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Literatur von See zu See – Mexiko-Stadt / Berlin Gespräche über Sprachen, Räume und Schreibweisen

Literatur von See zu See – Mexiko-Stadt / Berlin
Gespräche über Sprachen, Räume und Schreibweisen

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<strong>Literatur</strong> <strong>von</strong> <strong>See</strong> <strong>zu</strong> <strong>See</strong><br />

Mexiko-Stadt / Berlin<br />

Gespräche über<br />

Sprachen, Räume und Schreibweisen<br />

<strong>Essays</strong><br />

Was brauchen Frauen, um künstlerisch tätig sein <strong>zu</strong> können: just a room of one’s<br />

own? Ein gewisses Maß an finanzieller, vor allem aber geistiger Unabhängigkeit,<br />

symbolisiert durch ein eigenes Zimmer? Wie positionieren sich Autorinnen<br />

heute <strong>zu</strong> Virginia Woolfs Essay »A room of one’s own« <strong>von</strong> 1929, in dem die wichtigste<br />

britische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts diese Fragen aufwarf? In<br />

Zusammenarbeit mit dem Kultur- und <strong>Literatur</strong>zentrum Casa del Lago und dem<br />

Goethe-Institut in Mexiko-Stadt hat das LCB vier deutsche – Juliana Kálnay,<br />

Isabelle Lehn, Inger-Maria Mahlke und Mithu Sanyal – sowie vier mexikanische<br />

Autorinnen – Verónica Gerber Bicecci, Fernanda Melchor, Guadalupe Nettel<br />

und Isabel Zapata – eingeladen, sich in kurzen <strong>Essays</strong> mit den Bedingungen des<br />

Schreibens und dem Zweck <strong>von</strong> <strong>Literatur</strong> auseinander<strong>zu</strong>setzen.


Ein Komposthaufen<br />

nicht ganz für sich allein<br />

<strong>von</strong> Verónica Gerber Bicecci<br />

übersetzt <strong>von</strong> Monika Lübcke<br />

Ich stieg mit einem Eimer Biomüll auf meine Dachterrasse und öffnete den Komposter, um mir<br />

die Entwicklung der Rotte in seinem Innern an<strong>zu</strong>schauen. Es war das Ende des Sommers und<br />

hatte viel geregnet; die Mischung lief Gefahr <strong>zu</strong> feucht <strong>zu</strong> werden und <strong>zu</strong> verderben. Die sechs<br />

Regenmonate in Mexiko-Stadt bringen mich immer wieder auf die gleichen Gedanken: Diese<br />

Stadt war einmal ein <strong>See</strong>, ich bin in der Nähe eines Flusses groß geworden, der in ein Rohr geleitet<br />

wurde, und das einzige Süßwasser in meiner Nähe (abgesehen <strong>von</strong> den Brunnen in den<br />

Parks der Umgebung) ist in den künstlich angelegten <strong>See</strong>n <strong>von</strong> Chapultepec.<br />

Wie jedes Ökosystem sind diese beiden <strong>See</strong>n natürliche Kompostieranlagen, aber bei uns dienen<br />

sie auch als Abladeplatz für anorganischen Müll. Bei den Baggerarbeiten im Rahmen des<br />

Masterplan <strong>zu</strong>r Rettung des Chapultepec-Parks 2005 wurden 42.911 Gegenstände gefunden, die<br />

Spaziergänger weggeworfen hatten; einige stammten bereits aus der Zeit, als Porfirio Días die<br />

<strong>See</strong>n nach dem Vorbild des Bois de Boulogne in Paris in Auftrag gegeben hatte. Obwohl das Ley<br />

Federal sobre Monumentos y Zonas Arqueológicas (Bundesgesetz <strong>zu</strong>m Schutz <strong>von</strong> Denkmälern und<br />

archäologischen Stätten) sie nicht als solche ansieht, hat die Archäologin Guadalupe Espinosa in<br />

ihrer Forschungsarbeit „Archäologie des Mülls“ all diese Artefakte als Teil unseres modernen<br />

kulturellen Erbes klassifiziert und beschrieben.<br />

• 14.350 zerschnittene, mit Schnur präparierte PET-Flaschen <strong>zu</strong>m Angeln,<br />

• 14.069 Pappbecher, Strohhalme, Besteckteile, Plastikdeckel und -behälter,<br />

• 3.047 Tüten, Verpackungsmaterialien und Aufkleber,<br />

• 2.350 Dosen, Draht, Stangen, Pinzetten und andere Metallgegenstände,<br />

• 2.057 Sweater, Mützen, Blusen, Hemden, BHs und andere Kleidungsstücke,


• 1.760 Mayonnaisegläser, Parfümfläschchen, Soßenflaschen, Salzstreuer und andere<br />

Glasbehälter,<br />

• 1.366 ganze Flaschen,<br />

• 1.349 Dreiräder, Roller, Spielzeugautos, Puppen und andere Spielsachen,<br />

• 638 Schuhe,<br />

• 594 Scherben <strong>von</strong> Tellern, Blumenvasen und anderer Keramik,<br />

• 359 Münzen,<br />

• 248 Orangenschalen, Enten-, Hunde- und Hähnchenknochen und anderes organisches<br />

Material,<br />

• 223 Fischnetze,<br />

• 181 Sonnenbrillen und Brillengestelle,<br />

• 123 Lippenstifte, Wimperntusche, Puder und andere Kosmetikprodukte,<br />

• 79 Kreuze, Medaillen, Uhren und verschiedener Modeschmuck,<br />

• 47 Autoreifen,<br />

• 33 Ausweise, Kreditkarten, Heiligenbildchen und anderes,<br />

• 27 Walkmans, Handys, Brieftaschen (manchmal mit Geld), Regenschirme, Glühbirnen,<br />

• 7 Glücksbringer, Liebesamulette und andere Fetische,<br />

• 2 Windelreste und<br />

• 2 Kugeln aus rotem Tuffstein, charakteristisch für die aztekische Epoche.<br />

Anscheinend waren unter den 3.047 Verpackungsmaterialien Umschläge mit Werbezettel für<br />

Hamburger und für den Freizeitpark Feria de Chapultepec. Da hatte wohl einer keine Lust <strong>zu</strong>m<br />

Verteilen gehabt (für einen Hungerlohn stundenlang in der Sonne stehen <strong>von</strong> allen Leuten schief<br />

angesehen) und die Flyer in den <strong>See</strong> flattern lassen, kommentierte die Archäologin den Fund.<br />

Ich stellte mir die Flyer vor und fragte mich, ob diese Werbung die Art <strong>von</strong> <strong>Literatur</strong> sei, die<br />

uns überleben wird, das, was auch nach dem sechsten Massenaussterben noch da sein würde.<br />

Oder ob die nachkommenden Zivilisationen einmal die unversehrte Coca-Cola-Flasche, noch<br />

verschlossen mit der Originalflüssigkeit, als unser bildhauerisches und gastronomisches Erbe<br />

ansehen werden.


Und dann bewegte sich etwas in der Erde. Ein noch ganz kleiner Wurm, sicher aus einem Ei<br />

geschlüpft, das eine der vielen Ameisen, die im Kompost arbeiteten, herbeigetragen hatte. Das<br />

versüßte mir den Morgen. Die Ankunft der Würmer war ein gutes Zeichen: beim Aushöhlen und<br />

Tunnelgraben nehmen sie organisches Material <strong>zu</strong> sich und verwandeln es in Nährstoffe; sie<br />

sind natürliche Produzenten <strong>von</strong> Dünger, der <strong>zu</strong>r Regenerierung <strong>von</strong> verschmutzten und kontaminierten<br />

Böden beitragen kann.<br />

Der winzige rosafarbene Wurm erinnerte mich an einen Satz <strong>von</strong> Virginia Woolf in Ein Zimmer<br />

für sich allein: Unter dem männlichen Blick sind wir Frauen ein „sonderbares Monstrum“, das<br />

entsteht, „wenn man <strong>zu</strong>erst die Historiker und dann die Dichter“ liest: „ein Wurm mit Adlerflügeln;<br />

der Geist des Lebens und der Schönheit in einer Küche eingesperrt, Speck schneidend.“<br />

Das Bild ist leider richtig; und auch abwertend und grotesk. Aber genau da, zwischen Regenwurm,<br />

dem archäologischen Müll des künstlichen <strong>See</strong>s, den Worten <strong>von</strong> Woolf und den Essensresten<br />

der vergangenen Woche, fiel mir ein, dass vielleicht der Komposthaufen die Art <strong>von</strong><br />

Zimmer ist, den das Schreiben heute braucht. Denn ich hatte das Bedürfnis, dieses Porträt des<br />

Weiblichen neu <strong>zu</strong> fassen; ich musste es dringend kompostieren mit:<br />

2 Fragmenten aus dem Manifiesto ferviente (Fervent Manifest) <strong>von</strong> Mercedes Villalba:<br />

„Lernen wir, wie Sprite fermentiert wird, hören wir auf die Stimmen, die die Grenzen unseres<br />

Körpers herausfordern. Machen wir sie <strong>zu</strong> unserer Familie“ und „nicht nur die Toten sind unruhig,<br />

auch die Erde um sie herum.“;<br />

1 minimalen Anweisung aus Camilles Geschichten 1 <strong>von</strong> Donna Haraway: „lernen in Symbiose<br />

<strong>zu</strong> leben mit ...“;<br />

1 Gemälde <strong>von</strong> Remedios Varo, Der Landarbeiter, worauf eine Figur <strong>zu</strong> sehen ist, aus<br />

deren Glatze durch eine bergähnliche Maske-Mütze hindurch eine Pflanze sprießt und<br />

Avocadoschalen, Banane und Teebeutel.<br />

Wenn das Bild der Frau als Wurm mit Adlerflügeln aus dieser Zerset<strong>zu</strong>ng entsteht, könnte ich<br />

mich darin wiedererkennen. Nicht mehr als unsichtbar gemachte, groteske oder apokalyptische<br />

Figur, sondern als ein Wesen, das sich diesen so oft verlorenen Körper wieder angeeignet hat,<br />

1 Haraway, Donna: Unruhig bleiben. Aus dem Englischen <strong>von</strong> Karin Harrasser. Frankfurt<br />

(Main) / New York, 2018.


diesen Körper, <strong>von</strong> dem wir so oft entfremdet wurden und der „sein Leben aus den Leben der<br />

unbekannten Vorgängerinnen“ schöpft, wie Woolf weiter schreibt. Schreiben (und bei Schreiben<br />

beziehe ich mich immer auf Bilder, Texte und andere Kommunikationsformen) braucht ein Zimmer<br />

<strong>zu</strong>m Keimen: einen Kasten mit Löchern, der fähig ist, Leben <strong>zu</strong> generieren, ein anderes<br />

Leben; eines, das achtsam mit Sprachkonfigurationen umgeht, sie lebendig hält und die Toxizität<br />

oder Energie der nicht mehr relevanten umwandelt.<br />

Ein Zimmer, nicht mehr ganz für sich allein, denn weitere Arten, Stimmen, Formen und Gegenstände<br />

werden herbeigerufen und sich <strong>zu</strong> einer kollektiven Existenz <strong>zu</strong>sammentun, in der Namen<br />

verschwimmen und man nicht mehr so genau wissen wird, welches die Schale <strong>von</strong> wem war<br />

und welches die Idee <strong>von</strong> wem und wer der verdauliche Rest <strong>von</strong> was.<br />

Remedios Varo: El Labrador (Der Landarbeiter), 1958.<br />

Gouache/Papel/Masonite.<br />

Siete proyectos para «El Gran Teatro del Mundo» de Calderón de la Barca.<br />

© Derechos Reservados 2015, Remedios Varo.


Zeit und Raum<br />

und ein Raum und Geld<br />

<strong>von</strong> Juliana Kálnay<br />

Wenn wir nach den Bedingungen fragen, unter denen <strong>Literatur</strong> ‚heute‘ entsteht, dann unterscheidet<br />

sich die Antwort womöglich, je nachdem, ob man das ‚heute‘ als ‚am gegenwärtigen<br />

Tag‘ – das heißt als einen konkreten Zeitpunkt in der zweiten Jahreshälfte 2020 – liest oder<br />

aber als ‚in der gegenwärtigen Zeit‘ – und damit einen etwas weiteren Zeitraum meint, der <strong>zu</strong>m<br />

Beispiel die letzten fünf oder zehn Jahre umfassen kann. Im gegenwärtig laufenden Jahr 2020<br />

haben sich die Rahmenbedingungen für viele Berufsgruppen und nicht <strong>zu</strong>letzt auch für Autor:innen<br />

nämlich schlagartig verändert. Bisher bedeutete vom Schreiben <strong>zu</strong> leben für einen Großteil<br />

der freien Schriftsteller:innen in Deutschland <strong>von</strong> einer Mischkalkulation aus Buchverkäufen,<br />

Honoraren für Lesungen, Stipendien sowie einem bunten Strauß weiterer mehr oder weniger<br />

literaturnahen Tätigkeiten <strong>zu</strong> leben. Dieses Finanzierungsmodell sah sich in diesem Frühjahr in<br />

Gefahr, als eine Pandemie ausgerufen und kurzfristig die Leipziger Buchmesse und auch sämtliche<br />

Lesereisen abgesagt wurden. In den meisten Bundesländern blieben die Buchhandlungen<br />

für mehrere Wochen geschlossen. Schulen und Kindergärten machten dagegen gleich monatelang<br />

<strong>zu</strong>, was Autor:innen mit Sorgeverpflichtungen einiges an Schreibtischzeit gekostet haben<br />

dürfte. Andere, <strong>zu</strong> denen auch ich gehöre, saßen während der Zeit des sogenannten Lockdowns<br />

zwar häufig am Schreibtisch, brachten dort aber wenig <strong>zu</strong> Papier. Stattdessen wurden intensiv<br />

Nachrichten und Fallzahlen verfolgt und soziales Miteinander durch Videokonferenzen ersetzt.<br />

2020 ist das Jahr, das uns stärker als gewohnt vor Augen führte, dass es einen Unterschied<br />

macht, welche räumlichen Bedingungen uns <strong>zu</strong>m Leben und Arbeiten <strong>zu</strong>r Verfügung stehen.<br />

Und es ist das Jahr der Absagen und Verschiebungen. <strong>Literatur</strong>festivals fielen aus oder wurden<br />

ins Netz verlegt, Stipendienaufenthalte und Recherchereisen wurden verschoben, Verlage schoben<br />

Titel ins nächste Jahr. Man lernte damit um<strong>zu</strong>gehen, dass die einzige Sicherheit die war,<br />

dass gar nichts sicher und planbar war, dass man erst mal abwarten musste, wie sich die Lage


entwickelte. Dabei verlief die erste Welle in Deutschland noch weitgehend glimpflich: Es gab<br />

einen Lockdown, der vergleichsweise milde war und dennoch die Kurve <strong>zu</strong>m Abflachen brachte;<br />

Bund und Länder bemühten sich, auch für die Kultur Rettungsprogramme auf<strong>zu</strong>legen, und die<br />

meisten Kulturveranstalter beginnen diesen Herbst – unter strengen Auflagen – vorsichtig wieder<br />

den Betrieb auf<strong>zu</strong>nehmen.<br />

1929 schrieb Virginia Woolf in ihrem berühmten Essay A Room of One’s Own: „(…) eine Frau<br />

muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben <strong>zu</strong> können (...).“ 1 Das ‚Geld‘ in diesem<br />

Zitat lässt sich auf finanzielle Einnahmen (oder sich im eigenen Besitz befindendes Vermögen)<br />

beziehen, die das Auskommen sichern und unabhängig machen: <strong>von</strong> der Last des Broterwerbs,<br />

<strong>von</strong> der Last der Armut und unabhängig auch <strong>von</strong> der finanziellen Unterstüt<strong>zu</strong>ng durch die Familie<br />

oder einen Partner. In der Regel liegt für den Schreibenden der Wert <strong>von</strong> ökonomischem<br />

Kapital in der Schreibzeit, die damit einhergeht. Zeit, die man der Arbeit an einem literarischen<br />

Projekt widmen kann, ohne sie in eine andere Quelle des Gelderwerbs <strong>zu</strong> investieren und damit<br />

<strong>von</strong> der Schreibzeit abziehen <strong>zu</strong> müssen. Die zweite <strong>zu</strong>m Schreiben benötigte Ressource, die<br />

Virginia Woolf nennt, ist das eigene Zimmer. Dieses steht für einen Raum, in dem ein Rück<strong>zu</strong>g<br />

und damit ein möglichst ungestörtetes und konzentriertes Arbeiten möglich ist. Etwas allgemeiner<br />

formuliert ließe sich sagen, das ‚Zimmer‘ steht für Raum <strong>zu</strong>m Schreiben und das nicht nur<br />

in einem wörtlich-räumlichen Sinne, sondern auch in einem zeitlich-räumlichen: Man benötigt<br />

ausreichend Zeit, um sich <strong>zu</strong>rück<strong>zu</strong>ziehen und sie ungestört dem Schreiben widmen <strong>zu</strong> können. 2<br />

Während sich für Virginia Woolf jede Tätigkeit, die dem Gelderwerb diente und nicht das Schreiben<br />

selbst war, wie eine Zumutung anfühlte, empfinde ich es als große Entlastung für mein<br />

Schreiben, dass ich daneben noch einer anderen Erwerbsarbeit nachgehe. Durch meine nichtschriftstellerische<br />

Tätigkeit an einer Hochschule befreie das Schreiben <strong>von</strong> der Abhängigkeit<br />

1 Woolf, Virginia: Ein eigenes Zimmer, dt. <strong>von</strong> Heidi Zerning, Frankfurt am Main, 2001, S. 7.<br />

2 Den nötigen Raum und das nötige Geld <strong>zu</strong>m Schreiben sind zwei der wichtigsten Ressourcen<br />

für eine schriftstellerische Tätigkeit – m. E. unabhängig vom Geschlecht des Schreibenden.<br />

Allerdings – und darum geht es auch in Virginia Woolfs Essay – haben Frauen aus strukturellen<br />

Gründen häufig größere Hindernisse <strong>zu</strong> überwinden, um an diese Ressourcen <strong>zu</strong><br />

gelangen. Das war 1929 so und gilt in vieler Hinsicht auch heute noch – z. B. weil Frauen<br />

überdurchnittlich oft unbezahlte Sorgearbeit leisten. Um diese strukturellen Unterschiede<br />

<strong>zu</strong> vertiefen, wäre allerdings ein eigener Essay angebracht.


des eigenen finanziellen Erfolgs. Auch ich erlebte in diesem Frühjahr Veranstaltungsabsagen<br />

und ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit. Das war häufig enttäuschend, aber anders als bei<br />

vielen Kolleg:innen ging es nicht an die Existenz.<br />

„Die geistige Freiheit hängt <strong>von</strong> materiellen Dingen ab. Die Dichtkunst hängt <strong>von</strong> der geistigen<br />

Freiheit ab“ 3 , stellt Virginia Woolf fest, und ich füge hin<strong>zu</strong>, dass ich da<strong>von</strong> überzeugt bin,<br />

dass es für eine tatsächliche künstlerische Autonomie einen primär intrinsischen Motor für<br />

das Schreiben braucht. Ich möchte schreiben, weil es mir ein Bedürfnis ist, einen Stoff <strong>zu</strong> bearbeiten,<br />

Motiven, Sprachrhythmus oder Figuren <strong>zu</strong> folgen. Und nicht: weil ich den Vorschuss<br />

benötige, um meine Krankenversicherung <strong>zu</strong> bezahlen, und die Lesungshonorare für die Miete.<br />

Ich möchte vermeiden, dass extrinsische Motivationsaspekte überhandnehmen, dass Fragen<br />

der ökonomischen Verwertbarkeit in den Schreibprozess wandern und ihn womöglich sogar<br />

pervertieren. Jene Fragen haben im Publikationsprozess durchaus ihre Berechtigung, aber sie<br />

sollten in einem frühen Projektstadium noch keine Rolle spielen.<br />

Indem die Schriftstellerei nur einen Teil meiner Erwerbsarbeit ausmacht, bilde ich mir ein, mir<br />

<strong>zu</strong>mindest ein wenig der Autonomie, die ich beim Schreiben meines Debüts verspürte – jener<br />

Zeit also, bevor sich die Professionalisierung meines Schreibens als Möglichkeit darstellte –,<br />

<strong>zu</strong> bewahren. Und doch erlebe ich den Konflikt, dass mir durch den Gewinn der Freiheit all<strong>zu</strong><br />

häufig eine andere für das Schreiben benötigte Ressource abhandenkommt: die Zeit.<br />

Der ökonomische Kontext der Schreibarbeit ist nicht frei <strong>von</strong> Widersprüchen und das Dilemma,<br />

die individuell richtige Balance zwischen den für das Schreiben benötigten Ressourcen der<br />

Zeit und des Geldes <strong>zu</strong> finden, wird sich kaum durch ein Universalrezept vollständig auflösen<br />

lassen. Auch haben Schriftsteller:innen unter finanziellen Widrigkeiten herausragende Werke<br />

geschaffen, während andere trotz eines großzügigen Stipendiums an einem Schreibvorhaben<br />

scheiterten. Die Möglichkeit des Scheiterns ist in keinem Schreibprozess ausgeschlossen und<br />

die Freiheit <strong>von</strong> Geld- und anderen Sorgen kein Garant für gute <strong>Literatur</strong>. Aber sie schafft Freiraum<br />

im Kopf, der für zielloses Denken wie für die Konzeption und Weiterentwicklung <strong>von</strong><br />

literarischen Stoffen genutzt werden kann. Und sie schafft zeitlichen Freiraum und damit die<br />

Möglichkeit, sich überhaupt erst an den Schreibtisch <strong>zu</strong> setzen und die Projekte, die einen umtreiben,<br />

realisieren <strong>zu</strong> können.<br />

3 Woolf: Ein eigenes Zimmer, a.a.O., S. 106.


Just a room of one’s own?<br />

Unter welchen Bedingungen und<br />

<strong>zu</strong> welchem Zweck <strong>Literatur</strong> heute entsteht<br />

<strong>von</strong> Isabelle Lehn<br />

Warum siehst du so ernst aus auf deinen Autorenfotos? Hat der Verlag dich so inszeniert? Die<br />

Frage eines Studenten beschäftigt mich. In Wirklichkeit wirkst du viel lässiger! Ich muss lachen,<br />

weil er mich für lässig hält. Nein, sage ich. Der Verlag hat damit nichts <strong>zu</strong> tun. Ich allein bin für<br />

meine Bilder verantwortlich.<br />

Warum sehen mir meine Fotos nicht ähnlich? Wäre es nicht schöner, ein lässiger Anblick <strong>zu</strong> sein?<br />

Vielleicht, antworte ich, werde ich einfach nicht gern fotografiert. Ich gebe nicht gern ein Bild<br />

ab, das mit mir verwechselt wird. Und ich werde nicht gern mit meiner Arbeit verwechselt. Ich<br />

will nicht die Frau mit den Lippen sein, die man mit einem Reh verwechselt. Alles schon vorgekommen.<br />

Ein Bambi, das für Bambis schreibt. Ich könnte lässiger aussehen, ja. Aber niemand<br />

soll denken, dass ich <strong>zu</strong> lässig denke.<br />

Übertreibe ich ein bisschen? Ein Bild <strong>von</strong> sich abgeben. Sich einem fremden Blick überlassen, in<br />

dem man sich nicht wiedererkennt. Lieber will ich nicht sichtbar sein. Ein Bild ohne Eigenschaften,<br />

undurchlässig und schweigsam, in abweisende Farben gekleidet. Ob mein letzter Roman,<br />

der vom Scheitern eines ernst<strong>zu</strong>nehmenden Lebens handelt, <strong>von</strong> seiner Autorin erzählt? Ich will<br />

ein Bild, das keine Antworten liefert.<br />

Als Kind stellte ich mir manchmal vor, dass man mich still beobachten könnte. Heimlich, mit versteckter<br />

Kamera. Man würde sehen, wie ich wirklich war, wenn ich mich unbeobachtet fühlte:<br />

klug und witzig, lässig und wunderbar. Was für ein tolles Kind!, würde man sagen, wenn man<br />

mich endlich erkannte. Ich war ein Kind fürs dunkle Zimmer. Für die Freiheit der Einsamkeit,<br />

die Un<strong>zu</strong>dringlichkeit <strong>von</strong> Schallplatten, Büchern und Hörspielkassetten, die keine Notiz <strong>von</strong><br />

mir nahmen. Ich beobachtete, was im Fernsehen geschah. Der Fernseher sah nie <strong>zu</strong>rück, er beschwerte<br />

sich nicht, dass ich starrte, und ich war glücklich, wenn man mich in meinem Zimmer<br />

vergaß.


Das Bild, das ich draußen abgab, war allerdings völlig unbrauchbar. In Gesellschaft verwandelte<br />

ich mich in ein seltsames Kind. Ich wurde still und ernst, wütend und sprachlos, weil es mir nicht<br />

gelang, den room of my own <strong>zu</strong> verlassen. Ich war wütend auf die Welt mit ihren erwartungsvollen<br />

Blicken und den laut nach mir greifenden Stimmen, die dieses Kind aus mir machten.<br />

Dass ich meinen letzten Roman schrieb, ist vielleicht dem Wunsch dieses Kindes geschuldet. Ich<br />

wollte endlich ein Bild abgeben, das sich wirklich anfühlte. Ein Bild, das an Ehrlichkeit grenzte<br />

und in dem ich mich wiedererkannte, ganz egal wie fiktiv oder real es war. Wie lebt es sich im<br />

room of one’s own, wenn man sich unbeobachtet fühlt? Was spielt sich hinter verschlossenen<br />

Türen ab? Solange die Türen verschlossen blieben, hatte ich kein Geheimnis vor mir. Ich machte<br />

mir weis, mein Zimmer nicht verlassen <strong>zu</strong> müssen: Niemand wird lesen, was du hier schreibst!<br />

Schreib, was du willst! In deinem Zimmer bist du sicher und frei!<br />

Natürlich ahnte ich, dass ich mein Versprechen nicht halten würde. Ich war dabei, mir Gäste in<br />

dieses Zimmer <strong>zu</strong> laden. Was ich schrieb, gefiel mir. Es war gut und witzig, lässig und wunderbar,<br />

wie alles, was in diesem Zimmer entstand. Wer war ich, es der Welt vor<strong>zu</strong>enthalten? Die Autorin<br />

in mir würde <strong>zu</strong> eitel sein, diesen Text nicht <strong>zu</strong> publizieren. Insgeheim wusste ich: Was ich hier<br />

tat, war eine große Schamlosigkeit.<br />

Virginia Woolf sprach <strong>von</strong> der Notwendigkeit für schreibende Frauen, einen „room of one’s own”<br />

<strong>zu</strong>m Rück<strong>zu</strong>g in die Stille <strong>zu</strong> haben. Aber sie sprach auch <strong>von</strong> der Notwendigkeit, diesen eigenen<br />

Raum wieder <strong>zu</strong> verlassen. In ihrem Vortrag „Berufe für Frauen“ aus dem Jahr 1929 benannte<br />

sie die „zwei Proben der Schriftstellerin“: Die schreibende Frau müsse die Wahrheit über ihre<br />

Erfahrung als Körper schreiben. Und „den Engel im Hause töten“, der <strong>von</strong> ihr erwartet wird.<br />

Beide Proben handeln <strong>von</strong> der Überwindung der Scham: Der Engel im Hause muss abgelegt<br />

werden, denn er würde sich niemals schamlos verhalten. Er würde niemals so schamlos sein,<br />

schreibend das Wort <strong>zu</strong> ergreifen, <strong>zu</strong> glauben, dass er etwas <strong>zu</strong> sagen hat. Er würde niemals über<br />

sich selbst oder den eigenen Körper schreiben. Er würde das Haus nicht verlassen, um seine<br />

Gedanken mit anderen <strong>zu</strong> teilen. Und er würde niemals Gäste hereinbitten, wenn er nicht aufgeräumt<br />

hat. Vor allem aber würde er eins niemals können: wahrhaftig schreiben.<br />

Konnte es sein, fragte ich mich, dass auch wir an diesen Proben noch scheiterten, knapp einhundert<br />

Jahre, nachdem Virginia Woolf darüber gesprochen hatte? Konnte es sein, dass auch<br />

ich noch immer davor <strong>zu</strong>rückschreckte, ohne Scham über den eigenen Körper <strong>zu</strong> schreiben


und da<strong>von</strong> <strong>zu</strong> berichten, dass da kein Engel in meinem room of one’s own hauste, sondern ein<br />

Mensch mit Fehlern und Schwächen? Das bin nicht ich!, wollte ich jedem Satz anheften. Das bin<br />

doch ich!, schrieb ich stattdessen, Ausrufezeichen! Was ein Mann wie Thomas Glavinic konnte,<br />

kann ich schon lange!<br />

Ausrufezeichen. Also gab ich dieser Frau meinen Namen. Unter meinem Namen ließ ich sie<br />

durch das Chaos führen, das sie im room of her own kuratierte. Ich ließ sie die Fenster öffnen,<br />

den Gestank herauslassen, in dem sie vegetierte, und den Müll ausstellen, den sie über die Jahre<br />

gesammelt hatte: ihre gärende Angst vor Versagen, die Sehnsüchte, die unter ihrem Bett verfault<br />

waren, den Schmutz der Gedanken und das klebrige Selbstmitleid, die unaufgeräumte Wut,<br />

die Reste der Jugend und das Übermaß an Körperlichkeit, den gekippten Stapel aus <strong>zu</strong> hoch<br />

aufgetürmten Erwartungen. Was ich vorfand, gefiel mir oft nicht. Aber es fühlte sich meistens<br />

wirklich an.<br />

Als der Roman 2019 unter dem Titel „Frühlingserwachen“ erschien, rief er Erstaunen hervor,<br />

mit welcher „Direktheit, Frechheit, Unverschämtheit im Wortsinne – also ohne Scham“ 1 eine<br />

weibliche Stimme hier <strong>von</strong> sich selbst erzählte. Da waren sie, die Proben der Schriftstellerin:<br />

Meine Bereitschaft, mich ihnen <strong>zu</strong> stellen, löste noch immer Verwunderung aus. Es sei die<br />

„Ausräumung aller Geheimnisse, die Lüftung auch der staubigsten Ecken einer menschlichen<br />

Existenz“, fasste eine Kritikerin ihren Eindruck <strong>zu</strong>sammen. Sie schien noch unentschieden, ob<br />

das wirklich notwendig war: seinen Dreck mit aller Welt teilen <strong>zu</strong> müssen.<br />

Ich weiß nicht, ob es notwendig war. Aber wenn ich E-Mails wie diese erhalte, fühlt es sich beinahe<br />

so an: »Danke für das wunderbar tröstliche, komische und abgrundtief wahre ›Frühlingserwachen‹.<br />

Danke, Danke, Danke. Es tut gut <strong>zu</strong> wissen, dass offenbar auch andere solch eine Art Leben<br />

führen. Und sei es auch nur eine fiktive Personage. Mir doch egal. Es hilft.«<br />

Der Engel im Hause ist einsam. Er erstickt an seiner Wut, seiner Scham, dem schlechten Geruch<br />

des Versagens. Es tut gut, manchmal die Fenster <strong>zu</strong> öffnen und den room of one’s own<br />

kräftig durch<strong>zu</strong>lüften. Ihn bei Licht <strong>zu</strong> besehen und <strong>zu</strong> betrachten und sich nicht mehr <strong>zu</strong> schämen,<br />

sondern klug und witzig, lässig und wunderbar darin <strong>zu</strong> fühlen, wenn man dieses Zimmer<br />

vermisst. Ist das schamlos, eitel oder eine Provokation, <strong>von</strong> der Vermessung einer Welt <strong>zu</strong> erzählen,<br />

die sich nicht außerhalb meines Lebens befindet und nicht in der Vergangenheit liegt? Ist<br />

1 Hubert Winkels, Deutschlandfunk, 10.06.2019.


es schamlos, wenn ich daran glauben will, dass diese Welt, die nicht <strong>von</strong> bedeutsamen Männern<br />

handelt, sondern <strong>von</strong> einer banalen Frau, anderen <strong>zu</strong>mutbar und (noch vermessener:) sogar<br />

literaturfähig ist?<br />

Da ist dieser Wunsch, den ich mit vielen Frauen teile, alle Räume meines Lebens bewohnen <strong>zu</strong><br />

dürfen. Ich will kein Zimmer mehr verschließen müssen und vor der Welt im Geheimen halten.<br />

Ich will alle Fenster öffnen, die Türen einschlagen und mit der Axt schreiben, den Engel im Hause<br />

entleiben. Die Schriftstellerin ist frei <strong>von</strong> seiner Einsamkeit und Sprachlosigkeit. Ihre Probe<br />

aber ist harte Splatter-Arbeit.


Just a room of one’s own?<br />

Unter welchen Bedingungen und<br />

<strong>zu</strong> welchem Zweck <strong>Literatur</strong> heute entsteht<br />

<strong>von</strong> Inger-Maria Mahlke<br />

Mein „Kunst ist zweckfrei!“-Dogma klingt in der momentanen Weltsituation selbst für mich<br />

nach Eskapismus. Dennoch hänge ich mich im Kontext <strong>Literatur</strong> an dem Wort Zweck auf wie<br />

ein Windows 10 PC nach dem Update. Mein Problem kann ich leider nicht poetisch, sondern<br />

nur anhand der im Duden aufgeführten zweifachen Bedeutungen des Wortes Zweck erläutern.<br />

Danach ist Zweck einmal das, was jemand mit einer Handlung beabsichtigt, <strong>zu</strong> bewirken, <strong>zu</strong> erreichen<br />

sucht. In der anderen Bedeutung ist Zweck der in einem Sachverhalt oder Vorgang oder<br />

Ähnlichem verborgene, erkennbare Sinn desselben. Ich glaube, dass bei den drei Be<strong>zu</strong>gspunkten<br />

Autor – Text – Öffentlichkeit/Rezeption die erste Definition des Zwecks auf die Beziehung<br />

Text – Autor anwendbar ist, die zweite Bedeutung auf die Konstellation Text – Rezeption, und<br />

die Probleme beginnen, wenn Deckungsgleichheit zwischen den unterschiedlichen Bedeutungen<br />

und Konstellationen angenommen wird.<br />

In der ersten Variante beschreibt Zweck eine um-<strong>zu</strong>-Beziehung, und zwar auf unterschiedlichen<br />

Ebenen: Ich schreibe einen Text, um meinen Lebensunterhalt <strong>zu</strong> verdienen, ich schreibe<br />

einen Text, um den idealisierten Lebensstil Künstler für mich vereinnahmen <strong>zu</strong> können. Es gibt<br />

das künstlerische Um-<strong>zu</strong>, die Idee <strong>von</strong> etwas und den da<strong>zu</strong>gehörigen Gestaltungswillen. Etwas<br />

unappetitlicher ist das psychologische Um-<strong>zu</strong>, Text schreiben hat mit eigenem Erleben / Biografie<br />

/ sich-an-irgendetwas-Abarbeiten <strong>zu</strong> tun. All das ist höchstpersönlich, individuell verschieden<br />

und geht niemanden was an, denn für die Rezeption des Textes ist es in der Regel irrelevant.<br />

Bei der zweiten Konstellation, Text – Öffentlichkeit, nimmt Zweck die Bedeutung eines <strong>von</strong><br />

außen in etwas (Text) erkannten Sinnes an. Ein Zuschreibungsprozess, der wie alle Zuschreibungsprozesse<br />

mehr über die Zuschreibenden aussagt als über das Objekt der Zuschreibung.<br />

Jemand schreibt z.B. ein Buch über seine Heimatstadt, um ein als narzisstische Kränkung empfun-


denes Scheitern im dortigen Schul- und Gesellschaftssystem <strong>zu</strong> überwinden, indem er diejenigen<br />

Bekannten herabsetzt, die erfolgreicher waren und <strong>von</strong> denen er sich gedemütigt fühlt. Damit<br />

die Herabgesetzten auch darum wissen, versieht er die Figuren mit Eigenschaften, die die Vorbilder<br />

identifizierbar machen, <strong>zu</strong>m Teil unter Verwendung antisemitischer Stereotype. Er nennt<br />

das Ganze „Die Buddenbrooks“, rezipiert wird das Buch als Konflikt künstlerische Existenz<br />

versus Bürgertum oder Vormoderne versus Moderne. Diese Lesart der Buddenbrooks beruht<br />

dennoch nicht auf einem „Missverständnis“. Auch wenn Thomas Manns Um-<strong>zu</strong> ein „Gibberroman“<br />

war, seine Kindheit erlebte er vor dem Hintergrund eines durch Handel und mittelalterliche<br />

Strukturen geprägten Stadtstaates, dessen Weg in die Moderne sich unter besonders<br />

theatralischem Weltuntergangsgeschrei genau der Schicht, der die Familie Mann angehörte,<br />

vollzog. Diese Lebensrealität des Autors ist, ganz ohne ein Um-<strong>zu</strong>, als Nebeneffekt in dem Text<br />

enthalten.<br />

Die Öffentlichkeit verwandelt sich den Text an, deutet ihn ihren Bedürfnissen entsprechend,<br />

dieser Prozess folgt Regeln und ist bedingt durch Kontexte, die nichtliterarischer Natur sind.<br />

Ein Buch löst eine gesellschaftliche Diskussion nicht aus, sondern bereits vorhandene Konflikte<br />

/ Strömungen / Einstellungen suchen sich Texte, anhand derer sie ihre Anliegen diskutieren können.<br />

Texte sind Sprechhilfen, aber nicht ursächlich für ein Sprechen. (z.B. Aramburu „Patria“:<br />

vor Entwaffnung der ETA wäre ein Sprechen anhand dieses Textes so nicht möglich gewesen.)<br />

Schwierig wird es, wenn eine Identität zwischen dem Um-<strong>zu</strong> des Autors und dem Zuschreibungsprozess<br />

unterstellt wird. Noch schwieriger wird es, wenn dieser gefordert wird, also das Um-<strong>zu</strong><br />

des Autors einen bestimmten Zuschreibungsprozess und ein bestimmtes Sprechen auslösen<br />

soll/will. Als Beispiel mag die furchtbar gut gemeinte und furchtbar schlecht geschriebene, politisch-didaktische<br />

<strong>Literatur</strong> der 70er herhalten. Kurzer polemischer Exkurs: Das ist übrigens<br />

genau das Problem an der Forderung nach DEM politischen Buch an die heutige Autorengeneration.<br />

In der Regel ist damit das politisch wirksame, sprechauslösende Buch gemeint, welches in<br />

zweifacher Hinsicht ein Wunder bewirken soll: einmal DAS gesellschaftliche Problem so perfekt<br />

<strong>zu</strong> analysieren und das Analyseergebnis so perfekt <strong>zu</strong> kommunizieren, dass die Gesellschaft ihre<br />

Einstellungen ändert, sie fähig wird, ihr Verhalten <strong>zu</strong> modifizieren und so DAS Problem löst.<br />

Gleichzeitig stellt es dadurch die gesellschaftliche Relevanz der <strong>Literatur</strong> wieder her und rettet


die Buchbranche. Das kollektive Gefühl, die Gebrauchsanleitung für die Welt verloren <strong>zu</strong> haben,<br />

als Chance für die Kunst. Das ist zynisch.<br />

Was heißt das mit Be<strong>zu</strong>g auf heute, z.B. die Corona-Pandemie? Im Guardian wirft Laura Spinney 1<br />

die Frage auf, wieso die Grippe-Epidemie <strong>von</strong> 1918 sich nicht in literarischen Werken niedergeschlagen<br />

hat, der Kanon der Weltliteratur keinen Influenza-Roman enthält, trotz persönlicher<br />

Betroffenheit eines Teils der „üblichen Verdächtigen“ unter den Autoren. Und ob ein literarischer<br />

anderer Umgang mit Corona <strong>zu</strong> erwarten ist? Sie bejaht es, ich wäre vorsichtig.<br />

Erstmal sei angemerkt, dass die Influenza 1918 sehr wohl zahlreich in literarischen Texten erwähnt<br />

wird, meist nur als Tatsache (X ist an Influenza erkrankt), in einem Nebensatz. (Selten<br />

auch als Plot Twist in der Unterhaltungsliteratur, Love Interest stirbt an Influenza z.B. Agatha<br />

Christie.) Selbst der Nebeneffekt des Durchschlagens der Lebensrealität der Autoren in die<br />

Texte ist bei der Influenza ausgeblieben. Ich würde vermuten, weil die Epidemie durch die Erfahrung<br />

des 1. Weltkrieges überlagert wurde und nach ihrem Abebben das Alltagsleben nicht<br />

nachhaltig verändert hat. Das entscheidende Gestaltungskriterium literarischer Texte bleibt<br />

ästhetischer Natur, (das künstlerische Um-<strong>zu</strong> des Autors), eine literarische Verarbeitung <strong>von</strong><br />

Krankheiten hängt da<strong>von</strong> ab, welche Funktion sie im Textgefüge einnehmen würde, <strong>von</strong> ihrem<br />

metaphorischen Gehalt. Die vielbearbeiteten Krankheiten bieten in der Hinsicht etwas, Syphilis<br />

(deviantes Verhalten und Moral), Krebs (unsichtbare Zerstörung <strong>von</strong> Innen/ungebremstes<br />

Wachstum), Tuberkulose (Auszehrung/Vergänglichkeit), Malaria (Fieber/Entgren<strong>zu</strong>ng) etc. Die<br />

Influenza als Metapher? Nicht wirklich. Und Corona? Die Krankheit, die Distanz erzwingt?<br />

Es wird Bücher geben, die Veränderungen (Leben im Lockdown etc.) thematisieren werden, da<br />

es aber eine kollektiv verhältnismäßig ähnliche Erfahrung ist, vermute ich, es werden wenige<br />

sein. (30 000 Covidioten sind keine gesellschaftliche Strömung, auch wenn sie laut sind.) Und<br />

der Nebeneffekt? Hängt <strong>von</strong> außerliterarischen Kriterien ab, nämlich da<strong>von</strong>, wie langanhaltend<br />

unser Alltag verändert wird. Aber am Ende des Textes bin ich jetzt ungefähr wieder da, wo ich<br />

angefangen habe, nämlich bei der Kunst um der Kunst willen.<br />

1 www.theguardian.com/commentisfree/2020/aug/07/covid-novels-warning-future-generationsfirst-world-war-spanish-flu-1918.


Geheimer Garten<br />

<strong>von</strong> Fernanda Melchor<br />

übersetzt <strong>von</strong> Angelica Ammar<br />

Ich zog in diese Wohnung wegen des Gartens gegenüber. Die Nähe <strong>zu</strong>m Stadtzentrum <strong>von</strong><br />

Puebla, die drei großen hellen Zimmer, die günstige Miete, all das vergaß ich, als ich <strong>zu</strong>m ersten<br />

Mal aus dem Wohnzimmerfenster sah und vier Stockwerke weiter unten, auf der anderen Seite<br />

einer engen Gasse, einen <strong>von</strong> Mauern umgebenen, einsamen wilden Garten entdeckte, dessen<br />

Avocadobäume, Mispelbäume, Pfirsichbäume und rosa Engelstrompeten sich im kupferfarbenen<br />

Licht der Dämmerung wiegten. Ich nehme sie, sagte ich <strong>zu</strong>m Vermieter, noch ehe er mir den<br />

Rest der Wohnung gezeigt hatte. Die Rohre waren in einem schlechten Zustand, die Schlafzimmerwände<br />

hätten dringend etwas Farbe gebrauchen können, doch all das war mir egal. Gebannt<br />

schaute ich auf den Garten gegenüber. Ich hatte das Gefühl, es sei das Zeichen, auf das ich gewartet<br />

hatte, das Zeichen, dass es richtig war, aus dem Haus aus<strong>zu</strong>ziehen, in dem ich fast ein<br />

Jahrzehnt lang Mutter, Gattin, Hausfrau, Chauffeur, Sklavin und manchmal, gelegentlich, frühmorgens<br />

am Esstisch, wenn alle noch schliefen, Schriftstellerin gewesen war.<br />

Es war eine turbulente, beklemmende Zeit. Ich war so am Boden zerstört, dass ich die Tage<br />

ohnmächtig an mir vorbeiziehen ließ. Nach dem Um<strong>zu</strong>g weigerte ich mich monatelang, einen<br />

Kühlschrank <strong>zu</strong> kaufen, so überzeugt war ich, dass ich ihn nicht brauchte. Nachmittags füllte<br />

ich an einem kleinen Tisch, den meine beste Freundin mir geliehen hatte, die Seiten meines<br />

Tagebuchs, schaute auf die nackten Wände meiner neuen Bleibe und die einstaubenden Bücherkartons.<br />

Jetzt hatte ich alle Zeit der Welt, um <strong>zu</strong> schreiben, doch ich war wie gelähmt und dachte<br />

nur an das, was ich <strong>zu</strong>rückgelassen hatte: die Familie, die ich mir so sehnlich gewünscht hatte,<br />

die Tochter, die ich <strong>zu</strong> meiner gemacht hatte, weil sie eine Mutter und ich dringend einen Sinn<br />

im Leben brauchte. Und abends, wenn Krähenschwärme über den Stadthimmel zogen und die<br />

Lichter der Kirchen auf dem Hügel <strong>von</strong> San Juan angingen, stand ich <strong>von</strong> meinem Tisch auf,<br />

öffnete die Läden und dachte, dass meine kleine Tochter dort drüben, auf der anderen Seite der


Stadt, allein duschte und <strong>zu</strong> Abend aß, und niemand hörte, wie sie sich im Bett laut vorlas, eine<br />

einsame Schneeleopardin im Pyjama, und ich blickte <strong>zu</strong> dem Grundstück gegenüber und stellte<br />

mir vor, dieser ummauerte, für die vorbeihastenden Passanten völlig uneinsichtige Garten gehöre<br />

mir, nur mir; es sei der Wirklichkeit gewordene geheime Garten, den ich all die Jahre lang versteckt<br />

hatte hegen müssen, um weiter schreiben <strong>zu</strong> können, ungeachtet der Verpflichtungen des<br />

Erwachsenenlebens, des fordernden Elterndaseins, der Bitterkeit einer zerrütteten Beziehung,<br />

der erdrückenden Schuld, die es mir immer noch bereitete, dieses unverständliche Bedürfnis <strong>zu</strong><br />

haben, für mich allein <strong>zu</strong> sein und in diesem Hortus conclusus mit meinen Alter Egos <strong>zu</strong> spielen,<br />

unerreichbar für die Welt, unangreifbar für grausame Worte oder nicht gehaltene Versprechen.<br />

Und so sah ich aus dem Fenster, bis es dunkel war, und nach und nach gelang es mir, mich <strong>zu</strong><br />

überzeugen, dass der Schmerz ein Ende haben, dass er nachlassen würde, wie ein wild klopfendes<br />

Herz sich langsam beruhigt, wenn der Albtraum vorbei ist. Eine eigene Wohnung und ein<br />

geheimer Garten und Zeit; das war alles, was ich brauchte, sagte ich mir.


Ein vergrößertes Zimmer<br />

<strong>von</strong> Guadalupe Nettel<br />

übersetzt <strong>von</strong> Carola Fischer<br />

Virginia Woolf war eine der ersten Feministinnen, die ich gelesen habe, und zweifellos ist sie<br />

es, die ich immer wieder lese. Ihr Essay Ein Zimmer für sich allein beschreibt mit schmerzlicher<br />

Deutlichkeit die größten Hindernisse, die einer Frau im Wege stehen, nicht nur, wenn sie<br />

eine literarische Karriere und gesellschaftliche Anerkennung anstrebt, sondern auch, was so<br />

elementare Dinge wie die Kreativität (die gewöhnlich den entspannten Geist aufsucht) oder die<br />

Konzentration anbelangt. Ich glaube, dass die Beobachtungen <strong>von</strong> Virginia Woolf – obwohl sich<br />

die Gesellschaft in punkto Gleichberechtigung der Geschlechter weiterentwickelt hat – auch<br />

heute noch gültig sind: Eine Frau, die sich auf künstlerischem oder intellektuellem Gebiet entfalten<br />

möchte, muss finanziell unabhängig sein, über einen eigenen Raum verfügen, wo sie sich<br />

einschließen kann, um <strong>zu</strong> lesen und <strong>zu</strong> schreiben, aber auch über eine – wenn auch begrenzte<br />

– Zeit, in der niemand etwas anderes <strong>von</strong> ihr verlangt. Virginia Woolf sprach vom schrecklichen<br />

„Haushaltsengel“, damit meinte sie die gesellschaftliche Forderung, dass Frauen sich um die<br />

gesamte Kindererziehung kümmern, Alte und Kranke pflegen und selbstverständlich auch alle<br />

Hausarbeiten erledigen, eine Forderung, die uns introjiziert wurde, so sehr, dass wir sie häufig<br />

als unsere eigene betrachten, anstatt als das, was sie ist: ein ständiger gesellschaftlicher Zwang.<br />

Es ist unbestreitbar, dass wir, was Arbeitsrechte und Chancen angeht, große Fortschritte gemacht<br />

haben, aber es ist auch wahr, dass die <strong>von</strong> uns erlangte finanzielle Unabhängigkeit einen<br />

doppelten Arbeitstag bedeutet: Wir arbeiten, um Geld <strong>zu</strong> verdienen – die Glücklichen unter uns<br />

verdienen es mit dem Schreiben oder einer anderen selbst gewählten Tätigkeit –, aber es wird<br />

immer noch <strong>von</strong> uns verlangt, schlimmer noch, wir verlangen <strong>von</strong> uns selbst, dass wir an der<br />

Spitze <strong>von</strong> Familie und Haushalt stehen. Wenn darüber hinaus unsere Kinder <strong>zu</strong> klein sind, um<br />

<strong>zu</strong> lernen, wenn sie krank sind oder aus irgendeinem Grund nicht in die Schule gehen können,<br />

wird der Tag <strong>zu</strong>r Dreifach-Belastung. Dieser Haushaltsengel ähnelt sehr dem, was die Feminis-


tinnen der sechziger Jahre „die mentale Last – mental load“ nannten, nämlich die ständige Sorge<br />

um das Wohlergehen der Familie: <strong>von</strong> der Einkaufsliste über die Impfungen der Kinder bis hin<br />

<strong>zu</strong> den Geburtstagsfesten.<br />

Jede Frau, die es mal versucht hat, weiß, dass man unmöglich einen Text schreiben kann, ohne<br />

sich <strong>zu</strong> konzentrieren. Manchmal wird man das nur vollbringen, wenn man aus dem Haus flieht.<br />

Mal ins Grüne, mal in einen geborgten Raum, wo über mehrere Tage hinweg der Computer<br />

oder eine Freundin, die wie wir vor den engelhaften Wesen flüchtet, unsere einzige Gesellschaft<br />

sind. Einige Kolleginnen haben mir gestanden, dass sie, um ein Buch <strong>zu</strong> Ende <strong>zu</strong> schreiben,<br />

ihre Schlafenszeit auf ein Minimum (drei oder vier Stunden pro Nacht) reduziert und dadurch<br />

ihre körperliche und seelische Gesundheit gefährdet haben. Somit ist jedes Buch, das eine Frau<br />

<strong>zu</strong> Ende schreibt – unabhängig <strong>von</strong> seiner literarischen Qualität – eine Heldentat, ein Akt der<br />

Auflehnung, ein Sieg über die Ausbeutung durch die anderen und die selbst auferlegte. Und das<br />

erklärt auch, warum diese Bücher häufig so überraschend, bedeutend sind, so voller Leben,<br />

Kenner des Schmerzes, der der conditio humana innewohnt.<br />

Was, außer einem Zimmer für sich allein, braucht eine Frau noch, um schreiben <strong>zu</strong> können?<br />

Häuser für Schriftstellerinnen, wo wir uns nicht nur einmal in zehn Jahren, sondern täglich aufhalten<br />

können, wo man uns mit Kindern aufnimmt und diese mehrere Stunden am Tag betreut,<br />

Partner, die sich der geschlechtsspezifischen Ungleichheit bewusst sind, die uns nicht nur „bei<br />

unseren Pflichten helfen“, sondern die wie wir die Verantwortung für ihren Teil der Erziehung,<br />

der Betreuung, des Haushalts übernehmen, also für jene unbezahlte Arbeit, die gemeinhin übersehen<br />

wird. Wir brauchen ein Netz an Freunden und größere Familiengruppen, „Familienkollektive“,<br />

wie sie <strong>von</strong> einigen genannt werden, aber auch Arbeitskollektive, wo eine Solidarität<br />

unter Frauen gelebt wird, anstatt dass wir das Konkurrenzmodell unserer männlichen Kollegen<br />

wiederholen. Wir brauchen Verleger, die die Artikel <strong>von</strong> Frauen mit gerechten Honoraren und<br />

die Bücher <strong>von</strong> Autorinnen mit angemessener statt „symbolischer“ Bezahlung vergüten, und<br />

zwar im Moment der Veröffentlichung und nicht erst Monate später. Wir brauchen Buchmessen<br />

und <strong>Literatur</strong>festivals mit Gender-Perspektive, wo unsere Bücher genauso sichtbar sind wie die<br />

<strong>von</strong> Männern verfassten.<br />

Wir brauchen Regierungen, die sich des Werts der Kunst und der Kultur bewusst sind, die Stipendien<br />

und andere Fördermittel egalitär vergeben. Ich bin überzeugt, dass diese Notwendig-


keiten früher oder später anerkannte Rechte sein werden, aber damit es soweit kommt, ist es<br />

unerlässlich, dass wir sie weiterhin mit derselben Hartnäckigkeit einfordern, mit der unsere<br />

Vorgängerinnen das Wahlrecht oder den Zugang <strong>zu</strong> den Universitäten durchsetzten, und ebenso<br />

mit derselben wilden Entschlossenheit, mit der Virginia Woolf ihre Arbeit vor allen anderen,<br />

auch vor sich selbst, verteidigte.


Writer‘s rooms?<br />

Unter welchen Bedingungen<br />

und <strong>zu</strong> welchem Zweck<br />

<strong>Literatur</strong> heute entsteht<br />

<strong>von</strong> Mithu Sanyal<br />

Zwei Werke haben meine Haltung <strong>zu</strong>m Schreiben maßgeblich geprägt:<br />

Das eine ist Virginia Woolfs Essay A Room of One’s Own, ihre Unabhängigkeitserklärung<br />

<strong>von</strong> den Ansprüchen der Welt, nein – ganz im Gegenteil – ihr Anspruch an die Welt,<br />

Nimm mich und mein Schreiben ernst, auch wenn ich eine Frau, BIPOC, arm, was auch immer bin.<br />

Gib mir einen Raum, an dem mein Schreiben die erste Priorität ist.<br />

Das andere ist ein Selbstporträt <strong>von</strong> Weegee, der auf einem Schemel vor dem aufgeklappten<br />

Kofferraum seines Chevy sitzt und in seine Reiseschreibmaschine hineinhackt, als<br />

könnte ihn nichts da<strong>von</strong> abhalten. Es ist Nacht, in der einen Hand hält er eine Taschenlampe,<br />

aber was er <strong>zu</strong> Papier bringen muss, ist roh und dringend genug, dass er trotzdem schreibt.<br />

Ich habe diese Bilder damals nicht <strong>zu</strong>sammen bekommen: Virginia Woolf in ihrem<br />

Zimmer für sich allein und Weegee an der Autobahn des Lebens. Inzwischen weiß ich, dass <strong>Literatur</strong><br />

in den Ritzen der Zeit entsteht, wenn ich <strong>von</strong> meinem Laptop aufstehe oder Gemüse einkaufe<br />

und ganz viel da<strong>von</strong> im Auto. Geschichten und Charaktere müssen nicht erfunden werden,<br />

sie sind da, die Arbeit ist, sie auf<strong>zu</strong>schreiben und aus etwas Lateralem und Lebendigem, etwas<br />

Lineares und immer noch Lebendiges <strong>zu</strong> machen, und für diese Arbeit brauche ich einen Raum<br />

für mich allein, Zeit für mich allein, wenn das Kind im Bett und alles Essen gekocht und mein<br />

innerer Zensor durch den Zeitdruck ausgeschaltet ist.<br />

Aber was ich vor allem brauche, ist eine Deadline. Einen Verlag, eine Zeitschrift, eine Person,<br />

die auf meinen Text wartet. Wenn ich vor der Entscheidung stehe, in den Park <strong>zu</strong> gehen oder <strong>zu</strong><br />

schreiben, dann hält mich nur die Sehnsucht einer anderen Person am Laptop. Und das Wissen<br />

darum, dass es dort draußen Menschen gibt, für die dieser Text relevant sein wird. Die mit ihm<br />

in Kommunikation treten werden. <strong>Literatur</strong> ist nichts für die Schublade, nichts für den leeren


Raum. Schreibende brauchen einen Resonanzraum. Texte brauchen einen Resonanzraum.<br />

Zum Glück lesen Menschen Bücher. Menschen lesen Bücher, so wie ich Bücher lese, damit ihre<br />

<strong>See</strong>le gerettet wird, um <strong>zu</strong> fühlen und sehen, dass es möglich ist, dieses andere Leben <strong>zu</strong> leben.<br />

Dass andere Menschen sich über ähnliche Dinge Gedanken machen und dass es noch ganz<br />

andere Dinge gibt, über die wir uns Gedanken machen können, und noch ganz andere Gedanken.<br />

Der Schmerz der Corona-Krise war, dass ich mich dadurch <strong>von</strong> meinen Erinnerungen abgeschnitten<br />

fühlte, <strong>von</strong> meinen Phantasien, <strong>von</strong> der Person, die ich war. Als Autorin schürfe ich<br />

in meinem Körpergedächtnis nach den goldenen Nuggets <strong>von</strong> konzentrierter Intensität, wenn<br />

alles <strong>zu</strong>sammen kommt und eine Erfahrung plötzlich beginnt <strong>zu</strong> leuchten: die blaue Milch der<br />

Kindheit, der Geruch <strong>von</strong> Sonne auf der Haut eines anderen Menschen, die <strong>von</strong> der freundlichen<br />

Feuchtigkeit eines dünnen Schweißfilms bedeckt ist. Doch wann immer ich nun <strong>zu</strong> meinem happy<br />

place, meinem inneren writer’s room, ging, war dort ein rot-weißes Flatterband, das signalisierte:<br />

Betreten verboten.<br />

Zu diesem Zeitpunkt begann ich eifersüchtig auf die Charaktere in meinen Geschichten <strong>zu</strong> werden,<br />

weil sie Dinge tun durften, die ich um jeden Preis vermeiden musste, mehr noch, sie durften<br />

da<strong>von</strong> träumen. Während wir als Gesellschaft unser Träumen auf einen Zeitpunkt nach der<br />

Krise vertagen sollten. So als würden uns Träume, Visionen, (U)Topien, nicht helfen, an das<br />

andere Ende der Nacht <strong>zu</strong> gelangen.<br />

Und das ist der dritte Raum, den Texte brauchen, den Raum der Utopie, an dem es nicht darum<br />

geht, wie wir uns an dem Faktischen abarbeiten, sondern welche Welt wir erschaffen wollen.<br />

Zusammen.<br />

Wir brauchen Geschichten. Geschichten haben mich gerettet, als ich keinen sicheren Ort hatte,<br />

aber ich kann verdammt noch einmal bessere Geschichten erträumen, wenn ich nicht die ganze<br />

Zeit damit beschäftigt bin, <strong>zu</strong> überleben.


Ein Zimmer für sich allein,<br />

seine Fenster<br />

<strong>von</strong> Isabel Zapata<br />

übersetzt <strong>von</strong> Angelica Ammar<br />

I.<br />

Im Oktober 1928 sprach Virginia Woolf an zwei Colleges der Universität Cambridge, dem Girton<br />

College und dem Newnham College, über Frauen und <strong>Literatur</strong>. Die Vorträge waren so erfolgreich,<br />

dass sie im Jahr darauf unter dem Titel Ein Zimmer für sich allein bei Hogarth Press veröffentlich<br />

wurden, dem Verlag, den die Schriftstellerin mit ihrem Mann Leonard gegründet hat.<br />

Häufig unerwähnt bleibt, dass diese Vorträge in Colleges gehalten wurden, die weiblichen Studenten<br />

vorbehalten waren, Woolf sich also an ein rein weibliches Publikum gerichtet hat. Was ein<br />

Großteil der spanischen Überset<strong>zu</strong>ngen jedoch nicht berücksichtigt, das englische Pronomen<br />

one (‚man‘) wird in ihnen mit der männlichen Form uno übersetzt, mit der man sich im Spanischen<br />

an ein gemischtes Publikum richtet, und nicht mit der weiblichen Form una. Wie anders<br />

wäre es wohl auch im Deutschen, statt ein ums andere Mal man denkt (im Spanischen: uno piensa)<br />

frau denkt (una piensa) <strong>zu</strong> lesen – schließlich ist es Virginia, die denkt. Es wäre sehr anders,<br />

<strong>zu</strong>mindest für diejenigen unter den Leserinnen, die sich Gedanken über eine ideale Umgebung<br />

fürs Schreiben und die Rolle anderer Frauen in unserem künstlerischen Projekt machen.<br />

Auch wenn die Hindernisse, die eine Schriftstellerin <strong>zu</strong> überwinden hat, <strong>von</strong> ihren jeweiligen Lebensumständen<br />

abhängen, die wiederum häufig auf ihr Geschlecht <strong>zu</strong>rück<strong>zu</strong>führen sind, haben<br />

Frauen doch meistens mit materiellen Grundvorausset<strong>zu</strong>ngen <strong>zu</strong> kämpfen, die den Schaffensprozess<br />

beeinträchtigen: Finanzielle Sorgen, ständige Unterbrechungen durch häusliche Pflichten<br />

und das schwere Gewicht eines hauptsächlich männlichen <strong>Literatur</strong>kanons behindern den<br />

kreativen Impuls. Um diese und andere Schwierigkeiten <strong>zu</strong> überwinden und eine eigene Stimme<br />

<strong>zu</strong> entwickeln – und ihr Gehör <strong>zu</strong> verschaffen – muss eine Frau, so Woolf, „über Geld und ein<br />

eigenes Zimmer verfügen, in dem sie schreiben kann“. Ein eigenes Zimmer, würde ich hin<strong>zu</strong>fügen,<br />

das nicht nur vier Wände, einen Schreibtisch und einen Stuhl beinhaltet, sondern auch


die Möglichkeit, einen freien und bereichernden Dialog mit anderen Frauen auf<strong>zu</strong>nehmen. Das<br />

berühmte Zimmer könnte dann weibliche literarische Tradition heißen, und seine Fenster gehen<br />

auf neue Zimmer hinaus, in denen andere Frauen lesen, schreiben und in einer Gemeinschaft<br />

denken.<br />

II.<br />

Alle Vorstellungen, die ich hinsichtlich der Umstände und des Zwecks <strong>von</strong> literarischem Schaffen<br />

hatte, wurden umgeworfen, als meine Tochter Aurelia im Februar diesen Jahres geboren wurde.<br />

Mit ihr überrollte mich nicht nur eine ungekannte Lawine aus Geschrei und Exkrementen, es<br />

kam auch eine Pandemie, die das Leben eines ganzen Planeten <strong>von</strong> Grund auf veränderte. Im<br />

öffentlichen Raum nicht mehr präsent <strong>zu</strong> sein, hat unseren Blick auf soziale Kontakte und Privatsphäre<br />

verschoben und uns da<strong>zu</strong> gebracht, neue Brücken der Kommunikation <strong>zu</strong> errichten.<br />

Während meiner Wochenbett-Quarantäne, auf die die Covid-Quarantäne folgte, wurde ich eingeladen,<br />

eine Schreibwerkstatt mit Fokus auf dem Muttersein <strong>zu</strong> betreuen. Ich war mir erst nicht<br />

sicher, ob ich <strong>zu</strong>sagen sollte. Ich hatte noch nie eine Schreibwerkstatt geleitet, erst recht nicht<br />

virtuell. Wie sollte ich über einen Bildschirm eine Verbindung <strong>zu</strong> anderen Frauen herstellen?<br />

Was konnte ich, verletzlich und zerbrochen, wie ich mich fühlte, einer Gruppe Fremder beibringen?<br />

Diese Ängste <strong>zu</strong> ignorieren, war eine der besten Entscheidungen, die ich je getroffen habe:<br />

Vom ersten Samstagvormittag an hat die Werkstatt ihr ursprüngliches Ziel weit übertroffen, sie<br />

wurde <strong>zu</strong> einem Fenster meines eigenen Zimmers.<br />

Unter welchen Umständen und mit welcher Absicht wird heut<strong>zu</strong>tage <strong>Literatur</strong> geschrieben? Ich weiß<br />

nicht, ob meine Erfahrung mit der Schreibwerkstatt eine so komplexe Frage beantwortet, doch<br />

mit anderen Frauen über Themen <strong>zu</strong> sprechen, die uns betreffen – die bittersüße Mutterschaft,<br />

das Aufziehen <strong>von</strong> Kindern als politisches Manifest, die Kraft unserer Geschichten –, haben<br />

mich darin bestärkt, dass die <strong>Literatur</strong>, die mich interessiert, in der Gemeinschaft entsteht, auf<br />

Dialog, Freundschaft und Miteinander basiert. Und dass Verbundenheit ein seltsames Phänomen<br />

ist, das ungeachtet der physischen Distanz entstehen kann.


III.<br />

Ursula K. Le Guin schreibt am Ende ihres Prologs <strong>zu</strong> Words Are My Matter, dass viele Menschen<br />

ihre beiden Hauptbeschäftigungen für unvereinbar halten könnten: Mutter <strong>von</strong> drei Kindern und<br />

Schriftstellerin <strong>zu</strong> sein. Nachdem sie eingestanden hat, dass es nicht einfach war, beiden Aufgaben<br />

gleichzeitig gerecht <strong>zu</strong> werden, versichert sie jedoch, dass sie alles andere als unvereinbar<br />

sind. „Im Gegenteil, jeder Bereich nährte und unterstützte den anderen so tiefgreifend, dass sie<br />

für mich im Rückblick untrennbar geworden sind.“<br />

Mir, die ich als Frau schreibe oder <strong>zu</strong> schreiben versuche, mit allen Schwierigkeiten und Vorteilen,<br />

die es beinhaltet, machen diese Worte <strong>von</strong> Le Guin Hoffnung. Es geht mir weniger darum,<br />

mich <strong>von</strong> meinem Muttersein ab<strong>zu</strong>lösen, um <strong>zu</strong> schreiben, als darum, im Häuslichen einen<br />

fruchtbaren Raum für meine Kreativität <strong>zu</strong> finden. Die Gespräche mit anderen Frauen wurden<br />

<strong>zu</strong> einem zentralen Element in diesem Prozess. Mehr denn je haben sie heute einen Raum in<br />

meinem Zimmer.


<strong>Literatur</strong> <strong>von</strong> <strong>See</strong> <strong>zu</strong> <strong>See</strong> – Mexiko-Stadt / Berlin<br />

Gespräche über Sprachen, Räume und Schreibweisen<br />

19. November 2020<br />

Ein Projekt des Literarischen Colloquium Berlin in Zusammenarbeit mit dem Kultur- und <strong>Literatur</strong>zentrum<br />

Casa del Lago und dem Goethe-Institut in Mexiko-Stadt<br />

Fotocredits:<br />

Verónica Gerber Bicecci © Adrián Duchateau<br />

Juliana Kálnay © Mathias Prinz<br />

Isabelle Lehn © Sascha Kokot<br />

Inger-Maria Mahlke © Dagmar Morath<br />

Fernanda Melchor © <strong>Literatur</strong>a Random House<br />

Mithu Sanyal © Regentaucher-Fotografie<br />

Isabel Zapata © privat

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