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WOLL Magazin Brilon, Marsberg, Willingen, Diemelsee // Herbst 2020

WOLL Magazin im Sauerland: Brilon, Marsberg, Willingen, Diemelsee // Herbst 2020

WOLL Magazin im Sauerland: Brilon, Marsberg, Willingen, Diemelsee // Herbst 2020

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Herbst 2020

13

Worte, Orte, Land und Leute.

Ausgabe für

Brilon, Marsberg,

Willingen und

Diemelsee

Sauerland

Schwerpunkt

Landwirtschaft

ist Leidenschaft

Madfelder Forstscheune

Erlinghausen: Ein starkes Dorf packt an

Willingen und Diemelsee „bekennen“

sich zum Sauerland

WOLL - mit Herz und Hand von

WOLL ist wieder da!

Diese Ausgabe

kostenlos mitnehmen!


PREISGEKRÖNT!

ISBN: 978-3943681-99-4

24,90 Euro

Dr. Werner Beckmann aus Eslohe-Cobbenrode hat in jahrelanger Detailarbeit

und mit Unterstützung zahlreicher Freunde des Sauerländer Platt die neue Fassung

des Wörterbuches „Sauerländer Platt“ erstellt. Unter anderem für dieses einmalige Werk zum

Erhalt und zur Weitergabe der Sauerländer Mundart an zukünftige Generationen erhält der

„Papst des Sauerländer Platt“ am 15. Oktober den nur alle zwei Jahre vergebenen

Rottendorf-Preis für die Niederdeutsche Sprache; er wird ihm im Kulturgut Haus Nottbeck

bei Oelde verliehen. Der WOLL-Verlag und das ganze WOLL-Team gratulieren dem

WOLL-Freund Dr. Werner Beckmann zu dieser verdienten Auszeichnung!

WOLL-Verlag Hermann-J. Hoffe · Kückelheim 11 · 57392 Schmallenberg

info@woll-verlag.de · www.woll-verlag.de

WOLLVerlag


Liebe Leserinnen und Leser,

WOLL ist zurück. Für Verlag und Redaktion ist es viel mehr als nur ein „Comeback“

in Brilon, Marsberg, Willingen und Diemelsee. Wir freuen uns von Herzen

wieder für die Menschen da zu sein. Diese Freude haben wir auch bei unseren

Recherchen in den Orten gespürt und sind herzlich empfangen worden.

Auf der Rundreise haben wir uns in Madfeld umgeschaut und das alte Fachwerkhaus

in Augenschein genommen. Wir haben in Madfeld auch die beiden 83-jährigen,

unzertrennlichen Zwillingsschwestern Lucia und Hayazintha getroffen. Sie

sind Nonnen aus dem Bergkloster Bestwig und machen seit Jahren Urlaub in

Madfeld. Früher haben sie die Kindergärten in Velmede und Ostwig geleitet.

Auf der Weiterreise sind wir im „Offenen Garten“ von Silke Hardes in Nehden

gelandet und waren begeistert. In Marsberg haben wir den scheidenden Bürgermeister

Klaus Hülsenbeck getroffen, der seit 44 Jahren Fußballschiedsrichter ist

und in beiden Funktionen von Parallelen profitiert hat. Der Diemelsee ist ein

Juwel im Sauerland. Auf der Bank in Heringhausen haben wir mit Willingens

Bürgermeister Thomas Trachte und seinem Amtskollegen aus Diemelsee, Volker

Becker, über Orte, Land und Leute gesprochen.

Paul Senske

Chefredakteur

Wir haben uns auch und besonders mit der Landwirtschaft beschäftigt. Landwirtschaft

ist Leidenschaft, so unser Eindruck bei den Besuchen auf den Höfen.

Ein Musterbeispiel ist die junge Landwirtin Nora Joch, die auf dem Hof in

Rösen beck einfach nur glücklich ist. Die Landfrauen aus dem Kreis bringen es

auf den Punkt: Das Leben auf dem Land ist Luxus.

Viel Spaß bei der Lektüre.

Ihr Team von WOLL Brilon, Marsberg, Willingen und Diemelsee

Kontakt:

www.woll-magazin.de

redaktion-bmwd@woll-magazin.de

Facebook.com/WOLLBrilon

WOLL Herbst 2020 - 3


Hasse chehört…?

Anke Kemper

Lisbeth, haste dat schon chehört?

Dat Jochs Nora hat ne Ausbildung aufm

„Hömma,

Bauernhoff jemacht, dat musste dir ma

vorstellen! Die is doch tatsächlich ne jelernte Bäuerin.“

„Weißichdoch. Se is doch schon lange dabei.“

„Ne, also weißte, so ne Maloche für so ein junges Ding!“

„Die macht dat schon. Ist doch ne tolle abwechslungsreiche

Arbeit.“

„Na, da chibt es abba auch Anderes.“

„Jau, abba es muss ihr ja Spass machen. Dat is doch dat

Wichtigste. Haste die denn noch nich chesehen, wenn se

de Kühe fürs Melken reinholen muss? Dat musste dir ma

angucken: die laufen alle in Reih und Glied hinter se her,

de janze Herde!“

„Haste Töne! Ne, ich hab dat noch nich selber chesehen,

abba der Otto hat mir dat schon erzählt. Der hat auch im

Stall ne Besichtigung jemacht oder so wat. Dein Friedel

war doch auch dabei!“

„Ja chenau, da kannste gucken chehen, ob es den Rindviechern

auch chut chet.“

„Wieso dat denn?“

„Dat is chut fürs Image, weißte. De Leute können sich

informieren und gucken chehen, wie es den Tieren chet,

wat se so futtern und so nen Gedöns.“

„Ich chlaube es ja nich! Fehlt nur noch, dat se den Tieren

Namen cheben.“

„Ne Fine, ich hab chehört, die ham alle nur Nummern.“

„Die kann man sich aber sicha dann nich merken.“

„Doch, der Friedel hat jesacht, die können dat. So ein

paar Nummern hat er sich auch schon jemerkt.“

„Wozu dat denn?“

„Einfach, weil et Spass macht, denke ich. Und weil er

dann mit dem Otto da besser drübba schwatern kann. Is

ja auch ejal. Wichtig is doch, dat er nich verjisst, dat er zu

Hause die Nummer zwei is.“

„Wieso die zwei?“

„Na, weil ich die eins bin. Ich doch wohl klar, woll?“ ■

4 - WOLL Herbst 2020


Brilon

10 Hubertas Ecke

12 Chef-Mediziner-Kompetenz im Doppel

14 Elefantengras in Nehden

24 Traumberuf Landwirtin

41 Wenn schon Fleisch, dann richtig!

86 Unzertrennliche Zwillingsschwestern

116 30 Jahre EGGER in Brilon

118 Prof. Dr. Anne Jacobi und ihr Engagement

für die Heimat

131 Alte Forstscheune in Madfeld

144 Offener Gartenraum bei Kaffee und Kuchen

Marsberg

134 Erlinghausen: Ein starkes Dorf packt

gemeinsam an...

140 Klaus Hülsenbeck: Regeln umsetzen und

für einen geordneten Ablauf sorgen

Willingen

06 Willingen und Diemelsee:

Moderne Orte mit boomendem Tourismus

138 Die Schwalenburg bei Schwalefeld

Diemelsee

16 Robert geht wandern: Rund um den Diemelsee

143 Feriendorf Diemelsee

Schwerpunkt Landwirtschaft ab Seite 19

Schwerpunkt Innovation ab Seite 99

Aus dem Sauerland

04 Hasse chehört…?

76 Zeit für Patienten – die Klinik am Sorpesee

78 Malerin Elisabeth Rose

82 Brücken im Sauerland

90 Elisabeth Schmidt, Seelsorgerische Begleiterin

92 Ein Posaunist ohne Schützenfest

95 Gedicht: Herbstgedanken

95 Sonderausstellung Otmar Alt

96 Das neue Menschenbild

98 Der Buiterling

115 Die BUNTE VOGEL GmbH & Co. KG

121 Stephanie und Mascha Bergmann unterstützen

die ‚Sauerlandstones‘

123 Heilpädagogin Birgit Kraft fördert Kinder

124 Ulrike Fleischmann 50 Jahren Kunstwerke aus Ton

126 Anke Kemper veröffentlicht Kinderkrimi

129 Von wegen „altes Eisen“

142 Sternenfunkeln überm Sauerland

146 Berufliche Karriere erfolgreich

in der Heimat starten

WOLL Herbst 2020 - 5


Moderne Orte

mit boomendem

Tourismus

Diemelsee und Willingen „bekennen“ sich zum

Sauerland/Überragendes Ehrenamt stärkt Gemeinden

Dirk Bannenberg & Paul Senske

Sabrina Voss

Zwei Gemeinden, eine von der Natur reichlich

gesegnete Region: Diemelsee und Willingen

im Naturpark Diemelsee haben allen Grund

mit ihren „Pfunden zu wuchern“. Sie sind moderne

und leistungsstarke Orte mit boomendem Ganzjahrestourismus,

der entsprechenden Infrastruktur, mit

zukunftsträchtigen Investitionen, mit Landwirtschaft,

Kleinindustrie und Handwerk sowie einem überragenden

ehrenamtlichen Engagement der Bewohner. Beide

hessischen Nachbargemeinden im Upland arbeiten

eng zusammen und vertreten eine deutliche Botschaft:

„Wir gehören zum Sauerland“, sagen die beiden

Bürgermeister Volker Becker (Diemelsee) und Thomas

Trachte (Willingen).

6 - WOLL Herbst 2020


„Upland bedeutet Ober- oder Hochland.

Der Begriff hat sich aus dem

Plattdeutschen entwickelt“, betont

Trachte. „Berge und Täler, das passt

zum Sauerland. Besonders touristisch

fühlen wir uns dem Sauerland

zugeordnet.“ Sein Kollege Becker formuliert

es so: „Wir sind der hessische

Teil des Sauerlandes.“

Beide (unabhängigen) Bürgermeister

verstehen sich gut. Sie sind langjährig

im Amt: Thomas Trachte seit

dem 12. August 2004 in Willingen,

Becker feierte am 5. September 2020

sein 15-jähriges Dienstjubiläum.

Wenn beide über ihre Gemeinden

und die Region sprechen, dann gehen

ihre Herzen auf. „Man braucht nicht

ins Allgäu zu fahren, man kann das

auch hier erleben“, meint Becker.

„Natur pur, die Berge und Täler,

inmitten der Diemelsee, es ist einfach

schön, Naturjuwel Diemelsee, die

Perle im Sauerland.“ Trachte spricht

von einer „großen Naturvielfalt auf

einem relativ kleinen Raum.

An Vielseitigkeit ist das kaum zu

übertreffen.“

Beiden Bürgermeistern liegt die

stetige Weiterentwicklung ihrer Orte

am Herzen. Der Ganzjahrestourismus

spielt die dominierende Rolle

und ist der Hauptwirtschaftszweig

mit leistungsfähigen Fremdenverkehrsbetrieben.

Daneben sind vor

allem Hand werks-, kleinere Gewerbe-

sowie Holz- und Landwirtschaftsbetriebe

in den Ortsteilen zu finden.

Willingen ist ein sehr moderner,

leistungsstarker Ort“, betont Trachte.

„Im gastronomischen Bereich

haben wir ein großes Angebot und

überwiegend gute und gerngesehene

Gäste, die sich wohlfühlen und in

unser familiäres Gesamtbild passen.

An den Wochenenden gibt es leider

auch einige negative Begleiterschei-

Thomas Trachte und Volker Becker

WOLL Herbst 2020 - 7


nungen. Das ist wie im Fußballstadion: Die meisten Fans

sind in Ordnung. Eine kleine Minderheit benimmt sich

daneben. Wir sind dabei, Grenzen zu ziehen.“

Diemelsee, 1971 durch den Zusammenschluss von zuvor

13 ehemals selbstständigen Gemeinden entstanden, mit

dem Verwaltungssitz in Adorf und insgesamt rund 4.700

Einwohner, feiert im nächsten Jahr 50-jähriges Jubiläum.

„Die Gemeinde mit den dörflichen Strukturen ist zusammengewachsen“,

sagt Becker. „Die Menschen identifizieren

sich mit Diemelsee und ihrer Heimat, wir freuen uns

über Rückkehrer und das überwältigende ehrenamtliche

Engagement der Menschen und Vereine.“

„Wir haben in Willingen keine sozialen

Brennpunkte“ (Bürgermeister Thomas Trachte)

In der Tat: Das Ehrenamt spielt in der Region eine

überragende Rolle. In Willingen und Diemelsee gibt es

jeweils rund 70 Vereine. „Sie bilden die Grundlage des

gesellschaftlichen Lebens“, so die beiden Bürgermeister.

In Willingen hat beispielsweise die Verwaltung ein

„Anti-Langeweile-Programm“ für Kinder und Jugendliche

erstellt. In einer Broschüre sind alle entsprechenden

Angebote der Vereine zusammengefasst. „Was die Vereine

anbieten, ist einfach großartig“, so Trachte. „Soziale

Brennpunkte haben wir hier nicht.“ Für die Kinder im

Vorschulalter bietet Willingen in Kooperation mit dem

Evangelischen Gesamtverband Upland einen Ganzjahres-Kindergarten

an. Das Projekt des Bundesfamilienministeriums

„Kita Plus“ - Weil gute Betreuung keine

Frage der Zeit ist - läuft in Willingen seit drei Jahren und

hat sich bestens bewährt. Der Kindergarten ist montags

bis samstags jeweils von 6 bis 21 Uhr und sonntags von

6 bis 14 Uhr geöffnet. Es ist ein wichtiger Beitrag zur Vereinbarung

von Familie und Beruf, gerade in touristischen

Hochburgen mit Wochenenddiensten. Auch die Betriebe

können mit der professionellen Kinderbetreuung werben.

Seit Mitte 2018 läuft das Gesundheitsnetzwerk PORT

Willingen-Diemelsee e. V. Es ist ein Pilotprojekt der

Robert-Bosch-Stiftung und eines von vier Einrichtungen

in Deutschland. PORT steht für „Patientenorientierte

Zentren zur Primär- und Langzeitversorgung“. Dabei

geht es insbesondere in Kooperation mit der AOK Hessen

um die Verbesserung der medizinischen Versorgung im

ländlichen Raum. Im sogenannten Casemanagement

werden Hilfeleistungen für Menschen mit besonderem

Hilfsbedarf koordiniert, Angehörige werden beraten und

Seminare und Kurse zur Prävention angeboten.

„Die Schnittstellen in der medizinischen Versorgung sollen

entscheidend verbessert werden“, betont Trachte. Als

zwei weitere, künftige Säulen sollen das Kurangebot ausgebaut

und die Seniorenbetreuung intensiviert werden.

Den Tourismus als wichtigsten Wirtschaftsfaktor zu

stärken, haben sich beiden Gemeinden auf ihre Fahnen

geschrieben. Rund 4,5 Millionen Euro sind in den letzten

Jahren in den Ausbau und die Qualitätsverbesserung

der touristischen Infrastruktur rund um den Diemelsee

geflossen. Bei diesem Großprojekt ging es unter anderem

um die Erneuerung der Uferpromenade und die

Aufwertung der von Wander- und Radwegen“. „Dieses

Projekt ist in einer Bürgerwerkstatt, also von Bürgern für

Bürgern, entwickelt worden“, erklärt Becker. „Barrierefreiheit

und Familienfreundlichkeit waren dabei wichtige

Kriterien.“

8 - WOLL Herbst 2020


„Feriendorf Diemelsee stößt auf große Resonanz“

(Bürgermeister Volker Becker)

Ein weiteres Großprojekt ist das Feriendorf Diemelsee im

Luftkurort Heringhausen. Ein Investor hat über 20 Millionen

in das Projekt gesteckt. Nach dem Spatenstich im

Juni 2019 entstehen hier 70 Ferienhäuser und 18 Ferienwohnungen.

„Das Feriendorf stößt auf große Resonanz,

die ersten Häuser sind schon übergeben worden und

werden von Feriengästen angemietet“, so Becker. Geplant

ist zudem die Errichtung eines Lebensmittelgeschäftes

in Heringhausen. Ein anderes Projekt ist ebenfalls in der

„Pipeline“ und zwar der Trekking-Park Sauerland. An

neun Stationen auf dem Upland- und Diemelsteig können

die Urlauber in der Natur zelten.

Mountainbike-Trail soll Maßstäbe in Europa setzen

das rund 14 Millionen teure und vom Land Hessen

bzw. der EU geförderte Projekt angestoßen, Diemelsee

als Nachbargemeinde war sofort mit im Boot. Ein Netz

von Pfaden mit rund 650 Kilometern, keine Downhillstrecken,

sondern naturbelassene Pfade mit flüssigem

Fahrgefühl („Flowiger Freeride“) für Breitensportler:

„Damit kommen wir ganz nach vorn in Europa“, meint

Trachte, der sich ein „Anschlussprojekt Richtung Winterberg/Medebach

wünscht“. Der Baustart könnte 2021

erfolgen.

Die beiden Bürgermeister haben die Zukunft ihrer

Gemeinden und der Region fest im Visier. Für die beide

ist die hervorragende Zusammenarbeit zwischen Politik/

Verwaltung, Ehrenamt und Investoren das „Fundament“

für die Entwicklung der Region. „Wir verstehen uns als

Teamplayer und haben in den vergangenen Jahren viele

Menschen kennen, schätzen und lieben gelernt. Es sind

viele Freundschaften entstanden.“ ■

Ein „Riesenprojekt“, so Trachte, ist der geplante Mountainbike-Trail,

an dem 14 Kommunen und der Landkreis

Waldeck-Frankenberg beteiligt sind. Willingen hatte

Wir, die Schreckenberg Bau GmbH, sind Ihr idealer Ansprechpartner

für klassische Rohbauarbeiten in Brilon und Umgebung. 1924 von

Bernhard Schreckenberg gegründet, wird unser Meisterbetrieb heute in

der dritten Generation von Martin Schreckenberg geleitet und steht für

solide Handwerksarbeit und Kontinuität in der Baubranche.

Mit dem Schwerpunkt Mauerarbeiten im Hoch- und Stahlbetonbau

errichten wir Ein- und Mehrfamilienhäuser und übernehmen auch

An- und Umbauarbeiten sowie Sanierungen. Dabei legen wir großen

Wert auf einen modernen Maschinen- und Fuhrpark und fortschrittliche

Geräte, sodass auch unser relativ kleines Team in der Lage ist, große

und kleine Aufträge schnell, sorgfältig und zuverlässig zu erledigen.

Leistungen:

· Wohnungsbau

· Industriebau

· An- und Umbauten

· Altbausanierung

· Reparaturen + Abdichtungen

Maurermeister

Martin Schreckenberg

59929 Brilon

Hellehohlweg 1A

Tel. 02961 / 6101

www.schreckenberg-bau.de

martin.schreckenberg@t-online.de

WOLL Herbst 2020 - 9


Hubertas Ecke

Huberta

Anke Kemper

T

ach zusammen!

Da bin ich wieder.

Ausgeruht und voller

neuer Eindrücke gehe ich davon

aus, dass ihr wieder Geschichten

aus eurer Heimat erfahren wollt,

woll? Ich kann euch nur sagen: Es

ist viel passiert in der letzten Zeit.

Viele schöne Sachen, aber auch Nerviges

macht sich breit. Mein Futtergeber

- er nennt sich nach wie vor mein

„Besitzer“ und ich lasse ihn weiterhin

in dem Glauben - ist ja eigentlich

ein ausgeglichener Mensch.

Doch neuerdings gibt es etwas,

das ihm die Zornesröte ins

Gesicht steigen lässt.

Und nicht nur ihm,

auch vielen

anderen.

Egal ob am

Diemelsee, in

Brilon, Willingen oder

Marsberg. Es ist der infernalische

Lärm, der besonders an Sonn- und Feiertagen

durch unsere ansonsten so beschauliche Gegend schallt.

Von einigen Wenigen verursacht, aber für die Anwohner

sehr belästigend. Mein Futtergeber, selbst seit ewigen

Zeiten Motorradfahrer und stolzer Besitzer einer inzwischen

fast 25 Jahre alten Maschine, ist auf diese kleine

Spezies, die sich scheinbar durch ihr spätpubertäres

Gehabe hervortun möchte, mmmh sagen wir mal nicht

wirklich gut zu sprechen.

Kopfschüttelnd hat er jetzt seiner Frau von dem über

60-Jährigen aus deren Bekanntenkreis erzählt, der sich

eine neue Maschine gekauft hat und stolz damit angibt,

dass er seine Klappe aufreißen kann und dann ein

richtiger Sound daraus kommt. Ob er oder die Maschine

gemeint ist, habe ich nicht richtig

verstehen können, jedenfalls steht

auf der Nachbarkoppel neben den

Stuten auch ein Hengst und ein

Wallach. Während der Hengst mit

Souveränität ruhig zu seinen Damen

blickt, macht der Wallach den ganzen Tag

einen Aufstand. Rennt rum, schlägt aus,

wiehert permanent herum, um Eindruck

zu schinden. Ob die Damen der Herde

den ganzen Tag Fliegen abschütteln oder

es einen anderen Grund gibt, dass sie

immer wieder mit genervtem Blick den

Kopf schütteln, weiß ich nicht.

Aber wie bin ich jetzt eigentlich

auf dieses Thema gekommen?

Komisch – Es ging

doch um das unflätige

Verhalten einiger

Kraftfahrer

auf den Sauerländer

Straßen.

Na, ist auch egal.

Meine beiden

Großcousins Festus und

Friedel hatten ja einige Wochen aufgrund der Straßensperrung

nach Brilon-Wald ihre Ruhe, während mein

Freund Rambo es auch bis auf seine Wiese schallen hört.

Bauer Josef ist jedenfalls kurz davor den Wallach, so seine

Worte, aus dem Verkehr zu ziehen. Manchmal scheinen

Menschen doch von uns lernen zu können. Ach ja – Man

möge es mir verzeihen, wenn ich mal wieder jemandem

durch meine veröffentlichte Sichtweise zu nahegetreten

bin, weil er sich hier wiedergefunden hat. Aber schließlich

bin ich ja nur ein Sauerländer Esel. ■

Anm.: Huberta, das heimliches Wappentier der Stadt Brilon ist nicht nur bei der

Schnade immer bestens im Bilde.

10 - WOLL Herbst 2020


Musste gucken: Best of Bauer Herrman

Die Zeit des

Spinnenflugs

Anders, so ganz anders als die Bauern, die unsere Redakteure in den letzten

Wochen getroffen haben, ist Hermann. Hermann ist aber auch kein

Sauerländer, sondern der letzte Bauer in Hannover.

Quelle: https://youtu.be/VHe8qA3p_Zw

Ab in die Waschmaschine

Fast ist es so, als habe man den

Herbst verpasst, wenn nicht in

mindestens jeder Jackentasche eine

Kastanie steckt. Doch Kastanien

sind nicht nur als Handschmeichler

geeignet, man kann mit ihnen auch günstig und umweltfreundlich

Wäsche waschen. Dazu die Kastanien vierteln, in ein Gefäß geben und

mit Wasser übergießen. Für weiße Wäsche müssen die braunen Schalen

entfernt werden. Das Wasser löst den Seifenstoff, die Saponine, aus den

Kastanien. Ungefähr acht Stunden ziehen lassen und dann die Lauge

durch ein Sieb in das Waschmittelfach der Waschmaschine geben.

Langsam klingt der Sommer aus.

Sobald die Morgennebel sich verzogen

haben, können wir uns an

den letzten warmen Sommertagen

erfreuen. Oftmals ist es in dieser

Zeit windstill, kaum ein Lüft chen

weht und die Luft ist wie aus Seide.

Ideale Zeit für den Spinnenflug.

Einige Dutzend Seidenfäden

hat eine kleine Baldachin-Spinne

produziert, auf denen sie sich dann

durch die Luft tragen lässt, bei

günstigen Aufwinden bis zu mehrere

hundert Kilometer weit.

Luftbewegungen sind dazu nicht

nötig, haben Forscher herausgefunden.

Die Spinnen nutzen

das elektrostatische Feld der Luft.

Wann die Zeit zum Abheben da

ist, sollen sie sogar fühlen können.

(C.Z.)

Immer der Sonne

entgegen

Archäologische Funde deuten

daraufhin hin, dass diese prächtige

Pflanze, die bis zu drei Meter hoch

wird, schon um 2500 v. Chr. am

Mississippi und in Mexiko-Stadt angebaut wurde. Von den Inkas wurde

sie als Abbild ihrer Sonnengottheiten verehrt. Kein Wunder, sieht nicht

auch jede von einem Kind gemalte Sonne wie eine Sonnenblume aus?

Junge Pflanzen wenden sich stets zu diesem für uns so wichtigen Himmelsstern.

Um ja nicht den Sonnenaufgang zu verpassen, drehen sie ihre

Köpfe sogar schon während der Nacht in Richtung Osten.

WOLL Herbst 2020 - 11


Anzeige

Chef-Mediziner-Kompetenz im Doppel

Zwei neue Chefärzte für das Städtische Krankenhaus Maria-Hilf in Brilon

Christel Zidi

Jürgen Eckert

M

it den beiden neuen Chefärzten, Dr.

Martin Pronadl und Gennadi Schüttke,

hat sich das Briloner Krankenhaus zwei

echte Koryphäen ins Haus geholt. Martin Pronadl

als Leiter der Allgemein- und Viszeralchirurgie*

und Gennadi Schüttke, Experte auf dem Gebiet der

Gastroenterologie.

Meister der Schlüsselloch-Technik und der

chirurgischen Behandlung bei

krankhaftem Übergewicht

Seit dem 1. September übernimmt Dr. med. Martin Pronadl

die Leitung der Abteilung für Allgemein- und Viszeralchirurgie*.

Er stammt aus Essen und ist ausgewiesener

Experte auf dem Gebiet der minimalinvasiven Chirurgie.

Das heißt, wenn er operiert, achtet er besonders darauf,

dass so wenig Gewebe wie möglich verletzt wird. Ein

Vorteil ist, dass nur kleine Narben zurückbleiben und die

Wundinfektion bei solchen Eingriffen deutlich geringer

ist als bei offenen Bauch-Operationen mit langen Schnitten.

Auch bei größeren Eingriffen wird mehr und mehr

diese Methode angewandt, da die Patienten meist wesentlich

schneller wieder auf den Beinen sind als bei Eingriffen

am offenen Bauchraum. Der Klinikaufenthalt kann

also deutlich verkürzt werden.

Dr. Pronadl ist auch ausgewiesener Experte in der Adipositas-Chirurgie,

also der chirurgischen Behandlung an

Magen und Darm bei krankhaftem Übergewicht. Auch

auf diesem Gebiet kann er langjährige Erfahrungswerte

vorweisen. Zuletzt war er leitender Oberarzt im Helios

St. Elisabeth- Klinik in Oberhausen, wo er die Abteilung

für Viszeralchirurgie und Proktologie mit leitete und die

Zertifizierung für das Adipositas-Zentrum aufgebaut hat.

Der neue Chefarzt spielt in seiner Freizeit nicht nur gern

Klavier, er ist auch leidenschaftlicher Mountain-Biker.

War das vielleicht der wahre Grund, ins Sauerland zu

kommen, haben wir ihn mit einem Augenzwinkern

12 - WOLL Herbst 2020


Dr. Martin Pronadl

gefragt. „Nein, der Hauptgrund war das nicht. Das

berufliche Weiterkommen ist mir schon recht wichtig“,

berichtet uns Martin Pronadl, „Aber das hat mir die

Entscheidung natürlich enorm erleichtert.“

Gennadi Schüttke – Spezialist für

alle Organe des Verdauungstraktes

Mit dem Remblinghauser Gennadi Schüttke ist seit

dem 2. Juni ein Chefarzt im Städtischen Krankenhaus

tätig, der schon vor längerer Zeit im Sauerland Wurzeln

geschlagen hat. Er ist verantwortlich für den Fachbereich

der Gastroenterologie in der Abteilung für Innere

Medizin und somit bei allen Beschwerden des Verdauungstraktes

der richtige Ansprechpartner. Im Briloner

Krankenhaus ist modernste Endoskopie und präzise und

effiziente Diagnostik des kompletten Verdauungstraktes

mit einzigartiger Olympus-Technologie möglich.

Seit dem Jahr 2001 wurde Gennadi Schüttke im Rahmen

seiner internistischen Ausbildung im Krankenhaus

Meschede angestellt. Er lernte dort seine im Sauerland

gebürtige Ehefrau kennen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er

bereits das Sauerland mit seiner wunderschönen Natur

und dem sympathischen Menschenschlag als seine

Wahlheimat entdeckt. Er wohnt seit dem Jahr 2013 -

nach seiner breitbasigen Weiterbildung zum Facharzt für

Innere Medizin und Gastroenterologie mit der Zusatzbezeichnung

Proktologie - mit seiner Frau und seinen drei

Kindern in Remblinghausen. Zuletzt war er als leitender

Chefarzt für Innere Medizin am St. Franziskus-Hospital

in Winterberg tätig. Gerade hat Gennadi Schüttke zusätzlich

seine Fortbildung zum zertifizierten Ernährungsmediziner

abgeschlossen. Da fragt man sich doch, was bei

Gennadi Schüttke

ihm zuhause auf den Tisch kommt: „Auf keinen Fall Eier,

die erst vor 20 Minuten gelegt wurden. Man muss es ja

nicht übertreiben“, kommt die spontane Antwort. „Aber

auf jeden Fall nie Fertigprodukte. Außerdem ist Kochen

meine zweite Leidenschaft.” Hoffen wir mal, dass seine

heimische Küche groß genug ist, denn er ergänzt augenzwinkernd:

“Die meiner Frau übrigens auch.“ ■

* Die Viszeralchirurgie ist die „Chirurgie des

Bauchraumes und der Bauchwand, der endokrinen

Drüsen und der Weichteile einschließlich

Transplantation“.

Städt. Krankenhaus Maria-Hilf Brilon gGmbH

Am Schönschede 1 ∙ 59929 Brilon

Tel: 0 29 61/780 – 0

Fax: 0 29 61/780 – 12 40

www.krankenhaus-brilon.de

WOLL Herbst 2020 - 13


Elefantengras in

Brilon-Nehden

Ein nachwachsender Rohstoff als

Energie der Zukunft

Silvia Padberg

So hoch ist das Gras Anfang August 2020. Es wird eine sehr gute

Ernte im kommenden Jahr, freut sich Franz-Josef Witteler

Elefantengras (botanisch: Miscanthus x giganteus)

ist immer öfter auch auf unseren Felder zu sehen.

Ursprünglich stammt sie aus dem asiatischen Raum

(China, Japan, Korea, Taiwan). Es gibt nicht wenige, die

die Pflanze als „Energie der Zukunft“ sehen. Unter anderen

Franz-Josef Witteler aus Brilon-Nehden.

Knapp zehn Jahre ist es her, dass Franz-Josef Witteler (76) in

einer landwirtschaftlichen Zeitung blättert und einen Bericht

über Elefantengras las, das im Münsterland angebaut wird.

Elefantengras, eine energiebringende und nachwachsende

Pflanze, mit der er doch auch sein großes Haus, ein ehemaliges

Bauernhaus heizen könne..

Über diese nachhaltige, kostengünstige Methode zu heizen,

wollte er mehr erfahren. Elefantengras als eine der Zukunftshoffnungen

auf dem Markt der extensiven Energiepflanzen zur

alternativen Biomasse-Erzeugung. Zu jener Zeit wurde dieses

Verfahren gerade in Münster eindrucksvoll vorgestellt. Nichts

wie hin, sagte sich Franz-Josef Witteler. Spontan besuchte er

mit seiner Frau die Informationstage und schnell stand fest:

„Dieses Schilf kann ich hinter unserem Haus auf der ehemaligen

Wiese als Nutzfläche zu einer Energiefläche ausbreiten.“

Vorbereitung

Für den Anbau von Elefantengras eignen sich humose Lehmböden,

wie sie auch Mais und Raps benötigen, bei Höhenlangen

bis max. 700 m ü.NN. Ideale Bedingungen also für den

Nehdener. Also bestellte er im darauffolgenden Herbst sein

Feld. In den ersten drei Jahren achtete Herr Witteler besonders

auf nachwachsendes Unkraut, das bekämpft werden musste.

Die abfallenden Blätter bleiben aber als Mulchauflage auf dem

Feld. Im zweiten Jahr gibt das Gras eine Teilernte von etwa

30 Prozent des Vollertrages her. Ab dem dritten Jahr erfolgt

die Vollernte. Mit dem Maishäcksler erntet Herr Witteler

jedes Jahr in den Monaten März/April, kurz bevor das Gras

austreibt. Wichtig ist, dass die bambusartigen Stöcke nicht

mehr als 22 % Feuchtigkeit besitzen.

Die Miscanthus Pflanze wächst wie Gras, kann jedes Jahr eine

Höhe bis zu drei Metern erreichen. Gute 30 Jahre lang kann

mit der Pflanze Ertrag erzielt werden. Sollten dann die Triebe

quer wachsen, wird es Zeit, das Feld neu zu bepflanzen.

Das gehäckselte Gras ist pellettartig und kann auch als Brikett

gepresst werden.

Mit dem Heugebläse gelangt die Ernte auf den ehemaligen

Heuboden des Witteler-Hauses, wo diese auf 150 qm² lagern

kann. Alle 14 Tage wird im Austragungsraum nachgefüllt,

damit Haus und Wasser jederzeit warm bleiben.

Damit die volle Energie des Schilfgrases auch genutzt werden

kann, besorgte sich Franz-Josef Witteler noch einen passenden

Heizkessel aus Österreich. Die Umstellung hat sich für ihn

gelohnt: Durch ein Hektar Schilfanbau kann im Jahr bis zu

5.000 Liter Heizöl gespart werden, bei einem Kessel von 50

KW. ■

14 - WOLL Herbst 2020


Verwendung:

Stoffliche Verwendung

Gartenbau:

Torfersatz, Einstreu, Blumentöpfe

Zellstoffindustrie:

Papier, Pappe, Verpackungsmaterialien

Bauindustrie:

Putz, Estrich, Fenster- und Türrahmen,

Dachdeckung, Dämmung

Autoindustrie:

Lenkräder, LKW- Leichtbau, Ölbinder

Gehäckseltes Elefantengras

Energetische Verwertung

Verbrennung, Vergasung, Verflüssigung

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WOLL Herbst 2020 - 15


Robert geht wandern:

Rund um den Diemelsee

Robert Hinkel

1Ihr parkt auf einem der kostenlosen Parkplätze nahe

der Staumauer oder fahrt mit der Linie 385 zur Haltestelle

„Helminghausen Sperrmauer“. Als Erstes wartet

der Eisenberg hinter meinem Kopf auf euch.

2Wenn ihr nicht über einen schmalen Bürgersteig entlang

der Hauptstraße wollt, müsst ihr über die Waldroute runter

nach Helminghausen, wo der Plackweg (X1) beginnt und

in Hagen endet. Über diesen X1, der ab hier „Sternweg“ heißt,

kommt man auch den Eisenberg rauf. Er beinhaltet vier der sechs

Serpentinen, um den Anstieg abzuflachen. Das letzte Stück verläuft

über den Diemelsteig und den Panoramaweg Heringhausen.

3Geschafft, ihr steht auf 594 m üNN laut

Schild und 595 m laut Wanderkarte. Ihr seid

250 Höhenmeter geklettert, höher geht es in

der Gemeinde Marsberg nicht. Wenn ihr im Anstieg

an keinem der Aussichtspunkte pausiert habt: Hier

gibt es eine Bank mit Steinmandln. Die ganze Strecke

ist gespickt mit Bänken.

4Die vielen Stürme in den letzten Jahren haben diesen Tiefblick

auf den Diemelsee ermöglicht, langsam wächst er wieder zu.

16 - WOLL Herbst 2020


5

In den Jahren 2018 und 2019 wurden viele Schutzhütten erneuert,

unter anderem diese mit „Fenster“ am Aussichtspunkt

St. Muffert. Dort hat sich Erika T. verewigt, nur dass der waagerechte

Strich etwas zu tief geraten ist, wie ein Kreuz. Alles Weitere

ist Spekulation.

6Anschließend geht es kurz und knackig

runter, aber ihr bleibt noch weitere 300 m

am Hang. An einer Kreuzung nahe einer

Wiese biegt die Strecke endgültig rechts bergab,

sogar recht steil. In Heringhausen beginnt der

Randweg am Diemelsee-Ufer..

7Eigentlich wären sieben Kilometer incl. Eisenberg ein

guter Grund, sich ins Schiff zu setzen und 200 bis 400 m

neben dem Auto auszusteigen. Aber 2020 fährt kein Schiff.

Man kann auf den Bus 385 warten, aber der fährt nur alle paar

Stunden. Wer sich nicht die Zeit im Restaurant oder am See

vertreiben will, geht weiter, über diese Brücke und den Berg im

Hintergrund hoch (Weg H4).

8

Vorteil: Man hat Aussicht auf den Eisenberg (hinten),

St. Muffert am vorderen Berg und den südlichen

Diemelsee.

WOLL Herbst 2020 - 17


9

Nachdem ihr den Berg mithilfe des H4

umrundet habt, geht es ins Itter-Tal und

auf der anderen Seite wieder hoch. Ab dem

Abstieg bleibt ihr auf dem Diemelsteig bis zum

Schluss, entlang der Grenze zwischen Wald und

Wiese.

10

Gegen Ende kommt ihr nochmal durch ein ehemaliges

Sturmfeld mit Aussicht. Es gibt immer

größere Borkenkäfer-Schäden im gesamten

Sauerland, so auch hier. Über kurz oder lang wird sich die

Vegetation umstellen. Aber ihr seht ja die Fotos, es ist schön

hier. ■

Mehr Geschichten mit ungefähr fünf Minuten

Lesezeit gibt es in meinem Blog:

www.sauerland-wandern-und-wetter.blogspot.com

18 - WOLL Herbst 2020


Leben im Sauerland

WOLL

Worte, Orte, Land und Leute.

Verlags-Spezial

Landwirtschaft

ist Leidenschaft

WOLL – mit Herz und Hand von

Landwirtschaft mit Herz und Leidenschaft Seite 20

Traumberuf Landwirtin Seite 24

Wissenswertes Gegacker Seite 26

Von Färsen, Fressern und Muchsen Seite 27

Regionale Landwirte im Fokus Seite 29

„Die Kuh genießt den Roboter!“ Seite 30

Wenn der Hahn kräht auf dem Mist … Seite 34

Feldfrisch und nestwarm Seite 36

„Leben auf dem Land ist Luxus“ Seite 38

Wenn schon Fleisch, dann richtig! Seite 41

Hier haben Ziegen nichts zu meckern Seite 45

Vom Schlappohr-Schwein zur Mutterkuh Seite 47

Junge Landfrauen für das Sauerland Seite 48

Vom Wursten und Schlachten Seite 51

Wir machen FleischEssLust! Seite 52

Gärtnern am Küppel Seite 54

Eversberger Landmilch Seite 56

Ackerhelden in Arnsberg-Ainkhausen Seite 58

Eine Reise, die niemals endet Seite 61

Mescheder Minischafe am Abhang Seite 64

Die Sauerländer Potthucke Seite 66

Energie aus Bioabfall Seite 67

Der Puten-Pionier aus dem Sauerland Seite 70

Das landwirtschaftliche Museum Seite 73

WOLL Herbst 2020 - 19


Landwirtschaft mit

Herz und Leidenschaft

Heimische Landwirtschaft

hat der Gesellschaft eine

Menge zu bieten –

Klimaschutz und Digi -

talisierung bedeutende

Zukunftsfelder

Paul Senske

Jürgen Eckert

Bauern aus voller Überzeugung: Josef Schreiber (l.) und Josef Lehmenkühler.

I

hre Plädoyers kommen aus vollem Herzen: „Landwirt

ist der schönste Beruf der Welt“, sagt Josef Schreiber.

„Landwirtschaft ist Leidenschaft.“ Für Josef

Lehmenkühler steht fest: „Wir arbeiten mit Lebewesen und

nicht mit totem Material.“ Schreiber und Lehmenkühler

erleben es hautnah, dass die Landwirte mit Struktur- und

Klimawandel, Reglementierungen und Vorurteilen zu

kämpfen und an „Wertschätzung in der Gesellschaft verloren

haben“ - auch wenn sich das Image in der letzten Zeit

verbessert hat. Die Landwirtschaft, so die beiden Bauern,

ist „systemrelevant“ und hat der Gesellschaft eine Menge

zu bieten, vor allem hochwertige Lebensmittel. Im Klimaschutz

und bei der Digitalisierung soll sie künftig eine

„Riesen-Rolle“ spielen.

Schreiber und Lehmenkühler wissen, worüber sie reden.

Schreiber ist seit zwölf Jahren Vorsitzender des Landwirtschaftlichen

Kreisverbandes Hochsauerland, Lehmenkühler

seit sechs Jahren Chef des Kreisverbandes Soest. Im HSK gibt

es rund 1.300 landwirtschaftliche Betriebe, 70 Prozent sind

Nebenerwerbs-Betriebe. Im Kreis Soest mit den fruchtbaren

Hellwegböden sind es ca. 1.700 Betriebe (davon 30 Prozent im

Nebenerwerb).

Schreiber und Lehmenkühler sind Bauern aus Leidenschaft.

Schreibers Hof in Medebach besteht in der fünften Generation.

Es ist ein Betrieb mit 100 Hektar und 130 Kühen mit

Jungtieren, gleichzeitig ein Ferienhof, auf dem Feriengäste

beim Melken helfen können. Seit März hat Schreiber als Direktvermarkter

von Milch mit eigener Pasteurisierungsanlage

„ein weiteres Standbein“. Lehmenkühler - der Betrieb in Geseke

entstand einer Vollfusion zweier Höfe zur Lehmenkühler

Rotgeri GbR - ist ebenso „vielfältig unterwegs“: Schweinezucht

mit 230 Sauen und 1500 Mastschweinen, Ackerbau, Kartoffelproduktion

und Möhrenanbau sowie Energieerzeugung mit

einer Biogasanlage. „Auf dem Hof ist immer Leben. Schon als

Junge hat mir die Erntezeit am besten gefallen“, sagt Lehmenkühler.

„Alle standen unter Volldampf.“

Schreiber und Lehmenkühler gehören einem Berufsstand an,

dessen Image gelitten hat. Der einen Strukturwandel zu bewältigen

und der angesichts immer neuer Vorschriften schwer

zu kämpfen hat. „Wir haben in den vergangenen Jahren an

Achtung verloren“, meint Lehmenkühler. Stichworte: Ökologie,

Umweltbelastung, Tierwohl - Die Bauern als „Sündenböcke“?

Schreiber sieht eine Chance, dass sich angesichts der

Corona-Pandemie das Image der Landwirte verbessern kann:

„Wir ernähren die Menschen. Unsere regionalen Produkte sind

hochwertig und preiswert. Was passiert, wenn ein Engpass an

Lebensmittel kommt? Das Horten von Toilettenpapier war

symptomatisch. Vielleicht bietet Corona einen Denkanstoß,

was die Landwirtschaft eigentlich bietet. Sie ist systemrele-

20 - WOLL Herbst 2020


vant.“ Eine Imageverbesserung wird bei jüngeren Umfragen

deutlich: Die Landwirte rücken im Hinblick auf die gesellschaftliche

Relevanz auf Platz zwei hinter den Ärzten vor.

Was beispielsweise die Lebensmittelproduktion und angemessene

Preise betrifft, so beklagt Lehmenkühler die wachsende

Anzahl von Vorschriften, die verhindern, dass eine Reihe

von Lebensmitteln nicht mehr regional bzw. in Deutschland

produziert wird und aus dem Ausland kommt. Lehmenkühler

verdeutlicht das an einem (kleinen) Beispiel. „Vor Jahren

hatten wir eine große Mäuseplage auf unseren Feldern. Die

Mäuse knabberten die Möhren an. Wir durften aber kein

Mäusegift verwenden. Die Gefahr für Feldhamster oder Greifvögel

sich zu vergiften, sei zu hoch, hieß es. Wir mussten die

Möhren vernichten.“

Schreiber und Lehmenkühler sind fest davon überzeugt, dass

es trotz aller Probleme ein Nebeneinander von Landwirtschaft

mit steigender Nachfrage nach Lebensmitteln und Naturbzw.

Umweltschutz möglich ist und beide Seiten davon auch

profitieren können. „Wir wollen die Kulturlandschaft, die wir

durch Ackerbau und Beweidung geschaffen, erhalten“, erklärt

Schreiber. „Wir vernichten keine Umwelt. Die Biodiversität

ist ein hohes Gut.“ Lehmenkühler verweist dabei auf die

Möglichkeit, bei intensiver Flächennutzung als Ausgleich

Blühwiesen u. a. als Nahrungsquellen für Bienen und Insekten

einzurichten. Blühflächen sind Ackerflächen, die mit artenreichen

Mischungen von Blütenpflanzen eingesät werden. „Wir

bewirtschaften 200 Hektar, 15 davon sind für Blühwiesen vorgesehen.

Blühwiesen oder auch Randstreifen werden gefördert.

Wenn sie aber gesetzlich vorgesehen werden, gibt es für die

Landwirte keinen finanziellen Ausgleich mehr.“

Starker Partner der Landwirte im Sauerland!

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Gentechnik; Testsieger bei DLG Kontrollen mit

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weiteren Agrarbedarf wie Silofolien, Reinigungsmittel, etc.

Neue Düngeverordnung ist spürbarer Einschnitt

Sorgen bereitet den Landwirten auch die neue Düngeverordnung,

die am 1. Mai 2020 teilweise in Kraft getreten ist und

spürbare Einschnitte für die Praxis mit sich bringt. Übermäßiger

Einsatz von Gülle und stickstoffhaltigem Dünger gilt

als eine Ursache für die Nitratbelastung im Grundwasser. Die

Verordnung sieht u. a. neue Dokumentationspflichten und

schärfere Abstandsregelungen zu Gewässern vor. Für nitratbelastete

(„rote“) Gebiete gilt ab Januar 2021 ein Verbot der

Düngung von Zwischenfrüchten ohne Futternutzung und die

Reduzierung der maximal zulässigen Stickstoffdüngung um

20 Prozent. „Ich habe gelernt, dass man so viel zu düngt, wie

man dem Boden im Jahr an Nährstoffen entzogen hat“, meint

Informationen zur

heutigen Landwirtschaft

Josera. Landhandel Babilon

Josef Babilon

Mönekind 1

57392 Schmallenberg

Deutschland

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WOLL Herbst 2020 - 21


Schreiber. „Die Politik hat die Problematik falsch bewertet.

Im HSK sind wir aber nicht so stark von der Verordnung

betroffen wie andere Regionen.“ Der Kreis Soest, zum großen

Teil auf sogenannten „roten Grundwasserkörpern“, ist davon

deutlich mehr betroffen. „Natürlich wollen wir das Wasser

sauber halten. Die Maßnahmen sind allerdings teilweise nicht

zielführend“, erklärt Lehmenkühler. „Es handelt sich um eine

pauschale Reduzierung der Düngung über eine ganze Region

aufgrund nur weniger, nicht repräsentativer Messstellen. Eine

zielgenaue Regulierung auf den einzelnen Betrieb wäre für den

Wasserschutz weitaus effektiver. Eine für die Kulturpflanze

bedarfsgerechte Düngung ist gleichgerichtet für Wasserschutz

und Lebensmittelqualität das Maß aller Dinge.“

„Unsere Kühe wohnen wie in Fünf-Sterne-Hotels“

(Josef Schreiber)

Beim Thema „Tierwohl“ sind sich beide Landwirte einig,

dass es ihren Tieren gut geht. „Eine Kuh kann nur Milch

geben, wenn sie sich wohl fühlt“, betont Schreiber. „Die neuen

Außenklima-Ställe mit Liegefläche, Fressplatz, Melkroboter,

zudem teilweise Weidehaltung sind wie Fünf-Sterne-Hotels.“

Lehmenkühler sieht die Schweine seines Hofes in „Voll-Pension

mit Rundumbetreuung“. Natürlich seien die heimischen

Landwirte für Verbesserungen, sprich größere Ställe („Tierwohlställe)

offen. Stallumbauten könne es aber nicht zum

Nulltarif geben. „Wir sind dafür offen, alles was gut ist, zu

verbessern. Bau- und Planungsrecht, Auflagen und Bürokratie

machen das aber teilweise unmöglich.“

„Doppelnutzung von Gülle ist eine wichtige Maßnahme“

(Josef Lehmenkühler)

Ein anderes wichtiges Thema ist der Klimawandel, der die

Bauern belastet, zu dem sie aber auch beigetragen haben Die

Treibhausgasemissionen der Landwirtschaft bestehen vorwiegend

aus Methan und Lachgas. Beide bedeutend schädlichen

Klimagase entstehen aus natürlichen Prozessen im Boden,

bei der Verdauung in der Tierhaltung und der Lagerung von

Mist und Gülle. Der Anteil der Landwirtschaft an der Treibhausgasemission

einschließlich des Energieverbrauchs lag

2018 in Deutschland bei acht Prozent. Seit 1990 sind die gesamten

Emissionen der Landwirtschaft aus Methan, Lachgas

und Kohlendioxid um rund 20 Prozent gesunken. Bis 2030

sollen es 30 Prozent sein. Vor allem effizientere Düngung der

Böden und optimiertes Futter haben bisher zur Reduzierung

beigetragen. So wird beispielsweise durch eine Steigerung des

Kraftfutteranteils die Verdaulichkeit erhöht und damit die

Methan-Emissionen der Wiederkäuer (“rülpsende Kühe”)

verringert. Lehmenkühler konkretisiert ein weiteres Beispiel

der Emissions-Reduzierung und plädiert für eine Doppelnutzung

von Gülle: „Der Naturdünger kann in der Biogas-Anlage

energetisch genutzt werden. Beim Abbau wird Methan

entzogen, das aufgefangen wird und einen Motor antreibt,

der Strom und Wärme erzeugt. Danach kann die Gülle auf

den Acker - ohne Methan. Die Doppelnutzung von Gülle ist

eine wichtige Maßnahme.“

Wahrlich ein “Fünf-Sterne-Kuhstall“

22 - WOLL Herbst 2020


Humusaufbau als bedeutender Klimaschutz

Beim Blick in die Zukunft sehen beide Bauern die Landwirtschaft

in einer „Riesen-Rolle beim aktiven Klimaschutz“

durch den Aufbau von Humus und die damit verbundene

Speicherung von CO2 in den bewirtschafteten Böden. Der

Humus besteht zum großen Teil aus Kohlenstoff, der aus

dem Kohlendioxid der Luft stammt. Je mehr Humus im

Boden gespeichert wird, desto stärker wird die Atmosphäre

vom Treibhausgas CO2 entlastet. „Vor allem durch geeignete

Fruchtfolgen und den Aufbau von Zwischenfrüchten wird

der Humusgehalt im Boden aktiv erhöht“, erklärt Lehmenkühler.

„Die Äcker binden mehr CO2 als Naturschutzgebiete

und Wälder.“ Zudem hat der Humus auch Einfluss auf die

Bodenfruchtbarkeit und die Wasserhalt-Kapazität. Die Landwirtschaft

ist die einzige Branche, die den Humusgehalt im

Boden aktiv auf- und ausbauen und damit funktionsfähig

erhalten kann. Der Boden ist zudem der zweitgrößte CO2-

Speicher nach den Ozeanen.

Digitalisierung bringt Landwirtschaft voran

Ein weiteres großes Zukunftsthema ist die Digitalisierung. In

diesem Bereich sind die Landwirte zum Teil weiter als andere

Wirtschaftsbereiche. Hightech-Landmaschinen, Agrar-Apps,

Robotik wie Melkroboter usw.: Die Digitalisierung ist ein bedeutender

Faktor bei der Ressourcen- und Klimaeffizienz und

beim Tierwohl. Sie bringt die Landwirtschaft voran. Schreiber

und Lehmenkühler sind sicher, dass der Strukturwandel in

der Landwirtschaft in vielen Bereichen weitergehen wird. „Es

werden weniger Landwirte. Ihre Aufgabe wird es weiterhin

sein, die Bevölkerung zu ernähren und ressourcen- und

umweltschonend zu handeln. Den familiengeführten Betrieb

wird es weiterhin geben, eben Landwirtschaft mit Herz und

Leidenschaft.“ ■

Zahlen, Daten, Fakten...

Im Hochsauerlandkreis gibt es 1.300 landwirtschaftliche

Betriebe, die 55.350 Hektar Fläche bewirtschaften. 195

sind Öko-Betriebe, 920 Betriebe halten 67.000 Rinder

(Kälber, Rinder und Bullen). Die Milchviehhalter mit

ihren 24.000 Milchkühen verteilen sich auf 390 Betriebe,

122 Höfe halten 65.000 Schweine. 32,7 Prozent sind

Landwirtschaftsfläche, 55,6 Prozent Waldfläche.

Im Kreis Soest beträgt die Zahl der landwirtschaftlichen

Betriebe ca. 1700. Rund 50 bewirtschaften ökologisch.

1.000 Höfe halten Vieh, darunter 500 Rinder. Rund 450

halten Schweine (inklusive 100 Sauenhalter). Daneben

gibt es 200 geflügelhaltende Betriebe. 150 widmen sich

der Haltung von Schafen und Ziegen, 200 den Pferden.

Der größte Teil der landwirtschaftlich genutzten Fläche

(73.000 Hektar) ist Ackerfläche mit 61.000 Hektar.

Davon entfallen 40.000 auf den Getreide-Anbau. 26.332

Hektar entfallen auf den Wald. Etwa 12.000 Hektar sind

Dauergrünland. Insgesamt umfasst der Kreis Soest eine

Fläche von rund 132.700 Hektar.

Josef Schreiber mit Sohn Michael, Schwiegertochter Sabrina und Hund Ben

WOLL Herbst 2020 - 23


Traumberuf Landwirtin

Nora Joch kümmert sich um

Kühe, Milch - und ums Image

Britta Melgert

S. Droste

Acht Uhr morgens in Rösenbeck… rund 100 Milchkühe

machen sich, frisch gemolken und gestärkt,

auf den Weg. Den kennen sie gut, da sie ihn täglich

gehen. Aber keine von ihnen würde eilig vorpreschen,

denn eines ist klar: Es geht immer brav hinter Nora her!

Nora Joch ist eine moderne, junge Frau aus dem Sauerland,

20 Jahre alt. Ihr Beruf ist selten geworden. Sie ist Landwirtin!

„Ich bin zwar keine Bauerntochter, aber zuhause in Wiemeringhausen

war ich immer am liebsten irgendwo auf den Höfen

bei den Tieren“, erzählt sie. So wunderte man sich nicht,

24 - WOLL Herbst 2020


als sie verkündete, dass sie nach dem 10. Schuljahr Bäuerin

werden möchte. „Na ja, anfangs hätte sich mein Vater wohl

eine andere Berufskarriere für mich gewünscht, aber meine

Entscheidung stand bereits fest“, erzählt die junge Frau.

Die Ausbildung solide – die Aufgaben umfangreich

Die Grundausbildung dauert in der Landwirtschaft drei Jahre.

Es ist dabei üblich, jährlich den Ausbildungsbetrieb zu wechseln,

um möglichst viele verschiedene Tätigkeiten kennenzulernen.

„Das gesamte Spektrum von Ackerbau bis Tierzucht

kann halt oft nicht nur auf einem einzigen Hof vermittelt

werden“, weiß sie. Und so landete sie dann irgendwann beim

Rösenbecker Biohof Schmidt, um dort alle Aufgaben rund um

die Milcherzeugung und Rinderaufzucht zu erlernen.

Fans für Nora

Üblicherweise zieht der Azubi für diese Zeit auf den jeweiligen

Bauernhof. „Der Tag geht bei uns schließlich früh mit Stallarbeit

los und zieht sich bis in den Abend“, erklärt sie. „Ab

sechs Uhr herrscht Hochbetrieb an der Melkanlage. Das Vieh

bekommt sein Futter und die Boxen müssen gesäubert werden,

bevor es dann - sehr zur Freude der Tiere - endlich raus zur

Weide geht.“ Sie wissen schon, liebe Leser: Nora voran und

ihre vierbeinigen Fans brav hinterher – damals schon!

Apropos Fans: Einer auf zwei Beinen kam bald hinzu. Jungbauer

Stefan Schmidt erkannte schnell, dass da die Richtige

ins Haus gekommen war. Wir gehen jetzt nicht allzu sehr ins

Detail, aber wer die beiden zusammen sieht, der weiß, dass die

bekannte RTL-Sendung das nicht besser hätte hinbekommen

können. „Stimmt, es passte halt gleich auf Anhieb“, erzählt

Nora, „und auch mit den Schwiegereltern in spe klappt es gut;

ganz wichtig in einem Familienunternehmen“.

Erfahrungen sammeln in der großen,

weiten Welt – und im Sauerland

Nicht leicht gefallen ist dann jedoch der Abschied, als Nora im

ersten Gesellenjahr für sechs Monate nach Neuseeland ging.

„Das war lange geplant, und es ist nie verkehrt, mal etwas

gänzlich anderes kennenzulernen. Aber diese Dimensionen!

Dort zählt man nicht die Rinder, sondern die Herden“, be-


ichtet sie beeindruckt. „Letztlich bin ich froh, wieder hier zu

sein. Wir haben zwar auch keine Vornamen für unsere Tiere,

aber wenn Stefan beim Mittagessen erzählt, dass die Nummer

37 krank ist oder die 94 stur war, dann weiß jeder am Tisch,

wovon er spricht.“

„Ein starrer Bürojob wäre nicht mein Ding“, weiß Nora. „Der

Arbeitstag in der Landwirtschaft ist zwar lang, aber abwechslungsreich.

Und er lässt Freiraum, zwischendurch beispielsweise

mal shoppen zu gehen oder eine Mopedtour zu machen.

Und wenn wir abends feiern möchten, dann treffen wir hier

im Ort oft auf Freunde, die selbst morgens zeitig in den Stall

müssen und unseren Rhythmus kennen. Oder die Schwiegereltern

sind so nett und übernehmen die erste Schicht“, sagt die

Jungbäuerin und schmunzelt.

Blick in die Zukunft

Nora ist sich sicher, den richtigen Weg eingeschlagen zu

haben, und sie bleibt am Ball. Ab Herbst geht’s zum BWLbüffeln

in die Mescheder Fachschule für Agrarwirtschaft.

Und ihre Vision für den Hof in 20 Jahren? „Auf alle Fälle

weiterhin ein offener Betrieb und die Sicherung des Tierwohles.

Wir Landwirte kämpfen für ein gutes Image. Also Leute,

kommt gern her und schaut selbst, was wir leisten und wie es

unseren Tieren geht. Wir freuen uns über jeden interessierten

Besucher.“ ■

“Es ist nie verkehrt, mal etwas gänzlich

anderes kennenzulernen.”

Nora Joch über ihre Zeit in Neuseeland

Wissenswertes

Gegacker

Braune Hühner legen braune Eier und weiße Hühner

weiße? Nein, ganz so einfach ist das nicht. Die

Schale des Hühnereies hat rein gar nichts mit der

Farbe des Federkleides zu tun. Ob die Eier braun oder weiß

werden, hängt allein mit der Genetik des Huhnes zusammen.

Und wer nicht abwarten möchte, welche Farbe die

Eier denn nun bekommen werden, der muss einen Blick

hinter die Ohrläppchen der Hennen werfen. Dort befinden

sich die sogenannten Ohrscheiben. Sind diese weiß, werden

auch die Eier weiß. Bei roten Ohrscheiben gibt es braune

Eier. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Egal ob braun oder weiß, zerbrechlich sind beide. Das weiß

jeder, dem schon mal ein Ei aus der Hand geglitten ist.

Zack, schon lag es auf dem Boden (Kleiner Tipp: Damit

sich die glibbrige Masse leichter vom Boden entfernen

lässt, einfach Salz darauf streuen.)

Trotz ihrer Zerbrechlichkeit halten Eier so einiges aus.

Bei Punktbelastung sieben, auf die gesamte Oberfläche

verteilt 25 Kilogramm. Das liegt an der Schale aus Calciumcarbonat,

eines sehr festen Materials, an der gebogenen

Schalenform und am Aufbau der Schale, die aus vielen

Stäbchen besteht, die direkt nebeneinander liegen. (c.z.) ■

26 - WOLL Herbst 2020


Von Färsen, Fressern

und Muchsen

Fachausdrücke für das liebe Vieh

Christel Zidi

Tierväter:

Bei Pferden und Eseln ist das der Hengst, bei Rindern der

Bulle oder Stier, bei Ziegen und Schafen der Bock (auch Widder

bei Schafen). Beim Geflügel sind es Erpel oder Enterich

(Enten), Gänserich oder Ganter (Gänse) und der Hahn bzw.

Gockel. Im Hasenstall hockt der Rammler.

Den Kater nennt man auch Katzer, ein Rüde ist ein männlicher

Hund. Das männliche Schwein nennt man Eber, Hauer

oder Bär – Saubär im Süddeutschen.

Tiermütter:

Die Bezeichnungen für gefiederte Tiermütter sind gan(s)z einfach:

Ente, Gans, Huhn oder Henne. Die Katze ist auch eine

Kätzin, die Hundedame eine Hündin. Bei Eseln und Pferden

steht die Stute für das weibliche Geschlecht. Zibbe wird die

Hasenfrau genannt, ebenso das weibliche Schaf, das man

auch als Au oder Aue bezeichnet. Die weibliche Ziege wird

in manchen Regionen ebenfalls Zibbe genannt, geläufiger ist

aber Geiß oder Zicke. Was eine Sau ist, weiß wohl jedes Kind.

Nämlich das weibliche Schwein. Etwas schwieriger wird es bei

den Rindviechern. Eine Kuh ist eigentlich erst eine Kuh, wenn

sie schon gekalbt hat. Vorher, als geschlechtsreifes Tier, ist sie

eine Färse. Während der Säugezeit ist sie eine Mutterkuh. Ist

das Kalb „abgestillt“ und wird die Kuh weiterhin gemolken,

nennt man sie Milchkuh.

Tierkinder:

Geflügelkinder sind Küken, Gänsekinder nennt man auch

Gänsel oder Gössel. Hasen- und Hundejunge nennt man

Welpen, Katzenjunge Kätzchen oder Katzenjunge. Pferde-

und Eseleltern haben Fohlen. Das Rinderkind nennt man

bis zum Alter von sieben Monaten Kalb, ist es älter (bis zwölf

Monate) bezeichnet man es als Jungrind. Der Fachbegriff für

vier bis zwölf Monate alte Kälber ist Fresser. Netter hören

sich da schon die Bezeichnungen Kitze oder Zicklein an, wie

die jungen Ziegen heißen, und Lämmer bei den Schafen.

Milch- oder Spanferkel, also säugende Schweinekinder, sind

max. sechs Wochen alt und bis zu 25 kg schwer. Das Wort

Span meint nicht den Spieß, auf dem sie später landen, sondern

ist aus dem althochdeutschen Wort spunni abgeleitet,

was Zitze/ Brust bedeutet. Haben die Ferkel ein Gewicht von

25 Kilogramm erreicht, nennt man sie Läufer.

Und zum Schluss noch die

Bezeichnungen für kastrierte Tiere:

Wallach nennt man sie bei Eseln und Pferden, Kapaun beim

Hühnervolk. Bei den Rindern ist es der Ochse. Darf der Bulle

seine Hoden behalten und wird er nur sterilisiert, nennt man

ihn Muchse. Kastriert man einen Schafbock

wird er zum Hammel oder

Schöps. Ein kastriertes

Schwein nennt man Bark,

Borg oder Bork. Alt- oder

Spätschneider sind Eber, die

wenige Wochen vor der Schlachtung

kastriert werden. Und zum

Schluss der Hund. Der bleibt

auch kastriert einfach nur ein

Hund. ■

WOLL Herbst 2020 - 27


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Regionale Landwirte im Fokus

Mag doch jeder!

W

o kommt mein Fleisch her? Woher meine

Milch? Und esse ich Gemüse aus der Umgebung?

Viele Menschen können solche Fragen

kaum beantworten. Dabei ist es ihnen gleichzeitig

wichtig, Eier oder Rindersteaks aus der Region kaufen

zu können. Hinzu kommt bei nicht wenigen ein unklares

Bild, wie ein heutiger Bauernhof eigentlich funktioniert.

Genau hier setzt die außergewöhnliche Kampagne „Landwirtschaft

– MAG DOCH JEDER“ an. Sie zeigt Verbrauchern

die Realität der Landwirtschaft und will vor allem in

Dialog treten. Das Ziel: Landwirte sollen mehr Aufmerksamkeit

und Wertschätzung für ihre Arbeit erhalten.

Das Besondere an der Kampagne: Die Landwirte selbst

bewusst dazu entschlossen, für ihre Arbeit einzutreten und

Insgesamt unterstützen derzeit rund 1.000 Landwirte in

Westfalen-Lippe die Kampagne. Im Sauerland sind aktuell

mehr als ein Dutzend Höfe dabei. Einen von ihnen bewirtschaftet

Josef Schreiber aus Medebach. Der 59-Jährige ist

zugleich Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbands

Hochsauerland. „Es wird Zeit, dass die Menschen

erkennen, wie wertvoll eine nachhaltige Landwirtschaft in

der eigenen Nachbarschaft ist“, fasst er seine Motivation

zusammen, sein eigenes Geld in „MAG DOCH JEDER“

zu investieren.

und für Produkte aus heimischen Zutaten werben, vom

Burger bis zum Bier. Die nehmen Menschen auf Feldern

und am Straßenrand wahr und werden so immer wieder auf

die Kampagne aufmerksam.

28 - WOLL Herbst 2020


Willkommen auf dem Hof

Sie möchten zeigen, dass sie nichts zu verstecken haben.

Im Gegenteil: Sie erklären, wie nachhaltig und modern Landwirtschaft

wirklich ist, ob mit oder ohne Tiere, als Direktvermarkter

oder als Bio-Betrieb. Dass die Verbraucher sich ein

realistisches Bild machen, liegt den Landwirten am Herzen.

Das ist echtes Landleben: Die MAG DOCH JEDER-Hofgeschichten

zeigen die Landwirte bei ihrer täglichen Arbeit,

bei der Ernte auf dem Feld, beim Melken der Kühe oder dem

Füttern der Hühner. Als Milchbauer lädt Josef Schreiber die

zeigt ihnen seine Leidenschaft für seinen Beruf. Die hat er

an seinen Sohn weitergegeben. Und auch die Ehefrauen der

Schreibers sind aktiv – denn für die gesamte Familie geht es

um mehr als den Broterwerb. „Wir Bauern können am besten

Auf einen Blick

• „Landwirtschaft – MAG DOCH JEDER“ ist

eine Initiative der Landwirte in Westfalen-Lippe

• Ziel: Mehr Aufmerksamkeit und Wertschätzung

für regionale Landwirtschaft, ein ehrlicher Dialog

rung und Tierhaltung


aktuell mit Beiträgen ab 100 Euro pro Jahr

(Weitere sind herzlich willkommen!)

• Gegründet: Spätsommer 2019

• Webshop mit attraktiven MAG DOCH JEDER-

Produkten: shop.magdochjeder.de

magdochjeder.de

unsere Arbeit begeistern“, sagt Schreiber.

Er appelliert an seine Kolleginnen und Kollegen, ebenfalls

bei „MAG DOCH JEDER“ einzusteigen „Jede Bauernfamilie

kann einen kleinen Beitrag dazu leisten, der breiten

Bevölkerung Landwirtschaft wieder näherzubringen.“ Vom

Strohpylon oder Plakat bis hin zur eigenen Hofgeschichte gebe

es viele verschiedene Möglichkeiten. „Für jeden ist etwas

Die Menschen mitnehmen

Die zentrale Plattform der Kampagne ist die Website

magdochjeder.de. Dort gibt es Hintergrundinformationen

„Jede Bauernfamilie kann einen

kleinen Beitrag dazu leisten,

der breiten Bevölkerung Landwirtschaft

wieder näherzubringen.“

saisonale Gemüse- und Obstsorten sowie praktische Tipps

Durch einen eigenen Webshop hat zudem jeder die Möglichkeit,

zu zeigen, dass er die Landwirtschaft in der Nachbar-

Dort gibt es neben kreativ gestalteten T-Shirts, Pullovern

und Tassen zum Beispiel auch Freizeitutensilien.

Die Arbeit der Initiative trägt Früchte: Nach dem ersten

Kampagnenjahr haben allein die Hofgeschichten-Videos

über 1,3 Millionen Aufrufe erreicht. Mehr als 93.000

Menschen haben die Website geklickt und sich über die

Kampagne sowie deren Inhalte informiert. 7 Millionen

Radiohörer und etliche Tausend Kinobesucher konnten

erreicht werden.

Doch auf den Ergebnissen möchten die Landwirte sich nicht

ausruhen. Sie möchten mehr erreichen. „Die Kampagne

bietet noch so viel Potenzial. Wir können noch mehr

Menschen erreichen und ihnen die tägliche Arbeit auf Höfen

und Feldern näherbringen,“ sagte Dirk Nienhaus, Landwirt

die formell hinter der Kampagne steht. ■

WOLL Herbst 2020 - 29


„Die Kuh genießt den Roboter!“

Hochmoderne Technik auf einem Caller Bauernhof

Markus Weber

Tom Linke & Kirsten Lody

F

ür die beiden Bauern Markus Wegener und Friedrich Blanke aus Calle bei Meschede dient ihr Beruf nicht

nur dem Broterwerb. Wenn die beiden über den von ihnen geführten Milchviehbetrieb mit einem Bestand

von über 100 Kühen und über die für die Höfe des umliegenden Sauerlandes durchgeführten (Lohn)-Arbeiten

berichten, merkt man sehr schnell, dass sie ihre Arbeit lieben und leben. Mit vor Staunen offenem Mund erfährt der

Laie, was hochmoderne, digitale Technik auf dem Bauernhof der Gegenwart alles leisten kann.

24 Stunden am Tag kann gemolken werden

Interview im Kuhstall

Die Gespräche mit den beiden Bauern finden selbstverständlich

nicht im Büro, sondern vor Ort, also im Kuhstall, auf dem

Traktor und der Weide statt. Friedrich Blanke ist der Hauptverantwortliche

für die 110 Kühe des Hofes. „Wir standen vor

einigen Jahren vor der Entscheidung, den Melkstand zu erneuern,

da der Melkprozess mit dem alten Stand einfach zu lange

dauerte“, berichtet der Bauer. „Wir haben uns dann statt für

einen neuen Melkstand dafür entschieden, in zwei moderne

Melkroboter zu investieren - und sind heute sehr glücklich mit

unserer Entscheidung“. Die Kühe geben unterschiedlich viel

Milch: In der sogenannten „Hochleistungsgruppe“ befinden

sich die Kühe, die im Durchschnitt 38 bis 40 Liter Milch pro

Tag geben, vereinzelt sogar bis zu 55 Liter.

Wie kann man sich nun einen typischen Tag im Stall vorstellen?

„Der Roboter läuft 24 Stunden am Tag“ so Friedrich Blanke,

„aber unterbrochen werden die Melkprozesse natürlich von

Spül- und Desinfektionsphasen, außerdem bestimmen die Kühe

ja den Rhythmus mit!“ Eine erstaunliche Tatsache, die später

noch erläutert wird. Fehler passieren gelegentlich auch beim

Melkbetrieb per Roboter, aber, so Blanke „der Roboter ruft

mich dann auf dem Handy an!“ Wie geht denn das? Die Kühe

tragen tatsächlich alle - neben ihren Erkennungsmarken im Ohr

- zwei Halsbänder, die mit Sensoren ausgerüstet sind, welche

wiederum die Verbindung zum Melk-Computer herstellen.

Sollte sich nun etwas Außergewöhnliches ereignen - es löst sich

beispielsweise ein Schlauch am Melkarm oder die Reinigung

bzw. die Desinfektion funktioniert nicht ordnungsgemäß - setzt

der Roboter automatisch eine exakte Fehlermeldung ab, die

den Bauern per Handy erreicht. Dieser kann dann entscheiden,

ob der Fehler sofort behoben werden muss, oder die Korrektur

einige Stunden warten kann. „Schon angenehm, diese Genauigkeit.

Gerade, wenn man nachts um drei Uhr angerufen wird“,

berichtet Friedrich Blanke mit leichter Ironie in der Stimme.

30 - WOLL Herbst 2020


2017 2015/1187

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Der perfekte Überwachungsgehilfe für Landwirte

Der Melkroboter kann aber noch viel mehr: Die Sensoren

können beispielsweise feststellen, ob die Kuh brünstig ist und

besamt werden muss. Oder ob die Milch über 40 Grad warm

ist (was ein Anzeichen für Fieber sein kann). Die gerade gemolkene

Kuh erhält automatisch - je nach Milchabgabemenge

- sofort einen entsprechenden Kraftfutteranteil, außerdem

werden Eiweiß- und Fettgehalte der Milch gemessen. Auch

das Wiederkauverhalten kann gemessen werden, indem der

Roboter per Sensor die „Auf und Ab-Bewegungen“ des Kiefers

notiert. Wichtig, da das Wiederkäuen Auskunft über die

Qualität des Futters gibt. Schon selbstverständlich erscheint,

dass jede Kuh jeden Tag vom Roboter gewogen wird, so dass

der Landwirt etwa bei außergewöhnlicher Gewichtsabnahme

reagieren kann.

Den Kühen geht es gut!

Auf meine Frage, wie es den Kühen dabei geht, antwortet

Friedrich Blanke voller Überzeugung: „Die Kuh genießt den

Roboter!“ Und er macht dies auch gleich an einem Beispiel

fest: Früher wurden die Kühe meistens zweimal, beispielsweise

morgens um 8.00 Uhr und abends um 18.00 Uhr gemolken.

Wenn sich die Kuh allerdings in einer Hochleistungsphase befindet,

kann es sein, dass sie selbst schon früher, etwa

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WOLL Herbst 2020 - 31


Markus Wegener & Friedrich Blanke

mittags, das Bedürfnis hat, gemolken zu werden (sprich: einen

geschwollenen und auch schmerzenden Euter hat). Tatsächlich

werden die Kühe also nicht zum Melken geführt, sondern

sie stehen selbst auf und suchen den Melkautomaten auf - ihr

Instinkt führt sie dorthin!

Gerade bildet sich eine Schlange vor dem Melkroboter, fast ein

bisschen so wie beim „Drive-In“…

Abschließend versichert uns Bauer Blanke authentisch, dass

der Milchvieh-Betrieb nicht ausschließlich auf Gewinnerzielung

ausgerichtet ist: „Wir wollen, dass es unseren Kühen auch

gut dabei geht, und wir sind überzeugt, mit dem Einsatz des

Melkroboters den richtigen Schritt dahin getan zu haben!“

„Arbeitsspur“, welche der Traktor auf den Weiden zurücklegt.

Diese kann gerade, mit Kontur oder kreisförmig angelegt und

eingespeichert werden.

Hört sich nicht nach etwas Besonderem an? Nun, die Spur

wird für jedes Feld, welches der Betrieb in der Umgebung

bearbeitet, im Computer eingespeichert. Dies bedeutet, dass

so passgenau gearbeitet werden kann, dass auch die kleinste

Überlappung, sprich das mehrmalige Befahren des gleichen

Bereichs, vermieden werden kann. Das spart immens - sowohl

Alles ist bis ins Detail digital gesteuert

Wir wechseln nun ins Freie, auf eine der anliegenden, wunderschön

saftig-grünen Weiden, die sich sanft hügelig von allen

Seiten an den kleinen Ort Calle mit seinen Fachwerkhäusern

und der Kirche in der Dorfmitte schmiegen. Hier wartet

schon Markus Wegener, der uns auf den Beifahrersitz des

hochmodernen Traktors, eher eine Multifunktions-Landmaschine,

einlädt. Zwei Bildschirme im Fahrerstand fallen sofort

auf. Einmal ist das der Steuerungs-Computer, das andere Mal

das GPS-Gerät. „Mit der Steuerung kann ich zum Beispiel

die Menge der Gülle steuern, die auf die Weiden ausgebracht

wird. Einmal eingespeichert, wird jeweils die gleiche Menge

ausgebracht, vollkommen unabhängig von der Geschwindigkeit

des Traktors oder der Geländebeschaffenheit.“ so Bauer

Wegener. Das GPS hingegen ist unter anderem zuständig für

die Einstellung der „Arbeitsbreite“ der angehängten Gerätschaften.

Sehr wichtig ist außerdem die genaue Einstellung der

32 - WOLL Herbst 2020


Zeit, Material (Dünger genauso wie Diesel) und damit auch

Kosten. Zudem, werden auch die unterschiedlichen Arbeitsbreiten

für die angehängten Geräte, sei es das Güllefass, die

Sämaschine oder ein Pflug, nach einmaligem Speichern

wiedererkannt. Markus Wegener: „Die Technik macht einfach

unübertroffen effizientes Arbeiten möglich. Sogar die Materialverschwendung

bei kleinen Spitzen oder Ecken des Feldes

wird vermieden, da dort einfach für kurze Zeit die Maschine

automatisch abgeschaltet wird!“

Markus Wegener und Friedrich Blanke geben, nach der Länge

ihrer Arbeitstage befragt, Folgendes zur Auskunft: „Es geht

morgens gegen 05.30 Uhr los, und jetzt in der Erntezeit, endet

der Tag nicht vor 23.00 oder auch 24.00 Uhr. Nach der Ernte

wird es aber etwas entspannter…“.

Abschließend lässt sich eines feststellen: Die erfolgreiche Führung

eines landwirtschaftlichen Betriebes ist auch heute noch,

bei aller modernen Hilfe, ohne Leidenschaft und sehr großen

persönlichen Einsatz nicht vorstellbar! ■

“Die Technik macht einfach unübertroffen

effizientes Arbeiten möglich.”

- Markus Wegener

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WOLL Herbst 2020 - 33


Wenn der Hahn kräht

auf dem Mist …

Von der Gültigkeit alter Bauernregeln

Christel Zidi

Schon seit Jahrtausenden beobachten Menschen das

Wetter. Besonders diejenigen, deren Existenz direkt

davon betroffen ist, also hauptsächlich die in der

Landwirtschaft Beschäftigten. Die Gesetzmäßigkeiten,

die die damaligen Landleute aus der Wetterbeobachtung

ableiteten und durch lange Erfahrungswerte untermauerten,

gaben sie – aufgrund der besseren Merkbarkeit – in

Reimen weiter. So entstanden die „Bauernregeln“.

Allein auf Bauernregeln wird sich heute wohl kein Landwirt

mehr verlassen. Moderne Messgeräte sowie meteorologische

Prognosen nutzen Landwirte, Winzer und Schäfer

in heutiger Zeit. Zusätzlich aber auch immer wieder die

eigenen Erfahrungen.

Doch wie verlässlich sind die Bauerregeln eigentlich?

Zunächst müssen aufgrund der gregorianischen Kalenderreform

(1582) die Lostage* um zehn Tage nach vorn verschoben

werden. Auch sind manche Heiligen-Gedenktage

auf andere Daten verlegt worden. Klimaveränderung und

regionale Unterschiede beeinflussen zusätzlich die Trefferquote.

Gut beraten ist man, wenn man die Regeln als eine

Zeitspanne um den jeweiligen Tag herum ansieht:

Hier einige Wetterregeln für den Herbst:

• Tritt Matthäus stürmisch ein, wird’s bis Ostern

Winter sein. (21. September)

• Bringt St. Michel Regen, kannst du gleich den

Pelz anlegen. (29. September)

• Lacht Ursula mit Sonnenschein, wird wenig Schnee

vorm Christfest sein. (21. Oktober)

Auf lange Sicht können Meteorologen das Wetter nicht

genau vorhersagen. Von maximal 14 Tagen geht man aus,

mit täglich abnehmender Wahrscheinlichkeit. Langfristig

kann man sich also besser an Bauernregeln wie diese

halten:

• Wenn im Herbst viel Spinnen kriechen, sie einen kalten

Winter riechen.

• Ist der Herbst warm und fein, kommt ein scharfer

Winter rein.

Aktuelle Voraussagen sind oft örtlich unterschiedlich:

•Wenn es blitzt von Westen her, deutet´s auf Gewitter

schwer; kommt von Norden her der Blitz, deutet es auf

große Hitz.

Nicht nur die Flora (Bezaubern der Zaunwinde anmutige

Blüten, kann der Hirte im Sonnenschein Schafe hüten), auch

die Fauna behält der Landwirt gut im Auge:

Bleiben die Schwalben lange, sei vor dem Winter nicht bange.

Davon, dass Bauern mit einem besonderen Humor gesegnet

sind, belegt diese bekannte und zu 100 % zutreffende Regel:

• Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das

Wetter – oder es bleibt wie es ist.

34 - WOLL Herbst 2020


Wie beliebt Bauernregeln auch heute noch sind, zeigen

diese launigen Beispiele, bei denen es weniger um das

Wetter als mehr um die Arbeit der Landwirte und

Agronomen geht:

• Kommt der Gockel untern Trecker, gibt es morgen

keinen Wecker!

• Hat der Melker kalte Finger, wird die Kuh

zum Stabhochspringer.

• Kommt die Milch in Würfeln raus, fiel im Stall

die Heizung aus!

Natürlich sind die Bauernregeln nicht so genau wie die

Wettervorhersagen der Meteorologen, unterhaltsamer

sind sie aber auf jeden Fall. ■

Der 100-jährige Kalender

Im 17. Jahrhundert schuf der Abt Mauritius Knauer einen

Kalender, um den damaligen Bauern und Mönchen eine

Möglichkeit zur besseren Wettervorhersage an die Hand zu

geben. Der Kalender beruht auf der Annahme, dass sich das

Wetter alle sieben Jahre wiederholt, auch die Planetenstellung

berücksichtigte er. Hier die Voraussage für den Herbst

im Mond-Jahr 2020: „Der Herbst beginnt mit feuchtem

Wetter. Die Temperatur ist mittelkalt. Danach wird es so

richtig kalt und das Wetter wird auch feuchter.“

*Lostage sind bestimmte Tage im Bauernjahr, die nach altem Volksglauben

für das Wetter der kommenden Wochen und damit für die Verrichtung

verschiedener landwirtschaftliche Arbeiten, wie Aussaat oder Ernte,

bedeutsam waren. In dem Wort Lostag ist die Bedeutung von „Los“ im

Sinne von „Schicksal“ erhalten.

Dinkel aus Meschede-Berge

im Brot der Bäckerei Franzes

Lange Jahre schon liefert Landwirt Georg Babilon die Eier für die Bäckerei Franzes.

Eine Zusammenarbeit, die von Vertrauen geprägt wird. Von den guten Erzeugnissen des

jeweils anderen überzeugt, haben die beiden ihre Zusammenarbeit erweitert.

Gemeinsam bauen sie nun bereits seit drei Jahren das Urgetreide Dinkel an.

Umweltschonender, lokaler – und hochwertiger - geht es kaum.

Die Erzeugung regionaler Lebensmittel unterstützt auch die Erhaltung der lokalen

Infrastruktur und sichert Betriebe und Arbeitsplätze im ländlichen Raum.

Regionale Lebensmittel fördern die nachhaltige Landwirtschaft und tragen so zum

Erhalt der Kulturlandschaft bei. Traditionelle Kenntnisse, wie regional typische Rezepte,

handwerkliche Fähigkeiten werden bewahrt. Heimatliche Identitäten, Rezepte

und das Image von Regionen werden erhalten.

Auf dem Lohnsberg 1

59872 Meschede-Berge

Telefon: +49 2903 304

E-Mail: franzes@t-online.de

www.baeckerei-franzes.de

WOLL Herbst 2020 - 35


FELDFRISCH und NESTWARM

Einkaufen in Sauerländer Hofläden

Christel Zidi

Laura Jacobs, WLV

Gehören Sie auch der Generation

an, die als Kind die

Milch vom Bauern holen

musste? War man allein, ging man

recht vorsichtig, um ja nichts zu

verschütten. Mit den Geschwistern

zusammen wurde man aber schon

mal übermütig und schwang die volle

Blechkanne mit kreisenden Armbewegungen

– möglichst ohne etwas zu verschütten.

Einmal nach vorn, einmal

zurück. Immer gelang das natürlich

nicht – dann war einem die Strafpredigt

der Eltern sicher.

Damals wie heute kann man Milch

direkt von den Bauernhöfen beziehen.

Oft kommt die melkfrische Rohmilch

von sogenannten „Milchzapfstellen“

oder „Milchtankstellen“. Selbstbedienung

auf dem Bauernhof - mit

Milch, die anders schmeckt als die

vom Supermarkt. Immer lecker und

mit vielen wertvollen Inhaltsstoffen.

Gesundheitsbewusste Kunden

Die wenigsten Landwirte beschränken

sich ausschließlich auf die Milchverwertung.

Während ein Teil der Lebensmittel,

der über den Eigenbedarf

hinausgeht, schon seit Jahrhunderten

auf den umliegenden Wochenmärkten

verkauft wird, haben heute viele

Landwirte ihren Hof um ein Geschäft

erweitert. In diesen „Hofläden“ wird

speziell das angeboten, was gerade

Saison hat. Also Salat im Frühling,

Tomaten und Gurken im Sommer,

Kartoffeln und Kürbis im Herbst

und Kohl im Winter. Dazu kommen

frisch gelegte Eier (“von glücklichen

Hühnern”), Milch direkt aus dem Stall

und leckere Hausmacherwurst aus

eigener Schlachtung. Die Kunden sind

meist Menschen, die sich bewusst und

gesund ernähren möchten. Die wissen

möchten, woher ihre Lebensmittel

stammen. “Artgerechte Haltung und

Tierwohl” hat bei diesen Erzeugern

hohe Priorität. Aber natürlich ist

diese Art der Tierhaltung mit höheren

Ausgaben verbunden. Doch durch die

Direktvermarktung fällt die Handelsspanne

weg und zusätzliche Kosten

können ausgeglichen werden. Dadurch

bleiben letztendlich die angebotenen

Produkte für den Verbraucher

erschwinglich.

Im Gegensatz zu Direktvermarktern,

die oft nur ein einziges oder wenige

Produkte anbieten, gibt es in Hofläden

eine breite Produktplatte zu

36 - WOLL Herbst 2020


estaunen. Um diese zu erweitern,

bieten Hofladenbetreiber oft Produkte

von Höfen der Umgebung an. Dazu

können Honig aus eigener Imkerei,

selbstgemachter Käse, Konserviertes

oder auch Schaffelle und Wolle

gehören. Bauernhof-Cafés, in denen

man selbstgebackene Kuchen und

Torten genießen kann, bieten einen

zusätzlichen Anreiz für die Kunden.

Die Marke „Einkaufen auf

dem Bauernhof“

Einkaufen auf dem Bauernhof hat

eine lange Tradition. Um die Direktvermarktung

zu unterstützen, wurde

im Jahre 1989 die Fördergemeinschaft

„Einkaufen auf dem Bauernhof“

gegründet. Unterstützer sind die

Landwirtschaftskammer, Landesbauernverbände

und der Deutsche

Bauernverband, der die Geschäfte

führt. Die Marke “Einkaufen auf

dem Bauernhof” ist von der Gemeinschaft

als Patent angemeldet. Hier

wird gemeinschaftlich geworben und

Marke ting auf überregionaler Ebene

gemacht.

Als Kind musste ich oft lange warten,

bis die Bäuerin die Milch aus dem

Stall brachte. In einer alten Deele mit

schwarz-weißem Schachbrettboden

und alten, dunklen Eichenschränken.

Nicht ganz so erbaulich für eine Fünfjährige.

Auch das hat sich geändert.

Heute ist allein das „Einkaufen auf

dem Bauernhof“ zum (schönen)

Erlebnis geworden. Nicht allein wegen

der Vielfalt der angebotenen Produkte,

sondern auch weil die meisten

Landwirte sehr aufgeschlossen sind

und ihren Kunden ein Stück Landleben

vermitteln möchten. Vielerorts

dürfen Kinder (und ihre Eltern) den

gesamten Hof erkunden, entdecken

traditionelle und moderne Landmaschinen

und können Hoftiere aus

nächster Nähe erleben. Die gesunde

Landluft gibt es gratis dazu.

Die Lage einiger „Farmshops“ finden

sich unter: www.farmshops.eu ■

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WOLL Herbst 2020 - 37


„Leben auf dem Land ist Luxus“

Ein starkes Team mit einem starken Plädoyer für das Leben auf dem Land.

KreislandFrauenverband Hochsauerland, eine starke Gemeinschaft:

Die Heimat lebenswert und zukunftssicher entwickeln

Paul Senske

Jürgen Eckert

Es mich ist Leben auf dem

ist eine Liebeserklärung

der besonderen Art: „Für

Land Luxus“, sagt Anne Babilon.

„Das Leben auf dem Land lohnt

sich und bietet eine große Vielfalt an

Bildung und Kultur.“ Anne Babilon

aus Eslohe-Herhagen ist Vorstandssprecherin

des KreislandFrauenverbandes

Hochsauerland, einer

starken Gemeinschaft, die sich für

eine lebenswerte und zukunftssichere

Entwicklung der ländlichen Region

mit einer starken Landwirtschaft

einsetzt. Die Landfrauen sind kein

Bäuerinnen-Verein, sie vertreten die

Interessen aller Frauen und Familien.

Sie sind im wahren Sinne des Wortes

ein anziehender Verband mit steigenden

Mitgliederzahlen, mit einem

umfangreichen Kultur- und Bildungsangebot,

mit gesellschaftspolitischem

Engagement sowie der Förderung des

Ehrenamtes und des sozialen Zusammenhalts.

Die Liebe zum Land ist die

zentrale Botschaft.

„Wer sich fürs Land interessiert,

kommt zu uns“, erklärt Uta Kaiser

aus Meschede-Bonacker, gemeinsam

mit Anne Babilon und Juliane

Hütter-Brandenburg (Brilon-Rixen)

Mitglied des geschäftsführenden

Kreis-Vorstandes. „Wir sind eine

vielseitige Gemeinschaft auf einer gemeinsamen

Wellenlänge. Man kommt

schnell ins Gespräch miteinander.“

Juliane Hütter-Brandenburgs Anliegen,

sich zu engagieren, ist „Frauen

aller Generationen vom Land, ob

mit oder ohne Hof, zu einer großen

Gemeinschaft wachsen zu sehen. Wir

akzeptieren jede Frau. Wichtig ist der

Dialog der Generationen.“

38 - WOLL Herbst 2020


Steigende Mitgliederzahlen und

breite Palette an Berufen

Allein der Blick auf die Mitgliederzahlen

unterstreicht die Bedeutung

des Verbandes. Auf Bundesebene sind

rund 500.000 Frauen organisiert. 22

Landesverbände, 430 Kreis- sowie

12.000 Ortsverbände bilden eine

starke Gemeinschaft. Dem Kreisland-

Frauenverband HSK, einer von 20

Kreisverbänden des Westfälisch-Lippischen

LandFrauenverbandes

(WLLV), gehören 1629 Mitglieder

(Stand 1. Januar 2020) in zehn Stadt/

Gemeindeverbänden an. „Die Zahl ist

2019 um 30 gestiegen“, betont Maria

Askemper (Meschede), die Geschäftsführerin

der heimischen Landfrauen.

„Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung.“

Rund 760 Mitglieder stammen

aus der Landwirtschaft, ca. 860 haben

einen anderen Hintergrund. „Wir

sind kein Bäuerinnen-Verein, wir

vertreten die Interessen aller Frauen.

Natürlich hat die Landwirtschaft bei

uns einen hohen Stellenwert. Sie ist

die Wurzel.“ Die Palette der Berufe

ist groß: Landwirtinnen, Ärztinnen,

Hauswirtschafterinnen, Bankkauffrauen

sind ebenso vertreten wie

Krankenschwestern, Erzieherinnen

oder Lehrerinnen. 57 Frauen sind

bis 30 Jahre alt, das sind 3,5 Prozent

der Mitglieder. Zum Vergleich: Beim

WLLV beträgt die Quote 0,9 Prozent.

Im Oktober 2018 hat sich die Gruppe

„Junge LandFrauen im HSK“ gebildet.

Ihr gehören 83 Frauen im Alter

zwischen 20 und 40 Jahren an und

finden sich als Einzelmitglieder in den

Ortsverbänden wieder. Eine „Orga-

Gruppe“ gestaltet für die jungen

Frauen ein eigenes Programm. Mit der

Gruppe „Junge LandFrauen“ ist der

HSK Vorreiter in Westfalen.

Bis in den kleinsten

Ortsverband organisiert

Jedes Mitglied aus dem jeweiligen

Ortsverband gehört auch dem

Kreisverband sowie dem WLLV an,

der auch Weiterbildung wie Lehrgänge

zur Agrarbürofachfrau anbietet. Jeder

Verband hat ein geschäftsführendes

Dreier-Vorstands-Team, mit einer

Sprecherin und einem erweiterten

Vorstand. Neben den Vorständen sind

130 Frauen als Ortsvorsitzende in

ihren Dörfern oder Stadtteilen tätig.

„Im geschäftsführenden Vorstand

ist mindestens ein Mitglied aus der

Landwirtschaft. Wir sind bis in den

kleinsten Ortsverband organisiert,

nicht hierarchisch, sondern partnerschaftlich“,

betonen Maria Askemper

und Uta Kaiser. „Die Frauen fühlen

sich wohl, alle verbindet das Lebensgefühl

LAND“, meint Anne Babilon.

„Wir genießen die Gemeinschaft und

das Leben mit der Natur“, sagt Uta

Kaiser.

Fünf Kernanliegen an die Politik

Die Landfrauen verstehen sich als

Lobbyverband von Frauen auf dem

Land. Sie werden angehört und

gehört, ihre Stimme zählt, auch in

Berlin und in Düsseldorf. Fünf Kernanliegen

richten sich an die Politik in

NRW: Die ländlichen Regionen sollen

sich lebenswert und zukunftssicher

entwickeln. Die Bildung („Immer

dranbleiben“) wird als Erfolgsfaktor

gesehen. Die Landwirtschaft - so die

Landfrauen - gehört in die Mitte der

Gesellschaft. Ehrenamtliches Engagement

und sozialer Zusammenhalt sind

von großer Bedeutung. Zudem plädiert

der Verband „für faire Chancen

in allen Lebensbereichen“. Ein wichtiges

Anliegen ist dem Verband auch

die Wertschätzung von Lebensmitteln

mit Aktionen gegen Lebensmittelverschwendung

zum Beispiel beim

„Tag des offenen Hofes“ oder durch

Ernährungs- und Verbraucherbildung

in Schulen.

Die Bildungsarbeit ist ohnehin ein

wichtiges Kriterium. Im letzten Jahr

hatte der Westfälisch-Lippische Verband

das Leitthema „Wissen

WOLL Herbst 2020 - 39


Juliane Hütter-Brandenburg Maria Askemper Anne Babilon Uta Kaiser

pflanzen - Werte entfalten: Wir geben Plastik einen Korb“

ausgerufen. Im HSK gab es zu diesem Thema zahlreiche

Veranstaltungsformate wie eine Ausstellung beim

Reister Markt, Präsenz auf der Schmallenberger Woche,

Öko-Stammtisch in Medebach oder ein Film über Auswirkungen

von Mikroplastik. Ab diesem Jahr lautet das

Leitthema: „Das Wasser - Wir machen die Welle.“

„Es geht auch und besonders um Wertschätzung

der Landwirtschaft“ (Maria Askemper)

Ein „Renner“ ist auch die landesweite Kampagne

„Pumps@Bauernhof“, die seit August 2016 läuft. Hofgespräche

von Frau zu Frau („Was uns bewegt, von Frau

zu Frau erzählt“): Landwirtinnen laden Frauen aus anderen

Berufen auf ihre Höfe ein und erklären ihre Betriebe.

„Dabei geht es auch und besonders um Wertschätzung

der Landwirtschaft“, so Maria Askemper. Das gilt auch

für die Agrarstammtische, die im HSK zweimal im Jahr

angeboten werden. Die Stamm tische, jeweils zu einem

bestimmen Thema, richten sich an Frauen aus landwirtschaftlichen

Betrieben und finden große Resonanz.

„WIR IM HSK“ ist eine neue Veranstaltungsreihe,

die im Juni 2019 erstmals vom Ortsverband Marsberg

durchgeführt wurde. „85 Frauen aus dem gesamten

Kreis waren in Marsberg, haben Ortsverband und Stadt

kennengelernt“, erzählt Juliane Hütter-Brandenburg.

In diesem Jahr mussten die Termine in Sundern und

Schmallenberg wegen Corona ausfallen, sollen aber

nachgeholt werden. Der Dialog mit der Politik wird

im HSK ebenfalls gepflegt. „Wir fragen - Politiker

antworten“: Im letzten Jahr war der SPD-Bundestagsabgeordnete

Dirk Wiese zu Gast. Im Oktober 2020 wird

sich der CDU-Landtagsabgeordnete Matthias Kerkhoff

den Fragen der Landfrauen stellen.

Ein Höhepunkt der jährlichen Aktivitäten ist die Übergabe

der Erntekrone an den Landrat. „Die Erntekrone ist

Sinnbild für die regionale Landwirtschaft und die eingefahrene

Ernte – die Grundlage unserer Kulturlandschaft

und heimischer Lebensmittel“, betont Maria Askemper.

Dafür wollen sich die Landfrauen auch in Zukunft

einsetzen und das Leben auf dem Land lebenswert und

zukunfts sicher gestalten.

Interessierte Frauen können sich an Anne Babilon

(Vorstandssprecherin) wenden: 02973 - 3259. ■

Landwirtschaftlicher Hausfrauenverein

bereits 1898

Die Gutsfrau Elisabet Boehm (1859 – 1943) rief 1898 in

Rastenburg (Ostpreußen) den ersten landwirtschaftlichen

Hausfrauenverein ins Leben. Die Lebens- und Arbeitsverhältnisse

der Frauen auf dem Land sollten durch kulturelle

und hauswirtschaftliche Bildung und Ausbildung verbessert

werden. 1934 wurden die landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine

aufgelöst und dem Reichsnährstand eingegliedert.

1947 gründeten sich die ersten Landfrauenvereine in Nachfolge

der landwirtschaftlichen Hausfrauenvereine wieder.

Ein Jahr später entstand der Deutsche LandFrauenverband.

Nach der Wende traten auch die Landfrauen aus den neuen

Bundesländern dem Deutschen LandFrauenverband bei.

Mit rund 500.000 Mitgliedern ist er der stärkste Frauenverband

knapp vor der Katholischen Frauengemeinschafts

Deutschlands (KFD). Der Westfälisch-Lippische Land-

Frauenverband hat gut 43.000 Mitglieder. Die Zahlen für

Südwestfalen: Kreis Soest 2.300, HSK 1.629, Märkischer

Kreis/Ennepe-Ruhr-Hagen 1.500, Siegen-Wittgenstein 850

und Kreis Olpe 450.

40 - WOLL Herbst 2020


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Wenn schon Fleisch,

dann richtig!

Schlachtbetrieb Scharfenbaum

aus Brilon-Madfeld setzt auf

Qualität und Kompetenz

Britta Melgert

Jürgen Eckert

Der Tag fängt früh an. Bereits um drei Uhr

kommt Hans-Jörg Scharfenbaum in seinen

Madfelder Schlachtbetrieb, so wie auch seine

Leute aus der Produktion. Die ersten Vorbereitungen

stehen an, um für uns schlafende Sauerländer den

späteren Appetit und die Lust auf gutes Fleisch zu

stillen. Frisches Mett und Bratwürstchen, damit geht es

immer los. Doch danach ist Schluss mit Routine – jeder

Tag bringt andere Aufgaben…

Anna-Katharina Mause,

Fleischermeisterin bei Scharfenbaum

Als sich Hans-Jörg Scharfenbaum

1998 selbstständig machte, hatte er

bereits mehrere Jahre Berufserfahrung

hinter sich. Zusammen mit seiner

Frau Ruth ging es damals, als die

großen Schlachthäuser der Umgebung

schlossen, mit dem eigenen

Schlachtbetrieb ganz klein los. Sie

wollten fortan Fleischereien, die

keine Eigenschlachtung mehr betrieben,

bedienen. Zusätzlich wurden eigene,

qualitativ hochwertige Fleischund

Wursterzeugnisse hergestellt, die

die beiden dann im Verkaufswagen

auf Wochenmärkten an die ersten

Kunden brachten.

Gute Zeiten – schlechte Zeiten

Das Engagement zahlte sich aus –

nach und nach wurden die Nachfrage

und das Sortiment größer. Mitarbeiter

wurden eingestellt, und Scharfenbaum-Produkte

gab es nun nicht

nur am Madfelder Standort, sondern

auch in immer mehr Supermärkten.

„Im Nachhinein betrachtet hat uns

der anfängliche Erfolg dazu verleitet,

zu schnell zu wachsen“, erinnert

sich Scharfenbaum, und er gesteht:

„Fast hätte es uns dabei den Boden

unter den Füßen weggezogen. Ohne

gute Freunde, die Familie, einige

Geschäftspartner und insbesondere

auch etliche fantastische Mitarbeiter

gäbe es uns wohl nicht mehr!“

Fairness, Verantwortung und

Fleischqualität

Heute ist die Krise längst überstanden,

aber die Dankbarkeit merkt

man den Scharfenbaums immer noch

an. Fairness und Verantwortung –

neben der Qualität weitere große

Themen im Unternehmen, sowohl

im Umgang mit den inzwischen

rund 80 Mitarbeitern, den Geschäftspartnern

und nicht zuletzt auch mit

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Ruth und Hans-Jörg Scharfenbaum

stehen mit ihrem Namen für

Handwerk und Qualität

Scharfenbaums

„Madfelder Vespersalami“

den Tieren. „Stressfreie Schlachtung

– das ist bei uns Standard. Montags

werden uns Schweine geliefert, und

donnerstags fahre ich auf die Höfe

der Umgebung, um mir geeignete

Rinder auszusuchen und abzuholen.

In unserem Stall können sich die

Tiere über Nacht von den Strapazen

des Transports erholen, und erst am

nächsten Morgen wird geschlachtet“,

erklärt Scharfenbaum. Eine Mühe,

die sich natürlich auf die Fleischqualität

auswirkt.

Zufriedene Mitarbeiter – gute Produkte!

Gute Produkte – zufriedene Kunden!

42 - WOLL Herbst 2020

Immer was zu tun für

80 Mitarbeiter

Und dann wird fachmännisch zerlegt,

gewurstet, gewürzt, getrocknet,

geräuchert und vieles mehr. Wie

bereits erwähnt: Langweilig wird es

einem hier als Fleischer nie. Vielleicht

ist auch diese Vielseitigkeit ein Grund

dafür, dass Scharfenbaums, trotz der

allgemeinen Nachwuchssorgen im

Handwerk, immer wieder interessierte

und gute Auszubildende finden.

Nicht allein die bereits in der Lehre

übertarifliche Bezahlung lockt junge

Menschen aus dem ganzen Sauerland

in das Briloner Dorf,

um beim regional

größten Betrieb

seiner Art

das nötige

Knowhow

Foto: Sabrinity

für ihre Berufskarriere zu erhalten.

Chris Neumann aus Olsberg

beispielsweise wurde nach seiner

Ausbildung bei Scharfenbaum Kammersieger

und Landessieger 2019;

gehört inzwischen zur Deutschen Nationalmannschaft

der Fleischer. Und

dank der guten Weiterbildungsmöglichkeiten

im Unternehmen wurde

kürzlich die Mitarbeiterin Anna

Mause mit 18 Jahren zur jüngsten

Fleischermeisterin Deutschlands.

Es duftet nach Schinken und

Madfelder Mettwurst

„Man muss schon, so wie ich, Spaß

an diesem Job haben, und man

muss Fleisch lieben“ lacht Hans-Jörg

Scharfenbaum, der uns stolz durch

seinen blitzsauberen Betrieb führt.

Und ja, es ist schon ein Erlebnis,

dieses Aroma einzuatmen, wenn sich

eine schwere Metalltür öffnet, hinter

der 100 Schinken darauf warten,

reif für den verwöhnten Gaumen

zu werden. Hinter der nächsten

Tür trocknen diverse Sorten Dauerwurst,

und auch wenn man gut


gefrühstückt hat, bekommt man

spätestens jetzt großen Appetit.

Zum Glück gibt es eine Kostprobe

quer durchs Sortiment.

Ob man nun eher ein Fan der

deftigen Madfelder Vespersalami

ist, zur scharfen Chorizo

tendiert oder die Hausmacher

Mettwurst bevorzugt, das bleibt

Geschmackssache. Der Chef

jedenfalls empfiehlt für den

optimalen Genuss, sie immer

am Stück zu kaufen und nach

Bedarf aufzuschneiden.

Im Restaurant und Supermarkt:

Qualitätsprodukte

von Scharfenbaum

Weiter geht es zu den Reifekammern,

in denen vakuumiertes

Fleisch fein säuberlich und mit

dem Namen des Landwirts

versehen auf den perfekten

Moment wartet, abgeholt zu

werden. „Abtei Königsmünster

Meschede“ lesen wir beispielsweise.

„Von hier aus geht es

dann entweder direkt an unsere

Partner im Metzgerbereich, zum

Beispiel zu Figge in Willingen

oder Gerbracht in Brilon“,

erklärt Scharfenbaum, „oder wir

verarbeiten es selbst, z.B. für

die Gastronomie. Unser gutes

Fleisch gibt es dann beispielsweise

in Tommy´s Restaurant in

Brilon oder im Restaurant Bei

Michael & Co. in Marsberg.

Der wesentliche Anteil der

Fleisch- und Wurstwaren findet

jedoch den Weg zum Endverbraucher

über sieben eigene

Bedientheken, den Direkt-Verkauf

direkt am Unternehmen

in Madfeld und in rund 20

SB-Truhen in diversen Supermärkten.

So haben auch weiter

entfernt wohnende Kunden die

Möglichkeit, unsere Produkte

beispielweise im Warsteiner

E-Center Dumke zu kaufen oder

im REWE-Markt Neitzel in

Bestwig.“ Es muss ja nicht beim

frischen Mettbrötchen bleiben,

woll? ■

„Die Bullen und Rinder

suche ich persönlich bei meinen

regionalen Landwirten aus!“

– Hans-Jörg Scharfenbaum

Röhlenstraße 21

59929 Brilon - Madfeld

Telefon: 02991 / 396

info@scharfenbaum-gmbh.de

www.scharfenbaum-gmbh.de

WOLL Herbst 2020 - 43


Hier haben Ziegen

nichts zu meckern

Keine Langeweile auf dem Belecker Hof

Daniela Weber

Marc Niemeyer

Schon von weitem ertönt ein lautes Meckern, wenn

man sich dem Biolandbetrieb von Thomas Schulte

in Belecke nähert. Auf dem Hof sind über 300

„Bunte Deutsche Edelziegen“ und eine Handvoll weiße

Ziegen beheimatet. Damit es für die Paarhufer buchstäblich

nichts zu meckern gibt, hat der Bauer einen Stall

gebaut, der auf Tierwohl ausgelegt ist und dementsprechend

genügend Platz, Licht, Schatten und Bürsten zum

Schubbern bietet.

2016 hat der sympathische Landwirt hat seinen Ziegenhof

ins Leben gerufen. Tatkräftig unterstützt wird er dabei von

seiner Ehefrau Judith, seiner Tochter (“Schon eine richtige

Bäuerin!”) und seiner „treuen Gefährtin“ Tinka, einer Australian

Shepard Hündin.

Begonnen hat alles mit 100 Lämmern, demnächst soll der

Bestand auf bis zu 400 Ziegen aufgestockt werden. Die Tiere

liefern zweimal täglich Milch, die in zwei großen Milchkühltanks

bei zweieinhalb bis drei Grad gelagert wird. „Ziegenmilch

unterscheidet sich geschmacklich kaum von Kuhmilch.

Das Besondere an ihr ist aber, dass sie auch für Menschen mit

Laktoseintoleranz geeignet ist. Sie ist zwar nicht laktosefrei,

aber enthält Laktose, die jeder Mensch verträgt.“

Der Landwirt setzt auf eine artgerechte Haltung. „Ich habe

unter anderem Erhöhungen im Stall eingebaut, weil ranghohe

44 - WOLL Herbst 2020


Ziegen gerne oben stehen. Die Fressplatzbreite beträgt 40 Zentimeter.“

Dass sich die Tiere hier, in ihrem “Paradies aus Stroh”

wohlfühlen, merkt man ihnen – trotz des Gemeckers – an.

„Ich habe vor einiger Zeit den Vater von Hennes

vom 1. FC Köln gekauft. Zumindest der Sohn

ist also eine Berühmtheit“

Thomas Schulte, Landwirt

Die jüngeren Ziegen und die sechs Zuchtböcke, die Schulte

anhand bestimmter Zuchtkriterien einkauft, sind von den

Älteren getrennt untergebracht. Ein Bock ist der Vater eines

ganz besonderen Geißbockes, der den meisten Fußballfans

Die jüngeren Ziegen und die sechs Zuchtböcke, die Schulte

anhand bestimmter Zuchtkriterien einkauft, sind von den

Älteren getrennt untergebracht. Ein Bock ist der Vater eines

ganz besonderen Geißbocks, der den meisten Fußballfans

WOLL Herbst 2020 - 45


kein Unbekannter sein wird. „Ich habe vor

einiger Zeit den Vater von Hennes vom 1.

FC Köln gekauft. Zumindest der Sohn ist

also eine Berühmtheit“, scherzt Schulte.

Langeweile kommt auf dem Hof nicht

auf, vor allem nicht, wenn die Tage kürzer

werden. „Dann werden die Ziegen bockig

- alle auf einmal. Das ist dann schon

Hardcore“, lacht der Landwirt, der seine

Zieglein liebevoll als besonders fruchtbar

einstuft. „Wenn eine Ziege mindestens

35 Kilogramm wiegt, dann wird sie zum

Bock gelassen.“ Ausgewachsene Ziegen

erreichen ein Gewicht von 60 bis 65 Kilogramm.

Auf dem Außengelände, wo die Tiere täglich

ab 11 Uhr verweilen, musste Schulte

schon mehrfach neue Sträucher anpflanzen.

Getreu dem Sprichwort, „den Bock

zum Gärtner machen“, gehen die Tiere

nicht gerade zimperlich mit der Bepflanzung

um. „Auch alte Weihnachtsbäume

haben sie komplett geschält“, lacht er.

Trotzdem: Auch wenn die Paarhufer dem

jungen Landwirt manchmal den letzten

Nerv rauben – die Arbeit mit seinen Tieren

liebt er. ■

Wanderkarten, Wanderführer, Ratgeber,

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Ihr WortReich-Team

46 - WOLL Herbst 2020


Sabina Butz

Silvia Padberg

Vom Schlappohr-Schwein zur Mutterkuh

Strukturwandel der Landwirtschaft im HSK

Schon die ersten Bewohner des Sauerlandes waren mit

Sicherheit auf die landwirtschaftliche Nutzung des

Bodens angewiesen. Erste Nachweise in kleinen Ansiedlungen

finden sich dafür ab dem 11. Jahrhundert. Die mindere

Bodenqualität, das raue Klima und die unberechenbaren

Naturgewalten ließen nur sehr niedrige Erträge zu. Naturkatastrophen,

Hungersnöte und Seuchen gehörten über die Jahrhunderte

zum Bauernleben dazu. Ab dem 14. Jahrhundert ist

eine Zunahme der Viehhaltung über den Eigenbedarf hinaus

zu beobachten. Die Schweinezucht entwickelte sich stark.

Vorrangig wurde die Schweinehaltung in den reichlich vorhandenen

Laubwäldern betrieben: Das dem Wildschwein

doch sehr ähnliche hochbeinige und langborstige Landschwein

mit seinen Schlappohren nutzte die große Eichel- und

Eckernausbeute, ohne dem Bauern allzu viel Arbeit zu bereiten.

Daneben trugen die genügsamen Schafe zur Fleischvielfalt

und natürlich zur Wollproduktion bei. Das Bauernleben war

hart und beschwerlich. Oft sicherte es kaum das Überleben.

Bis ins 19. Jahrhundert lebten und arbeiteten ca. 80 % der

deutschen Gesamtbevölkerung auf dem Land von der Landwirtschaft.

Mit der Industrialisierung verschob sich der Anteil

der landwirtschaftlich arbeitenden Menschen zugunsten der

nun gefragten Fabrikarbeiter. In der Landwirtschaft hielten

Maschinen und Technik Einzug. Mit der einsetzenden

Industrialisierung gab es Alternativen zur Beschäftigung in

der Landwirtschaft. Der Landwirt konnte sich auf Vieh- oder

Feldwirtschaft spezialisieren.

Er war nicht mehr darauf

angewiesen, als

Selbstversorger alles

Lebensnotwendige im

Alleingang zu produzieren.

Den Bauern der vorindustriellen Zeit

gibt es so nicht mehr. Die Prioritäten haben sich

auch im Sauerland verschoben: Mit einer Gesamtfläche von

218,50 qkm, davon 51,1 % Waldfläche und 28,8 % Landwirtschaftsfläche

ist der Hochsauerlandkreis der Land- und

Forstwirtschaft immer noch stark verbunden. In der Kernstadt

Meschede z.B. finden wir allerdings keinen Vollerwerbs-Bauernhof

mehr. Der Tourismus im HSK mit seinem Angebot

von Urlaub auf dem Bauernhof hat die rein landwirtschaftliche

Nutzung ergänzt und gelegentlich ganz abgelöst. Die Direktvermarktung

zum Beispiel in Hofläden nimmt ständig zu.

Das stärkt die Region, schützt die Umwelt und ist eine große

Chance für Bauern familien. Der Verkauf von Weihnachtsbäumen

und Schnittgrün gehört ebenfalls zu den erfreulichen

Entwicklungen. Eine besondere Bedeutung kommt auch der

Mutterkuhhaltung zu: Die meist ganzjährige Weidehaltung

der robusten Tiere trägt zur Landespflege bei und bietet dem

Auge einen erfreulichen Anblick. Derzeit sind Trockenheit

und Waldsterben die großen Herausforderungen in der Landund

Forstwirtschaft.

Auch wenn das gesamte Sauerland, längst nicht mehr ausschließlich

agrar- oder forstwirtschaftlich so geprägt ist wie

in der Vergangenheit, besteht doch eine lange traditionelle

Bindung an die Landwirtschaft. Diese Verbundenheit kann

jeder dadurch zum Ausdruck bringen, dass er zum Beispiel

regionale Produkte bevorzugt. ■

WOLL Herbst 2020 - 47


Junge Landfrauen für das Sauerland

Sandra Wahle

Jürgen Eckert

Die Landfrauen sind mit knapp 500.000 Mitgliedern einer der größten Interessenverbände bundesweit.

Innerhalb des Kreisverbandes Hochsauerland hat sich bereits vor zwei Jahren eine neue Gruppierung gefunden:

Die jungen Landfrauen. Sie setzen sich ein für ein attraktives Sauerland, lebendige Netzwerke

und Weiterbildung. Von Kaffeeklatsch ist dort keine Spur.

Wie habt ihr zusammengefunden?

Antonia Albers: Das kam eigentlich durch mich, ich habe ein Praktikum in der Landwirtschaftskammer gemacht und bin

da auf die Idee gestoßen. Da dachte ich, das könnte man auch im Sauerland machen und habe Bekannte angesprochen, ob sie

Leute kennen, die Lust haben, mitzumachen. Und da haben glücklicherweise welche ja gesagt (lacht). Im August 2018 haben wir

uns dann zum ersten Mal getroffen.

Katharina Schwake-Drucks (Sallinghausen)

Wie ist die Gründung dann angelaufen?

Katharina Schwake-Drucks: Man muss dazu erstmal sagen, dass wir kein eigener Verein

sind, sondern wir gehören zum Landfrauen-Verband und sind darin eine eigene Gruppe.

Wir mussten also keine eigene Vereinsstruktur aufbauen – das hat uns viel administrative

Arbeit erspart. Viele Vereine scheitern ja daran, dass sich kein Vorstand finden lässt.

Es ist ein Luxus, dass wir das nicht machen müssen. Dann ist die Hemmschwelle auch

niedriger, sich zu engagieren.

Hier im Sauerland leben die Orte ja vom freiwilligen Engagement der Menschen.

Fällt es euch dementsprechend leicht, neue Mitglieder zu gewinnen?

Antonia Albers: Mal so, mal so. Wir haben unseren Flyer, den wir überall dort auslegen,

48 - WOLL Herbst 2020


Antonia Albers (Frielinghausen)

wo die Zielgruppen

sind, die wir ansprechen

wollen. Wir

sind auch auf Facebook

und Instagram

und versuchen dort,

neue Mitglieder zu

erreichen.

Es läuft aber auch viel über

die Freundeskreise und manchmal

auch über die Zeitung. Das läuft ganz gut, denn da kommen

dann auch mal junge Leute, die man sonst vielleicht nicht

anders erreicht. Wir möchten ja nicht nur Leute erreichen,

die einen Bezug zur Landwirtschaft haben, sondern alle, die

Interesse daran haben, bei uns mitzumachen.

...und was erwartet die Personen, die bei euch mitmachen

möchten?

Antonia Albers: Wir wollen hauptsächlich Leute vernetzen

und für diejenigen, die zum Beispiel zum Studium oder zur

Ausbildung weggegangen sind, Netzwerke schaffen. Und wir

wollen abwechslungsreiche Veranstaltungen machen. Wir

haben uns vor kurzer Zeit einen Kräutergarten angeschaut,

wir machen Fahrradtouren, Näh-, Tanz- und Kochkurse, wir

gucken uns Betriebe an. Das ist ganz unterschiedlich.

Antonia Albers: Es gibt ja schon einige Angebote, aber das

wollen wir ausweiten. Die Landfrauen machen, genau wie

wir, viele Veranstaltungen und Aktionen, bei denen ich nicht

wüsste, wo und wie ich sie sonst machen

könnte. Und so macht man das

alles dann noch in bester Gesellschaft.

Unterstützt euch der

Kreisverband der

Landfrauen dabei?

Antonia Albers: Ja,

die unterstützen uns

wirklich sehr gut und

nehmen uns viel Arbeit

ab. Das gibt es, so glaube ich,

nicht überall.

Friederike Hachmann (Oeventrop)

Wenn euch das Landleben so am Herzen liegt, könntet ihr

euch dann vorstellen, in der Stadt zu leben?

Sophia Schenuit: Ich habe ein Jahr in Essen gewohnt für die

Meisterschule und das war irgendwie eine andere Welt. Für

ein Jahr war das ok, aber es wurde dann auch Zeit, dass ich

Für was setzt ihr euch damit ein? Welche Ziele habt ihr als

junge Landfrauen hier im Sauerland?

Antonia Albers: Für die Gemeinschaft und um das Landleben

attraktiver zu gestalten, dass man wieder zurückkommt,

dass man hier gerne wohnt – das ist unser Ziel. Und uns

geht es auf jeden Fall auch um die Bildung. Wir hatten zum

Beispiel eine Veranstaltung zum Thema Umweltschutz und

plastikfrei leben geplant, die aber wegen Corona ausgefallen

ist. Natürlich möchten wir auch jungen Menschen das Thema

Landwirtschaft näherbringen.

Was muss denn in euren Augen passieren, um das Landleben

attraktiver zu machen?

Katharina Schwake-Drucks: Das Sauerland ist ja schon

attraktiv, wir haben tolle Landschaften, man kann gut radfahren,

gut wandern. Aber für uns attraktiv in dem Sinne, dass

man ein Netzwerk an Menschen behält, wenn man für eine

Zeit lang weg ist und dass man den Faden wiederkriegt, wenn

man wieder zurückkommt und Kontakte knüpfen will. Ich

glaube, das ist sehr hilfreich.

WOLL Herbst 2020 - 49


Sophia Schenuit (Werpe)

wieder zurückgehe. Auf dem Dorf fühle ich mich wohl.

Frauke Donner: Ich war in Osnabrück, bin aber gefühlt jedes

Wochenende nach Hause gefahren. Für mich ist das keine

Option, dauerhaft in der Stadt zu wohnen. Gerade in der

Coronazeit hat man gemerkt, welche Möglichkeiten man hier

hat, die man in der Stadt nicht hat.

Auf manche Menschen könnte der Begriff „junge Landfrau“

etwas altbacken wirken und vielleicht falsche

Vorstellungen hervorrufen.

Wie haltet ihr dagegen?

Katharina Schwake-

Drucks: Ich hab das

so noch nie gesehen.

Es gibt nicht die

eine Landfrau. Das

umfasst alle jungen

Frauen, die auf dem

Land leben und nicht

nur solche, die mit Landwirtschaft

zu tun haben.

Antonia Albers: Die

Landfrauen sind ja

nicht nur für Kaffee

und Kuchen da, die

sind auch politisch

aktiv, treffen sich mit

Politikern und tun auch

etwas fürs Sauerland. Eine

Landfrau – egal ob jung oder

alt – ist nicht altbacken, sie ist

modern und sie packt mit an. ■

Frauke Donner (Schüren)

Drachensteigen

Was kann es im Herbst Schöneres geben, als -

gemeinsam mit Kindern - Drachen steigen zu

lassen? Bewegung an frischer Luft. Freude am

(selbstgebauten) Drachen. Und das Gefühl von Freiheit.

Übrigens ist der Drache – ohne „n“ – eine zänkische

Person. Der Drachen ist das Fabelwesen oder das Fluggerät.

Letztes muss nicht immer gekauft sein, im Netz gibt viele

Anleitungen, wie man sich einen solchen selbst bauen

kann, z. B. die von Opa Franz Brandl (c.z.). ■

Link: https://youtu.be/rsulteffdyE

50 - WOLL Herbst 2020


Vom Wursten

und Schlachten

Christel Zidi

Das Schlachten

Hausschlachtungen sind selten geworden. Kein Wunder,

denn die Zeiten, in denen man hinterm Haus die eigene

Schlachtsau hielt, sind längst vorbei. Selbst auf Bauernhöfen

sind Schlachtungen keine Selbstverständlichkeit mehr. Die

wenigen Bauern, die Wurst vom eigenen Hof anbieten, sind

meist Landwirte, die sehr großen Wert auf artgerechte Tierhaltung

legen. Die Hoftiere werden, wenn ihre Zeit gekommen

ist, nicht zum Schlachter getrieben, sondern schnell – und

stressfrei – auf dem Hof geschlachtet. Da die Tiere auf diese

Art kein Adrenalin ausschütten, bleibt das Fleisch besonders

zart. Natürlich gibt es vom Gesetz strenge Hygienevorschriften.

Selbst bei privaten Hausschlachtungen darf das Fleisch

nur innerhalb des eigenen Haushalts verzehrt werden. Selbst

die (kostenlose) Weitergabe an Freunde und Bekannte ist

verboten.

Das Wursten

Unkomplizierter ist es beim Wursten. So eine selbstgemachte

Wurst für den Grill, darf jeder selbst machen. Etwas aufwändiger

ist das schon, als die Wurst vom Supermarkt zu holen.

Aber zum einen weiß man ganz genau, was drin ist – nicht

unwichtig für Allergiker. Zum anderen kann so eine Wurst

zum Hochgenuss werden – wenn man mit Geschick, den richtigen

Geschmacksnerven und einem guten Rezept ans Werk

geht. Und hier unser Rezeptvorschlag für

Scharfe Lammbratwurst

Je 500 Gramm Lamm- und Rinderhackfleisch

1 ½ TL Salz

ca. 2 m Lammdarm

Folgende Gewürze vermischen:

2 ganz klein geschnittene Knoblauchzehen, 1 EL Paprika

edelsüß, 1 TL Kreuzkümmel, 1 TL Schwarzkümmel, 1 EL

Ras-el-Hanout (arabische Gewürzmischung), 2 EL Harissa

(scharfe Gewürzpaste)

Die Gewürze mit 100 ml in einen Topf geben, 5 Minuten

erhitzen, aber nicht kochen, abkühlen.

Das Hackfleisch vermengen und das Salz dazugeben. Nach

und nach 50 ml eiskaltes Wasser unterrühren, bis der Teig

glatt und fest geworden ist. Zum Schluss die kalte Gewürzmischung

dazugeben.

Den Brät nun in den Darm füllen, in der gewünschten

Länge abbinden, die Würste abtrennen und dann mit einer

Nadel einstehen.

Nun in eine Form geben und über Nacht in den Kühl schrank

stellen. Sie müssen etwas austrocknen, damit sie am nächsten

Tag, beim Braten auf dem Grill, eine gute Figur machen. ■

WOLL Herbst 2020- 51


Anzeige

Fleischermeisterin Tanja Berghoff mit Lebensgefährte Christoph Feldmann und mit ihren Kindern Paul und Johanna

Wir machen FleischEssLust!

Nicola Collas

Jürgen Eckert

H

eute ist es eher selten, dass Metzger selbst

schlachten und sagen können, was genau drin

ist in der Wurst, die sie verkaufen. Aber zum

Glück gibt es sie noch: Dorfmetzgereien, bei denen noch

selbst geschlachtet wird. Ein sehr gutes Sauerländer Beispiel

ist die Fleischerei Berghoff in Meschede-Berge, die

mit dem Slogan wirbt: „Geschmack und Qualität hat bei

uns Tradition.

„Wir sind ein Familienunternehmen in dritter Generation

mit eigener Schlachtung und Partyservice“, erzählt Tanja

Berghoff. „In den 50er Jahren ging es als kleiner Familienbetrieb

los: Vater, Mutter, Oma, 2 Gesellen und 2 Verkäuferinnen

haben mitgearbeitet.“ Nachdem Tanja Berghoff in den

elterlichen Betrieb einstieg, entwickelte sich die Fleischerei

immer weiter. Heute hat sie 12 Mitarbeiter.

Es gab immer schon Kunden, die gefragt haben, woher das

Fleisch oder die Wurst von Berghoff kommen. Seit den

Schlagzeilen um die Zustände in deutschen Schlachthöfen

fragen noch mehr Verbraucher nach. „Bei uns gibt es regionale

Produkte. Die Schweine beziehen wir von Seemers aus

Wallen. Die haben erst vor ein paar Jahren einen Stall nach

neuesten Standards gebaut. Die Rinder sucht mein Vater

persönlich bei den Bauern in der Umgebung aus“, erklärt

Tanja Berghoff. Dadurch entstehen kurze Transportwege, so

dass die Tiere in Berge in der eigenen Schlachterei stressfrei

geschlachtet werden können. Das wirkt sich auf die Qualität

des Fleisches positiv aus. Denn leiden die Tiere unter Stress,

schütten sie Stresshormone aus und das Fleisch wird wässrig

oder klebrig. Für Tanja Berghoff geht es dabei aber auch

immer um das Wohl der Tiere.

Über die Ladentheke gehen also in erster Linie Rind- und

Schweinefleisch sowie Wurstwaren, die zu 80 Prozent selbst

produziert sind. „Produkte, die nicht so nachgefragt sind wie

Aspik oder Salami, kaufen wir zu. Und wir kaufen Geflügel

zu, auch da achten wir auf Qualität. Bei uns gibt es nur

Maishähnchen, die unter ganz besonderen Bedingungen

gemästet und geschlachtet werden.“ Die Fleischerei Berghoff

bietet außerdem Wild aus heimischer Jagd, das Vater Paul

und Lebensgefährte Christoph Feldmann selbst erlegt.

Jagdkollegen liefern auch schon mal Sika- und Rotwild aus

dem Arnsberger Wald. „Es gibt genug gute Sachen vor Ort.

Da brauche ich kein Rind aus Argentinien. Wir verkaufen regionale

Produkte und hinterlassen somit einen kleinen CO2-

Abdruck“, schmunzelt Tanja Berghoff. Sie hofft, dass die

jüngsten Diskussionen um die großen Schlachthöfe und wie

52 - WOLL Herbst 2020


dort mit den Tieren umgegangen wird, die Verbraucher zum

Umdenken bewegen und sich viel mehr Leute sagen: „Es

muß ja nicht jeden Tag Steak und Schnitzel sein, dafür gönne

ich mir gute Qualität und weiß auch, wo es herkommt.“

Ein weiteres Standbein des Familienbetriebs ist ein Partyservice.

Berghoffs können von kleinen Familienfeiern über

große Geburtstage bis hin zu Hochzeiten alles ausrichten.

„Normalerweise sind wir auch immer bei den Schützenfesten

u.a. in Hellefed, Grevenstein, Wennemen und Olpe oder

beim Reitturnier in Hellefeld vertreten“, erzählt Christoph

Feldmann. Aber in diesem Jahr hat Corona den Berghoffs

einen Strich durch die Rechnung gemacht. Da der Partyservice

nur ein Standbein ist, hat der Betrieb die Zeit gut

überstanden, erzählt Tanja Berghoff: „Im Laden war sogar

mehr los als sonst. Da die Restaurants zu hatten, haben mehr

Leute selbst gekocht oder zuhause gegrillt.“

Obwohl Tanja Berghoff „in der Wursteküche groß geworden

ist“, hatte sie zunächst wenig Interesse an dem Beruf ihres

Vaters. Aber das änderte sich im Laufe der Jahre und nach

Lehre, Gesellenjahren, Meisterprüfung und Weiterbildung

zur Betriebswirtin wusste sie, was sie wollte: Die Fleischerei

ihres Vaters mit Liebe und Herzblut weiterführen, auf Regionalität

setzen, immer an das Wohl der Tiere denken und ein

gutes Arbeitsklima schaffen, damit sich ihre Mitarbeiter wohl

fühlen.

Mit Blick in die Zukunft steht für die zweifache Mutter

eins fest: „Wir wollen weiter ein Familienbetrieb mit eigener

Schlachtung bleiben. Wir können unsere Qualität am besten

sicherstellen, wenn wir selbst schlachten.“ ■

Familie Berghoff/Feldmann mit Wilhelm Seemer sen.

und jun., langjährige Lieferanten aus dem nahen Wallen

Tochter Johanna weiß schon genau, was regional bedeutet

Team Berghoff im modernen Fachgeschäft in Berge

Fleischerei Berghoff | Tanja Berghoff e.K.

Olper Str.2 | 59872 Meschede-Berge

Tel: 02903/41237 | Fax: 02903/41239

tanja.berghoff@web.de | www.fleischerei-berghoff.de

WOLL Herbst 2020- 53


Eine Parzelle mit

Gemüse und eine

Gemeinschaft

neuer Nachbarn

Aussäen, jäten und

ernten mit den

Gärtnern am Küppel

Anke Kemper

S. Droste

Theresa Noeke

Z

wischen dem Waldfriedhof

und dem Küppel in Freienohl

hat sich eine Gruppe gleichgesinnter

Gartenfreunde gefunden, die

seit Frühjahr dieses Jahres mit Enthusiasmus

ein Stück Land für den Eigenbedarf

bewirtschaftet. Hier geht es um

weitaus mehr als um das „Ackern“ im

Garten und dabei dem “Essen beim

Wachsen zuzusehen”.

„Gärtnern am Küppel“ heißt das Projekt,

das die Landschaftsarchitektin Theresa

Noeke aus Freienohl ins Leben gerufen

hat. „Eigentlich wollte ich nach dem

Studium an einem Projekt in Russland

mitwirken. Als diese Pläne coronabedingt

ins Wasser fielen, musste ich kurzfristig

umplanen“, erzählt sie. Es wurde nicht

lange gefackelt. Ein Stück Land oberhalb

des Waldfriedhofes, das im Familienbesitz

ist, wurde abgesteckt, gepflügt und eingezäunt.

„Ich hatte mich entschieden, dass

ich für den Ort etwas machen wollte und

meine Ideen und Energie hier einsetze.“

Schnell waren auch ein paar Gartenfreunde

gefunden, die an diesem Projekt

mitwirken wollten. Acht gleich große

Parzellen sind es aktuell, die von verschiedenen

Familien bewirtschaftet werden.

Das Übrige wurde zum Kartoffelfeld.

Die Grundausstattung an Gemüsesorten

stellte die 27-Jährige zur Verfügung -

natürlich alles bio. „Jeder kann hier selbst

entscheiden, was er in seiner Parzelle anpflanzen

möchte“, berichtet sie weiter.

Man sollte doch annehmen, dass die

Sauerländer daheim ein Stück Nutzgarten

oder ein Beet für Kräuter und Salat zur

Verfügung haben. Warum also eine zusätzliche

Parzelle bearbeiten? „Dabei geht

es um viel mehr“, erklärt Jana Kintrup.

„Das Wissen, das wir von unseren Eltern


Gerd Disse

Jana Kintrup

1955: Der Trecker steht an der gleichen Stelle, wo sich heute die Beete befinden.

und Großeltern mitbekommen haben,

ist mit der Zeit verebbt. Hier können wir

Altes wiederentdecken und Neues dazulernen.“

Wertvolle Tipps werden von der

Landschaftsarchitektin an die Gruppe

weitergegeben. Welches Gemüse pflanzt

man neben das andere, damit das

Wachstum gefördert wird und welche

Pflanzen harmonieren nicht gut miteinander?

Wann und wie erntet man, was

darf ich in Bezug auf Biogemüse düngen

– um nur ein paar Punkte zu nennen.

Und dieses Wissen wird auch direkt an

die Kinder vermittelt, die ebenfalls mit

Begeisterung dabei sind. „Die Kinder

lernen, dass unser Essen nicht aus dem

Supermarkt kommt“, fährt sie fort.

„Vieles hiervon würde ich zu Hause gar

nicht anpflanzen. Hier kann ich Neues

ausprobieren“, meint Nadja Hengesbach.

Die Vielfalt an Pflanzen geht weit über

Salat, Möhren und Kartoffeln hinaus.

„Und der Aufwand ist gar nicht so groß:

Zwei bis dreimal die Woche komme ich

hierher und schaue nach dem Rechten,

zupfe hier und da Unkraut und nehme

direkt etwas mit, was ich für das Mittagessen

brauche.“

Wertschätzung für Lebensmittel

Die Motivation kommt aus der Gruppe,

man tauscht sich aus und hilft

sich gegenseitig. „Der Spaß an der

Gemeinschaft und die Wertschätzung

für unsere Lebensmittel stehen hier

im Fokus“, erzählt Gerd Disse. Der

Freienohler Lehrer hat am Rand seiner

Parzelle auch Blumen angepflanzt, die

er von einem Schulprojekt des Berufskolleg

Olsberg von den Schülern

kaufen konnte. „Das Arbeiten in den

Beeten entkoppelt, man weiß zu schätzen,

was man da erntet und ist davon

überzeugt, dass es auf jeden Fall besser

schmeckt als aus dem Supermarkt“,

bemerkt er.

Wenn man den begeisterten Gärtnern

zusieht, wird einem klar, dass dies

keine vorübergehende Freizeitbeschäftigung

ist. Neben einem Erntefest im

Herbst, stehen auch schon die Planungen

für die nächste Gartensaison. „Ich

hoffe, dass die Begeisterung für das

Gärtnern auch auf andere überspringt

und wir noch weitere Parzellen anlegen

können“, sagt Theresa Noeke mit

Blick auf zukünftige Projekte. ■

Darum kümmert sich

mein Vertrauensmann!

Die Verschafft-Ihnen-Gehör-

Rechtsschutzversicherung.

Sebastian Fothen

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59872 Meschede

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WOLL Herbst 2020- 55

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Eversberger

Landmilch –

frischer geht’s nicht

Hof Möller-Winter

rüstet sich für die Zukunft

Anzeige Britta Melgert Jürgen Eckert

M

ancher Supermarktkunde blieb in den

letzten Wochen schon vor den interessanten

neuen Geräten stehen: Milchautomaten!

Frische Milch aus Eversberg, direkt vom Bauernhof

Möller-Winter, so liest man. Flasche reinstellen, Münzen

einwerfen, Start drücken – schon läuft das gesunde,

weiße Getränk ins Gefäß. Was steckt eigentlich dahinter?

WOLL war deshalb für Sie im Mescheder Bergdorf.

Christoph Möller-Winter ist seit 2012 der Herr auf dem

Hof, der bereits seit 1480 im Familienbesitz ist.

Wo frühere Landwirts-Generationen ein sicheres Auskommen

hatten, stellt sich die Einkommenssituation seit

Jahrzehnten zunehmend schwierig dar. Wer nicht aufgeben

will, muss sich etwas einfallen lassen.

Massen tierhaltung wäre eine Möglichkeit, doch für

Möller- Winter kommt das nicht infrage.

Alter Familienbetrieb in heutiger Zeit

„Durch den Bau unseres modernen, offenen Stalls im Jahr

2014 an den bereits vorhandenen Stall haben unsere 60

Milchkühe ausreichend Platz“, erzählt Möller-Winter.

„Bei dieser Größenordnung können wir sowohl auf das

Wohl unserer Tiere achten, als auch alle Aufgaben im

Familienverbund erledigen.“ Familie ist ein gutes Stichwort,

denn neben Ehefrau Steffi gibt’s zwei Kinder. Max,

ihr Ältester, hat sich bereits entschieden irgendwann

Papas Platz einzunehmen. Die Aussage des Teenagers ist

ganz klar: „Landwirt ist der schönste Beruf der Welt!“

Neue Wege gehen … auch für Max

Diese Perspektive vor Augen war der ganzen Familie

klar: „Unser Weg der Existenzsicherung wird die Direktvermarktung!

Neben unserem Hauptabnehmer Landliebe

geht ein Teil der Milch an bisher sechs Standorten

in Meschede, Bestwig, Bigge-Olsberg und Warstein in

den Verkauf - und die Nachfrage kann sich sehen lassen”,

freut sich Christoph Müller-Winter.

Ein Hofladen voll mit leckeren Lebensmitteln

Auch Steffi Möller-Winter hat ein Tätigkeitsfeld für sich

entdeckt: Im kleinen Hofladen in der Eversberger Weststraße

bietet sie Lebensmittel aus eigener Herstellung

sowie regionale Erzeugnisse von Partnerbetrieben an.

Lange hat sie in ihrer Hofküche experimentiert, geübt,

getüftelt und Erfahrungen gesammelt. Ende 2019 war es

soweit: Ihre ersten Käsesorten, Feta und Joghurt waren

„reif“ für den Verkauf. „Die Nachfrage nach meinen

handgemachten Milchprodukten, die alle ohne Konser-

56 - WOLL Herbst 2020


Foto: CREATIVE POWER GROUP

vierungsstoffe auskommen, ist überwältigend“, berichtet sie.

Die Kunden kommen natürlich aus Eversberg, aber auch aus den

umliegenden Orten. Ein Hotel ist regelmäßiger Kunde; ein Restaurant

als Abnehmer in Planung.

Eversberger Hausnamen für handgemachten Käse

Für die Ortskundigen hat man sich ein besonderes „Schmankerl“ einfallen

lassen: Die inzwischen acht verschiedenen Geschmacksrichtungen

des Schnittkäses wurden nach Eversberger Hausnamen benannt.

Ob man nun mehr auf den „Heuers“ mit Tomate und Basilikum steht,

den „Eukmann“ mit Scharbzieger Klee bevorzugt oder zum „Druvar“

mit Bärlauch tendiert, ist natürlich Geschmackssache.

Übrigens: Eine Überraschungssorte ist gerade in Arbeit!

Ein Blick nach vorn

Was bringt die Zukunft? In seinen Visionen sieht Max einen Hof, auf

dem, anders als heutzutage üblich, auch männliche Tiere ihre Daseinsberechtigung

in einem Wohlfühlstall haben. Regionale Schlachtung

durch Metzger vor Ort statt Tierverkauf an Großschlachthöfe, das liegt

ihm am Herzen. Und er hofft auf unterstützende Gesetzesänderungen.

Sicherlich wird man die eingeschlagenen Vertriebswege weiter perfektionieren.

Artgerechte Tierhaltung, regional produzierte Lebensmittel

und deren Verkauf zu fairen Preisen – das liegt doch sowohl den Landwirten

als auch den Käufern am Herzen! ■

Eversberger

LandmilCH

Familie Möller-Winter

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Tel.: 0291 51164

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WOLL Herbst 2020- 57


Ackerhelden in Arnsberg-Ainkhausen

Verena Sen

Manfred Haupthoff

58 - WOLL Herbst 2020


vb-sauerland.de

Auf 20 Streifen à 2 x 20 Metern

wachsen Kartoffeln,

verschiedene Sorten Salat

und Zwiebeln, Kürbisse, Zucchini

oder Wirsing. Roter Spitzkohl fällt

ins Auge, außerdem die gelbe Bete.

Dazwischen eine Reihe Kornblumen,

um Blattläuse vom Gemüse

abzulenken, auch Ringelblumen

leuchten in orange.

Die ersten 14 Meter Ackerheldentum

werden nach Plan vorgepflanzt

und die letzten sechs Meter

gestalten die Ackerhelden nach

eigenem Gusto. Hier wachsen z. B.

Mais, Fenchel oder Küchenkräuter.

Außerdem wird die Nachkultur,

also die frei gewordenen Plätze nach

der Ernte des reifen Gemüses, selbst

ausgewählt. Einzige Vorgabe: Die

Pflanzen und Samen sind sämtlich

biozertifiziert.

Klingt nach viel Arbeit? Ist es aber

nicht. „Die ganze unbequeme

Arbeit, die man bei so einem

Garten hat, machen wir vorher.

Also das Gartenland umgraben, mit

Mist düngen, den Mist eingraben

- das erledigen wir“, berichtet

Ursula Tigges vom Tiggeshof in

Ainkhausen. Ihr Familienbetrieb –

ebenfalls mit Biozertifizierung und

nun in der 19. (!) Generation in

Familienhand – macht das Ackerheldentum

im Sauerland überhaupt

erst möglich. An 20 Standorten

ackern die Helden bundesweit:

Von München bis Hamburg, von

Kamp-Lintfort bis Berlin und mitten

drin: Ainkhausen!

Profi-Tipps aus 650 Jahren

Erfahrung

Als Ackerheld-Kooperationspartner

hält Familie Tigges nicht

nur den Acker, sondern auch

ein 5.000-Liter-Wasserfass zum

Gießen bereit, nebst einer ganzen

Reihe von Gießkannen, die

fein säuberlich aufgereiht im

Bauwagen stehen, dem mobilen

Geräteschuppen. Hier finden die

Hobby-Gärtner auch Harken und

sonstige Gartengeräte für den

üblichen Heldenbedarf. Mit zwei

bis drei Stunden Aufwand pro

Woche ist es laut Ursula Tigges

normalerweise getan. Ihr Profi-

Tipp für die Bewässerung: Einmal

harken, spart dreimal gießen! Der

aufgelockerte Boden kann das

Wasser dann nämlich viel besser

aufnehmen und auch deutlich

länger speichern als die harte

Ackerkrume.

„Bio – regional – saisonal“ ist

das Motto der Ackerhelden. Das

bedeutet natürlich auch den

Verzicht auf Pflanzenschutzmittel.

Gefräßige Kartoffelkäfer

und nimmersatte Raupen des

Kohlweißlings werden hier mit

der Hand abgesammelt, Netze

schützen vor allzu großen tie r-

ischem Mundraub. Dem scharfen

Auge der Bio-Landwirtin entgeht

nichts: Sobald die Fraß-Kandidaten

fliegen, schlägt Ursula Tigges

über Facebook Alarm und die

Ackerhelden eilen zur Rettung

herbei.

WOLL Herbst 2020- 59


Von der Ackerheldenzentrale in Essen kommt zusätzlich

digitale Unterstützung durch E-Mails mit saisonalen

Infos, Rezepten und jeder Menge anderer Heldentipps.

Gärtnern für Leib und Seele

Heroen aus Arnsberg, Neheim, Hüsten, Herdringen und

auch ein paar überregionale „Exoten“ aus dem Märkischen

Kreis ackern und ernten hier von Mai bis November.

Im Oktober wird die nächste Parzelle bestellt, es gibt

sogar eine Warteliste für Neu-Helden. Drei verschiedene

Arten von Laien-Landwirten beobachtete Ursula Tigges

in ihren Habitaten: Familien mit Kindern, wo es mehr

auf das gemeinsame Tun und Erleben als auf das Ergebnis

ankommt; dann die Helden mittleren Alters, die

Wert legen auf gesundes Gemüse und die den Chill-Faktor

beim meditativen Gärtnern in den frühen Morgenstunden

oder am Abend schätzen; außerdem größere

Familien, die generationenübergreifend ertragsorientiert

ackern, also die Jüngeren ackern jedenfalls und die Älteren

sitzen derweil gern in Rufweite auf dem mitgebrachten

Klappstuhl und erteilen wohlmeinende Anweisungen.

Familie Unger aus Bruchhausen wollte diesen Sommer

wegen der Corona-Situation anders angehen und hat den

Garten auf ihren 11-jährigen Sohn Jonas angemeldet, der

fleißig mitharkt und -erntet. Das gemeinsame Ackern ist

auch eine willkommene Alternative zum Medienkonsum

daheim. „Wir genießen das Ernten, das Land und das

Panorama. Das ist eine gesunde Kombination und wir

lernen alle drei dazu bei diesem schönen Familienprojekt“,

schwärmt Familie Unger. Auch Heldin Beate L.

aus Werdohl schätzt es sehr, an der frischen Luft zu sein,

mit den eigenen Händen etwas zu schaffen und gesundes

Gemüse zu ernten. „Hier gibt es keine Autos, rein gar

nichts. Da bin ich nur mit mir und meinen Pflanzen. Da

kommt man raus und ist ein anderer Mensch.“ ■

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Eine Reise,

die niemals

endet

Florian Hollmann (28) liebt seinen

abwechslungsreichen Beruf als Landwirt

Nicht nur im Stall sondern auch auf dem Trecker fühlt sich der Jungbauer wohl.

Daniela Weber

Matthias Koprek

S

chon als kleiner Junge verbrachte

Florian Hollmann

jede freie Minute mit seinem

Papa im Stall oder auf dem Trecker.

Der Hof der Familie in Bittingen sei

„gefühlt schon immer hier“, sagt der

28-Jährige. Auch sein Wunsch selbst

Landwirt zu werden, währt seitdem

er denken kann. „Mir war immer

klar, dass ich Bauer werde.“ Seine

Ausbildung zum Landwirt führte

ihn auf eine Reise zu verschiedenen

Stationen in Deutschland und auch

im Ausland. Erfahrungen, die ihn

für seine Arbeit auf dem Hof seiner

Familie geprägt haben.

„Ich liebe die Abwechslung, die mein

Beruf mit sich bringt. Mir gefällt die

Arbeit mit den Tieren, wir haben fast

4.000 Schweine. Und auch, dass ich

sehr viel in der Natur bin, finde ich

super“, begründet Florian Hollmann

seine Motivation, in die Fußstapfen seines

Vaters getreten zu sein. Auch wenn

der junge Landwirt nie einen anderen

Berufswunsch gehabt habe, sei er doch

erst im Alter von 16 Jahren so wirklich

mit der Entscheidung, ob er den Hof

seiner Familie übernehmen möchte,

konfrontiert worden. „Mein Vater fragte

meinen zwei Jahre älteren Bruder und

mich, wer das machen möchte. Mein

Bruder ist allerdings nicht so praktisch

veranlagt und ist nun als Wirtschaftsberater

für Landwirte tätig. Für mich war

die Arbeit auf dem Hof ja schon immer

das Richtige.“

„Mein Ausbilder hat es geschafft,

meinen Ehrgeiz so richtig zu wecken.

Ich hatte Lust viel zu lernen

und viel zu machen.“

Florian Hollmann, Jungbauer aus Bittingen

Nach dem Abitur begann dann also für

den damals 19-Jährigen das Abenteuer

Ausbildung. „Die Lehre zum Landwirt

ist eine ganz normale duale Ausbildung,

die üblicherweise drei Jahre dauert. Da

ich jedoch das Abitur absolviert hatte,

konnte ich meine Ausbildungszeit um

ein Jahr verkürzen.“ Zwei Jahre, die es

„in sich hatten“, führten den Enser an

zwei verschiedene Höfe in Nordrhein-

Westfalen – die ersten Ziele seiner Reise.

Azubis in der Landwirtschaft verbringen

jedes Lehrjahr an einem

WOLL Herbst 2020- 61


und meinte nur zu mir: ,Morgen säst du wieder Rüben ein.`“

Getreu dem Motto „aus Fehlern lernt man“ hat der damalige

Azubi daraus seine Lehren gezogen.

„Das war schon eine Herausforderung. Ich hatte viel

Verantwortung und auch Freiheiten. Dadurch habe

ich auch persönlich einen Wandel vollzogen.“

Florian Hollmann, Jungbauer aus Bittingen

Der Jungbauer ist nach mehreren Stationen im In- und Ausland nun auf dem

weitläufigen Familienbetrieb in Bittingen sesshaft geworden.

anderen Hof. „In meinem ersten Ausbildungsjahr war ich an

einem Hof im Münsterland. Wir waren dort zwei Azubis und

haben uns eine kleine Wohnung ohne Küche geteilt. Das war,

glaube ich, die ehemalige Wohnung der Uroma“, erinnert

sich Hollmann. Sein zweites Lehrjahr führte ihn schließlich

ins Rheinland. Dort begann eine Zeit, die der sympathische

Landwirt rückblickend als „Highlight seiner Ausbildungszeit“

bezeichnet. „Wir waren eine coole Truppe und haben auch

mal abends nach der Arbeit bei einer Kiste Bier zusammengesessen.“

Die insgesamt fünf Lehrlinge seien dabei auch mal auf

„die verrücktesten Ideen gekommen. „Wir haben zum Beispiel

einen Swimmingpool aus Strohballen gebaut“, sagt Hollmann

und lacht.

Doch nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch beruflich

sei das zweite Lehrjahr für den 28-Jährigen eine „prägende

Zeit“ gewesen. Denn mit seinem Ausbilder habe er dort besonderes

Glück gehabt. „Mein Ausbilder hat es geschafft, meinen

Ehrgeiz so richtig zu wecken. Ich hatte Lust, viel zu lernen

und viel zu machen.“ Auch Fehler gehörten selbstverständlich

zu seiner Entwicklung dazu. „Ich habe mal beim Säen von

Rüben einen Fehler gemacht. Als ich dann auf meinen Ausbilder

traf, ahnte ich schon, dass ich mir nun einen ordentlichen

,Anschniss‘ abholen werde. Doch mein Ausbilder blieb cool

Nach der Ausbildung führte ihn seine Reise nach Osnabrück,

wo er Landwirtschaft studierte. „In der Ausbildung lernt man,

was man tut. Im Studium lernt man, warum man es tut“, so

seine Beweggründe für einen akademischen Werdegang. „Natürlich

wollte ich auch unbedingt das Studentenleben genießen“,

sagt der Landwirt mit einem Grinsen im Gesicht. Daher

sei es ihm auch wichtig gewesen, nicht in Soest zu studieren.

„Das ist eine hervorragende Hochschule, aber ich wollte unbedingt

hier raus und nicht zu Hause wohnen.“ Auch nach dem

Studium kehrte der junge Landwirt noch nicht endgültig in

sein Heimatdorf zurück, sondern besuchte einen neunmonatigen

Kurs, bei dem er seine „Management Skills“ vertiefte. „Bei

dem Kurs waren Leute aus dem Süden, Westen, Osten und

Norden Deutschlands. Es war sehr intensiv und man hat auch

viele Freundschaften geknüpft.“

Eine der intensivsten Zeiten von Florian Hollmann begann

dann schließlich nach den theoretischen Abschnitten. Denn

sein weiterer Weg führte ihn nach Ungarn, wo er zwei Jahre

auf einem Betrieb verbrachte und eine hohe Position innehatte.

„Das war schon eine Herausforderung. Ich hatte viel

Verantwortung und auch Freiheiten. Dadurch habe ich auch

persönlich einen Wandel vollzogen“, zeigt sich Hollmann

dankbar für die Erfahrungen. Denn er konnte teilweise

Entscheidungen treffen, die man in Deutschland vermutlich

erst mit etwa 40 Jahren treffen könne. „Das war schon der

Wahnsinn.“ Auch Sprachbarrieren trotzte er. „Ich habe viel

Eine wahre Leidenschaft: Florian Hollmann liebt

es bei seinen Schweinen im Stall zu arbeiten.

62 - WOLL Herbst 2020


mit Google -Übersetzer und Bildern gearbeitet oder einfach

vorgemacht, was ich will. Man muss einfach kreativ sein,

dann kann man alles irgendwie schaffen“, betont der Landwirt.

Während seines Aufenthalts hat der junge Enser auch

versucht, Land und Leute kennenzulernen und ist daher

unter anderem zum Plattensee oder nach Budapest gereist.

Auch nach seiner Zeit in Ungarn war Hollmanns Reise

noch nicht beendet. „Ich war danach noch drei Monate

in den USA. Dort bin ich mit einem Auto in verschiedene

Staaten gereist und habe Kurzpraktika gemacht.“ Besonders

die Aufenthalte im Ausland haben bei dem Landwirt aus

Ense besondere Eindrücke hinterlassen. „Diese beiden Auslandsaufenthalte

haben bei mir eine gedankliche Blockade

gelöst. In Ungarn sind die Strukturen sehr hierarchisch, in

den USA sind die meisten Farmen Familienbetriebe, wo

einfach jeder alles macht. Ich habe nun beides kennengelernt

und kann für mich schauen, was ich will, was sozusagen

der Königsweg ist.“

Diesen „Königsweg“ kann er nun im heimischen Betrieb

gehen. Seit einem Jahr packt Florian Hollmann dort tatkräftig

mit an. Das Reisen vermisst er manchmal schon,

denn mit der Verantwortung, die er nun trägt, kann er

nicht einfach wochenlang Urlaub machen. „Wenn ich

manchmal Urlaubsfotos von anderen sehe, werde ich etwas

neidisch, aber ich besinne mich dann wieder auf die Vorteile,

die mein Job hat. Ich kann aufstehen, wann ich will,

und habe sehr viele Freiheiten bei meiner Arbeit. Und das,

obwohl ich noch so jung bin. Das ist super.“

Der 28-Jährige bereut also keineswegs, sich für die Landwirtschaft

entschieden zu haben und freut sich jeden

Morgen auf seine Schweine, um die er sich mit Herzblut

kümmert. Und wenn er dann mal den Acker bestellt,

kommt doch etwas Urlaubsgefühl auf. „Wir haben Felder

in Delecke am Möhnesee. Von dort aus kann man auf den

See gucken. Also es gibt schlechtere Arbeitsorte“, berichtet

Hollmann und lacht erneut. Und auch auf dem Hof in

Bittingen ist seine Reise noch nicht zu Ende. „Mir geht es in

Zukunft darum, dass ich den Hof für die nächste Generation

gut aufstelle, ordentlich wirtschafte und das Bestmögliche

heraushole“, verrät der Jungbauer abschließend seine

weiteren Pläne. ■

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WOLL Herbst 2020- 63


Mescheder Minischafe am Abhang

Vielseitig einsetzbar: Rasenmäher,

Wolllieferant, Streichelzoo …

Britta Melgert

S. Droste

Die Bewohner des Mescheder

DRK-Seniorenzentrum

Bernhard-Salzmann-Haus

staunten nicht schlecht, als vor einiger

Zeit, direkt vor ihren Fenstern,

eine neue Attraktion entstand. Mit

Zäunen wurde ein Gelände am steilen

Abhang abgesteckt, ein Stall wurde

gebaut - und dann zogen tierische

Nachbarn ein. Seitdem gibt es was

zum Gucken, zum Staunen und zum

Streicheln. Sie sind die erklärten

Stars bei den Senioren: Bretonische

Minischafe!

Als Petra, Oliver und Tristan Clemens

nach Meschede-Beringhausen zogen,

war eines klar: An dem steilen Hang,

der zu ihrem Grundstück gehörte, würde

die Rasenpflege schwierig werden.

Doch der gelernte Zimmermann und

die Erzieherin wussten schnell Rat.

Tiere mussten her. Nützliche Tiere mit

gutem Appetit.

Die zündende Idee: Minischafe

„Wenn man wie ich auf Höfen aufgewachsen

ist und immer von eigenen

Tieren geträumt hat, ist das wohl die

logische Konsequenz“, erzählt Oliver

Clemens und schmunzelt. „So wurden

wir im Frühjahr 2017 kurzerhand

Hobby-Schäfer.“ Seine Ehefrau Petra

erinnert sich: „Unser Sohn Tristan

war damals fast noch ein Baby. Die

Vorstellung, dass er es mal mit einem

ausgewachsenen 100-Kilo-Bock zu tun

bekommen würde, gefiel mir überhaupt

nicht. Doch dann kam uns die Idee mit

den Minischafen.“

Rasenmäher und Feinschmecker

Quessantschafe, auch Bretonische

Zwergschafe, so heißt die kleinste

Ausgabe der größeren Rassen. Bis zu

49 Zentimeter Stockmaß erreichen sie

in der Regel. Diese Tatsache ist der

Grund dafür, dass ein gewisser Niedlichkeitseffekt

nicht verloren geht. Mit

einem Gewicht von acht bis sechzehn

Kilogramm erinnern sie tatsächlich

ihr Leben lang an Tierbabys. Neun

von ihnen leben inzwischen hier in

Meschede. Während die vier Auen, also

die weiblichen Tiere, ihren Rasen-

64 - WOLL Herbst 2020


Wussten Sie ... ...

Familie Clemens

mäherjob direkt auf den Wiesen der Familie Clemens

ausüben, geben die männlichen Böcke ihr Bestes hinterm

Mescheder Seniorenheim. Lotti, Sam, Fienchen, Bonnie,

Purzel, Higgings, Jack, Sunshine und der erst kürzlich auf

die Welt gekommene Covid (diesen Namen suchten die

Bewohner des Heimes aus) haben es gut bei den Clemens‘.

Sobald einer „ihrer“ Menschen in Sicht kommt, wird der

Turbo angeschmissen, um als Erster ein paar Pellet-Leckerlis

zu erhaschen.

Streicheln für streichelzarte Hände

Aber die Schäfchen mögen auch andere Menschen. Deshalb

lassen sie sich liebend gern durch den Zaun hindurch,

z. B. von den Heimbewohnern, streicheln oder durch ihre

Wolle kraulen. Jeder, der das bereits gemacht hat, wird

darüber berichten können, wie gut sich danach die Hände

anfühlen. Das Vlies, also die lockige Wolle der Schafe,

ist voller pflegender, natürlicher Fette und daher bestens

geeignet gegen raue Hände. Auch bei anderen körperlichen

Beschwerden schwören Menschen darauf und setzen sie

beispielsweise gegen Kopfschmerzen, Migräne, Erkältung

oder Hautprobleme ein.

Event in der Kita

„Unsere Schafe haben aber auch noch eine weitere Aufgabe“,

verrät Petra Clemens. „Ich gehe mit ihnen in Kindergärten,

um den Kleinen diese Tiere näherzubringen. Angefangen

hat das vor ein paar Monaten, als wir zu Gast waren im St.

Raphael-Kindergarten, den unser Sohn besucht. Sobald die

Einschränkungen wegen Corona es wieder zulassen, sind

wir für Anfragen anderer Kitas unter petra-clemens@gmx.

de offen.“

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Aspekt noch gar nicht angesprochen haben. Sie wissen

schon: Ein Schäfchen … zwei Schäfchen … drei Schäfchen

… gute Nacht! ■

WOLL Herbst 2020- 65


Die Sauerländer

Potthucke

Christel Zidi

Frauen bei der Kartoffelernte (1957)

was im Pott hockt“ ist die Übersetzung des plattdeutschen Wortes Potthucke. In ganz

Westfalen gibt es ähnliche Gerichte. Es ist auch in Henriette Davidis (1801-1876) berühmten

„Das,

„Praktischen Kochbuch“ erwähnt, dort allerdings unter dem Namen Puffert.

Rezeptvorschlag:

Ein Pfund geschälte Pellkartoffeln grob stampfen, ein

Pfund rohe Kartoffeln raspeln - beides möglichst von

Sauerländer Höfen. 200 g Saure Sahne und drei Eier zu

den vermischten Kartoffeln geben und alles zu einem Teig

vermengen. Mit Salz (ca. 14 g), einer Prise Zucker und

frischen Muskat abschmecken.

Kartoffelmasse in eine leicht gefettete Ofenform füllen

und glatt streichen. Bei 200 °C ungefähr eine Stunde

im vorgeheizten Backofen backen. Ganz wichtig: in der

Form auskühlen lassen. Danach stürzen und in Scheiben

schneiden. Dann in Butter braten, bis die Scheiben goldgelb

sind.

Noch deftiger wird es, wenn der Teig mit Würfelspeck

versetzt und die Backform vor dem Füllen mit Mettwurstscheiben

ausgelegt wird.

Und eine Abwandlung für Vegetarier: Statt der Speckund

Wurststücke Blumenkohl verwenden. Diesen fein

schneiden – zusammen mit einer großen, (roten) Zwiebel

kurz in Öl anbraten und dann zu dem Kartoffelteig

geben. ■

Wir wünschen den Sauerländern alles

Gute, vor allem Gesundheit, WOLL!

Wir modernisieren unseren Fuhrpark

mit zwei neuen Reisebussen

Wir freuen uns auf Sie!

66 - WOLL Herbst 2020


Energie aus Bioabfall

Biogas für 1.200 Haushalte aus dem Kompostwerk Hellefelder Höhe

Sonja Nürnberger

S. Droste

Ü

ber 20 Jahre gibt es das Kompostwerk Hellefelder

Höhe schon. 20.000 Tonnen Bioabfälle aus

Sundern, Meschede, Eslohe und Arnsberg werden

dort jedes Jahr in wertvollen Kompost und Spezialerde

umgewandelt. Seit letztem Jahr wurde das Werk um eine

Feststoff-Vergärungsanlage erweitert, sodass der Biomüll

noch intensiver genutzt werden kann.

Während des „Kalten Krieges“ ist das heutige Kompostwerk

ein Treibstofflager der Belgier gewesen. Die damals gebauten

Hallen wurden danach übernommen und eignen sich wunderbar

für die Kompostierung von Bioabfällen. Auch die Lage

war perfekt. „Wenn man eine Stelle suchen müsste, dann wäre

das hier. Wir sind für alle Städte in der Umgebung leicht zu

erreichen, aber auch abgelegen genug, da die Anlage natürlich

auch etwas riecht“, stellt Geschäftsführer Reimund Klute fest

und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Aber dadurch,

dass wir hier versteckt im Wald liegen, stören wir niemanden.“

Die Bioabfälle werden im Kompostwerk gereinigt, gesiebt,

Bakterien hinzugesetzt und so kompostiert. „Dabei entsteht

sehr viel Wärme“, erklärt Klute. „So ein Haufen Biomüll

schafft es in einer Nacht auf 65 bis 70 Grad Celsius zu

kommen. Da haben wir überlegt, dass man diese Energie

doch irgendwie nutzen muss.“ Die Idee einer vorgeschalteten

Biogasanlage entstand. 2018 wurde mit dem Bau begonnen,

2019 kam die Anlage das erste Mal zum Einsatz. „Sie ist quasi

das i-Tüpfelchen“, so Klute. „Landwirte brauchen für den

Betrieb wertvolles Land für die Rohstoffe und fahren vorher

mit Diesel darüber. Wir brauchen nichts Zusätzliches für den

Betrieb der Biogasanlage und bekommen auch hinten nichts

Separates heraus. Es ist nur ein dazwischengeschalteter

Schritt“,

so der Geschäftsführer.

In Deutschland ist es

erst die zweite Biogasanlage

ihrer

Art.

Raimund Klute

WOLL Herbst 2020- 67


Ein lebender Organismus

Nur insgesamt sieben Angestellte arbeiten im Kompostwerk,

zwei davon sind für die Biogasanlage zuständig. „Wir haben

eigentlich nur dafür zu sorgen, dass die Bakterien ihre Arbeit

machen“, erklärt Klute. Aber so einfach ist es natürlich nicht.

Es gibt eine Menge zu beachten.

Alexander Klüter weiß das. Er ist der Leiter der Biogasanlage.

Er kennt die Abläufe und ist mit Leidenschaft dabei.

„Es macht enorm Spaß auf so einer Anlage zu arbeiten, da

hier viele verschiedene Bereiche zusammenfließen: Chemie,

Biologie, aber auch Maschinenbau.“ Er selbst ist, neben

einiger anderer spezieller Qualifikationen, staatlich geprüfter

Agrarwirt. „Die Grundeignung, das Interesse und das Wissen

kommt eher aus der Landwirtschaft“, erklärt er. „Einfach

ausgedrückt, funktioniert eine Biogasanlage wie eine Kuh.

Es ist ein lebender Organismus und man muss immer für sie

da sein.“ Auf seinem Handy und einem Tablet ist eine Software

installiert, sodass er die Biogasanlage quasi immer in

Alexander Klüter, Leiter der Biogasanlage

der Tasche hat.

Klüter kennt die Abläufe ganz genau: „Wenn der Biomüll

soweit vorbereitet ist, kommt er in eine der sechs Fermenterboxen.

Dort wird er gegoren, das entstehende Gas aufgefangen

und das Material nach etwa 21 bis 30 Tagen wieder in

die Kompostierung gegeben, wo es zu hochwertigem Dünger

verarbeitet wird, der schließlich auf den Feldern der Landwirte

oder in Privatgärten landet.“

Alexander Klüter

„Einfach ausgedrückt, funktioniert

eine Biogasanlage wie eine Kuh.“

- Alexander Klüter

68 - WOLL Herbst 2020


im

Sauerland

verwurzelt

Klimaneutral

Ein Punkt, der die Anlage besonders interessant macht, ist,

dass alles Material, das genutzt wird, ein Abfallprodukt ist.

Nichts davon wurde extra angebaut. „In dem Sinne ist unsere

Art der Energiegewinnung also auch klimaneutral. Das

Material ist ohnehin da, also können wir es auch energetisch

nutzen“, so Klüter. Die Stromversorgung kann dabei ganz

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kein Solar- oder Windstrom vorhanden ist, können

wir das ganz schnell ausgleichen. Da wir zwei Motoren

haben, können wir Lücken, wenn viel Strom gebraucht wird,

bedarfsgerecht abdecken, sodass es nicht zu Ausfällen kommt.“

4 bis 4,5 Mio. KW können im Jahr produziert werden. Das

bedeutet eine Versorgung von 1.200 Haushalten. ■

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WOLL Herbst 2020- 69


Der Puten-Pionier

aus dem Sauerland

Karl-Johannes Heinemann ist

auf seinem Hof in Horbach

Herr über 47.000 Puten

Anne von Heydebrand

S. Droste

„Viele Leute wollen lieber gar nicht sehen, woher das Tier stammt

und kaufen es lieber im Supermarkt.“ - Brigitta Heinemann

W

enn Sie aus Meschede

oder einem der umliegenden

Dörfer kommen, dann sind

Ihnen bestimmt auch schon mal diese

ganz besonderen Trecker aufgefallen?

Sie sind nicht grün oder orange, wie

es sonst in der Landwirtschaft üblich

ist, sondern weiß – schneeweiß. „Ein

Spleen meines Mannes“, erzählt

Brigitta Heinemann lachend. Und

tatsächlich: Fast alle Hoffahrzeuge

haben diese strahlende Farbe und

besitzen damit einen hohen Wiedererkennungswert.

Dabei hat der Hof

den gar nicht nötig. Denn den Putenbauern

aus Horbach kennt fast jeder.

Er führt einen der wenigen Geflügelmastbetriebe

im Sauerland. Und

das auf einem Hof mit Jahrhunderte

langer Tradition.

Über die Geschichte des Hofes könnte

man ganze Bände schreiben. Seit 700

Jahren liegt der idyllische Fachwerk-Hof

der Familie Heinemann nun schon in

dem kleinen Tal am Rande des Hennesees.

Damals gehörte er zum Stift Meschede

und versorgte die Bewohner der

Stadt mit wichtigen Lebensmitteln. 400

Jahre später übernahmen die Vorfahren

von Karl-Johannes Heinemann den Hof

und setzten die Tradition fort.

Zunächst vor allem mit Milchkühen,

doch in den 1960er Jahren wurde der

erste Schweinemaststall eingerichtet.

Nach und nach verschwanden die Kühe

ganz vom Hof und die freigewordene

Fläche wurde für die Putenmast umgebaut.

Das war vor fast 50 Jahren. Heute

70 - WOLL Herbst 2020


Brigitta und Karl-Johannes Heinemann

Ein emotionales Thema

Karl-Johannes Heinemann baut auf der Fläche vor allem

Weizen, Gerste, Raps, Triticale*, Mais und Zuckerrüben an.

Während das Getreide an die Tiere verfüttert wird, landen

Mais und Zuckerrüben in der gigantischen Biogasanlage. „Mit

der Energie könnten wir wahrscheinlich ganz Remblinghausen

versorgen“, scherzt der Landwirt, doch stattdessen werden

damit die Ställe beheizt.

*Getreideart aus einer Kreuzung zwischen Weizen und Roggen

kümmert sich der Landwirt in Horbach nicht nur um 47.000

Puten und 1.000 Schweine. Zusätzlich produziert er wichtige

Lebensmittel und bewirtschaftet mit seinen drei Auszubildenden

und sechs Mitarbeitern, neben 60 Hektar Forst und

120 Hektar Weihnachtsbaumplantage, auch noch 300 Hektar

Ackerbau. Zahlen, bei denen einem schwindelig werden kann,

doch Karl-Johannes Heinemann bleibt bescheiden. „Fahren

Sie doch mal weiter in den Osten. Dort sind das noch ganz andere

Größenverhältnisse. Aber im Sauerland gibt es tatsächlich

nicht viele, die so viel Ackerland bewirtschaften“, erklärt der

Landwirt. „Der Ackerbau ist die Grundlage für unser Viehfutter.

Außerdem speisen wir damit unsere Biogasanlage. Wir

wollen auf den Hof möglichst viele Kreisläufe schließen.“

WOLL Herbst 2020- 71


Die perfekte Temperatur ist vor allem für die Puten besonders

wichtig, denn die Küken mögen es warm. Bei 36 Grad fühlen

sie sich am wohlsten, dann wird es allerdings kühler. Der

Landwirt muss jeden Tag die Temperatur um ein Grad Celsius

senken - bis schließlich eine konstante Temperatur von 15 bis

20 Grad Celsius erreicht ist.

Doch gerade für die Putenmast erntete der Landwirt in den

letzten Jahren immer wieder Kritik. Er kann verstehen, dass

das Thema emotional aufgeladen ist. „Aber Fleisch steht bei

den meisten Leuten auf dem Einkaufszettel“, sagt Heinemann,

dessen Tiere nach dem Siegel „Initiative für Tierwohl“

gehalten werden. Für die Puten bedeutet das vor allem mehr

Auslauf als bei einem rein konventionellen Betrieb. „Bei uns ist

nur die Hälfte der Stallfläche belegt. Die Puten laufen im Stall

frei auf Stroh und können scharren. Das Stroh wird mindestens

drei Mal in der Woche gewechselt und für die Tiere gibt

es rund um die Uhr frisches Wasser und Futter. Wie auch

unsere Schweine haben die Puten zudem auch noch Spiel- und

Beschäftigungsmöglichkeiten“, erklärt der Landwirt. „Gerade

Puten sind sehr empfindlich. Ihr Federkleid darf zum Beispiel

nicht nass werden, sonst könnten sie schnell krank werden. Bei

uns im Stall sind sie vor Wind und Wetter sowie Keimen oder

Fressfeinden geschützt. Der Stall hat rundherum Netze, die

sehr viel Frischluft und Sonnenlicht hineinlassen“, erklärt der

Landwirt.

Ein transparenter Hof für mehr Akzeptanz

Ihm ist es wichtig, dass der Hof und der Betrieb transparent

bleiben. Er habe nichts zu verbergen und möchte wieder mehr

Akzeptanz schaffen. „Jeder ist herzlich dazu eingeladen, sich

den Hof und die Tiere anzuschauen. Früher, als unsere Kinder

noch klein waren, sind sie oft mit dem Kindergarten und der

Schulklasse hier gewesen und haben sich die Tiere und die

Küken angesehen. Leider ist das heute nicht mehr der Fall“,

bedauert Brigitta Heinemann, die vor einigen Jahren sogar

den kleinen Hofladen schließen musste. „Viele Leute wollen

lieber gar nicht sehen, woher das Tier stammt und kaufen es

lieber im Supermarkt.“ Dabei liegt dem Paar das Wohl ihrer

Tiere am Herzen.

Man merkt ihnen an, dass ihnen das Thema unter die Haut

geht, doch sie sind Landwirte mit ganzer Seele. Kein Wunder,

dass auch die drei Kinder in die Landwirtschaft gehen

wollen. Auf die sind Karl-Johannes und Brigitta Heinemann

besonders stolz und eines ist jetzt schon sicher: Die nächste

Generation auf dem Hof in Horbach steht schon in den

Startlöchern. ■

72 - WOLL Herbst 2020


Zeugen der land- und

hauswirtschaftlichen Mechanisierung

Das landwirtschaftliche Museum in Olsberg-Bruchhausen

Silvia Padberg

Im

Futterspeicher der alten

Meierei auf Schloss

Bruchhausen können

wir uns auf eine Zeitreise begeben.

Die historischen Maschinen und

Werkzeuge in dem kleinen Museum

zeigen uns, wie das Leben und vor

allem die Arbeit auf dem Lande im

19. Jahrhundert ausgesehen haben.

Die Familie von Fürstenberg bewohnt

das Schloss in Bruchhausen schon seit

Jahrhunderten, auch kümmert sie sich

intensiv um die Betriebsgebäude. So

wird in der Rentei* das umfangreiche

Archiv gepflegt. Im kleinen Kutschenmuseum,

gleich neben den Pferdeställen,

können Fahrzeuge aus alter

Zeit besichtigt werden. Gelegentlich

werden sie auch mal ausgefahren. Seit

circa Jahren gibt es im Futterspeicher

der historischen Meierei*“ ein Museum.

Hier soll über das Leben und die Arbeit

in früheren Zeiten informiert werden.

Ganz anschaulich anhand der vielen

alten Maschinen und des historischen

Werkzeugs.

Initiiert wurde das Ganze, mit dem

Raumensemble entwickelt und

präsentiert, wie Huberts Freiherr von

Fürstenberg berichtet, „durch das Zusammenwirken

des später verstorbenen

Landwirts und Sammlers, Josef Rüther

mit mir. Dazu eignete sich in besonderer

Weise der alte Futterspeicher in der

Historischen Meierei der Schlossanlagen.“

Die Museumsexponate stammen überwiegend

aus Familienbesitz. Es sind

Gerätschaften aus der Land- und

WOLL Herbst 2020- 73


Forstwirtschaft, aber auch aus der Küchenwirtschaft

und aus dem Schusterhandwerk.

„Geräte und Werkzeuge, die

viele von uns gar nicht mehr kennen“,

erklärt der Freiherr.

Wir lassen unseren Blick schweifen. So

vieles gilt es hier zu entdecken. Im Ausstellungsraum

findet man Gebrauchsgegenstände

und Maschinen aus den

letzten 100 Jahren. Einige davon

spielen immer noch eine große Rolle in

unserem Leben. Allerdings in anderer

Form - komfortabler, moderner und

praktischer. Es ist schon erstaunlich,

wie weit sich unsere Technik innerhalb

eines Jahrhunderts weiterentwickelt hat.

Manche der alten Werkzeuge kennt

der ein oder andere vielleicht noch aus

seiner Kindheit.

Das kleine Museum erzählt Geschichte.

Passend zu den Werkzeugen und

Geräten dokumentieren verblichene

Fotografien das Leben und Arbeiten

auf dem Feld, im Wald, im Stall und

auch in der Küche.

Früher war alles besser – das hört man

oft von Menschen der älteren Generation.

Über das „besser“ kann man sich

vielleicht streiten. Körperlich schwerer

war es auf jeden Fall. „Die körperliche

Arbeit war damals sehr anstrengend“,

weiß auch Freiherr von Fürstenberg,

„Die Menschen arbeiteten oft an sieben

Tagen in der Woche. Das Land, der

Wald, das Vieh – all das musste bewirtschaftet

werden.“ Es gab auch nicht

wenige Familien, die zur Selbstversorgung

im Nebenerwerb eine kleine

Landwirtschaft betrieben.

74 - WOLL Herbst 2020


Für die vielfältige Arbeit in der Landwirtschaft

benötigte der Bauer unterschiedliche

Werkzeuge und Gerätschaften:

Grabstock, Sense, Mistgabel,

Melkschemel, Holzkübel, Holzkarren,

Seilwinden, Greifer, Zuggeschirr für

die Ochsen …

Apropos Zuggeschirr: In Deutschland

fand man einen Pflug, der auf ca.

2000 v. Chr. datiert wird. Lange Zeit

hat sich an dieser Form der Feldbestellung

wenig geändert. Wenn dann

noch bedenkt, dass noch vor einigen

Jahrzehnten in ländlichen Gebieten

ochsenbespannte Pflüge die Furchen

auf dem Acker zogen …

Ein Blick auf die antiken Haushaltsgeräte

wie Butterfässer, Waschbottich,

Waschbretter, Wäschemangeln,

Kohlebügeleisen, pedalbetriebene

Nähmaschinen führt uns vor Augen,

wie komfortabel unser Alltag dank des

technologischen Fortschritts geworden

ist. Kaum ein Haushalt ist heute ohne

elektrische Waschmaschine und Elektrobügeleisen

vorstellbar. Eine Handkaffeemühle

steht meist nur noch

zur Zierde in modernen Küchen und

der Küchen-Holzofen wurde längst

durch Heizluft- und Induktionsherde

ergänzt.

Das landwirtschaftliche Museum in

Bruchhausen ist nicht nur für Menschen

aus der Landwirtschaft eine abwechslungsreiche

Sache. Auch Nicht-

Landwirte können eine spannende

Zeit in diesem kleinen, aber überaus

sehenswertem Museum verbringen. ■

*Rentei = Behörde der landesherrlichen oder

kirchlichen Finanzverwaltung

**Meierei=landwirtschaftliches Pachtgut

„Genussvolle

Wander-Schnuppertage“

Eine Wanderung über die Sauerland Waldroute

oder über den 3Klang Pilgerweg, eine

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WOLL Herbst 2020- 75

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Zeit für Patienten spielt bei

Klinik am Sorpesee große Rolle

Nicola Collas

S. Droste

Klinik ist klein, aber fein und an

Freundlichkeit und Höflichkeit nicht zu

„Die

toppen.“ „Eine Klinik, die konzeptionell

und personell keine Wünsche offen lässt.“ „Mir wurde

geholfen. Ärzte, Therapeuten und Pflegepersonal sind

ALLE sehr nett!“ Das ist nur eine kleine Auswahl an

Bewertungen von Patienten der Neurologischen Klinik

am Sorpesee. Das Krankenhaus, das 2016 von der

Dortmunder Uhlenbrock-Gruppe übernommen wurde,

betreut Patienten mit Bewegungsstörungen. Spezialisiert

hat es sich auf Parkinson. Mittlerweile darf sich die Klinik

Fachklinik für Parkinson nennen. „Das bedeutet uns

sehr viel“, freut sich die Pflegedirektorin Sandra Gabriel.

„Kliniken, die das Zertifikat bekommen wollen, müssen

bei der Versorgung von Patienten hohe Anforderungen

erfüllen.“

Neben der Diagnose und Behandlung von Parkinson

werden auch unterschiedliche Schmerzsyndrome

therapiert, die durch Schädigungen der Wirbelsäule

oder der Nerven in Armen und Beinen ausgelöst

werden. Die Klinik am Sorpesee bietet außerdem

Frührehabilitation nach einem Schlaganfall an und

es werden auch Patienten mit Schwindel- oder

Taubheitsgefühlen aufgenommen. Nach wie vor

werden auch MS-Patienten behandelt. Das Krankenhaus

verfügt über 54 Betten, knapp 90 Mitarbeiter

arbeiten in der Klinik. Vor allem in der Pflege ist der

Personalschlüssel hoch. „Unsere Patienten brauchen

eine intensive Betreuung“, erzählt Sandra Gabriel.

„Man kann ihnen nicht einfach den Waschlappen

aus der Hand nehmen, weil man das selbst schneller

kann. Sie sollen das ja für zuhause üben.“ Die

Patienten sind dankbar für die Zeit, die man sich für

sie nimmt. 95 Prozent von ihnen vermerken bei der

Patientenbefragung, dass das Personal toll und auch

im Umgang miteinander sehr harmonisch ist. Zum

Team gehören neben den Pflegefachkräften Neurologen,

Psychiater, ärztliche Schmerztherapeuten,

Physio-, Ergo-, Sprach- und Psychotherapeuten.

Aufgenommen werden Patienten, die vom Hausarzt

oder Neurologen überwiesen werden.

Durch bestimmte Tests soll beispielsweise herausgefunden

werden, ob sie Parkinson haben. Drei Mal

die Woche fährt ein Shuttle-Bus zur Radiologie-

Praxis von Prof. Uhlenbrock nach Dortmund, wo

76 - WOLL Herbst 2020


Herzlich wird jeder Patient aufgenommen.

Alles geschieht unter fachkundiger Anleitung.

Jeder Test wird vom Fachpersonal erklärt.

man alle diagnostischen Möglichkeiten hat. Es

kommen auch häufig Parkinson-Patienten in die

Klinik, bei denen die Medikamente neu eingestellt

werden müssen. Wichtig ist es, bei der Einnahme der

Tabletten immer genau auf die Uhrzeit zu achten, da

Dopamin nur in einem bestimmten Korridor wirkt.

Das heißt, 11 Uhr ist Punkt 11 und nicht halb 12.

„Parkinson- Patienten können plötzlich „einfrieren“

und keinen Schritt mehr machen, wenn die Medikamente

nicht richtig eingenommen werden.

Mir haben schon Betroffene erzählt, sie wollten im

Zug aussteigen und mussten drei Stationen weiterfahren,

weil sie sich nicht mehr bewegen konnten“,

erzählt Sandra Gabriel. Außerdem bietet das Krankenhaus

Parkinsonkomplexbehandlungen an. Die

Patienten bleiben mehrere Wochen und bekommen

entsprechend ihrer Symptome eine intensive Therapie,

damit sie wieder fitter werden. Da Parkinson-Patienten

häufig unter Sprech- oder Schluckstörungen

leiden, werden sie von Logopäden betreut, die sie

auch beim Essen beobachten und so sagen können,

wie das Essen am besten zube reitet werden soll.

Ergotherapeuten zeigen, wie man sein Hemd knöpft

oder die Schuhe bindet, da Parkinson-Patienten

Probleme mit der Feinmotorik haben können. Sie

fordern die Betroffenen auch kognitiv. Eine ausgebildete

Musiktherapeutin baut mit den Patienten

Instrumente oder trommelt mit ihnen, um die Fingerfertigkeit

zu schulen. Ein Tanzlehrer kommt zwei

Mal die Woche zum Tango-Tanzen vorbei. „Es ist

schön zu sehen, wie viel besser sich die Parkinson-Patienten

im Rhythmus bewegen können“, sagt Sandra

Gabriel. Die Klinik am Sorpesee ist als Fachklinik

für Parkinson einzigartig in der Region.

„Darauf sind wir stolz“, freut sich Pflegedirektorin.

„Wir wünschen uns, dass es in Zukunft weiter so

harmonisch läuft.“ ■

Neurologische Klinik Sorpesee GmbH & Co. KG

Lindenstraße 22

59846 Sundern (Sauerland)

Deutschland

WOLL Herbst 2020- 77


Elisabeth Rose, Malerin

„Manchmal sprudelt es nur so aus meinen Händen.“

Christel Zidi

S. Droste

Elisabeth Rose aus Freienohl-

Brumlingsen war jahrzehntelang

Produktdesignerin im

Familienunternehmen. Neben der

Leitung des Unternehmens blieb nicht

viel Zeit für das, was die gebürtige

Oeventroperin wirklich ausfüllt: die

Malerei. Erst seit 2012 gab sie ihrer

Leidenschaft Platz und Raum.

Eyecatcher, wohin man blickt: In ihrem

Atelier und in den Ausstellungsräumen

von Elisabeth Rose gibt es unglaublich

viel zu sehen. Keine Wand mit Leerflächen.

Nichts für Minimalisten. Aber ein

Hochgenuss für jeden, der sich gern mit

schönen Dingen umgibt.

Hier – inmitten von Einrichtungsgegenständen,

Accessoires und natürlich ihren

rund 80 Gemälden – erzählt sie aus

ihrem Leben. „Alle meine Geschwister

sind künstlerisch veranlagt. Schon als

Kind habe ich gerne Gesichter gemalt.

Diese Zeichnungen sind dann in der

ganzen Klasse rumgereicht worden.“

Ihre künstlerisch-kreative Seite konnte

sie später im Familienunternehmen

Rose-Handwerk ausleben, als Produktdesignerin.

Besonders mit ihrem Bruder,

Friedel Pietz, einem Bildhauer, arbeitete

sie lange Zeit als erfolgreiches Team zusammen.

„Ich hatte die Ideen, die Eingebungen.

Er hat sie umgesetzt“, fasst sie

diese Zeit zusammen. Und das ist auch

schon das Stichwort: Ideen. Es scheint,

als habe die gelernte Industriekauffrau

ein schier unerschöpfliches Reservoir an

Ideen. „Ich sehe ein Bild in Gedanken

schon vor mir. Weiß, wie es fertig aussehen

soll“, erzählt sie uns.

78 - WOLL Herbst 2020


Aktiv relaxen !

WALDSAUNA

SOLEBAD

FREIZEITBAD

Über viele Jahre hindurch hatte sie

nicht die notwenige Zeit und Muße

für die Malerei. 1991, nach dem Tod

ihres Ehemannes, „musste der Betrieb

am Laufen gehalten werden“. Zusätzlich

nahmen Messen und Ausstellungen

– auch in Ländern wie Russland

und Indien – viel Zeit und Energie in

Anspruch, sodass die Malerei für lange

Zeit zurückgestellt werden musste.

Von 2011 bis 2012 besuchte sie beim

Arnsberger Kunstsommer mehrere

Malkurse.

Initialzündung beim

Arnsberger Kunstsommer

Im kleinen Ausstellungsraum des

Rose-Handwerks zeigt Elisabeth Rose

ein Bild, das sie während eines Kurses

beim Arnsberger Kunstsommer gemalt

hat. Die gestellte Aufgabe war: Malt

einen Picasso. In den Farben schwarzweiß-rot.

Die Aufgabe hat sie gut umgesetzt,

aber gleichzeitig auch erkannt:

„Das bin ich nicht.“ Sie erinnert sich

noch genau, wie sie einen Künstlerkatalog

zur Hand nahm und daraus

das Material bestellte, das sie für ihr

Hobby brauchte: Leinwände, Pinsel,

Farben … allein diese Vorfreude …

Elisabeth Rose hat ihren Stil entdeckt.

Allerdings ohne starre Wiederholungen

eines (wenn auch erfolgreichen)

Musters. Nein, ihre Werke sind

lebendig, immer in der Entwicklung.

So wie die Künstlerin auch. Elisabeth

Rose ist mit einer unglaublichen

Schaffenskraft ausgerüstet und strahlt

dabei eine ansteckende Freude aus.

Bilder mit Geschichte

Diese Freude kommt besonders dann

rüber, wenn sie von ihren Bilder

erzählt. Da gibt es ein Gemälde, in das

als Besonderheit ein Stück namibisches

Rinderfell (mit Brandmal)

integriert ist. Ich werfe einen zweiten

Blick auf das Bild. Und tatsächlich.

Die schwarz, grau, silbernen Wellen

werden lebendig. Deutlich sehe ich

jetzt, dass hier eine Herde afrikanischer

Rinder durch das Bild gejagt ist.

Der Schwung ist noch ganz klar zu

erkennen …

Nebenan ein Bild, auf das ich zunächst

einen Blick geworfen – und

nichts außer Farben und Wellen

erkannt habe. Ein zweiter Blick lässt

mich einen Sonnenuntergang auf dem

Meer erkennen. Ich drehe mich kurz

weg, lausche Elisabeths Rose Erklärungen,

drehe mich wieder zum Bild

und sehe jetzt eine Berglandschaft im

Abendlicht. Die Künstlerin sieht auch

ein Auge in dem Gemälde, überlegt,

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ob sie es zusätzlich betonen soll … überlässt dieses „Erkennen“

aber der Sicht des Betrachters. Das, was diese Bilder ausmacht,

sind die wenigen erklärenden Sätze der Künstlerin. Diese Sätze

bleiben hängen und werden immer lebendiger…

Und immer wieder Sand …

Die Künstlerin verwendet Acryl-Farben für ihre Bilder, die sie

in Spachteltechnik verarbeitet. Zum Schluss wirft oder pustet

sie Sand über die noch nassen Farben. Sand - ein wichtiger Bestandteil

ihrer Bilder. Allerdings kein Sand aus dem Baumarkt.

Ihr Sand, den sie von Urlaubsreisen mitbringt, trägt ebenfalls

eine Geschichte. In Gläsern aufbewahrt, gibt es da schwarzen

Sand von Kos, die rote Erde von Madeira, Sand aus der

ältesten Stierarena Spaniens in Ronda. Und Sand aus Guernsey,

der sie an die Gemälde Renoirs erinnert, die er 1883 auf

der Kanalinsel gemalt hat. Den kräftig-roten Sand vom Ayers

Rock lässt sie sich von Australien-Reisenden mitbringen.

„Der Schatz im Silbersee“

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Es sind auch andere Materialien, die sie zufällig entdeckt hat

und die sie dann in ihre Gemälde einarbeitet: Metall, Holzstücke,

Späne, Treibholz, Lavasteine. Einmal ein Stück Blech:

„Ich habe nur das Blech gesehen und wusste, das ist der

‘Schatz im Silbersee’.“ Und so heißt dann eben auch der Titel

des Bildes. Um das kleine Stück Blech, den „Schatz“, herum,

entstand das Gemälde. Manchmal ist es aber auch anders

herum. Dann wird ein Fund in das Bild integriert.

Oft berücksichtigt Elisabeth Rose auch praktische Aspekte.

Manchmal soll ein Gemälde an einer Dachschrägen hängen

können – dazu benutzt sie sehr leichte Keilrahmen und Leinwände.

Es gibt auch Doppelbilder, Bilder, die von zwei Seiten

bemalt sind, also frei im Raum schweben können oder sich

auch gut im Fenster machen. Ebenso „Lautsprecherbilder“, die

große Boxen ersetzen, und Regalbilder.

Die 69-jährige Künstlerin ist noch immer jeden Tag im Einsatz.

Sie besitzt einen schier nie versiegenden Ideen-Reichtum

und eine große Leidenschaft für die Malerei. Auch wenn sie

äußerlich ruhig und ausgeglichen wirkt, treibt sie doch eine

Unruhe an, die sie auch mal nachts aus dem Bett holt: „Wenn

ich ein Bild angefangen habe, sehe ich es mir nachts noch mal,

verbessere, ändere Farben …“. Ohnehin kann sie nachts am

besten arbeiten. Dann entstehen ihre einzigartigen, dreidimensionalen

Werke, die man nicht kopieren kann.

Beim Verabschieden entdeckt Elisabeth Rose einen Nagel

in der Wand, auf einer leeren Fläche. Ihre Aufmerksamkeit

gehört uns noch immer voll und ganz, aber wie Frauen eben

sind, sie können zweigleisig denken. Ihr Hinweis und ein Blick

in ihr Gesicht verrät, dass diese Fläche im Ausstellungsraum

nicht lange eine leere Stelle bleibt … ■

80 - WOLL Herbst 2020


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WOLL Herbst 2020- 81


S. Droste

Das Arnsberger Viadukt

82 - WOLL Herbst 2020


Die mit dem Dorf Immenhausen im Hennesee versunkene Einbogenbrücke

Die Kanzelbrücke über den Möhnesee

WOLL Herbst 2020- 83


Die Mescheder Ruhrbrücke

Die Nuttlarer Talbrücke

84 - WOLL Herbst 2020


Die Rumbecker Kaiser-Wilhelm-Brücke

Das Willinger Viadukt

WOLL Herbst 2020- 85


Zwillings-Schwestern

Unzertrennlich ein Leben lang

Petra Kleine

Sabrina Voss

86 - WOLL Herbst 2020


I

hre weiße Ordenstracht

strahlt in der Sonne. Mindestens

genauso strahlen auch ihre

Augen, die mich so freundlich, gütig

und ein bisschen verschmitzt anlächeln.

Die „Nönnekes“ – Schwester

Lucia und Schwester Hyazintha -

sind wieder da!

Schon zum zehnten Mal verbringen

die Schwestern ihren Urlaub in

Madfeld. Die beiden 83-jährigen sind

nicht nur Ordensschwestern, sondern

auch echte Schwestern, genauer gesagt

sogar Zwillingsschwestern. In Madfeld

urlauben sie zusammen mit ihrer

älteren Schwester, Christine. „Keine

Sorge, ich bin hier nicht das dritte Rad

am Wagen. Aber es stimmt schon, die

Zwillinge stehen sich so nahe, da passt

kein Blatt dazwischen!“ erklärt Christine

Franke.

„Da kann doch nur eine interessante

Lebensgeschichte hinter stecken“,

denke ich mir und treffe mich mit den

Schwestern bei Kaffee und Kuchen zu

einem netten Gespräch exklusiv für

WOLL.

„Eigentlich wollten wir uns den „Laden“

ja nur mal ansehen, aber schon

waren wir drin im Kloster und sind inzwischen

seit 62 Jahren dabei“, erzählen

mir beide zusammen. „Bis heute

haben wir das nie bereut“, beteuern

sie wie aus einem Munde. Schon hier

merkt man, wie sehr beide harmonieren

und das gleiche denken und sagen.

„Das geht sogar noch weiter“, erzählen

sie mir. „Mit 58 Jahren hatten wir beide

einen Herzinfarkt und die gleiche

Stelle am Herzen war betroffen. Der

Arzt kam mit nur einer Krankenakte

unterm Arm zu uns und sagte, dass

er sich die zweite eigentlich schenken

könne, da wir ja ohnehin immer dasselbe

hätten.“

Ein Herz und eine Seele

Aber nun mal der Reihe nach: Die

kleinen Zwillinge wogen gerade mal je

drei Pfund und waren 36 cm klein, als

sie nach nur acht Monaten Schwangerschaft

in einer schweren Geburt auf

die Welt kamen. Als Kinder waren sie

häufig krank und mussten ab und an

ins Krankenhaus. „Da liefen immer

Nonnen rum. Vor denen hatten wir

als Kinder Angst. Immer wenn wir

eine Nonne sahen, dachten wir, dass

wir wieder ins Krankenhaus müssten“,

erinnern sie sich.

Die Zwillingsmädchen Ursula (auch

Ulla oder Ulli) und die 90 Minuten

jüngere Anni, wie sie damals noch

hießen, waren aufgeweckte Mädchen

und fanden schon in der Schulzeit ihre

Freude daran, andere zu veräppeln.

Ohnehin konnte sie niemand auseinanderhalten.

Auch wenn die eine

eine rote Schleife im Haar trug und

die andere eine blaue: Welche ist denn

nun welche? „Sie riefen uns einfach

„Anni-Ulla“, damit waren wir dann

beide gemeint und das klappte prima“,

erinnern sie sich schmunzelnd.

Als die Mädchen zur Kommunionsvorbereitung

gingen, lauschten sie ehrfürchtig

der Geschichte der Heiligen

Maria Magdalena Postel. Die französische

Katholikin und Ordensgründerin

hat während der französischen Revolution

verbotenerweise im Untergrund

Kinder auf die Heilige Kommunion

vorbereitet, kümmerte sich um Kranke

und brachte ihnen die Kommunion.

„Das machen wir auch, wenn wir groß

sind“, waren sich beide Schwestern

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Die Zwillingsschwestern mit ihrer Schwester Christine.

sofort einig. Die Eltern hatten zwar

anderes geplant, aber das ging gar

nicht. Der Entschluss der Schwestern

stand fest!

„Unser Vater hat noch jahrelang versucht,

uns umzustimmen, aber wenn

wir uns etwas in den Kopf gesetzt haben,

dann ziehen wir das auch durch“,

beteuert Schwester Lucia (oder war es

Schwester Hyazintha?) und die andere

nickt.

Ihre hübschen Ordensnamen verdanken

sie übrigens ihrer Tante, die in

Bolivien als Missionarin tätig war. Sie

hat die Ordensnamen für sie ausgesucht,

die Mädchen selbst durften nur

Vorschläge machen.

Zusammen ist man nie allein

Ohnehin war das Leben im Orden

streng. Nachdem sie sich den Laden bekanntlich

erst mal nur angucken wollten,

meldeten sich dann doch an und

durchliefen alle Stationen vom Postulat

über das Noviziat bis nach acht Jahren

von beiden das Ewige Gelübde abgelegt

wurde.

Von ihren Mitschülerinnen wurden sie

manchmal darum beneidet, nicht allein

zu sein, denn sie hatten sich ja gegenseitig.

„Schwere Stunden gab es immer,

aber wir waren ja nie wirklich allein“,

berichten sie mir.

Viele Jahre später wollte man sie dann

doch einmal trennen und an verschiedenen

Orten einsetzen, aber nach nur

fünf Wochen wurden beide krank.

Schnell brachte man sie wieder zusammen

und sie erholten sich umgehend!

Wie sie es sich im Kindesalter vorgenommen

hatten, arbeiteten beide

nach entsprechender Ausbildung 25

Jahre lang in Kindergärten. Die Kinder

haben sie geliebt, auch wenn der Name

Hyazintha doch sehr kompliziert für

Kinder war. Nach vielen lustigen Versuchen,

sich den Namen richtig zu merken,

wurde dann einfach „Schwesti“

daraus.

Während Schwester Lucia den Kindergarten

in Velmede leitete, führte

Schwester Hyazintha den Kindergarten

in Ostwig. Sie wohnen aber gemeinsam

im Bergkloster Bestwig.

Für jeden Spaß zu haben

Ihre verblüffende Ähnlichkeit sorgt immer

wieder für lustige Momente. Nachdem

ein Prüfer vom Gesundheitsamt

zunächst den Kindergarten in Velmede

inspizierte, fuhr er weiter zum Ostwiger

Kindergarten. Schnell rief Lucia ihre

Schwester an, um über den bevorstehenden

Besuch zu informieren. Als

88 - WOLL Herbst 2020


diese dem Prüfer dann die Tür öffnete,

fragte er verwundert: „Haben wir uns

nicht schon mal gesehen?“ „Nein, wir

sind uns noch nie begegnet“, sagte Hyazintha.

Der Prüfer war total irritiert

und sie hatte sichtlich Spaß daran, ihn

noch ein wenig „anzuschmieren“, wie

sie sagt. Dann mussten die Kinder aber

zu sehr lachen und verrieten lauthals:

„Du, das sind doch Zwillinge!!!“

Als die Schwestern später nicht mehr

im Kindergarten arbeiten konnten,

erfüllten sie sich auch ihren zweiten

Traum aus Kindertagen. Genau wie ihr

Vorbild, die Ordensgründerin, brachten

sie alten und kranken Menschen die

Kommunion, und zwar jahrelang und

zu Fuß. „Es war sehr schön, sich mit

diesen Menschen zu unterhalten und

bei ihnen zu sein“, stellen beide übereinstimmend

fest.

Heute wollen

die Füße nicht

mehr ganz so

wie früher,

aber beide

sind erstaunlich

fit, fröhlich

und verschmitzt

für

ihr Alter. So

ganz nebenbei

machen sie auch

noch seit 17 Jahren

den Küsterdienst in

der Klosterkirche. ■

„Wenn wir uns etwas in den

Kopf gesetzt haben, dann

ziehen wir das auch durch.“

-Schw. Lucia oder

Schw. Hyazintha

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WOLL Herbst 2020- 89


„Beruflich bedingt begleite

ich Menschen in den Tod

und finde es sinnvoll, sie

dann auch zu beerdigen“

Elisabeth Schmidt, Seelsorgliche

Beglei terin und Beauftragte im

Begräbnisdienst

Sabina Butz

Jürgen Eckert

E

lisabeth Schmidt ist eine der beiden ersten Begräbnisleiterinnen

im pastoralen Raum Meschede-

Bestwig. Die Meschederin ist ausgebildete Sozialarbeiterin

und arbeitet als „seelsorgliche Begleitung“ im

Elisabeth-Seniorenheim. Fundierte Ausbildungen also. In

erster Linie aber sieht sie sich im christlichen Dienst der

Nächstenliebe und der Verkündigung.

Wer seine Vorfahren im HSK auf eine Urahnin namens Emerentia

Giesecken bis ins Jahr 1490 zurückverfolgen kann, darf

sich zu Recht als eine echte Sauerländerin bezeichnen. Der

Name Emerentia kommt aus dem Lateinischen und bedeutet

„die Verdienstvolle“. Im Dienst sieht ihre Nachfahrin Elisabeth

Schmidt ihre Aufgabe, und zwar als Dienst im christlichen

Sinne. Dies bedeutet: „Dienen“ nicht in Abhängigkeit

zu einem anderen Menschen, sondern im Sinne von Nächstenliebe

und Verkündigung. Die Sozialarbeiterin arbeitet als seelsorgliche

Begleitung im Elisabeth-Seniorenheim in Meschede

und setzt sich immer wieder mit gezielten Aktionen für die

Mescheder Senioren ein: Während der Corona-Krise organisierte

sie eine Kommunikationsaktion in deren Folge Kontakte,

neuerdings sogar per Tablet oder auch per Videochat, ermöglicht

werden konnten. „Alles, was gegen die Vereinsamung

hilft und den Menschen das Gefühl gibt, nicht vergessen zu

werden, sondern wichtig zu sein, muss einfach ausgenutzt werden.

Das ist manchmal auch eine technische Herausforderung,

wenn es zum Beispiel kein WLAN in der Einrichtung gibt.

Aber: Wir als Team aller Arbeitsbereiche wachsen mit unseren

Aufgaben. Dann kümmern wir uns

zunächst mal um den Zugang zum Internet.“

Beerdigungen sind nicht an das Priesteramt gebunden

Neben der Seelsorglichen Begleitung ist die Diplom-Sozialarbeiterin

seit 2019 Beauftragte im Begräbnisdienst im Pastoralen

Raum Meschede-Bestwig. Was muss man sich darunter

vorstellen und wie kommt man zu dieser Beauftragung?

„Beruflich bedingt begleite ich Menschen in den Tod. Was

liegt also näher, als sie auch zu beerdigen? In der katholischen

Kirche sind Beerdigungen als Werk der Barmherzigkeit nicht

an das Priesteramt gebunden.“

Als erste Teilnehmer aus dem pastoralen Raum Meschede-

Bestwig schlossen Elisabeth Schmidt und Wiltrud Grooten

die achtmonatige Ausbildung zum Begräbnisleiter ab. Diese

Amtsöffnung dient nicht nur der Entlastung der Priester,

sondern entspricht auch einem zeitgemäßen Bedarf. „Vielen

Verstorbenen und deren Angehörigen fehlt heute die Kirchennähe,

gleichwohl möchten sie auf bestimmte Rituale nicht verzichten.

Da ist eine Beauftragte im Begräbnisdienst dann eine

gute Lösung. Wie alle, die im Gottesdienst eine Beauftragung

haben oder im Amt stehen, tragen wir dort eine Albe, nur statt

weiß hier grau. Eine Albe ist ein Gewand, das ich auch trage,

wenn ich eine Wort-Gottes-Feier leite.“

Rückhalt im Glauben

Schon wieder so ein Wort, das nicht jedem gleich bekannt ist.

Was ist eine Wort-Gottes-Feier?

90 - WOLL Herbst 2020


„Ja, ich weiß, die Begriffe sind gelegentlich recht gewöhnungsbedürftig,

aber eigentlich immer schnell zu erklären:

Ein Wortgottesdienst ohne Kommunionspendung nennt

man Wort-Gottes-Feier. Solche Wort-Gottes-Feiern leite ich

regelmäßig in einzelnen Gemeinden. Unsere Kirche ist - oder

besser war - so reich an liturgischen Formen. Die Form der

Wort-Gottes-Feier wurde vor Jahren wiederentdeckt, denn:

“Nicht vom Brot allein lebt der Mensch, sondern von jedem

Wort, dass aus dem Munde Gottes kommt.“ Vor diesem Hintergrund

sehe ich meine Aufgabe als Leiterin dieser Gottesdienstform

darin, den Zuhörern die Worte der Bibel für das

Lebensgeschehen der heutigen Zeit nutzbar zu machen, ihnen

mein Verständnis als Denkanstoß mitzugeben und natürlich

Gott gemeinsam zu loben und ihm zu danken!

Als Vorsitzende des Pfarrgemeinderats St. Walburga in

Meschede sowie als Reisebeauftragte der KFD dürfte sich die

Frage nach weiteren Hobbys eher erledigt haben?

„Ja, ich muss schon aufpassen: „Meine Familie darf nicht zu

kurz kommen. Ohne die Unterstützung meines Mannes und

meiner erwachsenen Kinder würde mir gewiss oft die Kraft

fehlen, die mein Beruf und meine Berufungen mir abverlangen.

Ich denke oft an den Spruch vom ehemaligen Pfarrer

Johannes Sprenger: ‘Frau Schmidt, wer in allen Pötten rührt,

muss aufpassen, dass nichts anbrennt!’ “

Elisabeth Schmidt mit ihren Alben

Elisabeth Schmidt, Jahrgang 1962, verheiratet, zwei

erwachsene Kinder, studierte an der katholischen Fachhochschule

Paderborn mit dem Abschluss Diplom-Sozialarbeiterin.

Sie arbeitet als seelsorgliche Begleitung

im Caritas Seniorenzentrum St. Elisabeth. Ehrenamtlich

ist sie Beauftragte im Begräbnisdienst im Pastoralen

Raum Meschede-Bestwig, Wortgottesfeier-Leiterin und

Vorsitzende des Pfarrgemeinderats St. Walburga.

Wir müssen lernen, Nähe verbal zu vermitteln

Wie hat die Corona-Pandemie Ihr Leben verändert?

„Die äußeren Einschränkungen waren schon eine gewaltige

Herausforderung. Aber es war auch wohltuend, sich nur noch

dem Wesentlichen zu widmen. Sowohl in der Seelsorge als

auch bei den Beerdigungen ist Nähe ganz wichtig. Das gilt

auch für körperliche Nähe, wie zum Beispiel das Handhalten

oder einfach nur über den Arm streicheln. Wir müssen lernen,

diese körperliche Nähe nun verbal umzusetzen, was nicht

immer leicht, und manchmal auch einfach nicht machbar ist.

Die Auswirkungen des räumlichen Distanzgebotes können

wir bislang nur erahnen. Da wird Nähe, räumliche Nähe, die

so ungeheuer wichtig für unsere gesellschaftliche Kommunikation

ist, zu einem gefährlichen Risiko, das es zu vermeiden

gilt. Andererseits sehe ich aber auch eine Chance, unsere Verbundenheit

in der Gesellschaft auf andere Art und Weise zum

Ausdruck zu bringen. Die neuen sozialen Medien spielen jetzt

sicherlich eine besondere Rolle. ■

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WOLL Herbst 2020- 91


Ein Posaunist ohne Schützenfest

Wie Covid-19 den Alltag einer

Musikkapelle durcheinanderbringt

Anne von Heydebrand

Philipp Nolte

Seine Posaune steht am Notenständer vor dem Fenster. In den letzten Monaten stand Jonas Walter

oft hier und spielte für seine Nachbarn ein Ständchen. Anfangs nur als Zeitvertreib und um

seine Mitmenschen ein bisschen von der Corona-Pandemie abzulenken. Später, als sein direkter

Nachbar an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung verstarb, versuchte er den Hinterbliebenen etwas

Trost zu geben. „Zu dem Zeitpunkt herrschte noch der Lockdown und ich konnte ja nicht einfach rübergehen

und mein Beileid ausdrücken“, erzählt Jonas Walter. Der Betriebswirt ist seit 18 Jahren Mitglied

im Musikverein Amecke und die Maßnahmen der Corona-Pandemie treffen auch den 30-Jährigen

und seinen Verein schwer. Denn was macht ein Posaunist ohne Schützenfest?

92 - WOLL Herbst 2020


„Aktuell ist es wirklich schwer, alle zu motivieren. Bei den

Proben fehlt uns einfach das Ziel“, erklärt der Musiker ehrlich.

Er und seine Kollegen aus dem Verein begleiten eigentlich

jeden Sommer mindestens drei Schützenfeste als Festkapelle.

Außerdem sorgt er abends als Mitglied der Tanzkapelle

“Sorpebeats“ für die richtige Stimmung in der Halle. Doch in

diesem Jahr ist alles anders. Die Corona-Pandemie verdonnerte

auch den Musikverein Amecke zu einer wochenlangen

Zwangspause. Erst seit kurzem dürfen die Musiker wieder

ihre Stücke einüben und das auch nur, wenn sie die strengen

Auflagen einhalten. So müssen sie beispielsweise mindestens

zwei Meter Abstand voneinander halten und den Schalltrichter

ihres Instrumentes mit einem Schutz bedecken. Zu groß

ist die Gefahr, dass beim Spielen Aerosole abgegeben werden,

die möglicherweise Viren enthalten können. Und weil das

Vereinsheim für diese Auflagen einfach zu klein ist, probt die

Kapelle zurzeit in der Schützenhalle. „Wenn das der Preis ist,

dann zahlt man ihn natürlich auch“, sagt Jonas Walter. Doch

ohne ein Schützenfest oder ein Konzert, fehlt das Hauptziel,

für das man sonst regelmäßig proben muss. Dadurch ist die

Stimmung unter den Musikern etwas getrübt.

Musikunterricht per Video-Schalte

Doch viel problematischer ist die Situation für die Jugendarbeit.

Im Musikverein Amecke sind Musiker schon ab dem

Grundschulalter willkommen, aber ohne regelmäßige Proben,

bleibt die Motivation der Kleinsten schnell auf der Strecke.

Deswegen hatte sich der Verein während der Kontaktsperre

etwas Besonderes einfallen lassen: Der Musikunterricht

wurde per Videoschalte fortgesetzt und die Lehrer haben den

Schülern per Live-Schalte genaue Anweisungen gegeben. Zwar

weiß auch der Posaunist, dass das die regulären Proben nicht

ersetzen konnte, doch während des Lockdowns mussten sich

alle etwas einfallen lassen.

Aber auch wenn die Proben wieder anlaufen, bleiben die

Schützenfeste und auch alle anderen Veranstaltungen bis auf

weiteres verboten. Besonders bitter für den 30-Jährigen, der

nicht nur die ausgelassene Stimmung in der Halle vermisst:

„Wir spielen seit Jahren immer in den gleichen Orten und ich

habe dort echte Freunde gefunden. Auf die freue ich mich

jedes Jahr und es ist wirklich schade, dass ich in diesem Jahr

nicht mit ihnen feiern kann.“

Nicht nur die Schützenfeste fallen dieses Jahr ins Wasser, auch

die Vereinstour musste abgesagt werden. „Das Risiko ist einfach

zu groß und die Kosten kann der Verein dieses Jahr nicht

stemmen“, erklärt der Musiker und empfindet die Absage

besonders hart. So eine Tour schweiße das Team zusammen,

meint er. „Wir spielen jedes Jahr komplett unentgeltlich. Das

Geld, dass die Kapelle für ein Schützenfest bekommt, fließt zu

100 Prozent in den Verein. Wir müssen ja sogar im Jahr mehrere

Tage Urlaub nehmen, sonst schafft man so ein Schützenfest

nicht… Da muss die Stimmung in der Truppe schon echt

gut sein und man muss super zusammenpassen. Sonst macht

man so ein Hobby nicht.“ – Und gerade diese Stimmung

macht den Reiz für Jonas Walter aus.

WOLL Herbst 2020- 93


Doch wie geht es nun für

die Musiker weiter?

Der 30-Jährige zuckt niedergeschlagen

mit den Schultern. Im Januar sei

gemeinsam mit dem Schützenverein

ein Winterschützenfest geplant, an

dem man bisher festhalten wolle. Ob es

wirklich stattfinden kann, bleibt unklar.

Aber eins weiß er jetzt schon: Nächste

Saison muss wieder gespielt werden,

denn dem Verein fehlen die Einnahmen

und die Kosten laufen ja trotzdem

weiter. „Wir haben zwar Fördergelder

erhalten, mit denen die Kosten für die

Lehrer bezahlt werden konnten, aber

auf die Dauer benötigt auch der Verein

neue Einnahmen“, erklärt Jonas Walter.

Bis dahin will der Betriebswirt weiter zu

den Proben gehen. Denn für ihn ist der

Musikverein mehr als nur Marschmusik

und Tanzkapelle. Hier hat er echte

Freundschaften geknüpft, die sogar ein

Jahr ohne Schützenfest problemlos überstehen.


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Herbstgedanken

Robert Dröge

Ja, ganz sicher, ohne Frage,

auch der Herbst hat schöne Tage.

Gräser, Blätter färben sich

strahlend bunt im Sonnenlicht.

Spinnennetze wie mit Perlen bestickt,

erste Morgennebel werden erblickt.

Milder scheint die Sonne nun,

in Feld und Garten ist viel zu tun.

Viele Menschen, Frau wie Mann,

treten in den Herbst ihres Lebens dann.

Haare färben sich silbern-grau -

wenn auch nicht bei jeder Frau.

Man wird bescheiden, genießt die Tage.

Gesundheit wird wichtig, keine Frage.

Viel Zeit für die schönen Dinge des Lebens,

der Vergangenheit nachtrauern, das ist vergebens.

Herbstmenschen schauen nach vorn, nicht zurück.

Jeder Tag ein Geschenk, einfach nur Glück.

Und kommen auch mal Tage mit Sturm und Regen

… im Sommer 2019 waren Regen ein Segen.

Genießen wir das Leben mit der großen Rentnerschar.

Ja, auch das Leben im Alter ist wunderbar.

Vergessen die Mühe, vergessen die Plag,

danken dem Herrgott für jeden Tag. ■

Otmar Alt:

„Das Leben

ist ein

Versuch.“

Sonderausstellung im

Gustav-Lübcke-Museum, Hamm

Anlässlich seines 80. Lebensjahres würdigt das

Gustav-Lübcke-Museum den international

angesehenen Künstler mit einer großen Jubiläumsausstellung.

Otmar Alt ist einer der renommiertesten und populärsten

Künstlerpersönlichkeiten Deutschlands. In seinem sechs

Jahrzehnte umspannenden künstlerischen Werdegang

hat der am 17. Juli 1940 in Wernigerode/Harz geborene

Künstler stets seine schöpferische und einfallsreiche Kreativität,

die spielerische Leichtigkeit seiner farbenfroh leuchtenden

Gestaltungen und auch seine soziale Stärke bewahrt.

Sein Œuvre steht für eine energiegeladene Kunst, die

Menschen ermutigt, beflügelt und sie optimistisch stimmt.

Auf über 500 qm entfaltet sich das malerische Werk des

großen Farbzauberers und geistsprühenden Fabulierers von

den Anfängen bis zur Gegenwart. In Dialog mit der Malerei

treten Alts kunsthandwerkliche Arbeiten, darunter Objekte

und Figuren aus Keramik, Bronze, Holz und Stoff sowie

seine Kreationen für Bühnenstücke und für den Naturraum.

Eine besondere Stellung nehmen die von Alt entworfenen

Glasgrotesken ein, die der Künstler gemeinsam

mit versierten Glasmachern erarbeitet hat. Viele der 150

Exponate stammen aus der Otmar-Alt-Stiftung und aus

Galerien; etliche Werke kommen zum Teil von ganz überraschend

entdeckten privaten Leihgebern, die ihre Arbeiten

dankenswerter Weise für die aktuelle große Schau für fünf

Monate zur Verfügung stellen. Die Ausstellung wird mit

einem vielfältigen Rahmenprogramm begleitet.

Auf die Sonderausstellung Otmar Alt – Das Leben ist

ein Versuch folgt ab dem 8. November 2020 bis 7. März

2021 die kleinere Schau „Erinnerung im Kleinen“, die

erstmals das Lebenswerk Otmar Alts, bestehend aus 80

kleinen Büttenarbeiten zeigt. ■

Sonderausstellung vom 11.10.2020 bis 07.03.2021

Gefördert durch:

Gustav-Lübcke-Museum

WOLL Herbst 2020- 95

Neue Bahnhofstraße 9 | 59065 Hamm | www.museum-hamm.de


Advertorial

Das neue Menschenbild

Die Azubis des Josefsheims Bigge lernen für ihr Leben

– und das mit Spaß und Leidenschaft

Draußen unterwegs an den Ruhrauen mit Benno H., Felix T., Luzie H.

und Laurent W. (nicht im Bild) sowie der Kollegin Ramona Behnke.

Inga Bremenkamp

Jürgen Eckert

geprägt

hat mich das neue

„Besonders

Menschenbild, das

ich in meinen Ausbildungsjahren

von Menschen mit Behinderungen

bekommen habe. Bevor ich im Josefsheim

als Azubi angefangen habe,

dachte ich, dass mich die Menschen

mit Behinderung wegen ihrer nachgesagten

Intelligenzminderung

vielleicht gar nicht verstehen. Aber

diese Menschen sind sehr emotional

intelligent und verstehen fast alles,

was ich ihnen sagen will. Und ich

verstehe sie über ihre Mimik und

Gestik – auch wenn sie teilweise gar

nicht sprechen können“, berichtet

Noah Borgmann über eine seiner

wertvollsten Erkenntnisse, die er im

Rahmen seiner Ausbildung im Josefsheim

Bigge gemacht hat.

Noah Borgmann hat seine Ausbildung

zum Erzieher im Josefsheim Bigge im

Sommer 2020 erfolgreich beendet und

ist stolz auf das, was er in der Einrichtung,

die auf Erfahrungen aus über 110

Jahren zurückgreifen kann, gelernt hat.

„Ich freue mich schon sehr darüber,

dass ich die Ausbildung hier gemacht

habe. Ich habe viel gelernt und weiß

jetzt, dass man auch mit Menschen

mit Behinderung lachen und viel Spaß

haben kann“, sagt der 20-Jährige und

schmunzelt herzlich. Der Olsberger hat

vor seiner Ausbildung zwei Jahre lang

das Berufskolleg in Olsberg besucht

und dann sein Anerkennungsjahr im

Wohnhaus für Kinder und Jugendliche

des Josefsheims Bigge absolviert.

„Ich habe früh gemerkt, dass mir vor

allem die Arbeit mit den Kindern und

Jugendlichen liegt und bin froh, dass

ich die Möglichkeit bekommen habe,

eng mit ihnen zusammenarbeiten zu

können“, erklärt Noah Borgmann, der

ab Herbst Sozialpädagogik auf Lehramt

studieren möchte, um eines Tages selbst

Erzieher ausbilden zu können.

Das Josefsheim Bigge als Dienstleister

für Menschen mit Unterstützungsbedarf

bietet neben der Erzieher-Ausbildung

auch die Ausbildungen zum

Kaufmann für Büromanagement, zum

Heilerziehungspfleger sowie in Kooperation

mit der Elisabethklinik Bigge

zum Pflegefachmann/-frau an. „Ich

habe meine Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin

im Juni 2020 beendet

und bin jetzt sehr facettenreich und

vielseitig einsetzbar“, berichtet Paula

Fischer, die Dank ihrer Ausbildung sowohl

mit Kindern und Jugendlichen als

96 - WOLL Herbst 2020


Berufliche Heimat

Berufseinsteigern bietet das Josefsheim Bigge Ausbildungs-/ und Praktikumsmöglichkeiten mit dem Schwerpunkt der direkten

persönlichen Unterstützung von Menschen mit Behinderung oder der indirekten Dienstleistung in der Verwaltung.

Berufserfahrene, die sich beruflich verändern möchten, sind jederzeit willkommen. Denn deren Erfahrungen sind enorm

wichtig für die berufliche Neuausrichtung im Team des Josefsheim Bigge.

auch mit Menschen im höheren Alter

zusammenarbeiten kann. „Ich würde

Jedem, der gedanklich mit einer Ausbildung

im Josefsheim Bigge spielt, vorab

ein Praktikum empfehlen. Man muss

erst einmal schauen, was einem liegt

und sich überlegen, was das persönliche

Ziel ist. Viele haben Angst davor, mit

Menschen mit Behinderung zu arbeiten.

Ich selbst kann das gar nicht nachvollziehen,

weil sie genau wie Du und

ich ganz normale Menschen sind. Auch

Menschen mit Behinderung wollen

und können herzlich lachen – oft sogar

völlig losgelöst über sich selbst“, erzählt

Paula Fischer, die sich selbst anfangs in

Geduld üben musste. „Ich bin wirklich

kein geduldiger Mensch. Aber man

wächst mit den Menschen und Aufgaben

hier. Wenn es manchmal dauert,

bis die Hand am Rolliknopf ist, dann

dauert das in dem Moment halt einfach

mal. Dann wartet man und freut sich,

wenn das geschafft ist. Es ist wichtig,

die Menschen mit Behinderung so

selbstständig wie möglich zu erziehen“,

weiß die 21-Jährige Winterbergerin, die

ihre Ausbildung integriert absolviert

hat. „Ich bin drei Tage pro Woche zur

Schule gegangen und habe wöchentlich

an zwei Tagen im Haus Jakobus gearbeitet.

Ich fand dieses Modell super,

weil ich das theoretisch gelernte in der

Praxis so direkt anwenden konnte“, sagt

die inzwischen fest angestellte Heilerziehungspflegerin,

die im Rahmen

ihrer Ausbildung im Josefsheim Bigge

genau wie Noah Borgmann ein neues

Menschenbild getreu dem Motto #Im

Mittelpunkt der Mensch erworben und

damit ganz sicher für ihr ganzes Leben

gelernt hat. ■

Josefsheim

Bigge

Josefsheim gGmbH

Heinrich-Sommer-Straße 13

59939 Olsberg | Tel.: 02962 800-0

info@josefsheim-bigge.de

WOLL Herbst 2020- 97


Der Buiterling: Datt krisse für nicks

Sabina Wefing

Anke Kemper

Der Sauerländer nimmt es mit der deutschen

Sprache durchaus eigenwillig auf: Schon Annette

von Droste-Hülshoff bemerkte, wie schwer es

im Sauerland fällt, „traurig zu sein“. Das muss man erst

einmal verstehen: Man könnte doch auch einfach fröhlich

sein? Ähnlich verhält es sich mit den Unmutsäußerungen.

„Meckern“ bedeutet, wenn es als menschliches Verhalten

bezeichnet wird, Unmut ausdrücken, kritisieren, bemängeln.

Wenn der Sauerländer „nicht meckern kann“, dann

könnte man doch meinen, dass er höchst zufrieden ist? Ist

er auch, er sagt es nur anders.

Dem Sauerländer sein Gräuel ist der Genitiv: Die Frau

seines Nachbarn ist „Mein Nachbar seine Frau“, und das

versteht doch nun jeder oder, wie der Sauerländer sagen

würde: „Da kannste für!“

Es gibt so wunderschöne Ausdrücke hier im HSK, die auch

noch in Gebrauch sind (und bitte bleiben sollen). Meine

Lieblingswörter sind:

Der Nachtpolter, den ich zu Anfang für ein Gespenst

gehalten habe, und bis jetzt nicht weiß, warum ein Schlafanzug

poltern sollte.

Auch „dudeldicke“ ist eine viel treffendere Bezeichnung für

einen bierseligen Menschen, als wenn man den korrekten

Promillewert angeben würde.

Der Sauerländer stammt auch nicht von seinen Vorfahren

ab, sondern er „kommt wech“. Das versteht ebenfalls jeder

sofort.

Dieses Allgemeinverständliche und absolut Unprätentiöse

imponiert mir enorm. Der Sauerländer hält das durch bis

zum bitteren Ende, und dann stirbt er nicht etwa, sondern

„er geht tot“.

Und dieses Totgehen, „datt krisse für nicks.“ ■

98 - WOLL Herbst 2020


Leben im Sauerland

WOLL

Worte, Orte, Land und Leute.

Verlags-Spezial

Innovationen und

Ideen aus dem

Sauerland

Marketing-Club Hochsauerland Seite 100

Innovationstandort Sauerland Seite 102

MENNEKES Kirchhundem Seite 104

Interview mit IHK-Präsident Rother Seite 110

60 Jahre Fraunhofer-Institut IME Seite 112

Die BUNTE VOGEL GmbH & Co. KG Seite 115

30 Jahre EGGER in Brilon Seite 116

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Sauerland? Warum nicht!“

Weitere Infos unter:

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Benjamin Richter, Präsident des

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Marketing-Clubs HochsauerlandBenjamin

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Benjamin Richter (35) ist Inhaber der Firmen

Procova und digital compliant, zwei Schmallenberger

Unternehmen, die im Bereich der Datensicherheit,

QM und Systemaudits tätig sind.

WOLL: Wie kam es zu diesem völlig anderen Betätigungsfeld,

dem Marketing:

B.R.: Im Sachen Netzwerk bin ich schon lange aktiv. Mein

Gedanke war, meine Start-Ups zu einem größeren Netzwerk

zusammenzufassen und dabei die Region nach vorne

zu bringen.

WOLL: Wieso ausgerechnet ein Marketing-Club?

B.R.: Ich war schon längere Zeit beim Marketing-Club

Siegen. Nach einem 10 bis 12-Stunden-Tag immer noch

zusätzlich zwei weitere Stunden zu Veranstaltungen zu

fahren, war auf Dauer etwas anstrengend. Schließlich

wollte ich mir auch ein wenig Privatleben bewahren. Also

habe ich mich mit dem Dachverband des Marke ting-Clubs

in Verbindung gesetzt. Die Resonanz auf die Gründung

eines solchen Clubs im HSK war großartig. Es dauerte

dann auch nicht sehr lange bis zur Gründung.

WOLL: Welche Aufgaben haben Sie als Präsident?

B.R.: Ich bin u. a. für die Mitgliedergewinnung zuständig,

für das PR und die Auswahl der Trainer.

WOLL: Können Sie sich eine „Marketing-Metropole

Sauerland“ vorstellen?

B.R.: Warum nicht. Das liegt zwar noch in etwas weiterer

Ferne, ist aber durchaus keine Utopie.

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• Mit über 60 Clubs sind wir DIE Marketing

Community in Deutschland

• Erfahren Sie die neuesten Trends durch den

Austausch mit anderen Club-Mitgliedern

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Nächste Veranstaltungen:

22.09.2020 LinkedIn – Masterclass für

Führungskräfte, Vertrieb

und Marketing

Arnsberg

09.10 2020 Mitgliederversammlung in

der Veltins Eisarena

Winterberg

17.11.2020 Katjes...yes, yes, yes:

Besuch beim Gewinner

des Deutschen Marketing

Preises

Dortmund

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www.marketingclub-hsk.de


Marketing-Club Hochsauerland:

WE WILL ROCK YOU

„Wir wollen Sie rocken, wir wollen Sie mitreißen. Weil

wir selbst davon begeistert sind, welche Möglichkeiten

modernes Marketing bietet.“

Benjamin Richter ist eingefleischter Sauerländer. Und

er ist Präsident des im letzten Jahr gegründeten Marketing-Clubs

Hochsauerland. Angesichts der vielen

Leerstände in Sauerländer Städten und Dörfern schwirrten

ihm viele Gedanken im Kopf herum. „Was ist hier

schiefgelaufen?“ fragte er sich. Bald schon wurde ihm die

Antwort klar: „Hier fehlt ganz gewaltig etwas. Und ich

weiß auch was… MARKETING!“

Schon immer war es so, dass ein guter Geschäftsmann,

ein guter Firmenchef up to date sein musste. Heute muss

er zudem auch gut vernetzt sein. Das weiß jeder kluge

CEO, wie man Geschäftsführer heute nennt.

Der Club-Präsident ergänzt: „In heutiger Zeit kann sich

kein Unternehmen mehr der Wirkung von Internet und

Social Media entziehen. Nicht mehr nur junge Menschen

nutzen das Internet.“ Ein Netzwerk, das genau auf alle

Klein-, Mittel- und Großunternehmer im Hochsauerland

zugeschnitten ist, ist das des im Juli 2019 gegründeten

Marketing-Clubs Hochsauerland. Sein Ziel ist die

Verbrei tung und Weiterentwicklung des Marketings, als

lebendiger Bestandteil des Wirtschaftslebens in unserer

Region und die Weiterbildung seiner Mitglieder.

Die derzeit 30 Netzwerker treffen sich regelmäßig zu

Clubabenden, man tauscht sich mit Gleichgesinnten aus,

bekommt Schulungen von kompetenten und manchmal

auch prominenten Experten, mit Wissenschaftlern und

Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.

Auch Betriebsbesichtigungen, Workshops und gemeinsame

Kampagnen stehen auf dem Programm. Insgesamt

werden gezielte Informationen, praxisnahe Weiterbildung,

Gedanken- und Erfahrungsaustausch in angenehmer

Atmosphäre geboten.

Der nächste Workshop des Marketing-Clubs findet am

22.09.2020 zum Thema ‘LinkedIn’ bei der IHK Arnsberg

statt. Anmeldungen sind noch möglich bis zum 18.09.

unter: www.marketingclub-hsk.de/veranstaltungen/linkedin-workshop/


Vize-Präsident Dragan Matijevic, Präsident Benjamin Richter, Vize-Präsident

Sascha Rademacher, Felix Thönnessen, Geschäftsführer Christoph Kleine (v.l.)

WOLL Herbst 2020 - 101


Innovationsstandort Sauerland

Von Prof. Dr. Claus Schuster, Rektor der Fachhochschule Südwestfalen

Prof. Dr. Claus Schuster

FH Südwestfalen

Naturerlebnisse pur. Mit grüner Landschaft, frischer Luft,

wunderschönen Wanderwegen, malerischen Ortschaften,

glasklaren Seen und sportlichen Aktivitäten zu jeder Jahreszeit

hat sich das Sauerland als Tourismusregion erfolgreich

positioniert.

Der Tourismus ist zweifellos ein Aktivposten des Sauerlandes.

Ein weiterer ist seine erfolgreiche Wirtschaft. Das Sauerland

ist nicht nur das „Land der tausend Berge“, sondern

auch das Land der Weltmarktführer. Davon gibt es über

160 in Südwestfalen. Keine andere Region in Deutschland

weist so viele „Hidden Champions“ auf. Südwestfalen und

das Sauerland als Teilregion sind die stärkste Industrieregion

Nordrhein-Westfalens und nehmen Platz drei im

bundesdeutschen Vergleich ein. Mittelständler, Familienunternehmen

– teilweise seit Generationen – haben es verstanden,

Tradition und Innovation erfolgreich miteinander

zu verweben und sich in Nischenmärkten einen Platz an

der Weltspitze zu erobern.

Der starke Mittelstand ist die verantwortliche Kraft für

ein wirtschaftlich starkes Sauerland. Weltmarktführer

und international tätige Unternehmen in den Kernbranchen

Metall- und Maschinenbau, Gebäudetechnik, Automotive,

Kunststoffverarbeitung, Holzindustrie und Gesundheitswirtschaft

sind hier zu Hause. Sie produzieren

Hightech-Produkte, die maßgeblich zum Erfolg des Wirtschaftsstandortes

Deutschland beitragen. Ob Auto, Bad,

Hauselektronik oder Medizin – Produkte aus dem Sauerland

sind aus dem Alltag nicht wegzudenken.

Gemeinsam stark

Zum Innovationsstandort wird das Sauerland aber auch

durch das enge Zusammenspiel von Unternehmen und

Wissenschaft. Hochschulen, wissenschaftliche Institute

und gemeinsame Entwicklungszentren sorgen für neue

Produkte oder innovative Prozessoptimierungen und sichern

so die Wettbewerbsfähigkeit unserer Unternehmen.

Eine Stärke der Region ist auch die Zusammenarbeit in

Branchennetzwerken oder Kompetenzzentren wie dem

Automotive Center Südwestfalen in Attendorn. Das Automotive

Netzwerk Südwestfalen, das Lichtforum NRW, das

Netzwerk Maschinenbau Südwestfalen, die Brancheninitiative

Gesundheitswirtschaft Südwestfalen e.V., das Zentrum

HOLZ und der Transferverbund Südwestfalen: Sie

alle haben ihren Sitz im Sauerland.

Digital, nachhaltig und authentisch: Mit diesem Motto

beteiligt sich Südwestfalen an der Regionale 2025. Die

Regionale, ein Strukturprogramm des Landes Nordrhein-

102 - WOLL Herbst 2020


Westfalen, fördert Regionen, die über Kreisgrenzen hinweg

zusammenarbeiten und ihre Stärken, charakteristischen

Merkmale und Qualitäten herausarbeiten. Nach

2013 findet die Regionale bereits zum zweiten Mal in

Südwestfalen statt. Auch diesmal gilt: gemeinsam die Stärken

bündeln und ein Entwicklungskonzept für die digitale

Zukunft erarbeiten.

Mit drei staatlichen und zwei privaten Hochschulen verfügt

Südwestfalen über eine vielfältige und dichte Hochschullandschaft.

Zahlreiche wissenschaftliche Institute

sorgen darüber hinaus für den wichtigen Forschungs- und

Technologietransfer.

Die Fachhochschule Südwestfalen ist eine davon und mit

Standorten in Iserlohn und Meschede sowie einem Studienort

in Lüdenscheid im Herzen des Sauerlandes beheimatet.

Unser Studienangebot in den Bereichen Agrarwirtschaft,

Designmanagement und Produktentwicklung,

Gesundheits- und Naturwissenschaften, Informatik und

Digitalisierung, Medien und Kommunikation, Pädagogik

und Psychologie, Technik und Ingenieurwesen, Umwelt

und Nachhaltigkeit sowie Wirtschaft und Recht sorgt

nicht nur für gut ausgebildete Fachkräfte, sondern korrespondiert

auch eng mit der hiesigen Branchenstruktur.

Forschung und Entwicklung:

praxisnah und zukunftsorientiert

Regional verankert, aber auch international ausgerichtet,

verstehen wir uns als Partner für die Wirtschaft. Wir suchen

nach technologischen Lösungen von morgen und

übermorgen, für die Praxis und mit der Praxis. Angeschlossene

Forschungs- und Transferinstitute vernetzen die

Fachhochschule Südwestfalen in den Forschungsfeldern

Agrarwirtschaft und ländliche Entwicklung, Automotive,

Gesundheit, Informations- und Kommunikationstechnik,

Supply Chain Management, Technologie und Innovationsmanagement,

Umwelt und Energie sowie Werkstoffe.

Bei uns steht der Anwendungsbezug im Fokus. Dazu gehört,

dass fast alle unserer Studierenden ihre Abschlussarbeiten

in Kooperation mit Unternehmen verfassen, ihr Wissen

den Firmen also direkt zugute kommt. Ein Beispiel ist Jan

Wiggeshoff. Der Iserlohner Mechatronik-Absolvent hat in

seiner Bachelorarbeit die Mensch-Maschine-Kollaboration

in den Blick genommen, mit dem Erfolg, dass in dem Unternehmen

jetzt Mensch und Maschine einvernehmlich im

Team zusammenarbeiten. Durch die Optimierungen von

Jan Wiggeshoff konnten darüber hinaus störungsbedingte

Ausfälle des Roboters von circa zwei Stunden auf nur wenige

Minuten reduziert werden. Die Auslastung des Roboters

wurde dadurch zusätzlich um 27 Prozent gesteigert. Ein direkter

Mehrwert für das Unternehmen.

Der Nutzwert für die Praxis steht im Mittelpunkt unserer

Forschungsaktivitäten. Im Projekt City-Lab unterstützen

wir beispielsweise Kommunen, auch des Sauerlandes, bei der

digitalen und betriebswirtschaftlichen Stärkung von Einzelhandel,

Gastronomie und Handwerk, um die Innenstädte

zukunftssicher zu machen. Gemeinsam mit der Universität

Siegen, der Ruhr-Universität Bochum und dem Fraunhofer-

Institut für Angewandte Informationstechnik fördern wir

bei den kleineren und mittleren Unternehmen die digitale

Kompetenz. Im Rahmen der Regionale möchten Forscher

aus Meschede den regionalen Unternehmen die Blockchain-

Technologie nahebringen, damit diese ihre Lieferketten verbessern

und der Zahlungs- und Bestellverkehr sowie die Abrechnungen

einfacher und sicherer werden.

Die Innovationskraft einer Region hängt auch damit zusammen,

welchen Nährboden sie Unternehmensgründerinnen

und -gründern bietet. Südwestfalen und das Sauerland

sind auch hier ganz vorne. Am Hochschulstandort

Meschede bietet die Fachhochschule Südwestfalen den

Studienschwerpunkt Entrepreneurship an. Studierende

lernen hier Unternehmertum nicht nur theoretisch, sondern

auch praxisnah kennen und erfahren, wie ein kreativer

Erfindergeist zu einem erfolgreichen Start-Up führen

kann. Im Forschungsprojekt StreamUp wurden gerade

mobile Coworking Spaces entwickelt, die innovative Köpfe

der Region zusammenbringen sollen. Ein Prototyp steht

im Arnsberger Kaiserhaus.

Keine Frage: Das Sauerland hat ein enormes touristisches

und wirtschaftliches Potenzial und wird sich auch in Zukunft

als Innovationsstandort behaupten.

WOLL Herbst 2020 - 103


Foto: Christopher Reuter

MENNEKES Industriesteckvorrichtungen werden in über 90 Ländern der Erde eingesetzt. Christopher und Walter Mennekes

betonen: „Verlässlich tun sie ihren Dienst, wo hohe Ströme sicher übertragen werden müssen!“ Selbst im tiefsten Winter. Stecker,

Kupplungen oder Steckdosen in über 15 000 Varianten – aus Kirchhundem.

„Ausbildung ist Vertrag auf Gegenseitigkeit.“

Zu Gast bei Mennekes in Kirchhundem

Senior Walter und Junior Christopher:

Zwei Sauerländer durch und durch

Gisbert Baltes und Werner Riedel

Für 10:30 Uhr sind wir verabredet. Es ist ein sonniger Dienstagvormittag.

Wir sind pünktlich und wollen uns beim Empfang

anmelden, um in die Chefetage zu gelangen. Doch das

ist nicht nötig. Walter und Christopher Mennekes, Vater und

Sohn, stehen bereits persönlich am Haupteingang und begrüßen

uns im sommerlichen Business Outfit mit freundlichen

Worten und einem kräftigen Sauerländer Ellebogendruck.

Dann bittet Seniorchef Walter (72) erst einmal zu einem kleinen

Sektempfang ins Foyer, das mit großformatigen Fotos an

den Wänden den Werdegang des Unternehmens Mennekes dokumentiert.

Dieser Empfang sei schon ein Ritual für alle Gäste,

sagt er, und fügt hinzu: „Egal, wer kommt.“ Und das mögen

inzwischen ein paar tausend gewesen sein, die sich in den

letzten Jahren und Jahrzehnten bei den „Steckerkönigen“ in

Kirchhundem, in der Aloys-Mennekes-Straße 1, die Türklinke

in die Hand gaben. Benannt nach dem Gründungsvater, der

einst in der Schützenhalle von Kirchhundem den Grundstein

für den Welterfolg legte. Denn die Welt tankt Strom mit Mennekes.

Von Alaska bis Neuseeland.

Wir fahren mit dem Aufzug nach oben, nehmen Platz an

einem runden Tisch. Es gibt Kaffee, Wasser, belegte Brötchen

und Schokoladen-Plätzchen. Der Blick durch die

großen Panoramafenster des Mennekes-Stammsitzes gleitet

über das Hundemtal und fällt auf den Sendemast am

gegenüberliegenden Krähenberg. Nach dem Motto „Probleme

sind dafür da, gelöst zu werden“ hat das Unternehmen

den Mast selbst errichten lassen, um eine ungestörte

Datenübertragung zum betriebseigenen Werkzeugbau im

gerade mal einen Kilometer entfernten Jammertal in Lennestadt

zu gewährleisten.

Ob Tränental oder sich anschließendes Jammertal – von

solchen Namen lassen sich Walter und Christopher nicht

abschrecken. Da hat sich das Unternehmen bei seinen

weltweiten Ambitionen schon ganz anderen Herausforderungen

stellen müssen. Sei es das Engagement in England

seit Beginn des neuen Jahrtausends oder in China. Auf

der Insel sehen die beiden auch nach dem Brexit die wirtschaftlichen

Prognosen nicht so düster wie zahlreiche andere

Branchen: „Die Auftragslage ist gut“, so Christopher.

104 - WOLL Herbst 2020


Der Junior habe die Niederlassung in England zu einem

„Juwel“ und die Übergabe vom Senior- zum Juniorchef damit

leicht gemacht, betont der Papa. Dazu lächelt Christopher

zufrieden. Der studierte Betriebswirtschaftler mit

Praktika bei namhaften Firmen in anderen Kultur- und

Sprachräumen wie Frankreich, Singapur oder Portugal hat

nun das Sagen über das erfolgreiche Familienunternehmen.

Umgeben ist er in der Geschäftsleitung von Menschen,

„die du am Sonntag auch in der Kirche siehst“, sagt

sein Vater Walter und meint damit die Führungs-Fachleute

sowohl im technischen als auch im kaufmännischen Bereich:

„Die kommen aus Würdinghausen, Olpe oder Lennestadt“,

so der Senior. In einem Atemzug fügt er hinzu:

„Wenn uns Corona nicht in die Suppe spuckt, werden wir

2020 die 200-Millionen-Umsatzgrenze erreichen!“ Mennekes

beschäftigt mit den weltweiten Niederlassungen zusammen

rund 1.200 Menschen. Und ist Weltmarktführer

bei den CEE-genormten Steckern, Senkrechtstarter in Sachen

E-Mobilität.

Bei allen Superlativen hat Familie Mennekes anscheinend

nie vergessen, wo ihre Wurzeln sind. Walter Mennekes

schwärmt: „Wir leben in einer begnadeten Welt hier im

Sauerland. Wir können dem lieben Gott danken, dass

unsere Kinder hier Auslauf haben.“ Und sein Sohn Christopher

nickt zustimmend: „Ich habe schon in zahlreichen

Ländern auf der Welt gearbeitet, mich aber ganz bewusst

für meine Heimat entschieden.“

Foto: privat

Ladies first! Petra Mennekes, vom Bundespräsidenten Frank-

Walter Steinmeier und Ehemann Walter Mennekes in die

Mitte genommen. Wahre Freundschaft. Selbst auf dem roten

Teppich.

Dass damit auch eine soziale Verantwortung für die Menschen

im Südsauerland verbunden ist, weiß die Unternehmerfamilie

nur allzu gut. Ihr Einsatz für die etwa 850

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit einem Durchschnittsalter

von 38 Jahren und deren Familien geht über

ein loses Angestelltenverhältnis weit hinaus. Davon können

auch die ehrenamtlichen Feuerwehren in den umliegenden

Dörfern ein Lied singen. Bei Bränden, schweren Verkehrsunfällen

oder Hochwasser (davon weiß das Unternehmen

selbst metertief zu berichten), kommt es schon einmal vor,

dass ein stattlicher Teil der Mennekes-Belegschaft im Ein

Neubau eines

Multifunktionsgebäudes

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WOLL Herbst 2020 - 105


dung kompetenter Nachwuchsleute. Mit einem Prozentsatz

zwischen acht und zehn Prozent der Belegschaft liegt

das Kirchhundemer Unternehmen weit über dem Landes-

und Bundesdurchschnitt. Walter Mennekes bringt

es auf den Punkt: „Wer sagt, Ausbildung sei zu teuer, ist

bescheuert!“ Mit einem Facharbeiterbrief in Deutschland

stünde Frauen und Männern weltweit der Arbeitsmarkt

als Techniker offen. Umso stolzer ist die Firmenleitung,

dass ein Großteil der ehemaligen Azubis für Jahrzehnte im

Unternehmen bleiben: Ausbildung ist also ein Geben und

Nehmen, „ein Vertrag auf Gegenseitigkeit.“

Zwei Weltmeister bestens gelaunt im vertrauten Gespräch:

Philipp Lahm (36), Weltmeister und Ehrenspielführer der

deutschen Fußball-Nationalmannschaft, und Walter Mennekes

(72), „Weltmeister“ der Kommunikation mit Sauerländer

Charme. Mennekes ist seit 2016 2. Vize-Präsident beim FC

Bayern. Lahm ist OK-Chef der Fußball-Europameisterschaft

2024 in Deutschland.

satz ist. Zusätzliche Unterstützung erfahren die Kirchhundemer

Floriansjünger durch das Engagement des Juniorchefs

als Vorsitzender des Fördervereins der Blauröcke.

Auch der ökologischen Strahlkraft der Dieter-Mennekes-

Umweltstiftung wollen Vater und Sohn künftig gerecht

werden. Der 41-jährige Christopher wird als Vorsitzender

der Stiftung das Erbe seines verstorbenen Onkels antreten.

Apropos Umwelt und E-Mobilität: Mit ihren Stromtankstellen

und Ladesteckern für einige der größten Autohersteller

leistet Mennekes Pionierarbeit, Beispiel Norwegen:

Bereits vor Jahren lieferten die Sauerländer 300 Ladestationen

für die Hauptstadt Oslo, weitere Bestellungen folgten.

Angesichts dieser modernen Infrastruktur schraubten die

Skandinavier den Anteil von Elektroautos in ihrer Metropole

auf inzwischen 40 Prozent. Aber auch in Deutschland

greift das Umweltbewusstsein vor allem in den Städten um

sich. 250 Mennekes-Ladestationen stehen in Hamburg,

160 sollen es in Berlin sein.

Im Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie stand und

steht der positive Blick in die Zukunft. Ein wesentliches

Augenmerk legt das Unternehmen dabei auf die Ausbil-

Foto: Uli Hufnagel

Christopher und sein Vater Walter Mennekes sind Sauerländer

durch und durch. Bodenständig und ohne „großes

Theater“ zu machen, führen sie das Gespräch mit uns

Journalisten und nehmen sich Zeit. Beantworten jede Frage

freundlich und konkret – auch die nach dem „Weltmeister“

der Kommunikation, wie Walter Mennekes dank

seiner 1.000 Verbindungen zu Politik, Sport, Kultur und

Wirtschaft gerne genannt wird: „Wenn Ihnen als junger

Bursche jemand gesagt hätte, dass Sie mal ‚Auf du und du‘

mit dem Bundespräsidenten sein würden, was hätten Sie

dem gesagt?“ – „Sie sind total verrückt!“

Walter Mennekes und seine Frau Petra sind mit Bundespräsident

Frank-Walter Steinmeier und dessen Familie seit

vielen Jahren befreundet. Die beiden begleiteten das Staatsoberhaupt

in diesem Sommer auch auf seiner Urlaubsreise

in die Südtiroler Berge.

„Gott und die Welt“ gehören inzwischen zum Freundeskreis

des überzeugten Christdemokraten Walter Mennekes

aus Kirchhundem, der es wie kein anderer schaffte,

als Sauerländer zum 2. Vize-Präsidenten des Deutschen

Rekordmeisters FC Bayern München gewählt zu werden.

Der Mann hat einfach keine Hemmungen. Auch nicht vor

dem Sozialdemokraten und Bundeskanzler a.D. Gerhard

Schröder. Der erzählte schon vor einigen Jahren in einem

WDR-Interview die folgende Geschichte:

„Ich hab‘ ihn kennengelernt auf einer offiziellen Reise nach

China. Er war als einer der Mittelständler Teil der Wirtschaftsdelegation.

Und mir ist er durch sehr unkonventionelles

Verhalten aufgefallen, um es ganz freundlich auszudrücken,

aber auch durch eine wirklich emotional stimmige Vertretung

deutscher Interessen. Natürlich auch der Interessen seiner Firma.

Er hat keine Kamera ausgelassen, um Deutschland im

Allgemeinen und den Kanzler im Besonderen zu loben!“

106 - WOLL Herbst 2020


Schon auf der Hinreise hatte Mennekes die ersten Kontakte zu ihm

geknüpft: Er ließ dem Weinliebhaber Schröder „eine gute Flasche Rotwein“,

die er vorher gekauft hatte, in dessen Flugzeug-Suite bringen

– nach dem Motto: „Willste mal sehen, was da passiert?“ Nach einer

halben Stunde wurde er gebeten, doch bitte nach vorne zu kommen:

zum Bundeskanzler!

Mennekes: „Da kam ich da rein, da hatte er gerade noch so’n Eierbecher

voll Wein für mich übriggelassen. Das war, wohlgemerkt, ne Magnum-Flasche.

Dann sagte er, er finde meine Teilnahme gut, ich sei ein guter Geist auf dieser

Reise und werde die Wirtschafts-Delegation gut zusammenhalten, und

deswegen wolle er mir das ‚Du‘ anbieten: Ich heiße Gerd! Dann hab‘ ich

gesagt: Ich weiß. Und ich heiße Walter. Dann sagte er: Ich weiß.“

Foto: Christopher Reuter

Die „Steckerkönige“ Christopher (l.) und Walter Mennekes auf dem Firmengelände

in Kirchhundem. Beide blicken optimistisch in die Zukunft. Senior

und Vater Walter auf die Frage, was ein MENNEKES-Produkt so besonders

macht: „Alles, wofür wir täglich aufstehen. Alles, wofür wir Zeit, Geld und

Leistung investieren. Und alles, wofür wir mit unserem Namen geradestehen.

Wir verkaufen nur etwas, was wir auch selbst kaufen würden! Unsere Marke

ist und bleibt ein Versprechen!“

Das war der Anfang einer langen Freundschaft, die Schröder dann so

schilderte: „Walter Mennekes ist gewiss kein Sozialdemokrat, sondern

eher das Gegenteil. Aber er ist ein aufrichtiger Mensch, und ich schätze

diese Art von Aufrichtigkeit! Und er ist ein Sinnbild guten mittelständischen

Unternehmertums!“

MENNEKES – Plugs for the world. Für Sohn Christopher hängt die

Messlatte hoch. Aber er ist auf einem guten Weg, das Familienunternehmen

erfolgreich in die Zukunft zu führen. Und der Senior ist in

Rufbereitschaft im Büro gleich nebenan …

WOLL Herbst 2020 - 107


108 - WOLL Herbst 2020


3-

ßere Barriereschicht

LAGIG

ies, hydrophob)

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„Nicht nur Abitur und Studium:

Es gibt auch andere Wege, um

beruflich Erfolg zu haben.“

- Andreas Rother

„Self-Made-Man“ und IHK-Präsident

Andreas Rother verkörpert den Aufbruch

ins digitale Zeitalter und sieht

die Berufsausbildung als

„Herzensangelegenheit“

Dirk Bannenberg & Paul Senske

Tom Linke

„Ich habe mich siebenmal neu erfunden.“

Er der IHK Arnsberg Hellweg-Sauerland. Andreas Rother gilt als „Self-Made-Man“ mit einer einzigartigen

bezeichnet sich selbst als „unführbar“, machte sich mit 23 Jahren im Bürofachhandel selbstständig, gründete

vor 33 Jahren das IT-Unternehmen ahd, entwickelte es zu einer Marke und ist seit Januar 2018 Präsident

Karriere. Sein Erfolgsrezept: „Die Unternehmen müssen sich ständig hinterfragen. Ich habe mich siebenmal neu erfunden.

Die IT ist dynamisch und schnelllebig.“ Als IHK-Chef will er die Digitalisierung weiter forcieren. Ein weiterer

Schwerpunkt ist die Berufsausbildung: „Sie ist für mich eine echte Herzensangelegenheit. Nicht nur Abitur und Studium:

Es gibt auch andere Wege, um beruflich Erfolg zu haben.“

Rother selbst ist ein Musterbeispiel für diesen Weg. Der

1960 in Meschede geborene Unternehmer legte an der Realschule

in Werl die Mittlere Reife ab, absolvierte in Soest

eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und wurde

nach dem Wehrdienst Baumarktleiter in einem Baumarkt in

Werl. 1984 machte er sich mit einem Partner selbstständig

und gründete einen Bürofachhandel. Schon damals beschäftigte

sich Rother mit Innovationen und der Weiterentwicklung

des Betriebs. 1987 wagte er den Sprung in ein neues

Geschäftsfeld. Er gründete die Hellweg Data Ingenieurgesellschaft

für Datenverarbeitung mbH, 2001 firmierte das

Unternehmen in ARGE hellweg data GmbH & Co. KG um;

seit 2010 heißt das Unternehmen ahd GmbH & Co. KG.

Der Firmensitz war zunächst in Werl, jetzt ist der Hauptsitz

ein kernsaniertes und stilvolles Mühlengebäude in Ense-

Bremen.

„Die IT unterliegt einem ständigen Wandel“

(Andreas Rother)

Vor gut 30 Jahren galt ein Computer noch als exotisch. Rother

begleitete die atemberaubende Evolution, die eigentlich

eine Revolution ist, mit und baute die ahd schrittweise

aus. Er entwickelte das Unternehmen gemeinsam mit seiner

heutigen Geschäftspartnerin Elisabeth Treier sowie dem

Management der ahd – Tochter Mirjam leitet die Unternehmenskommunikation

– zu einem bundesweit operierenden

Technologie-Unternehmen, zu einer Marke. „In der IT habe

ich mich siebenmal neu erfunden, die IT unterliegt einem

ständigen Wandel.“ Das Unternehmen sei immer auf die

Zukunft ausgerichtet. Das Kerngebiet der ahd ist die infrastrukturelle

Entwicklung sowie der Betrieb von Rechenzentren

mittelständischer Unternehmen und deren Datenma-

110 - WOLL Herbst 2020


nagement. Das Unternehmen bietet Lösungen für Kunden

in einem Umkreis von rund 150 Kilometern, die eigene

Rechenzentren vor Ort unterhalten, bundesweit Cloud-Services

oder Lösungen im eigenen Rechenzentrum in Frankfurt/Main,

das wie die Bank von England gesichert ist, oder

in Public Clouds wie Microsoft Azure oder Amazon Web

Services. Daneben ist es das Ziel, einzelne Bereiche wie die

eigenen Managed Services ebenso wie individuelle Software-

Lösungen als eine Antwort auf die Digitalisierung am Markt

zu platzieren. Die eigene Automatisierung sowie Digitalisierung

werden ständig vorangetrieben, so die Philosophie des

Unternehmens, das neben dem Hauptsitz einen weiteren,

wichtigen Standort am Dortmunder U (Zentrum für Kunst

und Kreativität) unterhält. Es geht hier insbesondere um die

Nähe zur Universität. Rund 100 Mitarbeiter arbeiten für die

ahd, weitere 35 sind es in den Beteiligungen.

IHK-Präsidentschaft „ein Geschenk“

Vor diesem Hintergrund und der ahd-Erfolgsgeschichte

war es nicht verwunderlich, dass IHK-

Hauptgeschäftsführerin Dr. Ilona Lange

nach dem Ausscheiden von Ralf Kersting

im Vorfeld der IHK-Vollversammlung

im November 2017 bei Rother anklopfte

und fragte, ob er sich das Amt

des Präsidenten vorstellen könne. Ja,

Rother konnte sich das vorstellen:

„Präsident der IHK mit immerhin

39.000 Mitglieds-Betrieben zu werden,

wäre für mich ein Geschenk, meine Persönlichkeit

weiter zu entwickeln, mit ihr

zu wachsen.“ Nach dem Familienrat („Meine

Frau Silke stimmte zu“) und dem OK

des eigenen Firmenmanagements wurde

Rother auf der Vollversammlung

zum neuen IHK-Chef und Nachfolger

von Ralf Kersting („Er hat

es sehr gut gemacht“) gewählt und

trat sein Amt am 1. Januar 2018 an.

Der Zeitpunkt war mehr als günstig.

Der Deutsche Industrie- und

Handelskammertag (DIHK) mit seinen

bundesweit 79 Kammern hatte die

Digitalisierung („We go digital“) als ein zentrales

Themenfeld ausgerufen. „Das kann ich mittragen“,

so Rother. „In der Corona-Krise haben wir bei der

Arnsberger IHK das Fruchtbare der Digitalisierung erfahren

können, Videokonferenzen usw. waren wichtige Hilfen. Die

eigene Digitalisierung werden wir weiter ausbauen.“

„Wir dürfen nicht müde werden, für die Berufsausbildung,

die jungen Menschen Spaß macht,

zu werben“ (Andreas Rother)

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Berufsausbildung im Kammerbezirk:

„Sie ist eine Herzensangelegenheit. Wir dürfen

nicht müde werden, für die Berufsausbildung zu werben.

Und zwar für eine Ausbildung, die jungen Menschen auch

Spaß macht. Es gibt auch andere Wege, als Abitur und Studium,

um beruflichen Erfolg zu haben.“ Rother nennt in diesem

Zusammenhang auch Zahlen: Rund 50 Prozent der Jugendlichen

machen Abitur und studieren. In der Wirtschaft

brauchen wir im Verhältnis einen Akademiker und zehn

Facharbeiter. „Die Eltern wollen, dass ihre Kinder studieren.

Sie sollen es einmal besser haben.“ Rother plädiert

mit Nachdruck für das duale System mit

„Arbeiten und Berufsschule“. In

Industrie und Wirtschaft seien

auch Studienabbrecher herzlich

willkommen.

Beim Blick auf die Zukunft

der Wirtschaft in Südwestfalen,

einer „Herzkammer

der Industrie“, spricht der

IHK-Chef von großen Herausforderungen.

„Wir werden

lernen müssen, uns ständig zu

verändern und disruptiv zu denken.

Externe Einflüsse auf das eigene

Geschäftsmodell werden zunehmen.“

Es werde Gewinner und Verlierer

geben. „Diejenigen, die ihren Job

machen, werden es schaffen.“ Was

die aktuelle Corona-Krise und die

teilweise dramatischen Auswirkungen

auf die Wirtschaft betrifft, so

zeigt sich Rother optimistisch: „Ich

bin stolz auf unsere Wirtschaft. Aus

der Krise 2008/2009 ist die südwestfälische

Wirtschaft gestärkt hervorgegangen. Das

wird auch bei Corona der Fall sein. Die Wirtschaft

wird sich 2021 erholen – und zwar mit Wucht.“ ■

WOLL Herbst 2020 - 111


Das Geheimnis

des Wilzenberges

Ältester Toxikologie-

Standort der Welt

mitten im Sauerland

Hermann-J. Hoffe

Klaus-Peter Kappest

Welche gefährlichen Rückstände sind in unseren Lebensmitteln?

Welche Schadstoffe sind im Boden? Welchen Einfluss

hat dieser oder jener Stoff auf unsere Natur? Dies sind

Fragen, die uns Menschen seit jeher bewegen. Gerade auch

in diesen Tagen. Wer hier nach Antworten sucht und sich

nicht mit Allgemeinplätzen zufriedengeben mag, kommt

an einer Sauerländer Forschungsstätte nicht vorbei. Hoch

oben, am Fuße des sagenumwobenen Sauerländer Wilzenberges

bei Schmallenberg, hat sich im Schatten

der uralten Kultstätte vor 60 Jahren ein Forschungsinstitut

niedergelassen, das heute

als Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie

und angewandte Ökologie

(IME) weltbekannt ist. Forscher mit

Sinn für schwarzen Humor halten

das Schmallenberger Institut sogar

für den ältesten Toxikologie-Standort

der Welt.

Wie das Fraunhofer-

Institut ins Sauerland kam

Im Jahre 1949 wurde das Grundgesetz der

Bundesrepublik Deutschland verkündet. Im gleichen

Jahr, am 26. März, erfolgte in München durch Vertreter

aus Industrie und Wissenschaft, des Landes Bayern

und der gerade entstehenden Bundesrepublik die Gründung

der Fraunhofer-Gesellschaft in der Rechtsform eines

eingetragenen Vereins. Aus den 103 Mitgliedern der Gründungsversammlung

hat sich bis heute die größte Organisation

für angewandte Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen

in Europa mit rund 28.000 Mitarbeitenden

entwickelt. Joseph von Fraunhofer (1787–1826) war als

Forscher, Erfinder und Unternehmer gleichermaßen erfolgreich

und wurde zum Vorbild und Namenspatron

dieser weithin anerkannten Forschungs-Gesellschaft, die

unter den vier Säulen des deutschen Freiheitssystem den

anwendungsbezogenen Part übernimmt.

Der Fraunhofer-Standort für Angewandte Ökologie in

Schmallenberg-Grafschaft entstand 1959 aus einem Labor

zur Erforschung der Staublungenerkrankung. Der

damals am Klosterkrankenhaus Grafschaft

tätige Chefarzt Karl Bisa gründete vor

60 Jahren das Institut für Aerobiologie

der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung

der angewandten Forschung

auf dem Gebiet der orientierten

Grundlagenforschung gegenüber

chemischen, aerogenen und radiologischen

Umwelteinflüssen auf

biologische Systeme. Was lang und

umständlich den Forschungshintergrund

beschreibt, hieß als Einrichtung

damals im sauerländischen Volksmund „Rattenburg“,

weil dort auch an lebenden Ratten geforscht

wurde. Der heutige Institutsleiter Professor Christoph

Schäfers konnte im vergangenen Jahr neben dem

60-jährigen Institutsjubiläum gleichzeitig sein 25-jähriges

Dienstjubiläum an der sauerländischen Forschungsstätte

feiern. Als Kenner der wechselvollen Geschichte des IME

in Schmallenberg-Grafschaft weist er nicht nur seine amerikanischen

Freunde gerne darauf hin, dass der Platz am

Wilzenbeg der älteste Toxikologie-Standort der Welt ist.

Schließlich übergab die damals im Schmallenberger Land

112 - WOLL Herbst 2020


Prof. Dr. Schäfers äußert sich zur positiven Entwicklung des Fraunhofer-Instituts in Schmallenberg

herrschende Gräfin Chuniza dem Erzbischof Anno von

Köln vor rund 950 Jahren den Baugrund, auf dem heute

das Fraunhofer-Institut steht, zur Gründung des Klosters

Grafschaft. Der Legende nach soll die Edeldame Chuniza

im Wahn nacheinander sieben Ehemänner mit Gift ermordet

haben. Schmunzelnd meint Professor Schäfers dazu:

„So leisten wir heute an historischer Stätte mit unserer Forschung

an Wirkstoffen in gewisser Weise Abbitte für das

frevlerische Treiben der Edeldame Chuniza.“

Millioneninvestitionen für

führendes Umweltinstitut

Noch bis zum kommenden Jahr dauern die aktuellen Erweiterungsarbeiten

am IME an. Rund 32 Millionen Euro

sind in neue Institutsgebäude geflossen. Ein Teil der bisherigen

Gebäude wurde abgerissen und durch Neubauten ersetzt.

Neben der Renovierung der alten Gebäude entstehen

unter anderem ein neues, viergeschossiges Laborgebäude,

ein Ver- und Entsorgungshof, Lagerhallen, Parkplätze und

eine neue Institutsmitte mit Seminarräumen, einer Cafeteria

und einer Bibliothek.

Der heutige Arbeitsschwerpunkt zielt auf die Erkennung

und Beurteilung der Risiken synthetischer und biogener

Stoffe für die Ökosysteme und die umweltbezogene Belastung

von Verbrauchern. Dabei fungiert der Institutsteil

als wissenschaftlicher Vermittler zwischen behördlicher

Regulation und industrieller Produktion, indem er beide

Kundengruppen unabhängig berät und maßgeschneiderte

Lösungen zur Beantwortung wissenschaftlicher Fragestellungen

entwickelt. Dabei handelt es sich um Test- und

Bewertungskonzepte, die Entwicklung und Validierung

international anerkannter Testverfahren sowie die Erzeugung

qualitätsgesicherter Daten für die Zulassung.

Zunehmend werden auch Screening-Verfahren für Substanzkandidaten

der chemischen Industrie entwickelt, um

mögliche Nebenwirkungen auf die Umwelt frühzeitig zu

erfassen und durch gerichtete Auswahl zu minimieren. Die

Erforschung, Erfassung und Bewertung von Stoffeigenschaften

wie Persistenz (Langlebigkeit in der Umwelt),

Bioakkumulation (Anreicherung in Pflanzen und Tieren)

und Toxizität (Giftigkeit gegenüber Pflanzen und Tieren)

ermöglichen umweltpolitische Entscheidungen, die diesen

Stoffeigenschaften Grenzen setzen und so als Leitplanken

für zielgerichtete Innovationen dienen.

Die Fragestellungen ergeben sich in der Umweltrisikobewertung

von Chemikalien, vor allem auch bei Wirkstoffgruppen

wie Pflanzenschutzmitteln, Bioziden und Tierund

Humanarzneimitteln. Daneben wird die Aufnahme

dieser Stoffe in Nutzpflanzen, Nutztieren und daraus erzeugten

Lebensmitteln untersucht, speziell auch die Bildung

möglicherweise schädlicher Ab- und Umbauprodukte.

Die Kernkompetenzen zur Erledigung dieser Aufgaben

werden von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

der Chemie (Analytik, Lebensmittelchemie, Molekular

WOLL Herbst 2020 - 113


chemie), Biologie (Molekular-, Mikro-, Populationsbiologen,

Zoologen, Ökotoxikologen), Agrarwissenschaft

(Pflanzen-, Tierproduktion), Ernährungswissenschaft und

Mathematik gestellt, die in den folgenden Abteilungen

arbeiten:

• Ökologische Chemie

• Ökotoxikologie

• Umweltmikrobiologie

• Bioakkumulation und Tiermetabolismus

• Umwelt- und Lebensmittelanalytik

• Umweltprobenbank und Elementanalytik

Die leitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

halten Lehrveranstaltungen an verschiedenen Universitäten

und Hochschulen und binden wissenschaftlichen

Nachwuchs in Forschung und Lehre ein. Professuren bestehen

zurzeit an den Universitäten Münster, Siegen und

Melbourne (Monash), enge Kooperationen bestehen mit

oder werden ausgebaut nach Aachen (RWTH), Wuppertal,

Gießen, Bielefeld und Frankfurt sowie Osnabrück,

Hamm-Lippstadt und Bingen.

Umweltprobenbank des Bundes

Im Auftrag des Umweltbundesamtes ist das Fraunhofer

IME in Schmallenberg-Grafschaft seit Anfang 2000 für die

Lagerung der Umweltproben der Umweltprobenbank des

Bundes verantwortlich. In diesem Archiv werden tierische

und pflanzliche sowie Bodenproben in speziellen Tanks

über Flüssigstickstoff bei Tiefsttemperaturen von unter

-150 °C gelagert (Cryolagerung). Dazu werden die Proben,

die jährlich aus repräsentativen marinen, limnischen und

terrestrischen Ökosystemen genommen werden, unter tiefkalten

Bedingungen zu Homogenaten verarbeitet (Cryomahlung).

Die Homogenate werden auf gesundheits- und

umweltrelevante Stoffe analysiert, wobei am Fraunhofer

IME Elemente und Elementspezies, wie z.B. Quecksilber,

Cadmium, aber auch kritische organische Verbindungen

wie beispielsweise perfluorierte Chemikalien analysiert

werden. Die Untersuchungsergebnisse der Umweltprobenbank

können als Begründungen für umweltpolitische

Maßnahmen verwendet werden, wie etwa Nutzungsbeschränkungen

von Chemikalien.

Das älteste bestehende Fraunhofer-

Institut nördlich des Mains

Nach den frühen Anfängen vor 60 Jahren als Institut für

Aerobiologie in Schmallenberg beschäftigt das Fraunhofer

IME heute (Stand Ende 2019) an den Standorten Aachen,

Schmallenberg, Gießen, Münster, Frankfurt und Hamburg

insgesamt 533 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

(185 in Schmallenberg), davon 54 Prozent weiblich. Die

Wirtschaftserträge liegen im Geschäftsjahr 2019 mit 14,1

Millionen Euro auf konstant hohem Niveau. Das Fraunhofer

IME erzielte im vergangenen Geschäftsjahr einen

Wirtschaftsertragsanteil von 41 Prozent. In Schmallenberg

betrug er sogar 56,3 Prozent, was innerhalb der Fraunhofer-Gesellschaft

zu den Spitzenwerten zählt. Die Freude

über und der berechtigte Stolz auf diese bereits über Jahre

von ihm und seinem Team erreichten Werte sind dem

Standortleiter, Professor Christoph Schäfers, sichtlich anzumerken.

„Mit unseren Sauerländer Technikerinnen und

Technikern und unserer partizipativen Verantwortungskultur

haben wir hier in Schmallenberg durchaus einen

echten Standortvorteil. Das Berufskolleg Olsberg bildet

die von uns benötigten Mitarbeitenden aus, die meist einen

Arbeitsplatz im Sauerland anstreben.

Das Fraunhofer IME, Bereich Angewandte Ökologie ist

für viele ein Wunscharbeitsplatz. Wir haben die Möglichkeit,

durch Abschlusspraktika bei uns die Kompatibilität

von Absolventen und Absolventinnen mit unseren Arbeitsfeldern

zu testen. So haben wir im Vergleich zu anderen

Standorten eine sichere Ressource für engagierte, bleibewillige

und verlässliche Techniker und Technikerinnen. Über

Haushalts- und Strategieprozesse gestalten wir unsere Bereichssitzung

Angewandte Ökologie demokratisch. Ideen

diskutieren wir in unserem Strategiekreis aus Abteilungsleitenden

sowie Jungwissenschaftlerinnen und Jungwissenschaftlern.

Umsetzungen organisiert unser operationales

Team aus allen Abteilungen und der Qualitätssicherung.

Dadurch erzeugen wir ein gemeinsames Selbstverständnis

und einen großen Rückhalt gemeinsamer Entscheidungen.

Auch von der Fraunhofer-Zentrale in München wird uns

immer wieder bestätigt, dass man dort diese gewisse sauerländische

Mentalität schätzt, die für Selbstverantwortlichkeit,

pragmatisches Einschätzungsvermögen und Verlässlichkeit

steht. Voll des Lobes ist man dort über unsere

wirtschaftliche Stabilität, aber auch über die Leistungen

unserer einheimischen Baufirmen, nicht nur jetzt in der

langen Bauphase.“

Weitere Informationen zum Fraunhofer IME gibt es auf

der Website www.ime.fraunhofer.de. Dort ist auch der

ausführliche Jahresbericht 2019 mit einem historischen

Rückblick und Informationen, Zahlen, Daten und Fakten

über die zahlreichen Forschungsgebiete einsehbar.

114 - WOLL Herbst 2020


Die

BUNTE VOGEL

GmbH & Co. KG

Softwarelösungen eines

Amecker Unternehmens

machen die Wirklichkeit

bunter

Das Unternehmen von Marc

Willecke in Sundern-Amecke wirkt

kompetent und seriös. Seine Mi t-

arbeiterteam ebenso. Auch das Gebäude, in

dem die Firma untergebracht ist, strahlt eher

schlichte Eleganz aus.

Warum dann also die Umfir mierung von der

„Softwareschmiede Willecke“ zur „Bunter

Vogel GmbH & Co. KG“?

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Neue „bunte Wirklichkeiten“ erschaffen und einfach

Bestehendes verbessern. „Wir wollten uns mit dem neuen

Namen bewusst etwas kreativer und näher an dem darstellen,

was wir eigentlich tun“, sagt Marc Willecke. „Das, was unsere

Kerntätigkeit ausmacht, sind die Flexibilität und die unterschiedlichsten

Softwarelösungen, die wir anbieten. Seit über

20 Jahren haben wir nicht zwei Mal die gleiche Lösung realisiert.

Es ist ein sehr buntes Spektrum an Kunden-Projekten,

die uns bisher begleitet haben.“

Ein CRM System für Online-Werbeagenturen, ein Analysesystem

für Kapitalversicherungen, eine Abrechnungssoftware für

Sanitätshäuser, B2B-Shops für Industrieprodukte sowie eine

Verwaltungssoftware für Mobile-Device-Management sind nur

einige Beispiele aus der Vergangenheit.

Gleichzeitig ist dies auch die Kernkompetenz des

Unternehmens, sich immer wieder in die individuellen und

fachspezifischen Herausforderungen der Kunden einzuarbeiten

und hierfür passgenaue Lösungen zu liefern.

„Software für Ihre bunte Wirklichkeiten“, nennt es das Unternehmen,

wenn flexibel auf die Kunden eingegangen wird,

Anforderungen umgesetzt und individuelle Softwarelösungen

geschaffen werden.

Technologisch hat sich die Bunter Vogel GmbH & Co. KG

auf die Realisierung von Web- und App-Anwendungen im

B2B- und Portal-Umfeld spezialisiert. Von der Entwicklung

einer neuen „bunten Wirklichkeit“ bis zur individuellen

Unterstützung in bereits laufenden Projekten ist hier alles

möglich. Das Kundenportfolio des „Bunten Vogels“ setzt sich

aus klein- und mittelständischen Unternehmen aus den unterschiedlichsten

Branchen zusammen. Onlineportale, Industriebetriebe,

Unternehmen der Online-Werbe-Industrie, Abrechnungsdienstleiter,

Dienstleister für Luftfahrtunternehmen und

Telekommunikationsunternehmen sind hier einige Beispiele.

Das Unternehmen freut sich darauf, das Projekt- und Kundenspektrum

jetzt unter dem neuen Namen weiter auszubauen. ■

Bunter Vogel GmbH & Co. KG

Illingheimer Str. 5 ∙ 59846 Sundern

02393/ 220 69 90

www.buntervogel.com

marc.willecke@buntervogel.com

WOLL Herbst 2020- 115


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30 Jahre EGGER in Brilon -

erfolgreich durch Innovation

und motivierte Mitarbeiter

Nicola Collas

Jürgen Eckert & EGGER

W

as vor 30 Jahren auf grüner Wiese mit dem Bau eines Spanplattenwerkes begann, hat sich in den

vergangenen drei Jahrzehnten überaus erfolgreich entwickelt. Vom ersten Spatenstich bis heute ist das

Betriebsgelände auf nunmehr 570.000 m² gewachsen und aus 250 Mitarbeitern sind inzwischen 1.150

geworden. Das Werk in Brilon ist heute ein vollintegrierter Standort mit Spanplatten- und MDF-Produktion sowie

Veredelung, PP-Kantenproduktion, Digitaldrucktechnik sowie eigenem Sägewerk und Biomassekraftwerk.

„Wir hatten nie Stillstand, sondern haben immer investiert“,

erzählt Martin Ansorge, einer der Geschäftsführer.

Seit der Inbetriebnahme vor 30 Jahren hat EGGER am

Standort in Brilon rund 650 Millionen Euro investiert.

„Hier ist viel für Brilon und die Region bewegt worden,

was sich auch positiv auf Dienstleistung, Handel und

Gewerbe, nicht zuletzt auch die Gastronomie ausgewirkt

hat“, so Ansorge weiter.

Für Geschäftsführer Michael Egger jun. ist das Werk in

Brilon einer der wichtigsten Standorte für die gesamte

EGGER Gruppe: „Die Küchenmöbel-Industrie ist in

einem Umkreis von 150 Kilometern angesiedelt. Unsere

Kunden werden von unserem Werk hier in Brilon zentral

beliefert.“ Eine besondere Investition war im Jahr 2007 ein

eigenes Sägewerk. Anfangs war das eine ungewisse Investition,

mittlerweile ist es eine Erfolgsgeschichte, erzählt

Martin Ansorge: „Wir schneiden jährlich ein Volumen von

gut einer Million Festmeter im Sägewerk. Das ist für einen

alleinigen Standort eine beachtliche Einschnittmenge.“

2015 nahm EGGER eine vollautomatisierte Lackierstraße

am Standort Brilon in Betrieb. Ein Jahr später reagierte

EGGER auf die wachsende Nachfrage der Möbelindustrie

nach Polypropylen-Kanten und baute die Kantenproduktion

auf bzw. aus. „Damit haben wir einen Meilenstein

116 - WOLL Herbst 2020


1989: Michael Egger sen. begutachtet den Baufortschritt in Brilon

(Foto: Egger)

EGGER Holzwerkstoffe

Brilon GmbH & Co. KG

Im Kissen 19

59929 Brilon

Deutschland

T +49 800 344 3745 (Service-Center)

T +49 2961 770 0 (Vermittlung)

Führen die Geschichte von EGGER in Brilon fort: Martin Ansorge (li) und

Michael Egger jun. im EGGER Showroom.

gesetzt, der durch die vollautomatische Vernetzung, Regel

ung und Steuerung der Produktion den Ansprüchen der

Industrie 4.0 gerecht wird“, sagt Michael Egger jun.

„Doch unsere Mitarbeiter sind das höchste Gut. Wir sind

in der glücklichen Lage, uns die besten Anlagen leisten zu

können. Aber es bringt nichts, diese Anlagen zu besitzen,

wenn man nicht auch die besten Mitarbeiter beschäftigt.

Wir haben in jeder Abteilung großartige Mitarbeiter, die

sich für das Unternehmen einsetzen. Und die machen am

Ende den Unterschied“, schwärmt Michael Egger jun.

Beim Familienunternehmen geht es trotz der Größe - allein

in Brilon gibt es 1.150 Beschäftigte - tatsächlich familiär

zu. EGGER steht außerdem für ein hervorragendes

Gesundheitsmanagement: Fitnessstudio-Besuche werden

gefördert und im Bereich Bike-Leasing ist der Holzwerkhersteller

vorn dabei. Mittlerweile sind 80 Prozent der

Belegschaft mit einem Rad ausgestattet. Die Unterstüt ­

zung sozialer Projekte ist EGGER ein besonderes Anliegen

und wird durch die Initiative „EGGER läuft“ gefördert.

Nicht zuletzt engagiert sich EGGER aktiv bei der

„Unternehmens initiative BigSix Brilon“ sowie im Verein

„Wirtschaft für Südwestfalen e.V.“

Hidden Champion, Marktführer in Europa, ausgezeichneter

Ausbildungsbetrieb, zertifiziertes Familienfreundliches

Unternehmen. Es gibt viele Gründe, mit denen

EGGER bei Fachkräften punkten kann. ■

www.egger.com/brilon

WOLL Herbst 2020- 117


Die Sauerland-

Botschafterin

Prof. Dr. Anne Jacobi und ihr

Engagement für die Heimat

Petra Kleine

Sabrina Voss

Prof. Dr. Anne Jacobi engagiert sich seit Jahren für das Sauerland

Sobald das Thema Sauerland

auf den Tisch kommt,

ist Professor Dr. Anne Jacobi

voll in ihrem Element. Die gebürtige

Brilonerin setzt sich immer wieder für

ihre Heimat ein und wird nicht müde,

die Attraktivität dieser Region publik

zu machen und an ihrer Zukunftsgestaltung

mitzuwirken.

„Viel zu viele Menschen wissen gar

nicht, wie herrliche Lebensbedingungen

wir hier haben und wie gut

die Arbeitsplatzsituation hier ist. Wir

haben einen starken Mittelstand und

ein umfangreiches Angebot auch an

qualifizierten Stellen“, so Anne Jacobi.

„Nach dem Studium im Sauerland

arbeiten? Kein Problem. Seine persönliche

Work-Life-Balance finden? Im

Sauerland viel einfacher als anderswo.

Denn die Freizeitmöglichkeiten liegen

direkt vor der Haustür.“

In der Tat ist Anne Jacobi selbst

eine von denen, die nach dem Abitur

zunächst Brilon zum Studieren

verließen, aber das „Wiederkommen“

nicht vergessen haben. Nach ihrem

Betriebswirtschaftsstudium in Münster

lebte sie in Düsseldorf und arbeitete

im Henkel-Konzern (berühmt

unter anderem für Persil) in den Bereichen

Vertrieb, Produktmanagement

und Finanzen. Für Henkel schrieb sie

dort auch ihre Doktorarbeit.

Ihr Mann stammt ebenfalls aus Brilon

und schnell war klar, dass ihre beiden

Kinder in der alten Heimat, im

Grünen aufwachsen sollten. „Ob ich

Düsseldorf vermisst habe?“ fragt Anne

Jacobi erstaunt. „Nein, ganz eindeutig

nicht. Ich bin beruflich häufig unterwegs,

zum Beispiel zu Kongressen

und Tagungen. Die finden meist in

Großstädten im In- und Ausland statt.

Es ist schön, dort zu sein, aber ich

freue mich immer wieder, ins Sauerland

zurückzukehren.“

118 - WOLL Herbst 2020


schwärmt Prof. Dr. Anne Jacobi. Im Gespräch mit Woll-Redakteurin Petra Kleine

„In dieser herrlichen Umgebung kann man sich nur wohl fühlen,“

Ein echter Glücksfall

Nach ihrer Promotion arbeitete Dr.

Anne Jacobi als Beraterin und war

Dozentin an der privaten FHDW

in Paderborn. Durch Zufall stieß sie

dann auf eine Stellenanzeige der FH

Meschede. Dort sollte der Lehrstuhl

Marketing komplett neu aufgebaut

werden. Sie bekam den Ruf an die FH

und es zeigte sich, dass das für beide

Seiten ein Glücksfall war.

Anne Jacobi investierte viel Herzblut

und bekam gute Entfaltungs- und

Gestaltungsmöglichkeiten. Sie konnte

an Netzwerken mitwirken und arbeitete

zusammen mit Menschen, denen

das Sauerland ebenfalls am Herzen

lag und liegt. Stolz ist sie darauf, jedes

Jahr mit ihren Studen ten ein Marktforschungsprojekt

unter realen Bedingungen

durchzuführen. Es gibt echte

Auftraggeber, die Frage stellungen

wissenschaftlich fundiert beantwortet

haben möchten.

In den letzten Semestern ging es

beispielsweise um die Lebensquali tät

im Sauerland sowie um die Markenführung

der Regionenmarke Sauerland

und um die Studienorientierung

von Schülerinnen und Schülern

in der Region. Da zum Thema

sowohl Sauerländer als

auch Nicht-Sauerländer

befragt wurden, ist es

nicht verwunderlich,

dass das Sauerland

von außen oft anders

wahrgenommen wird

als von innen. In NRW

liegt der Bekanntheitsgrad

des Sauerlandes bei rund

70%, bei jüngeren Menschen

noch darunter. Während vielen

Sauerländern durchaus bewusst ist,

dass man im Sauerland nicht nur

exzellente Freizeitmöglichen direkt

vor der Tür hat (Radfahren, Joggen,

Skifahren, Sport in Vereinen und viel,

viel mehr), sind das ausgezeichnete

Arbeitsplatzangebot und die starke

Wirtschaft über die Grenzen hinaus

noch relativ unbekannt. Aber daran

wird gearbeitet!

„Unsere starke Wirtschaftskraft müssen

wir unbedingt noch weiter nach

draußen transportieren. Auf Basis der

erhobenen Ist-Identität wurde bereits

von Sauerland Initiativ und weiteren

Sauerländern im Rahmen eines

Workshops an der Fachhochschule

die sogenannte Soll-Markenidentität

für die Region Sauerland entwickelt“,

erklärt sie ihr Vorgehen. „Welche

Zielgruppe wir ansprechen müssen,

um Fach- und Führungskräfte für

das Sauerland zu gewinnen, wird

momentan im Rahmen einer Masterarbeit

analysiert.“

Das Sauerland als Marke

Mittlerweile ist ein imposantes Werk

als Hochschulschrift entstanden:

„Sauerlandität. Identitätsorientierte

Markenführung von Regionen am

Beispiel der Region Sauerland“. Es ist

das Herzstück der geleisteten Arbeit

und doch nur ein weiterer Meilenstein.

Ganz aktuell findet eine Studie zum

Einkaufsverhalten in der Region statt.

Ein Vergleich zwischen normalem

Einkaufsverhalten und dem Einkaufsverhalten

in Corona-Zeiten ist mit

dabei. Man will durch die Erhebung

auch neue Erkenntnisse gewinnen,

wie sich durch die Corona-Pandemie

Verhaltensweisen verändert haben.

Eine große Chance für das Sauerland

könnte auch der zunehmende Trend

zum Home-Office sein. Wenn ich

überwiegend von zu Hause aus arbeiten

kann, meine Meetings per Computerschaltung

erledige und vielleicht

nur einmal pro Woche in die Firma

muss, warum soll ich dann nicht da

leben, wo es schön ist? Im Grünen,

auf dem Land, mit bezahlbarem

Wohnraum, Freizeitmöglichkeiten

vor der Tür? Ohne Verkehrslärm,

Staus, Betonsilos!

WOLL Herbst 2020- 119


So mancher wird sicherlich umdenk

en. Professor Dr. Anne Jacobi freut

sich jedes Mal wieder, ins Sauerland

zurückzukommen. „Dieses herrliche

Grün und die saubere Luft sind für

uns so selbstverständlich“, sinniert

sie. „Woanders ist das nicht so.“

Sie erzählt mir von ihrem

Forschungsfreisemester in einem sich

rasant entwickelnden China, bei dem

sie an der dortigen Universität lehrte,

und von dem sie viele Eindrücke mit

zurückbrachte.

Auf Sauerländer trifft

man überall

Auch Sauerländer Firmenvertreter hat

sie dort getroffen, von Hoppecke Batterien

bis zu Ketten-Wulf. Ein weiteres

Forschungssemester führte sie nach

Bangkok, wo sie im Sommer 2019 an

der Universität UTCC unterrichtete.

Neben beeindruckenden Kulturdenkmälern

war es auch spannend, die

Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft

der Menschen in Thailand kennenzulernen.

Mitten in der Stadt, bei sehr

schlechter Luft, extremem Verkehr

und halsbreche rischen Fahrten auf

dem Taxi-Mofa, sehnte sie sich in all

dem Beton nach ein bisschen Grün.

Da sich dann selbst der „Park“ als

mit Gehwegen zubetonierter Ort mit

minimaler Grünfläche herausstellte,

genoss sie anschließend das grüne

Sauerland ganz besonders. ■

Weitere Informationen

unter:

ww2.unipark.de/uc/FH_SWF

_Einkaufsverhalten

Unterwegs in der Welt (hier Bangkok),

im Sauerland zu Hause.

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oft eine und echte stellt Herausforderung die Arnsberger Traditionsunternehmen

„Genau hier setzt unsere Idee zur Kooperation an“, verrät neue Ladesäule in hoher Qualität ausz

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„WO LAG DER

DENN NOCHMAL?“

Stephanie und Mascha

Bergmann unterstützen die

Bewegung ‚Sauerlandstones‘

mit bunten Eigenkreationen

Inga Bremenkamp

Inga Bremenkamp & Privat

„W

ir haben im Netz die bunt bemalten

Steine gesehen und es dann auch mal mit

Pinsel und Acrylfarbe versucht. Weil das

aber nicht so richtig gescheit funktioniert hat und wir das

ewige Tupfen leid waren, haben wir uns auf die Suche gemacht

– nach Acrylfilzstiften und den perfekten Steinen als

Modell“, erzählt Stephanie Bergmann von den Anfängen

ihres neu entdeckten Hobbys.

Hopp oder top

„Wir können beide schon ganz gut zeichnen und bemalen

jeden Stein frei von der Hand. Man kann natürlich nichts

korrigieren. Entweder es ist gescheit oder man muss den ganzen

Stein komplett pink oder sonst wie anstreichen“, sagt Stephanie

Bergmann, die vor einigen Wochen mit ihrer Tochter

Mascha angefangen hat, im Sinne der Sauerlandstones-Bewegung

Steine zu bemalen und im Wald oder auf Wanderrouten

auszulegen. „Wir sind schon ein wenig perfektionistisch unterwegs“,

gibt die 45-Jährige zu und schmunzelt. „Man wird von

Woche zu Woche besser – im Zeichnen und bei der Suche

nach dem perfekten Stein. Im Idealfall ist der schön flach und

abgerundet – mittlerweile kennen wir die besten Ecken für

unsere Modelle“, sagt die Reiseverkehrskauffrau, die mit ihrer

Tochter vor allem in Bächen fündig wird.

Zeichnen statt fernsehen

„Wenn abends im Fernsehen nichts Besonderes kommt, man

am Küchentisch vorbeischlendert und da ein unbehandelter

Stein herumliegt, dann bleiben meine Tochter und ich

zurzeit gerne stehen und fangen an, ihn zu bemalen“, erzählt

Stephanie Bergmann. Dabei achten die zwei darauf, dass keine

Figur doppelt auftaucht. „Jeder Stein ist ein Unikat und keine

Figur sieht aus wie eine andere. Wir wandeln sie immer ab

und zeichnen oder schreiben vor allem lustige Männchen oder

Sprüche auf die Steine. Unsere Steine sollen ihren Findern

schließlich ein Lächeln ins Gesicht zaubern, wenn sie sie

entdecken“, sagen die Künstlerinnen aus Elleringhausen, die

mittlerweile schon mehr als 60 Steine im Sauerland verteilt

haben.

WOLL Herbst 2020- 121


Mascha Bergmann mit ihrem Hund

Frieda beim Verstecken der Steine.

Ihre Mutter Stephanie beim bemalen

der Steine

Von Siedlinghausen nach Hamm

„Wir scrollen abends schon durch die Internetseiten der Sauerlandstones-Bewegung

und schauen, ob einer unserer Steine

gefunden wurde. Spannend ist dabei natürlich immer, wo der

jeweilige Stein wiederauftaucht. Rekordhalter ist bislang ein

Stein, den meine Chefin in Siedlinghausen ausgelegt hat und

der einige Zeit später im Maximilianpark in Hamm wiedergefunden

und online gepostet wurde. Das ist schon witzig“,

berichtet Stephanie Bergmann und strahlt. Wiedergefundene

Bergmann-Steine kann man auf der Sauerlandstone-Facebookseite

oder auf der Instagrammseite von Mascha Bergmann

melden, die unter dem Namen @beagleglitzer zu finden ist.

Makler · Bauträger · Vermietung · Hausverwaltung

... und manchmal schmerzt das Künstlerherz

Ein ganzes Jahr lang Osterhase spielen – das macht Freude,

wobei es auch kritische Momente im Osterhasen-Dasein gibt.

„Manche Steine gelingen uns einfach so gut, dass uns das Herz

bei der Vorstellung blutet, dass sie nach der Auslegung im

Wald möglicherweise nicht wiedergefunden werden könnten.

Der Abschied von solchen Lieblingssteinen fällt uns manchmal

ganzschön schwer. Solche Exemplare behalten wir dann

erst eine Weile im eigenen Garten und legen sie erst dann im

Freien aus, wenn wir uns an ihnen satt geguckt haben“, erklärt

die Sauerländerin, die mit ihrer Familie hier und da auch

mal in eine Diskussion bezüglich des optimalen Auslageorts

verfällt. „Wir diskutieren schon immer mal wieder darüber,

wo man welchen Stein am besten auslegt. Man muss ihn ja so

auslegen, dass er auch bei Regen und Sturm nicht herunterfällt

und so plötzlich die Chance verliert, gefunden zu werden“,

sagt Stephanie Bergmann, die sich freut, dass seit Beginn der

Coronakrise so viele Menschen an der Bewegung der bunten

Steine teilnehmen.

Ein bunter Familienbetrieb

„Bei uns Bergmanns sind wir eigentlich alle dabei. Meine

Tochter und ich zeichnen und mein Mann wartet nur darauf,

dass wieder ein Stein fertig ist, den er dann mit Klarlack überzieht,

um das steinige Kunstwerk möglichst lang haltbar zu

machen“, berichtet sie weiter.

BEWERTUNGSWOCHEN

Bis 31.10.2020 bewerten

wir Ihr Objekt

kostenlos!

Der Mixed aus der Suche nach dem perfekten Stein, dem Bemalen

des Steins mit lustigen Figuren, der Suche des perfekten

Ablageortes und der Spannung auf das Wiedersehen mit ihren

Steinen im Netz versüßt Familie Bergmann und vermutlich

vielen begeisterten Findern die aktuell schwere Coronazeit –

genau wie uns in der WOLL-Redaktion, die sich herzlich für

die wunderbaren WOLL-Steine bedankt. ■

122 - WOLL Herbst 2020


„Nicht gegen den

Fehler, sondern für

das Fehlende.“

- Paul Mohr, Pädagoge

Birgit Kraft (Mitte) und ihr Team.

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Heilpädagogin Birgit Kraft fördert

Kinder von null bis sechs Jahren.

Christel Zidi

Privat

KraftOrt

Heilpädagogische Praxis

Gutenberstr. 5, 59872 Meschede

Mobil 0170/6920660, Kraftbirgit@gmx.de

Eltern, die in die Mescheder Praxis von Birgit

Kraft kommen, machen sich Sorgen um ihr Kind.

Weil es in seiner Entwicklung nicht so weit ist wie

Gleichaltrigeu- aus unterschiedlichen Gründen. Diese Eltern

spüren und wissen, dass ihr Kind - und damit auch

sie - Hilfe benötigen. Hilfe, die ihnen eine Heilpädagogin

wie Birgit Kraft geben kann.

Bereits 2007 hatte Birgit Kraft die Vision einer interdisziplinärer

Frühförderstelle. Ergo-, Physio - und Logopädie mit

der Heilpädagogik - und das alles unter einem Dach. Ein

Förderangebot, das nicht zuletzt den Eltern lange Wege erspart.

In ihrer Heilpädagogischen Praxis in Meschede bietet

sie Frühförderung für Kinder von null bis sechs Jahren an.

Null ist kein Tippfehler, denn die Betreuung beginnt oft

schon während der Schwangerschaft.

Viele Kreativräume

Viele kleine und große Kreativräume finden sich in der Praxis:

den „Aktionsraum“ zum Austoben z. B. oder ein kleines

Zelt mit vielen Kissen, wo das Kind mit „Igelbeinen“ spielen

oder eine leuchtende Schneekugel in die Hand nehmen kann

– alles Tätigkeiten, bei denen die sensorische Integration gefördert,

also Sinnesinformationen verarbeitet und verknüpft

werden. In der Praxis gibt es auch einen Raum, in dem das

Kind das so wichtige Stillsitzen lernen kann. Wichtig für die

Konzentrationsförderung, speziell bei der Schulvorbereitung.

Einfache Hilfsmittel, wie ein „Nudelkissen“ unterstützen

dabei. Auf diesem Kissen sitzt das Kind gerade, warm und

angenehm. Zusätzlich gibt es einen kleinen Hocker, auf dem

das Kind seine Beine stellen kann, die sonst wahrscheinlich

hin- und herschaukeln würden. Die Heilpädagogin kennt

noch einige solch wirkungsvoller, gleichzeitig aber kaum mit

Kosten verbundener Hilfsmittel.

Wichtige Elternberatung

Sie und ihr Team beraten die Eltern in dieser Hinsicht ausreichend:

„Wir geben Imput, geben Ideen“, betont Birgit

Kraft. Ohnehin ist die Zusammenarbeit mit den Eltern extrem

wichtig. Sie kann vielen Eltern zeigen, wie sie ihr Kind

besser verstehen lernen. Nicht nur sprachlich. Bei Hausbesuchen

berät sie, um das heimische Umfeld möglichst auf das

Kind abzustimmen. Hier wendet sie die gleiche Methode an

wie in den Praxisräumen: „Der Ort soll Impulse geben zur

Kreativität“. Die meisten Eltern sind begeistert von ihren Anregungen

und nehmen sie dankbar an. Letztendlich sind sie

es, die ihr Kind rund um die Uhr betreuen.

Apropos Hausbesuche, die Therapiestunden finden sowohl

in ihrer Praxis als auch in Kindergärten und gelegentlich

bei Hausbesuchen statt. Derzeit besteht ihr Team aus fünf

Mitarbeitern – vier Frauen und ein Mann – die im gesamten

Sauerland, also auf gut 1.900 km² tätig sind.

Wenn Birgit Kraft mit den Kindern arbeitet, geht sie ganz

auf sie ein. Sie erzieht die Kinder nicht, sondern fördert sie.

Mit Empathie und ganz viel Wertschätzung. ■

WOLL Herbst 2020- 123


„Die Seele eines Künstlers ist eine andere Seele“

Ulrike Fleischmann kreiert seit fast 50 Jahren Kunstwerke aus Ton

Inga Bremenkamp

„K. unstwerke haben

immer einen Grund.

Sie basieren auf Erfahrung

und haben immer eine

Bedeutung. Sie sind das Spiegelbild

der Künstlerseele und

geben Auskunft darüber, wie

es dem jeweiligen Künstler

zum Zeitpunkt des Modellierens

ging“, erklärt Ulrike

Fleischmann, die im Alter von

22 Jahren angefangen hat, mit

Ton zu arbeiten.

Eine künstlerische Familie

„Kunst ist etwas, was ich selbst nicht kann. Etwas, das man

bewundert“, sagt Ulrike Fleischmann, der die Kunst in die

Wiege gelegt wurde. „Meine Mutter hat sehr gut und realistisch

gemalt und auch ihr Vater, also mein Opa, war schon

Maler. Er hat viele Kirchendecken gestaltet. Meine Kunst ist

definitiv genbelastet“, erzählt die Meschederin, die ihr Wissen

in Form von Keramikkursen an viele Menschen weitergegeben

hat. Als junge Frau, in ihren Anfängen als Künstlerin,

hat Ulrike Fleischmann zunächst Gebrauchsgegenstände wie

Vasen, Teller oder Töpfe aus Keramik gestaltet. „Man muss

das ‚Töpfern‘, das lediglich ein Oberbegriff ist und meist das

Töpfern auf einer Scheibe meint, vom freien Modellieren der

Tonerde ganz klar unterscheiden“, erklärt die 69-Jährige, die

sich selbst entsprechend nicht als Töpferin versteht.

Die Kunst des Modellierens

„In meinen Anfängen habe ich auch getöpfert und VHS-

Kurse im ganzen Sauerland besucht. Aber ich habe mich

weiterentwickelt und irgendwann angefangen, Früchte aus

dem Garten und dem Wald zu modellieren. Daraus ergab

sich zwangsläufig das Abwandeln der Formen und neue, eher

geometrische Formen entstanden. Später habe ich mich dann

Skulpturen in den unterschiedlichsten Formen gewidmet“,

führt die Künstlerin fort, die sich als Autodidaktin viel allein

erarbeitet hat und so erst einmal ihre eigene Linie hat finden

müssen.

Die innere Zerrissenheit eines Künstlers

Auf der Suche nach ihrem eigenen Stil haben ihre Dozenten

der Kunstakademie in Trier geholfen: „Mein Dozent Hans

Gasmann hat mich zum Beispiel gelehrt, plastisch zu sehen

und ein Gefühl für Proportionen und Raum zu entwickeln.

Wirklichkeitsnahe Plastiken wie beispielsweise das Arbeiten

mit Aktmodellen - das ist sehr herausfordernd und führt zu

einer Angespanntheit ohne Punkt und Komma“, sagt Ulrike

Fleischmann, die ihre Kunstwerke damals auch auf der Frankfurter

Kunstmesse ausgestellt hat. „Jede Arbeit eines Künstlers

durchläuft verschiedene Phasen. Zuerst ist da eine Angespanntheit,

vor allem, wenn man etwas Neues schaffen möchte,

dann kommt vielleicht eine starke Zerrissenheit, weil man

das neu Entstandene, aber noch nicht fertige Kunstwerk nicht

wieder zerstören möchte und irgendwann stellt sich eine Entspannung

und Gelassenheit ein, die am Ende zu unendlichem

Glück führt“, führt Ulrike Fleischmann fort, während sie ihr

selbst kreiertes Wandbild in einem ihrer Zimmer bewundert.

Die Philosophie hinter der Kunst

Die Seele eines Künstlers ist eine andere Seele – mit Höhen

und Tiefen wie Ulrike Fleischmann sagt. „Vincent van Gogh

hat in den dunkelsten Tagen seines Lebens, in totaler innerer

Zerrissenheit die besten Bilder gemalt. Die Arbeit eines Künstlers

kann seine Zerrissenheit kompensieren. Künstler sind

immer total emotional. Manchmal haben sie das Gefühl, sie

flögen über das Land. Dann wiederum stürzen sie ab ins Tal,“

erklärt Ulrike Fleischmann, die sich gerne auch der philosophischen

Seite der Kunst widmet. „Ich habe den Theologen

Horstmann getroffen, der sich damit befasst hat, zu welchem

Gefäß sich ein Mensch formen würde, wenn er sich selbst

gestalten würde. Zu einem flachen Teller, einer tiefen Schale

124 - WOLL Herbst 2020


„Künstler sind immer total emotional. Manchmal

haben sie das Gefühl, sie flögen über das Land.

Dann wiederum stürzen sie ab ins Tal.“

Ulrike Fleischmann

oder einem Krug“, berichtet die Künstlerin, die aus solchen

gemeinsamen Gedanken und Gesprächskreisen die Kraft für

ihre Arbeit schöpft.

Pure Handarbeit

Ulrike Fleischmann hat immer viel experimentiert und nie

kommerziell gedacht. „Ich habe meine Glasuren zum Beispiel

immer selbst hergestellt. Die Glasuren, die man fertig kaufen

konnte, habe ich nie gemocht. Natürlich habe ich meine

Arbeiten auch alle selbst gebrannt – in meinem elektrischen

Ofen oder in offener Flamme mit Holz in meinem RAKU-

Ofen“, sagt die Autodidaktin. Heute modelliert sie deutlich

weniger als noch vor ein paar Jahren. Wenn Ulrike Fleischmann

eine Idee in den Sinn kommt, dann widmet sie sich

diesem Projekt ganz bewusst. „Mittlerweile beschäftige ich

mich vor allem mit der Theorie oder male Bilder. Wenn da

aber eine bestimmte Lust ist, dann modelliere ich auch mal

wieder“, sagt die Künstlerin, deren Leben und Entwicklung

sich in ihren Kunstwerken widerspiegelt – man muss nur ganz

genau hinsehen. ■

WOLL Herbst 2020- 125


Paula Pitrelli

und der

unheimliche

Nachbar

Anke Kemper aus Freienohl

veröffentlicht Kinderkrimi

Britta Melgert

S. Droste

U

mzug ins Sauerland. Paula und ihre Mutter haben Dortmund den Rücken gekehrt und ziehen ins

alte Häuschen der Oma. Während die Mutter renoviert, putzt und einrichtet, macht sich Paula daran,

Freunde zu finden und die Umgebung zu erkunden. Doch dass direkt in ihrer neuen Nachbarschaft

seltsame Dinge vorgehen, hätte sie nicht vermutet.

Anke Kemper aus Freienohl hatte bereits sehr früh ein Faible für Texte und

auch fürs Theater. Was als Schülerin mit der Entwicklung eines Hörspiels

begann, führte sie bald mit dem Schreiben lustiger und spannender

Kurzgeschichten und - als logische Folge ihres Hobbies Laien theater

- auch von Theaterstücken fort. „Mit unserer Theatergruppe

Holterdipolter spielen wir meine Stücke bereits seit zehn Jahren“,

erzählt Anke Kemper. Nicht nur die eigenen, sondern auch

rund 400 Werke von anderen Autoren vermarktet sie inzwischen

im gesamten deutschsprachigen Bereich im eigenen

Theaterverlag.

Schreiben und Malen –

Inspiration und Leidenschaft

Eine weitere Leidenschaft, die Anke Kemper seit ihrer Jugend

begleitet, ist die Malerei. Was mit ersten Versuchen auf der

geschenkten Staffelei begann, hat sich weiterentwickelt zu dekorativen

Wandbildern auf Leinwand sowie am Computer erstellten Illustra­

126 - WOLL Herbst 2020


tionen für Bücher oder auch für das WOLL-Magazin.

Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch ihr neues

Kinderbuch mit eigenen Zeichnungen dekoriert wurde.

Und so fiebert man mit beim visuell unterstützten Lesen,

wenn Paula und ihre beiden Freunde aufregende Zeiten

erleben. Die Spannung steigt. Was macht der fremde

Mann da im Haus der Nachbarin, die doch im Krankenhaus

liegt? Da stimmt was nicht! Das Trio legt sich auf die

Lauer, um die Sache zu klären …

Für Pia und die Kids von heute

„Über die Abenteuer von Paula habe ich vor zwölf Jahren

für meine damals achtjährige Tochter Pia geschrieben“,

verrät Anke Kemper. „Die Kleine fand die Geschichte

damals so spannend, dass ich mir denke, dass sie auch

andere Kinder in den Bann ziehen und zum Lesen motivieren

wird“, denkt sie. Doch bevor der alte Text nun

zu einem Buch für Kinder von heute verarbeitet werden

konnte, musste er von vorne bis hinten aktualisiert

werden. „Schon erstaunlich, wie sehr sich der Alltag der

Kids in den wenigen Jahren verändert hat, insbesondere

im technischen Bereich“, sagt Kemper und lacht, und sie

ergänzt: “Welcher Schüler griff damals schon zum Handy,

um Freunde zu sprechen? Da fuhr man auf dem Fahrrad

schnell dorthin!“

Flüsterton: Achtung Paula, versteck dich!

Nun ist das Buch erschienen; die erste Auflage findet,

nicht nur hier im Sauerland, regen Absatz, und es erhält

seinen Platz in den Regalen der Kinderzimmer neben den

Geschichten von Enid Blytons „Fünf Freunden“ oder

denen der „Drei ???“. Ob die jungen Leser die 136 Seiten

nun in der Kuschelecke oder lieber mit der Taschenlampe

unter der Bettdecke verschlingen, bleibt Geschmackssache.

Gänsehaut kommt so oder so auf, wenn es richtig

spannend wird. Wer wollte Paula da nicht flüsternd warnen,

wenn sie dort unten im dunklen Keller ihrer Detektivarbeit

nachgeht und sich plötzlich Schritte nähern…?

Doch Schluss jetzt mit dem Buchinhalt, bevor der

Spoiler-Alarm ausgelöst werden muss. Selber lesen, macht

ohnehin mehr Spaß. Der Kinderkrimi „Paula Pitrelli und

der unheimliche Nachbar“ ist im WOLL-Verlag erhältlich.

Natürlich dürfen nicht nur Kinder Paulas Abenteuer

lesen, sondern auch Erwachsene, die sich an ihre schöne,

aufregende Kindheit im Sauerland erinnern möchten. ■

WOLL Herbst 2020- 127


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Von wegen „altes Eisen“

85-jähriger Albrecht Boskamp hält sich im Fitnessstudio fit

Nicola Collas

S. Droste

B

ei der Vorbesprechung für unser Sommer-

Magazin fiel beim Thema „Aktive Senioren“ sofort

der Name Dr. Albrecht Boskamp. Der 85-Jährige

war bis zum Jahr 2000 Chefarzt der Chirurgie am St.

Walburga-Krankenhaus und ist auch seit seiner Pensionierung

immer noch sehr aktiv. Viele Jahre war er für

die Organisation „German Rotary Volunteer Doctors“

tätig, half in Krankenhäusern mit, u. a. in Ghana. Der

Mescheder ist außerdem sehr sportlich, geht regelmäßig ins

Fitnessstudio.

Als ich den Auftrag bekam, einen Beitrag über Dr. Boskamp

zu schreiben, erinnerte ich mich daran, dass mein Vater in den

70er Jahren einige Male von ihm operiert wurde. Ein guter

Einstieg für unser Interview: „Sie haben früher meinen Papa

ein paar Mal operiert. Der war immer sehr begeistert.“ Dr.

Boskamp meinte daraufhin: „Woran habe ich ihn operiert?

Sie müssen wissen: An Namen kann ich mich nicht mehr so

gut erinnern. Aber wenn ich jemanden in der Stadt treffe,

der mich anspricht, gucke ich als erstes auf den Hals, wegen

der Schilddrüse, oder ich gucke, wo ich ihn sonst operiert

haben könnte und dann fällt mir oft der Name wieder ein“,

schmunzelt Albrecht Boskamp. Da musste ich das erste Mal

laut lachen während unseres Interviews und es war nicht das

einzige Mal. Dr. Boskamp hat einen tollen Humor.

Das schmerzende Knie

„Wie fühlen Sie sich heute?“, will ich von ihm wissen. „Ich

fühle mich sehr wohl. Allerdings macht mir mein linkes Knie

Probleme. Als Student hatte ich 1956 einen Skiunfall. Damals

wurde die Stelle eingegipst. Irgendwann ging es wieder und

ich hatte im Laufe der Jahre wenig Beschwerden - bis zum

Ende meiner Karriere. Da hatte ich wegen eines eingeklemmten

Meniskus Schmerzen“, erzählt er. Wie gut, dass zu der Zeit

schon der Nachfolger von Dr. Boskamp für die Unfallchirurgie

am Walburga-Krankenhaus eingeführt worden war. „Ich

habe mich selbst davon überzeugt, dass der Junge das kann.

WOLL Herbst 2020- 129


„Es fehlt mir etwas, wenn ich nicht in die Muckibude gehen kann.“

Dr. Albrecht Boskamp

Dr. Drüppel hat das Knie arthroskopiert, den Teilmeniskus

reseziert und mir gesagt, dass ich mit dem Knie immer Last

haben werde“, erklärt Dr. Boskamp. Vor kurzem bat der

Pensionär seinen Nachfolger Detlef Drüppel noch mal, in sein

Knie zu gucken: „Schön sah das da drin nicht aus, meinte er.

Ich will aber noch kein neues Knie, also ging ich zum Sportphysiotherapeuten

Georg Wüllner in Bödefeld - der ist ja eine

Koryphäe auf seinem Gebiet. Und der gab mir ein intensives

Übungsprogramm mit auf den Weg.“ Drei Mal in der Woche

arbeitet Albrecht Boskamp im Fitnessstudio Enjoy in Wehrstapel

an einer Beinpresse, damit sein Knorpel ordentlich durchgewalkt

wird, was bedeutet, dass er bei Belastung abwechselnd

Druck und Entlastung erfährt. So wird der Knorpel gestärkt.

Viel Zeit im FitnessStudio

In der Corona-Zeit, als die Fitnessstudios dicht waren, fehlte

dem 85-Jährigen das regelmäßige Training. „Das gehört

für mich zu meiner Struktur der Woche. Das gefiel mir gar

nicht, dass ich morgens nicht mehr dorthin konnte.“ Seit 19

Jahren ist Albrecht Boskamp im Enjoy in Wehrstapel aktiv.

Ein halbes Jahr nach seiner Pensionierung trat er als Mitglied

in das Fitnessstudio ein. Seitdem trainiert er dort regelmäßig,

um beweglich zu bleiben und sich seine Kraft zu erhalten. Ab

und an bekommt er Tipps von seiner jüngsten Tochter, die

in Berlin ein Fitnessstudio leitet. Bis vor kurzem machte er

noch bei den Radtouren des SC Meschede mit, mittlerweile

ist er mit dem Rad, aber eher alleine unterwegs. Im Wohnzimmer

steht ein Trimmrad, auf dem er regelmäßig trainiert.

Aber: „Es fehlt mir etwas, wenn ich nicht in die Muckibude

gehen kann“. Solange es noch geht, will er das Ritual weiter

beibehalten. „Ich treffe dort immer dieselben Leute, dann hält

man mal ein kurzes Schwätzchen. Ich bin allerdings bekannt

dafür, dass ich nicht lange an der Ecke stehe, sondern mein

Programm durchziehe, das gut eine Stunde dauert. Ich gehöre

ja zu denjenigen, die am längsten im Enjoy aktiv sind“, erzählt

der Pensionär. Während Urlaubsreisen suchte er in den Hotels

sofort den Fitnessraum auf, aber dort fühlte er sich nie so wohl

wie im Enjoy, das für ihn wie ein Zuhause ist, erzählt er mir.

Ärztliches Engagement

Jahrelang engagierte sich Dr. Boskamp als Arzt im Ausland,

speziell in armen Ländern. Diese Tätigkeit übt er mittlerweile

nicht mehr aus: „Nicht, weil ich nicht mehr belastbar wäre.

Mir fehlt das Feingefühl in den Fingern.“ Eigentlich wollte der

Arzt nach seiner Pensionierung ein chirurgisches Sabbatjahr

einlegen. „Aber meine Familie fand, dass ich zu lästig wurde,

da ich mich um Sachen kümmerte, für die ich vorher keine

Zeit hatte. Also meinten meine Kinder: Der Papa muss jetzt

wieder was machen“, schmunzelt der fünffache Vater. Sie

schlugen ihm ein Engagement bei Cap Anamur vor, das Dr.

Boskamp aber ablehnte: „Die schicken ihre Ärzte in Krisenregionen.

Ich wollte mich nicht totschießen lassen.“

Er schloss sich der Organisation German Rotary Volunteer

Doctors an, arbeitete jedes Jahr für ein paar Wochen in zwei

Krankenhäusern in Ghana und führte dort Operationen

durch. Nicht nur das: Albrecht Boskamp versorgte die Ärzte

in Ghana mit OP-Kleidung, Medikamenten, Infusionen aus

den Krankenhäusern in Meschede und Arnsberg, vermittelte

den Ärzten vor Ort theoretisches und fachliches Wissen und er

warb Kollegen aus dem Sauerland an, die sich auch der Organisation

anschlossen. „Diese Arbeit hat mein Leben sehr verändert.

Das war eine tolle Zeit, in der ich wirken und meine

Erfahrungen weitergeben konnte“, freut sich Dr. Boskamp. ■

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130 - WOLL Herbst 2020


„Alte Forstscheune“ ist

Seele des Madfelder

Dorfplatzes

Mit Herzblut und ganz

viel Arbeitseinsatz

Petra Kleine

Sabrina Voss

Häuser haben viel zu erzählen“, das sagt

man so schön. Wenn aber dieses alte Haus

„Alte

in Brilon-Madfeld reden könnte, dann hätte

es wirklich sehr viel zu berichten. Welches Haus kann

schon von sich behaupten, zweimal umgezogen zu sein

und heute in schönerem Glanz zu erstrahlen als je zuvor?

Erbaut wurde die „alte Forstscheune“ im Jahr 1828 für die

kurfürstliche Forstdienststelle in Madfeld, rund einen Kilometer

entfernt von ihrem jetzigen Standort. In ihrer Deele

trafen sich die Frauen, um für ihre Anpflanzungen im

Wald die Bäume zu sortieren. Einem Pferd und einer Ziege

sowie einigen Schweinen bot sie ebenso Unterkunft wie

einem Heuwagen und landwirtschaftlichem Gerät.

Bis Anfang der 1970er Jahre war sie im Einsatz, aber dann

wurde sie nicht mehr benötigt. Das Freilichtmuseum in

8.845 Stunden wurden

ehrenamtlich erbracht.

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WOLL Herbst 2020 - 131


Detmold wurde auf das Gebäude mit seinem prägnanten

Krüppelwalmdach aufmerksam und zeigte Interesse, es in

sein Museumsdorf zu holen. So wurde die Scheune dann

tatsächlich Anfang der 80er Jahre vom LWL Freilichtmuseum

fachgerecht abgebaut und trat ihren Weg nach Detmold

an. Geschützt und trocken eingelagert, wartete sie nun

darauf, bald als Museumsstück zu erstrahlen. Jahrzehntelang

passierte jedoch gar nichts. Dann stellte der LWL fest,

dass er bereits über zu viele Bauwerke dieser Art verfügte

und kein Interesse mehr am Wiederaufbau bestand.

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Zurück in die Heimat

Zum Glück bekam das eine gebürtige Madfelderin mit, die

beim LWL arbeitete. Sie erzählte ihrem Arbeitgeber von

den Aktivitäten ihres Dorfes anlässlich der 1000-Jahr-Feier

im Jahre 2011. Neben vielen Festivitäten wurde damals

ein neuer Dorfplatz geschaffen. Das Schmuckstück dort ist

ein nach alten Unterlagen neu und mit viel Eigenleistung

errichtetes historisches Backhaus. Wäre es da nicht ideal,

die alte Scheune wieder zurück in ihre Heimat zu holen

und an diesem Dorfplatz ein neues Zuhause zu geben, als

Begegnungsstätte für Jung und Alt? Für Feste und Feiern?

Der Verein „1000 Jahre Madfeld“ war sofort begeistert

und freute sich auch über die Unterstützung, die der LWL

(Landschaftsverband Westfalen Lippe) zusagte, um einen

originalgetreuen Wiederaufbau zu realisieren. Weitere Hilfe

konnte über LEADER und eine Vielzahl anderer Sach- und

Geldspender gewonnen werden. Der Großteil der Arbeit

wurde über Eigenleistung erbracht. Wer von den fleißigen

Helfern hätte sich aber wohl träumen lassen, dass insgesamt

über 8.845 Stunden ehrenamtlich erbracht würden? Sowas

geht wohl nur in einer Dorfgemeinschaft!

Los geht’s!

Als die Einzelteile der Scheune 2017 aus Detmold zurückkamen,

begann die Arbeit. Alles ausbreiten, sichten,

säubern, nach alter Tradition mit Leinöl streichen, Beschädigungen

reparieren und sehr viel über die Fertigungstechniken

von damals lernen. Ein Restaurator versorgte

die Männer mit Fachwissen und stellte auch die richtigen

Werkzeuge bereit. Für die Männer verging die Arbeit wie

im Flug, auch wenn sie immer wieder mit neuen Herausforderungen

zu kämpfen hatten.

132 - WOLL Herbst 2020


Alles sollte so originalgetreu wie möglich werden. So wurde

beispielsweise auch in mühevollster Kleinarbeit auf der

Deele das „Tudorfer Zickzack Pflaster“ mit historischen

Steinen ausgelegt. Eine beeindruckende Fleißarbeit!

Aber wie soll man das alles beschreiben? Man muss es einfach

sehen! Schon von außen fällt das große Scheunentor

auf, davor die bunte Wildblumenwiese. Innen begeistert

nicht nur der gemütliche Kachelofen, der wohlige Wärme

verströmt, sondern die ganzen, so liebevoll gestalteten

Räumlichkeiten, die auch für Feiern gemietet werden

können.

Wenn das Haus erzählen könnte… Von hier möchte es

sicherlich nicht mehr weg. Es freut sich darauf, vielen

Menschen unbeschwerte, glückliche Stunden schenken zu

dürfen. ■

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WOLL Herbst 2020 - 133


Ein starkes Dorf

packt gemeinsam an...

Alte Schule in Erlinghausen wird zum Dorfmittelpunkt für Vereine und

fürs Handwerk umgebaut/Vereine auch bei Kirchensanierung im Einsatz

Paul Senske

Sabrina Voss

134 - WOLL Herbst 2020


E s

ist ein starkes

Stück Sauerland, direkt

an der Landesgrenze zu

Hessen. „In Erlinghausen lohnt es sich zu leben,

wir pflegen eine starke Gemeinschaft“, sagt

Ortshei matpfleger und -Chronist Herbert Dülme.

Für Gisbert Schröder, ein Sohn des überregional bekannten

Wetter bauern Hermann Schröder und Vorsitzender des Fördervereins

„Use Erlingsen“, „läuft es“ im rund 1000 Seelen zählenden Dorf, das buchstäblich

anpackt und maß geblich in Eigenregie ein viel beachtetes Projekt stemmt: Die alte Grundschule

wird zu einem Tradition und Moderne verbindenden Dorfmittelpunkt für Vereine, für Jung und Alt

sowie fürs Handwerk umgebaut. Gleichzeitig sind die Vereine bei der Innensanierung der Pfarrkirche der

St.-Vitus- Gemeinde im Einsatz. „Wir arbeiten in Erlinghausen eng zusammen“, betont Ludger Kemmerling,

stellvertretender Vorsitzender und Geschäftsführer des Kirchenvorstandes.

WOLL Herbst 2020 - 135


Erlinghausen versteht sich als

„Bauern- und Handwerksdorf“

Die enge Zusammenarbeit der Vereine und den Willen,

ihr Dorf noch lebenswerter zu gestalten, lobt auch

Ortsvorsteher Thomas Schröder. „Der Zusammenhalt

ist beispielhaft.“ Der zeigt sich auch bei den Arbeiten an

den beiden Baustellen alte Schule und Kirche. „Es geht

um unsere Heimat“, meint Hermann-Josef Emmerich,

der Vorsitzende und Hauptmann des Schützenvereins.

„Daher ist es selbstverständlich, dass die Bereitschaft zu

helfen, sehr groß ist. Unsere Zukunft gehen wir gemeinsam

an.“

Für den Ort ist vor allem das Projekt des Grundschulumbaus

ein bedeutender Meilenstein der Dorferneuerung

und -Weiterentwicklung. Es geht um eine erhebliche Aufwertung

des Areals Kindergarten, Schule und Hans-Watzke-Stadion.

„Ein attraktiver Treffpunkt für Jung und Alt

entsteht hier“, sagt Michael Müller, der Vorsitzende des

Musikvereins, der die alte, 2007 geschlossene Schule

bereits seit Jahren u. a. mit einem Probenraum nutzt.

„Wir haben 90 Aktive im Alter von zwölf bis 70 Jahren

und freuen uns riesig, wenn das Gebäude umgebaut und

wieder voller Leben ist.“

In der Tat: „Voller Leben“ soll das bisher in großen Teilen

leerstehenden Gebäude wieder werden. Gemeinsam

hatte das Dorf unter Federführung des Fördervereins

„User Erlingsen“ (Unser Erlinghausen), der sinnbildlich

für die starke Gemeinschaft steht und seit 2006 besteht,

ein Konzept entwickelt. Die Idee, eines Teilabrisses des

Gebäudes, wurde schnell verworfen, da die Gebäudesubstanz

mit ihrer massiven Bauweise zu schade für den

Abriss ist. Stattdessen wurde ein Konzept entwickelt, das

ambitioniert ist und Vorfreude weckt. Der Musikverein

erhält neben dem bisherigen Probenraum einen weiteren

fürs Equipment. Der Sportverein RWE freut sich über

Unterstellmöglichkeiten und einen räumlichen Verkaufstand.

Ein Gymnastikraum wird eingerichtet, u. a. für

die Ballett-Gruppen des Karnevalvereins - Erlinghausen

ist eine Hochburg des Sauerländer Karnevals. Catering-Flächen

auf den Fluren, Garage sowie Werkraum

und Küche sind ebenfalls geplant. Bahnbrechend dürfte

die Unterbringung des Dorfarchivs werden. „Die Dorf-

Geschichte wird zentral an einem Ort abgelegt“, sagt

Dülme. „Ziel ist es, das Archiv digital aufzubereiten,

damit wären wir Vorreiter in Marsberg und Umgebung.“

Das gilt auch für Teilprojekt „Schule und Handwerk“.

Erlinghausen versteht sich als „Bauern- und Handwerksdorf“

mit rund zwei Handvoll Handwerksbetrieben.

Angedacht war ursprünglich ein Handwerks-Museum.

Die Idee wurde aber verworfen. In einer Klausurtagung

in der katholischen Landvolkshochschule Hardehausen

(„Dorfentwicklung durch Zukunftswerkstätten als

Motivationssog und Ideengenerator“) wurde die Idee

eines Schulungs- und Ausstellungsraums fürs Handwerk

geboren. „Den Schulungsraum mit Multimedia können

die Marsberger Betriebe für Bildung und Weiterbildung

nutzen“, meint Thomas Schröder. „Das Interesse des

regionalen Handwerks ist vorhanden.“ Auch der Ausstellungsraum,

so Schröder, dürfte stark frequentiert werden.

„Die Betriebe können zudem bei uns um Nachwuchs

werben.“

3500 Stunden an Eigenleistungen

Insgesamt 380.000 Euro kostet das Schulprojekt.

Vorausgegangen war ein langer Weg durch mögliche

Förderinstanzen, der schließlich von Erfolg gekrönt

136 - WOLL Herbst 2020


war. Das Dorf erneuerungsprogramm NRW macht

hauptsächlich die Finanzierung möglich. „65 Prozent

werden gefördert, 35 Prozent müssen an Eigenleistung

und Spenden erbracht werden“, erklärt Dülme. „Wir

rechnen mit rund 3500 Stunden an Arbeitseinsätzen.“

Gemeinsam mit örtlichen Handwerksbetrieben arbeiten

die Erlinghauser buchstäblich Hand in Hand – und

nicht nur an Wochenenden. Im Mai 2021 sollen die

Arbeiten beendet sein. „Corona hat bei den Arbeiten

aber zu Verzögerungen geführt“, so Ortsvorsteher

Schröder. „Notfalls müssen wir um eine Verlängerung

der ursprünglich geplanten zwei Jahre Bauzeit nachsuchen.“

Parallel zur Schule laufen auch die Arbeiten in der

St-Vitus-Pfarrkirche. „Feuchtigkeit hat den Marmorboden

angegriffen“, erläutert Ludger Kemmerling. „Der

Boden Tennisballstapeln muss daher mal grundsaniert anders werden. Unter anderem

beim Aushub des Bodens waren die Erlinghauser

im Einsatz.“ Daneben geht es um Innenanstrich und

Ausmalung, Heizung und Elektrik, um die Renovierung

der Orgel sowie um die technische Sanierung

tember finden die Erwachsenen-Clubmeisterschaften (ca.

des Glockenturms. Diese Maßnahmen werden vom

60 Teilnehmer bei zwölf Konkurrenzen) statt, die Endspiele

laufen im September inclusive einer „Players Night“.

Erzbistum Paderborn gefördert.

Dieses System der langen Laufzeit der CM hat sich bei uns

„Heimat ist, wo´s Herz ist“ (Ergebnis einer

bewährt“ sagt Lars Roßkamp, 1. Vorsitzender des Vereins.

„Die Umfrage Jugendlichen der spielen Katholischen Ihre Clubmeisterschaften Landjugend) nach

wie vor an einem Wochenende.“

„In Erlinghausen tut sich derzeit eine Menge. Wenn

man so will, sind das große Dinge für unseren kleinen

Seit 2019 wird für die Vereinsmitglieder auch wieder die

Ort“, erklärt Dülme. „Es gibt aber auch viele kleine

Abnahme des Leichtathletik-Sportabzeichens angeboten

Dinge, die Erlinghausen liebenswert machen. Günter

– der Verein ist gegenüber vielen sportlichen Disziplinen

Schulte beispielsweise baut Bänke, die an der Rückenlehne

mit Gemarkungsnamen versehen sind.“ Großes

sehr aufgeschlossen.

Lob erhält auch die örtliche Katholische Frauengemeinschaft

(KFD). „Die KFD ist bei allen Aktionen im Ort

Natürlich ist die geographische Lage, weit im Osten des

TK Sauerland, eine Herausforderung, wenn es beispielsweise

darum geht, Kinder am Sichtungstraining des Krei-

dabei. Beispielsweise richtet sie den Beerdigungs-Kaffee

im Pfarrheim aus und zeigt sich mit den Menschen

ses oder an Turnieren teilnehmen zu lassen.

solidarisch. Das Team um Mechthild Müller leistet

Großartiges fürs Dorf.“ Das gilt natürlich auch für die

Unter dem Strich ist Lars Roskamp sehr zufrieden mit der

Schützen, die hinter der Halle eine Festwiese - auch

Entwicklung des Vereins: „Die Begeisterung für den Sport

für Ferienfreizeiten - gebaut haben. Die Katholische

ist da, wir haben einen tollen Zusmammenhalt und wir

Landjugend (KLJB) spielt ebenfalls eine wichtige Rolle

freuen uns, ein so bereit gefächtertes sportliches Angebot

im Dorf, nicht nur bei der Organisation von Ferienfreizeiten.

Im letzten Jahr hatte sie sich im Dorf umgehört

für alle Alterklassen zu haben!“

und nach der Zukunft des Ortes gefragt. Das Ergebnis:

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„Heimat ist, wo´s Herz ist“. In Erlinghausen schlägt es

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WOLL Herbst 2020 - 137


Die Schwalenburg bei Schwalefeld

Ihre Ursprünge liegen im Nebel der Vergangenheit

Silvia Padberg

Auf dem Hegeberg bei Willingen-Schwalefeld

steht ein 8,5

Meter hoher Aussichtsturm,

der an den Turm einer mittelalterlichen

Befestigungsanlage erinnert.

Von hier aus kann man auf die

Ruinen der Schwalenburg blicken.

Vermutlich entstand sie gegen Ende

des 8. Jahrhunderts, in der Karolingerzeit.

Urkundlich wird sie erstmals

1537 erwähnt. Doch zu dieser Zeit

war sie bereits lange überwachsen.

Ihren ursprünglichen Namen kennt

niemand mehr, ihre Ursprünge liegen

im Dunklen.

Im frühen Mittelalter zählte sie zu den

eindrucksvollsten Burgen in Mitteleuropa.

Sie erstreckte sich über eine

Fläche von sechs Hektar und bestand

aus drei ineinandergreifenden Befestigungsringen,

die im Laufe der

Aufbauphasen entstanden.

Die Struktur der Burganlage erkundet

man über die verschieden langen

Ringwallwege, die im Jahre 2015 entstanden.

Sie haben eine Gesamtlänge

von etwa zwei Kilometer. Hier sieht

man verfallene Mauerfronten und die

Tore der drei Burgringe. Möglicherweise

finden sich hier sogar Artefakte

aus vergangener Zeit …

Als jüngster Bestandteil umschließt

ein circa 700 Meter langer Befestigungsgürtel

ein größeres Vorburgareal,

bevor ein zweiter Burgring in Erscheinung

tritt. Ihren Abschluss findet die

Anlage schließlich in der Kernburg,

die die Bergkuppe umgibt.

War es eine altsächsische Burg oder

diente sie fränkischen Truppen als

militärischer Stützpunkt? Auf jeden

Fall ließ sich von hier, auf einer Höhe

138 - WOLL Herbst 2020


von 660 m ü.NN, das Umland bestens

kontrollieren. Etwa 150 Jahre nach ihrer

Entstehung wurde die Burganlage umfassend

instandgesetzt, dabei entstand der

innere und äußere Burgring.

Die Schwalenburg wurde vor der Jahrtausendwende

aufgegeben und die Steine

wurden abgetragen. Im gesamten Upland

wurden die Steine beim Hausbau verwendet.

Auf der Schautafel erkennt man deutlich die Burgringe

Die „Freunde der Schwalenburg“, der

Heimat-, Kultur- und Geschichtsverein

Willingen (Upland) veranstalten regelmäßig

Events auf der Anlage. Mittelalterliche

Mittsommernachtsfeuer zum

Beispiel. Was würde besser an einen Ort

wie diesen passen? ■

„In der gesamten Umgebung

verwendete

man die Burgsteine

beim Hausbau“

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neu und aus westheim

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WOLL Herbst 2020 - 139


Regeln umsetzen und für

einen geordneten Ablauf sorgen

Klaus Hülsenbecks

Aufgaben als

Bürgermeister und

Schiedsrichter

Manfred Eigner

W

as haben ein

Bürgermeister und

Fußballschiedsrichter gemeinsam?

“Die haben es nicht leicht

und bekommen beide was auf den

Deckel”, heißt es im Volksmund.

Klaus Hülsenbeck ist seit 44 Jahren

Fußballschiedsrichter und seit sechs

Jahren Bürgermeister von Marsberg.

Nach der Kommunalwahl am

13.09.2020 endet seine erfolgreiche

Amtszeit im Rathaus. Einsatz für

das Allgemeinwohl, Leidenschaft für

Menschen, Unparteilichkeit prägen

das Leben des 62-Jährigen aus

Brilon-Messinghausen. Eines hat

er sich aber manchmal gewünscht:

“Was in der Politik fehlt, sind

vielleicht die Gelben und Roten

Karten”, sagt er im WOLL-Interview

und schmunzelt.

Der Bürgermeister

WOLL: Herr Hülsenbeck, was bedeutet

es in der Rückschau, Bürgermeister

einer Stadt zu sein?

Zahlen und Fakten begleiten die Arbeit

Klaus Hülsenbeck: Vor über sechs

Jahren habe ich das Amt des Bürgermeisters

übernommen. Gemeinsam

mit dem Stadtrat haben wir

unsere schöne Stadt an der Diemel

- mitsamt der Ortschaften - positiv

weiterentwickelt. Viele Projekte -

Finanzen, Integration, Windkraft

etc. - konnten wir zusammen auf den

Weg bringen. Wohltuend war das mir

von Beginn an entgegengebrachte

Vertrauen der Bürgerinnen und

Bürger und die vielfältige, oftmals

ehrenamtliche Unterstützung, die

vieles erst möglich gemacht hat.

WOLL: Was war das Ausschlaggebende

als Nichtmarsberger, sich als

Bürgermeisterkandidat zur Verfügung

zu stellen?

Klaus Hülsenbeck: Letztlich war es

die direkte Ansprache und Anfrage,

für das Amt des Bürgermeisters zu

kandidieren. In Marsberg und teils

weit darüber hinaus anerkannte Einzelpersonen

sowie der CDU-Stadtverbandsvorstand

Marsberg haben

das Gespräch gesucht und mir eine

hohe Wertschätzung entgegengebracht.

Da ich ohnehin gern mit

und für die Bürgerinnen und Bürger

arbeite, habe ich, nach dem Okay

des Familienrates, zugesagt - und es

bis heute nicht bereut. Auch nach

meiner Amtszeit werde ich noch oft

in Marsberg anzutreffen sein.

WOLL: Was war während der gesamten

Amtszeit das Wichtigste und

was das Schwierigste an Entscheidungen?

Klaus Hülsenbeck: Das Schwierigste

ist eigentlich, allen gerecht zu

werden. Auch wenn man es noch so

möchte. Tatsächlich muss man neutral

nach Recht und Gesetz entscheiden.

Wichtige Angelegenheiten gab

es neben dem Tagesgeschäft und den

Repräsentationen reichlich.

Gern nutze ich hier die Gelegenheit,

mich bei allen Kolleginnen

140 - WOLL Herbst 2020


Das Schwierigste ist eigentlich, dass

man es nie, auch wenn man es noch so

möchte, allen gerecht zu werden.

und Kollegen sowie den im Rat vertretenen Parteien für

die sachliche Mitarbeit, Mithilfe und Unterstützung zu

bedanken.“

Aufwand wird sicher nicht geringer. Insofern habe ich

entschieden, nicht mehr zu kandidieren. Marsberg ist

rechnerisch schuldenfrei, wir sind solide aufgestellt, neue

Projekte sind eingestielt und ein neuer Bürgermeister

kann jetzt mit frischer Kraft, innovativen Ideen und

Tatkraft wirken.

Der Schiedsrichter

WOLL: In ihrer sportlichen Freizeit haben Sie sich viele

Jahre als Schiedsrichter qualifiziert und sich einen Namen

gemacht. Gibt es Parallelen zwischen der erfolgreichen

Arbeit als Schiedsrichter und als Bürgermeister?

Klaus Hülsenbeck: Ganz klar ja. Auch als Schiedsrichter

muss man die vorgegebenen Regeln umsetzen und

für einen geordneten Ablauf sorgen. Menschenführung,

Fachkenntnisse, Zuverlässigkeit, Stressbeständigkeit,

Sozialkompetenz und Durchsetzungsstärke mit Blick

für das Wesentliche sind nur einige Merkmale, die auch

im Schiedsrichterwesen wichtig sind. Mit einem Augenzwinkern

fügt Klaus Hülsenbeck an: Früher hatte ich mit

22 Spielern plus Auswechselspielern zu tun, heute mit 34

Ratsmitgliedern. Was fehlt, sind vielleicht die gelben und

roten Karten.

WOLL: Wo waren Sie sportlich unterwegs?

Klaus Hülsenbeck: Seit 44 Jahren bin ich meinem Heimatort

Messinghausen als Schiedsrichter, jetzt allerdings

passiv, treu geblieben und habe nie den Verein gewechselt.

Als Schiedsrichter konnte ich bis zur heutigen 3. Liga

tätig sein und als Linienrichter, heute Schiedsrichterassistent,

bis zur 1. Bundesliga. In den insgesamt neun Jahren

auf der DFB-Liste war die Linienrichtertätigkeit beim

A-Länderspiel Schweden gegen Litauen mit dem heutigen

Chef der Schiedsrichter beim DFB, Lutz-Michael Fröhlich,

das Highlight.

WOLL: Aus welchem Grund endet die Karriere nach

dieser Legislaturperiode?

Klaus Hülsenbeck: Ich merke im fortgeschrittenen Alter,

dass man für ein gutes Ergebnis einen immer höheren

Aufwand betreiben muss. Bei jetzt schon im Schnitt 50

bis 60 Wochenstunden bleibt da kaum Luft nach oben.

Die nächste Wahlperiode läuft über fünf Jahre und der

Klaus Hüsenbeck, der Privatmensch

WOLL: Wie sieht im Rückblick eigentlich die Freizeit

eines Bürgermeisters aus?

Klaus Hüsenbeck: Damit sind wir schnell fertig. Das

Privatleben wird auf ein Minimum zurückgefahren. Ab

und an bestand die Gelegenheit, außerhalb des Urlaubs

mal ein Fußballspiel zu sehen oder ein paar Stunden oder

Tage mit dem Freundeskreis zu verbringen.

WOLL: Wie sieht die Zeit dann als Bürger Klaus Hülsenbeck

aus?

Klaus Hülsenbeck: Wenn der Akku wieder aufgeladen ist

und ich gesund bleibe, werde ich einiges von dem in den

letzten Jahren Versäumten nachholen. Beim Sport, im gesellschaftlichen

Bereich, beim Reisen, Fahrrad fahren oder

wandern zum Beispiel. Auch Freundschaften werden intensiver

gepflegt, als das in den letzten Jahren möglich war.

WOLL: Sie sind ein Meilenstein in der Stadtgeschichte

von Marsberg geworden. Was ist aus Ihrer Sicht das, auf

was Sie selbst besonders stolz zurückblicken?

Klaus Hülsenbeck: Meilenstein ist sicher des Guten zu

viel. Ich hoffe, dass viele Bürgerinnen und Bürger, aber

auch Kolleginnen und Kollegen sich gern an mich erinnern.

Ein bisschen stolz bin ich tatsächlich darauf, dass

es gelungen ist, parteiübergreifend und sachorientiert mit

dem Stadtrat zum Wohle der Bürgerinnen und Bürger

zusammenzuarbeiten. So muss es sein. Die Sache und

nicht die Partei muss im Vordergrund stehen.

WOLL: Gibt es etwas, dass Sie Ihrem Nachfolger mit auf

den Weg geben möchten?

Klaus Hülsenbeck: Nein. Jeder hat sein Amt nur auf Zeit

und ich bin sicher, dass mein Nachfolger keine Ratschläge

braucht. ■

WOLL Herbst 2020 - 141


Sternenfunkeln

überm Sauerland

Das Wort Fomalhaut kommt aus dem Arabischen und

bedeutet „Maul des südlichen Fisches“. Und gemeint

ist damit einer der hellsten Sterne am Herbsthimmel.

Ab den ersten Oktobertagen ist der bläulich-weiß leuchtende

Stern tief am Südhorizont, im Sternbild der Fische zu sehen.

Sein Licht passiert die horizontnahmen Luftschichten und

scheint daher noch stärker zu funkeln.

Im Sternbild Fisch leuchtet am 14. Oktober auch ein anderer

Stern besonders hell. Es ist der Mars, der dann die ganze Nacht

über sichtbar ist. Heller leuchtend als der Riesenplanet Jupiter.

Den ganzen Oktober über gibt es auch jede Menge Meteoriten

zu sehen. Also auf zur Sternschnuppen-Jagd. (c.z.) ■

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die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält

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Die nächste Ausgabe erscheint

Anfang Dezember 2020

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142 - WOLL Herbst 2020


Das Urlaub in Deutschland sehr abwechslungsreich sein kann, liegt

natürlich schon an den unterschiedlichen Ferienregionen. Ob man sich

nun für das Sauerland oder die Nordsee entscheidet, ist in erster Linie

natürlich eine Sache des Geschmacks. Beide haben so einiges zu bieten:

HAFENDORF FEDDERWARDERSIEL:

In bester Lage von Feddwerwardersiel und nur wenige Schritte von der See entfernt, entsteht

unser Hafendorf mit insgesamt 40 hochwertigen mit Sauna und Kamin ausgestatteten

Ferienhäusern, die zu jeder Jahreszeit durch Wohnqualität überzeugen. Dabei kümmert sich

ein professioneller Vermietungsservice um die ganzjährige Vermietung und Betreuung der Feriengäste.

Die Häuser werden teils als freistehende Ferienhäuser und teils als Doppelhaushälften

gebaut. Im Inneren unserer Ferienhäuser ist eine geschmackvolle und moderne Ausstattung

mit allem, was das Urlauber-Herz begehrt aufzufinden.

Erst die Uniformität in der Außenarchitektur verleiht einem Feriendorf ein stimmiges und harmonisches

Erscheinungsbild. Jedoch hat uns die Erfahrung gelehrt, dass jeder Käufer eines

Ferienhauses andere Ansprüche an die innere Gestaltung und Kapazität hat. Aus diesem Grund

haben sich unsere Architekten Gedanken gemacht und vier unterschiedliche Innenkonzepte

entwickelt. Wer es großzügig mag, entscheidet sich zum Beispiel für die Variante mit zwei

Schlafzimmern und Galerie. Wer aufgrund von Kinderanzahl oder auch anderer Zielgruppe in

der Ferienvermietung mehr Schlafplätze benötigt, kann sich für die Variante mit drei Schlafzimmern

entscheiden. Oder ist es wichtig, ein ebenerdiges Schlafzimmer zu haben? Auch dafür

gibt es die passende Variante. So bieten wir bei einem einheitlichen Erscheinungsbild aller

Ferienhäuser ein Höchstmaß an Flexibilität in der inneren Gestaltung. Zu einem einheitlichen

Preis.

Der Standort, abseits vom touristischen Trubel, ist etwas Besonderes. Alltags-Erledigungen

können hier problemlos getätigt werden. In Fedderwardersiel lässt es sich nicht nur gut aushalten,

es ist auch ein idealer Ausgangspunkt für unzählige Tagesausflugsziele in direkter und

näherer Umgebung.

FERIENDORF DIEMELSEE:

In der traumhaften Idylle des nordhessischen Berglandes am Rande des wunderschönen Sauerlandes

und unweit der touristischen Hochburgen Willingen und Winterberg, liegt unser Feriendorf

Diemelsee. Mit dem Feriendorf Diemelsee entstehen insgesamt 71 hochwertige, auf

Wunsch voll ausgestattete Ferienhäuser und 18 Ferienwohnungen, die an Wohnkomfort keine

Wünsche offenlassen. Die Errichtung erfolgt in zwei Bauabschnitte, wobei sich beide bereits

im Bau befinden Die Vermietung und Betreuung der künftigen Ferienimmobilie liegt in professionellen

Händen. Ein umfangreiches Vermietungskonzept wurde eigens für dieses Projekt

entwickelt, sodass die Ferienvermietung reibungslos erfolgen kann.

Die exponierte Lage im Mittelgebirge macht neben der Sommersaison auch die Winterzeit zu

einem besonderen Highlight. Die Nähe zu den Wintersporthochburgen Willingen und Winterberg

bietet ein umfangreiches Wintersportangebot. Darüber hinaus lädt die unmittelbare

Umgebung mit großartigen Cafés, Restaurants sowie Bars und Diskotheken zu genussvollen

und unterhaltsamen Abenden ein. Entsprechende Shuttledienste werden angeboten.

Das Feriendorf Diemelsee wurde von uns mit viel Liebe zum Detail geplant. Eine harmonische

Wegeführung leitet angenehm zum Feriendomizil. Idyllisch gestaltete Fußwege und einzelne

Treppenbereiche verbinden zukünftig beide Abschnitte, sodass man sich später bequem durch

die Ferienanlage bewegen kann. Die Ferienhäuser bieten auf eigenem Grundstück, je nach

Typ und Ausstattung, Platz für bis zu acht Personen. Die Grundrisse sind durchdacht und komfortabel.

Besonderen Wert wurde auf die natürliche Belichtung durch große Fensterfronten

sowie eine traumhafte Blickbeziehung Richtung See und Berge gelegt. Großzügige Terrassen

und Balkone bieten Raum, um die Weite des Diemelsees zu genießen. Hier kann der Tag stimmungsvoll

beginnen und am Abend gemütlich ausklingen lassen. Ausgestattet mit Sauna und

Kamin bieten unsere Ferienhäuser und- wohnungen auch im Winter höchsten Wohnkomfort.

WOLL Herbst 2020 - 143

ROBEO GmbH • Dietrich-Borggreve-Str. 28 • 49828 Neuenhaus • Tel.: 05941/205 64-0 • www.robeo.de


Offener Gartenraum

bei Kaffee und Kuchen

Garten, Lust, Leben und Besinnung

Silvia Padberg

Bisher waren Gärten meist

sehr privat, höchstens für enge

Freunde bei kleinen Feiern

und Grillfesten zugängig. Manchmal

sind sie reine Nutzgärten, ein anderes

Mal Orte der Ruhe und Erholung.

In den letzten Jahrzehnten öffnen

sich – der Idee „Offene Gartenpforte“

folgend – immer mehr Gärten. Und

offenbaren oft wahre Kleinode hinter

ihren Pforten.

Die gebürtige Fränkin Silke Hardes

vermisste in Nehden das, was in ihrer

alten Heimat noch viel häufiger zu

finden ist: Biergartenfeeling. Und damit

einhergehend die Kommunikation mit

Menschen, die Unbeschwertheit der Begegnung.

Von ihrer Idee, einen offenen

Garten anzulegen, brauchte sie ihren

Mann Stefan nicht lange überreden.

Schnell war er bereit, gemeinsam mit

ihr die Umgestaltung des angrenzenden

Ackerfelds in einen Vintage-Traumgarten

vorzunehmen.

Im Nu wurde der Acker begradigt,

Dornenhecken wurden ausgebuddelt.

Es wurde geebnet, entsorgt und neuer

Rasen ausgesät. Die alten Backsteine

des ehemaligen Hofes wurden anhand

einer Skizze von Silke Hardes vermauert.

Allerdings durfte der Maurer, den

Plänen seiner Auftragsgeberin entsprechend,

keine Wasserwaage verwenden.

Integriert wurden alte Stallfenstern

und –türen. „Aus Alt mach Neu“ ist

Silke Hardes´ Devise – Vintage eben.

Viele Dekorationsgegenstände stammen

aus dem Bauernhaus. Auf Flohmärkten

fand sie Teile, die nun ihren Platz im

Garten haben – alles ganz im Shabby

Chic. Stühle, Bänke, Schubladen und

Kommoden arbeitete sie in liebevoller

Kleinarbeit auf, lackierte sie in Weiß.

Silke Hardes Lebensstil, ihr Denken,

ihr Fühlen, ihre Freude spiegelt sich in

diesem Garten wider.

Immer wieder entdeckt man ein anderes

Detail in diesem Garten: alte Bauernräder,

Futtertröge, Schlösser. Ein Kronleuchter

hängt in den Baumzweigen

überm Tisch, eine Metallkinderbadewanne

dient als Brunnen. Zwischen

zwei alten Strommasten aus Holz pflanzte

Silke Hardes ihre ersten Kletterpflan-


zen, die große, schöne Holzschaukel

dazwischen befestigte ihr Mann.

Im Zuge der Vorbereitungen für die

Hansetage in Brilon wurde der Garten

dann eröffnet. Viele Gartenbesucher

fragten beim Anblick der gemütlich

arrangierten Sitzgelegenheiten, ob auch

Kaffee und Kuchen angeboten würden.

Das Ehepaar griff die Idee auf und so

kann seitdem an den Samstagen und

Sonntagen jeder, der hier anhält, in

den Garten und an den Kaffeetisch

kommen.

Wenn zum Wochenende der Garten

geöffnet ist, backt die gebürtige Unterfränkin

jeweils zwei Torten und zwei

Blechkuchen - teils mit saisonalen

Früchten aus ihrem Gartenreich. Kaffee

und Kuchen gibt es für die Gäste auf

der angrenzenden Terrasse zur Selbstbedienung.

Platz, um es sich damit zum

Kaffeeklatsch gemütlich zu machen und

einen, gibt es im Garten ja reichlich.

Die Gartenpforten sind nicht nur im

Sommer geöffnet, sondern ganzjährig –

auch in den Wintermonaten. Natürlich

gibt es zu jeder Jahreszeit die passende

Dekoration. Wenn der Vintage-Garten

geöffnet ist, weist ein Holzschild am

Straßenrand mit einer weißen, aufgesetzten

Kaffeekanne darauf hin.

Austausch und Offenheit

Silke Hardes möchte andere Menschen

an dem Garten-Flair teilnehmen

lassen. Hier möchte sie sich mit anderen

Gartenfreunden über die Schönheit

der Natur, das Wissen um die Pflanzen

austauschen. Manchmal auch einfach

nur Kontakte knüpfen oder die Stille

genießen.

Der besondere und vor allem offene

Garten der Hardes lockt Touristen und

in der letzten Zeit auch langsam immer

mehr Nehdener an. Sie kommen, um

mit der sympathischen Silke Hardes,

ein Pläuschen zu halten. Und die macht

genau das glücklich, sie freut sich auf

jeden Gast. „Manchmal bringen mir

Menschen einfach Blumen und Pflanzen

vorbei. Oder sie rufen mich an, wenn es

in alten Bauernhäusern Haushaltsauflösungen

gibt“, erzählt Silke Hardes. Dass

ihre Kuchen und Torten besonders lecker

sind, hat sich wohl rumgesprochen.

Auf Anfragen fertigt sie auch Torten für

Geburtstage und Feste.

Kaffee und Kuchen gibt es bei Silke und

Stefan Hardes kostenlos. Aber jeder, der

möchte, kann einen Obolus für die Organisation

STERNSTUNDEN leisten.

Einer Organisation, die Kindern in Not

hilft. Zur Adventszeit fährt Silke Hardes

dann regelmäßig nach Nürnberg, um

die Spenden direkt am STERNSTUN-

DEN-Stand auf dem Christkindlmarkt

zu überreichen. ■

WOLL Herbst 2020 - 145


Berufliche Karriere erfolgreich in der Heimat starten

Zentrales Portal für den Karriereeinstieg informiert über die

Berufsmöglichkeiten in der Region Hellweg-Sauerland –

auch weniger bekannte Ausbildungsberufe werden vorgestellt

IMPULS KÜCHEN haben sich auf dem Markt

– auch international - schon lange einen Namen

gemacht. Der Name steht für zeitlos moderne

Küchen, die durch ihre Qualität, Technik und Ausstattung

überzeugen. IMPULS-Küchen erkennt man definitiv:

Klare Linien, reduziertes Design. Dazu spannende

Dekore aus verschiedensten Materialien. 370 Mitarbeiter

hat die Briloner Firma, die auf einer Fläche von fast

30.000 qm jährlich ca. 730.000 Schränke fertigen. Durch

den Quick- und Prime-Service ist es IMPULS KÜCHEN

auch möglich, Küchen innerhalb von sechs IMPULS-

Arbeitstagen zu liefern.

„Bei uns stehen die Menschen im Mittelpunkt“ ist auf der

Homepage der Firma zu lesen. Bei IMPULS KÜCHEN

in Brilon sind das aber nicht nur die Kunden und Handelspartner,

sondern auch die Menschen, die „jeden Tag

gemeinsam am Erfolg von IMPULS KÜCHEN arbeiten.“

Zurzeit gibt es gleich fünf freie Ausbildungsplätze.

Und zwar für die Berufe Holzmechaniker, Industriekaufmann

Mechatroniker, Produktionstechnologe und Fachkraft

für Lagerlogistik (jeweils m/w/d).

„Die Azubis erwartet eine abwechslungsreiche Ausbildung,

eine herzliche Aufnahme in die jeweiligen Teams

und eine freundliche Arbeitsatmosphäre“, berichtet

Thomas Schulte, Personalleiter bei IMPULS: „Zudem

immer ein offenes Ohr, sodass Anliegen kurzfristig geklärt

werden und alle in einer harmonischen Umgebung gemeinsam

miteinander arbeiten.“ Ihm ist wichtig, „dass die

Auszubildenden eine hohe Motivation und Verantwortungsbewusstsein

für Ihre Ausbildung mitbringen.“ Die

Auszubildenden für den Beruf des Industriekaufmannes

bzw. Produktionstechnologen sollten die Fachhochschuloder

Allgemeine Hochschulreife mitbringen. In den drei

anderen Ausbildungsberufen ist die Fachoberschulreife

wünschenswert. “Aber”, so Thomas Schulte, „auch mit

einem guten Hauptschulabschluss kommt man mit der

passenden Motivation sicher ins Ziel.“

Industriekaufleute können nach ihrer Ausbildung

verschiedene Aufgaben im kaufmännischen Bereich

wahrnehmen, z. B. in Buchhaltung, Vertrieb, Kundenservicecenter

u.v.m. In den einzelnen Bereichen gibt es auch

weitere Spezialisierungsmöglichkeiten. Die Aufgabenber

ei che des Produktionstechnologen sind Instandhaltung,

Arbeitsvorbereitung und Produktion. Holzmechaniker

146 - WOLL Herbst 2020


nehmen verschiedene Aufgaben in der Produktion wahr.

Von der Arbeitsplattenfertigung über die Tätigkeit an

Einzelarbeitsplätzen in der Vorfertigung bis hin zur Herstellung

der einzelnen Küchenschränke im Team. Mechatroniker

werden im Bereich Instandhaltung eingesetzt, z.

B. bei der Wartung der im Unternehmen vorhandenen

Maschinen und Geräte. Die Fachkraft für Lagerlogistik

übernimmt verantwortungsvolle Tätigkeiten im Bereich

Materialwirtschaft, die entscheidend für den reibungslosen

Ablauf in der Produktion sind.

Die bisherige Übernahmequote für Auszubildende

von IMPULS KÜCHEN ist sehr hoch. Zudem gibt es

verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten: „Eine Möglichkeit

ist ein berufsbegleitendes oder berufsintegriertes

Studium“, so Thomas Schulte, „Der Vorteil ist, dass du

weiterhin Geld verdienst und deinen Weg gemeinsam mit

dem Unternehmen gehst”. ■

Das Partnernetzwerk:

IHK Arnsberg, Agentur für Arbeit Meschede

- Soest, Unter nehmensverband Westfalen

Mitte, Steuerberaterkammer Westfalen-Lippe,

Landwirtschaftskammer NRW, Handwerkskammer

Südwestfalen, Hochsauerlandkreis,

Kommunale Koordinierungsstellen KAoA,

WirtschaftsFörderungsGesellschaft Hochsauerlandkreis,

Kommunen für Arbeit im HSK, DGB

Region Südwestfalen und Dortmund-Hellweg,

Kreishandwerkerschaft Hellweg-Lippe, Regionalagentur

Hellweg-Hochsauerland, Kreis Soest,

Wirtschaftsförderung Kreis Soest, Jobcenter

AHA Kreis Soest

www.karriere-hier.de

Der Ausbildungskonsens der Region Hellweg-Sauerland

Das Gremium ist breit aufgestellt. Beteiligt sind die Agentur

für Arbeit, die SGB-II-Träger, die Kreiswirtschaftsförderungen,

Kammern und Kreishandwerkerschaften,

der DGB, die Kommunalen Koordinierungen der beiden

Kreise, der Unternehmensverband sowie die Regionalagentur

Hellweg-Hochsauerland. Koordiniert wird das

Gremium bei der IHK Arnsberg. „Dieses Gremium fasst

die Kompetenzen und das Know-How verschiedenster

regionaler Arbeitsmarktpartner an einer Stelle zusammen.

Dies führt zur fundierten und abgewogenen Einschätzung

der Entwicklung des Arbeits- und Fachkräftemarktes“,

so Klaus Bourdick in seiner Funktion als Sprecher des

Gremiums. „Die Verabredung von gemeinsamen und

aufeinander abgestimmten Maßnahmen aller Partner ist

das Besondere in unserer Region. Das gibt es anderswo so

nicht und gemeinsam erreicht man einfach mehr.“

WOLL Herbst 2020 - 147


KARRIERE

IN BRILON

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Weitere Infos zu den Big Six

erhalten Sie auf unserer Homepage.

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Caritasverband

Brilon e.V.

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