4 000 Meter über null - Gustav-Adolf-Werk

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4 000 Meter über null - Gustav-Adolf-Werk

Burkhard Sievers

im Ausstellungsraum

der Werkstatt

Yatiyawi:

„Ich wollte mehr

erreichen, doch die

Uhren ticken hier

anders.”


Foto: Just

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Sie sind der Typ, der nicht zurückkommt!

Burkhard Sievers lacht: „Das

hat man mir gesagt, damals, als es um

unsere Entsendung nach Bolivien

ging.“ Er schenkt Tee ein. Mate de

Coca soll helfen gegen die Sorojche,

die Höhenkrankheit, die den Besuchern

in La Paz und El Alto zusetzt.

„Wir wollten das nicht hören“, fährt

er fort, „natürlich würden wir zurückkommen

nach Deutschland ...“

27 Jahre sind seitdem vergangen.

Burkhard Sievers ist nicht zurückgekehrt.

Seine Kinder sind in Bolivien

aufgewachsen.

4 000 Meter über null

Der deutsche Pfarrer Burkhard Sievers

lebt und arbeitet seit 27 Jahren

im bolivianischen El Alto

von Doreen Just

Noch immer arbeitet er als Gemeindepfarrer

in El Alto. El Alto: 4 000 Meter

über null, höchstgelegener Flughafen

der Welt, kein Baum, kein

Strauch ... Einst Vorstadt von La Paz,

hat sich El Alto innerhalb weniger

Jahre zur drittgrößten Stadt Boliviens

entwickelt. Und: zu einer der

ärmsten Städte der Welt. 70 Prozent

der Menschen in El Alto leben unter

der Armutsgrenze. Viele können weder

lesen noch schreiben.

„Als wir 1979 hierher kamen, war hier

praktisch

nichts“, erinnert sich Sievers, „inzwischen

haben sich die Armenviertel

von La Paz nach El Alto verlagert. Jeden

Tag kommen neue Familien. Bauern,

Landflüchtlinge. Zum Teil siedeln

sich ganze Dorfgemeinschaften

hier an.“ In El Alto leben heute fast

800 000 Mensschen. So viele wie „unten“

in La Paz selbst. „Unten“ in La

Paz heißt: noch immer auf rund 3 600

Metern Höhe. „Man kann den Wohlstand

oder die Armut eines Menschen

Gustav-Adolf-Blatt 2/2006


hier an der Höhenlage seines Hauses

ablesen. Je höher gelegen, desto ärmer“,

erzählt Burkhard Sievers. Leitungswasser

gibt es in der Zone, in der

er lebt, nicht. Auch kein Abwassersystem.

Breite, braune Straßen, Haus an

Haus in derselben Farbe. Vereinzelt

tragen Frauen in bunten Kleidern

dürres Brennholz oder Gras auf dem

Rücken.

Sievers ist Pfarrer der kleinen Evangelisch-Lutherischen

Kirche in Bolivien.

18 000 Gemeindeglieder in 112

Gemeinden und 22 Filialgemeinden.

Seine ersten neun Jahre im Land waren

abgesichert: „Ich stand in jenen

Jahren noch in einem kirchlichen

Dienstverhältnis in Deutschland, war

Auslandspfarrer. Die ersten drei Jahre

sowieso. Dann konnte ich um sechs

weitere Jahre verlängern.“

Schließlich mussten Sievers und seine

Frau sich entscheiden: Rückkehr nach

Deutschland oder Entlassung und

Pfarrer der bolivianischen Kirche.

Ohne Gehalt, ohne soziale Absicherung

... leben und arbeiten in einem

der unterentwickeltsten Länder der

Welt ohne die Privilegien eines Ausländers.

„Bereut haben wir unsere

Entscheidung zu bleiben nicht. Aber

es gab und gibt schon sehr schwierige

Zeiten“, blickt Burkhard Sievers zurück.

Als er selbst einmal dringend

medizinische Versorgung benötigte

oder als sie die Arbeiterinnen aus der

Werkstatt entlassen mussten. „Ich

wollte als Pfarrer nie nur predigen.

Wir haben eine Schreiner- und Malwerkstatt

gegründet, in der vor allem

Frauen ein Handwerk erlernen und

ein regelmäßiges Auskommen finden

sollten. Eine Art Zwischending zwischen

Sozialwerk und rentabler Produktion.“

Einige Zeit funktionierte das Konzept.

Die Frauen produzierten Möbel,

man konnte sie gut verkaufen.

Aber zunehmend wurde alles schwieriger.

Der ohnehin desolate Zustand

der bolivianischen Wirtschaft verschlechterte

sich und damit die Absatzmöglichkeiten

für die Möbel. „Ja,

Gustav-Adolf-Blatt 2/2006

und man kann eine Werkstatt in Bolivien

nicht nach deutschen Effektivitätskriterien

betreiben“, hat Sievers

gelernt.

Heute holt er die Frauen nach Auftragslage

in die Werkstatt. Zurzeit

produzieren sie Spiele für eine Hilfsorganisation.

„Das sind sorgfältig konzipierte Spiele,

mit denen man Bolivianern das

richtige Verhalten in Katastrophenfällen

vermitteln will. Lesen und

Schreiben können sehr viele Menschen

hier in Bolivien nicht.“ Katastrophenfälle:

Sturm, Feuer, Wasser,

Trockenheit ... „Was in Europa nur

Wetterunbilden sind, führt im unterentwickelten

Bolivien zu Naturkatastrophen“,

erklärt Sievers. „Regnet es

beispielsweise stärker, rutschen die

Häuser an den Berghängen ab. Es gibt

oft Tote und Verletzte. Und weil die

Menschen gar keine andere Wahl

haben, bauen sie ihr neues Haus an

genau derselben Stelle wieder auf ...

bis zum nächsten Regen.“ Burkhard

Sievers zeigt uns Bilderbücher. „Die

haben wir auch hier in der Werkstatt

produziert.“ Was für europäische Augen

wie Literatur für Kinder anmutet,

sind Geschichtsbücher für die Bauern,

die Campesinos. Sievers: „Für

Erwachsene, die gerade Lesen und

Schreiben gelernt haben. Die Bauern

begreifen, dass sie eine Geschichte haben.

Nur wer weiß, woher er kommt,

weiß, wohin er gehen soll.“

Burkhard Sievers liebt die Menschen

hier: „Die Bolivianer sind bitterarm,

aber ihr Stolz und ihre Lebensfreude

sind ungebrochen.“ Er erinnert sich

daran, wie seine Arbeiterinnen ihn zu

einem Fest einluden. „Ich konnte wieder

einmal einige von ihnen für eine

Zeit lang beschäftigen und bezahlen,

hatte einen guten Auftrag für die

Werkstatt bekommen. Und das haben

sie mit mir gefeiert. Mich haben die

Entlassungen fertig gemacht. Bei den

Arbeiterinnen: kein Groll.“

Sievers schenkt Tee nach. Manchmal,

so sagt er, überlege er, ob er in

Bolivien gescheitert sei. „Ich wollte

mehr erreichen.“ Er schweigt. „Doch

die Uhren ticken anders hier.“

Zu seiner Gemeinde gehören um die

90 Familien. Zwischen 20 und 40

Menschen besuchen jeden Sonntag

den Gottesdienst in der hübschen

Kirche. Fünf Filialgemeinden hat Sievers’

Gemeinde inzwischen.

Seine Frau Irene betreut die Kindergruppe.

„Derzeit bereiten wir das 30jährige

Jubiläum der Gemeinde vor.“

Und: Die Bildungsarbeit unter den

Campesinos, die Sievers so am Herzen

liegt, die geht weiter. In kleineren

Schritten und mit kleineren Erfolgen

als der Pfarrer es sich anfangs vielleicht

erträumt hat. Doch Stück für

Stück.

■ ■ ■

Liebevoll eingerichtet:

die kleine

Kirche von Sievers’

Gemeinde in El

Alto.


Foto: Schmidt

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