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Vorschau Nr. 77 Winter 2020/2021

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DAS UNABHÄNGIGE FRANKREICH-MAGAZIN Nr. 77 · Winter 2020/21

BRETAGNE · KÜSTENLANDSCHAFTEN · HAUTS-DE-FRANCE · LOIRETAL · BURGUND

Bretagne

Leuchttürme und Leuchtfeuer

Im Westen etwas Neues!

Radtourismus

Von der Bretagne bis an

die belgische Grenze

Hauts-de-France

Von der Vergangenheit

in die Zukunft

Loiretal

Das Dorf der Antiquitätenhändler

Bourgogne-Franche-Comté

Wellness im Trend

Enthüllung Das Geheimnis um van Goghs letztes Bild gelüftet

Gastronomie Ein Elsässer « provoziert » die Welt der Schokolade

Rezept Tarte au Chocolat

www.frankreicherleben.de

Deutschland 5,90 €

Österreich 6,50 €

Schweiz 10,90 CHF

Frankreich & Benelux 7,00 €

Italien 7,00 €


INHALT

Porträt · 78

Vélomaritime · 28

28 · Velomaritime

Frankreich heute

24 · Paris 82 · Saverne

24 Am Tag als …

Straßburg

68 · Ouessant

… der Leichnam des unbekannten Soldaten

am Arc de Triomphe bestattet wurde

Rennes

50 · La Chartre-sur-le-Loir 58 · Luxeuil-les-Bains Wer war der unbekannte Soldat? Wie kam es dazu,

Tours

dass er unter dem Triumphbogen begraben wurde?

Nantes

Dijon

58 · Santenay

Warum brennt eine ewige Flamme auf seinem Grab? Ein

58 · Saint-Honoré-les-Bains

58 · Salins-les-Bains

58 · Lons-le-Saunier

Rückblick auf die Ereignisse des 11. November 1920.

Bordeaux

Rouen

58 · Bourbon-Lancy

40 · Saint-Omer

Lille

Montpellier

Toulouse

Lyon

Marseille

46 · Neuvecellle

74 Enthüllung

Das Geheimnis um van Goghs letztes Bild gelüftet

Van Goghs letzte Tage waren bis heute von einem Geheimnis

umgeben. 130 Jahre später haben das Schicksal, eine

alte Postkarte, ein letztes Bild und die Entschlossenheit

eines hervorragenden Kenners des großen Malers den

Schleier gelüftet, der über dieser Zeit ganz kurz vor seinem

Tod lag. Erzählung einer spektakulären Begebenheit.

Art de vivre

Rezept · 90

Pays de la Loire · 50

Gastronmomie · 82

La Grange au Lac · 46

Saint-Omer · 40

Bretagne · 68

Unterwegs in Frankreich

28 Bretagne / Normandie / Hauts-de-France

Radtourismus: von der Bretagne bis an die belgische Grenze

Mit 1500 Kilometern ist Vélomaritime einer der längsten und

am besten ausgebauten Radwege Frankreichs. Dieser Radwanderweg

sieht nicht nur auf dem Papier gut aus, sondern

ist auch in der Praxis gut konzipiert und stellt zweifellos eines

der Prunkstücke unter den französischen Radwegen dar.

40 Hauts-de-France

La Coupole: von der Vergangenheit in die Zukunft

In der Nähe von Saint-Omer befindet sich am Hang eines Hügels

eine unglaubliche Betonkuppel, sie ist eines der beeindruckendsten

Zeugnisse des Zweiten Weltkriegs in Frankreich. Besuchen Sie mit uns

diesen Ort, an dem es gelungen ist, auf nicht alltägliche Art Geschichte

und Wissenschaft zu verbinden, um die Zukunft besser zu erfassen.

46 Coup de Cœur

La Grange au Lac: wie im Inneren eines Cellos

50 Pays de la Loire

La Chartre-sur-le-Loir: das Dorf der Antiquitätenhändler

Während das Leben aus vielen Dörfern in ländlichen Gegenden

immer mehr verschwindet, wurde der kleine Ort La Chartresur-le-Loir

im Laufe einiger Jahre zu einem unumgänglichen

Treffpunkt für Liebhaber von Trödel und Antiquitäten. Inzwischen

spricht man sogar vom « Dorf der Antiquitätenhändler ».

58 Bourgogne-Franche-Comté

Aufbruchstimmung in den französischen Thermalbädern

Bis vor nicht allzu langer Zeit war das Thermalangebot in

Frankreich eher medizinisch orientiert. Doch inzwischen wenden

sich immer mehr alteingesessene Thermaleinrichtungen

auch « Wohlfühlangeboten » zu. Besonders deutlich wird diese

Entwicklung in der Region Bourgogne-Franche-Comté.

68 Bretagne

Leuchttürme und Leuchtfeuer: im Westen etwas Neues!

Von den 129 französischen Leuchttürmen stehen alleine fünf auf der

Insel Ouessant. Zu Füßen des legendären Phare du Créac’h befindet

sich das Musée des Phares et Balises, das 1988 eingerichtet wurde und

nun im Rahmen eines ambitionierten Projektes renoviert und in das

künftige Centre National des Phares in Brest integriert werden soll.

78 Porträt

Jean-Yves de Groote, Herausgeber von Écoute

Ein Austausch mit Jean-Yves de Groote, dem

Herausgeber von Écoute, einem Sprachmagazin

der Zeit-Gruppe, das ausschließlich Frankreich

und der französischen Sprache gewidmet ist.

82 Gastronomie

Jacques Bockel: ein Elsässer « provoziert »

die Welt der Schokolade

In der kleinen, behäbigen Welt der französischen

Gastronomie fällt der elsässische Chocolatier aus

dem Rahmen, denn er setzt seit 35 Jahren bei

seinen Schokoladenkreationen auf Innovation und

Originalität. Neugierig geworden, haben wir ihn in

seiner Chocolaterie in Saverne (Bas-Rhin) besucht.

90 Chantals Rezept

Tarte au chocolat

92 Produkt

Die Künstlerfarben Lefranc Bourgeois

Vor 300 Jahren begegneten sich in Paris der Apotheker

Charles Laclef und der damals noch unbekannte

Künstler Jean Siméon Chardin. Aus diesem Zusammentreffen

entstand eines der prestigeträchtigsten

Unternehmen im Bereich der schönen Künste in

Frankreich und eine der renommiertesten Marken für

Künstlerfarben auf der ganzen Welt: Lefranc Bourgeois.

3 Editorial

6 On en parle

12 On lit

16 On lit en France

20 On regarde

22 On surfe

26 On écoute

86 Nach bestellungen

94 Guéwen a testé

96 Wo lesen Sie?

96 Leserbriefe

97 Abonnement

98 Impressum

98 Vorschau

Frankreich erleben im Internet:

www.frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 5


ON EN PARLE

TERRITOIRE DE BELFORT

KULTURERBE

Ein « ephemeres Grand Palais »

auf dem Pariser Marsfeld

Obwohl die monumentale Konstruktion in Form eines Kreuzes

(140 x 130 m, 10 000 m² Fläche) gegenüber dem Eiffelturm

nur für eine befristete Zeit angelegt ist, sorgt sie derzeit

bei vielen Bewohnern rund um das Marsfeld im schicken

VII. Arrondissements für Empörung. Dort wird nämlich gerade

das Grand Palais éphémère errichtet, das vorübergehend das

Ausstellungsgebäude Grand Palais am rechten Seine-Ufer

« ersetzen » wird. Dieser historische Ausstellungsort ist mehrere Jahre wegen umfangreicher Restaurierungsarbeiten

geschlossen. Der « Ersatz » wurde vom Architekten Jean-Michel Willmotte konzipiert und soll Raum für eine

ganze Anzahl großer Kultur- und Sportveranstaltungen (Biennale des antiquaires, Internationale Messe für

zeitgenössische Kunst FIAC, Paris Photo, Modeschauen, Wettkämpfe anlässlich der Olympischen Spiele 2024 … )

bieten und nach den Spielen wieder abgebaut werden. Das Marsfeld ist zwar traditionell ein Ort, an dem bereits

viele große Veranstaltungen stattfanden (Weltausstellungen, Konzerte, es gab dort sogar eine Fanzone während der

Fußballweltmeisterschaft 2016), doch die Anwohner sorgen sich um ihre Ruhe und befürchten, dass die bis zu 12 m

in die Tiefe gebohrten Pfeiler, die die Struktur absichern sollen, dauerhaft bleiben. Jean-Michel Willmotte versichert

jedoch, dass diese nach dem Abbau des Grand Palais éphémère mit 1,5 Metern Erde bedeckt werden und auf diese

Weise unsichtbar sein sollen.

Zitadelle und Löwe zum « beliebtesten

Monument der Franzosen 2020 » gewählt

Anlässlich der diesjährigen Wiederaufnahme der beliebten Fernsehsendung

Le monument préféré des Français, in der das architektonische Kulturerbe

des Hexagons ins Rampenlicht gerückt wird, erhielten der Löwe und die

Zitadelle von Belfort den begehrten Titel. Die von Bartholdi zwischen 1875

und 1880 geschaffene riesige Steinskulptur stand im Wettstreit mit 13

anderen französischen Denkmälern (siehe Frankreich erleben Nr. 64, Belfort, die wiederentdeckte Genialität

eines Künstlers). Ob die Auszeichnung dem Raubtier wohl ein freudiges Brüllen entlockt hat?

10 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

TRANSPORTE

Neue Metros in Paris

Im Oktober fahren auf der Linie 14 der Pariser Metro neue,

vollautomatisch gesteuerte Züge ohne Fahrer. Sie bestehen aus acht

Waggons, statt der üblichen sechs, und haben daher eine Länge von

120 m. Damit sind es die längsten Untergrundbahnen

in Frankreich. Diese Metros der allerneuesten

Generation wurden bereits 2015 bei Alstom bestellt.

Ihr Vorteil: Sie sind leiser und ökonomischer. Die

neuen Waggons sind der Vorbote für die im Jahr

2024 erwartete Verlängerung der Linie 14 bis Saint-

Denis im Norden und zum Flughafen Orly im

Süden.

LEBENSQUALITÄT

Schluss mit den

Hubschraubern über dem

Golf von Saint Tropez!

Die Einwohner des kleinen (aber feinen!) Dorfes Ramatuelle (Var), einer kleinen

Gemeinde am Golf von Saint Tropez, haben die Nase voll: Unter der Führung

ihres Bürgermeisters sind sie in den Kampf gezogen, um den pausenlosen

Hubschrauberflügen über ihren Köpfen ein Ende zu setzen – oder sie zumindest

zu reduzieren. Hintergrund: Die Helikopter fliegen (reiche) Kunden direkt zu den

berühmten Stränden von Pampelonne. 40 000 bis 50 000 Passagiere werden auf

diese Weise pro Jahr in der Nähe eines Dünenstreifens abgesetzt – der immerhin

als Espace naturel remarquable klassifiziert ist. An manchen Tagen werden bis zu

100 Hubschrauberflüge gezählt, was die Bewohner verständlicherweise auf die

Palme bringt. Eines der Projekte, um das Problem zu lösen, sieht den Bau von

Plattformen im Meer vor.

UMWELT

VERSTEIGERUNG

Manuskripte von Georges Brassens erzielen

das Fünffache des Schätzwertes

Am 22. September wurden in Paris 22 Manuskripte des

berühmten, 1981 verstorbenen Dichters und Sängers öffentlich

versteigert. Alle Lots konnten verkauft werden und der

erzielte Betrag lag mit 377 650 Euro fünfmal so hoch wie die

ursprüngliche Schätzung. Sowohl die Geburtsstadt von Brassens,

Sète (Hérault), als auch die Bibliothèque nationale de France

(BNF) konnten durch Ausübung ihrer Vorkaufsrechte einige

Stücke davon erwerben.

Pas-de-Calais testet biologisch

abbaubare Fischernetze

Jérémy Devogel, Kapitän der Néréide II in Boulogne-sur-Mer, ist

kein Fischer wie alle anderen: Ende Juni nahm er 900 m eines

ganz neuartigen Fischernetzes an Bord. Es ist biologisch

abbaubar, wird aus recyceltem Material hergestellt

und sondert garantiert kein Mikroplastik

ab. Dieser Test unter realen Bedingungen

wurde vom Parc naturel marin des estuaires

picards et mer d’Opale lanciert und ist

eine Premiere in Europa. Ziel ist es, am

Ende die herkömmlichen und als sehr

umweltschädlich eingestuften Nylonnetze

ganz zu ersetzen. Bis dato verläuft der Test

überzeugend, eine umfassende Bilanz wird demnächst

erwartet.

SCHNAPP-

SCHÜSSE

568 kg ++ So viel Abfall

produziert ein Franzose im

Durchschnitt pro Jahr.

20 % ++ Das ist der Prozentsatz

der Schüler der Terminale, der

französischen Abiturklasse,

die sich im Rahmen des vom

Bildungsministerium reformierten

« neuen Abiturs » für Mathematik

und Physik-Chemie als Schwerpunkt

entschieden haben. Im alten System

waren es 55 % der Gymnasiasten.

Auf Platz zwei (14 % der Schüler)

liegt die Kombination Geschichte-

Geografie, Geopolitik und

Sozialwissenschaften. Ein schöner

Erfolg für die Reform, deren Ziel es

ist, das Spektrum der Möglichkeiten

zu erweitern.

24 % ++ Laut der Vereinigung

Vélo & Territoires ist in diesem Jahr

(von der Zeit der Ausgangssperre

abgesehen) die Anzahl der

Radfahrer auf den zehn EuroVelo-

Routen in Frankreich um diesen

Prozentsatz gestiegen.

7,2 Milliarden Euro ++

Diesen Betrag will der französische

Staat investieren, um Frankreich

bei der Produktion von CO 2

-freiem

Wasserstoff an die Spitze zu bringen.

Die Regierung will damit « einen Teil

von Industrie und Transportwesen

umweltfreundlicher gestalten » und

dies zu einer nationalen Priorität

machen, um auf diese Weise

« zwischen 50 000 und 150 000

Arbeitsplätze zu schaffen und 6

Millionen Tonnen CO 2

einzusparen ».

28 Tage ++ So lange beträgt in

Frankreich der neue Anspruch auf

Vaterschaftsurlaub. Die bisherige

Dauer von 14 Tagen wurde somit

verdoppelt. Die Frist beinhaltet

zudem 7 Pflichttage.

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 11


ON LIT EN FRANCE

ROMAN

Du côté des Indiens

Isabelle Carré, Grasset, 352 Seiten, ISBN 978-2246820543

ROMAN

Le Dit du Mistral

Olivier Mak-Bouchard,

Le Tripode, 360 Seiten,

ISBN 978-2370552396

In der Provence,

im Herzen des

Luberon, klopft ein

alter bärbeißiger und

ungeselliger Bauer nach

einer heftigen Gewitternacht an die Tür

seines Nachbarn und führt diesen zur

Grenze zwischen ihren Feldern. Der Regen

hat eine Trockensteinmauer weggespült

und Scherben antiker Töpfereien sowie

das in den Kalkstein gravierte Gesicht

einer Frau freigelegt. Die beiden Männer

beschließen, die Entdeckung nicht

der Gemeinde zu melden, sondern

die Ausgrabungen heimlich selbst

durchzuführen. Diese Entscheidung

wird ihr Leben auf den Kopf stellen. Der

großartige Debütroman Le Dit du Mistral

war eine der großen Überraschungen

beim diesjährigen Auftakt der

Literatursaison in Frankreich. Mit seinem

einfühlsamen und präzisen Stil gelingt

es dem Autor auf unerwartete Weise,

alle Liebhaber der Provence in seinen

Bann zu ziehen, egal ob es nun profunde

Kenner dieser Region sind, oder ob sie die

Provence einfach lieben, ohne sie richtig

zu kennen. Im Laufe des Buches unterliegt

der Leser der magischen Wirkung der

Landschaften, Bräuche und Legenden des

provenzalischen Lebens. Der legendäre

Schriftsteller Jean Giono (1895-1970) hätte

es nicht besser beschreiben können. Eine

regelrechte Aufforderung zum Reisen!

ROMAN

Liv Maria

Julia Kerninon, L’Iconoclaste, 280 Seiten, ISBN 978-2378801540

Unsere Auswahl an Büchern, über die man zurzeit

in Frankreich spricht

Ihr Name ist Liv Maria Christensen. Sie lebt

zurückgezogen auf einer bretonischen Insel. Mit

17 Jahren verliebt sie sich und entdeckt im Laufe

eines Sommers das Leben im Schnellverfahren.

Kurz darauf wird sie Waise und verliert vollkommen

die Orientierung. Mutter geworden, erfindet sie

ihr bisheriges Leben neu, schafft sich eine « neue »

Vergangenheit. Wie kann man jedoch mit der Erinnerung an all die Leben zuvor

weiterleben? Muss man lügen, um frei zu bleiben? Julia Kerninon, geboren 1987

in Nantes, erzählt in diesem Roman von einer unabhängigen, verliebten Frau,

einer Abenteurerin, die jedoch von einem Geheimnis geprägt ist, über das sie

nicht sprechen kann. Eine Frau, die zwischen der Angst, alles zu verlieren, und

dem Wunsch nach Freiheit hin und her gerissen ist. Ein faszinierendes Buch

über eine Gratwanderung zwischen Schein und wahrer Persönlichkeit.

ROMAN

Chavirer

Lola Lafon, Actes Sud, 348 Seiten, ISBN 978-2330139346

Cléo, 13 Jahre, erhält eines Tages von

einer mysteriösen Stiftung ein Angebot für

ein Stipendium, mit dem sie ihren Traum

verwirklichen und Tänzerin werden kann.

Sie akzeptiert den Vorschlag, der sich jedoch

als Falle herausstellt: Cléo wird sexuell

missbraucht. Sie zieht schließlich andere

junge Mädchen in dieselbe Falle mit hinein. 30

Jahre später, als sie bereits eine erfolgreiche Karriere als Tänzerin

hinter sich hat, kommt die Vergangenheit plötzlich ans Tageslicht.

Opfer oder Täter? Die Frage ist äußerst diffizil zu beantworten.

Lola Lafon beschreibt ein erschütterndes Schicksal: das einer

Kindheit, in der sich Traum und Realität gegenüberstehen, in der

psychologische Beeinflussung und sexueller Missbrauch Opfer

in Täter verwandeln können. Ein Roman, der Fragen aufwirft und

Reaktionen auslöst.

ROMAN

Buveurs de vent

Der zehnjährige Ziad realisiert eines Abends ganz plötzlich, dass seine Familie,

das Haus, in dem er wohnt, sein vordergründig so geregelter Alltag in Wahrheit

düstere Geheimnisse und tiefe Traurigkeit verbergen. Mit ihrem zweiten

Roman zeichnet Isabelle Carré das feinfühlige Porträt von Menschen, die « auf

der Seite der Indianer », auf der Seite der Unterdrückten, der Schwächsten

stehen. Ein Porträt von Menschen, die von den Schwierigkeiten des Lebens

überrumpelt wurden und sich allem Anschein nach nicht dagegen wehren können. Zwischen

familiärer Täuschung und sexuellem Missbrauch von Frauen aus der Welt des Films – eine Welt, die die

Schriftstellerin und Schauspielerin Isabelle Carré gut kennt – weckt das Buch den Hoffnungsschimmer,

dass Charakter, Mut und Vorstellungskraft letztendlich die wirksamsten Verteidigungswaffen sind. Ein

sensibel geschriebener Roman mit einer oft poetischen Seite, der dem Leser auch noch lange durch

den Kopf geht, wenn er das Buch bereits zugeklappt hat.

Franck Bouysse, Albin Michel, 396 Seiten, ISBN 978-2226452276

Die vier Brüder und Schwestern stammen aus einem

abgelegenen Tal inmitten französischer Berge und sind

offensichtlich einfacher Natur: Marc liest unablässig

und heimlich; Mathieu « hört die Gedanken der Bäume »;

Label besitzt eine « wilde Schönheit »; und Luc wiederum,

« kann mit Fröschen, Hirschen und Vögeln sprechen ».

Alle arbeiten gemeinsam mit ihrem Vater für Joyce, den

seltsamen, tyrannischen und allmächtigen Besitzer

von Kraftwerk, Staudamm und Steinbrüchen in der

Umgebung. Das Talent von Franck Bouysse zeigt sich in

seinem ausgesprochen gut gewählten Schreibstil, der

nahezu hypnotisch wirkt, mit dem er die offensichtliche

« Banalität » der Geschwister in einen großartigen Roman

verwandelt, der amerikanischer Western, Chronik des

bäuerlichen Lebens und Familienroman gleichzeitig ist.

Man blättert die Seiten manchmal

fast voller Angst um, oft aber

unglaublich neugierig, weil die

Spannung so groß ist. Nahezu

ohne es zu merken, nimmt man

dabei die Kraft der Natur und

die starken Bande in sich auf,

die die Geschwister miteinander

verbinden. Ein Buch, das einen

magnetisch in einen Bann zieht,

von dem man sich nur schwer

lösen kann!

ROMAN

Nature humaine

Serge Joncour, Flammarion, 400

Seiten, ISBN 978-2081433489

1999. In Frankreich wütet ein

schwerer Sturm, man könnte meinen,

das Ende der Welt sei gekommen.

Alexandre, der zurückgezogen auf

seinem Hof im Lot lebt, fürchtet

vor allem die Gendarmen, die ihn

verhaften wollen. So beginnt der Roman,

der den Leser in Atem hält. Es ist nicht nur das Porträt

einer « typisch » französischen Bauernfamilie, sondern

einer ganzen Epoche, einer Gesellschaft, einer Ideologie.

Wie immer mischt Serge Joncour in seinen Büchern auf

perfekte Art kleine Geschichten und große Geschichte. Er

beschreibt das bewegte Leben einer Bauernfamilie und

skizziert gleichzeitig die Entwicklung der französischen

Landwirtschaft zu immer mehr Produktivität und

Fortschritt, was Anlass zur Beunruhigung ist. Letzten

Endes veranschaulicht er 30 Jahre politischer und sozialer

Geschichte Frankreichs. Der Roman ist geprägt von

kleinen Eigenheiten à la française (Einkäufe im Supermarkt,

Beziehungen der Menschen untereinander …)

und von einer Spannung, die alles auf meisterhafte

Weise beherrscht. Großes Lesevergnügen, bei dem man

Frankreich und einen der wesentlichen – wenn auch oft

vergessenen – Pfeiler des Landes entdeckt: den ländlichen

Raum.

16 · Frankreich erleben · Winter 2020/21 Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 17


ON REGARDE

DOKUMENTARFILM

An die Jugend glauben

Das ist ein Film, der guttut. Unglaublich gut. Der engagierte

französische Filmemacher Gilles de Maistre nimmt uns mit auf eine

Reise um die Welt, zu acht Kindern, die jeweils auf ihre Weise für die

Durchsetzung ihrer Überzeugungen kämpfen: José (Peru), Arthur

(Frankreich), Aïssatou (Guinea), Heena (Indien), Khloe (USA), Jocelyn,

Kevin und Peter (Bolivien) sind zwar alle noch sehr jung (zwischen 10

und 13 Jahre alt), doch sie sind bereits richtige Helden des Alltags. Der

Dokumentarfilm zeigt, wie sie mit ihrem Mut und ihrer Charakterstärke

erfolgreich gegen Armut, Kinderarbeit, Zwangsehe und die Zerstörung

der Umwelt kämpfen. Ihre Initiativen, über die der Film berichtet,

machen sprachlos. Man möchte ihnen « Danke » sagen und ist letzten

Endes froh, dass die Welt von morgen glücklicherweise auch « ihnen »

gehört! Das gibt Hoffnung!

Morgen gehört uns • Frankreich 2019, 84 min • Originaltitel: Demain est à nous •

Ein Dokumentarfilm von Gilles de Maistre • Ab 3. Dezember 2020 im Kino.

DOKUMENTARFILM

Versailles, wo

Frankreich den

Luxus erfand

Man könnte meinen,

Luxusgüter stammten

von jeher aus

Frankreich. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass das Land

sich einst in China und Venedig mit hochwertiger Ware

eindeckte, deren Herstellung lange Zeit ein wohlgehütetes

Geheimnis war. Erst Mitte des 17. Jahrhunderts unter

Ludwig XIV. erschloss Frankreich sich neue Märkte. Für den

Aufbau einer eigenen Luxusindustrie war den königlichen

Gesandten jedes Mittel recht: Industriespionage,

Entführungen, Abwerbungen oder Innovationen. Mehrere

Jahrhunderte lang versorgte Versailles ganz Europa mit

französischen Luxusgütern.

Dokumentarfilm von Stéphane Bégoin, Frankreich, 2020, 90 Min.

Samstag, den 5. Dezember um 20.15

SPIELFILM

Fanfan der Husar

Eine Wahrsagerin prophezeit dem jungen Fanfan ein

Leben an der Seite der Tochter des Königs Ludwig XV.,

unter der Voraussetzung, dass er in die Armee

des Königs eintritt. Fanfan ist fasziniert von dieser

Prophezeiung, entflieht einer arrangierten Hochzeit und

tritt in die Armee ein. Bevor er jedoch um die Hand der

Prinzessin anhalten kann, wird er zum Tode verurteilt.

“Fanfan der Husar“ mit Gérard Philipe zählt zu den

berühmtesten

Mantel- und

Degenfilmen.

Spielfilm von

Christian-Jaque,

Frankreich, Italien,

1951, 102 Min.

Mittwoch, den

23. Dezember

2020 um 20.15

KOMÖDIE

Die Stirn bieten können

Grégory Magne, der mit dieser Komödie seinen

zweiten Kinofilm realisiert hat, vereint dafür ein

Schauspielerduo, das vortrefflich harmoniert. Anne

(Emmanuelle Devos) ist eine Berühmtheit in der Welt

des Parfums, ihre « Nase » ist Gold wert. Sie weiß das

nur zu gut und nutzt es aus. Wenn sie Düfte für die

größten Parfümeure kreiert, dann gibt sie sich nicht

selten wie eine Diva. Ihr neuer Chauffeur Guillaume

(Grégory Montel) lässt sich davon jedoch nicht

beeindrucken. Er ist der Einzige, der es wagt, ihr die

Stirn zu bieten. Zwischen den beiden entsteht eine

erstaunliche Beziehung,

ein Spiel wie Katz und

Maus. Entstanden ist

eine sympathische

Komödie, bei der man

oft aus vollem Hals

lachen muss.

Parfum des Lebens •

Frankreich 2019, 100 min •

Originaltitel: Les parfums •

Ein Film von Grégory

Magne, mit Emmanuelle

Devos, Grégory Montel,

Gustave Kervern u. a. • Ab

17. Dezember 2020 im Kino.

FILMBIOGRAFIE

Marie Curie, eine

engagierte Frau

Diese exzellente

Filmbiografie kam im

April dieses Jahres in

die Kinos. Wir haben sie

Ihnen in der Ausgabe

Nr. 74 vorgestellt. Nun

ist sie als DVD erschienen. Alle, die den Film noch

nicht gesehen haben, haben somit die Gelegenheit,

die bemerkenswerte und unerwartete Art zu

entdecken, mit der sich die iranisch-französische

Regisseurin Marjane Satrapi – die im Übrigen auch

Autorin des weltweit übersetzten Comics Persepolis

ist – mit dem Leben von Marie Curie beschäftigt.

Der Film hilft besonders dabei, mehr über deren

Engagement für die Emanzipation der Frau in der

Gesellschaft zu erfahren.

Marie Curie - Elemente des Lebens • Großbritannien

2019, 105 min • Originaltitel: Radioactive • Ein Film von

Marjane Satrapi, mit Rosamund Pike, Sam Riley, Aneurin

Barnard u. a. • Ab sofort im Handel erhältlich.

Das komplette tägliche ARTE TV-Programm finden Sie im ARTE Magazin.

Jeden Monat neu am Kiosk oder im Abonnement. Jetzt bestellen unter: www.arte-magazin.de.

Weitere Informationen und Angebote von ARTE : www.arte.tv

SERIE

En thérapie

« En thérapie » zeigt einen Pariser Psychoanalytiker

bei seinen Therapie-Sitzungen kurz nach den

Terroranschlägen in Paris am 13. November 2015.

Behandelt werden eine Chirurgin mit akutem

Liebeskummer, ein traumatisierter Beamter der

Such- und Eingreifbrigaden (BRI), ein Paar in der

Krise und eine suizidgefährdete Jugendliche.

Dann unterzieht sich der Protagonist mithilfe einer

Fachkollegin selbst einer Analyse ... Die Serie vereint

unter Leitung des Regieduos Toledano/Nakache

eine hochkarätige Besetzung. Es handelt sich um die

französische Variante der israelischen Fernsehserie

BeTipul.

Serie von Olivier

Nakache und

Eric Toledano ,

Frankreich, 2020,

35 Episoden, ab

Donnerstag, den

4. Februar 2021

SCHWERPUNKT

Georges Méliès

Der 1861 in Paris

geborene französische

Regisseur Georges

Méliès war Illusionist und

Theaterbesitzer. Er gilt durch seine Erfindung des « narrativen

Films » sowie der « Stop-Motion- Filmtechnik » heute als

Pionier der Filmgeschichte. Anlässlich der Wiedereröffnung

des Musée Méliès in Paris, zeigt ARTE zwischen dem 10. Januar

und 31. Januar sechs Stummfilme und eine Dokumentation

des bzw. über den französischen Illusionisten. Mit dabei sind

die Filme Le locataire diabolique (1909), Le palais des mille et

une nuits (1905) und Le royaume des fées (1903). Ebenso zeigt

ARTE Méliès bekanntesten Stummfilm, das Science-Fiction-

Abenteuer Le voyage dans la lune (1902) sowie seine Werke La

sirène und Le voyage à travers l’impossible aus dem Jahr 1904

und die Dokumentation Das Geheimnis Georges Méliès (2020).

Vom Sonntag, den 10. Januar bis Sonntag, den 31. Januar 2021

20 · Frankreich erleben · Winter 2020/21 Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 21


ON SURFE

FERNSEHEN

« Netflix à la française » ist gestartet

Eine Alter native

zu den ame rikan

ischen VOD-

Giganten und noch

dazu weltweit und

kostenlos: Dieser

Herausforderung hat sich TV5MONDEplus gestellt. Es

handelt sich dabei um ein neues, weltweit verfügbares,

französischsprachiges Video-on-Demand-Angebot.

Beschlossen wurde es von Emmanuel Macron und Justin

Trudeau anlässlich des Gipfeltreffens der Staatschefs

französischsprachiger Länder im Oktober 2018. Seit dem

9. September 2020 ist die kostenlose Plattform online.

Frankophone und frankophile Menschen auf der ganzen

Welt haben nun Zugriff auf 5000 Stunden Fernsehprogramm

verschiedenster Genres (Kinofilme, Serien, Dokumentarfilme,

Französischunterricht …) und verschiedenster Medien (France

Télévisions, Arte, Radio Canada, Télé-Québec, TV5 Québec

Canada, RTS Schweiz, RTBF Belgien und natürlich TV5Monde

selbst). Bisher war es aus rechtlichen Gründen nicht möglich,

die Programme auf den Websites der einzelnen Sender

vom Ausland aus abzurufen, doch TV5MONDEplus besitzt

nun die Übertragungsrechte für 194 Länder. Das Angebot

wird sukzessive mit Untertiteln in insgesamt fünf Sprachen

versehen, darunter auch Deutsch. Beim Testen der Plattform

waren wir von der Vielfalt der Blickwinkel beeindruckt.

Ein Beispiel dafür ist die exzellente, humorvolle Sendung

aus Québec Tabous et interdits, in der unter anderem eine

interessante Episode Deutschland gewidmet ist.

www.tv5mondeplus.com

WANDERN

Zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fahrrad

durch Les Landes

Es gibt zahlreiche Websites, die dabei helfen sollen,

sich auf den vielen Wanderwegen in Frankreich

zurechtzufinden. Man kommt jedoch um die

Feststellung nicht umhin, dass sehr umfassende

Sites, die das ganze Hexagon erfassen, oft nicht

gerade aktuell sind. Das Departement Les Landes hat

daher beschlossen, eine eigene Website zu kreieren,

die regelmäßig aktualisiert wird. Dort sind 3500 km

sehr gut ausgeschilderte Wanderwege im ganzen

Departement beschrieben, wobei man die GPS-

Daten herunterladen und sich damit vor Ort schnell

orientieren kann. So kann man sich unmöglich

verlaufen! Die Liste der Sehenswürdigkeiten in der

Umgebung der jeweiligen Strecke ist ebenfalls ein

Pluspunkt. Der einzige

Nachteil: Die Website

existiert zurzeit nur in

französischer Sprache.

Doch die Initiative

verdient Anerkennung,

und es besteht die

Hoffnung, dass

Übersetzungen folgen

werden …

rando.landes.fr

22 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

VERKEHRSSICHERHEIT

Karte der Radargeräte

in Frankreich

Der Ansatz mag überraschen:

Die französische Regierung

hat eine Karte mit allen

Radargeräten online gestellt,

die entlang der Straßen im

Hexagon im Einsatz sind. Die Angaben werden

laufend aktualisiert. Auf diese Weise will man das

Verantwortungsgefühl der Autofahrer wecken und

beweisen, dass man sie nicht « in die Falle locken

will ». Über den rein informativen Charakter hinaus,

ist die Website sehr aufschlussreich: Bei unserem

Versuch haben wir beispielsweise erfahren, dass

gerade 3285 Radargeräte in Betrieb waren, darunter

383 « Radarwagen mit jeweils zwei Polizisten oder

Gendarmen, von denen einer fährt, der andere die

im jeweiligen Bereich zulässige Geschwindigkeit

einstellt ». Man kann sogar lesen, dass « diese

Fahrzeuge früher oder später von einer einzigen

Person gesteuert werden sollen, die von einem

privaten Unternehmen angestellt und bezahlt wird ».

Lehrreich!

radars.securite-routiere.gouv.fr

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ON ÉCOUTE

Alles auf ARTE · Highlights · Mediathek · TV-Programm ·Film- und Dokufinder

CHANSON

Grand Corps Malade: Mesdames

Wir machen Lust auf ARTE.

« Meine Damen, nehmen Sie bitte diese Worte als Hommage an das schöne

Geschlecht, das ich bewundere […] / Meine Damen, nehmen Sie bitte diese

Deklaration als ehrlichen Wiedergutmachungsversuch für den ausgeprägten

Chauvinismus in unseren Gepflogenheiten, unserer Kultur … » Die Worte,

gesprochen mit einer tiefen und warmen Stimme, sind schüchtern und bestimmt

zugleich, verfehlen bereits bei den ersten Sätzen ihre Wirkung nicht. Eine

liebevolle, menschliche Stimme, die Respekt fordert. Die Stimme von Grand

Corps Malade, der im Duo mit bekannten französischen Chansonsängerinnen

(Louane, Laura Smet, Véronique Sanson, Suzane, Camille Lellouche …) eine wunderschöne Hommage an

alle Frauen liefert. Ein ausgesprochen schöner musikalischer Moment, den man gerne mit anderen teilt!

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CHANSON

Christophe: Ultime

Christophe hat mit seiner sanften, nahezu überirdischen Stimme mehrere Generationen

von Franzosen geprägt. An seiner Musik arbeitete er ausschließlich nachts in seiner

Wohnung im Pariser Viertel Montparnasse. Nach seinem Tod am 16. April dieses Jahres

wurde ein posthumes Album angekündigt. Es handelt sich dabei um eine Anthologie aus

60 Jahren Karriere, mit selten gespielten oder unveröffentlichten Versionen seiner größten

Erfolge wie Les mots bleus und Lucie sowie mit herzzerreißenden Duos (La dolce vita mit

Julien Doré, Daisy mit Laetitia Casta …). Ein Album, das sich unweigerlich ins Gedächtnis

einprägt und uns mit Sicherheit noch lange Zeit begleiten wird. Vermutlich das ganze Leben.

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CHANSON

Francis Cabrel: À l’aube revenant

Francis Cabrel ist ein erstaunlicher Mann, einer der

diskretesten Sänger Frankreichs. Und einer der meist

geliebten. Sein neues Album, auf das seine Fans

mehr als fünf Jahre lang warten mussten, ist daher

ein Ereignis. Man entdeckt darauf 13 Chansons mit

engagierten und äußerst ausgefeilten Texten, die der

anziehenden Persönlichkeit dieses Poeten aus dem

Südwesten Frankreichs treu bleiben. Begleitet werden

die Worte wie

immer durch

eine Gitarre,

irgendwo

zwischen

Rock, Folk

und Ballade.

Betörend und

aufmunternd!

CHANSON

Trois cafés

gourmands:

Comme des

enfants

Die Band aus der Corrèze,

die 2018 mit dem Hit À nos souvenirs ihrer Region eine

Liebeserklärung machte und damit ganz Frankreich

zum Tanzen brachte, setzt auch mit diesem heiteren

und mitreißenden Album wieder auf gute Laune.

Beim Anhören bekommt man unweigerlich Lust,

mitzusingen, zu tanzen, wie uns die Musiker mit

dem Titel On t‘emmène auffordern: « Los, sing ein

wenig, dann geht es schon besser, wir geben dir

Geborgenheit, damit du wieder zu Kräften kommst. »

Ein Album, das guttut!

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26 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

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UNTERWEGS IN FRANKREICH Bretagne / Normandie / Hauts-de-France

Vélomaritime

VON ROSCOFF NACH DÜNKIRCHEN RADELN

Vélomaritime ist der französische Teil des Radwanderwegs EuroVelo 4, der auf einer Länge

von 4000 Kilometern die ukrainische Stadt Kiew mit Roscoff in der Bretagne verbindet. Mit

1500 Kilometern ist Vélomaritime einer der längsten und am besten ausgebauten (mehr

als 93 %) Radwege Frankreichs. Er ist auch einer der jodhaltigsten, denn er führt durchgängig

am Meer entlang: von Dünkirchen – an der belgisch-französischen Grenze und

damit an der Nordsee – bis in die bretonische Stadt Roscoff am Ärmelkanal. Das

Positive daran ist, dass dieser Radwanderweg nicht nur auf dem Papier gut aussieht

und Radfreunde zum Träumen bringt – wie es bei vielen Routen der Fall

ist –, sondern dass er auch in der Praxis wirklich gut konzipiert ist. Damit stellt

Vélomaritime zweifellos eines der Prunkstücke unter den französischen

Radwegen dar.

28 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 29


UNTERWEGS IN FRANKREICH Bretagne / Normandie / Hauts-de-France

ETAPPENTIPP 3

Die Felsen von Étretat

Aus Sicherheitsgründen ist es nicht möglich,

mit dem Fahrrad oben auf den Klippen

zu fahren. Fährt man jedoch auf dem Radweg

durch die kleine Stadt Étretat bis zum

berühmten Kieselstrand, von dem aus man

einen herrlichen Blick auf die monumentale,

51 m hohe Felsnadel hat, so ist das

eine gebührende Belohnung für

die Anstrengungen!

ETAPPENTIPP 4

Die Somme-Bucht

Nicht nur die Ankunft am Mont-Saint-

Michel bietet dem Radfahrer unvergessliche

Eindrücke, auch die Fahrt entlang des 70 km 2

großen Mündungsgebietes der Somme ist ein

besonders eindrucksvolles Erlebnis. Vogelfreunde

schätzen die Begegnung mit der

Natur im Vogelpark Marquenterre und

werden bleibende Erinnerungen

von dort mitnehmen.

32 · Frankreich erleben · Winter 2020/21 Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 33


UNTERWEGS IN FRANKREICH Hauts-de-France / Pas-de-Calais

In Helfaut, rund fünf Kilometer von Saint-Omer (Pas-de-

Calais) entfernt, befindet sich am Hang eines Hügels eine

unglaubliche Betonkuppel: La Coupole. Sie ist eines der

beeindruckendsten Zeugnisse des Zweiten Weltkriegs in

Frankreich und eine der interessantesten Gedenkstätten.

Dennoch ist sie sowohl auf nationaler als auch auf internationaler

Ebene relativ unbekannt. Besuchen Sie mit uns

diesen Ort, der anders ist, an dem es gelungen ist, auf nicht

alltägliche Art Geschichte und Wissenschaft zu verbinden,

um die Zukunft besser zu erfassen.

40 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 41


UNTERWEGS IN FRANKREICH Hauts-de-France / Pas-de-Calais

Der erste Anblick ist so unerwartet, dass man fast einen

Schock erhält. Das Bild dieser riesigen Betonkuppel,

nur wenige Kilometer vom beschaulichen,

grünen Marais Audomarois entfernt, ist mehr als beeindruckend.

Dabei ist das noch gar nichts, verglichen mit

dem, was man im Inneren entdeckt. Selbst in Frankreich

wissen nur wenige, dass La Coupole in Helfaut eines der

wichtigsten Zeugnisse des Zweiten Weltkriegs ist. Diese

erstaunliche Stätte unterscheidet sich grundlegend von der

Vorstellung, die man normalerweise von einer Gedenkstätte

hat. Hier scheint sich alles zu vermischen: Vergangenheit,

Geschichte, Erinnerung, Wissenschaft und Zukunft.

Durch die historische Bedeutung, die erdrückende Masse

und die unterirdischen Einrichtungen könnte der Ort sehr

beklemmend und angsteinflößend wirken. Zum Teil ist das

auch so, das lässt sich nicht leugnen. Doch nicht nur. Und

genau darin liegt das Faszinierende. Ein nicht alltäglicher,

für diese einzigartige Stätte charakteristischer Ansatz ermöglicht

die Verbindung von Geschichte und Wissenschaft,

huldigt durch die Öffnung für die Zukunft der Vergangenheit

und macht La Coupole damit zu einem Ort, an

dem alles möglich ist.

Dabei ist die Vergangenheit von La Coupole düster.

Sogar sehr düster. Dieser riesige Bunker besteht aus einer

beeindruckenden 5,5 Meter dicken Betonkuppel mit

einem Durchmesser von 91 Metern und kilometerlangen

unterirdischen Gängen. Er wurde 1943-44 von den Nazis

gebaut und sollte als Abschussbasis für V2-Raketen dienen,

mit denen London zerstört werden sollte. Die Raketen

waren unter der Leitung von Wernher von Braun

(1912-1977) in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde

(Mecklenburg-Vorpommern) entwickelt worden. La Coupole

wurde dann jedoch von den Alliierten bombardiert,

sodass die Nazis letztendlich von dort aus keine Raketen

abschießen konnten; dies erfolgte stattdessen von mobilen

Einrichtungen in den Niederlanden aus. Nachdem die

Alliierten im Sommer 1944 in der Normandie gelandet

waren, gaben die Nazis die geplante Raketenabschussbasis

auf, obwohl alle Einrichtungen fertiggestellt und die V2-

Raketen bereits vor Ort waren. Die Vergangenheit dieser

Raketen war jedoch auch ohne Zündung bereits erschütternd

genug: Vor dem Transport auf dem Schienenweg

– von dem heute noch Überreste zu sehen sind – nach

Helfaut, waren sie im thüringischen Konzentrationslager

Mittelbau-Dora, einem Ableger des KZ Buchenwald, gebaut

worden. Man schätzt, dass sich in der dortigen, ebenfalls

unterirdischen « Hölle » ungefähr 60 000 Zwangsarbeiter

aus 21 Ländern bei der Herstellung der V2-Raketen

ablösten. Schätzungsweise 20 000 von ihnen kamen ums

Leben.

Das Centre d’histoire La Coupole zeugt heute noch von

dieser schweren Vergangenheit. Betritt der Besucher die

unterirdischen Anlagen und passiert die riesigen Gänge,

die – das wird sofort klar – von unzähligen Gefangenen

unter großen Qualen gegraben wurden, erfährt er mehr

über die schreckliche Geschichte dieses Ortes und zugleich

über das Schicksal der Gefangenen im Konzentrationslager

Dora, denn die beiden Stätten werden auf

interessante Weise in einen Kontext gestellt. Der nächste

Teil des Rundgangs ist den Umständen der Besetzung im

Zweiten Weltkrieg gewidmet, da diese Region besonders

stark davon betroffen war. Die Besichtigung ist

lehrreich und dank vieler Erfahrungsberichte

oft sehr ergreifend.

Doch das Konzept von La Coupole beschränkt

sich nicht auf den Aspekt der Gedenkstätte,

sondern es nimmt den Besucher auf

dem Weg bis zur zentralen Kuppel in eine ganz

unerwartete Richtung mit. Nach und nach, fast

unmerklich, macht die Geschichte der Wissenschaft

Platz: Man erfährt dabei, wie die Arbeiten

der Nazis für die V2-Raketen – angefangen

bei der Arbeit von Wernher von Braun und

seinen Mitarbeitern – nach dem Krieg von den

Alliierten wieder aufgenommen wurden. Wernher

von Braun erhielt im Übrigen 1955 die amerikanische

Staatsbürgerschaft und verbrachte

seinen Lebensabend in Virginia. Der Weg durch

die unterirdischen Gänge dieses geschichtsträchtigen

Ortes ist gleichzeitig ein Weg durch die Zeit, in dessen

Verlauf man sich darüber bewusst wird, in welchem Maße

die für die Zerstörung konzipierten V2-Raketen später

auf internationaler Ebene bei der Eroberung des Weltalls

geholfen haben. So sind Geschichte und Wissenschaft

plötzlich vereint und machen dem Besucher Lust darauf,

mehr zu erfahren, die Galerien weiter zu erforschen, als

sei er von der Hoffnung auf eine Zukunft beflügelt, in der

letztendlich alles möglich ist. Die letzte Etappe dieser

Reise ist dann ausschließlich der Wissenschaft gewidmet.

Eine Wissenschaft, die zum Träumen verleitet: Der

Besucher kann bequem in einem der Sessel des riesigen

Planetariums Platz nehmen und die Sterne beobachten.

Eine schöne und lehrreiche Art, eine Begegnung von Geschichte

und Wissenschaft zu beenden, die eindeutig aus

dem Rahmen fällt.

Vorherige Doppelseite: einer der unterirdischen Gänge, die

man besichtigen kann, sowie Fotos von La Coupole nach

den Bombardierungen durch die Alliierten im Sommer 1944.

Dabei stürzten zwar zahlreiche unterirdische Gänge ein, der

Betonkuppel selbst konnten die Angriffe jedoch nichts anhaben.

Diese Doppelseite: Heute ist La Coupole eine

Gedenkstätte mit Museum und Planetarium.

42 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 43


COUP DE CŒUR

La Grange au Lac

wie im Inneren eines Cellos

Es gibt Orte, an denen man beim ersten Besuch spürt, dass

sie für immer und ewig im Gedächtnis haften werden. Ein

solcher Ort ist die Grange au Lac. Das Gebäude mit seinem

außergewöhnlichen Konzertsaal für 1200 Zuhörer liegt eingebettet

im Park des Hotels Ermitage oberhalb der Stadt

Évian-les-Bains (Haute-Savoie) und dem Genfersee. Bereits

von außen macht es neugierig: Die riesige Fassade aus

rotem Zedernholz, dem die Jahre und Jahreszeiten eine

besondere Patina verliehen haben, erinnert seltsamerweise

sowohl an eine typische Scheune in Savoyen als auch an

eine Datscha im fernen Russland.

Öffnet man dann jedoch die Tür und

betritt die Grange au Lac, kommt

man sich schlagartig wie in einer

« anderen Welt » vor, in einer Welt, die in ihrer

Art einzigartig ist. Das beginnt bereits mit

dem unerwarteten, aber durchaus angenehmen

Geruch nach Holz. Berauschend und

tröstlich zugleich, erinnert er an die beruhigende

Ausstrahlung eines Kaminfeuers und

die wohltuende Wärme einer finnischen Sauna.

Man fühlt sich sofort wohl, wie bei Freunden.

Nach dem olfaktorischen Erlebnis

kommt die nächste, diesmal visuelle Überraschung:

Alles um einen herum ist aus Holz.

Von den Türen und Wänden, über den Boden

und die Bühne, bis hin zu den Sitzen, auf

46 · Frankreich erleben · Winter 2020/21 Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 47


UNTERWEGS IN FRANKREICH Pays de la Loire / Sarthe

La Chartre-sur-le-Loir

DAS DORF DER ANTIQUITÄTENHÄNDLER

Stellen Sie sich ein kleines Dorf

mit etwas weniger als 1500 Einwohnern

vor, das eingebettet am

Ufer eines kleinen Flusses im Süden

eines ruhigen Departements

liegt. Der Fluss heißt Loir, das Departement

Sarthe. Bis in die

nächstgelegenen « Großstädte »

Tours und Le Mans sind es 44 beziehungsweise

51 Kilometer. Alles

spricht dafür, dass man hier, mitten

auf dem Lande, ein sehr friedliches

Leben führt. Vielleicht sogar

ein bisschen zu friedlich, denn in

den meisten Orten der Umgebung

schloss im Laufe der Jahre

ein Geschäft nach dem anderen,

und mit jedem verschwand ein

Stück Leben. In La Chartre-sur-le-

Loir ist es dagegen vor allem an

den Wochenenden immer sehr

belebt. Und zwar auf eine besondere

Art belebt. Im Laufe einiger

Jahre wurde der Ort zu einem unumgänglichen

Treffpunkt für alle

Liebhaber von Trödel und Antiquitäten.

Das geht inzwischen so

weit, dass man vom Village des

antiquaires, also vom Dorf der

Antiquitätenhändler, spricht.

50 · Frankreich erleben · Winter 2020/21 Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 51


UNTERWEGS IN FRANKREICH Pays de la Loire / Sarthe

sich als wahre Schatzkammer erweist. François-Michel hat recht: Hier

ist man ohne Zweifel « anderswo », umgeben von seltenen Objekten, die

zum Träumen bringen – weit von dem entfernt, was man in einem so

kleinen Dorf erwartet hätte.

Ein Laden schließt, ein

Antiquitätengeschäft eröffnet

Das Erstaunlichste ist jedoch, dass François-Michel nicht der einzige

Antiquitätenhändler in La Chartre ist. Bei Weitem nicht, denn inzwischen

sind es fünfzehn an der Zahl! Fünfzehn Antiquitätenhändler,

die ihre Boutiquen gegen Ende der Woche (in der Regel ab Freitag) für

eine steigende Zahl von Liebhabern von Trödelwaren und Antiquitäten

öffnen. Diese fahren teilweise mehre Hundert Kilometer, um durch die

Straßen des Dorfes zu bummeln. Jahr für Jahr kommen sogar inzwischen

immer mehr Pariser. Diese Entwicklung wird in der Umgebung

interessiert beobachtet. Während in vielen Dörfern der Gegend immer

mehr Geschäfte leer stehen, ist La Chartre eine Ausnahme. Wenn hier

ein Laden schließt, dann eröffnet dort meist innerhalb weniger Wochen

ein Antiquitätenhandel. Ein richtiges kleines Wunder! Ein Wunder,

das allerdings auch Fragen aufwirft: Sind die Antiquitätenhändler

dabei, La Chartre zu vereinnahmen? Diese Befürchtung hatte man in

der Tat eine Zeit lang. Als die Bewohner mit ansehen mussten, wie

ihr Haushaltswarengeschäft, mehrere Lebensmittelgeschäfte und der

Zeitungshändler schlossen und durch Antiquitätengeschäfte ersetzt

wurden, sagten sie sich zu Recht, dass man von Antiquitäten nicht satt

werden würde. Doch irgendwann eröffnete am Rande des Dorfes ein

Supermarkt, eine Entwicklung die zwangsläufig nicht allen gefällt,

aber in vielen ländlichen Gegenden dennoch unvermeidbar ist. Und

letztendlich ist es besser, anstatt leerer Geschäfte Antiquitätenhändler

zu haben, zu einem regelrechten Village des Antiquaires geworden zu

sein. Diese Ansicht ist inzwischen auch unter den Einwohnern von La

Chartre verbreitet.

Ein abwechslungsreiches

und komplementäres Angebot

Spaziert man heute durch die Straßen von La Chartre, dann hat

man die Gelegenheit nicht nur fünfzehn Antiquitätengeschäfte, sondern

fünfzehn völlig unterschiedliche, aber komplementäre Welten zu

entdecken. Und alle sind nur wenige Schritte voneinander entfernt. Der

Liebhaber alter Spielzeuge kann beispielsweise Stunden in Le Temps

retrouvé verbringen, einem Laden, den Henri Boillot 2019 eröffnete.

Dort findet er bestimmt ein Spielzeug, mit dem er sich wieder in seine

Kindheit zurückversetzt fühlt. Jemand, der sich für Dekorationen und

Möbel des 20. Jahrhunderts begeistert, wird mit Sicherheit bei Kustom

Design stöbern, dem Refugium von Benoit Cochard, einem ehemaligen

Motorradverkäufer, der sich heute voll und ganz seiner Leidenschaft

für Objekte aus den Jahren von 1950 bis 1980 widmet. Buchliebhaber

werden dagegen bei Nocogo, der erstaunlichen « Schmökerstube » und

Kunstgalerie von Laurent Sutter fündig, während alle, die wirklich

alte – kleine und große – Objekte oder Antiquitäten suchen, ausgiebig

54 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 55


UNTERWEGS IN FRANKREICH Wellness

Aufbruchstimmung in den französischen Thermalbädern

Die Franzosen haben Glück, denn sie besitzen mit

den Vogesen, dem Jura, den Alpen, dem Zentralmassiv

und den Pyrenäen eine Vielzahl an Bergmassiven.

Aus diesen Bergen beziehen sie seit Jahrhunderten

Unmengen von Wasser in einer hervorragenden

Qualität, das seit Langem in Flaschen abgefüllt und unter

Marken wie Évian, Vittel, Badoit oder Contrex in die ganze

Welt exportiert wird. Dieses « blaue Gold » war darüber hinaus

der Ursprung zahlreicher Kureinrichtungen, die wiederum

den Ruf vieler berühmter Bäderstädte ausmachen.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war das Thermalangebot in

Frankreich jedoch eher medizinisch orientiert und Kurgästen

vorbehalten, die während des Aufenthalts bestimmte

Leiden behandeln ließen. Doch inzwischen wenden sich

immer mehr alteingesessene Thermaleinrichtungen auch

« Wohlfühlangeboten » zu. Besonders deutlich wird diese

Entwicklung in der Region Bourgogne-Franche-Comté,

wo zwischen dem Ufer der Loire und den Massiven von

Vogesen und Jura fünf bestehende Thermalbäder mittlerweile

Wellnessbereiche eingerichtet haben, wenn auch in

unterschiedlichem Umfang. Ein weiteres Thermalbad, das

in den 90er-Jahren geschlossen wurde, wird demnächst die

Aktivitäten rund um sein Quellwasser wieder aufnehmen

und hat ebenfalls ein Angebot zum Thema Wohlbefinden

integriert. Das Image der französischen Thermalbäder

scheint also nach und nach moderner zu werden.

58 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 59


UNTERWEGS IN FRANKREICH Wellness

1

Bourbon-Lancy

SAÔNE-ET-LOIRE

Bourbon-Lancy ist sicher nicht das bekannteste französische Thermalbad,

doch es ist eines der ältesten. Bereits vor mehr als 2000 Jahren

zogen die warmen Quellen zahlreiche Anhänger an. Und nicht irgendwelche!

Mehrere Schriften bestätigen, dass sich keine Geringeren als

Cäsar (ca. 100 – ca. 44 v. Chr.) und Kaiser Konstantin I. (ca. 272-337)

gerne im sprudelnden Wasser räkelten. Und die beiden waren nicht

die einzigen illustren Besucher, die im Laufe der Jahrhunderte dieses

Bad aufsuchten. Franz I. (1494-1547) und Katharina von Medici

(1519-1589) waren wiederholt Gäste dort, ebenso der Schriftsteller

Guy de Maupassant (1850-1893), der in seinem Umfeld immer wieder

die Qualität des Thermalwassers von Bourbon-Lancy lobte. Er schätzte

nach eigenen Aussagen den diskreten und authentischen Charme

dieser kleinen Stadt zu Füßen der Berge des Morvan. Vor allem der

architektonische Kontrast zwischen den mittelalterlichen Gebäuden im

Zentrum und den stattlichen Häusern des Thermalviertels hatte es ihm

angetan. Lange Zeit nahm das im 19. Jahrhundert an der Stelle der

ehemaligen römischen Bäder erbaute Thermalzentrum ausschließlich

Kurgäste auf, die sich auf ärztliche Verordnung wegen Rheuma, Arthrose

oder Bluthochdruck behandeln ließen. Doch nun kann jedermann

auch außerhalb der medizinischen Anwendungen im Wellnessbereich

CeltÔ Spa et bien-être das Thermalwasser rein zur Entspannung genießen.

Thermalbecken, Sprudelbetten, tropische Dusche, Hamam, Wärmebank,

Jacuzzi u. v. m. erfreuen jetzt in Bourbon-Lancy eine neue

Zielgruppe. Die Einrichtungen sind zwar insgesamt von bescheidener

Größe, sie sind jedoch modern und in einem perfekten Zustand. Und

letzten Endes trägt gerade die überschaubare Größe der Anlagen – wie

im Übrigen die der Stadt – zu einer optimalen Erholung bei.

CeltÔ Spa et bien-être

12, avenue de la Libération · 71140 Bourbon-Lancy

Telefon: +33 (0)3 85 89 06 66 · www.celto.fr

2Saint-Honoréles-Bains

NIÈVRE

Saint-Honoré-les-Bains liegt knapp zehn Kilometer

vom Canal du Nivernais und rund dreißig von

Château-Chinon entfernt. Die Lage in einer grünen

Oase mitten im regionalen Naturpark Morvan,

also in einer sehr geschützten Umgebung, spricht

ganz besonders für den Erholungswert dieses Ortes.

Das Thermalzentrum der Stadt ist traditionell auf

mehrtägige bis mehrwöchige Kuren zur Behandlung

von rheumatischen Erkrankungen sowie von

Atemwegserkrankungen ausgerichtet. Von den fünf

Einrichtungen, die wir Ihnen hier vorstellen, bietet

dieses Zentrum das kleinste Wellnessangebot: Die

halbtägigen Escapades Spa bestehen vor allem aus

Behandlungen (Massage, Kosmetikbehandlung, Modellage

…); einen ausgedehnten Wellnessbereich mit

Einrichtungen, wie man sie in Deutschland kennt,

sucht man hier vergebens. Die Öffnung der klassischen

Thermalanwendungen hin zu einem Entspannungsangebot

zeigt jedoch, dass sich die Thermen der

Region mehr und mehr dem Thema Wellness zuwenden.

Der Einstieg ist hier zwar noch zögerlich, doch

die ersten Schritte sind gemacht.

Thermes de Saint-Honoré-les-Bains

58360 Saint-Honoré-les-Bains

Telefon: +33 (0)1 42 65 24 24

www.chainethermale.fr/saint-honore-les-bains

60 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 61


UNTERWEGS IN FRANKREICH Bretagne / Finistère

Seezeichen sind beim breiten Publikum relativ unbekannt, obwohl sie seit

Jahrhunderten weltweit von zentraler Bedeutung sind und sowohl hinsichtlich

der Lichttechnik als auch der geltenden Bestimmungen ein gelungenes

Beispiel für internationale Zusammenarbeit darstellen. Aufgrund seiner geografischen

Lage verfügt Frankreich in diesem Bereich über ein besonderes

Know-how. Von den 129 französischen Leuchttürmen an Land und im Meer

befinden sich 52 in der Bretagne, 23 im Finistère und alleine fünf auf der Insel

Ouessant, eine Tatsache, die auf der ganzen Welt einzigartig ist. Das Musée

des Phares et Balises, das 1988 zu Füßen des legendären Phare du Créac’h

eingerichtet wurde, würdigt die Geschichte der Seezeichen in besonderer

Weise. Im Rahmen eines ambitionierten Projektes des Departements soll es

demnächst renoviert und in das künftige Centre National des Phares in Brest

integriert werden.

68 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 69


UNTERWEGS IN FRANKREICH Bretagne / Finistère

Es ist eine der unbekanntesten Folgen der Französischen Revolution:

Während die Signalgebung durch Ein- und Ausschalten der

Leuchtfeuer entlang der französischen Küsten während des Ancien

Régime ziemlich heterogen auf lokaler Ebene geregelt war, beschlossen

die Revolutionäre 1791, auf nationaler Ebene einheitliche Vorschriften

für die Seezeichen einzuführen. Die Umsetzung wurde dem Marineministerium

und dem Innenministerium übertragen. Napoleon I.

(1769-1821) verbesserte etwas mehr als zwei Jahrzehnte später das System,

indem er am 8. März 1806 den Service des Phares et Balises ins Leben

rief, eine Behörde, die heute noch dafür zuständig ist, « die entlang

der französischen Küsten eingerichteten Navigationshilfsmittel instand

zu halten […] und die Seestraßen sowie die Fahrrinnen in die Häfen

auszutonnen ».

60 Kilometer weit zu sehen

Was die Seezeichen angeht, spielt das Finistère mit seinen 1200

Küstenkilometern eine besondere Rolle unter allen Küstendepartements.

Die dortige Küste ist Meeresströmungen ausgesetzt, die zu

den gewaltigsten auf der Welt zählen, und an ihr führt eine der von

Handelsschiffen meistbefahrenen Seestraßen vorbei. Daher weist der

Küstenabschnitt die größte Dichte an Leuchttürmen und Seezeichen

des Hexagons auf, was sie zu einem besonderen Hüter dieses vielfältigen

maritimen Kulturerbes macht. Der Phare du Créac’h auf der Insel

Ouessant ist eines der sichtbarsten Symbole dafür: Mit einer Höhe von

55 Metern markiert er offiziell den Beginn des Ärmelkanals. Neben

dem Leuchtturm auf dem Kap Saint-Vincent in Portugal ist es einer

der leistungsstärksten in Europa. Das doppelstöckige Linsensystem

sendet Lichtsignale aus, die im Umkreis von circa 60 Kilometern sichtbar

sind! Daher kann er unmöglich übersehen werden – zum Glück

für Zehntausende von Schiffen, die sich jedes Jahr an ihm orientieren.

Doch der Leuchtturm Créac’h sorgt nicht nur für die Sicherheit der

Seeleute. Seit 1988 befindet sich zu seinen Füßen eines der unbekanntesten

und abgelegensten Museen des Landes, das dennoch

eine faszinierende Sammlung an Objekten beherbergt: das Musée

des Phares et Balises.

Die Hölle der Höllen

Das Museum wurde im ehemaligen Maschinenraum

der Stromzentrale des Leuchtturms eingerichtet und

präsentiert trotz einer überschaubaren Größe eine der

schönsten und – angesichts ihres Umfangs – beeindruckendsten

Sammlungen optischer Systeme für

Leuchttürme, zahlreiche Modelle sowie Archive

über Bau und Unterhaltung der Leuchttürme und

das Leben der Leuchtturmwärter. Im weitesten

Sinne wird hier quasi die ganze Entstehungsgeschichte

des nationalen und weltweiten Systems der

Schifffahrtszeichen vorgestellt. Besonders fesselnd

ist der Besuch für alle, die sich für optische Signale

interessieren. Doch auch der « normale » Besucher

kommt auf seine Kosten, denn abgesehen von der

technischen Seite von Leuchtfeuern und anderen Signalsystemen

zeigt das Museum, welchen Stellenwert

Leuchttürme heute noch immer in der Erinnerung

70 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 71


FRANKREICH HEUTE Enthüllung

Auvers-sur-Oise: das Geheimnis um

van Goghs letztes Bild gelüftet

Am 29. Juli 1890 starb der niederländische Maler

Vincent van Gogh (1853-1890) in Auvers-sur-Oise

(Val-d‘Oise), einem kleinen Künstlerdorf rund 30

Kilometer nordwestlich von Paris. Die Todesursache:

ein Schuss ins Herz. Van Goghs letzte Tage

waren bis heute von einem Geheimnis umgeben.

130 Jahre später haben das Schicksal, eine alte

Postkarte, ein letztes Bild und die Entschlossenheit

eines hervorragenden Kenners des großen

Malers den Schleier gelüftet, der über dieser Zeit

ganz kurz vor seinem Tod lag. Erzählung einer

spektakulären Begebenheit.

Es muss gegen 10 Uhr vormittags gewesen sein, ich

glaube Ende März. Oder Anfang April. Die Tage

« und Daten bedeuteten nicht mehr viel. Wie alle Bewohner

Frankreichs war ich an meine Wohnung gefesselt,

es herrschte Ausgangssperre. […] Fast automatisch ordnete

ich meine Unterlagen und Dateien. Einige Monate zuvor,

hatte ich zwei Dutzend alter Postkarten von Auvers-sur-

Oise eingescannt, die mir ins Auge gestochen waren. Sie

stammten aus der Belle Époque, aus der Zeit zwischen

1900 und 1910. Auf einer von ihnen war – unter anderem

– der Rand einer Straße überwuchert von Wurzeln und

Baumstämmen zu sehen. Sie war dazu bestimmt, eines Tages

das allerletzte Bild van Goghs mit dem Titel Racines zu

illustrieren. Ein destabilisierendes Werk, das er am Tag

seines Selbstmords malte und das schwierig zu erklären ist.

Diese Karte war gerade auf meinem Bildschirm abgebildet,

als ich durch einen Anruf in meinen Bemühungen, alles zu

ordnen, unterbrochen wurde. Das Gespräch zog sich in die

Länge und meine Konzentration ließ nach. Ich schaute

zunächst ins Leere, dann aus dem Fenster, betrachtete den

großen Baum, den ich zu Feuerholz verarbeiten wollte.

Schließlich verharrte mein Blick lange auf der Postkarte.

Ein kleiner Zweifel kam auf. Ich hörte meinem Gesprächspartner

noch weniger zu. Mein Blick fixierte etwas, das ich

nicht wahrzunehmen wagte. Ich kann mich nicht daran

erinnern, dass ich aufgelegt habe. Ich erinnere mich jedoch,

dass ich ein Bild des letzten Gemäldes van Goghs auf dem

Bildschirm öffnete und alle Details nacheinander verglich.

Fieberhaft suchte ich nach etwas, das die schwindelerregende

und unwahrscheinliche Hypothese entkräften würde,

die sich meinem verblüfften Blick präsentierte: Die

Wurzeln, die ich sah, schienen die Racines von van Gogh

zu sein, 20 Jahre später. Das bedeutete, dass ich plötzlich

wusste, wo er seinen letzten Tag verbracht hatte und dass

ein hartnäckiges Mysterium um sein Lebensende gelüftet

worden war … »

So beginnt der erstaunliche und fesselnde Bericht

über die Recherche von Wouter van der Veen, einem

niederländischen Forscher, der in Straßburg lebt. Er ist

wissenschaftlicher Leiter des van-Gogh-Instituts in Auvers-sur-Oise,

Verfasser mehrere Bücher über den Maler

und insofern ein hervorragender Kenner van Goghs. Nach

seiner eigenen Aussage kann er es immer noch nicht fassen:

Nachdem die letzten Tage im Leben des Malers mit

dem verbundenen Ohr all die Jahre ein Rätsel waren, hat

nun der Vergleich einer simplen alten Postkarte mit dem

letzten Bild des Malers – und noch dazu begünstigt durch

eine verordnete Ausgangssperre – den Schleier gelüftet,

der über dem Lebensende van Goghs lag. All das ist in

seinem Buch nachzulesen.

« Ich wollte mich umbringen »

Ein kleiner Rückblick auf die Geschichte: Was ist

wirklich über van Goghs letzte Tage bekannt? Ehrlich

gesagt, nicht viel. Die Frage beschäftigt seit vielen Jahren

unzählige Experten. Relativ sicher ist, dass van Gogh zwei

Tage vor seinem Tod, am 27. Juli 1890 – einem sonnigen

und heißen Sonntag –, wie jeden Tag seine Unterkunft

verließ, um in der Umgebung des kleinen Künstlerdorfes

Auvers-sur-Oise zu malen. Mit Pinseln, Leinwand und

Staffelei ausgerüstet, verließ er wohl wie üblich vormittags

die Auberge der Familie Ravoux, wo er seit sieben Monaten

lebte. Doch entgegen allen Gewohnheiten sei der Maler

nicht zum Abendessen zurück gewesen. Die Eheleute

Ravoux hätten ihn zwar am Ende des Nachmittags zurückkehren

sehen, wobei er jedoch lediglich seine Sachen

deponiert habe und kurze Zeit später wieder weggegangen

sei. Erst nach Einbruch der Nacht, spätabends, sei er

heimgekehrt. Als Monsieur Ravoux sah, dass der Maler

Mühe hatte, die Treppe zu seinem Zimmer im ersten

Stock hinaufzusteigen, sei er ihm gefolgt und habe seine

Hilfe angeboten. Da habe van Gogh sein Hemd hochgehoben,

ihm das Einschussloch einer Kugel mitten in der

Brust gezeigt und gleichzeitig gesagt: « Ich wollte mich

umbringen. » Der Hinweis auf einen Selbstmord habe sich

dann kurz darauf bestätigt, denn als der zu Hilfe gerufene

Freund des Malers, Doktor Gachet, verkündete, dass er

« alles tun werde, um ihn zu retten », soll van Gogh geantwortet

haben: « Also muss ich es nochmals tun … » Das

war dann aber nicht notwendig, denn zwei Tage später,

am 29. Juli 1890, starb van Gogh in den Armen seines

Bruders Theo (1857-1891), der aus Paris herbeigeeilt war.

74 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 75


ART DE VIVRE Kultur

Wörter zu lernen, denn diese Sprache beherrschte ich

noch nicht. Das gefiel mir und machte das Magazin sympathisch.

Ich beschloss dann, ganz frech bei Écoute anzuklopfen.

Freimütig sagte ich: « Ich bin kein Journalist,

ich kann nicht einmal besonders gut mit einem Computer

umgehen, aber ich würde gerne für Sie arbeiten, auch unbezahlt.

» Mein Enthusiasmus hat ihnen offenbar gefallen.

Sie haben mich angestellt, im Laufe der Jahre wurde ich

Redakteur, dann Chefredakteur und heute bin ich Herausgeber.

Wie viele andere Wirtschaftsbereiche sind

auch die Printmedien derzeit durch die Krise

um das Coronavirus vielen Veränderungen

unterworfen. Da erscheint es uns sinnvoll und

solidarisch, Ihnen die Aktivitäten von Berufskollegen

vorzustellen, die unseres Erachtens

ebenso enthusiastisch und entschlossen wie

wir das Verständnis für und die Liebe zu Frankreich

fördern wollen. Wir freuen uns daher

heute auf den Austausch mit Jean-Yves de

Groote. Er ist Herausgeber von Écoute, einem

Sprachmagazin der Zeit-Gruppe, das speziell

Frankreich und der französischen Sprache gewidmet

ist.

Jean-Yves de Groote, wie Frankreich erleben, leistet Écoute

seit vielen Jahren einen Beitrag, die Neugier der Deutschen

auf Frankreich zu befriedigen. Der Blickwinkel ist einerseits

anders – nämlich auf die Sprache und das Lernen ausgerichtet

–, andererseits aber auch komplementär. Wie würden Sie Ihr Magazin

präsentieren?

Das Magazin Écoute erscheint in französischer Sprache

und wird in Deutschland vertrieben. Es zielt vor allem darauf

ab, den Lesern beim Französischlernen zu helfen beziehungsweise

ihr Niveau zu verbessern. In dieser Hinsicht

unterscheidet sich das Magazin in der Tat von Frankreich

erleben. Über den Aspekt des Erlernens der Sprache hinaus

sind wir jedoch meiner Ansicht nach ebenso bestrebt, Frankreich

in all seinen Facetten zu zeigen: Unsere Leser sind sehr

neugierig, sie lieben nicht nur die französische Sprache, sondern

das Land als solches heiß und innig. Für sie unterscheidet

sich Frankreich von anderen Ländern, und die Gründe,

warum sie Frankreich so lieben, sind sehr unterschiedlich.

In willkürlicher Reihenfolge kann man dabei die Provence,

die Atlantikküste, die Normandie, Paris, Edith Piaf, Louis

de Funès, Jean-Paul Sartre, Michel Houellebecq, Demonstrationen,

Macron, die Gastronomie und vieles mehr nennen.

Gründe genug also, als Deutscher neugierig auf Frankreich

zu sein. Und gerade diese Diversität bilden wir in unserem

Heft ab. In dieser Beziehung sind wir in der Tat komplementär.

Sie sind zwar Franzose, beherrschen also die französische Sprache,

dennoch spielte das Magazin Écoute, das sich an Deutsche richtet,

die Französisch lernen möchten, bei Ihrer Ankunft in Deutschland

zu Beginn der 1990er-Jahre eine wichtige Rolle …

Ja, ganz genau. Ich habe die Zeitschrift in einer deutschen

Bibliothek entdeckt. Ich lebte bereits einige Jahre in

Deutschland, arbeitete hier als Architekt, als mir klar wurde,

dass ich letzten Endes für diesen Beruf nicht geschaffen war.

Frankreich fehlte mir, und als ich dann auf Écoute stieß, sagte

ich mir, dass dies ein gutes Mittel sei, ein Stück Heimat zu

finden, mir durch das Lesen etwas Gutes zu tun und gleichzeitig

– so paradox es auch klingen mag – einige deutsche

Apropos Sprache … Beginnen wir mit der deutschen Sprache.

Als Sie nach Deutschland kamen, beherrschten Sie diese also

nicht. Das war sicher nicht einfach! Wie haben die Deutschen

reagiert?

Sie waren unglaublich tolerant! Ich gebe zu, dass mir

meine Ausbildung als Schauspieler sicher geholfen hat.

Da ich schnell « ins kalte Wasser springen » musste, wie

man in Deutschland so schön sagt, habe ich zunächst das,

was ich sagen wollte, auswendig gelernt. Das war heftig.

Angefangen bei meinem Einstellungsgespräch in einem

Architekturbüro: Eine Mitbewohnerin hatte mir einen

Text vorbereitet, den ich auswendig gelernt und aufgesagt

habe. Zunächst lief alles gut, bis dann der Moment kam,

in dem man mir Fragen stellte … Wenn ich daran zurückdenke!

Das war vollkommen verrückt! Ich antwortete, so

gut ich konnte, meist war es nicht die Antwort, die man

erwartete. Meine Gesprächspartner waren erstaunt, aber

auch amüsiert. Doch sie hörten mir zu, bemühten sich,

mich zu verstehen, und am Ende glaubten sie an mich.

Ich unterschrieb schließlich einen Vertrag, den ich nicht

wirklich verstand. Das war der Gipfel! Im Büro nahm

mich dann ein frankophiler Kollege unter seine Fittiche,

und alles lief gut. Im Grunde habe ich als Franzose ohne

Deutschkenntnisse bei meinen Gesprächspartnern niemals

Anzeichen von Ungeduld entdeckt. Im Gegenteil,

ich habe immer enorm viel Wohlwollen aufseiten der

Deutschen gespürt. Um die Wahrheit zu sagen, bringt es

sie oft zum Lachen, wenn man ein falsches Wort benutzt,

und der Akzent lässt viele Fehler verzeihen …

Die französische Sprache und der französische Akzent sind für

einen Ausländer in Deutschland eine Chance?

Zweifellos. Wenn man in Deutschland Französisch

oder Deutsch mit französischem Akzent spricht, dann

vermittelt dies ein gewisses Etwas. Es macht einen fast

sofort sympathisch. Das ist erstaunlich! Deutsche finden,

dass Französisch eine schöne Sprache ist. Obwohl es eine

Sprache ist, die für sie äußerst schwierig zu lernen ist.

Das ist nicht logisch. Es gibt viele Regeln, aber man hält

sie nicht ein, die Ausnahmen sind derart zahlreich. Für

Deutsche ist das unverständlich, der Horror! Und dann

gibt es noch den großen Unterschied zwischen den Büchern

und der Realität. Im Französischunterricht lernen

Sie beispielsweise folgende Sätze: « Est-ce que tu peux me

donner la valise? Je vais la mettre dans la voiture. » Das ist

absolut korrekt. Nur würde sich ein Franzose niemals so

ausdrücken, sondern er würde beispielsweise sagen: « Dis,

tu me passes la valoche, je vais la foutre dans la bagnole. » Sie

müssen zugeben, dass dies ein großer Unterschied ist, der

verwirren kann. Aber genau das ist das Französisch von

heute, wie man es auf der Straße spricht. Eine Sprache

78 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 79


ART DE VIVRE Gastronomie

Jacques Bockel

ein Elsässer « provoziert » die Welt der Schokolade

In der kleinen, behäbigen Welt der französischen Gastronomie

fällt der elsässische Chocolatier aus dem Rahmen. Dieser große,

lebenslustige Kerl mit lauter Stimme und oft sarkastischem Humor

setzt seit 35 Jahren bei seinen Schokoladenkreationen unerschütterlich

auf Innovation und Originalität. Eine Kreation ist

verrückter als die andere. Während die meisten seiner Berufskollegen

in Frankreich nach wie vor ihre mit Ganache oder Nougat

gefüllten Pralinen in klassischen luxuriösen Pralinenschachteln

präsentieren, wirft Jacques Bockel als regelrechter « Provokateur

» seines Berufsstandes bewusst alle Gewohnheiten über

den Haufen. Seine Geschäfte sind modern und in leuchtenden

Farben gestaltet, seine Schokolade hat die Form von Spargeln,

Stöckelschuhen, Bierflaschen, Rosensträußen, Farbstiften oder

Zigarren. Neugierig geworden, haben wir ihn in seiner Chocolaterie

in Saverne (Bas-Rhin) besucht.

82 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 83


ART DE VIVRE Rezept

Als ich erfuhr, dass in dieser Ausgabe von Frankreich erleben

ein Artikel über den berühmten elsässischen Chocolatier Jacques

Bockel erscheint, war mir sofort klar, dass ich Ihnen eines meiner

Lieblingsdesserts mit Schokolade vorstellen muss: die Tarte au

Chocolat. Auch wenn zahlreiche Küchenchefs seit Jahren diesen

großen Klassiker der französischen Gastronomie immer wieder

auf ihre Art neu interpretieren, bleibe ich meinem Familienrezept

treu. Es ist einfach und authentisch, vorausgesetzt es wird

mit einer sehr guten Schokolade zubereitet. Dann jedoch erhält

man garantiert ein wohlschmeckendes Dessert, das auf der

Zunge zergeht und die größten Leckermäuler erfreuen wird!

Tarte au Chocolat

Für 6 Personen • Zubereitung: 25 Minuten (+ 1 Std. Ruhezeit für den Teig) • Backzeit: 35 Minuten (15 Minuten Blindbacken + 20 Minuten mit Ganache)

Zutaten:

Mürbeteig

250 g Mehl

140 g Butter

75 g Puderzucker

25 g gemahlene Mandeln

1 Ei

2 Prisen Salz

• Backperlen oder getrocknete

Hülsenfrüchte

zum Blindbacken

Schokoladenganache

170 g dunkle Schokolade

(70 % Kakao)

30 g Milchschokolade

150 g fettarme Milch

150 g flüssige Sahne

1 Ei

1 Prise Salz

Zubereitung:

Mürbeteig

• Weiche Butter, Zucker und Salz

in einer Schüssel mischen.

• Ei und gemahlene Mandeln

zugeben. Alles zu einer homogenen

Masse verrühren.

• Mehl zugeben und einen

Knetteig daraus herstellen.

• Zu einer Kugel formen, in

Frischhaltefolie wickeln und

im Kühlschrank ca. eine

Stunde ruhen lassen.

• Nach der Ruhezeit den Teig mit

einem Nudelholz dünn ausrollen

und eine eingefettete Tarteform

(20 cm Durchmesser) damit

auskleiden. Boden einstechen, mit

Backpapier auslegen, das auf die

Größe der Form zugeschnitten

wurde. Backperlen oder getrocknete

Hülsenfrüchte darauflegen.

15 Minuten im auf 180 Grad

vorgeheizten Backofen backen.

Schokoladenganache

• Die Schokolade mit einem

Messer in feine Raspel schaben,

damit sie besser schmilzt.

• Milch und Sahne zusammen in

einem Topf zum Kochen bringen.

• Die Schokoladenraspel nach und

nach mit einem Kochlöffel unterrühren.

Wenn die Schokolade

ganz geschmolzen ist, Salz und

Ei zufügen. Alles gut mischen.

Fertigstellung

• Backperlen (oder Hülsenfrüchte)

zusammen mit dem Backpapier vom

vorgebackenen Teigboden nehmen.

• Die zubereitete Ganache auf

den Teigboden geben.

• 20 Minuten bei 150 Grad backen.


Auf Zimmertemperatur

abkühlen lassen, dabei verfestigt

sich die Ganache.

• Mit zerkleinerten Haselnüssen

dekorieren.

Bon appétit!

90 · Frankreich erleben · Winter 2020/21 Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 91


ART DE VIVRE Produkt

Serie: Typisch französische Produkte (27)

Die Künstlerfarben Lefranc Bourgeois

Vor exakt 300 Jahren, 1720. Charles Laclef, ein Vorfahr

der Familie Lefranc, ist ein bescheidener Kaufmann

in Paris. Er übt den schönen Beruf des Apothekers

aus. Wie es in einem Vorläufer der heutigen Apotheke

üblich ist, verkauft er sowohl Kräuter als auch Salben

und andere Heilmittel, die verschiedenste Leiden lindern

sollen. Manchmal aber auch mehr oder weniger « magische »

Tränke, denn die Medizin ist noch nicht so reglementiert –

allerdings auch nicht so wirksam – wie heute. Die eigentliche

Leidenschaft des Apothekers ist jedoch die Chemie.

Besonders Farben. Für sie hegt er eine regelrechte Passion.

Hinten in seinem Geschäft, ganz im Verborgenen, versucht

er, Farben herzustellen, indem er – ganz nach der jeweiligen

Inspiration – Pigmente und andere Zutaten mischt, nach

Rezepturen, die nur er selbst kennt.

Wie so oft im Leben, vor allem bei bahnbrechenden

Begebenheiten, kommt dann ganz zufällig eine Person ins

Spiel, die das bis dahin so ruhig verlaufende Leben des

Apothekers auf den Kopf stellen wird: Jean Siméon Chardin.

Als sich die beiden kennenlernen, ist Chardin noch

ein unbekannter Künstler, der am Beginn seiner Karriere

steht. Nichts deutet darauf hin, dass er eines Tages einer

der größten französischen Maler des 18. Jahrhunderts sein

wird. Ein Spezialist für Stillleben. Doch die Begegnung

mit Laclef ist entscheidend. Im Verlauf ihrer Zusammenkünfte

entdeckt Chardin die Farben, die der Apotheker

herstellt. Er ist spontan von ihnen angetan, und ihm ist sofort

klar, dass sich ihm dadurch ungeahnte Möglichkeiten

eröffnen, dass er nun genau die Farben bekommen kann,

von denen er immer geträumt hat. Der Künstler Chardin

und der Apotheker-Chemiker Laclef wissen zu diesem

Zeitpunkt noch nicht, dass aus diesem Zusammentreffen

eines der prestigeträchtigsten Unternehmen im Bereich

der schönen Künste in Frankreich und eine der renommiertesten

Marken für Künstlerfarben auf der ganzen

Welt entstehen wird.

Laclef widmet sich bald voll und ganz der Herstellung

von Farben. Deren Qualität in Verbindung mit dem großen

Talent von Chardin, der selbstverständlich als Erster

mit diesen Farben malt, machen den Unterschied deutlich.

Die Bilder ziehen umgehend Aufmerksamkeit auf

sich, und dies auf höchster Ebene, nämlich am Königshof:

Auch dort stellt man fest, dass die Farben und Pigmente

etwas ganz Besonderes sind. 1753 wird Charles Laclef

zum offiziellen Farblieferanten von Schloss Versailles

bestimmt. Wenn das nichts ist! Damit ist die Basis für

seinen internationalen Ruf gelegt.

Der Betrieb zeichnet sich in der Welt der schönen

Künste durch besonders enge Beziehungen zu den Malern

aus, entwickelt sich schnell weiter, es wird ein Familienunternehmen

daraus. Die Firmierung wird schließlich in

Lefranc geändert, das Unternehmen von Generation zu

Generation weitergegeben. Alles geht seinen Gang, bis

1859 der derzeitige Leiter, Alexandre Lefranc, eine wichtige

Innovation lanciert, die auf internationaler Ebene für

Aufsehen sorgt: Er versieht als Erster Ölfarbentuben mit

einem Schraubverschluss. Das, was auf den ersten Blick

als kleines Detail erscheint, ist in der damaligen Zeit

jedoch eine Revolution. Nun können die Künstler ihre

Farben mit nach draußen nehmen, auch außerhalb ihrer

Ateliers malen. Damit ist die Basis für die Entstehung des

Impressionismus gelegt.

Zur selben Zeit entwickelt Joseph Bourgeois, der sich

ebenfalls für Forschung und Innovation im Bereich Kunst

interessiert, ein Extraktionsverfahren für die Färberpflanze

Färberkrapp und gründet sein Unternehmen. Dieses

macht ebenfalls schnell durch Innovationen auf dem

Gebiet der schönen Künste von sich reden: Es entwickelt

beispielsweise die moderne Gouachefarbe und eine der

ersten Farben, die als « nicht gefährlich » bezeichnet wird.

Die Unternehmen Lefranc und Bourgeois nähern sich

einander an, 1965 kommt es zur Fusion, um aus der Komplementarität

Profit zu ziehen. Das neu entstandene Unternehmen

lässt sich in Mans (Sarthe) nieder, wo sich heute

noch die Produktion und der Firmensitz von Lefranc

Bourgeois befinden. Inzwischen wurde das Unternehmen

jedoch von Colart übernommen, dem Weltmarktführer

im Bereich der künstlerischen Kreation, der wiederum

zum schwedischen Familienunternehmen Lindéngruppen

gehört.

In dieser Serie werden Produkte vorgestellt, die sich in fast jedem französischen Haushalt befinden oder die für viele Franzosen kleine

Nationalheiligtümer sind. In den letzten Ausgaben sind erschienen: Hollywood- und Malabar-Kaugummis (Nr. 51), Petit Suisse (Nr. 52), Orangina

(Nr. 53), Duralex-Gläser (Nr. 54), Messer (Nr. 55), L’école des loisirs (Nr. 56), Sophie la girafe (Nr. 57), Eau de Javel (Nr. 58), Bol à prénom (Nr. 59),

Bistrostuhl « Drucker » (Nr. 60), der gelbe Briefkasten der Post (Nr. 61), Papier d’Arménie (Nr. 62), Salz La Baleine (Nr. 63), Literatursammlung La

Pléiade (Nr. 64), Zitronenpresse aus Glas von Luminarc (Nr. 65), Boules Quies (Nr. 66), Ricard aux plantes fraîches (Nr. 67), Eau de Châteldon (Nr.

68), Le Livre de Poche (Nr. 69), Gemüsepassiergerät Moulinex (Nr. 70), Herbes de Provence (Nr. 71), Cacolac (Nr. 72), L’Image d’Épinal (Nr. 73),

La Hulotte, « das meistgelesene Magazin im Tierbau » (Nr. 74), Savon de Marseille (Nr. 75) und das gelbe Ölzeug von Guy Cotten (Nr. 76).

92 · Frankreich erleben · Winter 2020/21

Frankreich erleben · Winter 2020/21 · 93


... Und viel mehr !...

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