Hölderlins Handschriften ... eine Interimsausstellung im Literaturmuseum der Moderne

LiteraturmuseenMarbach

Schiller, Hölderlin, Kerner, Mörike ...

Für das Schiller-Nationalmuseum erarbeiten wir zur Zeit ein neues Ausstellungskonzept. Daher sind kurz vor dem Corona-Lockdown im März 2020 vier Schriftsteller – Schwaben von Geburt und Autoren von Weltrang – vorläufig ins Literaturmuseum der Moderne umgezogen. Wir haben Dinge eingepackt, die ihre poetisch besonderen Seiten zeigen: Friedrich Schillers Spiele, Justinus Kerners Tintenklecksbilder und die eigenwilligen Aufschreibesysteme von Friedrich Hölderlin und Eduard Mörike.

Einige dieser Dinge stecken im Museum noch in Umzugskisten und können von den Besucher*innen selbst entdeckt werden. Andere haben wir auf Werkstatt-Tischen ausgepackt, nach Themen sortiert und durch Kommentare vernetzt. Beides haben wir nun in Hefte übersetzt, um neugierig auf das reale Museum zu machen und es zugleich für alle Besucher*innen auch in den digitalen Raum hinein zu öffnen.

#SchillerFreiSpiel #Hölderlin2020

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Hölderlin s

and-

chriften

eine Interimsausstellung

im Literaturmuseum

der Moderne


Vorab und

zuerst


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Schiller, Hölderlin, Kerner, Mörike ...

Für das Schiller-Nationalmuseum erarbeiten wir zur Zeit

ein neues Ausstellungskonzept. Daher sind kurz vor

dem Corona-Lockdown im März 2020 vier Schriftsteller –

Schwaben von Geburt und Autoren von Weltrang – vorläufig ins

Literaturmuseum der Moderne umgezogen. Wir haben Dinge

eingepackt, die ihre poetisch besonderen Seiten zeigen:

Friedrich Schillers Spiele, Justinus Kerners Tintenklecksbilder

und die eigenwilligen Aufschreibesysteme von

Friedrich Hölderlin und Eduard Mörike.

Einige dieser Dinge stecken im Museum noch in Umzugskisten

und können von den Besucher*innen selbst entdeckt werden.

Andere haben wir auf Werkstatt-Tischen ausgepackt, nach

Themen sortiert und durch Kommentare vernetzt. Beides –

den Inhalt der Umzugskisten und die vorübergehende Ordnung

der Dinge aus deren Nachlass – haben wir nun in digitale

Hefte übersetzt, um neugierig auf das reale Museum zu

machen und es zugleich für alle Besucher*innen auch in den

digitalen Raum hinein zu öffnen.

#SchillerFreiSpiel

Schiller war Hölderlins großes Vorbild. Schon der 12-jährige Stiftschüler

ist fasziniert vom „Räuber“-Ton und übt ihn wenig später in Gedichten ein:

„Sieh! er lauscht, schnaubend Tod – / Ringsum schnarchet der Hauf, / Des Mordes

Hauf, er hörts, er hörts, im Traume hört‘ ers, / Ich irre, Würger, schlafe,

schlafe.“ 1793 bewahrt der elf Jahre ältere Schiller den frisch examinierten

Tübinger Theologie-Studenten vor einer verhassten Tätigkeit als Pfarrer und

vermittelt ihn als Hauslehrer nach Jena, was jedoch nicht gut geht. Hölderlin

verlässt Jena und Schiller antwortet nur noch spärlich und dann gar nicht mehr.

– Für unser Projekt Fehlt Ihnen / Dir Schiller? (gefördert vom Ministerium

für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg im Rahmen des Impulsprogramms

„Kunst trotz Abstand“) suchen wir Ihre und Deine Lieblingsexponate.

Über eine Mail an uns mit einer kurzen Begründung (museum@dla-marbach.de)

freuen wir uns sehr.


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7

Hölderlin

Hands

schriften

Friedrich Hölderlins Gedicht-

Handschriften gehören zu

den meist interpretierten

der Literaturwissenschaft.

Hölderlin selbst veröffentlichte

seine Gedichte nie als

Sammlung, sondern nur verstreut

in Almanachen und Zeitschriften.

Viele blieben

Fragment. Im 20. Jahrhundert

wurden gerade diese fragmentarischen

Gedichte zum Inbegriff

der modernen Poesie. Die

Handschriften scheinen das

konkrete, begreifbare Gegenstück

zu den ‚dunklen‘

Gedichten.


Der Literaturwissenschaftler

Walter Benjamin zitiert in

einem Text über Hölderlin den

romantischen Schriftsteller

Novalis: „Jedes Kunstwerk

hat ein Ideal a priori, eine

Notwendigkeit bei sich, da

zu sein.“ Benjamin nennt das

die „innere Form“ des Gedichts.

So etwas wie diese „innere

Form“ scheint in Hölderlins

Manuskripten an die Oberfläche

zu kommen. Der Text entwickelt

sich nicht nur auf

dem Papier, sondern tatsächlich

auch aus dem Papier heraus.

zwei Entwürfe der Hymne Tinian

(1800/01): Hölderlin steckt

mit einzelnen Wörtern wie „Wohlduftend“,

„Sonnenvögel“, „Welttheil“

(vom Hölderlin-Editor Friedrich

Beißner als „Keimwörter“ bezeichnet)

und halben Versen wie „Süß ists

zu irren / In heiliger Wildniß“ auf

dem Papier allmählich das Gedicht

ab, als ob er eine verborgene

Struktur freilegen würde.


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‚körperliche‘, durch das Streichen

sichtbar gemachte fest umrissene

Gestalt einer Gedichtstrophe in

Hölderlins Der Lorbeer (1788, überarbeitet

im Februar 1789).

von Verehrern in drei Teile geschnittenes

und im Archiv wieder

zusammengefügtes Doppelblatt

aus Hölderlins Hyperion-Manuskript

(1797/99, vorletzte Fassung). In

diesem Roman kämpfen die Helden

für das Vaterland (in diesem Fall:

Griechenland) und die Freiheit

und erkennen enttäuscht, wie im

Krieg aus ihren Idealen ein

Kampf um Macht statt um Gleichheit

wird. Hölderlin verwendete dafür

sogar das passende Papier aus

Frankreich – entstanden zur Zeit

der Französischen Revolution, das

mit einem besonderen Wasserzeichen

versehen worden ist: der phrygischen

Mütze der Jakobiner und der

Inschrift PRO PATRIA LIBERTATE

(in Anspielung auf Sallusts Bellum

Catilinae: „Nos pro patria, pro

libertate, pro vita certamus;

illis supervacaneum est pugnare pro

potentia paucorum“, „Wir kämpfen

um Vaterland, um Freiheit, um Leben;

jene drängt nichts, für die Macht

einiger weniger zu kämpfen“).


Locken von Hölderlin

Wie bei Schiller und Mörike

sind die Dinge aus Hölderlins

Nachlass in einen sozialen

Rahmen eingebunden: Sie sind

Freundschafts- und Liebesgaben,

die das Leben mit der

Poesie verweben. Im Fall

von Hölderlin tun sie das mit

Pathos und Tragik und nicht

mit Ironie und Spiel.

Das berühmteste Beispiel für diese

Art von ‚social media’ ist die

Widmung „Wem sonst als Dir“, die

Hölderlin 1799 mit roter (jetzt

braun gewordener) Tinte für Susette

Gontard in ein Exemplar des Hyperion

geschrieben hat. Die Widmung spielt

auf die Romanstelle an, an der

Hyperion dem Marmordenkmal des Dichters

Homer eine Locke opfert. „Wem

sonst, als dir?“ ruft Hyperion nach

einer langen Pause: „Wir sprachen

kein Wort, wir berührten uns nicht,

wir sahen uns nicht an, so gewiß von

ihrem Einklang schienen alle Gemüter

in diesem Augenblicke, so über

Sprache und Äußerung schien das zu

gehen, was jetzt in ihnen lebte.“

Hölderlin und dann auch Susette

Gontard, die drei Jahre später mit

33 Jahren stirbt, unterstreichen

im Buch Stellen, die sich auf sie

beide beziehen: Diotima ist Susette,

Hyperion Hölderlin. Das Verhältnis

findet im Verborgenen statt. Vorne im

Buch steht eine offizielle Widmung:

„Der Einfluss edler Naturen ist

dem Künstler so nothwendig, wie das

Tagslicht der Pflanze, und so wie

das Tagslicht der Pflanze sich

wieder findet, nicht wie es selbst

ist, sondern nur im bunten irdischen

Spiele der Farben, so finden edle

Naturen nicht sich selbst, aber

zerstreute Spuren ihrer Vortrefflichkeit

in den mannigfaltigen Anstalten

und Spielen des Künstlers.

Der Verfasser“.


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1807 wird Hölderlin mit der Diagnose

„unheilbar wahnsinnig“ in der

Tübinger Schreinerfamilie Zimmer

zur Pflege untergebracht. Die überlieferten

Gedichte, die er dort in

einem Turmzimmer oberhalb des Neckars

schreibt, sind anders als seine

frühen gereimt. Sie wiederholen nicht

nur Silben- und Akzent-Folgen,

sondern auch den Klang der Wörter,

was bei den kurzen Zeilen für

den Effekt sorgt, als bringe sich

die Sprache selbst hervor – unabhängig

von einer Person, welche ihr

Bedeutung und Stimme gibt. Die späten

dieser ich-losen ‚Automaten‘-Texte

schrieb Hölderlin auf Wunsch seiner

Besucher als Geschenk für diese auf.

Viele wiederholen Motive und Wörter

wie ‚Sommer‘, ‚Frühling‘, ‚Herbst‘,

‚Winter‘, ‚Aussicht‘, ‚Herz‘,

‚Mann‘, ‚Kind‘, ‚Freund‘, ‚Mensch‘

und ‚Seele‘, die Datierung der Texte

steht außerhalb der Realität, ebenso

der ‚Verfassername‘ ‚Scardanelli‘:

Der Sommer

Freundschaftsband, vermutlich

1804 anlässlich der Hochzeit von

Hölderlins geliebter Cousine

Eberhardine Blöst mit Hölderlins

Bruder Carl Gock von den Geschwistern

angefertigt (Henriette/

Heinrike ist die Schwester

von Hölderlin, Louis der Bruder

von Eberhardine).

Die Tage gehn vorbei mit sanffter Lüffte Rauschen,

Wenn mit der Wolke sie der Felder Pracht vertauschen,

Des Thales Ende trifft der Berge Dämmerungen,

Dort, wo des Stromes Wellen sich

hinabgeschlungen.

Der Wälder Schatten sind umhergebreitet,

Wo auch der Bach entfernt hinuntergleitet

Und sichtbar ist der Ferne Bild in Stunden,

Wenn sich der Mensch zu diesem Sinn gefunden.

Lotte Zimmer notierte auf das ausgestellte

Blatt im Juli 1842, ein Jahr vor Hölderlins Tod:

„vor einigen Tagen schrieb Er dieses, unterschreibt

aber immer diesen Namen /[Scardanelli], und lebt in

seinen Gedanken, immer im 18ten Jahrhundert.


Hölderlins späte Gedichte

haben sich erhalten, weil

Freunde und Bewunderer sie

gesammelt oder auch abgeschrieben

haben – fasziniert

von deren Spannung zwischen

Schönheit, Unverständlichkeit

und Sinnlosigkeit.

„Pallaksch!“ soll Hölderlins

Lieblingswort gewesen sein,

das er gebrauchte, wenn „er

sich die Mühe nicht nehmen

wollte, nachzudenken, ob

Ja oder Nein zu sagen wäre“.

Justinus Kerner, der als

20-jähriger Medizinstudent

Hölderlin 1806/07 betreut

hat, lässt 1811 den wahnsinnigen

Dichter Holder

im grotesken Schattenspiel-

Roman Reiseschatten als

Verkörperung der absoluten

Poesie auftreten: „ha! ha!

ha! tanzt! das ist ja die

Musik!


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1822 besuchte der 18-jährige Theologiestudent

Wilhelm Waiblinger

erstmals Hölderlin, 1827 schrieb

er die erste Biografie: Friedrich

Hölderlin’s Leben, Dichtung und

Wahnsinn. Darin erzählt er, wie

Hölderlin von sich und mit anderen

sprach („Ich, mein Herr, bin

nicht mehr von demselben Namen,

ich heiße nun Killalusimeno. Oui,

Eure Majestät“), sang („In welcher

Sprache, dass konnte ich nie

erfahren, so oft ich es auch hörte;

aber er that es mit überschwenglichem

Pathos“) und dachte („gewöhnlich

laut“, „im Widerstreit zwischen

Nein und Ja“, „Kamalattasprache“).

Waiblingers Mitstudenten Eduard

Mörike und Johannes Mährlen besuchten

Hölderlin ebenfalls. Der erste

begutachtete, sammelte die Handschriften,

bezeugte deren Echtheit

und versuchte deren Entstehungsprozess

nachzuempfinden. Mörike bewahrte

auch das von den Freunden Johann

Georg Schreiner und Rudolph Lohbauer

am 27.7.1823 „gleichsam wehmüthig

spielend miteinander auf einen Wisch

Papier“ gezeichnete Hölderlin-Porträt

auf, ebenso ein Relief-Porträt

von Susette Gontard von unbekannter

Herkunft.


Seht ihr den Kern des

Lichts ins blaue Weltall

gesteckt? Wolken! ihr Blätter

von Azur und Gold! Jetzt

dehnt er sich, jetzt ist er

Knospe, – spring auf! nun

wogt es, nun strömt es,

Farbe, Licht und Ton, die

duften aus dem Kelche aus – –

es atmen die Berge, die

Täler und Klüfte, und saugen

und trinken mit Ungestüm.“


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Johannes Mährlen schrieb ein Gedicht ab, das

Hölderlin einem anderen Studenten als Gegengabe

für eine Pfeife Tabak geschenkt hat, Aussicht:

Wenn Menschen fröhlich sind, ist dieses vom Gemüte,

Und aus dem Wohlergehn, doch aus dem Felde kommet,

Zu schaun der Bäume Wuchs, die angenehme Blüte,

Da Frucht der Ernte noch den Menschen wächst und frommet.

Gebirg umgibt das Feld, vom Himmel hoch entstehet

Die Dämmerung und Luft, der Ebnen sanfte Wege

Sind in den Feldern fern, und über Wasser gehet

Der Mensch zu Örtern dort die kühn erhöhten Stege.

Erinnerung ist auch dem Menschen in den Worten,

Und der Zusammenhang der Menschen gilt die Tage

Des Lebens durch zum Guten in den Orten,

Doch zu sich selber macht der Mensch des Wissens Frage.

Die Aussicht scheint Ermunterung, der Mensch erfreuet

Am Nutzen sich, mit Tagen dann erneuet

Sich sein Geschäft, und um das Gute waltet

Die Vorsicht gut, zu Dank, der nicht veraltet.

Erstausgabe von Hölderlins Gedichten

(1826 herausgegeben von Gustav

Schwab und Ludwig Uhland), die der

Schwab-Sohn Christoph Theodor im

Februar 1841 Hölderlin mit der

Widmung „Dem Verfasser als Zeichen

seiner Verehrung und Liebe“ schenken

wollte – Hölderlin schrieb in den

Band allerdings nur vorne und hinten

etwas hinein, unterschrieb mit

‚Scardanelli‘ und gab ihn zurück:

Überzeugung

Als wie der Tag die Menschen hell umscheinet,

Und mit dem Lichte, das den Höh’n entspringet,

Die dämmernden Erscheinungen vereinet,

Ist Wissen, welches tief der Geistigkeit gelinget.


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Hölderlins Texte und Dinge, die

wir als bedruckte Plexiplatten

in Umzugskisten gepackt haben –

auf den 18 Plattenhüllen finden

sich jeweils die Kommentare. >>


Hölderlin

treich-H1Ichbild

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1788 schreibt der 18-jährige Hölderlin sein Gedicht

Der Lorbeer ins Reine, in dem er Klopstock, Goethe

und Edward Young (die großen Erneuerer der Lyrik zu

seiner Zeit) bewundert und ihnen nacheifern möchte:

Laßt michs sagen, Spötter! laßt michs sagen –

Sterben würd’ ich, dieser Mann zu sein,

Martern wolt’ ich dulden, so zu klagen,

Höllenqualen, so zu Gott zu schrein.

Im April 1789 streicht er diese Strophe sorgfältig

aus und ersetzt sie durch ein bescheideneres

Selbstbild, das auch ohne „ich“ funktioniert:

Ha! der Wonne! ferne nur zu stehen

Lauschend ihres Liedes Flammenguß,

Ihres Geistes Schöpfungen zu sehen

Warlich! es ist Himmelsvorgenuß.

Aber still! die goldne Bubenträume

Hört in ihrer Nacht die Zukunft nicht –

Schon so manche Früchte schöner Keime

Logen grausam mir ins Angesicht.

O vieleicht, daß diese Bitterkeiten –

Dacht’ ich – stärker bilden deinen Geist!

Daß die Stille höher deine Saiten

Stimmt, zu mänlichen Gesang dich reißt!

Euch zu folgen, Große! – Werd ichs können?

Wirds einst stärker, eures Jünglings Lied?

Soll ich in die Schranken hinzu rennen [ergänzt: Bahn, zum Ziel zu rennen,]

Dem diß Auge so entgegenglüht.

Lieber Gott! wie oft ich schwacher dachte,

Wie ichs tröstete das arme Herz

Wenn ich Nächte kummervoll durchwachte,

O so oft, so oft in meinem Schmerz,

Wann der Stolz verächtlich niederschaute,

Wan der Eitle meiner spottete,

Dem vor meinen Sittensprüchen graute,

Wenn oft selbst – mich floh – der Edlere;

Nein! ich wolte nichts auf dieser Erden!

Dulden all’ der Welt Verfolgungen

Jedes Drangsaal, jegliche Beschwerden,

All des Neiders bittre Schmähungen – –

Wann mein Yung in dunkeln Einsamkeiten

Rings versammelnd seine Todte wacht,

Himmlischer zu stimmen seine Saiten

Für Begeistrungen der Mitternacht – –

Ha! der Wonne! ferne nur zu stehen

Lauschend ihres Liedes Flammenguß,

Ihres Geistes Schöpfungen zu sehen

Warlich! es ist Himmelsvorgenuß.

Wann ein Klopstok in des Tempels Halle

Seinem Gott das Flammenopfer bringt

Und in seiner Psalmen Jubelschalle

Himmelan sich seine Seele schwingt –

Dank dir! aus dem schnadernden Gedränge

Nahmst du mich, Vertraute! Einsamkeit!

Daß ich glühend von dem Lorbeer singe,

Dem so einzig sich mein Herz geweiht.

Der Lorbeer. 1789.


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Hölderlin

Wort-

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insel-

lan

H 2


Hölderlin steckt mit einzelnen Wörtern wie „Wohlduftend“,

„Sonnenvögel“ und „Welttheil“ und halben Versen wie

„Süß ists zu irren / In heiliger Wildniß“ allmählich seine

Hymne Tinian (1800/01) ab. Die Südseeinsel Tinian ist

für Hölderlin wie für den französischen Philosophen Jean-

Jacques Rousseau Inbegriff ursprünglicher Natur.


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Hölderlin

entstehungs-

ext-

ein-

H 3

27sicht


Eduard Mörike kopiert 1846 die Ode Heidelberg („Lange lieb

ich dich schon …“) aus Hölderlins „Concept mit sämmtlichen

Correcturen“ für seinen Freund Wilhelm Hartlaub: „Es wird

Dich unterhalten in die Entstehung dieses Stücks hineinzusehn,

wie es sich nach u. nach gereinigt hat, Gedanke u. Ausdruck

immer klarer u. kräftiger wurde. Es ist theils mit der Feder

theils mit dem Bleistift geschrieben; die halbverwischten

Züge des letzten sind nur eben noch lesbar“.


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Hölderlin

Dop

pel-

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anrufung

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Beim Jova!

Die Anrufungsformel ,o‘ ist eines von Hölderlins

wichtigsten Gedichtwörtern. Sie erinnert an den

Ursprung des Gedichts im Gebet. Im zweiten Entwurf

seiner Ode Ermunterung (1800) stellt Hölderlin der

Anrufung „O Hoffnung“ noch einen Schwur auf den

O Hoffnung! bald, bald singen die Haine nicht

Des Lebens Lob allein, denn es ist die Zeit,

Daß aus der Menschen Munde sich sie, die

Schönere Seele, sich neuverkündet,

hebräischen Namen Gottes (Jehovah, Jahwe oder auch

Jova) voran und setzt seinen eigenen Namen als

Gegenstück an das Ende.

Dann liebender im Bunde mit Sterblichen

Das Element sich bildet, und dann erst reich,

Bei frommer Kinder Dank, der Erde

Brust, die unendliche, sich entfaltet

Und unsre Tage wieder, wie Blumen, sind,

Wo sie, des Himmels Sonne, sich ausgetheilt

Im stillen Wechsel sieht und wieder

Froh in den Frohen das Licht sich

findet,

Und er, der sprachlos waltet und unbekannt

Zu künftiges bereitet, der Gott, der Geist

Im Menschenwort, am schönen Tage

Kommenden Jahren, wie einst, sich ausspricht.

Hölderlin.


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Hölderlin

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Freiheitsasser-

zeichen

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Von Verehrern auseinandergeschnittenes Doppelblatt von

Hölderlins Hyperion (1797/99, vorletzte Fassung), auf

französischem Papier mit der phrygischen Mütze der Jakobiner

und der Inschrift PRO PATRIA LIBERTATE als Wasserzeichen

(in Anspielung auf Sallusts Bellum Catilinae: „Nos pro

patria, pro libertate, pro vita certamus; illis supervacaneum

est pugnare pro potentia paucorum“ – ‚Wir kämpfen um

Vaterland, um Freiheit, um Leben; jene drängt nichts, für

die Macht einiger weniger zu kämpfen‘).

Für Vaterland, Griechenland und Freiheit kämpfen auch die

Romanhelden, die enttäuscht erkennen, wie im Krieg aus

ihren Idealen ein Kampf um Macht, nicht um Gleichheit wird.


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Hölderlin

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Liebes-

wahrheit


Als 1799 der zweite Band des Hyperion erscheint, lässt Hölderlin

für seine ,Diotima‘ Susette Gontard die Broschur mit dem ersten

Band von 1797 zusammenbinden und den Deckel innen mit rotem

Papier beziehen. Er schreibt zwei Widmungen hinein, in die Mitte

vor den zweiten Teil das berühmte „Wem sonst als Dir“, korrigiert

sorgfältig Fehler, unterstreicht mit Tinte ihm wichtige Stellen

wie „Du bewahrst die heilige Flamme, du bewahrst im Stillen

das Schöne, dass ich es wiederfinde bei dir“ und erläutert in

einem Brief:

Hier unsern Hyperion, Liebe!

Ein wenig Freude wird diese

Frucht unserer seelenvollen Tage

Dir doch geben. Verzeih mirs,

daß Diotima stirbt. Du erinnerst

Dich, wir haben uns ehmals

nicht ganz darüber vereinigen

können. Ich glaubte, es wäre,

der ganzen Anlage nach,

nothwendig. Liebste! alles, was

von ihr und uns, vom Leben

unseres Lebens hie und da gesagt

ist, nimm es wie einen Dank,

der öfters um so wahrer ist,

je ungeschikter er sich ausdrükt.

Susette Gontard zeichnet mit Bleistift weitere Stellen an, die nur

für sie bestimmt scheinen. Die letzte davon: „Auch wir, auch wir

sind nicht geschieden, Diotima und die Thränen um dich verstehen

es nicht“.


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Hölderlin

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Sparsamchreiben

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„Mein Herz erweiterte sich

in all den Erwartungen

deß, das ich sehen und hören

werde.“ Anfang Juni 1788

darf der 18-jährige

Hölderlin von Maulbronn aus

nach Bruchsal, Heidelberg,

Mannheim und Speyer reisen

– seiner Mutter schickt er

das Reisetagebuch als Beleg

und eine Auflistung der

Kosten:

Liebste Mamma! Hier ein Stük meines Reisetagebuchs. Sie

müssen eben vorlieb nehmen mit dem Gesudel, ich schriebs oft

halb im Schlaf, eh ich zu Bette gieng. Ich denke noch immer mit

Vergnügen an die, obschon kurze fünftägige, doch weite Reise.

Ich reiste von Mannheim aus noch weiter nach Frankenthal –

wie Sie nächstens hören werden. Für Also tausend Dank, liebste

Mamma, für das mir gemachte Vergnügen. Ich habe Ihnen

versprochen, alles aufzuschreiben – hier ist es. // In Bruchsaal

Zeche – – – – – 43 cr / Fahrlohn über den Rhein – – – – 8 cr /

Zu Rheinhausen Zeche – – – – 7 cr. / Wieder Fahrlohn über den

Rhein – – – 24 cr. / In der Mannheimer Comedie – – – – 48 cr. /

Dem Mannheimer Peruqieu – – – – 24 cr. / Zu Frankenthal

zahlt ich die Zeche – – – 1 f 58 cr. / Zu Speier Trinkgeld

– – – – 36 cr. / Dem Speirer Peruqieu – – – – 24 cr. /

Von Speier zurük nahm ich ein Pferd – – – 1 f 30 cr. / In

Bruchsaal für den Mann Zeche – – – 15 cr / Für das Pferd im

Hinabreisen – – – 2 f / Mit Kleinigkeiten – – – – – 1 f. //

Summa 10 f 17 cr. // Blum zahlte auf der Reise die meiste Zeche,

wie Sie sehen werden – ich kam also herrlich davon. Wenn ich

nur auch mündlich erzählen könte. Sagen Sie dem lieben Carl,

in der Fortsezung komme viel vor von großen Schiffen, mit

Seegeln, und Mastbäumen. Er soll sich nur recht freuen. Denken

Sie, liebste Mamma, ich war nicht ganz wohl, eh’ ich abreiste,

nahm noch den Abend vorher Arznei zu mir – habe mich aber

so gesund gereißt, daß mirs jedermann ansieht. Ich habe noch

viel zu thun. Ich schließe also mit der Versicherung, daß ich sei

Ihr gehorsamster Sohn Hölderlin.


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Hölderlin

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aufnahme

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Pass-


Am 28. September 1802 ließ sich

Hölderlin vom „Herzoglich

Wirtembergischen Oberamt Nürtingen“

einen Pass für eine vierwöchige

Reise über Blaubeuren und Ulm nach

Regensburg ausstellen: „Statur 6F

hoch, braune Haare, hohe Stirne,

braune Augbraunen, braune Augen

gerade Nase, rötliche Wangen,

mittelmäßiger Mund, schmale Lippen,

angelaufene Zähne, brauner

Bart, rundes Kinn, länglichstes

Angesicht, breite Schultern und

ohne Gebrechen, 32 Jahre alt“.


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Hölderlin

artenaus-

ichter-

H 9

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Vier von Hölderlins Besuchern im Tübinger Turm – vorne links:

Rudolf Lohbauer, in dessen Gartenhaus am Tübinger Österberg

sich der Freundeskreis traf und der die Tuschzeichnung 1823

angefertigt hat, mit entblößter Brust und einer Art phrygischer

Mütze, hinten links Eduard Mörike mit umkränztem Krempenhut,

daneben Wilhelm Waiblinger mit Pfeife und Schiffermütze, vorne

rechts Ernst Friedrich Kauffmann.


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Hölderlin

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Achtehn

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„Hoelderlin in seinem 18ten Jahr“

von seinem Jugendfreund Immanuel

Gottlieb Nast gezeichnet.


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Zweiundieb-

ig

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Hölderlin 1842 gezeichnet von

Louise Keller.


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Hölderlin

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aktehler

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Eduard Mörike schreibt aus Hölderlins Handschrift

eine wohl um 1809 entstandene, von ihm auf 1823/24

datierte „metrische Poesie“ ab und prüft das

alkäische Strophenmaß (je zwei Mal elf, ein Mal neun

und ein Mal zehn Silben). „Von Krankheitsspuren

fällt am stärksten das unwillkührliche Abreißen der

schwungvollen Reflexion, bei dem jähen Eintreten

des landschaftlichen Bildes, in der zweiten Strophe

auf. Und bei „Herunter, wo der Obstbaum blühend

darüber steht“ sind zwei Silben „überzählig“.

Wenn aus dem Himmel hellere Wonne sich

Herabgießt, eine Freude den Menschen kommt,

Daß sie sich wundern über manches

Sichtbares, Höheres, Angenehmes,

Wie tönet lieblich heil’ger Gesang dazu!

Wie lacht das Herz in Liedern die Wahrheit an,

Daß Freudigkeit an einem Bildniß (- -)

Über dem Stege beginnen Schaafe

Da, wo des Stromes regsame Wellen sind,

Daß einer, der vorüber des Weges kommt,

Froh hinschaut, da erhebt der Berge

Sanfte Gestalt und der Weinberg hoch sich.

Den Zug, der fast in dämmernde Wälder geht,

Die Wiesen aber, welche mit lautrem Grün

Bedekt sind, sind wie jene Haide,

Welche gewöhnlicherweise nah ist

Zwar gehn die Treppen unter den Reben hoch

Herunter, wo der Obstbaum blühend darüber steht

Und Duft an wilden Heken weilet,

Wo die verborgenen Veilchen sprossen.

Dem dunkeln Walde. Da, auf den Wiesen auch

Verweilen diese Schaafe. Die Gipfel, die

Umher sind, nakte Höhen sind mit

Eichen bedeket und seltnen Tannen.

Gewässer aber rieseln herab und sanft

Ist hörbar dort ein Rauschen den ganzen Tag;

Die Orte aber in der Gegend

Ruhen und schweigen den Nachmittag durch.


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Hölderlin

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H 13

1

Lebenselodie


Stundenlang soll Hölderlin im Turm auf dem Klavier

das Liebesduett „Nel cor più non mi sento“ aus

Giovanni Paisiellos Oper La molinara (1788) variiert

haben:

Mich fliehen alle Freuden

Ich sterb vor Ungeduld

An allen meinen Leiden

Ist nur die Liebe schuld

Es quält und plagt mich immerhin

Ich weiß vor Angst nicht mehr wohin

Wer hätte das gedacht?

Die Liebe, ach, die Liebe

hat mich soweit gebracht

Ich weiß wohl was mir fehlet

Ich sterbe fast vor Leid

Was mich am Herzen quälet

Ist deine Sprödigkeit

Du drehst dich nach dem Winde

Tust wie ein Wetterhahn

Drum komm mein Kind, geschwinde

Die Liebe, ach, die Liebe

Die Lieb ist schuld daran

Da nicht überliefert ist, ob Hölderlin Paisiellos

Duett spielte (hier in einer Aufnahme mit Elisabeth

Verlooy und Fritz Wunderlich mit freundlicher

Genehmigung des SWR) oder Ludwig van Beethovens

Sechs Variationen über das Duett „Nel cor più non

mi sento“ aus der Oper „La molinara“, (hier in

einer Aufnahme von Michael Tsalka mit freundlicher

Genehmigung von Brillant Classics) haben wir

beides auf Schallplatte gebrannt.


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Hölderlin

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Lebenselodie


Stundenlang soll Hölderlin im Turm auf dem Klavier

das Liebesduett „Nel cor più non mi sento“ aus

Giovanni Paisiellos Oper La molinara (1788) variiert

haben:

Mich fliehen alle Freuden

Ich sterb vor Ungeduld

An allen meinen Leiden

Ist nur die Liebe schuld

Es quält und plagt mich immerhin

Ich weiß vor Angst nicht mehr wohin

Wer hätte das gedacht?

Die Liebe, ach, die Liebe

hat mich soweit gebracht

Ich weiß wohl was mir fehlet

Ich sterbe fast vor Leid

Was mich am Herzen quälet

Ist deine Sprödigkeit

Du drehst dich nach dem Winde

Tust wie ein Wetterhahn

Drum komm mein Kind, geschwinde

Die Liebe, ach, die Liebe

Die Lieb ist schuld daran

Da nicht überliefert ist, ob Hölderlin Paisiellos

Duett spielte (hier in einer Aufnahme mit Elisabeth

Verlooy und Fritz Wunderlich mit freundlicher

Genehmigung des SWR) oder Ludwig van Beethovens

Sechs Variationen über das Duett „Nel cor più non

mi sento“ aus der Oper „La molinara“, (hier in

einer Aufnahme von Michael Tsalka mit freundlicher

Genehmigung von Brillant Classics) haben wir

beides auf Schallplatte gebrannt.


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Hölderlin

1

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H 15

ichtchrif


In seiner Geburtsstadt Lauffen hat Hölderlin wahrscheinlich

in zwei Fensterscheiben Verse geritzt – als

Neunjähriger Verse des Schriftstellers Ludwig Hölty

(„Wer wolte sich mit Grillen plagen, / Solange Lenz

und Jugend blühn, / Wer wolt in seinen Blüthen Tagen /

Die Stirn in düstre Falten ziehn?“), die er dann

später kommentierte:

(Abb. 1940er-Jahre, Dietrich E. Sattler,

die Fensterscheiben sind nach Kriegsende

1945 verloren gegangenen).

Wo, wo seyd Ihr?

Seyd Ihr ganz verschwunden?

Euch, euch sucht mein thränenvoller Blick,

Süße, unaussprechlich süße Stunden,

Kehrt, o kehret doch zu mir zurück.


SH15

77


Hölderlin

79

2H 16

ichtchrif


Hölderlin hat wiederholt mit Schrifterscheinungen

gespielt: Im ,Homburger Folioheft‘ hat er die Verse

„Und der Himmel wird wie eines Mahlers Haus / Wenn

seine Gemählde sind aufgestellet“ mit der Feder ohne

Tinte ins Papier geritzt (Abb.: „Stadt Bad Homburg

v.d.Höhe, Depositum der Württembergischen Landesbibliothek,

Hölderlin-Archiv, Homburger Folioheft,

Homburg F., Blatt 40).


SH16

81


Buchannahme-

Hölderlin

H 17

verweigerung

83


Es ist eine Behauptung der Menschen, daß Vortrefflichkeit

des innern Menschen eine interessante Behauptung wäre.

Es ist der Überzeugung gemäß, daß Geistigkeit menschlicher

Innerheit der Einrichtung der Welt tauglich wäre.

Scardanelli.

Als Christoph Schwab im Februar 1841 Hölderlin

ein Exemplar der ersten Ausgabe seiner Gedichte

(1826 von Gustav Schwab und Ludwig Uhland

herausgegeben) schenken will, gibt dieser das

Geschenk zwei Mal zurück – und schreibt hinter

ein Gedicht und vorne einen Spruch hinein.

Überzeugung

Als wie der Tag die Menschen hell umscheinet,

Und mit dem Lichte, das den Höh’n entspringet,

Die dämmernden Erscheinungen vereinet,

Ist Wissen, welches tief der Geistigkeit gelinget.


SH17

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Hölderlin

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H 18

ölderlin

deal


Der 22-jährige Hölderlin schenkte das von seinem Freund Franz Carl Hiemer

gemalte Pastell im Oktober 1792 seiner Schwester Heinrike als Hochzeitsgeschenk.

Ihr Urteil über das ihr „liebe“ Bild: Es fehle „viel zur Aehnlichkeit“.

Dennoch wurde Hiemers Porträt im 20. Jahrhundert zum Hölderlin-Bild schlechthin.


SH18

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Impressum

Ausgewählt haben die Umzugsstücke

Julia Schneider,

Verena Staack und Heike

Gfrereis, die sie auch

kommentiert und zusammen

mit Diethard Keppler und

Andreas Jung im Raum angeordnet

und gestalterisch

gefasst hat. Die Exponatfotografien

stammen von Chris

Korner und Jens Tremmel,

die restauratorische Betreuung

oblag Enke Huhsmann,

Susanne Bœhme und Anaïs Ott,

die Redaktion und Organisation

Vera Hildenbrandt,

Dietmar Jaegle, Lea Kaiser,

Martin Kuhn, Tamara Meyer

und Janina Schindler.

Die Aussttellung „Schiller,

Hölderlin, Kerner, Mörike“

wurde im Februar 2020 im

Literaturmuseum der Moderne

eröffnet und ist dort bis

zur Wiedereröffnung des

Schillers-Nationalmuseums

Anfang 2023 zu sehen.

Gestaltung und

Ausstellungsfotografie

dieser Publikation:

Diethard Keppler und

Andreas Jung

Text:

Heike Gfrereis

© 2020 Deutsches

Literaturarchiv Marbach

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