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Romeo + Julia

CHECK! Lernmaterialien, passend zu CHECK! 11.066: „Ich kann eine Lektüre lesen und sie der Klasse vorstellen." Materialheft, 568 Seiten, A4, Farbe. Free download. Raup&Ritter Verlag, Ilvesheim Materialheft mit der Lektüre-Schrift „Romeo + Julia" (Kopiervorlagen). Zum Einsatz im Deutsch-Unterricht.

CHECK! Lernmaterialien, passend zu CHECK! 11.066:
„Ich kann eine Lektüre lesen und sie der Klasse vorstellen."
Materialheft, 568 Seiten, A4, Farbe. Free download.
Raup&Ritter Verlag, Ilvesheim
Materialheft mit der Lektüre-Schrift „Romeo + Julia" (Kopiervorlagen).
Zum Einsatz im Deutsch-Unterricht.

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LESEN

Ich Ich kann in eine meiner Lektüre Umgebung lesen

viele und Mal-Aufgaben sie der Klasse vorstellen. sehen.

ROMEO UND JULIA

CHECK! LERNMATERIALIEN

Kompetenz 11.066

Raup&

Ritter

verlag


„Ich kann eine Lektüre lesen

und sie der Klasse vorstellen.“

Materialheft mit der Lektüreschrift

Romeo+Julia“ (Kopier-/Druckvorlagen).

Zum Einsatz im Deutsch-Unterricht.

Illustriert von Ekaterina Goncharova und Betie Pankoke

Mit freundlicher Unterstützung von Kathrin Meckel


inhalt

ROMEO UND JULIA

TAFELSCHILDER

Druckvorlagen, Farbe

24 Seiten

Druckvorlagen mit allen Charakteren der Lektüre

zur Erstellung von Tafelschildern (Format A4).

RollENKARtEN

GROSS

Druckvorlagen, Farbe

6 Seiten

Druckvorlagen mit allen Charakteren der Lektüre

zur Erstellung von Rollenkarten (Format A6).

Die Druckbögen können zur besseren Haltbarkeit laminiert

werden.

RollENKARtEN

KLEIN

Druckvorlagen, Farbe

3 Seiten

Druckvorlagen mit allen Charakteren der Lektüre

zur Erstellung von Rollenkarten (Format A7).

Die Druckbögen können zur besseren Haltbarkeit laminiert

werden.


ROMEO UND JULIA“

LESEheft

Druckvorlagen, Farbe

300 Seiten

Kopiervorlagen zur Erstellung eines Leseheftes (Format A4).

In diesem Heft wird die Geschichte des Klassikers „Romeo

und Julia“ von William Shakespeare in vereinfachter Form

nacherzählt.

Die Handlung ist in einen Prolog und 5 Akte unterteilt.

Jeder Akt ist in mehrere Szenen unterteilt.

Die Dialoge sind durch Sprechblasen gekennzeichnet.

Jede Sprechblase zeigt auf ein kleines Profilbild der

sprechenden Person. Dies erleichtert das Lesen mit

verteilten Rollen.

ROMEO UND JULIA“

LESEheft

EINFACHE SPRACHE

Druckvorlagen, Farbe

194 Seiten

Kopiervorlagen zur Erstellung eines Leseheftes (Format A4).

In diesem Heft wird die Geschichte des Klassikers „Romeo

und Julia“ von William Shakespeare in vereinfachter Form

und in leichter Sprache nacherzählt.

Die Handlung ist in einen Prolog und 5 Akte unterteilt.

Jeder Akt ist in mehrere Szenen unterteilt.

Die Dialoge sind durch Sprechblasen gekennzeichnet.

Jede Sprechblase zeigt auf ein kleines Profilbild der

sprechenden Person. Dies erleichtert das Lesen mit

verteilten Rollen.

KURZFASSUNG

FARBE

Druckvorlagen, Farbe

16 Seiten

32 farbige Karten (Format A5) mit einer Zusammenfassung

jeder einzelnen Szene. Mit den Profilbildern der in den

Szenen auftretenden Personen.

Die Druckbögen können zur besseren Haltbarkeit laminiert

werden.


inhalt

ARBEITSANWEISUNGEN

FARBE

Druckvorlagen, Farbe

6 Seiten

Farbige Aufgaben-Karten (Format A5) für die selbstständige

Arbeit mit Wochenplänen und/oder an Stationen.

Die Druckbögen können zur besseren Haltbarkeit laminiert

werden.

LESETAGEBUCH FARBE

Druckvorlagen, Farbe

2 Seiten

Druckvorlagen zur Erstellung eines Lesetagebuchs

(Format A4).

LESETAGEBUCH S/W

Kopiervorlagen, s/w

2 Seiten

Kopiervorlagen zur Erstellung eines Lesetagebuchs

(Format A4).


JULIAS TAGEBUCH

FARBE

Druckvorlage, Farbe

1 Seite

Druckvorlagen zur Erstellung eines Tagebuchs (Format A4).

ROMEOS TAGEBUCH

FARBE

Druckvorlage, Farbe

1 Seite

Druckvorlagen zur Erstellung eines Tagebuchs (Format A4).


inhalt


ROMEO

MONTAGUE


JULIA

CAPULET


BENVOLIO


TYBALT


GRAF

MONTAGUE


LADY

MONTAGUE


GRAF

CAPULET


LADY

CAPULET


MERCUTIO


DIE

AMME


DER PRINZ

VON VERONA


PATER

LORENZO


GRAF

PARIS


ABRAHAM


BALTHASAR


GREGORIO


SIMSON


DER

APOTHEKER


BRUDER

JOHN


DER

HAUPTMANN


DIE

WACHE


DER

GROSSE


DER

KLEINERE


DAS VOLK

VON VERONA


ROMEO

MONTAGUE

JULIA

CAPULET

BENVOLIO

TYBALT


GRAF

MONTAGUE

LADY

MONTAGUE

ABRAHAM

BALTHASAR


GRAF

CAPULET

LADY

CAPULET

GREGORIO

SIMSON


MERCUTIO

DIE

AMME

DER PRINZ

VON VERONA

PATER

LORENZO


GRAF

PARIS

DER

APOTHEKER

BRUDER

JOHN

DER

HAUPTMANN


DIE

WACHE

DER

GROSSE

DER

KLEINERE

DAS VOLK

VON VERONA


ROMEO

MONTAGUE

JULIA

CAPULET

BENVOLIO TYBALT

MERCUTIO DIE

AMME

DER PRINZ

VON VERONA

PATER

LORENZO


GRAF

CAPULET

LADY

CAPULET

GREGORIO SIMSON

GRAF

MONTAGUE

LADY

MONTAGUE

ABRAHAM BALTHASAR


GRAF

PARIS

DIE

WACHE

BRUDER

JOHN

DER

GROSSE

DER

APOTHEKER

DER

KLEINERE

DER

HAUPTMANN

DAS VOLK

VON VERONA


Ich kann eine Lektüre lesen

und sie der Klasse vorstellen.

NAME:

WILLIAM SHAKESPEARE‘S

ROMEO+JULIA

Eine Tragische

Liebesgeschichte

nach

„The Tragedy of Romeo and Juliet“ (1597/99) von William Shakespeare,

in der deutschen Übersetzung (1843/44) von August Wilhelm Schlegel

Text: Philippe Zwick Eby

Illustrationen: Ekaterina Goncharova


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

EINE TRAGÖDIE

IN 5 AKTEN

INHALT

PROLOG

VERONA ................................................

Seite 8

AKT 1

..........................................................................................

Seite 9

ERSTE SZENE, TEIL 1:

ERSTE SZENE, TEIL 2:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE, TEIL 1:

FÜNFTE SZENE, TEIL 2:

KRIEG IN VERONA ...............................

ROMEO ..................................................

GRAF PARIS..........................................

JULIA .....................................................

MERCUTIO .............................................

DAS FEST ...............................................

DER KUSS .............................................

Seite 10

Seite 18

Seite 27

Seite 34

Seite 45

Seite 50

Seite 56

AKT 2

..........................................................................................

Seite 64

ERSTE SZENE:

ZWEITE SZENE, TEIL 1:

ZWEITE SZENE, TEIL 2:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE:

SECHSTE SZENE:

VERLIEBT...............................................

JULIAS BALKON.....................................

LIEBESGEFLÜSTER.................................

BRUDER LORENZO................................

DIE AMME .............................................

GEHEIMNISSE .......................................

HOCHZEIT! .............................................

Seite 65

Seite 70

Seite 76

Seite 89

Seite 99

Seite 111

Seite 118

SEITE

2


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

..........................................................................................

Seite 122

ERSTE SZENE, TEIL 1:

ERSTE SZENE, TEIL 2:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE, TEIL 1:

FÜNFTE SZENE, TEIL 2:

DAS DUELL ............................................

MERCUTIOS TOD ...................................

VERBANNUNG! .....................................

LORENZOS PLAN ..................................

HOCHZEITSPLÄNE .................................

NACHTIGALL ODER LERCHE? ................

... KEINE CAPULET MEHR! ...................

Seite 123

Seite 134

Seite 148

Seite 162

Seite 178

Seite 184

Seite 192

AKT 4

..........................................................................................

Seite 207

ERSTE SZENE:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE:

DAS FLÄSCHCHEN..................................

VORBEREITUNGEN ...............................

TIEFER SCHLAF......................................

HOCHZEITSTAG ......................................

TRAUER IM HAUSE CAPULET ...............

Seite 208

Seite 221

Seite 227

Seite 235

Seite 240

AKT 5

..........................................................................................

Seite 253

ERSTE SZENE:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE, TEIL 1:

DRITTE SZENE, TEIL 2:

DRITTE SZENE, TEIL 3:

GIFT! .....................................................

DER BRIEF ............................................

JULIAS GRAB ........................................

DAS ENDE .............................................

EPILOG ..................................................

Seite 254

Seite 262

Seite 268

Seite 277

Seite 290

SEITE

3


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

FAMILIE

CAPULET

GRAF

CAPULET

LADY

CAPULET

DIE

AMME

JULIA

CAPULET

TYBALT

GREGORIO

SIMSON

SEITE

4


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

FAMILIE

MONTAGUE

GRAF

MONTAGUE

LADY

MONTAGUE

ROMEO

MONTAGUE

BENVOLIO

ABRAHAM

BALTHASAR

SEITE

5


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

WEITERE

PERSONEN

MERCUTIO

PATER

LORENZO

GRAF

PARIS

DER PRINZ

VON VERONA

DER

HAUPTMANN

DIE

WACHE

BRUDER

JOHN

DER

APOTHEKER

SEITE

6

DAS VOLK

VON

VERONA


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

PROLOG

SEITE

7


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

PROLOG

VERONA

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

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13

14

15

16

Diese Geschichte spielt in der alten Stadt Verona.

Vor langer, langer Zeit.

Damals herrschte in Verona ein blutiger Bürgerkrieg.

Denn die zwei mächtigsten Familien der Stadt,

die Familie Montague und die Familie Capulet,

waren seit langer Zeit verfeindet

und bekriegten sich erbittert.

Die Gründe für diesen tiefen Haß lagen weit zurück.

Diese Geschichte handelt von der großen Liebe

zwischen Romeo, dem jungen Sohn der Montagues

und Julia, der schönen Tochter der Capulets.

Doch ihre Liebe stand unter einem schlechten Stern.

Denn wegen des Krieges zwischen den beiden Familien

sollte diese Liebesgeschichte traurig enden.

Wenn ihr wissen wollt, was sich damals zugetragen hat,

dann lest nun weiter.

SEITE

8


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

SEITE

9


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

ERSTE SZENE, TEIL 1

KRIEG IN VERONA

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

Es ist Sonntagmorgen.

Auf dem prunkvollen Marktplatz von Verona herrscht reges

Treiben. Für den heutigen Markttag wurden zahlreiche bunte

Marktstände mit Früchten und Gemüse aufgebaut.

Die Händler preisen lautstark ihre Ware an. Der Platz ist voller

Menschen. Die Sonne brennt bereits heiß vom Himmel.

Im Schatten eines großen Palastes sitzen zwei junge Männer und

trinken eine kühle Limonade. Sie heißen Gregorio und Simson.

Beide sind Diener der Familie Capulet.

Sie beobachten die Mädchen, die auf dem Markt einkaufen.

11

„Schau Dir diese scharfe Braut an!“

12

13

sagt Gregorio, der ältere der beiden, und zeigt auf ein

schönes Mädchen mit langem, dunklem Haar.

14

„Der würde ich gerne mein langes Schwert zeigen!“

SEITE

10


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

15

Simson lacht und antwortet:

16

17

18

„Siehst du, dort hinten? Die zwei Dienerinnen

der Montagues? Ich würde es am liebsten

mit beiden gleichzeitig aufnehmen!“

19

Gregorio antwortet erschrocken:

20

21

22

23

24

„Mein Freund, bist du denn wahnsinnig?

Du weißt ganz genau, der Krieg zwischen den

Capulets und den Montagues gilt auch für uns!

Ich will nicht wissen, was der alte Capulet mit dir

macht, wenn du dich mit den beiden erwischen lässt!“

25

26

27

28

Da entdeckt Simson in der Menschenmenge zwei Diener der

Familie Montague. Die Diener tragen die Einkäufe der beiden

Mädchen auf ihren Schultern.

Simson will seinen älteren Freund beeindrucken und prahlt:

29

„Schau mal, diese beiden Packesel dort!“

30

Er macht die bepackten Diener nach.

SEITE

11


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

31

Gregorio lacht und macht sich ebenfalls über die beiden lustig:

32

33

„Siehst du, wie sie sich plagen für ihren Herrn,

den alten Esel Montague?“

34

35

36

37

38

Doch die Diener Montagues haben alles gesehen und gehört.

Sie werfen ihre Einkäufe auf den Boden und kommen wütend

auf Simson und Gregorio zu.

Einer der beiden, Balthasar, ist der persönliche Diener Romeos.

Er stellt sich breitbeinig vor Simson auf:

39

40

41

„Du wagst es, dich über mich lustig zu machen,

du schäbiger Diener Capulets!

Willst du mich etwa zum Kampf herausfordern?“

42

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44

45

Simson sieht seinen Freund Gregorio unsicher an.

Er weiß nicht, ob er es mit Balthasar aufnehmen kann.

Doch Gregorio legt seine Hand griffbereit an sein Schwert.

Er blickt Balthasar finster an und sagt:

46

47

„Mit euch beiden nehmen wir es ohne Probleme auf!

Zückt eure Waffen, wenn ihr euch traut!“

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12


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

48

49

50

Die vier Diener ziehen ihre Schwerter und wollen aufeinander

losgehen. Die Menschen eilen erschrocken herbei und bilden einen

großen Kreis um die jungen Männer.

51

„Ihr Narren!“,

52

53

ruft da eine laute Stimme. Es ist Benvolio, der Neffe des Grafen

Montague und Romeos Freund. Er will den Streit besänftigen.

54

55

„Steckt eure Schwerter wieder ein!

Oder wollt ihr euch alle umbringen?“

56

57

„Benvolio, du Feigling!

Hast du selbst vor meinen Dienern Angst?“

58

59

60

61

Ein weiterer junger Mann tritt aus der Menge in den Kreis.

Die Menschen weichen zurück.

Es ist Tybalt, der Neffe der Gräfin Capulet.

Ganz Verona hat Angst vor ihm.

62

„Zieh dein Schwert und kämpfe gegen mich!“,

63

zischt Tybalt gefährlich.

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13


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

64

„Oder bist du kein echter Mann?“

65

66

67

Seine dunklen Augen blitzen Benvolio auffordernd an.

Benvolio ist in seiner Ehre gekränkt.

Doch er versucht, ruhig zu bleiben.

68

69

70

„Ich versuche nur, Frieden zu stiften.

Gerade du, Tybalt, solltest deine Hand

von deinem gefürchteten Schwert lassen.“

71

„Frieden?“,

72

sagt Tybalt verächtlich.

73

74

75

„Ich hasse dieses Wort!

Genauso wie ich dich und alle Montagues hasse!

Wehre dich, du Memme!“

76

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79

Da zieht Benvolio wutentbrannt sein Schwert. Er greift Tybalt an.

Auch die anderen jungen Männer ziehen ihre Schwerter.

Ein wilder und gefährlicher Kampf entsteht zwischen den Capulets

und den Montagues.

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14


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

80

81

82

83

84

85

Die Bürger von Verona weichen voller Angst zurück.

Die Frauen schreien. Es herrscht Chaos.

Die Bürger Veronas sind verzweifelt:

Schon wieder hat der Streit der beiden Familien zu Gewalt in ihrer

schönen Stadt geführt. Einige Männer und Frauen beschimpfen die

kämpfenden Jugendlichen:

86

„Weg mit den Capulets! Weg mit den Montagues!“

87

88

Da betreten der Graf Capulet

und seine Frau, die Gräfin, den Platz.

89

„Was ist denn das für ein Lärm?“,

90

ruft der Graf ärgerlich.

91

92

„Seht! Mein armer Tybalt wird von diesen

hinterlistigen Montague-Bengeln angegriffen!“,

93

94

95

ruft die Gräfin mit schriller Stimme und umklammert den Arm

ihres Mannes.

Da eilen auch der Graf Montague und seine Frau herbei.

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15


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

96

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Als Montague seinen Feind Capulet erblickt, zieht er sofort sein

Schwert.

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„Dir werde ich es zeigen, Capulet,

du widerlicher Schurke!“

100

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Er will sich auf den Grafen stürzen.

Doch seine Frau hält ihn zurück:

102

„Du bleibst hier!“,

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herrscht sie ihren Mann an.

Immer mehr Anhänger der beiden Familien mischen sich

in den Streit ein. Der Marktplatz Veronas hat sich in ein

Schlachtfeld verwandelt. Es gibt bereits erste Verletzte.

Doch die Männer hören nicht auf, sich zu bekriegen.

Da eilen die Wachen der Stadt Verona auf den Platz.

Sie sind in der Überzahl und beenden schnell den Kampf

zwischen den Capulets und den Montagues.

Die Jugendlichen lassen erschrocken ihre Schwerter fallen.

Viele Männer werden festgenommen.

Wenig später tritt das Oberhaupt der Stadt, der Prinz von Verona,

auf den Balkon seines Palastes. Zornig über die gewaltsamen

Unruhen ruft er den Bürgern von Verona zu:

SEITE

16


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

116

117

118

„Männer! Seid ihr etwa wilde Tiere?

Legt sofort eure Waffen nieder! Oder wollt ihr weiter

eure eigenen Nachbarn abschlachten?“

119

120

Die Bürger von Verona verstummen.

Der Prinz fährt mit strenger Stimme fort:

121

122

123

124

125

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128

129

„Das dritte Mal schon

haben die jungen Männer des Capulet

und die jungen Männer des Montague durch ihre

Streitereien den Frieden in dieser Stadt zerstört.

Ich befehle euch:

Beendet endlich diesen blutigen Krieg!

Stört ihr jemals wieder die Ruhe unserer schönen

Stadt Verona, so werdet ihr, Graf Capulet und ihr,

Graf Montague, mit dem Tode bestraft!“

130

131

132

133

134

Der Graf Montague senkt seinen Kopf.

Auch Graf Capulet sagt kein Wort mehr.

Die Jugendlichen packen schnell ihre Waffen ein und

verschwinden. Die Gräfin Montague blickt sorgenvoll über die

Menschenmengen und ruft:

135

Romeo! Wo ist denn nur mein lieber Sohn Romeo?“

SEITE

17


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

ERSTE SZENE, TEIL 2

ROMEO

1

2

3

4

Der Markt ist zu Ende.

Die Bürger Veronas gehen nach Hause.

Der Graf Montague ruft seinen Neffen Benvolio zu sich

und stellt ihn zur Rede:

5

6

„Wer von Euch hat dieses Mal

mit den Streitereien begonnen?“

7

8

„Es waren zwei Diener der Capulets, die gegen

zwei deiner Männer kämpfen wollten, Onkel!“,

9

verteidigt sich Benvolio.

10

11

12

13

„Ich wollte sie nur trennen! Doch plötzlich kam

der wilde Tybalt und forderte mich schnaubend

zum Kampf heraus. Er hatte sein Schwert bereits

gezogen, da musste ich mich doch wehren!“

SEITE

18


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

14

Graf Montague klopft Benvolio auf die Schultern.

15

„Wie gut, dass mein kleiner Romeo nicht dabei war!“,

16

sagt die Gräfin erleichtert.

17

18

„Wo ist er denn nur?

Hast du deinen Cousin nicht gesehen, Benvolio?“

19

20

„Ich sah ihn heute morgen im Olivengarten

spazieren gehen“,

21

antwortet Benvolio.

22

23

„Er wirkte nachdenklich,

deswegen ließ ich ihn in Ruhe.“

24

Der Graf Montague zieht seine Stirn sorgenvoll in Falten.

25

26

27

„Ich habe einen Träumer zum Sohn!

Das ist nicht das erste Mal,

dass er sich stundenlang dort herumtreibt!

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19


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

28

29

Und wenn er sich nicht im Garten versteckt,

dann schließt er sich in sein dunkles Zimmer ein.“

30

31

32

„Schon seit Tagen spricht er kein Wort mehr mit uns!

Ich habe versucht, mit ihm zu reden, aber Romeo

ist verschlossen. Ich mache mir solche Sorgen!“,

33

fügt die Gräfin hinzu.

34

„Sieh, Onkel, da kommt er ja!“,

35

36

ruft Benvolio und zeigt auf Romeo, der gerade erstaunt

den verwüsteten Marktplatz betritt.

37

„Mach dir keine Sorgen, ich werde mit ihm reden!“

38

Der Graf klopft Benvolio auf die Schultern.

39

„Ich hoffe, er wird Vertrauen zu dir haben...“,

40

sagt er.

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20


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

41

„Komm, Frau, wir lassen die Jungen alleine!“

42

43

44

45

Der Graf und die Gräfin kehren in ihren Palast zurück.

Benvolio geht Romeo entgegen.

Sie umarmen sich.

Romeo wirkt bedrückt.

46

„Wie geht es dir, geliebter Cousin?“,

47

48

fragt Benvolio.

Romeo antwortet nicht darauf.

49

„War das nicht mein Vater, der so eilig wegging?“,

50

51

52

53

54

fragt er erstaunt.

Benvolio nickt.

Die beiden laufen durch die engen, schattigen Strassen von

Verona. Die Bewohner haben Leinen zwischen ihre Fenster

gespannt und ihre Wäsche zum Trocknen in den Wind gehängt.

55

„Nun erzähl’ schon!“,

56

drängt Benvolio.

SEITE

21


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

57

58

59

„Was ist los mit dir, Romeo?

Wieso machst du so ein Gesicht?

Macht dir etwa die Liebe zu schaffen?“

60

Romeo seufzt.

61

62

„Die Liebe! …

Sag, Benvolio, was ist eigentlich Liebe?“

63

64

Verzweifelt blickt Romeo seinen Freund an.

Er fährt fort:

65

66

67

68

69

70

„Mal lässt die Liebe in den Augen der Menschen

ein Feuer aufleuchten, mal lässt sie in denselben

Augen ein Tränenmeer entspringen!

Mal ist sie süß wie Kuchen, mal salzig wie ein Fisch.

Wieso macht uns die Liebe einmal überglücklich

und dann wieder todtraurig?“

71

Benvolio grinst Romeo von der Seite an.

72

„Mein lieber Freund, du bist verliebt!“

73

Romeo seufzt.

SEITE

22


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

74

75

„Du hast recht, lieber Cousin:

Ich bin verliebt bis über beide Ohren.“

76

„Ich wusste es!“,

77

78

lacht Benvolio und strubbelt seinem jüngeren Cousin

übermütig durch die Haare.

79

„Und, wie heißt sie?“

80

„Sie heißt Rosalinde. Und sie ist wunderschön...“,

81

antwortet Romeo verträumt.

82

„Und? Ist sie auch verliebt?“,

83

will Benvolio wissen. Romeo seufzt wieder.

84

85

86

„Das ist ja das Problem. Sie beachtet mich kaum.

Und wenn ich ihr meine Liebe gestehe, dann macht

sie sich über mich lustig.“

SEITE

23


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

87

88

„Wie ist es möglich, dass eine Frau meinem

gutaussehenden Cousin widerstehen kann?“,

89

scherzt Benvolio.

90

„Will sie etwa Jungfrau bleiben?“

91

„Das könnte man meinen!“,

92

antwortet Romeo.

93

94

95

96

97

„Ich habe schon alles versucht!

Aber mein Flirten bleibt erfolglos.

Wie kann sie nur so abweisend zu mir sein?

Ist die Liebe nicht das Schönste,

was es im Leben gibt?“,

98

fragt Romeo verzweifelt.

99

„Wie nur kann sie der Liebe widerstehen?“

100

Benvolio weiß nicht, was er antworten soll.

SEITE

24


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

101

Romeo blickt seinen Cousin an.

102

103

104

105

„Du lachst sicher über mich!

Lass mich lieber allein!

Ich will dich nicht belasten

mit meinem sinnlosen Gerede!“

106

107

Romeo will gehen.

Doch Benvolio hält ihn zurück.

108

109

„Wenn sie sich nicht verlieben will,

dann vergiss sie lieber.“

110

„Wie könnte ich sie vergessen!“,

111

ruft Romeo verzweifelt.

112

„Da müsste ich ja mit dem Denken aufhören!“

113

114

Benvolio zeigt auf eine Gruppe junger Frauen,

die kichernd an einem Brunnen stehen und Wasser schöpfen.

SEITE

25


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

115

116

„Schau dich doch einmal um!

Es gibt so viele schöne Mädchen in Verona!“,

117

118

sagt er.

Doch Romeo schüttelt den Kopf.

119

120

121

„Selbst die schönste dieser Mädchen

ist nicht so schön wie die, die ich liebe.

Lass mich allein! Du kannst mir nicht helfen!“

122

123

Romeo läuft davon.

Benvolio folgt ihm.

SEITE

26


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

ZWEITE SZENE

GRAF PARIS

1

2

3

4

5

6

7

8

In einer kleinen Bar in einem ruhigen Viertel Veronas

sitzt der Graf Capulet und nimmt ein kleines Mittagessen zu sich.

Sein Diener steht mit unbewegter Miene hinter ihm und beobachtet

scharf die vorbeilaufenden Menschen.

Neben Capulet sitzt der junge, reiche und gut aussehende

Geschäftsmann Graf Paris, ein Verwandter des Prinzen von

Verona. Er trinkt ein Glas Wein.

Capulet schimpft:

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„Der Prinz droht mir und Montague mit der

Todesstrafe! Unfassbar! Wir sind doch viel zu alt,

um gegeneinander zu kämpfen!“

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Graf Paris antwortet vorsichtig:

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„Alle Bürger Veronas schätzen Euch

als äußerst ehrenwerte Männer.

Wenn da nur nicht dieser uralte Streit wäre...“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Capulet unterbricht ihn grob:

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„Lass uns nicht mehr davon reden!“

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Er streicht sich verärgert über seine linke Augenbraue. Dann nimmt

er noch einen Bissen von seiner dampfenden Lasagne.

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„Wo waren wir gerade?“,

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sagt er mit vollem Mund.

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„Du möchtest um die Hand meiner schönen Tochter

Julia anhalten, habe ich das richtig verstanden?“

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Paris nickt. Er streicht sich durchs Haar.

Capulet runzelt die Stirn und nimmt einen Schluck

aus seinem Glas.

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„Meine kleine Julia ist noch keine vierzehn Jahre alt.

Sie braucht noch zwei Jahre, ehe sie verheiratet

werden kann!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Ihr wisst genauso gut wie ich,

dass andere Mädchen in ihrem Alter

bereits Kinder haben, Graf Capulet!“,

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entgegnet Paris.

Capulet nickt sorgenvoll.

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„Das stimmt natürlich, Paris.

Aber du musst verstehen:

Julia ist mein einziges Kind...“

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Der Graf macht eine Pause.

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„Trotzdem ich bin einverstanden.“

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Er streicht sich wieder über seine linke Augenbraue.

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„Hör zu, Paris:

Ich gebe heute Abend ein großes Fest in meinem

Palast. Die schönsten Frauen Veronas werden

anwesend sein. Meine Tochter wirst Du trotzdem

unschwer unter ihnen erkennen können.

Komm doch einfach vorbei und frage Julia selbst.

Wenn sie einwilligt, so werde ich einer Hochzeit

zustimmen.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Graf Capulet erhebt sich.

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„Lass uns gehen!“

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Er winkt seinen Diener herbei und gibt ihm eine Liste mit den

Namen aller Menschen, die zum Fest eingeladen werden sollen.

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„Diener, suche diese Menschen auf und lade sie

in meinem Namen höflich zum Fest ein.“

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Der Diener will etwas entgegnen, doch Capulet winkt ab.

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„Beeile dich!“,

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sagt er und verlässt mit Paris die Bar.

Der Diener bleibt hilflos stehen.

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„Aber…ich kann doch gar nicht lesen...“,

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murmelt er. Er blickt um sich.

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„Wer könnte mir nur diese Liste vorlesen?“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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In diesem Moment kommen Romeo und Benvolio die Strasse

entlang gelaufen.

Der Diener spricht sie höflich an:

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„Sagt, meine Herren, könnt ihr lesen?“

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Romeo und Benvolio bleiben stehen.

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„Aber natürlich kann ich lesen“,

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sagt Romeo. Benvolio nickt bestätigend.

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„Kann ich dir helfen?“

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Der Diener drückt Romeo das Papier in die Hand.

Romeo liest laut vor:

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„Herr Martino mit seiner Frau und Tochter,

Graf Anselm mit seinen reizenden Schwestern,

Die Witwe von Vitruvio,

Herr Placentino und seine braven Nichten,

Mercutio und sein Bruder Valentino,

Onkel Capulet mit Frau und Töchtern,

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ROMEO+JULIA

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die schöne Nichte Rosalinde,

Livia,

Herr Valentino und sein Cousin Tybalt,

Lucio und die gutgelaunte Helena.“

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Romeo gibt dem Diener das Papier zurück.

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„Das sind aber viele Menschen!

Zu welchem Anlass sollst du sie denn einladen?“,

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fragt Romeo plötzlich ganz neugierig.

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„Ich soll die Herrschaften für heute Abend in den

Palast einladen, wo ein großes Abendessen

stattfinden soll.“

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„In welchen Palast?“,

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fragt Romeo vorsichtig weiter.

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„Mein Herr ist der große, reiche Capulet.

Wenn ihr zwei nicht vom Hause Montague seid,

dann kommt heute Abend auf ein Glas Wein vorbei!

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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So, nun muss ich aber los!“,

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sagt der Diener entschuldigend und verschwindet,

leise die Namen der Eingeladenen wiederholend.

Benvolio sieht Romeo grinsend an.

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„Deine schöne Rosalinde speist also heute Abend

im Hause Capulets, zusammen mit den schönsten

Frauen Veronas.“

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Benvolio zwinkert Romeo zu.

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„Lass uns heute Abend dort hingehen!

Du wirst sehen, dein Schwan wirkt im Vergleich

mit den anderen Mädchen eher wie eine Krähe!“

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„Eine schönere Frau als Rosalinde? Unmöglich!“,

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entgegnet Romeo bestimmt.

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„Aber ich komme mit dir! Jedoch nicht wegen der

anderen Frauen. Sondern allein, um meine schöne

Rosalinde wiederzusehen.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

DRITTE SZENE

JULIA

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Im prunkvollen Palast der Capulets.

Die Gräfin sitzt in ihrem Schlafzimmer vor einem gewaltigen

Spiegel und lässt sich von der Amme kunstvoll ihre Haare

frisieren. Sie ist ungeduldig.

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„Wo ist eigentlich Julia?“,

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fragt die Gräfin.

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„Sie soll herkommen, Amme!“

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„Ich weiß nicht, wo sie schon wieder ist, Herrin“,

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antwortet die Amme.

Sie öffnet die Tür des Schlafzimmers und ruft laut nach Julia.

Julia eilt herbei.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Was ist denn?“,

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fragt sie.

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„Deine Mutter will dich sprechen, mein Lämmchen!“,

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flüstert die Amme und streicht Julia zärtlich über ihr

langes Haar. Julia betritt das Schlafzimmer ihrer Mutter.

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„Hier bin ich, Mutter! Was wünschst du?“

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Die Gräfin deutet der Amme hektisch an, das Zimmer zu

verlassen.

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„Geh, Amme, wir müssen etwas besprechen!“

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Doch dann überlegt sie es sich anders.

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„Nein! Bleibe lieber bei uns!“,

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befielt sie.

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ROMEO+JULIA

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Sie setzen sich auf das riesige Bett, das mit seidenen Decken

und wertvollen Kissen bedeckt ist.

Die Gräfin macht ein geheimnisvolles Gesicht.

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„Du weißt doch, liebe Amme, meine Tochter ist

in einem hübschen Alter“,

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sagt sie und macht eine erwartungsvolle Pause.

Die Amme versteht nicht, was die Gräfin andeuten will.

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„In zwei Wochen und einigen Tagen wird Julia

vierzehn Jahre alt, Gräfin, das weiß ich genau!“,

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sagt die Amme.

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„Ich erinnere mich noch gut an die Zeit,

als Julia ein kleines Baby war!

Ich gab ihr meine Brust bis zum Alter von drei Jahren

und selbst dann wollte sie nicht aufhören!“,

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erinnert sich die Amme. Sie lacht.

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„Und wisst ihr noch, wie Julia damals laufen lernte?“,

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ROMEO+JULIA

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erzählt sie weiter.

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„Wir konnten sie kaum aufhalten.

Überall lief sie herum. Einmal, ich weiß es noch

ganz genau, war sie hingefallen und hatte sich eine

kleine Narbe an der Augenbraue zugezogen.

Mein armer verstorbener Mann hob sie vom Boden

auf und sagte zu ihr:

‚Heute fällst du noch aufs Gesicht, aber später wirst

du dich lieber auf den Rücken legen, nicht wahr?’

Und Julia hörte auf zu weinen und antwortete: ‚Ja!’“

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Julia blickt verlegen zur Seite.

Die Amme lacht.

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„Das werde ich niemals vergessen!“

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Die Gräfin versucht, die Amme zu unterbrechen.

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„Das reicht, Amme!“

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Doch die Amme erzählt glucksend weiter.

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ROMEO+JULIA

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„Ich kann mich noch zu gut an Julias Gesicht

erinnern, wie sie aufhörte zu weinen und...“

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„Amme! Es reicht!“,

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schimpft die Gräfin.

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„Du hast uns diese Geschichte schon tausend Mal

erzählt!“

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„Wenn es doch so lustig ist...“,

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schmollt die Amme beleidigt.

Nach einer kleinen Pause fährt sie fort:

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Julia war auf jeden Fall das süßeste Baby, das ich

jemals gepflegt habe. Wenn ich es noch miterleben

könnte, dass du heiratest, mein Lämmchen, dann

würde sich mein größter Wunsch erfüllen!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Hochzeit!“,

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ruft die Gräfin.

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„Das ist genau das richtige Thema!“

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Sie nimmt Julias Hände.

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„Sag, Julia, hast du schon darüber nachgedacht

zu heiraten?“

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Julia ist überrascht.

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„Nein, Mutter, nicht einmal im Traum habe ich

daran gedacht!“,

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sagt sie.

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„Gut, dann denke jetzt schnell darüber nach!“,

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erwidert die Gräfin.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Du weißt doch sicher, dass es in Verona

verheiratete Frauen gibt, die jünger sind als du!“

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Julia sieht die Amme verständnislos an.

Die Amme blinzelt ihr zu.

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„Auch ich war in deinem Alter schon längst Mutter“,

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fährt die Gräfin fort.

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„Und du bist immer noch Jungfrau!“

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„Mutter!“,

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flüstert Julia verschämt.

Die Gräfin winkt ab.

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„Mit einem Wort:

Der edle Graf Paris hat bei deinem Vater

um deine Hand angehalten!“

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ROMEO+JULIA

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„Der junge Paris?“

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Die Amme klatscht ihre Hände zusammen:

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„Was für ein Mann, liebe Julia, was für ein Mann!“

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Sie rollt mit ihren Augen.

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„Er ist schön wie eine Blume!“,

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schwärmt die Gräfin.

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„Ja, schön wie eine Blume!“,

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wiederholt die Amme und rollt wieder mit ihren Augen.

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„Nun, was sagst du dazu?“,

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fragt die Mutter aufgeregt.

Julia weiß nicht, was sie von dieser Neuigkeit halten soll.

Sie hat den Grafen Paris noch nie gesehen.

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ROMEO+JULIA

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„Heute Abend wird Graf Paris zu unserem

Fest kommen“,

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erklärt ihre Mutter.

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„Dann kannst du ihn dir in Ruhe ansehen.

Du wirst sehen: Paris ist schön, wie es im Buche

steht. Er wird dir sicher gefallen!

Und reich ist er noch dazu!

Stell dir vor: Er ist ein Verwandter des Prinzen

von Verona! Du wirst alles haben können, was du

möchtest! Welch Glück du hast, meine Tochter!“

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„Vor allem wirst du einen dicken Bauch bekommen.

Wie alle Frauen, sobald sie verheiratet sind“,

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bemerkt die Amme trocken.

Die Gräfin wirft ihr einen bösen Blick zu.

Dann wendet sie sich wieder ihrer Tochter zu:

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„Sag, Julia, könnte dir der Graf gefallen?“

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Julia lächelt.

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ROMEO+JULIA

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„Gerne werde ich ihn mir heute Abend ansehen.

Vielleicht gefällt er mir, wenn ich ihn sehe.“

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Ihre Mutter seufzt erleichtert.

Die Amme klatscht freudig in ihre Hände.

Da kommt ein Diener ins Zimmer gestürzt.

Er ruft:

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„Gnädige Frau, die Gäste sind da!

Das Abendessen steht auf dem Tisch!

Ihr werdet gerufen! Julia wird gesucht!

Und die Amme wird gerade von der gesamten

Mannschaft der Küche verflucht, denn es geht alles

drunter und drüber!“

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Der Diener ist außer Atem.

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„Ich muss das Essen auftragen!

Aber ich bitte euch, kommt schnell!“

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Er verschwindet.

Die Gräfin springt auf.

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ROMEO+JULIA

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„Der schöne Paris wartet auf dich, Julia!

Schnell, zieh dir dein schönstes Kleid an!“

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Und die Amme flüstert ihr ins Ohr:

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„Das wird die Nacht deines Lebens, mein Kind!“

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ROMEO+JULIA

AKT 1

VIERTE SZENE

MERCUTIO

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Es ist Nacht geworden.

Romeo steht mit seinen Freunden Benvolio und Mercutio

und weiteren jungen Männern vor dem Palast der Capulets.

Fast alle tragen Masken und sind verkleidet.

Einige von ihnen tragen brennende Fackeln.

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„Was ist, wenn sie wissen wollen, wer wir sind?

Wir sind doch gar nicht eingeladen!“,

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fragt Romeo seinen Freund Benvolio.

Benvolio winkt ab.

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Wir wollen doch nur eine Runde tanzen und dann

gehen wir wieder!“,

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sagt Benvolio.

Doch Romeo ist nicht sehr gut gelaunt.

Und hat keine Lust zu tanzen.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Gebt mir lieber eine Fackel! Da ich so finster bin,

will ich euch lieber leuchten!“,

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brummt er.

Sein Freund Mercutio schüttelt energisch den Kopf.

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„Du musst unbedingt tanzen, Romeo!“

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Er ist in bester Stimmung und umarmt Romeo stürmisch.

Doch Romeo stößt ihn von sich.

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„Du bist wie immer in Feierlaune und willst tanzen,

Mercutio! Aber mein Herz ist so schwer wie Blei,

ich kann mich kaum bewegen!“

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Mercutio lacht.

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„Du bist doch verliebt!

Wieso leihst du dir nicht die Flügel des Gottes Amor

und schwebst in den siebten Himmel?“

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Romeo entgegnet gereizt:

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Amors Pfeile haben mich so tief durchbohrt,

dass ich nicht mehr schweben kann!“

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Mercutio hebt seine Augen zum Himmel.

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„Wieso musst du dich auch so hemmungslos

verlieben!“

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Romeo nimmt sich eine Fackel und setzt seine Maske auf.

Sie ist aufwändig mit Perlen und Pailletten verziert und schillert in

allen Farben.

Mercutio will Romeo aufmuntern und scherzt mit ihm:

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„Gib mir die hässliche Froschmaske, Romeo,

die passt zu mir!“

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Romeo muss nun doch lachen.

Er reicht Mercutio eine alte, grüne Maske.

Mercutio setzt sie auf und schneidet Romeo eine Grimasse.

Benvolio ruft laut:

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„Wenn wir nicht bald hinein gehen, ist das Fest

schon vorbei! Wir sind viel zu spät!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Die jungen Männer schreiten durch das große Eingangstor des

Palastes. Die Wachen halten sie nicht zurück.

Der große Park der Capulets ist festlich mit tausenden von Fackeln

beleuchtet.

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„Ich befürchte, wir kommen eher zu früh.“

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Romeo nimmt Mercutio zur Seite.

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„Ich habe eine schreckliche Vorahnung, Mercutio.

Die Sterne sagen mir, dass noch heute Nacht etwas

geschehen wird, das mit meinem Tode enden wird.“

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Mercutio blickt ihn ungläubig an.

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„Und was die Sterne sagen, das ist mein Schicksal“,

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fährt Romeo fort.

Sie durchqueren den Park.

Aus dem Palast der Capulets dringt fröhliche Musik.

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„Doch nun lasst uns feiern!“,

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ROMEO+JULIA

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ruft Romeo.

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„Los geht’s!“,

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singt Benvolio laut.

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ROMEO+JULIA

AKT 1

FÜNFTE SZENE, TEIL 1

DAS FEST

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Das Fest im Hause Capulet hat begonnen.

Viele Gäste sind gekommen. Die meisten tragen farbige Masken.

Die Diener des Hauses Capulet servieren den Gästen Getränke.

Die Musiker spielen laute Tanzmusik.

Da betreten der Graf Capulet, die Gräfin, Julia, Tybalt und ein

Verwandter des Capulet den Saal. Die Musik verstummt.

Alle blicken auf die Gastgeber.

Julia trägt ein weißes Kleid mit unzähligen aufwändigen

Stickereien. Ihre Haare trägt sie in einem feinen weißen Netz nach

oben gebunden.

Graf Capulet begrüßt die Gäste:

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„Willkommen, meine Herren!

Guten Abend, ihr schönen Frauen!

Heute Abend soll getanzt werden!

Die Zeiten, in denen ich den schönen Frauen

Veronas süße Komplimente ins Ohr flüsterte,

sind leider lange vorbei!

Jetzt seid ihr an der Reihe, meine jungen Herren!

Hiermit ist das Fest eröffnet! Spielt, ihr Musiker!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Romeo betritt mit Benvolio, Mercutio und einigen Dienern

den festlich geschmückten Ballsaal der Capulets.

Sofort erblickt er Julia.

Sie unterhält sich gerade höflich mit Graf Paris.

Romeo vergisst plötzlich alles um sich herum.

Mit leuchtenden Augen fragt er seinen Diener:

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„Weißt du, wer das Mädchen dort ist?“

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Der Diener schüttelt den Kopf.

Romeo hat nur noch Augen für Julias Schönheit.

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„Ist sie nicht wunderschön?“,

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flüstert er.

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„Sie leuchtet so hell wie ein Meer aus Kerzen.

Ihre Schönheit strahlt wie ein funkelnd roter Edelstein!

Sie scheint mir wie eine weiße Taube!

Neben ihr wirken alle anderen Frauen

wie eine Schar von schwarzen Krähen.“

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Julia unterhält sich weiterhin mit Graf Paris.

Sie hat Romeo noch nicht bemerkt.

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ROMEO+JULIA

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Romeo flüstert seinem Diener zu:

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„Sobald der Tanz zu Ende ist, werde ich mich ihr

nähern und versuchen, ihre zarte Hand zu berühren.“

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Seine Rosalinde hat er längst vergessen.

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„War ich jemals wirklich verliebt?

Ich glaube nicht, denn heute Abend sehe ich

zum ersten Mal wahre Schönheit!“

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In diesem Moment läuft Tybalt an ihm vorbei.

Er hat die letzten Worte gehört und Romeos Stimme erkannt.

Er ist außer sich vor Wut.

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„Das ist doch die Stimme eines Montague!“,

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sagt er zu seinem Diener.

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„Der Kerl wagt es, mit einer Maske in unseren

Palast einzudringen und unser Fest zu stören?

Gib, mir mein Schwert, Diener!

Bei meiner Familienehre, ich werde ihn töten,

er hat es verdient!“

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ROMEO+JULIA

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Graf Capulet hat Tybalt gehört und eilt herbei.

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„Warum bist du so wütend, Tybalt? Was ist los?“

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Tybalt zeigt auf Romeo und zischt:

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„Sieh doch, Onkel! Das ist ein Montague!

Der Schuft wagt es, sich unter deine Gäste zu

mischen und unser Fest zu stören!“

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„Ist das nicht der junge Romeo?“,

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fragt der Graf.

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„Er ist es, der Schurke!“

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Tybalt will sich auf Romeo stürzen.

Doch Capulet hält ihn zurück.

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„Bleib ruhig, Tybalt, und steck Dein Schwert

wieder ein!

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Lass Romeo in Frieden! Er stört hier niemanden.

In ganz Verona ist bekannt, dass er ein anständiger

junger Mann ist.

Ich möchte auf keinen Fall, dass ihm in meinem

Haus etwas Böses geschieht.

Also halte dich zurück! Beachte ihn einfach nicht.

Tu mir den Gefallen und unterlasse auf meinem

Fest deine ewigen Streitereien!“

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„Aber Onkel! Er hat es verdient!“

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Tybalts Augen blitzen dunkel.

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„Ich kann es nicht ertragen,

dass er hier unter uns feiert!“

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Capulet wird wütend.

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„Bin ich der Herr des Hauses oder du?

Willst wohl wieder den Helden spielen?

Du wirst ihn aushalten, hast du verstanden?

Ich befehle es dir!

Ich will keinen Streit unter meinen Gästen!

Hast du das verstanden?“

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ROMEO+JULIA

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Tybalt ist fassungslos.

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„Das ist eine Schande, Onkel!

Aber gut, ich werde meine Wut zurückhalten,

wenn du das so willst. Trotzdem ist es ist eine

Frechheit von Romeo, hier einzudringen und er wird

es noch bitter bereuen!“

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Tybalt verschwindet verärgert.

Romeo hat von dem Gespräch zwischen Tybalt und Graf Capulet

nichts mitbekommen. Er versucht verzweifelt, sich durch die

Menschen zu zwängen, um näher an Julia heran zu kommen.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

FÜNFTE SZENE, TEIL 2

DER KUSS

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Julia beobachtet das bunte Treiben.

Die Gäste tanzen, trinken und lachen, sie küssen sich und

reißen sich die Masken von den Gesichtern.

Plötzlich spürt sie eine vorsichtige Berührung an ihrer rechten

Hand. Julia zuckt überrascht zusammen.

Da hört sie eine sanfte Stimme direkt hinter ihrem Ohr:

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„Du schöne Heilige,

bitte entschuldige meine Hand auf Deiner Hand!

Ich bin ein armer Sünder.

Darf ich deshalb, so wie ein Pilger das tut,

deine zarten Lippen küssen?“

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„Wer spricht so wundervolle Worte?“,

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denkt Julia und dreht sich um.

Vor ihr steht Romeo.

Er hat seine Maske abgenommen. Seine Augen glänzen.

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ROMEO+JULIA

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„Ein Pilger darf die Heilige

nur an der Hand berühren,

nicht aber ihre Lippen küssen!“,

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sagt Julia schnell und zieht ihre Hand zurück.

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„Welch schöne Augen er hat!“,

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denkt sie.

Doch Julia ist schüchtern und will sich nicht einfach so küssen

lassen.

Aber Romeo lässt nicht locker.

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„Wozu haben dann die Heilige

und der Pilger Lippen?“,

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fragt er leise und schenkt Julia sein schönstes Lächeln.

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„Der Pilger hat Lippen, um Gebete zu sprechen!“,

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entgegnet Julia schlagfertig.

Doch ihr Herz schlägt aufgeregt.

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ROMEO+JULIA

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„Dann erhöre meine Gebete, du schöne Heilige,

und lass unsere Lippen tun,

was unsere Hände tun!“,

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flüstert Romeo in Julias Ohr und nimmt wieder vorsichtig ihre

Hand. Julia mag Romeos Lippen an ihrem Ohr.

Und sie mag seine Stimme.

Sie würde ihn gerne küssen. Doch sie traut sich nicht.

Deswegen sagt sie leise:

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„Du weißt doch, dass sich Heilige

nicht bewegen können, selbst wenn sie wollten!“

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Romeo hat sofort verstanden, was Julia meint.

Seine Lippen flüstern ihr zu:

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„Dann bewege dich genauso wenig wie eine Heilige!

Mein Mund nimmt sich,

was er sich sehnlich wünscht.“

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Romeo macht einen Schritt auf Julia zu.

Dann küsst er sie zärtlich auf den Mund.

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„Jetzt hat dein Mund

alle Sünden von mir genommen...“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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flüstert Romeo.

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„Dann sind nun meine Lippen in Sünde?“,

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antwortet Julia atemlos.

Das war gerade ihr erster Kuss.

54

„Dein Mund in Sünde?“

55

Romeo umarmt Julia stürmisch.

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57

„Das darf nicht sein!

Gib sie mir schnell zurück, meine Sünde!“

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Er küsst Julia gleich noch einmal.

Julia stößt ihn sanft zurück.

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„Du küsst ziemlich gut...“,

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lächelt sie und senkt schüchtern ihre Augen.

In diesem Moment kommt die Amme auf die beiden zu.

Sie stemmt die Arme in ihre breiten Hüften und runzelt die Stirn.

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59


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

64

„Deine Mutter will dich sprechen, mein Fräulein!“,

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sagt die Amme streng und zerrt Julia mit sich.

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„Wer ist denn die Mutter

dieses schönen Fräuleins?“,

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ruft Romeo ihnen übermütig hinterher.

Er will sich noch nicht von Julia trennen.

Die Amme hält inne.

Auf ihrer Stirn sind noch mehr Sorgenfalten zu sehen.

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75

„Junger Mann!

Ihre Mutter ist die Herrin dieses Palastes!

Und das Mädchen, mit dem du gerade gesprochen

hast, habe ich mit all meiner Liebe aufgezogen!“

76

Sie drückt Julia beschützend an sich.

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„Und ich sage dir:

Der Mann, der sie zur Frau bekommt,

der kann sich wirklich glücklich schätzen!“

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60


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

80

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Die Amme streichelt Julia zärtlich über die Wange

und zerrt sie dann mit sich.

Romeo bleibt wie erstarrt stehen.

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„Sie ist eine Capulet?“

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Erst jetzt versteht Romeo, dass er sich in die Tochter

des größten Feindes verliebt hat.

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„Ich würde mein Leben für sie hingeben!“,

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denkt er.

Fassungslos blickt er Julia nach.

Da zerrt Benvolio seinen Freund Romeo am Arm.

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„Lass uns gehen!

Das Fest ist auf seinem Höhepunkt!“

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„Das befürchte ich auch...“,

93

murmelt Romeo.

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61


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Dann verlässt er mit seinen Freunden den Palast der Capulets.

Julia steht am Fenster ihres Zimmers und beobachtet, wie Romeo

mit gesenktem Kopf den Park durchquert.

Beunruhigt fragt sie ihre Amme:

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„Liebe Amme, wer ist der schöne junge Mann dort?

Ich habe ihn nicht einmal nach seinem Namen

gefragt!“

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Die Amme will Julia nicht antworten.

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„Ich weiß es nicht“,

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lügt sie.

Julia merkt, dass die Amme ihr etwas verschweigen will.

105

„Dann geh hin und frage ihn, wie er heißt!“,

106

bettelt Julia die Amme an.

107

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„Wenn er vergeben ist,

dann kann ich mich genauso gut umbringen!“

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62


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Da gibt die Amme nach.

Mit ernster Miene erzählt sie:

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„Sein Name ist Romeo.

Er ist ein Montague und er ist der einzige Sohn

unseres großen Feindes!“

114

Julia erschrickt.

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119

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„Dann ist meine erste große Liebe

also aus großem Hass entstanden?

Hätte ich nur vorher gewusst,

dass er ein Montague ist!

Jetzt kann ich nicht anders,

als den größten Feind zärtlich zu lieben.“

121

Die Gräfin ruft laut nach Julia.

122

„Wir kommen ja schon!“,

123

antwortet die Amme und zerrt Julia mit sich.

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63


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

ERSTE SZENE

VERLIEBT

1

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8

Romeo und seine Freunde verlassen das Grundstück der

Capulets. Benvolio und Mercutio sind guter Stimmung, denn das

Fest hat ihnen gefallen.

Romeo sagt kein Wort. Er muß immerzu an Julia denken.

Die jungen Männer überqueren einen großen Platz, der direkt an

den Park der Capulets grenzt. Sie unterhalten sich laut.

Plötzlich hält Romeo es nicht mehr aus.

Er flüstert Mercutio zu:

9

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11

12

„Ich kann nicht weg von hier,

denn mein Herz ist noch bei ihr!

Ich fühle mich wie gefrorene Erde.

Ich muss zurück zu meiner Sonne!“

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Romeo läuft schnell zu der hohen Mauer, die das Grundstück der

Capulets vor ungebetenen Gästen schützt.

15

„He, Romeo! Cousin!“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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ruft Benvolio erstaunt.

Doch Romeo ist schon auf die Mauer geklettert. Lautlos springt er

in den Park der Capulets und ist verschwunden.

Benvolio ist besorgt.

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„Hast du gesehen?“,

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fragt er Mercutio.

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„Er ist einfach über die Mauer geklettert!

Rufe ihn zurück! Du bist sein bester Freund,

auf dich wird er vielleicht hören!“

25

„Ich werde es gerne versuchen“,

26

antwortet Mercutio belustigt.

27

Romeo!“,

28

ruft er leise, damit die Wachen ihn nicht hören.

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66


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Romeo, du Wahnsinniger!

Du leidenschaftlich Verliebter! Komm zurück!

Bei Rosalindens schönen Augen! Bei ihren

purpurnen Lippen! Bei ihrer hohen Stirn, ihrem

zarten Fuß, ihren schlanken Beinen, ihren willigen

Hüften und der schönen Stelle in deren Mitte!

Ich beschwöre dich, komme wieder zurück!“

36

Mercutio lacht.

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„Er würde nur zornig werden, wenn er dich

so sprechen hören würde!“,

39

flüstert Benvolio.

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„Wieso denn?“,

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fragt Mercutio zurück.

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„Ich erinnere ihn doch nur an seine frühere Geliebte,

damit er bessere Laune bekommt.“

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Benvolio und Mercutio lauschen.

Doch Romeo antwortet nicht.

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67


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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47

Benvolio glaubt nicht daran, dass Romeo wieder zurück kommt.

Er kennt seinen Cousin zu gut.

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„Komm schon! Er hat sich hinter den hohen

Bäumen versteckt. Anscheinend fühlt er sich wohl

in dieser feuchten Nacht. Denn die Liebe ist blind,

da macht die Dunkelheit ihr nichts aus.“

52

Benvolio zieht Mercutio weiter.

53

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„Wenn der Gott der Liebe blind ist,

dann zielt er natürlich schlecht!“,

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scherzt Mercutio.

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„Der arme Romeo sitzt nun im Dunkeln

und wünscht sich sein Liebchen in sein Bett!“

58

Er lacht.

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61

„Ich aber will in mein eigenes Bett,

denn draußen ist es mir zu kalt zum Schlafen!

Gute Nacht, Romeo!“,

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68


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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sagt Mercutio.

Er schlägt Benvolio auf die Schulter.

64

„Komm, lass uns gehen!“

65

„Du hast recht“,

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antwortet Benvolio.

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„Es ist aussichtslos, jemanden zu suchen,

der nicht gefunden werden will.“

69

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Die beiden verlassen den Platz und verschwinden in einer

dunklen Gasse.

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69


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

ZWEITE SZENE, TEIL 1

JULIAS BALKON

1

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4

5

6

Romeo schleicht sich vorsichtig durch den dunklen Park der

Capulets. Die Grillen fiepen. Ein Käuzchen schreit. Der Mond

leuchtet hell und rund.

Romeo hört, wie die Wächter sich leise unterhalten.

Er nähert sich dem Palast der Capulets.

In einigen Fenstern brennt noch Licht.

7

„Welches ist nur ihr Zimmer?“,

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9

fragt sich Romeo verzweifelt.

Plötzlich öffnet sich ein Vorhang.

10

„Was schimmert durch das Fenster dort?“,

11

denkt Romeo.

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14

„Ist das vielleicht meine Sonne Julia?

Geh auf, du schöne Sonne! Löse den Mond ab,

denn du bist viel schöner als er!“

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70


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Da tritt Julia auf ihren Balkon.

Sie trägt ein helles Nachthemd.

Ihre Haare fallen dunkel über ihre Schultern.

18

„Sie ist es!“,

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denkt Romeo aufgeregt.

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„Meine Göttin! Meine Liebe!

Wüsste sie nur, was sie mir bedeutet!“

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Julia lehnt sich an das steinerne Geländer des Balkons und

betrachtet verträumt den Sternenhimmel.

Romeo schleicht sich leise im Schatten der Bäume näher.

25

„Ihre Augen sind schön wie zwei Sterne!“,

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denkt Romeo verliebt.

27

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29

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„Wenn ihre Augen Sterne wären,

würden sie den Nachthimmel so hell erleuchten,

dass die Vögel singen würden, weil sie glaubten,

es sei Tag!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

31

32

Da beginnt Julia mit sich selbst zu sprechen.

Sie murmelt:

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„Wie unglücklich...!“

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Romeo nähert sich dem Balkon, um Julias Worte besser verstehen

zu können.

36

„Sprich weiter, mein strahlender Engel!“,

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denkt er.

Julia hat noch nicht bemerkt, dass Romeo sie beobachtet.

39

„Oh Romeo! Warum heißt du nur Romeo?“,

40

spricht Julia leise.

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45

„Verleugne deinen Vater

und lege deinen Namen ab!

Wenn du das nicht kannst,

dann schwöre mir deine Liebe

und ich will keine Capulet mehr sein!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Romeo weiß nicht, ob er sich noch länger verstecken soll.

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„Soll ich noch länger zuhören

oder soll ich lieber antworten?“,

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denkt er aufgeregt.

Doch Julia redet schon weiter.

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„Denn nur dein Name ist mein Feind.

Du wärst doch derselbe,

auch wenn du nicht Montague heißen würdest!

Was bedeutet schon der Name Montague?

Er sagt nichts über deine Hand und deinen Fuß,

noch über deinen Arm und dein Gesicht

oder irgendein anderes Körperteil,

das zu einem Mann gehört.

Was ist schon ein Name?

Würde die Rose nicht auch ohne ihren Namen

lieblich duften? Genauso wäre Romeo auch ohne

seinen Namen trotzdem schön und zärtlich.“

63

Romeo kann sich kaum noch zurückhalten.

64

„Oh Romeo, lege deinen Namen ab!“,

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73


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

65

flüstert Julia verzweifelt.

66

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„Dein Name ist kein Teil von dir!

Nimm dafür mich, so wie ich bin!“

68

Romeo kommt aus dem Schatten der Bäume hervorgesprungen.

69

„Ich nehme dich beim Wort!“,

70

ruft er.

71

72

„Wenn du mich „Liebster“ nennst,

dann soll das mein neuer Name sein!“

73

Julia erschrickt.

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„Wer bist du, fremder Mann, der sich im Dunkel

der Nacht in meine Gedanken einmischt?“

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Sie hat Romeo noch nicht erkannt.

Romeo steht nun direkt unter Julias Balkon.

Der Mond beleuchtet ihn hell.

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74


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Meinen Namen kann ich dir nicht sagen,

du schöne Heilige!“,

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ruft er ihr zu.

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83

„Ich hasse meinen Namen, da er dein Feind ist.

Am liebsten würde ich ihn zerreissen!“

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Da erkennt Julia ihren Romeo.

Mit leuchtenden Augen antwortet sie:

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„Meine Ohren haben noch keine hundert Worte

aus deinem Mund gehört, doch ich habe dich

an deiner Stimme erkannt!

Bist du nicht Romeo, ein Montague?“

90

Romeo schüttelt den Kopf:

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„Meine Sonne! Wenn dir das lieber ist,

bin ich weder Romeo noch ein Montague!“

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75


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

ZWEITE SZENE, TEIL 2

LIEBESGEFLÜSTER

1

„Wie bist du nur hereingekommen?“,

2

fragt Julia besorgt.

3

4

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6

„Die Mauer, die unseren Park umgibt, ist sehr hoch.

Es ist schwer, sie zu überwinden. Und was ist,

wenn dich einer meiner Cousins hier findet!

Das wäre dein Tod!“

7

8

„Ich bin mit den leichten Flügeln der Liebe

über die Mauer geflogen“,

9

antwortet Romeo leidenschaftlich.

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11

12

„Steine können Liebe nicht aufhalten!

Und deine Verwandten können mich

erst recht nicht zurückhalten!“

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76


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

13

Julia sieht sich ängstlich um.

14

15

„Aber wenn sie dich sehen,

werden sie dich umbringen!“,

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flüstert sie.

Doch Romeo hat keine Angst.

18

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„Für deine schönen Augen nehme ich es auch

mit zwanzig bewaffneten Männern auf!“,

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ruft er.

21

„Leise!“,

22

flüstert Julia.

23

„Ich will nur nicht, dass sie dich hier finden!“

24

25

„Der dunkle Mantel der Nacht schützt mich

vor ihren Blicken!“,

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77


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

26

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entgegnet Romeo übermütig.

Dann senkt er seine Stimme.

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30

31

„Wenn du mich jedoch nicht liebst,

dann sollen sie mich gerne finden!

Denn lieber würde ich durch ihren Hass sterben

als ohne deine Liebe weiterleben!“

32

Julia versteckt ihr Gesicht hinter den Händen.

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39

„Wenn es nicht so dunkel wäre, würdest du sehen,

dass meine Wangen rot vor Scham sind.

Es ist mir unangenehm, dass du mitgehört hast,

was ich vorhin sagte!

Ein Mädchen sollte sich vor einem jungen Mann

nicht so hemmungslos vehalten.

Gerne würde ich alles zurücknehmen!“

40

41

Julia macht eine kurze Pause.

Dann fährt sie heiter fort:

42

„Doch egal!“

43

Sie beugt sich weit über den Balkon und flüstert Romeo zu:

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78


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

44

„Sag mir, Romeo, liebst du mich wirklich?“

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Romeo will etwas antworten, doch Julia lässt ihn

nicht zu Wort kommen.

47

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„Ich weiß, dass du ja sagen wirst

und ich will es dir gerne glauben.

Ich bitte dich nur: Schwöre nichts,

denn Liebesschwüre sind oft falsch.“

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Sie stützt ihr Gesicht in ihre Hände.

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„Oh schöner Romeo!

Wenn du mich wirklich liebst,

dann sag es mir offen und ehrlich.“

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Romeo nickt freudig mit dem Kopf.

Doch bevor er etwas sagen kann, kommt ihm Julia wieder zuvor:

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59

60

„Doch wenn dir dies alles zu schnell geht,

dann möchte ich lieber widerspenstig sein.

Ich will auf keinen Fall, dass du denkst,

ich sei leicht zu haben!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Julias Gesicht ist besorgt.

62

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„Glaube mir, Romeo, ich bin treuer und ehrlicher

als alle diese Mädchen, die so tun, als ob sie

besonders keusch und treu wären!“

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69

Romeo kann nicht mehr an sich halten und klettert schnell

an dem kräftigen Efeu, der sich über die gesamte Wand des

Palastes erstreckt, empor. Er erreicht Julias Balkon und

hält sich an dessen steinernem Geländer fest.

Romeo sieht Julia tief in die Augen.

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„Ich schwöre beim heiligen Mond,

der hell wie silber die Baumkronen beleuchtet...“

72

Julia weicht einen Schritt zurück.

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75

„Nein! Schwöre nicht beim Mond!

Er verändert sich doch ständig!

Wird sich deine Liebe genau so ständig ändern?“

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Romeo ist ratlos.

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„Worauf soll ich denn dann schwören?“,

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80


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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fragt er vorsichtig.

Julia umarmt ihn stürmisch.

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„Schwöre gar nicht!

Oder schwöre bei dir selbst,

denn du bist es, den ich anbete!“

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Romeo küsst Julia auf den Hals.

84

„Wenn die Liebe meines Herzens...“,

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beginnt er vorsichtig.

Doch Julia unterbricht ihn leidenschaftlich.

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90

„Schwöre lieber nicht!

Ich freue mich, dich zu sehen!

Doch unsere Liebesschwüre erscheinen mir

in dieser Nacht zu stürmisch und zu unüberlegt!“

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Sie überlegt.

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„Sie gleichen einem hellen Blitz, der schon

nicht mehr zu sehen ist, wenn man sagt: Es blitzt!

Verstehst du, was ich meine?“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Romeo nickt.

Julia küsst ihn und fährt dann fort:

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„Schlafe gut, mein Süsser!

Bis zu unserem nächsten Treffen

wird aus der Knospe unserer Liebe

eine schöne Blume werden!

Gute Nacht!“

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Julia gibt Romeo einen Abschiedskuss.

Romeo flüstert ihr ins Ohr:

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„Willst du mich so unbefriedigt verlassen?“

105

Julia weicht wieder einen Schritt zurück.

106

„Was für eine Befriedigung wünschst du denn noch?“,

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fragt sie irritiert.

Romeo beugt sich über das Balkongeländer.

109

„Ich habe dir meine Liebe geschworen“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

110

sagt er ernst.

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„Schwöre du sie auch mir!“

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Julia lacht und küsst Romeo stürmisch auf den Mund.

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„Ich schwor dir bereits meine Liebe,

bevor du darum gebeten hast!“

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Sie gibt ihm einen langen Kuss.

Dann sagt sie mit ernstem Gesicht:

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„Meine Liebe ist so tief und unendlich

wie das Meer. Je mehr Liebe ich dir gebe,

desto mehr Liebe bekomme ich zurück.“

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121

Da ruft die Amme nach ihr.

Julia erschrickt und antwortet laut:

122

„Ich komme schon!“

123

Sie flüstert Romeo zu:

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

124

„Warte kurz auf mich, ich komme gleich wieder!“

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Julia eilt zurück in ihr Zimmer.

Romeo ist überglücklich.

127

„Was für eine traumhaft schöne Nacht!“,

128

denkt er.

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„Ich habe nur Angst, dass das alles ein Traum ist.

Es ist zu schön, um wahr zu sein.“

131

Da erscheint Julia bereits wieder an ihrem Fenster.

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133

„Nur noch drei Worte, dann muß ich dir wirklich

eine gute Nacht wünschen!“,

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flüstert sie hastig.

Sie pflückt eine der großen, duftenden Rosen, die über das

Geländer ihres Balkons wachsen.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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142

„Wenn deine Liebe wirklich ernst gemeint ist

und wenn du mich heiraten möchtest,

dann gib mir morgen Bescheid.

Ich werde dir jemanden schicken.

So kannst du mir übermitteln, wo und wann

die Trauung stattfinden soll.“

143

Julia überreicht Romeo die dunkelrote Rose.

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„Ich werde dir dann mein ganzes Glück zu Füßen

legen und dir bis ans Ende der Welt folgen.“

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147

Romeo ist sprachlos.

Genau in diesem Moment ruft die Amme noch einmal.

148

„Ich komme schon!“,

149

150

antwortet Julia laut.

Zu Romeo gewandt fährt sie leise fort:

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152

„Doch wenn du es nicht ernst meinst,

dann bitte ich dich...“

153

Die Amme ruft wieder:

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85


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

154

„Fräulein!“

155

Julia rollt verärgert mit den Augen.

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„Ich komme ja!“,

157

antwortet sie und fährt dann leise fort:

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„...höre auf, mich zu umwerben

und lasse mich allein mit meiner Trauer.“

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Sie gibt Romeo einen letzten Kuss.

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162

„Ich sende dir morgen früh jemanden zu!

Und nun gute Nacht!“

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Mit einem letzten liebevollen Blick auf Romeo huscht sie

in ihr Zimmer zurück.

Romeo sieht ihr nach. Sein Herz schlägt schnell.

Dann klettert er wieder an dem Efeu herunter und

will zwischen den Bäumen verschwinden.

Doch da hört er Julia seinen Namen rufen. Er blickt nach oben.

Julia ist noch einmal auf den Balkon zurück gekommen.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

170

Romeo klettert sofort zu ihr empor.

171

„Ja meine Liebe?“,

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173

flüstert er atemlos.

Julia küsst ihn und flüstert in sein Ohr:

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„Um wieviel Uhr soll ich dir morgen

jemanden schicken?“

176

„Um neun“,

177

antwortet Romeo und küsst Julia zurück.

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181

„Gut. Ich werde es nicht vergessen.

Ich habe den Eindruck, es dauert noch

zwanzig Jahre bis dahin... Ich möchte am liebsten,

dass du für immer hier bleibst!“

182

„Dann werde ich eben für immer hier bleiben!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

183

Julia umarmt ihn fest.

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„Es wird schon fast Tag! Du solltest gehen!

Ansonsten lasse ich dich bis zum frühen Morgen

nicht mehr los!“

187

Sie verschwindet in ihrem Zimmer.

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„Schlafe gut meine Sonne!“,

189

ruft ihr Romeo nach.

190

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192

„Ich werde gleich zu Bruder Lorenzo gehen,

um ihm mein Glück zu berichten

und ihn um Hilfe zu bitten!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

DRITTE SZENE

BRUDER LORENZO

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Vor den Mauern der Stadt Verona liegt ein altes Kloster.

Es wurde vor langer Zeit erbaut.

Neben dem großen Eingangstor der zum Kloster gehörigen Kirche

sind unzählige Figuren in den hellen Stein gehauen.

Darüber ist eine gewaltige Fensterrose zu sehen.

Durch die aus tausenden von farbigen Glasstücken bestehenden

Fenster fällt Tageslicht in das Gebäude.

Neben der strahlend weißen Kirche erhebt sich ein rotbrauner

Wehrturm mit kleinen Fenstern.

Hinter dem Turm befindet sich der Klostergarten.

Der Ordensbruder Lorenzo pflegt die große Anzahl an Pflanzen

und Kräutern aus aller Welt.

Es ist früh am Morgen.

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„Es ist schon faszinierend,

was uns die Mutter Erde so schenkt!“,

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denkt Bruder Lorenzo.

Er hat gerade eine seltene Pflanze gegossen. Sie hat eine dicke,

weiße Knolle und dunkelgrüne, lange Blätter.

Diese Pflanze ist hochgiftig.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Lorenzo pflückt einige von ihren Stengeln und legt sie in seinen

Korb.

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„Es gibt so viele Pflanzen, Kräuter oder Steine,

die in ihrem Inneren geheime Kräfte besitzen.

Man muß sie nur richtig anwenden.

Doch wenn man sie missbraucht,

können sie viel Unheil anrichten“,

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überlegt er.

Er betrachtet die Giftpflanze.

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„Diese Pflanze hier sieht so harmlos aus.

Und sie riecht gut!

Wenn man ihr Gift richtig anwendet,

ist es eine gute Medizin.

Doch wenn man sie in den Mund nimmt,

dringt ihr Gift in sekundenschnelle zum Herzen

und bringt den sicheren Tod.“

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In diesem Moment eilt Romeo in den Klostergarten.

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„Guten Morgen, mein guter Vater!“,

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ruft er stürmisch.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Lorenzo richtet sich auf.

Er kennt Romeo seit langem. Schon oft hat ihm der Sohn der

Montagues seine Sorgen und Nöte gebeichtet.

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„Der Herr segne dich!“,

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antwortet der Ordensbruder und Priester.

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„Schon zu so früher Stunde

kommst du mich besuchen?

Wenn du jetzt schon aufgestanden bist,

dann beschäftigt dich sicherlich etwas.

Denn mit Sorgen kann man nie gut schlafen.

Also, was hat dich aus dem Bett geworfen?“

50

51

52

Lorenzo hält kurz inne.

Er bemerkt Romeos blasses Gesicht.

Seine Stirn legt sich in Falten.

53

54

„Oder hast du diese Nacht

etwa gar nicht geschlafen?“

55

„Stimmt!“,

SEITE

91


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

56

gesteht Romeo übermütig.

57

„Ich hatte besseres zu tun als schlafen!“

58

„Gott verzeihe dir deine Sünden!“

59

Der Bruder hebt seinen Blick zum Himmel.

60

„Warst du etwa bei Rosalinde?“

61

Romeo schüttelt den Kopf.

62

63

64

65

„Bei Rosalinde? Nein, ehrwürdiger Vater!

Ich habe sie schon längst vergessen!

Und ich habe auch vergessen,

wie traurig ich wegen ihr war.“

66

„Das freut mich, mein Sohn!“

67

68

Bruder Lorenzo klopft Romeo zufrieden auf die Schulter.

Romeos Liebeskummer machte ihm bereits Sorgen.

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92


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

69

70

71

72

Der Priester stellt seinen Korb ab.

Er merkt, daß Romeo ihm etwas anvertrauen will. Sie gehen

zusammen in den alten Säulengang, der den Klostergarten

umgibt. Dort ist es angenehm kühl und schattig.

73

„Aber wo warst du dann?“,

74

fragt Lorenzo erstaunt.

75

„Also...“,

76

beginnt Romeo und holt tief Luft.

77

78

79

80

81

„Ich war gestern auf dem Fest meines Feindes.

Dort hat mir ganz unerwartet jemand eine Wunde

zugefügt. Ich habe mich dann sofort gerächt.

Und für unsere beiden Wunden gibt es nur eine

heilige Medizin und die hast du, werter Vater!“

82

Lorenzo hat nichts von Romeos hastigen Worten verstanden.

83

84

85

„Hör auf, in Rätseln zu sprechen!

Sonst kann ich dir meine Antwort

auch nur in Rätseln geben!“

SEITE

93


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

86

Romeo strahlt den Bruder an.

87

88

89

90

91

92

„Ich habe mich in die schöne Tochter

des Capulet verliebt!

Ich habe ihr mein Herz geschenkt

und sie gab mir ihres zurück.

Damit wir nun endlich zusammen sein können,

fehlt uns nur noch eins...“

93

94

95

Romeo macht eine erwartungsvolle Pause.

Lorenzo sieht ihn fragend an.

Romeo ruft freudig:

96

„Wir möchten heiraten!“

97

Lorenzo zieht seine Stirn in Falten.

98

99

„Wie und wo und wann wir uns kennen gelernt

haben kann ich dir gleich noch erzählen!“,

100

erklärt Romeo.

101

102

„Doch bitte, lieber Vater, versprich mir,

uns noch heute zu verheiraten!“

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94


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

103

Der Ordensbruder bleibt stehen.

104

105

106

107

108

109

„Beim heiligen Franziskus!

Was ist das für eine Geschichte!

Hast du deine heißgeliebte Rosalinde

etwa schon aus deinem Herzen verbannt?

Liebt ihr jungen Männer denn nur mit den Augen

und nicht mehr mit dem Herzen?“

110

Lorenzo hebt die Hände zum Himmel.

111

112

113

114

„Noch vor kurzen hast du wegen Rosalinde

ganze Bäche an Tränen vergossen!

Ich kann mich noch an deinen Kummer erinnern.

Und jetzt ist das alles vergessen?“

115

116

117

Die Stimme des sonst ruhigen Ordensbruders ist lauter geworden.

Er ist verärgert.

Romeo versucht, sich zu verteidigen.

118

119

„Aber du hast doch selbst gesagt,

dass Rosalinde nichts für mich sei!“

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95


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

120

121

„Ja, aber nicht, weil du in sie verliebt warst,

sondern weil du sie übertrieben vergöttert hast!“

122

schimpft der Mönch.

123

124

„Aber du hast oft gesagt,

ich solle meine Liebe zu ihr beenden“,

125

126

entgegnet Romeo.

Lorenzo hebt wieder seine Arme zum Himmel.

127

128

„Aber doch nicht, um dich dann sofort wieder

in eine Neue zu verlieben!“

129

„Bitte, lieber Vater, verurteile sie nicht!“,

130

fleht Romeo.

131

132

„Das Mädchen, das ich jetzt liebe,

schenkt mir ihr Herz. Das tat die andere nicht.“

133

Der Bruder schüttelt seinen Kopf.

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96


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

134

135

„Rosalinde wusste anscheinend, dass deine Worte

zwar schön klingen, jedoch nur heiße Luft sind!“

136

137

138

Er seufzt.

Doch dann fällt Lorenzo etwas ein.

Er legt seinen Arm auf Romeos Schulter und führt ihn mit sich.

139

140

141

„Komm mit, du junger Flattergeist!

Lass uns ins Kloster gehen!

Ich bin aus einem einzigen Grund bereit, dir zu helfen.“

142

Romeo sieht seinen Priester mit fragendem Blick an.

143

144

145

„Denn vielleicht schafft es eure glückliche Liebe,

dass eure beiden Familien sich nach langer Zeit

endlich wieder vertragen.“

146

Romeo strahlt.

147

„Lass uns schnell gehen!“,

148

149

ruft er aufgeregt.

Romeo zieht den Mönch mit sich.

SEITE

97


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

150

151

15

Bruder Lorenzo lächelt.

Er mag das Leuchten in Romeos Augen.

Trotzdem mahnt er ihn:

153

„Wer schnell rennt, kann auch schnell stolpern.“

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98


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

VIERTE SZENE

DIE AMME

1

2

3

4

5

6

7

Es ist noch früh am Morgen.

Doch die Sonne blendet bereits. Der Tag wird heiß werden.

Einige Bauern sind auf dem Weg zum Markt. Sie ziehen ihre

voll beladenen Obst- und Gemüsewagen hinter sich her.

Benvolio und Mercutio sitzen auf den Treppen der alten Arena auf

der großen Piazza Brà und unterhalten sich.

Sie reden über Romeo.

8

„Wo zum Teufel kann Romeo nur stecken?“,

9

fragt Mercutio und zwinkert seinem Freund verschmitzt zu.

10

„Kam er heute Nacht nicht nach Hause?“

11

Benvolio grinst und schüttelt den Kopf.

12

13

„Ich habe mit einem Diener gesprochen.

Romeo kam gestern Nacht nicht nach Hause.“

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99


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

14

Mercutio lacht.

15

16

17

„Rosalinde, das sture Weib!

Sie quält den armen Romeo so sehr,

dass er noch verrückt wird!“

18

19

Benvolio stimmt Mercutio lachend zu.

Dann berichtet er von den Neuigkeiten aus dem Hause Montague:

20

21

22

„Stell dir vor, Capulets Neffe Tybalt hat Romeo

einen Brief geschickt! Er fordert ihn darin zum

Duell heraus.“

23

Mercutio legt seine Stirn in Falten.

24

„Das ist eine Provokation!“

25

Benvolio nickt.

26

Romeo wird ihm zeigen, daß er keine Angst hat!“

27

„Der arme Romeo!“,

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100


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

28

spottet Mercutio, der wieder in bester Stimmung ist.

29

30

31

„Er ist doch jetzt schon tot! Sein Herz ist

von Amors blindem Pfeil tödlich getroffen!

Wie soll er es da noch mit Tybalt aufnehmen?“

32

Benvolio winkt verächtlich ab.

33

„Wer ist schon Tybalt?“

34

Mercutios Gesicht wird ernst.

35

36

37

38

39

40

41

„Was seine Fechtkunst betrifft ist er jedenfalls

nicht von Pappe! Er kennt alle Regeln, ficht

konzentriert und ruhig und ist sehr mutig.

Und plötzlich hat er Dir seinen Degen mitten

in die Brust gestoßen. Er würde selbst einen kleinen

Hemdknopf genau in der Mitte treffen.

Ein echter Kämpfer!“

42

43

Mercutio hat großen Respekt vor den Fechtkünsten Tybalts.

Aber er macht sich auch über Tybalts Angeberei lustig:

44

„Und wie gerne er mit seinem Wissen prahlt!

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101


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

45

46

47

‚Welch göttliche Passade!‘,

‚eine doppelte Finte!‘,

‚eine sehr gute Klinge!‘...“

48

Mercutio äfft Tybalt nach.

49

50

51

52

„Er redet wie einer dieser aufgeblasenen

französischen Fechter mit ihren gezierten

Ausdrücken. Ich kann diese ausländischen

Schmetterlinge nicht leiden!“

53

54

Benvolio muss lachen.

Plötzlich zeigt er aufgeregt in die Ferne.

55

„Da kommt Romeo!“,

56

57

ruft er. Er winkt Romeo zu.

Der Sohn der Montagues kommt auf die beiden zu.

58

„Bonjour, lieber Romeo!“,

59

begrüßt ihn Mercutio.

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102


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

60

61

„Da hast du uns aber einen schönen Streich

gespielt heute Nacht!“

62

„Guten Morgen!“,

63

antwortet Romeo gut gelaunt.

64

„Was für einen Streich?“

65

66

„Na, du hast dich doch davongestohlen

wie ein Dieb!“,

67

entgegnet Mercutio vorwurfsvoll.

68

„Das tut mir leid, guter Mercutio!“,

69

entschuldigt sich Romeo.

70

„Aber ich hatte etwas sehr Wichtiges vor...“

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103


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

71

72

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74

75

76

Romeo will seinen Freunden endlich von Julia

und der bevorstehenden Hochzeit erzählen.

Doch Mercutio hört ihm gar nicht mehr zu.

Denn eine ältere Frau in einem eleganten Kostüm kommt auf die

drei jungen Männer zu. Sie wird begleitet von einem jungen und

schmächtigen Diener. Sie schwitzt.

77

„Was für ein prächtiger Aufzug!“,

78

79

80

81

spottet Romeo.

Er hat die Frau sofort erkannt: Es ist Julias Amme.

Sie bleibt vor den drei jungen Männern stehen und stemmt die

Hände in die Hüften.

82

„Diener!“,

83

ruft sie dann laut.

84

„Was wünschen Sie, gnädige Frau?“,

85

antwortet der Diener mit schüchterner Stimme.

86

„Meinen Fächer!“,

SEITE

104


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

87

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bellt die Amme.

Mercutio macht sich über sie lustig.

89

90

91

„Gib ihn ihr schnell, Diener,

damit sie ihr Gesicht dahinter versteckt!

Denn der Fächer ist hübscher als ihre Rübe!“

92

93

94

Mercutio lacht schallend los. Auch Benvolio und Romeo

können ein Lachen nicht verkneifen.

Die Amme blickt die drei böse an.

95

„Schönen guten Morgen, die Herren!“,

96

faucht sie.

97

„Schönen guten Abend, schönes Fräulein!“,

98

prustet Mercutio zurück.

99

„Was für ein ungezogener Mann!“

100

Die Amme verzieht ihr Gesicht.

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105


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

101

102

„Doch sagt mir, werte Herren, könnt ihr mir verraten

wo ich den jungen Romeo finde?“

103

„Das bin ich!“,

104

meldet sich Romeo.

105

106

„Dann möchte ich gerne unter vier Augen

mit dir sprechen!“

107

108

Die Amme macht ein geheimnisvolles Gesicht.

Mercutio prustet wieder los.

109

„Sie ist eine Kupplerin! Sie ist eine Kupplerin!“

110

„Unter vier Augen!“,

111

112

faucht die Amme nochmals und wirft Mercutio einen bösen

Blick zu. Romeo schickt seine Freunde weg.

113

„Ich komme euch nach!“,

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106


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

114

sagt er.

115

„Lebe wohl du alte Schöne!“,

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117

ruft Mercutio der Amme laut lachend zu.

Dann verschwindet er mit Benvolio in einer schmalen Gasse.

118

„Was ist denn das für ein unverschämter Kerl?“,

119

schimpft die Amme.

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„Ich zittere am ganzen Körper vor Ärger!

So ein Rüpel!“

122

Sie rollt mit den Augen.

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127

128

129

„Doch weswegen ich gekommen bin:

Das junge Fräulein Julia schickt mich, um dir

etwas mitzuteilen.

Doch ich möchte dich stattdessen warnen:

Wenn du sie nur an der Nase herumführen möchtest

und es nicht ernst mit ihr meinst, dann wäre das

sehr unfair dem jungen Fräulein gegenüber!“

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107


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

130

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„Sie können sich auf mich verlassen,

das verspreche ich!“

132

beteuert Romeo.

133

134

135

„Bitte sagen Sie ihr, daß sie heute Nachmittag

ins Kloster zu Bruder Lorenzo zur Beichte gehen soll.

Dort soll unsere Trauung statt finden!“

136

137

138

Romeo strahlt die Amme glücklich an.

Dann drückt er ihr ein großzügiges Trinkgeld in die Hand.

Die Amme ist entzückt.

139

„Das wird sie freuen!“

140

sagt sie und steckt das Geld schnell in ihre Tasche.

141

142

„Heute Nachmittag sagtest du?

Ich werde es ihr ausrichten. Sie wird dort sein.“

143

„Noch etwas!“

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108


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

144

Romeo flüstert der Amme leise ins Ohr:

145

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147

148

„Warte bitte hinter dem Kloster auf meinen Diener.

Er wird dir eine Strickleiter geben, die du an Julias

Fenster befestigen sollst. So kann ich heute Nacht

zu meiner schönen Frau klettern.“

149

Die Amme zieht ihre Stirn in Falten.

150

151

„Wird das auch wirklich geheim bleiben?

Ist dein Diener denn verlässlich?“

152

153

Sie will nicht, dass die Leute in Verona von Romeos

nächtlichem Besuch bei Julia erfahren.

154

155

„Denn eigentlich ist Julia dem Grafen Paris

versprochen und ich will nicht...“

156

Romeo beschwichtigt die Amme.

157

158

159

„Auf meinen Diener ist Verlass!

Geh nun los! Wenn du deine Arbeit gut machst,

werde ich dich gut belohnen!“

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109


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

160

Die Amme strahlt.

161

„Und sage Julia liebe Grüsse von mir!“,

162

bittet Romeo.

163

164

„Das mache ich, du edler junger Mann,

das mache ich!“,

165

166

ruft die Amme und verschwindet glücklich.

Der Diener läuft ihr hinterher.

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110


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

FÜNFTE SZENE

GEHEIMNISSE

1

2

3

Es ist Mittag.

Julia sitzt unter den schattigen Bäumen des Parkes und liest ein

Buch. Doch sie kann sich nicht richtig darauf konzentrieren.

4

„Wo ist denn nur die Amme geblieben?“,

5

fragt sich Julia besorgt.

6

7

8

„Seit neun Uhr ist sie nun schon weg!

Sie sollte schon längst wieder zurück sein.

Hat sie ihn vielleicht nicht gefunden?“

9

Julia schüttelt den Kopf.

10

11

12

„Das kann eigentlich nicht sein.

Wahrscheinlich ist sie einfach nur langsam.

Sie ist manchmal so träge und schwer wie Blei.“

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111


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

13

14

15

16

Julia ist ungeduldig.

In diesem Moment treten die Amme und der Diener durch das

große Eingangstor der Capulets.

Julia springt auf und läuft der Amme entgegen.

17

18

„Hast Du ihn getroffen?

Erzähle, liebe Amme, schnell!“

19

20

Die Amme schickt den Diener in den Palast zurück.

Dann blickt sie Julia sorgenvoll an.

21

„Mein Gott, warum blickst du so traurig?“,

22

23

24

fragt Julia.

Die Amme seufzt und stemmt die Hand in die Hüften.

Sie verzieht schmerzvoll ihr Gesicht.

25

26

27

28

„Ich bin müde, mein Kind!

Und meine Glieder tun mir weh!

Das war ein anstrengender Ausflug!

Gönne mir zuerst eine kleine Pause!“

29

Julia platzt fast vor Neugier.

SEITE

112


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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31

„Ich wünschte, ich hätte deine Neuigkeit

und du meine Glieder!“

32

seufzt sie.

33

34

„Nun erzähl doch schnell!

Ich bitte dich, liebe Amme!“

35

Die Amme hebt theatralisch ihre Augen zum Himmel.

36

37

„Wieso kannst Du nicht ein kleines Weilchen

warten? Siehst du nicht, dass ich außer Atem bin?“

38

39

40

Sie setzt sich schwerfällig auf eine Bank im Schatten

und schliesst die Augen.

Julia folgt ihr.

41

42

43

„Wie kannst du außer Atem sein,

wenn du genug Atem hast,

um mir zu sagen, dass du außer Atem bist?“

44

45

46

fragt sie.

Dann schmiegt sie sich an die Amme und streichelt ihre

rosigen Backen.

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113


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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48

„Sag mir doch zumindest, ob du eine gute

oder schlechte Nachricht bringst!“

49

50

fleht sie.

Die Amme holt tief Luft.

51

52

„Also!

Dein Romeo ist ein durchaus sehr schöner Mann!“

53

Sie lächelt verschmitzt.

54

55

56

„Er ist hübscher als alle anderen jungen Männer

Veronas! Da hast du eine gute Wahl getroffen,

mein Kind!“

57

Dann schliesst sie wieder ihre Augen.

58

„Hast du schon zu Mittag gegessen, mein Kind?“

59

fragt sie ganz nebenbei.

60

„Nein, habe ich noch nicht!“,

SEITE

114


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

61

ruft Julia ungeduldig.

62

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64

„Und alles, was du mir erzählst,

wusste ich doch schon zuvor!

Was hat er denn zu der Trauung gesagt?“

65

Die Amme seufzt laut.

66

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68

„Ach, ich habe solche Kopfschmerzen!

Ich habe den Eindruck, mein Kopf springt gleich

in tausend Stücke!“

69

Sie verzieht wieder ihr Gesicht.

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72

„Und mein Rücken! Mein armer Rücken!!!

Wenn du mich weiterhin so durch die Gegend

schickst, wirst du mich noch zu Tode hetzen!“

73

Julia schmiegt sich an sie.

74

75

„Das tut mir leid, dass du Schmerzen hast,

liebe Amme!“

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115


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Die Amme ist zufrieden.

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„Aber sage mir doch endlich,

was mein Liebster mir ausrichtet!“

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81

Julia blickt die Amme mit großen, flehenden Augen an.

Da beendet die Amme ihr Spiel.

Sie strahlt Julia an.

82

83

„Sag, mein Kind, hast du heute Nachmittag Zeit,

um zur Beichte zu gehen?“

84

85

Julia nickt gespannt.

Die Amme streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

86

87

88

„Dann mache dich schnell auf zum Kloster

von Pater Lorenzo! Dort erwartet dich ein edler

junger Mann, um dich zu heiraten!“

89

90

Julias Augen leuchten.

Sie umarmt ihre Amme.

91

„Ich bin so glücklich über diese Nachricht!“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

92

sagt sie.

93

„Los, beeile dich!“,

94

sagt die Amme und gibt Julia einen Kuss auf die Stirn.

95

„Dein zukünftiger Ehemann erwartet dich!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 2

SECHSTE SZENE

HOCHZEIT!

1

2

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8

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11

Während Julia auf die Amme wartet, ist Romeo ins Kloster von

Pater Lorenzo geeilt.

Der Mönch empfängt ihn in seiner winzigen Zelle.

Das Schlafzimmer Lorenzos ist schlicht und ohne Schmuck.

Neben einer Holzpritsche zum Schlafen gibt es nur einen kleinen

Tisch und zwei Stühle.

An der unverputzten Wand hängt ein Holzkreuz.

Auf dem Tisch liegt eine Bibel.

Romeo sitzt auf einem der kleinen hölzernen Stühle und erzählt

hastig von den Ereignissen. Der Pater hört ihm aufmerksam zu.

Als Romeo geendet hat, spricht Lorenzo:

12

13

„Gott soll eure Ehe segnen, damit euer gemeinsames

Leben frei von Problemen und Sorgen sei!“

14

„Amen!“,

15

bestätigt Romeo rasch.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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21

„Doch egal, wieviele Probleme auf mich zukommen

mögen! Nur eine einzige Minute mit Julia

ist allen Kummer wert!

Und wenn du uns mit deinem Segen verheiratest,

Pater, dann kann selbst der Tod unsere Liebe nicht

mehr zerstören.“

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23

Romeo ist außer Atem vor Aufregung.

Der Priester versucht ihn zu beschwichtigen.

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„Du bist zu stürmisch, lieber Romeo!

Und stürmische Freuden nehmen oft ein

stürmisches Ende. Selbst der süße Honig kann

dir verleiden, wenn du ihn im Übermaß verzehrst.

Drum liebe nicht zu stürmisch,

dann dauert die Liebe am längsten.“

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In der Zwischenzeit eilt Julia durch die Strassen von Verona.

Schon von weitem kann sie den weißen Glockenturm von San

Zeno sehen. Sie kennt den Weg zu Pater Lorenzo sehr gut.

Seit ihrer Kindheit besucht sie den Priester einmal pro Woche,

um bei ihm zu beichten.

Sie überquert den belebten Platz vor der Kirche und nimmt die

Stufen zum großen Eingangsportal mit wenigen Schritten.

Dann öffnet Julia die schwere Tür der Kirche.

Eine Taube flattert durch das Kirchenschiff.

Die Kirche ist menschenleer.

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119


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Nur durch die riesige Fensterrose dringt helles

Sonnenlicht ins Innere von San Zeno und zeichnet farbige Muster

auf dem Boden der Kirche.

Julia tritt ein.

Sie geht vor dem Altar in die Knie und macht das Kreuzzeichen.

Sie weiß, wo sie den Pater finden kann und verlässt die Kirche

durch eine Seitentür, die direkt ins Kloster führt.

Es klopft an der Tür der Zelle von Pater Lorenzo.

49

„... Da kommt das junge Fräulein schon!“

50

Der Priester öffnet.

51

„Guten Abend, ehrwürdiger Vater!“,

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54

begrüßt ihn Julia.

Lorenzo bittet sie in seine Zelle.

Romeo springt auf.

55

„Ach, Julia!“,

56

spricht er.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Bist du auch so überglücklich,

wenn wir zusammen sind?

Kannst du diese wundervollen Gefühle

mit Worten ausdrücken?“

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Julia nimmt seine Hand.

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„Ich finde nicht die richtigen Worte.

Aber meine Gefühle für dich sind größer,

als sich irgendjemand vorstellen kann.“

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Romeo beugt seinen Kopf um Julia zu küssen.

Doch Bruder Lorenzo unterbricht die beiden:

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„Kommt mit mir!

Wir werden schnell zur Sache schreiten.

Ich möchte nicht, dass ihr weitere Nächte

miteinander verbringt, bevor die Kirche euch

vereint hat.“

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73

Er zwinkert Romeo zu.

Die drei verlassen die Zelle und betreten die Kirche.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

ERSTE SZENE, TEIL 1

DAS DUELL

1

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4

5

Es ist bereits spät am Nachmittag.

Doch die Sonne brennt noch immer heiß vom Himmel.

Während Romeo und Julia sich in der Kirche das Ja-Wort geben,

laufen Benvolio, Mercutio und zwei Diener über die Piazza Bra.

Benvolio ist unruhig.

6

„Laß uns nach Hause gehen!“,

7

sagt er zu seinem Freund Mercutio.

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10

11

„Die Capulets sind in der Stadt unterwegs.

Und bei dem heißen Wetter sind sie

sicher auf Streit aus. Ich habe keine Lust,

hier einen unserer Feinde zu treffen!“

12

13

Er blickt sich ängstlich um.

Mercutio lacht.

SEITE

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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16

„Du bist doch selbst so ein streitsüchtiger Kerl!

Kaum hast Du zwei Gläser Bier getrunken,

greifst Du sogar den unschuldigen Kellner an!“

17

„Bin ich so schlimm?“,

18

fragt Benvolio mit gespieltem Entsetzen und grinst.

19

„Du bist der hitzigste Kerl ganz Italiens!“,

20

lacht Mercutio.

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30

31

„Wenn es zwei von deiner Sorte gäbe,

würden sie sich sofort umbringen.

Du legst dich doch mit einem an,

wenn der nur ein Barthaar mehr hat als du!

Weißt Du noch?

Einmal hast du jemanden angemacht,

der nur gehustet hatte, und ihm vorgeworfen,

er hätte mit seinem Husten deinen Hund geweckt,

der in der Sonne schlief!

Und ausgerecht du willst mir etwas über die

streitlustigen Capulets erzählen!“

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124


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

32

Mercutio gibt Benvolio einen Hieb in die Seite.

33

„Wenn ich so hitzig wäre wie du, lieber Freund“,

34

antwortet Benvolio,

35

„dann würde ich keine zwei Stunden mehr leben!“

36

Er lacht und boxt Mercutio zurück.

37

„Zwei Stunden?“,

38

ruft Mercutio.

39

„Noch nicht einmal eine einzige Stunde!“

40

41

Sie kämpfen im Spass miteinander.

Doch plötzlich hält Benvolio inne.

42

„Ich habe es befürchtet!“,

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125


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

43

sagt er erschrocken und zeigt auf die andere Seite des Platzes.

44

„Die Capulets!“

45

46

Tybalt und einige seiner Freunde kommen direkt auf die beiden zu.

Es sieht tatsächlich so aus, als ob sie Streit suchten.

47

„Sie sollen ruhig kommen!“,

48

49

50

51

52

53

schnaubt Mercutio verächtlich.

Er kann Tybalt nicht leiden.

Tybalt ist immer noch verärgert darüber, dass Benvolio und

Romeo ohne Einladung auf dem Fest der Capulets waren.

Seine Augen blitzen gefährlich.

An seiner Seite glänzt sein eleganter Degen in der Sonne.

54

„Guten Tag, meine Herren!“,

55

sagt Tybalt mit gereizter Stimme.

56

„Ich würde gerne ein Wort mit euch reden!“

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126


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

57

Mercutio stellt sich vor Tybalt auf.

58

59

„Möchtest Du nur ein Wort

oder nicht lieber auch einen Schlag?“,

60

61

antwortet er scharf.

Benvolio hält die Luft an.

62

63

„Den Schlag kannst du gerne haben,

wenn du mich weiter herausforderst!“,

64

65

66

zischt Tybalt.

Er steht Mercutio aggressiv gegenüber.

Sein ganzer Körper ist vor Ärger angespannt.

67

„Wo ist denn Romeo, dein Schatz?“,

68

fragt er und blickt Mercutio herausfordernd an.

69

Romeo, mein Schatz?“,

70

71

entgegnet Mercutio langsam.

Seine Augen verengen sich zu Schlitzen.

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127


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

72

Er legt seine Hand auf seinen Dolch.

73

„Willst du meinen wahren Liebling spüren?“

74

75

Da greift Benvolio ein.

Er versucht, die beiden Streithähne zu trennen.

76

„Wir sind hier auf einem öffentlichen Platz!“,

77

ruft er verzweifelt.

78

79

80

„Alle gaffen uns an!

Entweder ihr sucht euch einen stilleren Ort, um euch

zu bekriegen, oder ihr kühlt euch erst einmal ab!“

81

Doch Mercutio winkt nur verächtlich ab.

82

83

„Lass sie nur gaffen!

Ich bewege mich keinen Schritt weg von hier!“,

84

85

sagt er.

Tybalt nickt.

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128


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

86

„Ich auch nicht!“,

87

88

89

90

91

92

zischt er.

Da sieht Benvolio, wie Romeo auf sie zukommt.

Er trägt immer noch seinen schönen Anzug von der Trauung.

Benvolio macht Romeo ein Zeichen, zu verschwinden.

Doch Romeo versteht ihn nicht und kommt auf die Gruppe zu.

Er bemerkt sofort, daß die Stimmung aufs Äußerste gereizt ist.

93

„Ah! Da kommt ja mein Mann!“,

94

95

ruft Tybalt laut, als er Romeo bemerkt.

Tybalt baut sich vor Romeo auf.

96

97

„Hör mir gut zu, Romeo:

Du bist ein elendiger Schurke!“,

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99

100

101

102

sagt er verächtlich und spuckt ihm vor die Füße.

Romeo schluckt. Tybalt hat ihn schwer beleidigt.

Eigentlich müsste er nun gegen ihn kämpfen,

um seine Ehre zu retten.

Doch Romeo versucht, seinen Ärger zu verdrängen.

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129


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

103

104

„Ich kann doch nicht gegen den Cousin

meiner geliebten Julia kämpfen!“,

105

denkt er und antwortet dem ahnungslosen Tybalt:

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113

„Aus einem ganz bestimmten Grund

kann ich dich nicht hassen, lieber Tybalt.

Deshalb empfinde ich nicht die Wut,

die dein Gruß eigentlich verdient.

Ich sehe aber, dass du mich schlecht kennst,

denn ich bin kein Schurke.

Deswegen kann ich dir nur antworten:

Lass mich in Ruhe, Tybalt!“

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119

Romeo dreht sich um und will gehen.

Tybalt ist sprachlos.

Damit hat er nicht gerechnet.

Mercutio will etwas sagen. Er kann es nicht ertragen,

dass sein Freund diese Beleidigung einfach so hinnehmen möchte.

Doch Tybalt kommt ihm zuvor.

120

„So geht das nicht, du Weichling!“,

121

schreit er wütend.

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130


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

122

123

„Das reicht nicht, um meine Ehre wieder herzustellen!

Komm zurück und ziehe deinen Degen!“

124

Romeo dreht sich um und blickt Tybalt ruhig an.

125

„Ich schwöre dir“,

126

sagt er,

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129

130

„ich wollte niemals deine Ehre verletzen.

Ich liebe dich mehr, als du dir vorstellen kannst.

Eines Tages wirst du wissen, warum.

Deshalb lass es gut sein, guter Capulet!“

131

„Was für eine widerliche Unterwürfigkeit!“

132

133

134

Mercutio kann sich nicht mehr zurückhalten.

Entsetzt über Romeos friedliche Worte zieht er seinen Degen

und richtet ihn auf den Katzenfürsten.

135

„Tybalt, du Rattenfänger! Kämpfe gegen mich!“

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131


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

136

137

Er richtet den Degen auf Tybalt.

Doch dieser lächelt nur verächtlich.

138

„Was willst du denn von mir?“

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141

„Ich will nichts weiter als eines deiner neun

Katzenleben! Bist du zu feige?

Zieh endlich deinen Degen!“,

142

143

antwortet Mercutio entschlossen.

Er möchte an Romeos Stelle das Duell gegen Tybalt ausfechten.

144

„Wenn du es so wünschst: Ich stehe zu Diensten!“,

145

146

147

lächelt Tybalt böse und zieht seinen Degen.

Die beiden nehmen Position an.

Romeo will Mercutio zurückhalten.

148

„Steck deinen Degen wieder ein, Mercutio!“,

149

150

bittet er seinen Freund.

Doch der stößt Romeo unfreundlich weg.

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132


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

151

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„Komm nur her, Tybalt,

und zeig mir, was du kannst!“

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156

Die beiden bekämpfen sich erbittert.

Sie wissen, dass keiner freiwillig aufgeben wird.

Die Degen blitzen gefährlich in der Sonne.

Romeo ist entsetzt. Das hat er nicht gewollt.

157

„Zieh, Benvolio!“,

158

bittet er seinen Freund,

159

„Gehe dazwischen!“

160

Er selbst bittet die Kämpfenden, den Kampf einzustellen.

161

162

„Schämt euch doch! Hört auf mit dem Irrsinn!

Tybalt! Mercutio!“,

163

164

ruft er vergeblich.

Doch die beiden beachten ihn gar nicht.

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133


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

ERSTE SZENE, TEIL 2

MERCUTIOS TOD

1

2

3

4

5

6

Mercutio kann sich zunächst gut verteidigen.

Er schafft es sogar, Tybalt einige Schritte zurückzudrängen.

Doch da kommt Tybalt erst richtig in Fahrt.

Er wehrt jeden Schlag Mercutios gekonnt ab und schwingt seinen

scharfen Degen gefährlich schnell durch die Luft. Er ist Mercutio

im Fechten weit überlegen.

7

8

„Der Prinz hat Duelle auf der offenen Strasse

ausdrücklich verboten!“,

9

ruft Romeo.

10

„Hör auf, Tybalt! Und du auch, Mercutio!“

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15

16

Doch der Kampf geht weiter.

Tybalt drängt Mercutio nun immer weiter zurück.

Seine Schläge werden schneller.

Mercutio hat Mühe, sich zu verteidigen.

Da stellt sich Romeo zwischen die beiden.

Er will die beiden Kämpfer trennen.

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134


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

17

18

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20

21

22

Doch plötzlich sticht Tybalt zu.

Sein Degen saust unter Romeos Arm hindurch.

Er trifft Mercutio in die Seite. Mercutio erstarrt.

Er lässt seinen Degen fallen.

Romeo ist unverletzt. Er dreht sich zu seinem Freund um.

Mercutio hält sich die Wunde zu.

23

„Ich bin verletzt“,

24

flüstert er. Er sinkt in die Knie.

25

„Die Pest auf eure beiden Häuser!“,

26

ruft er.

27

„Ist es schlimm?“,

28

fragt Benvolio erschrocken.

29

„Ein Ritzer, nichts als ein Ritzer!“,

30

ruft Mercutio verzweifelt.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

31

„Holt mir einen Arzt!“

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34

Unter seiner Hand quillt Blut hervor.

Tybalt und seine Anhänger ziehen sich leise zurück.

Romeo kniet neben Mercutio nieder.

35

36

„Hab keine Angst, mein Freund!

So tief kann die Wunde nicht sein!“,

37

38

39

sagt er beruhigend.

Doch er sieht die Unmengen an Blut, die aus der Wunde quellen.

Verzweifelt presst er seine Hände darauf.

40

„Sie ist nicht so tief wie ein Brunnen“,

41

flüstert Mercutio,

42

43

44

„aber sie ist tief genug.

Wenn du morgen nach mir fragst,

werde ich bereits unter der Erde liegen!“

45

Er atmet schwer.

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136


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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49

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51

„Von so einem Angeber getötet!

Warum, zum Teufel?

Er hat Würmerfrass aus mir gemacht!

Wieso hast mich abgelenkt?

Direkt unter deinem Arm hindurch

wurde ich erstochen!“

52

53

54

Mercutios Stimme klingt vorwurfsvoll.

Romeo ist verzweifelt.

Die Tränen laufen ihm über das Gesicht.

55

„Ich meinte es doch nur gut!“,

56

57

antwortet er.

Mercutio versucht, aufzustehen.

58

„Hilf mir, in mein Haus zu kommen!“,

59

bittet er Benvolio.

60

„Ich werde sonst mitten auf der Straße ohnmächtig!“

61

62

Auf Benvolios Schulter gestützt schleppt er sich in eines der

umliegenden Häuser, um sich dort hinlegen zu können.

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137


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

63

„Die Pest auf eure beiden Familien!“,

64

65

66

schreit er, bevor er im Dunkel des Hauses verschwindet.

Romeo bleibt allein zurück.

Er macht sich schwere Vorwürfe.

67

68

69

„Meinetwegen wurde Mercutio, der edle Held,

schwer verwundet. Und meine Ehre

ist durch Tybalts Beleidigungen beschmutzt“,

70

denkt er.

71

72

73

„Hat mich die Hochzeit mit Julia

so sehr verweichlicht, dass ich meine Tapferkeit

verloren habe?“

74

75

Nach einiger Zeit kommt Benvolio mit gesenktem Kopf zurück.

Seine Hände sind voller Blut.

76

„Oh Romeo! Unser tapferer Freund ist tot!“,

77

78

79

sagt er mit gebrochener Stimme.

Romeo kann die Neuigkeit kaum glauben.

Er schüttelt den Kopf.

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138


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

80

81

„Dieser Tag bringt nur Unglück!

Wie soll das noch enden?“

82

83

84

85

86

Er vergräbt sein Gesicht zwischen seinen Händen.

Der Himmel verfinstert sich.

Die Sonne verschwindet hinter dunklen Wolken.

Immer noch kniet Romeo an der Stelle, an der sein Freund

erstochen wurde. Benvolio bewacht ihn.

87

„Da kommt der wütende Tybalt zurück!“,

88

89

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91

bemerkt Benvolio plötzlich erschrocken.

Tatsächlich ist Tybalt mit einigen seiner Anhänger

auf die Piazza Bra zurückgekommen.

Romeos Gesicht verfinstert sich.

92

„Er ist am Leben! Und mein Freund erstochen!“,

93

94

ruft er wütend und zieht entschlossen seinen Degen.

Sein Gesicht ist hassverzerrt.

95

96

97

„Meine Wut soll mich nun leiten!

Nimm den „elenden Schurken“ zurück, Tybalt!

Mercutios Geist schwebt noch über uns.

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139


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

98

99

Er wartet darauf, dass einer von uns

mit ihm in den Himmel aufsteigt.“

100

Romeo geht auf Tybalt zu und schreit:

101

„Du oder ich! Oder wir sterben beide!“

102

Er beginnt, Tybalt zu bekämpfen.

103

„Du wirst sterben wie er, du Narr!“,

104

antwortet Tybalt und greift Romeo seinerseits an.

105

„Das werden wir ja sehen!“

106

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Romeo hat keine Angst vor Tybalt.

Zu groß ist seine Trauer über Mercutios Tod.

Er kämpft mit all seiner Kraft und Schnelligkeit.

Sein Degen fliegt durch die Luft.

Doch auchTybalt merkt, dass es in diesem Kampf um Leben und

Tod geht. Als Romeo nicht schnell genug ausweicht, fügt ihm

Tybalt eine Schnittwunde am Arm zu.

Doch Romeo bemerkt den Schmerz kaum.

Er gibt nicht auf.

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140


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Es gelingt ihm, Tybalts weitere Stöße erfolgreich abzuwehren.

Einige Bürger sind stehen geblieben.

Sie beobachten mit Entsetzen den brutalen Kampf.

Romeo ist wild entschlossen, seinen Freund zu rächen.

Als Tybalt zu einem Stoß ausholt, nutzt Romeo die Gelegenheit

und sticht zu. Er trifft mitten in Tybalts Brust.

Tybalt fällt zu Boden.

Er bewegt sich nicht mehr.

Die Menschen schreien auf.

124

„Was habe ich getan?“

125

126

Romeo starrt verwundert auf den leblosen Tybalt.

Benvolio packt Romeo am Arm und zerrt ihn fort.

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128

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130

131

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„Du musst fliehen, Romeo!

Die Menschen hier haben alles gesehen.

Tybalt ist tot! Steh nicht so versteinert herum!

Wenn sie dich ergreifen, wird dich der Prinz von

Verona zum Tode verurteilen!

Flieh! Schnell!“

133

Er stößt Romeo in eine enge Seitengasse.

134

„Verschwinde!“,

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141


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

135

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ruft er ihm zu.

Die Menschen scharren sich um den Toten.

Jeder will ihn gesehen haben.

138

„Wo ist der Mörder hingerannt?“,

139

sagen sie.

140

„Wer hat ihn fliehen sehen?“

141

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149

150

Es ensteht eine große Unruhe auf dem großen Platz.

Viele Menschen eilen herbei.

Die Nachricht von Mercutios und Tybalts Tod macht rasend

schnell in der gesamten Stadt die Runde.

Deswegen dauert es auch nicht lange, bis der Prinz von Verona

auf den Platz geritten kommt.

Sein Gesicht ist dunkel vor Ärger.

Auch Graf Capulet und seine Frau sowie der Graf und die Gräfin

Montague eilen herbei. Als die Gräfin Capulet den toten Tybalt

sieht, wirft sie sich laut schluchzend auf den leblosen Körper.

151

„Wer hat diesen grausamen Streit begonnen?“,

152

bellt der Prinz über die Köpfe der Menschen hinweg.

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142


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

153

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Keiner traut sich, etwas zu sagen.

Da meldet sich Benvolio mit schüchterner Stimme.

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158

159

160

„Ich kann berichten,

wie es zu dem unglücklichen Kampf kam.

Montagues Sohn Romeo hat Capulets Neffen

Tybalt, der hier liegt, erstochen.

Davor jedoch hat Tybalt den tapferen Mercutio,

euren Verwandten, getötet.“

161

162

163

Der Prinz zuckt zusammen.

Er wusste noch nichts von Mercutios Tod.

Die Gräfin Capulet heult auf.

164

165

„Mein Neffe! Tybalt!

Der Sohn meines Bruders!“,

166

weint sie.

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169

170

„Prinz von Verona! So seht doch!

Unser teures Blut wurde hier vergossen!

Dafür muss ein Montague mit seinem Blut büßen!

Das ist nur gerecht!“

171

Der Prinz wendet sich Benvolio zu.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

172

„Benvolio, erzähle: Wer hat den Streit begonnen?“

173

Benvolio berichtet stockend:

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„Das war der, der hier liegt.“

175

176

Er zeigt auf Tybalt.

Die Gräfin Capulet schluchzt auf.

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190

Romeo hat ihm gut zugeredet

und erinnerte ihn daran, dass Sie, werter Prinz,

solche Duelle verboten haben.

Er sagte dies sehr friedlich,

doch der erboste Tybalt wollte sich nicht beruhigen.

Er wollte von Frieden nichts wissen!

Deswegen hat er seinen spitzen Degen direkt auf

Mercutios Brust gesetzt und ihn herausgefordert.

Mercutio verteidigte sich daraufhin erfolgreich.

Romeo versuchte wieder, Frieden zu stiften

und rief: „Auseinander, Freunde!“

Doch Tybalt hörte nicht auf ihn und traf

den kräftigen Mercutio unter Romeos Arm hindurch

in die Seite. Daraufhin flüchtete er sofort.“

191

192

Benvolio macht eine Pause.

Der Prinz deutet ihm an, weiter zu sprechen.

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144


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

193

194

195

196

197

198

199

200

„Doch nur wenige Zeit später kam er wieder

zurück und griff Romeo an.

Ehe ich meine Waffe ziehen konnte,

um die beiden zu trennen, war der flinke Tybalt tot.

Er fiel hier zu Boden.

Romeo ist daraufhin geflüchtet.

Bestraft mich mit dem Tode,

wenn ich nicht die Wahrheit sage!“

201

202

„Er ist doch mit dem Sohn des Montague verwandt!

Er lügt aus Freundschaft zu Romeo!“,

203

kreischt die Gräfin Capulet Tränen überströmt.

204

205

206

207

„Ich flehe Euch an, werter Prinz,

gewährt uns Gerechtigkeit!

Romeo hat Tybalt getötet!

Also muss auch Romeo sterben!“

208

209

Der Prinz runzelt seine Stirn.

Mit verbitterter Stimme sagt er:

210

211

212

„Tybalt hat Mercutio getötet.

Romeo hat Tybalt getötet.

Wer soll hier der Schuldige sein?“

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145


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

213

Die Gräfin Montague nickt bestätigend mit dem Kopf.

214

„Nicht mein Romeo, werter Prinz!“,

215

fleht sie mit schriller Stimme.

216

217

„Er war doch Mercutios Freund!

Er hat mit Tybalts Tod nur für Gerechtigkeit gesorgt!“

218

219

220

Sie weint.

Der Prinz überlegt. Seine Augen sind traurig.

Dann hebt er den Kopf und verkündet mit fester Stimme:

221

222

„Für seine Tat wird Romeo hiermit

aus Verona verbannt!“

223

224

225

Ein Raunen geht durch die Menschenmenge.

Die Gräfin Montague schluchzt auf.

Ihr Mann, der Graf, muss sie stützen.

226

„Ich bin selbst durch diese Streitereien betroffen!“,

227

fährt der Prinz fort.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

228

229

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231

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235

236

237

„Durch eure Streitereien ist nun auch das Blut

meiner Familie geflossen.

Ihr sollt meine Trauer bitter bereuen!

Ich werde mir eure Entschuldigungen und Bitten

nicht mehr anhören!

Es gibt nun auch keine Gnade mehr!

Romeo soll sofort fliehen!

Wenn man ihn jemals wieder hier in Verona

zu fassen bekommen, wird er dem Tod nicht

mehr entkommen!“

238

239

Er macht eine kurze Pause.

Dann befielt er seinen Dienern:

240

„Tragt nun diese Leiche weg!“

241

242

243

244

245

Zwei Männer packen den leblosen Körper

und schleppen ihn von der Piazza Bra.

Die Gräfin Capulet folgt ihnen schluchzend.

Der Prinz wendet sich noch einmal zu seinem Volk.

Mit lauter Stimme fügt er hinzu:

246

247

248

„Erinnert euch gut an meine Befehle!

Wer bei einem Mörder Gnade zeigt,

der wird selbst zum Mörder!“

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147


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

ZWEITE SZENE

VERBANNUNG!

1

2

3

Es ist Abend.

Julia ist aufgeregt. Sie sitzt in ihrem großen Zimmer auf dem Bett

und kämmt sich die Haare.

4

„Wann wird es denn endlich dunkel?“,

5

denkt Julia ungeduldig.

6

7

„Komm, Nacht der Liebe!

Bring mir meinen Romeo!“

8

9

10

11

12

13

Romeo hat Julia erzählt, dass er in der Nacht über eine

Strickleiter in ihr Zimmer klettern wird.

Julia freut sich auf ihre Hochzeitsnacht.

Sie hat noch nie mit einem Mann geschlafen.

Sie ist jedoch so sehr in Romeo verliebt, dass sie keine Angst

vor dem ersten Mal hat.

14

„Wenn Romeo jemals sterben sollte,

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148


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

15

16

17

18

19

dann wird der Nachthimmel ihn emporheben

und in unzählige kleine Sterne verwandeln.

Und diese werden so wunderschön am Himmel

leuchten, dass sich die ganze Welt

in die Nacht verlieben wird“,

20

schwärmt Julia.

21

22

23

„Dieser Tag dauert so schrecklich lange!

Ich fühle mich wie ein kleines, ungeduldiges Kind

am Abend vor einem großen Fest.“

24

25

26

Julia Haare fallen seidig glänzend über ihre Schultern.

Die Amme tritt ein, ohne anzuklopfen. Sie hält die Strickleiter

in den Händen und macht ein ernstes Gesicht.

27

„Was gibt es Neues von Romeo?“,

28

fragt Julia.

29

„Ist das die Leiter, die er dir gegeben hat?“

30

Die Amme antwortet nicht. Sie wirft die Leiter auf den Boden.

SEITE

149


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

31

Da bemerkt Julia, dass etwas nicht stimmt.

32

„Was ist denn los?“,

33

34

fragt Julia vorsichtig.

Die Amme hebt verzweifelt die Hände zum Himmel.

35

„Gott erbarme! Er ist tot!“,

36

ruft sie.

37

„Er ist tot! Ermordet! Es ist aus mit uns!“

38

Julia erstarrt.

39

„Wer ist tot?“,

40

fragt sie leise. Ihr Gesicht wird blass.

41

42

43

„Doch nicht etwa Romeo?!

Sag, liebe Amme, das Schicksal kann doch nicht

so grausam zu mir sein!“

SEITE

150


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

44

Die Amme schüttelt den Kopf.

45

46

„Nicht das Schicksal ist grausam!

Romeo ist es!“,

47

jammert die Amme.

48

49

„Wer hätte das gedacht?

Oh Romeo, was hast du getan!“

50

Julia wird zornig.

51

52

„Was bist du für ein Teufelsweib,

dass du mich so quälst!“,

53

schreit sie die Amme an.

54

55

56

„Hat sich Romeo etwa selbst umgebracht?

So sags mir doch endlich!

Ist Romeo tot: Ja oder nein?“

57

58

Die Amme ist völlig verstört.

Sie setzt sich auf Julias Bett und weint.

SEITE

151


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

59

60

61

62

63

„Ich habe seine Wunde gesehen!

Mit meinen eigenen Augen!

Mitten auf seiner tapferen Brust!

Die Leiche war über und über mit Blut besudelt.

Sein Gesicht war totenbleich.“

64

Sie schluchzt.

65

66

„Als ich das sah, bin ich einfach

ohnmächtig geworden.“

67

68

Julia schießen die Tränen in die Augen.

Sie wirft sich auf ihr Bett.

69

70

71

„Mein armes Herz! Ich möchte am liebsten sterben!

Legt mich zu Romeo ins Grab!

Ich will nie wieder zum Himmel aufblicken!“

72

73

Sie weint hemmungslos in ihre Kissen.

Die Amme schluchzt weiter:

74

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76

„Oh mein guter Tybalt!

Du höflicher, ehrlicher Gentleman!

Wieso muss ich miterleben, wie du stirbst?“

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152


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

77

78

Julia blickt auf.

Ihr Gesicht ist rot und ihre Augen voller Tränen.

79

„Tybalt?“,

80

fragt sie ungläubig.

81

82

83

84

„Mein geliebter Mann Romeo

und mein liebster Cousin Tybalt sind beide tot?

Wer will dann noch leben,

wenn diese beiden fort sind?“

85

Die Amme hat sich etwas beruhigt.

86

„Nein!“,

87

erklärt sie.

88

89

90

„Tybalt ist tot.

Romeo ist verbannt.

Denn er war es, der Tybalt umgebracht hat.“

91

Julia erstarrt wieder.

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153


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Oh Gott!

Mein Romeo hat Tybalts Blut vergossen?“,

94

fragt sie entsetzt.

95

„Ja, er war es!“,

96

97

antwortet de Amme flüsternd.

Julia ist zunächst sprachlos.

98

„Wie kann das sein?“,

99

fragt sie sich.

100

101

„Der friedliche Romeo soll meinen Cousin

umgebracht haben? Wieso sollte er das tun?“

102

103

104

Julia versteht die Welt nicht mehr.

Doch plötzlich wird sie sehr wütend auf Romeo.

Schliesslich hat sie ihren Cousin Tybalt sehr geliebt.

105

„Dieser Heuchler!“,

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154


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

106

ruft sie wütend.

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109

110

„Diese Schlange im Blumenbeet!

Dieser Teufel in Engelsgestalt!

Dieser Rabe in Taubenfedern!

Dieser Wolf im Schafsfell!“,

111

schimpft sie.

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114

„Du hast getan wie ein Heiliger!

Dabei bist du ein schlimmer Schurke!

Wie konnte ich nur auf dich hereinfallen!“

115

116

117

Julia ist enttäuscht und traurig.

Sie fühlt sich von Romeo betrogen.

Die Amme nickt verständnisvoll mit dem Kopf.

118

„Die Männer sind doch alle Betrüger!“,

119

bestätigt sie.

120

121

„Alle Männer sind falsch!

Alles Heuchler und Lügner!“

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155


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

122

Sie winkt ihren Diener herbei.

123

„Darauf brauche ich ein Gläschen Schnaps!“,

124

125

befielt sie. Der Diener beeilt sich.

Die Amme hebt ihr Glas und sagt:

126

„Schande über Romeo!“

127

Doch Julia widerspricht ihr.

128

129

„Die Zunge soll dir abfallen!

Wie kannst du so einen Wunsch aussprechen!“

130

Julia ist nun wütend auf die Amme.

131

„Er ist immerhin mein Mann!“,

132

denkt sie.

133

„Wie kann sie es wagen, so über ihn reden!“

SEITE

156


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

134

Und plötzlich versteht Julia, was passiert ist.

135

Romeo hat diese Schande nicht verdient!“,

136

spricht Julia weiter.

137

138

„Er ist nicht so.

Wie konnte ich nur Schlechtes von ihm denken!“

139

140

„Aber wie kannst du nur den Mörder

deines Cousins entschuldigen!“,

141

142

protestiert die Amme vorwurfsvoll und schüttelt

unzufrieden den Kopf.

143

„Soll ich etwa über meinen Ehemann lästern?“,

144

antwortet Julia bestimmt.

145

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147

„Wer soll ihn sonst verteidigen, wenn ich es nicht

tue? Kannst du dir nicht vorstellen, weswegen

Romeo meinen Cousin getötet hat?“

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157


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

148

149

Doch die Amme blickt Julia nur verständnislos an.

Julia wischt sich die Tränen aus den Augen.

150

„Weil Tybalt ihn zum Duell herausgefordert hat!“,

151

sagt sie.

152

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157

158

159

„Es war Tybalt, der Romeo töten wollte!

Wie konnte ich das vergessen!

Eigentlich war deine Nachricht eine gute Nachricht,

denn mein Romeo lebt!

Tybalt hat ihn nicht getötet!

Ich sollte keine einzige Träne vergiessen,

denn Tybalt, der meinen Geliebten töten wollte,

ist tot und nicht mein Romeo!“

160

Sie macht eine Pause.

161

162

„Doch nun ist er verbannt!

Stell dir vor! Wie schrecklich!“

163

Julias Gesicht ist besorgt.

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158


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

164

165

„Wie soll das mit uns weitergehen,

wenn Romeo aus Verona fort muss?“,

166

167

denkt sie sich.

Die Amme nimmt sie in die Arme.

168

„Wo sind eigentlich Vater und Mutter?“,

169

fragt Julia nach einigen Minuten.

170

„Sie sind bei Tybalts Leichnam und trauern um ihn“,

171

antwortet die Amme.

172

„Möchtest du zu ihnen gehen? Ich begleite dich!“

173

Julia schüttelt den Kopf.

174

175

„Sollen die ruhig mit ihren Tränen

seine Wunden waschen!“,

176

sagt sie.

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159


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

177

178

179

180

181

182

„Ich habe meine Tränen lieber auf.

Denn mein Ehemann wird in die Ferne geschickt.

Ich muss jetzt wie eine Witwe leben.

Ich bin immer noch Jungfrau und trotzdem schon

Witwe! Wahrscheinlich werde ich auch noch

als Jungfrau sterben.“

183

184

Julia ist verzweifelt.

Sie hatte sich ihre Hochzeitsnacht anders vorgestellt.

185

„Ich will in mein Bett!“,

186

sagt sie zur Amme.

187

188

„Doch leider werde ich dort nicht meinen

geliebten Romeo, sondern den Tod umarmen!“

189

Doch die Amme hat eine Idee.

190

„Geh du nur ins Bett!“,

191

sagt sie verschmitzt.

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160


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

192

193

194

Romeo wird dich heute Nacht noch glücklich

machen! Denn ich werde deinen Geliebten suchen.

Ich weiss nämlich, wo er ist: Bei Pater Lorenzo.“

195

Julia strahlt.

196

197

198

199

„Bitte finde ihn für mich!

Ich gebe dir diesen Ring für ihn.

Er soll schnell zu mir kommen,

damit wir uns verabschieden können.“

200

201

Die Amme nimmt den Ring, streift sich ihren Mantel um

und verläßt leise den Palast der Capulets.

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161


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

DRITTE SZENE

LORENZOS PLAN

1

2

3

4

5

6

Nach dem Kampf gegen Tybalt ist Romeo ohne nachzudenken

zu Pater Lorenzo gelaufen. Zitternd und verstört klopft er an

dessen Zellentür.

In der dicken Holztür befindet sich eine kleine, geschlossene Luke.

Sie öffnet sich. Dahinter erscheint das Gesicht des Paters.

Lorenzo erkennt seinen Schützling Romeo sofort.

7

„Komm herein, du Unglücksrabe!“,

8

9

sagt er schnell.

Er schließt die Luke und öffnet die Tür.

10

„Du bist ja ganz verängstigt!“,

11

bemerkt er besorgt.

12

„Guter Vater, was gibt es für Neuigkeiten?“,

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162


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

13

fragt Romeo atemlos.

14

15

16

„Weißt Du, welche Strafe der Prinz von Verona

für mich verhängt hat? Ich möchte wissen,

was mich erwartet!“

17

18

19

20

Romeo steht zitternd vor dem Pater.

Seine Wunde blutet.

Bruder Lorenzo drückt Romeo auf einen Stuhl und hängt ihm

eine Decke um die Schultern.

21

22

„Du hängst zu viel mit diesen komischen

Gestalten ab“,

23

24

mahnt er Romeo mit strenger Stimme.

Seine Stirn ist voller Sorgenfalten.

25

„Aber...“,

26

27

will Romeo erwidern.

Doch der Pater unterbricht ihn.

28

29

„Beruhige dich!

Ich habe von dem Urteil des Prinzen gehört.

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163


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

30

31

Der Prinz hat dich nicht zum Tode verurteilt.

Er hat dich aus Verona verbannt.“

32

„Verbannung?“,

33

murmelt Romeo entsetzt.

34

„Du hast ein sehr mildes Urteil bekommen“,

35

erklärt Lorenzo.

36

„Verbannung?“,

37

wiederholt Romeo und blickt den Pater flehend an.

38

39

40

„Bitte nicht Verbannung!

Da möchte ich lieber den Tod!

Denn die Verbannung ist viel schlimmer!“

41

Der Pater versucht Romeo zu beschwichtigen.

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164


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Du bist doch nur aus Verona verbannt!

Die Welt ist groß.

Du kannst in eine andere Stadt gehen.“

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46

„Die Welt außerhalb der Mauern von Verona

ist die Hölle!“,

47

ruft Romeo.

48

49

50

51

„Wer aus Verona verbannt wird,

der ist aus der Welt verbannt.

Diese Verbannung ist nur ein anderes Wort

für den Tod!“

52

Pater Lorenzo wird zornig.

53

„Du undankbarer und dummer Junge!“,

54

schimpft er.

55

56

57

„Auf deine Tat steht nach unserem Gesetz der Tod.

Du hast Glück, dass der Prinz dich nur mit der

Verbannung bestraft hat!

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165


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

58

Und du bist nicht einmal dankbar!“

59

Doch Romeo lässt sich nicht beruhigen.

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68

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73

74

„Ich kann nicht dankbar sein,

denn das Urteil ist Folter.

Verona ist für mich wie der Himmel,

denn hier lebt meine Julia.

Alle dürfen sie sehen.

Jeder Hund, jede Katze, jede Maus.

Nur ich nicht.

Selbst die Fliegen haben mehr Glück als ich,

denn sie dürfen Julias wundervolle weiße Hand

berühren und sich auf ihren schönen Lippen

niederlassen, die bei jedem Kuss schamhaft erröten.

Was selbst die Fliegen dürfen, darf ich nicht mehr,

denn ich muss fliehen.

Wie kannst du da sagen, die Verbannung sei

besser als der Tod?“

75

„Du unvernünftiger junger Mann!“,

76

schimpft der Pater.

77

„So höre mir doch wenigstens einmal zu!“

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166


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

78

Doch Romeo entgegnet:

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80

„Willst du mir weiterhin von den Vorzügen

der Verbannung erzählen? Ich verzichte!“

81

Er schüttelt wild den Kopf.

82

„Nun hör doch endlich zu!“

83

Der Pater erhebt seine Stimme.

84

85

„Lass uns erst einmal über deine Situation

nachdenken, bevor du verzweifelst!“

86

Romeo springt auf.

87

88

„Du kannst gar nicht über etwas reden,

was du nicht kennst!“,

89

unterbricht ihn Romeo verärgert.

90

„Wenn du so jung wärest wie ich

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167


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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93

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95

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und seit einer Stunde mit Julia verheiratet,

wenn du Tybalt getötet hättest,

wenn du so verliebt wärest wie ich,

wenn du auch verbannt worden wärest,

dann würdest du nicht so daherreden!

Dann würdest du dir wünschen, lieber tot zu sein.“

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101

Romeo hat den Pater vor lauter Verzweiflung angeschrien.

Nun erschrickt er über sein Verhalten.

Er setzt sich wieder.

Da klopft es an die Tür von Lorenzos Zelle.

Der Pater erschrickt.

102

„Versteck dich schnell!“,

103

flüstert er Romeo zu.

104

„Es ist mir egal!“,

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sagt Romeo verzweifelt und verbirgt seinen Kopf

zwischen den Armen.

Es klopft wieder.

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„Wer ist denn da?“,

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168


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

109

ruft der Pater laut.

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„Schnell, versteck dich im Lesezimmer

des Klosters!“,

112

flüstert er Romeo zu.

113

„Man wird dich hier festnehmen!“

114

Es klopft wieder.

115

„Einen Moment noch!“,

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ruft Lorenzo.

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„Ich komme schon!

Wer ist es denn? Was wollt ihr?“

119

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Er deutet Romeo mit stillen Gesten an, zu verschwinden.

Doch Romeo reagiert gar nicht.

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169


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

121

122

„Lasst mich herein, Pater,

dann sage ich euch, worum es geht!“,

123

ruft eine Frauenstimme durch die Tür.

124

„Das Fräulein Julia schickt mich!“

125

126

Romeo hebt den Kopf.

Der Pater atmet erleichtert auf. Er öffnet die Tür.

127

„Heiliger Vater!“,

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sagt die Amme sofort.

129

„Ist Romeo bei euch?“

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Der Pater zeigt auf Romeo.

131

132

„Hier sitzt er.

Und er ertrinkt gerade in seinen eigenen Tränen!“

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170


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

133

„Da geht es ihm wie meinem lieben Fräulein Julia!“,

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137

antwortet die Amme und hebt sorgenvoll ihre Augenbrauen.

Dann betritt sie mit vorwurfsvollem Blick die Zelle.

Sie blickt sich suchend um.

Der Pater bietet ihr schnell den zweiten Stuhl an.

138

„Was für ein Häufchen Elend!“,

139

spottet die Amme über Romeo.

140

141

Julia liegt auch auf ihrem Bett und klagt und weint

und weint und klagt.“

142

143

Sie schlägt mit ihrer Hand auf den Tisch.

Romeo erschrickt.

144

„Steh auf!“,

145

ruft sie.

146

147

„Sei ein Mann und reiß dich Julia zuliebe

zusammen! Du kannst dich doch nicht

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171


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

148

so schrecklich gehen lassen!“

149

„Aber...“,

150

sagt Romeo. Er richtet sich etwas auf.

151

„Wie geht es meiner Julia?“,

152

fragt Romeo dann.

153

154

„Sie hält mich doch sicherlich für einen

gemeinen Mörder?“

155

Die Amme nickt.

156

157

„Schließlich habe ich das Blut ihres Cousins

vergossen. Ich habe unser junges Glück zerstört!“

158

Die Amme nickt wieder.

159

„Wo ist sie? Was macht sie?

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172


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

160

Und was sagt sie zu dem Unglück?“

161

„Sie sagt gar nichts mehr“,

162

antwortet die Amme mit sorgenvollem Gesicht.

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164

„Sie liegt nur auf ihrem Bett und weint.

Und trauert um dich und um ihren Cousin Tybalt.“

165

Romeo ist verzweifelt.

166

167

„Sicherlich hasst sie nun meinen Namen.

Schließlich habe ich ihren Cousin getötet.“

168

Romeo springt auf und zieht seinen Dolch.

169

170

171

„Sag mir, lieber Pater,

wo in meinem Körper wohnt mein Name?

Dann werde ich ihn nun zerstören!“

172

Er hebt seinen Dolch und will ihn sich in die Brust stoßen.

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173


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

173

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175

176

Doch die Amme erhebt sich schnell und reißt ihm

den Dolch aus den Händen.

Romeo sinkt wieder auf seinem Stuhl zusammen.

Lorenzo schimpft:

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181

„Werde endlich vernünftig! Das ist ja schrecklich!

Von deiner Statur bist du ein Mann,

aber dein Geheule ist weibisch!

Du verhältst dich wie ein wildes Tier!

Ich hätte wirklich mehr von dir erwartet!“

182

183

Romeo sinkt weiter in sich zusammen.

Er ist beschämt.

184

185

186

„Erst hast du Tybalt getötet.

Und jetzt willst du dich auch noch umbringen?

Und Julia etwa auch noch?“

187

Pater Lorenzos Augen sind zornig.

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191

192

193

„Deine Liebe war nur ein leeres Versprechen,

wenn du dich so gehen lässt!

Sei endlich ein Mann! Deine Julia lebt und das

sollte dich glücklich machen!

Tybalt wollte dich töten. Doch du lebst.

Und du wirst nicht streng bestraft.

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174


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

194

195

Du erkennst gar nicht, was für ein Glück du hast

und jammerst stattdessen herum wie ein Mädchen!“

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Der Pater macht eine Pause. Die Amme nicht bestätigend.

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„Geh hin zu deiner geliebten Frau!

Gehe zu ihr und leg dich zu ihr ins Bett,

so wie es geplant war und tröste sie.

Bleibe nur nicht zu lange, denn sobald man morgens

die Wachen vor die Tore Veronas stellt, kommst du

nicht mehr durch nach Mantua.

Dort wirst du nämlich die nächste Zeit wohnen.

Wir werden hier versuchen, die beiden Familien

zu versöhnen. Und wenn die Zeit gekommen ist,

dann erzählen wir allen von eurer Hochzeit.

Dann können wir beim Prinzen um Gnade für

dich bitten und dich zurückholen.“

209

210

211

212

Romeo hat aufmerksam zugehört.

Der Plan von Pater Lorenzo klingt einleuchtend.

Romeo schöpft wieder Hoffnung.

Der Pater bittet die Amme:

213

214

„Geh nach Hause und sage Julia Bescheid,

dass Romeo bald zu ihr kommt!“

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175


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

215

„Das werde ich machen!“,

216

217

nickt die Amme eifrig. Sie erinnert sich an den Ring,

holt ihn aus ihrer Tasche und übergibt ihn Romeo.

218

„Beeil dich!“,

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220

221

sagt sie zwinkernd.

Dann hängt sie sich ihren Mantel um verschwindet.

Romeo strahlt. Er springt auf.

222

„Geh schnell!“,

223

sagt Bruder Lorenzo.

224

225

226

227

228

„Vergiss nicht:

Du musst vor Tagesanbruch aus der Stadt

verschwunden sein. Bleibe dann in Mantua.

Ich werde deinen Diener suchen, damit er dir

von Zeit zu Zeit Neuigkeiten überbringen kann.“

229

Der Pater reicht Romeo die Hand.

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176


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

230

Romeo umarmt seinen Priester.

231

„Es ist schon spät“,

232

sagt Lorenzo dann.

233

„Lebe wohl. Gute Nacht!“

234

Romeo verlässt die Zelle und eilt zum Palast der Capulets.

235

„Und alles Gute!“,

236

ruft ihm der Pater nach.

SEITE

177


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

VIERTE SZENE

HOCHZEITSPLÄNE

1

2

3

4

Es ist spät am Abend.

Doch im Palast der Capulets brennt noch Licht.

Der Graf und die Gräfin Capulet sitzen im eleganten Empfangssaal

des Palastes und unterhalten sich mit dem jungen Graf Paris.

5

6

„Wir entschuldigen uns für Julias Abwesenheit,

lieber Graf!“,

7

sagt Capulet.

8

9

„Aber mit den schlimmen Ereignissen

des heutigen Tages...“

10

Graf Paris nickt verständnisvoll.

11

12

13

„Wir hatten noch nicht die Zeit, mit ihr zu sprechen.

Und nun ist sie schon in ihrem Schlafzimmer

und kommt sicher nicht mehr herunter“,

SEITE

178


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

14

fährt Capulet fort.

15

16

„Du weißt sicher, dass sie ihren Cousin Tybalt

über alles liebte.“

17

18

Paris nickt verständnisvoll.

Die Gräfin wischt sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

19

„Das taten wir ja alle“,

20

fügt der Graf schnell hinzu.

21

22

„Aber eines Tages muss eben jeder sterben,

nicht wahr?“,

23

24

25

versucht er zu scherzen.

Paris lächelt gequält.

Die Gräfin blickt ihren Ehemann strafend an.

26

27

„In solchen traurigen Zeiten

sollte man nicht ans Heiraten denken“,

28

sagt Paris entschuldigend und erhebt sich.

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179


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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30

„Schlafen Sie gut, werte Gräfin, und richten sie

ihrer Tochter liebe Grüße von mir aus“,

31

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33

sagt er.

Er gibt der Gräfin die Hand und verbeugt sich leicht.

Die Gräfin nickt.

34

35

36

„Ich werde morgen früh mit ihr über die Hochzeit

sprechen. Heute Nacht wollte sie vor lauter Trauer

nicht mehr mit mir reden.“

37

38

Der Graf Capulet erhebt sich schwerfällig aus seinem Sessel.

Er hält Paris zurück.

39

40

41

„Lieber Graf Paris, ich bin mir sicher,

dass Julia dich lieben wird.

Sie wird auf meinen Rat hören, ganz bestimmt.“

42

Er dreht sich zu seiner Frau.

43

44

45

„Frau, bevor du ins Bett gehst, geh zu Julia

und erzähle ihr, dass Graf Paris sie liebt.

Und sage ihr, dass diesen Mittwoch...“

SEITE

180


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Capulet runzelt die Stirn.

47

„Welcher Tag ist heute?“,

48

fragt er.

49

„Heute ist Montag!“,

50

antwortet Paris schnell.

51

„Montag?“,

52

fährt Capulet nachdenklich fort.

53

„Dann ist Mittwoch zu früh. Also Donnerstag!“

54

Er dreht sich wieder zu seiner Frau.

55

56

„Sag ihr also, dass sie noch diesen Donnerstag

mit dem edlen Grafen hier verheiratet wird.“

SEITE

181


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

57

58

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Die Gräfin blickt ihren Mann wieder strafend an.

Sie sagt jedoch nichts.

Der Graf wendet sich erneut an Paris.

60

61

„Bist du damit einverstanden?

Ist dir das schnell genug?“

62

Paris nickt erfreut.

63

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65

„Wir werden das Ganze

in kleinem Rahmen veranstalten, nur ein paar enge

Freunde sollen eingeladen werden“,

66

fährt Capulet fort.

67

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71

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73

„Denn da Tybalt gerade erst gestorben ist,

möchte ich keinen großen Wirbel um die Hochzeit

machen. Sonst denken die Leute, wir würden nicht

angemessen um Tybalt trauern.

Deshalb schlage ich eine kleine Feier mit etwa

sechs Freunden vor.

Ist dir der Donnerstag recht?“

74

Graf Paris nickt noch einmal und strahlt.

SEITE

182


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Mein Graf, ich wünschte,

es wäre bereits Donnerstag!“,

77

sagt er und verbeugt sich leicht.

78

79

„Also am Donnerstag.

Gut, dann geh nun nach Hause!“,

80

sagt Capulet bestimmt.

81

„Gute Nacht!“

82

Paris verabschiedet sich von den beiden und verläßt den Palast.

83

84

„Und du gehst noch zu Julia und bereitest sie

auf den Hochzeitstag vor!“,

85

86

87

88

befielt der Graf seiner Frau.

Das Gesicht der Gräfin ist wie versteinert.

Doch sie widerspricht ihrem Gatten nicht.

Langsam steigt sie die Treppen zu Julias Schlafzimmer empor.

SEITE

183


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

FÜNFTE SZENE, TEIL 1

NACHTIGALL

ODER LERCHE?

1

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3

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8

9

10

11

Es ist noch dunkel.

Doch über die Dächer Veronas scheint der erste Sonnenstrahl des

neuen Tages in das Schlafzimmer von Julia.

Ein Vogel singt.

Romeo und Julia liegen eng umschlungen in dem großen Bett.

Sie sind beide nackt.

Romeo öffnet vorsichtig die Augen. Er blinzelt.

Seine schöne Frau Julia liegt neben ihm.

Er lächelt und küsst sie dann zärtlich auf den Nacken.

Dann erschrickt er. Romeo bemerkt das erste Sonnenlicht.

Er erinnert sich an die Worte des Paters:

12

13

„Vergiss nicht: Du musst vor Tagesanbruch

aus der Stadt verschwunden sein.“

14

15

16

Schnell springt Romeo aus dem Bett und zieht sich an.

Da wacht auch Julia auf.

Sie streckt sich zufrieden.

SEITE

184


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

17

„Willst du schon gehen?“,

18

fragt sie verschlafen.

19

„Es ist doch noch dunkel!“

20

Sie richtet sich auf und umarmt ihren Romeo.

21

22

„Es war die Nachtigall und nicht die Lerche,

die du eben gehört hast“,

23

flüstert sie ihm ins Ohr.

24

25

26

„Sie singt nachts auf dem Granatbaum

vor meinem Fenster. Glaub mir, Liebling,

es war die Nachtigall!“

27

Romeo küsst Julia zärtlich auf den Mund. Er schüttelt den Kopf.

28

„Es war die Lerche“,

29

antwortet er.

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185


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

30

31

32

33

34

„Mit ihrem Gesang hat sie den neuen Tag verkündet.

Siehst du dort im Osten die Sonne aufgehen?

Die Nacht hat ihre Kerzen ausgeblasen,

der neue Tag erobert den Himmel.

Ich muss mich beeilen, sonst bin ich ein toter Mann.“

35

36

Romeo zieht sich einen dunklen Mantel mit einer großen

Kapuze über.

37

„Glaub mit, das Licht ist kein Tageslicht!“,

38

ruft Julia und nimmt Romeo den Mantel wieder ab.

39

40

41

„Das ist nur eine Sternschnuppe,

die dir den Weg nach Mantua leuchten soll.

Deswegen bleibe noch etwas!“

42

43

Julia öffnet Romeos Hemd und zieht ihn in ihr Bett zurück.

Romeo bedeckt Julia mit stürmischen Küssen.

44

„Dann sollen sie mich eben ergreifen und töten!“,

45

flüstert er leidenschaftlich.

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186


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

46

„Du hast recht, das ist nicht das Licht des Tages!“

47

Romeo küsst Julias weiße Brüste.

48

„Ich bleibe hier bei dir, denn ich will nicht weggehen.“

49

50

51

Julia schließt ihre Augen.

Sie mag Romeos Küsse auf ihrem Körper.

Doch dann stößt sie ihn von sich.

52

„Es wird Tag! Los, du musst fort von hier!“,

53

ruft sie.

54

55

56

57

58

59

60

61

„Es war wohl doch die Lerche,

die vorhin so falsch gesungen hat.

Sagt man nicht normalerweise,

dass die Lieder der Lerche schön sind?

Diese hier sind hässlich,

denn sie reißen uns auseinander.

Sie nehmen mir meinen Romeo aus meinen Armen.

Fort jetzt mit dir! Es wird immer heller!“

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187


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

62

„Der Tag wird heller, aber unser Leid immer dunkler!“,

63

64

65

sagt Romeo traurig.

Plötzlich geht die Tür auf. Schnell rollt Romeo hinter das Bett.

Es ist die Amme.

66

„Fräulein!“

67

Sie blickt Julia streng an.

68

„Ja, Amme“,

69

antwortet Julia nervös.

70

71

„Die Gräfin ist auf dem Weg zu dir.

Sei auf der Hut! Der Tag hat begonnen!“

72

73

74

75

Sie geht wieder und schlägt die Tür mit einem lauten Knall zu.

Julia öffnet schnell das Fenster. Romeo packt in aller Eile seine

Sachen. Sein Hemd ist noch nicht zugeknöpft und seinen linken

Schuh hält er noch in der Hand.

76

„Tag, komme herein!“,

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188


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

77

sagt Julia und scheucht Romeo aus dem Fenster.

78

„Und du, mein Leben, flieh hinaus!“

79

80

81

Romeo steigt aus dem Fenster.

Er gibt Julia einen letzten Kuss und klettert dann schnell

den Efeu hinab. Julia sieht ihm traurig hinterher.

82

„Jetzt gehst du fort, mein lieber Mann und Freund“,

83

ruft sie ihm leise nach.

84

85

86

„Ich möchte jeden Tag zu jeder Stunde

eine Nachricht von dir!

Wann werde ich dich nur wiedersehen?“

87

„Lebe wohl!“,

88

antwortet Romeo und wirft Julia eine Kusshand zu.

89

90

„Ich werde alles tun, um dir so oft als möglich

Grüße zukommen zu lassen!“,

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189


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

91

verspricht er.

92

„Werden wir uns jemals wiedersehen?“,

93

fragt Julia zweifelnd.

94

„Ich bin mir sicher!“,

95

antwortet Romeo.

96

97

98

„Du wirst sehen:

In einiger Zeit werden wir über unsere Sorgen heute

nur noch lachen!“

99

100

Doch Julia ist unruhig.

Sie hat ein ungutes Gefühl.

101

„Oh Gott!“,

102

sagt sie leise.

103

„Wenn ich dich da unten so sehe,

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190


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

104

105

dann sieht das aus, wie wenn du bleich

in einem Grab liegen würdest.“

106

107

„Du siehst auch blass aus, meine Liebe,

das ist der Kummer! Lebe wohl!“

108

109

Romeo winkt Julia zu und verschwindet dann zwischen den

Bäumen. Julia bleibt noch am Fenster stehen.

110

111

„Ich hoffe, das Glück bringt dich bald

zurück in meine Arme...“,

112

flüstert sie.

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191


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

FÜNFTE SZENE, TEIL 2

...KEINE CAPULET

MEHR!

1

2

Kaum ist Romeo verschwunden, da kommt schon die Gräfin

ins Zimmer.

3

„Nun Julia, wie geht es dir?“,

4

fragt sie.

5

„Mir geht’s nicht gut“,

6

antwortet Julia und entfernt sich vom Fenster.

7

„Weinst du immer noch um deinen Cousin Tybalt?“,

8

fragt die Gräfin.

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192


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

9

10

11

12

„Willst du mit deinen Tränen

seine Gruft überschwemmen?

Auch das würde ihn nicht wieder

zum Leben erwecken.“

13

Julia setzt sich auf ihr Bett.

14

15

„Was passiert ist hat mich so sehr getroffen,

dass ich das Recht habe, traurig zu sein!“

16

Die Gräfin setzt sich zu ihr.

17

18

„Schlimm genug, dass der Schurke,

der Deinen Cousin tötete, immer noch lebt...“

19

20

Sie seufzt.

Julia blickt auf.

21

„Welcher Schurke?“,

22

fragt sie.

23

„Na, Romeo natürlich“,

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193


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

24

25

entgegnet die Gräfin.

Julia wendet den Kopf ab und flüstert kaum hörbar:

26

„Von einem Schurken ist er weit entfernt...“

27

Und sie fügt laut hinzu:

28

„Gott vergebe ihm!“

29

Die Gräfin flüstert Julia ins Ohr:

30

31

32

33

34

35

„Wir werden uns rächen, mein Kind!

Ich werde jemanden nach Mantua senden,

der Romeo ein Getränk geben soll,

in das ich Gift gemischt habe.

Schon bald wird dieser Romeo

bei Tybalt im Himmel sein!“

36

37

38

Sie lächelt zufrieden.

Julia erschrickt.

Doch sie lässt sich nichts anmerken.

39

40

„Ich werde nicht zu trauern aufhören,

bevor Romeo nicht tot ist“,

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194


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

41

lügt sie.

42

43

„Am liebsten würde ich ihm selbst

den Gifttrank geben!“

44

Die Gräfin streicht Julia durchs Haar.

45

46

47

„Wenn du dich um das Gift kümmern willst,

so ist mir das recht.

Ich kümmere mich um den Boten!“

48

Sie steht auf und streicht sich ihr Kleid zurecht.

49

„Doch nun höre dir meine frohe Botschaft an!“,

50

sagt sie lächelnd.

51

52

„Eine Freude würde mir in dieser schweren Zeit

gut tun!“,

53

54

sagt Julia und richtet sich auf.

Sie blickt ihre Mutter gespannt an.

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195


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

55

„Was ist es denn? Sag schon!“

56

„Du hast einen Vater, der sich sehr um dich sorgt“,

57

beginnt die Mutter.

58

„Er möchte ein Fest für dich veranstalten!“

59

„Das ist ja eine schöne Idee!“,

60

antwortet Julia.

61

62

„Doch zu welchem Anlass

soll es denn ein Fest geben?“

63

Die Gräfin holt tief Luft.

64

65

66

67

„Stell dir vor, mein Kind:

Schon am Donnerstag soll dich

der schöne Graf Paris in der Sankt Peters Kirche

zu einer glücklichen Braut machen!“

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196


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

68

69

Sie hält inne und blickt Julia fragend an.

Julias Augen verdunkeln sich. Sie springt auf.

70

71

„Beim heiligen Petrus!

Er wird mich nicht zur Braut machen!“,

72

73

ruft sie.

Die Tränen schießen ihr in die Augen.

74

75

„Was soll diese Eile?

Ich möchte noch nicht heiraten!“

76

77

Die Gräfin streicht sich nervös eine Locke aus dem Gesicht.

Julia blickt ihre Mutter flehend an.

78

79

80

81

82

„Liebe Mutter, bitte sage meinem Vater,

dass ich noch nicht heiraten möchte!

Und wenn, dann würde ich lieber

den verhassten Romeo heiraten,

als diesen grauenvollen Paris!“

83

Das Gesicht der Gäfin ist wie versteinert.

84

„Da kommt dein Vater. Sag es ihm selbst.

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197


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

85

Du wirst ja sehen, was er davon hält!“

86

Der Graf betritt das Zimmer.

87

„Was ist den hier los?“,

88

fragt er.

89

90

„Hast Du Deiner Tochter bereits

von meinem Beschluss erzählt?“

91

92

Er blickt seine Frau fragend an.

Doch diese zuckt nur mit den Schultern.

93

„Sie will nichts davon wissen, das dumme Kind!“,

94

95

sagt die Gräfin. Sie will gehen.

Doch ihr Mann hält sie zurück.

96

„Habe ich das richtig verstanden?“,

97

fragt er drohend.

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198


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

98

„Sie will nicht?“

99

Seine Stimme hebt sich.

100

101

102

103

„Ist sie uns denn nicht dankbar?

Ist sie nicht stolz?

Ist sie nicht glücklich, dass wir ihr so einen edlen

Gatten ausgesucht haben?“

104

105

Die Gräfin senkt den Kopf.

Julia versucht ihren Vater zu beruhigen.

106

107

108

„Stolz kann ich nicht sein, wenn ich etwas hasse.

Doch ich weiss, dass du es gut meinst,

und dafür bin ich dir dankbar!“

109

Der Graf fährt sie mit donnernder Stimme an:

110

111

112

113

114

115

„Hör auf, deine Weisheiten hervor zu kramen!

Das Fräulein ist sich wohl zu fein?

Mach Dich gefälligst bereit,

um am Donnerstag zur Kirche zu gehen,

ansonsten ziehe ich dich an deinen Haaren dorthin!

Du blasses Ding! Du kleine Hure!“

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199


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

116

117

118

Julia ist sprachlos.

So hat ihr Vater noch nie mit ihr gesprochen.

Die Gräfin hält den aufgebrachten Grafen zurück.

119

„Bist zu etwa von Sinnen?“,

120

121

zischt sie.

Julia wirft sich ihrem Vater an die Brust.

122

123

„Ich flehe dich an, lieber Vater,

höre mir nur kurz zu!“

124

125

Doch ihr Vater stößt sie von sich.

Julia fällt rückwärts auf ihr Bett.

126

„Zum Henker mit dir, du widerspenstige Hure!“,

127

brüllt der Graf.

128

129

130

131

„Ich sage es dir ein letztes Mal:

Wenn du am Donnerstag nicht in der Kirche

erscheinst, brauchst du mir gar nicht mehr

unter die Augen kommen!“

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200


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

132

133

134

135

Julia weint.

Sie will etwas entgegnen.

Doch ihr Vater brüllt sie an.

Es sieht aus, als ob er Julia schlagen möchte.

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138

139

140

„Sag nichts! Ich will nichts mehr hören!

Wir dachten, wir hatten kein Glück,

da uns Gott nur eine Tochter geschenkt hat.

Doch anscheinend bist selbst du nichts

als ein Fluch! Du Hexe!“

141

142

Die Amme eilt herbei und stellt sich zwischen den Grafen

und Julia.

143

„Gott im Himmel! Das hat sie doch nicht verdient!“,

144

sagt sie.

145

„Halt deine Klappe!“,

146

fährt sie der Graf an und stößt sie zur Seite.

147

„Wieso regst du dich so auf?“,

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201


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

148

149

flüstert die Gräfin leise und berührt ihren Mann vorsichtig am Arm.

Doch der schüttelt sie ab.

150

151

„Herrgott! Tag und Nacht habe ich mir Gedanken

um ihre Vermählung gemacht!“,

152

schimpft der Graf.

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157

158

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163

164

165

166

167

„Nun habe ich ich ihr einen Mann gefunden,

der von fürstlicher Abstammung ist,

reich, gutaussehend, jung und sehr freundlich.

Und was heult meine weinerliche Tochter?

„Ich will nicht, ich kann nicht,

ich bin zu jung, bitte nicht!“

Verschwinde von hier und denke darüber nach!

Ich will dich nicht mehr in meinem Haus sehen!

Und damit du Bescheid weißt:

Ich habe Paris ein Versprechen gegeben

und ich werde mein Versprechen halten!

Wenn du am Donnerstag nicht in der Kirche bist,

dann verschwinde von hier!

Bettle, hungere und stirb von mir aus in den

Straßen! Ich kenne dich nicht mehr!“

168

169

170

Der Graf verlässt das Zimmer.

Julia schluchzt.

Die Amme senkt den Kopf.

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202


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

171

172

Die Gräfin will das Zimmer verlassen.

Julia hält sie zurück.

173

„Hast du denn kein Mitleid mit mir, liebe Mutter?“,

174

weint sie.

175

176

177

178

179

„Stoße mich nicht auch weg!

Ich bitte doch nur um eine Frist!

Einen Monat nur, oder auch eine Woche!

Ansonsten kannst du mir das Hochzeitsbett

in Tybalts dunkler Gruft machen!“

180

Doch ihre Mutter blickt sie nur mit versteinertem Gesicht an.

181

182

„Sag nichts! Tu, was du willst.

Es geht mich nichts mehr an.“

183

184

Dann verlässt sie langsam das Zimmer.

Julia wirft sich der Amme in die Arme.

185

„O mein Gott!“,

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203


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

186

weint sie.

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188

189

„Was soll ich denn nur tun, Amme?

Hast du keinen Rat für mich?

Kannst du mich nicht trösten?“

190

Die Amme senkt ihren Kopf und sagt mit leiser Stimme:

191

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197

198

199

200

201

„Dein Romeo ist verbannt.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass er niemals wieder

nach Verona zu dir zurückkommt.

Deswegen denke ich, dass es das Beste wäre,

du würdest dich mit dem Grafen Paris vermählen.

Er ist so ein freundlicher Herr!

Und er hat solch schöne Augen!

Diese zweite Heirat wird dich glücklicher machen

als die erste, da bin ich sicher.

Dein erster Mann ist doch so gut wie tot.

Was hast du denn von ihm?“

202

Julia schluchzt.

203

„Meinst du das ernst, liebe Amme?“,

204

fragt sie leise.

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204


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

205

„Sonst möge mich Gott strafen!“,

206

207

208

209

antwortet diese und streichelt Julia über den Kopf.

Julia weint.

Nach einiger Zeit richtet sie sich auf.

Ihr Gesicht ist verschlossen.

210

211

„Geh zu meiner Mutter und sage ihr,

dass ich bei Pater Lorenzo bin, um zu beichten“,

212

befiehlt sie der Amme und wischt sich die Tränen aus den Augen.

213

„Ich werde um Vergebung für meine Sünden bitten.“

214

„Das ist eine gute Idee!“,

215

216

217

antwortet die Amme erleichtert.

Sie verlässt das Zimmer.

Julias Augen verdunkeln sich.

218

„Du bist eine alte Verräterin!“,

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205


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

219

denkt sie.

220

221

„Gerade noch hast du Romeo

in allen Tönen gepriesen!“

222

223

Sie wirft sich ihrem Umhang um und macht sich auf dem Weg zu

Pater Lorenzo.

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206


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 4

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207


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 4

ERSTE SZENE

DAS FLÄSCHCHEN

1

Bruder Lorenzo runzelt die Stirn.

2

„Am Donnerstag? Das ist schon bald!“,

3

4

5

sagt er.

Der Pater sitzt am Tisch in seiner kleinen Klosterzelle.

Ihm gegenüber sitzt der junge Graf Paris.

6

7

„Mein zukünftiger Schwiegervater will dies so.

Und ich habe nichts dagegen“,

8

9

antwortet der Graf.

Er blickt den Pater bittend an.

10

11

„Du sagst, du kennst noch nicht einmal

Julias Meinung zu dieser Vermählung?“

12

Lorenzo schüttelt den Kopf.

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208


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

13

14

„Das ist so nicht üblich.

Das gefällt mir gar nicht!“

15

16

„Sie weint die ganze Zeit

über ihren gestorbenen Cousin Tybalt“,

17

versucht Paris zu erklären.

18

19

20

21

„Deshalb konnte ich noch nicht mit ihr

über die Hochzeit sprechen.

Venus, die Liebesgöttin, hat in einem Haus,

in dem getrauert wird, nichts zu suchen.“

22

23

Pater Lorenzo runzelt wieder die Stirn.

Paris fährt schnell fort.

24

25

26

„Ihr Vater hofft, dass er ihre Trauer

mit einer Hochzeit vertreiben kann.

Deshalb soll die Feier so bald statt finden.“

27

Der Pater seufzt.

28

„Was soll ich dazu sagen?“

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209


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

29

30

Er überlegt. Da klopft es an die Zellentür.

Der Priester öffnet. Es ist Julia.

31

„Sieh her, Graf Paris, da ist ja das junge Fräulein!“

32

33

Er lässt Julia eintreten.

Sie erschrickt, als sie Paris am Tisch des Paters sitzen sieht.

34

35

„Was für ein wunderbarer Zufall,

meine schöne Braut!“,

36

37

freut sich Paris.

Julia blickt ihn mit kühlem Blick an.

38

39

„So darfst du mich erst nennen,

wenn wir wirklich vermählt sind!“

40

„Ich freue mich schon darauf!“,

41

antwortet Graf Paris mit einem Lächeln.

42

„Bist du hier, um zu beichten?“

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210


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

43

„Dir möchte ich auf jeden Fall nichts beichten“,

44

antwortet Julia trotzig.

45

46

„Du wirst ihm doch sicherlich erzählen,

dass du mich liebst, oder?“,

47

fragt Graf Paris weiter.

48

49

„Vielleicht werde ich ihm erzählen,

dass ich einen bestimmten Mann liebe...“,

50

51

52

antwortet Julia und blinzelt dem Pater heimlich zu.

Dieser blickt sie strafend an.

Graf Paris lässt nicht locker.

53

54

„Gewiss wirst du ihm erzählen,

dass du mich liebst?!“

55

56

Er nimmt Julias Hand und will sie küssen.

Julia zieht ihre Hand schnell zurück.

57

„Das würde ich in deiner Anwesenheit nie sagen!“,

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211


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

58

59

antwortet sie.

Paris streicht Julia übers Haar.

60

„Du Arme! Dein Gesicht ist ganz verweint!“

61

62

Julia verzieht ihr Gesicht.

Sie steht auf.

63

„Ehrwürdiger Vater!“,

64

sagt sie zu Pater Lorenzo.

65

66

„Hast du nun Zeit für mich oder soll ich lieber

nach der Abendmesse wiederkommen?“

67

Der Priester lächelt.

68

„Ich habe jetzt Zeit für dich, mein Kind!“

69

Er wendet sich zu Graf Paris.

70

„Wenn du uns nun bitte allein lassen könntest...“,

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212


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

71

72

sagt er höflich.

Paris erhebt sich schnell.

73

„Ich möchte auf keinen Fall eure Gebete stören!“

74

Er zieht sich seinen Umhang an.

75

76

„Am Donnerstag werde ich dich früh morgens

wecken, schöne Julia! Bis dahin lebe wohl!“

77

78

Er haucht ihr einen Kuss zu und verlässt dann die Klosterzelle.

Julia verzieht das Gesicht.

79

80

„Schließe schnell die Tür ab, Pater!

Ich bin so verzweifelt!“

81

82

Die Tränen schiessen ihr in die Augen.

Pater Lorenzo setzt sich wieder.

83

„Ach Julia!“,

84

seufzt er.

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213


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

85

86

87

„Ich habe schon von der Geschichte erfahren.

Ich kann es kaum glauben.

Du musst nun tatsächlich den Grafen heiraten...“

88

Julia schluchzt.

89

„Kannst du mir nicht helfen, guter Pater?“,

90

bittet sie verzweifelt.

91

92

„Wenn dir nichts einfällt, dann würde ich lieber durch

dieses Messer hier sterben als weiter zu leben!“

93

94

95

Sie will den Dolch, der immer noch auf Lorenzos Tisch liegt,

greifen. Doch der Pater kommt ihr zuvor.

Julia vergräbt ihr Gesicht in den Händen.

96

97

98

99

„Du hast doch viel Erfahrung!

Und ich liebe Romeo so sehr!

Gib mir bitte einen guten Rat,

ansonsten werde ich mich töten!“,

100

101

schluchzt sie.

Lorenzos Gesicht wird plötzlich nachdenklich.

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214


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

102

Er betrachtet das Messer in seiner Hand.

103

„...mich töten...“,

104

105

wiederholt er murmelnd.

Julia blickt fragend auf.

106

„Was hast du gesagt?“,

107

108

fragt sie.

Der Pater winkt ab.

109

„Ich habe da eine Idee...“,

110

erklärt er.

111

„Es wird allerdings nicht leicht für dich sein...“

112

Lorenzo überlegt.

113

114

„Wenn du dich aber lieber umbringen würdest,

als den Grafen zu heiraten,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

115

116

dann würdest du vielleicht auch nicht vor etwas

zurückschrecken, was dem Tod sehr ähnlich ist...“

117

118

Er macht eine Pause.

Julia blickt ihn fragend an.

119

„Wenn du dazu bereit bist, werde ich dir helfen!“,

120

sagt der Priester.

121

„Ich tue alles!“,

122

ruft Julia entschlossen.

123

124

125

126

127

128

129

130

131

„Lieber springe ich von einer Turmspitze,

werfe mich in eine Schlangengrube,

kette mich an wilde Bären,

verbringe die Nacht auf dem Friedhof

neben Skeletten und verfaultem Fleisch

oder lasse mich bei lebendigem Leibe begraben!

All das würde ich lieber tun,

als meinen Liebsten durch die Hochzeit

mit diesem Paris zu betrügen!“

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216


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

132

Pater Lorenzo nickt.

133

134

„Wenn du so wild entschlossen bist,

werde ich dir meinen Plan verraten...“,

135

136

137

sagt er.

Er beginnt zu erzählen.

Julia hört gut zu, um sich jede Einzelheit zu merken.

138

139

140

141

142

143

„Du gehst nun nach Hause.

Mache ein fröhliches Gesicht

und sage deinen Eltern, dass du mit der Hochzeit

am Donnerstag einverstanden bist.

Achte morgen jedoch darauf,

dass du ganz allein in deinem Zimmer bist.“

144

145

Der Pater steht auf, öffnet die Tür eines kleinen

Schränkchens und holt etwas hervor.

146

„Nimm dieses Fläschchen mit zu dir in dein Bett...“

147

148

149

Der Pater überreicht Julia ein kleines Glasfläschchen

mit einer grünlichen Flüssigkeit darin. Die Flasche ist mit

einem Korken gut verschlossen.

SEITE

217


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

150

151

152

153

154

155

„Vor dem Einschlafen musst du das gesamte

Fläschchen austrinken. Du wirst dich danach sofort

kalt und schläfrig fühlen. Dein Puls wird langsamer.

Dein Atem ist nicht mehr zu sehen.

Du wirst leichenblass werden und steif und starr

wie eine Tote aussehen.“

156

157

Julia macht ein entsetztes Gesicht.

Der Pater fährt fort:

158

159

160

„In diesem Zustand wirst du zweiundvierzig

Stunden bleiben. Danach wirst du wieder aufwachen,

wie wenn du nur geschlafen hättest.“

161

Julia atmet erleichtert auf.

162

163

164

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166

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168

169

170

171

172

„Wenn aber dein Bräutigam Paris

am Donnerstagmorgen zu dir kommt,

wird er denken, du bist tot.

Man wird dich in deinen schönsten Kleidern

auf einer Bahre in die Gruft tragen,

wo alle Capulets liegen.

In der Zwischenzeit werde ich Romeo einen Brief

senden und ihm darin alles erklären.

Er wird heimlich nach Verona zurückkommen

und mit mir darauf warten,

dass du wieder aufwachst.“

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218


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

173

Julias Augen beginnen zu leuchten.

174

175

„In derselben Nacht wirst du dann

mit deinem Geliebten nach Mantua gehen“,

176

177

endet der Pater seinen Plan.

Er blickt Julia zufrieden an.

178

„Na, wirst du dich das trauen?“,

179

fragt er.

180

„Gib mir das Fläschchen!“,

181

182

183

antwortet Julia bestimmt.

Der Pater übergibt es ihr.

Julia versteckt es vorsichtig in ihrem Mantel.

184

„Geh nun mit Gott, mein Kind“,

185

sagt Pater Lorenzo und erhebt sich.

SEITE

219


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

186

187

188

„Ich werde sofort einen Bruder des Klosters

mit einem Brief an deinen Geliebten Romeo

losschicken.“

189

Julia zieht sich ihren Mantel um und geht zur Tür der Zelle.

190

„Gib mir Kraft!“,

191

sagt sie.

192

„Lebe wohl, mein teurer Vater!“

193

Dann verschwindet sie leise aus dem Kloster.

SEITE

220


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 4

ZWEITE SZENE

VORBEREITUNGEN

1

2

3

4

5

6

Es herrscht große Hektik im Hause Capulet.

Der Graf, seine Frau, die Amme und alle Diener des Hauses

sind auf den Beinen, um die Hochzeit von Julia vorzubereiten.

Graf Capulet steht in der Eingangshalle des Palastes

und gibt Anweisungen.

Er erklärt einem jungen Diener:

7

„Lade alle diese Menschen ein!“

8

9

Capulet übergibt ihm eine Liste mit verschiedenen Namen.

Der Diener nickt und verschwindet schnell.

10

11

„He, Du! Geh schnell los und bringe mir

die zwanzig besten Köche der Stadt! Schnell!“,

12

ruft Capulet einem anderen vorbeilaufenden Diener zu.

13

„Aber ich muss doch...“,

SEITE

221


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

14

15

16

beginnt der Diener.

Doch als der Graf ihn nur strafend ansieht, schweigt er schnell

und verlässt den Palast der Capulets.

17

„Wir haben nur noch wenig Zeit!“,

18

stöhnt der Graf.

19

„Wie sollen wir das nur alles schaffen?“

20

Die Amme kommt mit einem Berg weißer Wäsche vorbei.

21

„Ist meine Tochter beim Pater Lorenzo gewesen?“,

22

ruft Capulet ihr nach.

23

„Ja, war sie!“,

24

ruft die Amme durch ihre Wäsche hindurch.

25

„Gut!“,

SEITE

222


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

26

murmelt der Graf.

27

28

„Vielleicht bringt er dieses alberne,

zickige Ding ja zur Vernunft...“

29

30

31

32

33

Da kommt Julia zur Tür herein.

Als sie ihren Vater sieht, bleibt sie erschrocken stehen.

Sie weiss zunächst nicht, was sie sagen soll.

Doch dann geht sie auf ihren Vater zu.

Julia kniet vor Graf Capulet nieder.

34

35

„Es tut mir leid, Vater,

dass ich so ungehorsam war!“,

36

sagt sie.

37

„Ab jetzt werde ich stets tun, was du sagst!“

38

Der Graf ist zufrieden.

39

40

„Dann geht zu Graf Paris und sage ihm, dass du

mit der morgigen Hochzeit einverstanden bist“,

SEITE

223


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

41

sagt er gutmütig.

42

43

„Ich habe ihn gerade eben

bei Pater Lorenzo getroffen“,

44

antwortet Julia.

45

46

„Und ich war sehr freundlich zu ihm,

so wie eine gute Braut das sein sollte!“

47

„Das ist gut, mein Kind!“,

48

49

brummt der Graf und deutet seiner Tochter an,

dass sie wieder aufstehen soll.

50

51

„Beim ehrwürdigen Pater Lorenzo sollte sich

ganz Verona bedanken!“,

52

53

54

murmelt er.

Julia lächelt gequält.

Sie verneigt sich vor ihrem Vater und ruft dann die Amme.

SEITE

224


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

55

56

57

„Komm her, Amme!

Komm mit mir auf mein Zimmer und hilf mir dabei,

für morgen ein geeignetes Kleid auszuwählen!“

58

Die Gräfin flötet aus dem Hintergrund:

59

„Das hat doch noch bis morgen Zeit, mein Engel!“

60

Doch Julia zerrt ihre Amme mit sich.

61

„Komm mit! Morgen muss ich doch zur Kirche!“

62

63

Die beiden verschwinden in Julias Zimmer.

Die Gräfin seufzt.

64

„Es ist schon fast Nacht...“

65

66

„Ich werde mich schon darum kümmern,

dass morgen alles glatt läuft!“,

67

antwortet der Graf.

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225


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

68

69

„Geh du lieber zu unserer Tochter und berate sie!

Ich werde diese Nacht kein Auge zutun können...“

70

Er nimmt einen Stapel Teller und trägt ihn ins Esszimmer.

71

„Jetzt mache ich schon Hausfrauenarbeit...“,

72

brummt er.

73

„Kann das denn niemand übernehmen?“,

74

ruft er dann.

75

76

„Ich muss noch zu Graf Paris,

um nach dem Rechten zu sehen.“

77

Graf Capulet verlässt den Palast.

78

79

„Zum Glück hat sich dieses verrückte Mädchen

endlich beruhigt...“,

80

denkt er.

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226


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 4

DRITTE SZENE

TIEFER SCHLAF

1

„Ja, dieses Kleid gefällt mir am besten!“,

2

3

4

sagt Julia erschöpft.

Sie steht vor ihrem gewaltigen Spiegel und betrachtet sich kritisch.

Die Amme zupft an ihrem langen, weißen Kleid herum.

5

„Doch nun reicht es mir!“,

6

7

8

fügt Julia hinzu.

Sie versucht vergeblich, sich das Kleid wieder vom Körper

zu streifen. Die Amme muss ihr helfen.

9

„Lass mich diese Nacht bitte alleine“,

10

sagt Julia.

11

12

„Ich muss noch viel beten

und Gott um Verzeihung für meine Sünden bitten.“

SEITE

227


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

13

14

Die Amme nickt verständnisvoll.

Da platzt die Gräfin in Julias Zimmer.

15

16

„Seid ihr schon fertig?

Braucht ihr meine Hilfe?“,

17

flötet sie.

18

„Danke, liebe Mutter“,

19

antwortet Julia, als sie sich endlich aus dem Kleid befreit hat.

20

21

„Wir haben schon alles für morgen vorbereitet.

Gefällt es dir?“

22

23

Julia hält ihrer Mutter das weisse Kleid entgegen.

Die Gräfin ist entzückt.

24

„Du wirst wundervoll aussehen, mein Engel!“,

25

ruft sie.

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228


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

26

„Dann lass mich nun bitte allein“,

27

antwortet Julia.

28

29

30

31

„Und nimm die Amme mit dir.

Sie kann dir doch sicherlich bei den

Vorbereitungen helfen. Ich möchte mich in Ruhe

auf morgen vorbereiten!“

32

Ihre Mutter streicht ihr lächelnd über das Haar.

33

„Schlaf gut, mein Kind!“.

34

sagt sie.

35

„Ruh dich gut aus, denn du hast es nötig!“

36

37

Dann verlässt sie mit der Amme das Zimmer.

Julia atmet auf.

38

„Leb wohl...“,

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229


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

39

murmelt sie.

40

„Wer weiss, wann wir uns wiedersehen...“

41

42

43

44

45

Julia zieht sich ihr Nachthemd an und legt sich ins Bett.

Das kleine Glasfläschchen mit der grünlichen Flüssigkeit

nimmt sie mit sich.

Julia hat plötzlich Angst.

Am liebsten würde sie die Amme zurückrufen.

46

„Das muss ich nun allein vollenden...“,

47

48

denkt sie und betrachtet die Flüssigkeit in dem Fläschchen.

Sie will es öffnen.

49

„Was ist, wenn dieser Trank gar nicht wirkt?“,

50

denkt sie plötzlich und hält inne.

51

„Muss ich dann morgen den Grafen heiraten?“

52

Julia verzieht das Gesicht.

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230


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

53

„Auf keinen Fall!“,

54

55

56

denkt sie. Doch sie hat eine Idee.

Sie holt ein kleines vergoldetes Messer aus ihrem Schrank

und legt es neben sich aufs Bett.

57

„Damit kann ich mich dann immer noch umbringen“,

58

59

60

61

62

63

64

murmelt sie.

Julia sitzt in ihrem Bett. Hinter ihren Rücken hat sie ein

großes weißes Kissen positioniert. Sie öffnet ihre Haare

und lässt sie über beide Schultern fallen.

Dann lehnt sie sich zurück, atmet tief durch und öffnet

das Fläschchen.

Sie setzt es an ihre Lippen.

65

66

„Was wäre eigentlich,

wenn das ein Gift ist, das mich tötet?“,

67

68

69

denkt sie.

Julia überlegt. Dann verwirft sie den Gedanken.

Das würde der fromme Pater Lorenzo niemals tun.

70

„Ich sollte nicht so schlecht von ihm denken!“,

SEITE

231


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

71

72

schimpft sich Julia selbst.

Doch da kommt ihr noch eine weitere Idee.

73

74

75

76

„Was aber, wenn ich bereits aufwache,

bevor Romeo kommt, um mich zu befreien?

Muss ich dann ganz allein in der kalten und

dunklen Gruft bleiben?“

77

78

Julia erschauert bei dem Gedanken.

Sie senkt ihre Hand mit dem Trank.

79

„Ich könnte dort ersticken!“,

80

überlegt sie.

81

82

83

84

„Und wenn Romeo kommt,

um mich zu holen, liege ich bereits tot und kalt

unter all meinen Vorfahren,

die dort seit hunderten von Jahren verwesen...“

85

86

87

Julias Phantasie überwältigt sie.

Sie stellt sich vor, wie sie unter all den Gebeinen und

Totenschädeln aufwacht.

SEITE

232


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

88

89

„Schließlich liegt auch der tote Tybalt dort!

Er ist mit Sicherheit schon am Verwesen...“,

90

denkt sie mit Entsetzen.

91

92

93

94

95

„Was, wenn um Mitternacht die toten Seelen

meiner Vorfahren auferstehen?

Vielleicht gibt es in der Gruft ja auch Geister?

Vielleicht werde ich dann verrückt durch deren

ekelhaften Gestank und ihre bösen Schreie!“

96

97

98

99

Julia schüttelt sich.

Doch plötzlich denkt sie an ihren Romeo.

Sie fasst neuen Mut.

Julia nimmt das Fläschchen und setzt es wieder an ihre Lippen.

100

„Ich komme, Romeo!“,

101

sagt sie mit fester Stimme.

102

„Ich trinke auf uns beide!“

103

104

Julia schließt ihre Augen.

Dann trinkt sie das Fläschchen in einem Zug aus.

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233


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

105

106

107

Die Flüssigkeit fühlt sich kalt an und brennt in ihrem Hals.

Julia spürt eine große Müdigkeit in sich aufkommen.

Dann spürt sie gar nichts mehr.

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234


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 4

VIERTE SZENE

HOCHZEITSTAG

1

2

3

4

5

6

Es ist Donnerstag. Heute soll Julia mit Graf Paris vermählt werden.

Schon nachts beginnen die Diener im Hause Capulet mit den

Vorbereitungen.

Doch auch der Graf und die Gräfin können vor Aufregung kein

Auge mehr zutun. Sie stehen mitten in der großen Eingangshalle

des Palastes und geben Anweisungen.

7

8

„Nimm diese Schüssel und hole noch etwas mehr

von den Gewürzen!“,

9

10

11

12

befielt die Gräfin einer Dienerin.

Die junge Frau nickt und verschwindet mit der Schüssel.

Da kommt die Amme herangeeilt. Sie ist außer Atem.

Kleine Schweißperlen stehen auf ihrer Stirn.

13

14

„Es gibt frische Quitten und Orangen in der

Konditorei. Soll ich welche bestellen?“,

15

fragt sie.

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235


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

16

„Frische Quitten?“

17

Die Gräfin nickt.

18

„Hole so viele du kriegen kannst!“

19

20

Der Graf klatscht in die Hände.

Seine Stirn liegt sorgenvoll in Falten.

21

22

23

„Bewegt euch, los!

Die Kirchturmglocke läutet schon,

es ist bereits drei Uhr!“

24

25

Er hält eine ältere Dienerin auf.

Sie trägt einen riesigen Stapel Tischdecken in ihren Armen.

26

27

„Sorge dafür, dass es genügend Kuchen

und Gebäck gibt!“,

28

befielt er ihr.

29

„Wir wollen heute nicht sparen!“

SEITE

236


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

30

31

32

Mehrere junge Diener tragen einen langen Tisch durch den Palast.

Der Tisch ist aus massivem Holz. Die Diener keuchen.

Die Amme schiebt den Grafen bestimmt zur Seite.

33

„Gehen Sie aus dem Weg!“

34

Sie verdreht ihre Augen.

35

„Wollen Sie sich nicht noch einmal ins Bett legen?“,

36

sagt sie.

37

38

„Sie werden krank sein bei der Feier,

wenn Sie die ganze Nacht über wach sind!“

39

Graf Capulet ist entrüstet:

40

41

42

„Kein bisschen!

Ich habe schon wegen anderer Dinge die Nächte

durchgemacht und war nie deswegen krank!“

43

Die Gräfin lacht und verdreht die Augen.

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237


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

44

45

„Ja, ja! Ich will gar nicht wissen, was du in deinen

jungen Jahre nachts alles angestellt hast!“

46

47

48

49

50

Graf Capulet lächelt sie verschmitzt an.

Da kommen mehrere Diener zur Tür herein.

Sie bringen einen riesigen Schweinebraten am Spieß und

Unmengen an Holz zum Feuer machen herein.

Der Graf hebt freudig die Hände in die Höhe.

51

„Hallelujah! Was bringt ihr denn Schönes an?“

52

Ein Diener antwortet atemlos:

53

„Das hat der Koch bestellt, Herr!“

54

„Dann beeilt euch!“,

55

befielt der Graf.

56

„Macht zu!“

57

Die Diener tragen den schweren Braten in die Küche des Palastes.

SEITE

238


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

58

Aus einem Nebenzimmer tönt fröhliche Orchestermusik.

59

60

„Aha, Graf Paris ist angekommen

und hat die Musiker mitgebracht!“,

61

62

63

denkt der Graf zufrieden.

Dann ruft er die Amme zu sich und bittet sie, seine Tochter zu

wecken.

64

„Sorge dafür, dass sie ihr schönstes Kleid anzieht!“,

65

flüstert er ihr zu.

66

67

„Ich werde mit dem Grafen

eine kleine Runde im Park machen.“

68

69

Er klatscht in die Hände.

Die Diener blicken erschrocken auf.

70

„Beeilt Euch! Der Bräutigam ist bereits da!“,

71

ruft der Graf ihnen zu und verlässt dann den Palast.

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239


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 4

FÜNFTE SZENE

TRAUER

IM HAUSE CAPULET

1

„Fräulein!“,

2

ruft die Amme vorsichtig, als sie Julias Zimmer betritt.

3

Julia! Du schläfst ja noch ganz fest...“,

4

sagt sie erstaunt und tritt zum Fenster, um die Vorhänge zu öffnen.

5

„Mein Lämmchen! Du Langschläferin!“

6

7

8

Die Amme öffnet die schweren Vorhänge.

Das erste Morgenlicht dringt ins Zimmer. Julia liegt in ihrem Bett.

Ihre Augen sind fest geschlossen.

9

„Mein Schätzchen! Mein süßes Herz!

SEITE

240


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

10

Meine kleine Braut!“

11

12

13

Die Amme dreht sich zu Julia.

Deren Gesicht bleibt unbewegt. Ihre Haut ist weiß.

Die Amme hält inne.

14

15

16

17

„Du schläfst wohl schon vor?

Denn die nächste Nacht wirst du nicht

zum Schlafen kommen, dafür wird der Graf Paris

schon sorgen...“

18

Sie kichert.

19

„Wie gesund sie schläft...“,

20

denkt sie und setzt sich auf Julias Bett.

21

22

23

„Ich muß dich leider wecken, mein Kind...

Wenn der Graf dich so sehen würde,

der würde dich schon beleben!“

24

25

26

Die Amme kichert wieder und zieht Julia die Bettdecke weg.

Julia trägt nicht ihr Nachthemd, sondern das Kleid, das sie am

gestrigen Tag anhatte. Die Amme ist erstaunt.

SEITE

241


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

27

28

„Was? Du bist schon angezogen?

Hast du dich etwa wieder hingelegt?“

29

Sie streicht Julia über das Gesicht.

30

„Fräulein, wach auf...“

31

32

33

34

35

Ein lauter Schrei dringt bis ins letzte Zimmer des Palastes der

Capulets. Der Graf und die Gräfin, Graf Paris und alle Diener

des Hauses schrecken von ihren Hochzeitsvorbereitungen auf und

halten inne. Was ist los? Wer hat da so laut geschrien?

Die Amme zieht erschrocken ihre Hand zurück.

36

„Fräulein?“,

37

38

haucht sie leise.

Ihre Augen sind weit aufgerissen. Julias Gesicht fühlt sich kalt an.

39

„Oh Gott!“,

40

flüstert die Amme erschreckt. Dann schreit sie laut auf.

41

„Zu Hilfe! Sie ist tot!“

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242


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

42

Sie wirft sich auf Julias leblosen Körper.

43

44

„Ach du liebe Zeit! Was muss ich da sehen?

Sie ist tot!“,

45

schluchzt die Amme auf.

46

„Gnädiger Herr! Gräfin! Kommen Sie schnell her!“

47

Die Gräfin erreicht als Erste das Zimmer ihrer Tochter.

48

„Was ist denn das für ein Lärm?“,

49

50

fragt sie verärgert.

Die Amme schluchzt laut auf.

51

„Was gibt es denn?“,

52

fragt die Gräfin noch einmal und nähert sich dem Bett.

53

„Sehen Sie doch her!“,

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243


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

54

55

weint die Amme und zeigt auf die leblose Julia.

Die Gräfin schlägt die Hände über ihrem Kopf zusammen.

56

„O weh!“,

57

58

59

ruft sie mit erstickter Stimme und eilt an das Bett ihrer Tochter.

Sie legt ihren Kopf auf Julias Brustkorb. Doch sie kann keinen

Herzschlag hören.

60

„Mein Kind!“,

61

flüstert sie entsetzt.

62

„Mein einziges Kind! Wach auf!“

63

Sie schüttelt Julias Körper.

64

„Wach auf! Lebe! Sonst sterbe ich gleich mit dir!“

65

66

Dann ruft auch sie laut um Hilfe.

Der Graf betritt das Zimmer. Er ist verärgert.

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244


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

67

„Schämt euch!“,

68

ruft er.

69

„Wo ist Julia? Der Graf ist schon da!“

70

„Sie ist tot!“,

71

schluchzt die Amme.

72

„Tot! Tot! Tot!“

73

„Oh nein, mein Kind!“,

74

75

jammert die Gräfin und wirft sich dem Grafen weinend in die Arme.

Dieser stößt seine Frau von sich.

76

„Lasst mich mal sehen!“,

77

sagt er barsch.

SEITE

245


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

78

79

Er berührt Julias Stirn. Dann versucht er, ihren Puls zu ertasten.

Doch er fühlt nichts.

80

„Gott hilf uns!“,

81

entfährt es ihm.

82

83

84

„Sie ist ja ganz kalt!

Kein Blut ist mehr in ihren Adern!

Ihre Glieder sind ganz starr!“

85

Er springt erschrocken wieder auf.

86

87

88

89

„Sie muss schon seit längerer Zeit tot sein.

In ihren Lippen ist gar kein Blut mehr!

Verflucht sei dieser Moment!

Was bin ich doch für ein armer, alter Mann!“

90

Die Stimme des Grafen zittert.

91

„Heute ist ein Unglückstag!“,

92

jammert die Amme.

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246


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

93

„Ein Trauertag!“,

94

bestätigt die Gräfin weinend.

95

„Ich weiß nicht, was ich noch sagen soll...“,

96

97

98

99

100

101

102

flüstert der Graf und nimmt seine Frau tröstend in den Arm.

Inzwischen sind auch die Diener, Graf Paris und die Musikanten

in das Zimmer geeilt. Die schreckliche Nachricht von Julias Tod

macht die Runde durch ganz Verona. Alle sind entsetzt über den

frühen Tod der schönen Capulet-Tochter.

Pater Lorenzo ist in den Palast geeilt.

Er tut, als ob er nichts wüsste und fragt unschuldig:

103

„Ist die Braut bereit, um in die Kirche zu gehen?“

104

105

Graf Capulet nimmt Lorenzo zur Seite. Mit trauernden Augen und

zitternder Stimme berichtet er von Julias Tod.

106

„Sie ist bereit, um zu gehen, und zwar für immer.“

107

108

Lorenzo macht ein überraschtes Gesicht.

Capulet fährt fort:

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247


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

109

110

111

112

113

„O Vater! Der Tod hat Julia in der Nacht

vor ihrer Hochzeit zu sich geholt!

Sieh nur, wie sie da liegt!

Wie eine Blume, die in den Armen

des Todes verblühte...“

114

115

Er schluchzt.

Pater Lorenzo legt ihm einen Arm um die Schulter.

116

117

„Nun ist der Tod

zu meinem Schwiegersohn geworden“,

118

sagt Capulet mit leiser Stimme.

119

120

121

122

„Der Tod ist mein Erbe,

er hat meine Tochter geheiratet.

Ich würde am liebsten auch sterben

und ihm alles geben, was ich habe.“

123

124

Paris steht fassungslos an Julias Bett.

Er hält den Blumenstrauß für Julia noch in der Hand.

125

„Ich habe so sehr auf diesen Morgen gewartet...“,

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248


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

126

flüstert er mit leerem Blick.

127

„Und nun dieser Anblick...“

128

„Was für ein unglücklicher und dunklder Tag!“,

129

schluchzt die Gräfin auf.

130

„Noch nie gab es einen dunkleren Tag als heute!“,

131

fügt die Amme mit trauernder Miene hinzu.

132

„Mein Kind! Meine Seele!“,

133

ruft der Graf.

134

135

„Mein Kind ist tot! Und mit meinem Kind

auch alle meine Lebensfreude!“

136

Paris nickt. Er legt seine Blumen auf Julias Bett.

SEITE

249


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

137

„Weint nicht!“,

138

sagt Pater Lorenzo mit sanfter Stimme.

139

140

„Sie ist nun im Himmel. Ihr könnt nichts dafür.

Ihr geht es nun gut. Seid nicht traurig!“

141

Mit ruhiger Stimme fährt er fort:

142

143

144

145

„Hört auf zu weinen!

Bringt den Leichnam zur Kirche,

so wie es die Tradition will.

Und zieht ihr vorher ihre schönsten Kleider an!“

146

147

Die Gräfin springt auf. Sie wischt sich die Tränen aus dem

Gesicht. Die Amme sucht Julias Hochzeitskleid hervor.

148

149

„Alles, was wir als Hochzeitsfest geplant hatten,

wird nun zum Trauerzug!“,

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murmelt der Graf.

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„Die Musiker werden einen Trauermarsch spielen

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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anstelle von Hochzeitstänzen.

Das Festmahl wird zum Leichenschmaus.

Der Brautstrauß wird zum Trauerkranz.

Alles verwandelt sich ins traurige Gegenteil...“

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„Lasst sie nun gehen, Graf“,

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sagt Pater Lorenzo beruhigend. Die tiefe Trauer der Capulets

um ihre Tochter macht ihm ein schlechtes Gewissen.

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„Gehen Sie mit ihm, gnädige Frau“,

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bittet er die Gräfin.

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„Machen Sie sich alle fertig!

Wir müssen die Leiche in die Gruft bringen!“

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Der Graf und die Gräfin verlassen mit versteinerten Gesichtern

das Zimmer. Die Hochzeitsgesellschaft macht ihnen mit

betretenen Mienen und gesenkten Köpfen Platz.

Auch die Amme rennt schluchzend davon.

Graf Paris steht immer noch vor Julias Bett.

Der Pater klopft ihm mitfühlend auf die Schulter.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Gehe nun auch du, mein Sohn!“,

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sagt er leise.

Paris blickt ihn kurz an.

Dann verlässt er mit hängenden Schultern das Zimmer.

Die Musiker und Diener stehen immer noch an der Tür und blicken

Lorenzo neugierig an. Er schickt sie mit einer Handbewegung fort.

Dann ist er mit Julia allein.

Er atmet auf und bekreuzigt sich.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 5

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 5

ERSTE SZENE

GIFT!

1

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In Mantua brennt die Sonne vom Himmel.

Kein Lüftchen weht über die weiten Felder, die das winzige

Städtchen umgeben.

Schafe weiden auf den braunen, kargen Wiesen.

Romeo sitzt im Schatten seiner armseligen Hütte.

Er hat seine Augen geschlossen. Er träumt von Julia.

In dem Traum ist Romeo tot.

Doch Julia kommt zu ihm, um ihn mit ihren zarten Küssen wieder

zum Leben zu erwecken. Nachdem Julia ihn geküsst hat,

wird er plötzlich zum Kaiser des Landes.

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„Ein schöner Traum!“,

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denkt Romeo beim Aufwachen.

Er blinzelt. Vor ihm steht sein Freund Balthasar

und stupst ihn mit dem Fuß an.

Romeo blinzelt wieder.

16

„Ha! Neues aus Verona!“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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freut er sich und springt auf.

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„Sag, wie steht’s?

Hast du keinen Brief vom Pater für mich?

Wie geht’s meiner schönen Frau?

Wie geht’s meinem alten Vater?

Und geht es Julia gut? Sag schon!“

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Balthasar will etwas sagen, doch er verstummt wieder.

Sein Blick ist traurig.

25

„Geht’s Julia gut?“,

26

fragt Romeo stürmisch.

27

„Nun sprich schon!“

28

Balthasar nickt leicht.

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„Es geht ihr gut“,

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sagt er mit trockener Stimme.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Ihr Körper ruht in der Gruft der Capulets

und ihre Seele lebt nun bei den Engeln.“

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Er verstummt.

Romeo versteht nicht.

Erst nach einigen Momenten begreift er,

was sein Freund ihm gesagt hat.

Er sinkt zu Boden. Tränen schießen ihm in die Augen.

Romeo blickt Balthasar fassungslos an.

Dann schreit er vor Trauer laut auf.

Balthasar versucht den ganzen Nachmittag verzweifelt,

Romeo zu trösten.

Doch dieser kann den Tod seiner Frau nicht fassen.

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44

„Ich habe gesehen, wie sie Julia

in die Gruft gebracht haben“,

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erzählt Balthasar.

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„Da bin ich sofort los geritten,

um dir davon zu berichten.

Verzeih mir diese schreckliche Botschaft,

mein Freund.“

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Romeo schluchzt.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Erst am Abend kommt Romeo wieder zu sich.

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„Hole mir ein Blatt Papier und Tinte

aus meinem Haus!“,

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befielt er seinem Freund.

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„Und sattle mir ein Pferd!

Ich werde sofort losreiten.“

57

Balthasar erschrickt.

58

„Ich kann dich so nicht allein lassen!“,

59

sagt er.

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„Du bist noch ganz blass!

Und dein Blick verrät nichts Gutes!“

62

Doch Romeo winkt ab.

63

„Du irrst dich! Tu, was ich dir gesagt habe!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

64

Sein Gesicht ist nun wild entschlossen.

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„Hast du auch wirklich keinen Brief

von Pater Lorenzo?“

67

Balthasar schüttelt traurig den Kopf.

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„Dann geh und hole das Pferd!

Ich komme gleich in mein Haus zurück!“

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Romeo eilt entschlossen durch die Strassen von Mantua.

Er biegt in eine kleine, dunkle Gasse ein.

Dreck liegt herum. Es stinkt nach Tiermist.

Vor einem kleinen Laden macht er Halt.

Im dreckigen Schaufenster sind ein hohler Schildkrötenpanzer,

ein ausgestopftes, verstaubtes Krokodil und verschiedene

vertrocknete Fischhäute ausgestellt.

Daneben stapeln sich Berge von Blechbüchsen und Töpfen.

Dazwischen sind Glasgefäße, Stoffsäckchen mit Samen,

Bindfäden, alter Kuchen und weiterer Kram verstreut.

Romeo betritt den Laden.

An der Decke hängen Spinnweben. Ein Metallkäfig mit einem

abgemagerten schwarzen Vogel steht auf dem Boden.

Hinter den Tresen steht ein dürrer, alter Mann.

Er trägt ein kaputtes Hemd. Seine Haare sind fettig.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Er hat dicke, buschige Augenbrauen.

Der Alte wird von den Leuten spöttisch „der Apotheker“ genannt.

Den ganzen Tag über sammelt er im Wald und auf den Feldern

geheimnisvolle Pflanzen, aus denen er abends verschiedene

Tränke herstellt. Es ist in der ganzen Stadt bekannt, dass einige

dieser Mittel so stark giftig sind, dass schon ein Tropfen davon ein

ganzes Pferd töten würde.

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„He, Apotheker!“,

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ruft Romeo dem alten Mann zu.

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„Wer bist du?“,

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brummt dieser mürrisch zurück.

Romeo zieht ein Säckchen mit Goldstücken aus seiner Tasche.

Er streckt es dem Mann entgegen.

Dessen Augen beginnen zu leuchten.

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„Hier sind 40 Dukaten!“,

100

sagt Romeo mit fester Stimme.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Gib mir dafür ein Gift, das so schnell wirkt,

dass derjenige, der es zu sich nimmt,

auf der Stelle tot umfällt.“

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Der Alte brummt wieder.

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„Solch ein Gift habe ich schon“,

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sagt er langsam und schielt nach dem Gold.

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„Doch Mantuas Gesetz verbietet den Verkauf

dieses Giftes. Darauf steht die Todesstrafe!“

109

Doch Romeo lässt nicht locker.

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„Ich sehe, dass du arm und voller Sorgen bist.

Und es gibt auch kein Gesetz gegen deine Armut.

Deshalb brich das Gesetz und nimm das Geld!“

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Der Alte zögert nicht lange.

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„Ich tue dies nur aus Armut...“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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sagt er entschuldigend und nimmt sich schnell das Gold.

Er versteckt das Säckchen unter seiner Theke und zieht ein kleines

Glasfläschchen hervor.

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„Mit diesen Tropfen kannst du zwanzig Männer

von deiner Statur töten“,

120

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flüstert der Alte und überreicht Romeo das Fläschchen.

Romeo steckt es schnell in seinen Umhang.

Er nickt dem alten Mann zu und verlässt den Laden.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 5

ZWEITE SZENE

DER BRIEF

1

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Nach Julias Totenmesse in der Kirche San Zeno

wird ihr lebloser Körper in die Gruft der Capulets gebracht.

Ein langer Zug von Menschen folgt den trauernden Capulets

durch die Straßen.

Viele Bürger von Verona sind gekommen.

Sie haben Blumen oder Kerzen mitgebracht.

Die Gräfin hat ihr Gesicht dunkel verschleiert.

Doch jedermann kann sehen, wie ihr die Tränen

über das Gesicht laufen.

Der Graf versucht, seine Gefühle nicht zu zeigen.

Sein Gesicht ist wie versteinert.

Die beiden führen den Trauerzug an.

Die Amme folgt ihnen. Sie scheint um viele Jahre gealtert.

Ihre Schultern sind eingefallen.

Sie schluchzt immer wieder laut auf.

Auch Graf Paris folgt dem Zug.

Die Gruft der Capulets liegt auf einem Friedhof.

Das prunkvolle Gebäude hebt sich von den kleineren Grabstätten

ab. Mehrere Stufen führen zum Eingangstor.

Zwei große Säulen rahmen den Eingang ein.

Das Dach der Gruft wird von einer enormen Kuppel verziert.

Darunter gibt es ein einziges, winziges Fenster

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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in Form eines Kreuzes. Goldene Verzierungen und kunstvolle

Mosaike schmücken die Wände des Gebäudes.

Ein großes Eisengitter versperrt den Zugang zu dem dunklen

Gewölbe. Pater Lorenzo öffnet das Tor. Er bekreuzigt sich.

Die Diener tragen Julias Körper in die Gruft.

Julia wird auf einer Steinplatte, die in der Mitte des Raumes steht,

aufgebahrt. Es riecht modrig. Unzählige Knochen und

Totenschädel liegen auf dem Boden.

Ihre Familie und Graf Paris haben ein ganzes Meer an Blumen in

die dunkle Gruft gebracht.

Tausende von kleinen weißen Kerzen brennen.

Pater Lorenzo segnet Julia ein letztes Mal.

Dann verlässt er als letzter die Grabstätte.

Sein Herz schlägt.

Er hat ein ungutes Gefühl.

Die Trauergäste sind bereits gegangen.

Pater Lorenzo verschließt das Eingangsportal der Gruft.

Dann geht er in sein Kloster zurück.

Er schließt sich in seine Zelle ein, kniet nieder und betet.

Wenig später wird er durch ein lautes Rufen aufgeschreckt.

Er öffnet die Tür seiner Zelle und sieht nach.

Es ist sein Priesterkollege, der Bruder John.

Erfreut wird er von Lorenzo begrüßt:

46

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„Willkommen, Bruder!

Wie war es in Mantua? Was sagt Romeo?

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Hat er einen Brief für mich mitgegeben?“

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Doch Bruder John schüttelt den Kopf.

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„Stell dir vor, was mir passiert ist!“,

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sagt er.

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„Ich wollte vorher noch einen anderen

Ordensbruder besuchen, der mich nach Mantua

begleiten sollte. Er besucht immer die Pestkranken

der Stadt und gibt ihnen den letzten Segen.

Ein mutiger Bruder!“,

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erzählt John.

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„Plötzlich kamen jedoch Männer

und sperrten uns in dem Haus ein.

Sie dachten, John hätte sich mit der Pest angesteckt.

Es dauerte einen ganzen Tag und eine ganze Nacht,

ehe sie uns wieder frei ließen.

Ist das denn nicht eine Frechheit?“

64

Bruder John ist entrüstet, wie mit ihm umgegangen wurde.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

65

„Danach bin ich nicht mehr nach Mantua gefahren.“

66

Pater Lorenzos Herz schlägt wild. Er ahnt Schlimmstes.

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„Eine Frechheit ist das!“,

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bestätigt er.

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„Und wer hat dann den Brief zu Romeo gebracht?“

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Bruder John zuckt mit den Schultern.

Er kramt in seiner weiten Robe

und zieht einen zerknitterten Umschlag hervor.

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„Hier hast du deinen Brief zurück.

Tut mir leid, ich konnte ihn nicht zustellen.

Und sonst wollte das niemand übernehmen.

Sie hatten ja alle Angst davor,

sich bei mir anzustecken...“

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Pater Lorenzo stöhnt auf.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Unseliges Missgeschick!“,

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entfährt es ihm.

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„Der Brief war sehr wichtig!

Romeo hätte ihn unbedingt schon längst

bekommen sollen. Eine Verspätung kann nun

sehr gefährlich werden.“

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Er überlegt.

Dann bittet er Bruder John, ihm ein Brecheisen

in die Zelle zu bringen.

88

„Ich muss das nun alleine regeln“,

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erklärt er.

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„Ich werde zur Gruft gehen.

Denn in drei Stunden wird Julia erwachen.

Sie wird mich verwünschen, wenn sie erfährt,

dass Romeo von der ganzen Geschichte

gar nichts erfahren hat.“

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Bruder John blickt ihn nur verständnislos an.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Er hat nichts verstanden.

Pater Lorenzo schickt ihn weg.

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„Ich muss sofort noch einmal an Romeo schreiben“,

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denkt er.

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„Ich werde Julia in meiner Zelle verstecken,

bis er nach Verona kommt und sie abholt...“

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John bringt ihm das Brecheisen.

Er blickt ihn fragend an.

Doch Pater Lorenzo nimmt sich seinen dunklen Umhang

und verlässt, ohne ein weiteres Wort zu sagen, das Kloster.

Er eilt, so schnell er kann, zur Gruft der Capulets.

107

„Das arme Kind!“,

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denkt er.

109

„Ganz allein in der dunklen Gruft!“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 5

DRITTE SZENE, TEIL 1

JULIAS GRAB

1

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Es ist Nacht.

Auf dem Friedhof ist es dunkel. Auf einigen Gräbern brennen

kleine Wachskerzen. Es ist totenstill.

Da betreten zwei dunkle Gestalten den Friedhof.

Sie tragen eine Fackel bei sich und bewegen sich direkt auf die

Gruft der Capulets zu. Der Größere der beiden hält einen riesigen

Blumenstrauß in den Händen.

Vor der verschlossenen Gruft bleiben sie stehen.

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„Gib mir deine Fackel, Junge,

und entferne dich wieder“,

11

sagt der Größere.

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„Nein, mache sie doch lieber aus,

ich möchte nicht, dass man mich hier erkennt.“

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Er blickt sich um und zeigt dann auf eine Gruppe von Büschen am

Eingang des Friedhofes.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Versteck dich dort

und beobachte genau den Eingang.

Wenn jemand kommt, dann gib mir ein Zeichen.

Verstanden?“

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Der Kleinere nickt.

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„Es ist ja schon etwas unheimlich hier

und allein ist es sicher noch schlimmer.

Aber ich werde es wagen.“

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Er verschwindet im Dunkel.

Der Größere kniet vor dem Grab nieder und legt die Blumen davor

auf den Boden. Er senkt seinen Kopf und spricht leise vor sich hin.

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„Meine schöne Blume!

Dein mir verschlossenes Brautbett

bestreue ich mit Blumen. Oh schöne Julia!

Du bist nun bei den Engeln.

Nimm trotzdem mein Geschenk an,

denn ich habe dich sehr geliebt.“

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Da ertönt ein Pfiff. Der Mann zuckt zusammen.

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„Mein Diener gibt mir ein Zeichen!“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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denkt er.

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„Das bedeutet, dass jemand näher kommt!

Welcher Verdammte muss ausgerechnet jetzt

meine Trauerfeier stören?“

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Und schon sieht er in der Ferne das Licht einer Fackel.

Schnell versteckt er sich im Dunkel des benachbarten Grabes.

Romeo und sein Diener Balthasar treten an die Gruft der Capulets

heran. Der Diener trägt ein Brecheisen und einen großen Hammer

bei sich. Romeo trägt eine hell brennende Fackel. Er steckt diese

in die Erde neben dem Eingang der Gruft.

45

„Gib mir das Brecheisen und den Hammer!“,

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befielt Romeo leise.

Dann übergibt er seinem Diener einen Brief.

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„Nimm diesen Brief

und gib ihn morgen früh meinem Vater.“

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Der Diener nimmt den Brief.

Er blickt Romeo fragend an.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

52

„Warte am Ausgang auf mich!“,

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befielt Romeo.

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„Und wage es nicht, mich hier zu stören.

Ich werde nun in die Gruft hineingehen“,

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59

sagt er bestimmt.

Der Diener zuckt zusammen.

Das Aufbrechen von Grabstätten ist verboten. Nur Grabräuber

brechen Gruften auf, um wertvolle Totengaben zu klauen.

60

„Will mein Herr etwa seine eigene Frau beklauen?“,

61

fragt sich Balthasar entsetzt.

62

63

„Ich möchte ein letztes Mal

meine schöne Frau sehen“,

64

erklärt Romeo.

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66

„Außerdem möchte ich einen Ring

von ihren Fingern ziehen, der mir sehr wichtig ist.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

67

Ein Andenken, verstehst du?“

68

Der Diener nickt.

69

„Dann verschwinde nun!“,

70

sagt Romeo.

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75

„Und wenn du mich störst, schwöre ich dir,

dass ich dich in Stücke reiße und mit deinen

Körperteilen den Boden dieses Friedhofes bedecke.

Diese Nacht ist wütend und wild.

Und ich bin es auch!“

76

Er blickt den Diener entschlossen an.

77

78

„Wütender noch als ein durstiger Tiger.

Und wilder als die stürmische See!“

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82

Der Diener blickt Romeo entsetzt an und verschwindet dann

schnell im Dunkel der Nacht.

Romeo setzt sein Brecheisen an der Metalltür der Gruft an.

Seine Muskeln spannen sich.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

83

„Du Bauch des Todes!“,

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flucht er.

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88

„Du hast der Erde das Schönste genommen,

was sie hatte.

Deswegen breche ich nun deine Fisch-Kiemen auf

und werde deinen Magen noch etwas mehr füllen!“

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93

Romeos Blick ist wirr und verzweifelt.

Eine Träne blinkt in einem Augenwinkel.

Mit all seiner Kraft bricht er das Eisentor der Gruft auf.

Die beiden Flügeltore springen auf.

Da springt eine große, dunkle Gestalt auf Romeo zu.

94

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„Ha! Der verbannte Sohn der Montagues,

der Julias Vetter Tybalt tötete!“,

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98

ruft der Mann laut.

Er hat seinen spitzen Degen gezogen. Dieser glänzt im Licht

des Mondes.

99

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„Aus Kummer über den Tod des Cousins

ist die arme Julia gestorben.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Und nun kommst du und möchtest den Leichnam

schänden? Willst du deine Rachegelüste

selbst an einer Toten noch ausleben?

Du Verdammter! Bewege dich nicht vom Fleck!

Ich werde dich verhaften und töten lassen!“

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110

Romeo ist erschrocken.

Er hat sich schnell das Stemmeisen genommen

und hält es nun wie ein Schwert schützend vor sich.

Er versucht zu erkennen, wer ihn überrascht hat.

Doch es ist zu dunkel.

111

„Sterben muss ich, das stimmt!“,

112

sagt Romeo beschwichtigend.

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116

„Deshalb kam ich auch hierher.

Darum lasse mich hier allein

und mache mich nicht noch wütender.

Ich möchte nicht noch eine Sünde begehen.“

117

118

Romeo schwenkt das Brecheisen vor sich hin und her. Denn der

Mann vor ihm hat seine Angriffshaltung nicht aufgegeben.

119

„Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben!“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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121

fährt Romeo deshalb fort.

Seine Stimme klingt fast flehend.

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124

„Ich bin hier, um mich selbst zu töten.

Deswegen verschwinde nun!

Ich möchte dir nichts Böses tun müssen!“

125

„Dein Geschwätz interessiert mich nicht!“,

126

antwortet der Große mit zorniger Stimme.

127

128

„Du bist ein Grabschänder

und ich werde dich festnehmen!“

129

Da wird Romeo wütend.

130

131

„Du zwingst mich also?

Das hättest du nicht tun dürfen!“

132

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Er geht mit dem Stemmeisen auf seinen Gegner los

und versucht, ihm einen kräftigen Hieb zu versetzen.

Doch dieser weicht geschickt aus und schwingt seinen

Degen gefährlich nahe über Romeos Kopf.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Doch Romeo ist wütend.

Er hat keine Angst mehr vor dem Tod.

Er versetzt seinem Gegner einen heftigen Schlag auf die Schulter.

Dieser fällt zu Boden. Vor Schmerzen lässt er seinen Degen fallen.

Schnell ergreift Romeo die Waffe. Er ist nun zu allem bereit.

Der Große rafft sich wieder auf.

Er ist mitgenommen von dem heftigen Schlag.

Seine Schulter schmerzt. Doch da erblickt er das Brecheisen, das

Romeo liegengelassen hat.

Er ergreift es und stürzt sich auf seinen Feind.

Da sticht Romeo zu. Er trifft sein Gegenüber direkt ins Herz.

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„Ich bin hinüber...“,

148

149

flüstert der Sterbende leise.

Er sinkt zu Boden. Ein Blutfleck breitet sich auf seiner Brust aus.

150

„Habe Erbarmen“,

151

flüstert er mit letzter Kraft,

152

„öffne die Gruft und lege mich zu einer Julia!“

153

Dann zuckt er ein letztes Mal auf. Seine Augen werden starr.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 5

DRITTE SZENE, TEIL 2

DAS ENDE

1

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17

Romeo hält seine Fackel über das Gesicht des Toten.

Er erschrickt.

Der Mann, den er eben getötet hat, ist Graf Paris.

Romeo fühlt Eifersucht in sich aufsteigen.

Er erinnert sich, dass Balthasar ihm von der geplanten Hochzeit

zwischen Graf Paris und Julia erzählt hat.

Trotzdem erfüllt er den letzten Wunsch seines Gegners.

Romeo bricht das Eisentor der Gruft auf und schleift den Leichnam

des toten Paris hinein.

Doch den Platz neben Julia gönnt er ihm nicht. Er bedeckt Paris

eilig mit einem Tuch und lässt ihn neben dem Eingang liegen.

Denn Romeo hat seine Frau entdeckt.

Sie liegt leblos auf einem Steinsockel in der Mitte der Gruft.

Er eilt zu ihr.

Julia ist umgeben von Blumen.

Die Kerzen sind bereits ausgegangen.

Sie ist immer noch wunderschön.

18

„Meine Frau!“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

19

denkt Romeo traurig.

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23

„Der Tod hat dir das Leben genommen,

aber du bist noch genauso schön wie vorher.

Man könnte meinen,

der Tod hat dich noch gar nicht besiegt...“

24

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26

27

Romeo streicht über Julias Gesicht. Ihre Haut ist weich.

Sie hat wieder etwas von ihrer Farbe zurück gewonnen.

In Romeos Auge blitzt eine Träne.

Er legt sich zu seiner Frau auf den Steinsockel.

28

„Ich werde dich nun nie wieder verlassen“,

29

flüstert Romeo traurig.

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31

„Ich werde für immer in dieser Gruft bei dir bleiben,

bis uns beide die Würmer gefressen haben.“

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33

Romeo zieht das Fläschchen mit dem Gift aus seiner Tasche.

Seine Augen sind nun voller Tränen.

34

„Ich will hier neben dir sterben“,

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

35

schluchzt er.

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40

41

„Ein letztes Mal erblicken meine Augen

deine Schönheit.

Ein letztes Mal umarmen meine Arme

deinen Körper.

Und ein allerletztes Mal berühren meine Lippen

die deinigen.“

42

43

44

45

46

47

48

Romeo küsst Julia vorsichtig auf den Mund.

Die Tränen laufen ihm übers Gesicht.

Sein Blick verschwimmt.

Als Romeos Lippen Julia berühren, zuckt ihr Mund leicht

zusammen. Romeo bemerkt es nicht.

Er nimmt Julias Hand. Dann öffnet er das Fläschchen mit

dem Gift und setzt es an seine Lippen.

49

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51

„Komm, Tod, du grausamer Kapitän!

Treibe dein vom Sturm beschädigtes Schiff

in die Felsen! Ich trinke auf meine Liebe!“

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57

Romeo leert das Fläschchen in einem Zug.

Sein Körper erzittert.

Das Gift breitet sich in Sekundenschnelle aus.

Romeo fällt neben Julia nieder.

Er spürt nicht mehr, dass Julias Finger sich in seiner Hand

bewegt haben.

SEITE

279


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

58

59

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61

In der Zwischenzeit ist Pater Lorenzo zum Friedhof geeilt.

Er trägt sein Brecheisen und einen Spaten bei sich. Eine Laterne

erleuchtet ihm den Weg.

Plötzlich stolpert er. Jemand schreit auf.

62

„Heiliger Franziskus! Wer ist da?“,

63

fragt der Bruder entsetzt.

64

„Ich bin es“,

65

66

67

antwortet eine erschrockene Stimme.

Es ist Balthasar.

Pater Lorenzo ist direkt über seinen Fuß gestolpert.

68

„Gott segne dich!“,

69

seufzt der Pater erleichtert.

70

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72

„Was tust du denn hier?

Und warum brennt in der Gruft der Capulets

dort ein Licht?“

SEITE

280


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

73

„Mein Herr ist dort, ehrwürdiger Pater!“,

74

antwortet Balthasar.

75

„Dein Herr?“,

76

fragt Lorenzo nach. Er ahnt Schlimmstes.

77

„Wer ist es?“

78

„Es ist Romeo“,

79

flüstert Balthasar.

80

„Oh mein Gott!“,

81

stöhnt der Pater auf.

82

„Wie lange ist er schon dort?“

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281


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

83

„Etwa eine halbe Stunde“,

84

85

antwortet Romeos Diener.

Der Pater nimmt Balthasar am Arm und zerrt ihn mit sich.

86

„Komm mit!“,

87

88

sagt er.

Doch Balthasar wehrt sich.

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90

91

92

„Ich kann nicht, Herr!

Ich habe Romeo versprochen,

ihn nicht zu beobachten. Er bringt mich um,

wenn er erfährt, dass ich hier auf ihn gewartet habe!“

93

Bruder Lorenzo lässt ihn los.

94

95

„Dann bleib eben hier. Ich gehe allein.

Ich befürchte das Schlimmste!“

96

Vor dem Eingang sieht Lorenzo einen großen Blutfleck.

97

„Oh mein Gott!“,

SEITE

282


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

98

denkt er.

99

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102

„Wessen Blut ist das?

Und wieso liegen hier diese blutverschmierten

Waffen vor der Gruft?

Das kann nur Schlechtes bedeuten...“

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112

Eilig betritt er die Gruft.

Seine Augen müssen sich zunächst an die Dunkelheit gewöhnen.

Zuerst sieht er den toten, blutüberströmten Graf Paris.

Pater Lorenzo bekreuzigt sich.

Dann erblickt er den Steinsockel in der Mitte des Raumes.

Er erkennt sofort, dass Julia dort nicht alleine liegt.

Schnell eilt er zu den beiden Liebenden.

Romeos Augen sind starr.

Das Blut ist aus seinen Adern gewichen.

Bruder Lorenzo stöhnt verzweifelt auf.

113

„Was ist hier nur passiert?“,

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117

118

denkt er.

Er schließt Romeos Augen.

Da bemerkt er, dass Julia ihre Augen vorsichtig zu öffnen versucht.

Julia ist noch benommen von ihrem langen Schlaf.

Sie weiss zunächst nicht mehr, wo sie ist.

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283


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

119

„Wieso ist es hier so dunkel?“,

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122

123

denkt sie.

Doch da erkennt sie ein vertrautes Gesicht.

Sie setzt sich auf.

Da fällt ihr wieder ein, wo sie ist.

124

„Lieber Pater Lorenzo!“,

125

sagt sie erfreut.

126

127

„Ich erinnere mich wieder,

weshalb ich hier in dieser Gruft aufwache.“

128

129

Sie reibt sich die Augen.

Dann stutzt sie. Julia blickt um sich.

130

„Doch wo ist mein Romeo?“,

131

fragt sie dann erstaunt.

132

„Sollte er nicht hier sein?“

SEITE

284


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

133

134

Sie hat den toten Romeo, der neben ihr liegt, noch nicht bemerkt.

Pater Lorenzo blickt sie traurig an.

135

„Dein Mann Romeo ist tot.“

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139

Er zeigt auf den reglosen Leichnam.

Julia erschrickt. Sie beugt sich über Romeo.

Die Tränen schießen ihr in die Augen.

Sie wirft sich auf ihren toten Mann und weint hemmungslos.

140

„Unser Plan ist nicht gut ausgegangen“,

141

murmelt der Pater erklärend.

142

„Auch Graf Paris ist tot.“

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147

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149

Er weiß nicht, wie er Julia trösten soll.

Plötzlich hört er ein Geräusch.

Stimmen nähern sich der Gruft.

Pater Lorenzo erschrickt.

Wenn er hier entdeckt würde!

Mit zwei toten Männern und der lebendigen Julia in der Gruft!

Nicht auszudenken, was die Leute sagen würden!

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285


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

150

Er schüttelt Julia am Arm.

151

„Ich habe etwas gehört!“,

152

flüstert er.

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156

„Das sind sicher die Wachen von Verona!

Wir müssen fliehen!

Ich kann dich bei den Nonnen verstecken.

Schnell! Komm mit!“

157

Doch Julia will davon nichts wissen.

158

„Geh nur!“,

159

schluchzt sie.

160

„Ich will hier nicht weg!“

161

„Aber...“,

SEITE

286


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

162

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164

165

166

setzt Lorenzo noch einmal an.

Doch Julia schüttelt seine Hand ab.

Ihr Blick ist verzweifelt. Der Pater kennt Julia sehr gut und er weiß,

dass er sie ihren Romeo nun niemals verlassen wird.

Die Geräusche kommen näher. Der Pater bekreuzigt sich.

167

„Ich muss gehen“,

168

169

170

171

sagt er entschuldigend.

Dann verlässt er schnell die Gruft und verschwindet in der

Dunkelheit.

Julia hat in Romeos Hand das leere Giftfläschchen entdeckt.

172

„Was ist das?“,

173

174

fragt sie sich.

Die Tränen laufen ihr über das Gesicht.

175

„Ist das Gift?“,

176

177

schluchzt sie.

Julia setzt das Fläschchen an ihre Lippen.

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287


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

178

179

„Hast du mir wenigstens ein paar Tropfen

übrig gelassen?“

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181

Sie versucht, noch etwas von der Flüssigkeit zu trinken. Doch in

dem Fläschchen befindet sich kein einziger Tropfen Gift mehr.

182

„Ich werde deine Lippen küssen, geliebter Romeo!“,

183

flüstert Julia.

184

185

„Vielleicht hängt noch ein wenig Gift daran,

das mich zu dir bringt.“

186

Sie küsst die bleichen Lippen ihres Geliebten.

187

„Deine Lippen sind noch warm...“,

188

189

190

denkt sie.

Drei bewaffnete Wachen eilen mit Fackeln in den Händen auf den

Friedhof.

191

„Wo ist es?“,

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288


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

192

fragt der eine von ihnen den Diener des Grafen Paris.

193

„Dort, seht ihr, wo das Licht brennt?“,

194

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antwortet dieser und führt die Wachen zur Gruft der Capulets.

Julia hat die Stimmen der Wachen gehört.

196

„Ich muss mich beeilen!“,

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denkt sie verzweifelt.

Sie möchte sterben. Sie kann sich nicht mehr vorstellen, ohne

ihren Geliebten weiterzuleben.

Da sieht sie Romeos Dolch. Schnell nimmt sie ihn an sich.

Julia schließt die Augen.

Sie denkt daran, wie Romeo sie das erste Mal geküsst hat.

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„Erhöre meine Gebete, du schöne Heilige,

und lass unsere Lippen tun, was unsere Hände tun!“,

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208

209

hatte er gesagt.

Dann sticht sie sich den Dolch in den Bauch.

Sie seufzt auf. Ihr Gesicht verzieht sich vor Schmerz.

Dann fällt Julia auf Romeos leblosen Körper.

Ihre Finger umschließen Romeos Hand.

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289


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 5

DRITTE SZENE, TEIL 3

EPILOG

1

„Hier ist es!“,

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ruft der Diener und zeigt auf die erleuchtete Gruft der Capulets.

Er weist den zahlreichen Wachen von Verona den Weg.

Vor der Gruft angekommen sieht der Hauptmann das Blut und die

auf dem Boden liegenden Waffen. Er befiehlt einigen seiner

Männer, den Friedhof zu durchsuchen und jeden festzunehmen,

der sich zu dieser Zeit noch dort aufhält.

Dann betritt er die Gruft. Seine Männer folgen ihm.

Sie erleuchten den Raum mit ihren Fackeln.

Ihnen bietet sich ein Anblick des Schreckens.

Graf Paris liegt blutüberströmt auf dem Boden.

Julia liegt mit einer blutenden Schnittwunde am Bauch auf dem

toten Romeo.

Der Hauptmann fühlt Julias Puls. Er runzelt die Stirn.

15

„Komisch“,

16

denkt er.

SEITE

290


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Julias Haut fühlt sich noch warm an.

Dabei ist sie doch bereits seit zwei Tagen tot.“

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24

Er weist zwei der Wachen an, die Familien Capulet und Montague

zu benachrichtigen und untersucht dann gründlich den gesamten

Raum.

Nach einiger Zeit bringen zwei Wachen einen jungen Mann

in die Gruft. Es ist Balthasar. Er wehrt sich, doch die beiden

Männer haben ihn fest im Griff.

25

26

„Wir haben den Diener von Romeo Capulet

auf dem Friedhof gefunden!“,

27

berichtet einer der beiden.

28

„Haltet ihn fest, bis der Fürst von Verona hier ist!“,

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34

befiehlt der Hauptmann.

Er hat gerade auf dem Boden vor der Steinplatte das leere

Fläschchen gefunden und fragt sich, was wohl darin gewesen

sein könnte.

Wenig später bringen zwei weitere Wachen den zitternden

Pater Lorenzo herein.

SEITE

291


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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37

„Wir haben ihn ebenfalls auf dem Friedhof gefunden.

Er wollte eilig fliehen.

Er hatte einen Spaten und ein Brecheisen bei sich“,

38

sagt ein Wachmann.

39

„Aber ich bin ein Pater, ihr könnt mich doch nicht...“,

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41

fleht Lorenzo verzweifelt.

Doch der Hauptmann unterbricht ihn unwirsch:

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„Haltet ihn fest! Er ist äußerst verdächtig!“

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45

Wenige Zeit später hört man Geräusche vor der Gruft.

Dann betreten der Prinz von Verona mit seinem Gefolge und der

Graf Capulet und seine Frau den Raum.

46

„Was ist hier los?“,

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ruft die Gräfin Capulet mit schriller Stimme.

Da sieht sie Romeo und Julia mit verschlungenen Händen auf dem

Steinsockel liegen. Sie schreit auf.

Sie will zu ihrer Tochter.

Der Hauptmann versucht, sie zurückzuhalten.

SEITE

292


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

52

Zwei Wachen halten die schreiende Gräfin fest.

53

„Was für ein schreckliches Unglück ist hier passiert?“,

54

fragt der Prinz laut.

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„Gnädiger Prinz, wir fanden hier in dieser Gruft

den toten Graf Paris liegen“,

57

berichtet der Wachmann mit einer leichten Verbeugung.

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64

„Und hier auf dem Steinsockel

liegt der tote Romeo Montague, zusammen mit

der ebenfalls toten Julia Capulet.

Ich kann es mir noch nicht erklären, aber obwohl

das Fräulein Capulet bereits seit zwei Tagen tot ist,

hat sie nun eine Schnittwunde im Bauch.

Und ihre Haut ist noch warm!“

65

Der Prinz runzelt die Stirn.

66

„Dann finde es heraus!“,

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293


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

67

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bellt er wütend.

Der Hauptmann verbeugt sich wieder.

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71

„Wir haben den Pater Lorenzo gefunden.

Er trug Werkzeug bei sich,

um die Gruft aufzubrechen.“

72

„Gütiger Himmel!“,

73

ruft Graf Capulet.

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76

„Meine Tochter blutet ja immer noch!

Sie hat einen Dolchstoß in die Brust bekommen.

Es muss Romeos Dolch gewesen sein!“

77

Die Gräfin schluchzt laut auf.

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„Oh Gott!“,

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ruft sie und richtet ihre Augen zum Himmel.

Da betreten der Graf Montague und seine Diener den Raum.

Der Graf hat ein blasses, eingefallenes Gesicht.

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294


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

82

Seine Augen sind gerötet.

83

„Heute Nacht ist meine Frau gestorben“,

84

erzählt er mit zitternder Stimme.

85

86

„Sie hat den Kummer über die Verbannung

ihres Sohnes nicht mehr ertragen.“

87

Der Prinz macht ein sorgenvolles Gesicht.

88

89

„Sieh her, Montague,

was hier mit deinem Sohn passiert ist“,

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sagt er leise.

Montague erblickt seinen toten Sohn.

Seine Augen weiten sich vor Schreck.

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„Mein Sohn!“,

94

flüstert er mit zitternder Stimme.

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295


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Wie kannst du nur vor deinem Vater

ins Grab fallen!“

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Der Prinz ruft den Pater zu sich.

Er bittet ihn, zu erzählen, was er weiß.

Lorenzo beginnt erst stockend.

Dann erzählt er immer schneller, bis er dem Prinzen die ganze

Geschichte berichtet hat.

Alle Anwesenden hören aufmerksam zu.

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Romeo war Julias Mann.

Ich habe die beiden Liebenden heimlich getraut,

am Tag, als Tybalt starb.

Julia hat um Romeo, nicht um Tybalt geweint.

Da ihre Eltern nichts davon wussten,

versprachen sie Julia den Grafen Paris zum Mann.

Deshalb kam sie wieder zu mir.

Sie wusste nicht, wie sie dieser zweiten Hochzeit

entkommen sollte. Ich musste ihr helfen, sonst hätte

sie sich in meiner Zelle das Leben genommen.

Ich gab ihr einen Schlaftrunk.

Deshalb sah es aus, als ob sie tot wäre.

In der Zwischenzeit schrieb ich an Romeo

und bat ihn, hierher zu kommen,

um Julia nach Mantua mitzunehmen.

Doch der Brief kam nie an.

Deshalb kam ich hierher, um Julia selbst aus der

dunklen Gruft zu befreien. Ich wollte sie in meiner

Zelle verstecken, bis Romeo Bescheid wüsste.

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296


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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129

Doch als ich hier ankam, fand ich den toten Romeo

und den ebenfalls verstorbenen Paris hier liegen.

Als Julia kurze Zeit später aufwachte, bat ich sie,

zu fliehen, bis ihr Kummer vorüber sei.

Doch sie wollte nicht mit mir kommen.

Da ich ein Geräusch hörte, musste ich aus der Gruft

fliehen. Ich habe nicht mehr gesehen,

wie sie sich getötet hat.“

130

Als er geendet hat, ist es still in der Gruft.

131

132

„Du bist ein Mann Gottes, ich denke,

wir können deiner Geschichte glauben“,

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139

sagt der Prinz.

Dann bittet er Balthasar zu sich.

Dieser erzählt von dem Gift und übergibt dem Prinzen als Beweis

den Brief, den Romeo an seinen Vater geschrieben hat.

Zuletzt muss noch der Diener von Graf Paris aussagen.

Der Prinz fragt ihn, weshalb sein Herr überhaupt auf dem Friedhof

gewesen sei.

140

„Er wollte seiner Braut Blumen aufs Grab bringen“,

141

antwortet der Diener mit leiser Stimme.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Plötzlich kamen zwei Männer dazu.

Sofort entbrannte ein brutaler Kampf.

Da lief ich schnell los, um die Wachen zu holen!“

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147

Der Prinz weist die Wachen an, Balthasar, Pater Lorenzo und

Paris’ Diener frei zu lassen.

Dann spricht er leise zu den Anwesenden:

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149

„Capulet! Montague!

Seht ihr, welches Unglück euer Hass hervorbringt?“

150

Die beiden Grafen senken beschämt den Kopf.

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152

153

„Seht ihr, welches Glück hier zerstört wurde?

Auch ich habe Angehörige meiner Familie verloren.

Wir alle müssen unter eurem Hass leiden.“

154

155

Es tritt eine große Stille ein.

Plötzlich geht Graf Capulet auf seinen Feind zu.

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157

„Mein Bruder, gib mir deine Hand.

Das sind wir unseren Kindern schuldig!“

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298


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

158

Montague streckt ihm seine Hand zur Versöhnung entgegen.

159

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161

162

„Ich werde deine Tochter

aus reinem Gold gießen lassen. Niemals soll

in Verona eine teurere Statue entstehen

als die von deiner schönen Tochter Julia!“

163

164

„Dann werde ich auch deinem Sohn

ein solches Denkmal stiften“,

165

166

antwortet Capulet.

Die beiden schütteln sich die Hände.

167

168

„Dies ist ein trauriger Frieden,

den dieser Morgen mit sich bringt“,

169

sagt der Prinz.

170

171

„Denn niemals gab es ein so schlimmes Schicksal

wie das von Romeo und Julia.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

ENDE

SEITE

300


Ich kann eine Lektüre lesen

und sie der Klasse vorstellen.

NAME:

WILLIAM SHAKESPEARE‘S

ROMEO+JULIA

Eine Tragische

Liebesgeschichte

nach

„The Tragedy of Romeo and Juliet“ (1597/99) von William Shakespeare,

in der deutschen Übersetzung (1843/44) von August Wilhelm Schlegel

Text: Philippe Zwick Eby

Vereinfachte Schrift: Valerie Wildenmann

Illustrationen: Ekaterina Goncharova


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

EINE TRAGÖDIE

IN 5 AKTEN

INHALT

PROLOG

VERONA ................................................

Seite 5

AKT 1

..........................................................................................

Seite 6

ERSTE SZENE, TEIL 1:

ERSTE SZENE, TEIL 2:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE, TEIL 1:

FÜNFTE SZENE, TEIL 2:

KRIEG IN VERONA ...............................

ROMEO ..................................................

GRAF PARIS..........................................

JULIA .....................................................

MERCUTIO .............................................

DAS FEST ...............................................

DER KUSS .............................................

Seite 7

Seite 10

Seite 14

Seite 18

Seite 23

Seite 26

Seite 30

AKT 2

..........................................................................................

Seite 35

ERSTE SZENE:

ZWEITE SZENE, TEIL 1:

ZWEITE SZENE, TEIL 2:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE:

SECHSTE SZENE:

VERLIEBT...............................................

JULIAS BALKON.....................................

LIEBESGEFLÜSTER.................................

BRUDER LORENZO................................

DIE AMME .............................................

GEHEIMNISSE .......................................

HOCHZEIT! .............................................

Seite 36

Seite 38

Seite 41

Seite 48

Seite 51

Seite 56

Seite 59

SEITE

2


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 3

..........................................................................................

Seite 61

ERSTE SZENE, TEIL 1:

ERSTE SZENE, TEIL 2:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE, TEIL 1:

FÜNFTE SZENE, TEIL 2:

DAS DUELL ............................................

MERCUTIOS TOD ...................................

VERBANNUNG! .....................................

LORENZOS PLAN ..................................

HOCHZEITSPLÄNE .................................

NACHTIGALL ODER LERCHE? ................

... KEINE CAPULET MEHR! ...................

Seite 62

Seite 68

Seite 75

Seite 80

Seite 87

Seite 90

Seite 94

AKT 4

..........................................................................................

Seite 101

ERSTE SZENE:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE:

VIERTE SZENE:

FÜNFTE SZENE:

DAS FLÄSCHCHEN..................................

VORBEREITUNGEN ...............................

TIEFER SCHLAF......................................

HOCHZEITSTAG ......................................

TRAUER IM HAUSE CAPULET ...............

Seite 102

Seite 115

Seite 121

Seite 129

Seite 134

AKT 5

..........................................................................................

Seite 147

ERSTE SZENE:

ZWEITE SZENE:

DRITTE SZENE, TEIL 1:

DRITTE SZENE, TEIL 2:

DRITTE SZENE, TEIL 3:

GIFT! .....................................................

DER BRIEF ............................................

JULIAS GRAB ........................................

DAS ENDE .............................................

EPILOG ..................................................

Seite 148

Seite 156

Seite 162

Seite 171

Seite 184

SEITE

3


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

FAMILIE

CAPULET

GRAF

CAPULET

LADY

CAPULET

DIE

AMME

JULIA

CAPULET

TYBALT

GREGORIO

SIMSON

SEITE

4


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

FAMILIE

MONTAGUE

GRAF

MONTAGUE

LADY

MONTAGUE

ROMEO

MONTAGUE

BENVOLIO

ABRAHAM

BALTHASAR

SEITE

5


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

WEITERE

PERSONEN

MERCUTIO

PATER

LORENZO

GRAF

PARIS

DER PRINZ

VON VERONA

DER

HAUPTMANN

DIE

WACHE

BRUDER

JOHN

DER

APOTHEKER

DAS VOLK

VON

VERONA


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

PROLOG

SEITE

7


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

PROLOG

VERONA

1

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5

6

7

8

9

Die Geschichte spielt in Italien. In der Stadt Verona.

In unserer Geschichte gibt es zwei große Familien.

Die Familie Montague und die Familie Capulet.

Die Familie Montague hasst die Familie Capulet.

Die Familie Capulet hasst die Familie Montague.

Es ist Krieg. Schon sehr lange. Niemand weiß warum.

In der Geschichte liebt Romeo Montague Julia Capulet.

Aber weil Krieg ist, wird diese Liebe ein böses Ende haben.

Hier könnt ihr lesen, was passiert.

SEITE

8


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

SEITE

9


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

ERSTE SZENE, TEIL 1

KRIEG IN VERONA

1

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12

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Es ist Markt in Verona.

Der Platz ist voll mit Menschen.

Es ist heiß.

Zwei Diener der Familie Capulet sitzen im Schatten.

Zwei Diener der Familie Montague laufen vorbei.

Die Capulet-Diener provozieren die Montague-Diener.

Die Montague-Diener wollen kämpfen.

Da kommt Benvolio. Benvolio Montague.

Er ist Romeos Freund.

Benvolio ruft:

„Ihr Narren! Nicht kämpfen! Nicht töten!“

Es kommt Tybalt. Tybalt Capulet.

Alle in Verona haben Angst vor ihm.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Tybalt ruft:

„Du bist ein Feigling, Benvolio!

Hast du Angst?

Nimm Dein Schwert und kämpfe gegen mich!“

Benvolio will ruhig bleiben.

Er sagt:

„Ich will Frieden.“

Tybalt antwortet:

„Frieden!

Ich hasse dieses Wort.

Ich hasse die Familie Montague

und ich hasse dich!

Los! Kämpfe! Du Feigling!“

Benvolio wird wütend.

Benvolio und Tybalt kämpfen.

Auch die Diener kämpfen.

Alle Capulets und alle Montagues kämpfen.

SEITE

11


William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Die Menschen auf dem Markt haben Angst.

Es gibt Verletzte.

Der Graf Capulet und der Graf Montague kommen.

Auch sie fangen an zu streiten.

Die Wachen von Verona kommen.

Sie beenden den Kampf.

Der Prinz von Verona kommt.

Er ruft:

„Männer! Seid ihr wilde Tiere?

Wollt ihr immer nur kämpfen?

Ich befehle: Hört auf damit!

Wenn ihr nochmal kämpft,

werden Graf Montague und Graf Capulet

mit dem Tod bestraft!“

Da ist endlich Ruhe.

Alle gehen nach Hause.

Die Gräfin Montague ruft:

„Wo ist mein Sohn Romeo?“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

ERSTE SZENE, TEIL 2

ROMEO

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Der Markt ist zu Ende.

Alle gehen nach Hause.

Der Graf Montague ruft Benvolio:

„Wer hat angefangen?“

Benvolio sagt:

„Es waren die Diener.

Ich wollte sie trennen.

Da kam Tybalt und hat mich Feigling genannt.

Da musste ich mich wehren!“

Graf Montague klopft Benvolio auf die Schultern.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Die Gräfin ruft:

„Zum Glück war mein Romeo nicht dabei.

Wo ist er?

Hast du ihn gesehen, Benvolio?“

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„Ich habe ihn heute morgen

im Oliven-Garten gesehen.

Er ist dort spazieren gegangen“,

antwortet Benvolio.

Die Gräfin sagt:

„ Seit Tagen redet er nicht mit uns.

Ich mache mir Sorgen.“

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„Da kommt er!“,

ruft Benvolio.

„Mach dir keine Sorgen, ich rede mit ihm.“

Der Graf und die Gräfin lassen die Jungen allein.

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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„Wie geht es dir, Romeo?“,

fragt Benvolio.

„Was ist mit dir los? Bist du verliebt?“

Romeo seufzt:

„Die Liebe...

Was ist eigentlich Liebe?

Warum macht sie uns mal glücklich

und mal traurig?“

Benvolio grinst:

„Mein lieber Freund, du bist verliebt!“

Romeo seufzt:

„Du hast recht.

Ich bin verliebt.

Sehr.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Benvolio lacht:

„Ich wusste es!

Wer ist sie?“

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„Sie heißt Rosalinde und sie ist wunderschön.

Aber... sie liebt mich nicht.

Sie lacht mich immer nur aus“,

sagt Romeo traurig.

Benvolio sagt:

„Wenn sie nicht will, dann vergiss sie!

Nimm eine andere!“

Romeo seufzt:

„Das kann ich nicht.

Keine ist so schön wie sie.

Lass mich allein.

Du kannst mir nicht helfen.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

ZWEITE SZENE

GRAF PARIS

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Graf Capulet sitzt in einer Bar und isst ein Mittagessen.

Er ist zusammen mit Graf Paris.

Graf Paris ist ein Verwandter des Prinzen von Verona.

Graf Paris fragt, ob er Julia Capulet heiraten darf.

Julia Capulet ist die Tochter des Grafen.

Graf Capulet antwortet langsam:

„Meine schöne Julia ist erst 13 Jahre alt.

Sie darf erst in 2 Jahren heiraten.“

Graf Paris antwortet:

„Viele Mädchen haben mit 13 Jahren

schon Kinder. Das weißt du.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

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Capulet sagt:

„Das stimmt.

Aber sie ist mein einziges Kind.“

Capulet denkt nach.

„Ich habe eine Idee.

Heute feiern wir ein großes Fest.

Julia ist auch da.

Frage sie heute Abend.

Wenn sie ja sagt, darfst du sie heiraten.“

Graf Capulet steht auf.

„Lass uns gehen.“

Er ruft seinen Diener.

„Hier ist eine Liste mit allen Leuten,

die ich zum Fest einlade.

Gehe zu ihnen und bitte sie zu kommen.“

Dann geht Graf Capulet weg.

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ROMEO+JULIA

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Der Diener steht da

und hat die Liste in der Hand.

Er sieht hilflos aus.

„Ich kann doch nicht lesen...“,

sagt er leise.

Er schaut sich um.

„Wer kann mir die Liste vorlesen?“

Da kommen Romeo und Benvolio.

Der Diener fragt sie:

„Meine Herren, könnt ihr mir

diese Liste vorlesen?“

Romeo liest vor.

Auch Rosalinde steht darauf!

„Was ist das für eine Liste?“,

fragt Romeo neugierig.

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ROMEO+JULIA

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„Der Graf Capulet feiert heute ein Fest

und diese Leute sind eingeladen.

Wenn ihr nicht Montague heißt,

dann kommt doch auch!“,

sagt der Diener und eilt davon.

Benvolio zwinkert Romeo zu.

„Lass uns heute dahin gehen.

Dann siehst du, dass andere Mädchen

schöner sind als Rosalinde.“

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„Schöner als Rosalinde?

Das geht nicht“,

antwortet Romeo.

„Aber ich komme trotzdem.

Dann kann ich Rosalinde sehen.“

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William Shakespeare

ROMEO+JULIA

AKT 1

DRITTE SZENE

JULIA

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Im Palast der Capulets.

Die Gräfin sitzt vor einem Spiegel.

Die Amme macht ihr eine schöne Frisur.

„Wo ist Julia?“,

fragt die Gräfin.

„Sie soll kommen.“

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Julia!“,

ruft die Amme.

Julia kommt schnell.

„Was ist denn?“

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ROMEO+JULIA

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„Deine Mutter will dich sprechen,

mein Lämmchen.“

Die Gräfin sagt zur Amme:

Julia ist in einem schönen Alter.“

Die Amme sagt:

„Ja, in ein paar Tagen wird Julia 14 Jahre alt.

Ich weiß noch genau, wie sie klein war...“

Und die Amme fängt an zu erzählen.

Sie erzählt Geschichten von Julia,

als sie ein Kind war.

Julia findet das peinlich.

Die Amme sagt:

„Du warst das schönste Baby, das ich kenne.

Ich hoffe, ich erlebe noch deine Hochzeit.“

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„Hochzeit!“,

ruft die Gräfin.

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ROMEO+JULIA

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„Das ist das richtige Thema.“

Sie nimmt Julias Hände.

„Sag, Julia, willst du heiraten?“

Julia ist überrascht.

„Daran habe ich noch nie gedacht“,

sagt sie.

„Gut, dann denke jetzt schnell darüber nach!“,

sagt die Gräfin.

„Graf Paris will Dich heiraten.“

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„Der junge Paris?“

Die Amme klatscht in die Hände:

„Was für ein Mann, liebe Julia!“

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