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SIFAT - Kraftquellen - Heft 3-2020 - Leseprobe

Jede Krise birgt neben großen Herausforderungen auch große Chancen. Wenn man sich das aktuelle Weltgeschehen anschaut, ist klar – ohne Veränderung geht es nicht weiter. Veränderung in der Gesellschaft, in unserem Denken, in unserem Bewusstsein und in unserem Handeln. Jede Veränderung im Außen braucht auch eine Veränderung im Innen. Sie ist eine Aufforderung zum Innehalten und zur Besinnung. Das erfordert genaues Hinschauen, Mut und Kraft. Wenn wir uns unserer enormen Stärke bewusst werden, ist sehr viel möglich. Der Dalai Lama sagt: „Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“ In diesem Heft finden Sie Gebete verschiedener Religionen und Lehren, mit denen sich zu allen Zeiten Hilfesuchende höheren Mächten zugewandt haben. Aber auch eigene Verantwortung zu übernehmen ist wichtig und – trotz einer bedrohlichen Lage – zu handeln und sich nicht von der Verzweiflung besiegen zu lassen. Dies zeigen uns Ida Ehre, Katharina Jacob und Luise Schulz.

Jede Krise birgt neben großen Herausforderungen auch große Chancen. Wenn
man sich das aktuelle Weltgeschehen anschaut, ist klar – ohne Veränderung
geht es nicht weiter. Veränderung in der Gesellschaft, in unserem Denken, in
unserem Bewusstsein und in unserem Handeln. Jede Veränderung im Außen
braucht auch eine Veränderung im Innen. Sie ist eine Aufforderung zum Innehalten
und zur Besinnung.

Das erfordert genaues Hinschauen, Mut und Kraft. Wenn wir uns unserer
enormen Stärke bewusst werden, ist sehr viel möglich. Der Dalai Lama sagt:
„Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche
mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“

In diesem Heft finden Sie Gebete verschiedener Religionen und Lehren, mit
denen sich zu allen Zeiten Hilfesuchende höheren Mächten zugewandt haben.
Aber auch eigene Verantwortung zu übernehmen ist wichtig und – trotz einer
bedrohlichen Lage – zu handeln und sich nicht von der Verzweiflung besiegen
zu lassen. Dies zeigen uns Ida Ehre, Katharina Jacob und Luise Schulz.

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Zeitschrift für Universalen Sufismus

48. Jg.

Heft 3

Dezember 2020

Kraftquellen


Sufismus

ist eine uralte Weisheit und zugleich eine Methode der geistigen Schulung, die

Menschen befähigt, diese Weisheit in ihrem täglichen Leben zu verwirklichen.

Wer dem Universalen Sufismus

folgen will, wie ihn Hazrat Inayat Khan und seine Nachfolger gelehrt haben

und lehren, ist nicht auf bestimmte Dogmen, Rituale oder spirituelle Techniken

festgelegt.

Der Universale Sufismus baut eine Brücke über die Unterschiede und Grenzen,

die Menschen und Religionen voneinander trennen. Er ermöglicht auch, die

eigene Religion besser zu verstehen und zu leben, weshalb jeder diesen Weg

gehen kann, unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Hazrat Inayat Khan

wurde am 5. Juli 1882 in der indischen Stadt

Baroda geboren. Seine hoch angesehene Familie

war durchdrungen vom Geist mystischer Religiosität

und von der Liebe zur klassischen indischen

Musik. Inayat Khan war von Kind auf in Kontakt

mit den geistigen Traditionen des Islam wie des

Hinduismus, in einer Atmosphäre freundlicher

Toleranz über alle konfessionellen Grenzen hinweg.

Im Jahre 1910 bekam er von seinem spirituellen

Lehrer, Abu Hashim Madani, der der Sufi-

Tradition der Chishtis angehörte, den Auftrag,

den Sufismus in den Westen zu bringen. Hier

wurde er der Begründer und das geistige Oberhaupt (Pir-o-Murshid) der Sufi-

Bewegung und ihrer esoterischen Schule, des Inayati-Ordens, und er schuf den

Universellen Gottesdienst. Längere Zeit lebte er in Suresnes bei Paris, von wo er

oft zu Reisen in die ganze westliche Welt aufbrach. Seine Vorträge füllen die 13

Bände seiner „Sufi Message“. Er starb am 5. Februar 1927 in New Delhi.

Hazrat Inayat Khans Lehre und die seiner Nachfolger ist geprägt von einer

umfassenden Toleranz, einer Verehrung und Liebe zu allen Prophetinnen und

Propheten und Heiligen der Menschheit und einem Verständnis gegenüber der

Vielfalt der religiösen Traditionen und Lebenserscheinungen.


Inhaltsverzeichnis

Kraftquellen

Vorwort der Redaktion 4

Hazrat Inayat Khan: Die Kraft in uns 5

Pir Vilayat Inayat Khan: Was wäre, wenn ...

Die Annahmen in Frage stellen und Kräfte freisetzen 10

Pir Vilayat Inayat Khan: Die Geburt des neuen Selbst 13

Pir Zia Inayat-Khan: Über das Gebet 14

Hazrat Inayat Khan: Heilgebet 16

Willigis Jäger: Die heilende Kraft unseres tiefsten Wesens 16

Zensho W. Kopp: Der alltägliche Weg ist der wahre Weg 19

Llewellyn Vaughan-Lee: Wie können wir in der Dunkelheit leben 21

Thich Nhat Hanh: Zurückkehren zur Insel des Selbst 24

Samuel L. Lewis: Auszug aus: „Der Tanz des Lebens“ 25

Der Palast des Paradieses. Die Prüfung 27

Meditation zur Geschichte vom Wasser mit den schönen Namen Gottes 28

Claudia Nüssen: Der Universelle Gottesdienst – Meine Kraftquelle 30

Rabia al-Adawiyya: Du meine Freude 33

Joel Berger: Die Lehre aus dem Buch Kohelet vom schöpferischen Denken 34

Abdul-Baha: Ein Gebet aus der Religion der Bahai 37

Michael Nüssen: Die Erzählung von Katharina Jacob und Luise Schulz 38

Ida Ehre: Ich glaube an das Gute im Menschen 40

Deborah Feldman: Überbitten, die Kraft der Versöhnung 43

Texte aus den Heiligen Schriften der Weltreligionen 45

Heike Ushidarena Kellermann-Pelz: AufEINander zugehen, Kinship 48

Karin Sarfaraz Püscher-Findeisen: Das Caduceus Zentrum stellt sich vor 50

Zeitschrift Sufism: Ein Ort der Ruhe für Mitarbeitende der Sufi-Bewegung 53

Blick aus dem Fenster: Interreligiöses Frauennetzwerk Hamburg 54

Buchbesprechungen: Peter Wehmann: Etwas bleibt unverletzt –

Heilungswege bei sexuellem Missbrauch und häuslicher Gewalt 56

Wali van der Zwan: Ziehe uns näher zu dir 57

Projekte 60

Impressum 62

Die zehn Sufi-Gedanken 63

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 3

3


Vorwort der Redaktion

Liebe Leserinnen und Leser,

wir freuen uns, Ihnen in diesen besonderen Zeiten eine kleine Sammlung an

Kraftquellen“ anbieten zu können.

Für uns stellte die Auseinandersetzung mit diesem Thema zunächst einmal

eine Suche nach den eigenen Kräften, die wir in uns selbst entdecken und

erwecken können, dar. Wir zeigen hier aber auch am Beispiel einiger Vorbilder,

deren Wirken wir manchmal selbst erleben durften und die uns Orientierung

gaben, wie kraftvolles Handeln gelebt werden kann. Kraftquellen können ebenfalls

Worte von Heiligen, Meistern und Propheten sein, die aufrütteln, nachdenklich

stimmen und Mut machen.

Jede Krise birgt neben großen Herausforderungen auch große Chancen. Wenn

man sich das aktuelle Weltgeschehen anschaut, ist klar – ohne Veränderung

geht es nicht weiter. Veränderung in der Gesellschaft, in unserem Denken, in

unserem Bewusstsein und in unserem Handeln. Jede Veränderung im Außen

braucht auch eine Veränderung im Innen. Sie ist eine Aufforderung zum Innehalten

und zur Besinnung.

Das erfordert genaues Hinschauen, Mut und Kraft. Wenn wir uns unserer

enormen Stärke bewusst werden, ist sehr viel möglich. Der Dalai Lama sagt:

„Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche

mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.“

In diesem Heft finden Sie Gebete verschiedener Religionen und Lehren, mit

denen sich zu allen Zeiten Hilfesuchende höheren Mächten zugewandt haben.

Aber auch eigene Verantwortung zu übernehmen ist wichtig und – trotz einer

bedrohlichen Lage – zu handeln und sich nicht von der Verzweiflung besiegen

zu lassen. Dies zeigen uns Ida Ehre, Katharina Jacob und Luise Schulz.

Wir sind glücklich darüber, dass wir auch diesmal Aktivitäten unserer Sufigemeinschaft

aufzeigen und bekannt machen können. Daran wird sichtbar, was

für ein großes Kraftpotenzial in der Nachfolge Hazrat Inayat Khans bereits

gelebt wird. Beispielhaft stehen hier Texte über den Universellen Gottesdienst

und das Caduceus Zentrum in Bad Bevensen.

An dieser Stelle müssen wir uns bei Heike Ushidarena Kellermann-Pelz entschuldigen.

Durch ein Missgeschick ist der Text „AUFeinander zugehen – Kinship

nicht nur in besonderen Zeiten“ in der vorherigen Ausgabe „AUFeinander

achten“ leider nicht veröffentlicht worden. Was für eine kostbare Perle wäre uns

4 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Hazrat Inayat Khan: Die Kraft in uns

da entgangen! Deshalb bekommt der Beitrag in diesem Heft den Raum. Und

das passt wunderbar. Es ist beeindruckend, wie sich darin enthaltene Aussagen

in anderen Texten wiederfinden bzw. ergänzen, z. B. bei Pir Vilayat Inayat Khan

in „Was wäre, wenn …“ oder dem Interreligiösen Frauennetzwerk. Es erscheint

fast wie ein Puzzle: Viele Stückchen passen ineinander und ergeben ein Ganzes.

Sicher entdecken die aufmerksamen Leser*innen noch viele solcher Puzzleteilchen,

die zusammenpassen und gemeinsam ein Ganzes darstellen. Wir wünschen

Ihnen eine anregende Lektüre!

Hans-Peter Baum, Detlef Qalbi Marzke, Claudia Nüssen, Michael Nüssen,

Regina Armaiti Winkler-Reber

Das Geheimnis der Heilung besteht darin, sich durch die Kraft des Glaubens

über die Begrenzungen dieser Welt der Vielfalt, die man durch die

Kraft der Intelligenz, die Einheit des ganzen Daseins berühren kann, zu

erheben. Dort laden wir uns mit jener allmächtigen Kraft auf, und durch

die Kraft dieser Errungenschaft sind wir in der Lage, uns selbst und anderen

bei ihren Schmerzen und Leiden zu helfen.

Hazrat Inayat Khan, aus: Band IV, Teil VIII

Hazrat Inayat Khan

Die Kraft in uns

Es gibt zweierlei Kräfte: eine wird in der Sufiterminologie Qaza und die andere

Qadr genannt. Die eine ist die individuelle Kraft und die andere ist Gottes

Kraft. Die individuelle Kraft kann wirken und auch etwas bewirken, solange

sie in Übereinstimmung mit Gottes Kraft wirkt. Aber sobald die individuelle

Kraft im Gegensatz zu Gottes Kraft wirkt, stellen die Menschen fest, dass ihre

Stärke nachlässt und sie nichts mehr bewerkstelligen können. Deshalb suchen

die Meister vor allem Gott zu gefallen, in Übereinstimmung mit dem Willen

Gottes zu sein. Und genau wie uns Übung dabei hilft, ein Glücksspiel oder

irgendeine Sportart zu lernen, so wird den Menschen, deren Denken ständig

darauf ausgerichtet ist, alles in Übereinstimmung mit Gottes Willen zu tun,

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 5


Hazrat Inayat Khan: Die Kraft in uns

durch den Willen Gottes geholfen.

Häufig haben Menschen den Willen Gottes missverstanden. Wir denken,

dass das, was wir als gut erachten, der Wille Gottes sei, und was wir als nicht gut

erachten, nicht nach dem Willen Gottes sei. Doch unsere Vorstellung von richtig

und falsch hat mit der Macht Gottes nichts zu tun, denn Gottes Sichtweise

ist anders als die Sichtweise der Menschen. Wir sehen nur bis hierher und nicht

weiter, aber Gott sieht alles.

So fragen wir uns, wenn wir alle zum Körper Gottes gehören, wenn wir alle

Atome Seines Wesens sind: Warum verstehen wir nicht, warum wissen wir nicht

einfach, was in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes ist und was nicht?

Die Antwort darauf ist, dass jedes Atom unseres Körpers ein eigenes Bewusstsein

hat. Wenn im Finger Schmerz ist, fühlt das Ohr ihn nicht. Wenn Schmerz

im Zeh ist, fühlt die Nase ihn nicht; nur der Zeh fühlt ihn. Der Mensch aber

fühlt sie in beiden Fällen, denn der Mensch hat den ganzen Körper inne. Wir

Menschen leben in der beschränkten Welt, die wir uns selbst gestaltet haben.

Wir erkennen richtig und falsch entsprechend dieser Welt, und die Interessen

unseres Lebens sind davon abhängig. Deshalb sind wir nicht immer fähig, in

Übereinstimmung mit dem Willen Gottes zu wirken, außer wir machen uns

dies zur Gewohnheit. […]

Menschen haben nicht nur Macht über Objekte, sondern Menschen haben

auch Macht über Lebewesen. Schon die kleine kraftvolle Berührung einer Zirkusdirektorin

lässt Elefanten arbeiten und Tiger und Löwen vor ihr tanzen.

Wenn ihre Macht noch größer ist, muss sie die Tiere nur noch anschauen, damit

sie sich ihren Wünschen gemäß bewegen.

Spirituelle Macht ist es auch, wenn in der Geschichte von Daniel erzählt wird,

dass er in der Löwengrube alle Löwen dazu brachte, sich ihm zahm zu Füßen

zu legen. Das beweist, welche Macht Menschen haben; doch wenn wir davon

nichts wissen, wenn wir uns ihrer nicht bewusst sind, nicht versuchen, sie zu

entwickeln, verschließen wir uns vor diesem großen Vorrecht und der Glückseligkeit,

die Gott uns gegeben hat; und so arbeiten wir mit unserer begrenzten

Macht in dieser Welt für Geld. Am Ende bleibt uns weder das Geld, noch haben

wir diese Kraft jemals kennengelernt. Macht hängt weitgehend vom Bewusstsein

ab, von der Einstellung des Denkens. Ein schuldbewusstes Gewissen kann

Löwen in Kaninchen verwandeln. Sie verlieren ihre Macht, wenn sie sich erst

einmal schuldig fühlen; und genauso ist es bei den Menschen. Unsere Kraft

wird gemindert, wenn wir Menschen uns von dem beeindrucken lassen, was

andere von uns denken, und dieser Eindruck Enttäuschung, Kummer oder

Scham auslöst; wir sind aber voller Kraft, wenn wir durch einen Gedanken, ein

6 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Hazrat Inayat Khan: Die Kraft in uns

Gefühl oder eine ausgeführte Handlung inspiriert werden.

Die Macht des Wahren macht uns stärker. Neben denen, die das Wirkliche

kennen, haben selbst jene einige Macht, die dieses nicht kennen; sie haben,

wenn sie rechtschaffen denken, die Macht der Aufrichtigkeit. Nur sehr wenige

wissen, welche Macht in der Aufrichtigkeit liegt. Falsche Menschen, egal wie

physisch stark sie sein mögen oder wie groß ihre Willenskraft ist, werden durch

ihre Falschheit klein gehalten; sie erlaubt ihnen niemals, sich zu erheben.

Sie frisst sich in sie hinein, weil sie wie Rost ist. Wer etwas Großes im Leben

vollbracht hat, in welcher Lebenslage auch immer, hat es durch die Kraft der

Authentizität vollbracht, die Kraft der Aufrichtigkeit, der Ernsthaftigkeit, der

Überzeugung. Zweifel raubt uns die menschliche Kraft. Sobald wir denken: Ist

es so oder nicht? Wird es geschehen oder nicht? Ist es richtig oder nicht richtig?,

sind wir machtlos. Und das ist so ansteckend, dass es sich auf alle Gemüter

überträgt. […]

Wir unterscheiden drei Grade von entwickelten Menschen. Im Sanskrit heißen

sie: 1. Atma – eine heilige Person 2. Mahatma – eine göttliche Seele

3. Paramatma – eine allmächtige Seele.

Im ersten Fall kann der erleuchtete Mensch fünf verschiedene Kräfte aufweisen.

Es sind magnetische Kräfte. Die erste belebt den physischen Körper, die

zweite erhellt die Intelligenz, die dritte vertieft die Liebeskraft im Herzen, die

vierte vergeistigt und vertieft die Einsicht, und die fünfte vereint sich mit Gott.

Durch diesen fünften Aspekt zeigt die erleuchtete Seele ihre größte Macht.

Die Kraft kann auch in zwei Teile aufgeteilt werden: Der eine Teil ist die Kraft

der Erkenntnis und der andere die Willenskraft. Die Kraft der Erkenntnis tut

nichts und konstruiert nichts. Sie sieht nur: eine passive Kraft. Wer die Kraft

der Erkenntnis besitzt, kann in die menschliche Natur hineinsehen. Diese Menschen

haben dann Einsicht in das Herz anderer Menschen, in die Seele anderer

Menschen, in ihre Lebensumstände, ihre Vergangenheit, Gegenwart und

Zukunft. Was inspiriert sie auf ihrem Weg? Was wissen sie? Solche Menschen

scheinen die Sprache der Natur, die Sprache des Lebens zu verstehen. Sie scheinen

die Form, den Ausdruck, die Bewegung, die Atmosphäre, die Gedanken

und Gefühle lesen zu können. Das geht, weil alle Dinge eine ganz bestimmte

Schwingung und Richtung haben. Daher bedeutet Erkenntnis zu besitzen, die

Sprache des Lebens zu verstehen. [...]

Die großen Erfinder der Welt haben Einsicht in die Dinge. Sie mögen das vielleicht

nicht glauben, aber sie haben es trotzdem. Sie durchdringen das Objekt

und seinen Zweck und sie gebrauchen es seinem Zweck gemäß. Auf diese Weise

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 7


Hazrat Inayat Khan: Die Kraft in uns

machen sie für wissenschaftliche Erfindungen Gebrauch von Einsicht. Wenn sie

es wüssten, könnten sie die gleiche Erkenntnis tausendmal besser nutzen.

Die Mahatmas sind anders. Sie haben nicht nur magnetische Kräfte, sondern

auch göttlichen Instinkt und göttliche Inspiration. Es gibt Geschichten über die

schöpferischen Kräfte der Mahatmas; besonders eine ist sehr interessant, weil

sie zeigt, was diese Kraft bewirken kann: Einmal wurde ein Prinz seines Landes

verwiesen, weil seinem Vater dessen Betragen missfiel. Und er ging und lebte

lange Zeit in einem Wald mit einem Guru, einem Lehrer, und entwickelte sich

spirituell. Als die Zeit kam, dass ihm die Einweihung in die höheren Kräfte

gegeben werden sollte, fragte der Guru: „Mein Chela, hast du irgendwelche

Verwandte?“ Er antwortet: „Ja, meinen Vater und meine Mutter.“ Der Lehrer

sagte: „Du musst erst zu ihnen gehen und sie fragen, ob du diese Einweihung

empfangen darfst; denn, wenn du sie erst einmal bekommen hast, musst du ein

Leben in Einsamkeit leben.“ Der Lehrer dachte, es wäre besser, dass er erst zu

seinem Volk gehen würde, um alle Möglichkeiten des irdischen Lebens kennenzulernen.

Und wenn er dann ein solches Leben nicht wollte, konnte er zurückkommen.

Der Chela war zu diesem Zeitpunkt so weit entwickelt, dass er keinen

Wunsch verspürte, zu seinen Eltern in jenem Königreich zu gehen und sie

wiederzusehen. Aber da der Guru es ihm aufgetragen hatte, tat er es. Als er sein

Königreich erreichte, ging er in den Garten, in dem er zuvor gelebt hatte und

der nun viele Jahre vernachlässigt worden war. Es gab nichts mehr in diesem

Garten. Er ging hinein, setzte sich nieder und war sehr betrübt, seinen Garten

so vernachlässigt zu sehen. Er nahm Wasser in seinen Krug, versprühte es nach

beiden Seiten, und der Garten begann zu blühen. Und so wurde es im ganzen

Königreich bekannt, dass ein Weiser angekommen war; der Ort, an dem er ein

paar Tage geblieben war, hatte begonnen zu erblühen. Die Geschichte berichtet

weiter, dass der König davon hörte, dass sein Sohn da war. Er kam zu ihm und

wollte, dass er das Königreich übernähme und für das Land da sein solle. Aber

der Prinz weigerte sich und ging fort.

Diese Geschichte ist ein Beispiel für die aufbauende Kraft der Weisen, sie zeigt,

wie schöpferisch die Seele eines Mahatma ist. Es ist nicht wahr, dass Mahatmas

nur in den Höhlen des Himalaja zu finden sind und wir sie nicht mitten unter

den Menschen finden könnten. Sie können überall gefunden werden, in einem

Palast inmitten von Reichtümern und Komfort genauso wie an abgelegenen

Orten. Sie können in jeder Situation und jeder Position leben. Von Mahatmas

geht aber immer ein sich ständig ausbreitender, aufbauender Einfluss aus. Sie

sind ein Schutz gegen Krankheiten und Plagen, Kriege und Katastrophen. Ihre

aufbauende Kraft hilft den Menschen zu erblühen. Heute sind die Menschen

8 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Hazrat Inayat Khan: Die Kraft in uns

bereit zu glauben, dass ein Premierminister oder ein großer Staatsmann dazu

verhelfen kann, ein ganzes Land zu erheben, die Finanzen des Landes in Ordnung

zu bringen und das Land gegen andere Nationen zu verteidigen. Aber eine

verborgene, unbekannte Seele kann einen noch größeren Einfluss auf ein Land

haben.

Der dritte Aspekt der Weisen ist Paramatma, der/die Allmächtige. So jemand

ist noch größer; sie sind keine Personen mehr, sie sind gottesbewusst. Wir alle

sind das, wovon wir uns bewusst sind. Gefängnisinsassen wissen von ihrem

Gefängnis. Menschen, die viel Geld auf der Bank haben, aber dessen nicht

bewusst sind, sind trotz ihres Reichtums arm. Wir haben nur das, wovon wir

bewusst sind. Deshalb beruht unsere Größe oder unsere Kleinheit auf unserem

Bewusstsein. Selbst eine erleuchtete Seele zu werden, beruht nur auf einem

Unterschied im Bewusstsein. Es geht nicht darum, wie viel Gutes ein Mensch

getan hat. Es gibt viele gute Menschen, aber sie wissen nicht immer, was sie

selbst sind.

Daneben gibt es einige, die an Gott glauben und andere, die Gott lieben; und

wieder andere, die sich in Gott verloren haben. Für jene, die an Gott glauben,

ist Gott im Himmel und sie sind auf der Erde. Für jene, die Gott lieben, ist Gott

direkt vor ihnen; sie begegnen ihrem Herrn von Angesicht zu Angesicht. Und

jene, die sich in Gott verloren haben, haben ihr wahres Selbst gefunden. Sie

sind selbst Gott. Ich weiß von einer gottbewussten Seele, die einst in der Stadt

Baroda ausging, wo es die Regel gab, dass niemand mehr nach zehn Uhr nachts

auf der Straße sein sollte. Und dieser Weise wanderte herum und hatte die Zeit

vergessen. Ein Polizist fragte ihn: „Wohin gehen Sie?“ Doch er hörte nichts.

Vielleicht war er weit weg von dem Ort, wo er umherwanderte. Aber als er den

Polizisten fragen hörte: „Sind Sie ein Dieb?“, lächelte er und sagte: „Ja.“ Der

Polizist nahm ihn mit auf die Wachstation und ließ ihn dort die ganze Nacht

sitzen. Am Morgen kam der Offizier und fragte: „Was gibt es zu berichten?“ Der

Polizist sagte: „Ich habe einen Dieb gefangen. Ich fand ihn auf der Straße.“ Als

jedoch der Offizier den Mann sah, da wusste er, dass dieser eine große Seele war

und dass die Menschen großen Respekt vor ihm hatten. Er bat um Verzeihung.

„Aber“, fragte er, „als der Polizist Ihnen diese Frage stellte, warum sagten Sie, Sie

seien ein Dieb?“ Die Antwort war: „Was bin ich nicht? Ich bin alles.“

Wir versuchen spirituell zu werden, um unser Bewusstsein zu erweitern. Doch

wenn wir beleidigt werden, handeln wir nicht danach. Solange uns alle loben,

nehmen wir all diese Dinge gerne an. Aber sobald wir beleidigt werden, reagieren

wir nicht mehr gleich, dann sagen wir: „Das bin ich nicht.“ Paramatma,

die hohe Seele, ist mit Gott vereint, sie ist gottbewusst, universal bewusst. Ihr

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 9


Pir Vilayat Inayat Khan: Was wäre, wenn ... – Die Annahmen in Frage stellen und Kräfte freisetzen

eigenes Selbst umfasst alle. Ob es nun gute oder verschlagene Menschen sind,

ob sie recht oder falsch gehen, sie sind deren eigenes Selbst; sie betrachtet all

diese Personen als ihr Selbst. Und auch wenn sie als Dieb bezeichnet wird, kann

sie sagen: „Ja. Alle Bezeichnungen sind meine Namen.“

Zusammengefasst ist Spiritualität also kein bestimmtes Wissen, Spiritualität

ist die Erweiterung des Bewusstseins. Je weiter sich das Bewusstsein ausdehnt,

desto größer ist unsere spirituelle Sicht. Und wenn das Bewusstsein irgendwann

so weit geworden ist, dass es das ganze Universum umfasst, dann wird es göttliche

Vollkommenheit genannt.

aus: Hazrat Inayat Khan, „Heilung aus der Tiefe der Seele“, Verlag Heilbronn, 2019

Pir Vilayat Inayat Khan

Was wäre, wenn ...

Die Annahmen in Frage stellen und Kräfte freisetzen

Der erste Schritt zur Freisetzung des schöpferischen Potenzials, das unsere

Alltagsprobleme bergen, ist das Infragestellen unserer Annahmen: In Wirklichkeit

sind unsere Probleme nicht das, wofür wir sie halten. Die Übung,

vorhandene Denkmuster tiefer zu hinterfragen, finden wir in den meisten esoterischen

Traditionen. Nach der Yogaphilosophie der Hindus beispielsweise

ist weder die physische Welt noch die Psyche das, als was sie erscheint. Diese

zeitlose Einsicht korrespondiert mit den Entdeckungen der Physiker in unserer

modernen Zeit: dass Materie nicht die greifbare, feste Substanz ist, für die

wir sie halten, sondern ein paradoxes Geflecht, das je nach Blickwinkel anders

erscheint und sich unserem Verständnis entzieht.

Gleiches gilt auch für unsere Probleme. Die Themen, mit denen wir konfrontiert

werden, sind nicht in Zeit und Raum fixiert; vielmehr sind sie relativ

zu unserem jeweiligen Blickwinkel einem ständigen Wandel unterworfen.

Ein großer Teil des Schmerzes, der durch unsere Probleme verursacht ist, ist in

Wirklichkeit eine Folge unserer eigenen, festgefahrenen Ansichten im Hinblick

darauf, wie wir unsere persönlichen Schwierigkeiten interpretieren. Wenn ich

sage, dass wir voreingenommen sind, heißt dies jedoch nicht, dass wir uns irren.

Der Sufismus lehnt die individuelle Sichtweise nicht einfach ab; er betont, wie

wichtig es ist, zu erkennen, dass unsere Sicht nur einen Blickwinkel widerspie-

10 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Pir Vilayat Inayat Khan: Was wäre, wenn ... – Die Annahmen in Frage stellen und Kräfte freisetzen

gelt, und zu lernen, Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Das Anliegen der Spiritualität ist ja, dass wir unseren Blickwinkel weiten und

eine immer umfassendere Perspektive entwickeln. Wenn wir uns an den eigenen,

engen Blickwinkel binden, führt dies dazu, dass wir uns immer nur im

Kreise bewegen wie eine Fliege in der Flasche, aus der es kein Entrinnen gibt.

Wenn Sie damit beginnen, über ihr Leben nachzudenken, ist das der erste

Schritt, Ihre Einschätzung der bestehenden Probleme in Frage zu stellen.

Ähnlich, wie Sie am Anfang eines Retreats Abstand von den Anforderungen

der äußeren Welt nehmen, beschreiten Sie auch jetzt den paradoxen Weg, mit

Ihren Problemen umzugehen, indem Sie zunächst einen Schritt zurücktreten.

Da dies schwierig sein mag, könnten Sie sich vielleicht von der unmittelbaren

Problematik ablenken, indem Sie eine beruhigende Musik anhören. […] Ein

Zweck dieser Übung ist, Ihnen zu helfen, Ihre gewohnte Denkweise außer Kraft

zu setzen – denn Ihr Verstand kann Ihre Probleme nicht lösen, er beschränkt

Ihre Sicht nur auf eine bestimmte Perspektive.

Sobald es Ihnen gelungen ist, Ihre Aufmerksamkeit von dem Bild abzulenken,

das Sie sich von Ihrem Problem gemacht haben, können Sie nun damit

beginnen, die Fertigkeit zu üben, Ihr Bewusstsein auf verschiedene andere Perspektiven

auszudehnen. Eine Methode ist zum Beispiel, dass Sie Ihr Leben aus

der Perspektive einer anderen Person betrachten. Wie könnte jemand anders Ihr

Problem wahrnehmen – vielleicht Ihr älterer Onkel, eine Psychotherapeutin,

die Nachbarin oder gar jemand aus einer anderen Epoche der Geschichte?

Eine weitere Methode, Ihre Wahrnehmung der eigenen Probleme zu ändern,

ist, in das Bewusstsein einer anderen Person einzutreten und nachzuspüren, wie

sie ein Problem betrachtet, an dem Sie beide beteiligt sind. Häufig neigen wir zu

der Annahme, dass wir Recht haben und die andere Person sich irrt – während

es durchaus möglich ist, dass wir uns irren und die andere Person im Recht ist.

Obwohl so etwas nur schwer mit Gewissheit festzustellen ist, hilft diese Übung

zumindest, Ihr Problem aus zwei unterschiedlichen Blickwinkeln wahrzunehmen,

anstatt es nur von einem Standpunkt aus zu sehen. Das hilft Ihnen zu

verstehen, dass Sie selbst die Dinge zwar auf Ihre Weise sehen, die andere Seite

sie aber aus einer anderen Perspektive wahrnimmt.

Eine dritte Übung zur Weitung Ihres Bewusstseins besteht darin, dass Sie sich

vorstellen, wie Sie selbst aus dem Blickwinkel jener anderen Person aussehen.

Dabei könnten Sie entdecken, dass die andere Person ein Bild von Ihnen hat,

das Ihrem Selbstbild überhaupt nicht entspricht. Sie könnten auch feststellen,

dass Ihr Bild von der anderen Person ebenfalls verzerrt ist, wodurch sich die

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 11


Pir Vilayat Inayat Khan: Was wäre, wenn ... – Die Annahmen in Frage stellen und Kräfte freisetzen

Möglichkeiten zu Irrtümern in der Kommunikation verdoppeln. Die meisten

von uns verbringen tatsächlich ihr ganzes Leben damit, Urteile zu fällen, die auf

einem Irrtum beruhen, und damit lassen sie zu, dass ihre Fehleinschätzungen in

Bezug auf sie selbst und auf andere ständig die Wahrnehmung trüben.

Diese Übungen helfen uns bei der Klärung unseres Denkens und dabei, das

Leben von einer höheren Warte aus zu betrachten. Indem wir die Gültigkeit

jener Einschätzungen in Frage stellen, von denen wir automatisch annehmen,

sie seien unbestreitbar richtig, betreten wir eine Ebene, auf der uns tieferes

Durchdenken möglich ist. Wie aus der Perspektive fliegender Fische, die sich

nur wenig über dem Meeresspiegel fortbewegen, betrachten die meisten von

uns nur die Oberfläche des Lebens, ohne zu erfassen, was dahinter wirklich

geschieht. Dieses Vorgehen verleitet uns, voreilige Schlussfolgerungen zu ziehen.

Doch indem wir einen Puffer zwischen das Problem und unser individuelles

Ich setzen, können wir solchen automatischen Reaktionen vorbeugen und

uns stattdessen die Einsichten zunutze machen, die wir bei der Wahrnehmung

des Problems aus einem weiteren Blickwinkel gewinnen.

Wenn Sie sich von Ihrer früheren, engen Sichtweise und Deutung Ihrer Probleme

lösen, werden Sie ein Gefühl von Freiheit erleben. Stellen Sie sich vor:

Die ganze Zeit haben Sie geglaubt, die Dinge seien so, wie Sie meinen – und

jetzt entdecken Sie, dass Sie sich geirrt haben! Ist das nicht fantastisch? Denken

Sie nur: Alles, was Sie bisher gedacht haben, und alles, von dem Sie bisher

überzeugt waren, ist falsch! Zweifellos wird diese Erkenntnis Sie zunächst

erschrecken, und Sie fühlen sich, als würde ihnen der Boden unter den Füßen

weggezogen – doch das ist der erste Schritt auf dem Pfad der echten Freiheit des

Denkens. Aus dieser Perspektive lösen sich emotionell befrachtete Denkweisen

unter Ihrer eindringlichen Hinterfragung ihrer Gültigkeit auf. Wenn Sie Ihren

Einschätzungen der Probleme nicht mehr trauen, haben diese keinen Einfluss

mehr auf Sie. In Indien wird dieser Vorgang des Auflösens der verschiedenen

Schleier der Illusion neti, neti genannt, das heißt: „Es ist nicht dies, es ist nicht

das.“

Der Sufismus will jedoch lieber wissen, was ist, als das, was nicht ist. So könnte

das Leitwort für die Spiritualität der Zukunft lauten: „Was wäre, wenn …?“ Was

wäre, wenn die Dinge nicht so sind, wie ich dachte; was wäre, wenn es tatsächlich

um etwas anderes geht? Was wäre, wenn ich vielmehr bin als das begrenzte

Selbst, das ich zu sein meinte – und was wäre, wenn es bei meinen Problemen

wirklich darum geht, Gottes Potenzial durch mich zur Entfaltung zu bringen?

12 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Pir Vilayat Inayat Khan: Die Geburt des neuen Selbst

Die Geburt des neuen Selbst

Bei jedem Schritt, mit dem Sie alte Gewohnheiten durchbrechen und weiter

vorwärts in die Zukunft gehen, werden Sie neu erschaffen. Wie der sagenhafte

Phönix, der aus dem Feuer zu neuem Leben ersteht, tritt Ihr neues Wesen

aus der Feuersglut der Schwierigkeiten im Leben hervor.

Statt dass Sie nun jedoch glauben: „Das bin ich“ und sich ein zwar neues,

aber statisches und unveränderliches Bild von sich machen, ist es wichtig sich

zu erinnern, dass der Prozess der Neugeburt, den Sie gerade erlebt haben, abermals

eintreten wird, erneut und immer wieder. Wären Sie sich dessen bewusst,

würden Sie erkennen, dass Sie sich ständig in einem Zustand des Neu-geborenund

Neu-gebildet-werdens befinden. Wie die Krokusse, die durch den Schnee

hervorbrechen, sobald die ersten Zeichen des Frühlings zu erkennen sind, so

treten auch Sie ständig von Neuem hervor. Um zu der selbstorganisierenden

Fähigkeit des Universums beizutragen, müssen Sie es jedoch schaffen, Ihr altes

Selbst loszulassen. Die frischen Blütenblätter im Zentrum der Blüte können sich

nicht entfalten, bevor die welkenden Blütenblätter abfallen. Die Sufis lehren die

Auferstehung vor dem Sterben. Solange Sie an Ihrer Persönlichkeit festhalten,

werden Sie sich nie verändern: Sie werden rückwärtsgehen, anstatt sich vorwärts

zu entwickeln. Obwohl der Prozess emotionell oft schmerzhaft ist, wird die

Erkenntnis, dass das, was ins Leben hervorbricht, nicht nur Sie sind, sondern

der Reichtum des ganzen Kosmos, Ihr Leiden aufwiegen.

Doch wenn Sie einen Punkt in Ihrer Meditation erreicht haben, an dem Sie

spüren, dass etwas wirklich „klick“ gemacht hat – das Empfinden, dass dies Ihr

„wahres Selbst“ ist und genau die Qualität, die Sie verkörpern – , mag es Sie

verwundern zu erfahren, dass Sie sich ständig wandeln. Verwirrt fragen Sie sich

vielleicht: „Woher weiß ich, dass dies wirklich ich selbst bin?“

Um diesen Vorgang besser zu verstehen, könnten Sie sich mit einem musikalischen

Thema vergleichen, über das ein Komponist endlose Variationen ersinnt.

Sie können sich Ihr persönliches Selbst auch als ein Medium vorstellen, durch

das das Universum sich „individualisiert“ – durch das Gott Mensch wird. Der

Theologe Pierre Teilhard de Chardin nannte diesen Prozess „Hominisation“

(Menschwerdung), mit anderen Worten, es ist alles nur das Eine Wesen, aber

dieses Wesen individualisiert sich, indem es sich in eine Vielzahl von Wesenheiten

fragmentiert, die endlosen Variationen über dasselbe Thema gleichen. In der

Übersetzung der jüdischen Bibel von Churaki sagt die Stimme des Ewigen, der

aus dem brennenden Dornbusch spricht, nicht: „Ich bin, der Ich bin“, sondern

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Pir Zia Inayat-Khan: Über das Gebet

„Ich bin, der Ich werde.“

aus: Pir Vilayat Inayat Khan

„Erwachen“, Arkana Goldmann, 2000

Pir Vilayat Inayat Khan (1916-2004) war bis zu seinem

Lebensende das geistige Oberhaupt des von ihm

gegründeten Internationalen Sufiordens (Inayatiyya-

Orden). Er lehrte in vielen Teilen der Welt und pflegte

den Kontakt mit Wissenschaftlern und geistigen Lehrern

aus allen religiösen Traditionen.

Pir Zia Inayat-Khan

Über das Gebet

In seinem Buch „Ritterliche Tugenden im Alten Orient“ lässt Pir Zia Inayat-Khan

die Königin Belacane zu ihrem Sohn Feirefiz sprechen. Belacane hat ein Testament

verfasst, das Feirefiz übergeben wird. In diesem Testament legt die Königin in wunderbarer

Weise ihre Weisheit dar und gibt sie ihrem Sohn auf seinen Lebensweg. In

ausführlicher Weise entfaltet sie ihre Gedanken über das Gebet. Mit diesem literarischen

Kunstgriff übermittelt uns Pir Zia Inayat-Khan seine tiefe Lehre zum Gebet

als einer Quelle des Segens, der Gnade, der Heilung, der Kraft und des Friedens. Der

vorliegende Textausschnitt ist dem oben genannten Buch entnommen und beschreibt

das Dankgebet. Diesem folgen das Gebet der Reue, das Bittgebet, die Anrufung und

die Kommunion oder Vereinigung.

[…] Das Gebet ist eine heilige Pflicht und eine innige Freude. Wenn du deinen

Gebetsteppich betrittst, begibst du dich aus der Welt des Werdens in die

Welt des Seins. Wenn du deine Arme im Gotteslob erhebst, dann fällt die Last

der Vergangenheit und der Zukunft von deinen Schultern. Dein Herz wird

weit und begrüßt die Präsenz des Gegenwärtigen, der auch der oder die Ewige

genannt wird. Du stehst zwar auf der Erde, aber du verbeugst dich und richtest

dich wieder auf im Tempel der Ewigkeit.

Fünfmal am Tag zu beten – mit Gesten Gedanken und Gefühlen – die Gezeiten

eines Rhythmus in Bewegung zu setzen, der deine Seele erhebt, deinen Frieden

vertieft, dich durch Gefahren leitet und dich zur Erfüllung deines Lebens-

14 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Pir Zia Inayat-Khan: Über das Gebet

zwecks führt. Halte dich an diesen Rhythmus, auch wenn alles um dich herum

in Stücke fällt. Lass Staub zu Staub zurückkehren, aber das Gebet ist ein Teil

des Himmels.

Die fünf täglichen Gebete sind die Grundlage. Baue auf dieser Grundlage ein

Leben unablässiger Anbetung. Die rituellen Gebete haben eine festgelegte

Form. Während dein Glaube wächst und reift, wirst du lernen, auch ohne feste

Form zu beten. Formlose Gebete folgen keiner Vorschrift. Ihre Worte kommen

aus dem Unsichtbaren und kehren dorthin zurück. Manchmal haben sie keine

Worte, aber die Stimme des Herzens spricht auch dann durch sie.

Es gibt fünf Arten des formlosen Gebets. Die erste ist das Dankgebet. Der

Mensch verweilt meist allzu lange in den trüben Schatten, die sein ängstlicher

Geist wirft. Kümmernisse und Groll werden aneinander gereiht zu einer dunklen

Litanei. Aber die Dankbarkeit durchbricht den finsteren Zauber und lässt

das Licht ein.

Dankbarkeit bedeutet, das Gute zu sehen und dafür Dank zu sagen. Je mehr

man nach dem Guten sucht, desto eher findet man es, sogar in dem, was zunächst

schlecht und verdorben erschien. Mein Sohn, überall kannst du die allerfeinste

himmlische Schönheit entdecken – sofern du zu schauen verstehst. Das Zeichen,

dass du sie gesehen hast, ist, dass dein beseelter Geist in eine himmlische

Lobeshymne ausbricht. Je mehr du den Herrn der Güte preist, desto klarer wird

dein Blick und desto mehr wird dir offenbart. Wenn du dankbar bist, sind der

Glanz und die Herrlichkeit, die sich dir enthüllen, grenzenlos. Du brauchst

nicht auf das Jenseits zu warten – Rizwan wird dir die Tore des himmlischen

Gartens hier und jetzt öffnen. […]

aus: Pir Zia Inayat Khan: „Ritterliche Tugenden im Alten Orient“ –

Edelmut, Tapferkeit und mystische Suche, Verlag Heilbronn, 2016

Pir Zia lnayat-Khan ist Gelehrter und Lehrer

des Sufismus in der Tradition

seines Großvaters Hazrat lnayat Khan.

Er wurde 1971 in Novato, Kalifornien,

als ältester Sohn von Pir Vilayat lnayat Khan und

Taj Begum Inayat geboren.

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 15


Impressum | Mitteilungen vom Verlag Heilbronn

Impressum

SIFAT – Zeitschrift für Universalen Sufismus

ISSN 1420-1712

Gegründet 1972 von Karima Sen Gupta, von 1997 - 2016 von Marita Ischtar Dvořák und

Wolfgang Huraksh Meuthen herausgegeben

Herausgeber und Redaktion:

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Heft 2 / 2020 – AUFeinander achten

Heft 1 / 2020 – Die Erde lieben

Heft 3 / 2019 – Religion und Wissenschaft II

Heft 2 / 2019 – Religion und Wissenschaft

Heft 1 / 2019 – Glaube und Zweifel

Heft 3 / 2018 – Mutige Frauen – Gelebte Spiritualität

Heft 2 / 2018 – Sonderheft: Noor-un-Nisa Inayat Khan

Heft 1 / 2018 – Sehnsucht der Seele

Heft 3 / 2017 – Geschwisterlichkeit

Heft 2 / 2017 – Gerechtigkeit

Heft 1 / 2017 – Opfer und Opfern

Heft 2 / 2016 – Religion und Liebe

Heft 1 / 2016 – Ein menschenfreundlicher Islam

Heft 3 / 2015 – Grenzen überwinden

Heft 3 / 2014 – Neuer Mensch – Neue Erde

62 SIFAT 3 | 2020Kraftquellen


Die zehn Sufi-Gedanken

Hazrat Inayat Khan

Die zehn Sufi-Gedanken

1. Es gibt den einen Gott, den Ewigen, das Einzige Sein. Nichts existiert

außer Gott.

2. Es gibt einen Meister, den Geist der Führung, der allen Seelen den Weg

weist und diejenigen, die ihm folgen, unablässig dem Licht entgegen

führt.

3. Es gibt das eine heilige Buch, das heilige Manuskript der Natur, die

einzige heilige Schrift, die ihre Leser und Leserinnen erleuchten kann.

4. Es gibt eine Religion, den unentwegten Fortschritt in der rechten

Richtung, dem Ideal entgegen, das den Lebenszweck jeder Seele erfüllt.

5. Es gibt ein Gesetz, das Gesetz der Gegenseitigkeit, das von einem selbstlosen

Gewissen zusammen mit einem erwachten Gerechtigkeitsgefühl

erfüllt werden kann.

6. Es gibt eine Familie, die Menschheitsfamilie, die unterschiedslos die

Kinder der Erde vereint – in Gott, dem Vater und der Mutter.

7. Es gibt eine Moral, die Liebe, die aus der Selbstvergessenheit entspringt

und in wohltätigen Handlungen aufblüht.

8. Es gibt einen Gegenstand der Verherrlichung, die Schönheit, die das Herz

derer, die sie verehren, durch alle Ebenen vom Sichtbaren zum Unsichtbaren

aufsteigen lässt.

9. Es gibt eine Wahrheit, die wahre Erkenntnis unseres Wesens, innen und

außen, die die Essenz aller Weisheit ist.

10. Es gibt einen Weg, die Auflösung im Grenzenlosen, wodurch Sterbliche in

die Unsterblichkeit erhoben werden und worin alle Vollkommenheit liegt.

SIFAT 3 | 2020Kraftquellen 63


VERLAG

Der Verlag Heilbronn feiert 40. Geburtstag

1981 gründete Inge von Wedemeyer den Verlag Heilbronn in

ihrer Heimatstadt Heilbronn, um Bücher über Interreligosität,

Spiritualität und vor allem die Werke von Hazrat Inayat

Khan zu publizieren.

40 Jahre später – wir haben

die Gründerin nicht persönlich

kennenlernen können

– genauer, seit 2012,

führen wir den Verlag weiter, nachdem er

zuvor Jahrzehnte von Karima Sen Gupta

(Gründerin von SIFAT) und Aeoliah Christa

Muckenheim mit vielen helfenden Händen

in Buchführung, Vertrieb und Grafik geführt wurde; mit Murshid Karimbaksh

Witteveen als Eigentümer und Ameen Carp als Geschäftsführer. Alle haben

mit ihrem, größtenteils ehrenamtlichen Engagement, diesen Verlag zu dem

gemacht, was er heute ist:

Ein Verlag, der Bücher publiziert, die geprägt

sind von interreligiöser Toleranz, basierend auf

der Sufi-Botschaft der spirituellen Freiheit von

Pir-o-Murshid Hazrat Inayat Khan.

All unseren Vorgängerinnen und Vorgängern,

allen früheren und heutigen Mithelfern, Mitstreitern,

Unterstützern, der Inayatiyya-Fami-

Büchertisch Osterseminar in Gersfeld

lie, dem Verein Buch und Mystik e. V. und nicht zuletzt unserer wertschätzenden

und treuen Leserschaft, gilt zum Jubiläumsjahr 2021

Jahre

unser aufrichtiges bayerisches Vergelt's Gott!

40Verlag Heilbronn

Der Lebens-Pfad hat uns beide durch Brüche und auch

LIEBE

HARMONIE

Schicksalsschläge zu dieser Aufgabe geführt. Die „gegebene

SCHÖNHEIT

Arbeit“, wie Pir Zia Inayat-Khan es nennt, im Dienst und für

die Verbreitung von Hazrat Inayat Khans Botschaft, haben

wir im Herzen angenommen.

HEILBRONN

Das „Vermächtnis“ ist uns Auftrag und wir werden den

Verlag Heilbronn in diesem Sinne weiterführen, bis

irgendwann jemand anderes ihn hoffentlich weiterführt.

Aber jetzt feiern wir erst mal unser 40-jähriges Bestehen.

Es freuen sich und grüßen herzlich

Uta Maria Baur & Josef Ries

Polling, Südbayern

Unseren Abonnentinnen

und Abonnenten haben

wir als Dankeschön

unser Heftchen mit

ausgewählten Texten

zum 40-jährigen beigefügt.

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