27.11.2020 Aufrufe

humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021

Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht

Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN
  • Keine Tags gefunden...

Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!

Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.

<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />

<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

Die Supermärkte<br />

bleiben offen<br />

Über Kultur<br />

und Corona<br />

Wenn mich jemand noch vor einem Jahr gefragt<br />

hätte, was Kultur eigentlich sei, wäre meine<br />

Antwort darauf ziemlich lang ausgefallen und<br />

doch eher schwammig geblieben. Die Pandemie<br />

hat indes dazu geführt, sehr prägnant sagen zu können, wie sich<br />

Kultur definieren lässt: Kultur ist das, was durch Corona und<br />

jeden Lockdown nahezu unmöglich wird: der Besuch von Kinos,<br />

Konzerten, Lesungen, Museen und Theatern.<br />

Aber nicht allein die jeweilige künstlerische Darbietungsart<br />

definiert einen kulturellen Teilbereich. Die besagten Aktivitäten<br />

finden in der Öffentlichkeit statt, sie setzen Gemeinsamkeit voraus<br />

und erzeugen diese. Der gesellige Austausch über vorhandene<br />

Weltsichten und gänzlich neue Welteinblicke, wie Kulturorte<br />

jeglicher Couleur solche anbieten, sorgt für das Selbstverständnis<br />

einer Gesellschaft. Aus diesem Austausch geht der Aufbruch<br />

in eine veränderte, vermeintlich bessere Zukunft hervor. Ohne<br />

Kultur in diesem Sinne gibt es keine von Debatten abhängende<br />

Zukunft, sondern bloß eine ins Unendliche ausgedehnte Gegenwart.<br />

Über die Gegenwart hinaus<br />

Ohne Abwechslung, ohne Multiperspektivität wäre diese Gegenwart<br />

so lebenswert wie eine Sandwüste. Allerdings kann der<br />

Mensch niemals damit aufhören, auch in einer Sandwüste nach<br />

Wasser zu suchen. Diese Suche, das kreative Ausgleichen, Umspielen<br />

und Verändern von Gegebenheiten und Unwägbarkeiten<br />

ist das, was weiter gefasst als Kultur bezeichnet werden kann.<br />

Die Bedeutung der Kunst für den Menschen wird hier besonders<br />

sinnfällig: Der Chemiker Theodor Scheerer beschrieb 1867 eine<br />

„<strong>humanistisch</strong>e Kunst“ als die, welche nicht unbedingt Schönes<br />

oder harmonische Beziehungen hervorbringt, sondern den Erfindungsreichtum<br />

des Menschen feiert. Sich zu helfen wissen:<br />

das sei <strong>humanistisch</strong>e Kunst. Die <strong>humanistisch</strong>e Kunst macht,<br />

erprobt und hilft, während andere noch klagen oder große<br />

Reden schwingen. Sie ist nicht auf Kunstschaffende im engeren<br />

Wortgebrauch angewiesen, weil jeder sie ausüben kann und zum<br />

Überleben ausüben muss. Alle Menschen sind Kulturwerktätige<br />

bzw. Kulturwerttätige. Auf diesem Mitmachen in Bild und Ton<br />

und Schrift und Wort basiert jede Demokratie.<br />

Kunst spendet Leben<br />

Kein Satz klingt daher in den Ohren der Mitmacher*innen<br />

schlimmer als der: „Aber die Supermärkte bleiben geöffnet!“<br />

Natürlich müssen Menschen essen und trinken, um zu leben,<br />

doch verwandelt erst die besagte Kultur das <strong>Das</strong>ein als Aufrechterhaltung<br />

körperlicher Grundfunktionen in eine Welt der<br />

Möglichkeiten und des geistigen Wachstums. Kultur ist dieses<br />

Leben der zweiten Ordnung, das Leben 2.X. Künstler*innen in<br />

der engeren Wortbedeutung kommt eine doppelte Aufgabe zu:<br />

Sie ermutigen jeden Menschen dazu, künstlerisch zu schaffen<br />

und Ausübende der <strong>humanistisch</strong>en Kunst zu sein, und sie<br />

schaffen Werke und mit ihnen Werte, über die gemeinschaftlich<br />

diskutiert werden kann. Gemessen daran erscheint es unverantwortlich,<br />

Künstler*innen mehr oder weniger ihrem Schicksal zu<br />

überlassen. Der finanzielle Ausgleich, den Soloselbstständige erhalten,<br />

entspricht in keiner Weise ihrer Funktion, weil sie mehr<br />

als nur Rädchen im Getriebe unserer Gesellschaft sind, nämlich<br />

Maschinist*innen, Maschinenmeister*innen, die unser inneres<br />

Wohlergehen zu einem äußeren machen.<br />

Vom Wort zur Tat<br />

Die Wortschöpfung der Soloselbstständigkeit ist dabei ungewollt<br />

schon eine unglückliche. Sie erinnert an jene Vogelfreiheit,<br />

deren Wortbedeutung die Gebrüder Grimm in ihrem Deutschen<br />

Wörterbuch zusammenfassen: Vogelfreie sind zu ihrem eigenen<br />

Vorteil ungebunden, niemandem untertan, gehören nur sich<br />

selbst. Nachteilig wirkt sich für sie dementgegen aus, dass zwischenmenschliche<br />

Verantwortung und gesellschaftliche Solidarität<br />

für sie keine oder eine massiv eingeschränkte Gültigkeit<br />

besitzen. Die Solist*innen, die durch ihre Arbeit den Spirit aller<br />

stärken, sitzen daheim, verkümmern, und kaum eine/r nimmt<br />

Notiz davon. Also: Kunst rettet unser geistiges Leben, retten wir<br />

die Kunst!<br />

Martin A. Völker<br />

Jugendfeiergruppe erhält<br />

Preis für Radiosendung<br />

Erfreuliche Nachrichten beim <strong>humanistisch</strong>en Nachwuchs: Für ein<br />

Interview mit Zeitzeuge Reiner Wagner wurde den Jugendlichen ein<br />

Preis verliehen. Im Rahmen des Vorbereitungsprogramms auf die<br />

Jugendfeier 2020 produzierten die Jugendfeierlinge im Juli eine Online-Radiosendung<br />

via Zoom, unterstützt vom Jugendradio Freespirit.<br />

Sie führten virtuelle Interviews, eines davon war das „Zeitzeugengespräch“<br />

mit Reiner Wagner, der seine Kindheit und Jugend während<br />

des Nationalsozialismus in Nürnberg verbrachte. Als Zeitzeuge,<br />

der im Februar bereits persönlich im Gespräch mit den Jugendfeierlingen<br />

von der Zeit des Naziregimes berichtet hatte, beantwortete er<br />

in der Radiosendung weitere Fragen. Er erzählte vom Spielen auf der<br />

Straße, vom Beitritt zum Jungvolk, von der Schulzeit und vom noch<br />

vor Kriegsende ausgebombten Haus in Ziegelstein. Die Siegerehrung<br />

des Hörwettbewerbs „Hört Hört!“ 2020 wurde am 14. November<br />

2020 online und live übertragen.<br />

HV IM FORUM<br />

DER RELIGIONEN<br />

Am 17. September wurde die Humanistische Vereinigung einstimmig<br />

in Hannovers Forum der Religionen aufgenommen. Zuvor hatte der<br />

Regionalgeschäftsführer Norddeutschland, Jürgen Steinecke, im Saal<br />

an der Basilika der katholischen Kirche die Humanistische Vereinigung<br />

vorgestellt. Auf Nachfrage erläuterte er, warum es in Hannover zwei<br />

<strong>humanistisch</strong>e Interessenvertretungen für religionsfreie Menschen<br />

gibt. Er betonte dabei, dass die HV – im Gegensatz zu einzelnen<br />

Landesverbänden des Humanistischen Verbands Deutschlands – auf<br />

der gesamten Bundesebene einheitlich arbeitet und Einrichtungen<br />

betreibt.<br />

<strong>Das</strong> Forum der Religionen ist ein Treffpunkt aller Religionsgemeinschaften<br />

in Hannover. Dort begegnen sich Delegierte aus rund<br />

vierzig religiösen Gemeinschaften und Gruppen, zu denen auch die<br />

<strong>humanistisch</strong>en Organisationen gezählt werden. Dreimal jährlich<br />

kommen die Delegierten zusammen, um einander besser kennen zu<br />

lernen und über aktuelle Fragen des Zusammenlebens in einer multireligiösen<br />

Stadt zu sprechen. Auch Vertreter*innen der Stadtgesellschaft,<br />

insbesondere aus den Bereichen Religionswissenschaft, Kultur,<br />

Weltanschauungen und Politik, werden vom Forum eingeladen.<br />

UNTERSTÜTZUNG FÜR<br />

SEELSORGE-PROJEKT<br />

Die Humanistische Vereinigung bekommt<br />

erneut Zuwachs im Norden. Der Regionalgeschäftsführer<br />

der Humanistischen Vereinigung<br />

für Norddeutschland, Jürgen Steinecke,<br />

begrüßte am 9. Oktober mit Axel Kittel ein<br />

besonderes Neumitglied aus der Region<br />

Oldenburg. Der 57-jährige Kapitänleutnant<br />

unterstützt den Einsatz der Humanistischen<br />

Vereinigung für eine <strong>humanistisch</strong>e Militärseelsorge<br />

der Bundeswehr. Er ist selbst ein<br />

engagierter Humanist und setzt sich seit<br />

langem insbesondere für den Aufbau einer<br />

<strong>humanistisch</strong>en Militärseelsorge ein. Er wird<br />

künftig auch die Entwicklung einer Regionalgruppe in Oldenburg<br />

vorantreiben, um unser Netzwerk im nordwestlichen Teil der Bundesrepublik<br />

weiter zu stärken.<br />

14<br />

15

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!