humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
BRASS-ENSEMBLE<br />
KONTAKTBLECH<br />
SCHREIBT<br />
MAL WIEDER!<br />
Jonny G. Rieger<br />
Fahr zur Hölle, Jonny!<br />
Als Ende der 1920er-Jahre<br />
Die Humanistische Vereinigung plant, im Raum Nürnberg ein Brass-<br />
Ensemble zu gründen und lädt seine musikalischen Mitglieder und<br />
andere Interessierte herzlich dazu ein, gemeinsam Musik zu machen.<br />
Nicht Virtuosität, sondern der gemeinsame Klang steht dabei im Vordergrund.<br />
Ziel des Projekts ist es, dass Menschen über die Musik miteinander<br />
in Kontakt kommen. Musikalisch liegt der Schwerpunkt auf<br />
technisch einfachen, aber harmonisch interessanten Bläsersätzen aus<br />
der Romantik. Diese sollen aber auch durch Wiener Klassik und Barock<br />
ergänzt werden. Wer spieltechnisch in einem evangelischen Posaunenchor<br />
mithalten kann und Interesse hat, immer wieder neue Stücke<br />
kennenzulernen, ist herzlich dazu eingeladen, dem HV-Brass-Ensemble<br />
beizutreten. Der Leiter Johannes Bastorf ist ein ambitionierter<br />
Laienmusiker und kann Stücke auf die jeweilige Gruppe abgestimmt<br />
arrangieren.<br />
<strong>Das</strong> Brass-Ensemble probt immer montags oder freitags im<br />
Humanistischen Zentrum in Nürnberg, bei Interesse melden Sie sich<br />
bitte bei bastorf@<strong>humanistisch</strong>e-vereinigung.de.<br />
Vor Anbruch der kalten Jahreszeit hat die Humanistische Vereinigung<br />
ihre erste Wohlfahrtsmarke veröffentlicht. Über einen Spendenaufschlag<br />
unterstützen Käufer*innen wohltätige Zwecke. Schon lange<br />
geben gemeinnützige Organisationen zu bestimmten Anlässen Wohlfahrtsmarken<br />
heraus. Der Kaufpreis der Briefmarken liegt dabei stets<br />
ein wenig über dem eigentlichen Portowert, die Differenz verbleibt<br />
als Spende bei der herausgebenden Institution.<br />
Auch der Paritätische Wohlfahrtsverband gibt seit einigen Jahren<br />
solche sogenannten „Sonderpostwertzeichen“ heraus. Leider hat er<br />
für seine diesjährige Weihnachtsmarke allerdings ein dezidiert christliches<br />
Motiv gewählt, nämlich die Darstellung der Geburt Christi auf<br />
einem Fenster der Pfarrkirche St. Katharina in Bad Soden. Kurzerhand<br />
wurde deshalb in der Hauptgeschäftsstelle der HV in Nürnberg eine<br />
eigene Weihnachtsmarke entworfen. Diese zeigt ein neutrales Motiv,<br />
das nicht religiös aufgeladen ist: eine Winterlandschaft. Die säkularen<br />
Weihnachtsmarken gibt es selbstklebend im 20er-Set zu einem Preis<br />
von 24 Euro pro Bogen. Der Portowert beträgt 80 Cent pro Marke.<br />
Der Aufschlag von 40 Cent wird als Spende wohltätigen Initiativen der<br />
Humanistischen Vereinigung zugeführt.<br />
Die säkulare Weihnachtsmarke kann unter 0911-43104-0 oder<br />
weihnachtsmarke@<strong>humanistisch</strong>e-vereinigung.de bestellt werden.<br />
die Weltwirtschaftskrise auch in<br />
Deutschland ihre volle Kraft entfaltete,<br />
wurden binnen kürzester<br />
Zeit hunderttausende Menschen<br />
obdachlos, unter ihnen auch der<br />
Berliner Kunsthandwerker Jonny<br />
G. Rieger. Riegers neues Zuhause<br />
wurde die Straße. Er schloss sich<br />
der Bruderschaft der Vagabunden<br />
an, deren Gründer Gregor<br />
Gog über Rieger sagte: „In der<br />
Rocktasche trug er, statt Brot, Gedichte.“ Ohne Geld und oft genug<br />
ohne Essen bereist Rieger die Welt, er zecht sich durch Hafenkneipen,<br />
verdingt sich als Landarbeiter auf sonnenverbrannten Inseln und<br />
schlägt sich durch die Halbwelt Shanghais.<br />
1936 verlegt die Büchergilde Gutenberg in Zürich erstmals Riegers<br />
autobiographischen Roman „Fahr zur Hölle, Jonny!“, der nun in einer<br />
ansprechenden neuen Edition bei Walde + Graf erschienen ist. <strong>Das</strong><br />
Buch ist aber nicht nur hübsch anzusehen – der atemlose Stil Jonny<br />
Riegers birst nur so vor überraschenden sprachlichen Einfällen.<br />
Walde + Graf Verlag, Berlin 2020, 240 Seiten, gebunden, 20 Euro.<br />
Jugendfeier<br />
online<br />
Ungewollte Premiere: Seit mehr als 100 Jahren ist die Jugendfeier<br />
die weltliche Alternative zu Kommunion und Konfirmation. Doch<br />
das alljährliche Fest der HV, mit dem Jugendliche im Alter von etwa<br />
14 Jahren symbolisch ihren Eintritt ins Erwachsenenleben besiegeln,<br />
konnte dieses Jahr leider nur online stattfinden.<br />
Schon das halbjährige Vorbereitungsprogramm auf die Jugendfeier<br />
hatte sich holprig gestaltet. <strong>Das</strong> gemeinsame Kennenlernen mit<br />
einem Ausflug zur Straße der Menschenrechte und einem Besuch des<br />
Hands-On-Museums turmdersinne im Januar fanden noch statt, doch<br />
danach geriet durch die Corona-Pandemie vieles durcheinander. Von<br />
März bis Juli konnten keinerlei Veranstaltungen stattfinden, dann<br />
musste am Ende sogar die für den Herbst geplante gemeinsame Berlin-Fahrt<br />
abgesagt werden. Bis zum Schluss gab es Hoffnung, dass der<br />
verschobene Festakt im November stattfinden könne. Aber aufgrund<br />
des erneuten, deutschlandweiten Teil-Lockdowns musste die Jugendfeier<br />
2020 letztendlich als virtuelle Videokonferenz durchgeführt<br />
werden - mit einem versöhnlichen Ende allerdings. Die erste Online-<br />
Jugendfeier war unter den gegebenen Bedingungen mit mehr 141<br />
Gästen im Stream ein voller Erfolg!<br />
Symposium-Sammelband<br />
erschienen<br />
Vor einigen Wochen ist der Sammelband<br />
zum turmdersinne-Symposium 2019 beim<br />
Springer-Verlag erschienen, „Bessere<br />
Menschen? Technische und ethische Fragen<br />
in der trans<strong>humanistisch</strong>en Zukunft“.<br />
Die Veranstaltung fand im Oktober<br />
letzten Jahres in der Stadthalle Fürth statt. Zehn mitreißende Beiträge<br />
aus verschiedenen Fachgebieten von Psychologie und Medizin, über<br />
Philosophie und Soziologie bis hin zu Gender Studies tasten sich an<br />
das Thema Transhumanismus aus unterschiedlichen Perspektiven<br />
heran. Die Beiträge beleuchten, wie sich das Verhältnis von Mensch<br />
und Maschine verändern wird, wie sich die Medizintechnik an der<br />
Schnittstelle von Enhancement und Therapie bewegt und wie die Gesellschaft<br />
auf die tiefgreifenden Veränderungen im Technologiezeitalter<br />
reagieren kann. Hier können Sie einen Blick in das Buch werfen:<br />
springer.com/de/book/9783662615690<br />
Ocean Vuong<br />
Auf Erden sind wir kurz<br />
grandios<br />
„Lass mich von vorn anfangen.<br />
Ma, ich schreibe, um dich<br />
zu erreichen – auch wenn jedes<br />
Wort auf dem Papier ein Wort<br />
weiter weg ist von dort, wo du<br />
bist.“ Der Brief eines Sohnes an<br />
die vietnamesische Mutter, die ihn nie lesen wird, weil sie ihn nicht<br />
lesen kann, wird in Ocean Vuongs Debütroman zu einer traurig-schönen<br />
Erzählung. Über Familie, den Krieg, den amerikanischen Traum,<br />
die Liebe. Über das Überleben eines schwulen Jungen mit einer prügelnden<br />
Mutter, die selbst nur die Gewalt weitergibt, die sie als Kind<br />
während des Vietnamkrieges erfahren hat.<br />
Schonungslos erzählt „Little Dog“ Episoden aus der Vergangenheit.<br />
<strong>Das</strong> ist nicht immer leicht zu verdauen, aber die sprachlichen Mittel,<br />
die Vuong dafür findet, machen Auf Erden sind wir kurz grandios<br />
unbedingt lesenswert. Aus jeder Seite spricht das außergewöhnliche<br />
literarische Talent Vuongs – wer es verpasst, ist selbst schuld.<br />
Hanser Verlag, München 2019, 240 Seiten, gebunden, 22 Euro.<br />
Mary MacLane<br />
Ich erwarte die Ankunft<br />
des Teufels<br />
Nach über 100 Jahren zum<br />
ersten Mal auf Deutsch erschienen<br />
ist Mary MacLanes Debüt<br />
„Ich erwarte die Ankunft des<br />
Teufels.“ Alles an MacLane ist<br />
Dandy. Die 19-Jährige ist künstlerisch<br />
exaltiert und witzig, dann<br />
wieder über die Maßen schonungslos<br />
mit sich und ihrer Umwelt,<br />
sie ist bis zum Größenwahn<br />
selbstbewusst und zu Tode betrübt. Oder in ihren eigenen Worten:<br />
„Ich bin bezaubernd originell. Ich bin herrlich erfrischend.<br />
Ich bin eine schockierende Bohémienne. Ich kann mich auf eine<br />
goldige Weist interessant geben – während ich in meinen Ärmel<br />
hineinlächle – und bin ein Bösewicht.“ Gefangen im „Sand und der<br />
Ödnis“ der Provinzstadt Butte in Montana, kommt MacLanes Pseudo-<br />
Tagebuch einem Ausbruchsversuch gleich. 1902 taugte der noch zu<br />
einem handfesten Skandal, heute ist er immerhin noch unbedingt<br />
lesenswert. Reclam, Ditzingen 2020, 206 Seiten, gebunden, 18 Euro.<br />
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