gRatis - Hessischer Rundfunk

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hr-Sinfonieorchester

Schräges Vergnügen

geschrieben. Einige hatten sich bei der

Gewerkschaft erkundigt, ob sie denn tatsächlich

verpflichtet seien, da mitzuspielen.

Vier Orchestergruppen sollten

gleichzeitig in unterschiedlichen Räumen

spielen, ein Stück voller „unsinniger“

Spielanweisungen. Es kam zum

Eklat, die Uraufführung endete nach

zweieinhalb Stunden frühzeitig – und

wurde nie wiederholt. Das war 1969. Das

Stockhausen-Werk, das bei „cresc“ zu

hören sein wird, heißt „Gruppen für 3

Orchester“. Auch dieses Stück sprengt

06 | November/Dezember | 2011

cresc... (sprich: kresch) – so heißt das neue Festival für Moderne Musik, das großartige Klangabenteuer und unvergessliche Konzerterlebnisse

verspricht. Da kann es einem sogar passieren, dass man plötzlich neben dem Tubisten sitzt.

cresc... Biennale für

Moderne Musik

Fr, 25., bis So, 27. Nov.

Allein unter Publikum: David Glidden, Tubist des hr-Sinfonieorchesters Foto: hr/Andreas Frommknecht

Dort das Orchester, hier das Publikum, so

würde sich das für ein „ordentliches“

Konzert gehören. Aber hier ist nichts so,

wie es sein sollte. Der griechische Komponist

Xenakis verteilt 88 Orchestermusiker

im Saal, setzt sie und das Publikum

im Kreis, mischt alle wild durcheinander

und stellt den Dirigenten in die Mitte.

„Huch, neben mir sitzt die Tuba“ oder die

Violine oder die Klarinette, müssen da

Konzertbesucher überrascht feststellen.

Und die Klänge wandern durch den

Raum wie bei einer Laola-Welle.

Bei „cresc – Biennale für Moderne

Musik“ ist das selten aufgeführte Werk

„Terretektorh“ von 1966 live zu erleben.

Drei Tage lang werden viele Urauf-

führungen zu hören sein. Außerdem

erklingen herausragende Werke des

20. Jahrhunderts, in dem in der E-Musik

einfach alles auf den Kopf gestellt

wurde, nicht nur die Sitzordnung. Oft

zur großen Empörung der Hörer – und

der Musiker.

„Wir spielen oder wir werden entlassen“

hatten aufgebrachte Musiker bei

der Uraufführung von „Fresko“ von

Karlheinz Stockhausen auf ein Schild

gewinnzone

Das hr-Journal verlost

2 x 2 Karten für das Konzert

„Gruppen³“ am 26. Nov. in Darmstadt.

Der rechtsweg ist ausgeschlossen. mitarbeiter

des hr sind nicht teilnahmeberechtigt.

die Dimensionen des Konzertsaals,

gruppiert die Musiker um das Publikum

herum. Aber rund fünfzig Jahre nach seiner

Entstehung ist ein Skandal nicht

mehr zu erwarten. Dazu trägt gewiss bei,

dass das Stück nur etwas mehr als 20

Minuten lang ist. Es liegt aber bestimmt

auch daran, dass Musiker und Hörer

inzwischen einiges gewöhnt sind.

Die Zeit der Skandale ist vorbei

Jeder Bruch mit Gewohnheiten ist erst

einmal eine Zumutung. Das gilt für Hörgewohnheiten

um so mehr, denn Musik

spricht emotional an, ruft körperliche

Reaktionen hervor – positive oder negative.

Ist dem einen Techno-Musik ein

Gräuel, schaltet der andere bei Mozart

ab. Klingt in europäischen Ohren die

Dur-Moll-Tonalität harmonisch, versteht

der Inder nicht, warum wir seine

klassischen Ragas schräg finden. Was

dem einen Musik ist, ist dem anderen

Lärm. Aber dann kann es passieren, dass

man etwas ein paar Mal hört und es

plötzlich schön findet. Oder man kann

Jazz nicht ausstehen – und dann ist da

doch ein Stück, das einen berührt.

Beim neuen Festival „cresc... Biennale

für Moderne Musik Frankfurt

Rhein Main“ präsentieren das

Ensemble Modern, das hr-Sinfonieorchester,

die hr-Bigband und das

IEMA-Ensemble sowie hochkarätige

Gastensembles Musik der

Gegenwart. Die erste Ausgabe der

Biennale widmet sich dem Thema

„Musik und Raum“. In acht Konzerten

in Frankfurt und Darmstadt

sind Schlüsselwerke des 20. und

21. Jahrhunderts sowie Uraufführungen

jüngerer Komponisten zu

erleben. Konzerteinführungen gibt

es jeweils 45 Minuten vor Beginn.

„cresc“ ist die Kurzform für italienisch

„crescendo“, was als musikalische

Spielanweisung „lauter werdend“

bedeutet.

„cresc...“, Eröffnungskonzert am

Fr, 25. Nov, 19 Uhr, im hr-Sendesaal,

Frankfurt. Festivalpass für

acht Konzerte 75 Euro, 3er-Abo

33 Euro, Einzeltickets zwischen

15 und 20 Euro, Ermäßigung halber

Preis, Karten beim hr-Ticketcenter,

Tel. 069/155 2000, ausführliche

Informationen: www.

cresc-biennale.de

Der Mensch, sagt die Hirnforschung,

wünscht sich Situationen, die vorhersehbar

sind, so dass er sich sicher fühlen

kann. Aber er möchte, um sich nicht zu

langweilen, dann doch in Maßen überrascht

werden. Hundert Jahre nachdem

Schönberg seine ersten atonalen Stücke

komponiert hat, rechnet heute bei

einem Konzert mit zeitgenössischer

Musik niemand mehr mit tonalen Harmonien

im Viervierteltakt. Die Zeit der

großen Skandale ist vorbei. Man weiß,

ja, rechnet damit, dass diese Konzerte

anders, die Klänge ungewohnt sind.

Was nicht vorbei ist: Zeitgenössische

Kunst kann einem nach wie vor etwas

über sich selbst zeigen oder über die

Zeit, in der man lebt. Die besten Voraussetzungen

also, auf Entdeckungstour zu

gehen und sich mit „schrägen“ Klängen

zu vergnügen, von ungewohnten Tönen

mitreißen zu lassen oder einem Tubisten

aus nächster Nähe zuzuschauen. [sr] n

„Gruppen³“, mit Werken von Xenakis

und Stockhausen, Sa, 26. Nov., 19 Uhr,

Darmstadt, Böllenfalltorhalle, Einzelticket:

20 Euro

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