humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
WENIG NEUES<br />
UM ASSISTIERTEN<br />
SUIZID<br />
Foto: ©perfectlab/adobestock.com<br />
<strong>Das</strong> Bundesverfassungsgericht hatte im Februar 2020 den<br />
Paragraf 217 des deutschen Strafgesetzbuches für verfassungswidrig<br />
und nichtig erklärt und deutlich entschieden:<br />
Aktive Sterbehilfe, wie beispielsweise in den Niederlanden,<br />
bleibt zwar verboten, doch wer nicht mehr leben will, hat in<br />
Deutschland das Recht auf assistierten Suizid. Grundlage für<br />
die deshalb zu schaffenden, gesetzlichen Regelungen sind unter<br />
anderem Empfehlungen des Deutschen Ethikrates. In seiner<br />
jüngsten öffentlichen Plenarsitzung zu diesem Thema kam das<br />
Gremium jedoch keinen Schritt voran, im Gegenteil: Schon die<br />
Fragestellung „Recht auf Selbsttötung?“ geht deutlich hinter<br />
das Urteil zurück, Referent*innen stellten immer noch die Frage<br />
ob Suizid moralisch erlaubt sei – und positionierten sich damit<br />
eher auf Seite derjenigen, die ihn grundsätzlich als unmoralisch<br />
ablehnen.<br />
Zum Thema hat die Humanistische Vereinigung im April<br />
2020 einen Gesetzesentwurf vorgelegt, der den assistierten Suizid<br />
erlaubt, aber auch die Einrichtung einer Suizidpräventionsberatung<br />
vorsieht. Details unter <strong>humanistisch</strong>e-vereinigung.de<br />
Wie steht es<br />
um Apostaten?<br />
Anfang Oktober 2020 stellten die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses,<br />
Gyde Jensen, und die FDP-Fraktion im Bundestag die<br />
Anfrage „Religions- und Weltanschauungsfreiheit von Apostat*innen<br />
und religionsfreien Menschen“. Noch nie wurde von der Bundesregierung<br />
so ein Bericht eingefordert.<br />
In ihrer Antwort vom 6. November betonte die Bundesregierung,<br />
dass sie sich auf internationaler Ebene für Menschenrechte stark machen<br />
wolle. Auch äußerte sie sich besorgt darüber, „dass das Menschenrecht<br />
auf Religions- und Weltanschauungsfreiheit weltweit zunehmend<br />
eingeschränkt wird“. In manch anderen Punkten blieb sie unkonkret.<br />
So vermochte sie weder über die Zahl der nichtreligiösen Schutzsuchenden<br />
in Deutschland etwas zu sagen, noch über die Gefahren, denen<br />
diese auch hierzulande möglicherweise ausgesetzt sind. Ebenfalls nicht<br />
weiter äußern wollte sie sich über ein besonderes Schutzbedürfnis von<br />
Apostat*innen und Nichtreligiösen in den Ländern, die vom Bundesministerium<br />
für wirtschaftliche Zusammenarbeit als „bilaterale Partner“<br />
angesehen werden.<br />
Kreationismus aktuell<br />
Ist es religiöser Übereifer?<br />
Ist es Wissenschaftsfeindlichkeit?<br />
Um die Frage, wie<br />
die Welt erschaffen wurde,<br />
wird in einem kleinen Ort im<br />
Westerwald jedenfalls heftig<br />
gestritten. Mit einem zwischenzeitlich<br />
überraschenden<br />
Ergebnis. In der Gemeinde<br />
Hellenhahn-Schellenberg sollte<br />
ein Themen-Wanderweg mit<br />
20 Schildern entstehen, der die<br />
Entwicklung des Lebens auf<br />
der Erde zeigt. Eine Attraktion<br />
für den kleinen Ort, Bürgermeisterin<br />
und Gemeinde-<br />
rat waren begeistert. Doch<br />
sie hatten die Rechnung ohne<br />
einige religiöse Mitbürger*-<br />
innen gemacht, die den „Evolutions-Weg“<br />
als irrgeleitete<br />
Wissenschafts-Propaganda<br />
verurteilten und alle Hebel<br />
in Bewegung setzten, um<br />
diese „Sünde“ und vorgebliche<br />
Verschwendung von Steuergeldern<br />
zu verhindern. Tatsächlich<br />
hatten die Evolutionsgegner<br />
Erfolg. Mit 339:250<br />
Stimmen wurde der Weg per<br />
Bürgerentscheid abgelehnt.<br />
Lobbyismus ist in einem demokratischen<br />
Staat vollkommen<br />
legitim, vorausgesetzt, es ist<br />
nachzuvollziehen, wer auf wen<br />
Einfluss nimmt. <strong>Das</strong> deshalb von<br />
der großen Koalition geplante<br />
und schon nachgebesserte<br />
Lobbyregister steht jedoch weiter<br />
massiv in der Kritik: Laut verschiedenen<br />
Medienberichten werden<br />
sich Kirchen und Religionsgemeinschaften<br />
voraussichtlich<br />
nicht im geplanten Lobbyregister<br />
registrieren müssen, nicht-religiöse<br />
Weltanschauungsgemeinschaften<br />
wie die Humanistische<br />
Vereinigung hingegen schon.<br />
„Wir erwarten, dass die<br />
Regierungsfraktionen beim<br />
Transparenz<br />
für manche<br />
VERLÄNGERTE<br />
HÄNGEPARTIE?<br />
Lobbyregister nachbessern“,<br />
forderte Klaus Müller, Vorstand<br />
des Bundesverbandes der Verbraucherzentrale.<br />
„Gravierende<br />
Schwächen“ attestierte auch<br />
Albrecht von der Hagen vom<br />
Verband der Familienunternehmer<br />
dem Entwurf. Er kritisierte<br />
ebenfalls die geplanten Ausnahmen<br />
für Arbeitgeberverbände,<br />
Gewerkschaften, Kirchen und<br />
kommunale Verbände.<br />
Apropos Transparenz: Die<br />
Humanistische Vereinigung ist<br />
2019 der Initiative Transparente<br />
Zivilgesellschaft beigetreten und<br />
legt seither ihre wichtigsten<br />
aktuellen Informationen und<br />
Daten offen.<br />
Foto: ©Mummert-und-Ibold/adobestock.com<br />
Nach dem Vorbild der Nachbarländer<br />
Belgien und Niederlande<br />
fordert die Humanistische Vereinigung<br />
die Einrichtung einer<br />
<strong>humanistisch</strong>en Militärseelsorge.<br />
Rund die Hälfte aller Bundeswehrsoldat*innen<br />
versteht sich<br />
laut einer Studie als nichtreligiös,<br />
heißt es zur Begründung. Derzeit<br />
leisten 110 evangelische, 80<br />
katholische und bald auch 10<br />
jüdische Geistliche ihren Dienst<br />
in der Bundeswehr. Sie sind dabei<br />
nicht nur für seelsorgerischen<br />
Beistand, sondern auch für den<br />
sogenannten Lebenskundlichen<br />
Deutsche Unternehmen sollen Menschenrechte<br />
achten und Umweltzerstörung<br />
vermeiden, auch wenn ihre<br />
Geschäfte im Ausland stattfinden. Nicht<br />
nur zahlreiche NGOs, auch Bundeskanzlerin<br />
Angela Merkel befürwortet mittlerweile<br />
einen gesetzlichen Rahmen, das so<br />
genannte Lieferkettengesetz. Freiwillige<br />
Selbstverpflichtungen hatten in der Vergangenheit<br />
keine erkennbaren Fortschritte<br />
gebracht.<br />
Nach zahlreichen vollmundigen Ankündigungen<br />
verschiedener politischer<br />
<strong>humanistisch</strong>!net<br />
Nichtreligiöse Seelsorge<br />
für die Bundeswehr<br />
Unterricht verantwortlich, an<br />
dem teilzunehmen alle Soldat*innen<br />
verpflichtet sind - auch dann,<br />
wenn sie selbst einer anderen<br />
oder keiner Religion angehören.<br />
Diese große Lücke in der seelsorgerischen<br />
Begleitung möchte<br />
die Humanistische Vereinigung<br />
(HV) gerne schließen. Sie hat<br />
deshalb ein Eckpunktepapier vorgelegt,<br />
in dem sie rund 90 <strong>humanistisch</strong>e<br />
Militärseelsorger*innen<br />
für die mehr als 90.000 nichtreligiöse<br />
Soldat*innen in der<br />
Bundeswehr fordert.<br />
Mandatsträger*innen steckt das Gesetz<br />
aber noch immer in der Warteschleife,<br />
nicht einmal über Eckpunkte besteht in<br />
der Koalition Einigkeit. Nun droht sich<br />
die jahrelange Wartezeit aufgrund der<br />
Corona-Pandemie noch zusätzlich zu<br />
verlängern. Wirtschaftsministerium,<br />
Industrie und Wirtschaftsverbände verweisen<br />
nämlich auf die außerordentlichen<br />
Belastungen durch die Pandemie, vor<br />
deren Hintergrund ein solches Gesetz eine<br />
angeblich unzumutbare Belastung für<br />
deutsche Unternehmen darstelle.<br />
Wir sind auch online!<br />
News, Interviews, Kommentare.<br />
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