedreht. Über

Bilder von Schauplätzen wie aufgegebenen, von

der Natur überwucherten Kasernen legt sich

wie eine Geisterstimme aus der Vergangenheit

eine Tonspur mit feministischen Texten von

Philosophinnen und Schriftstellerinnen.

Multimedial. Pille-Riin Jaik ist

Absolventin des Fachbereichs

Kunst und digitale Medien.

18 Kulturmagazin


TONKÜNSTLER

ORCHESTER

NEUJAHRS–

KONZERT 2021

IM MUSIKVEREIN

WIEN

SO 3 JÄN 21,15.30 UHR

DI 5 JÄN 21, 15.30 UHR

DO 7JÄN 21,19.30 UHR

Tickets von 30bis 75 Euro

Sopran BEATE RITTER

Dirigent ALFRED ESCHWÉ

T: +43 1586 83 83

tickets@tonkuenstler.at

tonkuenstler.at

O R C H E S T E R


20 Kulturmagazin

Danielle Pamps Kunst ist queer und voller

Widersprüche. Ihre Bilder und

Zeichnungen umkreisen geradezu

obsessiv die eigene Gefühlswelt. Wie

ein roter Faden durchzieht die Auseinandersetzung

mit der eigenen Geschichte und Identität

ihr Werk. Dem steht eine geradezu kristallin

anmutende analytische Darstellungs- und Sichtweise

gegenüber –als würden die Verhältnisse

durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Klare

Farben, harte Kontraste und Linien dominieren.

„Ich habe eine sehr existenzielle Perspektive,

meine Themen sind immer autobiografisch“, sagt

Danielle Pamp,„es geht um Erinnerungen, Erfahrungen,

Transgenderness und das alltägliche

Leben vonPersonen, die wie ich sind.“

In ihrer Diplomarbeit im Fachbereich Grafik und

druckgrafische Techniken setzt sich Pamp auf

der Grundlage von Alben und Archiven mit den

Geheimnissen, Geschichten und Traumata ihrer

Familie auseinander. Aufgewachsen in einer

Künstlerfamilie –die Großmutter war Malerin,

der Großvater Bildhauer, die Mutter Textilkünstlerin

–, war die Beschäftigung mit künstlerischen

Dingen für das Kind etwas Organisches. Mehr

und mehr wurde allerdings die religiöse Obsession

von Teilen der Familie zum Auslöser von

Konflikten und Zweifeln –bis hin zum Bruch.

Erinnerungsarbeit. Danielle

Pamp kam2015 aus Stockholm

zum Studium nach Wien.


„Der Wunsch, die Kunst weiterhin real zu zeigen, hatimmer bestanden.“

Sie ist der krönende Abschluss des Studienjahrs

und ein Fixpunkt im Kalender von Künstlern

und Studierenden, Sammlern, Galeristen, Ausstellungskuratoren,

Kunstkritikern und anderen

Kunstprofis: die Präsentation der Abschluss- und Diplomarbeiten

an den Kunstuniversitäten. Dabei treffen

verschiedene Interessen aufeinander: Die einen wollen

sich und ihre Kunst zeigen, die anderen künstlerischen

Nachwuchs scouten, sei es für die eigene Sammlung,fürs

Galerieprogramm oder für kommende Ausstellungsprojekte.

Und viele wollen sich einfach nur

informieren.

Während die Diplomausstellung der

Akademie der bildenden Künste Wien

üblicherweise inder letzten Juni-Woche

stattfindet, ist in diesem Jahr alles

anders. Nicht nurhat sich die Sanierung

des Hauptgebäudes am Schillerplatz

etwas verzögert. Auch der Juni-Termin

ist der Pandemie zum Opfer gefallen.

Eine Präsentation im Herbst ist zwar

nicht irregulär, allerdings stehen aufgrund

des laufenden Betriebes imAusweichquartier

Augasse 2–6 in der ehemaligen

Wirtschaftsuni eigentlich keine

Räume zur Verfügung. „Es ist immer

noch Sommersemester, aber wir sind in

der Nachfrist“, sagt Ingeborg Erhart,

Vizerektorin für Kunst und Lehre. Diese

Nachfrist bringt noch einen weiteren

Umstand mit sich: Eine überdurchschnittlich

große Anzahl ausstellungswilliger

Absolventen und Absolventinnen.

„Weil sich viele Termine nach

hinten verschoben haben, gibt es in diesem

Jahr viel mehr Diplomierende“, erklärt Ingeborg

Erhart.

Ausstellen im Nachsommer. Die Möglichkeit, sich im

zentral gelegenen Stephanushaus mit einer Pop-up-Ausstellung

zu präsentieren, bevor das ehemalige Priesterund

Gästehaus mit dem Sechziger-Jahre-Flair in ein Caritashotel

umgebaut wird, kam daher wie gerufen. Ein

zweiter Schauplatz ist die „Spezialschule für Bildhauerei“

als Außenstelle in der Kurzbauergasse. Das Format

Ausstellung stand dabei zu keinem Zeitpunkt in Frage.

„Es bestand an der Akademie immer der große Wunsch,

mit den Abschlussarbeiten nicht in den digitalen Raum

auszuweichen, sondern die Kunst weiterhin real zu zeigen.

Sowohl das Rektorat als auch der Ausstellungsbereich

waren der Meinung, dass ein schnelles Switchen

des Präsentationsmodus nicht ideal ist“, sagt Stephanie

Expertise. Vizerektorin

Ingeborg

Erhart und Ausstellungskuratorin

Stephanie

Damianitsch.

Tipp

„Parcours.Abschlussarbeiten.2020“.

14. 11.–22. 11.2020,

magdas HOTEL im Stephanushaus,Ungargasse

38,

1030 Wien &Bildhauerateliers,

Kurzbauergasse 9,

1020 Wien, www.akbild.ac.at

Damianitsch. Sie ist nicht nur Kuratorin der Abschlussausstellung,

sondern an der Akademie generell für den

Ausstellungsbereich verantwortlich, sowohl auf der

praktischen als auch theoretischen Ebene.

Mehr und mehr verfestigte sich der Gedanke, „lieber

zuzuwarten und etwas richtig Großes zumachen“, so

Damianitsch. „Die Möglichkeit, spannende Arbeiten in

einer solchen Dichtezupräsentieren und alle Fachbereiche

und Medien zu einem Überblick zu bündeln, haben

wir sonst nicht.“ Mit Ausnahme einiger theoretischer

Arbeiten, die aus diversen Gründen

digital oder hybrid eingereicht wurden,

werden nun rund 50 Abschlussarbeiten

aus den verschiedenen Instituten „in

echt, Farbe und live“ präsentiert. Das

Gros stellt dabei das Institut für bildende

Kunst (IBK) mit seinen siebzehn

Fachbereichen von Abstrakter Malerei

bis Zeichnen. Jede Arbeit kann hier als

Einzelpräsentation in einem eigenen

Raum präsentiert werden. Dazu kommen

die Diplome der Institute für Konservierung/Restaurierung,

Architektur

künstlerischesLehramt,Kunst- undKulturwissenschaften

sowie Naturwissenschaften

und Technologien. Die Absolventen

des Master in Critical Studies

werden auf einer eigenen Etage eine

kompletteAusstellung entwickeln. „Dieser

Ort hier ist sehr reizvoll“, sagt

Damianitsch. „Man darf aber nicht übersehen,

dass die Ausstellung zugleich

auch die Diplomprüfung ist.“

Generell rückt das Ausstellen auch in

der Lehre wieder verstärkt in den

Fokus Das soll sowohl im Haus mehr etabliert werden

als auch in die Öffentlichkeit hinausgetragen werden.

Ingeborg Erhart: „Ausstellen und Praxis sollen als Themen

mehr mit der künstlerischen Produktion verbunden

werden. Ich muss bereits als Student lernen, mit

einer räumlichen Situation umzugehen.“ Stephanie

Damianitsch, die als Kuratorin auch in Form von Team-

Teachings immer wieder indie verschiedenen

Fachbereiche miteinbezogen wird, beobachtet

zudem, dass Diplome zunehmend als Ausstellungsgut

interessant werden. „Umso wichtiger

ist es, sich schon während des Studiums Reflexionsgabe

anzueignen. Ein Kurator erzeugt

immer eine Narration. Was passiert dabei mit

meiner Arbeit? Es ist wichtig, das zu verstehen,umsich

und seine Kunst nichtinstrumentalisieren

zu lassen.“ e

22 Kulturmagazin


ABSTRAKT

geometrie+konzept

24.09. 202010. 01. 2021

Burggasse 8|9021Klagenfurt am Wörthersee

Di–So 10.00–18.00, Do 10.00–20.00 Uhr | www.mmkk.at

Esther Stocker, o.T., 2007, Acryl auf Baumwolle, 140 x160 cm (Detail)

Foto: Ferdinand Neumüller |Bezahlte Anzeige


Vernetzt. Angela Stief ist seit Sommer

Chefkuratorin der Albertina Modern.

Denkräume für

neue Köpfe

Elfenbeinturm war gestern. Kunst hat heute mit

Öffnung, Offenheit und Öffentlichkeit zu tun. Über

drei neue Protagonisten der Wiener Kunstszene.

Text: Johanna Hofleitner

Fotos: Christine Pichler

Sie liebt große Brillen, schrille Outfits,

die Kunst von Outsidern und

die Freiheit, die sie aus ihrer

Arbeit mit der Kunst zieht. Diese

Freiheit hat Angela Stief die letzten sieben

Jahre ausgekostet und genossen, bevor sie

Albertina-Direktor Klaus-Albrecht Schröder

im Juli als neue Chefkuratorin der

Albertina Modern vorstellte. Eine Fülle

freier Projekte und ihr Beitrag zur Eröffnungsschau

der Albertina Modern über

das Kunstgeschehen in Österreich von1945

bis 1980, „The Beginning“, waren eine hinreichend

starke Empfehlung.

Vice versa nahm die frühere Kuratorin der

Kunsthalle Wien bereitwillig die Herausforderung

an, fortan mit dem insgesamt rund

60.000 zeitgenössische Werke umfassenden

Bestand beziehungsweise eigentlich

sämtlichen 400.000 Inventarnummern der

Albertina zu arbeiten. „Dieser Reichtum des

Hauses gefällt mir und erfreut mich“, sagt

sie. „Denn ich bin nicht nur Kuratorin für

zeitgenössische Kunst,sondernauch Kunsthistorikerin.

Darum interessiert mich die

Befragung von Geschichte extrem.“ ImFall

von „The Beginning“ war das etwa die Auseinandersetzung

mit den Wurzeln der zeitgenössischen

österreichischen Kunst. Stief:

„Als Kuratorin muss ich auch Ordnungskriterien

schaffen und den Zeitgeist zeigen,

derdamalsherrschte.“

Für ihr nächstes großes Projekt in der

Albertina Modern richtet Stief ihr Augenmerk

auf die 1980er-Jahre. Hier will sie

auch weniger bekannte Positionen zeigen,

die aber etwas Eigenständiges und Neues

begonnen haben –abseitsvon Strömungen.

„Ich hatte immer schon ein Faible für Solitäre“,

sagt sie. In diesem Sinn interessiert

sie etwa eine Künstlerin wie Birgit Jürgenssen

in all ihrem Facettenreichtum. Ein

anderer Aspekt des Projekts ist die Gegenüberstellung

der Malerei der Neuen Wilden

mit der Kunst der amerikanischen Pictures-Generation

und der Transavanguardia.

Expression trifft hier auf Appropriation,

Figuration aufAbstraktion. Ein Anliegenist

es ihr schließlich, den Frauenanteil in den

Ausstellungen zu erhöhen.

„Ich will mit dem, was ich tue, nicht nur

eine Elite bedienen, sondern habe auch

einen Bildungsauftrag“, beschreibt sie ihr

Credo. Deswegen hat sie sich auch ausbedungen,

neben der Museumsarbeit weiterhin

freie Projekte realisieren zu können –

als Kuratorin der Vienna Art Week bei-

24 Kulturmagazin


spielsweise oder der Ausstellungen der

Österreichischen Gesellschaft vom Goldenen

Kreuze, für die sie seit 2018 Outsider-

Ausstellungen programmiert.

Nah ander Gegenwart. Sie hat Kunstgeschichte

und Politikwissenschaft an der

Universität Wien und Critical Studies an

der Akademie der bildenden Künste Wien

studiert sowie Erfahrungen bei der Architekturbiennale

und als wissenschaftliche

Mitarbeiterin im Kulturbereich gesammelt.

Frauenfragen und Geschlechtergerechtigkeit

sind Katharina Brandl genauso ein

Anliegen wie die Offenheit für die Fragen

der Zeit. Hier laufen die verschiedenen

Fäden zusammen, die die junge Kuratorin

und Wissenschaftlerin vor eineinhalb Jahren

bewogen haben, sich um die Position

der künstlerischen Leitung des Kunstraums

Niederösterreich zu bewerben. Das

programmatische Bekenntnis des Ausstellungsraums

zur Zeitgenossenschaft und

Brandls eigene interdisziplinäre Neugier

»

Interdisziplinär.

Katharina Brandl leitet

seit Herbst 2018

den Kunstraum

Niederösterreich.

„Wir wollen mit dem Kunstraumeine Atmosphäre

schaffen, die wohlwollend und gutheißend sein soll.“

KARLSRUHE

JETZT

TICKETS

SICHERN

art-karlsruhe.de/

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Klassische Moderne und Gegenwartskunst

25.–28. Februar 2021 |Messe Karlsruhe

www.art-karlsruhe.de


Expositur. Johan Frederik

Hartle, Rektor der

Akademie der bildenden

Künste Wien.

bevor 2019 dann der Ruf andie Akademie

der bildenden Künste Wien folgte –eine

Stadt, die für Hartle kein Neuland ist, hatte

er hier doch 2001 ein Verlagsvolontariat

gemacht. Seine Aufgaben als Rektor hatte

er sich aber wohl anders vorgestellt. Während

die Bereiche Forschung und Internationalisierung

sowie die Profilierung des

Verhältnisses von Kunst und Öffentlichkeit

als Schwerpunkte auf der Agenda stehen,

drängte sich mit dem Lockdown die Frage

des Pandemie-Krisenmanagements in

Zusammenhang mit der Einschränkung

des Lehrbetriebs in den Vordergrund.

Hartle: „Corona ist ein anderer sozialer

Aggregatzustand.“

Ein großes Projekt ist die Rückübersiedlung

der Akademie im Winter ins sanierte

Hauptgebäude am Schillerplatz. Dann

kann auch wieder mit dem Haus gearbeitet

werden. „Die Potenziale der Akademie sollen

dann wesentlich stärker genutzt und

sichtbar gemacht werden“, sagt er. „Es gilt,

aus der Wechselwirkung von Gegenwart

und Vergangenheit neue Erlebnisräume zu

schaffen. Wir wollen aber die Schillerplatz-

Fixierung auch hinter uns lassen und hi-

Es geht um Sichtbarkeit.Die Kunst hateine strukturelle

Verpflichtung,auch in öffentliche Räume einzugreifen.

»

ergaben ein perfektes Matchmaking. „In

welcher Zeit leben wir eigentlich? Was

bedeutet es, wenn wir davon sprechen, in

einer algorithmisierten Gegenwart zu

leben?“, beschreibt sie ihren Ansatz, dessen

Prämisse es ist, stetsnah an der Gegenwart

zu sein. Das spiegelt sich auch in den

Themen der von Katharina Brandl programmierten

Gruppenausstellungen: Da

geht es um die gesellschaftlich geringe

Relevanz von Fürsorge heute, Fragen der

Unsterblichkeit, die Zukunft der Natur in

einer technologisierten Gegenwart. „Die

Gegenwartskunst hatoft einen elitistischen

Hauch“, sagt sie. „Dem wollen wir entgegensteuern

durch eine Atmosphäre, die

gut, wohlwollend und gutheißend sein soll

–auch im Umgang mit den Künstlern und

Künstlerinnen, von denen viele hier zum

ersten Mal Erfahrungen in der Zusammenarbeit

mit einer Institution machen.“ Und

schließlich ist ihr auch die Vermittlung ein

großesAnliegen. „Der Sinn öffentlicher Institutionen

ist es, zum Diskurs beizutragen“,

sagt Brandl. „Als Denk- und Wahrnehmungsraum

können wir Geschichten

erzählen und Räume schaffen, die vielleicht

neue Zugängezur Welt schaffen.“

Sichtbarkeit erzeugen. Johan Frederik

Hartles Spezialgebiet ist die Philosophie.

Seit 2008/09 lehrte er dazu an zahlreichen

Universitäten von Vancouver bis Hangzhou.

Eine Professurander Hochschule für

Kunst und Gestaltung in Karlsruhe mündete2018

in ein kommissarischesRektorat,

nausgehen.“ Vorstellbar sind Pop-up-Situationen

oder Zwischennutzungen. Hartle:

„Ausstellungen sind eine Praxisform, die

eine Öffentlichkeit adressiert. Die Kunst

hat aber auch die strukturelle Verpflichtung,

inöffentliche Räume einzugreifen.“

Da schwingt nicht nur die Absicht mit,

mehr Sichtbarkeit zu erzeugen, sondern

auch der Wunsch nach mehr Quadratmetern.

Und auch die Lehre soll internationalisiert

werden – inhaltlich wie personell.

„Es geht um die Dekolonialisierung der

Kunst –darum, den nordatlantischen Blick

zu überwinden und auch Partnerschaften

mit Schwellenländern einzugehen“, sagt

Hartle. „Denn die Anzahl internationaler

Lehrender steht in keinem Verhältnis zur

Internationalität derStudierenden.“ e

26 Kulturmagazin


Kulturherbst in Krems

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG

Die Kunstmeile Krems als einzigartiges Kulturareal in der bezaubernden Doppelstadt

Krems-Stein verspricht auch im Herbst hochkarätige Ausstellungen am Torzur Wachau.

Ausstellungsansicht im Karikaturmuseum Krems.

Die Landesgalerie Niederösterreich überzeugt

auch durch ihre Architektur.

Die Fotoserien von Robin Rhode sind noch

bis 1. November zu sehen.

Die Landesgalerie Niederösterreich

hat sich als wichtiger

Kulturträger etabliert.

Fotos: Faruk Pinjo, Raffael F. Lehner, Christian Redtenacbher, The Artist Robin Rhode

Die Landesgalerie Niederösterreich ist das

jüngste Ausstellungshaus auf der Kunstmeile

Krems. Der spektakuläre Museumsneubau

am neuen Museumsplatz antwortet mit

Themen- und Personalausstellungen auf Fragen der

Gegenwart. Die aktuelle Ausstellung „Spuren und Masken

der Flucht“ ist eine der wenigen musealen Kunstausstellungen

der letzten Jahre, die sich mit einem der

gesellschaftspolitisch relevantesten Themen unserer

Zeit auseinandersetzen: mit Flucht und Migration. Die

Schau möchte jenseits von kolportierten (Flüchtlings-)

Zahlen und Fakten, jenseits medialer Aufregungen und

politischer Debatten mittels einzelner künstlerischer

Positionen und Werke individuelle Geschichten erzählen.

Mit Malereien, Fotografien, Videoarbeiten, Installationen

und Skulpturen geht sie den Fragen nach, welche

Schicksale sich hinter medial erzählten Fluchtberichten

verbergen, was es für den einzelnen Menschen

heißt, seine Gemeinschaft zu verlassen, sich in völlige

Unsicherheit und Lebensgefahr zu begeben und –

wenn die Flucht gelingt –ineinem fremden Land

heimisch zu werden.

Internationales Kunstschaffen und Comic-Helden der

1960er-Jahre. Ebenso am Museumsplatz liegt die

Kunsthalle Krems, das internationale Ausstellungs-

Tipp

Kunstmeile Krems,

Museumsplatz 5,3500 Krems

Mehr zumAusstellungsprogramm

&Öffnungszeiten:

www.lgnoe.at

www.kunsthalle.at

www.karikaturmuseum.at

www.forum-frohner.at

haus des Landes Niederösterreich für zeitgenössische

Kunst. Bis 1. November sind noch die farbgewaltigen

Fotoserien in Street-Art-Ästhetik des südafrikanischen

Künstlers Robin Rhode zu sehen. Ab 21. November

widmet die Kunsthalle Krems der indonesischen Fotografin,

Filmemacherin und Videokünstlerin Fiona Tan

die erste große monografische Ausstellung in Österreich.

Das gegenüberliegende Karikaturmuseum

Krems zählt zu den wichtigsten europäischen Museen

seiner Art. Die Sonderausstellung „Fix &Foxi XXL. Die

Entdeckung der Schlümpfe, Spirou und Lucky Luke“

präsentiert die bunte Welt der Comic-Helden der

1960er-Jahre.

Adolf Frohner und seine Zeit. Nur fünf Gehminuten

vom Museumsplatz entfernt befindet sich das Forum

Frohner im Komplex des ehemaligen Minoritenklosters.

Das Forum ist dem Schaffen des österreichischen

Künstlers Adolf Frohner und seiner Zeit

gewidmet. In der aktuellen Ausstellung „Antworten

auf die Wirklichkeit“ werden Frohners

Begegnungen mit dem Nouveau Réalisme

beleuchtet. Frohner lernte die Kunstströmung

auf seinen Reisen nach Paris in den 1960er-

Jahren kennen, die anschließend deutlichen

Niederschlag in seinen Werken fand.

Kulturmagazin 27


Hausgemeinschaft. Permanent

am Werk in der

Burggasse 98 sind Martijn

Straatman, Maria Scharl,

Frank Maria, Niklas Worisch,

Teresa Berger (v.l.).

kaufen kann, etwa in Form eines Tickets –

da sind keine Limits gesetzt“, so Frank

Maria. Niklas Worisch und er leiten gemeinsam

die Aktivitäten der Burggasse 98.

Frank Maria hat an der Akademie der bildenden

Künsteinder Klasse für Grafik und

druckgrafische Techniken bei Gunter

Damisch studiert, Worisch an der renommierten

Designacademy Eindhoven in

den Niederlanden –inder Burggasse vermengen

sich ihreTätigkeitsbereiche.

Erweiterter

Originalbegriff

Hinter der bemalten Fassade eines Hauses inder

Wiener Burggasse tut sich ein Kreativraum auf, der

Kunst und Design zusammenbringt. Text: Paula Watzl

Designgalerie, Kreativhub und

interdisziplinäre Produktionsstätte.

Die Burggasse 98, das

bemalte Haus am oberen Ende

der quirligen Burggasse in Wien Neubau,

hat sich schon oft neu erfunden und kann

wohl als Gesamtkunstwerk des21. Jahrhunderts

gelten. Mit einem Containerpool vor

dem Gebäude hat man im Sommer

2019 dem Gürtelprojekt von 2020 vorgegriffen;

mit dem Festival „Design

Days“ konnte wiederholt eine aufstrebende

Designergeneration nach Wien

geholt werden, und mit diversen Projekten

an der Seite von Starkoch Lukas

Mraz testen die Betreiber immer wieder

die fluiden Grenzen desLabels „Design“

aus, etwa mit der Herausgabe limitierter

Kunstkochbücher und Pop-up-Happenings

zur Präsentation dieser.

„Auch Events sind für uns Kunst. Ein

Happening kann Kunst sein, die man auch

28 Kulturmagazin

Intelligente Serie. Die zweite Edition von B-98

schufen Elisa Alberti und Simone Oberlechner.

Leistbare Kunst. Kunst und Design sind

die Ankerpunkte des Hauses, ein Haus,

das selbst Kunstwerk ist. Die Fassade

wurde 2014 von wichtigen Protagonisten

der Wiener Street-Art, nämlich Knarf,

Mafia Tabak und Fresh Max, bemalt, ist

aber, wie alles an dieser Adresse, kein

festgeschriebener Umstand, sondern im

Wandel begriffener Zwischenstatus. Ein

Projekt, das sich nun allerdings als permanent

herauskristallisiert, ist die Marke

„B-98“. Unter dieser Formel werden seit

Anfang des Jahres leistbare Kunsteditionen

produziert, die nah am Design

gedacht werden.

Gebrauchsdesign mit Kunstanspruch,

von eingeladenen Künstlern und Designern

konzipiert: Die erste so gestaltete

Edition ist eine aus Beton gegossene

Lampe von Designer Anton Defant und

Architekt Rupert Zallmann (Madame

Architects), die inzwischen vergriffen ist.

„Bei der Untersuchung der Eigenschaften

von flüssigen Gießmaterialien wie Beton

und Gips spielt das Duo mit dem Maßstab,

indem es die Grenze zwischen funktionellem

Objekt, Skulptur und architektonischen

Referenzen verwischt“, sagen die

Herausgeber über das Projekt.

Ehe 2021 eine Edition mit Industrial

Designer Marco Dessí in Produktion geht,

wirdEnde Oktober die zweiteEdition lanciert

– eine Vase in 30 Ausformungen,

geschaffen von Elisa Alberti und

Simone Oberlechner. Anders als bei

herkömmlichen Kunsteditionen handelt

es sich nicht um 30 idente

Abzüge, die signiert und durchnummeriert

werden, sondern um 30

Einzelstücke, die als eine „intelligente

Serie“, wie es heißt, produziert

werden und ab 120 Euro erhältlich

sind.

Edition kommt vom lateinischen

„editio“ und bedeutet „Herausgabe“

und bezeichnet ganz generell einen angenehmen

und niederschwelligen Einstieg

Fotos: Niko Havranek, Eva Lena Gagern.


„Wir versuchen Künstler dazu zu bringen, Dingezutun,

die sie normalerweisenicht machen würden.“

in die Welt des Kunstkaufs. Denn daEditionen

den Begriff„Original“erweitern, sindsie

günstiger als einzelne, eigenständige Kunstwerke.

BeiB-98 verbindensich die Ideenvon

Original und Serie zueiner neuen Mischform,

wie überhaupt das Verbindende großgeschrieben

wird. „Wir wollen Gebrauchsgegenstände

leiwand machen“, erklärt Frank

Mariadie Visionvon B-98.

Elisa Alberti ist eine erfolgreiche, aufstrebende

bildende Künstlerin, Simone Oberlechner

ist Sozialarbeiterin und Keramikerin:

Auch außerhalb der jeweils angestammten

Disziplin neue Techniken zu

erarbeiten und Ideen sowie Kompetenzen

zusammenzuführen ist eine der Grundideen

der B-98-Editionen, deren Initiatoren

zur Erstpräsentation des Objekts am

31. Oktober auch ein großes Gesamterlebnis

mit frischer Ofenpizza von Lukas Mraz

planen. Doch B-98 sorgt nicht nur für Aufmerksamkeit

rund um Kunst und Design,

sondern sieht sich vor allem als „Ermöglicher“

und begleitet die Editionen oft auch

essenziell in der technischen Umsetzung.

Produziert wird direkt in der Burggasse,

schließlich findet sich im Untergeschoß ein

Produktionsparcours der Sonderklasse –

vom eigenen Keramikofen über eine Siebdruckmaschine

biszum Metallraumfür die

gröberen Arbeiten.

Permanent werden diese Werkstätten von

den Jungdesignern Martijn Straatman (Studio

Tinus) und Teresa Berger, die beide an

der Designacademy Eindhoven studiert

haben, und Maria Scharl, die an der New

Design University St. Pölten studiert hat,

genutzt, doch auch Gäste sind willkommen.

Im Keller der Burggasse 98 wird

einerseits Beton gegossen, während andererseits

auch Projekte entstehen, die im

Stadtraumauf Betongespraytwerden.

Kunst-Design-Schmelze. Etwa in Zusammenarbeit

mit Kunst im öffentlichen Raum

Wien (KÖR), für die man gemeinsam mit

„Wien 3420“ und der „Inoperable Gallery“

das Mural-Projekt „Beautification“ des

internationalen Stardesigners Stefan Sagmeister

und dessen Grafikbüro Sagmeister

&Walsh inder Seestadt ausführte. Typografien

und grafische Elemente, welche die

Wand entlang der Janis-Joplin-Promenade

„verschönern“, wurden von Sagmeister initiiert

und von der Designagentur B-98 im

Sommer 2019 ausgestaltet. Beratend und

ausführend agieren Niklas Worisch und

Frank Maria inProjekten wie diesen. „Wir

versuchen die Schmelze von Kunst und

Design zu pushen“, so Worisch, „wollen

Künstler dazu bringen, neue Techniken zu

erproben und Dinge zutun, die sie normal

nicht machen würden. Wir machen das

dann technisch möglich.“Neben den Werkstätten,

dem Showroom und einem vielfältig

genutzten Hof gibt es im Haus auch ein

Artist-in-Residence-Studio, ein Piercingstudio

und ein Filmschnittstudio.Ein kollegialer

Kreativcluster, der die Coronazeit

zur eigenen Professionalisierung nutzen

konnte und mit seinen Designeditionen

nuneine kleine Marktlückeauftut. e

Tipp

Launch-Event.Die zweite

Edition des B-98-Labels wird

am 31. Oktober vorgestellt,

14–20 Uhr,Details auf

www.burggasse98.com

NACH UNS DIE

Frank Thiel, Perito Moreno #04, 2012-2013 ©Frank Thiel, Bildrecht, Wien, 2020

BIS 14.02.21

UntereWeißgerberstraße 13 |1030 Wien |Täglich 10:00-18:00 | www.kunsthauswien.com


Flower-Power. In ihren performativ

angelegten Werken arbeitet die

Künstlerin Elisabeth von Samsonow

auch mit Mythen und Ritualen.

Fotos: Schreibtisch der Anthropologin, 2020 Astrid Bartl; eSeL.at/Lorenz Seidler;;

30 Kulturmagazin


Geheimnisse von

Kunst und Alltag

Unter dem Motto „Living Rituals“ erschließt die

Vienna Art Week einmal mehr neue Wege der

Kunstvermittlung und -präsentation.

Text: Johanna Hofleitner

Die bevorstehende Vienna Art Week hat diesmal

„Living Rituals“ als Motto auf ihre Fahnen

geschrieben. Dabei ist die Kunstwoche, die

2020 zum 16. Mal stattfindet, inerster Linie

selbst ein Ritual. Mit ihrem geballten Programm aus

Talks, Screenings, Touren, Panels, Performances und

dergleichen ist sie ebenso ein fixer Teil des Kunstjahres,

wie Ostern oder Weihnachten zum bürgerlichen Kalender

gehören –einzig, dass es in diesem Jahr mit der

Selbstverständlichkeit nicht ganz so weit her ist.

„Im März haben wir uns schon kurz gefragt, ob wir das

Ganze überhaupt durchführen können“, sagtVienna-Art-

Week-Chef Robert Punkenhofer. Der umtriebige Kulturmanager,

Networker, Kunst- und

Ideensammler, Entrepreneur, Designliebhaber

und bis2017Wirtschaftsdelegierte

in Barcelona hatte die Kunstwoche

2004 ins Leben gerufen und

seitdem als Mastermind von einer

anfänglich sehr elitären Veranstaltung

in Richtung eines offenen Formats

entwickelt. „Uns war schnell

klar: Wir wollen das auch in diesem

Jahr machen.“

Kein Mangel an Ideen. Das durch

den Lockdown notwendig gewordene

Umdenken in Richtung Digitalisierung

auf allen Ebenen (was in vielen

Bereichen als Sprung ins kalteWasser

erlebt wurde) hatte die Vienna Art

Week bereits vorbereitet durch eine

digitale Plattform, auf der seit Herbst

2019 laufend Content geliefertwurde.

Auch an Leitmotiven und Slogans

bestand kein Mangel. Was inVor-Corona-Zeiten

als „Vienna ArtWeekYearAround“programmiertworden

war, wurdeimKrisenjahr 2020 zur Durchhalteparole

umgepolt: „Vienna Art Week in Times ofCrisis“.

So konntevon Anfang an digital geplant werden –bis hin

zur Möglichkeit der digitalen Durchführung von Veranstaltungen

–eine Option, die angesichts beschränkter

Teilnehmerzahlen wohl oder übel zumindest mitgedacht

werden muss. Vor diesem Hintergrund war es

auch mehr als logisch, für diese Ausgabe insbesondere

Künstlerinnen und Künstler, Akteurinnen und Akteure

Studio-Flair. Während

der Open

Studio Daysgewähren

rund 100

Künstlerinnen und

Künstler Einblicke

hinter die Kulissen

ihres Schaffens.

„Der ritualisierte Körper isteine

prunkvolle Bühne, in die sich

Geheimnisse und Gottheiten

einschreiben.“

Byung-Chul Han

in den Blick zu nehmen, die in Wien leben und arbeiten –

ein Appell, der auch an die Programmpartner weitergegeben

wurde. Think global, act local sozusagen, neu

gedacht.

Lebendige Rituale. „Living Rituals“ also. Das Leitthema

impliziert gleichermaßen ein Plädoyer dafür, Rituale zu

leben, wie auch die Intention, den Fokus auf lebendige

Rituale zu legen. Pate stand dafür der koreanisch-deutsche

Philosoph Byung-Chul Han mit seinem Essay „Vom

Verschwinden der Rituale“, in dem er sich für eine Rehabilitierung

des Begriffs nicht zuletzt auch in einem

lebensästhetischen Sinn einsetzt: „Der ritualisierte Körper

ist eine prunkvolle Bühne, in die sich Geheimnisse

und Gottheiten einschreiben“, schreibt er. Die Art Week

denkt nundas Ritual gewissermaßen fort –ineinem vorrangig

zeitgenössischen, allgemeinen und philosophischen

Sinn: als nicht nur, aber auch strukturgebender

Bestandteil desLebens, vomAlltag biszur Kunst: vonder

Morgentoilette über die Zigarette danach bis zuBegrüßungsritualen,

neumodische wie der Wuhan-Shake oder

der Thai-Gruß miteingeschlossen; vom Mund-Nasen-

Schutzgar nicht zu reden.

Um zur Kunst zurückzukehren: Auch Künstler haben

Rituale. Allein der Gang ins Atelier selbst leitet ein Ritual

ein: Sich tagaus, tagein der Kunst hinzugeben. Der Zeichner

Klaus Mosettig treibt es weiter, indem er, kaum dass

er sein Atelier betritt,allmorgendlich unzähligeBleistifte

spitzt.Oft wohnen auch der Kunst selbst rituelle Formen

inne –imFall desMalersRobertSchaberl

zum Beispiel der Kreisel, an dem

er sich in konzentrisch-abstrakten Bildern

seit Jahrzehnten in immer

neuen Formatenund Farbvariationen

abarbeitet. Die Künstlerphilosophin

Elisabeth von Samsonow wiederum

bringt das Thema in all seiner Schönheit

und Selbstbezüglichkeit aufs

Tapet,wenn sie sich selbst als Subjekt

ins Zentrum des „Schreibtischs der

Anthropologin“ setzt. Für Hermann

Nitsch schließlich stehen Rituale per

se im Zentrum seines Lebenswerks

„Orgien-Mysterien-Theater“.

Solchen und noch viel mehr Zugängen

spürt die Vienna Art Week nach.

Acht Tage lang legt sie Fährten,

knüpft Netze, stellt Kontexte her –

und gibt dem Ritual so eine Bühne.

Eine solche hat sich in letzter Minute

buchstäblich mit der Zwischennutzung

eines abbruchreifen Einfamilienhauses

aus den Sechzigern in einem verwunschenen

Garten ander Simmeringer Hauptstraße aufgetan. Auf

zwei Etagen werden rund ein Dutzend Künstlerinnen

und Künstler mit Videos, Installationen und anderen

ortsspezifischen Arbeiten den Ritualen des Alltags auf

den Zahn fühlen, denen ein solches Haus gleichsam als

Stellvertreter für alle Häuser Raum gibt: Vom Keller bis

zum Dach, Wohnzimmer bis zum Schlafzimmer, Kinderzimmer

bis zum Bad geben sie eine durch und durch

künstlerische Replik auf Byung-Chul Hans prunkvolle

Bühne und deren Geheimnisse. e

Kulturmagazin 31


Antriebskraft. Offspaces

wie das Flat1

sind einer der Motoren

des Kunstbetriebs.

Performen. Roberta

Limas Aktionen zeigt

der Stadtraum Sammlung

Friedrichshof.

Kreisel malen. Robert

Schaberls Atelier ist

eine Fixstation des

Exhibition­Parcours.

VomRitus reden. Nitsch

im Gespräch über Rituale

und Formen: 19. 11.,

Nitsch Foundation.

Einblicke. Zum Sammlergespräch

mit Rafael

Jablonkalädt die

Albertina am 18. 11.

Hinterhof-Madonna.

Bilder von Suzanne

Dixon zeigt das JAW­

Atelier im Werd.

Highlights &Termine

Unter dem Motto „Living stattfindet. Thrill verspricht

Rituals“ findet die Vienna Art dann die Hauptausstellung

Week vom 13.-20.November „House of Living Rituals“ in

zum 16.Mal statt. Am ersten einem abbruchreifen Simmeringer

Einfamilienhaus aus den

Wochenende geben die Open

Studio Days einen Eindruck von 1960er-Jahren. Mit Werken von

der Vielfalt desKunstschaffens Acconci bis Zabelkawirdes

in der Stadt. 100Künstlerinnen gleichsam künstlerisch

und Künstler öffnen zwei Tage „besetzt“ (13.–20.11.).

lang ihreAteliersund gewähren Den diskursiven Abschluss bildet

schließlich das LivingRituals

Einblick hinter die Kulissen

ihrer Arbeit. WalkingTours Line-Up am Freitagnachmittag,

strukturieren das Angebot. diesmal im Semperdepot. In

Einen Schwerpunkt innerhalb Diskussionen, Screenings und

der Open Studio Days bildet Performances wirddas Wochenthema

noch einmal künst-

der LivingRituals Exhibition

Parcours.Der kuratierte Ausstellungspfad

verbindet sieben örtert. Unter den Teilnehmern

lerisch und philosophisch er-

Ateliers, in denen Künstlerinnen

und Künstler Arbeiten zum Byung-Chul Han, Autor des

finden sich u. a. der Philosoph

Motto der Vienna Art Week Buchs „Vom Verschwinden der

präsentieren, darunter Heinrich Rituale“ sowie der Künstler

Dunst, Klaus Mosettig, Elisabeth

von Samsonow oder die Diverse Veranstaltungen von

Erwin Wurm (20.11., 15–18 Uhr).

Outsiderkünstlerinnen von ausgewählten Galerien und

JAW. Begleitet von Expertengesprächen,

ist der Parcours (insgesamt 22 Wiener Institu-

Mitgliedern desArt Clusters

eine Art dislozierte Ausstellung, tionen, Ausstellungshäuser,

die zwar nicht unter einem Kunstunis, Museen) runden das

Dach, doch unter der thematischen

Klammer „Living Rituals“

Angebot ab.

www.viennaartweek.at

Fotos: eSeL.at/Lorenz Seidler; Roberta Lima./Courtesy of the artist and Charim Galerie; Robert Schaberl; Nitsch Foundation; Volker Döhne.

32 Kulturmagazin


Magische Augenblicke

Unbekanntes, Neues und Klassisches sorgen bei der

Loisiarte jedes Jahr für Spannung.

Text: Wilhelm Sinkovicz

diepresse.com/derclub

CLUB-VORTEILE

Stimmungsvoll. Die „Basilika“, tief unten in den

Kellerfluchten, bietet den perfekten Rahmen.

Avantgarde. Kurt Schwertsik und RichardDünser

schreiben „hörbare“ Neue Musik.

Fotos: Robert Herbst, Mischa Erben, Matthäus Stepa;

Die Loisiarte ist traditionsgemäß

das erste Festival imheimischen

Festspielleben. Jahr für Jahr versammelt

sich das treue Publikum

an einem verlängerten Wochenende im

Loisium, dessen architektonische Originalität

als Pforte zu denalten Kellergängen im

Weinland am Kamp dient. Dort lässt sich

nicht nur wunderbar Wein verkosten, sondern

auch musizieren. Es war Christian

Altenburger, der vor Jahren den Versuch

startete, sowohl im Besucherzentrum als

auch tief unter der Erde zu konzertieren –

und der dabei entdeckte, dass die akustischen

Gegebenheiten dieser Räume entgegen

allen Unkenrufen nicht nur

annehmbar,sondern sogar äußerst reizvoll

sind. Vor allem im alten Weinkeller, den

man zur sogenannten Kathedrale ausgebaut

hat, spielt (und hört!) sich’s wunderbar.

Seit Beginn des Festivals Loisiarte ist

Erwin Ortner mit seinem Arnold Schönberg

Chor dabei, der gerade dieses

Ambiente für magische Augenblicke zu

nutzen verstand.

Als Programmgestalter legt Christian

Altenburger Wert auf Abwechslungsreichtum

–und auf die Einbindung von Musik

unserer Zeit, die aus dem Mainstream der

„Neuen Musik“ ausbricht und subjektive,

für die Hörer oft überraschend „schöne“

Klänge hören lässt. Das verschaffte dem

Festival von Anfang an Interesse und

sicherte, dass die Neugierigen von Jahr zu

Jahr wiederkehren.

Zumal die Kombination vonUnbekanntem,

Neuem und wahrhaft Klassischem stets für

Spannung garantiert. Überdies wird die

Loisiarte seit Langem zu einem Fest für alle

Sinne und Kunstsparten. Denn zur Musik

kommt auch die bildende Kunst. Stets gibt

es im Loisium auch eine Ausstellung; und

alle Konzerte werden vonLesungenbegleitet,

die Angelika Messner liebevoll kuratiert,

sodass auch die Literatur zu ihrem

Recht kommt.

So werden Christian Altenburger und seine

Mitstreiter, darunter die Pianisten Jasminka

Stancul und das Duo Silver-Garburg,

Tipp

Schubert,Dünser. Ilse Aichinger

(Nicole Heesters). Donnerstag,

15. April 2021.

Schwertsik, Mozart. H.C. Artmann

(Joachim Bißmeier). Freitag, 16. 4.

Brahms,Schmidinger (Schönberg-

Chor). Michael Köhlmeier,

Samstag, 17. April.

ww.loisium.com

Klarinettist Michel Lethiec oder die Cellisten

Niklas Schmidt und Patrick Demenga

mit Schauspielergrößen wie Nicole Heesters,

Joachim Bißmeier und Petra Morzé

konfrontiert, die Prosa und Poesie von Ilse

Aichinger, H.C.Artmann und Antonio Fian

lesen, während Michael Köhlmeier am

Samstag auseigenen Werken vorträgt.

Zeitgenossen. Musikalisch umrahmt werden

diese literarischen Schmankerln von

Werken Franz Schuberts (die „F-Moll-Fantasie“),

Wolfgang Amadé Mozarts (Klarinettenquintett)

und Ludwig van Beethovens

(„Erzherzogs-Trio“). Zeitgenossen sind wie

immer dabei: Kurt Schwertsiks Musik trifft

am Freitag, dem 16. April, passend auf

Texte von H. C. Artmann, Helmut Schmidingers

„Gesang zwischen den Stühlen“auf

Chormusik vonJohannesBrahms (mit dem

Schönberg-Chor), Johanna Doderer präsentiert

vor dem Beethoven-Trio im

Abschlusskonzertr am Sonntagvormittag

ihr neuesFünftes Streichquartett.

Zum Auftakt kommt Richard Dünser, der

nicht nur ein eigenes Werk für die rare

Besetzung Klavier zu vier Händen plus

Streichquartett komponiert hat, sondern

auch noch Schuberts Sonate für Klavier zu

vier Händen D 617 für diese Besetzung

arrangierthat. e

Kulturmagazin 33


Der Götterberg

Olymp ist nah

Ein Stück Orient im Okzident: In

Thessaloniki berühren einander

byzantinische, osmanische und

moderne westliche Kultur.

Hafenstadt. Blick

aufsMeer von der

malerischen Altstadt,die

sich

recht steil den

Hügel hinanzieht.

Text: Barbara Petsch

Ratem quibea

derum coreipiscipsum

assit

magnata coreporessi

cum quidesent,sitas

aut e

Fotos: Wanderlust/Discover Greece.

34 Kulturmagazin


Erdoğan will wieder Griechenland besetzen, wie

es schon einmal der Fall war. Er will das Osmanische

Reich wieder errichten.“ Elena ist unsere

Führerin bei dieser Stadttour in Thessaloniki,

ihre Antwort auf die Frage, ob sich die Griechen Sorgen

machen angesichts der angespannten Lage im Streit um

die Gasvorkommen vor der zyprischen Küste, kommt

ohne Zögern. Wie geht es der türkischen Community in

der Stadt? „Die meisten haben Angst vor Erdogan“, vermutetGiotavon

der griechischen Tourismusagentur.Die

Kluft zwischen den politischen Realitäten ganz in der

Nähe und der Stimmung in der Stadt amThermaischen

Golf könntejedenfalls größer nicht sein: Volle Bars, originelle

Geschäfte, hübsch designt, kleine Läden mit Handwerk

und Mode neben den üblichen Flagship-Stores,Jogger,

Radfahrer am Peer,Schiffe, Herbstsonne. An Europas

Südgrenze gibt es viele große Hafenstädte, von Valencia

bis Thessaloniki, Letzteres wirkt etwas „balkanesisch“,

aber die Hauptstadt Makedoniens hat auch einiges von

Barcelona und sogar vomgeschniegelten Triest.

Makedonien ist einer der ältesten Schauplätze europäischer

Geschichte. Nahe dem Hafen von Thessaloniki

blickt eine gigantische Statue gen Osten: Alexander der

Große. JedesSchulkind kennt den Feldherrn,

der in kurzer Zeit ein Imperium zusammenraffte,

das bisanden indischen Subkontinent

reichte. Alexander starb jung, erwurde nur

33 Jahre alt. Europas erster Hero war eine

ambivalente Persönlichkeit, schön, charismatisch,

entschlossen, strategisch begabt,

aber auch skrupellos.

Konzerthaus. Der

Bau des japanischen

Pritzker-

PreisträgersArata

Isozaki dient auch

für Kongresse.

aber osmanischen Ursprungs ist. Die Osmanen

eroberten Thessaloniki 1430. Sie regierten

bis 1913. Außerdem stand die Stadt in

ihrer Geschichte u.a.unter der Herrschaft

der Römer und der Deutschen, die Nationalsozialisten

deportierten die große jüdische

Gemeinde (rund 60.000 Menschen) ins KZ,

obwohl diese drei Billionen Drachmen als

Schutzgeld zu zahlen bereit war. Auf dem

Gelände eines jüdischen Friedhofs wurde

die heutige Aristoteles-Universität errichtet,

eine unverzeihliche Attacke gegen jüdische

Identität.Heutegibt es wieder eine kleine jüdische Community

inThessaloniki, Israelis besuchen die Stadt auf

der Suche nach Spuren ihrer Ahnen. Sie finden sie im

Jüdischen Museum und in Villen, von denen die meisten

imposanteRuinen sind.Indie eleganteVilla Bianca(Vassilisis-Olga-Straße),

die der Mailänder Pietro Arrigoni

1911 bis 1913 für den Kaufmann und Industriellen Dino

Fernandez Diaz errichtete, zog 2013 die Städtische

Kunstgalerie ein. Fernandez Diaz und seine Familie flohen

vor den Nationalsozialisten nach Italien, wo sie von

der SS ermordet wurden.

Grausame Geschichte. In gesetzten

Worten erklären Führer den Besuchern

von Thessaloniki die grausame

Geschichte dieser Stadt. Sie führen zu

stillen, orthodoxen Kirchen,

Moscheen, Plätzen, auf denen Synagogen

standen. Es gibt ein Museum für

byzantinische Kultur und eins für zeitgenössische

Kunst. Vom Hafen aus

kann man Minikreuzfahrten auf Piratenschiffen

oder römischen Galeeren

unternehmen. Griechenland-Fans

dürften feststellen, dass sich ihre

Sehnsuchtsdestination in den letzten

Jahrzehnten, trotz vieler Krisen, zuletzt jene um die

Staatsschulden, stark verändert hat. Thessaloniki etwa

hat 100.000 Studenten, es gibt immer mehr junge Akademiker,

viele Griechen sprechen fließend Englisch.

Thessaloniki, dieser geschundene Ort, wirkt heute wie

ein Nabel europäischer Multikultur. Ja, es gibt sehr viele

Bettler, angeblich Roma, heißt es, aber auch viele Griechen

und Griechinnen sind wohl darunter, vor allem

Kinder. Achtlos gehen Passanten an einer am Straßenrand

kauernden Greisin vorbei, die auseiner Plastikdose

Essenreste klaubt.Das entsetzt.

Insgesamt aber strahlt die Stadt Lebensfreude und Toleranz

aus, sie hat ein ansprechendes Fluidum, nicht nur

wenn man aufder Dachterrasse desLuxushotels Electra

Palace Fischsuppe löffelt oder im nahen Excelsior

Hotel Baisers mit Beeren knackt. Die griechische

Küche hat sich jenseits von Souvlaki und Tzatziki

diversifiziert, an herrlichen Rohstoffen, Wein, Käse,

Oliven, Gemüse, Lammfleisch, Fisch, mangelt es nicht.

Manprobiereetwadas Restaurant Thria (Maria Kallas

1). Leider nicht immer, aber hoffentlich immer öfter

sehen die Griechen davon ab, ihre erstklassigen Nahrungsmittel

mit Sauce Hollandaise zu übergießen

oder italienische Klassiker wie Ossobuco zu probieren.

Bitte nicht. Ein Highlight sind manche Marktlo-

Eine Stadt brennt. Im Iran wird eine schaurige

Geschichte von Alexander erzählt: Der

Eroberer des altpersischen Achämenidenreiches

zerstörte Persepolis, heute ein Ruinenfeld

nordöstlich von Schiras, und das kam

angeblich so: Eine Tänzerin begeisterte den

Weißer Turm.

König, der reichlich trank und dann der Schönen sagte,

Das heutige

sie hätte einen Wunsch frei. Das Mädchen forderte die

Wahrzeichen der

Zerstörung der Stadt, die Alexander prompt niederbrennen

ließ. Der Kleinstaat Makedonien wurde durch Ale-

Befestigung und

Stadt warTeil der

xander und seinen Vater Philipp II. zu einem Weltreich. Gefängnis.

In Vergina, westlich vonThessaloniki, locken Ausgrabungen

rund um Philipp und Alexander –sowie ein stattlicher

Goldschatz mit Truhen und filigranen Diademen.

Landpartie. Rund

um Thessaloniki

Philipps letzte Ruhestätte, eine Grabkammer, die ägyptisch

anmutet, ist hier zu finden, gesucht wird aber vor

locken liebevoll

restaurierte Dörferinden

Bergen

allem nach Alexanders Grab. Dieser starb 323 v.Chr. in

Babylon. Kann sein, sagen die Griechen, bestattetaber ist und am Meer.

er in Vergina. Und sobald das bewiesen ist, werden die

Nationalisten in Makedonien verlangen, dass sich

Nordmazedonien einen anderen Namen zulegt.

Denn nurdie Griechen, sagen sie, hätten ein Recht

auf die Bezeichnung Makedonien. Für nicht

wenige Griechen ist dieses Thema eine ernste

Sache, was wohl damit zu tun hat, dass dieses viel

gerühmte Land lang um seine Identität kämpfen

musste. Den Zeugen dieser Geschichte begegnet

der Reisende im heutesounbeschwert wirkenden

Thessaloniki. Das eindrücklichste Monument ist

der Weiße Turm, der Teil der byzantinischen

Befestigungsanlagen war, in seiner heutigen Form »

Kulturmagazin 35


Olymp. Auf dem Götterberggibt

es viele gut ausgebaute Wanderwege

für jedermanns Kräfte.

Rasten und Speisen.

Das verbindet

die Bewohner

von Thessaloniki

mit den Touristen.

Und die Pommes.

Alexander der Große. Der Eroberer,

geboren 356 v. Chr., schaut

am Hafen gen Osten.

Übers Wochenende begibt sich der wohlhabendere

Bürger aufs Land oder an den Strand.

»

kale. Übers Wochenende begibt sich der wohlhabendere

Bürger von Thessaloniki aufs Land oder an den Strand.

Eine beliebte Wanderdestination ist der Olymp, auf dem

Wälder,Klöster und Hütten zu finden sind, aber bedauerlicherweise

keine Götter. Die Witterung wechselt gern

und plötzlich. Dann muss sich der Reisende im Informationszentrum

mit Fotosdes Kalksteinmassivs im feenhaften

Licht oder Aufnahmen der vielfältigen Flora und

Fauna (Wildkatzen!) begnügen, allerdings hat die Natur

eine gewisse Ähnlichkeit mit österreichischen Bergen.

Wir lassen uns von der drahtigen Hiking-Spezialistin

Touren erklären, für die man jedoch besser mehrere

Tage einplant,hernach können wir einen Spaziergang zu

Wasserfällen unternehmen, dabei geht es meist bergab.

Trittsicherheit und Wanderausrüstung sind jedoch

gefragt. Den Berggipfel kann man nur mit Kletterausrüstung

erreichen, ein Teil des Gebirges ist militärisches

Gebiet, anscheinend gibt es aber Genehmigungen für

besondere Freunde der Wildnis, die dort herummarschieren

wollen, man kann sogar übernachten. Refuges

heißen die Hütten, da zuckt der Zuhörer kurz zusammen,

mit Flüchtlingen aus Syrien und Afghanistan hat

der Ausdruck aber nichtszutun.

Merkwürdig ist, dass der Olymp als Wohnsitz der Götter,

als der er doch in aller Welt berühmt ist, hier kaum

jemanden zu interessieren scheint, auch Merchandising

über Zeus, Pallas Athene &Co. ist unbekannt. 150.000

Touristen entern alljährlich den Olymp-Nationalpark, es

ist gewiss erfrischend (und nicht nur wegen des kühlen

Wetters), ihn jetzt in der Coronakrise zubesuchen, wie

Griechenland überhaupt, das wenige Infektionen hat.

Tipp

Stadtführungen. Bei dot2dot

gibt es exzellent versierte

und charmante Führer und

spezielle Touren, etwaüber

Historie oder Kulinarik.

www.dot2dot.gr

Anreise. Direktflüge ab Wien

etwamit Austrian,

www.austrian.com

Informationen. Das griechische

Tourismusamt informiert

auf www.visitgreece.gr

Die Passagiere eines mittelstark besetzten Ryan-Air-Fliegers

vonWien nach Thessaloniki (direkt,AegeanAirlines

hat eine Zwischenlandung in Athen) Ende September

wurden samt und sonders mit Stäbchen getestet, man

teilteuns mit,dass, falls wir positivseien, wir verständigt

würden. Was dann? Angeblich muss man in Quarantäne

–auf Kosten desgriechischen Staats.

Karierte Tischtücher. Zum Schluss noch ein Aperçu

zum Olymp, an seinem Fuße liegt das Hotel Cavo

Olympo,eine schickeHerbergemit kleinem Strand, Pool,

Spa, viel Marmor und Palmen. Das Service könnte etwas

emsiger sein, aber die Panoramen sind grandios, die

Zimmer riesig und das Styling istelegant.

Ein Ausflug in bodenständige griechische Tourismuskultur

(Holzmöblierung mit karierten Tischdecken)

empfiehlt sich ins etwas abgelegene Dörfchen

Palaios Panteleimonas. Auf Fotos ist ein verlassenes,

völlig verrottetes Örtchen zu sehen, seit

den Neunzigern, erzählt einer der Lokalbetreiber,

kamen Nachfahren der früheren Besitzer,

aber auch Stadtflüchter ins Gebirge. Sie repariertenund

restauriertenliebevoll. Es gibt auch

Zimmer. Trinken und Autofahren ist keineswegs

ratsam. Auch in dieser Hinsicht ist Griechenland

der EU näher gerückt: Es gibt saftige

Strafen für Alkoholsünder. Dafür wurde das

öffentliche Verkehrsnetz verbessert. Alles in

allem: Makedonien und die Chalkidike haben

viel zu bieten, vor allem Touristen, die nur die

griechischen Inseln kennen. e

Fotos: Fotos: Wanderlust/Discover Greece. Compliance-Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Discover Greece.

36 Kulturmagazin


Musikstadt Leipzig

Heimatort des Operngenies Richard Wagner.

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG

Die Thomaskirche ist ebenfalls

einen Besuch wert.

Die Oper Leipzig bietet Musikgenuss

–beispielsweise bei

einer „Siegfried“-Inszenierung.

Fotos: Kirsten Nijhof, Oper Leipzig, LTM/Bao Kuo;

Leipzig und die Musik: Das ist jahrhundertelange

Tradition. Zahlreiche Komponisten, darunter

Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn-

Bartholdy, Clara und Robert Schumann sowie

Richard Wagner lebten und arbeiteten hier. Die Oper

Leipzig und das Gewandhausorchester genießen weltweites

Renommee und internationale Festivals wie das

Bachfest und die Richard-Wagner-Festtage erfreuen

sich stetig steigender Besucherzahlen. Das ganze Jahr

hindurch lassen sich die einstigen Wirkungsstätten der

Komponisten auf der Leipziger Notenspur erkunden.

Der Rundweg durchs Zentrum vermittelt dank Hörproben

und Schautafeln einen lebendigen Eindruck

über das Leben zur damaligen Zeit –natürlich auch

über das des wohl berühmtesten Sohnes der Stadt:

Richard Wagner!

Oper Leipzig –ein Traditionshaus mitten in Europa.

Mit Gründung 1693 ist die Oper Leipzig das drittälteste

bürgerliche Opernhaus Europas und blickt voller Stolz

auf eine mittlerweile über 325-jährige Tradition. Knapp

die Hälfte dieser mehr als drei Jahrhunderte ist mit

dem Gewandhausorchester ein Ensemble von Weltruhm

–aktuell belegt der Klangkörper Rang vier im

internationalen Vergleich –ständiger musikalischer Begleiter

der Oper Leipzig. Seit dem Amtsantritt von Intendant

und Generalmusikdirektor Prof. Ulf Schirmer

Tipp

JETZT EXKLUSIV! Erleben

Sie vom 20. Juni bis 14. Juli

2022 alleWagner-Opern in

Leipzig! Buchungen sind ab

sofort möglich unter

Tel. +49/(0)341/710 4275

oder

incoming@ltm-leipzig.de

sind die Werke Richard Wagners eine zentrale Säule

des Opernrepertoires. Ein Highlight im jährlichen Spielplan

sind die Aufführungen des „Ring des Nibelungen“.

In der Saison 2020/2021 wird das Wagner’sche Opus

magnum an zwei Terminen (14.–18. April 2021 und

5.–9. Mai 2021) zu erleben sein.

Wagner 22 –alle Wagner-Opern indrei Wochen. Ein

weltweit einzigartiges Vorhaben, das die internationale

Musikwelt aufhorchen lässt, erwartet Wagnerianer

2022 in Leipzig. Das Opernhaus verfolgt das ambitionierte

Ziel, bis dahin alle 13 Bühnenwerke Wagners

szenisch zu erarbeiten und im Juni/Juli 2022 im Rahmen

eines dreiwöchigen Festivals zu präsentieren. Die

Wagner-Festtage vom 18. bis 20. Juni 2021

mit Aufführungen der Frühwerke „Die Feen“,

„Rienzi“ sowie „Das Liebesverbot“ werden

weitere Meilensteine auf dem Weg dorthin

sein. Musikliebhaber müssen mit einer Reise

nach Leipzig aber nicht bis 2022 warten. Das

hochkarätige Mahler Festival unter der Regie

des Gewandhausorchesters im Mai 2021 sowie

das jährliche Bachfest bieten auch vorher

schon perfekte Reiseanlässe. Das passende

Reiseangebot inklusive Tickets für zum Teil

bereits ausverkaufte Konzerte finden Sie

unter www.leipzig.travel/musikstadt

Kulturmagazin 37


1

Fotos: Sammlung Steffan /Pabst /Wolfgang Vollmer/Henry Rox Archive Cologne 2020; Roland Krauss/Bildrecht, Wien

38 Kulturmagazin


2

3

Widerständige

Schönheit

Die Kunst hält durch. Mit Utopien

und Visionen stemmt sie sich den

Unbilden der Zeit entgegen –oder

malt sich die Welt einfach schön.

Text: Johanna Hofleitner

1. Leopold Museum

„Emil Pirchan Universalkünstler“. Alles begann mit dem Studium bei Otto

Wagner in Wien. Erste Erfolge feierte Emil Pirchan (1884–1957) mit seinem

Münchner „Atelier für Graphik, Bühnenkunst,Hausbau, Raumkunst und

Kunstgewerbe“. Berlin, Prag, zuletzt wieder Wien warendie großen Stationen

des Universalisten, der sich mit der Entwicklung der Stufenbühne („Jessnersche

Treppe“) auch im Bereich der modernen Bühnenbildgestaltung einen

Namen gemacht hatte.27. 11. 2020–4.4. 2021, www.leopoldmuseum.org

2. Fotohof

Wolfgang Vollmer. Fotografie ist für Wolfgang Vollmer mehr als das Festhalten

von Bildern. Sein Aktionsradius umfasst auch das Sammeln, Recherchierenund

Neubewerten. Ein Projekt ist etwadie Wiederentdeckung des nahezu

vergessenen deutsch-amerikanischen Bildhauersund Fotografen Henry Rox

(1899–1967), der in seinen Früchteskulpturen das Vokabular der Pop-Art an

die surrealen Experimente Man Raysoder die ironischen Konsumparodien à

la Fischli/Weiss heranführte.27.11.2020–23.1.2021, www.fotohof.at

3. Belvedere 21

Maja Vukoje. Trügerische Stilleben sind das: die Orangen, Eislutscher,Spielroboter

oder Zuckerwürfel, die Maja Vukoje auf großen Leinwänden in Szene

setzt.Was sie verbindet,ist ihre Zugehörigkeit zur Konsum- und Warenwelt.

Mit ihren Südfrüchten, Kolonialwaren oder Symbolen der Populärkultur und

des digitalisierten Alltags verweisen diese Bilder auf Transkulturalität und

kulturelle Hybridität als Grundbedingungen der gegenwärtigen Alltags- und

Lebenswelt.12. 11. 2020–11. 5.2021, www.belvedere.at

Kulturmagazin 39


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4

Fotos: Luo Yang; Courtesy Hugo Canoilas and Galerie Martin Janda ©the artist; Club Fortuna 2020; Kunstraum Dornbirn; Nick Ash; Andrej Popović

40 Kulturmagazin


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6

1. FC –Francisco Carolinum, Linz

Luo Yang. Für Ai Weiwei ist sie einer der Shootingstarsder jungen chinesischen

Fotografie.Vor dem Hintergrund der Widersprüche einer Gesellschaft

zwischen Turbokapitalismus und Tradition zeichnet Luo Yang, Jahrgang

1984, in einfühlsamen Porträts ein Bild ihrer Zeit.Ihre„Girls“ etwasind exzentrisch,

schön, selbstbewusst und zugleich doch auch verletztlich und

fragil. „Youth“ zeigt eine Generation auf der Suche nach Identität und

Orientierung. 21. 10.2020–21. 2. 2021, www.ooelkg.at

2. Mumok

„On the extremes of good and evil“. Hugo Canoilas Bilder sind entweder so

groß, dass er sie auf dem Boden auflegt.Oder es tummeln sich im kleinen

Format exotische, bedrohliche oder ausgestorbene Tiereund Fabelwesen

darauf.Für seine ebenso installative wie experimentell-kritische, allemal aber

exquisite Malerei wirdder in Wien lebende portugiesische Künstler nun mit

dem renommierten Kapsch Contemporary Art Prize 2020 sowie einer Personale

im Mumok belohnt.8.11. 2020–28. 2.2021, www.mumok.at

3. Kunstverein Eisenstadt

„Komplizenschaft 4“. Für die nächste Doppelausstellung setzt der junge

Kunstverein auf kollektive Aktionen über das „Als-ob“ im Verhältnis zur Wirklichkeit.Das

im Dreieck von Kunst,Gesellschaft und existenzieller Lebenshilfeagierende

Trio „Club Fortuna“ erweitert dafür sein Experimentierfeld um

den Faktor Natur (Bild). Dem gegenüber stehen ephemerePerformances

und Raumskizzen aus der feinen Feder der tschechischen Künstlerin Maja

Štefančíková. 13. 12. 2020–20. 2.2021, www.kunstvereineisenstadt.at

4. Kunstraum Dornbirn

Claudia Comte. Sie verwandelt Eisfelder in Spielelandschaften, verpflanzt

Baumstämme ins Innere, um es zum artifiziellen Wald zu transformieren,

oder platziert verführerisch polierte Skulpturen. Räume sind die Spielwiese

des Schweizer Shootingstars. Der historischen Architektur des Kunstraums

wirdClaudia Comte ein 450 Quadratmeter großes Deckengemälde verpassen,

in dem Op-Art und Pop-Art,Konkrete Kunst und Abstrakter Expressionismus

in eins fallen. 27. 11. 2020–7. 3.2021, www.kunstraumdornbirn.at

5. Secession Wien

Danh Vō. Er arbeitet mit Fotos,Fundstücken, die historisch oder emotional

aufgeladen sind, Dokumenten, manchmal auch Werken anderer Künstler.

Aus ihnen schafft der vietnamesische Künstler Danh Vō rätselhaft-poetische

Objekte und Installationen. Angetrieben von einer starken politisch-ethischen

Haltung, erzählen sie von Geschichte und Gegenwart,Zukunft und

Vergangenheit sowie der Erfahrung der Flucht und des Sich-Wiederfindens

an einem zufälligen anderen Ort.21.11. 2020–31. 1.2021, www.secession.at

6. Kunsthalle Wien

„Shadow Citizens“. Želimir Žilnik zählt zu den großen politischen Filmemachern

Europas.Invielen seiner Filme nahm er geradezu prophetisch Entwicklungen

wie den Zerfall Jugoslawiens,den Übergang vom Sozialismus zu

einer neoliberalen Ordnung, dieZersetzung gesellschaftlicher Strukturen

vorweg. Die Ausstellung spannt einen Bogen von den frühen Amateurfilmen,

Dokumentar- und Indipendent-Filmen der 1960er-, 1970er-Jahre bis zu

seinen neuesten Langfilmen. 24. 10. 2020–17. 1. 2021, www.kunsthallewien.at

Kulturmagazin 41


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1. Kunsthalle Krems

„Mit der anderen Hand“. Fiona Tanumkreist in Videoinstallationen und Fotografien

Erinnerung, Zeit und Geschichte.Ausgehend von umfangreichen Recherchen

konstruiert die Künstlerin eindringliche Narrative im Grenzbereich

von Fiktion, Imagination, eigener Biografie und Dokumentation. Die zusammen

mit dem Museum der Moderne Salzburgproduzierte Ausstellung ist als

umfangreiche Mid-Career-Show angelegt.Inneuen Arbeiten reagiert Tanzudem

auf lokale Zusammenhänge, wie etwainKrems die Nachbarschaft von

Kunsthalle und Justizanstalt.21. 11. 2020–14.2. 2021, www.kunsthalle.net

2. Neue Galerie Graz

„Kompromisslos“. Julije Knifer (1924–2004) ist einer der wichtigsten Künstler

Kroatiens nach 1945. Mit seiner stets in Weiß und Schwarz gehaltenen

abstrakt-geometrischen Malerei am Schnittpunkt von konkreter und konzeptueller

Kunst und dem Mäander als Leitform arbeitete er sich gleichsam am

Nullpunkt der Malerei ab.Die Neue Galerie würdigt ihn nun mit einer umfangreichen

Personale.20.11.2020–25. 4.2021, www.museum-joanneum.at

3. Museum der Moderne Salzburg

„Ir“. Not Vital ist ein Nomade im Leben wie in der Kunst.Angetrieben von

einem anthropologischen Interesse für das Fremde sowie der Leidenschaft,

seine Wohn- und Produktionsstätten fortwährend zu wechseln, schuf er seit

über 50 Jahren ein rätselhaft-poetisches Werk. In einer typisch reduzierten

Formensprache vermischt er in surrealistisch anmutenden Skulpturen

eigenes Erinnern mit Motiven, Materialien und der Handwerkskunst fremder

Kulturen. 5. 12. 2020–13.6. 2021, www.museumdermoderne.at

4. MAK

„Fortschritt durch Schönheit“. Zum 150. Geburtstag widmet das MAK Josef

Hoffmann die bisher größte Retrospektive seines Gesamtwerks. In 20 Kapiteln

lässt die Schau die vielen Facetten seines Wirkens als Architekt,Designer,Mitbegründer

der Wiener Werkstätte, Lehrer und Ausstellungsmacher

Revue passieren. Ein direktes Erleben seines Raumdenkens ermöglicht die

Rekonstruktion seines „Boudoirsfür einen großen Star“, entworfen für die

Pariser Weltausstellung 1937. 10. 12. 2020–18.4. 2021, www.mak.at

Fotos: Courtesy of the artist and Frith Street Gallery, London/Foto Steve White; Julije Knifer/Bildrecht Wien 2020; Eric Gregory Powell/Courtesy Not Vital Studio;

MAK; Petri Virtanen/Kansallisgalleria; Christian Fogarolli; Transito2Plus1 ©Luna Ghisetti; Marlies Pöschl/Bildrecht

42 Kulturmagazin


5 7

8

6

5. Grazer Kunstverein

Alma Heikkilä. In organisch anmutenden Skulpturen und Malereien umkreist

die Künstlerin Klimawandel, Umweltkrisen und Artensterben als drängende

Nöte unserer Zeit.Dabei erkundet Heikkilä Organismen, mikroskopische

Bakterien, Pilze oder anderewinzige Lebewesen jenseits der menschlichen

Wahrnehmung. Aus einem tiefen Wissen über Ökosysteme und Mikroben

entsteht eine Kunst,die sich der Würdigung der Koexistenz unzähliger Organismen

verschrieben hat.11. 12. 2020–26.2. 2021, www.grazerkunstverein.org

6. Reaktor

„The Outer Reaches of the Inner Self“. Am schmalen Grat zwischen Alchemie

und Wissenschaft analysiert Christian Fogarolli unterschiedliche Konzepte

psychischer und physischer Gesundheit.Die mittelalterliche Praxis

des „Narrenschneidens“ –eine Operation zur Heilung von Wahnsinn, bei der

den Patienten Steine aus dem Kopf geschnitten werden –ist Kristallisationspunkt

einer raumgreifenden Installation samt Film, die mit der aufgeheizten

Architektur des Raums in Dialog tritt.20. 10–24. 10. 2020, www.reaktor.art

7. Kunstraum Niederösterreich.

„LifeConstantly Escapes“. Die kapitalistische Moderne als ständiger Angriff

auf unser Leben und sozio-ökologische Katastrophe ist Reibebaum für eine

Ausstellung, die nach Alternativen und Gegenmodellen sucht.Bilder,Skulpturen,

Raum- und Klanginstallationen widersetzen sich der Logik der Gewaltförmigkeit

und entwickeln Visionen, die die Möglichkeit eines „Jenseits der

Moderne“ zumindest andenken lassen. 4.2–3. 4.2021, www.kunstraum.net

8. Salzburger Kunstverein

Marlies Pöschl. Das Filmemachen ist für die junge Salzburgerin eine Praxis,

um zeitaktuelle Fragen mit den Codes von Dokumentar-, Image- und Experimentalfilm

zu verhandeln. Dafür arbeitet Pöschl in verschiedenen Formen

des Austauschs.Der in Zusammenarbeit mit Kindern und Jugendlichen entstandene

Film „Aurore“ etwabeschäftigt sich mit der Zukunft der Pflege vor

dem Hintergrund immersiver Digitalisierung und künstlicher Intelligenz. Die

Interaktion von Jung und Alt ist ebenso Thema wie das Verhältnis von

Mensch und Maschine.12. 12. 2020–7.2.2021, www.salzburger-kunstverein.at

Kulturmagazin 43


Der

Aufstieg

afrikanischer

Kunst

Ankauf. Das Guggenheim

Museum

hat im August „Joy

Adenike“ von Amoako

Boafogekauft.

Die Kunstwelt entdeckt die

Diversität. Keine andere

Sparte erlebt so einen Boom

wie Kunst aus Afrika und der

Diaspora.

Text: Eva Komarek

Tribal Marks. Babajide

Olatunji Ist

für seine hyperrealistischen

Porträts

bekannt.

44 Kultur spezial


„Vignette“.

Das erste Werk Kerry

James Marshalls,

das bei Christie’s

eine Million Dollar

erzielte.

Auktionsdebüt. „The

Lemon Bathing Suit“

von AmoakoBoafo

verelffachte den

Schätzwert.

nen „Fons Americanus“ erzählt die

Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels

und gehörte zu den meistbeachteten

Skulpturen der Londoner Museen. Mit

der zunehmenden kuratorischen Beachtung

reagierte auch der Markt. Das Londoner

Auktionshaus Bonhams verzeichnet

seit 2010 mit einer jährlichen Afrika-Auktion

steigende Verkaufszahlen. 2013 gründete

Touria ElGlaoui, Tochter des marokkanischen

Künstlers Hassan El Glaoui, die

1-54 Contemporary African Art Fair inLondon,

die sie parallel zur Frieze Art Fair

positionierte. Essollte eine Success-Story

werden. Es folgte die Expansion nach New

York und 2018 nach Marrakesch. Und Sotheby’s

eröffnete 2017 in London eine

Expertenabteilung für moderne und zeitgenössische

afrikanische Kunst. „Seither

sind die Auktionsumsätze für afrikanische

Kunst pro Jahr von rund zwei Millionen

Dollar auf 20Millionen Dollar gestiegen“,

Fotos: Mariane Ibrahim; Philipps; Christies Images Ltd. 2020;

The Lemon Bathing Suit“ des in

Ghana geborenen, in Wien lebenden

Malers Amoako Boafo sollte

bei der Phillips-Auktion in London

im Februar Geschichte schreiben: Der

Schätzwert von 30.000 bis 50.000 Pfund

verelffachte sich dank eines Bietgefechts

auf 550.000 Pfund. Es war das Auktionsdebüt

desKünstlers. DerStrabag-Artaward-

2019-Gewinner war schon im Dezember

auf der Art Basel Miami prominent vertreten.

Die auf afrikanische Kunst spezialisierte

Galeristin Mariane Ibrahim widmete

ihm eine Soloshow. Die Bilder warenschon

bei der Previewausverkauft.Sein Erfolg litt

auch unter der Coronapandemie nicht. Bei

der ersten Onlineauktion von Phillips im

Mai vervielfachte „Joy in Purple“ den

Schätzwert von 70.000 Dollar auf 540.000

Dollar. ImAugust kaufte dann das Guggenheim

Museum sein Werk „Joy Adenike“,

wie seine Galeristin Ibrahim bekannt gab.

Boafo reitet auf einer Welle der generell

steigenden Nachfragenach Arbeiten afrikanischer

Künstler.

Aufmerksamkeit wächst. Bis vor rund

zehn Jahren galt Afrika für die westliche

Kunstwelt als dunkler Kontinent. Dann

ging es Schlag auf Schlag. 2013 verlieh die

Biennale von Venedig den Goldenen

Löwen für den besten Länderpavillon dem

Debütanten Angola und machte zwei Jahre

später Okwui Enwezor zum künstlerischen

Leiter der 56. Biennale und verlieh dem

ghanaischen Künstler El Anatsui den Goldenen

Löwen für sein Gesamtwerk. Wichtige

Museen sprangen auf diesen Trend auf

und begannen zeitgenössische Kunst aus

Afrika zu kaufen. Zu den Vorreitern gehörte

die Tate Modern, die schon 2013 gleich

zwei Ausstellungen afrikanischen Künstlern

widmete. Im Vorjahr beauftragte die

Tate die afroamerikanische Künstlerin

Kara Walker mit einer Skulptur für die Turbinenhalle.

Der 13 Meter hohe weiße Brun-

Mit der zunehmenden

kuratorischen Beachtung

vonafrikanischer

Kunst reagierte auch

der Markt.

sagt Hannah O’Leary, Direktorin der Abteilung

für moderne und zeitgenössische afrikanische

Kunst bei Sotheby’s.

Der westlich zentrierte Blick der Kunstwelt

beginnt immer mehr aufzubrechen.

Museen und Institutionen entdecken die

Diversität, und auch viele westliche Galerien

haben afrikanische Künstler in ihr Programm

aufgenommen. Das hat zueinem

Boom bei afrikanischer Kunst geführt. Die

großen Auktionshäuser reißen sich inzwischen

um die wichtigsten Künstler,die sich

einen Ruf gemacht haben und für die welt-

»

Kultur spezial 45


»

Frühwerk. Ben

Enwonwus Porträt

„Christine“

stieg bei Sotheby’s

auf 1,1 Millionen

Pfund.

weit eine starke Nachfrage besteht, wie

etwa nach Yinka Shonibare oder William

Kentridge. Selbst die altehrwürdige Kunstund

Antiquitätenmesse Tefaf hat heuer die

Sonderausstellung Showcase zeigenössischer

Kunst aus Afrika gewidmet. Der Londoner

Aussteller Tafeta präsentierte die

„Tribal Mark“-Serie des nigerianischen

Künstlers Babajide Olatunji, der für seine

hyperrealistischen Porträts mit gesichtsscharfen

Charakteren bekannt ist.

Die Oberliga. Der in Los Angeles aufgewachsene

Künstler Kerry James Marshall

ist der Superstar unter den zeitgenössischen

schwarzen Künstlern. Er verdankt

seine Bekanntheit der Biennale des Whitney

Museums und der documenta inKassel

im Jahr 1997. 2013 wurde er von Barack

Obama zum Mitglied des Komitees für

Kunst und Geisteswissenschaften ernannt,

und wenige Monate später übernahm die

einflussreiche Galerie David Zwirner seine

Vertretung. Der Aufstieg am Kunstmarkt

ließ nicht lang aufsich warten. 2014 erzielte

sein Werk „Vignette“ bei Christie’s einen

Zuschlag von einer Million Dollar. 2016

widmeten gleich mehrere Institutionen

dem Künstler Retrospektiven. In der Folge

verdoppelte sich sein Rekordpreis auf

2,1 Millionen Dollar. 2018 katapultierte sich

der Wert des Künstlers auf ein Vielfaches.

Die Arbeit „Past Times“, auf der Schwarze

sich bei Freizeitaktivitäten vergnügen, die

mit der weißen Oberschicht in Verbindung

gebracht werden –Krocket, Golf, Rudern –,

46 Kultur spezial

wurde am 16. Mai 2018 bei Sotheby’s für

21,1 Millionen Dollar verkauft. Das ist bis

heute der höchste Preis eines afroamerikanischen

Künstlers zu Lebzeiten. Auch für

Amy Sheralds Erfolg waren die Obamas

ausschlaggebend. In diesem Fall war es

Michelle Obama, die ein Porträt beauftragte.

Seitdem sind ihre Werke auf der

ganzen Welt bekannt, und sie wurde von

der internationalen Topgalerie Hauser &

Wirthunter Vertraggenommen.

In der Oberliga spielt auch die nigerianischstämmigeKünstlerin

Njideka Akunyili

Crosby. Sie wurde 2016 entdeckt, als sie

den Canson-Preis inNew York erhielt. Im

gleichen Jahr gab sie ihr Auktionsdebüt.

Seitdem erzielen ihre Werke Millionenzuschläge.

Der Rekord stammt von 2018 für

„Bush Babies“, das auf 3,3 Millionen Dollar

stieg. Andere Künstler ihrer Generation,

deren Preise zuletzt bei Auktionen in die

Höhe schnellten, sind Adam Pendleton,

Toyin Ojih Odutola und Otis Kwame Kye

Quaicoe. „Shade of Black“ von Kwame Kye

pulverisierte im Juli die Schätzung von

Kunst ausAfrika ist

ebenso gefragtwie jene

der Diaspora. Ben

Enwonwuund Gerard

Sekotogelten als

afrikanische Meister.

Installation. Auf

der Messe 1­54

in Marrakesch

warMoataz Nasrs

„The Mac Gate“

der Hingucker.

30.000 Dollar und ging auf250.000 Dollar.

Wie inder afroamerikanischen Kunst gibt

es auch wichtige Vertreter der afrobritischen

Kunst. Hier ist besonders Steve

McQueen zu nennen, dem das Institute of

Contemporary Art in London als erstem

schwarzen britischen Künstler eine Soloshow

widmete. Yinka Shonibare und Chris

Ofili wiederum wurden dank des Einflusses

der Galerie Saatchi entdeckt. Zuletzt

fielen in den Londoner Auktionen Künstler

wie Henry Tayler, Hurvin Anderson und

Michael Armitagemit Preissprüngen auf.

Die Afrikaner. Doch nicht nur Kunst der

Diaspora feiert Erfolge, es steigt auch die

Nachfragenach Kunst ausAfrika. „Afrikanische

Kunst hat eine lange Geschichte.

Künstler wie der Nigerianer Ben Enwonwu

und der Südafrikaner Gerard Sekoto gelten

als afrikanische Meisterund etabliertendie

afrikanische Moderne“, sagt O’Leary.

Zudem entwickle sich quer über den Kontinent

eine Kunstszene. „In unserer letzten

Auktion hatten wir Werke von Künstlern

aus 21Ländern“, so die Expertin. Zu den

hochpreisigen Künstlern zählen Enwonwu,

El Anatsui und Papa Ibra Tall aus dem

Senegal. „Südafrikanische Künstler sind

international bekannt und lang aktiv. Sotheby’s

hält die Rekordpreise für William

Kentridge, Marlene Dumas, Nicholas Hlobo

und Gavin Jantjes.“ Gesucht seien zudem

die nigerianischen Künstler Toyin Ojih

Odutola und Njideka Akunyili sowie der

Kongolese EddyKamuanga Ilunga. e

Fotos: Courtesy of Phillips, Nicolas Brasseur, Sotheby‘s;


Der Kunstraum imPalais Kinsky lädt zur

ÖSTERREICHISCHE KUNST AUS 7JAHRZEHNTEN

Tauchen Sie ein in die Form- und Gedankenwelten

heimischer Künstler. Große Namen und vielversprechende

Neuentdeckungen vereint unter einem Dach.

Legen Sie den Grundstein für Ihre Sammlung oder

finden Sie die passende Ergänzung im Kinsky.

19. bis 31. Oktober

Mo bis Fr, 14-20 Uhr

Sa, 11-17 Uhr

imkinsky.com

Kunstraum im Palais Kinsky, 1010 Wien, Freyung 4


Markttreiben im

Coronamodus

Im Frühjahr kamder Kunstmarkt zum Erliegen,

die Branche hoffte auf einen guten Herbst.

Doch wieder wurden Messen abgesagt, viele

Aktivitäten ins Internet verlegt. Einige trotzen

dennoch der Pandemie.

Text: Eva Komarek

Highlights

München. Zu den wenigen internationalen

Messen, die heuer real über die Bühne

gehen, gehört die „Highlights“ in

München. Aufgrund der Coronasituation

findet die Messe aber in den Bronzesälen

der Münchner Residenz statt.Insgesamt

sind 27 Aussteller dabei, darunter

Beck &Eggeling mit Werken von GerhardRichter,etwa„Fuji“.

22.–25. Oktober, www.munichhighlights

Fotos: Beigestellt; Beck &Eggeling International Fine Art; Archiv, M.Schnur; VG Bild-Kunst, Bonn

48 Kulturmagazin


Tefaf virtuell

Digitaler Showroom. Im März fand die

TefafinMaastricht noch real statt.Für

die Herbstausgabe in New York gab es

eine Absage.Stattdessen hat die Messe

einen digitalen Showroom gebaut,der

jeweils ein Werk in den Mittelpunkt

stellt.Auch Interaktion zwischen den

Besuchern soll möglich sein. Die deutsche

Galerie Beck &Eggeling hat sich

für eine Arbeit von GerhardHoehme

entschieden.

1.–4. November, www.tefaf.com

Art Austria

Museumsquartier. Messemacher Wolfgang

Pelz übersiedelt mit der Art Austria

vom Sommerpalais Liechtenstein in den

Haupthof des Museumsquartiers. Dort

errichtet er eine eigene Halle.Neu ist

auch, dass jede Galerie auf einer eigenen

Wand das persönliche Highlight des

Angebots ins Rampenlicht rückt.Die

Galerie Estermann &Messner etwahat

„Ihr gegenüber Brücke“ von Martin

Schnur gewählt.15.–18. Oktober,

www.art-austria.info

Hochhaus

Herrengasse

Ausstellung. Wo sich noch bis vor

einem Jahr der Luxus-Showroom des

Elektroauto-VorreitersTesla befand, gibt

es jetzt Kunst.Das Hochhaus Herrengasse

betreibt dort einen Pop-up-

Space, den Galerien bespielen. Das

vierte Quartal übernimmt die Galerie

Ernst Hilger und zeigt Gunter Damisch

und Peter Krawagner.Von Damisch ist

die Skulptur „Flämmlerbogenkonstrukt“

zu sehen. Viertes Quartal,

www.hochhausherrengasse.at

Kulturmagazin 49


Ketterer Kunst

Marktfrisch. Wenn ein Werk zum ersten

Mal auf den Markt kommt,sorgt das

meist für Aufregung und großes Interesse.Bei

Ernst Ludwig KirchnersGemälde

„Unser Haus“ handelt es sich um so

ein marktfrisches Werk. Es stammt direkt

aus dem Nachlass des Künstlers

und kommt im Dezember beim Münchner

Auktionshaus Ketterer Kunst zum

Aufruf.Esist auf 500.000–700.000

Eurogeschätzt.11.–12. Dezember,

www.kettererkunst.de

W&K im Palais

Werkschau. Nach der Ausstellung

„Günter Brus“ im Vorjahr widmen

Wienerroither &Kohlbacher einem

zweiten Wiener Aktionisten eine Ausstellung.

Gemeinsam mit der Galerie

Konzett wirdimNovember eine umfangreiche

Schau mit Gemälden und

Fotografien von Otto Mühl im Palais

Schönborn-Batthyány zu sehen sein,

darunter auch „Ohne Titel (2 Tänzerinnen)“

aus dem Jahr 1983.

Ab 4. November, www.w-k.art

Art &Antique

Hofburg. AlexandraGraski-Hoffmann hat

mit der Messe in Salzburgzur Festspielzeit

trotz Corona gute Erfahrungen gemacht.Deshalb

hat sie sich entschieden,

auch die Herbstmesse in Wien zu machen.

Geboten werden Kunst und Antiquitäten

von der Antikebis zur Gegenwart.Die

Galerie bei der Albertina Zetter

bringt einen Keramikaufsatz von Michael

Powolny,um1910. 5.–8. November,

www.artantique-hofburg.at

Fotos: Beigestellt; Galerie bei der Albertina •Zetter; VIENNA-ART-WEEK-2019_Foto_eSeL_at; Courtesy Galerie Johannes Faber

50 Kulturmagazin


Dorotheum

Classic Week. Das Bildnis der Madame

Lebreton gab der Vater der

Porträtierten, Andrea Antonini, 1908

beim österreichischen Maler Eugen

von Blaas in Auftrag. Es warein

Hochzeitsgeschenk an seine Tochter.

Dieses Gemälde ist eines der Toplose

der Auktion „Gemälde des 19.

Jahrhunderts“ im Rahmen der Auktionswoche

im Dorotheum. Der

Schätzwert beträgt 150.000–

200.000 Euro. Ein weiterer Höhepunkt

ist ein „Bauerngarten“ von Olga

Wisinger-Florian.

5.–10. November,

www.dorotheum.com

Dorotheum

Contemporary Week. Klassische Moderne,

Zeitgenössische Kunst,Juwelen und

Uhren kommen im Dorotheum im November

bei der Contemporary Week zur

Versteigerung. Zu den Höhepunkten der

Klassischen Moderne zählt das Gemälde

„Dame in Rot vor einem blauen Hintergrund“

des russisch-französischen

Expressionisten Chaim Soutine.Der

Schätzwert beträgt 1,5–2,5 Millionen

Euro.

24.–30. November, www.dorotheum.com

Kulturmagazin 51


Artcurial Paris

Asiatische Kunst. Chinesisches Porzellan,

buddhistische Kunst,altertümliche

Bronzen, Jade, traditionelle Malerei und

Gravuren aus Ländern wie China, Japan,

Kambodscha oder Indien, so vielfältig ist

das Angebot asiatischer Kunst bei der

Auktion im französischen Auktionshaus

Artcurial. Zu den Toplosen der nächsten

Auktion zählt ein Paar Porzellanschüsseln

in Koralle.Die Taxe ist 10.000 bis

15.000 Euro.

10. Dezember, www.artcurial.com

Artcurial Paris

Kunstsensation. Originale des belgischen

ComiczeichnersHergé, bekannt

für „Tim und Struppi“, brechen alle Rekorde.

Artcurial bringt nun eine Sensation

zum Aufruf: „Le Lotus bleu“, das als

Cover für den gleichnamigen Band

geplant war, wardem Verlag zu teuer.Also

schenkte Hergé es dem Sohn des

Verlegers. Jetzt kommt es für zwei bis

drei Millionen Eurozur Auktion. 21. November,

www.artcurial.com

Im Kinsky

Weihnachtsauktion. Statt mehrereAuktionen

in unterschiedlichen Sparten im Herbst

packt das Auktionshaus im Kinsky sämtliche

Sparten in eine große dreitägige Weihnachtsauktion.

Diese Auktion umfasst dann

Kunst von den Alten Meistern bis zur Gegenwart,ergänzt

von Antiquitäten, Jugendstil

und Kunsthandwerk. In der Sparte „Gemälde

des 19. Jahrhunderts“ kommt „Hortensien“

von Olga Wisinger-Florian zum Aufruf.

Es soll 350.000–700.000 Eurobringen.

1.–3. Dezember, imkinsky.com

Fotos: Olga Wisinger; Artcurial

52 Kulturmagazin


MAC-HOFFMANN&COGMBH ©2020

Ausstellervorschau

HOFBURG

VIENNA

05.BIS 08.11.20

Die Messe für Kunst,

Antiquitäten und Design

Do-Sa: 10-20 Uhr, So: 10-18 Uhr

artantique-hofburg.at


Art Cologne

Im Doppelpack. Die Art Cologne musste

coronabedingt die Messe im Frühjahr

absagen und holt sie nun parallel zur

Cologne Fine Art &Design im November

nach. In Köln sind immer viele österreichische

Galerien dabei. Heuer sind es

13 Aussteller,darunter die Charim Galerie,

die auf eine starkeweibliche Präsentation

setzt.Sie zeigt unter anderem „Silicon

Valley“von Dorit Margreiter.

18.–22. November,

www.artcologne.de

Sotheby’s

Artist Quarterly. Das Auktionshaus fördert

mit der Ausstellungsserie Artist

Quarterly junge Kunst.Imvierten Quartal

bespielt Dominik Louda die Räume

des Wiener Büros.Seine Malerei setzt

sich mit Architektur und Raum auseinander.Seine

bildlichen Konstruktionen,

illusionistische Räume aus Beton, Holz,

Stahl oder Glas,wirken spannungsgeladen.

Bei Sotheby’s zeigt er neue Arbeiten.

Oktober bis Dezemberw,

www.sothebys.com

Fotos: Beigestellt; Hergé Moulinsart 2020; Dominik Louda

54 Kulturmagazin


Zeitreise

Österreichische Kunst aus 7Jahrzehnten –

innovative Kunstvermittlung im Palais Kinsky

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG

Markus Prachensky

rot auf weiß –Solitude –II, 1964

Öl auf Leinwand; gerahmt

100 x165 cm

Xenia Hausner

Borodino, 2019

Öl auf 310 gHahnenmühle Bütten

100 x156 cm

Fotos: Markus Prachensky; Xenia Hausner;

Im Kinsky beschreitet man ab kommendem Montag

mit dem Kunstraum einen neuen und innovativen

Weg. Die Räume im Erdgeschoß des Palais werden

im Oktober dazu genutzt, heimische Kunst zu

präsentieren und einen umfangreichen Überblick über

deren Entwicklung in den vergangenen 70 Jahren zu

bieten. Dabei besteht für interessierte Besucher auch

die Möglichkeit, die Werke käuflich zu erwerben.

„Von Österreich gingen im19. und 20. Jahrhundert

bedeutende Kunstrichtungen aus, eswar ein unbestrittener

Mittelpunkt europäischer Kunst“, führt

Nadine Kraus-Drasche, Mitkuratorin der Ausstellung,

aus. „Diese Tradition hochzuhalten und sie dabei mit

innovativen, originellen Konzepten zu bereichern, ist

ein Merkmal der zeitgenössischen österreichischen

Kunst.“ Mit dieser kann man nun im Kunstraum auf

Tuchfühlung gehen –eine willkommene Gelegenheit

für all jene, die den Zugang zur Kunst imFrühjahr

schmerzlich vermisst haben.

So sind wichtige Werke international anerkannter

Künstler wie Max Weiler, Fritz Wotruba, Günter Brus

oder Erwin Wurm Teil der Ausstellung. Die unterschiedliche

Ausrichtung dieser Künstler macht den

besonderen Reiz der Schau aus, ihre Vielfalt lädt zum

Staunen ein. Überraschende Synergien ergeben sich

durch die Hängung der Werke. Die Generation um

Hans Bischoffshausen und Oswald Oberhuber tritt etwa

in einen Dialog mit jüngeren Künstlern wie Herbert

Brandl oder Tillman Kaiser und Markus Schinwald.

Arrivierten Namen wie Markus Prachensky werden

neuere Positionen wie jene der Künstlergruppe Gelitin

gegenübergestellt. Auch den Malerinnen ist quer

durch die Jahrzehnte ein Schwerpunkt gesetzt –von

der Grande Dame Martha Jungwirth über Xenia Haus-

Tipp

AlleWerke sind ab sofort

auch ineinem Online-Katalog

zu besichtigen, über

www.imkinsky.com

Die Schau läuft vom 19. bis

31. Oktober 2020, jeweils

Montag bis Freitag von 14bis

20 Uhr und Samstag von

11 bis 17 Uhr.

ner und Suse Krawagna bis hin zu Bianca Regl.

Insgesamt sind es rund 60 Künstler und Künstlerinnen

aus den Bereichen Malerei und Bildhauerei, von denen

über 100 Arbeiten im Kunstraum zu sehen sind. „Wir

zeigen hier sieben Jahrzehnte Kunst, mit den wichtigsten

Vertretern der einzelnen Kunstströmungen!“,

so Kraus-Drasche. Damit will das Haus jedem Besucher

ermöglichen, sich mit der österreichischen Kunst

auseinanderzusetzen. Wer den Grundstein zu einer

Sammlung legen möchte oder eine bereits vorhandene

Kollektion aufzustocken vorhat, ist hier amrichtigen

Ort. Ein Begleitprogramm mit Führungen sorgt für

einen intensiven Austausch über die Werke, Veranstaltungen

wie After-Work-Drinks bieten Kunstgenuss in

entspannter Atmosphäre. Die Ausstellung ist aber

auch ganz individuell ohne Voranmeldung zu besichtigen,

alle Maßnahmen zum Schutz der Besucher wurden

selbstverständlich getroffen.

Das Kuratorenteam besteht aus den Eigentümern des

Auktionshauses im Kinsky, Michael Kovacek und Dr.

Ernst Ploil, sowie aus der Leiterin für Private Sales,

Nadine Kraus-Drasche, und den Expertinnen für zeitgenössische

Kunst Astrid Pfeiffer und Timea

Pinter.

„Unser Ausgangspunkt war einerseits, österreichischen

Künstlern indieser herausfordernden

Zeit eine Plattform zubieten“, erklärt

Kraus-Drasche. „Andererseits halten wir

immer nach innovativen Wegen Ausschau,

um unserer Kundschaft abseits der traditionellen

Auktionen etwas Neues zu bieten!“

Beide Aspekte greifen nun im Kunstraum auf

spannende Weise ineinander.

Text von: Mag. Alexandra Markl

Kulturmagazin 55


On Location

MQ LIBELLE

Beflügelte Terrasse

Endlich istsie gelandet: Coronabedingtkonntedie Libelle, derneue

VeranstaltungsraumamDachdes Leopold-Museums samtgrandioser

Aussichtsterrasse,erstimSeptember stattimApril eröffnet werden.

Die luftigeLeichtigkeit einer Libelle soll derBau aufdem Dach des

Leopold-Museums widerspiegeln, so Architekt Laurids Ortner,der

zusammenmit seinem Bruder auch die meistenanderen Bauten des

MQ geplanthat.Eva Schlegelhat dieGlaswand der Libelle entworfen,

vonBrigitte Kowanz stammen die ikonischen Beleuchtungskörper

aufder Terrasse. Wiedas Programm desRaums weitergeht,ist allerdings

noch unklar.Vom 1. November bis31. März istWinterpause.

Foto: Hertha Hurnaus

56 Kulturmagazin


GRABEN 13. 1010 WIEN.

www.heldwein.com

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Signifikante Stimme. Ella Fitzgerald

ist das gesangliche Vorbild von

Anna B. Savage.

„Sexualität ist

Konversation“

Anna B. Savage wuchs mit Mozart-Arien auf und

singt über Masturbation. ImNovember kommt sie

nach Wien, 2021 erscheint ihr erstes Album.

Interview: Samir H. Köck

Fotos: Ebru Yildiz

58 Kulturmagazin


Die britische Musikerin Anna B. Savage kam nach Jahren

des Herumirrens auf dem deutschen Label City

Slang unter. Im Jänner 2021 erscheint ihr erstes

Album „A Common Turn“. Mit dunkler Stimme geistert

sie zwischen Melancholie und Aufbruch herum.

Im November gastiert sie, die auf ihrem neuen Song „Chelsea

Hotel #3“ das Tabuthema weibliche Masturbation behandelt,

beim Wiener „Blue Bird Festival“ im Porgy &Bess.

Ist Ihr Künstlername Anna B. Savage (zu Deutsch: Anna sei

wild) auchgleichkünstlerisches Programm?

Ich denke schon. Nur eine Kleinigkeit noch: Es ist tatsächlich mein

Name. Nichts Ausgedachtes. Wenn man schon soeinen Namen

trägt, dann sollteman ihm auch gerecht werden.

Wie haben Sie die Musik als Möglichkeit eigenen Ausdrucks

erkannt?

Meine Eltern sind beide Opernsänger. Musik war immer bei uns

präsent. Wahrscheinlich ist meine früheste musikalische Erinnerung

die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts „Zauberflöte“.

Damals schlief ich noch im Gitterbett.

Gabesaußer klassischerMusik nochandereFormen, die Sie als

Kind kennenlernten?

Der allergrößte Teil der Musik, der ich als Kind ausgesetzt war,

war Klassik. Mozart-Opern waren meine größte Freude. Besonders

hatte esmir „Figaros Hochzeit“ angetan. Daneben gab es

noch Jazz und die Beatles. Im Familienkreis lief auch Ella Fitzgerald

und Nat King Cole. Meine Geschwister sind um einiges älter

als ich. Sie entwickelten ihren eigenen Musikgeschmack,der auch

auf mich abfärbte. Bei meinem Bruder hörte ich Radiohead und

Nick Drake, bei meiner Schwester Stevie Wonder und India Arie.

Sie haben eine sehr signifikante Stimme. Hatten Sie jemals ein

gesangliches Vorbild?

Das war sicher Ella Fitzgerald. Ich habe sehr viele Stunden zu den

Schallplatten gesungen und wohl auch versucht, sie zu kopieren.

Ihr Timing ist unerreicht. Und da war soeine Leichtigkeit und

Würde inihrem Gesang.

Aber ihre Kunst war entschieden fröhlicher als das, was Sie

machen. Wiegehtdas zusammen?

Ich weiß es auch nicht genau. Vielleicht kommt meine Vorliebe für

das Düsterevon derOper.

In welchemTeilvon London wuchsen Sie eigentlichauf?

In Crouch End, also Nord-London. Es istbeinah idyllisch.

Aber der Jazz spielt sich inLondon, sieht man von Soho ab, in

Ost-London ab. Sie haben vor ein paar Jahren ein Livealbum im

berühmten Cafe Oto aufgenommen. Wiekam das?

Ich durfte das Vorprogramm eines Konzerts der norwegischen

Sängerin Jenny Hval bestreiten. Der Toningenieur des Clubs stellte

sich als Freund meines Tourmanagers heraus. Und sofragte er

mich, ob er aufnehmen solle. Im Zweifel warenwir dafür.AmEnde

fanden wir die Aufnahmen gut und veröffentlichten sie als EP auf

Vinyl. Es war interesssant für mich, die Stücke soabgespeckt zu

hören. NurGitarreund meine Stimme.

Was hat Sie zu dem darauf enthaltenen Song „Also Human“

inspiriert?

Das Lied handelt von einer meiner besten Freundinnen,

die den Hang zur Einzelgängerin hat. Es ist

ein Song über Unsicherheit. Schwächen gehören

für mich zum Menschsein. Es ist eine Art Liebeslied

an sie.

Sie bereiten gerade Ihr leicht verspätetesDebütalbum

vor. Welche Schritte ziehen Sie in Erwägung?

Das ist derzeit eine Art Millionen-Dollar-Frage. Die

Pandemie macht längerfristigePlanung fast unmög-

Tipp

Blue BirdFestival. Vom

19.bis 21. November 2020

im Porgy&Bess. Mit

Anna B. Savage,Garish,

Alicia Edelweiss, Konni

Kass, ThisIsthe Kit.

lich. Die Veröffentlichung wurde jetzt einmal verschoben. Mein

ästhetisches Ziel war auf jeden Fall, ein Album zu machen, das

mit jedem Hördurchgang wächst. So richtig radiotauglich ist

meine Musik nicht. Dafällt dann schon viel weg, was Marketingstrategien

anbelangt.

WiehabenSie denCovid-19-Lockdown verbracht?

Ich war in Bristol, wo meine Geschwister leben. Ich fand es ziemlich

schwierig, die ganze Zeit so unabgelenkt von mir selbst zu

sein. Und soversuchte ich ein bisschen etwas zulernen, schaute

mir ein paar YouTube-Masterclasses an. Viel gelesen habe ich.

Und natürlich Songs geschrieben. Ich war nicht krank und habe

das Beste daraus gemacht.

Wird das Lied „Dead Pursuits“ Teil Ihres Albums sein? Und

worumgehtesda?

Es ist mein Lamento auf die Musikindustrie. Was ich nicht alles

probiert habe, ohne dass etwas passiert ist. Das Komponieren ist

nur die eine Seite. Wesentlich schwieriger ist es, Leute inder

Industrie dazu zu bringen, deine Songs anzuhören. Umso besser

fühlt es sich jetzt an, dass ich endlich ein Label gefunden habe.

Sie litten eine Zeit lang auch unter einer Schreibhemmung. Wie

habenSie diese überwunden?

Das ging einige Jahre so. Als Hauptgrund entpuppte sich schließlich

eine ziemlich toxische Beziehung. Sobald ich da raus war,

ging es bergauf. Ich hangelte mich entlang von Coverversionen

wieder zurück zur eigenen Kreativität. Die Lieder anderer öffneten

mich wieder. Zusätzlich las ich viele Romane und Gedichtbände.

Das lockerte mich.

Favorisieren Sie eine bestimmte Dekade in der Popmusikhistorie?

Es ist nicht leicht. Ich bin ein Kind der 1990er-Jahre. Wahrscheinlich

sind es ohnehin die Neunziger mit Radiohead und Jeff

Buckley. Grungeund Emo sind die Strömungen, die mich wohl am

meisten geprägt haben.

Wasist IhreDefinition eines gutenSongs?

Diesbezüglich bin ich gespalten. Als Tochter eines Opernsängerpaars

will ich, dass ein Lied interessant ist. Der andere Teil von

mir will schlicht beim Hören etwas fühlen. In meiner Musik will

ich diese beiden Teile meines Ichs zusammenführen.

Ist einegewisse Perfektion wichtig?

Keinesfalls. Für mich wenigstens nicht.ImGegenteil. Ichhabe mich

lange Zeit damit herumgeschlagen zu glauben, dass ich nicht gut

genug sei. Der Feind alles Kreativen ist für mich der Glaube an

Perfektion.

Einer Ihrer neuen Songs, „Chelsea Hotel #3“, steht in gewisser

Beziehung zuLeonard Cohens „Chelsea Hotel #2“. Wie kommt

das?

Angeregt von dem Roman „I Love Dick“ von Chris Kraus wollte

ich einen Song über weibliche Selbstbefriedigung schreiben, als

ich dieses Cohen-Lied zu Gehör bekam. Mir gefiel die saloppe

Art, wie Cohen über seine sexuelle Begegnung mit Janis Joplin

berichtet. Inmeinem Song geht es darum, das einzementierte

Verhältnis von Muse und Künstler umzukehren. Es ödet mich

an, dass Musen immer Frauen sein müssen. Es kann doch

genauso gut andersrum sein.

Sehen Sie Verbesserungen im Verhältnis von Frauen

und Männern in denletzten Jahren?

Ja, auf jeden Fall. Die Menschen sind mittlerweile

viel eher bereit, nicht nur mit ihrem Partner über

alles zusprechen. Basis einer guten Beziehung ist

exzellente Konversation. Sexualität ist jaauch eine

Form von Konversation. Das verstehen mittlerweile

viel mehr Menschen. Wie ich hoffe, auch außerhalb

meiner digitalen Echokammer... e

Kulturmagazin 59


„Der Ruhm

verblasst schnell“

Jamie Cullum, mittlerweile 41Jahre alt, wirkt immer

noch unverschämt „boyish“. Mit seinem Album „Taller“

gastiert erEnde Jänner 2021 im Wiener Konzerthaus.

Text: Samir H. Köck

Qurilig. Das Brennen, der Drang zu komponieren

hören bei Jamie Cullum nie auf.

Fotos: Universal Music;

60 Kulturmagazin


Humor besitzt Jamie Cullum nicht

zu wenig.„IwishIwastaller“ sang

er im Titelsong seines letzten

regulären Albums. Er, der mit der

einen Kopf größeren Fernsehköchin

Sophie Dahl, der Enkelin des berühmten

Schriftstellers Roald Dahl, glücklich ist. Seit

vielen Jahren schon. Ist man als kleinwüchsiger

Mann getriebener, was den Erfolg

anlangt, weil ja so viele Künstler und

Geschäftsleute eher Zwergerln als Riesen

sind? Cullum hält einen Moment inne und

setzt seine seriöse Miene auf. „Das ist mir

zu simpel gedacht.Inmeinem Fall kann ich

ehrlich sagen, dass meine Körpergröße keinesfalls

meinen Charakter mitgeformt hat.

Dieses ganze Genecktwerden habe ich

nicht allzu ernst genommen. Es war viel

eher meine intensive Liebe zur Musik, die

mich dorthin gebracht hat, wo ich heute

stehe.“

Anders als so mancher Kollege hat esCullum

dauerhaft geschafft, sich an der Spitze

zu halten. Dies durch mehrerlei Strategien.

Eine davon war sicher sein breites Interesse

an Musik. Immer wieder integrierte

er Songs aus ganz anderen Genres in seine

jazzige Mischkulanz. Lieder von Pharrell

Williams, von Rihanna oder den europäischen

Clubhit „I Took aPill in Ibiza“ von

Mike Posner. Dieser furchtlose Zugang zur

Musik, den er sicher aus der Zeit als Hochzeitsmusiker

herübergerettet hat, zeichnet

ihn genauso aus wie seine Rasanz und sein

Gusto, Coverversionen erbarmungslos zu

dynamisieren.

Poppig wie nie. Der 1979 in Essex geborene

Brite Jamie Cullum hat sich seine

Kunst autodidaktisch beigebracht. Zudem

verwandelte ersich praktisch in Bestzeit

von einem bloßen Interpreten zu einem

gestandenen Singer­Songwriter. Seit er

2003 zum „Rising Star“ bei den British Jazz

Awards gekürt worden war, arbeitete er

sich rasch an die Spitze und machte Weltkarriere

mit einem unverschämt charmanten

Mix aus Jazz und Pop. Auf seiner musikalischen

Reise hat er mit so unterschiedlichen

Künstlern wie dem Count Basie

Orchestra und Pharrell Williams, Dan the

Automator und Gregory Porter gearbeitet.

Seine bislang acht Alben demonstrieren in

ihrer Unterschiedlichkeit das künstlerische

Spektrum desunverschämt jung aussehenden

Vierzigjährigen. Das 2013 edierte

„Momentum“, das den oft unmerklichen

Wechsel von Adoleszenz zum Erwachsensein

thematisiert, zeigte ihn poppig wie

nie. Auf dem Nachfolger „Interlude“ unterzieht

er Jazzklassiker und Popraritäten von

Sufjan Stevens bis Randy Newman einer

Frischzellenkur àlaNostalgia 77. Was zieht

ihn so an der Popmusik an, dass er sie

unerlässlich findet, wenn es um die

Erneuerung des Vokaljazz geht? „Ob meine

Musik unter Pop oder Jazz rubriziert wird,

ist mir egal. Wenn ich mich auf einen klarenJazzsound

beschränken würde, wäre es

viel härter, in meinen Eigenkompositionen

konzise Statements zu machen. Da wäre

ich dazu gezwungen, permanent vertrackte

Akkordwechsel und clevere Taktarten

auszuhecken. Als Komponist kann es

einen langweilen, an solche Dinge zudenken,

wenn man eine klare emotionale Botschaft

vermitteln will.“ Jeder, der ihn schon

einmal live gesehen hat, schwärmt von seiner

Quecksilbrigkeit, die ihn zuweilen verleitet,

mit billigen Turnschuhen auf teure

Flügel zuspringen. Eindeutig war bislang,

dass es wichtiger war, mit Traditionen zu

brechen, als ihnen brav zu folgen.

Das ist nun ein wenig anders. Erstmals hat

er eine Weihnachtsplatte aufgenommen.

„The Pianoman at Christmas“ heißt das

Werk.Und man kann davonausgehen, dass

es eines der besten des Festtagsgenres sein

wird. Dass es auf einer Höhe mit den wirklich

gut ins anspruchsvolle Ohr gehenden

X-Mas­Alben von John Legend, Michael

Bublé und Robbie Williams sein wird. Von

diesen Liedern, so schön sie auch sein

mögen, wirderdann im Jänner,wenn er im

Wiener Konzerthaus gastieren wird, nichts

hören lassen. Egal.

Auf dem eingangs erwähnten aktuellen

Album „Taller“ hat ersich konzeptuell wieder

mehr dem Jazz zugewandt.Ein bewusster

Akt? „Im Grunde gibt es kein Album

ohne zumindest unbewusstes Konzept.

Aber diesmal war esein ganz bewusster

Schritt, wieder mehr in den Jazz abzutauchen.

Und zwar einen Jazz, der ganz und

gar ins 21. Jahrhundert gehört. Ich habe

sehr sorgfältig darauf geachtet, dass es

ganz modern klingt. Da gibt es kräftigere

Tipp

„Taller“. Am 30. Jänner 2021 ist

Jamie Cullum im Wiener Konzerthaus

zu hören,

www.konzerthaus.at

„The Pianoman at Christmas“.

Das Album erscheint im Oktober

bei Universal Music,

www.universalmusic.com

Schlagzeugsounds, programmierte Passagen

und ein paar Synthesizer und ganz

zum Schluss eine Four­to­the­floor­Nummer

mit Housebeats. Kurioserweise klingt

der Opener, eine Nummer, die ich mit dem

Count­Basie­Orchestra aufnahm, viel kräftiger

als allesandere.“

Britischer Jazz erneuert sich. Der Stilmix

fiel diesmal nicht so abenteuerlich aus wie

früher. Hat sich sein Geschmack verändert?

„Nein. Die grundsätzliche Ausrichtung

auf den ganz großen Horizont, die

habe ich mir immer bewahren können.

Früher haben mich Akkordfortschreitungensehr

reizen können, heutzutagesind es

gute Texte wie jene von Nick Cave, den ich

heute viel lieber höre als früher. Er hat

stark an Tiefe gewonnen. Ich liebe die

Arbeit von sounterschiedlichen Kollegen

wie Tom Misch und Shabaka Hutchings.

Der Jazz erfährt gerade eine richtige

Erneuerung in England. Es gibt so viele

junge Musiker, die an Herausforderungen

interessiert sind. Und immer mehr von

„Der Jazz erfährtgeradeeine Erneuerung in

England. Es gibt so viele jungeMusiker,die an

Herausforderungen interessiertsind.“

diesen Instrumentalisten sind Frauen.

Wenigstens das stimmt mich optimistisch.“

Cullum beherrscht die hohe Kunst des

Rückzugs. Nach Jahren im Scheinwerferlicht

verschwindet er zwischendurch für

längere Zeit in die Anonymität. Das „Star

Game“spielt er nicht gern. Wasgenoss er in

diesen Phasen des Rückzugs am meisten?

„Ganz simple Dinge. Ich hing in Pubs ab,

fuhr mit meinem Fahrrad herum, besuchte

meine Eltern, spielte Tennis und Fußball,

versuchte mich in der Kochkunst und

pflegte immer wieder mal ein Mittagsschläfchen

zu halten.“

Nie Angst gehabt, die mühevoll aufgebaute

Karriere damit zu gefährden? „Es stimmt

schon, heutzutage verblasst der Ruhm

ziemlich schnell. Aber ich hoffte immer,

dass meine Bekanntheit auf meinen musikalischen

Qualitäten basiert. Mein Gehirn

war vom vielen Trubel meines jähen Karriereaufschwungs

geröstet. Ich hatte

unendlich großes Schlafbedürfnis. Dem

folgte ich und wartete darauf, bis wieder

dieses Brennen in mir aufkam, dieser

Drang zu komponieren und zu spielen. Das

passierte dann überraschend schnell. Ich

komponierte schon nach einem Monat

wieder. Allerdings nur zum Spaß und

Songs, die die Öffentlichkeit niemals zu

hören bekommt.“ e

Kulturmagazin 61


Weinviertler. Alle acht Skolka-Musiker stammen

von dort.Der Dialekt ist ihr Markenzeichen.

Tanzbodenfeger

aus dem Weinviertel

Kerniger Ska und satte Polkabeats versetzt

mit geschmeidigem Reggae: Das ist der

Sound von Skolka. Gemeinsam mit Otto Jaus

hat die Band gerade eine neue, nostalgische

Single herausgebracht: „Domois, wia ma

Kinder woan.“

Text: Daniela Tomasovsky

62 Kulturmagazin

Sie haben im Weizenfeld ein Kinderzimmer

aufgebaut, mit Retrotapeten,

Festnetztelefon, Spielen,

alten Fotos und Fanta aus 80er­

Jahre­Flaschen. „Domois, wia ma Kinder

woan“ ist der jüngste Streich der Weinviertler

Crossover­Band Skolka, die Single

kam Ende August heraus, Otto Jaus ist als

Überraschungsgast mit an Bord. „AHittn

zum Verstecken, der Kopf voll Fantasie“...

Erinnerungen an die Kindheit werden zu

groovigen Beats heraufbeschworen. Und

die Kindheit haben sie gemeinsam, die acht

Musiker von Skolka und der Sänger und

Kabarettist Otto Jaus (der sonst mit Paul

Pizzera als Duo auftritt). Sie alle sind im

Weinviertel groß geworden, der Dialekt ist

zu einem Markenzeichen von Skolka

geworden. Seit 2008/09 musizieren Judith

Frank (Gesang), Thomas Rieder (Gitarre/

Fotos: Michael Reidinger


Gesang), Raffael Schimpf (Bass), Gerald

Schwent (Schlagzeug), Christoph Schödl

(Posaune/Gesang), Roman Leisser

(Posaune), Christoph Nadler (Trompete)

und Bernd Treimer (Trompete) als Band

miteinander, anfangs als Coverband und

mit englischen Liedern.

Tanzbar. Viel experimentiertwurde in frühen

Jahren, 2012 wurde dann die heutige

Band gegründet: Skolka. Der Name setzt

sich aus den Musikstilen Ska und Polka

zusammen. „Bob Marley und die amerikanische

Ska-Punk-Band Mad Caddies haben

uns inspiriert“, erzählt Trompeter Christoph

Nadler. Getanzt werden soll zu ihren

Liedern, daher die Polka, und auch auf den

Dialektgesang einigte man sich schnell.

„Das gab es damals noch kaum. Wirwollten

uns einfach so ausdrücken können, wie wir

es gewohnt sind. Im Englischen kommt das

nicht so authentisch rüber“, so Nadler.

Anfangs traten Skolka als Vorgruppe auf,

etwa von Russkaja, La Brass Banda, Clara

Luzia, Wanda oder Seiler und Speer. 2013

erschien ihr erstes Mini-Album „Gemma

Gemma“, das gleich mal in die Top 40der

österreichischen Charts einstieg.

„Daunzboa“, also tanzbar aufHochdeutsch,

war das erste reguläre Album der Band,

beim Spielberg Musikfestival, dem Donauinselfest

und dem Nova Rock tourten sie

damit und trafen mit ihren Texten den Spirit

ihrer Generation. „Wenn die Gstriegelten

wieder am Sudern san, machs dir

chillig hier am Uferstrand“, singen sie etwa

in „Leiwaund“. Gefühlig-entspannt geht es

auch in „Roda Klee“ zu: „Wir ernähren uns

von Liebe, Luft und Licht. Wir versumpern

unten am See, schlafen ein im rotenKlee.“

Sie können aber auch anders: Bei Liveauf-

Der Dialekt istauch in Kroatien kein Hindernis.

Musik versteht man auch ohne Sprache.

tritten forcieren Skolka vorrangig ihre

Tanzbodenfeger, allesamt Eigenkompositionen:

„Heit geht’srund“, „Adrenalin“oder

„Auf geht’s“. „Die Nacht ist jung, jetzt gemmas

an, es juckt in’d Fiaß, treibt di voran“,

heißt es da zu schmissigen Beats des

Oktetts. „Wir spielen ausschließlich auf

analogen Instrumenten, das gehört zu

unseren Markenzeichen“, sagtNadler.

Neue Ideen. 2020 durchkreuzte Corona

die Tourpläne, die meisten Konzerte wurden

aufs nächsteJahr verschoben: Etwa die

Burg Clam, das Nova Rock Festival, Freiklang

auf der Ruine Falkenstein und natürlich

die Auftritte imAusland. Wie ging es

der Band im Lockdown? „Am Anfang war

es schon zach. Aber wir hatten seit Längeremgeplant,neue

Stückezuschreiben, das

war dann ein guter Anlass, um Ideen zu

sammeln“, sagt Nadler. Sobald es wieder

möglich war, trafen sie sich im Studio und

probten miteinander. „Wir leben alle nicht

Tipp

„Wia ma Kinder woan“, feat.

Otto Jaus. Die Single ist Ende

August 2020 erschienen.

Bisherige Alben: „Dammawos“,

„daunzboa“, „Gemma

Gemma“. Livetermine sind

für heuer unsicher, gibt’s

kurzfristig auf der Website

www.skolkamusik.at oder auf

den Social­Media­Kanälen.

von der Band, aber natürlich suchen wir

Kanäle, um unsere Musik unter die Leute

zu bringen, vor allem, da Liveauftritte

momentan kaum möglich sind. Als Nachwuchskünstler

ist esaber schwierig, eine

größere Reichweite zuerlangen, die großen

Radiostationen blocken da eher ab“,

meint der Trompeter, der im Brotberuf in

einer Musikschule unterrichtet.

Social-Media-Kanäle wie Facebook, Instagram

oder YouTube spielen eine umso größereRolle.„Das

sind unsereHauptkommunikationskanäle,

um Konzerttermine zu

promoten oder Einblicke ins Bandleben zu

geben.“ Auch danutzt hin und wieder ein

Reichweitenverstärker. „DiePuls-4-Castingshow

,Ein Herz von Österreich‘ hat uns

nach vorn katapultiert und viele Klicks auf

YouTube gebracht.“

Apropos Auslandsauftritte –ist dader Dialekt

kein Hindernis? „Wir spielen viel im

süddeutschen Raum –Bayern ist jaimmerhin

so groß wie Österreich –oder in der

Schweiz, etwa beim Alpenklang Festival.

Aber wir haben auch in Kroatien oder Bratislava

gespielt, die Musik verbindet, viele

Songs versteht man auch ohne Sprache.“

Dass auch Anliegenvon Frauen in der männerdominierten

Band zum Ausdruck kommen,

dafür sorgt Frontfrau Judith Frank.

Etwa mit „He Madl“. „Steh auf, gspier di,

lass die Masknfalln, feier di söbst“, heißtes

da. Zukunftspläne hat die Band viele, die

Coronalage macht die Planung schwer.

Trotzdem: „Spielen, spielen, spielen“ lautet

das Motto. e

MOZ ARTWOC HE

2021

2 1

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Wissenschaft

Museen


Josh Lovell. Der junge kanadische Tenor

singt die Hauptrolle, Noboru.

Simone Young. Die Dirigentin leitet die

Premiereander Wiener Staatsoper.

Die Sogwirkung

einer Buberlbande

Wie aus zarten Knaben blutrünstige

Mörder werden, zeigt Hans Werner

Henzes Oper „Das verratene Meer“.

Text: Wilhelm Sinkovicz

Sergio Morabito. Der Chefdramaturg

der Wiener Staatsoper führt Regie.

Bo Skovhus. Der dänische Bariton

gibt den Offizier Ryuji.

64 Kulturmagazin


Fotos: Simon Pauly; Berthold Fabricius; Klara Beck; Roland Unger;

Mit den Nachwehen der Achtundsechziger-Bewegung

hatte sich

der deutsche Komponist Hans

Werner Henze völlig aus den

Opernhäusern und Konzertsälen der Welt

zurückgezogen. Er wollte „engagierte

Musik“ machen, ging eine Zeit lang nach

Kuba und verfasste, wenn schon, Opern

nach Texten von Edward Bond mit sozialkritisch-revolutionärem

Inhalt. Dabei war

Henze in den späten Fünfziger- und frühen

Sechzigerjahren zum Liebkind des Musik-

Establishments geworden: Er war nach Italien

gegangen, wo man freizügiger leben

konnte injenen Jahren. Er schrieb Musik

zwischen Neutönerei und der Liebe zu zartenMelodien

und schlichter Harmonik und

positionierte sich damit zwischen allen

Stühlen: Den Avantgardisten zu altmodisch,

dem Publikum zu modern. Henze

hielt den Zwiespalt nicht mehr aus und

sonderte sich weiter ab –beziehungsweise

warf sich in die Arme der engagierten Linken.

Doch auch das hatte ein Ablaufdatum:

Die Oper „Das verratene Meer“ markierte

so etwas wie die Rückkehr des Komponisten

ins allgemeine Musikleben. Henze war

sich seiner sicher geworden und schrieb

einfach nur noch Stücke, auf die er Lust

hatte–ohne Rücksicht aufästhetische Doktrinen

oder politische Wegweiser.

Bezeichnend dafür ist, dass die Vorlage

zum „verratenen Meer“ von einem ausdrücklich

der japanischen „Rechten“ zuzuordnenden,

wenn auch äußerst populären

Autorstammt: Yukio Mishima hatsich nach

einem von ihm selbst mitorganisierten

Putschversuch zur Wiedereinsetzung der

absoluten Monarchie 1970 das Leben

genommen.

rien ansetzen. Es wirddargestellt,wie Menschen

einander begegnen und wasdie Konsequenzen

der Begegnungen sind.“

Mit entsprechendem „Abstand“ hat man

also bei einer Präsentation des Werks an

der Wiener Staatsoper die Handlung zu

dechiffrieren. Im Wesentlichen geht es um

die rituellen, quasireligiösen Handlungen

einer japanischen Jugendgruppe, die es

sich zum Ziel macht, ihre Prinzipien gegen

Eindringlinge von außen zu verteidigen,

und die dabei vor dem Äußersten nicht

zurückschreckt.

Der Verrat. Opfer der Aktion istRyuji, Offizier

der japanischen Handelsmarine, der

sich in die 33-jährige, ebenso schöne wie

wohlhabende WitweFusakoverliebt.Fusakos

Sohn Noboru, Mitglied der Jugendbande,

ist zunächst interessiert anseinem

„Stiefvater“, doch als offenbar wird, dass

der Offizier seinen Dienst quittiert, um mit

Fusako zu leben, ändert sich die Lage

schlagartig: Die jungen Burschen sehen in

dem Offizier einen Abtrünnigen, der „das

Meer verraten“ hat. Die Geschichte, die

Henze zu den Worten seines Librettisten

Hans-Ulrich Treichel erzählt, handelt vom

langsamen Ablösungsprozess des Burschen,

seinen erotischen Beobachtungen

bei den nächtlichen Zusammenkünften seiner

Mutter mit ihrem Geliebten. Und von

der schleichenden Infiltration durch das

Gedankengut der jungen Männer, die am

Ende des ersten Teils der Oper eine Katze

schlachten –was sich zuletzt als Generalprobe

für die rituelle Opferung Ryujis entpuppt,

mit der der spiegelbildlich zum erstenangelegtezweiteTeil

der Oper schließt.

In Henzes Charakterisierung der Figuren

gibt es nicht Gut, nicht Böse: „Jede Frau

kann sich mit Fusako identifizieren, jeder

Mann mit Ryuji. Undjeder Mensch mit dem

Anfänger,dem es zustößt,imCollege einen

Anführer kennenzulernen und in seine

Gang von knabenhaften, altklugen Schulkameraden

integriertzuwerden.“

Der Komponist möchte keine Verurteilungen

vornehmen: „Es ist wichtig, dass diese

Jungens wie normale oder besser: über-

Tipp

„Das verratene Meer“. Die

Premiereder szenischen

Erstaufführung in deutscher

Sprache findet am 13. Dezember

in der Wiener Staatsoper

statt.Dirigentin: Simone

Young. Regie: Jossi Wieler

und Sergio Morabito.Mit

Josh Lovell, Bo Skovhus,

Vera-Lotte Boecker.

Es geht um die rituellen

Handlungen einer

japanischen Jugendgruppe,

die vordem

Äußersten nicht

zurückschreckt.

Psychoanalyse als Inspiration. Sein

Roman „Gogo NoEiko“ wurde zur Grundlage

von Henzes Oper, für deren Stil und

Anlageder Komponist ausdrücklich Vorbilder

nennt, die weit weg weisen von seiner

jüngeren, engagierten Künstlervergangenheit:

Ein Essay von Auden, „das Theater

Racines und Corneilles“ und, man höre

und staune, „das post-wagnerische Musikdrama

und die Psychoanalyse“ seien, so

Henze, „wesentliche Inspirationsquellen

für diese im modernen Japan angesiedelte

Liebestragödie“gewesen.

Es war Henze auch wichtig, darauf hinzuweisen,

„dass das Stück keine Moral im

westlichen Sinn hat. Es geschehen die

Dinge schicksalhaft, d.h.wie durch Zufall,

wie in der Natur. Wir dürfen nicht richten,

dürfen keine christlich-westlichen Kritedurchschnittlich

begabte ,college boys‘

sich benehmen, wir müssen sie mögen, wir

müssen besonders mit Noboru sympathisieren,

der Hauptrolle der Oper.“

Entsprechend ergeht HenzesAufforderung

an die Regisseure und die Darsteller der

Jugendbande: „Sie sind keine Perversen

oder Skinheads oder Rocker, dies sind

zarte, verletzte Wesen, deren Spielereien

irgendwann einmal, sozusagen durch den

Unglücksfall einer zerebralen Missfunktion

hervorgerufen, in tödliche Wirklichkeit

umschlagen. Aber sie sind keine Kriminellen.

Es stößt ihnen etwas zu. Ein geistiges

Abenteuer, das zu weit geht, außer Kontrolle

gerät:die Grenzüberschreitung.“

Henzes Partitur ist ein Musterbeispiel für

die von diesem Komponisten jahrzehntelang

kultivierte Polystilistik, die vieles von

der sogenannten Postmoderne vorweggenommen

hat, aber auch dort, wo sie zwischen

avantgardistischen Praktiken und

Elementen der Unterhaltungsmusik vermittelt,

stets unverwechselbar die Handschrift

Henzes trägt. In den Szenen der

Jugendbande Noborus greift der Komponist

sogar auf Techniken des Renaissance-

Madrigals zurück: Die fünfstimmigen

Ensembles der Jugendlichen sind für alle

Männerstimmlagen gesetzt: vom Countertenor

bis zum Bass. Sie bilden mit scharf

geschliffenen, nervös-vielschichtigen

Rhythmen den Gegenpol zur schwärmerischen

Musik der „Erwachsenen“.

Einen breiteren Stellenwert als gewohnt

nehmen in diesem Werk die Kommentare

der Handlung durch das groß besetzte

Orchester ein: Die Zwischenspiele sind oft

minutenlang und symbolisierendie Stimme

derNatur,des „verratenen Meers“.

Die österreichische Erstaufführung der

Oper fand in japanischer Sprache unter

dem Titel „Gogo NoEiko“ bei den Salzburger

Festspielen statt. Die Wiener Staatsoper

zeigt die szenische Erstaufführung in deutscher

Sprache mit Vera-Lotte Boecker als

Fusako, Josh Lovell als Noboru und Bo Skovhus

als Ryuji. Simone Young dirigiert, Jossi

Wieler und Sergio Morabito inszenieren in

Bühnenbildern vonAnna Viebrock. e

Kulturmagazin 65


Kuriose

Meisterwerke

Maddalena del Gobbo lässt im

Musikverein die Viola daGamba in

all ihren Spielarten erklingen.

Text: Wilhelm Sinkovicz

Otto Biba, langjähriger Direktor

des Archivs der Gesellschaft der

Musikfreunde in Wien – und

damit Herr über eine der wertvollsten

Musikaliensammlungen der Welt –,

hat eine originelle Konzertreihe ins Leben

gerufen: Unter dem Titel „Nun klingen sie

wieder“ präsentiert er Instrumente aus

dem Archiv, die zum Teil seit Jahrhundertennicht

mehr zu hören waren.

Dabei konnten Musikfreunde bereitsKuriositäten

entdecken. Etwa die zur Biedermeier-Zeit

modische „Stockflöte“, die es

dem Flaneur ermöglichte, irgendwo unter

freiem Himmel seinen Spazierstock in eine

Flötezuverwandeln und zu musizieren.

Freilich beherbergen die Sammlungen

auch wertvolle Instrumenteaus dem Besitz

großer Musiker und Komponisten. Die

nächste Folge widmet sich der Viola da

Gamba, also einer ganzen Instrumentenfamilie,

die von der großväterlichen Bassgambe

bis zum Sopran-„Baby“ alle Register

umfasste und vor der Landnahme von Vio-

Ausnahmekünstlerin.

Die gebürtige

Italienerin Maddalena

del Gobbo beherrscht

die Gambe

wie niemand anderer.

linen und Violoncelli das weite musikalische

Land unumschränkt beherrschte: Die

Gambe war das allumfassende Streichinstrument

–der Kontrabass ist inunserem

Symphonieorchestern der letzte Überlebende

der Spezies.

Damen vorbehalten. Mit Maddalena del

Gobbo hat sich Otto Biba diesmal einer

charmanten und versierten Instrumentalistin

versichert, die im umfassendsten

Sinne des Wortes alle Gamben-Spielarten

beherrscht. Sie bringt Kollegen mit, Eva

Münzberg (Pardessus de Viole), Christoph

Urbanetz (Baryton), Florian Wieninger

(Violone) und den Cembalisten

Anton Holzapfel.

Gemeinsam musiziert man

Gambenmusik aus drei Jahrhunderten.

Wobei mit der Violone die

Vorform unseres Kontrabasses

zubestaunen ist. Die Pardessus

de Viole wiederum ist

Tipp

„Nun klingen sie wieder“.

Mit Maddalena del Gobbo,

EvaMünzberg, Christoph Urbanetz,

Florian Wieninger,

Anton Holzapfel. 11. Februar

2021, 19.30 Uhr,Musikverein,

Brahmssaal

die Gambe in der höchsten Lage: Der Sopran

war im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts

vornehmlich den Damen vorbehalten.

Für das Baryton wiederum, mit dem

die Instrumentenbauer des18. Jahrhunderts

einen Sonderwegbeschritten, hatsich Maddalena

del Gobbo schon einmal selbst eingesetzt,indem

sie aufdiesem Instrument eine

ganze CD aufgenommen hat.

Geheimnisvolle Bordunsaiten. In der

Musikgeschichtsschreibung hat das Barytonauf

Grund der zahlreichen Werkeüberlebt,

die kein Geringerer als Joseph Haydn

komponierthat.Und das kam so: Wiesooft

hängt esaneiner einzigen Persönlichkeit,

in diesem Fall war Fürst Esterházy, der

Dienstherr Haydns, der Promotor des

raren Instruments. Haydn war seit den

1770er-Jahren der unermüdliche fürstliche

Opernkapellmeister. Das wusste die ganze

Welt. Doch vor dieser Ära machte man in

Eisenstadt und Esterháza eher Kammermusik.

Und diese Musik dominierte der

Klang eines Instruments, von dem wir

heute ohne den musikalischen Fürsten

nicht einmal mehr den Namen kennen

würden: Nikolaus, der Prachtliebende,

spielteBaryton.

Optisch würden wir in unseren Tagen dieses

Instrument am ehesten mit dem Cello

vergleichen, klanglich am ehesten mit

einer Bratsche. Doch schwingt im Klang

des Barytons im wahrsten Sinn etwas

Geheimnisvolles mit. Sogenannte Bordunsaiten,

unterhalb der eigentlich gespielten

Saiten angebracht, umgeben den Klang

stets noch mit sanften Sphärenharmonien.

Weitere Zusatzsaiten waren wie Gitarresaitenzum

Zupfen gedacht.Soumfasstediese

Hybridinstrument eine erstaunliche Klangpalette,

während der harmonische Bereich

ziemlich begrenzt war. Die mitklingenden

Saiten konnten ja nicht umgestimmt werden,

sodass sich angenehme Effekte nur in

bestimmten Tonarten ergaben. Daher stehen

denn die meisten der Hunderten (!)

Werke, die Joseph Haydn für das Baryton

geschrieben hat, in immer denselben Tonarten.

Wär’ nicht Haydn gewesen, wenn

ihm nicht trotz dieser Beschränkungen

immer etwasNeueseingefallen wäre.

Mandarf sich also durchaus auch in diesem

kuriosen Klangumfeld auf kompositorische

Meisterwerke freuen. Und

auch einige Cembalo-Zwischenspiele,

die Anton Holzapfel

auf historischen Instrumenten

der Musikvereinssammlung

musizieren wird;

auch diesbezüglich darf man

sich auf Überraschungen

gefasst machen. e

Fotos: Universal Music;

66 Kulturmagazin


Virtuoser Brückenbauer

Mit Martin Schläpfer als Ballettdirektor beginnt für das

Wiener Staatsballett eine neue Ära.

Text: Daniela Tomasovsky

diepresse.com/derclub

CLUB-VORTEILE

Vielfältiges Programm.

„Dance is music made visible“

–George Balanchines „Jewels“

(rechts oben und unten)

werden wiederaufgenommen.

„Mahler,live“ (oben) ist Schläpfers

Staatsoperneinstand, die

Klassiker „Giselle“ (linksoben)

und „Schwanensee“ (links

unten) laufen weiter.

Fotos: Wiener Staatsballett/Ashley Taylor; beigesterllt;

Martin Schläpfer übernahm mit

der Spielzeit 2020/21 die Leitung

des Wiener Staatsballetts.

Der Schweizer Choreograf und

Ballettdirektor hatte zuletzt das mehrfach

preisgekrönte Ballett am Rhein Düsseldorf

Duisburg zu internationalem Rang geführt.

Seine Werke faszinieren mit ihrer Intensität,

ihrer Virtuosität, ihren zutiefst berührenden

Bildern und einer prägnanten

Bewegungssprache, die sich als ein Musizieren

mit dem Körper begreift, immer

aber auch die Stimmungen und Fragestellungen

der heutigen Zeit reflektiert.

Gleich mehrere Programme geben die

Gelegenheit zur Begegnung – darunter

zwei Uraufführungen: Zu Gustav Mahlers

4.Symphonie und DmitriSchostakowitschs

15. Symphonie entstehen zwei neue Werke

für Wien, die zugleich auch der Beginn des

intensivenDialogs sind, den Martin Schläpfer

in den kommenden Jahren mit den

Künstlern seinesEnsemblesgestalten wird.

Als Direktor zeigt sich Martin Schläpfer als

ein Brückenbauer, der die großen Balletttraditionen

selbstverständlich weiter pflegen,

aber den Spielplan auch um wichtige

Künstler der Gegenwart und eine große

Vielfalt an choreografischen Handschriften

bereichern wird. Die Meister der amerikanischen

Neoklassik GeorgeBalanchine und

Jerome Robbins werden weiterhin zu den

Fixsternen des Wiener Spielplans gehören,

ebenso wie der Niederländer Hans van

Manen.

Tanzmoderne. Erstmals sind mit dem

Staatsballett 2020/21 dagegen Werke von

AlexeiRatmansky sowie der beiden großen

American-Modern-Dance-Künstler Paul

Taylor und Mark Morris zu erleben. Aber

auch die Tanzmoderne, deren Heimat das

Tipp

Wiener Staatsballett. Die Uraufführung

von „Mahler,live“ findet am

4. November in der Wiener Staatsoper

statt.Die Premierevon „Ein

Deutsches Requiem“ am 30. Jänner

2021 in der Wiener Volksoper.

Ermäßigte Tickets.

DiePresse.com/derclub

Nederlands Dans Theater ist, wird mit WerkenSol

Leóns &PaulLightfoots, Jiří Kyliáns

und natürlich Hans vanManens begeistern.

Besonders am Herzen liegt Schläpfer die

enge Zusammenarbeit mit den beiden

Klangkörpern der Staats- und der Volksoper,

mit international renommierten Dirigenten

und Instrumentalisten. Neben der

Erarbeitung der Symphonien Mahlers und

Schostakowitschs mit dem Orchester der

Wiener Staatsoper ist die Neueinstudierung

von Martin Schläpfers „Ein Deutsches

Requiem“, an der auch der Chor und

Zusatzchor sowie Sängerinnen und Sänger

der Volksoper mitwirken, ein Höhepunkt

der Saison.

Im Repertoire bleiben die großen Produktionen

des Ensembles: In der Staatsoper

neben „Jewels“auchdie Handlungsballette

„La fille mal gardée“, „Giselle“ und „Schwanensee“.

In der Volksoper stehen erneut

das beliebte Familienstück „Peter Pan“

sowie „Coppélia“ auf dem Spielplan. Die

„Nurejew-Gala“ wird als Reverenz an den

Ausnahmetänzer und Choreografen in

Zukunft in einem zweijährigen Rhythmus

stattfinden. s

Kulturmagazin 67


Ohne

Sprungbrett

zur Spitze

Im November erhält

Clemens Maria Schreiner

den Österreichischen

Kabarettpreis. ImGespräch

erzählt er, dass die

Coronakrise nicht die erste

Zäsur inseinem

Leben ist.

Text: Veronika Schmidt

Foto: Christine Pichler

Moderator und Kabarettist. Clemens

Maria Schreiner trifft den Nerv der Zeit.

68 Kulturmagazin


Im Sommer ist esClemens Maria Schreiner

zum ersten Mal passiert, dass er

einen Auftritt absagen musste, weil zu

viele Zuschauer angemeldet waren. Das

hätte ersich auch nicht gedacht, als er früher

im Theater amAlsergrund noch hoffend

wartete, ob vielleicht doch noch vier

Leute auftauchen, damit eine zweistellige

Zahl an Zuschauern zusammenkommt und

der Auftritt stattfinden kann. Diesmal lag

die Schuld bei den Coronabeschränkungen:

Es hatten sich mehr Leute angemeldet,als

in dem kleinen Saal erlaubt waren–

der Auftritt fand nicht statt. Dass Schreiner

diese Anekdote mit einem Lächeln im

Gesicht erzählt, liegt nicht nur anseinem

grundsätzlich entspannten Gemüt, sondern

auch daran, dass er kurz davor mit

dem Österreichischen Kabarettpreisausgezeichnet

worden ist. Und zwar mit dem

Hauptpreis, ohne davorjeden Förder-oder

Programmpreis bekommen zu haben, die

traditionell stärker den Nachwuchskünstlern

gewidmet sind. Der 31-Jährige, der mit

fünfzehn Jahren als Gymnasiast begonnen

hat, Programme zu schreiben, erreicht

quasi ohne Sprungbrett die Spitze der heimischen

Kabarettanerkennung.

ich dort eine Dreiviertelstunde spielen

soll.“ Dass bei dem Auftritt im Kleinen

TheaterSchreiners Vaterihn bei zwei Nummern

auf der Gitarre begleitete, dürfte

wohl der Grund sein, warum sich bis heute

das Gerücht hält, dass Clemens Maria

Schreiner als Jugendlicher die Programme

gemeinsam mit seinem Vater geschrieben

hätte. „Es gibt von diesem Auftritt in Salzburg

eine Kritik, inder mein Vater gesondert,

aber nicht wirklich lobend erwähnt

wird.“

normale Leben in Österreich hinter sich

und zog für knapp ein Jahr nach Neuseeland,

wo ein Campingbus der neue Nebenwohnsitz

war. An verschiedenen Orten

konnte das Paar für Kost und Logis arbeiten:

„Kühe melken, Zäune reparieren,

Hunde sitten und alles, was anfällt. Auch

wenn es lächerlich abgedroschen klingt:

Aber Reisen verändertden Menschen.“Der

Mentalitätsunterschied, den Schreiner auf

diesen Inseln erlebt hat, wo das Weltgeschehen

weit weg ist –physisch und mental

–,hat ihn geprägt: „Es war angenehm zu

sehen, dass man seinen Mitmenschen auch

sehr offen und vertrauensvoll begegnen

kann, wenn einen nicht dieses Grundrauschen

zumüllt mit Dingen, auf die man eh

keinen Einfluss hat.“

Faktencheck. Nach Neuseeland war ihm

klar, dass er seine Kabarettprogramme

ganz anders aufbauen will, und bat seinen

renommiertenKabarettkollegenund steirischen

Landsmann Leo Lukas, ab nun die

„Ich finde, dass Verifizierungsstrategien als Schulfach

wichtiger wärenals das Abrufen vondetailliertenFakten.“

Fokus auf das Kabarett. Dabei macht er

darauf aufmerksam, dass die Coronakrise

vor allem den „Mittelbau“ der Kabarettkolleginnen

und -kollegen erschüttert hat:

„Alle zwischen ,Naja, ich spiele einmal im

Monat wo‘ und ,mir ist’s ehwurscht, weil

meine Enkel müssen nie mehr was arbeiten‘

hat esschwer getroffen.“ Also jene, die

ohne Nebenjobs ihr Einkommen aus den

Auftritten lukrieren. „Ich war jainmeinen

Anfängen in einer Luxussituation, dass ich

mich gleich auf das Kabarett fokussieren

konnte“,erzählt Schreiner.

Nach einigen kleineren Jobs hat es sich

Mitte der Nullerjahre schnell ergeben, dass

die Kabarettauftritte und Moderationen

bei Veranstaltungen als Einkommen ausreichten.

„Ich habe zwar mit sehr viel Liebe

und sehr wenig Fortschritt Publizistik studiert.

Aber vor einigen Jahren habe ich

damit abgeschlossen, also nicht mit dem

Bachelor, sondern mit dem Studium.

Obwohl ein Publizistikstudium eh kein

guter Plan Bgewesen wäre“, sagt erwieder

lachend.

Der Plan Aergab sich 2005, weil Schreiner

bei einer Veranstaltung moderierte und

daraufhin für eine Jubiläumsshow imSalzburger

Kleinen Theater engagiert wurde.

„Wie die meisten beginnenden Kabarettisten

hatte ich auf die Frage, ob ich ein ganzes

Programm hätte, mit Ja geantwortet

und musste dann in einem Monat schnell

eines schreiben, als der Anruf kam, dass

Campingbus als Wohnsitz. Vielleicht entstand

da die Mähr, dass ihm seine Familie

anfangs zum Erfolg verholfen hätte. Dieser

stellte sich aus eigener Kraft ein, als Schreiner

2005 –mit 16 Jahren als jüngster Künstler

je –den Grazer Kleinkunstvogelgewann,

wo er Teile aus dem Salzburger Auftritt

präsentierte und als Sieger plötzlich Termine

für ein abendfüllendes Programm

zugesagt bekam: „Da hat mein Freund, der

produktive Zwang, wieder eingesetzt.“ Dieser

besucht ihn seither alle zwei Jahre,

wenn der Termin für die nächste Premiere

feststeht. Sein aktuelles Programm

„Schwarz auf Weiß“ hatte im Oktober 2019

Premiere und pausierte nun seit März

unfreiwillig. „Für mich war die Coronapause

eh ok, denn ich bin gleich zu Beginn

des Lockdowns Vater geworden: Da hat

mich nur mäßig interessiert, was rundherum

passiert, und die Folgen waren nicht

existenzbedrohend.“

Die Pandemie istimLebenslauf vonSchreiner

nicht die erste Zäsur, denn er ließ 2012

gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin das

Tipp

Österreichischer Kabarettpreis.

Die Verleihung soll –in welcher

Form auch immer –am16. November

im Globe Wien stattfinden.

Clemens Maria Schreiner

erhält den Hauptpreis.Die Impro-Kabarettistin

Magda Leeb

wirdals „Kaiserin von Österreich“

mit dem Förderpreis ausgezeichnet,und

Hosea Ratschiller

bekommt für „Ein neuer

Mensch“ den Programmpreis.

Der Sonderpreis geht diesmal

an den Karikaturisten Michael

Pammesberger.

Regie zu übernehmen. „Davor habe ich

sehr eigensinnig im stillen Kämmerchen

gearbeitet, war der Meinung, dass Vorpremieren

feig sind, und habe nie wirkliche

Proben gemacht.“

Das Programm „Schwarz auf Weiß“ ist

bereits das vierte, das Schreiner gemeinsam

mit Leo Lukas erarbeitet hat. „Darin

geht es um ,Wahrheit oder Fake‘, was javor

Corona das zentrale Thema war und das

man nicht an einer Person aufziehen kann.“

Damit istnatürlich Donald Trump gemeint,

der im gesamten Programm über Fake

News nicht vorkommt. Kaum war das Programm

geschrieben, ergab sich zufällig,

dass Clemens Maria Schreiner als Moderator

der neuen ORF-Comedy-Show „Fakt

oder Fake“angefragtwurde. Seit Dezember

2019 wurden acht Folgen des Formats, das

auf witzige Weise die Unwahrheiten aus

dem Internet aufblattelt, ausgestrahlt, und

Ende des Jahres wird die zweite Staffel aufgezeichnet.

„Solche Sendungen sensibilisieren

die Leute. Ich finde, dass Faktencheck

und Verifizierungsstrategien als

Schulfach wichtiger wären als das Abrufen

vondetailliertenFakten in kurzer Zeit –das

googelt immer einer schneller.“

Die Show trifft jedenfalls einen Nerv der

Zeit, was daran zu erkennen ist, dass viele

Zuseher Filme, Memes und Schlagzeilen

aus dem Internet einschicken, um diese als

Fakt oder Fake bestimmen zu lassen. e

Kulturmagazin 69


Keine Übersetzung

ins Heute nötig

Mozart hat Hochkonjunktur: Alfred Dorfer

inszeniert den „Figaro“, ander Staatsoper gibt

man die „Entführung aus dem Serail“, das

Burgtheater dekonstruiert die „Zauberflöte“.

Text: Barbara Petsch

Porträts: Christine Ebenthal

Erster Zuschauer. So sieht sich Kabarettist

Alfred Dorfer als Opernregisseur

in „dienernder Funktion“.

Illustration: Fredrik Floen

70 Kulturmagazin


Mozart wird immer wieder neu entdeckt, verjazzt,

vertanzt, verfremdet. Nun gibt es wieder

ungewöhnliche Annäherungen: Kabarettist

Alfred Dorfer inszeniertimTheater an der

Wien „Figaros Hochzeit“. Das Burgtheater will der „Zauberflöte“

das Märchen austreiben. Und „Die Entführung

aus dem Serail“ inder Regie von Provokateur Hans Neuenfels

ist inder Staatsoper zu erleben. Das „Kulturmagazin

sprach mit Dorfer und dem Staatsopern-„Bassa

Selim“Christian Nickel über die Faszination Mozart.

Zunächst zum Praktischen, wie kommt ein Opernintendant

wie Roland Geyer, Intendant im Theater ander

Wien, überhaupt auf einen Kabarettisten als Regisseur?

„Ich war schon überrascht“, erzählt Dorfer, „Ich selbst

wäre nie auf die Idee gekommen oder hätte den Mut

gehabt, zufragen, ob ich eine Oper inszenieren darf,

obwohl ich ja seit 50 Jahren in die Oper gehe. Als Kind

musste ich Klavier lernen –und somit bin ich wehrlos in

die Klassik gerutscht. Ich bin in einem absolut klassikaffinen

Haushalt aufgewachsen. In den Vorgenerationen

meiner Familie mütterlicherseits gibt es eine Reihe von

Geigern. Der ,Figaro‘ war die Musik meiner Kindheit. Es

ist eine seltsame Koinzidenz, dass ich jetzt mit fast sechzig

Jahren gerade diese Oper herausbringe.“

Zunächst wusste Dorfer gar nicht, was ein Regisseur

überhaupt tun soll im komplexen Operngebilde: „Ich

habe gedacht,ich bin dafür verantwortlich, dass die Sängerrichtig

singen. Das warein Irrglaube.“

Hat ergleich ja gesagt bei Geyers Angebot? Dorfer: „Ich

kann zwar Partituren lesen, aber ich habe sehr lang gezögert,

mich auf dieses Engagement einzulassen, bis mir

bewusst wurde, welcher Glücksfall das für mich ist, ob

auch für die anderen, das wirdman sehen.“

Was ist für Dorfer wichtig an diesem Werk? „Der ,Figaro‘

ist eines jener Stücke, die keine Übersetzung ins Heute

brauchen“, erläutert Dorfer: „In ihren zwischenmenschlichen

Beziehungen verhalten sich die Menschen von

damals genauso wie jetzt. Diese Oper hat einen Anstrich

von Commedia dell’Arte. Die ewigen Verwechslungen

sind witzig, aber auch wieder nicht zu

lustig, insofern ist der ,Figaro‘ eine

Komödie im besten Sinne. Und erwar

auch ein Revolutionsstück, was heute

gern betont wird.“

Für bildstarke Performancesmit Musik,

auch Pop,ist das Hamburger Kommando

Himmelfahrtbekannt.

TiereinMenschengestalt. Entwürfefür die „Zauberflöte“, eine

Extravaganza nach Mozart mit Apparaten und Projektionen, die

im Burgtheater uraufgeführt wird. Kostüme: Frederik Floen.

ihn? „Vermutlich war erein bisschen wie Galileo Galilei,

er hat den Konflikt gesucht“, meint Dorfer: „Es hat ihm

Spaß gemacht,mit Lorenzo Da PonteProvokantes auszuhecken.

Kaiser Josef II. war dabei durchaus ein Partner

für ihn. Mozart wollte Adelige ärgern, nach dem Motto:

Schauen wir einmal, wie weit man gehen kann.“ Ist es

möglich, dass ein Mann, der eine Frau küsst, tatsächlich

nicht erkennt, dass sie seine eigene Gattin ist? Dorfer

grinst: „Realistisch und trocken gesagt ist es schwer vorstellbar,

außer der Mann hat bewusstseinsverändernde

Substanzen zu sich genommen oder er sieht schlecht.

Ich glaube, Mozart wollte den Grafen noch ein bisschen

mehr desavouieren, und dass der Graf seine Frau küsst,

die er für Susanna hält,war dasspielerische Mittel dafür.

Es geht hier um amouröse Versessenheit, die kann einen

schon zu allerhand verleiten. Der Graf hat jaauch eine

Schwäche für ganz jungeFrauen, etwa für Barbarina.“

Ist das nicht bei allen Männern so?Dorfer:„Beimir nicht,

und ich bin sehr froh darüber.“ Ist er aufgeregt? „Es fühlt

sich vermutlich an wie für einen Fußballtrainer. Ab

einem gewissen Zeitpunkt kann man nicht mehr eingreifen“,

sagt Dorfer. Wird eretwas ganz anders machen als

andere Opernregisseure? „Ich möchte die Darsteller

absolut in den Mittelpunkt rücken und nicht das Konzept“,

betont Dorfer:„Außerdem will ich nah am Libretto

bleiben, denn es gibt für mein Dafürhalten etwaszuviele

dumme Ideen im Musiktheater.“ Er selbst sehe sich als

„ersten Zuschauer“: „Der Regisseur im Musiktheater hat

eine dienende, sogar servile Funktion“, ist Dorfer überzeugt.

Die Vorbereitung dieses „Figaro“ war wegen

Corona nicht einfach, es mussten drei verschiedene Versionen,

auch gekürzte, erarbeitet werden. Hat eresje

bereut, sich auf das Projekt eingelassen zu haben? „Oh

nein!“, strahlt Dorfer: „Ich inszeniere ,Figaros Hochzeit‘,

eine der schönsten Opern, in einem der wunderbarsten

Theater! Das ist wie ein Traum!“ Wer wäre er selbst gern

im „Figaro“. Dorfer: „Zu meiner komischen Seite würde

der Basilio passen, dieses Geknechtete, Geschraubte,

Verhärmte, Intrigante ist sehr wienerisch. Ich bin ja

selbst Wiener, also ist eskein Rassismus,

wenn ich das sage.“

Bassas Bauchproblem. Schauplatzwechsel

in die Staatsoper, woHans

Neuenfels seine Inszenierung der

Provokateur Mozart. Der Graf bedient

sich alter feudalistischer Praktiken, er

will das Ius Primae Noctis wieder einführen,

das Recht auf die erste Nacht:

Der Feudalherr darf Frauen vor der

„Entführung aus dem Serail“ zeigt,

die seinerzeit in Stuttgart einen Skandal

hervorrief. Christian Nickel spielt

den Bassa Selim, wie kam die Wahl

auf ihn als europäischer „Sir“ für

Hochzeitsnacht entjungfern, sprich

einen Geschäftsmann in der Türkei?

vergewaltigen, das erscheint barbarisch.

Dorfer: „Ja. Aber: Das war zu

Nickel: „Der Bassa ist hier nicht über

das Klischee besetzt. Man sagt mir

Mozarts Zeiten schon ironisch

allerdings, er muss einen Bauch

gemeint. Der Graf ist einfach in die

Zofe Susanna verliebt und hofft auf

das Recht auf die erste Nacht. Doch

Mozart benützt diesen Kniff, umden

Affront des Stücks gegen den Adel zu

verstärken. Darum sind die Leute in

haben. Den habe ich –seit Corona.

Die Biografie des Bassa Selim ist ein

wenig schleierhaft. Erist vom Christentum

zum Islam konvertiert, ein

Grenzgänger zwischen den Kulturen.

Inzwischen ist er im moslemischen

der Wiener Premiere reihenweise aus

Glauben verwurzelt. Mozart greift

dem Theatergegangen.“

Wie war Mozart? Wie sieht Dorfer

gängige Bilder über die Türkei auf,

die ja zu dieser Zeit aus hiesiger Sicht »

Kulturmagazin 71


„Bassa Selim entscheidet

gegen,Auge um Auge,Zahn

um Zahn‘. Er verzichtet auf

Gewalt und gibt das junge

Paar frei.“ Christian Nickel

Keine Türkei-Klischees. Christian Nickel, ein cooler

„Sir“, der Konstanze gefallen könnte, spielt den

Bassa Selim in Neuenfels’ Wiener „Entführung“.

»

am Boden lag, nachdem Wien die zweite Türkenbelagerung

erfolgreich abgewehrt hatte. Mozart hat die Figur

desBassa eher aufgewertet, und so versuche ich sie auch

zu spielen. Wir haben auch ein neues Ende.“ Warum entscheidet

sich die schöne Konstanze gegen Bassa und für

Belmonte? Nickel: „Konstanze und Belmonte haben einander

als Kinder ewige Liebe geschworen. Bassa Selim

könnte Konstanze befehlen, bei ihm zu bleiben, er

könnte sie zwingen oder ihr Gewalt antun. Sie ist seine

Gefangene. Aber er sagt zuihr: ,Dir selbst will ich dein

Herz zu danken haben.‘“

Aber Konstanze hat doch spürbar Sympathie für den

Bassa. Nickel: „Für alle drei Figuren, für Bassa Selim, Konstanze

und Belmonte, ist dieses Erlebnis eine existenzielle

Erfahrung.Die zwei jungen Leuteschauen in einen

Abgrund, sie gehen durch die Hölle und gereift aus der

Krise hervor. Aber auch Bassa Selim hat sich verändert.

Er sagt zu Belmonte: ,Ich reiche dir jetzt die Hand,

obwohl es mir nicht leicht fällt, ich ringe mir das ab.

Nimm Konstanze, nimm deine Freiheit, segle in dein

Vaterland und sagedeinem Vater: Es istein größeres Vergnügen,

erlittenes Unrecht mit Wohltaten zuvergelten,

als sich zu rächen. Bassa Selim entscheidet gegen das

Prinzip ‚Auge umAuge, Zahn um Zahn‘. Und das alles

ereignet sich auf den Wogen dieser wunderbaren Musik,

die Herzen öffnet und vielleicht Verzeihung ermöglicht.“

72 Kulturmagazin

Tipps

„Figaros Hochzeit“. Theater

an der Wien ab 12. 11., siehe

www.theater-wien. at

„Entführung aus dem Serail“.

Staatsoper,Termine auf

www.wiener-staatsoper.at

„Zauberflöte, eine Extravaganza

nach Mozart“.Burgtheater,PremiereimDezember,siehe

www.burgtheater.at

Neue Machokultur. Heute haben sich Europa und die

Türkei entzweit. Endgültig? „Vor 20Jahren dachten wir,

Istanbul hätte das Zeug, zum Nabel Europas zu werden

oder zwei Welten zu verbinden“, erinnert Nickel: „Ich

war zuversichtlich, dass die Integration der Nachkommen

der Gastarbeiter, die hier aufgewachsen sind, gelingen

könnte, in Österreich wie in Deutschland. Ich

stamme ursprünglich aus Hamburg. ImMoment ist das

passé. Die Machokultur wurde restauriert, die harte

Hand, das sogenannte männliche Auftreten –sehr enttäuschend,

aber wir bleiben zuversichtlich, oder?!“

Die ungewöhnlichste Mozart-Annäherung wird wohl im

Dezember im Burgtheaterstattfinden: „Zauberflöte, eine

Extravaganza“, diese Uraufführung gestaltet das Kollektiv

Kommando Himmelfahrt, das sich künstlerisch

gesellschaftlichen und wissenschaftlichen

Utopien widmet. In der neuen „Zauberflöte“

soll es um die dunkle Seite der Aufklärung

gehen, Vernunft, Verstand oder Aberglauben.

Das klingt etwas trocken, tatsächlich ist eine

saftige, bildstarke Performance versprochen.

„Furios“, wie Kritiker fanden, stellen der Komponist

Jan Dvorak, der Regisseur Thomas Fiedler

und die Dramaturgin Julia Warnemünde

Texte von Platon, Thomas Morus, Jules Verne

oder Artaud in neue Zusammenhänge. e


Friede

denMenschen

aufErden.

Undim

Internet.

Foto:Litzlbauer

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und spenden.

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Klick dich zu denSternsinger/innen undhol dirden Segen fürein gutesNeues Jahr.Denn wenn dieWeltverrückt

spielt, gibtuns Tradition Hoffnung.FeiereWeihnachten mitCaspar, Melchior undBalthasar wieseit1954.


Archaisch und naturnah.

Das Leben im Dorf

bekommt bei Katharina

Johanna Ferner eine literarische

Stimme.

„Ich bin

mehr das

Team Harry

Potter“

Die Salzburger Autorin

Katharina Johanna Ferner

überzeugt mit ihrem Roman

„Der Anbeginn“.

Text: Harald Klauhs

Foto: Christine Pichler

74 Kulturmagazin


Während ich meine ersten

Atemzügetat,lag Großmutter

in ihrem Bett und entschlief

der sterblichen Welt... Ihr

Körper war von neuem Leben erfüllt, in

ihren Haaren sammelten sich die Überreste

des Maikäferfestes, ihr Strickkleid

war von Flechten übersät.“ Womit habe ich

es denn hier zu tun, kann man sich mit Fug

und Recht fragen, liest man die ersten Seiten

inKatharina Johanna Ferners Roman

„Der Anbeginn“. Doch schnell entwickelt

die Geschichte einen Sog, dem man sich

kaum entziehen kann, ebenso wenig wie

dem Rauschen jenes Flusses, das im Dorf

weithin zu hören istund das die Geschichte

orchestriert. Es ist eine mystisch-archaische

Welt, indie man im Buch der 1991

geborenen Salzburgerin eintaucht. Und

doch gibt es darin Zivilisationsaccessoires

wie etwa eine Badewanne.

„Es gibt so viele Berlin-Drogenszene-Romane.

Die interessieren mich aber literarisch nicht.“

schreibung auch Tolkiens Mittelerde im

Kopf hatte?

„Ich bin nicht so der Klassiker-Typ“, sagt

Katharina Ferner, „ich bin mehr das Team

Harry Potter.“ Die siebenbändige Saga hat

sie nicht nur als Kind schon verschlungen,

sie liest immer noch jeden Sommer darin.

Außerdem ist sie ein Fan von Helena Bonham

Carter. Wernun glaubt, dass er es hier

miteinem fantastischen Mischmasch zu tun

hat, der sei auf die ganz realistische Dorfgeschichte

verwiesen, die dieser Roman auch

(noch) erzählt. „Es gibt so viele Berlin-Drogenszene-Romane“,

meint die Autorinverlegen

lächelnd, „die interessieren mich aber

literarisch nicht.Ich wollteeine ganz andere

Welt schaffen und trotzdem moderne Themen

darin verhandeln“. Wersich daraufeinlässt,

wird nicht erst am Schluss sagen:

Experiment gelungen!

Nature Writing. Realistisch ist zum Beispiel

die Schilderung desLebens mit einem

malenden Vater: „Terpentin. Vaterhatte frische

Farbe angerührt, es roch im ganzen

Haus danach“, berichtet die Ich-Erzählerin

von einem markanten Geruch ihrer Kindheit.Ähnliche

Erfahrungen hatauchKatharina

Ferner gemacht, daihr Vater Künstler

ist. Deshalb gehörte auch die Lektüre von

Kunstbüchern genauso zu ihrer Jugend wie

Besuche von Vernissagen. Von ihrem Vater

hat sie möglicherweise ihre Vielseitigkeit

geerbt, die sich nicht nur innerhalb ihres

literarischen Schaffens zeigt, sondern auch

kunstübergreifend. Ihr Vater tritt u. a. als

Kabarettist auf, Katharina macht Tanzperformances.

Oder er malt Cover für ihre

Bücher, während sie an der Poetisierung

der Welt arbeitet.

Das geht in unserer hochindustrialisierten

Welt nicht ohne Renaturalisierung.Und die

ist der in der Stadt Salzburg aufgewachsenen

Autorin eben ein Anliegen. Woher

kommt ihr inniges Verhältniszur Natur?Zu

einem nicht unbeträchtlichen Teil, so sagt

Tipp

„Der Anbeginn“. Katharina J. Fernersjüngster

Roman ist am 15.

September 2020 im Limbus Verlag

erschienen. Dort erschien im Vorjahr

auch ihr viel beachtetes Lyrikdebüt

„einmal fliegenpilz zum frühstück“.

www.limbusverlag.at

Mystische Landschaft. Der Titel „Der

Anbeginn“ kennzeichnet deshalb keine

Neufassung der Genesis. Nicht die Schöpfung

ist das Thema des Romans, sehr wohl

aber die Geburt eines Menschen. „I carry

you /Inurture you /Give birth toyou /

Again“ lautet das einleitende Motto, das

sich die Autorin von der isländischen Folkund

Indiemusikerin Ólöf Arnalds ausgeliehen

hat. Zur Zeit der Niederschrift des ersten

Kapitels hielt sich Katharina Ferner in

Island auf. „Da gab’s dasMeer und dahinter

die Eisberge. Diese Szenerie hatte ich

immer vor Augen –und sie hat soeinen

Raum für den Roman geschaffen.“ Hört

man in dieser mystischen und schwermütigenLandschaft

dann noch isländische Popmusik,

dann kommt man in so einen Flow.

„Die Songs sind für mich der Schreib-

Soundtrack.Ich hab das ganz oft gehört.“

Geboren wird erst einmal die namenlose

Ich-Erzählerin. Für die Autorin hat jeder

Name eine Bedeutung. Deshalb war esihr

wichtig, ihrer Protagonistin keinen zu

geben, um sie nicht festzulegen. Andere

Figuren haben sehr wohl – symbolgeladene

–Namen wie die beiden Tanten Ada

und Ida, die Bäckerin Svenja, die Nixe

Nora oder auch die in zwei weit auseinanderliegenden

Dörfern zur selben Stunde

geborenen Buben Omar und Marian.

Schon daran ist zu erkennen, dass die

Autorin beim Schreiben nicht nur den

Sound nordischer Mythologie im Kopf

hatte, sondern auch Märchen und allerlei

magische Texte. Da sind Elemente von

„Alice in Wonderland“ genauso enthalten

wie der magische Realismus eines Gabriel

García Márquez. Inseiner Hermetik erinnert

das Dorf sogar an Marlen Haushofers

„Die Wand“. Ob sie bei der Landschaftsbesie,

verdankt sie das einem Stipendium, das

sie für drei Monate in das kleine Schwarzwälder

Städtle Hausach geführt hat. „Dort

war ich schon sehr ausgesetzt.“ Sie lebte

dort mit Käfern, Spinnen, Fröschen und

anderem Getier, war viel wandern und hat

dort unter anderem Mikael Vogels Buch

über ausgestorbene Tierartengelesen oder

den Band von Sabine Scho über Tiere in

der Architektur. Inder Folge hat sie begonnen,

sich mit Nature Writing zu beschäftigen,

einer traditionsreichen literarischen

Gattung,die sich mit Naturbeschreibungen

auseinandersetzt. „Diese Thematik in die

Literatur zu bringen, ohne kitschige Naturlyrik

zu schreiben“, wurde für Katharina

Ferner zur Herzensangelegenheit.

Verdichtet. Und noch ein heute eminent

politisches Thema wird im Roman „Der

Anbeginn“ verhandelt: „Der erste Stoß. Ich

konnte nur in den Ärmel beißen... Ich

begann zu zählen. Wie lange würde es dauern.

Die Zahlen kamen mir durcheinander.

Mein Körper löste sich in Kribbeln auf und

ich fühlte nichts mehr.“ Diese Beschreibung

einer Vergewaltigung ist hyperrealistisch

– und zugleich poetisch verfasst.

Besonders in dieser Szene verdichtet sich

Katharina Ferners Stil: Engagiert, aber

nicht ideologisiert. „Ich schreibe gern

meine Meinung zu aktuellen Themen,

wenn ich die Möglichkeit finde, das literarisch-poetisch

zu erzählen. Nur eine Messageabzugeben,

wäre mir zu wenig.“

Und so klärt sich allmählich das Fremdartige

und zugleich Faszinierende dieses

Textes. Eshat wohl damit zu tun, dass das

Spartenübergreifende Katharina Ferner in

die Wiege gelegt worden ist und sich in

ihrer Ausbildung fortsetzte: „Ich bin aufein

musisches Gymnasium gegangen. Da

konnte man sich alle Musen auswählen. In

dieser Zeit habe ich zuerst Theatergespielt.

Jetzt habe ich sogar ein Theaterstück für

Kinder geschrieben.“ Später hat sie dann

Slawistik studiert. Die großen russischen

Romane von Dostojewski und Tolstoi hat

sie trotz ihrer Klassiker-Aversion gelesen.

„Die Erzählweise der slawischen Literatur

hat für mich sehr viel Bedeutung“, sagt sie.

Die Leserschaft ihres Romans wirddeshalb

auch Anklänge andie russische Mystik und

die tschechische Fantastik finden.

Damit kann man für die Lektüre eines der

ungewöhnlichsten Romane dieses Herbstes

eines mit Sicherheit versprechen: Langweilig

wirdeseinem dabei nicht. e

Kulturmagazin 75


„Ich arbeite

aus der Musik

heraus“

Der neue Chef des Staatsballetts

Martin Schläpfer über das Glück,

auch in einer schwierigen Zeit

künstlerisch tätig sein zu können.

Interview: Isabella Leitenmüller-Wallnöfer

KlareHandschrift. Martin Schläpfer

will das klassische Repertoirefür

Zeitgenössisches öffnen.

Fotos: Tillmann Franzen;

76 Kulturmagazin


Er stammt aus einer Appenzeller Bauernfamilie und

brachteseine Familie mit seinem Berufswunsch ausdem

Konzept.Seiner Sturheit verdankt er eine steile Tanzkarriere–zunächst

als Solotänzer in Basel und Kanada, später

als gefeierter Choreograf. Seit Anfang September dieses Jahres

ist der Schweizer Martin Schläpfer nun Chef des Wiener

Staatsballetts –und somit für die Ballettcompagnien von Staatsoper

und Volksoper zuständig. Am 24. November ist in der

Staatsoper seine ersteWiener Premierezusehen: „Mahler,live“.

Wiesind Sie in Wien angekommen?

Wenn man es trenntvon der Situation um Covid, dann geht’smir

gut.Ich fühle mich wohl in Wien. Aber es istjanicht möglich, das

zu trennen. Ich bin dankbar, dass wir überhaupt versuchen dürfen,

in dieser Situation aufdie Bühne zu gehen und unsereArbeit

zu machen. Das istnicht selbstverständlich...

DieMetropolitan Opera bleibt nochein ganzes Jahr langzu.

Die MET finanziert sich zum Großteil von privatem Geld, nicht

vonSubventionen. WiehartdiesesModell in einer Kriseist,zeigt

sich jetzt. Für die Kunst und die Gesellschaft ist das ein immenser

Schaden. Zugleich müssen wir uns bewusst sein, dass die

Künstler und Mitarbeiter, die nun alle auf der Straße stehen, das

Schicksal mit so vielen Menschen teilen, über die man nicht

redet und die ihre Arbeit und damit Lebensgrundlage ebenfalls

verlieren. Wir sprechen auch in unserem Ensemble immer wieder

darüber, was für ein Glück es ist, arbeiten zu dürfen. Auf der

anderen Seitehat es aber auch eine wichtigeSignalwirkung nach

außen, Vorstellungen zu machen. Und ich spüre schon eine sehr

große Freude bei den Tänzerinnen und Tänzern, dass sie zurück

im Ballettsaal sein dürfen –und natürlich aufder Bühne.

Sind alle aufdas Virusgetestet?

Alle Künstlerinnen und Künstler werden wöchentlich getestet.

Undwir tragen Masken.

DieTänzer tragenbeim Proben eine Maske?

Wirachten sehr darauf, dass so weit wie möglich auch beim Training

und den Proben alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen. Das

ist von der Atmung her eine große Herausforderung. Und es

macht auch psychisch etwas: Es ist eine Last, von der man sich

ab und zu befreien muss. Dann machen wir Pause.

Arbeiten Sie schon an „4“,das Sie im Novemberander Staatsoperuraufführen

werden?

Ich habe begonnen, in kleinen Nischen zu kreieren, weil die Zeit

knapp ist. Und wir proben parallel auch schon Balanchine und

Robbins für den Frühling.AbOktober kann ich dann hoffentlich

mehr in die Tiefearbeiten.

Sie choreografieren zu Gustav Mahlers Symphonie Nr. 4

G-Dur.

Ich habe in meiner Karriere bisher nur wenige Handlungsballette

gemacht: den „Feuervogel“ und „Schwanensee“. Natürlich

habe ich aber schon auch Geschichten erzählt wie in „Appenzellertänze“.

Es ist also nicht so, dass ich nur dem puren Tanz verfallen

wäre. Aber grundsätzlich choreografiere ich

aus der Musik heraus. Für meinen Antritt in Wien ist

es Mahlers 4. Symphonie. Sie hat eine große Leichtigkeit,

aber ist ineinem schönen Sinne auch hintergründig

und ein bisschen hinterhältig. Das passt gut

zu einer Eröffnung.

Und dann ist da natürlich auch die Bedeutung

Mahlersfür die Wiener Staatsoper.

Ja,aber das warfür mich weniger der Beweggrund als

das Wissen, dass das Wiener Staatsopernorchester

diese Musik grandios spielen wird. Ich möchte, dass

dieses wunderbare Orchester gern für den Tanz

Tipp

„Mahler,live“. Martin Schläpfers

erste Premierefindet am

24. November in der Wiener

Staatsoper statt.Hans van

Manens „Live“ sowie die Uraufführung

„4“ –zuMahlers

4. Symphonie –sind zu sehen.

Am 30. Jänner ist in der

Volksoper „Ein deutsches

Requiem“ zu erleben.

spielt. Das ist jainder Ballettliteratur, was das kompositorische

Niveau angeht, leider nicht immer gewährleistet. Natürlich ist

„Giselle“ ein dramaturgisch perfektes und sehr berührendes

Stück, aber die Musik von Adolphe Adam ist für die meisten

Musiker nicht geradeeine Lieblingskomposition (lacht).

Vor Ihrem Stück wird beim Ballettabend Hans van Manens

„Live“ gezeigt.

„Live“ ist eine bahnbrechende Arbeit, die van Manen bisher ausschließlich

vomNiederländischen Nationalballett in Amsterdam

hattanzen lassen. Wirerleben eine Ballerina, die gefilmt und auf

eine Leinwand projiziertwird. Mansieht sie live undgleichzeitig

im Film aufder Bühne, im Film im Ballettsaal, und am Ende geht

sie ins Foyer, trifft dort einen Tänzer und entschwindet hinaus

ins nächtliche Wien. Dazu spielt die Pianistin Schaghajegh Nosrati

Franz Liszt amKlavier. Sie ist eine großartige Musikerin!

Nach der Pause kommt dann meine Auseinandersetzung mit

Gustav Mahler, inder die gesamte Compagnie tanzt. Dazu spielt

das große Orchester. Ist das nicht eine wunderschöne Kombination?

Wiekommt es, dass Hansvan Manen Ihnendieses Stücküberantwortet

hat?

Hans und ich sind sehr gut befreundet, allerdings noch nicht so

lang.Als Tänzer in den 1980er-Jahren, aber auch als Direktor war

ich zunächst voller Scheu und Respekt,denn Hans vanManenist

ein wirklich großer Choreograf und ich bin in der Regel nicht

kumpelhaft. Ich habe mit dem Ballett am Rhein dann aber jährlich

einen vanManen gezeigt. Undsein bisher letztes Werk –„Alltag“

–hat er für mich kreiert. Da ging ich mit 56 noch einmal als

Tänzer auf die Bühne. Mit „Live“ hat er 1979 ein Schlüsselwerk

geschaffen. Also habe ich ihn gefragt, ob wir es tanzen dürfen.

Ich finde dieses Ballett wunderbar –und möchte als Direktor,

dass in Wien etwasExklusivespassiert.

In „4“ wollen Sie alle Tänzer aufdie Bühne holen?

Ich will primär ein gutes Ballett machen. Aber das bedingt auch,

dass ich als Direktor mit allen arbeite. Nursolernt man einander

kennen. Ich hoffe, dass ich es schaffe, alle zusammen auf der

Bühne zu zeigen. Das gab’s in Wien noch nie!

WieschaffenSie denBrückenschlagzwischenden Häusern?

Ichbemühe mich, auch viel an der Volksoper präsent zu sein. Ich

gebe dort genauso viele Trainings wie an der Staatsoper. Aber

schlussendlich ist man natürlich geografisch getrennt innerhalb

der Stadt. Eine Gesamteinheit hinzukriegenist sehr vielArbeit.

WiesorgenSie dafür,dass die Tänzerinnenund Tänzer Ihrem

Stil,Ihren Vorstellungengerecht werden?

Das passiert mit der Zeit automatisch. Ich lege inmeinen Trainings

die Grundlagen für das, was ich für meine Choreografien

brauche, zugleich bleiben diese ein akademisches Balletttraining.

Wenn ich choreografiere, versuche ich das, was man Stil

oder Handschrift nennt, herauszuarbeiten, sonst wird es ein

Stück wie jedesandere.

WiegehtesIhnenindieserArbeit mit denTänzern?

Die meisten Tänzerinnen und Tänzer des Wiener

Staatsballetts erleben gerade zum ersten Mal, wie

ich arbeite, ihr Körper und ihr Geist müssen sich

zum ersten Mal mit meinem Schrittmaterial auseinandersetzen.

Eine für mich und hoffentlich auch für

sie spannende, aber auch fordernde Erfahrung.

Gleichzeitig gibt mir ihr Künstlersein auch einen

inspirierenden Impetus, anders zu reagieren, im

besten Fall anders zu choreografieren. Wenn ich

spüre, dass jemand neben seinem Können auch

seine Persönlichkeit mit in den Kreationsprozess

einbringt, wirdeswirklich interessant. e

Kulturmagazin 77


Kulturelles

Neuland

Neue Impulse setzen und die Szene vor Ort

mit präziser Förderung stärken: Dazu will die

Kulturstiftung Kärtnen künftig beitragen.

Text: Daniel Kalt

Porträt: Christine Pichler

Engagiert. Julia Malischnig (l.)

veranstaltet ein Gitarrenfestival in

Millstatt,MonikaKircher gehört als Ko-

Initiatorin dem Stiftungsvorstand an.

Produktbiler: Beigestellt;

78 Kulturmagazin


Unsere Vision war stets, ein Kulturland

Kärnten zu schaffen“, blickt

die ehemalige Kulturpolitikerin

und Geschäftsfrau Monika Kircher

zurück auf die dreijährige Entwicklungsarbeit

der Kärntner Kulturstiftung, die seit

Ende 2019 operativ ist. Eigentlich wollte

die Stiftung ihr hauptsächliches Ziel, nämlich

Kulturschaffende zu fördern, zu vernetzen

und ihnen das Selbstvertrauen für

die Einforderung vonWertschätzung sowie

Entlohnung ihrer Arbeit zu vermitteln,

schon mit einem Fördercall im vergangenen

Frühjahr breitenwirksam ansteuern.

Doch dann kam: das vergangene Frühjahr.

Wie vieles andere haben sich die Vorstellung

des Calls, die Neuformulierung des

Themas „Umbrüche“ und damit die Präsentation

der Kulturstiftung um ein halbes Jahr

nach hinten verschoben. Im September tratenMonika

Kircher sowie die Ko-Initiatoren

Ina MariaLerchbaumer und Adolf Rausch in

Wien bei einer Pressekonferenz gemeinsam

auf, um die österreichweite Geltung der

Initiative zu untermauern. Zeitgleich startete

der erste Themencall, der nun bis

10.Dezember läuft.

Großprojekte erwünscht. Die Kulturstiftung

Kärnten beansprucht für sich, und

das ist einigermaßen überraschend, die

erste nicht personen- oder nachlassbezogene

Stiftung ihrer Art bundesweit zu sein.

Das Land Kärnten beteiligte sich mit

50.000 Euro an der Gründung; ob der

Bund mitzahlen wird, ist noch in Abklärung.

Der Löwenanteil der Geldmittel

kommt also vonprivatenFinanciers.

Die großen Ausschreibungen richten sich

an Kulturschaffende mit Wohnsitz inganz

Österreich; die Umsetzung aber soll unbedingt

inKärnten erfolgen. Aus der relativ

hoch angesetzten Mindestfördersumme,

30.000 Euro pro Projekt bei einer anvisierten

Gesamtsumme von 200.000 Euro pro

Durchlauf, ergibt sich ein klares Profil hinsichtlich

Größe und Professionalitätsgrad.

„Wir erhoffen uns Mut und Courage, und

dass Kulturschaffende sich etwas Spezifisches

überlegen, sodass jeder Call klare

Impulse setzen kann“, sagtJulia Malischnig.

Sie ist klassische Gitarristin und Initiatorin

des inMillstatt stattfindenden Festivals „La

guitarra esencial“, außerdem Mitglied des

Kuratoriums, das die zur Förderung emp-

fohlenen Projekte auswählt. „Hier zählen

die künstlerische Qualität, der visionäre

Charakter und die Glaubwürdigkeit im

jeweiligen Zusammenhang“, präzisiert

Malischnig. Die relativ hoch angesetzten

Fördersummen sollen entsprechend ambitionierte

Einreichungen ermöglichen.

„Es geht ganz klar nicht darum, die Politik

aus ihrer Verantwortung zu entlassen“,

sagt Monika Kircher, langjährige Vizebürgermeisterin

von Villach und spätere Vorstandsvorsitzende

der Infineon. Die derzeit

zur Verfügung stehenden 1,5 Millionen

Euro für drei Jahre sollen, so die Hoffnung,

bald gesteigert werden. Um die Attraktivität

für potenzielle Geldgeber zu erhöhen,

sei, so Kircher, eine Überarbeitung des Stiftungsrechts

etwa hinsichtlich der steuerlichen

Absetzbarkeit wünschenswert.

Tipp

„Umbrüche“. Der erste Call

der Kärntner Kulturstiftung

läuft bis 10. Dezember 2020.

Proausgewähltem Projekt

werden mindestens 30.000

Euroausgeschüttet,insgesamt

werden 200.000 Euro

vergeben. Projekte sollen in

Kärnten realisiert werden,

mehr auf www.kulturstiftung.at

Als imFrühjahr vielen freiberuflichen Kulturschaffenden

die finanzielle Lebensgrundlage

vorübergehend verloren ging,

schüttete die Stiftung 60.000 Euro über

einen Solidaritätsfonds aus. „Uns war wichtig,

Künstlern eine Möglichkeit zu geben,

sichadäquat zu betätigen“, sagtMonikaKircher.

Das Ergebnis sind zwei CDs, die das

Kärntner Panorama einmal literarisch

(„Koronar“), einmal musikalisch („RecordingsofNow“)

erschließensollen.

Auch hier folgte man den drei Leitbildern

der Kulturstiftung, nämlich „Schätzen, Fördern

und Vernetzen“, wie Kircher mehrmals

betont. „Fördern ist klar, vernetzen

möchten wir etwa mit Symposien und

Informationsveranstaltungen, beim Schätzen

geht es um das Ernstnehmen und die

adäquate Entlohnung“, präzisiert sie und

„Wir erhoffen uns Mutund Courageder Kulturschaffenden,

sodass jeder Call klareImpulse setzt.“

Kärntnerlied. Julia Malischnigs neues Album

„Canti Carinthiae“, via juliamalischnig.com

Wortgewalt. Kärntner Hörtexte „Koronar.Literarische

Nachrichten aus der Herzgegend“.

gibt ein Beispiel: „Niemand würde auf die

Idee kommen, eine Anwaltskanzlei bei

einer Charity-Auktion darum zubitten, ein

Stundenkontingent zu spenden. Dass

Künstlerinnen und Künstler ihre Werke

auktionieren lassen, ist hingegen selbstverständlich.“

Die Bedürfnisse und Ansprüche von freien

Kulturschaffenden decken eine große

Bandbreite ab. „Viele wissen nicht einmal,

welche Förderungen zur Verfügung stehen

würden –oder sie haben nicht die Zeitressourcen

für komplizierte Ansuchen“, sagt

Julia Malischnig, die als Festivalorganisatorin

aus Erfahrung sprechen dürfte. Zielgerichtete

Informationsveranstaltungen sollen

hier Licht ins Dunkel bringen.

Neue Szenen. Wenn die Auswahl der ersten

geförderten Projekte Anfang 2021 feststeht

und es bisspätestens 2022 zur Umsetzung

gekommen ist, wird sich absehen lassen,

wasdie Tätigkeit der Kulturstiftung für

Kärnten wirklich bedeutet. Das Potenzial

ist klar gegeben: Einerseits könnten große

Projekte mit Leuchtturmwirkung ins Land

geholt werden, die ergänzend zum existierenden

Kulturbetrieb und vereinzelten

Sommerirrlichtern bislang unterrepräsentierte

Sparten abdecken. Zum anderen

könnte man so das Entstehen neuer Szenen

ermöglichen, die in der aktuellen Konfiguration

unterrepräsentiert sind. Beides

würde dem Land mittelfristig ein neues

Profil geben. Beider Vorstellung desersten

Themencalls sprühten alle Beteiligten

jedenfalls noch vor Zuversicht. Und das ist

ja schon einmal ein guter Anfang. e

Kulturmagazin 79


Milieuporträtismus. „Schwitzkasten“ von

John Cook zeigt ein Arbeiterleben.

Die Wiege des

Austroautorenfilms

Die Anfänge des österreichischen Autorenkinos

waren kein Zuckerschlecken. Bei der

diesjährigen Viennale kann man die Früchte des

Zorns seiner Vorreiter sichten.

Text: Andrey Arnold

Fotos: Viennale

80 Kulturmagazin


Österreich ist stolz auf sein Autorenkino. Auf

das Wichtig-Wuchtige, das bei A-Festivals

Preise abräumt. Und auf das Termitenhafte,

das heimlich im Unterholz wurlt: Die eigenwilligen

Dokus und schillernden Avantgardepreziosen, die

hierzulande sprießen wie die Eierschwammerl. Ob diese

bemerkenswert „lebendige Filmkultur“, mit der sich die

Politik gerne brüstet, wirklich ausreichend unterstützt

wird? Das steht auf einem anderen Blatt. Aber stolz?

Stolz istman allemal.

Das war nicht immer so. Während die offizielle Anerkennung

und Förderung des Films als künstlerische Ausdrucksform

jenseits rein kommerzieller (oder staatstragender)

Interessen in Ländern wie Italien, Frankreich

und Deutschland schon in den 1960ern einsetzte, dauerte

es in hiesigen Gefilden etwas länger. Erst einmal

musste der Hut brennen. Und das war spätestens 1970

der Fall. „Der kommerzielle österreichische Film lag am

Boden“, notiert Florian Widegger, Kurator der Filmarchiv-Retrospektive

„AustrianAuteurs“, die bei der diesjährigen

Viennale ein Schlaglicht aufeine vergessene Ära

heimischen Kunstfilmschaffens wirft. „Heimatfilme, mit

denen man in der Nachkriegszeit viel Geld verdienen

konnte, zogen nicht mehr –auch aufgrund des Konkurrenzmediums

Fernsehen, das sich unter dem ORF-Intendanten

Gerd Bacher erstaunliche Freiheiten erlaubte.“

Frischzellenkur. Freiheiten, die der Lichtspielproduktion

in der Regel versagt blieben.

Und die auf angehende Filmschaffende

immer verlockender wirkten: Bilderstürmerische

„Neue Wellen“ waren

geradedabei,die Leinwände europäischer

Programmkinos durchzuwalken. Auch

wagemutige Miniaturen werdender Austrokunstkinolegenden

wie Peter Kubelka

und Valie Export erregten erstes internationales Aufsehen.

Die Vorstellung, dass eine enthemmende Frischzellenkur

auch der darbenden Ösifilmindustrie gut tun

könnte, schien plötzlich nicht mehr so abwegig.Auch aus

diesem Grund setzte esseitens der SPÖ-Alleinregierung

erste Impulse in Richtung einer ernst zu nehmenden

Filmförderung.

Doch schon bevor diese Bestrebungen 1980 in Form

eines Filmfördergesetzes provisorische Früchte trugen,

hatte sich eine Handvoll inspirierter Außenseiter an

unkonventionellen Laufbildarbeitenversucht,deren persönliche

Handschrift und Welthaltigkeit bis heute

berückt. Und die ohne große Übertreibung als opferbereite

Vorreiter der heimischen Autorenfilmidee bezeichnet

werden können. Viele von ihnen waren als Filmemacher

unbeleckt, kamen aus anderen künstlerischen

Zusammenhängen. Und hatten, wie man heute sagen

Heimatfilme, mit denen

man in der Nachkriegszeit

viel Geld verdienen konnte,

zogennicht mehr.

würde, Migrationshintergrund. Der Autodidakt John

Cook war Fotograf: Aus Kanada verschlug es ihn via

Frankreich nach Österreich. Der gebürtigeAserbaidschaner

Mansur Madavibegann seine Laufbahn an der Akademie

der bildenden Künste. DergriechischstämmigeAntonisLepeniotis

kam vomTheater. Vielleicht waresgerade

diese doppelte Außenperspektive, die dem Filmschaffen

dieser Quereinsteiger eine visionäre Note verlieh. Jedenfalls

fasste esdas „Österreichische“ oft eindringlicher als

manch ein Erzeugnis autochthoner Kollegen. Nicht

zuletzt, weil es bereit war, wunde Punkte inden Blick zu

nehmen –und ästhetische Akzentezusetzen.

Ungschamige Lockerheit. Mansur Madavis„Die glücklichen

Minuten des Georg Hauser“ (1974) wirkt aus heutiger

Sicht etwa wie eine Blaupause jener präzis abgezirkelten

Sittengemälde mit sozialkritischem Einschlag, die

mittlerweile zum nahezu abgenudelten Markenzeichen

des heimischen Festivalkinos geworden sind. Da kann

man einem braven Durchschnittsbürger dabei zusehen,

wie er von seinem monotonen (Arbeits-)Alltag in Wahnsinn

und Zerstörungswut getrieben wird. Gesprochen

wird wenig, umso ausdrucksstärker ist die unterkühlte

Bildsprache.

„Schwitzkasten“ von John Cook (1978) besticht indes mit

einer ungschamigen Lockerheit, die ihresgleichen sucht.

Die rohe Bummelantenpoesie von Cooks Spielfilmdebüt

„Langsamer Sommer“ (1974) weicht hier

zwar einem bekömmlicheren Milieuporträtismus,

doch die Erzählung hat immer

noch keine richtige Zielsetzung, folgt

schlicht den Versuchen der Hauptfigur

Hermann, ein lebenswertes Auskommen

als Arbeiter in Wien zu finden. Sie skizziert

seine familiären Probleme und brüchigen

Liebschaften, ohne die Perspektiven

und Lebensbedingungen der zahlreichen Nebenfiguren

auszublenden. Tonfall und Gebaren wirkendabei

durchweg authentisch, weil zwanglos und unverblümt –

gleichwohl sich Cook über die parasitären Praktiken

„engagierter Künstler“ lustig macht, die ihre Produkte

mit proletarischem Kolorit aufwerten. Neben „Georg

Hauser“ mutet „Schwitzkasten“ mit seinem Humor und

den oft luftig-lauen Stadtkulissen zwar wie ein regelrechtes

Freudenfest an; hinsichtlich Güte und Gerechtigkeit

heimischer Verhältnisse macht er sich aber keine Illusionen.

Auch das Werk Antonis Lepeniotis’ hält mit kritischen

Ansichten nicht hinterm Berg. Ein Grund, warum

die genannten Filme weder beim Publikum noch bei

potenziellen Geldgebern übermäßigen Anklang fanden.

Dafür unterstützen sich ihre Urheber gegenseitig: „Viele

der Filmemacher, deren Arbeiten wir zeigen, kannten

sich untereinander“, so Widegger. „Achtet man auf die

Kulturmagazin 81

»


Dokufiktion.

Angela SummeredersFilm

„Zechmeister“

(1979)

handelt von

einem realen

Gerichtsfall.

„Viele haben sich gedacht: Die spinnt.Was will diesesjunge

Madlohne Ausbildung?Aber ich warwahnsinnig beharrlich.“

Angela Summereder

»

Namen in jedem Abspann, lässt sich ein Netzder Verbundenheit

spinnen.“ Von Karrieren kann dennoch keine

Rede sein: Die meisten Filmografien der „Austrian

Auteurs“ verliefen sich, bevor sie ernstlich Fahrt aufnehmen

konnten. Eine, die trotzallem weitergemacht hat, ist

Angela Summereder. Dabei hatte sie es nicht leichter als

ihremännlichen Kollegen–eher im Gegenteil. Ihr außergewöhnliches

Debüt „Zechmeister“ (1981) stemmte sie

gegen immensen Widerstand, dem sie bereits imZuge

ihres Filmakademie-Studiums begegnete, wie die Filmemacherin

dem „Kulturmagazin“erzählt.

Das Sujet –der reale Gerichtsfall einer Frau, die 1948

beschuldigtwurde, ihren Mann vergiftet zu haben –hatte

Summereder schon für ihre Aufnahmeprüfung aufs

Tapet gebracht. Esstieß jedoch auf wenig Gegenliebe,

auch aufgrund der intendierten Ästhetik: Eine mit Stimmungsbildern

und Verfremdungseffekten angereicherte

Dokufiktion. Nach Summereders Filmhochschulrauswurf

wagtesie den Alleingang.„Viele haben sich gedacht:

Die spinnt. Was will dieses junge Madl ohne Ausbildung?

Aber ich warwahnsinnig beharrlich.“

Das Unverständnis der künstlerischen und feministischen

Ansprüche der Erstlingsregisseurin (etwa ihr

unbedingtesBedürfnis, mit einer Kamerafrau zu drehen)

war auch beim Förderbeirat groß. Umsetzen konnte

Summereder den Film nicht zuletzt dank Fürsprecherinnen

wie der Produktionsleiterin Monika Maruschko.

Heute sticht die formale Radikalität von „Zechmeister“

selbst im Kontext der Retrospektive heraus. Dementspre-

Tipp

Viennale 2020. Die 58. Viennale

findet vom 22. Oktober

bis 1. November unter Covid-

Sicherheitsbestimmungen

statt,mehr dazu auf der

Homepage.Fünf Titel der

„Austrian Auteurs“ sind bei

der Viennale zu sehen, zehn

weiteredarüber hinaus im

MetroKino. www.viennale .at

chend fühlte sich Angela Summereder, eine gebürtige

Oberösterreicherin, nie als Teil einer filmischen Clique

oder Bewegung –auch weil diese weitgehend männlich

bestimmt waren. „Zechmeister“ lief bei den Berliner

Filmfestspielen, wo sogar das nicht gerade avantgardeaffine

„Variety“ dem Ausnahmestreifen Chancen auf ein

Globalrenommee attestierte. Doch in Österreich erntete

er hauptsächlich ungläubige Blicke. Eine entgeisternde

Erfahrung für Summereder, die erst Jahrzehnte später

wieder ein längeres Projekt („Jobcenter“) anging. Auch,

weil sie dazwischen Mutter wurde: „Die Möglichkeiten,

Familie und Filmtätigkeit zu verbinden, waren damals

enorm eingeschränkt.“

Reine Oberflächenveredelung. Nun ist aber alles besser,oder?Kaum,

meint die 62-Jährige. Vieles, wasaktuell

als Fortschritt deklariert wird, empfindet sie als reine

Oberflächenveredelung. „Als gravierendste Veränderung

der Filmlandschaft sehe ich das

inzwischen flächendeckende Einverständnis

darüber,Film nurnoch als Ware für einen Markt

zu verstehen, der auch ein Festivalmarkt sein

kann –nicht mehr als Ausdrucks- oder Verständigungsmittel

im gesellschaftlichen Diskurs.”

Wenn das stimmt, sind mutige Filmemacherinnen

und Filmemacher aus Österreich mehr

denn je gefragt, ihrer Kunst eigenständigeWege

zu bahnen – und diese dann auch zu beschreiten.

e

Fotos: Viennale

82 Kulturmagazin


DEUTSCHSPRACHIGE ERSTAUFFÜHRUNG

CHRISTOPH

KOLUMBUS

von Miroslav Krleža

Inszenierung Rene Medvešek

Eine internationale und mehrsprachige Koproduktion

mit den Vereinigten Bühnen Bozen

Vorstellungen: 28.11., 03. und 04.12.2020

und 10.02.2021

www.landestheater.net


„Futur 3“. Junge persischstämmige Leute in der deutschen

Provinz: Zu sehen im Ersatzprogramm des Crossing Europe.

„Cat in the Wall“. Gleich zwei Festivals zeigen den gefeierten

Film über Nachbarschaft und soziale Gräben in London.

„Jackie und Oopjen“. Flotte Verfolgungstour mit der

Lady aus dem Rembrandt-Bild.

„Old Man Cartoon Movie“. Absurder Puppentrickspaß

aus Estland über das wilde Landleben.

„Mein Bruder jagt Dinosaurier“. Cool sein trotz Brudersmit

Behinderung? Eine Romanverfilmung aus Italien.

„Crescendo“. Peter Simonischek lässt junge Orchestermusiker

aus Israel und Palästina aneinanderkrachen.

„The Earth Is Blue as an Orange“. Eine ukrainische Familie

verarbeitet die Kriegswirren in einem selbst gedrehten Film.

84 Kulturmagazin


Fotos: sixpackfilm (3), Dinand van der Wal, Vision Distribution, Stadtkino Filmverleih/CCC/Oliver Oppitz, This Human World

Das bringt der

Filmfestival-Herbst

Die Viennale ist nicht alles: Längst hat sich –

nicht nur inWien –eine Reihe kleinerer

Festivals etabliert. Auszüge aus dem

Filmprogramm, von absurd bis berührend.

Text: Katrin Nussmayr

Als Jack ein kleines Kind ist, ist er

der größte Fan seines Baby-Bruders:

Gio sei nämlich so etwas

Ähnliches wie ein Superheld,

erklären ihm die Eltern. Als Teenager, als

Jack längst erkannt hat, dass der kleine Gio

das Down-Syndrom hat, schämt er sich für

ihn. Und als er sich in ein Mädchen verliebt,

behauptet er gar, sein Bruder sei tot.

Der italienische Film „Mein Bruder jagt

Dinosaurier“ erzählt warmherzig und witzig

vom Erwachsenwerden, Freundschaft

und Inklusion – eine mehrere Tausend

Köpfe zählende Jugendjury hat ihn beim

Europäischen Filmpreis gar zum besten

Kinderfilm des Jahres gewählt. ImNovember

ist er auf der großen Leinwand zu

sehen, als einer jener Filme, die beim Wiener

Kinderfilmfestival ein Fenster zur Welt

öffnen sollen.

Das Besondere andiesem Festival ist nicht

nur die Filmauswahl, die sich an ein junges

Publikum richtet (und ältere Generationen

genauso verzücken könnte), sondern auch,

wie die Filme aus unterschiedlichen Ländern

präsentiert werden: Gezeigt werden

in den Vor- und Nachmittagsvorstellungen

großteils Originalfassungen, die direkt im

Kino live auf Deutsch eingesprochen werden.

Eröffnet wird der Reigen am

14. November mit der niederländischen

Komödie „Jackie und Oopjen“: Darin büxt

die von Rembrandt in Öl auf Leinwand

gemalte, schwarz gewandete Braut Oopjen

aus ihrem Rahmen aus und düst mit einem

12-jährigen Mädchen durch Amsterdam –

verfolgtvon zwei Kunsträubern...

Der Herbst ist eine Saison der Filmfestivals

–und während die große Aufmerksamkeit

der filmliebenden Städter meist der Viennale

gilt, sind auch kleine Institutionen mit

ihren eigenständigen Programmen zur

Marke geworden. Einen wichtigen Stellenwert

im heimischen Festivalkalender hat

das Linzer Crossing Europe, das auf europäische

Filme konzentriert ist –und Perlen

nach Österreich bringt, die uns sonst wohl

verwehrt blieben, schafft doch nur ein

Bruchteil jener Filme, die in Europa produziertwerden,

einen Kinostartbei uns. Seine

geplante Ausgabe im März musste das Festival

absagen, die Highlights aus dem Programm

werden nun häppchenweise serviert:

Im Wiener Filmmuseum wird etwa

das Drama „Bait“ vom Briten Mark Jenkin

gezeigt (18. 10.), das bei der Berlinale überzeugte

und einen Bafta-Preis gewann. Im

Wiener Stadtkino gibt es das absurd-komische

Puppentrickabenteuer „Old Man Cartoon

Movie“ aus Estland zu sehen (21. 11.):

Eine ausgekommene Milchkuh droht darin

mit der „Lactokalypse“. Im Linzer City-Kino

präsentiert das Festival jeden Dienstag

einen Film ausdem abgesagtenProgramm.

Etwa den deutschen Coming-of-Age-Film

Tipps

Crossing Europe. Das Festival im März

wurde abgesagt,die Programmhighlights

gibt’s über den ganzen Herbst

verteilt in Kinos –nicht nur in Linz.

crossingeurope.at

Jüdisches Filmfestival. Noch bis

21.Oktober in Wien. www.jfw.at

Internationales Kinderfilmfestival.

14.–22. November in Wien; 21.– 29.

November in vier steirischen Städten.

kinderfilmfestival.at

IFFI. International Film Festival Innsbruck:

3.–8. 11., iffi.at

ThisHuman World. 3.–13. 12. in Wien.

thishumanworld.com

K3. 9.–13. Dezember in Villach.

k3filmfestival.com

„Futur 3“ (24. 11.) über drei zerrissene junge

Menschen iranischer Herkunft in der niedersächsischen

Provinz. Oder den Festivalhit

„Cat in the Wall“ (27. 10.): Über eine

Katze, die in einem Londoner Gemeindebau

inder Mauer feststeckt, wird hier von

sozialen Klüften, Gentrifizierung und dem

Konflikt zwischen britischer Arbeiterklasse

und zugezogenen Migranten erzählt.

Der Film wird im Dezember auch beim

„This Human World“ zu sehen sein, einem

Festival, das sich stets um globale Menschenrechtsthemen

dreht. Im Programm

istdortauch die Doku„The EarthIsBlue as

an Orange“ über eine ukrainische Familie,

die, umringtvon Kriegund Soldaten, einen

Film dreht. Das Festival will heuer einige

Filme auch über einen Onlinestream

zugänglich machen, Publikumsgespräche

finden via Videokonferenz statt.

Irre Klimaanlagen. Das größte Filmfestival

im Westen des Landes ist das IFFI, das

Internationale Film Festival Innsbruck.

Statt bereits imFrühling findet eine verkleinerte

Ausgabe im November statt.

Rund 60 Filme werden gezeigt, einige

davon imWettbewerb um den Spielfilmpreisdes

LandesTirol, darunter das peruanische

Kinderhandel-Drama „Song Without

aName“ und das jazzige, magisch-gewitzte„Ar

condicionado“aus Angola: Darin

haben die Klimaanlagen von Luanda

scheinbar beschlossen, kollektiv aus ihren

Verankerungen zu brechen, was einen

Streifzug durch die lebhafte Stadt anheizt.

Weiter südlich, in Villach, widmet sich im

Dezember das K3-Festival dem Filmschaffen

aus Norditalien, Südösterreich und Slowenien.

Zu erwarten ist ein Programm aus

sechs Lang-und 25 Kurzfilmen.

Bereits begonnen hat das Jüdische Filmfestival,

unter dem Motto „Reißt die Mauern

nieder!“ werden alte und neue Filme

gezeigt. Der Eröffnungsfilm „Crescendo“, in

dem PeterSimonischek als väterlicher Dirigent

eines ungewöhnlichen Jugendorchesters

heillos zerstrittene Musiker aus Israel

und Palästina zusammenbringt, ist am

21. 10. erneut zu sehen –und ein paar Sichtungsmöglichkeiten

mehr gibt es auch: Ein

regulärer Kinostart fiel zwar der Pandemie

zum Opfer, vereinzelte Kinos wollen den

Film trotzdem zeigen. e

Kulturmagazin 85


Highlights

KLASSIK

LITERATUR

Unkonventionell. Thomas Gansch zeigt in

seinem Konzerthaus-Zyklus,was die

Trompete alles zu bieten hat.

Viel zu selten steht sie aufden großen Konzertbühnen

im Mittelpunkt,die Trompete. Einer,der das Instrument

in seinen vielen Facetten erklingen lässt,ist der-

Trompeter Thomas Gansch. In musikalische Kategorien

lässt er sich nicht pressen: Er gastiertimPorgy&Bess

genauso wie im Wiener Konzerthaus, Letztereshat heuer

ein Abo aufgelegt,bei dem man sich vonder musikalischen

Vielfalt desMusikers überzeugen kann: Alljährlich

vorWeihnachten findet seine „Schlagertherapie“

(21. Dezember) statt. Das Mottodabei lautet: „Vergessen

wir für eine kurzeWeile die Sorgen der Welt und ergeben

uns unseren sehnsüchtigsten Träumen –damit wir’s

danach wieder frisch gestärkt mit der Realität aufnehmen

können.“Udo Jürgens, Catarina Valente, Ludwig Hirsch

und andereSchlagerstars sind in neuem Sound zu hören.

Mit seinem Stammensemble Mnozil Brass bläst Gansch

sich frohgemut wie „Phoenix“aus der Asche empor

(10.Februar). Mit seinem langjährigen Kompagnon, dem

Bassisten Georg Breinschmid, sowie dem Geiger Benjamin

Schmid isterimTrio„Brein, Schmid &Gansch“

(17. Jänner) zu erleben. HerbertPixner,ManuDelagound

das Radio String Quartetstehen Gansch in „Alpen &Glühen“zur

Seite.

Daniela Tomasovsky

Virtuos. Mario Roms Interzone sorgen für

jazzige Begleitung der Europäischen

Literaturtage in Krems.

OhWildnis, oh Schutzvor ihr“ nannteeinst Elfriede

Jelinek ihreAttackegegen die Verklärung der Natur.

Fast 40 Jahrespäterlautetdas Mottoder diesjährigen

Europäischen Literaturtage „Mehr Wildnis!“. Die Veranstaltung

findet vom19. bis22. November im Klangraumin

der Kremser Minoritenkirche statt. Früher tatendie Menschen

ihr Möglichstes,umsich vorder Wildniszuschützen,

heutetreibt es sie aufder Suche nach den letzten

Abenteuern dorthin. Heutemüssen nicht mehr wir uns

vorder Natur schützen, sondern die Natur voruns. Darüber

wollen im zwölften Jahr der Literaturtage Autorinnen

undAutoren ausEuropa diskutieren. Den Anfang macht

die deutsche Philosophin Ariadne vonSchirach mit ihrem

Eröffnungsvortrag zum Thema „Was bedeutet Wildnis?“

und einer anschließenden Diskussion mit Robert

Menasse. Höhepunkt wirdSamstag die literarisch-musikalische

Soiree mit dem isländischen AutorSjón und

einer Lesung vonJohannesSilberschneider sein, moderiertvon

der Literaturchefin im ORF,Katja Gasser.Den

Abschluss bildet am Sonntag die Verleihung desEhrenpreisesdes

Österreichischen Buchhandels für Toleranz in

Denken und Handeln an die großartigekanadische AutorinA.L.Kennedy.

www.literaturhauseuropa.eu

Harald Klauhs

Tipp

Tipp

RSO Wien. In seiner 5. Symphonie

reizt Mahler die Tonalität

aus,Visconti verwendete

das Adagietto für seinen Film

„Tod in Venedig“. Marin Alsop

liebt Mahler,auf ihreLesart

kann man also gespannt sein.

16. 10., Wiener Konzerthaus

„Into the Woods“. Witz und

musikalische Eleganz zeichnen

die Musicals von Stephen

Sondheim (er wirdimMärz

2021 90!) aus,in„Into the

Woods“ geht es um Märchen,

das Werk ist ein Plädoyer für

die Wahrheit der Fantasie.

Premiere: 13. März 2021,

Wiener Volksoper

Concentus Musicus. Als

„Symphonie gegen Napoleon“

wurde sie bezeichnet,kurz

nach der Niederlage des

Franzosen in der Schlacht bei

Leipzig fand die Uraufführung

in der Alten Universität in Wien

statt.Der Concentus Musicus

unter Stefan Gottfried lässt sie

so erklingen, wie sie wohl damals

geklungen hat.12. &13.

Dezember,Musikverein.

FriederikeMayröcker. Die Frau

ist in Österreich nahezu ebenso

Kult wie Ruth Bader Ginsburginden

USA: die 95-jährige

FriederikeMayröcker.Inder

Alten Schmiede liest sie aus

ihrem jüngsten Band „da ich

morgens und moosgrün. Ans

Fenster trete“. 27. 10., 19 Uhr,

Alte Schmiede

Bettina Balàka. Die Salzburger

Autorin hat sich intensiv mit

der Pädagogin, Sozialreformerin

und Frauenrechtsaktivistin

Eugenie Schwarzwald

beschäftigt.Nun hält sie im

Wiener Rathaus eine Festrede

über die ehemalige „Presse“-

Feuilletonistin. 3. 11., 19 Uhr,

Wappensaal

Arbeit statt Almosen. Corona

hat den Autoren zugesetzt.

Lesungen, eine wichtige Einnahmequelle,

sind versiegt.

Marlen Schachinger hat ein

Crowdfunding-Projekt gestartet

und Autoren gebeten, einen

literarischen Text zur „Kulturnation

Österreich“ zu schreiben.

www.startnext.com/fragmente

Fotos: Beigestellt

86 Kulturmagazin


TANZ

THEATER

Coppélia. Um ihrem Franz klarzumachen,

dass er sich in eine Puppe verliebt hat,

wirdSwanilda zu Coppélia.

Ursprünglich istdie Erzählung vonder PuppeOlimpia

ein Gruselmärchen. E. T. A. Hoffmann erzählt vom

Studenten Nathanael, der der mechanischen Figur verfällt,

wahnsinnig wirdund sich schließlich in den Tod

stürzt.Diesesunheimliche „Nachtstück“ hatgleich nach

Erscheinen 1817Furoregemacht und fasziniertauch

heutenoch, als rätselhafteFiktion oder charmanteKomödie.

JacquesOffenbach lässt in seiner Oper „Les contes

d’Hoffmann“, die PuppeOlimpia singen. Bald nach Offenbach

meldetesich der jungeKomponistLéo Delibesmit

einer bezaubernden Ballettmusik.Die PuppeOlimpia ist

jetzt Coppélia, ihr Anbeter Franz.Inder Choreografie von

Arthur Saint-Léon eroberte „Coppélia ou La Fille aux

yeux d’émail“1870von Paris ausdie Ballettbühnen der

Welt.Sie istunsterblich, der schrulligeDr. Coppélius muss

nurden Schlüssel in ihrem Rücken drehen. Diesen

Schlüssel hatder Tänzer und Choreograf PierreLacotte,

die Autoritätfür die Rekonstruktion vonBallettklassikern,

gefunden, die 150JahrealteChoreografie neu belebt und

das lang verschollene dritteBild rekonstruiert. Ausdem

Schauerstück istein köstlicher Schabernack geworden.

Glanzvoll istdas Finale, wenn die neue Glockezur großen

Hochzeitsfeier ruft.Ab11. 12. in der Volksoper.

Ditta Rudle

RichardII. Jan Bülow spielt im November

RichardII. im Burgtheater,Regisseur ist

Johan Simons.

Wenn die Musik doch schwieg’, sie macht mich

toll/Denn hatsie Tollen schon zum Witz verholfen/

In mir macht sie den Weisen toll“, spricht RichardII., ein

Shakespeare-König, bei dem man sich fragt, wie die Mächtigen

klug regieren sollen, wenn sie eine derarttragische

eigene Vita haben, in der ihnen früh beigebracht wird,

dass Liebe nichtszählt,Siegenalles–und der Todlauert

stetsgleich um die Ecke.Mit elf Jahren wirdRichardauf

den Thron gesetzt,seine Frau Isabelvon Valoisist sechs

Jahrealt.Richardlässt seinen Onkel ermorden, erhöht

Steuern und Abgaben und widmet sich der eigenen

Prachtentfaltung.Johan Simons, dem zu vielen Stoffen

gleichermaßen Originelleswie Seriöseseinfällt,inszeniert

„RichardII.“imBurgtheatermit JanBülowinder Titelrolle.

Der 1996 in Berlin geborene Schauspieler war

zuletzt in der Burg in Wajdi Mouawads„Vögel“ zu sehen

sowie in der „Edda“. Ferner spielteBülowinder actionreichen

Netflix-Serie „Dogs of Berlin“, zuletzt warerals Udo

Lindenberg in dem Biopic „Lindenberg!Mach dein Ding“

vonHermine Huntgeburth zu erleben. Über die Rock-

Ikone sagte Bülowinder „FAZ“: „Menschen, die erfolgreich

sind, sind vonstarken Selbstzweifeln geprägt.“

RichardII. erfassen diese erst,als es zu spät ist.

Barbara Petsch

Tipp

Tipp

Thunberggoes Tanz. „Climatic

Dance“ ist der fünfte Teil von

Amanda Piñas großartigem

Projekt über den Verlust der

kulturellen und biologischen

Vielfalt des Planeten. Ihr Thema

ist die Entkolonialisierung

von Kunst.Im„Climatic

Dance“ sind auch Studierende

der National School of Folcloric

Dance of Mecikoauf der

Bühne.17.–19. 12. tqw.at

Biografisch. Romy Schneider

ist auf der Tanzbühne gelandet.„Ich

kann nichts im Leben

–aber alles auf der Leinwand“,

sagte die Ausnahmeschauspielerin.

Der Innsbrucker

Ballettchef Enrique Gasa

Valga zeigt das Leben der

facettenreichen Privatperson

und vielseitigen Künstlerin.

Premiere: 27. 2. landestheater.at

Ängste. „In der Dunkelwelt“

beschäftigen sich der Choreograf

Joachim Schlömer und

drei Tänzerinnen mit Gefühlsausbrüchen

und wie man sich

diesen stellt.Ab16.10.

dschungelwien.at

Liliom. VomHutschenschleuderer

und seiner Julie mit dem

Herzen aus Gold (wo gibt es

heute noch so was?) kann

man nie genug kriegen, darum

inszeniert Peter Wittenberg

die Molnár’sche Vorstadtlegende

im OÖ. Landestheater

in Linz. www.landestheaterlinz.at

Ausländer raus! Wiens Schauspielhaus

blickt zurück auf

Christoph Schlingensief und

seine längst legendären Aktionen:

Am 24. Oktober,dawäre

dieser große und echte Erfinder

neuer Formen der Bühnenkunst

sechzig Jahrealt geworden.

Er starb 2010.

Michael Kohlhaas. Dem Pferdehändler

Michael Kohlhaas

wirdvon den Mächtigen übel

mitgespielt.Ergibt nicht auf

und wirdimmer rabiater.Kleists

Novelle, die bis heute provoziert,inszeniert

der Brite Simon

McBurney (ab 2. 12.). Die Berliner

Schaubühne bietet verlässlich

First­Class­Bühnenkunst

und lockt zu einem Ausflug an

die Spree.

Fotos: Katarina Soskic, beigestellt

Kulturmagazin 87


Highlights

POP

JAZZ

Culk. Entrückt und eindringlich ist der

Gesang von Culk-Sängerin Sophie Löw.

Die Wiener Band ist am 30. 10 im WUK.

ImVideo zum Song „Dichterin“, der ersten Single des

neuen Albums der Wiener Band Culk,kehrtSängerin

Sophie Löwnach gut eineinhalb Minuten der Kameraden

Rücken zu. „Fck generischesMaskulinum“steht aufder

Rückseiteihrer Jacke. In Großbuchstaben. „Vergiss mein

nicht“, singtsie gleich darauf, als siewieder in die Kamera

blickt.Zuvor sieht man lang nichtsaußer den als Untertiteleingeblendeten

Songtext.Bis Löwirgendwann schemenhaft

ausdem Dunkel hervortritt.Passend zu diesem

wütenden wie resignierenden Song,indem sie die

Unsichtbarkeit der Geschlechtervielfalt anprangert: „Du

verdrängst mich/und du verkennst mich/ich verrenne

mich an dunkle Orte/dukennst keine Wortefür mich/

und die du für mich hast /führen mich weit wegvon Einfluss

und Macht.“ DiesesAusleuchten gesellschaftlicher

Missstände, gefasst in dringlichen Post-Punk oder albtraumhaften

Dream-Pop,hat Culk bereitsmit ihrem

Debüt aus2019 zu einer der aufregendsten neuen Bands

im deutschen Sprachraumgemacht.Mit „Zerstreuen über

Euch“, ihrem zweiten Album, festigtsie diesen Status:

IhreSongs über Machtmissbrauch, Unterdrückung oder

zwischenmenschliche Krisen fesseln nicht zuletzt dank

dem bald seltsam entrückten Gesang Löws.

Holger Fleischmann

Schönster Schauder garantiert. Die Tiger

Lillies sind am 16. und 17. November

(19 &21Uhr) im Porgy&Bess zu Gast.

Das wüstebritische Trio Tiger Lillies wargar nicht lahm

in der Zeit der seuchenbedingtenAusgangsbeschränkungen.Neue

Lieder,neueScherzekamenpermanent

über ihre Internetplattformen. Diese wollen vor Publikum.

Undsoscheuen die Tiger Lilliesweder Gesundheitsrisken

noch Reisestrapazen,umwieder aufs europäische Festlandzustreben.Am16.

und17. November werden sie in

Wien aufschlagen. Diesmit dem neuen, vomgriechischen

Rembetiko inspiriertenOpus„Lemonaki“ im Gepäck,wo

es recht viel um Krankenhäuser undFriedhöfegeht.MartynJacques’

vielgerühmtesKastraten-Crooningwirdmit

viel Gustodas angstlustsüchtige Publikum in denVorhof

der Hölle geleiten undallerhandAuslassungen über die

tragischen Schicksalevon Zuhältern,ganzkörpertätowiertenProstituierten,

sodomiertenSchafenund Müttern in

Irrenanstalten zelebrieren.Die gleichermaßenkarg wie

pointiert instrumentiertenMoritatenund die überspitzt

albtraumhaft vorgetragene, gewissermaßen surrealistischeSozialkritiklassen

diedüstereAtmosphäreder

frühenPolitsongs vonBertBrecht und Kurt Weill auf

drastischeArt wiederauferstehen, wecken aber auch

Assoziationen an Helmut Qualtingers genialeH.C.-Artmann-Interpretationen

„SchwarzeLieder“.

Samir H. Köck

Tipp

Tipp

Sigrid Horn. Knapp vorm Lockdown

im März veröffentlichte

die in Wien ansässige Mostviertlerin

ihr zweites Album

voll herrlicher Dialekt-Chansons.„Ibleib

do“, ungewollt

passend betitelt für das Jahr

2020, kann man nun im Wiener

Sonnwendviertel live hören.

28.11., Gleis 21, Wien

Blue BirdFestival. Als Hoffnungsträger

in schweren Zeit

will das beliebte, freigeistige

Singer-Songwriter-Festival

heuer agieren: mit heimischen

Acts wie Garish und Alicia

Edelweiss und mit diversen

internationalen Gästen wie

Anna BSavage und This Is the

Kit.19.–21.11., Porgy&Bess

Lou Asril. Sein heuriges (Mini-)

Albumdebüt verdeutlichte,

warum der Mann aus Seitenstetten

als großes Popversprechen

gilt: Bisweilen

sehnsuchtsvoller Falsettgesang

trifft auf reduzierte

R’n’B-Arrangements und

knappe Beats.Beseelt!

29. 11., WUK

Legende. Die Jahresind rasch

verronnen für den großen

Jazzpianisten Chick Corea,

seit er er 1978 sein erstes

Konzerthaus-Konzert gegeben

hat.Sein Werk hat sich stilistisch

stark verbreitert seit den

frühen Tagen des von ihm mitgeprägen

Fusionsounds.Sogar

an Mozart versucht er sich

zuweilen höchst erfolgreich.

8.November,Konzerthaus

Groovemagier. Waldeck präsentiert

an diesem Abend sein

neues Opus „Grand Casino

Hotel“, das Kopfkino vom

Feinsten auslöst.Ausladende

Texturen, schwelgerische

Gesänge und beinharte Tanzrhythmen

locken. 27. November,Porgy

&Bess

Ohren spitzen! David Murray

spielte bereits ab seinem

neunten Lebensjahr Saxofon.

Nach Anfängen im R’n’B

wandte sich der junge Mann

bald ernsthaft dem Jazz zu.

Sein Repertoirereicht vom Spiritual

Free Jazz bis zum Blues.

9. Dezember,Porgy &Bess

Fotos: Antonia Mayer, Andrey Kezzyn

88 Kulturmagazin


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Das bringt der Herbst

NATAŠA ILIĆ

Nataša Ilić. Die gebürtige

Zagreberin ist Mitglied des

kroatischen Kuratorinnenkollektivs

What,How &for

Whom/WHW.Gemeinsam

mit Ivet Ćurlin und Sabina

Sabolović leitet sie seit

2019 die Kunsthalle Wien.

Noch bis 30. Oktober ist

dort die Ausstellung „Kiss“

zu sehen,

www.kunsthallewien.at

Waswar der Osten?

Die Moderna Galerija in Ljubljana

gibt einen umfassenden

Überblick über das Werk des

polnischen Malers, Kunsthistorikers

und Kritikers Andrzej

Wróblewski. Im Mittelpunkt

der Ausstellung steht seine

Reisenach Jugoslawien 1956,

nurein Jahr vorseinem Tod.

Erstmals istauch sein Spätwerk

zu sehen. Die Ausstellung

nimmt diesals Anlass, um zu

fragen: Waswar der Osten?–

oder:Gibt es so etwaswie den

Osten noch?Bis 10.1.2021,

www.mg-lj.si

Erlesene Objekte

Das Weltmuseum Wien präsentierteine

Schauzur Kunst und

Kultur der Azteken, die

erlesene Objekteaus verschiedenen

mexikanischen und

europäischen Museen versammelt.Die

Kultur desmächtigen

Aztekenreichs, nach der

gewaltsamen Eroberung durch

die spanischen Konquistadorendem

Untergang geweiht,

lädt uns ein, über das Schicksal

vonImperien, gewaltsame

Kolonialgeschichten sowie ihre

Folgen und Nachwirkungen in

der Gegenwart nachzudenken.

Bis30. 4. 2021,

www.weltmuseumwien.at

Visuelle Muster

DasHausder Kulturen der Welt

in Berlin präsentiertalle 63

Tafeln vonWarburgs Bilderatlas„Mnemosyne“–erstmals

wiederhergestelltmit dem originalen

Bildmaterial desKunstund

Kulturhistorikers. Aby

WarburgsMethode,nach visuellen

Themenund Mustern

über Zeitenund Geografien

hinweg zu suchen,ist immens

wichtig für unser Verständnis

derheutigenWelt,die so sehr

vonvisuellenMedien beherrscht

wird.Bis 30.11. 2020,

www.hkw.de

Foto: Christine Pichler.

90 Kulturmagazin


SEIT 1707

Classic Week 5. –10. November

Alte Meister

Gemälde des 19. Jahrhunderts

Antiquitäten

Contemporary Week

24. –30. November

Zeitgenössische Kunst

Klassische Moderne

Juwelen, Uhren

Palais Dorotheum, Wien, +43-1-515 60-570

Düsseldorf, +49-211-210 77-47, München, +49-89-244 434 730

www.dorotheum.com

Gustav Klimt, „Altar des Dionysos“, 1886, Entwurf für das Deckengemälde im südlichen Stiegenhaus (Giebelfeld)

des Burgtheaters, Öl auf Leinwand, 32 x158 cm, (Abb.-Ausschnitt), €190.000 –300.000, Auktion 24. November

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