humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
Mubarak Bala lebt!<br />
Nach mehr als 160 Tagen Inhaftierung<br />
hat es im Herbst endlich ein Lebenszeichen<br />
vom Präsidenten der Humanistischen<br />
Vereinigung Nigerias, Mubarak<br />
Bala, gegeben. Anfang Oktober konnte<br />
sich Bala erstmals mit einem Vertreter<br />
seines Anwaltsteams treffen, nachdem<br />
er Ende April aufgrund eines angeblich<br />
„blasphemischen“ Beitrags auf Facebook<br />
verhaftet worden war und sein Kontakt<br />
zur Außenwelt abriss. Monatelang hatten<br />
internationale NGOs und UN-Menschenrechtsexpert*innen<br />
gefordert, Bala den<br />
Kontakt zu seiner Familie und seinem<br />
Rechtsbeistand zu gewähren. Am 19.<br />
Oktober wurde Bala schließlich erstmals<br />
Mubarak Bala<br />
Foto: © ballisticduck.co.uk<br />
vor einem Gericht im nordnigerianischen<br />
Abuja angehört, eine zweite Verhandlung<br />
ist für den 10. Dezember festgesetzt.<br />
Der Koordinator von Balas Anwaltsteam<br />
James Ibor berichtet, andere Inhaftierte<br />
hätten Bala gedroht, ihn zu töten,<br />
wenn er nicht „Frieden mit Gott schließen“<br />
würde. „Er hat nun ständig Angst<br />
um sein eigenes Leben und das seiner<br />
Frau und seines Kindes“, so Ibor weiter<br />
über die Situation.<br />
„Selbst wenn die Argumente der örtlichen<br />
Behörden, dass Bala zu seinem<br />
eigenen Schutz in Isolation gehalten<br />
wurde, wahr wären, hätte seine wahre<br />
Foto: © ballisticduck.co.uk<br />
Sicherheit und sein Wohlergehen sicherlich<br />
nur gewährleistet werden können,<br />
wenn sein Rechtsbeistand von einem solchen<br />
Verbot ausgenommen worden wäre“,<br />
kommentierte der Präsident der Humanists<br />
International, Andrew Copson, die<br />
Entwicklungen. Der Dachverband fordert,<br />
Bala umgehend aus der Haft zu entlassen.<br />
Humanistische Ehrungen<br />
Im Rahmen der diesjährigen Generalversammlung<br />
der Humanists International<br />
(HI) sind drei Personen mit dem 2020 Distinguished<br />
Service to Humanism Award<br />
ausgezeichnet worden.<br />
Sudesh Ghoderao wurde für seinen<br />
intensiven Einsatz sowohl als Generalsekretär<br />
der Federation of Indian Rationalist<br />
Associations als auch als Sekretär des<br />
„Maharashtra-Komitees für die Ausrottung<br />
von blindem Glauben“ ausgezeichnet.<br />
Zuletzt hatte Sudesh 2019 eine große<br />
Konferenz mit Hunderten von nationalen<br />
und internationalen Delegierten organisiert,<br />
die sich dem Kampf gegen die Verbreitung<br />
von Irrationalismus widmete.<br />
„Zusätzlich zu seinen Führungsaufgaben<br />
in der indischen <strong>humanistisch</strong>en Bewegung<br />
ist Sudesh auch außerordentlicher<br />
Professor für Chemie mit einer beeindruckenden<br />
Karriere in Lehre und Forschung<br />
und er war in der Vergangenheit Delegierter<br />
bei vielen unserer Veranstaltungen“,<br />
kommentierte die Generalversammlung<br />
zu seinen Verdiensten.<br />
Ebenfalls geehrt wurde Bert Gasenbeek,<br />
der scheidende Direktor des Historischen<br />
Zentrums der HI, in dem viele<br />
Jahre lang dessen Archive aufbewahrt<br />
waren. Gasenbeek wurde für seine Arbeit<br />
zur Aufzeichnung, Erforschung und Bewahrung<br />
der reichen <strong>humanistisch</strong>en<br />
Tradition sowohl in ihren verbandlichen<br />
als auch in ihren sozialen Ausdrucksformen<br />
ausgezeichnet.<br />
Für ihren besonderen Beitrag zur<br />
Arbeit der Humanists International<br />
wurde die US-Amerikanerin Becky Hale<br />
gewürdigt. Tätig war sie u. a. im HI-Vorstand<br />
und als Präsidentin der American<br />
Humanist Association. Andrew Copson<br />
kommentierte, auch sie habe sich dabei<br />
„ihren Ruf als harte Arbeiterin erworben.<br />
Teil einer internationalen Organisation<br />
zu sein, bringt seine Herausforderungen<br />
mit sich, die 5-Uhr-Zoomanrufe, die<br />
langen Zwischenstopps und den Versuch,<br />
während einer 8-stündigen Vorstandssitzung<br />
mit Jetlag den Fokus aufrechtzuerhalten!<br />
Becky hat sich ihre Sporen und<br />
damit auch den Respekt und die Bewunderung<br />
ihrer Kollegen redlich verdient.“<br />
Die Generalversammlung der HI wurde<br />
aufgrund der Coronavirus-Pandemie<br />
erstmals in zwei Online-Konferenzen am<br />
2. und 16. Oktober durchgeführt.<br />
Schott*innen<br />
heiraten <strong>humanistisch</strong><br />
In Schottland wurden 2019 zum ersten<br />
Mal mehr Ehen in einer <strong>humanistisch</strong>en<br />
als in einer christlichen Trauung geschlossen.<br />
<strong>Das</strong> zeigen die offiziellen<br />
Statistiken der schottischen Behörden.<br />
Humanistische Eheschließungen machten<br />
demnach 23 Prozent aus, während sich<br />
nur 22 Prozent eine kirchliche Trauung<br />
wählten.<br />
Insgesamt gab es 2019 in Schottland<br />
5.879 <strong>humanistisch</strong>e und 5.812 kirchliche<br />
Eheschließungen. Die Schwesterorganisation<br />
der Humanists UK, die Humanist<br />
Society Scotland, war mit 3.276 Trauungen<br />
der größte Einzelanbieter. Die Kirche<br />
von Schottland führte 2.225 Trauungen<br />
durch, die katholische Kirche 911.<br />
Die Humanists UK fordern von der<br />
britischen Regierung seit Jahren eindringlich,<br />
<strong>humanistisch</strong>e Trauungen<br />
auch in England und Wales rechtlich<br />
anzuerkennen, und sie sehen in der<br />
aktuellen Statistik einen Beleg für einen<br />
großen Bedarf. Derzeit sind in England<br />
nur standesamtliche und kirchliche Eheschließungen<br />
personenstandsrechtlich<br />
wirksam.<br />
Trauer um „The Amazing Randi“<br />
Am 20. Oktober ist der Zauberkünstler<br />
und prominente Vertreter der Skeptics<br />
Society James Randi im Alter von 92 Jahren<br />
verstorben. Internationale Bekanntheit<br />
hatte er sich durch die Entlarvung<br />
von Kolleg*innen wie dem Mentalist Uri<br />
Geller erarbeitet. Geller behauptete, seine<br />
Kunststücke basierten auf übersinnlichen<br />
Kräften. Auch religiöse Eiferer,<br />
Astrolog*innen, angebliche Wunderheiler*innen<br />
und Spiritist*innen nahm er im<br />
James Randi<br />
Laufe seiner Karriere immer wieder aufs<br />
Korn. Hohe Bekanntheit erlangte auch<br />
Randis Eine-Million-Dollar-Herausforderung<br />
an jene, die unter objektiven Bedingungen<br />
ihre paranormalen Fähigkeiten<br />
beweisen wollten. Erfolgreich eingelöst<br />
wurde sie nie.<br />
James Randi war Mitgründer mehrerer<br />
Organisationen, die sich der Aufklärung<br />
über pseudowissenschaftliche und<br />
paranormale Thesen widmeten. Darunter<br />
das heutige Committee for Skeptical<br />
Inquiry, zu dessen Gründungsmitgliedern<br />
auch Paul Kurtz, Carl Sagan und Isaac<br />
Asimov zählten. Er war zudem Autor<br />
zahlreicher Bücher und wurde für sein<br />
aufklärerisches Wirken vielfach ausgezeichnet.<br />
„Randi hat einen internationalen Ruf<br />
als der weltweit unermüdlichste Ermittler<br />
und Entmystifizierer paranormaler<br />
und pseudowissenschaftlicher Behauptungen.<br />
Sein Beitrag zur Bewegung der<br />
Humanist*innen und Skeptiker*innen<br />
wird nie vergessen werden“, sagten die<br />
Humanists International zu seinen Verdiensten.<br />
Europäische Humanist*innen<br />
wählten Führungsspitze<br />
Am 7. November fand die jährliche<br />
Generalversammlung der Europäischen<br />
Humanistischen Föderation (EHF) statt.<br />
Sie wurde wegen der Covid-19-Pandemie<br />
erstmals online abgehalten. Bei der<br />
Neubestimmung des Führungsgremiums<br />
setzen die Delegierten auf eine Mischung<br />
aus erfahrenen und neuen Kräften.<br />
Michael Bauer, Vorstand der Humanistischen<br />
Vereinigung, wurde im Amt des<br />
EHF-Präsidenten bestätigt. Zu Vizepräsident*innen<br />
wurden Lone Ree Milkaer<br />
(Humanistisk Samfund, Dänemark)<br />
und Patrik Lindenfors (humanisterna,<br />
Schweden) bestimmt, Jacqueline Herremans<br />
(Centre d’Action Laïque, Belgien)<br />
wurde zur Schatzmeisterin gewählt.<br />
Neue Generalsekretärin ist Terese Svenke<br />
(Human-Etisk Forbund, Norwegen), stellvertretende<br />
Generalsekretärin Monica<br />
Belitoiu (Asociatia Secular-Umanista,<br />
Rumänien). Dem Vorstand gehören nach<br />
der Neuwahl des Weiteren Ineke de Vries<br />
(Humanistisch Verbond, Niederlande), Peter<br />
Handlovsky (Spolocnost Prometheus,<br />
Slowakei), Katja Labidi (Humanistischer<br />
Verband Deutschlands), Pablo Gutierrez<br />
(Europa Laica, Spanien) sowie Freddy<br />
Mortier (DeMensNu, Belgien) und Kaja<br />
Bryx (Polish Rationalists Organisation)<br />
an.<br />
Die EHF ist mit über 60 <strong>humanistisch</strong>en<br />
und säkularen Mitgliedsorganisationen<br />
der größte Dachverband seiner<br />
Art in Europa und vertritt <strong>humanistisch</strong>e<br />
Interessen gegenüber der Europäischen<br />
Union, dem Europarat und anderen internationalen<br />
Institutionen.<br />
Manifest für bessere Schulen<br />
Die britischen Humanist*innen sehen<br />
dringenden Reformbedarf beim Bildungssystem<br />
im Vereinigten Königreich.<br />
Im November haben die Humanists<br />
UK deshalb ein Manifest veröffentlicht,<br />
in dem sie ihre Vorstellungen darlegen.<br />
Möglichst integrativ sollen die Schulen<br />
werden, außerdem soll sichergestellt<br />
werden, dass alle Kinder die breite und<br />
ausgewogene Bildung erhalten, auf die<br />
sie ein Anrecht haben. „Die Gesetze erlauben<br />
es derzeit staatlich finanzierten<br />
Privatschulen, ihre Schüler allein auf<br />
der Grundlage ihres religiösen Hintergrunds<br />
auszuwählen und nur aus einer<br />
Glaubensperspektive zu unterrichten“,<br />
erläuterte Ruth Wareham, Kampagnen-<br />
Managerin für den Bereich Bildung der<br />
Humanists UK hierzu. Die Zahl dieser<br />
Schulen war in den letzten 15 Jahren<br />
stark gewachsen.<br />
Foto: ©standret/adobestock.com<br />
<strong>Das</strong> Manifest betont daher, dass<br />
staatlich finanzierte Schulen allen<br />
Lernenden unabhängig von Religion,<br />
Weltanschauung und Herkunft offenstehen<br />
sollten. Schulgottesdienste sollten<br />
durch Versammlungen ersetzt werden,<br />
von denen alle Lernenden ungeachtet<br />
ihrer unterschiedlichen Überzeugungen<br />
profitieren können. Lehrpläne sollten<br />
ein breites Spektrum von Religionen<br />
und Humanismus in ausgewogener und<br />
objektiver Weise abdecken, Humanismus<br />
sollte gleichberechtigt mit den großen<br />
Religionen einbezogen werden. Des Weiteren<br />
sollten alle Schüler*innen umfassende,<br />
sachlich genaue und altersgemäße<br />
Informationen über Beziehungen und Sex<br />
erhalten, LGBT eingeschlossen. Religiös<br />
begründete Ausnahmen oder ein Recht<br />
von Eltern, ihre Kinder von Unterrichtsinhalten<br />
befreien zu lassen, sollte es<br />
nicht geben. Zudem sollte keine religiöse<br />
Diskriminierung bei der Beschäftigung<br />
von Lehrkräften oder anderen Beschäftigten<br />
zulässig sein.<br />
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