humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
- Keine Tags gefunden...
Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!
Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.
<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
Schwer hörende Menschen stellt<br />
die Corona-Pandemie vor besondere<br />
Herausforderungen: Nicht<br />
nur, dass sie nicht gut hören –<br />
weil die Mimik des Gegenübers hinter<br />
einer Maske verborgen ist, verstehen sie<br />
auch schlecht. Frank Stößel sucht nach<br />
Lösungen.<br />
Kürzlich hatte ich einen Traum. Einen gestiefelten Kater mit durchsichtiger<br />
Nase-Mund-Maske im Brombeerstrauch sah ich vor mir.<br />
Inmitten eines Gewirrs schlangenartiger Kabel jonglierte er auf seinen<br />
Hinterpfoten stehend mit zwei dampfenden Kartoffeln. Um den Kater<br />
herum waren Mikrofone, Lautsprecher, Fernseher, Radios, Laptops<br />
und Telefone kreuz und quer miteinander verstöpselt. All das schien<br />
den Jongleur nicht zu stören. Er genoss offensichtlich coole Musik mit<br />
kabellosen Ohrhörern und ließ dazu seine Hüften locker kreisen.<br />
Komisch genug. Noch komischer aber war, dass der tanzende Kater<br />
Gesichtszüge meines vor Jahrzehnten verstorbenen Maler-Opas trug.<br />
Was wollte mir Opa nur sagen? So gut wie dem Kater in meinem<br />
Traum ist es ihm zu seinen Lebzeiten als fast tauber Mensch eben<br />
nicht gegangen. Was gab es denn schon zwischen 1900 und den sechziger<br />
Jahren für Schwerhörige an Hörhilfen, um leicht Gesagtes nicht<br />
so schwer zu verstehen?<br />
Armer Opa, durchfuhr es mich in Erinnerung an meinen schwerhörigen<br />
Großvater. Doch da leuchteten auch schon bunte Bilder<br />
aus meiner Kindheit auf. Bilder unserer gemeinsamen Einkäufe, bei<br />
denen Opa Farben und Pinsel für sein Hobby, die Malerei, kaufte oder<br />
Werkzeuge, Schrauben, Nägel und Praktisches für den Haushalt seiner<br />
Tochter erwarb. Arm kam mir Opa gar nicht vor damals, er hatte ja<br />
mich. Als Knirps mit elf Jahren fungierte ich nämlich als sein Adjutant<br />
und Übersetzer, und ich glaube, auch er war ganz glücklich, wenn wir<br />
beide zusammen in die Stadt gingen.<br />
Ich konnte damals noch das Gras wachsen hören, während Opa leicht<br />
Gesagtes nur sehr schwer hörte und schon gar nicht immer verstand,<br />
es sei denn, man sprach so laut man konnte direkt in sein „gutes“ Ohr.<br />
Dabei formte man die Hände zu einer Muschel, gerade so praktisch<br />
wie ein Bakelit-Schalltrichter, in welchen ich dann sprach, wenn wir<br />
zuhause waren.<br />
Opa war wegen einer Granatexplosion im Ersten Weltkrieg auf<br />
dem linken Ohr ganz taub geworden. Auf dem anderen Ohr war er<br />
schon davor schwerhörig. <strong>Das</strong> schwere Hören war für ihn ein großes<br />
Handikap. Anfangs half ihm noch lautes Sprechen seines Gegenübers<br />
von Angesicht zu Angesicht. Dabei war das Ablesen vom Mund eine<br />
große Hilfe. Bald half aber nur noch lautes Sprechen direkt ins rechte<br />
Ohr über den mit beiden Händen geformten Trichter oder in das Hörrohr,<br />
welches Opa außerhalb des Hauses nicht so gerne benutzte. Es<br />
war einfach nicht zu unpraktisch wegen seiner enormen Ausmaße.<br />
Schach matt an der Bäckerstheke<br />
An Theken und Schaltern mit lauter Geräuschkulisse war Opa bei<br />
Nachfragen seines Gegenübers aufgeschmissen oder beinahe Schach<br />
matt, wie er als Schachspieler zu sagen pflegte. In solchen Fällen leistete<br />
seine postkartengroße Schreibtafel mit Griffel gute Dienste. Wie<br />
ein Zauberer zog er sie<br />
dann aus seiner Weste.<br />
Man schrieb seine Frage oder<br />
seine Antwort darauf und gab die<br />
Schreibtafel an ihn zurück. So konnte das<br />
hin und her gehen, denn Opa unterhielt sich<br />
trotz seiner Hörbehinderung noch leidenschaftlich<br />
gerne mit den Menschen. Nachdem er verstanden hatte, schob man<br />
die Seele der Tafel, welche mit einer dünnen Wachsschicht überzogen<br />
war, aus dem Rahmen heraus und schob sie sogleich wieder hinein,<br />
und schon war die Tafel eine tabula rasa, wie Opa diese Zauberei erklärte,<br />
und somit frei für neue Botschaften.<br />
War die Verständigung in einem Geschäft sehr schwierig, bat Opa<br />
die Verkäuferin, ihre Nachfragen und Erklärungen auf die Zaubertafel<br />
zu schreiben. Auch die Verkäufer hatten ihren Spaß an dem irdischen<br />
Wunder. „Wie viel von dem Schweizer Käse soll es denn sein?“ stand<br />
dann zum Beispiel auf der Zaubertafel zu lesen. Als Antwort deklamierte<br />
Opa mit sonorer Stimme in seinem Stettiner Singsang, in<br />
welchem ich die Wellen der Ostsee rauschen hörte: „Bitte, ein halbes<br />
Fund Käseaufschnitt, vier Brötchen, und zwei Becher Buttermilch!“<br />
Die Leute im Laden drehten sich nach uns um und staunten, was der<br />
LEICHT GESAGT.<br />
SCHWER GEHÖRT.<br />
Illustration: Martin Rollmann<br />
stattliche ältere Herr da von<br />
sich gab. Weck bezeichnete er<br />
ungeniert nach pommerscher Art als<br />
Brötchen, irgendwie komisch, während<br />
ich an seiner Seite aus Scham vor den Blicken<br />
der Einheimischen zu schrumpfen schien. Ich durfte<br />
mit dem Geld aus Opas Portemonnaie bezahlen und<br />
nachzählen, ob das Restgeld stimmte. Anschließend setzten wir uns in<br />
einer Fensternische zur Brotzeit nieder.<br />
Opa öffnete sein Stettiner Taschenmesser, bei dessen Anblick<br />
meine Augen groß wie Kirschen wurden, schnitt zwei Brötchen auf,<br />
belegte eines mit dem frischen Käse und eines mit Wurst, die wir<br />
ähnlich dramatisch zuvor beim Metzger gekauft hatten, und überreichte<br />
mir beide Schrippen, wie er die Brötchen schmunzelnd nannte:<br />
„Nun iss` man schön mein Junge!“ Er selbst aber aß nichts. <strong>Das</strong> hätte<br />
ihn nur abgelenkt von seiner Freude darüber, dass er dem dünnen<br />
Hering, als den man mich zuhause gerne aufzog, etwas Ordentliches<br />
auf die Rippen gab. Die frische Buttermilch tranken wir in kräftigen<br />
Zügen, nachdem wir mit den Bechern wie zwei alte Stammtischbrüder<br />
angestoßen hatten: „Denn man Prost mein Junge!“ „Prost Opa, und<br />
danke!“<br />
Die Sprache hinter der Maske wiederfinden<br />
An diese Stadtgänge mit Opa muss ich in der letzten Zeit öfter<br />
denken, wenn ich nun 65 Jahre später als Hörgeräteträger beim<br />
Einkaufen so manches Mal meine Probleme bei der gegenseitigen<br />
Verständigung habe, weil ich trotz ausgeklügelter Im-Ohr-Hörgeräte<br />
mein Gegenüber kaum verstehe. Trägt die Verkäuferin eine sichtdichte<br />
Nasen-Mund-Maske wie jüngst in der Bäckerei, dann bin ich<br />
„Schach matt!“ wie Opa damals und versuche die Wende im Gespräch<br />
zu meinen Gunsten: „Ich kann Sie schon kaum verstehen wegen Ihrer<br />
Gesichtsmaske. Wenn Sie mir noch den Rücken zukehren, während sie<br />
den Käse aufschneiden, und mich dabei etwas fragen, dann verstehe<br />
ich überhaupt nichts mehr.“<br />
Im Bus dachte ich darüber nach, was Opa mir im Traum mit seiner<br />
durchsichtigen Maske, dem Kabelwirrwarr und den Bluetooth-Ohrhörern<br />
sagen wollte. Ach ja, ich habe doch zuhause dieses kleine Mikrofon,<br />
das sich mein Gegenüber ans Hemd oder die Bluse klemmen<br />
kann. Es leitet die Stimme meines Gegenübers an meine Hörgeräte<br />
weiter, so dass ich alles verstehen könnte. Eine wirkliche Hilfe wäre<br />
das aber auch nicht. Ich kann doch nicht jedes Mal einer Verkäuferin<br />
das Mini-Mikrofon anbieten, bevor wir unser Gespräch beginnen; das<br />
geht schon wegen der Hygieneregeln gar nicht.<br />
Wie wäre es dann mit der Zaubertafel? Sogleich googelte ich Zauberschreibtafeln,<br />
und siehe da, was gab es für eine Riesenauswahl an<br />
digitalen Schreibtafeln. Allerdings: Die Tafel müsste jedes Mal vor<br />
und nach Gebrauch desinfiziert werden – zu viel Aufwand. Und wenn<br />
mein Gegenüber ein Smartphone mit Whatsapp hätte? Vor meinem<br />
geistigen Auge sah ich schon eine Verkäuferin vor mir, wie sie mir<br />
einen Vogel zeigt: „Wegen ein paar Brötchen über den Tresen hinweg<br />
whatsappen, so ein Quatsch!“<br />
<strong>Das</strong> Glück: kabellos und transparent<br />
Dann kam mir wieder Opa als gestiefelter Kater mit durchsichtiger<br />
Nasen-Mund-Maske in den Sinn. Ob es schon transparente Masken<br />
gibt? Kaum gegoogelt, erwies sich die transparente Gesichtsmaske als<br />
längst diversifiziertes Produkt mit zig Einträgen. Transparenz wäre in<br />
der Tat eine gute Lösung. Allerdings müsste ich für meine Gesprächspartner<br />
in Arztpraxen, Apotheken und Geschäften jeweils durchsichtige<br />
Gesichtsmasken parat haben. Schenkte ich sie ihnen, würden sie sie<br />
auch für mich anlegen? Einen Versuch wäre es wert.<br />
„Danke Opa für dein Erscheinen in meinem Corona-Masken-Traum.<br />
Du hast mir sehr geholfen, aus dem Brombeerstrauch der Kommunikation<br />
herauszufinden.“ Und die Sache mit der Bluetooth-Verbindung<br />
anstatt des ollen Kabel- und Steckersalats ist auch eine glänzende<br />
Idee.<br />
Gleich nach dem Frühstück habe ich ein Bluetooth-Radio mit CD-<br />
Player und den dazu passenden Bluetooth-Ohrhörern bestellt. Beides<br />
kam zwei Tage später schon bei mir an. <strong>Das</strong> Wundergerät war gleich<br />
aufgestellt und im Gedenken an meinen Opa die CD mit Beethovens<br />
Fünfter eingelegt. Endlich wieder alles aus unserer LP- und CD-Sammlung<br />
von pianissimo bis fortissimo voluminös hören zu können wie<br />
im Konzertsaal, war ein Gedicht. Ich war platt, nicht vom schweren,<br />
sondern vom leichten Hören der gewaltigen Musik.<br />
Beseelt von diesem Glück bestellte ich im Netz gleich noch ein „Fund“<br />
transparente Gesichtsmasken. Dann könnten mein Gegenüber und<br />
ich zum Beispiel im Café auch wieder in unseren Gesichtern lesen, was<br />
unsere Münder so alles sprechen.<br />
Frank Stößel<br />
18<br />
19