humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
Da ist zum einen die Idee der Lebenswelt, die<br />
Der Mensch<br />
als begründendes<br />
Wesen<br />
JULIAN NIDA-RÜMELIN FASST<br />
SEINE PHILOSOPHIE ERSTMALS<br />
IN EINEM UMFANGREICHEN<br />
WERK ZUSAMMEN. GUT ZU LESEN<br />
IST DAS NICHT IMMER.<br />
„Wer Menschen sucht, wird Akrobaten finden“,<br />
schreibt Peter Sloterdijk, um den es hier gar nicht geht.<br />
Aber wenn man einen ähnlich pikanten Merksatz über<br />
Julian Nida-Rümelins opus magnum finden möchte,<br />
muss man ihn selber machen, denn im Buch selbst findet<br />
man ihn leider nicht. Und so möchte ich vorschlagen,<br />
seine „Theorie praktischer Vernunft“ in folgender<br />
Faustformel zusammenzufassen: „Wer Menschen sucht,<br />
wird Begründer finden.“<br />
<strong>Das</strong> ist vielleicht auf den ersten Blick ein bisschen<br />
wenig für ein opus magnum, aber gerade aus <strong>humanistisch</strong>er<br />
Sicht trügt dieser Eindruck. Es geht Nida-Rümelin<br />
nämlich unter anderem darum, Debatten auch<br />
dann auf guten Gründen fußen zu lassen, wenn diese<br />
Gründe nicht durch „Rückgriff auf ein apriorisches und<br />
fundamentalistisches Begründungskonzept“ funktionieren<br />
(S. 313). Wer jetzt verwundert den Kopf wiegt<br />
und sich fragt, was das heißen soll, dem geht es wie mir<br />
während eines Großteils der Lektüre.<br />
<strong>Das</strong> liegt an der Sprache, die leider nicht zu einer<br />
flüssigen Lektüre einlädt. Während man bei anderen<br />
Autor*innen das Gefühl haben mag, sich mit ihm/ihr zu<br />
unterhalten, oder sich von der Wortgewalt mitreißen<br />
lässt, ohne genau zu verstehen, worum es eigentlich<br />
geht, ist die Lektüre dieses Textes eher mit dem Voranschieben<br />
einer Schubkarre auf sandigem Grund zu<br />
vergleichen. Mitunter nimmt die Sache Fahrt auf und es<br />
macht Spaß, der Argumentation zu folgen. Recht zügig<br />
bleibt man dann aber in sprachlichen Sandhügeln wie<br />
„In diesem Buch stelle ich<br />
eine Theorie praktischer<br />
Vernunft vor. Die Einbettbarkeit<br />
einer Handlung in<br />
eine umfassendere Praxis,<br />
im weitesten Sinne in eine<br />
Lebensform, spielt dabei<br />
eine zentrale Rolle.“<br />
Nida-Rümelin entwickelt<br />
eine Alternative zu den<br />
rational choice – Ansätzen<br />
in der Ökonomie und in<br />
den Sozialwissenschaften,<br />
aber auch zum postmodernen<br />
Konstruktivismus in<br />
den Geistes- und Kulturwissenschaften.<br />
der Behauptung stecken, es gebe „einen subkutanen<br />
Atomismus in der analytisch geprägten Philosophie“<br />
(S. 3). Kann sein, und trotzdem verliert man zumindest<br />
kurzzeitig jegliche Lust am Weiterschieben.<br />
Zudem stolpert man über anstrengende Widersprüche,<br />
etwa wenn der Autor einerseits schreibt: „Rational<br />
choice .... ist inhaltlich neutral“ (S. 104), um dann ein<br />
paar Seiten später nachzuschieben, „entgegen ihrem<br />
Selbstverständnis ist die zeitgenössische rational choice<br />
Orthodoxie keineswegs inhaltlich neutral“ (S. 127).<br />
<strong>Das</strong>s der Autor im Vorwort damit droht, dass man im<br />
Grunde das ganze Buch gelesen haben muss, um es zu<br />
verstehen (S. 1) entmutigt da nur noch mehr.<br />
Zurück aber zum oben zitierten Satz über apriorische<br />
Begründungskonzepte. A priore ist Latein und<br />
bedeutet, dass es ein Erstes bereits gibt, auf dem das<br />
Folgende aufbaut. Apriorisch sind Gründe, die zum Beispiel<br />
religiöse Menschen aufführen, wenn sie behaupten,<br />
ein übersinnliches Wesen habe auslösend für alle<br />
weiteren Entwicklungen alles geregelt und es gelte nur,<br />
diese Regeln zu erkunden und nach ihnen zu leben. <strong>Das</strong><br />
ist für säkulare Humanist*innen nicht nachvollziehbar.<br />
Die neigen nun umgekehrt häufig dazu zu sagen, jeder<br />
müsse „für sich selbst“ wissen, was richtig sei. <strong>Das</strong>s das<br />
für eine allgemeine Ethik ein wenig dürftig ist, sollte<br />
unmittelbar einleuchten. Auch der besonders bei nicht<strong>humanistisch</strong>en<br />
Atheisten zu beobachtende Versuch,<br />
eine naturalistische Ethik denken zu wollen, kann nicht<br />
weiterhelfen. Die Natur teilt uns nur das über sich mit,<br />
was wir sie fragen und wir dürfen deswegen auch von<br />
ihr keine apriorischen Antworten erwarten (S. 93ff.).<br />
Und so wartet Nida-Rümelin mit zwei interessanten<br />
Konzepten auf, von denen er erhofft, dass sie Leitfäden<br />
für eine <strong>humanistisch</strong>e Argumentation in der ethischen<br />
Debatte sein könnten. Humanistisch bedeutet dabei,<br />
„Autorin oder Autor des eigenen Lebens zu sein“<br />
(S. IX f.).<br />
Foto: © Julian Nida-Rümelin<br />
eigentlich ganz pfiffig ist, weil sie die „Normativität<br />
der geteilten menschlichen Lebensform“ beschreibt<br />
(S. 106). Es gibt, wie jeder weiß, „Tatsachen, die sich<br />
nicht algorithmisch überprüfen“ lassen (S. 349), in der<br />
menschlichen Lebenswelt aber durchaus real sind. Wer<br />
den Maßstab der Lebensweltlichkeit z. B. an ethische<br />
Forderungen ansetzt, kann recht schnell zu einem<br />
schlüssigen Ergebnis kommen, ob und wenn ja wozu<br />
diese Forderungen unter menschlichen Bedingungen<br />
führen können. Leider bleibt dieses Argument zugleich<br />
auch immer ein wenig undurchsichtig, so dass es zumindest<br />
mir schwerfällt, aus dem Konzept der „Lebensweltlichkeit“<br />
belastbare Argumentationen zu bauen.<br />
<strong>Das</strong> andere Konzept ist das der Gründe. Wenn apriorische<br />
Lebensanweisungen trotz allen Suchens nicht<br />
zu finden sind, muss im Gespräch geregelt werden, was<br />
Geltung haben kann und soll und was nicht. Unter Philosoph*innen<br />
hat man sich seit einiger Zeit angewöhnt,<br />
in diesem Kontext von „Deliberation“ (lat.: Abwägung)<br />
zu sprechen.<br />
Der Witz an Gründen ist für Nida-Rümelin aber<br />
nun, dass sie „immer zugleich normativ und inferentiell“<br />
sind (S. 33). „Gründe stiften einen Zusammenhang<br />
zwischen Tatsachen (von denen wir überzeugt sind)<br />
und Vermutungen, dass etwas der Fall ist“ (S. 33). Und<br />
das ist ja in der Tat eine wichtige Sache: Denn wenn wir<br />
weder rein apriorisch noch rein individuell argumentieren<br />
können und wollen, könnte es klug sein, eine<br />
Schnittmenge von beiden zu suchen. Nida-Rümelin<br />
findet sie in besagten Gründen, mit deren Hilfe eine<br />
gelungene Deliberation stattfinden könne.<br />
Ich finde allein schon das Wort „Gründe“ hilfreich,<br />
denn in der Tat ist gerade eine ethische Argumentation<br />
im wahrsten Sinne des Wortes bodenlos, wenn sie<br />
ohne apriorische Verweise auskommen muss. Wer nicht<br />
sagen kann „Gott / die Natur / etc. will das so“ läuft<br />
argumentativ auf einem anderen Boden, einem anderen<br />
Grund, als der, der das behauptet. Oder, um es mit<br />
Francisco Varela zu sagen: „Aus einer philosophischen<br />
und ethischen Perspektive muss jemand, der ohne Bezugspunkt<br />
leben muss – ohne Boden, mit dem Gefühl<br />
der Bodenlosigkeit – Lernprozesse in Gang setzen, um<br />
diese Situation zu bewältigen.“* Eine Bewältigungsstrategie<br />
könnte dann tatsächlich sein, seine Gründe<br />
behutsam abzuwägen.<br />
Ob das mit den Gründen allerdings letztlich so<br />
hinkommt, sehe ich mit meiner lebensweltlichen Erfahrung<br />
skeptisch. Erst neulich klagte mein Sohn (8),<br />
meine Frau und ich könnten immer alles begründen –<br />
Zähne putzen, Hausaufgaben machen, Jacke anziehen<br />
etc. – und trotzdem sei das nicht akzeptabel. Quasi<br />
apriorisch. Philosophisch gesagt kann das nur heißen:<br />
Gründe zu geben alleine ist nicht wirklich deliberativ.<br />
Jonas Grutzpalk<br />
* Francisco J. Varela: Erkenntnis und Leben; In: Lebende Systeme.<br />
Wirklichkeitskonstruktionen in der Systemischen Therapie;<br />
Fritz B. Simon (Hrsg.); Frankfurt a.M. 1997<br />
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