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humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021

Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht

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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />

<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

Meet a humanist<br />

Joachim<br />

Kahl<br />

Foto: Marco Schrage<br />

Marburg ist ein hübsches<br />

Städtchen, mit einer Oberund<br />

Unterstadt, schiefergetäfelten<br />

Häuschen,<br />

einer frühgotischen Kirche und einem<br />

imposanten, hoch gelegenen Schloss. Betrachtet<br />

man es von oben, und vom Spiegelslustturm<br />

unweit des Ortenbergs aus<br />

kann man das ganz hervorragend tun,<br />

wirkt Marburg wie hineingequetscht in<br />

das Tal, das die Lahn im Laufe von Jahrtausenden<br />

in den Bundsandstein gefräst<br />

hat. Östlich und westlich davon erhebt<br />

sich das Marburger Bergland.<br />

Auf einem der vielen Hügel haben<br />

auch Joachim Kahl und seine Ehefrau<br />

Annegret ihr Zuhause. Als wir die steilen<br />

Gassen emporsteigen, passieren wir einige<br />

der Universitätsgebäude, die überall<br />

in der Stadt zu finden sind. Wir treffen<br />

Nachbarn und Bekannte, wechseln ein<br />

paar Worte. Man kennt und grüßt sich.<br />

„<strong>Das</strong> gehört zur Lebensqualität“, sagt<br />

Kahl, hier in dieser „mittleren, nicht<br />

kleinen Stadt“, wie er gerne betont. In<br />

Marburg hat der gebürtige Kölner seine<br />

Wahlheimat gefunden, hier fühlt er sich<br />

wohl. Es war nicht immer so.<br />

1967 zieht Kahl von Marburg nach<br />

Frankfurt – es ist beinahe eine Flucht.<br />

Gerade einmal 26 Jahre alt, hatte er<br />

soeben promoviert und einen Eklat verursacht.<br />

In einer anonymen Großstadt<br />

wäre der womöglich ein Skandälchen<br />

geblieben und schnell in Vergessenheit<br />

geraten, nicht so aber in einer mittleren,<br />

nicht kleinen Stadt wie Marburg, in der<br />

man sich unweigerlich fast täglich über<br />

den Weg läuft. „Es wurde mir zu heiß“,<br />

erzählt Kahl. Was war passiert?<br />

Nun, Kahl hatte nicht nur in evangelischer<br />

Theologie promoviert, sondern fast<br />

mit dem Tag seiner Promotion auch seine<br />

Abkehr vom Christentum verkündet.<br />

Schon länger hatte er ein Doppelleben<br />

geführt, sagt Kahl heute, vor Studienkollegen<br />

und seinem Doktorvater verborgen,<br />

wie er über die intensive Auseinandersetzung<br />

mit der Religion „über den Rand der<br />

Religiosität geschubst“ wurde. Er glaubte<br />

nicht mehr. Und nicht nur das: „In Köln,<br />

wo ich meinen Erstwohnsitz hatte, bin<br />

ich aus der Kirche ausgetreten. Danach<br />

habe ich meinem Doktorvater geschrieben<br />

und ihm mitgeteilt, dass bald ein<br />

Buch von mir kommt.“ Dieses Buch war<br />

„<strong>Das</strong> Elend des Christentums“.<br />

In gewisser Weise kann man Kahls<br />

Abkehr vom Christentum als Konsequenz<br />

einer theologischen Denkrichtung deuten,<br />

die in Marburg damals weit verbreitet<br />

„Als Bultmannianer,<br />

wie ich selbst einer<br />

war, konnte man<br />

nur Atheist werden<br />

oder Katholik.“<br />

war. Von Marburg aus betrieb Rudolf<br />

Bultmann nämlich die Entmythologisierung<br />

des Neuen Testaments, und wo von<br />

den Mythen nichts übrig blieb, verlor für<br />

Kahl die gesamte Religion ihren Gehalt.<br />

„Als Bultmannianer, wie ich selbst einer<br />

war, konnte man nur Atheist werden oder<br />

Katholik“, sagt Kahl in Rückgriff auf ein<br />

geflügeltes Wort, das damals die Runde<br />

machte. Er wurde Atheist, für ihn folgerichtig<br />

zwar, für viele andere jedoch ist<br />

das ein Affront.<br />

Der ständigen Angriffe überdrüssig,<br />

zieht er deshalb an den Main. Es sind „die<br />

wilden Jahre“ an Deutschlands Universitäten,<br />

allzumal in Frankfurt, wo noch<br />

Horkheimer und Adorno lehren. Ein Bild<br />

in seiner Wohnung zeigt Kahl inmitten einer<br />

Gruppe wild gestikulierender Studierender.<br />

Ihnen gegenüber: Jürgen Habermas.<br />

Kahl nimmt ein zweites Studium auf<br />

und setzt sich intensiv mit der Kritischen<br />

Theorie auseinander. Auf einer vom AStA<br />

organisierten Urlaubsreise nach Italien<br />

lernt er außerdem die Junglehrerin Anna<br />

kennen. „Wir sind ein seltenes Beispiel<br />

dafür, dass eine Urlaubsbekanntschaft<br />

ein Leben lang halten kann“, sagt Kahl<br />

mit einem Lächeln. <strong>Das</strong> Paar bekommt<br />

zwei Kinder, und mittlerweile gehören<br />

auch drei Enkelkinder zu der Familie.<br />

Vom Main an die Pegnitz<br />

Als „<strong>Das</strong> Elend des Christentums“, bis<br />

heute Kahls bekanntestes Buch, erscheint,<br />

werden auch erste Bande zur<br />

heutigen Humanistischen Vereinigung<br />

geknüpft. Anna Steuerwald Landmann<br />

besucht Kahl in Frankfurt, der Geschäftsführer<br />

des damaligen Bundes für<br />

Geistesfreiheit (bfg) Nürnberg lädt ihn<br />

ein, eine Rede auf der Jugendfeier in der<br />

Nürnberger Meistersingerhalle zu halten.<br />

Auf den ersten Besuch folgen viele weitere.<br />

1982 wird Kahl Bildungsreferent des<br />

bfg Nürnberg, ein Posten, den er für neun<br />

Jahre innehaben wird. Er kehrt auch<br />

danach immer wieder nach Nürnberg zurück,<br />

hält philosophische Vorträge, aber<br />

auch Feierreden. 2013 wird Joachim Kahl<br />

zum Ehrenmitglied der heutigen Humanistischen<br />

Vereinigung.<br />

Von Luther zu Marx<br />

Wohnhaft ist Kahl da schon längst<br />

wieder in Marburg. Als der marxistische<br />

Philosoph Hans Heinz Holz einen Ruf<br />

an die Philipps-Universität erhält, kehrt<br />

nämlich auch der jetzt philosophischsoziologisch<br />

geschulte Kahl an die Lahn<br />

zurück. <strong>Das</strong> Jahr 1972 schreiben wir da,<br />

die Wogen von einst haben sich längst<br />

geglättet. Kahl nimmt Lehraufträge<br />

am Fachbereich für Philosophie an und<br />

promoviert ein weiteres Mal, diesmal<br />

über den österreichischen Soziologen<br />

Ernst Topitsch. Er engagiert sich gegen<br />

den Radikalenerlass und im „Hessischen<br />

Komitee gegen Berufsverbote“. Fotografien<br />

in seinem Arbeitszimmer zeugen von<br />

der Zeit, als sich Kahl noch als Marxist<br />

verstand. Eine ganze Reihe von Porträts<br />

deutet aber auch an, dass der Marxismus<br />

von einst einem weltlichen, wohl auch<br />

etwas eklektischen Humanismus gewichen<br />

ist.<br />

Hegel und Bertha von Suttner blicken<br />

uns entgegen, Einstein und Spinoza,<br />

Russell und Brecht, aber auch Luther<br />

(„nur der junge, nicht der alte Antisemit!“).<br />

Kahl sieht es heute als seine, überhaupt<br />

als Aufgabe einer <strong>humanistisch</strong>en<br />

Philosophie, eine Reihe von disparaten<br />

Einsichten in eine konsistente Form zu<br />

bringen. Eine solche Philosophie soll helfen,<br />

eine <strong>humanistisch</strong>e Lebenskunst zu<br />

entwickeln. <strong>Das</strong>s sie sich dabei aus ganz<br />

unterschiedlichen Quellen speist, ist nur<br />

ein Indiz dafür, dass Humanismus nicht<br />

dogmatisch verengt gedacht werden darf,<br />

sondern im Gegenteil aus Neugier und<br />

Offenheit heraus entsteht.<br />

Eine genauere Vorstellung davon<br />

mag ein Buch geben, an dem Kahl gerade<br />

arbeitet. Ein Humanismusbrevier soll es<br />

werden, eine kurze Darstellung dessen,<br />

wie der Philosoph Humanismus versteht<br />

und wie dieser dazu beitragen kann, sich<br />

den außergewöhnlichen Herausforderungen<br />

unserer Zeit zu stellen. <strong>2021</strong> soll das<br />

Buch erscheinen, Grund zu feiern hätte<br />

Joachim Kahl aber auch so: 80 Jahre alt<br />

wird er im Mai. Und gefeiert wird natürlich<br />

an den Hängen von Marburg.<br />

Marco Schrage<br />

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