Spolien

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-651-9

SPOLIEN

HANS-RUDOLF MEIER

PHÄNOMENE

DER WIEDER­

VERWENDUNG

IN DER

ARCHI TEKTUR




Prolog: Die neue Lust auf das Alte 7

Spolie als Architekturbegriff 15

Genese des Spolienbegriffs 16

Konjunkturen der Spolienverwendung 21

(Be-)Deutungen 31

Erbekonstruktion und Herrschaftslegitimation 31

Beute und Trophäe 40

Translatio und Renovatio 53

Memoria und Gedenken 73

Zuweisungen und Akkumulationen 86

Objekte und Orte 95

Portale 96

Säulen 106

Inschriften 110

Mall-Fassaden 116

Ortsverbindungen 120

Materialien und ihre Verfügbarkeit 127

Materialität und Materialikonografie 127

Der Zugriff auf Spolien 131

Matière grise und Bricolage 139

Praktiken und Wirkungen 149

Ausstellen 149

Bewegen 165

Bezeugen 171

Verkörpern 173

Einverleiben 178

Täuschen 184

Spolien und Entwerfen 193

Maß geben 194

Applikationen 195

Entwurf heute 197

Fazit: Spolienverwendung und Spoliation

als kulturelle Praxis 207

Präsenz und Absenz 208

Rekonditionierung 209

Die Magie der Spolien 211

Kompensation und Authentizitätsversprechen 213

Endnoten 216

Register 224

Quellen- und Literaturverzeichnis 227

Abbildungsnachweis 238

Impressum 239


1

Für die Aktion „Climate

Emergency!“ am

12. Dezember 2019 wählte

Greenpeace das EU-

Ratsgebäude in Brüssel,

dessen Fassade aus

wiederverwendeten Holzfenstern

Nachhaltigkeit

symbolisieren soll.

„Die höchste Lust haben wir

ja an den Fragmenten, […]

nur da, wo wir das Fragment

sehen, ist es uns erträglich.“

Thomas Bernhard, Alte Meister

6


Prolog: Die neue Lust auf das Alte

Am Morgen des 12. Dezembers 2019 protestierte Greenpeace in Brüssel mit

einer spektakulären Aktion gegen die unzureichende Klimaschutzpolitik der Europäischen

Union, deren Staats- und Regierungschefs sich an diesem Tag trafen.

Aktivisten entrollten am neuen Repräsentationsgebäude des Europäischen Rats

Transparente und setzten dieses symbolisch in Flammen 1. Der Ort des Protests

war auch deshalb gut gewählt, weil die äußere Hülle des 2016 fertiggestellten

Gebäudes ein Signal nachhaltigen Bauens sein soll. Die zur Hauptstraße orientierten

Nord- und Ostfassaden bestehen aus rund 3000 wiederverwendeten Holzrahmenfenstern,

die aus verschiedenen europäischen Ländern zusammengetragen

und für das planende Büro Philippe Samyn and Partners aufgearbeitet wurden.

Die Wiederverwendung von tagtäglich bei Sanierungen in die Bauschuttcontainer

entsorgten Fenstern für ein solch prominentes Gebäude war als Zeichen gedacht

für das nachhaltige Bauen, und die Herkunft der Objekte aus unterschiedlichen

Ländern soll für die Einheit in der kulturellen Vielfalt der Europäischen Union

stehen. 1 Die Programmatik der Wiederverwendung von Baugliedern wird an

diesem aktuellen Beispiel ebenso deutlich wie die Rolle, die wiederverwendete

Bauteile im architektonischen Entwurf der Gegenwart haben können. Zahlreiche

andere Beispiele unterstreichen die Bedeutung der Praxis der sichtbaren Wiederverwendung

im aktuellen Architekturbetrieb, seien das Gesimsfragmente und

Bögen aus Vorgängerbebauungen, die in Berlin, Frankfurt, München und anderswo

neue Wohnhäuser zieren, um gediegene Bürgerlichkeit auszustrahlen, seien es

die vielfach mit Altmaterial ausgeführten Gebäude, für die Wang Shu im Jahr 2012

als erster chinesischer Architekt mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde. Im

selben Jahr machte Muck Petzet im Deutschen Pavillon der Architekturbiennale in

Venedig „Re-use“ zum Thema, was seither auf den Biennalen in Venedig vielfach

aufgegriffen wurde. 2 Mit „Matière gris“ war zwei Jahre später auch im Pavillon

de l’Arsenal in Paris der Wiederverwendung von Bauteilen in der Architektur eine

gewichtige und inzwischen weitergewanderte Ausstellung gewidmet, derweil in

der Architektur- und Heritage-Theoriedebatte die „Postproduktion“ zum Thema

geworden ist. 3 Docomomo thematisiert in der jüngsten Nummer ihres Journals

Prolog: Die neue Lust auf das Alte

7


14


Spolie als Architekturbegriff

5

Tropaion-Kapitell, 2. Jahrhundert,

im 6. Jahrhundert

in der Kirche San Lorenzo

fuori le mura in Rom als

Spolie wiederverwendet.

Dargestellt ist eine dem

Feind abgenommene Rüstung

– spolium im antiken

Sinn.

Der Begriff Spolie ist vom Lateinischen

spoliare (= der Kleider berauben) abgeleitet

und bedeutet wörtlich übersetzt

„das Abgezogene, Abgeschnittene“.

Im ursprünglichen antik-römischen

Wort sinn meinte er Beutestücke,

ge nauer: die dem erschlagenen Feind

abgenommene Rüstung 5. So berichtet

etwa der zur Zeit des Augustus

lebende römische Geschichtsschreiber

Titus Livius, dass 200 Jahre vor seiner

Zeit während der römischen Republik

für den Senat zuerst jene ausgewählt

worden seien, die bereits Amtsträger

waren, dann „waren die Leute an der

Reihe, die an ihrem Haus aufgehängte

feindliche Rüstungen (spolia ex hoste) vorweisen konnten“. 17 In einer anderen

Livius-Stelle (42.1.3) zum Jahr 173 v. Chr. wird ein Censor gerügt, weil er zur Zierde

eines Tempels die Dachbedeckung eines anderen Sakralbaus geraubt hatte („sed

spoliis aliorum alii colendi exornandique“), was Fabio Barry als erstmaligen Beleg

für spolia im heute geläufigen Sinn als wiederverwendete Architekturteile interpretiert.

18 Zwar geht es in der zitierten Livius-Stelle tatsächlich um Architekturglieder,

aber der Begriff bezieht sich auf den Aspekt des Geraubten, Abgezogenen allgemein

und hat noch keine spezifisch bauliche Bedeutung. Das wird auch deutlich an

weiteren antiken Belegen. Noch in der Spätantike bezeichnete der römische Historiker

Ammianus Marcellinus mit „spolium“ die Beute, wenn er im Zusammenhang

mit den Vorgehen Kaiser Julians (360–363) gegen die korrupten Höflinge die

von diesen eingezogenen Tempelschätze „templorum spoliis“ nennt. 19 Dagegen

Spolie als Architekturbegriff

15


7

Sebastiano Serlio, Fassadenentwurf

mit Spoliensäulen,

aus: Architecturae

liber septimus, in quo

multa explicantur, quae

architecto variis locis possunt

occurere, Kap. 42

als produktive Herausforderung nicht negativ konnotiert. Serlio erläutert an neun

Fallbeispielen (Cap. 41–50) die Fassadengestaltung mittels Säulen „state per altro

tempo in opera“. 27 Er geht jeweils von der Annahme aus, dass ein Architekt eine

gewisse Anzahl in beschriebener Weise gestalteter Säulen und teilweise weiterer

Bauglieder gefunden und daraus als Auftrag eine Fassade oder Loggia zu konstruieren

habe. Die wirkliche Kunst bestehe darin, mit den eigentlich zu kleinen oder zu

großen vorgefundenen Spolien doch ein wohlproportioniertes Projekt zu entwerfen

7. Die Spolien stellen folglich bei Serlio eine künstlerische Herausforderung

dar – womit er das komplette Gegenmodell entwarf zur Erklärung der Spolienverwendung

bei seinem Zeitgenossen Giorgio Vasari. Auf dessen Begründung ist im

Folgenden etwas ausführlicher einzugehen, da sein Modell bis an die Schwelle des

20. Jahrhunderts paradigmatisch blieb.

18


8

Rom, Konstantinsbogen,

315. Ansicht von Süden

Im Proömium der zweiten Auflage seiner Lebensbeschreibungen der herausragendsten

Maler, Bildhauer und Architekten beschreibt Vasari als Beispiel für

den Beginn des Verfalls der Kunst in spätrömischer Zeit den Konstantinsbogen

in Rom 8:

„Davon können die Werke der Bildhauerkunst und Architektur, die

zur Zeit Konstantins in Rom geschaffen wurden, ein klares Zeugnis

ablegen, vor allem der Triumphbogen, den ihm das römische Volk

am Kolosseum errichtete. An diesem sieht man, dass man sich aus

Mangel an guten Meistern nicht nur der Darstellungen aus der Zeit

Trajans 28 , sondern auch der Spolien bediente, die von verschiedenen

Orten nach Rom gebracht wurden. Und wer erkennt, dass die in den

Tondi dargestellten Votivgaben, sprich die Skulpturen im Halbrelief,

wie auch die Gefangenen, die großen Szenen, die Säulen, Gesimse

und die anderen früher geschaffenen Ornamente oder aus Spolien

Spolie als Architekturbegriff

19


10

Potsdam, Friedenskirche,

1848. Apsismosaik aus

dem 12. Jahrhundert aus

San Cipriano in Murano

sie ausgestellt, wofür die antiken Spolien, die Prinz Carl und Karl Friedrich Schinkel

sowie deren Nachfolger in Italien erworben hatten und in den Fassaden des

Gartenhofs im Schloss Glienicke in Berlin vermauerten, ein gutes Beispiel sind

111. Schinkel erhielt 1824 auf seiner Italienreise ein Schreiben, wonach Prinz Carl

wünsche, „zum Einmauern an seinem Kasino einige Fragmente und Inschriften

aus Italien zu besitzen. Sie würden ihm gewiss sehr gefällig sein, könnten Sie

ihm einige zusenden“. 51 Es folgten dann in den nächsten Jahren und Jahrzehnten

weitere Sendungen mit „Marmorantiquitäten“ aus Rom, Neapel, Pompeji und von

Kunsthändlern in Venedig. 52 In die Wand eingemauert und ausgestellt wurden die

Objekte allein nach ästhetisch-dekorativen Kriterien, Provenienz und kunsthistorische

Bedeutung waren keine Ordnungsprinzipien. Der Blickfang im Glienicker

Gartenhof ist aber keine Spolie, sondern die Kopie einer antiken Brunnengruppe

mit Steinwanne aus dem Jahr 1828. Etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts waren es

die sogenannten Period Rooms in den Historischen Museen, die im Kontext der

Selbstvergewisserung der modernen Staaten vielenorts gegründeten wurden, in

denen Bauglieder unterschiedlicher Herkunft zu neuen Einheiten zusammengefügt

und ausgestellt wurden. 53

Im 20. Jahrhundert führten die Zerstörungen der beiden Weltkriege zur Verfügbarkeit

einer zuvor unbekannten Menge an baulichen Fragmenten, die sich allerdings

signifikant unterschiedlich auf den Spoliengebrauch im Wiederaufbau auswirkten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte daraus ein neuer Aufschwung der Spolienverwendung,

insbesondere, um mit solchen Fragmenten an zerstörte Gebäude

24


zu erinnern. Mit der ab den 1960er Jahren den architektonischen Entwurf wieder

stärker prägenden Auseinandersetzung mit Tradition und Bestand konnten auch

Spolien erneut zum Thema werden, wobei dem modernem Regionalismus des

Schweizer Architekten Rudolf Olgiati eine Pionierfunktion zukam. 54 Die Übergänge

zur sogenannten Postmoderne waren fließend, und seither sind Spolien für ein

breites Spektrum an architektonischen Positionen – vom Dekonstruktivismus über

Urban Mining und sogenannte Ökoarchitektur bis zu neuem Traditionalismus und

Historismus – wieder eine Option.

Meilensteine der Spolienforschung

Inzwischen existiert vor allem zur Spätantike und zum Mittelalter eine schier unüberschaubare

und nicht endende archäologische und kunsthistorische Forschungsliteratur.

Forschungsberichte und Lexikonartikel, die dazu einen Überblick wagen,

liegen zumeist schon einige Zeit zurück, dienen aber immer noch dem Einstieg in

das Thema. 55

Daher seien hier nur wenige Meilensteine der Forschung genannt, die, wie

erwähnt, in den 1930er Jahren mit dem norwegischen Archäologen Hans-Peter

L’Orange und dem deutschen Christlichen Archäologen Friedrich Wilhelm Deichmann

einsetzte. Deichmann systematisierte 1940 die Wiederverwendung antiker

Säulen in frühchristlichen Kirchen und interessierte sich damit mehr für den architektonischen

Entwurf als für Bedeutungsfragen. Interpretationen erfolgten, so

Deichmann, stets a posteriori:

„Sicher haben oft Armut der Menschen oder das Triumphgefühl der

Kirche die Verwendung von Spolien veranlasst, doch möglich waren

sie als Schmuckglieder an Sakralbauten nur in Zeiten, deren künstlerische

Gestaltung anderem zugetan war als dem Abbild des Körpers

wie auch den baulichen Körperformen.“ 56

1975 griff Deichmann das Thema nochmals auf und hob hervor, der Schwerpunkt

habe im architektonischen Konzept der Spätantike auf der Gestaltung der Baukörper

und des Raums gelegen, nicht auf der Schaffung von Werkstücken. 57 Das sei

die Folge eines Bruchs mit der Ästhetik des klassischen Altertums, was L’Orange

seinerseits als „disintegration of classical tradition“ bezeichnete, aus der in der

Kunst „a new form of expression“ hervorgegangen sei. 58 Voraussetzung der neuen

Ästhetik war, dass die Spolien von den Betrachtern auch als solche wahrgenommen

wurden – eine Grundvoraussetzung für alle folgenden Interpretationsansätze.

Bereits in den 1960er Jahren hatte die Spolienforschung durch den Mittelalterhistoriker

Arnold Esch neue Impulse und eine Weitung der Fragestellungen erfahren.

Esch unterschied in einem grundlegenden Aufsatz von 1969 fünf Kategorien der

Spolienverwendung. 59 Bei der (1.) rein „materiellen Verwendbarkeit“ werde das

Herkunftsobjekt quasi als Steinbruch behandelt. Die (2.) Bannung eines Objekts

oder Orts durch partielle Wiederverwendung sei eine Art „Exorzismus“, der sich

gegebenenfalls mit der (3.) Interpretatio Christiana überlagern könne. Spolien

zur politischen Legitimation als vierte Kategorie erläuterte Esch am Beispiel von

Pisa, das sich mittels Spolien zum Neuen Rom aufschwingen wollte, wogegen oft

Spolie als Architekturbegriff

25


11

Rom, Porticus Octaviae,

146. Severische Reparatur

mit wiederverwendeten

Bauteilen auf der Innenseite

des Giebels

der römischen Kaiserzeit sind auch erste gesetzliche Bestimmungen bekannt, die

die Entfernung von Ziergliedern von alten Gebäuden zum Schmuck von Neubauten

einschränkten. 75 Die gesetzliche Regelung zeigt, dass die Spoliierung als Problem

offenbar existierte (S. 135). Dass aber auch wichtige Staatsmonumente und

damit Bauten mit höchstem repräsentativen Anspruch und Aufwand mit Altmaterial

errichtet wurden und dies auch deutlich gezeigt wurde, ist ein vor der Spätantike

weitgehend unbekanntes Phänomen. Wenn zuvor, wie für den augustäischen

Apollo-Sosianus-Tempel auf dem römischen Marsfeld, ein Tempelgiebel aus dem

griechischen Eretria nach Italien überführt wurde, so erfolgte der Neuversatz

zwar umgedeutet im Sinn einer Interpretatio Romana, jedoch im ursprünglichen

Verwendungssinn. 76 Auch als Septimius Severus (193–211) die unter Augustus

errichtete und damit rund 200 Jahre alte Porticus Octaviae in Rom restaurierte und

dafür altes Baumaterial wiederverwendete, wurde dieses in seiner angestammten

architektonischen Funktion oder aber den Blicken der Betrachter entzogen

versetzt 11. 77

Erst im späteren 3. Jahrhundert fand dann der für die Architekturgeschichte folgenreiche

und zukunftsweisende Wandel statt, der sowohl als Zeichen einer neuen

Ästhetik als auch eines gewandelten Traditionsbewusstseins zu gelten hat. Aus

der Zeit Kaiser Diokletians (284–305) sind erstmals umfangreiche Spolienbauten

überliefert – in Rom etwa der Arcus Novus. Möglicherweise ist aber schon unter

Kaiser Aurelian (270–275) oder unter Gallienus (253–260) im sogenannten Arco di

Portogallo eine Art Vorläufer des diokletianischen „Neuen Bogens“ und schließlich

des Konstantinsbogens zu finden 12. 78 Jedenfalls waren in dem 1662 zerstörten

„Portugal-Bogen“ über die römische Via Lata (heute Via del Corso) hadrianische

Reliefplatten verbaut, die offensichtlich aus einem anderen – nämlich funeralen –

Zusammenhang stammten. Dennoch bleibt der Konstantinsbogen 13 aufgrund

seiner Erhaltung, seiner Qualität und insbesondere seines Entstehungszusammenhangs

an einem – zumindest rückblickend – welthistorischen Wendepunkt der

Initialbau der Spolienarchitektur par excellence.

32


ationalVersion

12

Rom, Arco di Porto gallo,

3. Jahrhundert. Der mit

wiederverwendeten hadrianischen

Reliefs errichtete

Bogen wurde im 17. Jahrhundert

abgebrochen.

Stich von Giovanni Maggi,

Aedificioroum et ruinarum

Romae ex antiquis… Liber

primus, 2. Auflage, Rom

1618 (Privatbesitz)

13

Rom, Konstantinsbogens.

Schema der wiederverwendeten

und erneuerten

Bauglieder auf der

Südseite. Zeichnung Anne

Konstantinsbogen Südseite

Kalthöner

Datierung der wiederverwendeten

oder späteren Bauteile

Trajan

Hadrian

Marc Aurel

Moderne Reparaturen

(Be-)Deutungen

33


des Portalrisalits IV des ehemaligen Stadtschlosses,

dessen Kopie nun 200 Meter entfernt am Originalstandort

die rekonstruierte Fassade des sogenannten

Humboldt-Forums ziert 17. Vor der von der Sozialistischen

Einheitspartei Deutschlands 1950 angeordneten

Sprengung des kriegsbeschädigten Stadtschlosses

hatte ein Wissenschaftliches Aktiv die Reste des

zwischen 1706 und 1713 von Eosander von Göthe

errichteten Portals IV geborgen. 99 Hermann Henselmann

hatte die Idee, die Portalreste bei der späteren

Gestaltung des Zentrums wiederzuverwenden, 100

was dann Roland Korn, Hans Erich Bogatzky und

ihr Jugendkollektiv für den 1962–1964 entworfenen

Neubau aufgriffen. Das aus den renovierten Spolien

und etlichen Ergänzungen wieder zusammengesetzte

Portal ist der Fassade vorgeblendet. Anders als etwa

im Jüdischen Gemeindezentrum in Charlottenburg

oder dem sogenannten Wappentor der Bauverwaltung

in Hannover 18, wo Mitte der 1950er Jahre jeweils ein

Spolienportal einer modernen Rasterfassade vorgesetzt

wurde, übernimmt der Entwurf des Staatsratsgebäudes

wesentliche Maße wie die Geschosshöhen

und die Rhythmisierung der Fassadenelemente von

der Spolie, die fester Bestandteil der Fassade ist. Sinnstiftend

für die Bedeutung des einstigen Schlossportals

für das erste neu errichtete Regierungsgebäude

der DDR im Zentrum der Hauptstadt der Republik war

die Rolle dieses Portals am 9. November 1918. Nachdem

der rechte Sozialdemokrat Philipp Scheidemann

am frühen Nachmittag dieses Tages vom Reichstagsgebäude

aus die freie deutsche Republik ausgerufen

hatte, proklamierte Karl Liebknecht wenig später vor

dem Schloss, auf der Ladefläche eines Lastwagens

stehend, die freie sozialistische Republik Deutschland.

Er wies auf das Portal und rief in die Menge,

durch dieses Tor werde die neue sozialistische Freiheit

der Arbeiter und Soldaten einziehen. 101 Wenig später

wiederholte der Spartakus-Führer die Proklamation

der sozialistischen Republik vom Balkon des Portals

aus, hob hervor, dass das Alte niedergerissen sei, und

ließ die Masse auf die Republik und die Weltrevolution

schwören. 102

Auf diese Tradition der (versuchten) Staatsbildung

der deutschen Arbeiterbewegung berief sich zu ihrer

17

Das am Staatsratsgebäude

wiederverwendete und

rekonstruierte sogenannte

Liebknecht-Portal

(Portal IV) des einstigen

Berliner Stadtschlosses

38


18

Hannover, sogenanntes

Wappentor aus der

Kaserne der Corps du

Gard, 1738, vor dem

Gebäude der Bauverwaltung,

1955, Werner

Dierschke, Fritz Eggeling

und Alfred Müller-Hoeppe

Legitimierung die DDR als junger sozialistischer deutscher Staat, der sich als

Verwirklichung des von Liebknecht Begonnenen verstand. Verdeutlicht wird dies

im wandfüllenden Glasgemälde von Walter Womacka, das die Rückfront des

Foyers einnimmt, das man durch den Portalrisalt betritt: 103 Von unten nach oben

zeigen Szenen den Aufstieg zum Sozialismus, beginnend mit den Porträts von Rosa

Luxemburg und Karl Liebknecht sowie dessen „Trotz alledem“, das einem Gedicht

von Ferdinand Freiligrath entlehnt ist und mit dem Liebknecht allen Niederlagen

zum Trotz den Sieg des Sozialismus verhieß. Entsprechend gipfelt das Glasbild in

der Darstellung einer glücklichen jungen Familie im neuen sozialistischen Staat.

Die Portalspolien materialisieren die für die Legitimation des Staats fundamentale

Verbindung zwischen der Tat von Einst und Jetzt bzw. der Zukunft. Im teleologischen

Geschichtsmodell der DDR erfüllte sich im Regierungsbau das, was Karl

Liebknecht im November 1918 vor dem Portal und auf dessen Balkon begonnen

hatte, aber nicht vollenden konnte: Mit der Gründung des sozialistischen deutschen

Staats war der Bruch mit dem Feudalismus endgültig vollzogen, das Alte

nun wirklich und realiter niedergerissen, weshalb vom Schloss als Repräsentanten

des alten Regimes allein der Ort des zukunftsweisenden Akts von Liebknecht

übrig blieb. Die Distinktion zwischen der die Aufmerksamkeit erregenden Spolie

und dem Neubau ist evident, zugleich wird sie im hegelschen und marxschen Sinn

dadurch aufgehoben, dass die Spolie in den Neubau des formal höchsten Staatsorgans

inkorporiert wurde und den neuen Baukörper mitformte.

Soweit scheint die staatliche Doktrin im Staatsratsgebäude ihre adäquate Form

gefunden zu haben. Und doch erzeugt die Spolie auch hier Ambiguitäten: Neben

der intendierten offiziellen Lesung als Zeichen des proletarischen Triumphs über

den Feudalismus war sie immer auch eine letzte Erinnerung an das Stadtschloss

und nicht zuletzt an dessen Zerstörungsakt. Dem hatte man dadurch entgegenzuwirken

versucht, dass das Portal keine Spuren des Verfalls oder seines fragmentarischen

Charakters zeigt, sondern rundum renoviert wurde, um eben nicht den

Verlust zu thematisieren 17. Zu Zeiten des Kalten Kriegs wurde aber zumindest

im „anderen Lager“ diese Gegeninterpretation stets präsent gehalten, wenn etwa

der Berlin-Kunstführer von Reclam das „ehem. Portal IV des abgerissenen Stadtschlosses“

und nicht Karl Liebknecht erwähnte. 104 Seit dem Zusammenbruch der

DDR und – Ironie der Geschichte – mit der Nutzung des einstigen Staatsratsgebäudes

durch eine private Management-Hochschule hat sich die Sichtweise auf

die Portalspolie erneut verändert und das Spektrum der Möglichkeiten, sie zu interpretieren,

nochmals erheblich erweitert. Das gilt erst recht seit der benachbarten

Rekonstruktion der Fassaden des Stadtschlosses für das Humboldt-Forum. Die

verschiedentlich geforderte erneute Spoliation des Portals zugunsten der Fassadenrekonstruktion

hat der Denkmalstatus des ehemaligen Staatsratsgebäudes

verhindert. 105 Portal IV wurde stattdessen beim Bau des Humboldtforums dupliziert

19, sodass in unmittelbarer Nachbarschaft ein kopiertes Portal am alten Standort

und in formaler Angleichung an das einstige Schloss den Resten des alten Portals

in betont moderner Einbindung gegenüberstehen. Augenfällig unterstreicht diese

Verdoppelung des Portals die Wahrnehmung des Staatsratsgebäudes und des

(Be-)Deutungen

39


13. und 14. Jahrhundert überliefert. Ein sicheres Zeichen der Zerstörung ist es,

wenn ein Quader des Fundaments zur Trophäe wird, wie das vom genuesischen

Turm in Akkon nach der Niederlage gegen Venedig 1258 überliefert ist. Der gewaltige

Stein wurde in der Vorhalle der Kirche San Pantaleon zur Schau gestellt und

regte dort später zu neuen Geschichten an (S. 90). 131 Kurz danach eigneten sich

im Gegenzug die Genuesen Trophäen des venezianischen Palasts in Konstantinopel

an, nachdem der byzantinische Kaiser Michael VIII. Palaiologos die Stadt

1261 zurückerobert hatte. Dieser übergab den verbündeten Genuesen gemäß den

Annalen zum Jahr 1262 den „burgartig gebauten Palast“ der Venezianer, den sie

sogleich „einschließlich der Fundamente“ unter musikalischer Begleitung zerstörten.

Danach schickten sie „von seinen Steinen […] welche auf jenem Schiff in die

Stadt [Genua], von denen einige sich noch im Kommunalpalast […] befinden“. 132

Davon sind im heutigen Palazzo di San Giorgio noch mindestens der von Fabelwesen

umgebene Löwenkopf-Wasserspeier aus prokonnesischem Marmor 23 – ein

schlüssiges Zeichen im nahe bei Carrara gelegenen Genua, dass das Objekt aus

der Ferne stammt – sowie zwei Löwenprotomen und zwei rosafarbene Steinquader

„dall’area del Mediterraneo orientale“ erhalten. 133 Rebecca Müller führt weitere

spätmittelalterliche Beispiele von Spolien auf, die allein die Zerstörung ihres

Herkunftsbaus bezeugen sollten – eine Praxis, die offensichtlich in den konkurrierenden

Seestädten Italiens besonders verbreitet war. 134

Schon zu Beginn der modernen Staatenbildung und der damit verbundenen

Zeichensetzungen durch Denkmäler entwickelte sich die seither vielfältig wiederholte

Praxis, die Trümmer der Zeugnisse der überwundenen Feinde für den Sockel

eigener Triumphmonumente wiederzuverwenden. Im November 1793 empfahl

der Maler Jacques Louis David dem französischen Nationalkonvent, „die zerschlagenen

Trümmer“ der durch den revolutionären Bildersturm zerstörten „Standbilder,

die Königtum und Aberglaube erfanden und 1400 Jahre lang vergötterten,

zu einem Berg zusammenzutragen, der als Sockel für das Standbild des Volkes

dienen“ solle, das „unseren Enkeln das erste von einem freien Volke erhobene

Siegeszeichen seines unsterblichen Triumphes über die Tyrannen“ überliefere. „Zu

einem verworrenen Haufen getürmt“ dienten diese Trümmer als Sockel, um „darüber

die Riesengestalt des Volkes, des französischen Volkes, zu errichten“. 135 Als

Material der 15 Meter hohen Statue sah der Ausschuss, der zur Realisierung von

Davids Anregung eingesetzt worden war, Bronze vor, obwohl damit „der Republik

ein für die Verteidigung so notwendiges Metall“ entzogen würde. 136 Doch sei man

zur Überzeugung gelangt, dass die mutigen republikanischen Garden ausreichend

Bronze von den Feinden erobern würden, um neben Kanonen auch noch ein Denkmal

gießen zu können. Das Denkmal wurde aber schließlich nicht verwirklicht und

die Trümmer des Bildersturms 1796 als Baumaterial verkauft.

Das Prinzip, Spolien feindlicher Monumente für eigene Denkmäler zu verwenden,

fand in der Moderne im Nachgang von Kriegen vielfache Nachfolge. Geradezu

prädestiniert dafür war ein so stark ideologisch aufgeladenes Objekt wie das

Tannenberg-Nationaldenkmal im ehemaligen Ostpreußen. Es war zur Erinnerung

46


24

Berlin Pankow, Sowjetischer

Ehrenfriedhof Schön -

holzer Heide. Die Säulenhallen

mit den do rischen

Säulen, die aus der Reichskanzlei

stammen sollen,

heben sich auffällig vom

übrigen Baubestand ab.

des deutschen Siegs über die russischen Truppen im August 1914 errichtet

worden. Nachdem der Kaiser zuerst von der Schlacht von Allenstein gesprochen

hatte, ging die Namensgebung schließlich auf einen Wunsch Paul von Hindenburgs

zurück, der damit zugleich die Niederlage der Ritter des Deutschordens gegen die

Polnisch-Litauische Union bei Tannenberg im Jahr 1410 kompensieren wollte. Seit

1934 enthielt das Monument zudem die Gebeine von Reichspräsident von Hindenburg

und dessen Frau. 137 Für die Aufladung des Monuments spricht auch, dass die

Wehrmacht auf dem Rückzug vor der Roten Armee das „Reichsehrenmal Tannenberg“

selbst zu zerstören begann, um es nicht den Siegern zu überlassen. Das

kleinteilige Material der Ruinen, insbesondere die Ziegel, wurden nach dem Krieg

ganz pragmatisch zum Wiederaufbau der umliegenden Dörfer genutzt, während

die Granitplatten des Innenhofs und der Hindenburggruft nach 1949 für das sowjetische

Siegesdenkmal in Olsztyn (Allenstein), für den Bau des Warschauer Kulturpalasts,

die Eingangsstufen zum Gebäude des Zentralkomitees der Polnischen

Vereinigten Arbeiterpartei und die Plinthe eines Partisanen-Denkmals verwendet

wurden. 138 Einer erneuten Spoliation nach 1989 entging das Material bisher. Neuerdings

ist der Kulturpalast allerdings gefährdet, denkt doch die rechts-nationalistische

PiS-Regierung daran, „dieses Relikt der kommunistischen Herrschaft aus

dem Warschauer Stadtzentrum verschwinde[n]“ zu lassen. 139 Das Siegesdenkmal

(Be-)Deutungen

47


die Situation von 1944 festgelegt wurde, mochten die für dieses Baufeld vorgesehenen

Architekten Jourdan & Müller sich nicht an einem NS-zeitlichen Bau orientieren.

Traufseitig richteten sie sich nach dem barocken Fachwerkbau, während

sie an der Giebelseite eine durchfensterte Natursteinmauer hochzogen, die an die

„karolingische“ Stadtmauer erinnern soll, die wohl um 1000 entstand und von der

Reste in diesem Bereich 1905 erfasst wurden 41. Den Übergang akzentuiert in

etwas abenteuerlicher Weise eine Konsole. Übertroffen wird diese bizarre Situation

im Erdgeschoss mit dem Einbau einer Spolie des damit doch präsenten Umbaus

von 1940: Damals war zur Akzentuierung der aufgewerteten Ecke eine Winzerfigur

geschaffen worden, die als Atlant die Ecke des vorkragenden ersten Geschosses

trug. Heute ist sie unterhalb eines rekonstruierten Kragsteins funktionslos ausgestellt

und wirkt merkwürdig deplatziert. Vielleicht ist es sinnbildlich, dass – um noch

einmal den Vergleich mit der Casa dei Crescenzi zu bemühen – die Spolien im römischen

Beispiel im Zeichen der Renovatio Romae tragende Teile der Konstruktion

sind, während sie in der Neuen Frankfurter Altstadt am Markt 40 und der Braubacherstraße

21 nur appliziert sind und damit letztlich Ornament bleiben.

Wiederholt ist inzwischen schon auf die gravierendste Problematik der Spolienverwendung

in der Neuen Frankfurter Altstadt hingewiesen worden. Die historischen

Fragmente sollten gemäß den Verlautbarungen der Protagonisten des Projekts

die Historizität des Neubauprojekts verbürgen. Sie sind allerdings, wie bereits die

wenigen besprochenen Beispiele zeigen, zumeist frei von örtlichen oder zeitlichen

Bindungen weitgehend losgelöst von ihren einstigen Kontexten verbaut.

„Originale Spolien […] wie nachgebaute Spolien wurden auf

verschiedene Nach- und Neubauten verteilt, so dass hier mit der zeitlichen

Ordnung der Vergangenheit gespielt wurde. Man kann zwar

verschiedene Zeitschichten nebeneinander, aber kaum ein Vorher

und Nachher erkennen. Aus dieser Sicht ist die Neue Altstadt eine

Rekonstruktion der Vergangenheit, die die Geschichte als Abfolge

von Bauten und Stilen absichtlich missachtet und durch die Vielzahl

der Zeitschichten Unübersichtlichkeit produziert.“ 242

Es geht also gerade nicht um Historizität, womit sich die Suggestion des Konstrukts

der sogenannten europäische Stadt, das im Zusammenhang mit städtebaulichen

Rekonstruktionen häufig und im antimodernen Diskurs geradezu normativ

bemüht wird, in ihr Gegenteil kehrt: Denn so diffus der Begriff der europäischen

Stadt auch ist, so gehört doch – gemäß der Definition von Walter Siebel – die

sichtbare Präsenz von Geschichte zu ihren konstituierenden Kennzeichen. 243 Gerade

Geschichte wird aber durch die in Frankfurt praktizierte Art der Spolienverwendung

negiert. An ihre Stelle tritt ein unbestimmtes „Früher“, ein touristisch und

kommerziell nutzbares „Damals“, in dem der Zusatz mitschwingt, „als die Welt

noch in Ordnung war“.

Zwar hatten in Frankfurt die Wettbe werbe für einige Unruhe in der Archi tektenschaft

gesorgt, doch richtig be lebt haben die Diskussion erst öffent liche Kontroversen

im Feuilleton 2018 im Vorfeld der Eröffnung aufgrund aktueller politischer

70


42

Potsdam, Landtag Brandenburg,

2013, Peter

Kulka. In dem von Peter

Kulka teilrekonstruierten

Stadtschloss sind im

Treppenhaus in deutlichem

Kontrast die Fragmente der

Atlanten aus dem einstigen

Schloss eingelassen.

Debatten um die Deutung des ganzen

Projekts. Dagegen war und sind in

Potsdam die Retro-Urbanisierung und

ihr Spolieneinsatz seit Beginn von heftigen

Auseinandersetzungen begleitet.

Das zum einen, weil die Umgestaltung

des Stadtzentrums nicht wie in

Frankfurt „nur“ mit dem Abbruch einer

brutalistischen Großstruktur, sondern

mit der weitgehenden Eliminierung

einer teilweise durchaus qualitätvollen

DDR-Architektur und damit mit der

Negierung der baulichen Erinnerung

an diese Epoche verbunden ist. Zum

andern folgt diese Selektion der Stadtbaugeschichte

auch allzu offensichtlich

den privaten Vorlieben und Interessen

einer kleinen, wirtschaftlich potenten

und medial bestens vernetzten Interessensgruppe.

Auf die damit verbundene

Problematik für eine demokratische

Stadtgesellschaft ist hier nicht

weiter einzugehen, zumal die Spolien in

den mit diesen Richtungsentscheiden

verbundenen Auseinandersetzungen

nur eine untergeordnete Rolle spielten.

Der wesentliche Spolienbau in der

neubarocken Re-Inszenierung des Potsdamer

Zentrums ist der „in den historischen

äußeren Um- und Aufrissen des ehemaligen Stadtschlosses“ 244 errichtete

Brandenburger Landtag, für dessen Raumprogramm man von einer Fusion der

Länder Berlin und Brandenburg ausging. Zu den Rahmenbedingungen gehörte

eine zweckgebundene 20-Millionen-Spende der Hasso-Plattner-Förderstiftung zur

„größtmöglichen Wiederannäherung des Landtagsgebäudes an Gliederung und

Erscheinung der äußeren historischen Fassade des Potsdamer Stadtschlosses“.

In einem Bieterverfahren ging der Auftrag an einen niederländischen Immobiliendienstleister

mit dem Dresdner Architekten Peter Kulka, der einen funktionalen

Neubau in der zurechtgerückten historisch geformten Hülle errichtete. 245 Spolien

kamen hauptsächlich an der Giebelfassade der Nordseite zum Einsatz, wo etwa

300 Teile von Säulen, des Gebälks und des Giebels des ehemaligen Schlosses

verbaut sind. Mit ministerieller Genehmigung wurden „infolge der vom Vorgängerbau

abweichenden Maße“ beim Einbau der Spolien am Portikus des westlichen

Seitenflügels – entgegen der denkmalpflegerischen Auflagen – mehrere

Säulentrommeln gekürzt. 246 Der Einsatz der Spolien diente auch in Potsdam der

(Be-)Deutungen

71


ein breiter steinerner Torbogen wölbt, dessen Zwickel mit Waffenreliefs verziert

sind. Der Bogen stammt von dem im März 1945 bei der Bombardierung von Würzburg

zerstörten Hof Oberfrankfurt (oder Huttenscher Hof), den der Barockarchitekt

Balthasar Neumann 1725 im Tausch erworben hatte. Der Torbogen gehörte zu

Neumanns Umbau, ebenso die sogenannte Neumann-Kanzel, ein Belvedere mit

Pfeileraufbau und schmiedeisernen Geländern, das 1955/56 ebenfalls als Spolie

wiederverwendet wurde und das Wohnhaus in bizarrer Weise krönt. 280

Stärker prägen die Fragmente, die in Hannover in der Leinstraße 33 verwendet

wurden 54, die Gestaltung der Wiederaufbaufassade. Auch hier wölbt sich in der

äußersten Achse des Erdgeschosses eines Wohngebäudes ein halbrunder Torbogen,

über dem in den drei Obergeschossen Balkone hervorkragen. Gewändepfosten

und Bogen sind mit gerahmten figürlichen Reliefs verziert; unter anderem bewachen

zwei gerüstete Krieger den Durchgang. Auf dem Bogen ruhen zwei weibliche

Figuren, die eine Inschriftentafel mit dem Zeichen des Baumeisters, dem Monogramm

JP und der verschlüsselten Jahreszahl 1617 (?) flankieren. Relieffriese mit

Ornamenten, Girlanden und anderem Zierrat gliedern als Bänder die Geschosse.

Aber auch die Fenstergewände, die Gesimse und die beidseitige Eckquaderung

bestehen aus Spolien, sodass diese die Fassadengliederung vollständig rahmen

und in dem ansonsten typischen Wohn- und Geschäftsbau der 1950er Jahre eine

Fassade der Spätrenaissance durchscheinen

lassen. Die Spolien stammen

von dem achtgeschossigen Bürgerhaus,

das Joachim Pape 1617–1624 an

der Leinstraße errichtete und das der

Schriftsteller Wilhelm Blumenhagen

1839 unter dem Namen „Das Haus

der Väter“ beschrieben hat. Die literarische

Reminiszenz erfolgte nicht zuletzt

deshalb, weil damals schon klar war,

dass der mächtige Bau der Erweiterung

des Leineschlosses zu weichen

hatte. Teile davon wurden 1852 für den

Maler Carl Oesterley sen. in der Langen

Laube wieder aufgebaut. Dieses Haus

fiel 1943 Bombentreffern zum Opfer,

worauf Spolien davon 1957 am jetzigen

Standort im Haus Nikolai verbaut

wurden. Die Spolien kehrten also in Drittverwendung in die Nähe ihres Herkunftsorts

zurück.

Das sind besondere Beispiele einer in den 1950er Jahren alltäglichen Praxis im

Wohnungsbau des Wiederaufbaus. Winfried Nerdinger hebt hervor, dass die Trümmersteine

auch im Wohnungsbau über die rein materielle Funktion hinaus eine

Symbolik erhielten, „die sie fast den Wert von Spolien oder Reliquien erreichen ließ.

Nachkriegsarchitekten wie Hans Döllgast in München oder Hans Schilling in Köln

55

Berlin, Jüdisches

Gemeindezentrum an

der Fasanenstraße, 1958,

Dieter Knoblauch und Hans

Heise. Zeitgenössische

Postkarte

82


56

Berlin, Jüdisches

Gemeindezentrum an

der Fasanenstraße. Die

Portalspolie aus der Synagoge,

die in der Pogromnacht

1938 zerstört wurde,

ist dem heutigen Eingang

vorgestellt und gibt dessen

Dimensionen vor.

integrierten Sichtmauerwerk aus Trümmersteinen in ihre Wohnhausbauten, um an

die historische Tradition des Ortes und an die Kriegserinnerung anzuknüpfen“. 281

Die Integration der Spolie in den Neubau schafft eine Verbindung von diesem zum

zu erinnernden Vorgänger und bildet über den Verlust hinweg ein Element der

Kontinuität.

War der Bruch dramatischer, wurde er deutlicher dokumentiert und die Fragmentierung

inszeniert, indem die Spolien vom Nachfolgebau abgesetzt wurden. Das

gilt etwa für das Jüdische Gemeindezentrum in Berlin-Charlottenburg: Der Neubau,

den Dieter Knoblauch und Hans Heise 20 Jahre nach der Pogromnacht der Nationalsozialisten,

in der die Synagoge an der Fasanenstraße niedergebrannt worden

war, errichteten 55, soll vom Scheitern der Vernichtungspläne Hitlers zeugen. Wie

der Vorsteher der Gemeinde, Heinz Galinski, in seiner Ansprache zum Richtfest am

10. November 1958 ausführte, manifestiert sich im Neubau der Wille der Juden,

sich in Berlin zu behaupten. 282 Daher war in Hinblick auf den Abbruch der Ruine der

Synagoge im Oktober 1957 die Firma Philipp Holzmann AG mit der Bergung einzelner

Spolien beauftragt worden, um diese – oder dann eine Auswahl davon – im

Neubau des Gemeindezentrums wiederverwenden zu können. 283 Der baldachinartige

Portalvorbau der zerstörten Synagoge ist dem Zugang zum neuen Gemeindezentrum

vorgesetzt und definiert dessen Eingangsbreite 56. Als zweite Spolie

wurde vor der Nordecke der Fassade die südliche der beiden Pfeilervorlagen der

Westfassade, die an die salomonischen Säulen Jachim und Boas erinnern, an einer

Stahlbetonstütze als „Mahnsäule“ aufgerichtet. Sie steht in keinem funktionalen

oder gestalterischen Zusammenhang mit dem Neubau 55. In der Eingangshalle

(Be-)Deutungen

83


94


Objekte und Orte

65

Brüssel, EU-Ratsgebäude,

2016, Philippe Samyn

and Partners. Detail der

Fassade aus aufgearbeiteten

Holzfenstern

Besonders häufig zu Spolien werden Bauteile, die sich leicht aus- und wieder

einbauen sowie vergleichsweise leicht transportieren lassen. Das sind neben

den oft zudem wertvollen Säulen, Reliefs, Inschriften, Wappen und anderen Zierteilen

auch Portal- und Fenstergewände sowie die ebenfalls zu den Mobilien zu

zählenden und im Wert meistens deutlich geringeren Türen und Fenster. Diese

haben den Vorzug, dass sie sich in ihrer angestammten Funktion an gut sichtbaren

zentralen Stellen in Gebäuden verbauen lassen. Andere Spolien werden

entsprechend präsentiert, um Aufmerksamkeit zu erregen. Der Ort des Bauteils

am Gebäude – schon am Herkunfts-, aber noch mehr am Zielgebäude – ist folglich

ein zu diskutierender Faktor der Spolienverwendung. Das in der Einleitung dieses

Buchs genannte Gebäude des Europäischen Rats in Brüssel mit den Fassaden

aus wiederverwendeten Holzfenstern weist auf einen zweiten Aspekt der Lokalisierung

65. Die Fenster sind sorgfältig und vereinheitlichend aufbereitet verbaut,

sodass ihnen ihr Spoliencharakter nicht anzusehen ist. Es ist die Herkunftserzählung,

wonach sie aus den verschiedenen Ländern der Europäischen Union stammen

sollen, die sie symbolisch auflädt: Ihre Herkunftsvielfalt ist, gleich den oben

als Machtsymbole genannten Beispielen, auch hier Programm. Das unterscheidet

den Brüsseler Europa-Bau von zahlreichen anderen, die ebenfalls Fassaden mit

wiederverwendeten Fenstern haben. Jüngere Beispiele sind etwa die Noorderparkbar

von Overtreders W und Bureau SLA in Amsterdam, die vollständig aus

online erstandenem Wiederverwertungsmaterial – darunter 42 Fenster – errichtet

wurde, ferner die hauptsächlich aus wiederverwendeten Fenstern zusammengebaute

Notunterkunft La Passerelle von Niclas Dünnebacke in Saint-Denis oder der

Pavillon bauhaus reuse von Robert Huber/zukunftsgeräusche auf dem Tempelhofer

Feld in Berlin, konstruiert aus den bei der Sanierung des Dessauer Bauhauses

ausrangierten Fenstern 66. Sie stehen für die heute durchaus demonstrative

Wiederverwendung von grauer Energie, für Bricolage und informelles Bauen. 315

Nicht als Spolien anzusprechen sind dagegen die ungezählten aus Gründen der

Objekte und Orte

95


antike Inschrift nicht inhaltlich, sondern

als solche, als Träger ansehnlicher

Schriftzeichen etwas bedeutete“. 370

Aber auch an bedeutenderen und städtischen

Kirchen hatten Inschriften in

Zeiten, die noch nicht so verschriftlicht

waren wie die Moderne, einen Wert

als solche behalten und wurden daher

auch gerne losgelöst von ihrem Inhalt

bzw. über diesen hinausweisend spolial

zur Schau gestellt. Bruno Klein hat

kürzlich auf die Fassade des Doms von

Benevent hingewiesen, in der mehrere

Inschriftenplatten zum Teil auch quer

oder kopfüber verbaut sind 84, 85.

Manche von ihnen stammen wohl von

Vorgängerbauten, einige sind aber auch

zeitgenössisch mit dem romanischen

Bau. Kleins These, dass mit der demonstrativen Zurschaustellung der Inschriften

das Alter der im 10. Jahrhundert zum Erzbistum erhobenen Institution, ihre Altehrwürdigkeit

und Autorität unterstrichen werden sollte, ist überzeugend. Interessant

ist auch der Gedanke, dass durch die Unordnung der Inschriften die erdbebenbedingte

Zerstörungen der Vorgängerkirchen kommemoriert werden sollten. 371

Damit hätten Spolien lange vor Francesco Venezias Projekten in Gibellina Nuova

(S. 84f.) durch ihre anschauliche Andersheit und ihren bewusst disparaten Versatz

an solche Katastrophen erinnert.

Manche Inschriftensteine wurden auch wegen einzelner Worte wiederverwendet.

So befinden sich unter den 16 römischen Inschriftenfragmenten an der stadtzugewandten

Südostecke des Pisaner Doms sechs mit Kaisernamen oder -titulaturen.

372 Und die Bauinschrift des spätrömischen Kastells Vitodurum/Oberwinterthur,

die im Mittelalter nach Konstanz gebracht wurde und im dortigen Münster verbaut

ist, wurde wohl deshalb transloziert, weil sie gut sichtbar den Namen Kaiser Konstantins

nennt und sich damit leicht ein Bogen zu Konstanz schlagen ließ. 373 Aus

ähnlichem Grund haben in der Renaissance die römische Familie der Massimo

Inschriften mit MAXIMVS oder die Porcari solche mit dem Gentilnamen PORCIUS

gesammelt. 374 Ganz offensichtlich wurde Steininschriften eine besondere Autorität

eingeräumt, um die behauptete antik-römische Herkunft zu belegen.

Ebenso der Traditionsversicherung diente die Zurschaustellung alter Inschriften

an der Eingangsfront der Franziskanerkirche in Locarno. Sie wurde ab 1538 von

Giovanni Beretta errichtet. Mit der Fassade, deren Mittelschiff die Seitenschiffe

deutlich überragt und die mit kräftigen Lisenen gerahmt ist, nahm Beretta archaisierend

auf die Mailänder Ordenskirche San Francesco Grande Bezug. 375 Die

sorgfältig gefügten Quader der Fassade 86 stammen hauptsächlich vom einst

benachbarten, 1531 abgetragenen Kastell. Von diesem kommt auch die datierte

86

Locarno, San Francesco,

ab 1538, Giovanni Beretta.

Die Kirche wurde unter

Wiederverwendung von

Quadern des kurz zuvor

abgetragenen Kastells

errichtet.

114


87

Trier, sogenannter Frankenturm,

11. Jahrhundert.

Als Türsturz zum Hocheingang

des Wohnturms verwendete

man eine auf dem

Kopf stehend vermauerte

Spolie eines römischen

Grabmals. Der nur teilweise

erhaltene Text lautet

„... BI ET AMA … AE SE …

CONIUG … VIS FEC …“

gotische Inschrift, die den Auftraggeber

Franchino Rusca und den Architekten

Jacobo de Sala gen. Danese für

die im Jahr 1457 erfolgte Vergrößerung

und Erneuerung des Kastells nennt. 376

Eine zweite Inschrift von 1322 erwähnt

einen Garbardo da Lezzeno und stammt

entweder auch aus der Burg oder aber

aus dem Vorgängerbau der Kirche.

Diesem dürften auch die drei Tierreliefs

aus dem 14. Jahrhundert entnommen

sein, die ebenfalls in die Fassade

eingelassen sind. 377 San Francesco in

Locarno steht hier als Beispiel für jene

vielen Inschriftenspolien, die wegen

ihrer Namensnennungen und Jahreszahlen

wiederverwendet wurden. Diese machen die Qualität der Inschriften aus,

mit denen sich die Kirche zugleich als Ort der memoria auswies. Wie in den häufigen

Beispielen, in denen Bauinschriften und andere epigrafische Zeugnisse eines

Vorgängerbaus zur Bekräftigung der Geschichte, des Alters und der Autorität einer

Institution im Nachfolgebau wiederverwendet wurden, mag auch in Locarno der

Aspekt der Bestätigung des Alters des Klosters mit ein Grund für die Präsentation

der alten, datierten Schrifttafeln gewesen sein. 378 Damit war aber kaum bezweckt,

das aktuelle Gebäude zurückzudatieren, denn dafür sind die auch untereinander

stark differierenden Inschriften zu offensichtlich unterschiedlich.

Wiederverwendete Inschriften können aber durchaus falsche Fährten legen und zu

Fehlinterpretationen führen, wie eine in die Moschee el-Kasr in Tunis eingebaute

Tafel zeigt. Sie kommemoriert eine Genueser Stiftung und die Schlusssteinlegung

einer Kirche in Ajaccio auf Korsika im Jahr 1593, das in römischen Ziffern genannt

wird. 379 Den Inhalt der Inschrift negierte man offensichtlich, weil man ihn nicht

lesen oder verstehen konnte, und so schien die antikisierende Schrift zur merkwürdigen

Architektur der Moschee mit ihren sehr dicken Mauern zu passen. Das

hatte zur Folge, dass man noch bis weit ins 20. Jahrhundert den Bau für besonders

alt hielt, glaubte, er stamme aus vorislamischer Zeit und sei eine umgenutzte

Kirche. 380 Dafür gibt es keine Indizien, doch zeugt die weitgereiste, in völlig

fremdem Kontext spolial vermauerte und offensichtlich nicht verstandene Inschrift

davon, dass auch in der islamischen Welt und damit in einer anderen von einer

Schriftreligion geprägten Gesellschaft der Schrift an sich ein Wert zukam. Und wie

in Europa nicht verstandene arabische Inschriften zu fantastischen Erzählungen

anregten – so die kufische Inschrift auf der Rücklehne des Bischofsthrons in San

Pietro in Castello in Venedig, die zur vielfach anachronistischen Legende führte,

es handle sich um den Thron Petri in Antiochia, den der Doge vom byzantinischen

Objekte und Orte

115


Dafür bedarf es keiner vormodernen Architektur, denn auch die Motive der spätmodernen

Konsumwelt können heute positive Erinnerungen wecken. Während

die Horten-Kacheln aus Hamm im Salbker Lesezeichen als „klassische“ Spolien

in einem neuen Kontext verbaut sind 106, ging es bei den stadtbildprägenden

Fassadenelementen DDR-zeitlicher Vorgänger von Shopping-Malls in den Stadtzentren

von Dresden und Leipzig um die intendierte bzw. realisierte Wiederverwendung

vor Ort. Man bediente sich dabei jeweils auch begrifflich gewissermaßen

Namensspolien. In Dresden gewann Peter Kulka den Fassadenwettbewerb

für die Centrum-Galerie mit einem Entwurf, der die Wiederverwendung der charakteristischen

Aluwaben des von vielen als schützenswert eingeschätzten Centrum-

Warenhauses vorsah. 393 Realisiert wurde der Neubau dann allerdings 2006–2009

aufgrund von „Sachzwängen“ mit formgleichen Neuanfertigungen 90: statt

Spolien nun also ein Architekturzitat. In Leipzig dagegen hat man den westlichen

Abschluss der Höfe am Brühl tatsächlich mit der denkmalgeschützten Alu-Fassade

des Vorgängerkaufhauses, der sogenannten Blechbüchse, verkleidet 91. Anklänge

an das vertraute Bild sollen auf diese Weise die Akzeptanz der an beiden Orten

mit Protesten gegen den Abbruch verbundenen Neubauten erhöhen und so die

Gemüter beruhigen.

Ortsverbindungen

Neben den Konnexen durch die Zeiten verbinden Spolien auch Orte miteinander.

Bereits Vasari hob in seiner Beschreibung des Konstantinsbogens hervor, dass die

Spolien „von verschiedenen Orten nach Rom gebracht wurden“ (S. 19). Bei den

Columnae vitinea war dann die Rede davon, dass sie Rom mit Jerusalem verknüpften.

Ortsverbindungen strebten auch die translationes der verschiedenen Roma-

Secunda-Konzepte an, die schon mit Konstantins neuer Hauptstadt am Bosporus

und der dorthin translozierten Figurenausstattung begannen. Sie setzen sich mit

Karls Spolien in Aachen fort und erreichten mit der massenhaften Überführung von

Spolien aus Konstantinopel zur Ausstattung der Fassade der Kirche des Dogen von

Venedig einen Höhepunkt. Die Spolien repräsentierten jeweils den bedeutungsüberhöhten

Ort, aus dem sie stammten. Zugleich veranschaulichten sie durch

ihre Verfügbarkeit, dass der Herkunftsort seine einstige Macht als unbestrittenes

Zentrum verloren hatte, wenn Teile seiner definierenden Immobilien beweglich

geworden waren. Durch die Einfügung wurde die Spolie wieder Teil einer auch hier

bedeutungskonstituierenden Architektur mit dem Anspruch auf Dauerhaftigkeit

unter veränderten Umständen am neuen Ort. Darin offenbart sich auch die den

Spolien eigene Leistung, die sie vom Architekturzitat unterscheidet, das formal

ebenfalls auf Orte und Bauten alludieren kann. Aber Zitate sind im Prinzip unendlich

oft wiederholbar, ohne dass sich am zitierten Objekt etwas verändert. Dagegen

gewinnt mit den Spolien der neue Ort zu Lasten des alten. Die translatio ist

ganz handfest: Was zum neuen Ort transloziert wird, fehlt am alten. Paolo Verzones

äußerte daher die These, Papst Hadrian habe mit der Gewährung der Bitte Karls

des Großen, Spolien aus Ravenna in das neue fränkische Zentrum nach Aachen

120


überführen zu dürfen (S. 53), die ehemalige Residenzstadt, deren Erzbischöfe sich

als Erben des byzantinischen Exarchats gerierten, bewusst als selbstständiges

Machtzentrum eliminieren wollen. 394 Gegen diese Interpretation spricht, dass der

Papst Karl auch die Ausfuhr von Spolien aus Rom genehmigt hatte. Allerdings gab

es auch in Rom Bauwerke, die der Papst gerne aus den Augen hatte.

Tatsächlich in triumphalistischer Weise hat der Sassanidenherrscher Chosrau Orte

zu Lasten des Gebers verbunden, und zwar mit dem spoliengestützten Transfer

von Antiochia als „Roma“ in die Gegend seiner Residenz Ktesiphon (S. 58). Die

Spolien repräsentierten in diesem Fall nicht nur die Translation einer Ortsbedeutung,

sondern waren Bestandteil der Deportation des ganzen Orts inklusive seiner

Bevölkerung. Es mag überzogen erscheinen, hier an die Umsiedlungen im Zusammenhang

mit dem Braunkohleabbau in Sachsen oder Nordrhein-Westfalen zu erinnern.

Dass aber auch diese nicht freiwillig vollzogen werden und zuweilen massive

Staatsgewalt den Umzug erzwang, zeigt drastisch der im Transport-Abschnitt

vorgestellte Fall Heuersdorf (S. 170). Ist dort die ganze Kapelle verschoben worden,

waren es im rheinischen Braunkohlerevier bei der Aufgabe des Immerather Doms

zwölf Erinnerungssteine aus dessen Außenmauern. Diese wurden als Versinnbildlichung

der Grundsteine des himmlischen Tempels mitgenommen und sollten in

die neue Kapelle am Umsiedlungsort eingebaut werden. Mit ihnen nehme man,

wie Pfarrer Günter Salentin im Abschiedsgottesdienst erläuterte, ein Stück der

Kirche mit, um am neuen Ort zu zeigen, dass „die Geschichte und die Tradition

des Ortes, vor allem die Geschichte unseres Glaubens und die Tradition unserer

Gemeinde“ weitergehen. 395

Ganze Kreuzgänge sind transloziert worden, um mittelalterliche Kunst auch in

den USA, einem dem europäischen Mittelalter fernen Ort, mit mittelalterlichem

Kontext ausstellen zu können. In New York ist die Mittelalterabteilung des Metropolitan

Museum of Arts in The Cloisters untergebracht, einer Art Museumskloster

im Ford Tryon Park am Nordrand von Manhattan. Dieses soll den wertvollen Preziosen

aus dem europäischen Mittelalter ein angemessenes Ambiente bieten. Nicht

nur in den Bauformen des Museums hat man sich dafür an mittelalterlichen Anlagen

orientiert. Vielmehr wurden komplette Säulensätze gleich mehrerer Kreuzgänge

romanischer Klöster verbaut, die der amerikanische Bildhauer und Kunstsammler

George Grey Barnard zwischen 1906 und 1914 in Südfrankreich erworben und

– gegen wachsenden Widerstand vor Ort – nach Amerika verschifft hatte 92. 396

Im Dezember 1914 eröffnete er an der Fort Washington Avenue in den Hudson

Heights im Norden Manhattans zwischen seinem Wohnhaus und seinem Atelier

ein privates Museum, das er „The Cloisters“ nannte. Der längsrechteckige Ziegelbau

sollte in der theatralischen Inszenierung der Skulpturen und Architekturteile

an eine mittelalterliche Kirche erinnern. Die Eingangsfassade zierte eine Arkatur

mit Säulen und Kapitellen aus der ehemaligen Zisterzienserabtei Bonnefont. Das

Innere war zweigeteilt: Drei Seiten eines Quadrats ergaben ein dreischiffiges

Langhaus mit Emporen, gebildet aus zwei Arkadenreihen übereinander, unten

mit den Spolien aus Saint-Guilhem-le-Désert mit rundbogigen Arkaden, oben

Objekte und Orte

121


126


Materialien und ihre Verfügbarkeit

Die bisherigen Ausführungen haben unterschiedlich bearbeitete Bauglieder als

bedeutungsvolle Spolien gezeigt, sodass der Differenzierungsversuch von Brian

Ward-Perkins, zwischen „figured carving as ideologically motivated“ und „the

re-use of block-work“ als „surely purely pragmatic“ 407 offensichtlich nicht aufrechtzuerhalten

ist. Über den Herstellungsaufwand der Werkstücke ist diese Trennung

– so sie denn überhaupt erkenntnisfördernd ist – nicht plausibel vorzunehmen.

Neben Ort und Herkunft sind es vielmehr manche Materialien und bestimmte

Bauteile, die bevorzugt wiederverwendet wurden und werden. Dieses Kapitel

nimmt daher die Materialien, ihre Beschaffung und Verfügbarkeit in den Fokus.

Am Anfang stehen die Materialität der Dinge und die ihnen darüber in der Materialikonologie

zugeschriebenen Bedeutungsaspekte. In Zeiten und an Orten, in

denen es Bauwilligen überhaupt möglich war, zwischen unterschiedlichen Materialien

zu wählen, wird es die Neigung gegeben haben, diese Wahl – meistens ex

post – mit Bedeutungszuweisungen zu begründen. Im 20. und 21. Jahrhundert hat

sich dieses Interesse an der Deutung der Materialien durch die immense Vielfalt

des Materialangebots, aber auch, wie Christian Fuhrmeister postuliert, durch die

nichtfigurative Kunst, bei der die Rolle des Materials oft in stärkerem Maße bedeutungskonstituierend

ist als bei figürlichen Objekten, verstärkt. 408

Materialität und Materialikonografie

Die Wirkung von Spolien beruht auf ihrer Materialität. Die ganz konkrete physische

Präsenz des Bauteils aus einem Gebäude aus einer anderen Zeit ist das, was Spolien

auszeichnet und sie von Architekturzitaten und anderen Formen des Referenzierens

unterscheidet. Form, Funktion und Beschaffenheit des Spolienmaterials

können dabei so vielseitig sein, wie Baumaterialien an sich sind. Die Spolie muss

sich nur in einem Zustand befinden, in dem sie als Bauteil auch tatsächlich weiterverbaut

werden kann, oder – denkt man an frei aufgestellte Säulen – zumindest

Materialien und ihre Verfügbarkeit

127


105

Brüssel, EU-Ratsgebäude,

2016, Philippe Samyn and

Partners. Die Fassade

besteht aus wiederverwendeten

Holzfensterrahmen,

die aus dem ganzen EU-

Gebiet stammen.

Verstand sich diese Bewegung als gegenkulturelle Do-it-yourself-Architektur, so

gehörte Moores Haus in Orinda durchaus zum professionellen Architekten-Œuvre,

was schon seine Entwurfszeichnungen zeigen. Das schlägt den Bogen zu den in

jüngerer Zeit international an Zahl und Bedeutung gewinnenden Büros wie Rotor

(Brüssel), baubüro in situ (Basel und Zürich) oder Bureau SLA und Overtreders

W (Amsterdam), die im Zeichen einer ökologisch begründeten Ressourcenschonung

in ihren Projekten alte Bauteile wiederverwenden. Die Herkunft der Objekte

ist dabei in der Regel ohne Signifikanz; Philippe Samyns eingangs genanntes

Europagebäude in Brüssel 105 bildet in diesem Kontext durch die gesuchte und

mit Bedeutung aufgeladene internationale Herkunft des Materials eine Ausnahme.

Meistens ist nicht angestrebt, eine irgendwie motivierte spezielle Beziehung

zwischen Herkunfts- und Zielort herzustellen. Dagegen erfolgte zumindest

in den Anfängen dieser Bewegung die Wiederverwendung durchaus als distinkte

Maßnahme gegen die Monotonie zeitgenössischer Materialien und Formen. Die

142


106

Magdeburg, Salbker

Lesezeichen, 2008/09,

KARO* Architekten und

Architektur + Netzwerk.

Stadtmöbel und offene

Quartiersbibliothek,

errichtet aus den Kacheln

des Horten-Kaufhauses in

Hamm

Wertschätzung der wiederverwendbaren Bauglieder ist also ökologisch und ästhetisch,

unter Umständen auch ökonomisch motiviert. Institutionalisiert ist dieses

Handeln in den Bauteilbörsen, die bereits im vorherigen Kapitel im Zusammenhang

mit dem Spolienhandel angesprochen wurden (S. 139).

Als zeitgenössisches Beispiel einer aus dem Bauteilhandel gespeisten Architektur,

für die der Spolienbegriff zutreffend ist, fand das sogenannte Salbker Lesezeichen

einige Aufmerksamkeit in der Architekturszene. 2005 wurde auf Initiative eines

örtlichen Bürgervereins auf einer zentralen Brache im Magdeburger Ortsteil Salbke

mit Bierkisten eine temporäre Freilichtbibliothek errichtet. 471 Der Erfolg dieser

Aktion ermöglichte eine institutionelle Förderung mit dem Ziel einer dauerhaften

Installation, wobei – angeregt wohl durch das Material des temporären Versuchs

– die Nutzung von Recyclingmaterial empfohlen wurde. Als 2007 in der Folge des

Abbruchs des ehemaligen Kaufhauses Horten in Hamm mehrere Hundert sogenannter

Hortenkacheln zum Verkauf angeboten wurden, sicherten sich die Magdeburger

einen Teil dieses Materials zu Sonderkonditionen, mit dem dann KARO*

Architekten aus Leipzig und Sabine Eling-Saalmann Architektur + Netzwerk aus

Magdeburg einen Hybridbau errichteten, der zugleich Gebäude, Möbel und Freiraumgestaltung

ist 106. Während in Dresden und Leipzig die Fassadenelemente

der untergegangenen DDR-Kaufhäuser helfen sollten, die neuen Shopping-Malls

dem nostalgischen Publikum schmackhaft zu machen, ermöglichten in Magdeburg

die Fassadenteile eines paradigmatischen Repräsentanten einer untergehenden

Kaufhaus-Epoche Westdeutschlands die Errichtung einer Stadtteilbibliothek in

Materialien und ihre Verfügbarkeit

143


112

Berlin Friedrichswerder,

Caroline von Humboldt-

Weg, Townhouses, 2007

Konträr dazu entstand eine Generation später und keine zwei Kilometer entfernt

in einer vergleichbaren Situation das sogenannte Townhouse von Jordi & Keller

auf der Friedrichswerderschen Insel 112. Die ebenfalls als Fundstücke auf dem

Gelände sichergestellten Objekte sind zwar auch hier nur auf die Fassade appliziert

und als Spolien ausgestellt, doch nimmt die Fassadengliederung auf sie Bezug

und fügt sie in einen kanonischen architektonischen Zusammenhang ein. Wie das

traditionelle klassizistische oder historistische Wohnhaus hat der fünfgeschossige,

drei Achsen schmale Bau das Erdgeschoss

als Sockel ausgebildet, der hier

mit glatten Kalksteinquadern verkleidet

ist. Darüber folgen vier backsteinverkleidete

Geschosse mit hohen französischen

Fenstern mit deutlich artikulierten

steinernen Rahmungen. Ein einfach

profiliertes Gesims über dem ersten

und ein mehrfach profiliertes unter dem

vierten Obergeschoss sind mit Spolien

bestückt und greifen offenbar deren

Profilierung auf. Zwischen zweitem und

drittem Geschoss verläuft kein Gesims,

vielmehr sind hier die Fenster in der

Achse durch steinerne Flächen verbunden,

sodass in der Gesamtansicht der

113

Berlin Friedrichswerder,

Caroline von Humboldt-

Weg 18, 2007, Jordi & Keller

Architekten. Townhouse

mit wiederverwendeten

Baugliedern vom kriegszerstörten

Vorgänger, die beim

Neubau gefunden wurden

152


Fassade hier eine Art Kolossalordnung anklingt. Oben schließt das Haus mit einer

Attika ab, die als Ort der auffälligsten Spolien kräftig ausgebildet ist 113. Ein weit

vorkragendes Gesims durchschneidet quasi als Geison die drei vertikalen Bänder,

die in der Verlängerung der Fensterachsen Stücke eines reichen Kymationfrieses

triglyphenartig inszenieren. Über dem Gesims sind Akrotere in die entsprechenden

Felder eingelassen, wobei ähnlich wie bei den Friesteilen – aber anders gereiht

– jeweils zwei Spolien durch eine vereinfachte Neuanfertigung ergänzt sind.

Der Vergleich mit dem zuvor genannten Bau an der Lindenstraße zeigt sogleich,

dass die Differenzen über die unterschiedlichen Aufgaben und die individuell

verschiedenen Architekturauffassungen der beiden Büros weit hinausgehen. Sie

sind signifikant für einen generellen Wandel des Umgangs von Architekten mit

Historie und Ornament, der weiter unten zu thematisieren sein wird (S. 197).

Dafür, dass man Spolien ausstellen und sie zugleich in die zeitgenössische

Kon struktion integrieren kann, liefert die gotische Architektur bemerkenswerte

Beispiele. Einleitend habe ich in Übereinstimmung mit Joachim Poeschke

erwähnt, dass ab dem späteren 12. bzw. dem 13. Jahrhundert die convenientia,

die vereinheitlichende Angemessenheit, und damit das Bemühen um die Kohärenz

des Stützensystems in den Vordergrund trat und Spolien dadurch meistenorts

seltener wurden. Dort, wo man sie als notwendig erachtete – in der Regel, um

einen Bezug zum Vorgängerbau herzustellen –, suchte man Lösungen, um Säulen

zumindest optisch in das Tragsystem zu integrieren, sie aber zugleich als etwas

Anderes, Besonderes auszustellen. Am Beispiel von San Lorenzo in Neapel wurde

darauf bereits hingewiesen 44, der Magdeburger Domchor bisher erst genannt.

Er sei nun hier ausführlicher erläutert.

Im April 1207 erlitt der von Kaiser Otto I. für das neu gegründete Bistum errichtete

Magdeburger Dom einen gravierenden Brandschaden. Für die Basilika hatte

der kaiserliche Bauherr aus Italien Spoliensäulen importieren lassen, um damit in

der Tradition Karls des Großen imperialen Anspruch zu dokumentieren. Schon die

Zugriffsmöglichkeit auf antike Monumente Italiens sowie der logistische Aufwand,

diese zu ihrem neuem Einsatzgebiet zu transportieren, ließen diesen Anspruch

evident erscheinen, zumal die Säulen solche Dimensionen haben, dass es sich

heute um die größten antiken Spoliensäulen nördlich der Alpen handelt. Ein

Teil von ihnen wurde nach 1207 in geradezu demonstrativer Weise im Chor des

Neubaus wiederverwendet 114, für den man sich nach dem Brand entschieden

hatte; weitere Säulen sind heute beim Kaisergrab und im Bischofsgang platziert. 482

In Magdeburg ist allerdings auch sonst in der Zeit vor dem Neubau des Doms eine

Zunahme von Marmorspolien zu beobachten, sodass postuliert wird, der spolienreiche

kaiserliche Vorgänger sei nicht in der Vorgängerkirche unter dem jetzigen

Dom zu vermuten, sondern nördlich davon in dem wohl nie vollendeten Großbau,

dessen Reste nach 2000 archäologisch untersucht wurden. 483 Diesen habe man

noch vor dem Brand der Südkirche aufgegeben, womit Spolienmaterial verfügbar

wurde. 484

Praktiken und Wirkungen

153


100 Gebäudeverschiebungen jährlich ausführt 127. 517 Wenn dann das eigentlich

Unbewegliche in Bewegung gerät, sind Stabilität(en) infrage gestellt oder aufgebrochen.

Die Bewegung generiert Bedeutung sowohl für das Objekt wie für den

Transfer, weshalb das Verrücken und Versetzen als kulturelle Praxis in jüngerer

Zeit auch in das Blickfeld der kulturwissenschaftlichen Forschung geraten ist. 518

Schon länger mit dem Thema beschäftigt sich die historische Haus- und Bauforschung.

519

Was macht das Bewegen mit dem bewegten Teil? Die Isolierung vom ursprünglichen

Funktionskontext öffnet Optionen und bietet ein Potenzial, dem Ding auch

eine ganz andere Funktion zu geben oder mit ihm neue Zusammenhänge zu veranschaulichen.

Das gilt für den Prozess der Bewegung, in dem das Objekt durch

seine Isolierung eine neue Funktion erhält, ebenso wie für die Endmontage. Nach

der Dekontextualisierung und dem Bewegen wird durch die Neukontextualisierung

aus dem Fragment wieder Architektur (S. 209).

Der veränderte Kontext führt oft zu Mehr- und Vieldeutigkeiten; Monika Wagner

hat diesen Prozess „vom Ewigen zum Flüchtigen“ als wichtigen Impuls in der

modernen Kunst untersucht, durch ihn werden traditionell mit Dauerhaftigkeit

verbundene Materialien variabel und für verschiedene Arrangements flexibel. 520

Die erwähnte 5 Kontinente Skulptur von De Maria 98 steht dafür als Paradebeispiel,

hatte dieses aus Marmor, Quarz und Magnesit gebildete Objekt doch zuvor

in einer temporären Installation in der Stuttgarter Staatsgalerie eine andere Form.

Bei der Spolienverwendung geht der Prozess weiter; die bewegten Dinge werden

als Einfügungen wieder Teil fester Architektur, um dort durch ihre Andersheit aber

zugleich auf die Transformation zurückzuweisen.

Zu unterscheiden ist einerseits zwischen den Spolien, die am Ort als Zeugnisse

einer Vorgängerbebauung verwendet werden und deren Bewegung weniger im

Raum als in der Zeit relevant ist, und andererseits denen, die transloziert werden.

Markieren erstere den Status vor der Bewegung, ist bei Letzteren dieses Bewegtwordensein

vielfach Mitgrund ihrer Weiterverwendung. Sie zeigen im neuen

Zusammenhang, dass sie von einem anderen Ort stammen und versetzt wurden:

als Objekt, das als Symbol und zugleich materieller Teil der urbs von Rom an den

neuen Ort transferiert wurde, oder als Erinnerungsglied, das die Menschen vom

alten Ort, der verlassen werden musste, mitgenommen haben, damit sie „Übergänge

zu neuen ‚emotionalen Räumen‘ schaffen können“ 521 (S. 84f.).

Der Akt des Bewegens selbst ist schon deshalb bedeutungskonstituierend, weil

zumindest in vormoderner Zeit die Verrückung architektonischer Objekte von

einiger Größe eine logistische und technische Herausforderung darstellte. Das

gilt besonders ausgeprägt für Binnenorte, weshalb die Peruginer ihre Nachbarstadt

Assisi als Dank für geleistete Hilfe gegen Arezzo auch nur mit einer sehr

bescheidenen Trophäengabe bedenken konnten 22. Die Schwierigkeiten eines

Landtransports von Spolien im gebirgigen Gelände werden aus Desiderius’ Bericht

des Säulentransports von Rom auf den Montecassino deutlich (S. 54f.). Möglicherweise

ist es auch bezeichnend, dass es bei den Spolien Karls des Großen von

166


der „Bestellung“ der römischen und ravennatischen Säulen bis zu ihrer nächsten

Erwähnung in Aachener Schriftquellen elf Jahre dauerte (S. 56).

Aber auch der Wassertransport per Schiff oder Floss war so kompliziert, dass er

in Schriftquellen oft ausdrücklich thematisiert wird (S. 54). Wer größere Objekte

transportieren wollte und konnte, musste über die Möglichkeiten und Kapazitäten

verfügen, eine entsprechende Infrastruktur zu organisieren und zu finanzieren.

522 Ging es über größere Distanzen und durch fremde Territorien, hieß das

auch, sich mit den Anrainern ins Benehmen zu setzen. Abt Suger von Saint-Denis

erwog daher, sich mit den sarazenischen Feinden zu arrangieren (S. 55). Angesichts

dessen, dass etwa der byzantinische Kaiser dem umayyadischen Kalifen

an-Nasir für dessen andalusische Residenz Säulen angeboten hatte und auch

sonst im Mittelmeerraum der Spolienhandel über politische Feindschaften hinweg

mehrfach bezeugt ist, 523 erscheint das nicht ganz so verwegen, wie man zunächst

denkt. Aber selbst wenn Suger das gelungen wäre, hätte er das technische Problem

des Transports zu lösen gehabt. Ein Erfolg wäre nicht garantiert gewesen,

denn selbst wenn die Spolien auf ein Schiff geschafft waren, drohte immer die

Gefahr eines Schiffsbruchs. Aus der Zeit kurz vor Suger stammt ein entsprechender

Bericht des genuesischen Politikers und Chronisten Caffaro in seinem Liber

de liberatione civitatum Orientis zum Jahr 1100/01: Zufolge dieses Berichts hatten

die Genuesen von Laodicea (Latakia) im vermeintlichen Palast des Judas Makkabäus

– dem es seinerzeit gelungen war, Jerusalem mit Waffengewalt dem Feind zu

entreißen (1 Makk 3), und der daher den Kreuzfahrern als Vorbild und Präfiguration

diente – zwölf Marmorsäulen entnommen und auf ihre Schiffe verbracht.

„Die Säulen hatten einen Umfang von fünfzehn Spannen und waren

verschiedenfarbig, nämlich rot und grün und gelb, und die Menschen

spiegelten sich fast wie in einem Spiegel in ihnen. […] Und das Schiff

mit den Säulen wurde nach Genua gesandt, erlitt aber Schiffbruch im

Golf von Sataliae (Attalia).“ 524

Das Schiffswrack von Marzamemi (S. 155) zeugt vom gleichen Schicksal ein paar

Jahrhunderte früher. Die Säulen der Genuesen waren mit den genannten fünfzehn

Spannen etwa drei Meter lang. Die Länge der Säulen aus den stadtrömischen

Thermen, die Abt Suger im Auge gehabt hatte, kennen wir nicht. Welche

gewaltigen logistischen Probleme aber das Bewegen der großen Thermensäulen

noch 400 Jahre nach Suger bedeutete, ist exemplarisch für die dann in Florenz

als Colonna della Giustizia bekannt gewordene Granitsäule nachzuzeichnen. Papst

Pius IV. schenkte Cosimo de’ Medici in der Folge von dessen Rombesuch im

Jahr 1560 eine elf Meter hohe Säule aus den Caracalla-Thermen. Der Transport

des rund 57 Tonnen schweren Objekts lässt sich detailliert nachvollziehen, insbesondere

durch die regelmäßigen Berichte des Florentiner Botschafters in Rom,

Averardo Serristori, an seinen Dienstherrn in Florenz. 525 Involviert in die Organisation

und Durchführung des Transports waren auch die Architekten Giorgio Vasari

als Koordinator, Nanni di Baccio Bigio in Rom sowie Bartolomeo Ammannati in

Florenz. Im Mai 1562 wurde die Säule in den Caracalla-Thermen zu ihrem Schutz

ummantelt und umgelegt; ab Juli erfolgte – unterstützt von der Fabbrica di San

Praktiken und Wirkungen

167


192


Spolien und Entwerfen

Da Spolien im Sinn der hier zugrunde gelegten Definition sichtbar und intentional

verbaut werden, ist mit ihrem Einsatz stets eine Gestaltungsabsicht verbunden.

Besonders wenn sie nicht nur akzidentiell auf oder in eine Wand appliziert werden,

ist ihr Einsatz Resultat eines Entwurfsprozesses. Welcher Status den Objekten

dabei zukommt, welche Rolle sie in diesem Prozess spielen, soll im Folgenden vor

allem anhand einiger Beispiele der neueren Architektur diskutiert werden. Begonnen

wird aber wieder mit einem Blick zurück in die Vormoderne.

Erstmals nachweislich und expliziert zum Thema machte Sebastiano Serlio das

Entwerfen mit Spolien. Wie erwähnt, formulierte er im 1575 postum publizierten

siebten seiner Bücher über die Architektur in den Kapiteln 41–50 als künstlerische

Herausforderung die Aufgabe, Fassaden mittels vorgegebener Sets wiederverwendeter

Säulen zu gestalten: „colonne, altra volta state in opera, ò antiche ò

moderne“ („Säulen, die zu anderer Zeit an anderem Ort [verwendet wurden], antike

oder moderne“). 612 Die Kunst bestand für ihn darin, mit dem nicht standardisierten

und nicht frei wählbaren Ausgangsmaterial Lösungen zu entwickeln, die dem

Geschmack und dem decorum der Zeit entsprachen 7. Sabine Frommel hat einen

Teil dieser Entwürfe genauer analysiert und vergleichbaren anderen Darstellungen

Serlios gegenübergestellt. Sie konstatierte, im Verlaufe der Projekte des siebten

Buchs lasse sich ein verstärkter Hang Serlios zu capricci und bizzarerie beobachten,

der verbunden sei mit einem zunehmenden Bedeutungsverlust der Wand

zugunsten von komplizierten Säulenanordnungen. 613 Ohne auf das Spezifikum der

Aufgabenstellung – die als Vorgaben angenommenen Spoliensäulen – einzugehen,

reduziert Frommel die unkanonischen Lösungen auf eine Suche des Architekten

nach Originalität um jeden Preis. Nicht abzusprechen ist Serlio eine Vorliebe für

maximale Kontraste, wenn er als Aufgabenstellung für einen adeligen Landsitz

besonders kleine und für ein einfaches Wohnhaus besonders große Säulenschäfte

verarbeitet haben wollte. Über das Fassadendesign hinaus ging er fallweise auch

auf die Statik ein, wenn er beispielsweise für die besagten kleinen Säulen empfahl,

Spolien und Entwerfen

193


206


Fazit: Spolienverwendung und

Spoliation als kulturelle Praxis

Weil die Wiederverwendung von Baumaterial etwas Naheliegendes und über

lange Zeit Selbstverständliches war – und es aktuell wieder verstärkt wird –, sind

auch die Gründe mannigfach, warum man einzelne Teile als Spolien, das heißt

sichtbar und bewusst intendiert, wiederverwendete und weiterhin wiederverwendet.

Das Phänomen erlaubt entsprechend unterschiedliche Betrachtungsweisen,

das Material schier unbegrenzte Möglichkeiten, es zu gruppieren und zu kategorisieren.

Für die Analyse kultureller Techniken ist es grundlegend, Instrumente zur

Distinktion der Phänomene der realen Welt zu beschreiben. 640 Spolien sind Medien

der Distinktionserzeugung. Eine in den obigen Kapiteln immer wieder angesprochene

elementare Differenzierung unterscheidet in der gestalterischen Beziehung

zwischen dem Neubau und der Spolie, ob sich diese zu jenem integrierend

oder distinguierend verhält. Die integrierende Verwendung setzt voraus, dass der

Neubau mit der Spolie und damit mit ihrem Herkunftsbau gestalterische Elemente

teilt, mit der Spolie folglich Ähnlichkeit erzeugt wird. Handelt es sich dabei um

eine rekonstruierende Spolienverwendung, geht es um die Re-Inszenierung des

alten, vertrauten oder erinnerten Platz- und Stadtraums. Den formalen Gegenpol

dazu bildet die Dekonstruktion als radikale Variante der distinguierenden Spolienanwendung.

Generell haben beide die durch die sichtbare Verwendung angestrebte

Steigerung der Aufmerksamkeit gemein: Spolien sind Aufmerksamkeitserreger.

Als Objekte machen sie durch ihre Präsenz aufmerksam auf den Ort ihrer Verwertung,

regen an zur Frage, wie das Ding an den Ort kommt und wo bzw. in welchem

Zusammenhang es verfügbar gemacht wurde.

An einem neuen Bauwerk ist die Spolie ein Mittel der Hierarchisierung: Die Stelle,

an der sie angebracht ist, wird – positiv oder negativ – hervorgehoben. Bezogen

auf das Gebäude und seine Positionierung gilt oft, dass der Ort, an dem sich

ein Bauwerk befindet, das Spolien nutzt, insofern akzentuiert wird, als die Spolie

zur Frage nach lokalen Gründen der Verwendung anregt. In scheinbar konträrer

Verweisstruktur können Spolien daher sowohl zur örtlichen Kontinuitätsbehauptung

als auch zur zeichenhaften Verbindung einander ferner Orte zum Einsatz

Fazit: Spolienverwendung und Spoliation als kulturelle Praxis

207


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Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der

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der Bauhaus-Universität Weimar.

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