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humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021

Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht

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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />

<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

Kulturrucksack<br />

im Klassenzimmer<br />

Wahrnehmung<br />

täuscht<br />

Die Frage nach der Wahrnehmung hat eine lange philosophische<br />

Tradition, sie reicht laut dem Spektrum-Lexikoneintrag<br />

„von den Vorsokratikern über Rationalismus-Empirismus-Kontroversen<br />

bis zur gegenwärtigen<br />

Philosophie des Geistes.“ In der heutigen Kognitionsforschung<br />

dreht sich alles um die Wahrnehmung;<br />

Erkenntnistheorie, Psychologie, Ethologie, Neurophysiologie<br />

und Forschungen zur „Künstlichen Intelligenz”<br />

spielen hier eine Rolle. Menschen vertrauen demnach<br />

sehr stark auf ihre Wahrnehmung, ihre tiefsten Überzeugungen<br />

gründen auf dem, was sie von ihrer Umwelt<br />

wahrzunehmen glauben. Der Haken daran: Auf unsere<br />

Wahrnehmung ist nicht immer Verlass. Täuschungen<br />

aller Art führen unsere Sinne manchmal komplett in die<br />

Irre. Diese Fehlleistungen unseres Wahrnehmungsapparats<br />

führen aber auch zu erstaunlichen Erkenntnissen,<br />

die erklären, wie unser Gehirn und die Sinne tatsächlich<br />

Die boxdersinne ist<br />

ab sofort in drei Varianten<br />

buchbar: für Kitas,<br />

Schulen und Erwachsene.<br />

Sie ist auch als<br />

boxdersinne on tour<br />

mit pädagogischer<br />

Begleitung buchbar.<br />

zweiten Tafel jedoch unterscheiden sich Farbe und<br />

Wort. <strong>Das</strong> Wort „Grün“ ist dort beispielsweise gelb<br />

gedruckt. Während das Ablesen der ersten Tafel noch<br />

problemlos funktioniert, geht das Ablesen der zweiten<br />

Tafel verzögert und stotternd vonstatten und endet im<br />

polyphonen Wirrwarr.<br />

Zugegeben, der interaktive Ansatz des Workshops<br />

leidet ein wenig unter den aktuell geltenden Hygienemaßnahmen.<br />

Aber auch dafür gibt es eine Lösung.<br />

Anstatt der Experimente rund ums Riechen und Schmecken<br />

gibt es für die Schulklassen einfach mehr zum Sehen.<br />

Der Workshop gerät dadurch zwar leider frontaler<br />

arbeiten. Genau diese Phänomene sollen in dem Workshop<br />

für die Kinder erkennbar werden, darüber soll<br />

gestaunt und diskutiert werden.<br />

Buchung der<br />

boxdersinne unter<br />

mobil@philoscience.de<br />

oder 0911 9443281<br />

als gewünscht, aber die neue Form der Wissenschaftsvermittlung<br />

in den Klassenzimmern hat auch ihre<br />

positiven Seiten: „Die Klassen sind auch mal froh, eine<br />

Stunde lang aus dem Kontext des normalen Unterrichts<br />

auszubrechen und etwas zu erleben, was man sonst nur<br />

bei uns im Museum erleben kann. Ich glaube, es ist eine<br />

willkommene Ablenkung vom derzeit ziemlich skurrilen<br />

Schulalltag, der von Maske und Abstand geprägt ist“,<br />

erklärt Sandy nach dem Workshop.<br />

Welche Exponate bei den Workshops bisher am<br />

besten ankamen? Sandy verrät es: „Eindeutig der Was-<br />

Um einige Inhalte des Hands-On-Museums in<br />

serfall-Effekt! Dabei gibt es immer viel zu lachen, vor<br />

Es ist ein grauer Oktobertag, an dem die philoscience<br />

gGmbH im Rahmen des Nürnberger<br />

KulturRucksacks die Johann-Daniel-Preißler-Schule<br />

in Nürnberg-Gostenhof besucht.<br />

Als modernes Science Center, Erlebnisausstellung oder<br />

Hands-On-Museum lässt sich der turmdersinne daher<br />

besser beschreiben. Und wie die meisten kulturellen<br />

Einrichtungen hat die Corona-Pandemie Anfang 2020<br />

Schulklassen bringen zu können, hat die philoscience<br />

ihre mobilen Angebote erweitert und die boxdersinne<br />

kreiert, eine Ausstellung im Miniaturformat, die<br />

wissenschaftliche Erkenntnisse aus Wahrnehmungs-<br />

allem wenn die Kinder, nachdem sie den Blick eine Minute<br />

lang auf die sich drehende Pappspirale fixiert haben,<br />

plötzlich in mein verdrehtes Gesicht schauen und<br />

erschrecken. Aber auch die Shepard-Tische begeistern.<br />

Sandy, einer der Besucherbetreuer*innen im von der<br />

auch den turmdersinne hart getroffen: Im März wurde<br />

forschung, Psychologie und Hirnforschung für Schul-<br />

Dafür lege ich zwei Mini-Tischplatten aufs Pult, die eine<br />

philoscience betriebenen turmdersinne, wird gleich<br />

das Museum geschlossen, es hat bis heute nicht wieder<br />

kinder begreifbar macht. Es gibt Boxen für Schulen und<br />

erscheint lang und schmal, die andere kurz und breit.<br />

einen Workshop für Fünftklässler*innen geben, der<br />

geöffnet.<br />

für Kindertagesstätten, für Erwachsene und bald auch<br />

Ich erkundige mich, welche beiden Schüler*innen als<br />

sich mit den menschlichen Sinnen beschäftigt. Sein<br />

Rucksack ist ein schwerer Rollkoffer, über dessen Inhalt<br />

gleich noch die Rede sein wird. Es ist nicht der erste<br />

Einsatz dieser Art. Seit Ende der Sommerferien hat<br />

Sandy schon einige Mittelschulen besucht. „Normalerweise<br />

kommen die Klassen immer zu uns ins Museum.<br />

Wir probieren mit ihnen die Exponate aus, sprechen<br />

über die menschlichen Sinne und über Wahrnehmung<br />

allgemein. Normalerweise. Aber so richtig normal ist in<br />

diesen Tagen ja vieles nicht“, stellt Sandy nachdenklich<br />

fest.<br />

Seit einigen Jahren führt er Besucher*innen durch<br />

den turmdersinne, der in der Museenlandschaft eine<br />

gewisse Sonderstellung einnimmt. In dem Nürnberger<br />

SCIENCE<br />

EDUTAINMENT FÜR<br />

KITAS, SCHULEN<br />

UND ERWACHSENE<br />

Die boxdersinne ist eine<br />

Box zum Staunen, Erleben<br />

und Begreifen. Kleine und<br />

große Forscher*innen können<br />

damit auf spielerische<br />

Art Wahrnehmungstäuschungen<br />

erleben und die<br />

eigenen Sinne erkunden.<br />

„Dann kommen die Wahrnehmungsexperimente<br />

eben in die Klassen“, sagt Sandy entschieden optimistisch.<br />

Weil das Recht junger Menschen auf kulturelle<br />

Bildung nicht dauerhaft ausgesetzt werden sollte,<br />

wurde nach Alternativen zum Museumsbesuch gesucht.<br />

Der Nürnberger KulturRucksack ermöglichte diese<br />

Alternative. <strong>Das</strong> Jugend-Kultur-Abo für Kulturerlebnisse<br />

bei gemeinsamen Ausflügen ist ein Angebot,<br />

mit dem man besonders Schüler*innen aus ärmeren<br />

Stadtteilen erreichen will. Da Bildung und Zukunftsperspektiven<br />

von Kindern in Deutschland stark an die<br />

Einkommenssituation der Eltern gekoppelt sind, ist das<br />

Ziel des KulturRucksacks, diesen sozialen und bildungspolitischen<br />

Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken.<br />

zu weiteren Themen wie Philosophie und Evolution.<br />

Die Idee hinter der boxdersinne ist dieselbe wie hinter<br />

dem Hands-On-Museum: Indem man vor Augen führt,<br />

wie leicht die Sinne zu täuschen sind, soll das kritische<br />

Denken geschult und gefördert werden.<br />

Falsche Farben und<br />

ein Wasserfall<br />

Zurück in der Preißlerschule. Motiviert und mit der<br />

boxdersinne im Gepäck beginnt Sandy dort den Workshop.<br />

Er startet mit dem Stroop-Effekt. Eine scheinbar<br />

simple Aufgabe, nämlich Farbnamen auf zwei Tafeln<br />

Wer wissen will,<br />

was genau beim<br />

Stroop-Effekt passiert,<br />

kann sich das auf dem<br />

philoscience-YouTube-<br />

Kanal erklären<br />

lassen unter<br />

https://bit.ly/38qK05d<br />

nächste Geburtstag haben und hole diese nach vorne.<br />

Dann folgt ein kleines Gedankenspiel: ihr schmeißt eine<br />

Geburtstagsparty und könnt eure Gäste an die beiden<br />

Tische setzen. Wie viele Gäste würdet ihr an den einen,<br />

wie viele an den anderen setzen? Natürlich weichen die<br />

Antworten immer voneinander ab, zum Beispiel 4 und<br />

6 oder 6 und 8. Wenn ich anschließend das Exponat erkläre<br />

und der Klasse zeige, dass die beiden Tischplatten<br />

genau deckungsgleich sind, sind die Kinder immer total<br />

aus dem Häuschen.“<br />

Ein weiterer Workshop geht zu Ende. Und Sandy<br />

wirkt etwas erschöpft. Die Stunde schlaucht. Aber das<br />

Gefühl, wenn die Kinder erzählen, dass der Workshop<br />

ihre Vorfreude auf Zeiten weckt, in denen sie wieder<br />

Stadtmauerturm werden nicht im klassischen Sinne<br />

Kulturelle Bildung soll allen Kindern und unabhängig<br />

abzulesen, stellt sich für die Kinder als überraschend<br />

in ein richtiges Museum gehen und den turmdersinne<br />

Objekte präsentiert, sondern Phänomene von und For-<br />

vom Einkommen der Eltern zugänglich sein. Wahrneh-<br />

schwierig heraus. Auf der ersten Tafel passt die Druck-<br />

besuchen können, ist ein gutes.<br />

schungsergebnisse über Wahrnehmung ausgestellt. Die<br />

mungsworkshops wie der an der Preißlerschule helfen<br />

farbe jeweils zum Wort, also das Wort „Lila“ ist in lila<br />

meisten Exponate dürfen und sollen angefasst werden.<br />

dabei, wegen ihnen ist Sandy heute hier.<br />

abgedruckt, „Gelb“ in gelb. So weit so gut. Auf der<br />

Nina Abassi<br />

22<br />

23

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