Sorge um den Bestand

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-659-5

Sorge um den Bestand

Zehn Strategien

für die Architektur


Sorge um den Bestand

Zehn Strategien

für die Architektur

Achtung des Bestands – 8

Susanne Wartzeck

Sorge um den Bestand – 11

Anne Katrin Bohle

Poesie der Notwendigkeit: Architektur

ist Bestand – 14

Olaf Bahner, Matthias Böttger,

Laura Holzberg

Kreative Genügsamkeit

als Überlebens strategie – 23

Niko Paech

Bestand als Vorsorge: Für eine

Care-Perspektive in der Architektur – 31

Elke Krasny

Das Problem mit der Zukunft – 37

Amica Dall

Die Wohnungsfrage: Notizen zum Bestand – 52

Anne-Julchen Bernhardt


I

Aufbruch ins Bestehende – 61

Katja Fischer und Jan Kampshoff

II

III

Vom Wert der Permanenz – 69

Simon Jüttner

Schön, dass ihr da seid! – 89

Andreas Krauth, Urs Kumberger, Verena Schmidt

Zehn Strategien

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

Bestand ist Handlung – 109

Tabea Michaelis und Ben Pohl

Einfach umbauen – einfach transformieren – 123

Eike Roswag-Klinge

Urban Blockchain – 135

Michael Obrist

Verteilung auf das Vorhandene in der

Zwischenstadt – 143

Jörg Heiler

Aus Donuts müssen Krapfen werden – 155

Roland Gruber, Maria Isabettini, Peter Nageler

100 % Ressource: Bauten als Rohstofflager – 165

Dirk E. Hebel

Wachsender Bestand – 179

Ayşin Iṗekçi und Kamiel Klaasse


I

Projekt Eiermannbau, Apolda – 192

HausAufgaben im Münsterland – 193

II

Wählvermittlungsstelle, Bad Hindelang – 194

III

Kreativquartier, München – 195

Realisierte Projekte / Viten

IV

Zwischennutzung und Transformation:

Zentrale Pratteln – 196

V

Direktion des Tierparks Berlin – 197

VI

Million Donkey Hotel, Prata Sannita – 198

VII

Karoline-Goldhofer-Kindertageseinrichtung,

Memmingen – 199

VIII

Wie der leere Stadtkern von Trofaiach

wieder wachgeküsst wurde – 200

IX

Mehr.WERT.Pavillon, Heilbronn – 201

X

Terrassenhaus – Wohnen für Alle,

Frankfurt am Main – 202


7

Zehn Strategien


Achtung des

Bestands

Susanne Wartzeck

Erhalte das Bestehende! So lautet der neue Imperativ des

Bauens angesichts der Klimakrise. Eindeutig ist dazu die Position

des BDA: Priorität kommt dem Erhalt und dem Weiterbauen

des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem

Abriss. Blauäugig oder romantisierend? Zugegeben, die damit

verbundenen Fragen sind vielfältig.

Welche Zukunftsbilder formulieren produktive und überzeugende

Ideen, die Menschen motivieren, eingeschlagene Pfade

im Denken und Handeln zu verlassen? Ist dabei der propa gierte

Verzicht ein erstes Anzeichen für eine Ökodiktatur? Eine ökologische

Transformation unserer auf Wachstum ausgerichteten

Wirtschaftsweise wird mental und gesellschaftlich nur dann

gelingen, wenn sich die damit verbundenen Lebens- und

Arbeits weisen im Alltag der Menschen bewähren. Könnte ein

reduzierter Ressourcenverbrauch durch das Mitnutzen, das

Weiternutzen und das Reparieren als Alternative zur Wegwerfgesellschaft

eine Akzeptanz finden?

Erforderlich ist dafür ein Umdenken im kleinen Maßstab des

täglichen Konsums wie im großen Maßstab des Bauens. Bauen

ist nach wie vor immens ressourcenintensiv. Das muss sich

ändern. Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen. Das

Bestehende zu erhalten und weiterzubauen, den kulturellen

und ökologischen Wert des Gebäudebestands weiterzudenken,

ist eine große Zukunftsoption, um die Zusammenhänge

zwischen Gebäude und Stadt, zwischen individuellen und

8


gesellschaftlichen Bedürfnissen in eine ökologische Balance zu

bringen.

Weder als Gesellschaft noch als Berufsstand können wir

die betriebswirtschaftlich begründete Lebensdauer von drei ßig

Jahren für Gebäude akzeptieren. Zu wertvoll sind dafür die

verbauten Ressourcen, zu wertvoll sind die mit den Häusern

gewachsenen sozialen Strukturen und ihre erzählenden Ge -

schichten. Bauen muss auf eine Langfristigkeit angelegt

sein, durch konsequentes Weiterbauen gepflegt und an sich

wandelnde Anforderungen angepasst werden.

Allzu leicht lässt sich der Abriss mit einem vermeintlichen

Kostendruck, mit technischen Vorgaben oder der sich scheinbar

selbst verstärkenden Auffassung, dass sich Reparieren generell

nicht lohnt, begründen. Umso wichtiger ist es, den – nicht

nur ökonomischen – Wert von Bestandsgebäuden zu erkennen,

zu lesen und zu verstehen und darauf aufbauend gemeinsam

über mögliche Konzepte für ein Um- und Weiterbauen

nachzudenken.

Gerade das Handeln in ökologischer Vernunft eröffnet mit neuen

Lebens-, Wohn- und Arbeitsformen eine große Chance für

bestehende Bauten: Neue Wohnformen in alten Gebäuden, die

Umnutzung leer gefallener Kaufhäuser zu Orten des Wohnens

und Arbeitens oder die Revitalisierung von Bauten im ländlichen

Raum für neue Arbeitsmodelle sind Ansatzpunkte, um

einen reduzierten Ressourcenverbrauch als kreatives Prinzip

mit der Gemeinschaft auszugestalten und dafür Akzeptanz zu

finden.

Einbezogen ist eine tiefgreifende Neuorientierung des gestalterischen

und ökonomischen Selbstverständnisses von Architekt*innen.

Nicht nur Tempo und Wucht des Klimawandels,

sondern auch soziale Verwerfungen erfordern eine neue, eine

nachdenklichere, eine sensiblere Haltung in Architektur und

Urbanismus – eine Haltung des Sorgetragens gegenüber un serer

Umwelt, gegenüber elementaren Bedürfnissen der Bewohner*innen,

gegenüber gewachsenen Strukturen der Gemeinschaft

und gegenüber den bestehenden Gebäuden.

Deutlich ist erkennbar, dass wir die Komfortzone des Gewohnten

verlassen und über das Wohnen neu nachdenken müssen. Wir

brauchen einen Perspektivwechsel, der sich von technischen

Standardvorgaben löst und einen Diskurs über städtebauliche

und architektonische Qualitäten führt, die den künftigen

Wohn- und Lebensentwürfen gerecht werden. Mut zu neuen

Standards lautet dazu der Aufruf des BDA, der 2016 mit der

Publikation und Ausstellung Neue Standards. Zehn Thesen zum

Wohnen vorgestellt wurde.

Achtung des Bestands

9


Die Poesie der

Notwendigkeit:

Architektur ist

Bestand

Olaf Bahner,

Matthias Böttger,

Laura Holzberg

Wie können wir zukünftig auf dieser Erde zusammenleben?

Wie wollen wir für unseren Planeten Sorge tragen? Die sich

verändernden Lebensbedingungen erfordern, Gewohn heiten

grundlegend zu überdenken. Die Zeit spricht für ein Umsteuern

– anderenfalls riskierte die Menschheit fahrlässig das

Leben auf der Erde. Obwohl das Bewusstsein für den von

Menschen verursachten Klimawandel und für unsere bedrohte

Existenz zunehmend in die Breite der gesellschaftlichen

Debatten vordringt, kommt die dramatisch fortschreitende

Umweltzer störung angesichts der bisherigen Verhaltensänderungen

einer vergessenen Katastrophe gleich.

Wie schwer es ist, das eigene Verhalten zu ändern, erfährt jede*r

fast täglich. Klimaschutz ist ein komplexes Thema, gekennzeichnet

von Interdependenzen. Einfache Antworten gibt

es nicht. Hemmend wirkt zudem, dass wir unseren Lebens-

14


stil nur sehr zögerlich hinterfragen – weil es unbequem ist. Die

Hoffnung vieler konzentriert sich auf technische Lösungen,

die die Folgen des Klimawandels reduzieren sollen. Aus dieser

Sackgasse müssen wir gemeinschaftlich herausfinden und

Sorge tragen, dass die Erde weiter bewohnbar bleibt.

Wie wir in Zukunft zusammenleben können, hängt davon ab,

wie ein Sorgetragen organisiert, praktiziert und welcher gesellschaftliche

Stellenwert diesem zugemessen wird. Menschen

sind vom ersten Lebenstag an auf die Fürsorge anderer angewiesen.

Empathie und soziale Beziehungen gehören zu unseren

Überlebensstrategien, die sich in Form eines Sorgetragens

ausdrücken. Um auf unserem Planeten zu überleben, ist ein fürsorg

liches Handeln der Menschen für die Erde gefordert.

„On the most general level, we suggest that caring be viewed as

a species activity that includes everything we do to maintain,

continue, and repair our ‚world‘ so that we can live in it as well

as possible. That world includes our bodies, our selves, and

our environment, all of which we seek to interweave in a complex,

life-sustaining web.“ 4

Klar ist, dass für den Schutz der Erde gemeinsam Sorge zu tra -

gen ist. Dazu zählt auch, dass Menschen ihre Lebensweise

ändern, vielleicht das Leben sogar bescheidener ausrichten und

verzichten müssen. Verzichten können – im globalen wie im

lokalen Maßstab – insbesondere jene, die ausreichend haben.

Um künftig in einer Verbundenheit mit der Erde zu leben, sind

einschneidende Veränderungen notwendig.

Menschen zu motivieren, diese Herausforderungen anzugehen,

kann gelingen, wenn sie Verantwortung übernehmen und

die Wirkungsmacht ihres persönlichen Verhaltens erleben. Andere

Lebensweisen müssen vorstellbar und erlebbar werden

sinnlich und wirklichkeitsnah.

Lässt sich der Klimaschutz als überlebenswichtige Notwendigkeit

in den Alltag der Menschen einschreiben? Wohnen

steht symbolisch für das menschliche Dasein auf der Erde und

beein flusst – direkt oder indirekt –, wie und wo Menschen

arbei ten, welches Mobilitätsverhalten sie wählen, ob Gemeinschaft

ermöglicht und erlebt werden kann und wie Freizeit sich

gestalten lässt. In der Frage, wie ein sorgsamer Umgang mit

Raum mit einer ressourcenschonenden Lebensweise verknüpft

werden kann, liegt die eigentliche Brisanz des Wohnens. Ist

ein „kreatives Unterlassen“ 5 , das auf Umnutzen, Wiederverwenden,

Nachnutzen und Mitnutzen sowie auf geänderte Formen

des Zusammenlebens und Wirtschaftens setzt, ein mögliches

Prinzip? Wie lässt sich Reduktion als kreativer Gestaltungsansatz

auf das Wohnen übertragen und welcher Wert ist dabei

Die Poesie der Notwendigkeit

15


zu schaffen, sodass das Verzichten nicht als Verlust empfunden

wird?

Gesucht sind dafür konzeptionelle Lösungen, die bestehende

Standards und Routinen aufbrechen, wie beispielsweise

die Integration von Wohnen und Arbeiten, das Wohnen mit

reduziertem Raumbedarf oder die Suffizienz durch Teilen.

Für den Einzelnen liegt der damit geschaffene Wert im Zugewinn

an Gemeinschaft – in Form gestärkter Nachbarschaften

oder eines gemeinschaftlichen Lebens auf miteinander genutzten

Flächen. Weit mehr als der Neubau eröffnet der Gebäudebestand

einen Möglichkeitsraum, um durch kreatives Umnutzen,

Nach nutzen und Mitnutzen neue Lebens-, Wohn- und

Arbeitsformen auszuprobieren, die Menschen dazu einladen,

das ökologische Erfordernis zur Reduktion nicht als Pflicht, son -

dern als Ausgangspunkt für ein bereichertes und bewussteres

Leben zu empfinden und zu akzeptieren.

Basis dafür ist unter anderem ein Lebens- und Wirtschaftsstil,

der – wie von Niko Paech in seinem Artikel „Kreative Genügsamkeit

als Überlebensstrategie“ in diesem Band beschrieben –

sowohl eine ökologische als auch eine ökonomische und soziale

Überlebensfähigkeit sichert. Das Etablieren einer Kultur

der Suffizienz und autonomer Versorgungspraktiken schafft

neue persönliche Freiheiten jenseits der dominierenden Erwerbstätigkeit.

Es ist ein Gegenentwurf zur industriellen Logik

des 20. Jahrhunderts und Basis für veränderte Lebensstile sowie

eine neue unternehmerische Kreativität.

Diese reduktive Strategie steht im starken Kontrast zu unserer

hochindividualisierten Gesellschaft, die sich durch das Streben

nach Selbstentfaltung, nach Einzigartigkeit motiviert. Und

dennoch lohnt es sich, zu fragen, was ein kreatives Unterlassen

als Ausdruck des Sorgetragens für die Überlebens fähigkeit

der Erde und der Menschen in der Architektur und für das

Schaffen von Architektur bedeutet. Kann die Auseinandersetzung

mit dem Vorhandenen, also dem Bestand an Gebäuden,

eine Chance sein, das nach wie vor extrem ressourcenintensive

Bauen auf den Boden der Realität zurückzuführen? Kann eine

Wertschätzung des Vorhandenen (wieder) zum Maß der Dinge

werden?

Voraussetzung dafür ist ein Umdenken hinsichtlich der Art

des Bauens. An die Stelle des auf kurzfristige Rentabilität angelegten

Bauens tritt ein Verständnis des Architekturschaffens,

das im Sinne eines Sorgetragens für die Erde den ökologischen

und kulturellen Wert des Gebäudebestands als Reservoir zum

Weiterdenken und Weiterbauen erkennt, respektiert und nutzt.

Hierin liegt die doppelte Relevanz des Sorgetragens für die

16


Architektur: Sorge um den Bestand zielt nicht nur aus ökologischen

Gründen auf ein sorgsames, weiterführendes Erhalten

des Gebäudebestands ab. Verbunden damit ist ein Sorgetragen

für die sozialen Strukturen – für Menschen, die in diesen Gebäuden

leben, wohnen und arbeiten.

Die dominierende immobilienökonomische Sichtweise Es

muss sich rechnen misst dem Bestand unter den jetzigen Bedingungen

nur selten einen Wert zu. Meist sieht seine Zukunft

sehr grau aus. So gut gemeint die Argumente auch sind, mit

denen gegen den Abriss von Gebäuden gekämpft wird, gegen

die ökonomische Rationalität und den technischen Veränderungsdruck

– verkauft als Fortschritt – richten Kriterien wie

Denkmalschutz, Kulturgut oder stadtbildprägende Architektur

letztlich nur wenig aus. Den mit Idealismus, gestalterischem

und technischem Können weitergebauten, aktivierten und sanierten

Gebäuden steht eine Vielzahl an schmerzlich verlo rener

Bausubstanz gegenüber.

Doch wer fragt nach den dafür aufgebrachten Ressourcen und

verlorengegangenen baulichen Energien? Diese sind erheblich:

Allein über 2,5 Tonnen an Bau- und Abbruchabfällen fallen

im Jahr pro Bundesbürger*in an. 6 Im Vergleich dazu nehmen

sich der mit großer medialer Aufmerksamkeit diskutierte

Ver packungsabfall, der 2017 bei 227 Kilogramm pro Bundesbürger*in

lag, 7 als geradezu gering aus. Auch die in Gebäuden

gespeicherte graue Energie, die für Produktion, Transport,

Bau und Entsorgung aufgewendet wurde, ist ein gewichtiges

Argument, Bestehendes zu erhalten und zu qualifizieren.

Wenn diese ökologischen Folgen und Kosten nicht länger auf

die Gemeinschaft und zukünftigen Generationen abgewälzt

werden, ist eine klimagerechte Architektur auch ökonomisch

wettbewerbsfähig.

Neue Strategien für den Bestand erfordern in einer ökonomischen

Sicht zudem, aktuelle Standards zu hinterfragen und

neue Raummodelle zu testen: kompakte, flexible Grundrisse

für einen reduzierten Flächeneinsatz, Mehrfachnutzungen im

Sinne der Suffizienz oder das Zurückfahren der auf Komfort und

technischer Ausstattung ausgelegten Ansprüche. Dann sind

Umbaustrategien möglich, die dem bezahlbaren Weiterbauen,

Wohnen und Leben in ihrer Verantwortung gerecht werden.

Die Argumente ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit wie

auch kultureller Wert, die für den Erhalt des Bestands sprechen,

erweitert Elke Krasny in ihrem Artikel „Bestand als Vorsorge“

um die Politik der Sorge: Menschen müssen sich im Wohnen, im

Arbeiten, in der Gesundheitsvorsorge auf den Bestand verlassen

können, um bestehen, um leben, um überleben zu können. Ihr

Die Poesie der Notwendigkeit

17


und lösbaren oder im biologischen Kreislauf gehaltenen Beschichtungen,

Lackierungen oder Veredelungen.

Das Bewusstsein für Herkunft und Herstellungsdauer der Roh -

stoffe ist bei einer Planung genauso wichtig wie das Entwickeln

anpassungsfähiger Gebäudestrukturen, die den ökolo gi -

schen Wert eines Gebäudes bewahren, nutzen und weiterwachsen

lassen. „Wachsender Bestand“ ruft ins Bewusstsein,

dass die heute errichteten Gebäude der Bestand von morgen

sind und damit kommende ökologische Fragen begründen.

Dass Gebäude an ihren künftigen Anforderungen wachsen können,

dafür spricht sich die Strategie einer Auseinanderset -

zung über das Maß an Transformationsfähigkeit von Gebäuden

und über die Auswahl von regenerativen Materialien aus.

Die zehn Strategien sind Einladung und Aufruf zu einem Perspek

tiv wechsel in der Architektur: Bauen muss vermehrt ohne

Neubau auskommen, Priorität kommt dem Erhalt und dem

Weiterbauen des Bestehenden zu. Für das Vorhandene aktiv

Sorge zu tragen, das Bestehende mit Ideen für ein zukunftsfähiges

Zusammenleben weiterzubauen, ist Kern einer reduktiven

Architekturauffassung. Verbunden ist damit der Transfer

vom kurzfristigen Verwertungsgedanken zum langfristigen

Bestandsdenken. Die zehn Strategien bilden Ausgangspunkt

und Denkraum für den zu führenden Diskurs über den sorgsamen

und verantwortlichen Umgang mit dem Bestehenden:

unserer Erde und der vorhandenen Architektur.

Dr. Olaf Bahner Referent beim Bund Deutscher Architektinnen

und Architekten BDA und verantwortlich für die Themen

Baukultur und Berufspolitik. Nach Studium der Wirtschaftswissenschaften

in Weimar, Kassel, Tübingen und Jena

anschließende Promotion im Bereich Umweltökonomie.

Matthias Böttger Künstlerischer Leiter des Deutschen Architektur

Zentrums DAZ in Berlin. Architekt und Kurator. Professor

und Leiter des Instituts HyperWerk / Prozessgestaltung

an der Hochschule für Kunst und Gestaltung, Fachhochschule

Nordwestschweiz FHNW, Basel. Partner raumtaktik /

Berlin und urbanegestalt / Köln.

Laura Holzberg Referentin beim Bund Deutscher Architektinnen

und Architekten BDA, ist kuratorisch für das Deutsche

Architektur Zentrum DAZ tätig. Sie studierte Raumstrategien

in Kiel und im Studio for Immediate Spaces in Amsterdam.

Mitgründerin im Kollektiv „Studio LUCK“, das Interventionen

und Begegnungsorte im Urbanen gestaltet.

22


Kreative Genügsamkeit

als

Überlebensstrategie

Niko Paech

Ehrgeizige Versuche, das moderne Konsum- und Mobilitätssystem

mittels technischer Innovationen von ökologischen Schäden

zu entkoppeln, schlugen nicht nur fehl, sondern führten

punktuell sogar zu einer Verschlimmbesserung. 10 Der letzte

Ausweg könnte darin bestehen, das globalisierte Industriemodell

soweit zurückzubauen, dass die irdische Tragekapazität

erhalten bleibt und die damit zu vereinbarende Umweltbeanspruchung

auf rund 7,6 Milliarden Menschen gleich verteilt

wird. Bezogen auf den Klimawandel als das eklatanteste Nachhaltigkeitsdefizit

hieße dies laut Umweltbundesamt, dass je -

des Individuum pro Jahr durchschnittlich mit etwa einer Tonne

an CO 2 -Äquivalenten auszukommen hätte. Der mitteleuropäische

Durchschnitt liegt derzeit bei rund zwölf Tonnen.

drei szenarien für die transformation. Dieses zivilisatorische

Großvorhaben, für das keine historische Parallele existiert,

wird entlang dreier Umsetzungsszenarien diskutiert: erstens

als geplante, makroökonomisch zu steuernde Postwachstumsstrategie,

die durch Anreizsysteme und politische Rahmensetzungen

zu etablieren wäre; zweitens als unvermeidliches

Reaktionsmuster auf schicksalhaft hereinbrechende Krisen;

drittens als Dynamik autonomer Aufbrüche, die sich zunächst

in Nischen und Reallaboren bewähren, um darauffolgend

von weiteren Teilen der Gesellschaft übernommen zu werden.

23


und viertens Konsument*innen über Lernprozesse zur Mitwirkung

an Versorgungsleistungen befähigen. Damit würde

nicht nur die industrielle Logik des 20. Jahrhunderts herausgefordert,

sondern eine Basis für veränderte Lebensstile und

eine neue unternehmerische Kreativität geschaffen: Die Trennung

zwischen der Angebots- und Nachfrageseite würde

graduell aufgehoben.

Dr. Niko Paech Als Volkswirt lehrt und forscht er an der

Universität Siegen als außerplanmäßiger Professor im

Bereich der Pluralen Ökonomik. Forschungsschwerpunkte

sind unter anderem Umweltökonomie, Ökologische Ökonomie

und Nachhaltigkeitsforschung. Paech hat den Begriff

der Postwachstumsökonomie in Deutschland geprägt und

ist prominenter Verfechter der Wachstumskritik.

30


Bestand als

Vorsorge: Für eine

Care-Perspektive

in der Architektur

Elke Krasny

bestehen:

vorhanden sein, existieren

fortdauern, bleiben, Bestand haben

hergestellt, zusammengesetzt sein

in etwas seinen Inhalt, sein Wesen haben

durchstehen, ertragen 16

31


Mit dem Jahresanfang 2020 haben pandemische Zeiten begonnen.

Die Verbreitung des Covid- 19- Virus hat das Leben weltweit

verändert. Wie werden wir die Pandemie durchstehen? Wo

existiert das, was es braucht, um die Pandemie zu überstehen,

und wo ist das, was es dafür braucht, nicht vorhanden?

All das, was vorhanden ist, all das, was schon vor dem Ausbruch

der Pandemie existierte, all das, was vorgesorgt wurde,

bestimmt in höchstem Ausmaß, wie gut oder wie schlecht

die Menschen an unterschiedlichen Orten der Welt, in unterschiedlichen

Gebieten eines Landes, in unterschiedlichen Teilen

einer Stadt die Folgen des Virus überstehen, mit den neuen

Bedingungen, die das Virus notwendig macht, leben können.

An der Vorsorge kann das Vorbereitetsein auf die Krise gemessen

werden. All jene Tätigkeiten und all jene Infrastrukturen,

die der Aufrechterhaltung des Lebens dienen und damit fundamental

die Bedingungen der Möglichkeit des Lebens – und in

pandemischen Zeiten des Überlebens – darstellen, jedoch sonst

zumeist als stillschweigend vorausgesetzte und im Hinter -

grund ablaufende gelten, von denen angenommen wird, dass

sie einfach nur da zu sein haben, sind ins Zentrum der Aufmerksamkeit

getreten. Die geballte Aufmerksamkeit zeigt sich

in der Berichterstattung über systemerhaltende Tätigkeiten

und Berufe. Sie zeigt sich in neuen Hashtags wie #stayathome

oder #sicher zuhause, die online zirkulieren, aber auch in den

Nachrichten über die Ausstattung mit und die Auslastung von

Akutbetten. Es geht um die Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse.

Folgendes ist diesen gemeinsam: die Notwendigkeit, umsorgt

zu sein. Damit geht es notwendigerweise um alles, die Menschen,

die Materialien, die Räume, die Technologien, die Infrastrukturen,

die notwendig sind, um dieses Umsorgtsein herzustellen

und zuverlässig aufrechtzuerhalten. Sorge ist daher in

letzter Konsequenz eine Frage von Leben und Tod. Das Vorhandensein

von ausreichendem und adäquatem Umsorgtsein ist

lebenserhaltend, das Fehlen von ausreichendem und adäquatem

Umsorgtsein kann tödliche Folgen haben. Unter den viralen

Bedingungen der Pandemie des Jahres 2020 sind diese Zusammenhänge

und die Konsequenzen der nicht ausreichenden

Vorsorge für das Umsorgtsein in ihrer Überlebensnotwendigkeit

deutlich geworden.

Dies bedeutet jedoch nun auf gar keinen Fall, dass diese Überlebensnotwendigkeit

nicht immer bestünde, im nicht-pandemischen

Alltag nicht bestünde. Im Gegenteil: Diese Überlebensnotwendigkeiten

und das ausreichende Vorhandensein

32


oder Nichtvorhandensein dieser Notwendigkeiten sind immer

lebensbestimmend.

Jedoch: In den nicht-pandemischen Zeiten werden diese Notwendigkeiten

in den Hintergrund gedrängt und erfahren keine

oder zumindest viel zu wenig Aufmerksamkeit in Gesellschaft,

Politik und Ökonomie, deren zusammenwirkendes Ineinanderverflochtensein

die Beziehungen und Verhältnisse der Sorge

bestimmt. In den sogenannten Normalzeiten wird die Sorge

in den Hintergrund gedrängt. Sie bleibt unsichtbar. In den sogenannten

Normalzeiten zollt die Politik der Sorge keine öffentliche

Anerkennung, sprechen Politiker*innen nicht wie in Covid-

19- Zeiten in ihren an ihre Nationen gerichteten Ansprachen von

der systemrelevanten Arbeit der Krankenpfleger*innen und

Busfahrer*innen, der Regalschlichter*innen und Erntehelfer*innen.

Der pandemische Ausnahmezustand rückt das menschliche

Voneinanderabhängigsein in Sorge ins Zentrum. Die Einzelnen

sind ebenso aufeinander angewiesen wie sie auf die

Infrastrukturen und die materialen und materiellen Unterstützungssysteme

angewiesen sind.

Dieser Essay verfolgt eine Intervention auf zwei verschiedenen

Ebenen. Es wird der Vorschlag entwickelt, dass Architektur als

systemerhaltende Sorgearbeit begriffen und praktiziert werden

kann und dass Architekturbestand als Vorsorge gedacht wird,

als Teil des Vorbereitetseins für das Bestehenkönnen in Krisen

und Katastrophen.

Ohne Umsorgtsein, für das Sorge getragen werden muss, können

menschliche Wesen nicht leben, nicht überleben. Ontologisch

betrachtet, haben wir als menschliche Wesen keine

andere Wahl als uns als Sorge tragende Wesen zu begreifen. Da

wir der Sorge bedürfende Wesen sind, müssen wir uns auch

als Sorge tragende Wesen begreifen. Um umsorgt zu sein, müssen

wir umsorgt werden. Um umsorgt zu werden, müssen wir

Sorge tragen. Um Sorge tragen zu können, müssen wir selbst

umsorgt sein. Nicht immer bedürfen menschliche Wesen gleich

viel an Sorge, nicht immer können oder müssen menschliche

Wesen gleich viel an Sorgetragen leisten. Am Leben zu sein, zu

bestehen, bedeutet, immer in Sorge sein zu müssen.

Historisch betrachtet wurde Sorgearbeit devaluiert, feminisiert,

rassifiziert. Sorgearbeit im Haus, im Gesundheitswesen, in

der Pflege wurde zur nicht bezahlten oder schlecht bezahlten

Arbeit. Sorgearbeit im heutigen neoliberalen Kapitalismus,

aber auch in anderen früheren Wirtschaftssystemen, ist in

besonderer Art und Weise ausbeutungsanfällig. Paradoxerweise

führte die Abhängigkeit von Sorgearbeit zu besonderen

Formen von Unterdrückung und Ausbeutung. Die moderne

Bestand als Vorsorge

33


Das Problem mit der Zukunft besteht darin, dass sie nie eintrifft.

In einer erwerbssüchtigen und produktivitätsgetriebenen

Gesellschaft ist die Tatsache, dass immer, immer heute und nie

morgen ist, eine Art Falle. Dessen sind sich die idealistischsten

wie die zynischsten Menschen bewusst – deshalb geben und

stehlen sie mit Leib und Seele. Die meisten von uns, die irgendwo

in der Mitte feststecken, sind in Spinnweben aus Sehnsucht

und Bedauern, Angst und Verlangen gehüllt. Und während

wir verzweifelt versuchen, uns auf unseren lustigen Tretmühlen

aufrecht zu halten, wird Stunde um Stunde auf dem Altar der

noch kommenden Stunde geopfert. Je stärker man sich in

die Zukunft lehnt, desto schneller fliegt der Boden der Gegenwart

unter dem Pochen der unruhigen Füße hindurch. Was

ist schließlich eine Midlife-Crisis, außer einer Midlife-Erkenntnis,

dass Sie all Ihre Liebe und Anstrengung in den Aufbau einer

Zukunft gesteckt haben, die niemals kommen wird? Dass Sie in

einem Zustand des permanenten Aufschubs feststecken?

Natürlich ist das eine Binsenweisheit, die so hohl ist, dass sie

selbst in den dumpfsten Ohren falsch klingt. Aber irgendwie

leben wir diese weiter. Die Zukunftsfixiertheit ist jedoch nicht

nur ein Verlustmechanismus, sie ist auch ein Kontrollmechanismus.

Wenn wir kontrollieren wollen, was jemand mit seiner

Zeit, seinem Körper, seinem Geld macht, sagen wir ihm, dass

wir uns um seine Zukunft sorgen. Kinder wissen das besser als

alle anderen. Kinder wissen, was sie tun müssen, um zu lernen.

Seit Jahrtausenden lernen sie Ideen von erstaunlicher Komplexität

und Abstraktion durch Gespräche und direkte, experimentelle

Erfahrung; doch heutzutage kann man ihnen anscheinend

nicht zutrauen, die geringste Entscheidung in ihrem

eigenen Namen zu treffen. Fragt man Eltern nach den Kämpfen,

die sie mit ihren Kindern ausfechten, dann sind es meistens

die Schwierigkeiten, dass Kinder den für sie speziell ausgelegten

Konsumfallen wie Junkfood, Fernsehen und teures Spielzeug

kaum widerstehen können. Wen tadeln wir dafür? Die Kinder

natürlich – weil profitorientierte Erwachsene dafür verantwortlich

sind, die Werte für die Zukunft schaffen, und weil dau erhungrige

Kinder unverantwortlich sind und unter den Versuchungen

des Augenblicks zusammenbrechen, auch wenn die

tiefe Sehnsucht nach Fett und Zucker ein Artefakt der Evolution

ist, um sicherzustellen, dass in den seltenen Fällen, in denen

Kalorien im Überfluss zur Verfügung stehen, wir über unseren

aktuellen Bedarf hinaus essen, als Polster für künftige schlechtere

Zeiten.

Bildungs- und Erziehungssysteme, die den entgegengesetzten

Ansatz verfolgen und Kinder von Natur aus für neugierige,

38


motivierte und sensible Geschöpfe halten, haben immer wieder

gezeigt, dass sie ebenso erfolgreich fähige Erwachsene hervorbringen

können wie unsere disziplinären Systeme. In dieser

breit gefächerten Denkschule gibt es zwar viele Permutationen,

sie alle verbindet jedoch ein Bekenntnis zu Kindern, wie sie

in der Gegenwart sind; sie schätzen sie in erster Linie als Kinder,

nicht als die Erwachsenen, die sie werden könnten. Doch das

kulturelle Misstrauen gegenüber all dem, was momentan darin

steckt, ist so tief, so dicht, so beharrlich, dass sich unsere Empfindungen

über die Faktenlage hinwegsetzen. Der Kapitalismus

hat ein großartiges Gespür für Aufschub und Verdrängung –

eine außerordentliche Fähigkeit, das Hier (den Ort der Beute)

und Jetzt (zermürbende oder langweilige Arbeit) für den Wohlstand

von morgen auszuschalten.

Das Problem der Architektur – eines der Probleme der Architektur

– besteht darin, dass wir immer für eine Zukunft bauen,

die niemals eintritt, und Architekt*innen spielen allzu oft die

Rolle des überheblichen Erwachsenen, der über die aktuelle

Realität der Kinder hinaus in eine imaginäre Zukunft blickt, die

vielleicht eintritt, vielleicht aber auch nicht. Die Logik der Erneuerung

und Entwicklung blickt allzu oft über das Hier und

Jetzt hinaus und sieht nur das, was sein könnte. Die eigentliche

Kunst besteht darin, sowohl das Bestehende als auch das

Mögliche zu sehen und sie beide genau, klar und mit Sorgfalt zu

betrachten. Dieses doppelte Sehen ist es, das fast allen außergewöhnlichen

Architekt*innen, von denen wir gelernt, die wir

beobachtet und die uns unterrichtet haben, in Fleisch und

Blut übergegangen ist, und es ist die Fähigkeit, um die wir uns

in unserer eigenen Praxis am stärksten bemühen.

Nicht nur als Industrie, sondern auch als Einzelne müssen wir

einen Weg finden, uns in der Gegenwart zu verankern. Um

zu sehen, wie die Dinge jetzt sind, um über unsere Erwartungen,

unsere Hoffnungen und unsere Vorurteile hinwegzusehen

und der Welt so zu begegnen, wie sie ist. Was zählt, ist, was wir

heute tun. Manche werden dies als unverantwortlich bezeichnen.

Doch wenn die Vergangenheit ein fremdes Land ist, dann

ist die Zukunft ein fiktives Land. Wir bauen für Gemeinschaften,

die es noch nicht gibt, und löschen die bestehen den aus.

Wir bauen für idealisierte Versionen des Lebens, nicht für die

tatsächlichen rauen, vielfältigen und widersprüch lichen Lebensweisen

der Menschen. Wir bauen Städte für eine Zukunft,

in der alle Menschen immer wohlhabender werden, während

die meisten in unserer Realität immer ärmer werden. Wir zerreißen

Stadtviertel, verzaubert von der Vision, was aus ihnen

werden könnte. Wir vermissen, was sie jetzt sind. Wir bauen

Das Problem mit der Zukunft

39


46

Granby Four Streets. Die Straßen

sind ein verbliebenes Fragment

eines großen Gebiets von Reihenhaussiedlungen

in Liverpool.

Assemble wurde von den Anwohner*innen

zur Unterstützung ihres

jahrzehntelangen Versuchs eingeladen,

ihre Straßen zu retten und

die leer stehenden Häuser wiederzubeleben,

während die Behörden

weiterhin auf Abriss und Wiederaufbau

drängten. Die Bewohner*innen

wehrten sich, pflanzten Blumen,

organisierten Müllsammlungen,

bemalten die heruntergekommenen

Häuser und gründeten 2011 den

Community Land Trust, um eine von

der Gemeinschaft geleitete Revitalisierung

und langfristig bezahlbare

Häuser zu ermöglichen.


Die Wertschätzung des Bestehenden.

Assemble unterstützte den

Kampf und half den Bewohner*innen,

ihr Anliegen vor den Stadtrat zu

bringen. Inspiriert durch das bisher

Erreichte, wurde eine gemeinsam

entwickelte Anpassungs- und Reparaturstrategie

für die schrittweise

Wiederbelebung der Granby Four

Streets geschaffen. 2014 wurden die

ersten zehn Häuser renoviert.

Der teilweise ruinöse Zustand wurde

nicht als Hindernis, sondern als

Chance verstanden, um Restriktionen

der Typologie zu unterlaufen.

Häuser mit einge stürzten Geschossdecken

erhielten Räume mit doppelter

Höhe. Ein Haus, das nur noch

aus Außenwänden bestand, wur -

de in einen Wintergarten mit Glasdach

umgewandelt, der langfristig

von der Gemeinschaft genutzt wird.


Granby Workshop. Die Werkstatt

begann als kleine lokale Fabrik

zur Herstellung handgefertigter Einrichtungsgegenstände

für die renovierten

Häuser, um ein Gefühl von

Kontinuität und Heimat zu schaffen.

Assemble bezog ein Haus in der

Straße und arbeitete mit den Anwohner*innen

zusammen, um

Badezimmerfliesen, Türgriffe und

Kamine herzustellen. Die qualitativ

hochwertigen Produkte sollen

die Sorgfalt, den Wert und die

Kreativität widerspiegeln, die von

den Bewohner*innen in die Häuser

investiert wurden. Für die Nachbarschaft

ist die Werkstatt sowohl

eine Arbeitgeberin als auch eine

Ressource.


Die Wohnungsfrage:

Notizen

zum Bestand

Anne-Julchen

Bernhardt

Wwohnen. Wohnungen sind das Brot der Architektur. Gewohnt

wurde schon immer, und gewohnt wird weiterhin. Wirtschaftlich

sind Wohnungen eine sichere Sache, Menschen brauchen

sie täglich. Martin Heidegger weist in seinem 1951 in Darmstadt

gehaltenen Vortrag „Bauen Wohnen Denken“, der zu den

am häufigsten zitierten Texten der Architekturtheorie der Moderne

zählt, auf die grundlegende Disposition des Wohnens

für das menschliche Sein hin. Der Mensch wohnt immer und

überall, auf der Autobahn, im Park, in der Fabrik und in der

Wohnung. Mit einer etymologischen Herleitung legt Heidegger

das Wohnen als stilles und zufriedenes Sein aus. Das Wohnen

ver körpert nach Heidegger ein friedliches Auf-der-Welt-Sein,

den schonenden Aufenthalt der Sterblichen auf der Erde, etwas,

das vor allen anderen Tätigkeiten liegt: Erst kommt das Wohnen,

dann das Bauen. „Nur wenn wir wohnen können, können

wir bauen.“

In der Bundesrepublik gibt es 42,5 Millionen Wohnungen, bezogen

auf die Einwohnerzahl leben in jeder Wohnung 1,9 Menschen.

Von diesen Wohnungen stehen manche an der falschen

Stelle. Deshalb werden Wohnungen an neuen Orten gebaut,

während Wohnungen an anderen Orten leer stehen. Auch können

52


estehende Wohnungen nicht alle Anforderungen bedienen:

barrierefrei sein, wenig Energie verbrauchen, eine gewisse Größe

haben, ein Leben jenseits eines durch die Raumaufteilung

festgeschriebenen historischen Lebensmodells ermöglichen.

Auch deshalb werden neue Wohnungen gebaut. Wohnungen

sind ein Wirtschaftsgut, sie werden vermietet und verkauft, mit

ihnen wird nicht nur Ertrag, sondern auch Gewinn erzielt. Zur

Gewinnsteigerung werden ebenfalls Wohnungen gebaut. In

der Bundesrepublik wurden im Jahr 2019 360.000 Wohnungen

gebaut, was etwa der Anzahl dreier Großstädte entspricht.

Bestand. Den Gebäudebestand zeichnet aus, dass er besteht

und immobil ist. Er wird auch als Bestandsimmobilie bezeichnet.

Diese Vermischung von phänomenologischer und wirtschaftlicher

Beschreibung zeugt von der mehrfach verschränkten

Bedeutung der Bestandsimmobilien: Bestandsimmobilien

werden gemäß Immobilienwertermittlungsverordnung (Immo-

Wert V) aktuell mit linearem Wertverlust bewertet. 20 Das Bewertungsgesetz

legt für verschiedene Gebäudetypen eine wirtschaftliche

Gesamtnutzungsdauer fest. Diese reicht von dreißig

Jahren bei einer Reithalle bis zu siebzig Jahren bei einem

Mehrfamilienhaus. Dies bedeutet, dass ein vor 1950 gebautes

Mehrfamilienhaus – ohne Betrachtung möglicher Erhöhungsumstände

– heute wirtschaftlich wertlos ist. Sollen andere

Werte wie graue Energie, Kultur und Möglichkeit einer Um nutzung

in diese Betrachtung einfließen, müssen sich die Gesetze

ändern. Dies ist kein architektonisches, sondern ein politisches

Problem.

In der Bundesrepublik werden nicht nur Wohnungen gebaut,

sondern auch das, was das Statistische Bundesamt als Nichtwohngebäude

bezeichnet. Nichtwohngebäude sind Reithallen,

Parkhäuser, Kauf- und Warenhäuser, Büro- und Verwaltungsgebäude,

Museen, Theater, Sakralbauten, Friedhofsgebäude – in

der Reihenfolge der amtlich wirtschaftlichen Dauerhaftigkeit.

Über diesen Bestand ist statistisch wenig zu erfahren: Die 2019

fertiggestellten Nichtwohngebäude umfassen eine Größe von

26 Millionen Quadratmetern, was ziemlich genau den Quadratmetern

an neugebauter Wohnfläche entspricht. Wie groß der

Bestand an Nichtwohngebäuden insgesamt ist, errechnete ein

mehrjähriges interdisziplinäres Forschungsprojekt 21 durch mehrere

Annäherungen: 3,6 Millionen Gebäude, wobei die damit

verbundene Fläche nach wie vor unbestimmt bleibt.

Die Wohnungsfrage: Notizen zum Bestand

Bestand und Veränderung. Räume provozieren Handlungen

und eine spezifische Art von Gebrauch. Raum und Handlung

53


◃ ▵ Mischung im Bestand. Für die

Umnutzung der Hallen Kalk in Köln

wird der Bestand nicht nur baulich

verändert, sondern es werden

Synergien für eine funktionale

und soziale Mischung erzeugt. Um

die große Freiraumhalle ist eine

gemischte Stadt mit Schule, Museum,

Werkstätten und Markthalle

entworfen worden.

▿ Kompromissvolles Entwerfen. Das

Kaufhaus Breuer wurde zu einem

Wohn- und Geschäftshaus mit acht

barrierefreien Wohnungen für Einzelappartements

und Wohngemeinschaften

umgebaut. Um die Offenheit

des ehemaligen Kaufhauses zu

erhalten, wurden die Grundrisse

nur durch eingestellte Bäder und bewegliche

Wandelemente gegliedert.


Hieroglyphen des Alltags – Biografie

des gelebten Raums. Verschränkung

von Raum und Zeit

▵ Sonntag in Rom, Abdrücke von Rollerständern

im Teer, Rom 2020

▹ Spuren von Radnaben passierender

Kutschen, Porta Pia, Rom 2020

74


Zeitschichten – Gleichzeitigkeit

des Aufeinanderfolgenden als Tiefe

umlicher Qualität

◃ Umbau einer ehemaligen Wählvermittlungsstelle

aus den 1950er

Jahren zum Wohnhaus, Allgäu 2020

▿ Säule eines antiken Tempels

in San Nicola in Carcere, Rom 2020

81


Erstbesichtigung

Obdachlose wohnten hier, und

die WCs erinnerten mich an den

Film Trainspotting.

„Bei der Erstbesichtigung Anfang

2018 fragte ich mich noch, ob wir

hier wirklich mal arbeiten oder lieber

eine Fortsetzung von dem Film

Trainspotting drehen wollen. Obdachlose

wohnten hier, und die WCs

erinnerten mich an den eben zitierten

Film. Nach der Renovierung

im Sommer 2018 sehen die Räume

nun doch ganz cool aus. Nachdem

ich mich an die gemischten diversen

Sanitärräume gewöhnt hatte, würde

ich schon sagen, dass die Räumlichkeiten

gut zu unserem Ver fahren

passen. Die WERKSTATT steht neben

endlosen Diskussionen und dem

Aufeinanderprallen von verschiedenen

Welten auch für super Ergebnisse.

Mein Horizont wurde hier

erweitert!“

Patrick Tuschhoff

94


Kick-off-Veranstaltung

Und es war der Moment, der zeigte,

wie wenig es braucht, um dem

unwirtlichen Vorplatz Aufenthaltsqualität

zu entlocken.

„Der Moment mit der WERKSTATT,

an den ich mich besonders gerne

erinnere, ist der Tag des Kick-Off, an

dem die WERKSTATT erstmals

nach ihrer Renovierung in Nutzung

genommen wurde. Gleichzeitig

war das der Tag, an dem der Pavillon

– markiert durch die Aufschrift

WERKSTATT in Hollywood- Lettern –

erstmals selbstbewusst auf sich

aufmerksam machte. Das war der

Moment, an dem sofort deutlich

wurde, wie vielseitig der Ort ist und

wie selbstverständlich sich durch

die großflächige Glasfassade der Innenraum

mit dem superurbanen

Außenraum verbinden lässt. Und es

war der Moment, der zeigte, wie

wenig es braucht, um dem unwirtlichen

Vorplatz Aufenthaltsqualität

zu entlocken. In diesem Moment

wurde mir klar, hier entsteht ein

großartiger Ort als Vorbote für ein

besonderes Projekt.“

Anja Menge

96


Abriss

Ahornblatt – Palast der Republik –

WERKSTATT? Bitte nicht!

„Die WERKSTATT und der kleine

Kiosk davor sind genau die städ tischen

Situationen, die in ihren unterschiedlichen

Größen die Diversität

der Stadtgesellschaft und deren Zugänglichkeit

zum öffentlichen Raum

sicherstellen. Geradezu zynisch wäre

es, wenn die Rekonstruktion eines

nie gebauten Pavillons in der Karl-

Marx-Allee dazu führen würde, dass

die WERKSTATT, ein historisch gewachsener,

integrierter und über viele

Jahrzehnte genutzter, lebendiger

Pavillon, beseitigt würde. Abgesehen

davon sind bereinigte städtebauliche

Situationen danach meist auch

vom städtischen Leben gereinigt.

Ein neuer Pavillon in der Karl-Marx-

Allee kann inhaltlich wie stadträumlich

durch den Kiosk Oase oder die

WERKSTATT nur gewinnen.“

Erik Göngrich

106


114


IV Bestand ist Handlung

◃ ▵ Christopher Dell:

denkstatt denken. Ein Katalog.

Basel / Berlin 2020

115


120


121

◃ Finde den Best-Match-Nutzer.

▵ Viele kleine Schritte.


Blockchain ist damit ein Gegenentwurf zur kommunalen und

staatlichen Datenhoheit wie auch insbesondere zur privatwirtschaftlichen

Monetarisierung unserer Daten.

Leerstand im Umfeld der Wohnungen wird wieder aktiviert und

ist für gemeinschaftliche Nutzungen, für Co-Working oder Formen

urbaner Produktion zugänglich. Wohnungsgrundrisse können

neu organisiert werden, und allen Hausbewohner*innen

kann der Zugang zu umgenutzten oder umcodierten Räumen

gegeben werden, die beispielsweise Arbeits- oder Spiel- oder

Gästeräume sein können. Bewohner*innen können sich je nach

Raumbedarf zeitlich bedingte Räume zu ihrer Wohnung zuschalten.

Mit teilweise minimalen Umbaumaßnahmen können

nicht gebrauchte Räume innerhalb eines Hauses oder einer

Wohnung für die Hausgemeinschaft freigeschaltet und deren Zugang

digital organisiert werden. Die Mobilität als ein Schlüsselthema

zur Organisation des Lebens kann in die Urban Blockchain

eingebunden werden, um die Fluidität des Systems

zu gewährleisten, in dem verschiedenste Bereiche der Stadt zu

einem neuen sozialen Gefüge zusammengeführt werden.

Die Idee der Urban Blockchain kann zu einer neuen resilienten

Nachbarschaft führen, in der Räume zuerst gemeinsam verhandelt

und dann digital effizient und einfach organisiert werden.

Am Anfang steht die Hausgemeinschaft, die partizipatorisch

die Plattform mit ihren Werten und Vorstellungen füllt und

die Beziehungen dieser Parameter untereinander definiert.

Die Gemeinschaft erprobt das System und verbessert es kontinuierlich,

wobei nicht ausgeschlossen ist, dass in Zukunft

auch das digitale System lernfähig wird. Haben sich bestimmte

Muster und Raumnutzungen als effizient herausgestellt, können

diese im größeren Maßstab kopiert und angewandt werden.

Das System kann in einer Pioniernachbarschaft entstehen, in

der das über Generationen angereicherte Wissen zum Wohnen

und der Stadt mit den neuesten technologischen Möglichkei ten

in eine neue Synergie eintritt. Im steten Verbessern dieser Betaversionen

von Nachbarschaften in diversen Kontexten kann

möglicherweise ein räumlich-sozial-technologisches Muster

entstehen, das wert ist, kopiert und skaliert zu werden und als

Systemanwendung in einem größeren Maßstab genutzt zu

werden. Die Urban Blockchain wird zur Metapher der urbanen

Vernetzung und der Datensicherheit.

138


VI Urban Blockchain

▵ Impulse für einen digitalen Zugang

zum Bestand im Rahmen einer

Forschung von feld72 zur Zukunft

des Wohnens im Auftrag der Designabteilung

der Deutschen Telekom

139

Ein Gespräch zur Urban Blockchain

Michael Obrist im Gespräch mit Shintaro Miyazaki über die

Idee einer Urban Blockchain als gemeinschaftsstiftendes

Instrument und ihre Grenzen.


öffentlicher raum. Vor ein paar Jahrzehnten, also um 2020, war die Zwischenstadt

eine „extrem menschenfeindliche Struktur“ 34 . Inzwischen

sind ihre Straßen zu Begegnungsorten geworden. Mehr oder weniger autofrei,

sind sie gemeinschaftlich genutzter Freiraum, ein Mix zwischen

Agora und Allmende. Ehemalige Resträume an Autobahnknoten oder unter

Brücken bieten jetzt, öffentlich zugänglich und funktional uncodiert, viel

Freiheit und Platz. Im Alltag sind die Straßen vor allem für alle Arten von

Rädern da, lassen sich aber auch für neue Sportarten wie das Asphalt surfen

nutzen. Eine separate Spur auf der Straße ist der öffentlichen Mobilität

vorbehalten – einer neuen Trambahn 35 , die eng getaktet Personen und Güter

transportiert. Überregional angebunden an die Eisenbahn, kann die

Tram ihre Transportleistung in der Region wirtschaftlich und logistisch voll

entfal ten. Die einst toten Zonen entlang der Straßen sind inzwischen zum

belebten öffentlichen Raum geworden. In die Erdgeschosse sind Geschäfte,

Handwerker*innen und Dienstleister*innen eingezogen, die vom Straßenleben

profitieren. Läden handeln mit regionalen Lebensmitteln und Produkten,

die die örtlichen Wirtschaftskreisläufe stärken.

148


149


Wer kein Risiko eingeht,

kann keinen Fortschritt erzeugen

Roland Gruber: Über Jahrzehnte war das

Verhältnis zwischen Stadt und Land von einer

Urbanisierungswelle geprägt. Warum

soll ausgerechnet jetzt das Land wieder so

attraktiv sein, dass Menschen hier wohnen

und arbeiten wollen?

Franziska Kenntner (FK) → Seit rund drei Jahren

spüren wir, dass es die starke Landflucht

in dieser Form nicht mehr gibt. Das

hat sicherlich mit dem Ausbau des Internets

zu tun. Einen zusätzlichen Schub hat die

Fridays-for-Future-Bewegung gebracht, also

das Einfordern eines nachhaltigen Lebens

und das damit verbundene neue Naturverständnis.

Hier punkten wir natürlich sehr

stark. Durch das Breitband müssen die Leute

nicht mehr täglich pendeln, sie arbeiten

drei Tage daheim und vielleicht nur zwei Tage

in der Firma. Das bringt ein neues Bewusstsein

für das Regionale und für die unmittelbare

Umgebung.

Armin König (AK) → Ich glaube im Sinne des

Shareholder-Value, dass der Wert der intakten

Natur, der Gesundheit und des Sozialen

– also alles, was bislang nicht bilanziert

wird – ein ungeheures Potenzial für uns

als Region in sich trägt. Ob das aber dauerhaft

gegen die Urbanisierung ankommt,

ist heute nicht abschätzbar.

Mario Abl (MA) → Ein wesentlicher Trei ber

für die Rückbesinnung auf die Region

sind die teuren Mieten in den Städten, die

sich immer weniger Menschen leisten

können. Unsere Chance, aber auch unsere

Aufgabe ist es, unsere Orte wieder zu Lebensmittelpunktgemeinden

zu machen. Die

Grundlage dafür ist eine zukunftsfähige

Infrastruktur – von der Bildung bis zur Aufenthaltsqualität

im Zentrum. Die Lebensqualität

muss auf allen Ebenen passen.

Was sind dabei die größten

Herausforderungen?

MA → Uns ist klar, dass wir die klassische

Handelsstraße nicht wiederbeleben können.

Dieser neuen Realität müssen wir uns

stellen. Und wenn man fragt, wie sich junge

Leute eine Kleinstadt-Zukunft denken,

dann hat das gar nichts mehr mit Handel

zu tun, sondern mit Leben und Gemeinschaft,

mit Regionalität und Dienstleistung.

Das sind die großen Herausforderungen.

FK → Ohne schnelles Internet wird es nicht

gehen. Und da den großen IT-Unternehmen

der Anschluss der kleineren Dörfer zu

teuer ist, haben wir das mit einer Bürgergenossenschaft

in die Hand genommen.

Dadurch bekommen wir eine 1-GB-Leitung

in jedes Haus, und Homeoffice kann gelebt

werden. Wir sind auch 5-G-Modellregion,

und ich hoffe, dass in zehn Jahren weniger

Autos und mehr autonome Kleinbusse

unterwegs sind.

AK → Wir verwalten uns immer noch wie im

19. Jahrhundert. Wenn wir die Digitalisierung

der Verwaltung ernst nehmen, könnten

wir im Saarland zwanzig Millionen Euro

pro Jahr einsparen. Die algorithmenbasierte

Verwaltung wird kommen, und wir werden

uns komplett neu aufstellen. Bürgermeister*innen

müssen Manager*innen der Transformation

sein und sich als Zukunftsgestalter*innen

verstehen.

Wie entstehen neue Impulse und Projekte

für Ihre Orte?

MA → Bei einem Vortrag zur Stadtentwicklung

wurde uns bewusst, dass wir über viele

Jahre das Zentrum schwer vernachlässigt

und uns nur auf die Randgebiete konzentriert

haben. Das Leben in der Innenstadt ist

verloren gegangen. Schließlich hat es mehr

als dreißig leere Geschäfte oder Gebäude gegeben.

Tristesse ist in das Zentrum eingezogen.

Uns ist klar geworden, dass wir das

sofort und anders als gewohnt anpacken

160


müssen. Weg von den klassischen Stakeholdern

wie Gemeindeverwaltung und

Wirtschaft, hin zu den Menschen vor Ort.

AK → Unsere Leerstandsarbeit hat mit einer

Diplomarbeit begonnen. Ich hatte Zweifel,

ob das Thema überhaupt für uns relevant ist.

Die Studentin hat dann achtzig Leerstände

entdeckt. Daraufhin haben wir den Mut

aufgebracht, diese Problemlage mit einer

Kommunikationskampagne bewusst zu machen.

Mit Slogans wie „Ich bin als nächstes

dran“, „Mich hat’s auch erwischt“, „Bin

zu haben“. Heute haben wir fast keinen

Leerstand mehr.

FK → Ich bin gerne auf Konferenzen und Kongressen

unterwegs, da bekomme ich neue

Impulse. Aber auch die Bürger*innen tragen

Ideen ins Gemeindeamt, die ich ernst nehme

und wofür ich versuche, Prozesse in Gang

zu bringen.

Die Zukunftsentwicklung unter Einbeziehung

der Bevölkerung stellt für eine Gemeinde

einen erheblichen Mehraufwand

dar. Warum tun Sie sich das an?

FK → Die Beteiligung der Bürger*innen ist

für mich der Schlüssel für die Zukunft und

ein gutes generationenübergreifendes Zusammenleben.

Es ist eine schöne Arbeit, die

ich sehr mag.

MA → Ich war anfangs skeptisch, ob sich

überhaupt jemand beteiligen wird. Aber das

Interesse beim ersten Beteiligungsprozess

2015 war überwältigend. Mich hat überrascht,

dass die Leute gar nicht so große Luftblasen-Wünsche

hatten, sondern recht realistisch

herangegangen sind. Wichtig war natürlich

auch die Zusammenarbeit mit Expert*innen

für Partizipationsverfahren, die die Ideen in

innovative Projekte übersetzt haben.

AK → Wir sind als Verwaltung allein nicht

weitergekommen, haben uns über Jahre im

Kreis gedreht. Erst ein Beteiligungs projekt

hat den Grundstein für die komplette Neuausrichtung

unserer Ortsmitte gelegt, weil

wir die Fläche einer riesigen, zwölf Jahre leer

stehenden Wurstfabrik inmitten des Zentrums

neu entwickeln konnten: Wohnen, Einkaufen,

Ärztehaus, Kneipe, Essen und

Trinken – alles mit kurzen Wegen mitten

im Zentrum. Wenn man sich mit einem

Projekt identifiziert, ist man auch bereit, Zeit

aufzubringen.

Damit sprechen Sie das Thema des Donuts

an, der ein Krapfen werden soll. Sie arbeiten

an dieser Transformation. Woran konkret?

FK → Die Nachfrage nach innerörtlichem

Wohnraum steigt wieder. Insbesondere junge

und ältere Menschen möchten im

Zentrum leben, wo alles zu Fuß erreichbar

ist. Deshalb gehen wir behutsam mit der

Außenentwicklung um und konzentrieren

uns intensiv auf die Stärkung der Ortsmitte.

Ich möchte einen funktionierenden

Ortskern mit vielen Funktionen des täglichen

Lebens schaffen, der eine Identität

bekommt.

MA → Wenn ich es mit einem Bild beschreiben

soll, dann würde ich sagen, alle un -

sere Gliedmaßen wie Hände, Füße und Kopf

funktionieren super – aber wir müssen einen

Herzschrittmacher einbauen, damit das

Zentrum, das Herz, wieder funktioniert.

Und das versuchen wir seither mit vielen kleineren

und größeren Schritten, mit viel Diskurs,

mit vielen Gesprächen mit den Leuten

und auch mit viel Geld. Wobei uns bewusst

ist, dass der Prozess auf mindestens zehn

Jahre zu denken ist. Wir sind jetzt im fünften

Jahr. Und das haben wir auch den Leuten

vermittelt, damit sie nicht nach einem halben

Jahr schon Wunder erwarten.

Hatten Sie am Anfang gedacht, dass ein

positiver Impuls, ein Umschwung so viel

Arbeit erfordert?

AK → Ich hätte mir nie vorstellen können,

dass die Aktivierung des Zentrums mit

so viel Arbeit verbunden sein wird. Die Mü -

hen bestehen darin, Flächen zu erwerben

oder nutzen zu können, die eigentlich

in Schutt und Asche liegen und bei de ren

Eigentümer*innen kein Verantwortungsgefühl

vorhanden ist. Das zweite große Problem

ist die Finanzierung. Wenn Kommunen

Geld haben, können sie kaufen, sonst brauchen

sie Investor*innen. Wir brauchten Investor*innen,

sind aber bei der Auswahl von

Geldgeber*innen unserem Anspruch treu

VIII Aus Donuts müssen Krapfen werden

161


176

▵ Ein Badezimmer wurde mit Platten

versehen, die aus wiederverwerteten

Kunststoffen (HDPE) bestehen.

Durch Trockendichtungen zwischen

den Wandplatten und einer Edelstahlwanne

mit integriertem Ablauf

im Duschbereich konnte auf Nassfugen

und den Einsatz von Silikon

verzichtet werden.


177

◃ Für das Wandsystem im Wohnbereich

wurden Platten aus geschred -

derten Tetra-Pak-Verpackungen

verwendet. Das Kompositmaterial

beinhaltet Aluminium, Polyethylen

und Papier und kann nur unter

großem Energieaufwand in seine

Originalbestandteile zurückgeführt

werden. Als Alternative dazu wur -

de ein Verfahren zur Herstellung dieses

Plattenwerkstoffs entwickelt,

der zugleich ein Substitut für Rigipsplatten

bildet. Dies ist ein Beispiel

für ein Downcycling-Verfahren, das

jedoch auf dieser Stufe endlos wiederholt

werden kann. Für die Deckschicht

wurden Reapor-Platten verwendet,

die aus Altglas hergestellt

sind und die Raumakustik positiv beeinflussen.


VI

Urban BlockChain

Million Donkey

hoteL, PRATA SANNITA

Architekt*innen feld72, Wien

(Österreich) Bauherr*innen

paesesaggio workgroup, Region

Kampanien (Italien) Umbau 2006

Kosten 10.000 Euro Ort Prata

Sannita, Kampanien (Italien)

Weit mehr als die Hälfte der Bevölke -

rung Europas lebt in Städten, Tendenz

steigend. Diese Zahl bedeutet

nicht nur stetiges Wachstum der

Städte, sondern vor allem auch eine

Auflösung der uns bekannten Kultur-

und Naturlandschaften. Die Zukunft

dieser vom Aussterben bedrohten

Zonen ist auch die Zukunft

Europas.

Migration von diesen Orten und

ihre Konsequenzen für das lokale Leben

ist Thema des Million Donkey

Hotel, einem Projekt im Rahmen des

„Villaggio dell’Arte“ und getragen

von der paesesaggio workgroup. Bestimmend

für diese Arbeit war das

Eingehen auf den Ort, das Involvieren

von Personen, das Entwickeln einer

Poesie des Alltags, das prozesshafte

Agieren sowie das Herstellen

offener Möglichkeitsräume.

Das kleine Dorf Prata Sannita in Kampanien

mit kaum mehr als 1500 Einwohnern

wurde im Laufe des letzten

Jahrhunderts durch die von

Armut hervorgerufenen Migrationsbewegungen

stark in Mitleidenschaft

gezogen. Der ältere Teil des

Dorfs mit einer sehr großen Anzahl

an leer stehenden, teilweise be -

reits ruinenartigen Gebäuden ist nur

noch von einer kleinen Minderheit,

vor allem älteren Personen, bewohnt.

Der Leerstand wurde von feld72 als

Potenzial gesehen: Das ganze Dorf

wurde durch die Idee eines gro ßen,

verstreuten Hotels zu einem einzigen

Aktionsraum zusammengelegt

und die nicht genutzten Räume

in den unterschiedlichen Gebäuden

miteinander zu einem größeren Ganzen

verbunden. Das Hotel ermöglicht

einen nachhaltigen Tourismus

und gehört der Dorfgemeinschaft.

Mit eingebunden in das Konzept

wurden auch die bestehende Mikroökonomie

von kleinen Geschäften

und Gaststätten. Erst das Stärken

des Beziehungsgeflechts von Räumen

und Menschen und das Schaffen

neuer Synergien machte das

Projekt vollständig.

Innerhalb eines Monats, mit der Hilfe

von mehr als siebzig Freiwil ligen

aus dem Dorf und einem Materialbudget

von 10.000 Euro wurden eine

Vielzahl von Schlafzimmern, verteilt

auf verschiedene Häuser, und ein

speziell gestaltetes Badezimmer entwickelt

und gebaut. In der Nebensaison

können diese von den Pratesi

als Erweiterung des öffentlichen

Raums genutzt werden. Das Million

Donkey Hotel wird von einer Gruppe

dieser am Projekt beteiligten Local

heroes weitergeführt – aus einem

situativen Zugang hat sich ein nachhaltiges

Projekt unter Einbeziehung

der lokalen Ressourcen und der

lokalen Ökonomie entwickelt.

Michael Obrist Architekt

Professor für Wohnbau und Entwerfen

an der TU Wien und gemeinsam

mit Anne Catherine Fleith, Mario

Paintner, Richard Scheich und Peter

Zoderer Partner bei feld72, Wien

(Österreich). Die Arbeit von feld72

reicht von Architektur über städtebauliche

Studien bis zu Ausstellungsgestaltungen,

urbanen Strategien

und Interventionen im öffentlichen

Raum. Dabei ist das Erkennen

von Potenzialen der Orte und der

sozialen Räume ein Grundelement

der Projekte.

198


VII

Verteilung auf das

VORHANDENE in

der Zwischenstadt

Karoline-Goldhofer-

Kindertageseinrichtung,

Memmingen

Architekt*innen heilergeiger architekten

und stadtplaner BDA,

Kempten Bauherrin Alois Goldhofer

Stiftung, Memmingen Baujahr 2019

Nutzfläche 864 m² Energiestandard

Energieeffizienzklasse A+ (29,2 kWh /

(m²a)) CO 2-Emission 4,98 kg /(m²a)

(Klimaziel 2050) Energieerzeugung

Regenerativer Anteil 82 % Graue

Energie 75 % Bestandserhalt Ort

Berwangweg 10, Memmingen

Die Karoline-Goldhofer-Kindertageseinrichtung

befindet sich im

Memminger Ortsteil Amendingen.

Vor 150 Jahren noch ein Dorf, ist er

heute ein typisches Beispiel einer

Zwischenstadt. Die Firma Goldhofer,

deren Stiftung die Bauherrin

der Kindertagesstätte ist, produziert

hier Spezialfahrzeuge für den

Weltmarkt. Im nahen Wohngebiet

lebte die Familie des Firmengründers

in einem in den 1960er

Jahren erbauten Bungalow. 2019

entstand dort auf Initiative der Stiftung

eine Tageseinrichtung für

Kinder gemäß der Reggio-Pädagogik.

Mit dem Umbau des Bungalows

in eine Kindertagesstätte war die

Suche nach architektonischen Antworten

auf gesellschaftlich relevante

Fragen des Bauens verbunden:

Wie nutzen wir das Vorhandene

und schonen damit Ressourcen? Wie

reduzieren wir Energie- und Ressourcenverbrauch

und gewinnen

gleichzeitig Raum? Wie können das

Wiederverwenden von Gebrauchtem

und der damit verbundene Gedanke

des Klimaschutzes als eine

umliche Bereicherung erfahrbar

werden?

Ein wesentlicher Wert für die Reggio-

Pädagogik liegt im kreativen Weiternutzen

des Bestehenden. So war

klar, dass das architektonische

Konzept das alte Wohnhaus der Stifterfamilie

erhalten und transformieren

würde. Die neue Nutzung

wird auf das schon Vorhandene

verteilt. Für die Kinder wird damit

der Wert des Gebrauchten in der

Architektur erfahrbar. Die Durchmischung

der homogenen Wohnfunktion

der Nachbarschaft mit dem

sozialen und öffentlichen Leben der

Kindertagesstätte ist ein erster

Schritt zu einer neuen Urbanität in

dieser Zwischenstadt.

Die drei Gebäudeteile des alten

Bungalows wurden erhalten, freigestellt

und unter eine neue, transluzente

Hülle gestellt. Die entstandenen

Zwischenräume zwischen Alt

und Neu sind Raumerweiterung für

die verschiedenen Funktionen

und gleichzeitig Element des nachhaltigen

Energiekonzepts.

Die neue Hülle aus recycelbarem Po lycarbonat

speichert Licht und Ener -

gie und erlaubte es, die Bestandswän-

de ungedämmt und als histori sche

Schicht zu erhalten. Das Energiekonzept

ist somit ein Zusammenspiel

von Raum, Konstruktion und

Nutzung. Die energetische Sanie -

rung konnte hier mit einer ökologischen

Alternative zum gängigen

Wärmedämmverbundsystem architektonisch

und räumlich gelöst

werden. Dabei wird nicht gegen die

Schwächen des Bestands, sondern

mit seinen Stärken gearbeitet.

Im Alltag der Kindertagesstätte ist

das Konzept des Wiederverwendens

und Aktivierens erlebbar: Materia

lität und Details des Bestands bleiben

wie vorgefunden, die ergänzte

Kon struktion ist sichtbar und

roh. Neue Möbel vom Schreiner unterstützen

die Nutzung und die

Erfahrung des Alten.

Dr. Jörg Heiler Architekt BDA

Architekturstudium an der TU

München und der Architectural

Asso ciation (AA) in London

(Großbritan nien). Zusammen mit

Peter Geiger führt er das Architektur -

büro heilergeiger architekten und

stadtplaner BDA in Kempten.

Ein Arbeitsschwerpunkt ist die

multifunktional gemischte, nachverdichtete

und ökologische

Weiter entwicklung bestehender

verstädterter und industrieller

Landschaften. 2011 Promotion mit

der Arbeit Handlungstak tiken für

den gelebten Raum am Lehrstuhl für

Städtebau und Regionalplanung der

TU München bei Sophie Wolfrum

und Karl Ganser.

Realisierte Projekte / Viten

199


Impressum

Herausgegeben für den Bund Deutscher

Architektinnen und Architekten BDA

von Olaf Bahner, Matthias Böttger und Laura

Holzberg anlässlich der am 26. November

2020 eröffneten Ausstellung Sorge um den

Bestand. Zehn Strategien für die Architektur im

Deutschen Architektur Zentrum DAZ, Berlin.

Publikation und Ausstellung Sorge um

den Bestand. Zehn Strategien für die

Architektur sind ein Projekt im Rahmen des

Forschungs programms „Experimenteller

Wohnungs- und Städtebau“ des BMI / BBSR

und wurden durch das Bundesministerium

des Innern, für Bau und Heimat finanziell

gefördert.

DANK FÜR Beiträge in den Workshops

und inhaltliche Anregungen

Nicola Müller, Stephan M. Mayer, Gabriele

Kautz, Anne Keßler (alle Bundesministerium

des Innern, für Bau und Heimat),

Dr. Elke Krasny (Akademie der bildenden

Künste Wien), Dr. Niko Paech (Universität

Siegen), Christian Schmitz (Architekt BDA),

Susanne Wartzeck (Architektin BDA),

Christoph Zander (Bundesinstitut für Bau-,

Stadt- und Raumforschung), Falk Zeitler

( Architekt BDA) sowie ein besonderer

Dank an Kristina Eschler.​

Team

Kristina Eschler, Luise Flade, Benedikt

Hotze, Silke Johannes, Alice Sárosi,

Christl Schneider, Dr. Thomas Welter

Ausstellungsgestalter

Marius Busch – ON / OFF, Berlin

Christian Göthner – lfm2, Leipzig

© 2020 by ovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den

Autor*innen. Das Copyright für die

Abbil dungen liegt bei den Fotograf*innen /

Inhaber*innen der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat Simone Hübener, Berlin

Gestaltung und Satz anschlaege.de, Berlin

Projektmanagement Verlag Theresa Hartherz,

ovis, Berlin

Lithografie Bild1Druck, Berlin

Gedruckt in der Europäischen Union

Bibliografische Information der Deutschen

Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen

National bibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Lützowstraße 33

10785 Berlin

www.jovis.de

ovis-Bücher sind weltweit im ausgewählten

Buchhandel erhältlich. Informationen zu

unserem internationalen Vertrieb erhalten

Sie von Ihrem Buchhändler oder unter

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ISBN 978-3-86859-659-5

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