humanistisch! Das Magazin #12 - 1/2021
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
Die Stühle bleiben leer: Kultur in der Coronakrise – ein Zwischenbericht
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<strong>humanistisch</strong>! <strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong><br />
<strong>#12</strong> / Januar <strong>2021</strong> <strong>humanistisch</strong>!<br />
Hallo Olaf<br />
(Scholz – vizekanzler)<br />
Ich hoffe, Du bekommst<br />
diese Nachricht<br />
irgendwie über Freunde<br />
oder Verwandte. Ich<br />
wollte Deine Adresse nicht<br />
suchen im Telefonbuch.<br />
Bei der Unterstützung<br />
für Künstler ist Dir<br />
ein Fehler unterlaufen:<br />
Ich habe im November 2019<br />
gar kein Geld verdient,<br />
also kann man<br />
dafür ja auch keine<br />
75% ausrechnen.<br />
Bitte mache das<br />
anders. Zum Beispiel<br />
nehme den JAHRES-<br />
MONATSDURCHSCHNITT.<br />
Danke!<br />
Ein Appell Helge Schneiders<br />
über Facebook an Olaf Scholz<br />
entlarvte in wenigen Sätzen die<br />
Schwächen der geplanten<br />
Hilfsprogramme. Zum Glück besserte<br />
das Ministerium bald nach.<br />
Pfeiffer-Pönsgen Ende des Jahres zu<br />
Äußerungen hinreißen, die Kulturszene<br />
wolle Extrawürste.<br />
Unterschiedlich grau<br />
Die Realität von Kulturschaffenden,<br />
Kulturinstitutionen und angeschlossenen<br />
Gewerben sieht dabei unterschiedlich<br />
grau aus. Weit weniger mediale Aufmerksamkeit<br />
als die Soloselbstständigen<br />
fanden bisher die Kulturinstitutionen:<br />
Was als Verödung der Innenstädte durch<br />
Massenpleiten in der Gastronomie droht,<br />
gilt in ähnlicher Weise für die Kulturbetriebe,<br />
denn Veranstalter, Konzerthäuser,<br />
Ensembles und Produktionsstätten<br />
können ihre notwendigen Deckungsbeiträge<br />
seit einem Jahr nicht erwirtschaften.<br />
Konzertorte wie die Jazzclubs<br />
in Deutschland finanzieren sich nur zu<br />
einem Teil aus den Konzerterlösen – Infrastruktur<br />
und Personal sind häufig von<br />
Zuschüssen ihrer Kommunen abhängig.<br />
Die Kosten des laufenden Betriebs werden<br />
häufig durch Zusatzeinahmen aus Vermietungen<br />
und anderen wirtschaftlichen<br />
Nebengeschäften aufgefangen.<br />
Der Stadtgarten Köln, seit den 1980er<br />
Jahren einer der wichtigsten Orte für<br />
zeitgenössischen Jazz in Europa, finanziert<br />
sich zum beträchtlichen Teil über<br />
die angeschlossene Gastronomie und den<br />
Weihnachtsmarkt. Andere Clubs erzielen<br />
ihre Zusatzeinnahmen mit Vermietungen<br />
und Veranstaltungen in den Sommermonaten.<br />
Diese Einnahmen brachen im<br />
ersten Pandemiejahr um weit mehr als<br />
die Hälfte ein. Kredite würde den Betrieben<br />
hier kaum helfen, weil Tilgungen<br />
nur über Einsparungen in ihrem eigentlichen<br />
Zweck denkbar sind: im Kulturprogramm.<br />
Der Geschäftsführer eines<br />
Konzertortes berichtet, dass er mit den<br />
in seinem Bundesland tatsächlich unbürokratisch<br />
umgesetzten Corona-Hilfen<br />
eine Insolvenz bisher vermeiden konnte.<br />
Die Angestellten, vor allem die aus dem<br />
hauseigenen Gastronomiebetrieb, hätten<br />
jedoch einen hohen Preis bezahlt durch<br />
die Lohnabschläge in Kurzarbeit, die dort<br />
doppelt schmerzen, weil auch die Zuverdienste<br />
wie Trinkgelder wegfallen.<br />
Die gute Nachricht ist also: Die unterschiedlichen<br />
Corona-Hilfen von Bund<br />
und Ländern haben Kulturschaffende wie<br />
Kulturbetriebe am Leben erhalten, die<br />
andernfalls schon jetzt insolvent wären<br />
– wo sie ankommen, sind die Hilfen<br />
wirksam. Ohne sie hätten weite Teile<br />
der Kulturlandschaft bereits dieses Jahr<br />
nicht überlebt. In eine sichere Zukunft<br />
blicken die Betroffenen trotzdem nicht.<br />
Freie Kultur und<br />
freiwillige Leistungen<br />
Neben den Deckungsbeiträgen aus dem<br />
wirtschaftlichen Betrieb bilden die<br />
städtischen Betriebskostenzuschüsse ein<br />
Standbein der freien Kulturinstitutionen.<br />
Die Zuschüsse kommen aus Haushaltsposten,<br />
die „freiwillige Leistungen“<br />
genannt werden, womit sich das Problem<br />
schon von selbst erklärt: Die Gewerbeund<br />
Bettensteuereinnahmen der Kommunen<br />
sind in diesem Jahr eingebrochen.<br />
Die kommunalen Anteile an der Finanzierung<br />
steigender Hartz-IV-Zahlen könnten<br />
die kommunalen Haushalte bei gesunkenen<br />
Einnahmen im den nächsten Jahren<br />
zusätzlich belasten. Die gute Nachricht<br />
auch hier: Die Länder kompensieren mit<br />
Mitteln aus dem Bundesrettungsschirm<br />
die Gewerbesteuerausfälle in diesem<br />
Jahr, so dass es zur Zeit nicht nach einer<br />
drohenden Pleite der Kommunen aussieht.<br />
Klar wird aber auch, dass der Einsatz<br />
des Bundes für die Steuerausfälle der<br />
Kommunen auch <strong>2021</strong> nötig sein wird.<br />
Vor diesem Hintergrund erscheinen die<br />
Hilfen wie eine Wette. Wer hält länger<br />
durch: Virus oder öffentliche Haushalte?<br />
Digitalisiert und<br />
versendet<br />
Foto: © Jörgens.mi / CC BY-SA 3.0<br />
Während des ersten Lockdowns begannen<br />
Musiker*innen zwar damit, ihre<br />
ungebrochene Kreativität in Livestreams<br />
aus Privat- und Wohnzimmerkonzerten<br />
unter Beweis zu stellen, und auch<br />
Orchester und Konzertbetriebe investierten<br />
in Streaming-Formate. Der Modernisierungsschub,<br />
als der das Streaming<br />
verstanden wird, vollzieht sich allerdings<br />
vor dem Hintergrund der Auswirkungen<br />
des Internets auf die Verwertung<br />
geistigen Eigentums, die zuerst die<br />
Musikindustrie betroffen hatten. Um die<br />
Jahrtausendwende war der Umsatz von<br />
Tonträgern etwa um die Hälfte eingebrochen<br />
und hatte sich seitdem auf diesem<br />
Niveau stabilisiert. Streamingdienste<br />
wie Spotify verschärfen dieses Ungleichgewicht,<br />
während heute weite Teile der<br />
Konsument*innen von ihrem Anspruch<br />
auf kostenlosen Content im Netz überzeugt<br />
sind. <strong>Das</strong> Livekonzert hatte dabei<br />
als Gegenbewegung zur Digitalisierung<br />
ein unerwartetes Comeback erlebt, und<br />
eine Reihe von Künstler*innen und Gewerben,<br />
von der Künstleragentur bis zum<br />
Bühnenbauer, hatten davon profitiert.<br />
Livestreams können deren Einnahmeausfälle<br />
unter Corona nicht ersetzen. Der<br />
Schub, den die Pandemie für die Digitalisierung<br />
der Arbeit von Künstler*innen<br />
und Veranstalter*innen darstellt, ist also<br />
äußerst ambivalent. Denn auf der einen<br />
Seite ist Sichtbarkeit und Content-Vermittlung<br />
im Netz eine wachsende Notwendigkeit,<br />
auf der anderen Seite lässt<br />
das ständige Zufüttern von Kostenlos-<br />
Content die Produzent*innen gleichzeitig<br />
zur Ursache eigener Probleme werden.<br />
Der Kulturbereich ist hier vielleicht Vorreiter<br />
von Entwicklungen, die die digitale<br />
Revolution auch für andere Berufssparten<br />
mit sich bringt. Die Corona-Krise<br />
beschleunigt und verschärft hier die<br />
Entwicklungen.<br />
Zwischen Systemrelevanz<br />
und Extrawurst<br />
Um der Angst vor Marginalisierung entgegenzuwirken,<br />
hatten die Künstler*innen<br />
früh den leidigen Begriff der Systemrelevanz<br />
für sich in Anspruch genommen.<br />
Einerseits geht es hier natürlich um die<br />
Bedeutung der Kultur für das immaterielle<br />
Vermögen und den Zusammenhalt<br />
unserer Gesellschaft. Im Umkehrschluss<br />
verbirgt sich aber das Gegenteil von<br />
Zusammenhalt: die Abwertung anderer<br />
Berufsgruppen als weniger oder gar nicht<br />
systemrelevant. Sehr viele Musiker*innen<br />
hatten das in ihrer Ablehnung von Hartz<br />
IV zum Ausdruck gebracht: ohne Einkommen,<br />
aber nicht ohne Arbeit zu sein und<br />
daher „nicht zu Hartz IV zu gehören“. Nun<br />
sind nicht alle anderen Bezieher*innen<br />
von Grundsicherung arbeitsverweigernd<br />
und das Kriterium für die Berechtigung<br />
dazu lautet ja eben gerade nicht Arbeitslosigkeit,<br />
sondern wirtschaftliche Notlage.<br />
Die Rufe aus dem Kulturlager nach<br />
Systemrelevanz und die Abgrenzung von<br />
Hartz IV tragen aber unschöne Untertöne<br />
bis hin zur Stigmatisierung von Grundsicherungsbezieher*innen.<br />
Der Vergleich<br />
der Forderungen aus der Kultur mit<br />
„Extrawürsten“ greift diese Untertöne<br />
sozusagen von Oben, aus der Perspektive<br />
der politischen Entscheidungsmacht, auf.<br />
Legitim wäre aber auch eine Kritik von<br />
der Seite und von Unten, durch Berufsgruppen,<br />
die ebenfalls unter der Krise leiden<br />
und deren Probleme weniger im Licht<br />
der Öffentlichkeit stehen. Prekäre Selbstständigkeit,<br />
Niedriglohn und mangelnde<br />
Absicherung bei Arbeitslosigkeit sind<br />
eben nicht nur Probleme des Kulturbereiches,<br />
sondern Teil der Lebenswirklichkeit<br />
derjenigen, die unser Gemeinwesens auf<br />
verschiedenen Ebenen zusammenhalten:<br />
der Niedriglöhner*innen im Gastronomie-<br />
und Service-Bereich, der überlasteten<br />
Arbeitnehmer*innen im Pflegebereich<br />
und der prekären Erwerbssituation in<br />
Publizistik und Journalismus, Bildung<br />
und Wissenschaft.<br />
Nach Corona<br />
<strong>Das</strong>s die freie Kultur in der Coronakrise<br />
nur durch massive Hilfsprogramme vor<br />
dem direkten Fall in Grundsicherung<br />
geschützt werden kann verdeutlicht, wie<br />
dünn das Eis für die allermeisten soloselbstständigen<br />
Geistesarbeiter*innen<br />
ist. Für sie gibt es bisher keine wirksame<br />
Arbeitslosenversicherung und die<br />
bürokratischen Zwangsmaßnahmen des<br />
Hartz-IV-Systems sind so unternehmerfeindlich,<br />
dass Grundsicherung während<br />
der Selbstständigkeit häufig mit neuen<br />
Schulden durch Rückforderungen ausgeht.<br />
Vor Einführung der ersten Corona-<br />
Hilfen waren deshalb die Rufe nach einem<br />
bedingungslosen Grundeinkommen<br />
lauter geworden. Seit der Einführung des<br />
Corona-Schutzschildes widerspricht vor<br />
allem der Bundesfinanzminister vehement<br />
sowohl den großen Forderungen<br />
nach einem bedingungslosen Corona-<br />
Grundeinkommen, wie auch dem wesentlich<br />
bescheideneren Wunsch nach Unternehmerlohn<br />
mit dem Argument, dafür sei<br />
die Grundsicherung da und Zuschüsse zu<br />
Lebenshaltungskosten würden Gleichbehandlungsgrundsätze<br />
verletzen. Mit ein<br />
bisschen Abstand betrachtet, stehen die<br />
Ablehnung von Zuschüssen zum Unternehmerlohn<br />
seitens der Bundesregierung<br />
und die Abwehr von Grundsicherung<br />
seitens der Kulturschaffenden vielleicht<br />
in einer wechselseitigen Beziehung zueinander<br />
und verbauen so den Blick auf<br />
den grundsätzlichen Reformbedarf des<br />
bestehenden Gefüges. Bereits die Entfristung<br />
der aktuellen Corona-Ausnahme-Grundsicherung<br />
mit einer deutlichen<br />
Anhebung der Zuverdienstgrenzen würde<br />
Selbstständigen mit ihren schwankenden<br />
Einkommen auch nach der Pandemie erheblich<br />
helfen. Zusätzlich oder alternativ<br />
wäre eine zugängliche und bezahlbare<br />
Arbeitslosenversicherung für Selbstständige<br />
sinnvoll – Beispiele dafür gibt es in<br />
der europäischen Nachbarschaft wie das<br />
französische Intermittent du Spectacle.<br />
Kunst und Kultur entfalten sich in<br />
einer ambivalenten Spannung von künstlerischer<br />
Intention und individuellem und<br />
gemeinschaftlichem Erleben. Die gleiche<br />
Musik wird von vielen gehört und doch<br />
von keinem gleich, und das Kunstwerk<br />
löst sich von der Intention der Künstler*in<br />
im Moment der Betrachtung. Kunst<br />
gibt uns die Möglichkeit, eine Vision für<br />
eine andere Gegenwart zu entwickeln, die<br />
wir in der Gemeinschaft erleben und diskutieren<br />
können.<br />
Am Ende geht es dabei nicht nur<br />
um die Frage, wie wir die Coronakrise<br />
überleben können. Sondern es geht dabei<br />
angesichts der fortschreitenden Polarisierung<br />
auch um die Vision, in welchem<br />
Land und in welcher Gemeinschaft wir<br />
uns nach der Krise wiederfinden möchten.<br />
Matthias Mainz<br />
Unser Gastautor Matthias Mainz ist transdisziplinär<br />
arbeitender Künstler und kuratierender<br />
Musiker und lebt in Köln und Berlin. Er ist<br />
Vorsitzender der Plattform für Transkulturelle<br />
Neue Musik e.V.. Corona-Stipendien des Landes<br />
NRW und des Bundes helfen auch ihm, 2020<br />
und <strong>2021</strong> weiterhin selbstständig künstlerisch<br />
tätig sein zu können. matthiasmainz.com<br />
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