"Christmas wider Willen" - Leseprobe aus Weihnachtsroman

janamareike

Weihnachten ohne ihn! Bradley Falkner hasst die Feiertage fast genauso sehr wie schlechten Kaffee. Der CEO lebt nur für seinen Job bei einer New Yorker Consulting Firma. Sein rauer Ton und seine Macho-Art haben bisher noch jede Assistentin vergrault. Doch zum ersten Mal hat er eine Mitarbeiterin gefunden, die er nicht verlieren möchte. Alessia Valentino gibt ihm nicht nur Kontra, sondern kocht auch den perfekten Kaffee.

Ausgerechnet an Heiligabend reicht Alessia ihre Kündigung ein. Für Bradley bricht eine Welt zusammen. Um sie umzustimmen, heftet er sich stur an ihre Fersen – und landet prompt inmitten seines persönlichen Albtraums: einer großen Familienweihnachtsfeier.

»Christmas wider Willen« ist eine romantische Liebeserklärung an Weihnachten und den Zusammenhalt der Familie.

Das ganze Buch gibt es auf Amazon - im Abo von Kindle Unlimited sogar kostenlos.

Christmas wider Willen


Kapitel 1

BRADLEY

D

er Kaffee besaß die Farbe von Pützenwasser, das

sich nach einem heigen Regenguss in den New

Yorker Rinnsteinen sammelte. Braun und schmuddelig.

Vermutlich schmeckte er auch genauso. Damit war mein

Tag offiziell ruiniert. Als ob es nicht reichte, dass Alessia

heute erst mi*ags ins Büro kam.

Ich lehnte mich in meinem Schreibtischstuhl zurück

und schnupperte an der Tasse. Das röstige Aroma war

kaum wahrnehmbar. Eindeutig mit schlecht gelagertem

Pulver aufgebrüht, dessen Dustoffe längst verflogen

waren. Dabei bestand ich doch auf meine brasilianischen

Bohnen – frisch gemahlen in der Siebträgermaschine.

Mit einem lauten Knall stellte ich die Tasse wieder

auf dem Schreibtisch ab und starrte Beth vorwurfsvoll an.

Wenn sie es wagte, mir eine solche Plörre vorzusetzen,

musste sie auch die Konsequenzen tragen.

»Was soll das sein?« Ich legte die Füße auf den Tisch

und stupste die Tasse mit der Spitze meines linken Derby-Schuhs

an. Dabei fegte ich beinahe die Dose mit den

Weihnachtsplätzchen herunter. »Und sag nicht Kaffee.

Denn wir wissen beide, dass das eine Lüge wäre.«

Beth runzelte die Stirn und verschränkte schützend

die Arme vor der Brust. »Ich habe ihn genau nach Alessias

Anweisungen gekocht.« Auf ihrer Stirn erschien

eine tiefe Falte. »Bloß mit der komischen Maschine bin

ich nicht zurechtgekommen.«


»Das ist eine De’Longhi aus Italien.« Und kinderleicht

zu bedienen, wenn man sich einmal vernünig

damit beschäigte. »Lass mich raten. Du hast wieder die

alte Filtermaschine benutzt.«

»Daran ist nichts verkehrt. Ronald hat ünfzehn

Jahre seinen Kaffee daraus getrunken.«

Nur, dass Ronald sich schon seit acht Jahren im

Ruhestand befand und ich der neue CEO von Mueller’s

Solutions war. »Die Maschine geht in Rente. Heute

noch.« Ich nahm die Füße vom Tisch und sprang auf.

Wenn ich das blöde Teil nicht augenblicklich entsorgte,

würde Beth mich eines Tages noch damit vergien.

Ich marschierte an ihr vorbei und zur Tür hinaus.

»Was hast du vor?« Beth folgte mir.

»Unsere Dalitätsstandards heben. Daür bin ich

schließlich da.« Im Flur rannte ich beinahe gegen ein

leuchtendes Rentier, das von der Decke hing. Diese

Geschmacklosigkeit stammte bestimmt aus der IT-Abteilung.

Das Büro unserer IT-Leute sah ab Ende November

aus wie die Hauptzentrale von Santa Claus. Deshalb

machte ich einen weiten Bogen darum.

Die Kaffeeküche war im Vergleich dazu gerade noch

so erträglich. Eine blinkende Lichterke*e hing über dem

Geschirrschrank und die Fensterbank war mit Porzellanwichteln

vollgestellt, von denen ich einen gestern umgestoßen

ha*e. Natürlich nur aus Versehen.

Doch was war das? Ein roter Papierstern verunstaltete

die De’Longhi. »Nicht meine Maschine!« Ich riss das

Ding ab und feuerte es in den Mülleimer.

Beth verzog das Gesicht. »Was hast du nur immer

gegen Weihnachtsdeko?«

»Ich habe nichts gegen Deko, sondern gegen Weihnachten

an sich. Wir sind doch keine Kinder mehr, die

noch an Santa Claus glauben. Wozu also dieser Unsinn?«

>


»Die meisten Menschen mögen Weihnachten.«

»Weil sie keinen Geschmack haben.« Abgesehen von

Kendras selbstgebackenen Plätzchen gab es nichts, was

ich diesem Fest abgewinnen konnte. »Die freien Tage

zwischen Weihnachten und Neujahr bringen unseren

Zeitplan jedes Mal durcheinander. Dazu noch dieser

Shoppingwahn und die überüllten Malls. Darauf kann

ich gut verzichten.«

Das Einzige, was noch schlimmer war als Weihnachten,

stand direkt vor mir. Der Dinosaurier unter den

Filtermaschinen blubberte auf der Arbeitspla*e vor sich

hin, während eine bräunliche Brühe als dünnes Rinnsaal

in die zerkratzte Glaskanne tröpfelte. Ich brauchte den

Wassertank nicht zu öffnen, um zu wissen, was mich dort

erwartete. Schon einmal ha*e ich die mit Kalk überzogenen

Heizstäbe betrachtet und ür den Rest des Tages

jeglichen Appetit verloren.

Ich schaltete die Maschine aus und zog den Stecker.

Weihnachten konnte ich nicht verhindern. Aber dieses

Ding würde ich nicht länger dulden. Ich goss die Plörre

ins Spülbecken und stellte die Filtermaschine in den

Mülleimer.

Beth runzelte die Stirn. »Das wird den anderen aber

nicht gefallen. Die neue Maschine kann doch kaum

jemand bedienen.«

»Dann lernen sie es halt.« Immerhin war die

De’Longhi schon drei Jahre alt. Doch bisher wollte sich

ein Großteil meiner Mitarbeiter nicht mit der neuen

Technik anfreunden. »Der Verzicht auf Kaffee spornt sie

hoffentlich an.«

Zach, mein Server-Administrator, schlure ins Büro.

Auf dem Kopf eine Santa-Mütze mit blinkenden Teufelshörnern

und in der Hand einen Becher in Stiefelform. Er

starrte den Abfalleimer an. »Eben ging die doch noch.«

G


Schon bückte er sich und holte die Kaffeemaschine aus

dem Müll. »Kann ich bestimmt reparieren.«

»Nein!« Ich entriss ihm das Teil und stope es zurück

in den Eimer. »Wir haben hier eine erstklassige Siebträgermaschine.

Dieses alte Teil braucht kein Mensch.«

»Ist aber praktisch.«

Weil Zach sich schon wieder danach bückte, stellte ich

schnell meinen rechten Fuß in den Eimer und stampe

einmal kräig auf. Die Filtermaschine gab ein knirschendes

Geräusch von sich. »Jetzt ist sie wirklich kapu*.«

»Shit.« Er schü*elte den Kopf. »Heute bist du aber

schlecht drauf.«

»Alessia hat sich einen halben Tag ür die Weihnachtseinkäufe

freigenommen«, bemerkte Beth.

»Hä*est mich ja mal vorwarnen können.« Mit

leerem Becher trat Zach den Rückzug an.

Beth presste die Lippen zusammen. »So kann das

doch nicht weitergehen. Erst hat Amber gekündigt, dann

Nancy und zuletzt Caroline vom Empfang. Wenn du

auch noch unseren Admin vergraulst, haben wir ein

echtes Problem.«

Ich trommelte mit den Fingern auf der Arbeitspla*e

herum. »Zach ist ein Mann. Der steckt das weg.« Im

Gegensatz zu den Frauen, die immer gleich alles so

persönlich nahmen. »Und Caroline hat die Häle ihrer

Arbeitszeit auf WhatsApp verbracht. Für sie finden wir

schnell Ersatz.«

»Vielleicht im neuen Jahr. Im Augenblick muss ich ihre

Arbeit mit erledigen.« Beth schü*elte den Kopf. »War es

wirklich nötig, ihr zu sagen, dass sie in dem Weihnachtspulli

ihrer Mom aussieht wie eine Presswurst?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Jemand musste es tun.

Sonst hä*e sie das schreckliche Ding nochmal angezogen.

Außerdem hat sie nach meiner Meinung gefragt.«

J


»Weil sie dachte, du würdest etwas Ne*es sagen.«

»Das zeigt nur, wie wenig sie mich gekannt hat.« Ich

legte eine Lage Papiertücher über die Filtermaschine,

damit nicht noch jemand auf die Idee kam, das Teil aus

dem Müll zu re*en. »Traust du dich jetzt an die

De’Longhi oder holst du mir Kaffee von Starbucks?«

ALESSIA

Jingle Bells tönte durch die Lautsprecher und eine Tannengirlande

mit falschem Glitzerschnee und hunderten

winzigen Lichtern schlängelte sich unter der Decke des

Einkaufszentrums Saks Fih Avenue entlang. An Heiligabend

drängten sich die Besucher in der Gourmet- und

Süßigkeitenabteilung so dicht aneinander, dass ich vor

lauter Köpfen kaum noch die Schokoladenweihnachtsmänner

in den Regalen erkennen konnte. Dennoch

stürzte ich mich ins Getümmel.

Bradley würde diesen Ort hassen. Die Vorstellung, wie

er mit gerunzelter Stirn durch das KauMaus lief und sich

lautstark über alles beschwerte, entlockte mir ein Lächeln.

Sein Lächeln ha*e ich leider noch nie gesehen.

Manchmal zuckte einer seiner Mundwinkel leicht nach

oben, aber dann schien er seinen Fehler jedes Mal gerade

noch rechtzeitig zu bemerken und presste die Lippen

zusammen.

»Alessia!« Mamma winkte mir vom Ständer mit den

Jelly Beans aus zu. Die vergangenen drei Monate ha*en

sie verändert. Inzwischen trug sie ihr dunkles Haar kinnlang

und an der linken Schläfe zeigte sich das erste Grau.

L


Eine einzelne Strähne, die bei unserer letzten Begegnung

noch nicht dagewesen war.

»Ich komme!«

Die pralle Einkaufstüte einer Frau, die an mir vorbeilief,

klatschte mir gegen die Hüe und der Mann hinter

ihr stieß mir einen Ellenbogen in die Seite.

Doch von solchen Kleinigkeiten ließ ich mich nicht

auMalten. Ich umrundete einen Tisch mit Zuckerstangen,

wich einem mit Schokolade verschmiertem Kind aus und

brachte mich vor den Rädern eines gewaltigen Einkaufstrolleys

in Sicherheit.

Plötzlich stand Mamma tatsächlich vor mir. Ihr

Lächeln wirkte angespannt und um ihre braunen Augen

zeigten sich winzige Sorgenältchen.

Auch mein Herz pochte wild. Ob vor Freude oder

Aufregung vermochte ich nicht zu sagen.

»Tesoro! Es ist viel zu lange her.« Sie streckte die

Arme nach mir aus. So wie schon tausende Male zuvor.

Doch heute konnte ich die Umarmung nicht erwidern.

Wie festgefroren stand ich da. Der Mann hinter mir lief fast

in mich hinein und stieß einen Fluch aus, doch ich beachtete

ihn gar nicht. »Erst müssen wir reden«, sagte ich.

»Naturalmente.« Sie ließ die Arme sinken. »Lass uns

irgendwo anders hingehen. Hier ist es zu voll.«

Damit ha*e sie recht. Etwas wollte ich vorher

allerdings erledigen. »Ich brauche noch eine Kleinigkeit

ür Bradley.«

Ihre Augen weiteten sich. »Du hast einen neuen

Freund?« Typisch Mamma! Drei Monate Funkstille und

das Erste, was sie wissen wollte, war, ob ich mir in der

Zwischenzeit einen Mann geangelt ha*e.

»No. Er ist mein Chef.« Zwar gab es keinen schlimmeren

Grinch als Bradley, aber trotzdem sollte er an

Weihnachten nicht leer ausgehen.

N


Mamma winkte ab. »Du hast es doch überhaupt nicht

nötig, dich bei deinem Chef einzuschmeicheln. Der

Mann sollte froh sein, dass er dich hat.«

»Ist er auch«, behauptete ich. Ganz sicher war ich

mir allerdings nicht.

Suchend sah ich mich nach einem passenden

Geschenk um. Weihnachtskekse aß Bradley nur, wenn

seine Schwester Kendra sie selbst gebacken ha*e. Bei

Kaffee war er sehr eigen und Wein wäre übertrieben

teuer. Blieb noch gute Schokolade.

Ich kämpe mich zum Stand mit den Pralinen durch.

Bradley war der Typ ür Zartbi*erschokolade: herb,

kompromisslos, aber mit einem weichen Kern. Und

sicher legte er Wert auf beste Dalität. Der Schrizug

des Schweizer Herstellers Lindt fiel mir ins Auge. Ich

griff nach einer dunkelroten Box, die zum Glück ganz

ohne weihnachtliche Verzierungen auskam.

»Diesen neuen Job willst du doch nicht ernstha

weitermachen.« Mit ihrem freien Arm fuchtelte Mamma

so wild herum, dass die anderen Kunden vor ihr zurückwichen.

»Was bist du da noch mal? Sekretärin?«

»Persönliche Assistentin«, erwiderte ich scharf.

»Das ist das Gleiche.« Mamma schü*elte den Kopf.

»Wieso bist du überhaupt weggegangen, wenn du dann

so eine Stelle angenommen hast?«

»Weil ich mich lieber von einem Fremden herumkommandieren

lasse als von Papà.« Wobei Bradley mir gegenüber

immer höflich blieb, obwohl er sonst ür sein

auSrausendes Temperament berüchtigt war. Vermutlich

lag es an seinen warmen braunen Augen und der tiefen

Stimme, dass er mir ein wenig zu gut gefiel.

Mamma schnalzte mit der Zunge. »Assurdo! Ich

glaube dir kein einziges Wort. Dir darf doch niemand

etwas vorschreiben.«

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»Falls es der Job erfordert, dann schon.« Ich reihte

mich in die lange Schlange vor der Kasse ein. Trotz der

hohen Zimmerdecke war es hier drinnen viel zu warm.

Eine Wolke aus blumigen Parüms und herben Rasierwassern

hüllte mich ein. »Aber Papà hat mir ständig in

meinen Bereich hineingeredet. Mit ihm zusammenzuarbeiten,

war ein Albtraum.«

»Ich weiß. Und ich verstehe auch, warum du die

Firma verlassen hast. Was ich nicht begreife, ist, wieso

du uns aus dem Weg gehst.« Der verletzte Ausdruck in

ihren Augen war nur schwer zu ertragen. »Wir sind

deine Familie.«

»Ja, schon. Aber ich konnte das Ganze nicht mehr

trennen. Ihr doch auch nicht. Jedes Gespräch bei uns

dreht sich um die Arbeit.«

»Dieses Mal nicht. Ich verspreche es dir.« Mamma hob

die Stimme und übertönte damit mühelos die anderen

Kunden und den Song Rudolph the Red Nosed Reindeer aus

den Lautsprecherboxen. »Wir haben dich ürchterlich vermisst.

Dein Papà und ich wünschen uns nichts mehr, als

dass wir alle gemeinsam Weihnachten feiern.«

Ein Kloß steckte mir in der Kehle. Auch wenn ich es

nicht zugab, ha*en sie mir genauso gefehlt.

»Nun sag doch was«, bat Mamma.

Ich starrte auf die fremden Menschen, die ihre Weihnachtseinkäufe

herumschleppten und vermutlich alle

jemanden ha*en, mit dem sie morgen feiern würden. Ein

Wort von mir genügte, damit ich ebenfalls nicht allein wäre.

»Bene. Ich komme nachher zu euch.«

»Grazie Dio!«

Dieses Mal ließ ich es zu, dass Mamma mich in ihre

Arme zog. Sie duete nach Lavendelparüm und nach zu

Hause. Am liebsten hä*e ich sie gar nicht mehr losgelassen.

Doch eines musste ich noch klarstellen. Ich löste

T


mich aus ihrer Umarmung. »Das bedeutet aber nicht,

dass ich in die Firma zurückkehre.«

Mamma rollte mit den Augen. »Du und dein Dickschädel.

Den hast du eindeutig von Manuele. Deinem

Papà tut es leid, dass er sich eingemischt hat. Falls du

deine Meinung änderst und ihm noch eine Chance gibst,

wird er sich bessern.«

»Das kann ich mir nicht vorstellen.« Ich betrachtete

die Pralinenschachtel in meiner Hand. Bevor Papà einen

Teil der Kontrolle über seine Firma aufgab, würde

Bradley schon eher zum Weihnachts-Fan werden. Die

Vorstellung, wie er im Santa-Kostüm Geschenke an uns

Mitarbeiter verteilte, brachte mich zum Schmunzeln.

»Ich verstehe nicht, warum du das so amüsant findest«,

bemerkte Mamma. »Du hast in der Firma eine große

Lücke hinterlassen. Dein Papà hat längst eingesehen, wie

sehr er dich dort braucht. Eliano liegt ihm seit Wochen in

den Ohren, sich endlich bei dir zu entschuldigen.« Sie

berührte mich mit ihrer freien Hand an der Schulter. »Gib

dir einen Ruck und denk wenigstens darüber nach.

Prego.« Ihr flehender Blick aus dunklen Augen war unfair.

Zum Glück erreichten wir endlich den Verkaufstresen

und mir blieb eine Antwort erspart.

Die Verkäuferin nahm mir die Pralinenschachtel ab

und scannte den Barcode. »Möchten Sie es als Geschenk

verpackt haben?«

»Ja.« Ich schob meine Kreditkarte ins Lesegerät.

»Aber benutzen Sie bi*e kein Weihnachtspapier.«

Bradley saß hinter seinem Schreibtisch und studierte eine

Mappe. Wie immer, wenn er sich konzentrierte, runzelte

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er dabei leicht die Stirn und trommelte mit Zeige- und

Mi*elfinger auf der Tischpla*e. Er sah nicht hoch, als ich

eintrat. Das tat er nie. Dennoch änderte sich augenblicklich

seine Körperhaltung. Er saß gleich etwas aufrechter

und seine Stirn glä*ete sich.

Mit der Kaffeetasse in der Hand und meiner Tasche

über der Schulter ging ich langsam auf ihn zu. Bradley

mochte nach außen zwar schroff und unnahbar wirken,

aber dieser Eindruck täuschte. So wusste ich, dass er in

der Schreibtischschublade die Zeichnungen seines

Neffen Jackson auSewahrte. Und immer, wenn Bradley

mit Kendra telefonierte, bekam seine Stimme einen

weichen Klang.

Vorsichtig stellte ich die Tasse auf dem Schreibtisch

ab. Dies war jedes Mal der Moment, in dem Bradley den

Kopf hob. Für den Bruchteil einer Sekunde erwiderten

seine braunen Augen meinen Blick.

Wie von selbst bogen sich meine Mundwinkel nach

oben. Ich konnte gar nicht anders, wenn er mich ansah.

Bradley ergriff die Tasse, ührte sie zum Mund und

schloss die Augen. Der Anflug eines Lächelns huschte

über sein Gesicht und ließ seine Züge weniger streng

wirken. Milchschaum klebte ihm an der Oberlippe und

verfing sich in seinem dunklen Bart.

Er stellte die Tasse ab und beugte sich über den

Schreibtisch. »Den hier habe ich heute Morgen vermisst.«

Seine tiefe Stimme erinnerte mich an das zufriedene

Schnurren eines Katers. »Du kannst dir nicht vorstellen,

was ür ein Gebräu Beth mir sta*dessen serviert hat.«

»Das tut mir leid«, log ich. Schließlich hä*e es mich

in Wahrheit schwer gekränkt, wenn Beth mich einfach

so ersetzen könnte.

»Du brauchst dir deswegen keine Vorwürfe zu machen.

Immerhin habe ich dir den halben Urlaubstag ja bewil-

UU


ligt.« Er öffnete die Dose mit Kendras selbstgebackenen

Plätzchen und schob sich einen Zimtstern in den Mund.

Vergeblich wartete ich darauf, dass er mir ebenfalls

einen Keks anbot. Aber Bradley Falkner teilte nicht.

Zumindest nicht mit mir.

Er klope mit dem Zeigefinger gegen sein bärtiges

Kinn. »Ist noch was?«

»Nun ja. Es ist zwar etwas früh daür, aber da wir uns

morgen nicht sehen …« Ich öffnete meine Umhängetasche

und örderte die Pralinenschachtel zutage, die in

dunkelblaues Papier eingepackt und mit einer silbernen

Schleife verziert war. »Frohe Weihnachten!«

»Was soll das?« Bradley starrte das Päckchen in

meiner Hand an, als ob er damit rechnete, dass es jeden

Moment explodierte.

»Nur eine Kleinigkeit zu Weihnachten.« Die Pralinen

ühlten sich auf einmal so schwer an wie der größte

Vollautomat aus Papàs Sortiment. Ich hä*e ahnen sollen,

dass Bradley sich nicht darüber freute.

»Ich habe doch gesagt, dass ich bei diesem Wichtel-

Unsinn nicht mitmache.«

»Die Wichtelwochen sind längst vorbei.« Behutsam

legte ich das Päckchen auf dem Schreibtisch ab und

bemühte mich um einen lockeren Tonfall. »Ich dachte

nur, es wäre ne*, wenn du am Weihnachtsmorgen etwas

von mir auspacken könntest. Damit du mich über die

Feiertage nicht ganz vergisst.« Ha*e das gerade etwa

zweideutig geklungen? Vermutlich hielt ich besser den

Mund, bevor ich noch mehr sagte, was ich bereute.

»Danke, aber nein. Ich feiere kein Weihnachten.« Er

schob das Päckchen von sich weg.

»Gar nicht?« Ich konnte ja noch nachvollziehen, dass

Bradley die Dekorationen, die Musik und der Shoppingwahnsinn

vor den Feiertagen auf die Nerven gingen.

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Aber Weihnachten stand doch ür so viel mehr. »Was ist

mit deiner Schwester?« Ich deutete auf das Foto im Silberrahmen,

das Kendra und ihren siebenjährigen Sohn

zeigte. »Seht ihr euch nicht?«

»Nein. Kendra ist mit Ian und Jackson nach Phoenix

geflogen, um Ians Familie zu besuchen.« Ein Scha*en

huschte über sein Gesicht. »Ich hä*e sie begleiten

können, aber das wollte ich nicht.«

»Warum nicht?« Ich gab der Pralinenschachtel einen

dezenten Schubs in Bradleys Richtung. »Weihnachten ist

schließlich das Fest der Liebe. Das solltest du mit den

Menschen verbringen, die dir am meisten bedeuten.«

»Ich glaube nicht, dass dich das irgendwas angeht.«

Sein Tonfall klang ungewohnt scharf. So redete er

manchmal mit Beth oder Zach, aber doch nicht mit mir!

»Ich mache mir eben Sorgen um dich. Es ist nicht gut,

wenn du Weihnachten ganz allein verbringst.«

»Es reicht!« Er stand so schwungvoll auf, dass sein

Drehstuhl nach hinten wegrollte. Seine Wangen verloren

alle Farbe und über seiner Nase zeigte sich eine tiefe Furche.

»Das hier ist immer noch eine Unternehmensberatung und

keine Xerapiesitzung. Geh wieder an deine Arbeit.«

»Das werde ich gleich. Keine Sorge!« Doch diesen

Tonfall dure ich ihm nicht unkommentiert durchgehen

lassen. »Aber so redest du nie wieder mit mir!«

»Dann misch dich nicht in meine Angelegenheiten

ein«, brummte er. Dabei hörte er sich schon weniger

feindselig an.

Ich ersparte mir eine Antwort und wandte mich ab.

Innerlich verfluchte ich meine eigene Dummheit.

Warum nur ha*e ich meine Meinung nicht ür mich

behalten? Ich wusste doch, dass Bradley sich von niemandem

etwas sagen ließ.

»Warte!«

U>


Augenblicklich verharrte ich. Würde ich heute ein

verfrühtes Weihnachtswunder erleben, wenn Bradley

sich zum ersten Mal entschuldigte? Mit klopfendem

Herzen drehte ich mich um.

Er schwenkte die Pralinenschachtel durch die Lu.

»Du hast da was vergessen.«

»Das ist ein Geschenk.« Ich zwang mich zu einem

Lächeln, um meine En*äuschung zu verbergen. »Vom

Umtausch ausgeschlossen.«

»Ich will es aber nicht.« Seinem Tonfall fehlte jede

Spur von Humor. Er meinte das tatsächlich ernst.

Etwas in mir zerbrach. Bradley würde niemals etwas

anderes in mir sehen als eine Assistentin, die guten

Kaffee kochte. Sinnlos, sich weiter Hoffnungen zu

machen.

»Nimm es bi*e zurück.« Ein wenig hilflos fuchtelte

er mit dem Geschenk herum.

»Nein.« Dieses Mal blieb ich hart. »Es gehört dir. Du

kannst es auspacken oder wegwerfen oder von mir aus

weiterverschenken. Aber du gibst es mir nicht wieder.

Fine della discussione!«

Bradleys Augen weiteten sich. Zum ersten Mal,

seitdem ich ihn kannte, schien er nicht zu wissen, was er

sagen sollte.

Ich verließ sein Büro und zog die Tür schwungvoll

hinter mir zu. Das Triumphgeühl über meinen dramatischen

Abgang verflüchtigte sich bereits auf dem Flur.

Zwar ha*e ich Bradley contra gegeben, aber ändern

würde sich dadurch nichts.

You’re all I Want for Christmas schallte aus einem der

Büros. Normalerweise eines meiner Lieblingslieder, doch

gerade wollte ich mir am liebsten die Ohren zuhalten.

Wie konnte Bradley es wagen, mich so zu behandeln!

Das ging selbst ür einen Weihnachts-Hasser zu weit.

UG


Wütend starrte ich die Totenkopf-Lichterke*e über der

Bürotür zur IT-Abteilung an. Die leuchtenden Schädel

starrten zurück.

Ich musste endlich damit auMören, mir etwas vorzumachen.

Bradley würde sich nicht ändern. Auch nicht

ür mich. Er ahnte ja nicht einmal, was ich ür ihn

empfand.

Geühle ha*en am Arbeitsplatz ohnehin nichts verloren.

Diese schmerzhae Lektion ha*e ich in Papàs Firma

gelernt und war schließlich gegangen.

Nun wurde es Zeit, Bradley realistisch zu betrachten

und die Konsequenzen daraus zu ziehen.

UJ

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