humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
1<br />
Ein Mal in den letzten 30 Jahren<br />
hat ein Präsidentschaftskandidat<br />
der Republikaner das sog.<br />
„popular vote“ gewonnen, d. h.<br />
die Mehrheit der tatsächlich<br />
abgegebenen Stimmen. Hintergrund:<br />
Die US-Wahlberechtigten<br />
stimmen nicht über eine Präsidentschaftskandidat*in,<br />
sondern über<br />
ein Gremium von Wahlmännern<br />
und -frauen ab, das „Electoral college“,<br />
welches anschließend den/<br />
die Präsident*in wählt. Aufgrund<br />
von Ungleichgewichten zwischen<br />
der Menge der Bevölkerung/Wahlberechtigten<br />
und der Zahl der<br />
Wahlleute pro Bundesstaat kann<br />
es dazu kommen, dass trotz des<br />
Unterliegens beim „popular vote“<br />
eine*n Kandidat*in mehr Wahlleute<br />
im Electoral college versammeln<br />
kann als sein*ihr Kontrahent.<br />
Zuletzt war Donald Trump auf<br />
diese Weise ins Amt gekommen,<br />
davor George W. Bush im Jahr<br />
2000.<br />
JEDE<br />
STIMME<br />
2<br />
Zwei Mitglieder des US-Repräsen- *innen waren zu den Wahlen<br />
tantenhauses identifizieren sich angetreten. In den Parlamenten<br />
als Humanisten, Jared Huffmann der US-Bundesstaaten üben derzeit<br />
(Kalifornien) und Jamie Raskin mehr als vier Dutzend weitere<br />
(Maryland). Insgesamt acht offen Abgeordnete, die sich offen als<br />
bekennende Humanist*innen, nicht-religiös und/oder <strong>humanistisch</strong><br />
Atheist*innen und Agnostiker-<br />
identifizieren, ein Mandat aus.<br />
ZÄHLT<br />
Joe Biden wird nächster Präsident der<br />
USA und immer mehr Mandatsträger*-<br />
innen sind nichtreligiös – Ron Miller,<br />
Koordinator des Center for Freethought<br />
Equality Fund der American Humanist<br />
Association, kommentiert das Resultat<br />
der US-Wahlen.<br />
Humanist*innen im ganzen Land und auf der ganzen<br />
Welt feiern gemeinsam die Niederlage von Donald<br />
Trump. Wir können nun auf einen Fortschritt<br />
hoffen, der in den letzten vier Jahren nicht möglich<br />
war. Auch wenn wir nicht auf sein Niveau schriller<br />
Dämonisierung sinken wollen, müssen wir doch<br />
Der designierte<br />
US-Präsident Joe Biden<br />
(77) ist nach John F.<br />
Kennedy das zweite katholische<br />
Staatsoberhaupt.<br />
Laut Medienberichten<br />
praktiziere er seinen<br />
Glauben, u. a. besuche<br />
er jeden Sonntag die<br />
Messe, habe stets einen<br />
Rosenkranz dabei und<br />
zitiere in Reden immer<br />
wieder die Bibel, hieß<br />
es in einem Bericht<br />
des Kölner Domradios.<br />
Allerdings trage er seinen<br />
Glauben darüber hinaus<br />
nicht vor sich her.<br />
anerkennen, dass siebzig Millionen Menschen für<br />
den rückschrittlichsten Präsidenten gestimmt<br />
haben, den unser Land seit über einem Jahrhundert<br />
erlebt hat. Wir freuen uns also, wissen aber<br />
doch, dass es noch ein langer Weg ist hin zu einem<br />
vernünftigeren, egalitären und von Mitgefühl getragenen<br />
Amerika.<br />
Die Umfragen vor den Parlamentswahlen im<br />
Jahr 2020 weckten die Hoffnung auf eine klare<br />
Absage an Trump und seine christlich-nationalistische<br />
Unterstützer*innen-Basis. Traurigerweise<br />
zeigt diese Wahl, dass eine beträchtliche Anzahl<br />
von Amerikaner*innen weiterhin die gefährliche<br />
politische Agenda der weißen christlichen<br />
Nationalist*innen befürwortet. Eine Biden-Präsidentschaft<br />
wird einen gewissen Schutz gegen<br />
ihre schlimmsten Auswüchse bieten; die Ergebnisse<br />
dieser Wahl zeigen jedoch, dass der bigotte,<br />
wissenschaftsfeindliche, rassistische, frauenfeindliche,<br />
fremdenfeindliche und homophobe Kreuzzug<br />
der christlichen Nationalist*innen weitergehen<br />
wird.<br />
Glücklicherweise haben die wachsende atheistische<br />
und <strong>humanistisch</strong>e Community und unser<br />
zunehmendes politisches Engagement das Potenzial,<br />
dem christlichen Nationalismus wirksam<br />
entgegenzuwirken. Zwar konnten wir bei dieser<br />
Wahl im US-Kongress und in den Parlamenten der<br />
Bundesstaaten keine Zugewinne erreichen, aber<br />
unser kontinuierliches Wachstum und unser Engagement<br />
machen uns zu einem Wähler*innenblock,<br />
mit dem man rechnen muss. Dieser atheistische,<br />
agnostische und religiös nicht gebundene Block hat<br />
sich seit 2008 fast verdoppelt – von fünfzehn auf<br />
achtundzwanzig Prozent der registrierten Wähler*innen.<br />
Wir müssen uns weiter organisieren und<br />
unsere Werte vor den Wahlurnen bekannt machen,<br />
und unsere Mitglieder müssen für öffentliche Ämter<br />
kandidieren.<br />
Vor den Parlamentswahlen 2016 gab es nur<br />
fünf gewählte Amtsträger*innen, die in staatlichen<br />
Parlamenten dienten und sich öffentlich mit der<br />
atheistischen und <strong>humanistisch</strong>en Community<br />
identifizierten. Nach der Wahl 2016 wuchs diese<br />
Liste auf siebzehn und nach der Wahl 2018 auf<br />
siebenundvierzig an. Wenn die neu gewählten<br />
Amtsträger*innen <strong>2021</strong> vereidigt werden, wird es<br />
dreiundsechzig nichtreligiöse Mandatsträger*innen<br />
auf Bundes- und Länderebene geben.<br />
Diese Wahlerfolge wurden durch den Freethought<br />
Equality Fund ermöglicht, ein politisches<br />
Aktionskomitee, das zum Center for Freethought<br />
Equality der American Humanist Association gehört.<br />
2020 konnten atheistische, <strong>humanistisch</strong>e<br />
100<br />
100. Geburtstag hatte das Frauenwahlrecht<br />
Stimmen im Vergleich zur Wahl<br />
in den Vereinigten der Jahre zuvor um 77 Prozent<br />
Staaten in diesem Jahr. Mit der bzw. rund sieben Millionen<br />
Einführung im Jahr 1920 erhöhte Wähler*innenstimmen auf rund<br />
sich die Zahl der abgegebenen 16,14 Millionen.<br />
80 Mio.<br />
Rund 80 Mio. Stimmen hat der erhalten wie kein US-Präsident<br />
demokratische Präsidentschaftskandidat<br />
vor ihm. Die Zahl der abgegebenen<br />
Joe Biden bei Stimmen verändert sich aufgrund<br />
den Wahlen im November erhalten.<br />
des Wachstums der wahlberechtig-<br />
Joe Biden hat damit rein ten Bevölkerung sowie der Höhe<br />
zahlenmäßig so viele Stimmen der Wahlbeteiligung.<br />
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