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humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021

Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht

Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht

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<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />

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Artist!<br />

MIT DEM NEUERLICHEN LOCKDOWN<br />

VERSCHÄRFT SICH DIE SITUATION VON<br />

KÜNSTLER*INNEN UND KULTURSCHAFFENDEN<br />

DRAMATISCH.<br />

Ein Zwischenbericht<br />

von Matthias Mainz.<br />

Foto: © adobestock.com; Icons: flaticon.com<br />

D<br />

ie Einsicht, dass die Corona-Krise nicht<br />

mit dem Ende dieses Jahres vorüber sein<br />

wird, scheint in breiten Teilen der Gesellschaft<br />

mittlerweile Konsens zu sein. Auch<br />

wenn die Aussicht auf die baldige Einführung<br />

von Impfstoffen Anlass zu Hoffnung<br />

gibt, befinden wir uns vermutlich gerade<br />

erst in der Halbzeit des pandemischen<br />

Gesellschaftsspiels, an dem wir unfreiwillig<br />

und einsichtsvoll teilnehmen, ohne<br />

dass das Virus uns vorher gefragt hätte.<br />

Die Auswirkungen der Krise auf unser<br />

Zusammenleben sind eminent, und es<br />

ist eigentlich erstaunlich, dass all die<br />

Zumutungen, die Selbstquarantänen,<br />

Social Distancing und die Einschränkungen<br />

unserer Bewegungsfreiheit nicht<br />

zu größeren Verwerfungen führen als zu<br />

der erstaunlichen Koalition aus Wutbürger*innen,<br />

neuen Rechten und altlinken<br />

Esoteriker*innen, die lautstark von Diktatur<br />

grölen.<br />

Zu Beginn des ersten Lockdowns ab<br />

März konnte man dabei den Eindruck<br />

haben, als teile sich die Gesellschaft<br />

in drei Lager: Familien um gutbezahlte<br />

Doppelverdiener*innen mit einem unverhofften<br />

Zugewinn an Familienzeit<br />

und Niedriglöhner*innen in Service- und<br />

Pflegeberufen, die sich als systemrelevant<br />

geadelt sehen konnten, ohne davon<br />

irgendeinen Nutzen zu haben. Die dritte<br />

Gruppe der Selbstständigen, vor allem im<br />

Kulturbereich, fand sich von einem auf<br />

den anderen Tag ohne Arbeitsmöglichkeit<br />

und Einkommen wieder.<br />

„Kulturbereich“ ist dabei ein sehr<br />

breiter Begriff: Grob unterscheiden kann<br />

man eine institutionalisierte Kultur aus<br />

Museen, Opernhäusern und Theatern von<br />

der freien Kultur aus soloselbstständigen<br />

Künstler*innen, freien Ensembles bis zu<br />

Festivals und freien Kultureinrichtungen.<br />

Am Ende macht den Unterschied nicht die<br />

Kunst, sondern ob das Geld aus fest ein-<br />

geplanten öffentlichen Haushaltsposten<br />

kommt, wie bei jeder anderen öffentlichen<br />

Behörde auch, oder aus jährlich zu erwirtschaftenden<br />

Betriebseinnahmen und<br />

jährlich zu verhandelnden öffentlichen<br />

Zuschüssen. Keine Institution kann dabei<br />

ohne freie Künstler*innen arbeiten, die<br />

zum Beispiel als Schauspieler*innen und<br />

Regisseur*innen, Autor*innen und Komponist*innen<br />

Werke schaffen, die in den<br />

Institutionen zur Aufführung gelangen.<br />

Hilfen und<br />

falsche Geschenke<br />

In der Corona-Krise wurden die unterschiedlichen<br />

Beschäftigungsverhältnisse<br />

schlagartig existenziell und in<br />

den Orchestern blieben die Stühle der<br />

Aushilfen neben denen der festangestellten<br />

Musiker*innen leer. Ende März hatte<br />

die Bundesregierung in Zusammenarbeit<br />

mit den Ländern eilig erste Corona-Hilfen<br />

ausgegeben, die sich bis zum Jahresende<br />

unter dem Namen „Corona-Schutzschild<br />

für Deutschland“ zu einem Gesamtvolumen<br />

von 353 Milliarden Euro ausgeweitet<br />

hatten.<br />

Die ersten Hilfen für Selbstständige<br />

hatten jedoch einen entscheidenden Makel:<br />

Sie sollten nur für betriebliche Ausgaben<br />

verwendet werden können, nicht<br />

aber für Lebenshaltungskosten, wofür<br />

die Betroffenen nach dem Willen des Bundes<br />

zusätzlich Grundsicherung (Hartz IV)<br />

beantragen sollten. Solo-Selbstständige<br />

verdienen ihr Einkommen in der Regel<br />

als Privatentnahme direkt aus dem, was<br />

nach Abzug der betrieblichen Ausgaben<br />

übrigbleibt und viele nutzen dafür<br />

nicht einmal nach privat und beruflich<br />

getrennte Bankkonten. Nach der Online-<br />

Beantragung fanden die meisten nach<br />

wenigen Tagen 9000 Euro auf ihrem Konto,<br />

die sie kaum ausgeben konnten und<br />

von denen sie ihre Miete nicht bezahlen<br />

durften. Der Aufschrei vor allem unter<br />

den Angehörigen der Kulturberufe war<br />

verständlicherweise groß und der Unternehmerlohn<br />

in den Corona-Hilfen bleibt<br />

seitdem das für sie bestimmende Thema,<br />

nicht zuletzt, weil bald die ersten Hilfen<br />

zurückgezahlt werden müssen.<br />

Bundesländer mit sehr starker<br />

Kreativwirtschaft hatten lange ergebnislos<br />

im Sinne der Künstler*innen mit<br />

dem Bund um den Unternehmerlohn<br />

gestritten und Baden-Württemberg und<br />

Nordrhein-Westfalen hatten in der Folge<br />

einen Extra-Anteil zu den Bundesmitteln<br />

eingeführt, aus dem der Unternehmerlohn<br />

entnommen werden durfte. Im<br />

Herbst schien sich ein Sinneswandel bei<br />

der Bundesregierung abzuzeichnen, als<br />

auch Bundeswirtschaftsminister Peter<br />

Altmeier vom Unternehmerlohn sprach.<br />

In den Bekanntmachungen zur Überbrückungshilfe<br />

III zeitgleich zum November-Lockdown<br />

wird nun eine nichtrückzahlbare<br />

Betriebskostenpauschale von<br />

insgesamt bis zu 5 000 Euro bis Juni<br />

<strong>2021</strong> eingeführt für Selbstständige, die<br />

keine Betriebskosten nachweisen können.<br />

Umgerechnet auf sieben Monate ist das<br />

ein geringer Maximalbetrag. Bundesfinanzminister<br />

Olaf Scholz meidet mit der<br />

Bezeichnung „Betriebskostenpauschale“<br />

hier weiterhin die Anerkennung von Privatentnahmen<br />

wie der Teufel das Weihwasser,<br />

auch, wenn die kleine Pauschale<br />

genau so verwendet werden wird.<br />

Zusätzlich hatten die Länder eigene<br />

Corona-Hilfen und Stipendienprogramme<br />

aufgesetzt, die wesentlich weniger<br />

restriktiv auf die Betriebskostenbeschränkung<br />

verzichteten. Neben grundsätzlichen<br />

Gerechtigkeitsfragen bei den<br />

unterschiedlichen Hilfen sind Detailfragen,<br />

zum Beispiel wer als Vollzeitkünstler*in<br />

gilt, hochproblematisch. So<br />

arbeiten zum Beispiel viele Autor*innen<br />

und Journalist*innen in Patchwork-Einkommensverhältnissen<br />

mit zusätzlichen<br />

Minijobs, um ihre oft lange unbezahlten<br />

Schaffensperioden abzufedern und fallen<br />

dabei durchs Raster der Corona-Förderungen,<br />

weil ihre künstlerische Arbeit<br />

steuerlich nur als Nebenverdienst gilt.<br />

Ende des Jahres 2020 scheinen die<br />

Nerven bei allen Akteur*innen blank<br />

zu liegen. Die Selbstständigen aus dem<br />

Kulturbereich werden nicht müde zu<br />

betonen, dass sie nicht arbeitslos seien,<br />

sondern zwangsweise ohne Einkommen.<br />

Die Veranstalter*innen, die das ganze<br />

Jahr über geplant, umgeplant, abgesagt,<br />

geöffnet und nun wieder geschlossen<br />

haben, können ihre mühsam erarbeiteten<br />

Hygienekonzepte im erneuten Lockdown<br />

nicht mehr umsetzen. Auf die zum Teil<br />

heftigen Reaktionen aus dem Kulturbereich<br />

ließen sich sowohl die Kulturstaatsministerin<br />

Monika Grütters zu Beginn<br />

der Krise wie die NRW-Kultusministerin<br />

6<br />

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