Musik grenzt keinen aus

hans.rolf.motz

Ratgeber für Musikvereine

Rolf Motz

MUSIK GRENZT

KEINEN AUS

Wie es ein kleiner Dorfverein in 50 Jahren schaffte,

Menschen große Erfolgserlebnisse zu vermitteln

Ein praxiserprobter Ratgeber für Vereine von „Gut Klang“ Erftstadt e.V.


Rolf Motz

Musik grenzt keinen aus

Wie es ein kleiner Dorfverein in 50 Jahren schaffte,

Menschen große Erfolgserlebnisse zu vermitteln

Ein praxiserprobter Ratgeber für Vereine von „Gut Klang“ Erftstadt e. V.

Vorläufige Erstauflage

Gewidmet den vielen aktiven und ehemaligen Musiker*innen, Ehrenamtlichen, Mitglieder

und Freunden von „Gut Klang“ Erftstadt e.V. zum 50. Geburtstag des Vereins

Ein besonderes Dankeschön gebührt meiner Frau Marianne für all die Zeit und Unterstützung,

damit ich mich all die Jahre für „Gut Klang“ Erftstadt e.V. engagieren konnte.

2


Inhaltsverzeichnis

1 EIN VIRUS WILL NICHT FEIERN ................................................................................................................. 5

2 50 FRAGEN AN EHRENAMTLICHE ZUR SELBSTREFLEKTION ....................................................................... 9

KLEINE SELBSTREFLEKTION ......................................................................................................................................... 9

3 WER IST „GUT KLANG“ ERFTSTADT E.V.? ............................................................................................... 12

KULTURPREISTRÄGER DES RHEIN-ERFT-KREISES ........................................................................................................... 12

PREISTRÄGER DEUTSCHER ORCHESTERWETTBEWERB .................................................................................................... 13

DEUTSCHER MEISTER 2010, 2013, 2016 UND 2019 IN DER BUNDESVEREINIGUNG DEUTSCHER MUSIKVERBÄNDE ................. 15

DIE KONZERTE ...................................................................................................................................................... 18

KINDER- UND JUGENDARBEIT ................................................................................................................................... 20

HISTORIE .............................................................................................................................................................. 21

SPIELMANNSZUG „BLAU WEIß“ ERFTSTADT 1970 E.V. ................................................................................................. 22

JUGEND-TAMBOURKORPS „GUT KLANG“ OBERAUßEM ................................................................................................. 23

„GUT KLANG“ ERFTSTADT E.V. – GEBURT EINES GROßEN FLÖTENORCHESTERS .................................................................. 27

UNSERE MUSIK FÜR DEN GUTEN ZWECK ..................................................................................................................... 30

SPIELMANNSZUG, SPIELLEUTE-ORCHESTER ODER FLÖTENORCHESTER ............................................................................... 31

4 WAS IST „MUSIK GRENZT KEINEN AUS“? ............................................................................................... 34

CLAIM, SLOGAN, MOTTO, HALTUNG? ....................................................................................................................... 34

PROGRAMM ODER PROJEKT? ................................................................................................................................... 36

5 WAS MANCHE MEDIEN MÖGEN ............................................................................................................ 40

HILFT GEMEINNÜTZIGKEIT GEGEN AUSGRENZUNG? ...................................................................................................... 41

WARUM MUSS ES DENN IMMER EIN VEREIN SEIN? ....................................................................................................... 43

DIE ARBEIT MIT GEFLÜCHTETEN, MIGRANTEN, AUSLÄNDER UND DEUTSCHE ..................................................................... 44

6 WIE FINANZIERE ICH MEINE IDEE? ......................................................................................................... 47

KOMMUNEN UND KREISE SIND ERSTMAL KLAMM ......................................................................................................... 48

VERBÄNDE SIND ERSTMAL BÜROKRATISCH ................................................................................................................... 53

SPONSOREN SIND ERSTMAL SCHWIERIG ZU FINDEN ....................................................................................................... 56

WERBEGELDER SIND ERSTMAL NICHT NACHHALTIG ....................................................................................................... 57

MITGLIEDER SIND ERSTMAL SPARSAM ........................................................................................................................ 59

SPENDEN SIND ERSTMAL UNKALKULIERBAR – KANN EIN FÖRDERVEREIN HELFEN? ................................................................ 59

7 FÜHRUNG IM LAUFE DER ZEIT ................................................................................................................ 63

KONSTRUKTIVE UND DESTRUKTIVE FÜHRUNGSSTILE ...................................................................................................... 63

DIE BETRACHTUNG DER FÜHRUNGSSTILE IN DER ZEIT VON 1970 BIS 2020 ....................................................................... 64

WAS IST EIGENTLICH RESILIENZ? ............................................................................................................................... 74

WARUM ERFOLGREICHE VEREINE PLÖTZLICH VERSCHWANDEN ........................................................................................ 75

„GUT KLANG“ UND SEINE ERFOLGREICHSTEN DIRIGENTEN ............................................................................................. 84

8 WIE ORGANISIERE ICH MEINEN VEREIN ................................................................................................. 87

DIE HIERARCHIE IN EINER AUFBAUORGANISATION – VORSTAND HAT MACHT UND MACHT ALLES ........................................... 87

PROZESSUALES DENKEN IN DER ABLAUFORGANISATION – DAS TEAM DENKT UND ARBEITET MIT ............................................ 89

KREATIVES CHAOS – MAN HAT ERFOLG UND WEIß NICHT WARUM................................................................................... 90

9 VISIONÄRE JUGENDARBEIT .................................................................................................................... 92

„WER VISIONEN HAT, SOLLTE ZUM ARZT GEHEN“ ........................................................................................................ 92

DER „ZWEITE ANZUG“ – MEISTER IM QUERDENKEN ..................................................................................................... 93

VON DER WIEGE ÜBER DIE TROTZPHASE UND DER PUBERTÄT BIS ZUM ERWACHSENEN WERDEN ............................................ 96

3


PARTIZIPATION UND REGELN .................................................................................................................................... 98

CHANCEN UND RISIKEN BEI DER ARBEIT MIT KINDERN UND JUGENDLICHEN ..................................................................... 101

„BUFDI“ - WICHTIGE HELFENDE HÄNDE .................................................................................................................... 105

10 KOMMUNIKATION IN ZEITEN DES INTERNETS ...................................................................................... 107

FRÜHER VORSTANDSSITZUNG – HEUTE WHATSAPP? .................................................................................................. 108

SKYPE – RENAISSANCE EINES VIDEO-TOOLS .............................................................................................................. 109

YOUTUBE – DIE NEUE ART DES FERNSEHENS ............................................................................................................. 110

FACEBOOK – KOMMUNIKATIONSMEDIUM ODER „BLASE“? .......................................................................................... 111

TWITTER – SCHNELL MAL EINEN RAUSHAUEN ............................................................................................................. 112

INSTAGRAM – DIE STORY MEINES LEBENS ................................................................................................................. 115

WERBEKAMPAGNEN – GESTERN UND HEUTE ............................................................................................................. 116

11 WIE SIEHT DER VEREIN IN ZEHN, ZWANZIG ODER FÜNFZIG JAHREN AUS? ........................................... 117

SMARTE ZIELE - „DIE ZUKUNFT GEHÖRT DENEN, DIE DIE MÖGLICHKEITEN ERKENNEN, BEVOR SIE OFFENSICHTLICH WERDEN“ .... 118

GLOBALE VERÄNDERUNGSPROZESSE VS. VEREINSZIELE - TRADITIONELLES VS. MEGATRENDS – ENTSCHEIDUNGSHILFEN ........... 120

OHNE KOOPERATIONEN KEINE NACHHALTIGKEIT – VOM JOINT VENTURE ZUR FUSION....................................................... 123

DIGITALISIERUNG IN EINER ANALOGEN FREIZEITGESTALTUNG ........................................................................................ 128

WIE SCHAFFE ICH EIN KLIMA FÜR VERÄNDERUNGSBEREITSCHAFT? ................................................................................. 130

12 FRÜHER WAR ALLES BESSER?! .............................................................................................................. 133

VON RITA RUCKES ............................................................................................................................................... 133

VON RENE BEGIC ................................................................................................................................................. 136

13 DIE ANTWORTEN ZU DEN 50 FRAGEN AUF DEM WEG ZUM ERFOLGSERLEBNIS ................................... 142

4


1 Ein Virus will nicht feiern

„Gut Klang“ Erftstadt

e.V. wird 50 Jahre alt.

Große Feierlichkeiten

sind geplant. Am 28.

März 2020 soll im Rahmen

eines großen Empfangs

im Saal der St. Sebastianus Bruderschaft

Gymnich 1139 e.V. an 50 erfolgreiche

Jahre erinnert werden. Am 22. November ist

im Stadttheater Euskirchen das große Galaund

Jubiläumskonzert geplant. Alle Einladungen

an Mitglieder, Politik und Verbände sind

verschickt.

Aber ein Coronavirus mit dem Namen SARS-

CoV-2 legt das öffentliche Leben lahm. Die

Veranstaltungen rund um das „Gut Klang“-Jubiläum

werden abgesagt. SARS steht hierbei

für „Schweres Akutes Atemwegssyndrom“.

Die Erkrankung, die durch dieses Coronavirus

ausgelöst wird, wird mit COVID-19 bezeichnet.

Eine weltweite Pandemie führt in vielen

Ländern zu einem „Lockdown“, weil eine Infektion

mit SARS-CoV-2 eine schwere Erkrankung

mit tödlichen Folgen haben kann.

Ausgerechnet am Freitag dem Dreizehnten

wird der „Lockdown“ eingeläutet. Schulen

dicht, Kitas auch, der dringend erforderliche

Frisörbesuch muss ausfallen, und nach wenigen

Tagen steht alles still. „Gut Klang“ darf

nicht mehr in den Schulräumen proben und

Auftritte sind behördlich untersagt. Fast lautlos

und bewegungslos starrt die Welt auf das

Coronavirus, lauscht Virologen und Epidemiologen

und klammert sich wahlweise an Minister

oder Verschwörungstheoretiker. Politiker

sinnieren, wie viele Tote man sich leisten

kann, damit die Wirtschaft brummt, Pflegekräfte

sammeln Hunderte von Überstunden,

warten auf die versprochenen Schutzmasken

und eine Flut von Erklärungen liefern mehr

Fragen als Antworten.

Chronologie der Ereignisse:

13. März 2020

Die Infiziertenzahlen in Italien schnellen immer

steiler nach oben. In Deutschland ist das

5

Infektionsgeschehen zu dem Zeitpunkt noch

gemäßigt. Aber man will nicht zu spät reagieren.

Die Bilder aus Italien sind zu schrecklich.

Um 14:30 Uhr tritt NRW-Ministerpräsident

Armin Laschet vor die Presse und kündigt an,

dass ab Montag in ganz Nordrhein-Westfalen

die Schulen und die Kitas geschlossen werden.

Außerdem werden Kultureinrichtungen

zugemacht. Besuche in Altenpflegeheime

und Krankenhäuser werden begrenzt. Die sozialen

Kontakte sollen eingeschränkt werden,

damit das Virus sich weniger schnell ausbreitet.

15. März 2020

„Gut Klang“ stellt bis auf Weiteres alle Arten

der Proben ein: Hauptorchester, LeO, Nachwuchsproben

und musikalische Früherziehung.

Alle Treffen, Sitzungen, Versammlungen

etc. werden abgesagt. Der Vorstand fordert

alle großen und kleinen Musiker auf zu

Hause zu bleiben und die Tage sinnvoll zu füllen:

z.B. mit häuslichem Üben und Musik.

16. März 2020

In der probenfreien Zeit will man eine

WhatsApp-Gruppe zu einem sozialen Treffpunkt

machen. Die Gruppe heißt „GK-Freizeitplanung

2.0“. Wenigstens will man nun in

dieser verrückten Zeit virtuell Kontakt halten.

20. März 2020

Vorsitzender Rene Begic ruft dazu auf am 22.

März mit vielen anderen Musiker*innen in

Deutschland am Fenster oder auf dem Balkon

der eigenen Wohnung „Freude schöner Götterfunken“

zu spielen.

22. März 2020

Einige GK-Musikerinnen machen bei der Aktion

mit und senden kleine Videos an Rene


Begic mit ihrer Darbietung des „Götterfunken“.

28. März 2020

Heute wäre die offizielle Geburtstagsfeier anlässlich

50 Jahre „Gut Klang“ Erftstadt e.V.

Kölner Musiker haben die #Veedelband gegründet

und auf Youtube den Bläck Fööss-Hit

„In unserem Veedel“ aufgenommen. Die

Bläck Fööss werden in 2020 ebenfalls 50

Jahre alt. Wie „Gut Klang“.

nicht klar wurde, wann die Vereinsaktivitäten

wieder aufgenommen werden dürfen.

Rene hat eine kleine Geschichtsstunde über

die Vereinsgeschichte von „Gut Klang“ auf

30. März 2020

Jan Schillings, künstlerischer Leiter von „Gut

Klang“ hat von einigen Musikstücken, die für

das große Gala- und Jubiläumskonzert geplant

sind, stimmenspezifisch mp3-Dateien

erstellt. So kann sich jeder zu Hause musikalisch

fit halten.

01. April 2020

Rene Begic bietet eine Mund-Nasen-Schutzmaske

mit Gut Klang-Logo an. Wie sich später

herausstellte, war es ein Aprilscherz. Zum jetzigen

Zeitpunkt ahnte noch niemand, dass

Mund-Nasen-Schutzmasken mit diversen

Aufdrucken und Logos zu einem gängigen

Modeaccessoire werden sollten.

17. April 2020

Die Kontaktbeschränkungen wurden vom

Land NRW bis 3. Mai verlängert. Die gute

Nachricht ist aber, dass für Einzelunterricht

der Jugendraum und der Instrumentenraum

genutzt werden können.

27. April 2020

Rene Begic bringt einen Gut Klang-Podcast

heraus: den „GKomPod“. Ein neues Format

um in Kontakt mit den Mitgliedern zu bleiben.

Insbesondere wird auf die neue digitale

Lernwelt für die Nachwuchsmusiker hingewiesen,

die Jan-Hendrik „Zottel“ Pfeiler entwickelt

hat.

01. Mai 2020

Rene Begic informiert, dass in der Pressekonferenz

von Bund und Länder es immer noch

YouTube abgelegt.

Digitaler Flötenunterricht

03. Mai 2020

Im GK-Newsletter wird auf die Anti-Corona-

Bilder hingewiesen, die derzeit in den KiTas,

Schulen und zu Hause von Kindern gemalt

werden. Auch die Musikschüler von „Gut

Klang“ haben diese gezeichnet. Im Kellerabgang

zum Jugendraum entsteht nun eine

kleine Bildergalerie.

18. Mai 2020

Künstlerischer Leiter Jan Schillings informiert,

dass ab nächster Woche der Nachwuchs und

das Hauptorchester wieder in einen eingeschränkten

Probenbetrieb starten können.

Ein detailliertes Raumnutzungs- und Hygienekonzept

wird erstellt. Der Unterricht wird auf

mehrere Tage in der Woche verteilt. Entsprechende

Probenpläne werden erstellt.

24. Mai 2020

Vorsitzender Rene Begic informiert darüber,

dass das für den 21. November 2020 geplante

Gala- und Jubiläumskonzert verschoben wird,

weil ein geregelter Probenbetrieb in 2020

6


schwer möglich ist. Neuer Termin ist der 20.

November 2021 im Stadttheater Euskirchen.

Abstandsregeln hin sowie das Tragen des

Mund-Nasen-Schutzes.

Orchesterprobe auf Corona-Abstand

06. Juni 2020

Der Jugendausschuss probiert erstmals über

„Zoom“ eine Jugendversammlung.

29. Juni 2020

Rene Begic informiert, dass der Jubiläumsempfang

nun schon zum zweiten Mal verschoben

werden muss, weil mit erheblichen

Beschränkungen zu rechnen ist. Neuer Termin

ist der 24. April 2021.

16. Juli 2020

Im Saal der St. Sebastianus Bruderschaft

Gymnich können endlich wieder Orchesterproben

stattfinden. Jan Schillings verschickt

das Raumnutzungskonzept und weist auf die

18. August 2020

Eigentlich sollte der Probenbetrieb nach den

Sommerferien in der Schule wieder starten.

Die Stadt untersagt aber die Nutzung der

Schulräume. Genutzt werden können nur der

Instrumentenraum und der Jugendraum. Alle

Orchesterproben sollen bis November 2020

bei der Bruderschaft stattfinden.

01. September 2020

Das Familienzentrum St. Kunibert stellt für

Nachwuchs- und Flötistenproben das Pfarrzentrum

zur Verfügung. „Gut Klang“ kann

weiter musikalisch arbeiten.

15. Oktober 2020

Erneut müssen Proben abgesagt werden, da

die Zahl der Corona-Neuinfektionen sprunghaft

ansteigen. Noch wird nicht mit einem

„Lockdown“ gerechnet.

23. Oktober 2020

Der komplette Probenbetrieb wird bis 8. November

2020 erneut abgesagt. Nachwuchsund

Projektarbeit erfolgt wieder digital, da

7


erstmal der Jugendraum nicht genutzt werden

darf.

05. November 2020

Die Coronaschutzverordnung NRW wird angepasst:

Musikalischer Unterricht ist unter

Beachtung bestimmter Regeln (z.B.

Mindestabstand, Rückverfolgung) ab 5. November

2020 wieder zulässig.

08. November 2020

Das Ordnungsamt gibt den Jugendraum für

Proben wieder frei. Ansonsten bleibt es bis

erstmal Ende November bei allen weiteren

Absagen.

Kölnischer Stadt-Anzeiger, 9. April 2020

8


2 50 Fragen an Ehrenamtliche zur Selbstreflektion

Ich selbst bin seit 1969 in verschiedenen Vereinen

tätig und möchte es auch noch eine

Weile bleiben, sofern meine Gesundheit es

zulässt. In dieser Zeit habe ich viel erlebt.

Dazu aber später mehr. Zum 50. Geburtstag

meines Vereins hat unser Vorsitzender angefragt,

ob ich eine Festschrift erstellen könnte.

Ich habe kurz überlegt und kam zu dem Ergebnis:

Mein Verein ist immer irgendwie etwas

anders gewesen als andere Vereine. Insbesondere

war der Verein über die Jahrzehnte

geprägt von einer ausgesprochen ausgeprägten

Veränderungsbereitschaft. Seine

Mitglieder waren immer offen für Neues.

Und so ist nicht eine Festschrift entstanden,

sondern ein Ratgeber für alle möglichen Vereine,

am Beispiel eines Vereins: der Verein

heißt „Gut Klang“ Erftstadt e.V.

Doch zunächst möchte ich mit einem Fragebogen

beginnen. Dieser Fragebogen gibt

keine Antworten. Die Antworten sollst du dir

Kleine Selbstreflektion

1. Du musst morgen deinen Verein aus beruflichen,

familiären oder persönlichen

Gründen verlassen. Bist du sicher, dass

die erfolgreiche Weiterführung des Vereins

dir noch am Herzen liegt, auch wenn

keine Freunde dort mehr mitwirken?

2. Was erhoffst du dir von deinem Verein?

3. Wem wärst du während deiner ehrenamtlichen

Arbeit lieber nie begegnet?

4. Wie heißt das Mitglied, dass irgendwann

den Verein verlassen hat, das heute dem

Verein noch sehr helfen könnte? Oder

hältst du keinen für ersetzbar?

5. Hättest du lieber in einem anderen Musikverein

mitgewirkt und wenn ja, in welchem?

6. Wenn du die Macht hättest zu befehlen,

was dir richtig erscheint, würdest du es

befehlen gegen den Widerspruch der

Mehrheit? Ja oder nein? Warum?

selbst geben nach der Lektüre dieses Buches.

Ach ja, ich denke wir duzen uns. So unter engagierten

Ehrenamtlern. Also nimm dir etwas

Zeit, lies die Fragen sorgfältig durch und überlege

dir eine Antwort. Lösungen gebe ich dir

nicht. Aber wenn du das Buch gelesen hast,

dann verfügst du über Handwerkszeug, das

dir hilft, zu den Fragen die passenden Antworten

zu finden. Die Idee dieser Fragen entstammt

übrigens dem Buch „Fragebogen“

von Max Frisch. Philosophieren gemeinsam

mit den Vereinskolleginnen und -kollegen ist

erlaubt.

Die Fragen entstammen nicht nur aus Erlebnissen,

die ich bei „Gut Klang“ hatte, sondern

es sind Erfahrungen, die ich durch die Vernetzung

mit vielen anderen Musikvereinen gemacht

habe.

Rolf Motz

7. Du engagierst dich selbstlos seit vielen

Jahren für deinen Verein. Du empfindest,

dass dies vom Vorstand und den Vereinsmitgliedern

nicht genügend gewürdigt

wird. Für wen engagierst du dich selbstlos?

8. Du bist Vorstand. Lobst du die Mitglieder

des Vereins regelmäßig für ihre engagierte

Arbeit?

9. Ein Mitglied macht ständig Fehler. Wie

gehst du damit um?

10. Bist du eher ein agierendes Mitglied oder

ein reagierendes Mitglied? Gehst du mit

Ideen voran?

11. Du bist Jugendleiter und dein Kind ist

Mitglied und ein guter Musiker in der Jugendgruppe.

Leider sorgt es immer wieder

für Streit und befolgt keine Regeln.

Schließt du dein Kind aus dem Verein

aus?

12. Ein Junge mit Fluchterfahrung sorgt immer

wieder für handgreifliche Auseinan-

9


dersetzungen im Verein? Muss er den

Verein verlassen?

13. Der musikalische Leiter, der große Konzerterfolge

und Meisterschaften mit der

Musikgruppe erreicht hat und bei den

Mitgliedern ein großes Ansehen genießt,

verliebt sich in eine minderjährige Musikerin?

Wirst du ihm empfehlen den Verein

zu verlassen, obwohl er für den Verein

musikalisch unersetzlich ist?

14. Der Verein verfügt über beachtliche Liquidität.

Wie setzt du das Geld richtig

ein?

15. Dein Verein, der sich sozial sehr stark engagiert,

ist insolvent. Wirst du mit deinen

privaten finanziellen Mitteln aushelfen?

16. Ein wichtiges Mitglied ist in Privat-Insolvenz

und kann sich die Mitwirkung im

Verein nicht mehr leisten. Eine Unterstützung

aus der Vereinskasse ist nicht

möglich. Wirst du dem Mitglied privat

helfen?

17. Du willst in deinem Verein Beiträge einführen,

obwohl dir bekannt ist, dass nicht

alle Mitglieder diese bezahlen können?

Wie gehst du vor?

18. Eine alleinerziehende Mutter bringt ihr

neugeborenes Kind zur Probe mit. Die

Mutter ist eine wichtige Musikerin. Das

Kind weint permanent während der Probenarbeit.

Wirst du die Mutter künftig

von der Probe ausschließen, damit sich

die anderen Musiker nicht gestört fühlen?

19. Deine Vorstandskollegen sind unzufrieden

mit deiner Arbeit im Vorstand. Sie legen

dir nahe das Vorstandsmandat niederzulegen.

Bist du bereit dich trotzdem

in anderer Funktion weiter für den Verein

zu engagieren?

20. Falls du schon mehrfach den Verein gewechselt

hast: worin sind sich die Vereine

ähnlich gewesen, zu Beginn deiner

Vereinsmitgliedschaft und zum Ende?

21. Kannst du jedem Vereinsmitglied offen

und ehrlich deine Meinung sagen, auch

wenn sie verletzend sein könnte?

22. Worauf führst du zurück, dass du dich in

deinem Verein wohl fühlst?

23. Worauf führst du zurück, dass du dich in

deinem Verein immer wieder ärgerst?

24. Du streitest dich mit einem Vereinsmitglied

und versöhnst dich wieder. Kennst

du Versöhnungen, die keine Narben hinterlassen

auf der einen oder auf der anderen

Seite?

25. Wofür bist du, bezogen auf den Verein,

dankbar?

26. Was fehlt dir in deinem Verein um dort

wirklich glücklich zu sein?

27. Müssen wir alle Unternehmungen gemeinsam

als ein Team/Verein planen o-

der grenzen wir schon Menschen aus,

wenn einzelne Gruppen im Verein etwas

alleine machen?

28. Die Orchestermitglieder stimmen mehrheitlich

für eine neue Kleiderordnung bei

Auftritten. Jede*r Musiker*in darf sich

bunt kleiden. Das gefällt dir überhaupt

nicht. Wirst du den Verein verlassen oder

ist dir die Mitwirkung im Verein so wichtig,

dass du dich der Mehrheit unterordnen

wirst?

29. Wie gut kannst du mit gegenteiligen Meinungen

in und außerhalb des Vereins

umgehen?

30. Ein 25jähriger Musiker verliebt sich in

eine 14jährige Musikerin. Eine 25jährige

Musikerin verliebt sich in einen 14jährigen

Musiker? Wie wirst du als Vorstand

handeln?

31. Sind Frauen für Vorstandsämter in Vereinen

besser geeignet? Wenn ja, warum?

Wenn nein, warum nicht?

32. Du erkennst bei einer Gruppe von Mitgliedern

Alltagsrassismus? Welche Maßnahmen

ergreifst du?

33. Passen deine persönlichen Hoffnungen,

Wünsche und Ziele zu denen der Mehrheit

der Vereinsmitglieder?

34. Wie oft muss eine bestimmte Hoffnung

sich nicht erfüllen, damit du die betroffene

Hoffnung aufgibst?

35. Wenn sich eine bestimmte Hoffnung o-

der ein Wunsch erfüllt und ein Ziel

10


erreicht wurde: wie lange findest du in

der Regel, es sei das richtige Ziel gewesen?

Hat das Ziel eine wirklich so große

Bedeutung gehabt?

36. Welche Hoffnungen, Wünsche, Ziele hast

du aufgegeben?

37. Kannst du ohne Hoffnung, Wünsche und

Ziele in einem Verein arbeiten?

38. Kannst du dich für Menschen engagieren,

die früher oder später, weil sie dich

zu kennen meinen, wenig Hoffnung auf

dich setzen?

39. Gesetz den Fall, du unterscheidest zwischen

deinen eigenen Hoffnungen und

den Hoffnungen der anderen Vereinsmitglieder,

die auf dich setzen: bedrückt

es dich mehr, wenn sich die ersteren o-

der wenn sich die letzteren nicht erfüllen?

40. Bist du stolz darauf in deinem Verein zu

sein?

41. Hältst du dich für einen guten Freund

und ein gutes Vereinsmitglied?

42. Hältst du dich für ein zuverlässiges Vereinsmitglied

und Freund?

43. Wie viele echte Freunde hast du im Verein?

44. Hältst du die Dauer einer Vereinsmitgliedschaft

für ein Wertmaß von Freundschaft?

45. Würdest du deinem Freund verzeihen,

wenn er den Verein verlässt, um in einen

vermeintlich besseren Verein zu wechseln?

46. Möchtest du im Verein ohne Freunde

auskommen oder reichen dir die Vereinskollegen?

47. Was fürchtest du mehr: das Urteil von einem

Freund oder das Urteil von einem

Feind? Warum?

48. Wie redest du über Mitglieder, die den

Verein verlassen haben?

49. Wenn du längere Zeit nicht mehr an Vereinsaktivitäten

teilnehmen konntest,

was vermisst du mehr: die Menschen o-

der die Musik? Du musst dich entscheiden.

50. Ist dir dein Verein wichtiger als deine Familie?

11


3 Wer ist „Gut Klang“ Erftstadt e.V.?

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. im Jahr 2017

Will man „Gut Klang“ Erftstadt e.V. mit drei

Worten charakterisieren, so sind das

INNOVATIV.NACHHALTIG.SOZIAL

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. ist in Erftstadt-

Gymnich beheimatet. Das Flötenorchester

hat im Jahr 2020 etwa 50 Orchestermusiker.

Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, allen interessierten

Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

eine gute musikalische Ausbildung

zu gewähren. Getragen wird dieses

Konzept durch viele ehrenamtliche Helfer.

Das Motto der Vereinsarbeit ist: „Musik

grenzt keinen aus“. So soll auch benachteiligten

Kindern der Zugang zu einem anerkannt

guten Angebot der Breitenkultur erleichtert

werden.

Nicht nur ein kostenloser Musikunterricht,

sondern auch außermusikalische Bildungsangebote

können ohne Mitgliedsbeitrag wahrgenommen

werden. Wenn die Musiker eine

bestimmte Leistungsstufe erreicht haben,

winkt zunächst die Aufnahme in ein Lehrorchester

(LeO) und den talentiertesten Musikern

die Mitwirkung im Orchester. Aber natürlich

sind auch Erwachsene aller Altersgruppen

willkommen, selbstverständlich

auch Senioren. Denn „Gut Klang“ grenzt niemanden

aus, egal welcher Herkunft, Nationalität,

Alter oder finanziellen Möglichkeiten.

Kulturpreisträger des Rhein-Erft-

Kreises

2008 wurde „Gut Klang“ Erftstadt als erstes

Orchester im Rhein-Erft-Kreis mit dem Kulturpreis

ausgezeichnet. Mit dem Kulturpreis

des Rhein-Erft-Kreises werden besondere

Verdienste um das kulturelle Leben gewürdigt

oder hervorragende künstlerische Leistungen

ausgezeichnet und der Öffentlichkeit

bekannt gemacht. Geehrt werden Personen

oder Personengruppen, die sich um die

kulturellen Belange des Rhein-Erft-Kreises

verdient gemacht haben. An die 200 Gäste

waren gekommen, um dabei zu sein, wie der

damalige Landrat Werner Stump den neuen

Träger des Kulturpreises des Rhein-Erft-Kreises

kürte. Was an sich noch kein Problem gewesen

wäre, wenn nicht "Gut Klang" zu den

Geehrten gehört hätte - und nicht in voller

Orchesterstärke aufgelaufen wäre. „Die 40

überwiegend jungen Musiker brachten ein

bisschen Pep in den Abend, als sie das Stück

präsentierten, für das sie vor einigen

12


Kulturpreis aus den Händen von Landrat Stumpf am 13. Oktober 2008,

links Heinz Küpper

Monaten beim Orchesterwettbewerb des

deutschen Musikrates das Prädikat "hervorragend"

bekommen hatten“, schrieb der Kölner

Stadt-Anzeiger.

Wie denn so ein Erfolg einzuschätzen sei,

fragte Radio-Erft-Moderator Olly Hahn, der

durch den Abend führte, René Begic. Der

Vorsitzende von "Gut Klang" erklärte es bildhaft:

"Das ist, als wenn der 1. FC Köln in der

Champions League gewinnt" Mehr als der Titel

im Wettbewerb hatte die Jury bei der

Preisvergabe allerdings die Jugendarbeit des

Musikvereins beeindruckt. Und auch für die

hatte Rene Begic eine einprägsame Formulierung

parat: "Musik grenzt keinen aus."

als „Leuchtturmprojekt“ bezeichnet. Dass die

musikalische Arbeit sehr erfolgreich ist,

zeigte der Deutsche Orchesterwettbewerb

2008. Dieser Wettbewerb

richtet sich alle vier Jahre

an Laienorchester aus den

Bereichen der sinfonischen

Musik, der Zupf-, Spielleute-,

Blas-, Akkordeonmusik

und des Jazz. Durch

Vergleich einerseits und Er-

Preisträger Deutscher

Orchesterwettbewerb

„Gut Klang“ wird mit seinem Ansatz Kinder

und Jugendliche an die Musik heranzuführen

Sieger Deutscher Orchesterwettbewerb

2008 in Wuppertal

13

Preisträgerkonzert Deutscher Orchesterwettbewerb

2008

fahrungsaustausch andererseits

möchte der Wettbewerb

den Leistungsstandard

von Orchestern stärken

und anheben. Zugleich

sollte mit dieser Art von

musikalischem Treffen die

kulturpolitische Bedeutung

und Vielfalt des Musizierens

im Laienorchester bewusst

gemacht werden. Einen

Schwerpunkt bildete deshalb die Interpretation

von Musik des 20. Jahrhunderts. Im

Vorfeld des Wettbewerbs auf Bundesebene

findet in jedem Bundesland ein Auswahlverfahren

statt, das von den Landesmusikräten

durchgeführt wird. „Gut Klang“ Erftstadt

qualifizierte sich erstmals beim Landeswettbewerb

in Mönchengladbach im Oktober

1999 für den Deutschen Orchesterwettbewerb

in Karlsruhe 2000 und beim Landeswettbewerb

in Wuppertal im Oktober 2003

für den Deutschen Orchesterwettbewerb in

Osnabrück 2004.

2007 erreichte „Gut Klang“ in Hamm die erneute

Qualifikation zum Deutschen Orchesterwettbewerb

in Wuppertal 2008. Dort

konnte „Gut Klang“ unter der Leitung von

Bruno Stracke den bis dahin größten Erfolg


der Vereinsgeschichte feiern: man wurde

Sieger in der Kategorie „Spielleute“ und erzielte

mit den zeitgenössischen Musikstücken

„Spectaculum“ und „Es gab eine Zeit“

sogar die Note „hervorragend“ und wurde

damit Preisträger des Deutschen Orchesterwettbewerbs.

Eine Auszeichnung, die nur die

besten Orchester Deutschlands tragen dürfen.

Nach diesem großen Erfolg konzentrierte

sich „Gut Klang“ dann auf die

Deutschen Meisterschaften der Bundesvereinigung

Deutscher Musikverbände (BDMV),

da diese eine größere Breitenwirkungen habent.

„Gut Klang“ im Jahr 2016

14


Deutscher Meister 2010, 2013,

2016 und 2019 in der

Bundesvereinigung Deutscher

Musikverbände

2007 aus. Und so konnte „Gut Klang“ endlich

den ersehnten zweiten ganz großen Titel neben

dem Deutschen Orchesterwettbewerb

gewinnen – sozusagen den „Grand Slam“ der

Flöten- und Percussionmusik.

Doch bereits 2011 erfolgte wieder ein Wechsel

am Taktstock. Ein Orchestermitglied

wurde Nachfolger von Bernd Wysk. Christoph

Ahlemeyer war nun der musikalische

Leiter des Vereins. Als gelernter Rhythmiker,

machte vor allem die Rhythmusabteilung von

Deutscher Meisterschaft 2010 in Rastede/Oldenburg

Dirigent: Bernd Wysk

Musikstücke: „Märchenstunde“ und „Es gab eine Zeit“

„Gut Klang“ zeigt eine konstant hohe Leistungsbereitschaft.

2010 musste allerdings

Bruno Stracke das Orchester leider wieder

verlassen. Für ihn kam Bernd Wysk. Er hatte

sehr große Erfahrungen im Bereich der Spielleute

und der aufkommenden Flötenorchester-Szene.

Unter ihm machte das Orchester

einen weiteren Schritt nach vorne und

konnte so seinen ersten Deutschen Meistertitel

in der BDMV erzielen. Diesen holte man

am 4. Juli 2010 in Rastede.

Zwar hatte „Gut Klang“ schon in den 90er

Jahren große Erfolge auf Bundesebene gefeiert,

unter anderem 1994 ebenfalls die Deutsche

Meisterschaft, damals in Wirges mit den

Musikstücken „Zirkusfantasie“ und „Perlen

der Karibik“ unter der Leitung von Willi Effern.

Diese Erfolge kamen aber nur in dem

Verband zu Stande, der im Schwerpunkt die

Spielleute betreute, dem Deutschen Bundesverband

der Spielmanns-, Fanfaren-, Hörnerund

Musikzüge. Da im Turnerbund, in der

Feuerwehrmusik oder in den Volksmusikverbänden

ebenfalls hervorragende Flötenorchester

beheimatet sind, galt der Titel in einem

einzigen Verband in der Vergangenheit

als nicht besonders wertvoll. Den Meister aller

Klassen und Verbände spielt man erst seit

15

“Gut Klang” einen großen Schritt nach vorne.

Als guter und erfolgreicher Komponist, profitierte

das Orchester auch von Ahlemeyers

Stücken. 2013 gipfelte das dann in der Titelverteidigung

des Deutschen Meisters in

Chemnitz.

2013 war auch das Jahr, in dem ein erneuter

Dirigentenwechsel anstand. Diesmal wurde

der Taktstock an David Krohn übergeben.

Krohn hatte schon als Dozent mit dem Orchester

zusammengearbeitet. So gab es

keine große Eingewöhnungszeit. Als studierter

Musiker an der Querflöte gewannen vor

allem die Flötisten unter seiner Leitung an

Qualität. Doch auch Krohn konnte nur bis

2016 bleiben. Dann ging der Dirigentenstab

erneut weiter.

Tobias Lempfer hieß der Nachfolger. Lempfer

ist ein bekannter Name in der Welt der

Spielleute und Flötenorchester. Mehrere

hervorragende Kompositionen auf höchstem


Deutscher Meisterschaft 2013 in Chemnitz

Dirigent: Christoph Ahlemeyer

Musikstücke: „Brooklyn Bridge“ und „Story of the Sequoia“

Niveau stammen aus seiner Feder. Als studierter

Musikpädagoge hatte Lempfer schon

mit vielen Orchestern bundesweit erfolgreich

zusammengearbeitet. Unter seinem Dirigat,

konnte “Gut Klang” 2016 wiederum in

Rastede, seinen dritten Meistertitel in Folge

gewinnen. Der bisher letzte Dirigentenwechsel

fand dann im Dezember 2018 statt. Aus

beruflichen Gründen musste Lempfer sein

Amt als Dirigent von “Gut Klang” Erftstadt

niederlegen. Sein Nachfolger wurde ein Niederländer.

Mit Henk Smit gewann das Orchester

eine absolute Koryphäe im Bereich

der Orchestermusik. Smit ist ein studierter

Dirigent und Musiker und bewegt sich musikalisch

als Dozent, Dirigent und Jurymitglied

auf internationalem Parket. Ein riesiger Gewinn

für das gesamte Orchester, welches

sich auch in dem vierten Deutschen Meistertitel,

welcher 2019 in Osnabrück errungen

wurde, widerspiegelt.

Mit dem neuen Dirigenten Henk Smit haben

sich überraschende und vielfältige neue

Wege eröffnet. Dem Orchester wurden, unter

seiner Leitung, aufgezeigt, dass das musikalische

Entwicklungspotential noch lange

nicht ausgeschöpft ist. Man kann fast sagen,

man hat erkannt, dass man musikalisch erst

Deutscher Meisterschaft 2016 in Rastede/Oldenburg

Dirigent: Tobias Lempfer

Musikstücke: „Das Geheimnis um Loch Ness“ und „A Matter of Course“

16


am Anfang steht. Mit Smit „Gut Klang“ nun

diesen neuen Weg beschritten. Schon bei der

Deutschen Meisterschaft 2019 in Osnabrück

waren die Anfänge zu erkennen. Doch dies

sind nur die ersten kleinen Schritte in eine

neue große und vielfältige Musikwelt

gewesen. Das Orchester möchte sich nun als

ein symphonisches Flötenorchester weiterentwickeln.

Dies ist noch ein langer Weg den

man aber gemeinsam mit seinem neuen Dirigenten

glaubt erfolgreich beschreiten zu

können.

Deutscher Meisterschaft 2019 in Osnabrück

Dirigent: Henk Smit

Musikstücke: „Pilatus: Mountain of Dragons“ und „Emerald Rhapsody“

17


Begeistertes Publikum 2012 in der Schulaula des Gymnasiums Lechenich

Die Konzerte

Lange Zeit hat die Flötenorchesterszene „Gut

Klang“ als reines „Meisterschaftsorchester“

wahrgenommen. Das dies nicht so ist, zeigt

die lange Liste großer Konzerte seit 1995. Alle

nahezu ausverkauft und innovativ mit Originalmusik

für Flötenorchester beziehungsweise

Bearbeitungen von Werken der symphonischen

Blasmusik. Die Konzerte sind

mittlerweile ein Pflichttermin für die Kenner

der Flötenorchestermusik und von großem

Unterhaltungswert für das Publikum. Die Kulturabteilung

der Stadt Erftstadt hat die „Gut

Klang“-Konzerte als die bestbesuchte Veranstaltung

in der städtischen Kulturszene geadelt.

1995 Jubiläumskonzert „25 Jahre Gut

Klang“ in Gymnich am 20. Mai; Dirigentin:

Silvia Nau

1995 Benefizkonzert am 22. Sept. mit

Blasorchester Hermülheim in Lechenich;

Dirigentin: Silvia Nau

1996 Konzert mit Blasorchester Hermülheim

in Gymnich am 23. Nov.;

Dirigentin: Silvia Nau

1997 Konzert mit Blasorchester Hermülheim

in Gymnich am 22. Nov.;

Dirigentin: Silvia Nau

1998 Konzert mit Blasorchester Hermülheim

in Gymnich am 21. Nov.;

Dirigent: Georg Bollig

2000 Benefizkonzert „Unser Dorf musiziert“

anlässlich 30 Jahre Gut

Klang am 26. August in Gymnich;

Dirigent: Georg Bollig

2002 Vorweihnachtliches Konzert am

12. Dezember in Gymnich; Dirigent:

Georg Bollig

2003 Frühjahreskonzert am 18. Mai in

Gymnich; Dirigent: Georg Bollig

2003 Vorweihnachtliches Konzert am

14. Dezember in Gymnich; Dirigent:

Georg Bollig

2004 Weihnachtskonzert am 12.Dezember

in Gymnich; Dirigent:

Georg Bollig

2005 Weihnachtskonzert (Kinderkrebshilfe)

am 18. Dez. in Gymnich; Dirigent:

Georg Bollig

2006 Weihnachtskonzert am 17. Dezember

in Gymnich; Dirigent:

Bruno Stracke

2008 „Night oft he Dreams“ am 22. November

in Dirmerzheim; Dirigent:

Bruno Stracke

18


2009 „Night oft he Dreams (2) am 27.

November in Gymnich; Dirigent:

Bruno Stracke

2010 „Es gab eine Zeit“ am 27. November

2010 in Gymnich; Dirigent:

Bernd Wysk

2011 Weihnachtskonzert am 18. Dezember

in Gymnich; Dirigent

Christoph Ahlemeyer

2012 „American Way of Music“ am 24.

März in Lechenich; Dirigent: Christoph

Ahlemeyer

2012 Weihnachtskonzert am 2. Dezember

in Gymnich; Dirigent: Christoph

Ahlemeyer

2013 Neujahrskonzert „Wiener Kaffeehaus“

am 13. Jan. in Gymnich; Dirigent:

Christoph Ahlemeyer

2013 „Walk of Fame“ am 30. November

in Lechenich, Dirigent: Christoph

Ahlemeyer

2014 „Celtic“ am 16. März, Dirigent: David

Krohn

2015 „And the Oscar goes to …“ am 18.

April in Lechenich, Dirigent: David

Krohn

2017 „Gut Klang“ in Concert am 1. April

in Lechenich, Dirigent: Tobias

Lempfer

2017 Weihnachtskonzert am 3. Dezember

im Saal der St. Bruderschaft

Gymnich, Dirigent: Tobias Lempfer

2018 Kaffee- und Kuchenkonzert am 3.

November in Lechenich, Dirigent:

Tobias Lempfer

2021 Gala- und Jubiläumskonzert: Dirigent

Henk Smit

19


Kinder- und Jugendarbeit

hilft der Verein oft weiter bzw. stellt auch ggf.

Leihinstrumente zur Verfügung.

Vorrangigstes Ziel der musikalischen Ausbildung

der Kinder ist im Lehrorchester mitzuspielen,

dem. Sogenannten „LeO“. Besonders

talentierte Kinder- und Jugendliche

Schaffen den großen Schritt in das Hauptorchester.

Tanz- und Bewegungsspiele in der musikalischen

Früherziehung mit Christina Begic

Die wichtigste Aufgabe sieht der Verein neben

der Weiterentwicklung der Flötenorchestermusik

in der musikalischen und außerschulischen

Bildungsarbeit. So wird bereits

seit 1996 Kindern ab vier Jahren eine

musikalische Früherziehung angeboten. Ab

sechs Jahren erfolgt eine musikalische

Grundausbildung, die nach kurzer Zeit des

Unterrichts den Mädchen und Jungen die

Mitwirkung bei kleineren musikalischen Auftritten

im Rahmen des Lehrorchesters ermöglicht.

Außerdem wird Blockflöten bzw.

blockflötenähnlichen Instrumenten (die

quergespielten Blockflöten „TooTs“) Unterricht

angeboten sowie für ambitionierte Musiker

Konzertflötenunterricht erteilt.

In Zusammenarbeit mit dem Familienzentrum

der Pfarre St. Kunibert in Gymnich werden

Kurse in der musikalischen Früherziehung

angeboten. Den Partner Grundschule

Gymnich begleitete „Gut Klang“ mit Projekten

den Musikunterricht der Grundschule.

Kinder, die in das Orchester wechseln möchten,

erhalten von den vielen ehrenamtlichen

Mitgliedern des Vereins aber auch von Honorarkräften

eine Ausbildung auf Perkussionsinstrumenten

bzw. auf den Flöten. Hier werden

grundsätzlich Querflöten mit Klappenmechanik

als Ausbildungsinstrumente eingesetzt.

Im Schlagzeug werden alle Instrumente

gestellt, denn z.B. Kesselpauken, Röhrenglocken,

Marimbaphon, Vibraphon, Glockenspiel

oder Xylophon sind aufgrund der hohen

Anschaffungskosten unerschwinglich für die

Musiker. Flötisten schaffen ihre Querflöten

allerdings selbst an. Bei Finanzierungsfragen

„Gut Klang“-Aktion mit Kölner Spielezirkus (2003)

Selbstverständlich machen Kinder und Jugendliche

bei „Gut Klang“ nicht nur Musik.

Monatliche Jugendaktionen, Ausflüge, Reisen

und Partys gehören zum Programm der

Jugendleitung. Mehrtägige themenbezogene

Jugendfahrten oder Übernachtungspartys im

Jugendraum oder der Turnhalle der Schule

sind besonders beliebt. Aber auch kleinere

Aktionen wie Schlittschuhlaufen, Kletterhallen

oder Spielenachmittage

Vereins- und Jugendfahrt 2005 nach Breisach

Durch die Unterstützung der Stadt Erftstadt,

des Kreises, verschiedener Projektfinanzierungen

und des Landes können diese Maßnahmen

überwiegend kostenlos oder gegen

eine kleine Gebühr angeboten werden.

20


Spaß machen auch Eltern-Kind-Aktionen. Dabei

hat sich vor allem der Drum-Circle etabliert.

Hier spielen oft mehr als 50 kleine Musiker

mit Eltern gemeinsam einen vom „Facilitator“,

dem Leiter des Drum Circles, vorgegebenen

Rhythmus.

Ob Zirkusfest, Sport- und Spieltage, Grillabende

oder auch Vorträge zu kindgerechten

Themen; die außerschulische Bildungs- und

Freizeitmaßnahmen sind vielfältig. Zentraler

Ort der Aktivitäten ist der Jugendraum von

„Gut Klang“ im Schulkeller. Ein ziemlich wild

aussehender Kellerraum wurde im Jahr 1998

aufwendig ausgebaut und ist jetzt der Treffpunkt

für Jugendaktionen.

Petra Wittkowski mit Flötenschülerinnen

Historie

Die Wurzeln von „Gut Klang“ liegen bei den

beiden Spielleutegruppen „Gut Klang“ Oberaußem

und „Blau Weiß“ Erftstadt. Diese damals

schon bekannten Spielmannszüge aus

dem Rhein-Erft-Kreis schlossen sich im März

1994 zu einer Spielgemeinschaft zusammen.

Seit 12. September 1994 treten beide nicht

mehr als Spielgemeinschaft, sondern unter

dem neuen Namen Spielmannszug "Gut

Klang" Erftstadt e.V. auf. „Blau Weiß“ wurde

1970 gegründet, dieses Gründungsdatum

und auch die Historie von „Blau Weiß“ hat

der neue Verein für sich übernommen. Seit

2007 nennt man sich nur noch „Gut Klang“

Erftstadt e.V. – ohne die Bezeichnung „Spielmannszug“,

weil die Musiker sich heute mehr

als Orchester definieren.

Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt e.V. im Jahr 1975

21


Spielmannszug „Blau Weiß“

Erftstadt 1970 e.V.

Anfang der 80er Jahre mit Tambourmajor

Horst Pramschiefer

Am 4. Oktober 1970 gegründete sich der

Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt. Allerdings

war der Start recht schwierig, galt es

sich doch durchzusetzen gegen die zwei

etablierten ortsansässigen Tambourkorps

"Freischütz" und "1924" (mittlerweile nicht

mehr existent). Einen Monat nach der Gründung

des Vereins, die von Horst Moitzheim

initiiert wurde, nahm die Gruppe unter der

musikalischen Leitung von Peter und Hermann-Josef

Bünnagel die Probenarbeit auf.

Da es noch an geeigneten Probenräumen

fehlte, wurden Räume im Hause Moitzheim

genutzt, um den jungen Spielleuten Pfeiferund

Trommlerpraxis zu vermitteln. Besonders

geeignet für das Erlernen der Schlagtechniken

der Trommler war das Treppenhaus.

Hier saßen die Jungen und übten voller

Elan auf den Holzstufen.

Musikalisch machte man schnell die ersten

Fortschritte, so dass die Spielleute 1971 ihren

ersten Auftritt unter der Leitung von Tambourmajor

Matthias Kanes bestreiten

konnte. Horst und seine Frau Maria Moitzheim,

seit Gründung des Vereins die gute Fee

und deshalb zum Ehrenmitglied des Vereins

ernannt, hatten natürlich ein Interesse daran,

dass "ihre" jungen Spielleute auch in einer

schmucken Uniform auftreten sollten

und legten den Grundstock zur Anschaffung

von blauen Jacketts, weißen Hosen und

blauen Schiffchen als Kopfbedeckung.

Die Vereinsführung unter dem Vorsitz von

Horst Moitzheim erkannte rasch die Qualität

der jungen Musikanten. Und da man, damals

noch im Gegensatz zu vielen anderen

22

Vereinen, sofort nach Noten unterrichtete,

konnte man bald erfolgreich bei Wettbewerben

mitmachen. Der erste Wettstreit, an

dem die Spielleute teilnahmen, war die

Stadtmeisterschaft von Erftstadt. Hier errang

man den 1. Platz in der Jugendklasse. 1973

spielte "Blau-Weiß" Erftstadt erstmals bei

den Landesjugendmeisterschaften von Nordrhein-Westfalen

in Budberg am Niederrhein

und auch dort schaffte man einen Achtungserfolg,

nämlich den 5. Platz in der Konzertklasse.

1976 unternahm die junge Spielleutegruppe

ihre erste größere Reise nach Singen am Bodensee,

wo man bei einer Festveranstaltung

der Singener Bürgerwehr teilnahm. Auf dem

Rückweg von dieser Veranstaltung fuhr man

zum Bürgerfest nach Trochtelfingen. Dort

verfolgten die Gymnicher Spielleute begeistert

das Spiel der Jagdhornbläser. Die Vereinsführung

beschloss nun die jungen Leute

musikalisch in diese Richtung zu führen. Die

Jagdhornbläsergruppen verwendeten kleine

Hörnerzug von „Blau Weiß“ Erftstadt

Fürst-Pless-Hörner oder große Parforce-Hörner,

sie galten in der Region als selten und

wurden lediglich von einigen Jägervereinigungen

gespielt.

1976, anlässlich der Ausrichtung der Landesjugendmeisterschaften,

erhielt der Verein,

gespendet vom damaligen Ortsvorsteher

Willi Welter, die ersten zwei Fürst-Pless-Hörner.

17 weitere sollten folgen und somit wurden

alle 19 Flötisten nun auch auf Fürst-

Pless-Hörnern ausgebildet.

Die ersten Proben waren zwar schwierig aber

mit Ferdi Zens aus Wissersheim hatte man einen

hervorragenden Ausbilder gefunden. Er

verlangte viel Übungsfleiß, doch Erfolge stellten

sich bald ein. Das Spiel der Signalhörner

praktizierten die "Blau-Weißen" so


erfolgreich, dass sie bei den Deutschen Meisterschaften

in Bietigheim (Baden-Württemberg)

im Jahre 1978 sogar der Titel des Deutschen

Jugendmeisters errangen. Das Korps

führte damals Helga Herrmann. Man spielte

vierstimmige Hörnermusik aus dem 17. Jahrhundert.

Ein Jahr später gewann man in Bochum

auch noch den Titel des Landesmeisters.

Aber nicht nur der Hörnerzug, auch der Spielmannszug

"Blau-Weiß" Erftstadt errang bei

Bundes-, Landes- und Bezirkswettbewerben

wertvolle Auszeichnungen. Oftmals erspielte

ein freundschaftliches Miteinander unter

den Spielleutevereinen. So manches Mal

standen die Interessen des Spielmannszuges

"Blau-Weiß" hinten an, wenn es galt, sich um

die Gesamtheit des Spielleutewesens im

Kreis, im Bezirk, im Land oder auf Bundesebene

zu kümmern. Nicht weniger als fünfzehn

Mitglieder des Vereins engagierten sich

zwischen 1980 und 2000 - oft mit großem Erfolg

- in den Vorständen und Ausschüssen der

Bunde-, Landes-, Bezirks und Kreis-Spielleuteverbänden.

Damit hat der Spielmannszug

Bedeutendes für das überregionale Spielleutewesen

bewirkt. Der Verein wurde 1983 von

seinem Landesverband

für seine herausragenden

Verdienste in der Jugendarbeit

mit der Ha-

rald-Rave-Gedächtnis-

Plakette ausgezeichnet.

Umso trauriger waren

die Spielleute, als das

Original dieser Plakette

bei einem Brand des

Vereinslokals vernichtet

wurde.

Engagiert in Verbänden in den 80er Jahren: Horst Moitzheim (Bezirks- und Landesvorstand),

Peter Fries (Bundesjugendleiter) und Mathias Kanes (Landesjugendleiter), jeweils

von rechts nach links

man sich bei nationalen und internationalen

Wettbewerben auf die vorderen Plätze. 1983

errang man den Preis des belgischen Innenministers

in Eigenbilzen. Durch die Erfolge

getragen, wurden Mitglieder des Vereins

motiviert, sich für die Belange des überregionalen

Spielleutewesens einzusetzen.

Der Verein richtete in der Folgezeit viele

überregionale Wettbewerbe und Tagungen

aus und bemüht sich damals wie heute um

Ab 1989 fand jeweils im

November ein von der

St. Sebastianus Bruderschaft

Gymnich veranstaltetes Konzert statt,

an dem die Spielleute von "Blau-Weiß" teilnahmen.

Hier konnten sich die Gymnicher

Bürger überzeugen, wie der Leistungsstand

ihres Spielmannszuges war. Und es wurden

von Jahr zu Jahr mehr Gymnicher, die das Gemeinschaftskonzert

des Spielmannszuges

"Blau-Weiß" Erftstadt 1970 e.V. mit Blasmusikern

besuchen.

Jugend-Tambourkorps „Gut Klang“

Oberaußem

Die Wurzeln des Jugendtambourkorps "Gut

Klang" liegen bereits in den zwanziger Jahren.

Denn 1927 gründete sich ein Tambourkorps

mit dem Namen "Gut Klang". Tambourführer

dieser Spielleutegruppe war damals

Wilhelm Muntz. Er hatte seine Kompetenz

für die Leitung eines Spielmannszuges bei einem

Regimentstambourkorps im Ersten

Weltkrieg erworben. Nicht alle Namen der

Musikanten aus der Gründungszeit sind

heute noch in Erinnerung. Man weiß allerdings,

dass als Trommler Heinrich Wege, Josef

Klein und Josef Haupt aufgespielt und als

Flötisten Matthias Iserlohn und Theo Dessenau

mitgewirkt haben. Der Verein spielte

in weiß-blauen Marineuniformen. Geprobt

wurde zu jener Zeit nicht etwa in abgeschlossenen

und extra dafür hergerichteten

Übungsräumen, wie dies heute für

23


Musikvereine selbstverständlich ist. Sonntags,

wenn es das Wetter zuließ - ging man

hinaus ins Feld und in den Wald und dort

wurde nach Herzenslust drauflos getrommelt

und gepfiffen. So wurden die bekannten

Märsche "Alte Kameraden", "Frei Weg" und

"Preußens Gloria" einstudiert.

Selbst während des Zweiten Weltkrieges soll

der Verein bei den wenigen Gelegenheiten,

die sich noch fanden, mit einer Handvoll Leuten

aufgespielt haben, wie ein altes Mitglied

noch zu berichten wusste. Allerdings, und

dies wird betont, als ziviles Tambourkorps

und nicht etwa von der Hitlerjugend oder SA

angeheuerte Spielleutegruppe.

Nach Beendigung des Krieges war natürlich

das Tambourkorps schnell wieder zur Stelle,

wenn es hieß Kirmes zu feiern oder beim

Schützenfest aufzuspielen. Ende der vierziger

Jahre übernahm Willi Mollier die Führung

des Vereins. Er fungierte auch als Tambourführer.

Während des Zweiten Weltkrieges, so

erzählt Mollier, habe er in Eckernförde bei einem

Marinetambourkorps als Flötist mitgespielt

und so die Praxis der Spielleute erlernt.

Mollier wünschte sich damals nichts sehnlicher

als einen beachtenswerten Tambourstab

und so wurde zwei Monate eisern gespart.

Bis er dann für 58 DM einen schmucken

Stab kaufte und somit als richtiger Tambourmajor

ausgestattet war. Dies war viel

Geld in einer Zeit, in der Brot, Butter, Kartoffeln

und Kaffee noch sehr knapp waren und

die Deutsche Mark die Reichsmark gerade

abgelöst hatte.

Der Verein spielte bei vielen Veranstaltungen

in Oberaußem und auch in der näheren Umgebung.

Die Gruppe soll bis Mitte der sechziger

Jahre existiert haben, dann wurde es ruhig

um die "Gut Klang"-Spielleute. Neu

24

belebt wurden sie im September 1974 durch

die St.-Vinzentius-Schützen-bruderschaft,

unter deren Namen man dann auch zunächst

auftrat. Schnell fanden sich unter der Korpsführung

des Schützenbruders Hermann

Maus, dem die Ausbildung übertragen

wurde, wieder 20 Jungen und Mädchen zusammen,

so dass man schon 1975 bei einigen

Schützenfesten musikalisch mitwirken

konnte. Allerdings sollte die Schirmherrschaft

der Schützen über die Spielleute nicht

lange währen.

Als erste Maßnahme wurde 1983 die Werbung

für jugendlichen Nachwuchs in der

Grund- und Hauptschule erfolgreich abgeschlossen.

Damals gelang es, 14 Jungen und

Mädchen für die Spielleutemusik zu gewinnen.

Nach intensiven Einzelgesprächen mit

den Spielleuten und nach Teilnahme an einer

Notenschulung des Landesverbandes in Neu-

Bottenbroich beschlossen die aktiven Spielleute

im März 1983 nahezu einstimmig, auf

Notenlehre umzustellen. Als Ausbilder bot

sich Heinz-Adam Schiffer vom benachbarten

Berrendorfer Tambourkorps an.

Die jungen Spielleute und die Erwachsenen

waren mit Eifer bei der Sache; jedoch stellte

sich bald bei den älteren Spielleuten Skepsis

gegenüber der neuen Methode ein, was

schließlich dazu führte, dass die neue musikalische

Richtung von den älteren Mitgliedern

überwiegend abgelehnt wurde.

Mit der Umstrukturierung des Vereins, so die

einhellige Auffassung bei den Eltern der

Jüngsten und der Neumitglieder, sollte auch

eine personelle Änderung in der musikalischen

Leitung des Vereins einhergehen.

Diese wurde mit Artur Müller, der im Juni

1983 die aktive Mitgliedschaft beantragte,

gefunden. Müller war nur durch die Tätigkeit


seiner beiden Töchter mit dem Korps vertraut,

ansonsten aber notenkundig und ein

Das Jugend-Tambourkorps im Jahr 1984

erfahrener Musiker auf der elektronischen

Heimorgel. Er war bereit, sich mit moderner

Spielleutemusik auseinanderzusetzen und

zeigte sich sehr bald in der Lage, das neue

musikalische Konzept in die Tat umzusetzen.

Nach einer Versammlung am 15. Oktober

1983 konnte das neue musikbezogene Konzept

durchgesetzt werden. Allerdings musste

man nun auf altgediente Mitglieder verzichten,

die die Neuerungen nicht mittragen

wollten und deshalb ihren Austritt erklärten.

Von den älteren Mitgliedern blieben sage

und schreibe nur fünf Spielleute übrig: ein

Tambour, ein Paukenschläger und drei Flötisten.

19 aktive Spielleute waren zwar auf der

Probe, aber der Spielbetrieb konnte nicht

wieder aufgenommen werden. Die Jugendlichen,

es waren seinerzeit 17, gaben aber

nicht auf. Manche probten fast täglich, die

meisten wenigstens dreimal die Woche. "Uns

Eltern und den Vorstandsmitgliedern wurde

fast schwindelig und bange bei der Frage:

Wie lange werden das die ´Kleinen´ durchhalten?",

so der damalige Vorsitzende Klaus

Nau. Sie hielten durch und immer mehr Jugendliche

in Oberaußem und Umgebung begannen

sich für den Verein zu interessieren.

Januar 1984 hatte das Jugendtambourkorps

schon wieder 25 Spielleute beim ersten Auftritt

zusammen. So konnte man auf der außerordentlichen

Mitgliederversammlung am

25

Von links nach rechts: Silvia Nau, Klaus Nau und Olaf

Jäger Landesmeister NRW 1989

29. Januar 1984 mit Stolz darauf hinweisen,

dass man wieder spielbereit war. Das Engagement

der Verantwortlichen

im Vorstand, die

Mitarbeit der Eltern, die

jugendpflegerischen

Maßnahmen, die Möglichkeit

für wirtschaftlich

schwach gestellte Eltern

ihren Kindern eine musikalische

Ausbildung zukommen

zu lassen, die

Kameradschaft und der

Teamgeist, bewirkte,

dass die Spielstärke des

Korps auf 41 Spielleute

anwuchs. Seinen ersten

überregionalen Erfolg

feierte das Jugendtambourkorps

1986 bei den

selbst ausgerichteten

Landesjugendmeisterschaften. In der Klasse

für Marschmusik belegten die Spielleute einen

dritten Rang und in der Konzertklasse

den fünften Platz. Und dabei hatte der Verein

gerade ein Durchschnittsalter von 13 Jahren.

Von da an vollzog sich ein unaufhaltsamer

Aufstieg an die Spitze der


Jugendspielmannszüge in Deutschland, der

seine Krönung 1991 mit zwei Titeln bei den

Deutschen Jugendmeisterschaften in Mülhausen

fand. Diese Erfolge sind verbunden

mit den Namen Klaus Nau und seiner Frau Silvia,

die sich als anerkannte und respektierte

Dirigentin eines Spielmannszuges überregional

durchzusetzen verstand.

Jugend-Tambourkorps „Gut Klang“ Oberaußem e.V. im Jahr 1993

26


„Gut Klang“ Erftstadt e.V. – Geburt

eines großen Flötenorchesters

1994 war ein wichtiges Jahr für den Verein.

Beim Festzug 1994 mit Tambourmajor

Mathias Kanes

In diesem Jahr fanden Gespräche zwischen

Klaus Nau (Oberaußem), Horst Moitzheim

und Rolf Motz (beide Erftstadt) statt. Ziel dieser

Gespräche war es, die Möglichkeit einer

Kooperation zu klären. In Oberaußem ergab

sich die Schwierigkeit, dass keine Probenräume

mehr zur Verfügung standen. Die zahlreichen,

meist noch sehr

jungen Musiker dieses

Vereins, waren so gezwungen

große logistische

Probleme in Kauf zu

nehmen, um ihrer Probenarbeit

nachzukommen.

Etwas, was auf

Dauer nicht funktionieren

konnte.

In Erftstadt hingegen

gab es diese Probleme

nicht. Schon seit Jahrzehnten

nutzte man

Räume bei der St. Sebastianus

Bruderschaft und

in der Grundschule von

Gymnich für die wöchentliche

Probenarbeit.

Jedoch gab es in Erftstadt

das Problem,

dass der musikalische

Leiter Rolf Motz sein Amt nicht mehr weiterführen

wollte und man so auf der Suche nach

einem musikalischen Leiter war. So kamen

beide Vereine überein, dass man sich hier gegenseitig

helfen könne.

27

Zu Beginn der Zusammenarbeit stellt man

sich 1994 ein nicht gerade einfaches Ziel: die

Teilnahme an der Deutschen Meisterschaft

in Wirges/Rheinland-Pfalz. Man arbeitete gemeinsam

hart und zielorientiert auf die Deutsche

Meisterschaft hin. Die Musikgruppe

schaffte das Kunststück, an dem man bisher

immer knapp gescheitert war: die Deutsche

Meisterschaft im Seniorenbereich der Spielleute-Vereine.

Nach diesem sehr erfolgreichen Abschluss

des Projektes, entschlossen sich beide Vereine

zur Fusion. Wobei es aus rechtlichen

Gründen keine richtige Fusion war. Das Jugend-Tambourkorps

“Gut Klang” Oberaußem

löste sich auf. Die Mitglieder schlossen

sich “Blau-Weiß” Erftstadt an. Dieser änderte

seinen Namen nun in Spielmannszug “Gut

Klang” Erftstadt e.V. mit seinem Gründungsdatum

1970, um so den neuen gemeinsamen

Weg auch im Namen zu verdeutlichen.

„Gut Klang“ im Jahr 1995

Ein besonders schöner Erfolg war 1994 auch

der 1. Rang mit Auszeichnung beim Landes-

Jugendmusiktreffen in Brühl und die Auszeichnung

„Meistercorps der Jugend des Landes

Nordrhein-Westfalen“. Dort startete

man bereits unter dem neuen Namen Spielmannszug

„Gut Klang“ Erftstadt. 1995 errang

„Gut Klang“ eine Silbermedaille bei den

Deutschen Jugendmeisterschaften. In 1996


trat man in Magdeburg zur Verteidigung des

Titels „Deutscher Meister“ an. Obwohl man

die Gesamtnote „sehr gut“ erzielte, reichte

Gruppenbild aus dem Jahr 2000

es aufgrund einer besseren Durchschnittsnote

anderer Ensembles diesmal nicht ganz

zur Meisterschaft. Dennoch wurde man mit

dem Titel „Meisterkorps der Spielleute-Vereine“

ausgezeichnet, den alle Musikvereine

tragen durften, die auf Bundesebene eine

sehr gute Leistung erbracht haben. Nach

dem Austritt des Verbandes der Fanfarenund

Tambourkorps

NRW 1960 e.V. aus dem

Deutschen Bundesverband

der Spielmanns-,

Fanfaren-, Musik- und

Hörnerzüge e.V., dem

Ausrichter der Deutschen

Meisterschaften,

nimmt „Gut Klang“ aus

Solidarität zu den Entscheidungen

des Landesverbandes

nicht

mehr an diesen Meisterschaften

teil. 1998 errang

„Gut Klang“ erneut

den Titel des „Meisterkorps“.

Diesmal auf Landesebene

beim Wettbewerb des Verbandes

der Fanfaren- und Tambourkorps NRW in

Rhede.

1999 war man im Vereinsvorstand auf der

Suche nach einer neuen musikalischen Herausforderung.

Schon immer war es das Vereinsziel

durch Teilnahme an verschiedenen

28

Wettbewerben, seine musikalischen Fähigkeiten

zu verbessern. Eine solche Verbesserungsmöglichkeit

sah man im Landesorchesterwettbewerb,

der

1999 in Mönchengladbach

stattfand. Ein

Wettbewerb, der sich

nicht ausschließlich an

Spielmannszüge richtete,

sondern an alle

Arten von Laienorchestern

in NRW. Dies

war das erste Mal das

man als Verein an einem

solchen Wettbewerb

teilnahm. Man

schaffte es auch sich

dort für den übergeordneten

Deutschen

Orchesterwettbewerb

(DOW) im Jahr 2000 in Karlsruhe zu qualifizieren.

Zur Vorbereitung auf den DOW hatte man

zum ersten Mal Kontakt mit sogenannten

Originalkompositionen für Spielleute. Schon

dadurch wurde man in der Vorbereitung musikalisch

sehr viel mehr gefordert, als das in

der Vergangenheit der Fall war. Mit großer

Vorstand im Jahr 2005

Zuversicht startete man dann beim DOW in

Karlsruhe und wurde “sensationell” Vorletzter.

Man steckte jetzt aber nicht den Kopf in den

Sand, sondern wollte diesen neuen musikalischen

Weg erfolgreich gestalten. Man hatte

neue instrumentale Möglichkeiten in


Karlsruhe kennengelernt. Neben dem Einsatz

von diversen neuen Großinstrumenten wie

bspw. Kesselpauken oder auch Marimba, Xylophon

& Co., verliebte man sich in den Klang

der Böhmflöte. Eine Flöte wie man sie aus

Symphonieorchestern kennt und völlig anders

klang als die damals in Spielmannszügen

Beim Karnevalszug 2005 in Gymnich mit Tambourmajor

Georg Bollig

üblichen klappenlosen Trommelpfeifen

(Sandnerflöte). Die Umstellung von einem

Spielmannszug hin zu einem Flötenorchester

war nun das Ziel.

Doch die Umstellung sollte nicht abrupt erfolgen.

Nach und nach wurden immer mehr

Böhmflöten eingesetzt. 2001 noch auf freiwilliger

Basis und nur in Ensembleform,

wurde die neue Flötenart in kleinen Schritten

in das Orchester eingefügt. Auch diverse

Großinstrumente hielten Einzug in das Orchesterleben.

Mit den neuen Instrumenten

ergaben sich auch neue musikalische Möglichkeiten

und auch neue musikalische Wünsche

der Musiker. Diese wurden alle mit und

mit erfüllt. So konnte man beim nächsten

DOW 2004 in Osnabrück bereits den 4. Rang

erzielen.

Das Jahr 2005 war dann ein entscheidendes

bei dem angestrebten Wandel. Hier entschloss

man sich nicht mehr auf der Straße,

also Schützenfeste und Karnevalszüge, zu

musizieren. Im Wesentlichen gab es hierfür

zwei Gründe: Zunächst war da das neue Instrumentarium

und auch die Konzentration,

die man auf den musikalischen Wandel legen

wollte, dann aber auch ein einsetzender Mitgliederschwund

der wegen der “Straßenmusik”

einsetzte. Ein Schwund, welcher beinahe

vereinsbedrohend war. Kinder und Jugendliche

waren kaum noch zu motivieren im Sommer

bei 30 Grad Marschmusik bei Schützenfesten

zu spielen und im Winter bei 0 Grad

mehrere Stunden im Karnevalszug zu musizieren.

Weihnachtskonzert 2004

2006 verließ aus beruflichen Gründen der damals

langjährige Dirigent Georg Bollig den

Verein. Für Ihn kam der stellv. Orchesterleiter

des RWE-Orchesters Bruno Strake. Mit

ihm kamen auch neue musikalische Ideen

und Wege diese zu erlernen. Auch Aufgrund

einer guten musikalischen Basis, welche unter

dem Vorgänger gelegt wurde, machte das

Orchester schnell einen großen Schritt nach

vorne. Dies zeigte sich bereits zwei Jahre später

2008 mit dem Sieg beim Deutschen Orchesterwettbewerb

in Wuppertal. 2008 war

auch das Jahr, in dem man die Umstellung

hin zur kompletten Böhmflötenbesetzung

abgeschlossen hatte.

29


Unsere Musik für den guten Zweck

Bei allem musikalischen Streben steht der

Gemeinschaftsgeist bei „Gut Klang“ immer

„Gut Klang“ sammelte 2005 für die Kinderkrebshilfe

im Vordergrund. Es ist für „Gut Klang“ selbstverständlich

oft und gerne und auch kostenlos

zu Benefizveranstaltungen aufzutreten.

Selbst veranstaltete der Verein viele Aktionen,

wie "Unser Dorf musiziert - Musiker helfen

Kinder" oder am 18. Dezember 2005 ein

großes Konzert zu Gunsten der "Deutschen

Kinderkrebshilfe". Selbstverständlich hört

man die Musik der Erftstädter Spielleute

auch bei Kindergartenfesten, St. Martin und

Veranstaltungen der Grundschule Gymnich,

zu der der Musikverein eine positive Partnerschaft

pflegt und in dessen Schulkeller auch

die Musikräume von "Gut Klang" Erftstadt

untergebracht sind. Es ist für "Gut Klang" ein

besonderes Anliegen, dass die Flötenorchester-

und Spielleutemusik als anerkannte Musikrichtung

größere Akzeptanz findet. Deshalb

engagieren sich viele Mitglieder des Vereins

auf Kreis-, Bezirks- und Landesverbandesebene

für die Ziele aller Spielleute und

Flötenorchester.

„Musik grenzt keinen aus“ führt Kinder an

das Musizieren heran und schult in einem offenen

Konzept ihr Sozialverhalten, die Sinnes-

und Körperwahrnehmung. „Gut Klang“

will stärker die vom großen Orchester losgelöste

Instrumentalausbildung praktizieren

und nicht mehr das Ziel haben unbedingt für

das Orchester auszubilden. Die Kinder sollen

sich in einer eigenen musikalischen Erlebniswelt

zwanglos finden und treffen.

Das Angebot findet in den Räumen der

Grundschule durch den Musikverein statt. Es

wird mit den Musikerinnen und Musiker des

Orchesters gemeinsam musiziert. Durch

spielerische Methoden wie rhythmische Bewegungsspiele,

gemeinsames Singen, Klanggeschichten

oder das Erlernen der Rhythmussprache

und das Basteln einfacher

Rhythmusinstrumente wird die sinnliche musikalische

Wahrnehmung gefördert und die

Beziehungen untereinander gestärkt. Das

Angebot bietet genügend Spielräume, um

auf die speziellen Interessen der Kinder

und/oder besondere Bedürfnisse einzugehen

und über Spieletage hinaus Teambuilding

zu betreiben.

Bereits 2013 begann „Gut Klang“ sich in Zusammenarbeit

mit Mobile´, der mobilen Jugendarbeit

der Stadt Erftstadt, mit Musikaktionen

den Kindern und Jugendlichen aus geflüchteten

Familien zu widmen. Mit

DrumCircle, Rap, Hiphop, oft unterstützt

durch Musiker dieser Szene, konnten die Kinder

und Jugendlichen, auch ab 2015 mit Aktionen

in Flüchtlingsheimen, begeistert werden.

Musikalische Früherziehung (Leiterin Annika Motz,

hinten links, unterstützt von Tom Glasmacher)

Gefördert vom Landesmusikrat wird die musikalische

Früherziehung auch hier werden

Kinder aus Flüchtlingsfamilien zusammen mit

den einheimischen Kindern an die Musik herangeführt.

Ein Projekt, das sowohl Eltern,

Kindern und auch der Leiterin des Musikunterrichts,

Annika Motz, große Freude bereitet.

Musikalische Früherziehung bietet „Gut

Klang“ bereits seit 1996 an.

30


Spielmannszug, Spielleute-

Orchester oder Flötenorchester

„Gut Klang“ war ursprünglich ein

Spielmannszug

Ein Spielmannszug oder Tambourkorps bezeichnet

im engeren Sinn eine Musikgruppe,

bestehend aus Marschtrommeln, klappenlosen

Querflöten, Lyren, Großer Trommel und

Becken. Er wird vorwiegend in der Marschmusik

und für Signale eingesetzt. Heute

„Gut Klang“ als Spielmannszug beim Schützenzug in

Juli 2005 in Gymnich

werden vielfach auch Konzertflöten, unterschiedliche

Perkussionsinstrumente und

Stabspiele (Marimba, Glockenspiel) eingesetzt.

Als Tambourkorps bezeichnete man eigentlich

eine reine Trommlergruppe. So wird der

Spielmannszug, zu dem das Tambourkorps

heute synonym geworden ist, von einem

Tambourmajor geleitet. Dazu gibt dieser

während des Marsches mit dem sogenannten

Kommandozeichen. Dabei handelt es

sich um einen Stab mit einer Spitze an einem

und einer Kugel am anderen Ende.

„Gut Klang“ startete bei Meisterschaften auf

der Bühne viele Jahre in der Kategorie Spielleute-Korps

oder Spielmannszüge und hier in

der Kategorie „Marschmusik“, vorgesehen

nur für klassische und moderne Märsche o-

der in der sogenannten „Konzertklasse“, eine

Klasse, die offen für jegliche Art von dargebotener

Musik war. 1994 wurde das Jugend-

Tambourkorps „Gut Klang“ Oberaußem, einer

der beiden Vorgängervereine von „Gut

Klang“ Erftstadt, in der Konzertklasse unter

der Leitung von Willi Effern Deutscher

31

Meister mit den Musikstücken „Zirkusfantasie“

und „Perlen der Karibik“.

Manche Spielmannszüge haben ihr Repertoire

erweitert und verstehen sich heute als

Flötenorchester. Sie spielen Arrangements

moderner Unterhaltungsmusik, Bearbeitungen

symphonischer Blasorchester und teils

auch Originalkompositionen.

Seit 2006 gehören weder Marschtrommeln

noch klappenlose Querflöten oder Lyren zum

Instrumentarium des Orchesters. Da auch

das Marschieren und das gleichzeitige Musizieren

nie zu den Kernkompetenzen von „Gut

Klang“ gehörte, sieht man den Verein seit

2006 nicht mehr auf der Straße. Lediglich den

St. Martinszug der Grundschule will man

noch begleiten, so lange sich ehrenamtliche

Musiker dafür finden. Aber der wird ja auch

nicht im Gleichschritt gespielt.

„Gut Klang“ ist somit seit 2006 endgültig kein

Spielmannszug mehr.

„Gut Klang“ als Flöten- und

Percussionorchester

Ist es denn wirklich ein Orchester? Als allgemeine

Definition findet man, dass ein Orchester

ein größer besetztes Instrumentalensemble,

das dadurch gekennzeichnet ist,

dass zumindest einzelne Stimmen mehrfach

(„chorisch“) besetzt sind. Ja, das trifft zu.

Ein Flötenorchester besteht überwiegend

aus Flöten. Typischerweise sind es Piccolos,

große Flöten, Alt-Flöten und Bass-Querflöten.

Auch Flöten wie die Contra-Altflöte,

Kontrabassflöte, Subkontrabassflöte finden

Verwendung. Die Gesamtgröße kann aus einer

Kammerkonzertgruppe von acht oder

Deutschen Meisterschaften in Würzburg (2007)


mehr Spielern bis zu einem Orchester von

vierzig oder mehr Musikern reichen.

Den klanglichen Kern von „Gut Klang“ bildet

die klassische große Flöte. Abgerundet in der

Tiefe durch ein stattliches Alt- und Bassflötenregister

und in der Höhe durch einen solistischen

Piccolo, wird ein orchestrales

Klangbild gewebt, welches durch ein ausgewogenes

Schlagwerkregister abgerundet

wird.

„Gut Klang“ ist ein Flötenorchester

mit großem Schlagwerkregister.

Trotzdem gibt es eine Verwandtschaft zu den

historischen Spielleuten. Die gibt es seit über

900 Jahren. Der überwiegende Teil übte sein

Gewerbe im Umherziehen aus und trat gegen

Honorar auf, wo gerade Bedarf bestand.

Dabei bezog sich das Umherziehen weniger

auf das Musizieren im Gehen, eher zog man

von Burgen zu Burgen oder Schlösser zu

Schlössern, um dort zum gesellschaftlichen

Treiben zu spielen. Den marschierenden

Spielmannszug kennt man erst seit gut 500

Jahren. Zu den ursprünglichen Instrumenten

der Spielleute zählten tatsächlich Trommel

und Flöte. Spielleute-Orchester wäre also

durchaus richtig, aber leider ist der Begriff

Spielleute in unserer Region belegt und in der

öffentlichen Meinung assoziiert man vor den

Toren Kölns den Spielmann, egal ob Mann o-

der Frau, als Marschmusiker beim Schützenfest

und im Karneval. Aber dort sind wir nicht

vertreten.

Den Sound, den „Gut Klang“ seit 2006 für sich

"erfunden" hat und immer mehr verfeinerte,

ließ sich insbesondere mit der Originalkomposition

für Flötenorchester (oder Spielleuteorchester)

„Märchenstunde“ von David

Krohn erstmals hervorragend darstellen. So

war im Kulturteil des Kölner Stadt Anzeigers

zum Konzert 2009 der Gruppe zu lesen: „Mal

rückten sie romantisch-lyrische Töne in den

Vordergrund, dann setzte die Rhythmusgruppe

abenteuerliche Kampfszenen klanglich

um. Da stimmte jeder Takt- und Tempowechsel,

gelang jede virtuose Phrase. Souverän

tauchte das Orchester aus sanften Szenerien

auf und in wilde Charaktere ein. Das

32

Gesamtbild der Inszenierung war absolut

stimmig.“

Konzert in Schloss Paffendorf im Jahr 2009

Rob Balfort, bekannter holländischen Komponist

und Arrangeur für Blasmusik, drückte

die Musik von „Gut Klang“ nach der Begutachtung

des Orchesters im April 2010 wie

folgt aus: „Die Erftstädter verstehen es Sphären

zu erzeugen, wie kaum ein anderes Orchester.“

Tatsächlich glaubt man, wenn „Gut

Klang“ einen seiner guten Tage erwischt, bei

den Vortragsstellen der langjährigen Soloflötistin

Nicole Mohles oder den für ein Amateur-Flötenorchester

enorm gut intonierten

chorischen Passagen sich in andere Sphären,

ja in klanglichen Himmelsgewölben, zu befinden.

Die ganz großen Leistungen können die „Gut

Klang“-Musiker auch nicht jede Woche abrufen.

Es wird dienstags geprobt und monatlich

einmal samstags oder Sonntag etwa jeweils 4

Stunden. Mehr Zeit können die rund 50 Musiker

nur in Ausnahmefällen investieren.

„Gut Klang“ als symphonisches

Flötenorchester

Die Form des Flötenorchesters ist in Deutschland

noch sehr jung und noch nicht so verbreitet,

wie in anderen Teilen der Welt. Ursprünglich

findet man diese Form der sogenannten

“Flute-Bands” vornehmlich im angelsächsischen

Raum (britische und irische

Inseln), in den USA und in einer eher philharmonischen

Form in Japan. Da Flötenorchester

sich weltweit getrennt voneinander entwickelt

haben, lässt sich das Flötenorchester

auch nicht wirklich einheitlich beschreiben.

Da sich in Deutschland die Flötenorchester

oft aus dem Bereich der Spielleute entwickelt

haben und diese traditionell einen großen


Originalkompositionen, die speziell für diese

Orchesterform komponiert wurden. Herausragende

Arrangeure und Komponisten für

Probe zur Vorbereitung auf die Deutschen Meisterschaften 2019

Konzert „Walk of Fame“ im Jahr 2013 in Erftstadt-Lechenich, Dirigent David Krohn

Anteil an Rhythmusinstrumenten beheimaten,

ist zumindest hier, anstelle von einem

“Flötenorchester”, von einem “Flöten- & Percussionorchester”

zu reden. Mittlerweile

versteht sich „Gut Klang“ jedoch als ein symphonisches

Flötenorchester, ähnlich einem

symphonischen Blasorchester.

Die sinfonisches oder symphonisches Flötenorchester,

beide Schreibweisen sind möglich,

ist vielseitiger als ein Flöten- und Percussionorchester

oder gar ein Spielmannszug. Es

ist um einige Klangfarben bereichert, und —

wie der Name schon sagt — mit dem eines

klassischen Sinfonieorchesters vergleichbar.

Die sinfonische Flötenmusik umfasst Bearbeitungen

von klassischen sinfonischen Werken

der sinfonischen Blasmusik, aber auch

Flötenorchester haben bereits mit „Gut

Klang“ zusammengearbeitet. Beliebt sind

und waren Bearbeitungen großer Filmsoundtracks.

Die Juroren der Deutschen Meisterschaft

2019 in Osnabrück bezeichneten „Gut Klang“

erstmals als sinfonisches Flötenorchester.

Als solches treten wir aber nur bei großen

Wettbewerben und Konzerten auf. Ansonsten

passt die Bezeichnung Flöten- und Percussionorchester

ganz gut. Mit dieser Besetzungsform

trifft man „Gut Klang“ bei kleineren

Veranstaltungen, wie Schul-, Stadt- oder

Pfarrfest, an.

33


4 Was ist „Musik grenzt keinen aus“?

Claim, Slogan, Motto, Haltung?

Ist es Marketing oder Haltung? Ist es eine

Strategie Menschen für den Verein zu interessieren

und zu begeistern? Ist es gar eine

Quelle für Spenden und Sponsorengelder?

Von all dem ist es etwas und darüber hinaus

noch viel mehr. In all den Jahren habe ich bemerkt,

dass Medien, Politiker oder ganz normale

Menschen besser erreicht werden,

wenn wenige Worte das charakterisieren,

was eine Organisation tatsächlich macht. Es

kann Claim, Slogan, Motto und Haltung sein.

Eins ist sicher: „Musik grenzt keinen aus“ hat

schon immer mehr emotionalisiert als einfach

nur der historisch gewachsene Vereinsname

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. Ich will es

vorwegnehmen: „Musik grenzt keinen aus“

ist Motto und Haltung zugleich. Claim des

Vereins ist „Hörbar anders“.

Claim

Der englische Begriff Claim wird im Marketing,

vor allem in der Werbung, häufig in derselben

Bedeutung wie Slogan verwendet.

„Claim“ wird in Deutschland als Bezeichnung

eines Werbeslogans benutzt. Er bezeichnet

einen fest mit dem Unternehmens- oder

Markennamen verbundenen Satz oder Teilsatz,

der Bestandteil des Unternehmenslogos

oder Markenzeichens sein kann. Mitunter

gibt es auch „Kampagnen-Claims“, die nur für

die Dauer einer Werbekampagne verwendet

werden.

„Gut Klang“ hat als Claim „Hörbar anders“

gewählt. Als Flötenorchester hat der Verein

eine ganz eigenständige Entwicklung genommen.

Dies vor allem geprägt durch den Vorgängerverein

Jugend-Tambourkorps „Gut

Klang“ Oberaußem und seinem Arrangeur

Willi Effern, der mit klappenlosen Flöten einen

für die Zeit der 90er Jahre ungewöhnlich

weichen Klang für Spielmannszüge und Tambour-Corps

erzeugen konnte. Die Spielmannszüge

der 90er waren immer noch von

34

schmissiger Marschmusik geprägt und konnten

diesen Stil auch nicht wirklich verbergen,

wenn andere Musikrichtungen probiert

wurde. So hörte sich dann mancher Swing

immer noch wie ein Marsch mit seinen

gleichmäßigen metrischen Akzenten an.

Aber auch in den Gründerjahren von „Gut

Klang“, den 70ern, war der Verein aus Gymnich

durch seine sehr engagierte und erfolgreiche

Jugendarbeit anders als andere Musikgruppen

in der Region. In der Phase zwischen

den Jahren 2010 und 2020 revolutionierte

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. den Sound der Flötenorchester.

War man in 2010 durchaus

noch vergleichbar mit Spielleutegruppen, so

entwickelte sich die Musikgruppe geprägt

durch verschiedene Dirigenten und neuer

Kompositionen und Bearbeitung hin zu einem

symphonischen Flötenorchester. Mehr

Erklärung des Claims „Hörbar anders“ ist

nicht mehr erforderlich. Die Menschen hören

und hörten es.

Slogan

Wenn man von Slogan spricht, so wird dieser

Begriff häufiger in der Verbindung mit Werbung

gebraucht. Tatsächlich liegt der Wortursprung

woanders: Die Bezeichnung leitet

sich vom schottisch-gälischen sluagh-ghairm

ab, bestehend aus sluagh – Volk, Heer, und

gairm – Ruf. Ein Slogan ist damit der Sammelruf

der Clans (in Friedenszeiten) und der

Sammel- und auch Schlachtruf während des

Kampfes (in Kriegszeiten). Wenn „Gut Klang“

in der Historie der Tambourkorps zu sehen

wäre, geprägt von der Zeit zwischen 1910

und 1970, dann wäre ein Schlachtruf


vielleicht denkbar. Den gibt es ja auch in vielen

anderen Vereinen. Der bekannteste

Schlachtruf kommt aus Österreich und heißt

Hurra! Im kaiserlichen Österreich war Hurra

bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918

der offizielle Schlachtruf für die Attacke, den

Angriff der Kavallerie. Da „Gut Klang“ sich

durchaus in einer Linie historischer Spielleute

als Unterhalter und Musikanten bei Hofe

sieht, aber heute nichts mit militärischen Traditionen

im Sinn hat, ist ein Slogan in des

Wortes ursprünglicher Prägung nicht wirklich

passend. Allerdings gibt es Stimmen, die da

sagen: der Slogan ist „Gut Klang“. Aber eigentlich

ist „Gut Klang“ ja der Name des Vereins.

Motto

Ein Motto ist ein Wahlspruch (auch Devise)

oder eine Maxime, welches sich eine Gruppe

Gleichgesinnter, eine Person, eine Familie o-

der ein Verein gibt und deren Ziel und den

Anspruch deutlich machen soll. Solche werden

meist nicht, wie Parolen, mündlich geäußert,

sondern schriftlich und stammen entweder

aus langen Traditionen, gemeinschaftlichen

Festlegungen oder entscheidenden Ereignissen,

wie aus einem Bürgerkrieg oder einer

Revolution.

Das bekannteste deutsche Motto, wenn auch

inoffiziell ist im Text unserer Nationalhymne:

„Einigkeit und Recht und Freiheit“. Das United

States Marine Corps hat als Motto: „Semper

Fidelis“, was „für immer treu“ bedeutet.

John Philip Sousa, der „König der Marschmusik“

hat 1888 diesem Motto seinen Marsch

„Semper Fidelis“ gewidmet.

Das Motto von „Gut Klang“ ist „Musik grenzt

keinen aus“. Es ist ein Ziel, dem sich alle Mitglieder

des Vereins – ohne es mit einer Unterschrift

zu dokumentieren oder anzuerkennen

– unterordnen. Eine Ausgrenzung nach

innen und gegenüber außen darf nicht sein

und ist ungeschriebenes Gesetz. In der Satzung

ist es durch die Gemeinnützigkeitsgrundsätze

verankert. Die Gemeinnützigkeit

definiert sich in Deutschland aus der Abgabenordnung

(AO). Es verfolgt nach § 52 Abs.

1 Abgabenordnung „eine Körperschaft […]

gemeinnützige Zwecke, wenn ihre Tätigkeit

darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf

35

materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet

selbstlos zu fördern.“ Die Gemeinnützigkeit

ist nicht nur eine ideelle Haltung, sondern

hat auch spürbare finanzielle Vorteile.

Vereine, die gemeinnützig sind, können an

sie gerichtete Spenden steuerlich geltend

machen. Das Finanzamt hat in der Vergangenheit

Vereine ins Visier genommen, die

per Satzung Frauen als Mitglieder ausschließen.

Eine „derart schädliche Ausgrenzung

der Allgemeinheit“, erlaube es nicht, ihnen

die Gemeinnützigkeit zuzugestehen, hatten

die Beamten in ihren Schreiben argumentiert.

Auch werden ausländische Mitbürger

oder Homosexuelle oft in Vereinen ausgegrenzt.

Nicht zuletzt kann ein exorbitant hoher

Mitgliedsbeitrag auch schon den Grundsatz

der Ausgrenzung haben, denn so werden

wirtschaftlich schwache Familien benachteiligt.

Für „Gut Klang“ ist das Motto „Musik grenzt

keinen aus“ deshalb nicht ein steuerlicher

Grundsatz. Es ist die Haltung des Vereins.

Haltung

Die Haltung ist die durch Werte und Moral

begrenzte Denkweise eines Menschen, die

den Handlungen, Zielsetzungen, Aussagen

und Urteilen des Menschen als zugrunde liegend

betrachtet werden kann. Sie entspricht

einer ethischen Gesinnung. Der österreichische

Philosoph Rudolf Eisler schrieb dazu in

seinem Wörterbuch der philosophischen Begriffe,

Band 1. Berlin 1904: „Sinnesweise,

Willenshabitus, dauernde Willensrichtung,

die Motivation des Handelns in ethischer

Hinsicht, die gefühlsbetonten Vorstellungen,

aus denen der Wille entspringt.“

„Musik grenzt keinen aus“ ist nicht nur als

Motto, sondern insbesondere auch als


Haltung tief verwurzelt in der DNA von „Gut

Klang“ Erftstadt e.V. Die Mitglieder beziehen

sich unmittelbar auf das Motto, wenn Mobbing,

psychische Verletzungen oder Schikanen

dazu führen, dass im Verein Personen o-

der Personengruppen ausgegrenzt werden.

Nach der Deutschen Meisterschaft 2019

Wann aber ist eine Ausgrenzung gegeben?

Ich habe versucht eine Definition zu finden:

„Ausgrenzung im Verein bedeutet ein gegen

Menschen gerichtetes Diskriminieren, Gemeinsein,

Ärgern, Angreifen, Schikanieren

und Beleidigen. Rassismus, Homophobie,

Diskriminierung von Religionen haben bei

„Gut Klang“ keinen Platz.

Oft kommt dann die Frage: „Müssen wir alle

Unternehmungen gemeinsam als ein

Team/Verein planen oder grenzen wir schon

aus, wenn Gruppen im Verein etwas alleine

machen?“ Wie so oft lautet die Antwort: es

kommt darauf an. Denn innerhalb eines Vereins

bilden sich auch Freundschaften bis in

das Private hinein. Und da fängt es dann an

schwierig zu werden eine Grenze zu ziehen.

Es ist wie am Arbeitsplatz. Mit manchen Arbeitskollegen

teilt man viele Interessen mit

anderen eher nicht. Das ist auch ein Generationenthema.

Wenn eine Klicke von Arbeitskollegen

etwas unternimmt, dann ist es nicht

unbedingt unkollegial.

Programm oder Projekt?

Oftmals werden beide Begriffe miteinander

in einem Atemzug genannt oder auch verwechselt.

„Musik grenzt keinen aus“ wird

nicht nur als Motto und Haltung bezeichnet,

sondern kann auch als Programm oder Projekt

gesehen werden.

Programm

Programm steht im Allgemeinen für:

• eine Ziel- oder Leitvorstellung (Programmatik)

• die übergeordnete Absicht, der eine

Kunstform folgt, siehe programmatische

Kunst

• Repertoire, die Gesamtheit der Werke o-

der Darbietungen einer künstlerischen Institution

• Partnerprogramm, eine Werbekampagne

im Marketing

• ein Bündel von Projekten mit inhaltlich

zusammenhängenden Zielen

Von all diesen Beschreibungen passt für

„Musik grenzt keinen aus“ die Ziel- oder Leitvorstellung

sowie das Bündel von Projekten

mit inhaltlich zusammenhängenden Zielen

am besten. Das heißt, wenn ein Verein sich

ein Ziel setzt, zumeist ist dieses schon in der

Satzung als Vereinszweck definiert, ist es hilfreich

ein Bündel von Projekten zu bestimmen,

um dieses Ziel zu erreichen. Das Ziel

von „Gut Klang“ Erftstadt ist eine gute Jugendarbeit

und die Weiterentwicklung der

eigenen Musikrichtung. In der Satzung steht

das etwas verklausuliert: „Zweck des Vereins

ist die Pflege der Musik sowie die musikalische

Mitwirkung bei Veranstaltungen. Besondere

Aufgabe des Vereins ist es, Kinder

und Jugendliche an die Musik heranzuführen.“

Diese leicht antiquierte Bezeichnung

des Vereinsziels ist allerdings geschuldet den

Vorschriften der Finanzverwaltung für gemeinnützige

Vereine. Das liest sich dann weiter

im Vereinszweck wie folgt: „Der Verein

verfolgt ausschließlich gemeinnützige Zwecke.

Der Verein ist selbstlos tätig; er verfolgt

36


nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche Zwecke.

Mittel des Vereins dürfen nur für die satzungsmäßigen

Zwecke verwendet werden.

Die Mitglieder erhalten keine Zuwendungen

aus Mitteln des Vereins. Es darf keine Person

durch Ausgaben, die dem Zweck der Körperschaft

fremd sind, oder durch unverhältnismäßig

hohe Vergütungen begünstigt werden.“

ist im Jahr 2020 bereits in der sechsten Fassung

aufgelegt.

Angelehnt an „magisches Dreieck in der Projektsteuerung“

(Zeit, Kosten, Umfang), nach

Thor Möller, Florian Dörrenberg, Projektmanagement,

Oldenbourg Verlag, 2003, definiert

sich ein Projekt wie folgt:

Nur durch ein Bündel von Projekten können

deshalb die Ziele erreicht werden. Die mehr

operativen Ziele „Jugendarbeit“ und „musikalische

Weiterentwicklung“ bedürfen dabei

einer hohen musikalischen und pädagogischen

Kompetenz. Die gemeinnützige und

selbstlose Arbeit erfordert ein hohes ehrenamtliches

Engagement. Die Verfolgung des

nicht eigenwirtschaftlichen Zweckes und die

Mittelgenerierung erfordern betriebswirtschaftliches

Grundverständnis. Halten wir

fest: um das Ziel eines Vereins zu erreichen,

ist gleichem Maße fachliche und betriebswirtschaftliche

Fachkompetenz. Das Programm

mit dem Motto „Musik grenzt keinen

aus“ ist die Basis für die Zielerreichung von

„Gut Klang“ und erfordert zwingend musikpädagogisches

und ein kaufmännisches/organisatorisches

Grundverständnis.

Projekt

Wenn man so will, dann ist ein Programm die

Summe aus Projekten. „Musik grenzt keinen

aus“ war in der Vergangenheit geprägt von

Projektarbeit. Hier sind insbesondere die

Projekte „Funny Sticks“ und „Musik grenzt

keinen aus 2.0“ sehr erfolgreich. Funny Sticks

„Gut Klang“ mit vielen Kindern im Jahr 2000

37

„Ein Projekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges

Vorhaben, das aus einem Satz von abgestimmten,

gesteuerten Tätigkeiten mit Anfangs-

und Endtermin besteht und durchge-

Musikalische Früherziehung: „Funny Sticks 6.0“

führt wird, um unter Berücksichtigung von

Vorgaben bezüglich Zeit, Ressourcen (zum

Beispiel Finanzierung bzw. Kosten, Produktions-

und Arbeitsbedingungen, Personal und

Betriebsmittel) und Qualität ein Ziel zu erreichen.

Zur Durchführung von Projekten werden

in der Regel Projektteams gebildet, denen

Steuerungsaufgaben obliegen. Viele Projektmanagement-Lehren

empfehlen, dass

die Ziele bzw. Zielvorgaben eines Projektes

nach den SMART-Regeln vorab formuliert

werden (SMART = Spezifisch, Messbar, Akzeptiert,

Realistisch, Terminiert). Das Projektziel

bestimmt das strategische Vorgehen.


Darauf basieren die nötigen Prozesse/Tätigkeiten

und die hilfreiche Grundstruktur, welche

den Umgang mit den Ressourcen festlegen.“

Das ist jetzt viel Theorie. Nehmen wir das

Projekt „Funny Sticks 1.0“, das „Gut Klang“

Erftstadt im Jahr 2013 startete:

Geplant und durchgeführt wurden wöchentliche

Workshops für Kinder und Jugendliche

aus wirtschaftlich benachteiligten Familien

mit dem Ziel Erfolgserlebnisse zu vermitteln.

Das Projekt startete am 1. März 2014. Dabei

wurden angeboten: „Beat Boxing und Hip-

Hop“-Aktionen, „Stomp und

BTX“ sowie „DJ und Percussion“.

Also fernab vom herkömmlichen

„Gut Klang“-Geschäft.

Aber durchaus kompatibel

mit der Satzung und der

Zielgruppe aus dem Vereinsmotto

„Musik grenzt keinen

aus“. Das Erfolgserlebnis sollte

dann die Mitwirkung bei einem

Konzert sein. Das im Rahmen

eines interkulturellen Festes

der Jugendberatung „Mobile´“

auch umgesetzt wurden. Mobilé ist eine Einrichtung

der mobilen Jugendarbeit und Jugendpflege,

die 1992 in Erftstadt installiert

wurde. Mobilé sucht die Jugendlichen an ihren

Treffpunkten auf und unterstützen sie

bei der Umsetzung ihrer Wünsche und Interessen.

Mobilé begleitet Verbände, Vereine

und Institutionen bei der Durchführung ihrer

Jugendarbeit. Für „Gut Klang“ ist Mobilé seit

2014 ein idealer Kooperationspartner für

Projekte mit sozial-pädagogischem Hintergrund.

Als weiterer Kooperations- und Bündnispartner

insbesondere für die Nutzung von

Schulräumen für die Arbeit von „Gut Klang“

ist die Offene Ganztagsgrundschule Gymnich.

Die Schulkinder kommen vorwiegend

aus dem Einzugsgebiet der Stadtteile Gymnich,

Dirmerzheim und Mellerhöfe. Hier ist

im Schulkeller der Jugendraum von „Gut

Klang“ und wichtige Lagerräume für das

hochwertige Instrumentarium. Ohne die vertrauensvolle

Zusammenarbeit mit der

Grundschule könnte „Gut Klang“ den gesetzten

Vereinszweck bzw. die -ziele nicht

erreichen. Für Projektarbeit ein unverzichtbarer

Ort.

Projekte haben aber nicht nur einen fachlichen

und sozial-pädagogischen Hintergrund

und helfen sich zu vernetzen. Sie sind auch

ganz wichtig für die Finanzierung.

Finanzielle Unterstützung findet man beim

Bundesministerium für Bildung und Forschung

(BMBF). Mit dem Programm „Kultur

macht stark. Bündnisse für Bildung“ fördert

das BMBF außerschulische Angebote der kulturellen

Bildung. In Bündnissen für Bildung

setzen lokale Akteure Projekte für Kinder um,

Drum Circle mir Kindern und Eltern

die einen eingeschränkten Zugang zu Bildung

haben. Bei den Programmpartnern von „Kultur

macht stark“ können sich lokale Akteure,

die sich in der kulturellen Bildung benachteiligter

Kinder und Jugendlicher engagieren

wollen, um eine Förderung bewerben.

Am Anfang steht die Idee für ein Projekt der

Harry-Potter-Event-Wochenende auf

Burg Monschau (2018)

außerschulischen kulturellen Bildung für bildungsbenachteiligte

Kinder und Jugendliche.

Dann ist ein lokales Bündnis für Bildung zu

gründen (in unserem Fall mit der OGS, Mobile

und dem Familienzentrum) und dann

können Fördermittel beantragt werden. Für

eine Förderung in „Kultur macht stark“ ist

38


Folgendes zu beachten: Zielgruppe der geplanten

Bildungsangebote sind drei bis 18-

jährige Kinder und Jugendliche, die in einer

sozialen oder finanziellen Risikolage leben o-

der deren Familien keine ausreichenden Bildungsimpulse

bieten können. Die Angebote

sind außerschulisch und zusätzlich. Die Angebote

werden von Bündnissen mit mindestens

drei lokalen Partnern durchgeführt.

Es liest sich einfach, aber die Story muss natürlich

passen und auch umsetzbar sein. Es

braucht Zeit und Engagement die gestellten

formellen Hürden zu überspringen. Es hilft

Erfolgreiche Projekte mit der Stadt Erftstadt

(vorne rechts Bürgermeister Volker Erner)

nichts mit viel Phantasie ein „Fake-Projekt“

bezuschussen zu lassen und es dann nicht

durchführen zu können. Die Umsetzung gemäß

Antrag ist alternativlos. Das wäre

schlichtweg Betrug, wenn darüber Mittel generiert

würden. Es ist also hilfreich sich bei

der Beantragung fachkundige Unterstützung

zu holen. Manchmal sind selbst Verbände damit

überfordert, wenn sie keine Erfahrung

mit Projekten des Programms „Kultur macht

stark. Bündnisse für Bildung“ gemacht haben.

„Gut Klang“ bietet hier allen interessierten

Vereinen gerne Unterstützung an. Allerdings

ist die Beratung durch das in Berlin ansässige

Team der BKJ zu den Projekten hervorragend.

Die Bundesvereinigung Kulturelle

Kinder- und Jugendbildung (BKJ) e. V. ist der

Dachverband für Kulturelle Bildung in

Deutschland. Die BKJ berät Fach- und Lehrkräfte

in fachlichen und

konzeptionellen Fragen sowie

zu Förderprogrammen.

Man erkennt aber: die Begriff

Programm und Projekt

findet sich in der alltäglichen

Vereinsarbeit immer

wieder. Im großen und förderungsintensiven

Betrieb

wie „Funny Sticks“ oder in

kleineren Projekten wie die

Vorbereitung eines Konzerts.

Auch hier haben wir

klassische Projektarbeit. Ein

Konzert ist ein zielgerichtetes,

einmaliges Vorhaben,

das aus einem Satz von abgestimmten,

gesteuerten

Tätigkeiten mit Anfangsund

Endtermin besteht und durchgeführt

wird, um unter Berücksichtigung von Vorgaben

bezüglich Zeit, Ressourcen (zum Beispiel

Finanzierung bzw. Kosten, Arbeitsabläufen,

Personal und Betriebsmittel) und Qualität

besteht.

39


5 Was manche Medien mögen

Früher sagte man: was nicht in der Zeitung

steht, wird nicht wahrgenommen. Dann

sagte man: was nicht im Fernsehen gezeigt

wird, findet nicht statt. Der Sport hat damit

ein extremes Problem, weil ja überwiegend

Fußball wahrgenommen wird. Und heute orientiert

sich vor allem die junge Generation

mehr an Internetplattformen. Facebook, Y-

ouTube, Twitter und Instagram sind hier die

bekanntesten Medien, die aber oft journalistisch

schlecht recherchiert und aufbereitet

sind. Aber dazu mehr im Kapitel „Kommunikation“.

Wir widmen uns hier den eher traditionellen

Medien, wie Zeitungen, Radio und Fernsehen.

Über was wird heute berichtet? Über all das,

was Auflage macht. Bleiben wir beim Sport.

Laut statistica.com gaben im Jahr 2017 immerhin

14,1 Millionen Menschen ab 14 Jahren

in Deutschland an, häufig oder zumindest

ab und zu Fußball zu spielen. Und das sind

nur die aktiven Fußballer. Die passiv Fußballinteressierten

sind ungleich mehr, nämlich

rd. 24 Millionen. Also jeder Vierte. Wenn also

über Sport berichtet wird, dann ist mit Fußball

deutlich mehr Auflage und Quote zu erzielen

als mit jeder anderen Sportart. Im Vergleich:

für Handball, auch eine populäre

Sportart, interessieren sich rd. 9 Millionen

Vorstand im Interview bei Center.tv in Köln

Menschen.

Und jetzt der Vergleich zur Musik. Laut Deutschem

Musikinformationszentrum waren in

2017/18 insgesamt rd. 2,1 Millionen Menschen

in Chören organisiert. 9,1 Millionen

Menschen ab 14 Jahre spielen ein oder

40

mehrmals die Woche ein Musikinstrument.

Laut Statistica.com interessierten sich im

Jahr 2019 8,4 Millionen Menschen für klassische

Musik, Klavierkonzerte oder Sinfonien.

Was sagen uns die Zahlen? Mit reinen Fakten

WDR zu Gast bei „Gut Klang“ im Februar 2014

werden wir weder Journalisten noch die Öffentlichkeit

in ihrer Gesamtheit erreichen.

Wenn „Gut Klang“ ein Konzert spielt oder

eine Deutsche Meisterschaft gewinnt, dann

interessiert das im Wesentlichen nur die Musikinteressierten

der Sparte „Flötenmusik“.

Und das auch nur regional, weil die Berichte

über „Gut Klang“ bestenfalls im regionalen

Kulturteil der Zeitung stehen. Auch die Verbandszeitungen

sind, wenn sie denn überhaupt

noch existieren, von der Auflage zu

vernachlässigen.

Trotzdem freut es die Mitglieder, wenn der

heimische Stadt-Anzeiger oder die regionale

Rundschau über den eigenen Verein berichten.

Und erst recht, wenn das Lokalfernsehen,

ein lokaler Privatsender oder sogar das

Radio Meldungen senden. Aber seien wir

ehrlich: die Mehrzahl der Leser, Zuschauer

und Zuhörer interessiert es nicht mehr, als

der berühmte Sack Reis, der in China manchmal

umfällt.

Anders verhält es sich mit fachfremden oder

sozialen Nachrichten aus einem Verein. Und

so stellt sich die Frage, welche Headline den

neutralen Leser einer Nachricht mehr interessiert?

„Gut Klang zum wiederholten Mal

Deutscher Meister der Flötenorchester“ oder

„Gut Klang kümmert sich um Kinder mit

Fluchterfahrung“. So hat auch das Motto


„Musik grenzt keinen aus“ Journalisten dazu

motiviert, deutlich mehr sich mit „Gut Klang“

zu beschäftigen und ist dabei auf die Tatsache

gestoßen, dass dieser Verein auch noch

verdammt gute Musik macht. Halten wir fest:

Aufmerksamkeit in den Printmedien oder im

Radio und Fernsehen schafft nur das Außergewöhnliche.

Das Gewöhnliche kann man

auf der vereinsinternen Internetseite oder in

den sozialen Netzwerken besser publik machen.

Auch wenn das Fachpublikum die Musik

von „Gut Klang“ als außergewöhnlich charakterisiert,

in der traditionellen Berichterstattung

bewegt sich außerhalb der von „Gut

Klang“ selbst verfassten Pressemitteilungen

nur selten etwas.

Gemeinnützige Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

(hier beim Besuch der Kinderoper „Peter und der

Wolf“ in 2019

Hilft Gemeinnützigkeit gegen

Ausgrenzung?

Anders als beispielsweise beim Einzelhändler,

der für die Einkünfte aus seinem Gewerbebetrieb

eine Einkommenssteuer zahlen

muss, unterliegen gemeinnützige Vereine

mit ihren Einkünften aus einem wirtschaftlichen

Geschäftsbereich der Körperschaftssteuer.

Dabei gilt allerdings die Voraussetzung,

dass man mit einem Verein die gegenwärtig

geltende Besteuerungsgrenzen überschreiten.

Gemeinnützigkeit ist deshalb nicht nur eine

Haltung, sondern auch ein Begriff aus dem

Steuerrecht.

Egal, ob Musizieren, Sport oder Brauchtumspflege,

viele Hobbies und Interessen machen

in der Gemeinschaft mehr Spaß. Für den passenden

rechtlichen Rahmen wird oftmals ein

41

Verein gegründet. Und die Vereinsmitglieder

beschäftigen sich nicht nur mit ihren eigenen

Interessen, im Gegenteil: Oftmals sind sie ehrenamtlich

tätig und kümmern sich gezielt

um Probleme vor Ort. Damit machen Vereine

nicht nur das Leben in der Region bunter,

sondern fördern gleichzeitig das Gemeinwohl.

Auch im Steuerrecht wird Vereinsarbeit

anerkannt und berücksichtigt. Sobald ein

Verein steuerbegünstigt ist, also einem gemeinnützigen,

mildtätigen oder kirchlichen

Zweck dient, genießt er einige Vorteile.

Vereine, die gemeinnützige, mildtätige oder

kirchliche Zwecke im Sinne der §§ 52 bis 54

der Abgabenordnung (AO) verfolgen, können

beim Finanzamt einen Antrag auf Erlass eines

Feststellungsbescheides nach § 60a AO stellen.

Der Antrag kann formlos gestellt werden,

einen Vordruck hierfür gibt es nicht. Der

Feststellungsbescheid ist bei neu gegründeten

Vereinen Voraussetzung für die Ausstellung

von Zuwendungsbestätigungen (Spenden).

Aber Achtung: Wenn Spenden falsch

bescheinigt werden oder eine Fehlverwendung

vorliegt, dann wird i.d.R. wegen Spendenbetrug

ermittelt: der Vereinsvorstand

haftet!

Bereits länger bestehende gemeinnützige

Vereine dürfen Zuwendungsbestätigungen

nur ausstellen, wenn der letzte Freistellungsbescheid

bzw. die Anlage zum Körperschaftsteuerbescheid

nicht älter als fünf Jahre sind,


§ 63 Absatz 5 Nummer 1 AO. Den Freistellungsbescheid

(bzw. den Körperschaftsteuerbescheid

mit Anlage) erlässt das zuständige

Finanzamt.

Die Satzung eines gemeinnützigen Vereins

muss aus steuerrechtlichen Gründen auch

die in nachfolgende Festlegungen, die grundsätzlich

unverändert zu übernehmen sind,

soweit sie für den Verein einschlägig sind.

• Zweck des Vereins

Der Verein verfolgt ausschließlich und unmittelbar

- gemeinnützige - mildtätige - kirchliche

- Zwecke (nicht verfolgte Zwecke streichen)

im Sinne des Abschnitts "Steuerbegünstigte

Zwecke" der Abgabenordnung.

Zweck des Vereins ist … (z. B. die Förderung

von Wissenschaft und Forschung, Jugendund

Altenhilfe, Erziehung, Volks- und Berufsbildung,

Kunst und Kultur, Landschaftspflege,

Umweltschutz, des öffentlichen Gesundheitswesens,

des Sports, Unterstützung hilfsbedürftiger

Personen).

Der Satzungszweck wird verwirklicht insbesondere

durch (z. B. Durchführung wissenschaftlicher

Veranstaltungen und Forschungsvorhaben,

Vergabe von Forschungsaufträgen,

Unterhaltung einer Schule, einer

Erziehungsberatungsstelle, Pflege

von Kunstsammlungen, Pflege des

Liedgutes und des Chorgesanges, Errichtung

von Naturschutzgebieten,

Unterhaltung eines Kindergartens,

Kinder-, Jugendheimes, Unterhaltung

eines Altenheimes, eines Erholungsheimes,

Bekämpfung des Drogenmissbrauchs,

des Lärms, Förderung

sportlicher Übungen und Leistungen).

• Selbstlose Tätigkeit

Der Verein ist selbstlos tätig; er verfolgt

nicht in erster Linie eigenwirtschaftliche

Zwecke.

• Mittelverwendung

Mittel des Vereins dürfen nur für die satzungsmäßigen

Zwecke verwendet werden.

Die Mitglieder erhalten keine Zuwendungen

aus Mitteln des Vereins.

• Verbot von Begünstigungen

42

Es darf keine Person durch Ausgaben, die

dem Zweck der Körperschaft fremd sind, o-

der durch unverhältnismäßig hohe Vergütungen

begünstigt werden.

Quelle: Die Justiz des Landes NRW – Justizportal

Außerdem ist darauf zu achten, falls der Verein

einmal aufgelöst werden sollte, dass das

Vermögen an eine juristische Person des öffentlichen

Rechts oder eine andere steuerbegünstigten

Körperschaft (anderer gemeinnütziger

Verein), die unmittelbar und ausschließlich

für gemeinnützige, mildtätige o-

der kirchliche Zwecke zu verwenden hat, zu

übertragen ist.

Den gemeinnützigen Verein auflösen und das

liquide Vermögen im Rahmen einer großen

Party gemeinsam zu verprassen, das erlaubt

die Gemeinnützigkeit nicht.

Wo nun beschützt die Gemeinnützigkeit

Menschen vor der Ausgrenzung?

Die Tätigkeit eines gemeinnützigen Vereins

muss der Allgemeinheit zu Gute kommen.

Dies ist nicht der Fall, wenn der Kreis der geförderten

Personen fest abgeschlossen ist o-

Gemeinsame Aktion mit Boomwhackers in 2017

der infolge seiner Abgrenzung dauernd nur

klein sein kann. Eine für die Gemeinnützigkeit

schädliche Begrenzung kann auch darin

liegen, dass durch hohe Aufnahmegebühren

oder Mitgliedsbeiträgen der Allgemeinheit

der Zugang zu dem Verein praktisch verwehrt

wird. Die Förderung der Allgemeinheit kann

von den Finanzbehörden anhand der Höhe


von Mitglieds- und Aufnahmegebühren geprüft

werden.

„Musik grenzt keinen aus“ ist deshalb für alle

Vorstandsgenerationen von „Gut Klang“ die

Basis, den Zugang zum Musizieren und das

Musizieren selbst und auch das Erlernen

eines Instrumentes bis zum Jahr 2020 kostenfrei

sicherzustellen. Es bleibt zu hoffen,

dass auch künftige Vorstandsgenerationen

die wirtschaftliche Basis des Vereins so festigen,

dass der Zugang zum Verein und zum

Musizieren kostenfrei bleibt.

Warum muss es denn immer ein

Verein sein?

Im Wort „Verein“ steckt vereinen, also „eins

werden“ und etwas „zusammenbringen“. Ein

Verein ist eine freiwillige und auf Dauer angelegte

Vereinigung von natürlichen Personen

(also Menschen) und/oder juristischen

Personen (zum Beispiel eine AG, GmbH,

e.V.).

Zu unterscheiden sind vor allem die nicht eingetragenen

und die eingetragenen Vereine.

Nicht eingetragene Vereine sind z.B. Bürgerinitiativen,

da sie sich oft nur kurzfristig und

projektbezogen zusammenfinden. Die Gründung

ist leicht und verursacht keine Gerichtskosten

für die Eintragung ins Vereinsregister.

Aber Vorsicht: Volle Haftung der Mitglieder

mit ihrem Privatvermögen. Auch wenn in vielen

Rechtsentscheidungen letztlich von einer

Begrenzung der vertraglichen Haftung für

Privatpersonen ausgegangen werden kann.

Ein nicht eingetragener Verein ist somit ein

nicht rechtsfähiger Verein und wird gem. §

54 BGB wie eine Gesellschaft des bürgerlichen

Rechts behandelt. Trotzdem halten wir

fest: Bei nicht eingetragenen Vereinen gilt

die Haftung des Handelnden. Die Person, die

für die rechtlichen Angelegenheiten des Vereins

verantwortlich ist, haftet auch für daraus

entstehende Schäden. Besser gesagt, sie

haftet vollständig mit ihrem Privatvermögen.

„Gut Klang“ ist ein rechtsfähiger und eingetragener

Verein. Ein eingetragener Verein

hat in Deutschland das Anhängsel e.V. Durch

die Eintragung in das Vereinsregister ist der

Verein rechtsfähig. Das Vereinsregister liegt

beim Amtsgericht. Für Erftstadt ist das Amtsgericht

Brühl zuständig. Was einen eingetragenen

Verein ausmacht, ist sein ideeller

Zweck. Das heißt, dass der Verein keine wirtschaftlichen

Zwecke verfolgt. Wirtschaftliche

Zwecke würde ein Verein beispielsweise verfolgen,

wenn Gewinnabsichten verfolgt

43

werden. Das kann z.B. ein Verein sein, der

sich wie eine Musikschule den Musikunterricht

bezahlen lässt. Ein eingetragener Verein

ist eine juristische Person. Er ist keine zusammengewürfelte

Gruppe von Menschen. Er

hat Rechte. Und er hat Pflichten. Der Verein

als Rechtsperson kann also z.B. für Schäden

zur Verantwortung gezogen werden und vollständig

haften. Er kann jedoch auch als Kläger

fungieren.

Wer vertritt den Verein? Der Vorstand!

Voraussetzungen für einen Verein sind:

• Sieben Mitglieder

Um im Vereinsregister stehen zu dürfen, benötigt

der Verein zum Zeitpunkt der Eintragung

sieben Gründungsmitglieder.

• Erstellung einer Satzung

In der Satzung muss nach § 57 BGB stehen:

Die Rechtsform, der Name und Sitz des Vereins,

der Zweck des Vereins, die Bildung des

Vorstands, Angaben zu Beiträgen, zur Mitgliedschaft

und deren Beendigung, die Beitragspflicht,

außerdem Angaben zur Einberufung

der Mitgliederversammlung und die Absicht

zur Eintragung ins Vereinsregister.

• Ideeller Zweck

e.V.

Wie anfangs schon beschrieben, darf der

Verein keine wirtschaftlichen Zwecke verfolgen.


• Anmeldung

Zur Anmeldung durch den Vorstand

gehört eine Abschrift der

Urkunde über die Bestellung

vom Vorstand. Außerdem wird

eine Abschrift der Satzung benötigt.

Manchmal verliert ein Verein

Mitglieder. Sind es dann weniger

als drei Mitglieder, hat der

Vorstand einen Antrag an das

Amtsgericht zu stellen. Im Antrag

muss stehen, dass dem

Verein die Rechtsfähigkeit entzogen

werden soll. Ist der Antrag

nicht gestellt, tut dies das

Amtsgericht nach drei Monaten

schließlich offiziell.

Kooperation mit Jugendzentrum in Köttingen

Die Arbeit mit Geflüchteten,

Migranten, Ausländer und Deutsche

„Gut Klang“ hat sich nie darum geschert, wo

Menschen geboren wurden oder woher sie

stammten. Die Hautfarbe spielte genauso

wenig eine Rolle. Sprachbarrieren wurden

durch die Sprache der Musik aufgebrochen.

Projekt „Funny Sticks“ in 2015 mit Kindern aus geflüchteten Familien

Da war es dann schon eher ein Thema, vor

allem in den 70er Jahren, also der Gründungszeit

vom „Spielmannszug „Blau Weiß“

Erftstadt, ob jemand aus dem Dunstkreis der

St. Kunibertus Schützengesellschaft Gymnich

1848 e.V. stammte. Denn man sympathisierte

selbst mit der St. Sebastianus Bruderschaft

Gymnich 1139 e.V. Der Gründer von

44

„Blau Weiß Erftstadt“ Horst Moitzheim gehörte

selbstverständlich zu den Sebastianus-

Schützen. Und wenn dann die örtlichen

Schützenfeste anstanden und „Blau Weiß“

auf den Spielmannszug „Freischütz“, der den

Kunibertus-Schützen nahestand, traf, wurde

fleißig gezählt. Und Horst Moitzheim war es

wichtig, dass „Blau Weiß“ mindestens einen

Musiker mehr auf der Straße

hatte als „Freischütz“. Eine

Konkurrenz die in den 70er

noch mit großer Ernsthaftigkeit

und Leidenschaft verfolgt

wurde, später aber nur noch

mit einem spitzbübischen Augenzwinkern

gelebt wurde. Als

„Blau Weiß“ dann seine Straßenmusik

aufgab und nur noch

sich der Bühne verschrieben

hatte, gab es diese Konkurrenz

nicht mehr. Es waren dann

zwei unterschiedliche Musikrichtungen.

Heute spielen Sympathisanten

der Kunibertus-Schützen bei „Gut Klang“

aber es spielen auch Musiker aus ganz anderen

Regionen bei „Gut Klang“, die überhaupt

nichts von der Gymnicher Schützenkonkurrenz

wissen.

Mit Musikern, die nicht aus Deutschland

stammen, hat „Gut Klang“ lange Erfahrung.


Menschen aus verwandten musikalischen

Kulturkreisen, wie Polen oder Russland, hatten

schnell Zugang, weil sie oft mit einer vergleichbaren

musikalischen Vorbildung zu

„Gut Klang“ stießen. Oft waren die Eltern, die

vielleicht noch

nicht so gut

deutsch sprachen,

schon gute

Blasmusiker und

brachten dann

ihre Kinder zum

„Gut Klang“-Musikunterricht.

Somit

war es Kindern

von Migranten,

also Zuwanderern,

die dauerhaft

in Deutschland

arbeiten

wollten, auch

leichter sich bei

„Gut Klang“ zu integrieren.

Schließlich dauert

die Instrumentalausbildung

je

nach Talent mindestens

drei

Jahre, um tragendes

Ensemblemitglied

im LeO, dem

Lehrorchester, zu

werden. Um den

Sprung in die

Hauptorchester,

also in die Flötenund

Percussiongruppe

oder in

das Symphonische Flötenorchester zu schaffen

ungleich länger. Dafür bedarf es einer

nachhaltigen musikalischen Ausbildung über

viele Jahre.

Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung

sind seit unseren Projekten „Funny Sticks“

Zielgruppe. In Zusammenarbeit mit der Offenen

Ganztagsschule in Gymnich, mit Mobile´

und dem Familienzentrum St. Kunibertus

sind seit der Krise auf dem Balkan und später

auch Kinder aus Kriegsgebieten außerhalb

des europäischen Kontinents wie Syrien und

Afghanistan im Musikunterricht integriert.

45

Zuerst bei Rap, Hip-Hop und Beat Boxing-Aktionen

im Jugendzentrum der Stadt Erftstadt

oder in den Erstaufnahmeeinrichtungen für

Geflüchtete. Diese waren aber oft nicht

nachhaltig, weil die geflüchteten Familien

wieder in

andere Regionen

verteilt

wurden.

Eine größere

Chance zur

Integration

von Kindern

aus geflüchteten

Familien

ergab

sich dann

über den

Einstieg

über die musikalische

Früherziehung.

Vor allem,

wenn

die Familien

in Gymnich

sesshaft

wurden.

Zwar orientierten

sich

die Jungs

nach anfänglich

großem

Interesse

an der

Musik

schnell Richtung

Fußball,

die

Mädchen aber waren nachhaltiger Musikinteressiert.

Auch wenn hier wieder ein anderes

Kulturangebot, wie zum Beispiel Tanzen

oder Singen, in Konkurrenz zu unserem Angebot

stand und steht. Da für das Engagement

von „Gut Klang“ sich für Kinder und Jugendliche

mit Fluchterfahrung einzusetzen,

öffentliche Fördermittel zur Verfügung stehen,

hat den Verein keine finanziellen Nachteile.

In die Hauptorchester zu kommen, ist

es für die ausländischen Kinder schwer. Aber

da haben es die deutschen Kinder auch nicht

viel einfacher. „Gut Klang“ hat jedenfalls für


sein Engagement in der Jugendarbeit im Allgemeinen

und für Geflüchtete und Migranten

im Besonderen viel öffentliche Anerkennung

und Auszeichnungen erhalten.

Dass es ausländische Mitbürger von jeher

leicht gemacht wurde bei „Gut Klang“ zu musizieren,

ist nicht nur der grundsätzlichen

Weltoffenheit seiner Mitglieder zu

verdanken, sondern vor allem dem Umstand

geschuldet, dass jeder Musikverein gute Musiker

braucht. So wie jeder Fußballverein

gute Fußballer sucht. Da hat innerhalb eines

Orchesters oder Mannschaft Rassismus

keine Chance. Das wäre nicht nur dumm,

sondern grob vereinsschädigend. „Musik

grenzt keinen aus“ hat also doch Grenzen:

Rassisten haben bei „Gut Klang“ keinen Platz.

Seit vielen Jahren tragende Säulen: Petra Wittkowski (links) und Patricia Hudler (rechts)

46


6 Wie finanziere ich meine Idee?

Konzerte sind eine wichtige Finanzierungsquelle (hier

2009), jede verkaufte Eintrittskarte hilft

Da hat ein Verein eine tolle Idee für ein Projekt

und dann fehlt es für die Umsetzung am

Geld. Kultur und Jugendarbeit sind oft notorisch

unterfinanziert. Musiker werden selten

reich, wenn sie nicht gerade zu den Stars der

Szene gehören. „Gut Klang“ Erftstadt ist ein

Star der Szene: in der Szene der Flötenorchester.

Aber Flötenorchester werden selten

gebucht. Zum einen, weil sie aufgrund ihrer

Größe zu groß für kleinere Veranstaltungen

sind und zum anderen,

weil die Musik nicht zu

dem gewünschten Rahmen

passt. In der Besetzung

eines symphonischen

Flötenorchesters

umfasst „Gut Klang“

etwa 50 Musiker. Selbst

in einer kleineren Besetzung

als Flöten- und Percussiongruppe

oder sogar

nur das Lehrorchester

beträgt die Besetzungsgröße

zwischen 20

und 30 Musikern. Das ist

nicht praktikabel für

viele Veranstaltungen

und somit nicht

marktgerecht. Dazu kommt, dass die Musik

für Outdoor-Veranstaltungen ohne Verstärker

nicht geeignet ist. So kann „Gut Klang“

immerhin Ensembles anbieten, die zu Hochzeiten,

Geburtstagen oder Firmen- und Familienfeiern

aufspielen. Trotzdem ist der Markt

für Flötenorchester begrenzt. Es sei denn, sie

spielen auch auf der Straße, wie es Blasorchester

und Spielmannszüge üblicherweise

machen. Da sind Schützenfeste und im

Rheinland der Karneval natürlich dankbare

Einnahmequellen. Aber eine Abteilung

„Spielmannszug“ gibt es bei „Gut Klang“

nicht. Und so ist die wichtigste Einnahmequelle

das selbstveranstaltete Konzert. Das

muss die Ausgaben des „operativen Geschäfts“

decken, also insbesondere die Kosten

der Hauptorchester.

Es gibt aber auch durchaus interessante

Möglichkeiten über Fremdfinanzierung wichtige

Projekte umsetzen zu können. Wenn

man so will: Subventionen.

Verleihung Carl-Curz-Medaille (2016)

47


Kommunen und Kreise sind erstmal

klamm

Ein gutes Verhältnis zur Stadt ist

überlebenswichtig

Wer glaubt, dass die eigene Stadt das Füllhorn

über den eigenen Verein ausschüttet,

der irrt gewaltig. Kreise, Städte und Gemeinden

haben vielfach die Fördermittel für Kultur

drastisch reduziert. In Erftstadt gibt es

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Erftstadt anlässlich Deutsche

Meisterschaft 2010

zwar noch Zuschüsse für Kultur- und Heimatvereine

(Stand 2020), die beschränken sich

aber auf einen Zuschuss betreffend Musikvereine

für Jubiläen (z.B. 200 Euro, wenn ein

Verein 50 Jahre alt wird), für die Teilnahme

an Landes- und Bundesmeisterschaften 300

Euro, für aktive Mitglieder pro Kopf zwischen

2,50 Euro und 6 Euro jährlich. Ggf. kann noch

ein Investitionszuschuss für die Neuerstellung

von Immobilien beantragt werden. Damit

enden auch schon die Geldspritzen der

Stadt.

Allerdings sind Sachleistungen von großer

Wichtigkeit. Im Kapitel „Programm oder Projekt?“

habe ich schon über Kooperationen informiert.

„Gut Klang“ ohne die Zusammenarbeit

mit der Stadt Erftstadt könnte nicht existieren

und erst recht nicht erfolgreich sein.

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. ist der Zusammenschluss

vom Jugend-Tambourkorps Oberaußem

und dem Spielmannszug „Blau

Weiß“ Erftstadt 1970 e.V. Es wäre nie zu dem

Zusammenschluss gekommen, hätte die Kooperation

zwischen dem Jugend-

48

Tambourkorps aus Bergheim-Oberaußem

und der Stadt Bergheim besser funktioniert.

Obwohl das Jugend-Tambourkorps schon

Anfang der 90er Jahre zu den besten und erfolgreichsten

deutschen Spielleutegruppen

gehörte, gelang es nicht eine zwischen Stadt

und Vereinsführung befriedigende Lösung

für Probenräume zu finden. Ich kann mich

noch gut erinnern als vom damaligen Sprecher

des Jugend-Tambourkorps Olaf Jäger

anlässlich der Landesmeisterschaft in 1993

verkündet wurde, dass sich „Gut

Klang“ Oberaußem nach der Meisterschaft

auflösen wird. Rein rechtlich ist

es auch dazu gekommen. Oberaußem

hat sein Vermögen an den Spielmannszug

„Blau Weiß“ Erftstadt e.V. übertragen.

Die Oberaußemer Mitglieder sind

„Blau Weiß“ Erftstadt beigetreten. Der

Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt

1970 e.V. vollzog eine Namensänderung

in Spielmannszug „Gut Klang“ Erftstadt

e.V. So blieb die Seele von „Gut

Klang“ Oberaußem im neuen Körper

von „Blau Weiß“ Erftstadt erhalten.

Die Erftstädter Musiker hatten ihre

Übungsstunden in den Räumen der St. Sebastianus

Bruderschaft Gymnich. Das damalige

Spielleute-Orchester mit über 60 Musikern

probte im großen Saal, die Nachwuchsproben

und Registerproben fanden in weiteren

kleineren Räumen der Bruderschaft statt.

Aber „Gut Klang“ war nur Gast bei den befreundeten

Sebastianus-Schützen und als

dann irgendwann „Gut Klang“ die Entscheidung

traf nicht mehr auf der Straße zu musizieren

und damit auch für die vielen Festumzüge

der St. Sebastianus Bruderschaft nicht

mehr zur Verfügung stand, erhielt diese jahrelange

Freundschaft einen Riss. Und so war

es für „Gut Klang“ lebenswichtig, dass man

mit der damaligen Grundschule Gymnich

eine sehr gute Kooperation eingehen konnte

und fortan nahezu frei über die Klassenräume

und die Aula verfügen konnte. Bald

hatte man Schlüsselgewalt und an zwei Tagen

in der Woche hatte „Gut Klang“ grenzenlosen

Zugang. Und wenn es nötig war auch

noch häufiger. Zusätzlich kamen später noch

monatliche Wochenendproben hinzu. Diese

paradiesischen Probenverhältnisse führten


dazu, dass „Gut Klang“ sich an die Spitze der

deutschen Flötenorchester katapultierte. Sogar

ein Kellerraum wurde als Jugendraum zur

Verfügung gestellt und mit viel Engagement

unter der Bauleitung des damaligen „Gut

Klang“ Vorsitzenden Peter Leiseifer und Peter

Ruckes aufwendig umgebaut.

Dass es dabei blieb, war nicht selbstverständlich.

Hier muss „Gut Klang“ Erftstadt einem

Mann an dieser Stelle herzlich danken: Gert

Löhnert. Seinerzeit Schulleiter an der Grundschule

Gymnich, selbst Blasmusiker und ein

großer Freund der Musik. Durch gemeinsame

Projektwochen war es eine für beide Seiten

erfolgreiche Win-Win-Situation. „Wichtig ist

für mich, die Einrichtung in Gymnich künftig

unter das Jahresmotto »Soziale Schule« zu

stellen“, erläutert der Löhnert. Die Schule

soll als Ort der Begegnung und des Miteinanders

immer sehr viel Menschlichkeit und

Wärme ausstrahlen sollte“, erläutert der Pädagoge.

Eine wunderbare Kooperation

konnte beginnen.

Dennoch blieb es nicht beim Probenparadies.

Am 22. Juli 2011 ging Gert Löhnert in den Ruhestand.

Konrektor Thomas Müller übernahm

die Leitung. Die Stadt Erftstadt geriet

mehr und mehr unter Sparzwang. Vereine

wurden für die Nutzung der Schulräume immer

stärker zur Kasse gebeten. Als Musikverein

musste man erkennen, dass es weitaus

schwerer war städtische Infrastruktur zu nutzen,

als für Sportvereine. Das Motto „Musik

grenzt keinen aus“ wurde auf eine gewaltige

Probe gestellt. Erstmals kamen Stimmen auf,

dass die eigenen Musiker wohl doch mit einem

Mitgliedsbeitrag beteiligt werden

Empfang bei der Stadt anlässlich der 1995 gewonnenen

Landesjugendmeisterschaft

49

müssen. Dies konnte zum Glück abgewendet

werden.

Aber „Gut Klang“ war zu diesem Zeitpunkt

Gert Löhnert, langjähriges Kreisvorstandsmitglied des

Volksmusikerbundes hier bei der Veranstaltung „40

Jahre Gut Klang“

bereits Preisträger beim Deutschen Orchesterwettbewerb

und Deutscher Meister. So

unendlich viele Gruppierungen oder Einzelpersonen

hatten bisher den Namen der Stadt

Erftstadt nicht bundesweit bekannt gemacht.

Am bekanntesten dürfte noch Hennes Weisweiler

sein, der liegt aber auch schon beerdigt

auf dem Friedhof von Erftstadt-Lechenich.

Im Sport sind es die Wassersportler

vom WSF Liblar, die im Kanu Polo Bundesliga

spielen und siebenmal Deutscher Meister

wurden, zuletzt 2011. Bundesweit bekannt

ist der Schachverein Erftstadt für seine ausgezeichnete

Jugendarbeit. Im kulturellen Bereich

konnte nachhaltig nur „Gut Klang“ den

Namen der Stadt, zumindest in der Amateurmusik,

bundesweit bekannt machen. Das erkannte

der 1. Beigeordnete und spätere Bürgermeister

Volker Erner. Mit ihm hat „Gut

Klang“ Erftstadt einen ganz besonderen Fürsprecher

und Förderer. Wenn es bei der Verwaltung

zwickte, dann schaltete sich der Bürgermeister

ein und machte für „Gut Klang“

manches möglich. Das führte dann auch hin

und wieder zu Verstimmungen in der


Verwaltung, wenn mal wieder eine Anfrage

von „Gut Klang“ abgelehnt wurde. Nicht nur

einmal war zu hören: „Jetzt lauft nicht wieder

gleich zum Herrn Bürgermeister.“ Das haben

wir bei Kleinigkeiten auch nie getan, aber bei

wichtigen Anliegen sehr wohl.

Wie schwierig es manchmal ist die Mühlen

der Verwaltung und des Rates zu überwinden,

zeigt ein Beispiel. „Gut Klang“ lagerte

seine Instrumente im Schulkeller. Das war

auch möglich bis zu dem Zeitpunkt als sich

Kooperationsvertrag zwischen Stadt Erftstadt und „Gut Klang“

für Projekt „Künste öffnen Welten“

mehr und mehr größere Erfolge einstellten.

Quasi mit jedem Erfolg kam ein wichtiges Instrument

hinzu. Das benötigte Platz. Der Jugendraum

konnte als solcher nicht mehr genutzt

werden, denn er füllte sich mehr und

mehr mit großen Instrumenten. Erst drei,

dann vier Kesselpauken (die kleinste rd. 60

cm im Durchmesser und die größte rd. 80

cm). Dann ein Marimbaphon (Abmessungen

rd. 200x95x90 cm, Gewicht rd. 60 kg), Vibraphon,

Xylophon und Glockenspiel. Und ein

Röhrenglockenspiel: rd. 90 kg schwer, Höhe

rd. 180 cm, Breite rd. 100 cm, Tiefe: rd. 60

cm.

Diese Instrumente mussten entweder für

Auftritte und vor allem für die Orchesterproben

in der Aula aufwendig auseinander gebaut

werden oder, mit größtem Risiko zu verunfallen,

eine steile Kellertreppe hochgetragen

werden. Trotz vieler Anfragen einen

obererdigen Lagerraum für diese Instrumente,

zum Beispiel einen nicht genutzten

Klassenraum, zu nutzen, konnten weder von

der Schulverwaltung noch von der

50

Schulleitung positiv beantwortet werden.

Und dann kam es noch härter: Feuchtigkeit

drang in unseren Jugendraum. Jeder große

Regenguss ließ Wasser in den Jugendraum

und damit in den Instrumentenraum eindringen.

Folge: Schimmel. Darauf musste natürlich

die Stadt reagieren und aufwendig den

Raum sanieren. In diesem Zuge wurde natürlich

auch der Immobilienwirtschaft der Stadt

bewusst, dass der Raum seiner ursprünglichen

Nutzung, der außermusikalischen Jugendarbeit,

so nicht

mehr einsetzbar war.

Es lief aber noch immer

viel Wasser die

Erft hinunter bis das

Ratsmitglied Patrick

Morgan uns einen

wichtigen Hinweis

gab: „Stellt einen Bürgerantrag

auf einen

Erweiterungsbau zum

Schulgebäude für die

alleinige Nutzung als

Lagerort für große Instrumente.“

Gemacht und getan.

Es kam der Tag der Entscheidung im Rat. Vorsitzender

Rene Begic und ich selbst, als stellvertretender

Vorsitzender, durften in einer

Ratssitzung den Antrag vertreten. Und dann

haben wir bemerkt, wie Klüngel, dem man

den Kölnern ja zuschreibt, auch auf dem Land

abläuft.

Kurz vor Sitzungsbeginn kam ein sachkundiger

Bürger zu uns und bat darum, dass wir

unseren Antrag zurückziehen. Der Antrag

hätte keine Chance und würde durchfallen,

wenn wir darauf bestünden. Man könnte ja

dann nach anderen Lösungen suchen. Andere

Lösungen? Das war uns zu sibyllinisch.

Darauf sollen wir uns verlassen? Natürlich zogen

wir nicht zurück. Die Sitzung wurde eröffnet

und unser Antrag wurde behandelt. Obwohl

wir zu dem Zeitpunkt als Deutscher

Meister eigentlich einen gewissen Bekanntheitsgrad

hatten, war unsere Arbeit nicht

ganz so bekannt. Ein Alleinstellungsmerkmal

musste her, das alle Fraktionen überzeugt

und zumindest keine Gegenstimmen provozierte:

„Musik grenzt keinen aus“. Die soziale


Karte sticht. Gute Musik machen auch andere

Gruppen in Erftstadt. Mit seinem starken

ehrenamtlichen Einsatz für Geflüchtete

und sozial Benachteiligte konnte an diesem

Tag „Gut Klang“ Erftstadt außergewöhnlich

punkten. Die Flüchtlingskrise war in ihren Anfängen

und da war ein Verein, der engagierte

sich jetzt schon in ungewöhnlich starkem

Maße. Und dazu spielte er in seinem Metier,

der Musik der Flötenorchester äußerst erfolgreich

in der „Bundesliga“. Ergebnis: eine

Fraktion enthielt sich und die übrigen Fraktionen

stimmten für unseren Antrag, der so

mit großer Mehrheit angenommen wurde.

Heute verfügen wir über einen tollen beheizten

Lagerraum für unser wertvolles Instrumentarium.

Und der „hilfreiche“ sachkundige

Bürger: es stellte sich heraus, dass er als

2004 bei den Kulturtagen in der Abtei Brauweiler

ehemaliges Stadtratsmitglied Lobbyist des

Sports war und dafür kämpfte, dass die Fußballvereine

ihre Kunstrasenplätze bekamen.

Wie ich später erfuhr, war er sehr angefressen,

dass wir uns als „Bundesligist“ fühlten

und damit die Kreisligavereine im Fußball degradierten.

Aber ich glaube seine Wahrnehmung

war falsch: soziale Argumente sind

stärker als jede Ligazugehörigkeit.

Was lernen wir daraus? Wenn schon „geklüngelt“

wird, dann geh immer in Vorleistung.

Erst so kannst du deinen Partner zur Gegenleistung

animieren. Soziales Engagement ist

dazu sehr geeignet.

51

Der Landkreis – weit weg und

trotzdem wichtig

Erftstadt gehört zum Rhein-Erft-Kreis. Der

Kreis hat rd. 470.000 Einwohner (Stand Dezember

2018). Auf Erftstadt entfallen davon

rd. 50.000 Einwohner.

Geprägt ist der Kreis durch seine Bodenschätze.

Im Besonderen die Braunkohle.

Aber auch die chemische Industrie ist stark

vertreten. In Zukunft befindet sich die Region

aber in einem starken Strukturwandel.

Kulturell geprägt ist der Rhein-Erft-Kreis

durch seine Baudenkmäler, das berühmteste

dürfte Schloss Augustusburg in Brühl sein,

durch umfangreiches literarisches Schaffen

oder auch durch die Musik. In Erftstadt ist die

Musikschule nach Bernd Alois Zimmermann

benannt und in Hürth nach Josef

Metternich. Bernd Alois Zimmermann

(eigentlich Bernhard Alois

Zimmermann; * 20. März 1918 in

Bliesheim, heute Erftstadt; † 10. August

1970 in Königsdorf, heute Frechen,

bei Köln) war einer der herausragenden

deutschen Komponisten

der musikalischen Avantgarde,

der in der Auseinandersetzung mit

der Neuen Musik zu einem eigenen

Stil fand. Josef Metternich (* 2. Juni

1915 in Hermülheim; † 21. Februar

2005 in Feldafing) war ein deutscher

Opernsänger, Musik- und Gesangspädagoge.

In den 35 Jahren

seiner Karriere trat Metternich an allen berühmten

Opernhäusern der Welt und bei

zahlreichen Festspielen auf. Eine nur untergeordnete

Rolle in der kulturellen Wahrnehmung

der Politik, gemessen an vielen anderen

deutschen Regionen, spielten dagegen

die vielen Musiker aus Blaskapellen, Spielmann-

und Fanfarenzügen oder Flötenorchestern.

Dabei hatten und haben diese Vereine durchaus

eine herausragende Stellung für das örtliche

Leben. Im Karneval oder bei Schützenfesten

ist ihre Marschmusik immer noch Garant

für Stimmung, Gleichschritt und Ordnung.

Waren es 1993 noch rd. 60 Spielmanns-

und Fanfarenzüge mit rd. 6.000 Mitgliedern

nach einer Zählung des damaligen


Kreisverbandes und meiner eigenen Recherche,

so hat sich allein diese Musikrichtung

nach meiner Schätzung nahezu halbiert. Die

Karnevals- und Schützenvereine müssen ihre

Musik teuer in anderen Regionen oder im benachbarten

Ausland einkaufen. In vielen anderen

Regionen in Deutschland ist die Wertschätzung

für diese Musik, sei es auf Straße

oder Bühne, deutlich höher. Auch der touristische

Faktor wurde vom Rhein-Erft-Kreis

und seiner Kommunen nicht begriffen. Es

gibt etliche Wasserburgen im Kreis aber kein

einziger historischer Fanfarenzug bereichert

dort die vielen Feste durch seine Signalgebung.

Zum Beispiel Bayern ist hier viel besser.

Durch die Hochschule für Musik und Tanz in

Köln sind auch die Musikschulen eher der

klassischen Musik zugewandt. Kooperationen

mit örtlichen Musikgruppen sind äußerst

selten. Zum Beispiel in Baden-Württemberg

ist dies oft die Regel. Hier verschlafen öffentliche

und private Musikschulen eine Win-

Win-Situation.

Aber auch die Musikvereine und -verbände

verschlafen so manche Chance auf Förderung.

Natürlich gibt es auch auf Kreisebene

zuständige Kulturreferate, die nicht nur

Denkmalschutz oder Archive verwalten. Und

es gibt auch Mittel, die zu verteilen sind. Es

fehlt gerade den Verbänden oft nur an kreativen

Ideen.

Die Abteilung für Kulturelle Angelegenheiten

im Landratsbüro

unterstützt die Kulturarbeit, indem

u.a. Fördermittel gewährt

und beantragt werden. Im

Rhein-Erft-Kreis stehen außerdem

Kulturkalender oder das

KulturNetz online zur Verfügung.

Das Kulturreferat hält

möglichst intensiv zu Kulturvereinigungen

Kontakt und pflegt

einen regen Austausch. Auch

werden Kunsttage veranstaltet.

So durfte „Gut Klang“ in früheren

Jahren häufig in Rahmen

dieser Kunsttage in der Abtei

Brauweiler mit Flötenensembles

musizieren.

Jährlich vergibt der Rhein-Erft-Kreis einen

herausragenden Preis: den Kulturpreis

52

Rhein-Erft. Mit diesem Preis werden nicht

nur besondere Verdienste um das kulturelle

Leben oder hervorragende künstlerische

Leistungen ausgezeichnet, sondern auch die

Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die

Leistungen der regionalen Kultur gelenkt.

Der Kulturpreis Rhein-Erft dokumentiert die

Vielfalt und Lebendigkeit der Kulturszene in

diesem Kreis. Der Preis wird an Einzelpersonen

oder Vereinigungen verliehen, die im

Rhein-Erft-Kreis ansässig sind oder hier wirken.

Ausnahmen sind dann möglich, wenn

die kulturellen Verdienste in enger Beziehung

zum Rhein-Erft-Kreis stehen. Neben der

Auszeichnung freuen sich die Preisträger

auch über ein Preisgeld.

Auch „Gut Klang“ Erftstadt gehörte bereits

zu den Preisträgern. Am 13.Oktober 2008 erhielt

Vorsitzender Rene Begic aus den Händen

von Landrat Stump die Auszeichnung,

die als Ritterschlag für Kulturschaffende im

Kreis gilt. In der Laudatio wurden die Erftstädter

Musiker und vor allem die Nachwuchsarbeit

des Vereins als Leuchtturm für

andere Instrumentalvereinigungen und insbesondere

die Blasmusiker gilt.

Besonderen Anteil an dieser Auszeichnung

hatte das damalige Kreistagsmitglied Heinz

Küpper. Küpper hatte bereits als Erftstädter

Kulturdezernent und Erster Beigeordneter

Beim Kulturpreis im Keramium Frechen (2008)

sich als Unterstützer von „Gut Klang“ hervorgetan.

Insbesondere half er durch sein gutes

Netzwerk, dass es für „Gut Klang“ möglich


war überregionale Wettbewerbe zu besuchen,

denn die Kosten waren und sind sehr

hoch.

Hilfreich war sicherlich auch die gute Beziehung

des langjährigen „Gut Klang“-

Trommlers Peter Ruckes zu Heinz Küpper.

Küpper war Peters Lehrer in Erftstadt-Lechenich.

Heinz Küpper ist aufgrund seiner langjährigen

Verdienste Ehrenmitglied von „Gut

Klang“ Erftstadt e.V.

Verbände sind erstmal bürokratisch

Die Verbandslandschaft der Instrumentalmusik

ist vielfältig und nicht ganz unkompliziert.

Nimmt man noch die Welt der Organisationen

für Kulturschaffende, die auch die

Amateur- und Laienmusik unterstützt, so ist

Vertreter von „Gut Klang“ bei einer Verbandstagung

(2006): Geschäftsführer Rainer Beuth (rechts) und

Rene Begic (Mitte) und der Präsident des LandesMusikVerbands

NRW Peter Mork (links)

sie nahezu undurchschaubar. Dabei ist sie

eine überlebenswichtige Finanzierungs- und

Unterstützungsquelle.

Die Erfahrung zeigt, dass der Nutzen eines

Verbandes umso größer ist, je professioneller

er arbeitet und je gefestigter und moderner

er in seinen Strukturen und seiner Führung

ist. Unprofessionalität in der Verbandsarbeit

führt oft zu einem völlig überhöhten

Bürokratieverständnis und zäher Abstimmprozesse.

Gerade hinsichtlich der Bearbeitung

von Fördermittel. Da Laienverbände

selbst wiederum von übergeordneten

53

Instanzen geprüft werden, hinsichtlich der

korrekten Mittelverwendung, ist oft Unsicherheit

bei handelnden Personen und fehlendes

Fingerspitzengefühl zu spüren. Statt

auf tatsächliche Umsetzung von Projekten zu

achten, werden stattdessen oft formelle Kriterien

in den Vordergrund geschoben.

Die beiden derzeit wichtigsten Organisationen

für „Gut Klang“ sind die Bundesvereinigung

Deutscher Musikverbände e.V. und auf

Landesebene der LandesMusikVerband NRW

1960 e.V.

Der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände

e.V. (BDMV) gehören über 1,3 Millionen

Mitglieder an. Vorwiegend ehrenamtlich

geführte Orchester sind in Deutschlands

größtem Musikverband organisiert.

Der Dachverband von mehr als 18.000 Ensembles

in ca. 11.000 Mitgliedsvereinen, organisiert

in 22 Mitgliedsverbänden auf Landesebene,

kümmert sich um die Interessenvertretung

gegenüber Politik und Medien,

um Beratung und Servicebetreuung seiner

Mitglieder sowie um die musikalisch-fachliche

Grundlagenarbeit. Eine der zentralen

Aufgaben der BDMV ist die politische und

verbandspolitische Interessenvertretung ihrer

Mitglieder. Zu diesem Zweck führt die

BDMV zahlreiche Gespräche mit Politikern

auf Bundes- und Landesebene, veranstaltet

Pressekonferenzen und parlamentarische

Abende und pflegt ein umfangreiches Kontaktnetzwerk

zu Politikern, die sich der Musik

im Allgemeinen und der BDMV im Besonderen

verbunden fühlen. Was den zweiten großen

Aufgabenblock des Verbandes betrifft,

sind die zahlreiche Serviceleistungen, die die

BDMV ihren Mitgliedsverbänden zur Verfügung

stellt. Eine direkte Projektförderung

über den BDMV ist nicht möglich.

Die BDMV ist der austragende Verband des

Deutschen Musikfest und der Deutschen

Meisterschaften. Die Deutsche Meisterschaft

für Flötenorchester und Spielleute im


Rahmen des Deutschen Musikfests ist der anspruchsvollste

bundesweite Musikwettbewerb

dieser Sparte. Die antretenden Ensembles

unterschiedlicher Kategorien werden

von einer renommierten internationalen

Fachjury beurteilt. Durch kritische Beurteilung

soll so auch das Leistungsniveau der teilnehmenden

Orchester verbessert werden.

Um an der Deutschen Meisterschaft teilzunehmen,

müssen sich die Vereine zuvor qualifizieren.

„Gut Klang“ hat die Deutsche Meisterschaft

mehrfach errungen.

Die Deutsche Meisterschaft ist im Rahmen

von „Musik grenzt keinen aus“ ein wichtiges

Lernziel und gerade für die teilnehmenden

jungen Leute eine herausragende Motivation.

Meisterschaften bringen monetär wenig.

Im Gegenteil, sie kosten den teilnehmenden

Verein sehr viel Geld. Ein dortiger Sieg

beschert allen die Chance herausragende Erfolgserlebnisse

in einer Gemeinschaft zu haben,

die im Alltag nicht jedem vergönnt ist.

Eine Niederlage kann dagegen auch zu einem

finanziellen Desaster und zu einer Vereinskrise

führen. Über ein Vermarktungskonzept,

wie der Meistertitel sich für die Champions

rechnet, verfügt die BDMV nicht. Es

gibt auch keine Preisgelder.

Der LandesMusikVerband NRW 1960 e.V. hat

seinen Sitz in Essen und ist ein Fachverband

der instrumentalen Laienmusik für Spielmanns-,

Fanfaren- und Blasmusik, der neben

seinem vielfältigen Jugendbildungsangebot

seinen Schwerpunkt in der musikalischen

Aus- und Fortbildung der überwiegend jugendlichen

Musikerinnen und Musiker hat.

Im Jugendbereich liegen die Schwerpunkte in

der außerschulischen Bildungsarbeit sowie

die Aus- und Fortbildung von ehrenamtlichen

Mitarbeitern in der Jugendbetreuung. Bei

der Durchführung von Ferienmaßnahmen

und internationalen Jugendbegegnungen unterstützt

der Landesverband seine Vereine

und Bezirke finanziell aus Mitteln des Landesjugendplanes.

Im musikalischen Bereich werden für die

Sparten Spielmanns-, Fanfaren- (Naturton)

und Blasmusik Lehrgänge und lehrgangsbegleitende

Seminare dezentral durchgeführt.

54

Der Landesverband wird aus dem Landesjugendplan

und vom Landesmusikrat NRW mit

öffentlichen Zuwendungen gefördert, er ist

• Träger der freien Jugendhilfe nach § 75

SGB VIII

• Ein förderungswürdiger Jugendverband

nach LJP – Abschnitt C –

• Gemeinnützig tätig in der Jugendpflege

und der Förderung der Musik

• Kulturträger der Spielleute, und er pflegt

das Brauchtum im Spielleutewesen.

Durch diese Förderung hat der Verband die

Möglichkeit, die Jugendarbeit im fachlichen

und überfachlichen Bereich auf Landes- und

Vereinsebene finanziell zu unterstützen.

Das Land Nordrhein-Westfalen fördert die

Laienmusik aus Erträgen der Oddset-Wette.

Einen Teil der für diese Förderung vorgesehenen

Mittel erhält der LandesMusikVerband

NRW. Die Mittel sind ausschließlich für Bildungszwecke

einzusetzen. Ein Teil dieser

Mittel können an verbandsangehörige Orchester

weitergegeben werden, sofern diese

Maßnahmen im Bildungsbereich durchführen.

Leiterin Finanz- und Rechtsausschuss

Waltraud Schöner


„Gut Klang“ hat im spürbaren Maße von

Oddset-Mitteln und von der Jugendförderung

profitiert. Im LandesMusikVerband

NRW haben in der Vergangenheit immer wieder

„Gut Klang“-Mitglieder sich engagiert.

Darunter über viele Jahre Klaus Nau, früherer

Vorsitzender von „Gut Klang“ in seiner Eigenschaft

als langjähriger Präsident des Landesverbandes,

Gründer unseres Vereins Horst

Moitzheim in diversen Verbandsämtern und

auch ich, Rolf Motz, in Kreis-, Bezirks- und in

der Ausschussarbeit des LandesMusikVerband.

Deutscher Orchesterwettbewerb in Osnabrück 2004

Schwesterverband des LandesMusikVerbandes

NRW ist der Volksmusikerbund NRW

(VMB NRW). Das ist ein weiterer Landesmusikverband

für Blasorchester, Spielmannzüge

und Fanfarenzüge in Nordrhein-Westfalen.

Der Volksmusikerbund ist deutlich größer als

der LandesMusikVerband arbeitet aber eher

„Bottom Up“ und hat seine Stärker in den regionalen

Kreisverbänden, die auch die Fördermittel

vergeben. Die Regionalstruktur hat

der LandesMusikVerband NRW aufgegeben,

was aus meiner Sicht eine nicht so gute Zukunftsprognose

für die Stärke des Verbandes

ergibt. „Gut Klang“ hat eine Beschlusslage

der Mitgliederversammlung sich dem Volksmusikerbund

anschließen zu dürfen. Der Beschluss

ist bisher nicht umgesetzt.

Von der Vielzahl der Verbände, die nicht direkt

fachlichen Charakter haben, sondern der

kulturellen Jugendarbeit vertreten, ist auf

Bundesebene die Bundesvereinigung Kulturelle

Kinder- und Jugendbildung (BKJ) e. V. zu

nennen. Im Kapitel „Projekte“ wurde schon

55

ein Teil der Arbeit dieser so wichtigen Organisation

beschrieben.

Über 50 bundesweite Fachorganisationen

und Landesverbände haben sich in der BKJ

zusammengeschlossen. Mit ihren Angeboten

Kultureller Bildung in den Bereichen Bildende

Kunst, Digitale Medien, Film, Fotografie, Literatur,

Musik, Rhythmik, Spiel, Tanz, Theater

und Zirkus setzen sie sich ein für Diversität,

Inklusion, freiwilliges Engagement, internationalen

Austausch und gelingende Bildungslandschaften.

Die Mitgliedsorganisationen

repräsentieren die unterschiedlichen Künste,

Kultursparten und kulturpädagogischen

Handlungsfelder. Sie sind

Träger von kommunalen, landesund

bundesweiten, teils auch internationalen

Einrichtungen, Projekten,

Weiterbildungsangeboten und

Wettbewerben. Im Netzwerk BKJ

tauschen sie sich miteinander aus,

bündeln ihre Interessen, optimieren

ihre Angebote und entwickeln

ihre Strukturen weiter.

Die BKJ berät auch „Gut Klang“ in

fachlichen und konzeptionellen Fragen

sowie zu Förderprogrammen.

Für einzelne Programme können wir Mittel

beantragen, zum Beispiel für internationalen

Begegnungen im Bereich der Kulturellen Bildung

oder für Bildungsbündnisse auf lokaler

Ebene.

Als anerkannter Fachpartner des Bundesministeriums

für Familie, Senioren, Frauen und

Jugend (BMFSFJ) wird die BKJ aus dem Kinder-

und Jugendplan des Bundes gefördert.

Einige Sätze möchte ich noch zum Deutschen

Musikrat spendieren. Der Deutsche

Musikrat ist Veranstalter des DEUTSCHEN

ORCHESTERWETTBEWERBS (DOW), der sich

an Laienorchester aus den Bereichen der sinfonischen

Musik, der Zupf-, Blas-, Akkordeonmusik

und des Jazz richtet. Viele hundert

Instrumentalensembles aller Besetzungen

und Stilrichtungen nutzen alle vier Jahre die

Möglichkeit zum Leistungsvergleich und Erfahrungsaustausch.

Der Stellenwert ist vergleichbar

mit „Jugend musiziert“. Der Deutsche

Musikrat versteht sich mit den Mitgliedsverbänden

und den Landesmusikräten


als Ratgeber und Kompetenzzentrum für Politik

und Zivilgesellschaft. Er möchte mit seiner

Arbeit das Bewusstsein für den Wert der

Kreativität stärken, in seiner Offenheit gegenüber

allen musikalischen Ausdrucksformen

Impulse für das Musikleben setzen,

junge Menschen in ihrem Zugang zur Welt

der Musik in ausgewählten Bereichen von

bundesweiter Bedeutung fördern und Brücken

der Verständigung schlagen. Dabei ist

die Musikalische Bildung als zentraler Bestandteil

einer humanen Gesellschaft das

Fundament der musikpolitischen Arbeit des

Deutschen Musikrates.

Ich selbst stufe den Deutschen Orchesterwettbewerb

kulturpolitisch deutlich höher

ein als die Deutsche Meisterschaft. Auch im

Vermarktungskonzept und hinsichtlich der

Förderung von Preisträgern ist der DOW ein

stärkerer Partner für die Wettbewerbsteilnehmer.

Die Zugangsvoraussetzungen sind

aber auch höher. Und so würde sich „Gut

Klang“ in seiner Kategorie nur mit ganz wenigen

Orchestern messen. 2008 war „Gut

Klang“ Preisträger und Kategorie-Sieger beim

DOW in Wuppertal.

Sponsoren sind erstmal schwierig

zu finden

Viele werden die Situation kennen: Für ein

Projekt wurden öffentliche Fördermittel beantragt,

aber am Ende fehlt halt doch noch

etwas Geld. In der Regel dauert es nicht

Flötisten von „Gut Klang“ bei der Ehrung des Sparda-MusikNetzWerkes in der

Sparte Nachwuchs (2013) in Düsseldorf

lange, bis der Vorschlag auftaucht, doch noch

Sponsoren zu suchen.

Bevor man sich dazu entschließt, sollte man

sich aber auch bewusst machen, warum Unternehmen

Sponsoring überhaupt in Betracht

ziehen. Worum geht es dem Unternehmen?

Und warum Sponsoring und nicht

Werbung?

Unter Sponsoring versteht man die Förderung

von Einzelpersonen, einer Personengruppe,

Organisationen oder Veranstaltungen

durch eine Einzelperson, eine

56

Organisation oder ein kommerziell orientiertes

Unternehmen in Form von Geld-, Sachund

Dienstleistungen mit der Erwartung,

eine die eigenen Kommunikations- und Marketingziele

unterstützende Gegenleistung zu

erhalten. Dabei spielen „Analyse, Planung,

Umsetzung und Kontrolle“ dieser Maßnahmen

und eine vertragliche

Beziehung zwischen Sponsor

und Gesponserten, in der

Leistung und Gegenleistung

definiert sind, eine wichtige

Rolle.

Sponsoring wird von Unternehmen

(dem Sponsor) zum

Zweck der Kommunikationspolitik

des Marketings betrieben.

Ziel ist, auf das eigene

Unternehmen, vornehmlich

im Zusammenhang mit einem

medienwirksamen Ereignis,

aufmerksam zu machen.

Sponsoring ist Teil der Öffentlichkeitsarbeit

oder des Marketings von Unternehmen,

mit dem Ziel der Absatzförderung

für Produkte und Dienstleistungen, für

die dem Produktnutzen ein „Erlebnisnutzen“

hinzugefügt werden soll.

„Gut Klang“ war im Generieren von Sponsoren

traditionell recht schwach. Oder, weil

„Gut Klang“ im Generieren von Fördermittel

sehr stark ist und war, auch nicht genügend

unter Leidensdruck. Zwar gab es hier und da

Mittel von Sparkasse oder Volksbank, die waren

aber eher aus deren Werbeetat oder aus


Stiftungen. Die bekannteste ist die Kulturstiftung

der Kreissparkasse Köln.

Im Gegensatz zum Sportsponsoring, das weit

verbreitet ist, hat Sponsoring in der Breitenkultur

nicht die herausragende Bedeutung.

Und es gibt ja nicht nur den finanziellen Vorteil,

sondern auch mögliche Nachteile:

• Verlust der Identität bzw. des Images

beim Gesponserten durch Namenssponsoring

• Der Sponsor kann Einflussnahme auf die

operative Tätigkeit von „Gut Klang“ nehmen.

• Sponsoring bietet die Möglichkeit, Werbeverbote

zu umgehen (wie z. B. Werbeverbote

in Schulen).

• Fehlende Transparenz bei der Verwendung

von Kunden-, Teilnehmer- und

Mitarbeiterdaten kann zu Datenschutzproblemen

führen.

• Unkalkulierbare Risiken für den Sponsor

aufgrund schwacher Leistungen des gesponserten

Vereins

• Gefahr von negativen Reaktionen bei

Nicht-Fans von gesponserten Vereinen

Da wäre „Gut Klang“ sicherlich ein passender

Partner für Fachhandel für Querflöten und

Schlagzeug sowie Fachverlage für Werke im

Bereich der Flötenorchester. Hier könnte

schnell eine Win-Win-Situation entstehen,

da „Gut Klang“ ein nachhaltiges Erfolgskonzept

vorweisen kann. Aber scheinbar ist der

Leidensdruck auf allen Seiten nicht groß genug

hier Fakten zu schaffen.

Werbegelder sind erstmal nicht

nachhaltig

Mit dem Sponsoring verwandt ist die Werbung.

Was Werbung ist, zeigt der klassische

TV-Spot sehr deutlich: Ein Unternehmen bezahlt

einen Fernsehsender dafür, dass dieser

den vom Unternehmen produzierten Werbeclip

ausstrahlt. Dass diese Form der werbenden

Kommunikation normal ist, belegt die

Zahl der Werbeausgaben in Deutschland, die

laut des Werbe-Zentralverbands ZAW im

Jahre 2005 knapp 30 Milliarden Euro beträgt.

Das Ziel der Werbung ist es, durch interessante

Kampagnen dem potentiellen Kunden

das angebotene Produkt attraktiver zu machen

und ihn so zum Kauf anzuregen.

Machen wir mal einen Perspektivwechsel:

„Gut Klang“ will nicht Werbeerlöse von Firmen

erzielen, sondern selbst für sich werben.

Zum Beispiel für den Absatz von

Konzertkarten betreffend ein eigenes Konzert.

Was erwarten wir:

• Höhere Umsatzerlöse durch Kartenverkäufe

• Geringe Kosten für das Schalten von Werbeanzeigen

• Möglichst große Reichweite

Genauso denkt natürlich ein werbetreibendes

Unternehmen, wenn „Gut Klang“ Werbepartner

sein will. Unter dem Strich ein höherer

Erlös als die eingesetzten Kosten. Das

nennt man Gewinn.

Was kann „Gut Klang“ bieten? Um attraktiv

für ein Unternehmen zu sein sind wichtig:

• Qualität der Musik

57


• Performance, also die Strahlkraft der Gesamtleistung

• Image

• Zuverlässigkeit

• Nachhaltigkeit

Kein kleines und kein großes Unternehmen

wird sich für einen Verein interessieren,

wenn dieser nicht eine gewisse Qualität mitbringt,

bei einem Musikverein natürlich die

Musikdarbietung. Gleiches gilt für die Strahlkraft

eines Auftrittes, zu neudeutsch: wie

performt die Gruppe, also wie setzt sie sich

beim Konzert oder Wettbewerb in Szene. Gewinnt

die Musikgruppe gar Wettbewerbe.

„Gut Klang“ hat bei den Deutschen Meisterschaften

seit 2010 maximal performt, denn

alle wurden gewonnen. Natürlich hilft die

beste musikalische Leistung nichts, wenn das

Image, also das Stimmungsbild eines Vereins,

nicht das Beste ist. Soziales Engagement

kann ein Image positiv beeinflussen. „Musik

grenzt keinen aus“ ist imagefördernd. Alkoholisierte

Musiker oder reaktionäres Verhalten

sind dagegen schlecht für das Image.

Wenn ein Unternehmen mit einem Verein

werben möchte, ist Zuverlässigkeit ein hohes

Gut. Die beste Musikgruppe ist nur dann ein

gutes Produkt, wenn Leistungen zuverlässig

und pünktlich abgerufen werden. Wenn „Gut

Klang“ damit wirbt ein symphonisches Flötenorchester

zu sein, dann reicht es nicht

eine kleine Besetzung zu präsentieren, wenn

das Unternehmen ein großes Orchester als

Werbeträger wünscht.

Letztlich ist Nachhaltigkeit von großer Bedeutung.

Nachhaltigkeit kann dazu führen,

dass nicht nur Unternehmen kurzfristig mit

einem Musikverein werben möchte, sondern

ggf. ein Sponsoringvertrag interessant sein

könnte. Die Nachhaltigkeit in der Amateurmusik

ist nicht einfach zu bewerkstelligen.

„Gut Klang“ ist mehr als zehn Jahre Marktführer

im Bereich der Flötenorchester. Das

spricht für Nachhaltigkeit. Es ist aber mit einem

ungeheuer großen ehrenamtlichen Aufwand

verbunden. Und je größer der Anteil

der Ehrenamtlichkeit, desto stärker ist ein Risiko

da, dass schon morgen die grandiose Erfolgsspur

ein Ende haben könnte. Je höher

der Anteil der Professionalität und je solider

die Finanzkraft eines Vereins, desto wahrscheinlicher

ist die Nachhaltigkeit in Qualität

und Zuverlässigkeit der Leistung.

Förderpreis für „Gut Klang“ vom Kölner-Stadt-Anzeiger und Kreissparkasse Köln „Wir für die Region“ (2015)

58


Mitglieder sind erstmal sparsam

Im Zusammenhang mit dem Thema „Gemeinnützigkeit“

habe ich bereits über Mitgliedsbeiträge

geschrieben. Zu hohe Mitgliedsbeiträge

können den Grundsatz verletzen,

dass die Allgemeinheit gefördert werden

muss. Hohe Mitgliedsbeiträge grenzen Menschen

aus, die wirtschaftlich schwach sind.

Und so hat „Gut Klang“ diese Diskussion

schon oft geführt. Können wir den Mitgliedern

Beiträge zumuten? Schließlich erhalten

sie eine hervorragende Dienstleistung: eine

musikalische Ausbildung auf ein für Flötenorchester

allerhöchstem Niveau.

Wer Mitgliedsbeiträge erhebt, darf sich

gleich die Frage stellen, ob ein Förderverein

Sinn macht. Natürlich sind Mitgliedsbeiträge

nicht unfair. Aber es gibt Menschen, die können

es sich einfach nicht leisten und wenn

der Obolus auch noch so klein ist.

Für mich sind Mitgliedsbeiträge in einem Musikverein,

wo der Musiker unentgeltlich musiziert,

ein Tabu und widersprechen „Musik

grenzt keinen aus“. Die meisten Musikgruppen

bezahlen ihre Musiker für die erbrachten

Leistungen zu verschiedensten Anlässen. Das

hat „Gut Klang“ bis heute nie praktiziert.

Aber bei „Gut Klang“ musste auch nie ein

Kind, das sich in der Instrumentalausbildung

befindet oder ein Erwachsener, der im großen

Orchester spielt dafür etwas zahlen. Es

Spenden sind erstmal

unkalkulierbar – kann ein

Förderverein helfen?

Will man etwas Gutes tun, so denkt der Spender

oft an die steuerliche Absetzbarkeit.

Spenden sind steuerlich absetzbar, wenn sie

freiwillig und ohne Gegenleistung für steuerbegünstigte

Zwecke an steuerbegünstigte

Organisationen geleistet und mit einer Zuwendungsbestätigung

nachgewiesen werden.

Zuwendungen direkt an bedürftige Personen

sind keine steuerlich abzugsfähigen

Spenden.

Spenden haben den Nachteil, dass man nicht

nachhaltig mit ihnen rechnen kann. Zwar ist

es denkbar und auch durchaus erlaubt, dass

59

gibt genügend Finanzierungsquellen. Manchmal

machen es sich Vereinsvorstände sehr

einfach, statt fleißig nach Zuschüssen zu suchen

und zu beantragen, werden die Mitglieder

zur Kasse gebeten.

Mitgliedsbeiträge sind für mich keine Finanzierungsquelle,

es sei denn, sie werden für

Besserverdienende erhoben bzw. für passive

oder fördernde Mitglieder. Diesem Mitgliederkreis

liegt die Nachhaltigkeit des Vereins

am Herzen und so sind sie bereit dafür etwas

zu bezahlen. Die clevere Alternative wäre

aber die Spende, denn die ist steuerlich absetzbar.

Im Gegensatz zur Spende sind nämlich

Mitgliedsbeiträge an Vereine mit freizeitfördernden

gemeinnützigen Zwecken steuerlich

nicht absetzbar.

Gehört seit 1994 dem Gut Klang-Vorstand an:

Schatzmeister Frank Fuß

eine Honorarkraft das ihr zustehende Entgelt

an den Verein zurückspenden kann und dafür

eine Zuwendungsbestätigung erhält. Auch

werden von Nachwuchsausbildern oft die

entstandenen Fahrkosten zurückgespendet.

Damit fest zu rechnen, wäre allerdings fahrlässig.

Es gibt natürlich Gönner, die monatlich eine

bestimmte Summe an „ihren“ Verein überweisen.

„Gut Klang“ darf sich glücklich schätzen,

davon deutlich mehr dieser Menschen

zu haben, als vielleicht andere Vereine. Nicht

zuletzt deshalb hat und hatte der Verein über

Jahre hinweg eine solide finanzielle Basis. Es

als Selbstverständlichkeit hinzunehmen,

wäre sehr kurzsichtig gedacht.


Hilft ein Förderverein nachhaltig Spenden zu

generieren?

Ein Förderverein ist in der Regel ein Verein,

dessen Hauptzweck in der Verbindung von finanziell

starken Geldgebern und einer unterfinanzierten

gemeinnützigen Einrichtung besteht.

Fördervereine sind eine Form des bürgerschaftlichen

Engagements in der Zivilgesellschaft.

Von einem klassischen Verein unterscheidet

sich ein Förderverein darin, dass der Vereinszweck

nicht die unmittelbare „Freude am

Tun“, also zum Beispiel vereinseigene Veranstaltungen

oder gemeinsames Musizieren

der Mitglieder in den Vordergrund stellt, sondern

im Akquirieren von Spenden (Fundraising)

und der Beziehungspflege und Werbung

für die Tätigkeit anderer besteht. Zu

diesem Zweck richten aber auch Fördervereine

gesellige oder kulturelle Benefizveranstaltungen,

Ausflüge und andere typische

Vereinsveranstaltungen aus.

Oftmals findet man Fördervereine, die sich

als Netzwerk zwischen einer Gruppe von Aktiven

und potentiellen Sponsoren aus der

Wirtschaft verstehen.

Macht es Sinn einen Förderverein zu gründen,

wenn der vom Förderverein begünstigte

Verein selbst gemeinnützig ist? Natürlich,

denn besagter gemeinnütziger Verein hat ein

operatives Geschäft, das ihn sehr fordert und

das viel Energie kostet. Ein Förderverein kann

sich ausschließlich und professionell auf das

Fundraising konzentrieren. Und es lassen

sich womöglich leichter engagierte Menschen

für die Mittelakquisition bzw. Mittelbeschaffung

finden, als für das regelmäßige

operative Geschäft.

Fundraising – Modernes Spenden

Als Verein oder gemeinnützige Organisation

ist man immer auf der Suche nach Möglichkeiten,

Gelder zu beschaffen und Spenden

aufzutreiben. Damit eine gemeinnützige Organisation

arbeiten kann ist sie nämlich auch

– wie so vieles in unserem Leben – von finanziellen

Mitteln und kostenlosen Leistungen

abhängig.

Egal ob bar oder online: ohne Moos nix los

Mittlerweile gibt es auch zahlreiche Online-

Portale, die genau diese Möglichkeiten anbieten:

Spenden sammeln auf dem modernsten

und schnellsten weg überhaupt – über

das Internet.

Deshalb möchte ich euch etwas über

„Fundraising für Vereine“ verraten und euch

einige der besten Online-Spendenportale

vorstellen.

Was ist Fundraising?

Das Wort Fundraising klingt relativ neumodisch,

hat aber in der deutschen Sprache

schon festen Bestand. Es setzt sich aus den

Worten „fund“ (was so viel bedeutet wie „Kapital“)

und „to raise“ (in etwa „beschaffen“)

zusammen und steht für kostenfreie „Mittelbeschaffung“.

Fundraising findet seinen Ursprung bei gemeinnützigen

Organisationen, die – wie wir

als Vereinsverstände wissen – stets darum

bemüht sind, kostenfrei bzw. ohne Gegenleistung

Ressourcen zu beziehen, die sie für

satzungsgebundene Zwecke einsetzen können.

Warum nicht einfach

„Spendenbeschaffung“?

Beim Fundraising geht es um mehr als das

bloße Beschaffen von Spendengeldern. Der

Begriff „Fundraising“ umfasst neben der Beschaffung

von Kapital in Form von Geldern

auch andere Ressourcen: z.B. Dienstleistungen

oder Sachleistungen. Denn solche kostengünstig

oder kostenlos zu erhalten, ist für

gemeinnützige Organisationen bzw. Vereine

genauso wichtig. Am ehesten könnte man

60


dies mit „Überlassung geldwerter Vorteile“

beschreiben.

Regionales Sponsoring oder Online-

Fundraising?

Regionale Unternehmen und Betriebe als

Sponsoren heranzuziehen ist gewissermaßen

eine Facette des Fundraisings. Dies ist auch

eher die „klassische“ Variante und vor allem

aus dem Bereich der Sportvereine bekannt.

Je nach Ausrichtung des sozialen Projektes,

das ein Verein verfolgt, bietet sich neben

dem regionalen Sponsoring auch die Möglichkeit

des Online-Fundraising an.

Es gibt mittlerweile zahlreiche Online-Portale,

die gemeinnützige Organisationen bei

der Mittelbeschaffung unterstützen und

ihnen somit einen wirklich breiten Marketingkanal

zur Verfügung stellen, der – richtig

genutzt – eine Masse an Menschen erreichen

kann. Die Reichweite, die auch durch das Teilen

auf sozialen Medien erreicht werden

kann, ist nicht zu unterschätzen. Der entscheidende

Vorteil gegenüber den lokal gebundenen

Spendensammlungen, ist die Ortsund

Zeitunabhängigkeit:

Online spenden – das kann jeder Mensch an

jedem Ort zu jeder Zeit. Darin liegt ein wahnsinnig

großes Potenzial.

Online-Fundraising Plattformen: Die

besten Spendenportale

Natürlich hab‘ ich auch ein bisschen recherchiert

und möchte hier einen kleinen Überblick

über einige Spendenportale im Netz geben.

Es gibt noch zahlreiche mehr, die ich

vielleicht noch nicht auf dem Schirm habe.

Wer noch mehr Portale kennt, kann diese

gerne auf der Gut-Klang-Facebookseite posten.

Dann kann hier eine große Sammlung

entstehen, die vielen gemeinnützigen Organisationen

dient.

Auf den folgenden Spendenplattformen können

gemeinnützige Organisationen ihr Anliegen

und ihr Projekt vorstellen. Dabei gilt: Je

genauer, desto besser! Schließlich gilt es, potenzielle

Spender von dem jeweiligen Projekt

zu überzeugen. Meistens hilft es, auf eine

emotionale (aber nicht zu bettelnde)

61

Darstellung der Inhalte zu setzen. Und immer

schön positiv formulieren.

betterplace.org ist selbst gemeinnützige Organisation

und möchte einen Ort schaffen,

an dem aus vielen guten Taten etwas Großes

entsteht. Natürlich ist die Nutzung des Portals

kostenlos! Dort können sowohl Spender

als auch Organisationen ihre Projekte anmelden.

Möglich sind Geld- und Zeitspenden.

Transparenz steht auf dieser Plattform im

Vordergrund. Daumen hoch!

Auf HelpDirect.org werden bereits seit 1999

gemeinnützige Organisationen auf dem Weg

zur Spendengenerierung im Internet begleitet.

Die Nutzung ist für gemeinnützige Organisationen

kostenlos. Auf dieser Plattform

werden die Projekte nach einem plattformeigenen

System für größtmögliche Transparenz

bewertet. Außerdem bietet helpdirect.org

Hilfe bei der Integration von Spendenformularen

für die Vereinswebsite.

Es geht auch anders: Charity-

Shopping als Fundraising-Möglichkeit

nutzen!

Im Netz gibt es nicht nur die klassischen

Spendenportale, auf denen man sich aktiv

zur Spende entscheidet und eine Sachleistung

oder einen Geldbetrag zur Verfügung

stellt. Es geht auch anders: Mit Charity-Shopping.

Was ist das denn jetzt schon wieder?

Ganz einfach.

Es gibt Portale, die es ermöglichen, dass ein

Teil der Erlöse von Online-Verkäufen gespendet

wird (z.B. Amazon Smile). Nutzer können

beim Kauf von Produkten einen Verein oder

eine Organisation aussuchen, dem der Erlös

zu Gute kommen soll. Sich bei solchen Portalen

anzumelden, ist für Vereine sehr sinnvoll.

Da heutzutage sowieso fast jeder alles Mögliche

online bestellt, kann man daraus doch

wenigstens noch einen Vorteil ziehen, oder?

Selbst dann, wenn „nur“ die Vereinsmitglieder

selbst inklusive ihrer Freunde und Bekannte

mitmachen, kann schon einiges an

Geld zusammenkommen. Kleinvieh macht

schließlich auch Mist!

„Gut Klang“ nutzt die Möglichkeiten des Charity-Shoppings.


Weihnachtskonzert 2011 mit Dirigent Christoph Ahlemeyer

Drei Schwestern: Sandra (oben),

Nicole (Mitte) und Petra (unten)

62


7 Führung im Laufe der Zeit

Wenn man die Veränderung des Führungsstils

in den letzten fünf Jahrzehnten betrachtet,

so lassen sich daraus Gründe ableiten,

warum sich manche Vereine weiterentwickelt

haben und andere stagnierten oder sogar

aufgeben musste.

Konstruktive und destruktive

Führungsstile

Vereinsvorstände, die einen konstruktiven

Führungsstil pflegen, fühlen sich selbst wohler

als jene, die zu einem destruktiven Führungsstil

neigen.

Von links nach rechts: Stv. Vorsitzender Rolf Motz,

Vorsitzender Rene Begic und Frank Fuß mit dem jungen

Musiker Jost (2015)

Demnach gibt es drei Arten konstruktiver

Führungsstile. Eine Führungskraft kann beziehungs-,

veränderungs- oder aufgabenorientiert

führen. Wer beziehungsorientiert

führt, schafft eine positive Beziehung, in der

die Bedürfnisse der Mitglieder im Fokus stehen.

Veränderungsorientiert geht vor, wer

seine Mitglieder aus eigenem Antrieb heraus

motiviert, über sich selbst hinauszuwachsen

und Veränderungen offen gegenüberzustehen.

Aufgabenorientiertes Vorgehen arbeitet

mit klaren Vorgaben und dem Überwachen

der Zielerreichung.

Destruktive ("zerstörerische") Führung untergräbt

nicht nur die Vereinsziele, sondern

raubt den Mitgliedern die Motivation zur

Mitwirkung und Eigeninitiative.

Es gibt einen Führungsgrundsatz: „Wer sich

selbst nicht im Griff hat, kann auch andere

nicht führen.“ Das gilt für Führungskräfte im

63

Verein ebenso wie für die Mitglieder untereinander.

Die folgende Liste zeigt eine (willkürliche)

Auswahl von potenziell demotivierenden

Führungsverhaltensweisen. Wer für sich

mehr als achtmal innerlich nickt, weil man

diese Verhaltensweise an sich erkennt, sollte

sich als Vereinsvorstand einem Coaching unterziehen.

Wertschätzungsdefizite / Anerkennungsgeiz

deutlich seltener loben als kritisieren

aktives Suchen von Fehlern (Aufmerksamkeitsfokus

auf Fehlern)

Ideen anderer als eigene verkaufen

destruktiv kritisieren (persönlich werden,

beleidigen)

vor anderen herunterputzen oder lächerlich

machen

fehlendes Interesse / mangelnde Aufmerksamkeit

Namen nicht kennen

nicht grüßen

Informationen ungleich verteilen

keine Kontakte in / nach Krankheiten

pflegen

einzelnen Mitgliedern deutlich mehr

Zeit widmen als anderen

defizitäres Kommunikationsverhalten

engmaschige Kontrollen durchführen

unerreichbar / unsichtbar sein

Informationen vorenthalten

delegierte Aufträge wieder an sich reißen

mit Misstrauen führen

Undurchschaubarkeit

oft wechselnde Vorgaben / willkürliche

Entscheidungen treffen

Pokerface aufsetzen (mangelnder

emotionaler Ausdruck)

Stimmungsschwankungen an Mitglieder

auslassen


Mitarbeitende ohne klare Vorgaben

allein lassen

rückgratlos sein (Fähnchen im Wind)

Vereinsklima-Vermieser

Lieblinge haben

herumbrüllen, ausrasten, cholerisch

sein

heimlich destruktive Akte tätigen und

lästern

Grüppchenbildung verbieten

Belastungserhöhung / Ressourcenraub

Unterstützung versagen

Entscheidungsspielräume beschneiden

enge Zeitvorgaben machen

Mitgliedern vor anderen in den Rücken

fallen

andere mit dem eigenen Stress anstecken

Natürlich macht sich niemand frei von dieser

Auflistung. Zur Selbstreflektion taugt sie sehr

gut und sie hilft auf der Basis in einem vereinsinternen

Workshop Führung und Miteinander

deutlich zu verbessern.

Die Betrachtung der Führungsstile

in der Zeit von 1970 bis 2020

Führung im Verein ist natürlich ein Spiegelbild

der Gesellschaft und so sollte ein Blick in

fünf Jahrzehnte erlaubt sein:

1970er: Die patriarchalische Führung

– ich liebe euch alle und ich mache

alles

Der patriarchalische Führungsstil ist ein Führungsstil,

der sich auf vermeintlich bewehrte

Führung stützt und wenig verändert. In Vereinen

mit patriarchalischem Führungsstil

herrscht eine strenge Hierarchie. Dennoch

gibt es zwischen Vorstand und Mitgliedern

ein persönliches Verhältnis. Der Vorstand gilt

als autoritäre Person und führt traditionelle

Vereine meist wie ein Familienoberhaupt.

Seine jahrelange Erfahrung und sein angehäuftes

Wissen begründen sein Recht, die alleinige

Verantwortung zu tragen und Entscheidungen

für den Verein zu treffen. Da er

außer Konkurrenz steht, muss er nicht um

seine Position fürchten. Oft war in den 70er

Jahren der Vereinsgründer auch Vereinsvorstand.

Der patriarchalische Führungsstil ist durch

Fürsorge und Treue des Vorsitzenden gegenüber

seinem Verein gekennzeichnet. Er fühlt

sich dem Wohl des Vereins besonders verpflichtet.

Auch wenn er der alleinige Entscheidungsträger

ist, so ist er immer daran

interessiert, seine Vorstandskollegen oder

Mitglieder von seinen Entscheidungen zu

überzeugen, bevor sie zum Tragen kommen.

Das Vorbild für diesen Führungsstil ist die Autorität

des Familienvaters und seine Anerkennung

durch die einzelnen Familienmitglieder.

Inzwischen ist dieser Führungsstil

fast nur noch in kleineren Vereinen anzutreffen.

Ein Verein mit patriarchalischem Führungsstil

sieht seine Mitglieder als Schutzbedürftige.

In den Augen der Führung müssen sie

Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt in den 70ern

dennoch zu immerwährender Disziplin angehalten

werden und benötigen deshalb eine

vorgeschriebene Ordnung. Darin begründen

sich auch die strenge Hierarchie in einem so

geführten Verein und der absolute Gehorsam,

der dort an den Tag gelegt werden

muss. Bei diesem Führungsstil ist kaum Mitspracherecht

der Mitglieder an den Entscheidungen

der Vereinsführung vorgesehen.

In schwierigen Situationen kann ein patriarchalischer

Führungsstil nützlich sein. Besonders

eignet er sich, wenn Mitglieder nicht

über das nötige Wissen verfügen, um sich an

bestimmten Diskussionen beteiligen zu

64


können. Zum Beispiel ist das beim Umgang

mit politischen Stellen der Fall. Wenn hier

Entscheidungen gefällt werden, ist es notwendig,

dass die Vorstandskraft die richtige

Richtung vorgibt. Allerdings muss sie ihre

Entscheidung auch erklären können. In der

Corona-Krise war bei vielen Bürgern der

Wunsch nach einem patriarchalischen (bzw.

matriarchalischen) Führungsstil zu beobachten.

Vorteile des patriarchalischen Führungsstils:

• Mitglieder müssen nicht an Entscheidungen

beteiligt werden

• uneingeschränkte Alleinherrschaft

• kein Vorwissen der mitarbeitenden Mitglieder

notwendig

• unbedingte Disziplin

• unbedingter Gehorsam

• strenge Hierarchie

• Vereinsführung nimmt einen großen Teil

der Verantwortung ab

• sehr nützlich in schwierigen Situationen

Nachteile des patriarchalischen Führungsstils

• Häufig leidet das Vereinsklima unter dem

patriarchalischen Führungsstil. Die Mitglieder

übernehmen nicht genug Verantwortung.

• Bevormundung der Mitglieder

• Vereinsführung meist überlastet, da sie

sich für alles allein zuständig fühlt

• Vereinsführung greift zu sehr in die privaten

Abläufe der Mitglieder ein

• Führung wird oft in der Familie weitergegeben

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. oder besser gesagt

der Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt

1970 e.V. war in seinen Anfangsjahren ein

Verein, der patriarchalisch geführt wurde.

Horst Moitzheim und seine Frau Maria, die

Gründer des Vereins, führten „ihr Kind“ den

Spielmannszug wie strenge Eltern mit allen

positiven aber auch negativen Begleiterscheinungen,

die die Pädagogik der damaligen

Zeit so mit sich brachte. Wenn man

heute auf die Vereinslandschaft schaut so

wird man erkennen, dass patriarchalisch geführte

Verein kaum Chance auf Nachhaltigkeit

haben, wenn das Vereinsoberhaupt ausscheidet.

1980er: Die hierarchische Führung –

ich will Chef sein

„Gut Klang“ Oberaußem im Jahr 1986

Die 80er waren beim damaligen Spielmannszug

geprägt von einer Phase des Übergangs

und der Veränderungen. Dennoch zeigt sich

dies kaum im Führungsverhalten, das weiterhin

tradierend war also angelehnt am bisherigen

Wirken von Vorständen. Die Patriarchen

zogen sich zurück, die neue Generation

übernahm das Zepter mit neuen Ideen. Aber

zumeist weiterhin hierarchischem Führungsverständnis.

Der hierarchische Führungsstil, auch als autoritärer

Führungsstil bezeichnet, ist ein Führungsstil,

der mithilfe von Vorgaben die Organisation

steuert. Es ist ein auf Kontrolle

und Befehl beruhender Führungsansatz, der

einen hierarchisch gegliederten Gehorsam

beinhaltet. Entscheidungen fließen entsprechend

einem Top-down-Ansatz von oben

nach unten.

Das Mitglied hat nur sehr wenig freie Entfaltungsräume

und wird im Entscheidungsprozess

nicht mit einbezogen. Der hierarchische

Führungsstil passt zwar in bürokratische Organisationen,

bei denen Macht und Ansehen

der Führung vorbehalten sind, in kreative

Prozesse eines Musikvereins ist er lähmend

Dieser Leitungsstil betont die Trennung von

Führungskräften einerseits und Geführten

bzw. Ausführenden andererseits.

65


Vorteile

Der hierarchische Führungsstil kann in Krisen-

und Konfliktsituationen sinnvoll sein. Ein

einzelner trifft die Entscheidungen und trägt

die Verantwortung allein, denn für Diskussionen

wird weder Zeit noch Raum gegeben.

Dieser Führungsstil ist hilfreich, wenn sich

der Verein in einer Ausnahmesituation befindet.

In Krisensituationen werden klare Anweisungen,

die ohne Widerspruch durchgeführt

werden, erwartet.

Risiken / Nachteile

Beim hierarchischen Führungsstil haben die

Mitglieder oft zu wenig Handlungsspielraum.

Der Vorgesetzte hält sich für unersetzlich und

dementsprechend läuft in seiner Abwesenheit

seinem Verein nichts, da die Mitglieder

sich nicht trauen, Verantwortung zu übernehmen.

Bei „Blau Weiß“ Erftstadt änderte sich die

Führung in den 80ern mehr und mehr personell.

Maria und Horst Moitzheim übertrugen

die Verantwortung verstärkt an ihre Tochter

Rita und ihren Mann Peter Ruckes. Sie waren

in den 80ern die Konstante. Zu Beginn der

80er drohte „Blau Weiß“ eine erhebliche Krisensituation.

Nur noch 13 Musiker und einige

sogenannte „Anlernlinge“ bildeten noch das

Fundament.

Rita orientierte sich am Führungsverhalten

ihres Vaters. Das war geprägt durch seine

Stellung im Beruf. Horst Moitzheim arbeitete

Je stabiler der Verein wurde, desto mehr Arbeit

verursachte er. Mittlerweile wandelte

sich das Gesicht des Vorstandes. Horst Pramschiefer

war als musikalischer Leiter des Vereins

ausgeschieden und wechselte zur Blasmusik.

Ein herber Verlust. Rita Ruckes war

mit ihrer Rolle als Mutter von ihren Kindern

Carolin und Jens stark gefordert. Peter

mit dem Ausbau des eigenen Hauses.

Trotzdem war ein weiteres Wachstum von

„Blau Weiß“ zu beobachten. Ich selbst

musste mich in dieser Zeit für „Blau Weiß“

und auch für meinen Beruf stark einbringen.

Ich hatte nun selbst die musikalische

Leitung des Vereins und Rita und Peter engagierten

sich trotz all ihrer privaten Verpflichtung

im erheblichen Maße für „Blau

Seit 1970 dabei und immer in verschiedenen Rollen engagiert:

Weiß“. Natürlich weiterhin unterstützt

Rita Ruckes, Tochter von Vereinsgründer Horst Moitzheim

von Maria und Horst Moitzheim. Schließlich

als Betriebsführer im Bergbau. Schon aufgrund

dieser besonderen Form der Führung,

die sehr stark geprägt war von Hierarchie

war Horst Moitzheim immer noch Vor-

stand. Aber die Grenzen des Wachstums waren

sichtbar. Und auch ich war mit meinen

aber auch von Fürsorge, ähnelte sie ihrem musikalischen Möglichkeiten an einem

Vater sehr stark.

Punkt, der „Blau Weiß“ nicht mehr weiterbrachte.

Ein tragischer Einschnitt war dann

66

Dass „Blau Weiß“ in den 80ern nicht von der

musikalischen Bildfläche verschwand, lag an

der fortschrittlichen Grundausrichtung des

Vereins schon in den 70ern. Damals waren,

untypisch für traditionelle Vereine, Frauen in

der Vereinsführung. Und man kümmerte sich

sehr stark um den Nachwuchs. Davon war

Rita Ruckes geprägt. Als damalige Geschäftsführerin

des Vereins war sie jung genug um

offen für Veränderungen zu sein. Einflüsse

aus anderen Vereinen wurden zugelassen,

positive Beispiele kopiert und einige alte

Zöpfe abgeschnitten. Durch viel Fleiß eines

Teams konnte „Blau Weiß“ die Krise überwinden

und stand Ende der 80er Jahre wesentlich

stabiler da. Zu diesem Team, das sich

auch menschlich gut verstand, gehörten neben

Rita und Peter Ruckes, auch Horst Pramschiefer,

später Hajo Mörs und auch ich

selbst.

Die Devise war allerdings „Veränderung ja –

aber nur der Vorstand weiß, wie man sich

richtig verändert“.

1990er: Die demokratische Führung –

lasst uns gemeinsam entscheiden


der plötzliche Tod von Maria Moitzheim im

Jahr 2001.

Und so knüpfte ich Kontakt zu Klaus Nau, den

ich seit einigen Jahren aus gemeinsamer Arbeit

für den damaligen Verband der Fanfaren-

und Tambourkorps NRW 1960 e.V.

kannte und mit dem ich gut harmonierte.

Klaus Nau verkörperte einen Typus Vereinsvorstand,

der den Führungsstil verkörperte,

den ich auch an meinem Arbeitsplatz wahrnahm.

Ich war als Controller tätig und erlebte

eine neue Generation Führungskräfte, die

sehr stark auf Teams und Motivation

setzte. Klaus Nau war damals Führungskraft

bei der Deutschen Post und führte

ehrenamtlich neben seiner Arbeit als Präsident

des Landesverbandes auch das Jugend-Tambourkorps

„Gut Klang“ Oberaußem

e.V.

Klaus Nau praktizierte einen demokratischen

Führungsstil. Ein Erfolgsrezept, das

das Jugend-Tambourkorps zum besten

Nachwuchsspielmannszug Deutschlands

machte.

Der demokratische Führungsstil zeichnet

sich dadurch aus, dass der „Chef“, also der

Vereinsvorsitzende, so entscheidet, dass die

Mitglieder auch ihre Meinung mit einfließen

lassen können. Dies motiviert die Mitglieder

und sie können sich frei entfalten. Da viele

Personen bei den Entscheidungsprozessen

mit beteiligt sind, dauern die Entscheidungen

allerdings länger, denn vieles muss erst ausdiskutiert

werden. Bei diesem Führungsstil

ist Voraussetzung, dass die Mitglieder, die

sich ehrenamtlich engagieren, gut qualifiziert

sind bzw. immer ausreichend geschult werden.

Nicht einfach in Vereinen.

Vorteile

• Die Mitglieder sind stärker motiviert

durch die Selbstbestimmung und dem Tragen

einer gewissen Verantwortung für

ihre Tätigkeit.

• Durch die regelmäßige Einbeziehung der

Mitglieder werden die Entscheidungen

transparenter.

• Durch die Einbeziehung anderer Meinungen

in den Entscheidungsprozess kann die

67

Führungskraft eventuell bessere Entscheidungen

treffen und die Fehlerquote sinkt.

• Die Leistungsbereitschaft der Mitglieder

steigt an, da sie sich mit der Arbeit besser

identifizieren können.

Nachteile

• Die Mitglieder müssen bereits einen gewissen

Grad an Selbstbestimmung erreicht

haben.

Klaus Nau (2. v.r.) als Präsident des LandesMusikVerbandes NRW

mit anderen Verbandsvorstandsmitgliedern

• Der Zeitaufwand bis Entscheidungen getroffen

sind ist wesentlich höher als bei

anderen Führungsstilen.

Wenn Menschen gut miteinander harmonieren,

dann finden sie im Leben und in der Sache

gut zueinander. „Gut Klang“ Oberaußem

in Person von Klaus Nau und Horst Moitzheim

für „Blau Weiß“ Erftstadt respektierten

sich und so war es mir, sozusagen als Unterhändler,

möglich, beide Vereinsvorsitzenden

an einen Tisch zu bringen. Nau und Moitzheim

waren starke Persönlichkeiten und

konnten einen Deal in ihren Vereinen vertreten:

Gemeinsam unter der Marke Jugend-

Tambourkorps „Gut Klang“ Oberaußem bei

den Deutschen Meisterschaften im Mai 1994

an den Start zu gehen. Mit dem damaligen

Dirigenten Willi Effern, den man damals

durchaus als „Nestor“ der deutschen Spielleutebewegung

bezeichnen durfte, gewannen

die Spielleute aus Erftstadt und Oberaußem

den Deutschen Meistertitel.

Daran knüpfte sich ein demokratischer Prozess

der Fusion zweier Vereine an:

Jugend-Tambourkorps „Gut Klang“ Oberaußem

e.V. + Spielmannszug „Blau Weiß“


Erftstadt 1970 e.V. = Spielmannszug „Gut

Klang“ Erftstadt e.V.

Nach einem gemeinsamen Erfolg ist die Entscheidung

in Vereinen zu einer Kooperation

oder gar zu einem Zusammenschluss in einem

demokratischen Prozess für die handelnden

Personen leicht herbeizuführen und

umzusetzen.

Neuer Vorsitzender vom Spielmannszug „Gut

Klang“ Erftstadt e.V. wurde Klaus Nau und

Geschäftsführer Rolf Motz. Horst Moitzheim

wurde später Ehrenvorsitzender des Vereins.

Trotzdem schützt auch demokratische Führung

nicht vor unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten.

1998 schied Klaus Nau als

Vereinsvorsitzender des neuen Vereins aus.

Peter Leiseifer übernahm den Vorsitz. Peter

Leiseifer ist verheiratet mit Helga Leiseifer,

einer Nichte von Horst Moitzheim, die auch

dem ersten „Gut Klang“-Vorstand nach der

Fusion angehörte. Er führte den Verein bis

2008.

2000er: Die kooperative Führung –

tragt alle Verantwortung

Mit Peter Leiseifer war kein aktiver Musiker

Vorsitzender des Vereins. Peter Leiseifer musizierte

allerdings in früheren Jahren beim

Ein Vorsitzender, der zupacken konnte: Peter Leiseifer

(hier Sommerfest Juli 2004)

Musik-Corps „Rheingold“ Hürth-Efferen. Er

übernahm in erster Linie repräsentative Aufgaben

im Ort Gymnich. Er musste sich darauf

verlassen, dass das Vorstandsteam seine Rollen

möglichst optimal ausfüllt. Aufgrund des

Zusammenschlusses von „Gut Klang“ und

„Blau Weiß“ gab es keine Probleme musikalische

Auftritte mit einer großen Schar von

Musikern zu bestreiten. Manchmal waren es

für die Gelegenheiten zu viele. Dazu kam,

dass Rita und Peter Ruckes eine äußerst engagierte

Jugendarbeit betrieben und die

Nachwuchsausbildung sich prächtig entwickelte.

Ich hielt die Zügel im musikalischen

Bereich des Konzertensembles, wie das heutige

Hauptorchester damals genannt wurde,

gemeinsam mit Willi Effern zusammen. Das

riesige Arbeitsfeld musste auf viele Schultern

verteilt werden. Das war nur mit kooperativer

Führung möglich.

Kooperative Führung ist, wie verschiedene

Generationen in Organisationen und Teams

gemeinsam arbeiten und dabei ihr größtmögliches

Potential abrufen können. Kooperative

Führung heißt, Mitglieder durch größtmögliche

Einbindung zu führen, um ihre vorhandene

Kapazität bestmöglich in Entscheidungsfindungsprozessen

zu nutzen und dabei

ihr eigenverantwortliches Denken und

Handeln zu fördern.

Die Einführung oder Weiterentwicklung eines

kooperativen Ansatzes berührt folgende

Bereiche einer Organisationsentwicklung:

• Förderung von unternehmerischem Denken

und Handeln im Verein

• Teamfähigkeit und Wir-Gefühl

• Generationsübergreifende Vereinskultur

• Entscheidungsfindung bei flacher Hierarchie

Damit schafften wir es,

• Mitglieder unterschiedlichster Altersstruktur

bestmöglich einzusetzen,

• Eigenverantwortung zu nutzen und gleichzeitig

zu stärken,

• verborgene Potentiale aufzudecken,

• den Verein krisengerecht aufzustellen (Eigenverantwortung

erhöht schnellere und

damit krisengerechtere Entscheidungsfindung).

68


Ziele

Der kooperative Führungsansatz dient der

starken Einbeziehung der Mitglieder bei Themen,

bei denen diese mit ihrem Expertenwissen

beitragen und so mitentscheiden können.

Es erleichtert Führung und stärkt Teamfähigkeit.

„Gut Klang“ im Schloss Gymnich (2005)

Dieser Führungsstil wird dem Wertewandel

der Gesellschaft gerecht, in der immer mehr

Menschen ihren Spaß haben, aber auch nach

Sinnhaftigkeit ausrichten wollen.

Der kooperative Ansatz dient dem Abbau von

Vereinshierarchien und der gleichmäßigeren

Verteilung von Verantwortung innerhalb einer

Organisation.

Er dient der Stärkung einer Kultur, die das unternehmerische

Denken des Einzelnen fördert,

indem dieser im Rahmen seines Potentials

Verantwortung übernehmen darf und

kann.

Risiken und Chancen kooperativer Führung

Wie viel Zeit investieren?

Typisches Risiko ist es, die Balance zu verlieren

zwischen rechtzeitiger Entscheidungsfindung

und ausreichender Einbeziehung der

Mitglieder. Miteinbeziehen kostet Zeit, die

scheinbar nicht da ist. Mitglieder stärker in

die Entscheidungsfindung zu integrieren,

führt jedoch häufig dazu, dass sie Entscheidungen

stärker mittragen, was wiederum zu

mehr Motivation und Verantwortungsgefühl

beiträgt. Das kann im Prozessverlauf viel Zeit

sparen, etwa weil die Arbeit rechtzeitiger erfolgt,

weniger Konflikte entstehen und tägliche

Herausforderungen eigenverantwortlich

bearbeitet werden.

Verantwortung vs. Überforderung

Einweihung des Jugendraumes 1998;

Peter Leiseifer hatte mit Peter Ruckes die Bauleitung

Menschen können nur die Verantwortung

tragen, die ihnen individuell im Rahmen ihres

Entwicklungsstatus möglich ist. Übermäßige

Verantwortungsübertragung führt zu Überforderung

und so häufig zu Misserfolg. Insofern

ist es wichtig, mit den Mitgliedern gemeinsam

festzulegen, wo ihre „Komfortzone“

liegt und wie weit sie überschritten

werden darf. Der Spruch „Glück ist eine

Überwindungsprämie“ ist ein guter Rat für

den Alltag und für Situationen, die einen gewissen

Mut erfordern, um sich diesen zu stellen.

Dabei ist es nötig, mit dem Einzelnen

auszubalancieren, wie die Komfortzone verlassen

werden kann, ohne dass man sich

überfordert fühlt. Die gemeinsame Festlegung

und Überprüfung ist ein entscheidender

Schritt, um beim Mitglied unternehmerisches

Denken und damit eigenverantwortliches

Handeln zu erwecken. Es erfordert einen

ehrlichen Umgang mit der eigenen Ressource

und Kapazität sowie dem Potential,

was sich entfalten soll.

Ein wesentlicher Faktor die Vereinsziele gemeinsam

zu erreichen, war für „Gut Klang“ in

69


2006 beim NRW-Pokal

den 2000ern die Gründung eines Musikausschusses.

Neben dem Vorstand, der die Geschäfte

führt, sollte der Orchesterausschuss

das operative musikalische Geschäft leiten.

Alle „Player“ von der Ausbildung bis zum Dirigent

bilden bis heute diesen Ausschuss, der

sich gegenwärtig Orchesterausschuss nennt.

Operative Aufgaben und Verantwortlichkeiten

werden so gemeinsam abgestimmt und

auf starke und nicht so starke Schultern verteilt.

Ein Erfolgsrezept für das darauffolgende

Jahrzehnt.

Seit 2005 wird „Gut Klang“ von Rene Begic

geführt. Peter Leiseifer hatte sich in seiner

Amtsphase auf seine repräsentative

Rolle konzentriert und sich in das

operative Geschäft nicht eingemischt.

Ein moderner Vorsitzender

in einer modernen Zeit.

Rene Begic durfte basierend auf die

Saat, die die handelnden Personen

in den 2000ern gelegt hatten, im darauffolgenden

Jahrzehnt die Ernte

einfahren. Beginnend mit dem Sieg

beim Deutschen Orchesterwettbewerb

2008 in Wuppertal. Unter dem

Dirigat von Bruno Stracke, dem ersten

„Gut Klang“-Dirigenten, der Berufsmusiker

war, wurde „Gut Klang“ Preisträger beim

wichtigsten deutschen Musikwettbewerb,

dessen Träger der Deutsche Musikrat ist.

2010er: Die Laissez-Faire-Führung –

ich vertraue euch, arbeitet

selbstständig

Im Grunde hatte schon Peter Leiseifer ein gewisses

Maß an „Laissez-Faire-Führung“ eingebracht.

Rene Begic hat diesen Führungsstil

fortgeführt und für seine

Verhältnisse optimiert.

Jeder Vorstand will das

Optimum mit seinem Verein

erzielen. Die Führung

spielt dabei eine wichtige

Rolle. In der Vergangenheit

war der autoritäre

Führungsstil weit verbreitet,

der für eine klare Verteilung

von Regeln und

Verantwortung steht. In vielen Vereinen ist

diese Art der Führung allerdings nicht mehr

zeitgemäß, da sie die Mitglieder mehr bei der

alltäglichen Vereinsarbeit behindert anstatt

sie zu führen. Der Laissez-faire-Führungsstil

kann unter bestimmten Bedingungen sinnvoll

sein.

Als es noch wenig Alternativen in der Freizeitgestaltung

gab, wurden die Mitglieder

alle über einen Kamm geschoren. Der Vorstand

durfte nach eigenem Gutdünken Anordnungen

erteilen und wer diese infrage

stellte, konnte sich vermutlich schnell nach

einem neuen Verein umsehen. Gerade auf in

Langjährige Flötistin und Frohnatur: Julia Schuon

ländlichen Gegenden, die früher kein Freizeitangebot

hatten, waren Sport- oder Musikvereine

„Platzhirsche der Alltagsunterhaltung“.

Heutzutage orientieren sich Mitglieder neu,

wenn Vereinsabläufe ihnen nicht passen o-

der Erfolgserlebnisse fehlen.

Vielen Eltern dürfte Laissez-faire-Erziehung

als Synonym für das Gewähren lassen und

Nichteinmischen bei Kindern ein Begriff sein.

Dieses Konzept findet sich mitunter ebenfalls

im Vereinsleben wieder. Die französische

Formulierung Laissez-faire bedeutet in der

70


Übersetzung „lassen Sie machen, lassen Sie

laufen“.

Der Laissez-faire-Führungsstil steht am anderen

Ende der Führungsskala. War den Vereinsmitgliedern

früher völlige Passivität bezogen

auf Entscheidungen und Verantwortung

im autoritären Führungsstil verordnet,

zeichnet sich der Laissez-faire-Führungsstil

durch Passivität oder besser Zurückhaltung

seitens der Führungskraft aus.

Das bedeutet, dass diese Art der Führung

Mitarbeitern in der Vereinsarbeit größtmögliche

Handlungsfreiheit gewährt, da sie ihre

Aufgaben selbst gestalten. Es gibt keine Regeln,

Teams kontrollieren sich gewissermaßen

selbst. Das heißt, dass der Vorsitzende

nicht kontrolliert und somit weder bei Problemen

hilft, noch bei Fehlern bestraft.

Was für manche Mitglieder wie der Himmel

auf Erden wirken mag – vor allem, wenn jemand

unter einem Vorsitzenden leidet der

Mikromanagement und Perfektionismus betreibt

– hat allerdings nicht nur Vorteile.

Vor- und Nachteile des Laissez-faire-Führungsstiles

Zunächst einmal fehlen exakte Vorgaben

durch den Vorsitzenden. Das heißt, auch hier

liegt es in der Verantwortung der Mitglieder,

dass Informationen eigenständig weitergereicht

und an alle mitgeteilt werden.

In einer idealen Welt passiert das möglicherweise

reibungslos. Üblicherweise gibt es allerdings

auch unter Vereinskollegen durchaus

Spannungen, so dass eine Weitergabe

von Informationen willkürlich erfolgen und

somit Abläufe behindern kann. Da sich der

Vorsitzende auch ansonsten weitestgehend

heraushält, können sich so ungünstige Dynamiken

verfestigen.

Abläufe verzögern sich, Außenseiter werden

gemobbt, da das Verhalten der Mitglieder

nicht kontrolliert und Fehlverhalten auch

nicht sanktioniert wird. Die Vor- und Nachteile

hier im Einzelnen:

Die Vorteile des Laissez-faire-Führungsstiles

• Die Mitglieder können frei und selbstbestimmt

arbeiten.

71

• Sie können so ihre persönlichen Stärken

einbringen.

Rene Begic, Vorsitzender mit der längsten Amtszeit

• Durch das hohe Maß an Selbstbestimmtheit

werden selbständig effektive Lösungen

erarbeitet.

• Sie tragen große Verantwortung, was häufig

die Motivation steigert.

• Die Kreativität wird gefördert.

Die Nachteile des Laissez-faire-Führungsstiles

• Der Laissez-faire-Führungsstil kann zu abnehmender

Disziplin im Verein führen.

• Das kann dazu führen, dass wichtige Ziele

nicht rechtzeitig erreicht werden.

• Eine eigenverantwortliche Arbeitsweise

kann chaotische Zustände durch Planlosigkeit

hervorrufen.

• Es ist typisch für gruppendynamische Prozesse,

dass bei größeren Gruppen der

Wunsch nach einer Führungsperson zunimmt.

Dies kann zur Ausgrenzung


Einzelner führen und Rivalitäten unter den

Teammitgliedern begünstigen.

• Das Feedback des Vorsitzenden fehlt, Motivation

und Leistung lassen somit nach.

• Die hohe Verantwortung nebst eigenständigen

Entscheidungen können zur Dauerbelastung

der einzelnen Mitglieder führen.

„Gut Klang“ hat den Laissez-faire-Führungsstil

mit Beginn der 2010er Jahre eingeführt

über ein ausgeklügeltes Ausschussprinzip mit

verantwortlichen Ausschussleitern, die einen

Hauptausschuss bildeten. Dies sah wie folgt

aus:

• Hauptausschuss

o Finanzausschuss

o Jugendausschuss

o Musikschulausschuss (Nachwuchsausbildung)

o Orchesterausschuss

o Rechtsausschuss

o Technikausschuss

o Verwaltungsausschuss

Zwar leitete ein Vorstand verantwortlich den

Verein. Tatsächlich war neben der

Mitgliederversammlung aber der Hauptausschuss

entscheidendes internes Organ, dem

aber auch die Vorstandsmitglieder angehörten.

Die tatsächliche operative Arbeit vollzog

sich in den einzelnen Ausschüssen. Mehr als

20 Mitglieder wirkten so in den verschiedensten

Ausschüssen mit. Die größte

Herausforderung waren Kommunikation und

Schnittstellenoptimierung. Das gelang nicht

immer. Aber die Ausschussorganisation entfaltete

eine kolossale operative Wucht, so

dass zeitlich viele komplizierte Themen vorangetrieben

wurden.

Die funktionierenden Ausschüsse waren synonym

für ein Jahrzehnt der musikalischen,

organisatorischen und finanziellen Marktführerschaft

von „Gut Klang“ im deutschen

Spielleutewesen bzw. im Wirken der Flötenorchester.

Ein großes Team hat dies bewirkt. 2010

führte „Gut Klang“ die Ausschussarbeit ein.

Rene Begic führte den Verein mit seinem

Laissez-faire-Führungsstil im besten Sinne.

Ich selbst als sein Stellvertreter und Ideengeber

für die Ausschussarbeit bevorzugte eher

den demokratischen Führungsstil frei nach

dem Spruch des ehemaligen Außenministers

Guido Westerwelle: „Auf jedem Schiff, das

dampft und segelt, gibt es einen, der die Sache

regelt - und das bin ich."

72


Gut Klang und seine Vorsitzenden

Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt 1970

e.V.

1970 - 1976 Horst Moitzheim

1976 – 1978 Fritz Ruckes

1978 – 1980 Wilhelm Schmitz

1980 – 1981 Horst Moitzheim

1981 – 1983 Franz Peter Ruckes

1983 – 1986 Reiner Wolf

1986 – 1994 Horst Moitzheim

„Gut Klang“ Erftstadt e.V.

1994 bis 1998 Klaus Nau

1998 bis 2005 Peter Leiseifer

2005 bis … Rene Begic

Vorsitzender 1994 – 1998: Klaus Nau (vorher

seit 1986 JTK Oberaußem)

Horst Moitzheim mit Bundesverdienstkreuz

(2004)

Vorsitzender 1983 – 1986;

Reiner Wolf

Vorsitzender von 1976 – 1978: Fritz Ruckes

Vorsitzender 1981 – 1983:

Franz Peter Ruckes

Vorsitzender 1978 -1980:

Wilhelm Schmitz

Führt „Gut Klang“ seit 2005: Rene Begic

Vorsitzender 1998 – 2005: Peter Leiseifer

73


Was ist eigentlich Resilienz?

Vereinsvorsitzende kommen und gehen. Innerhalb

von 50 Jahren waren es bei „Gut

Klang“ acht. Das ist im Vergleich zu anderen

Vereinen eine relativ geringe Fluktuation.

Wer „Gut Klang“ führt, braucht eine große

Portion Resilienz.

Resilienz bezeichnet und beschreibt die

Gabe, Krisen zu bewältigen ohne psychischen

Schaden davonzutragen. Vorstand und insbesondere

Vorstandsvorsitzender in einem

Verein im Allgemeinen und bei „Gut Klang“

im Besonderen zu sein, bedeutet eine

enorme seelische Widerstandsfähigkeit zu

besitzen.

Wir kennen diese Menschen: Stehaufmännchen,

die sich von nichts unterkriegen lassen.

Widerfährt ihnen ein Unglück, rappeln sie

sich kurz darauf wieder auf – und auch während

der Corona Krise schaffen sie es, ruhig

zu bleiben. Psychologen nennen solche Menschen

resilient. Nachstehend ein paar Tipps

der Dipl.-Psych. Cosma Hoffmann:

Wer die Widrigkeiten des Lebens oder besonders

stressige Zeiten übersteht, wie z.B.

Zeitdruck, Erfolgsdruck, Trennungen im Verein,

auf der Arbeit oder Streit in der Familie,

der ist nicht nur widerstandsfähig: Resiliente

Menschen können an Krisen sogar wachsen.

Resiliente Menschen verfügen über bestimmte

Eigenschaften, die ihre seelische Widerstandskraft

ausmachen. Diese wurden in

der Forschung zu sechs Resilienzfaktoren zusammengefasst:

Akzeptanz: Resiliente Menschen können annehmen,

was ihnen widerfahren ist und sehen

Probleme und Krisen als einen Teil des

Lebens an.

Optimismus: „Es wird sich alles zum Guten

wenden“ – so oder ähnlich lautet ein optimistischer

Gedanke eines resilienten Menschen.

Positiv zu denken macht Menschen zuversichtlich

und widerstandsfähig.

Selbstwirksamkeit: Der Glaube an die eigenen

Fähigkeiten und Kompetenzen ist ein

wichtiger Grundstein für seelische Widerstandsfähigkeit.

Resiliente Menschen sind

sich sicher, dass sie Krisen und Probleme

selbstständig bewältigen und lösen können.

Eigenverantwortung: Resiliente Menschen

sind bereit Verantwortung für ihr Leben zu

übernehmen, anstatt sich als Opfer der Umstände

zu sehen. Sie bemühen sich jegliche

Probleme eigenverantwortlich zu lösen, auch

wenn sie sie nicht verursacht haben.

Netzwerkorientierung: Freundschaften geben

in Krisen Kraft. Resiliente Menschen

bauen soziale Beziehungen auf und nehmen

Unterstützung und Hilfe in schweren Zeiten

offen an.

Lösungsorientierung: In jeder Krise offenbaren

sich in der Regel auch Wege, die uns helfen

gestärkter daraus hervorzugehen und etwas

aus ihnen zu lernen. Resiliente Menschen

orientieren sich an Lösungen und versuchen

diese umzusetzen.

Resilienz ist wie ein Muskel, der trainiert werden

kann. Aufbauend auf den sechs Resilienzfaktoren

geben wir drei praktische Tipps,

mit denen du deine Resilienz stärken kannst:

Akzeptiere, dass leben Wandel heißt und

gehe zuversichtlich mit Krisen um. das

Leben ein Auf und Ab ist. Achtsamkeit ist

ein Weg Akzeptanz aufzubauen.

Glaube an deine Fähigkeiten und triff

Entscheidungen. Besonders in schweren

Zeiten solltest du dir deine Stärken bewusst

machen. Sie helfen dir, zuversichtlich

zu bleiben.

Suche nach Möglichkeiten deine Probleme

zu lösen und nimm Hilfe an. Bevor

du aufgibst, überlege, wie andere Menschen

in solch einer Lage reagieren würden.

Nimm dir Zeit und versuche so viele

Lösungen wie möglich für dein Problem

zu finden.

Schaut man sich die hohe Fluktuation der

Vorsitzenden in den ersten 15 Jahren des

Vereins an, so hätte ein Resilienz-Coaching

viel bewirkt. Danach hat das Vorsitzenden-

Amt nur noch selten gewechselt.

74


Warum erfolgreiche Vereine

plötzlich verschwanden

Ich beobachte die Szene der Musikvereine im

Allgemeinen und die der Flötenorchester,

Spielmannszüge und Tambourkorps seit über

50 Jahren im Besonderen. Es gab viele erfolgreiche

Vereine, die trotz großem Erfolg

schnell von der Bildfläche verschwanden. Oft

nachdem sie ein Strohfeuer entzündet hatten

und nach einem großen Erfolg auseinanderbrachen.

Auf den ersten Blick waren die

Gründe vielschichtig. Im Kern konnte man sie

auf folgende Gleichung zurückführen:

Mangelhafte Kommunikation + fehlender

Weitblick + mangelhafte Wertschätzung

= FÜHRUNGSSCHWÄCHE

Kommunikationsfehler kennen und

vermeiden

Kommunikation ist der Austausch von Nachrichten

zwischen wechselndem Sender und

Empfänger. So könnte die Definition lauten.

Das klingt so, als wenn das eine leichte Angelegenheit

wäre. Doch wir alle wissen, dass es

häufiger zu Störungen kommt als es uns

recht ist. Die Summe von vielen kleinen Kommunikationsfehlern

kann zu einer ausgewachsenen

Demotivation führen. Die folgenden

Fehler entstammen einem Seminar von

Kommunikationscoach Susanne Lorenz:

Nicht ausreden lassen bzw.

unterbrechen

Was stört uns bei der alltäglichen Kommunikation

am meisten? Oft genannt wird, wenn

der andere nicht ausreden lässt und man den

Eindruck hat, er hört nicht richtig zu. Ich

glaube, dass das jedem schon einmal aktiv o-

der passiv passiert ist.

Wenn ich merke, dass der andere doch noch

nicht fertig war, entschuldige ich mich und

lasse ihn dann ausreden. Natürlich kann es

auch passieren, dass man das bewusst

macht, weil der Gesprächspartner ewig redet

und auch mal zu Wort kommen möchte oder

etwas ganz Wichtiges sagen musst, weil das

Gesagte so nicht einfach stehen lassen willst.

Dann empfehle ich, das auch zu sagen. „Entschuldige

bitte, wenn ich unterbreche, aber

zu dem Punkt muss ich unbedingt ergänzen…“

Ansonsten wartet man ab, denn man weißt

ja nicht, was der andere sagen will. Man

denkt meist nur, dass man das schon wüsstest.

In dem Fall, dass man selbst unterbrochen

wird, sagt ruhig, dass man gern den Satz beenden

möchtest oder, dass man noch nicht

fertig war mit der Erklärung. In den meisten

Fällen macht der Unterbrechende das nicht

mit böser Absicht und zieht sich wieder zurück.

Pauschalisieren

Womit man den anderen auf jeden Fall auf

die Palme bringt, ist, wenn man verallgemeinert.

Im Sinne von „Das machst du immer

so.“, „Nie kann ich mich auf dich verlassen!“,“

„Alle anderen machen das auch so.“

Und so weiter.

Jemand generalisiert: Sollte jemand dir eine

Pauschalisierung an den Kopf werfen, frage

nach, auf was er sich genau bezieht. So muss

er konkret werden und Beispiele nennen, die

dir mehr sagen als eine Generalisierung.

Wenn du generalisierst: Das gilt auch für

dich. Werde konkret und sage genau, was

dich stört anstatt zu sagen, dass der andere

„immer unfähig“ ist.

Schuld zuweisen/unterstellen

Was ebenfalls zu einer Störung im Gespräch

und im Vereinsklima führt, ist, wenn Schuld

zugewiesen wird ohne die Fakten zu kennen

und ohne zu wissen, warum der andere getan

hat, was er tat. Das passiert oft im Stress,

wo sich die meisten Menschen nicht die Zeit

nehmen, Hintergründe zu hinterfragen.

Du unterstellst: Denke daran, dass die Menschen

gute Absichten haben, auch wenn sie

dabei nicht immer unbedingt an die anderen

denken. Wenn du das im Hinterkopf hast,

fällt es auch leichter zu fragen, wozu jemand

etwas getan hat oder was die Gründe waren.

75


Dir wird etwas unterstellt: Bist du der Empfänger

von Unterstellungen, spreche das ruhig

an. „Da unterstellen sie mir aber, dass ich

das absichtlich getan habe. Das ist nicht der

Fall. Meine Idee war...“. Oder auch „Ich

möchte gern erklären, wie es dazu kam.“

Vorsitzender Rene Begic ehrt Bernd Fischer für 50

Jahre Engagement als Musiker

MÜSSEN und SOLLEN

Ganz viel Druck entsteht, wenn man von

„müssen“ und „sollen“ spricht. Das nimmt

dem Gegenüber die Gelegenheit, etwas freiwillig

oder auch spontan zu machen. Man

fühlt sich hilflos oder machtlos, weil man

denkt, der andere will einen zu etwas zwingen.

Natürlich gibt es auch immer wieder Situationen,

in denen man wirklich etwas

muss, aus Sicherheitsgründen beispielsweise.

Es geht hier um all die Situationen, wo es verschiedene

Wege zum Ziel gibt. Wo die Offenheit

fehlt, dem anderen die Gelegenheit zu

geben, seinen eigenen Weg zu gehen. Das

kann der neue Mitarbeiter sein, der etwas

ausprobieren will, man aber denkt, dass man

das schon immer so gemacht habt. Das kann

der neue Chef sein, der das Handbuch gelesen

hat und nun von allen erwartet, dass sie

mit den gleichen Handgriffen arbeiten.

76

Du „sollst/musst“ etwas: Sagt dir jemand,

dass du etwas tun „musst/sollst“, frage auch

hier nach, was gegen eine andere Art und

Weise spricht. Hat der andere gute Argumente,

kann es ja durchaus sein, dass seine

Variante besser ist. Auch wenn das dann

nicht heißt, dass du das auch so machen

„musst“.

Du verwendest „sollst/musst“: Achte also bei

dir selbst darauf, ob ein „muss“ oder „soll“

wirklich notwendig ist. Warum bist du in der

Situation nicht bereit, etwas anderes zuzulassen?

Das Selbstbild des anderen angreifen

Ein großer Kommunikationsfehler ist den anderen

in seinem Selbstbild anzugreifen. Sobald

man ihm klar macht, wie dumm er doch

ist oder unfähig, wird er in den Kampf- oder

Fluchtmodus übergehen. Also sind auch Äußerungen

ungünstig wie „Das habe ich dir

nun schon drei Mal erklärt!“. Wie soll sich der

andere nun fühlen?

Jemand greift dein Selbstbild an: Atme tief

durch. Setze ganz klar deine Grenzen und

bringe den anderen dazu, zu sagen, was ihn

stört an deinem Verhalten. Mach dir klar,

dass das nur eine persönliche Meinung ist

und dass du es nicht persönlich nehmen

musst. Du weißt nicht, was bei dem anderen

gerade im Argen ist.

Du greifst das Selbstbild an: Versuche klar zu

machen, dass du ein bestimmtes Verhalten

und nicht die ganze Person kritisierst. Beschreibe

eher, was getan oder nicht getan

wurde und wie man etwas verbessern kann.

Das ist immer besser als zu bewerten und mit

anderen zu vergleichen.

Wertschätzung ist das Brot des

Ehrenamtlichen

Die Welt wird immer komplexer und verändert

sich rasend schnell. Gefragt ist in diesem

Zusammenhang auch ein Umdenken von

Vereinsführungskräften. Stichwort: Wertschätzende

Führung als Erfolgsfaktor eines

Vereins. Dabei sollte die tägliche Führungsarbeit

durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet

sein:


Empathie

Persönlichkeit

Wertschätzende Haltung

Zeiten, in denen die Mitglieder noch wie

Nummern behandelt wurden, sind eindeutig

vorbei. Menschen, die geführt werden, erwarten

eine andere Art von Kommunikation

und Führungsstil. Wichtig sind ihnen:

Selbstmotivation

Selbstverantwortung

Performance

Wohlbefinden

Mitglieder wünschen sich gefestigte Beziehungen,

in denen man sich aufeinander verlassen

kann. Vereinsvorstand und Team sollen

sich auf Augenhöhe begegnen und entsprechend

kommunizieren.

Besondere Form der Wertschätzung:

das Ehrenmitglied

Eine besondere Form der Wertschätzung ist

die Ernennung eines Mitglieds oder eines

Menschen, der sich besonders für den Verein

verdient gemacht hat, zum Ehrenmitglied.

Oft lässt man sich spontan in Vorständen zu

einer solchen Ehrung verleiten, weil jemand

besonders lange Mitglied ist oder dem Verein

gerade etwas Gutes getan hat. Das kann aber

auch zu Verstimmungen führen. „Warum die

oder der, ich habe doch auch viel geleistet“,

so denken dann nicht wenige, wenn jemand

ausgezeichnet wird.

Anwärter, die nicht schon allein durch ihren

Beruf die Voraussetzungen erfüllen, haben

dann Aussichten auf die Ehrenmitgliedschaft,

wenn sie ganz andere Eigenschaften mit sich

bringen. Wenn also eine Honorarkraft, z.B.

ein Dirigent, das Orchester zu besonderen

Leistungen bringt, so gilt per se das noch

nicht als Voraussetzung für eine besondere

Ehrung. Wenn ein Politiker dem Verein viele

Türen öffnet und Versetzungen und Kooperationen

ermöglicht, die den Verein wachsen

lassen, so kann hier ein Grund für eine Ehrenmitgliedschaft

vorliegen. Auch eine langjährige

Mitgliedschaft allein befähigt noch nicht

automatisch zu einer Ehrenmitgliedschaft. Es

stehen immer die besonderen Verdienste im

Mittelpunkt. Die müssen nicht in der Gegenwart

geleistet worden sein, diese dürfen

auch viele Jahre zurückliegen. Ob eine langjährige

Vorstandsarbeit schon zur Ehrenmitgliedschaft

reicht, kann in einer Ehrenordnung

niedergeschrieben werden. Aber auch

hier gilt: das Außergewöhnliche befähigt zur

Auszeichnung, nicht die Normalität.

77


„Gut Klang“ Erftstadt e.V. hat bis 2020 folgende Menschen zu Ehrenmitgliedern

ernannt:

Maria Moitzheim

Horst Moitzheim (Ehrenvorsitzender)

Heinz Küpper

Rolf Motz (Ehrenvorstand)

Maria und Horst Moitzheim (im Hintergrund Peter Leiseifer)

Ehrenvorstand Rolf Motz

Heinz Küpper, ehemaliger 1. Beigeordneter der

Stadt Erftstadt und Kreistagsmitglied der CDU

78


Welche Eigenschaften vermissen die

meisten Mitglieder von

Vereinsführungskräften?

Befragt man Mitarbeiter, was ihnen bei ihren

Führungskräften im Verein am meisten fehlt,

so nennen sie diese Eigenschaften und Verhaltensweisen:

Transparenz

Mitsprache

Teamgeist

Vertrauen

Flexibilität

Empathie

Dankbarkeit

Verständnis

Präsenz im Alltag

Wertschätzung

Anerkennung

Menschen wollen in der heutigen

Zeit, dass Führungskräfte

im Rahmen ihrer Möglichkeiten

ehrlich und authentisch

sind. Sie sollen Orientierung

und Sicherheit geben, sowie

die individuellen Bedürfnisse

eines jeden erkennen und stärken.

Das schwächt dient nicht gerade der Vereinsbindung.

Vorstände, die Mitglieder führen,

müssen sich klar machen, dass Wertschätzung

etwas Subjektives ist. Während das eine

Mitglied sich über ein Lob freut, kommt das

bei dem anderen Mitglied vielleicht herablassend

an. Aber genau darum geht es beim

Führen: Mitarbeiter wollen als Mensch mit

individuellen Bedürfnissen wahrgenommen

und entsprechend behandelt werden. Und

wie findet man heraus, was Mitglieder brauchen?

Indem man das Gespräch zu ihnen

sucht. Dabei zeigt sich, dass Mitglieder beispielsweise

folgende Verhaltensweisen von

ihren „Chefs“ als positiv erleben:

Dem Mitglied Unterstützung bieten,

wenn es diese benötigt

Als Ansprechpartner in schwierigen

Situationen zur Verfügung stehen

Positives Feedback geben

Konstruktiv Kritik äußern, mögliche

Weiterentwicklungspunkte nachvollziehbar

kommunizieren und Hilfe bei

Was ist

gute/wertschätzende

Führung?

Eins vorweg: Eine positive Vereinskultur

beginnt bereits beim

Vereinsvorstand. Hier gilt es,

entsprechende Werte vorzuleben,

damit sich ein Klima der

Wertschätzung im gesamten Verein verbreiten

kann.

Viele Mitglieder fühlen sich allerdings von ihrem

Vorgesetzten nicht wertgeschätzt und

vermissen entscheidende zwischenmenschliche

Eigenschaften von ihrer Vereinsführungskraft.

Selbst wenn sie im Verein bleiben,

zeigen sie nach einer bestimmten Zeit

durch häufiges Fehlen ihre Demotivation.

79

Der Vorsitzende bedankt sich bei einem langjährigen Mitglied

(2011 mit Silvia Nürenberg)

der Umsetzung anbieten, Fortbildungswünsche

aufgreifen und möglich

machen

Interesse für neue Ideen zeigen und

darüber diskutieren

Erbrachte Leistungen sehen und anerkennen

Erfolgserlebnisse ermöglichen und

Engagement würdigen


Transparent kommunizieren

Welche positiven Effekte hat es, wenn Vorgesetzte

ihre Mitarbeiter entsprechend führen?

Es entsteht ein Gefühl der Anerkennung

und Wertschätzung

Mitglieder entwickeln sich und fühlen

sich wohl

Sie sind gerne für den Verein tätig

und zeigen entsprechende Leistungsbereitschaft

Die Produktivität steigt – der gesamte

Verein ist entsprechend erfolgreich

gehört die Vermittlung von Führungsqualifikationen

zur regulären Ausbildung.

Ebenso gut können Menschen auch über

viele Berufsjahre hinweg ein exzellentes

Fach- und Expertenwissen aufbauen, das sie

für eine entsprechende Führungspositionen

befähigt. Fachwissen wird dabei allerdings

überwiegend im „Ansage-Modus“ kommuniziert.

Das Stellen von Fragen wird in diesem

Kontext schnell als fehlende Kompetenz interpretiert.

Vereinsführungskräfte müssen sich ständig

umstellen und sich der veränderten Lebenswelt

anpassen.

Führen durch Fragen

Führen durch Fragen sei die weisere Art zu

führen – behaupten die Einen. Die anderen

stehen mehr auf die Vorgaben. „Wer fragt,

der führt!“, zitieren sofort wieder die einen,

die anderen machen lieber klare Ansagen.

Ein permanentes Spannungsfeld unter Führungspersönlichkeiten.

Auf welcher Seite finden

sich wohl die meisten Vereinsführungskräfte

heute? Wer hat hier eigentlich Recht?

Und überhaupt: schließen sich beide Ansätze

denn gegenseitig aus?

Bei einem Coaching von Torhaus Kotelow

habe ich folgendes erfahren:

Der Ansage-Modus

Kaum jemand wird ernsthaft bezweifeln,

dass dieser Modus noch immer mehrheitlich

den Führungsstil in der Arbeits- und Vereinswelt

prägt. In aller Regel kommen Führungskräfte

aufgrund ihrer fachlichen Eignung in

Führungspositionen. Das kann mittels einer

vorherigen Ausbildung sein, die z.B. Studium

an der Musikhochschule aufgrund ihrer Fähigkeiten

als Musiker zur Übernahme von

Leitungs- und Führungsfunktionen befähigt.

Und nicht einmal bei Lehramtskandidaten

Klaus Nau und Willi Effern bei Radio Erft

Überhaupt unterliegt der Ansage-Modus seiner

Qualität nach eher männlichen Eigenschaften

wie rational, engagiert, fordernd,

wettbewerbsorientiert, aggressiv, fokussiert

oder aktiv u.v.m. Die meisten Führungskräfte

wollen vor kompetent, äußerlich stark und

engagiert wirken. Klare Ansagen passen dort

genau ins Schema und sind in der Geschäftsund

Vereinswelt oftmals sogar sozial erwünscht.

Und nicht zuletzt: (An)Sagen schafft

und fördert Abhängigkeit.

Führen durch Fragen

Wer fragt, der führt! Fragen fördern demgegenüber

die eigene Entwicklung von Mitarbeitern/Mitgliedern

und führen zu tieferem

Nachdenken bei ihnen. Wer Menschen stark

machen will, fördert sie gezielt durch Fragen.

Fragen als Führungsinstrument braucht zunächst

allerdings deutlich mehr Zeit, Energie

und Vorbereitung. Doch dieser Aufwand

amortisiert sich dadurch, dass sich die Mitarbeiter

weiterentwickeln, Verantwortung

übernehmen und dadurch noch bessere Ergebnisse

erzielen. Und Fragen holen aus den

80


Mitgliedern gezielt das heraus, was an Potential

in ihnen steckt und fördert aktiv ihre

fachliche Entwicklung ebenso wie ihre

menschliche.

Vereinsausflug 2006 nach Bad Segeberg

Deshalb wird der Fragemodus eher mit

„weiblichen“ Eigenschaften verbunden wie

bewahrend, kooperativ, intuitiv, empfangend,

innerlich, warm, ganzheitlich, passiv o-

der systemisch.

Mitglieder aktiv durch Fragen zu fördern

stellt allerdings immer wieder (stille) Fragen

und Anforderungen an die jeweilige Führungspersönlichkeit.

Sich entwickelnde Mitglieder

und Mitarbeiter brauchen deshalb

Führungspersönlichkeiten, die bereit sind,

ständig auch sich selber weiter zu entwickeln.

Fachlich ebenso wie menschlich. Nur

dann entgehen sie der „Gefahr“, dass ihre

Mitglieder sie in absehbarer Zeit „überholen“

werden, sei es in fachlicher oder auch

menschlicher Hinsicht. Führungskräfte die

ihre Vereinsmitarbeiter gezielt entwickeln,

zeichnen sich deshalb in der Regel durch ein

hohes Maß an Selbstführung (gezielte Persönlichkeitsentwicklung)

aus.

Fragen, die fördern und weiterhelfen

Wer Menschen entwickeln will, erreicht das

sehr effektiv durch sogenannte „offene“ Fragen,

also durch Fragen, deren Antwort sich

nicht in einem „ja“ oder „nein“ erschöpfen

kann. Hier einige Beispiele, die eine entwickelnde

Mitarbeiterführung fördern können:

Was ist Ihnen/Dir wichtig in der Zusammenarbeit

mit Ihrem/Deinem Vereinsvorstand?

Was ist Ihnen/Dir wichtig in der Zusammenarbeit

mit Vereinskollegen?

Was gefällt Ihnen/Dir an Ihrer/Deiner Arbeit

im Verein?

Was steckt genau dahinter?

Wie gehen Sie/gehst Du damit

um?

Was muss jemand tun, um …?

Gab es mal eine Situation, wo

Sie/Du …?

Was ist Ihnen/Dir wichtig in der

Beziehung zu Person x?

Was genau gefällt Ihnen/Dir an Ihrem/Deinem

… (Instrument, Musikstück,

Vereinsveranstaltung, Rolle

im Verein etc. …)?

Wie hatten Sie/hattest Du die Aufgabe

beim letzten Vereinsfest genau verstanden?

Woran lag es, dass Sie/Du die Aufgabe

nicht erledigt haben/hast / erledigen konnten/konntest?

Was brauchen Sie/brauchst Du noch, um

die Aufgabe zu erledigen?

Wer hat letztlich Recht?

Das ist letztlich wohl nicht die entscheidende

Frage. Gute Führung wird sich künftig immer

mehr dadurch auszeichnen, beide Modi bedienen

zu können und sich als Führungspersönlichkeit

jeweils situativ stimmig zwischen

beiden Polen bewegen und sie anwenden zu

können. Es wird immer Führungssituationen

geben, bei denen klare Ansagen gefragt sind

und auch getroffen werden müssen. Gleichwohl

werden diese Ansagen umso seltener

werden, je mehr die Führungskraft ihren Mitarbeitern

Gelegenheit gibt, sich weiter zu

entwickeln und zunehmend selber Verantwortung

für Abläufe und Entscheidungen zu

übernehmen.

Bist du ein agierender oder ein

reagierender Vorstand?

Sich bewusst zu werden, wann man reagiert

und in welchen Situationen man agiert (in einer

bestimmten/bewussten Weise handeln)

ist lohnenswert. Es ist zwar eine der vielen

Verhaltens(ver-)änderungen, die leichter gesagt

als getan werden, aber man kann es

81


lernen und es wird vor allem mit positiven

Grundgefühlen belohnt.

Harry Groenert, Coach und Trainer für Führungskräfte

beschreibt das Agieren und Reagieren

wie folgt:

Was gibt uns agieren?

Es gibt uns ein Gefühl der Kraft

Es gibt uns ein Erfolgserlebnis

Es gibt uns die Energie zu beeinflussen,

also uns selbst und die Situation in Kontrolle

zu haben

Es gibt uns Gelassenheit im Moment

Es erhöht unser Selbstwertgefühl

Es gibt uns Vorsprung

Belohnungen fürs Agieren werden sowohl im

Vereins-, Privat- und auch im Berufsleben

eingesammelt. Zeit, Geduld und das Wissen

und Verständnis, dass jegliches Lernen auf

Fehler (-machen) aufbaut, unterstützt unsere

Verhaltensänderung.

In einer Situation, in einer bestimmten Weise

zu handeln, also zu agieren, steht für „im Moment

mit sich achtsam zu sein“: Sich seiner

Gedanken und Gefühle bewusst zu sein. Bedeutet,

in einer Situation innehalten, überlegen,

erwägen und sich fragen: welche Handlung

oder Antwort würde am besten zu mir

passen? Gerade in Augenblicken, die sich e-

her unangenehm anfühlen oder gar einen aggressiven

Unterton erkennen lassen, mag

uns das schwer fallen.

Agieren heißt, sein Verhalten „zu wählen“,

reagieren ist jedoch, als ob jemand im Hirn

einen Knopf gedrückt hätte, der das Denken

ausschaltet. Letzteres führt oft zu unerwünschten

Entwicklungen in Beziehungen.

Spielarten des Reagierens

Manchmal kann der durch spontane Reaktionen

verursachte Schaden nicht rückgängig

gemacht werden, z.B. in Situationen, in denen

ein guter erster Eindruck entscheidend

ist. In einer Vorstandssitzung über zu reagieren

oder ohne Reflexion zu reagieren kann zu

erheblichen Konflikten führen.

Dann gibt es Reaktionen, die sich mit der

Überschrift „Angriff ist die beste

82

Verteidigung“ beschreiben lassen. Wenn angegriffen,

bietet es sich immer an, zu reflektieren

und dann zu agieren, anstatt offensiv

zu reagieren. Offensive Ergebnisse sind selten

jene, die erwünscht sind.

Andere lieben es, Situationen zu kreieren

mit: Je grösser, je lauter und je mehr Dramatik,

umso besser. Das sind jene, die das Chaos

lieben. Dramatische Events geben ihnen die

Möglichkeit, die Situation zu kontrollieren. In

diesen Fällen empfiehlt sich der Rückzug.

Doch in Gefahrenmomenten helfen uns unsere

intuitiven Reaktionen – diese sind hier

nicht gemeint.

Jeder kennt bestimmte Vereinsmomente, die

uns überreagieren oder schlicht falsch reagieren

lassen. Stress, überbeschäftigt sein

und/oder unter Hetze leiden, vergrößern unsere

Chance, ins Fettnäpfchen zu treten und

ohne Reflexion zu reagieren. Während, wenn

man entspannt ist, Gelassenheit übt und sich

einen Moment Zeit nimmt, ist man in der

Lage, die Reaktions-Optionen zu analysieren

und sich für die passende Verhaltensweise zu

entscheiden. Man hat die Wahl und damit

die Kontrolle.

Erfahrungen, Annahmen, (Vor-)Urteile und

Überzeugungen sind die Eltern unserer Reaktionen,

die uns einschränken. Wir haben die

Fähigkeit, uns zu ändern und dabei zu wachsen.

Selbstbeobachtung, Achtsamkeit für

sich, Wunsch nach persönlichem Wachstum

und unsere persönliche Entwicklungsarbeit

helfen uns, Auslöser für Reaktionen zu erkennen,

ihre Herkunft zu analysieren und zu lernen,

wie wir sie in den Griff bekommen.

Agieren anstatt zu reagieren gibt dir:

Die Wahl: Nachdem du dir die Zeit genommen

hast (wir sprechen von Sekunden), über

die Situation reflektiert zu haben, hast du immer

mehrere Optionen und nicht nur die

„Reaktions-Option“.

Die Kraft: Reines Reagieren vermeiden und

abwarten, bis man (kreativ) agieren (antworten)

kann, erhöht die Achtung, die man erfährt.

Weniger Stress: Sich Zeit einkaufen, um eine

konstruktive Wahl zu treffen, reduziert

Stress.


Ruhe: Erkennen, wie ich in Situationen, die

mich in der Vergangenheit zum Reagieren

brachten, nun agiere, gibt mir Ruhe und inneren

Frieden in meinem Leben.

Mehr Selbst-Wertschätzung: Mit dem Schritt

auf der Leiter nach oben zu persönlichem

Wachstum und eigener Entwicklung, erhöht

sich automatisch das Selbstwertgefühl.

Mehr Kontrolle: Wer nachdenkt und fragt,

der führt und hat die Kontrolle.

Schlecht versichert, das Aus für einen

Vorstand

Wir wollen hier an dieser Stelle weniger auf

die Versicherungen eingehen, die das Vermögen

des Vereins schützen (Gebäudeversicherung,

Instrumentenversicherung etc.).

Wichtig ist hier an dieser Stelle, wie schützt

sich ein Vorstand und wie werden die Ehrenamtlichen

geschützt? Ein Überblick über

sinnvolle Policen

Haftpflichtversicherung: Vereine haften für

alle Schäden, die während ihrer Vereinsaktivitäten

einem Dritten zugefügt werden. Geschädigte

können Regressansprüche an den

Verein herantragen. Ob diese berechtigt sind

oder nicht, stellt sich meistens später heraus.

Daher ist eine Haftpflichtversicherung wichtig.

es bringt allein die Sicherheit, dass ein

Versicherer die gestellten Ansprüche prüft,

dem Vereinsvorstand Sicherheit.

Ratsam, wenn Räume in öffentlichen Gebäuden

genutzt werden (z.B. Schule), ist eine

Schlüsselversicherung als Teil der Haftpflicht.

Ist der Schlüssel weg, ist der Ärger da. Der

Verlust ist mit Unannehmlichkeiten verbunden

und teils auch mit horrenden Kosten.

Denn oft muss aus Sicherheitsgründen ein

Schloss oder sogar eine komplette Schließanlage

ausgetauscht werden. Gut dran ist, wer

dann die richtige Police hat.

Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung:

Vereins- und Verbandsvorstände haften

für Fehler, die sie selbst während ihrer

Arbeit für den Verein machen. Im Zweifel

müssen sie dafür auch ihr privates Vermögen

aufwenden. Eine Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung,

schützt Vereinsvorstände

davor, dass sie bei einem Fehler mit

dem Vereinsvermögen haften.

Gesetzliche Unfallversicherung: Sehr wichtig

ist eine Unfallversicherung für die Ehrenamtlichen

und den Vorstand. Die Anmeldung des

Vorstands bei den Berufsgenossenschaften

ist nur bei der Verwaltungsberufsgenossenschaft

Pflicht, um den gesetzlichen Versicherungsschutz

zu erhalten. Die gesetzliche Unfallversicherung

deckt alle Arbeits- und

Wegeunfälle ab. Damit sind etwa auch Mitglieder

und Helfer gesetzlich unfallversichert,

die bei einer Vereinsveranstaltung bestimmte

Aufgaben wahrnehmen.

Private Unfallversicherung: Für einen umfassenden

Risikoschutz im Fall eines Unfalls sollten

Ehrenamtliche und Vorstandsmitglieder

entweder alternativ oder ergänzend eine private

Unfallversicherung haben. Eine solche

Besondere Vorsicht bei Kinder- und Jugendaktionen

Police haben die Bundesländer als eine Gruppenunfallversicherung

für hauptamtliche

und ehrenamtliche Mitarbeiter abgeschlossen.

Rechtsschutzversicherung: Das ist empfehlenswert,

wenn der Verein sozialversicherungspflichtige

Mitarbeiter beschäftigt. Denn

die Police umfasst unter anderem den Arbeitsrechtsschutz.

83


„Gut Klang“ und seine

erfolgreichsten Dirigenten

Große Beachtung in der Szene der Flötenorchester

und Spielleutegruppen fand der Aspekt,

dass jede der Meisterschaften mit einem

anderen Dirigenten zustande kam. Wir

behaupten: gerade deshalb war und ist „Gut

Klang“ so erfolgreich. Jeder konnte seine

Handschrift einbringen.

Bruno Stracke (2008)

2010 hatte Bernd Wysk das Orchester erst

drei Monate vor dem Wettbewerb in

Rastede von Bruno Stracke übernommen.

Bruno Stracke war der erste Berufsmusiker in

der Leitung von „Gut Klang“. Er war Klarinettist

und damals stellvertretender Leiter der

RWE-Orchesters. Flankiert wurde die Arbeit

von Bruno Stracke durch die Beratung von

David Krohn, der auch das Musikstück für die

Deutsche Meisterschaft 2010 „Märchenstunde“

komponiert hatte. Bernd Wysk, der

damalige Leiter des ProjektOrchesters NRW,

nutzte das von Bruno Stracke gebildete musikalische

Fundament und brachte seine

Stärke ein: die Begeisterungsfähigkeit. Bernd

Wysk arbeitete ein gutes Jahr für „Gut

Klang“. Danach übernahm Christoph Ahlemeyer,

der bereits in Rastede zur Meistermannschaft

gehörte.

Christoph Ahlemeyer arbeitete als Komponist

und auch als Dirigent und Dozent in verschiedenen

Vereinen und Musikverbänden.

Sein persönliches Steckenpferd war neben

der Erschließung neuer zeitgenössischer Literatur

auch die Wiederentdeckung und Pflege

historischer Musizierpraktiken. Seine Kompositionen

wurden oft ausgezeichnet. Beide

Meisterschaftsstücke in Chemnitz 2013

stammten aus der Feder von Christoph

Ahlemeyer. Nach der Deutschen Meisterschaft

2013 übergab Christoph den Taktstab

an David Krohn.

Der in Schleswig-Holstein geborene David

Krohn studierte nach seinem Schul-Abschluss

Querflöte im Hauptfach an der Hochschule

für Musik und darstellende Kunst in Frankfurt

am Main. In dieser Zeit spielte er unter anderem

als Soloflötist im Filmorchester in Frankfurt,

Orchester Kempten und Landesorchesters

der Spielleute. Von 2008 bis 2015 arrangierte

und komponierte er für den Verlag

„Significant Sound Project“. David hatte an

den Erfolgen insofern erheblichen Anteil,

weil er mit wunderschönen Arrangements

großer Film-Soundtracks große Motivation

bei den Musikern von „Gut Klang“ erzeugte,

die in erfolgreichen Konzerten aufgeführt

wurde. 2015, kurz vor der Deutschen Meisterschaft

übernahm dann Tobias Lempfer, da

David sich auf seine Ausbildung als Musical-

Darsteller konzentrierte, aber auch weiterhin

als Flötist spielte. Tobias Lempfer studierte

Querflöte und Musikerziehung an der Hochschule

für Musik und Theater Hannover. Seit

Bernd Wysk (links) und

Christoph Ahlemeyer (rechts)

Abschluss des Studiums unterrichtet Tobias

als selbstständiger Musiklehrer privat und für

Musikschulen in und um Hannover. Er

konzertiert regelmäßig solistisch und als

84


Mitglied verschiedenen

Kammermusikbesetzungen.

Flötenorchester und Flötenensembles

verlassen sich

auf seine langjährige Erfahrung

und laden ihn regelmäßig

als Dozent zu Workshops

ein.

Bei der Arbeit mit Flötenorchestern

entstanden regelmäßig

Arrangements und

Kompositionen. Für „Gut

Klang“ schrieb Tobias Lempfer

das Wettbewerbsstück

„Geschichte von Loch Ness“.

Letzter Dirigent in der Erfolgsgeschichte der

Deutschen Meisterschaften ist Henk Smit.

Henk Smit arbeitete bis zu seinem Ruhestand

Tobias Lempfer (links) und Henk Smit (rechts)

als Senior Mitarbeiter für Kulturelle Bildung

bei dem Landelijk Kennisintituut voor Cultuureducatie

en Amateurkunst (LKCA), dem

nationalen Stützpunkt für kulturelle Bildung

und Laienkunst in den Niederlanden. Zuvor

hat er als Schlagzeugdozent an den Musikschulen

von Buitenpost und Leek gearbeitet

und war Dirigent des Nationalen Jugend

Schlagzeugensembles der Niederlande. Mit

dem Schlagzeugensemble der Musikschule

Buitenpost gewann er verschiedene nationale

Wettbewerbe, und wirkte an verschiedenen

Rundfunk- und Fernsehsendungen sowohl

der öffentlichen als der kommerziellen

Rundfunkanstalten in den Niederlanden mit.

Henk hat an dem Konservatorium von Groningen

Schlagzeug, so wie Blasmusikdirektion

an dem Konservatorium in Rotterdam

David Krohn, Komponist und Arrangeur für „Gut Klang“

85

studiert. Seit 1991 ist Henk Mitglied des Musikalischen

Beratungsausschusses des Welt

Musik Wettbewerbs (WMC) Kerkrade. Während

des 13. WMC’s 1997 war er als Juror bei

dem Konzertwettbewerb für Schlagzeugensembles

und bei den Showwettbewerben tätig.

In 2001, 2005, 2009 und 2013 war Henk

der unabhängige Vorsitzender der WMC

Jury. Als Juror in Japan, Brasilien, Großbritannien,

Kanada, Italien, Malaysien, Singapore,

Deutschland, und Dänemark mitgewirkt. Von

seiner Hand erschienen verschiedene Kompositionen

für Schlagzeugensemble.

Allerdings darf man auch das Wirken eines

Mannes nicht vergessen, der Wegbereiter

für den herausragenden überregionalen Erfolg

des damaligen Jugend-Tambourkorps

„Gut Klang“ Oberaußem

und später von

„Gut Klang“ Erftstadt

war: Willi Effern.

Durch seine Arrangements

und seine Fähigkeit

andere Menschen

zu motivieren,

schaffte er es, die

jungen Musiker als

Botschafter der Willi Effern (†2015)

Spielleutemusik auszubilden,

ähnlich wie er dies in den achtziger

Jahren in seinem Heimatverein „Rheingold“

Hürth-Efferen schaffte. Das Jugend-Tambourkorps

hatte 1991 die große Ehre, als Demonstrationsspielmannszug

an der Musikhochschule

Münster auftreten zu dürfen.

Willi Effern war Dirigent bei der Deutschen

Meisterschaft 1994 in Wirges, die „Gut


Klang“ gewannt. Erst mit der Umstellung von

klappenlosen Querflöten auf die großen Flöten

mit Klappen zog er sich mehr und mehr

zurück. Willi Effern ist nie als musikalischer

Leiter von „Gut Klang“ zurückgetreten. Er hat

sich einfach zurückgezogen. „Gut Klang“ Erftstadt

e.V. hätte noch gerne mit ihm viele

Jahre zusammengearbeitet und ihn gerne

mit einbezogen.

Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt 1970

e.V.

1970 – 1981 Matthias Kanes

1981 - 1991 Horst Pramschiefer

1991 - 1994 Rolf Motz

„Gut Klang“ Erftstadt e.V.

1994 bis 2006 Willi Effern

2006 bis 2010 Bruno Stracke

2010 bis 2011 Bernd Wysk

2011 bis 2013 Christoph Ahlemeyer

2013 bis 2016 David Krohn

2016 bis 2018 Tobias Lempfer

2018 bis … Henk Smid

Ko-Dirigenten bzw. Leiter Orchesterausschuss

1994 bis 2000 Silvia Nau

2000 bis 2006 Georg Bollig

2006 bis 2014 Rolf Motz

2014 bis 2018 Nicole Mohles / Sandra

Gauditz / Frank Fuß

2018 bis … Jan Schillings / Jan Hendrik

Pfeiler / Nicole Mohles

Kein Dirigent kann erfolgreich sein oder ein

Team. Deshalb sind die Ko-Dirigenten oder

die Leiter des Orchesterausschusses mindestens

genauso wichtig, wir der Taktgeber bei

großen Wettbewerben und Konzerten.

Eine bedeutende Rolle spielt dabei in der Gegenwart

Jan Schillings, weniger als Dirigent

bei Meisterschaften oder großen Konzerten,

aber dafür im so entscheidenden Alltagsgeschäft,

dem allwöchentlichen Probenbetrieb

und den vielen größeren und kleiner

86

Auftritten außerhalb der großen Wettbewerbs-

und Konzertwelt. Seit 2018 strukturiert

Jan Schillings die musikalische Arbeit des

Hauptorchesters und findet dabei noch Zeit

Henk Smit und Jan Schillings (rechts)

für die Bearbeitung von Werken für Konzert

und Wettbewerb. Das Meisterschaftsstück

„Pilatus“ bearbeitete Jan Schillings sehr erfolgreich

für Flötenorchester. Der aus Heinsberg

stammende leidenschaftliche Musiker

und Pädagoge ist seit Jahren Juror des Volksmusikerbundes

NRW in der Konzertklasse

und für den Bereich Marsch und Show tätig.

Seit 2020 ist Jan Schillings Bundesmusikdirektor

und Vorsitzender Fachbereich Spielleutemusik

in der Bundesvereinigung Deutscher

Musikverbände e.V.

Nicole Mohles, langjährige Soloflötistin

von „Gut Klang“

Aber auch Silvia Nau, Georg Bollig, Rolf Motz,

Sandra Gauditz, Jan-Hendrik Pfeiler, Frank

Fuß und Nicole Mohles arbeiteten hart hinter

den Kulissen und sicherten so durch die Probenleitung

im Alltagsgeschäft und Dirigat bei

vielen weniger großen Gelegenheiten die

großen Erfolge.

Eine besondere Verneigung gebührt dabei

Nicole Mohles. Die vielleicht beste und erfolgreichste

Flötistin in der Flötenorchester-

Szene schenkte durch ihre grandiosen Fähigkeiten

auf der Querflöte nicht nur „Gut

Klang“ Erftstadt großartige Erfolge, sondern

auch dem Publikum wunderschöne Stunden.


8 Wie organisiere ich meinen Verein

Über viele Jahrzehnte hinweg organisieren

und organisierten Vereine sich wie folgt:

Vorsitzende/r und Stellvertreter/in, Geschäftsführer/in

und Stellvertreter/in, der

Kassierer/in und Stellvertreter/in, Jugendleiter/in

und Stellvertreter/in sowie eventuelle

Beisitzer/innen sowie in Musikvereinen Dirigent/in,

wenn sie/er denn keine Honorarkraft

war.

Es war eine mehr oder weniger bewährte

Aufgabenverteilung, wenn es sich um bewährte,

erfahrene und zuverlässige Vereinsmitglieder

handelte. Die dazu noch als Team

gut funktionierten.

Doch die Zeiten haben sich verändert. Mitglieder,

die sich im Verein engagieren und

dazu noch erfahren und sachkundig waren,

sind weniger geworden und so verteilte sich

die Arbeit auf immer weniger Schultern. Eine

Konzentration auf wenige handelnde Personen

schafft Abhängigkeiten und Überlastungen.

Es wird hinterfragt, warum SIE oder ER

nicht mehr leisten können, als sie derzeit abliefern.

Das Team rückt in den Hintergrund.

Die Einzelkämpfer halten den Verein zusammen

bis auch die ausgebrannt sind. Ergebnis

ist ein in der Breite deutlich zu erkennendes

Vereinssterben, weil zu wenig Personen sich

engagieren und „Schwarmintelligenz“ nicht

genutzt wurde.

Schwarmintelligenz, eine kollektive Intelligenz,

ist ein Phänomen, bei dem Gruppen

von Individuen durch Zusammenarbeit, unabhängig

von der Intelligenz der einzelnen

Mitglieder, intelligente Ideen entwickeln und

Entscheidungen treffen können.

Der Begriff wird seit langer Zeit, in vielen verschiedenen

Bedeutungen verwendet, erlangte

aber größere Aufmerksamkeit und Popularität

erst durch die Kommunikationsmöglichkeiten

größerer Gruppen von Menschen

über elektronische Medien wie das Internet.

Unter dem Begriff kollektive Intelligenz werden

zum Teil ganz verschiedene Ansätze zusammengefasst,

von kollektiven Entscheidungen

nicht oder nur wenig miteinander interagierender

Individuen bis hin zu selbst organisierenden

Gruppen, die durch intensive

Kommunikation untereinander integriert

sind und so sogar eine Individualität höherer

Ordnung (einen „Superorganismus“) bilden

können. Gemeinsam ist ihnen meist eine dezentrale,

nicht-hierarchisch organisierte Entscheidungsstruktur.

„Gut Klang“ nutzt über seine Ausschussstruktur

das Phänomen der „Schwarmintelligenz“.

Wir verstehen darunter eine gemeinsame,

konsensbasierte Entscheidungsfindung. Kollektive

Intelligenz ist ein altes Phänomen, auf

das Fortschritte in Informations- und Kommunikationstechniken

neu und verstärkt hinwiesen.

Teamarbeit und eine intensive Kommunikation

unter Zuhilfenahme des Internets

und seiner sozialen Netzwerke vereinfacht

es wie nie zuvor, dezentral verstreutes

Wissen der Menschen zu koordinieren und

deren kollektive Intelligenz auszunutzen.

Die Hierarchie in einer

Aufbauorganisation – Vorstand hat

Macht und macht alles

Die eingangs beschriebener Organisationsform

mit klarer fachlicher Rollenverteilung

nennt man Aufbauorganisation. Die Aufbauorganisation

bildet das hierarchische Gerüst

einer Organisation, da sie die Rahmen-

87

bedingungen dafür festlegt, welche Aufgaben

von welchen Personen / Abteilungen

übernommen werden.

Das Gesamtziel des Vereins wird so in verschiedene

Teilaufgaben zerlegt und einzelnen

Aufgaben zuordnet.

Einzelne Tätigkeiten können in verschiedene

Gruppen wie Verwaltungsarbeiten, Buch-


haltung und Kassenführung, Jugendarbeit,

Ausbildung, technische Aufgaben zusammengefasst

werden.

Teilaufgabenwerden werden in Ausführungsaufgaben

und Entscheidungsaufgaben unterteilt.

Entscheidungsaufgaben haben dabei jedoch

einen höheren Rang. In der Regel sind

es die Aufgaben, die dem Vorsitzenden zugeteilt

sind oder dem Dirigenten. Hierunter fallen

betrieblicher Phasen wie Planung, Umsetzung

von Maßnahmen und Kontrolle.

Aufbauorganisation Spielmannszug „Blau

Weiß“ Erftstadt 1970 e.V. im Gründungsjahr

1970 (eingetragen in das Vereinsregister am

13.10.1971)

Der Vorstand im Jahr 1970 hatte die Macht

und er machte alles.

Aufbauorganisation von „Gut Klang“ Erftstadt

e.V. im Jahr 2020:

Vorsitzender Rene Begic verantwortet…

• Technikausschuss: Leiter Holger Lohmann

• Jugendausschuss: Leiterin Annika Motz

Stv. Vorsitzende Patricia Hudler verantwortet…

• Orchesterausschuss: Leiter Jan Schillings

• Lehrorchester-Ausschuss: Leiter Jan-Hendrik

Pfeiler und Amelie Krahl

Schatzmeister Frank Fuß verantwortet…

• Rechts- und Finanzausschuss: Waltraud

Vorstand im Jahr 1995: vordere Reihe von links Rita Ruckes, Silvia Nau, Klaus Nau, Rolf Motz. Hintere Reihe von links

Peter Ruckes, Frank Fuß, Helga Leiseifer, Werner Lenz, Georg Bollig

• Vorsitzender: Horst Moitzheim

• Stv. Vorsitzender: Franz Kuhn

• Kassierer: Willi Brück

Schriftführerin: Maria Moitzheim

Tambourführer: Matthias Kanes

Jugendleiter: Johannes Kanes

Schöner

• Verwaltungsausschuss: Jutta Rademacher

Dazu kommt das Maßnahmen-Controlling

aus Planung, Freigabe und Umsetzung von

Maßnahmen der Ausschüsse hinzu sowie repräsentative

Aufgaben. Der Vorstand selbst

hat im Idealfall keine eigenen operativen

Aufgaben.

88


Die Ausschussleiter vertreten die Anliegen

des Ausschusses im Hauptausschuss. Der

Hauptausschuss trifft sich bei „Gut Klang“

fallweise zu Geschäftsordnungsänderungen,

jedoch mindestens einmal jährlich zur gegenseitigen

Information.

Ohne „Handwerker“ funktioniert nichts: rechts Technikausschussleiter

Holger Lohmann (2005)

Jeder Ausschuss hat eine Stimme im Hauptausschuss.

Außerdem haben die Vorstandsmitglieder

Stimmrecht. Bei Stimmengleichheit

entscheidet die Stimme des Vorsitzenden.

Der Vorstand kann zur

Hauptausschusssitzung oder zu bestimmten

Tagesordnungspunkte Gäste einladen, die allerdings

nicht stimmberechtigt sind.

Der Hauptausschuss nimmt die Berichte der

Ausschüsse entgegen. Eine detaillierte Facharbeit

findet im Hauptausschuss nicht statt.

Der Hauptausschuss stellt gegenseitige Information

und Kommunikation sicher. Der

Hauptausschuss ist, abgesehen von Geschäftsordnungsfragen,

kein beschlussfassendes

Gremium. In der Corona-Krise

agierte der Hauptausschuss in Video-Konferenzen

als zentrales Entscheidungsorgan,

um den Vorstand zu unterstützen.

Besonderheit: Ist der Dirigent ein Mitglied

des Orchesters, so ist er geborenes Mitglied

des Hauptausschusses. Dies gilt

nicht für Dirigenten mit Honorarvertrag.

Bei „Gut Klang“ im Jahr 2020 hat der Vorstand

zwar Macht, aber er macht bei weitem

nicht alles. Dafür sind die Ausschüsse da.

Prozessuales Denken in der

Ablauforganisation – das Team

denkt und arbeitet mit

Wie sieht moderne Vorstandsarbeit aus? Obwohl

„Gut Klang“ bereits die Teamarbeit in

der Ausschussarbeit einer Aufbauorganisation

verankert ist, hat die Teamarbeit im Ablauf

der Vereinsprozesse noch eine viel stärkere

Bedeutung.

Die Ablauforganisation beschreibt die inhaltliche,

räumliche und zeitliche Abfolge von Aktivitäten,

um eine Aufgabe zu erfüllen. Sie regelt

den Ablauf des Vereinsgeschehens unter

Berücksichtigung der Anforderungen an das

gewünschte Ergebnis und des Leistungsvermögens

der ehrenamtlich handelnden Personen

und verfügbarer Finanz- und Sachmittel.

Somit steckt in der Aufbauorganisation bereits

ein prozessuales Denken.

Exemplarisch hier die Rollenverteilung im

LeO-Ausschuss (Stand Frühjahr 2020):

• Koordination/Steuerung Musik Leo und

Dirigent: Jan-Hendrik Pfeiler

• Organisation und kfm. Aufgaben LeO: A-

melie Krahl

• Koordination Ausbildung Flöte: Annika

Motz (gleichzeitig Vertreterin des Jugendausschusses

im LeO)

• Koordination Ausbildung Rhythmus: Peter

Ruckes /Tom Glasmacher

• Koordination Ausbildung Mallets: Jan-

Hendrik Pfeiler

• Dazu das Ausbilderteam Flöten: Petra,

Rita, Amelie, Annika, Anina

• Derzeitiges Ausbilderteam Rhythmus/Mallets:

Peter, Jan-Hendrik, Tom, Kai

Damit ist innerhalb einer Aufbauorganisation

eine weitere hierarchische Ablauforganisation

integriert. Ergänzt wird diese Ablauforganisation

um eine Projektorganisation, z.B.

für das Projekt „Künste öffnen Welten – Musik

grenzt keinen aus 2.0“. Hier sind innerhalb

des Projektes die prozessualen Abläufe stärker

im Fokus:

• Steuerung, Koordination, Kommunikation:

Rolf Motz

89


Beim Weihnachtskonzert 2011

• Mittelabruf und Nachweise: Waltraud

Schöner

• Musikalische Umsetzungsverantwortung:

Jan-Hendrik Pfeiler

• Administrative Umsetzungsverantwortung:

Amelie Krahl

• Außermusikalische Maßnahmen: Annika

Motz

• Pädagogische/Musikalische Beratung: Jan

Schillings

• Projektaufsicht, -integration, -verantwortung:

Vorstand

Zwar hat der Vorstand die Gesamtverantwortung

für ein Projekt, dennoch ist es keine

Hierarchie. Die Verantwortlichen für die Prozessschritte

sind selbständig und eigenverantwortlich

und müssen sich aber wie kleine

Zahnräder in den Gesamtablauf einfügen.

Kreatives Chaos – Man hat Erfolg

und weiß nicht warum

Wenn ich über Aufbau- und Ablauforganisation

schreibe und dies anhand von Beispielen

aus der Arbeit von „Gut Klang“ erkläre, so

glaubt man als Leser, dass „Gut Klang“ Erftstadt

e.V. der perfekt geführte Verein ist und

war. Das war „Gut Klang“ nie und zu keiner

Zeit. In Teilen musste man als Neueinsteiger

glauben, dass es doch chaotisch zugeht. So

viele reden mit, so viele tragen Verantwortung

und wenn wer etwas zu Auftritten fragen

möchte, an wen muss man sich wenden?

An den Vorsitzenden, an die Stellvertreterin,

an die Verwaltungsausschussleiterin, an den

Orchesterausschussleiter, an den Dirigenten

oder an den Orchestersprecher? Wenn ist

denn eigentlich zuständig?

90

Nun, wenn Kommunikation funktioniert,

dann wissen all diese „Player“ ihre Rollen und

die Mitglieder sind informiert. Wenn Kommunikation

nicht funktioniert, dann wird

man von einem zum anderen geschickt. Und

so kann eine „Über-Organisation“ in der Tat

zu chaotischen Verhältnissen führen. Insbesondere,

wenn die handelnden Personen

nicht wissen, ob Informationen eine Holschuld

oder eine Bringschuld sind.

Aber sind wir ehrlich: in früheren Organisationen

wussten oft nur ein oder zwei Personen

über die Vielzahl der Themen bescheid. Der

Verein war abhängig vom Engagement ganz

weniger.

In einem organisatorischen Gebilde, wie „Gut

Klang“ es lebt, werden viele mitgenommen

und fühlen sich verantwortlich für die


Abläufe. Dass es dann zu Schnittstellenproblemen

kommt, wo nicht ein Zahnrädchen ins

andere greift, liegt in der Natur der Sache.

Der Vereinserfolg lastet aber nicht mehr auf

den Schultern ganz weniger.

So manches Mal habe auch ich auf das „Gut

Klang“-Gebilde geschaut und mich gefragt,

warum haben wir eigentlich so viel Erfolg? Es

ist das Vertrauen, dass man dem Orchester

und allen weiteren Vereinsabteilungen

schenkt. Der langjährige Vorsitzender Rene

Begic, der seit 2005 den Verein führt und

auch in 2020 noch im Amt ist, hat sich nie in

die Prozesse eingemischt. Er hat Vertrauen

geschenkt. Das wusste aber auch jeder, der

Engagement. Nach dem Motto: dann mach

doch alles selbst.

„Gut Klang“ nach der Siegerehrung bei der Deutschen Meisterschaft 2013 in Chemnitz

einen Ausschuss leitete. Und das wusste

auch ich als sein langjähriger Stellvertreter.

Somit sind wir alle ein Stück weit schneller

und mehr gelaufen, als wir eigentlich von unserer

Rolle her das mussten. Man kennt das

im Betrieb: wenn der Chef seinen Mitarbeitern

vertraut, dann sind alle konzentrierter

und engagierter bei der Sache. Ist der Chef

Perfektionist mit wenig Fehlertoleranz, dann

lähmt das die Motivation und das

Rene Begic hat oft laufen lassen- Er hat nicht

die Autorität seines Amtes walten lassen,

wenn Proben schlecht besucht waren oder

Ausschüsse nicht gut funktionierten. Das

führte zwischenzeitlich zu einem chaotischen

Gefühl. Aber aus dem Chaos entstanden

Ideen. Und diese Ideen führten letztlich zum

Erfolg. Man sollte sich zwar nicht immer auf

Selbstheilungskräfte von „Gut Klang“ verlassen.

Aber es gibt sie. Und im Kern gehört

„Gut Klang“ zu den wahrscheinlich am besten

organisierten Flötenorchester Deutschlands.

Es ist halt wie im Ameisenhaufen: viele arbeiten

scheinbar chaotisch aber es entsteht ein

großes Ganzes.

So manchen Dirigenten machte es in der Vergangenheit

wahnsinnig, wenn sechs Wochen

vor einer Deutschen Meisterschaft oder vor

einem Konzert das Musikprogramm noch

nicht aufführungsreif war. Rene beruhigte

mit rheinländischer Mentalität: „Et hät noch

emmer jot jejangen.“ Und es ging gut. Weil

alle sich vertrauten.

91


9 Visionäre Jugendarbeit

Die Jugendarbeit eines Vereins sollte vor allem

eins sein: unangepasst und mutig. Sie

Leiten die Jugendarbeit im Jahr 2020: Annika Motz (links) und Amelie Krahl

(Mitte) zusammen mit der stv. Orchestersprecherin Anina Berg

sollte den Verein treiben und Chancen und

Risiken früher und offener ansprechen als

das Establishment im Verein. Querdenken

statt Einnisten. Aber vielfach ist zu beobachten,

dass heute viele junge Leute schon von

ihrer Grundeinstellung eher umgekehrt denken.

Vollpension, Putz- und Bügelservice sowie

Unterstützung in allen Lebensbereichen

– das "Hotel Mama" hat auf den ersten Blick

vor allem Vorzüge. Auch deshalb ist es begehrt

wie nie zuvor.

Vor vierzig Jahren galt es als oberstes Ziel,

möglichst zügig dem Elternhaus zu entfliehen.

Zu unterschiedlich waren

die Ansichten einer Generation,

die den Krieg miterlebt

hatte und dem Nachwuchs,

der auf der Straße dagegen

skandierte.

Heute ist die Elterngeneration

verständnisvoller und

smarter. Es scheint attraktiv

zu sein, mit Eltern unter einem

Dach zu wohnen. Ideologische

Streitpunkte bleiben

aus, da man sich nicht aneinander

reibt. Alle sind für

Umwelt- und Klimaschutz.

Die Freundin oder der Freund

darf übernachten, man isst

gemeinsam zu Abend – alles

ist cool. Wieso also ausziehen?

Und diese Generation soll starke Führungspersönlichkeiten

stellen? Ganz so negativ will

ich es nicht sehen. Wenn junge Leute die

häusliche Komfortzone verlassen in die unkomfortable

Welt, und sei es auch immer nur

für kurze Zeit, dann haben sie das Bedürfnis

manch Schlechtes zum Guten zu wenden. Dafür

braucht es aber vor allem eins: Visionen.

Wer sonst als junge Leute hat diese unerschöpflichen

und unverbrauchten Zukunftsvisionen?

„Wer Visionen hat, sollte zum Arzt

gehen“

Der Spruch stammt vom ehemaligen Bundeskanzler

Helmut Schmidt 1980 im „Spiegel”

über Willy Brandts Visionen im Bundestagswahlkampf.

Im Zusammenhang mit strategischen Prozessen

in Unternehmen und Vereinen hat

Schmidt mit diesem Ausspruch nachweislich

nicht Recht behalten:

92

Vereine sind Organisationen, in diesen sind

Menschen versammelt. Diese Menschen benötigen

Visionen und Missionen und die hieraus

abgeleiteten Ziel- und Regelwerke.

Ohne diese strategisch wichtige Fokussierung,

ohne klare Mission und Vision werden

Vereine dauerhaft nicht erfolgreich sein, weil

ihnen die sinnstiftende Grundlage fehlt.

Eine stimmige Vision ist ein unverzichtbares

und starkes Führungswerkzeug mit enormer

positiver Wirkung auf ein Team. Ohne diese

Vision entsteht eine konzeptionelle Leere,


die dann jedes Mitglied mit seiner eigenen

Vorstellung von den vermeintlichen Zielen

und Aufgaben füllt.

Die Vision ist das entscheidende langfristige

Zielbild für einen Verein, sie sorgt bei den Beteiligten

für die nötige Orientierung

und die für die

Motivation so unverzichtbare

Sinnstiftung.

Mit einer Vision konzentriert

man alle Kräfte in

Form von Zeit, Idee und

Ressourcen. Das Team

kann wesentlich wirkungsvoller

arbeiten und deutlich

erfolgreicher sein.

Die Vision ist das genaue

Bild von im Team erstrebten

und gewollten Zukunft

des Vereins. Wie wollen

wir es machen und was

treibt uns an? – Sie beschreibt die Akteure

und was dafür notwendig ist die Mission

letztlich zu erfüllen. Die Vision passen wir regelmäßig

an die Erfahrungswelt an. Junge

Leute sind geborene Visionäre. Mark Zuckerberg

war 19 als er die Facebook-Idee realisierte,

Bill Gates war 20 als er die Basis für

Microsoft schaffte und Steve Jobs gründete

mit 21 Jahren Apple.

Der „zweite Anzug“ – Meister im

Querdenken

Wenn man so will, so gilt der Vorstand als

„erster Anzug“ der Vereinsführung. Hier werden

die Regeln für das Zusammenleben in

der Gruppe festgelegt. Hier werden die für

die Vereinsziele notwendigen

Mittel generiert, es werden

Netzwerke gebildet zur Politik,

zu Verbänden, zu Kooperationspartnern

und anderen Vereinen.

Hier ist der geballte Erfahrungsschatz

der Gruppe.

Doch erfahrene Vereinsführungen

laufen Gefahr sich zu sehr

und zu lange in der eigenen

Suppe zu bewegen. Das heißt,

dass sich aus dem Wenn-Dann-

Prinzip in einer Situation Folgehandlungen

basierend aus Erfahrungen

ergeben. Das ist per se nicht falsch

und gibt Sicherheit und Leitplanken für die

Arbeit von Führungskräften in Vereinen. Die

Gefahr besteht: es werden die gleichen

93

Fehler immer wieder aufs Neue gemacht,

weil man immer wieder nach gleichem Muster

reagiert.

Und noch schlimmer: diese Muster werden

an den Nachwuchs weitergereicht. Jugendorganisationen

profitieren zwar von den Erfahrungen

aus dem Erwachsenenbereich. Sie

Flötistin Lena Heinen

laufen aber Gefahr, die gleichen Fehler zu

machen. Lerneffekte bleiben aus. Veränderungsbereitschaft

ist nicht vorhanden. Und


eine gesunde Fehlerkultur kann sich nicht

entwickeln.

Stefan Schöner, ehemaliger

Jugendleiter

Mit Mut neue Wege

gehen, dass bringt

Vereine, Teams und

Projekte voran. Warum

muss sich ein

Jugendvorstand eines

Vereins so aufstellen,

wie der Vorstand

der Erwachsenen?

Warum werden

die Strukturen

oft so straff aufgestellt,

wie die im Erwachsenenbereich? Warum

kommt man in Jugendleitungen oft so

selten den Bedürfnissen junger Leute entgegen

mehr in Projekten oder Arbeitsgemeinschaften

zu denken und zu wirken?

Laterales Denken

Das laterale Denken, eine 1967 von dem Briten

Edward de Bono entwickelte Denkmethode,

daher auch auf Englisch lateral thinking

genannt.

Lateral kommt aus dem Lateinischen von latus

= Seite und bedeutet so viel wie querdenken,

um die Ecke denken. Es steht somit im

Gegensatz zu dem herkömmlichen linearen,

vertikalen Denken. Die Idee dahinter: Eingetretene

Pfade sollen verlassen werden.

Querdenker braucht ein erfolgreicher Verein.

Nur so kann der „zweite Anzug“ den „ersten

Anzug“ antreiben. Wer hat schon etwas vom

„lateralen Denken“ gehört? Es beschreibt das

bewusste Querdenken, etwa um mentale

Blockaden zu lösen. Die typischen Werkzeuge

dazu: Provokation von Widersprüchen,

Übertreibung, exakt gegenteilige Annahmen

und ungewöhnliche Assoziationen.

In einem spielerischen Prozess durch Denken

sollen jenseits der traditionellen Wege neue,

kreative Ideen gefördert werden. Erreicht

wird dies, indem eine Sache von allen Seiten

betrachtet wird.

De Bono sagte selbst über seine Methode:

„Es ist die Fähigkeit, aus dem Gefängnis der

alten Ideen auszubrechen und neue zu entwickeln.

Diese Art zu denken, nenne ich

94

laterales Denken. Das vertikale Denken treibt

die Ideen weiter, die das laterale Denken hervorgebracht

hat. Man gräbt kein zweites

Loch, wenn man ein bereits vorhandenes

vertieft. Das laterale Denken wird angewendet,

um woanders ein Loch zu graben.

Das vertikale Denken ist analytisch, selektiv

und logisch. Die einzelnen Schritte müssen

korrekt sein, es ergibt sich jeweils der

nächste aus dem vorherigen. Alles, was unwichtig

erscheint, wird im vertikalen Denken

ignoriert. Sämtliche Denkkategorien und

Klassifizierungen sind festgelegt und es wird

der erfolgversprechendste Weg gewählt. Andere

Richtungen werden ausgeschlossen.

Anders das laterale Denken. Es ist provokativ,

generativ und sprunghaft. Lineare Denkmuster

werden ausgeblendet, indem nach der

unwahrscheinlichsten Lösung für ein Problem

gesucht wird. Das schließt ausdrücklich

ungewöhnliche Vorschläge, aber auch mögliche

Fehler ein. Die werden zum Anlass genommen,

um aus ihnen zu lernen. Das laterale

Denken begünstigt sprunghafte Denkweisen

und diffuse Assoziationen, auch gedankliche

Abschweifungen werden begrüßt,

sofern das Ziel im Blick behalten wird.“

Geleitet wird das laterale Denken dabei von

vier Grundprinzipien:

• Erkennen herrschender Denkvorstellungen.

• Suchen nach anderen Wegen für eine Betrachtungsweise.

• Lockern der durch vertikales Denken verursachten

Kontrolle.

• Bewusstes Verwenden des Zufalls.

Laterales Denken lernen: Überwinden von

vertikalen Denkmustern

Um diese vier Grundprinzipien umzusetzen

und typisch lineares Denken zu überwinden,

empfiehlt de Bono folgende Vorgehensweise:

• Umkehren des Blickpunkts

• Denken in visueller Form

• Zerlegen eines Problems in kleinere Bestandteile,

um eine neue (andere) Zusammensetzung

zu erreichen


• Verändern der Relationen

• Bilden von Analogien, indem man auf eine

andere Situation überträgt

• Hinwenden der Aufmerksamkeit von offensichtlichen

zu weniger signifikanten Aspekten

Dabei geht es nicht einfach nur darum, etwas

anderes als zuvor zu machen. Der Gedanke,

der hinter allem steckt, ist: Alle Innovationen

sind irgendwann aus unsinnigen Ideen hervorgegangen.

Oder wie Friedrich Nietzsche es formulierte:

Cornelia Krome mit Maskottchen „BÄRnd“ bei den Deutschen Meisterschaften

2010 in Rastede

Laterales Denken der Mitglieder ermöglicht

einem Verein eine neue Sicht auf anstehende

Probleme und so neue Möglichkeiten sich gegenüber

anderen Vereinen abzugrenzen.

Rätsel: Finde die Lösung?

Im Deutschen wird der Begriff des lateralen

Denkens oft auch synonym mit kreativem

Denken gebraucht.

Bei ersterem, dem lateralen Denken, geht es

aber meist darum, eine bessere Lösung für

ein bestehendes Problem zu finden, während

letzteres, das kreative Denken, eingesetzt

wird, um überhaupt neue Ideen zu finden.

Um zu verdeutlichen, wie laterales Denken

funktionieren kann, könnt ihr ja vielleicht

einfach mal folgendes Rätsel lösen…

„Man muss noch Chaos in sich haben, um einen

tanzenden Stern gebären zu können.“

Wer ist darin besser, als eine Jugendgruppe?

Querdenken erfordert von den Denkenden,

ihre gewohnten Denkweisen zu verändern.

Das birgt auch eine Unsicherheit und verlangt

im Gegenzug ein gewisses Maß an

Selbstvertrauen, was durch die bereits angesprochene

Fehlerkultur gestützt wird. Dabei

sind die wichtigsten Anforderungen an die

Beteiligten, dass sie zuhören und beobachten

können.

Für Vereine liegt der Vorteil auf der Hand:

Nur solche, die ein Alleinstellungsmerkmal

haben, sind für die Zukunft

gewappnet. Dazu bedarf es

außergewöhnlicher Ideen so

dass im Verdrängungswettbewerb

des Freizeitbereiches

neue und lukrative Marktsegmente

erschlossen werden

können.

Stellt euch vor: Ihr fahrt mit

dem Auto und haltet eine

konstante Geschwindigkeit.

Rechts neben euch fährt ein

riesiges Feuerwehrauto. Vor

euch galoppiert ein Schwein

und hinter euch verfolgt euch

ein Hubschrauber auf Bodenhöhe. Das

Schwein und der Hubschrauber halten exakt

Ihre Geschwindigkeit. Was macht ihr, um der

Situation gefahrlos zu entkommen?

Die Antwort: Vom Kinderkarussell absteigen!

Falls ihr aus den gegebenen Parametern erkannt

und assoziiert habt, welche Situation

beschrieben wurde, dann habt ihr lateral gedacht.

Humor wie in dem Rätsel oben ist ein gutes

Beispiel für Querdenken: Gute Witze spielen

exakt mit dem Wechsel von Denkmustern.

Darin liegt die Quelle unseres Amüsements:

Wir haben eine bestimmte Erwartungshaltung,

die einer Logik folgt – und genau diese

wird gebrochen und geht in eine völlig andere

Richtung

95


Von der Wiege über die Trotzphase

und der Pubertät bis zum

erwachsenen werden

Nachwuchs ist für jeden Verein die Zukunft.

Insbesondere wenn es sich um Teams im

Sport oder Orchester handelt. Eine gut funktionierende

Gruppe braucht genügend Mitwirkende

sonst ist der Sport oder die Musik

nicht umsetzbar.

Eine erfolgreiche Jugendarbeit, ein gutes

Ausbilder-/Trainerteam und eine gute Infrastruktur

sind Voraussetzung für die Förderung

der Kinder und Jugendlichen. „Gut

Klang“ beginnt damit schon im Kindergartenalter.

Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren lernen

bei „Gut Klang“ den Zugang zur Musik.

Singen, Tanzen, Rhythmusspiele, Instrumentenkunde

und ein spielerischer Zugang zu

den Noten sind Ziel einer musikalischen

Früherziehung. In der Regel arbeiten wir in

Gruppen von etwa zehn Kindern. Dafür werden

die Räume der Grundschule in Gymnich

und der eigene Kinder- und Jugendraum genutzt.

Yannik Fuß (2010)

Kinder aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen

Sprachen finden leicht beim

Musizieren zusammen. Die Sprache der Musik

ist international. So integriert „Gut Klang“

Kinder mit Fluchterfahrung und Kinder mit

Migrationshintergrund. Darin hat „Gut

Klang“ bereits Erfahrung seit den 2000er Jahren.

Für alle Kinder ist die musikalische Früherziehung

im Rahmen von „Musik grenzt keinen

aus“ kostenlos. Unabhängig ihrer finanziellen

Annika Motz bildet Schüler auf Toots aus

Möglichkeiten oder Herkunft. Das Projekt

wird gefördert vom Landesmusikrat NRW.

Was kommt nach der musikalischen Früherziehung?

Natürlich endet der musikalische

Weg nicht mit sechs Jahren. Die Kinder erhalten

dann die Möglichkeit Kleinpercussion

und seit 2018 Toots zu erlernen. Toots sind

blockflötenähnliche Querflöten, die quer gespielt

werden und die sich als Vorbereitung

für Konzertflöten eignen. Kleinpercussion,

wie Claves, Shaker, Maracas, Schellenringe,

Glockenstäbe und noch vieles mehr lernen

die Kinder bereits in der musikalischen

Früherziehung kennen. Sie sind der Einstieg

in die Welt des vielfältigen Schlagzeugs, so

dass schon mit sechs Jahren erste Übungen

auf der Snare (kleine Trommel) erfolgen.

Besonders motivierte Kinder schaffen es ins

Lernorchester (LeO) und später in die „Gut

Klang“- Hauptorchester, wie die Flöten- und

Percussiongruppe oder das symphonische

Flötenorchester, das zu den besten seiner Art

in Deutschland zählt. „Gut Klang“ ist in der

Zeit von 2010 bis 2019 viermal in Folge Deutscher

Meister geworden und wurde für seine

herausragende Arbeit mit dem Kulturpreis

des Rhein-Erft- Kreises und der Carl-

Schurz-Medaille der Stadt Erftstadt ausgezeichnet.

96


„Gut Klang“ bietet immer wieder Aktionen

an, zu denen auch die Eltern eingeladen werden.

Besonders erfreuen sich die Mütter und

Väter, wenn sie mit ihren Kindern gemeinsam

musizieren. Das erfolgt dann bei den beliebten

Drum-Circles. Auch werden Konzertbesuche

und gemeinsame Spielenachmittage

angeboten.

„Gut Klang“ kooperiert mit der Stadt Erftstadt,

dem Familienzentrum, mit der Jugendberatung

Mobile´ und der Offenen Ganztagsgrundschule

Gymnich.

Kinder durchleben in der musikalischen

Früherziehung noch ihre Trotzphase: von

sporadischer Bockigkeit über nicht enden

wollendes „Ich will aber!“ bis hin zu Wutausbrüchen

epischen Ausmaßes mit hysterischen

Schreianfällen. Kleinkinder treten und

schlagen manchmal auch aus Wut. All das erlebt

man. Dafür ist es wichtig Erzieherinnen

einzubinden, die im Umgang mit den kleinen

Trotzköpfen geschult und erfahren sind.

Aber bald hat man es geschafft, denn die

Trotzphase endet meist mit dem vierten Lebensjahr.

Dann weiß das Kind, wie weit es gehen

kann, wo die Grenzen sind und dass

seine Fähigkeiten noch begrenzt sind. Neben

der Musik sind das wichtige Erfahrungen, die

die Kinder bei „Gut Klang“ in ihren ersten

Monaten machen. Bis zur Pubertät ist der

Umgang mit den Kindern im Grundschulalter

deutlich relaxter. Die Pubertät wird dann zur

Herausforderung.

Bleiben denn die Kinder über die Pubertät

hinaus bei „Gut Klang“?

Natürlich hat auch „Gut Klang“ während der

Pubertätsphase Abgänge zu verzeichnen. Die

Eltern sind doof, die Schule nervt, und das Leben

ist fürchterlich anstrengend – das ist die

Zeit zwischen elf und 18 Jahren. Für die Jungs

und Mädchen gleicht das Leben dann einer

Baustelle: Der Körper verändert sich mit jedem

Tag ein bisschen mehr, und auch im Gehirn

geht einiges durcheinander. Und als

wäre das noch nicht genug, stürzt die erste

Liebe die meisten Jugendlichen in ein tiefes

Gefühlschaos. Da kann der Verein ziemlich

stören. Aber auch helfen!

Die Pubertät ist eine Zeit des Zweifelns und

der Unsicherheit. Die Pubertierenden fühlen

97

sich nicht mehr als Kind, aber die Welt der Erwachsenen

erscheint oft unverständlich und

mysteriös. Die Struktur eines Vereins, die

Gruppe Gleichgesinnter mit denen man ein

gemeinsames Hobby teilt, kann Pubertät

zwar nicht „heilen“, aber sie lässt sich mit

Freunden und einer gemeinsamen Freizeitgestaltung

viel besser ertragen.

So beobachtet „Gut Klang“ zwei gegensätzliche

Phänomene: eine Beobachtung ist, dass

Leitet das Lehrorchester: Jan-Hendrik „Zottel“ Pfeiler

die Heranwachsenden sich plötzlich wahnsinnig

intensiv in der Jugendarbeit engagieren.

Wenn sie dann noch Erfolgserlebnisse

haben, dann ist ihre Energie unerschöpflich.

Gleiches gilt für Erfolge im musikalischen Bereich.

Jeder Deutsche Meisterschaft, und vor

allem, wenn sogar der Titel geholt wurde,

brachte den Jugendlichen einen ungeheurer

Motivationsschub. Oft führte dieser zu besseren

Schulleistungen, in jedem Fall zu einer

Stärkung des Selbstbewusstseins. Das zweite

Phänomen war zu beobachten, wenn Eltern

ihre Kinder ausbremsten. Dies führte tatsächlich

recht schnell dazu, dass die Mädchen

und Jungen den Verein verließen. Ganz

einfach, weil sie den Anschluss verloren haben

und in der Gruppe nicht mehr den Stellenwert

hatten.

Nicht selten war zu beobachten, dass Eltern

Kinder damit bestraft haben, nicht zum Musikunterricht

oder zur Probe von „Gut Klang“

gehen zu dürfen, wenn die schulischen Leistungen

nicht passten.

Jugendliche leben in ihren Lebenswelten, die

meistens zur Identifikation mit einer Gruppe


führt. Hier fühlen sie sich wohl, hier können

sie davon träumen, die Welt zu verändern.

Warum soll die Bezugsgruppe nicht die Lebenswelt

„Musikverein“ sein?

Pubertierende Jugendliche grenzen sich

selbst von der Erwachsenenwelt ab, suchen

ihren eigenen Weg und sind deshalb häufig

nur schwer zu ertragen. Trotzdem benötigen

sie gerade in dieser Zeit einen Rückhalt, der

wegen der ständigen Querelen unbedingt erforderlich

ist. Sie suchen Ideale und Vorbilder,

warum nicht in der Musik oder beim

Sport?

Weiterhin benötigen sie Erfolgserlebnisse,

um nicht in die "Nullbock-Mentalität" zu verfallen,

die sehr schädlich für das weitere Leben

sein kann. Häufig holen sich die Jugendlichen

diese Erfolgserlebnisse im Verein und

das ist die Chance für jeden Musiklehrer.

Diese Erfolgserlebnisse sind nicht am Ergebnis

eines Wettbewerbes abzulesen, sondern

viel stärker am Spaß des gemeinsamen Erlebens

in einer funktionierenden Gruppe.

Wie reagiere ich als Musiklehrer auf pubertierende

Jugendliche im Team?

• Halte an den bereits erfolgreich eingeführten

Verhaltensregeln in der Jugendgruppe

fest. Setze diese Regeln mit Nachdruck

durch, bleibe konsequent.

• Gebe den Heranwachsenden mehr Freiräume.

Eine Aufsicht, wie bei Kleinkindern,

ist nicht mehr nötig und nicht mehr durchzuführen.

Aber vorsichtig, denke an deine

Aufsichtspflicht. Schätze deshalb genau ein,

welche Freiräume du gestatten kannst.

• Ein pubertierendes Kind darf niemals aufgegeben

werden. Versuche die Kinder im

Team zu halten.

• Versuch nicht, cooler zu sein als die Kids.

Sie wollen anders sein als du, deshalb werden

sie das nicht akzeptieren.

• Diskussionen und Gespräche sind erwünscht.

Hier sollen keine Vorträge gehalten

werden, lasse die Kids zu Wort kommen. Beziehe

dabei deutlich Standpunkte und vertrete

sie.

• Weiche niemals Konflikten aus. Ein "Aussitzen"

von Konflikten wollen auch die Jugendlichen

nicht.

• Nehme Verhaltensweisen der Jugendlichen

nie persönlich und springe nicht auf

Provokationen an. Freundlichkeit und Rücksichtnahme

sind gefragt, auch wenn es oft

schwerfällt.

• Gebe Deine eigenen Fehler zu. Nur so werden

die Jugendlichen dich akzeptieren und

dir folgen.

„Gut Klang“ hat seinen Slogan: „Hörbar anders“.

„Gut Klang“ hat seine Haltung und

Motto: „Musik grenzt keinen aus“. „Gut

Klang“ hat sich aber auch zur Aufgabe gemacht

Erfolgserlebnisse zu vermitteln. Eltern,

die ihre Kinder zu „Gut Klang“ schicken,

werden glücklichere Kinder haben, wenn sie

sie selbst nicht daran hindern.

Partizipation und Regeln

In der Soziologie bedeutet Partizipation die

Einbeziehung von Individuen und Organisationen

in Entscheidungs- und Willensbildungsprozesse.

Aus emanzipatorischen, legitimatorischen

oder auch aus Gründen gesteigerter

Effektivität gilt Partizipation häufig als

wünschenswert. Partizipation kann die unterschiedlichsten

Beteiligungsformen annehmen

(z. B. Bürgerbeteiligung, betriebliche

Mitbestimmung, Vereine, politische Partei).

Partizipation gilt als gesellschaftlich relevant,

weil sie soziales Vertrauen verstärkt.

Regeln strukturieren und ordnen unser gesellschaftliches

Zusammenleben. Ohne Regeln

würde unser Verein wahrscheinlich

ziemlich schnell zusammenbrechen. Festgelegte

Regeln sorgen für ein allen bekanntes

System, das nicht bei jeder Gelegenheit neu

verhandelt werden muss und Orientierung

schafft. Sie tragen zum Funktionieren sozialer

Gemeinschaften bei. Dabei ist jede demokratische

Grundordnung vom Prinzip der Gewaltenteilung

gekennzeichnet, bei der in Parlamenten

die Gesetze gemacht werden (Legislative).

Diese Gesetze können auch gesellschaftliche

Regeln genannt werden. In demokratischen

Gesellschaftsordnungen fällt

98


dabei auf, dass in Erwachsenenparlamenten

nicht immer die »besten« Regelungen erstellt

werden, sondern eher häufig die, die im

Aushandeln verschiedener Interessensparteien,

kompromissfähig sind (Büttner, 2005).

Sommerfest 2011

Die Jugendarbeit im Verein ist ebenso wie die

große Gesellschaft durch Regeln strukturiert.

Die Regeln, die hier gelten, sind die Gesetze

und Verordnungen von „Gut Klang“. Doch

wer stellt diese auf? Wessen Regeln sind es,

die hier gelten? Wer überwacht die Einhaltung

der bestehenden Regeln und entscheidet

darüber, was bei Regelbrüchen passiert?

Gilt in einem demokratischen Verein nicht

auch das Prinzip der Gewaltenteilung? Darin

steckt auch die Frage, wer denn letztlich »der

Bestimmer« ist. Wer bestimmt, was erlaubt

ist und was nicht, und was bei Überschreitungen

der geltenden Regelungen passiert, kurz:

wer hat die Macht im in der Jugendorganisation

und wer hat die Macht im Verein?

Vereine und Organisationen, die eine eigene

Jugendarbeit anbieten, können sich u. U.

nach § 75 SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz)

anerkennen lassen. Die Anerkennung

ist häufig Voraussetzung für die Gewährung

öffentlicher Mittel im Bereich der Jugendhilfe.

„Gut Klang“ Erftstadt e.V. ist anerkannter

Träger der freien Jugendhilfe.

Gemäß Ministerium für Kinder, Familie,

Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

können nach § 75 SGB VIII

(1) als Träger der freien Jugendhilfe juristische

Personen und Personenvereinigungen

anerkannt

werden, wenn

sie

1. auf dem Gebiet der

Jugendhilfe im Sinne

des § 1 SGB VIII tätig

sind,

2. gemeinnützige Ziele

verfolgen,

3. aufgrund der fachlichen

und personellen

Voraussetzungen erwarten

lassen, dass sie

einen nicht unwesentlichen

Beitrag zur Erfüllung

der Aufgaben der

Jugendhilfe zu leisten

imstande sind und

4. die Gewähr für eine den Zielen des

Grundgesetzes förderliche Arbeit bieten.

(2) Einen Anspruch auf Anerkennung als Träger

der freien Jugendhilfe hat unter den Voraussetzungen

des Absatzes 1, wer auf dem

Gebiet der Jugendhilfe mindestens drei Jahre

tätig gewesen ist.

(3) Die Kirchen und Religionsgemeinschaften

des öffentlichen Rechts sowie die auf Bundesebene

zusammengeschlossenen Verbände

der freien Wohlfahrtspflege sind anerkannte

Träger der freien Jugendhilfe.

Damit hat der Bundesgesetzgeber im Wesentlichen

folgende Aussagen getroffen:

1. Juristische Personen und Personenvereinigungen

Neben den in § 75 Absatz 3 benannten Trägern

können auch andere juristische Personen

(z.B. eingetragene Vereine oder Stiftungen)

und Personenvereinigungen (z.B. nicht

eingetragene Vereine) Träger der freien Jugendhilfe

werden.

2. Tätigkeit auf dem Gebiet der Jugendhilfe

99


Von dem anzuerkennenden Träger wird erwartet,

dass er selbst auf dem Gebiet der Jugendhilfe

tätig ist. Dies bedeutet, dass er

selbst Leistungen erbringen muss, die dazu

Gut Klang-Musikschüler präsentieren stolz den „Goldenen

Notenschlüssel“

(Abschluss Basiswissen Musiktheorie)

beitragen, das Aufgabenspektrum der Jugendhilfe

zu erfüllen. Dazu reicht es allerdings

nicht aus, wenn sich der anzuerkennende

Träger lediglich darauf beschränken

würde, politische Forderungen, die im Interesse

der Kinder- und Jugendhilfe liegen, gegenüber

politischen und fachlichen Gremien

oder der Öffentlichkeit zu vertreten.

Darüber hinaus können nur solche Träger anerkannt

werden, die sich die Entwicklungsförderung

junger Menschen und die Erziehung

junger Menschen zu eigenverantwortlichen

und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten

zum Ziel gesetzt haben.

Zwar müssen die anzuerkennenden Träger

nicht ausschließlich oder überwiegend Aufgaben

der Jugendhilfe erfüllen. Ihre Tätigkeit

auf dem Gebiet der Jugendhilfe muss aber

nach der Satzung sowie in der praktischen Arbeit

als ein genügend gewichtiger, von anderen

Aufgaben abgegrenzter Schwerpunkt erscheinen.

Deshalb ist es auch nicht möglich,

solche Träger anzuerkennen, die außerhalb

der Jugendhilfe liegende Ziele verfolgen (z.B.

Angebote, die sich ohne jugendspezifische

Zielrichtung an Erwachsene und Jugendliche

gleichermaßen richten oder die ihren

Schwerpunkt lediglich in der Vermittlung religiöser

Glaubensfragen haben).

3. Verfolgung gemeinnütziger Ziele

Wenngleich hierunter nicht die Gemeinnützigkeit

im Steuerrecht zu verstehen ist, reicht

hier regelmäßig die Vorlage der Gemeinnützigkeitserklärung

durch die Finanzbehörden.

100

Fehlt eine solche Bescheinigung oder ist eine

solche nicht nachweisbar, ist zu prüfen, ob

die vom anzuerkennenden Träger gemachten

Angaben die Annahme rechtfertigen,

dass der Träger gemeinnützige Ziele verfolgt.

Dazu gehört u.a., dass die durchgeführten

Maßnahmen und Angebote allen Kindern

und Jugendlichen und nicht nur einem geschlossenen

Kreis offenstehen.

4. Leistungsfähigkeit und Fachlichkeit

Erforderlich ist, dass der anzuerkennende

Träger aufgrund der fachlichen und personellen

Voraussetzungen erwarten lässt, dass er

einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Erfüllung

der Aufgaben der Jugendhilfe zu leisten

imstande ist. Die zu stellenden Anforderungen

im Hinblick auf das Kriterium "nicht unwesentlicher

Beitrag" orientieren sich dabei

im Wesentlichen an dem Bereich, in dem der

Träger tätig ist. Ein Träger, der auf örtlicher

Ebene einen wesentlichen Beitrag leistet,

kann nicht schon deshalb beanspruchen,

auch auf überörtlicher Ebene anerkannt zu

werden. Als Kriterien für die Leistungsfähigkeit

und Fachlichkeit können beispielsweise

die Art und der Umfang der durchgeführten

Maßnahmen, die Anzahl der Mitglieder bzw.

der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die

Anzahl und die Qualifikation der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter, die Zusammenarbeit

mit Jugendämtern und die rechtlichen, organisatorischen

und finanziellen Verhältnisse

herangezogen werden.

Um die Leistungsfähigkeit und Fachlichkeit

mit hinreichender Sicherheit beurteilen zu

können, ist es in der Regel nötig, dass der anzuerkennende

Träger seine Tätigkeit bereits

mehr als ein Jahr kontinuierlich ausgeführt

hat.

5. Gewähr für eine an den Zielen des Grundgesetzes

förderliche Arbeit

Abschließend muss der anzuerkennende Träger

die Gewähr für eine an den Zielen des

Grundgesetzes förderliche Arbeit nachweisen.

Als "Ziele des Grundgesetzes" werden

hierbei im Kernbereich die spezifisch liberalen

und demokratischen Grundelemente der

verfassungsmäßigen Ordnung, also das was

für eine Demokratie wesensnotwendig ist,

verstanden. Die Versagung einer


Anerkennung wäre z.B. gerechtfertigt,

wenn der anzuerkennende

Träger sich zwar nach der

Satzung zu den Grundprinzipien

der Verfassung bekennt, in seiner

praktischen Arbeit hingegen verfassungsfeindliche

Ziele verfolgt

(z.B. Missachtung der Menschenrechte,

Verfolgung seiner Ziele

durch Gewalt).

Ansprechpartner sind die örtlichen

Jugendämter für die Anerkennung

zuständig, soweit der anzuerkennende

Träger im Bezirk des Jugendamtes seinen

Sitz hat und dort vorwiegend tätig ist.

§12 Kinder- und Jugendhilfegesetz ist im Zusammenhang

mit der Förderung der Jugendverbände

eindeutig hinsichtlich der Partizipation

einer Jugendgruppe- oder -abteilung

in einem Gesamtverein:

(1) Die eigenverantwortliche Tätigkeit der Jugendverbände

und Jugendgruppen ist unter

Wahrung ihres satzungsgemäßen Eigenlebens

nach Maßgabe des § 74 zu fördern.

(2) In Jugendverbänden und Jugendgruppen

wird Jugendarbeit von jungen Menschen

Probe des Lehrorchesters (2019)

selbst organisiert, gemeinschaftlich gestaltet

und mitverantwortet. Ihre Arbeit ist auf

Dauer angelegt und in der Regel auf die eigenen

Mitglieder ausgerichtet, sie kann sich

aber auch an junge Menschen wenden, die

nicht Mitglieder sind. Durch Jugendverbände

und ihre Zusammenschlüsse werden Anliegen

und Interessen junger Menschen zum

Ausdruck gebracht und vertreten.

Der Gesamtverein hat keinen Einfluss auf die

operative Ausübung der Jugendarbeit. Dies

ist eigenverantwortliche Aufgabe der Jugendgruppe.

Chancen und Risiken bei der Arbeit

mit Kindern und Jugendlichen

Über die Chancen der Kinder- und Jugendarbeit

ist bereits in anderen Kapiteln des Buches

immer wieder geschrieben und informiert

worden.

Man kann bei der Jugendarbeit auch auf die Nase fallen

(hier beim Eislaufen (2019)

Tatsache ist, dass die Musikvereine immer

mehr Probleme damit haben, Kinder und Jugendliche

zu finden, die ein Musikinstrument

101

lernen möchten. Eine Statistik zeigt, dass das

bei mehr als 60 % der Musikvereine der Fall

ist. Lediglich etwa 5 % der Musikvereine haben

keine Probleme Nachwuchs zu finden.

Da „Gut Klang“ bereits seit seiner Gründung

Instrumentalunterricht anbietet und das unter

unserem Motto „Musik grenzt keinen

aus“ auch kostenlos, ist der Zulauf vor allem

von Kindern hoch.

Aber dass nicht jedes „Samenkorn zu einer

ertragreichen Pflanze wird“, wissen wir alle.

Die Zeichen der Zeit haben viele Musikvereinen

längst erkannt. Mehr als 50 % der Musikvereine

kooperieren mit den Musikschulen,

ebenfalls mehr als 50 % der Vereine kooperieren

mit der Musikschule und der Schule.

Für die Zukunft planen 2/3 der Musikvereine

verstärkt mit den Schulen und Musikschulen

kooperieren.

Dass eine aktive Jugendarbeit auch außermusikalische

Freizeitaktivitäten einschließt


sehen fast 80 % der Musikvereine. Gleichzeitig

geben mehr als 60 % an, dass sie eine Steigerung

der musikalischen Qualität in ihrem

Jugendorchester anstreben.

Noch einige Zahlen zur Ist-Situation: 80% der

Blasmusikvereine (im Spielleutewesen sind

es deutlich weniger) haben ein Jugendorchester

(bzw. Vororchester, Kinderorchester

usw.). Davon haben lediglich rd.

30 % eine eigene Vorstandschaft für das

Jugendorchester. Betrachtet man die Jugend

im Verein, so haben fast 90 % einen

Verantwortlichen, der für die Jugend zuständig

ist.

Für die Zukunft machen sich viele Musikvereine

Gedanken, wie sie die Integration

der Jugendlichen in den Vereinen

verbessern wollen. Fast 90 % der Musikvereine

geben an, hier verstärkt daran

arbeiten zu wollen und über 80% geben

an, dass sie die Jugend im Verein über

die Entwicklung des Musikvereins mitentscheiden

lassen wollen.

Für eine attraktive und nachhaltige Nachwuchswerbung

und –ausbildung gibt es

längst viele gute Vorbilder. Eines haben diese

Beispiele gemein: sie sind Kooperationsmodelle

zwischen Musikverein, Musikschule

und Musikverein.

(Daten basieren auf Umfrage aus „Blasmusikblog

von Alexandra Link, 2019“)

„Gut Klang“-Jugendleitung in 2015

102

Risiken der Jugendarbeit

Wer Kinder und Jugendliche betreut hat eine

Aufsichtspflicht und Verantwortung. In Jugendleiterschulungen

werden, die Jugendleiterinnen

und Jugendleiter auf die Aufsichtspflicht

und Verantwortung sensibilisiert.

„Gut Klang“ setzt schon mehr als zehn Jahre

Besuch im Zoo (2019)

auf Erzieherinnen als Jugendleiter. Doch

auch den Profis gelingt nicht immer alles und

auch sie müssen sich die Regeln, die Ihnen

per Gesetz auferlegt sind, unterwerfen.

Die Aufsichtspflicht gegenüber Minderjährigen

ist im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) nur

sehr allgemein beschrieben. Grundsätze zur

Aufsichtsführung lassen sich aus der Auslegung

der Gesetzestexte durch Kommentare

und vor allem aus der Rechtsprechung durch

Gerichte ableiten.

Unstrittig ist das Ziel, dass durch die Aufsichtspflicht

(diese liegt

bei den Personensorgeberechtigten

und wird

weitergegeben an z. B.

Lehrer/innen, Erzieher/innen

und Übungsund

Jugendleiter/innen

im Musikverein) Minderjährige

vor Schaden bewahrt

werden sollen und

es verhindert werden

soll, dass Minderjährige

Dritten gegenüber einen

Schaden verursachen. Als

Minderjährige gelten alle

jungen Menschen bis zur

Vollendung des 18. Lebensjahres.


Wer die Aufsicht über Minderjährige führt

muss alles tun, was vernünftigerweise von einem

verständigen Aufsichtspflichtigen

unter

den gegebenen Umständen

verlangt werden

kann (nach einem Urteil

des BGH vom

19.01.1993).

Bedeutsam sind in diesem

Zusammenhang die

gegebenen Umstände:

• Personen der Gruppe:

Alter, Eigenart, Charakter,

Entwicklungsstand,

Verhaltensauffälligkeiten,

Krankheiten,

• Gruppenverhalten:

Gruppengröße, Bekanntheit

untereinander, innere

Verhältnisse, Zeit

des Bestehens,

• Gefährlichkeit der Beschäftigung:

Art der

Übungen, Art der Spielgeräte,

Ausflug, Baden,

Wettkämpfe,

• Örtliche Umgebung:

Abgeschlossenheit des

Geländes, Weg zum Gelände,

Nähe zu Gewässern,

Straßenverkehr, jugendgefährdende

Bereiche, Gebirge, Witterung,

• Person des Jugendgruppenleiters: Fähigkeiten,

Kenntnisse, Lizenzen, pädagogische

Erfahrung,

• Verhältnis Jugendleiter - Gruppe: Dauer

des Bekanntseins, Gruppengröße, Akzeptanz

des Betreuers.

Es sind im Wesentlichen diese sechs Kriterien,

die Inhalt und Umfang der Aufsichtsführung

bestimmen. Eine angemessene Beaufsichtigung

muss also nicht in jedem Fall heißen,

die oder den Minderjährigen jederzeit

im Auge haben zu müssen. Kontinuierlich im

Auge haben ist notwendig bei gefährlichen

Beschäftigungen an gefährlichen Orten, z. B.

beim Baden. Aber eine Kleingruppe

103

Jugendlicher, die nicht zuvor negativ aufgefallen

ist, darf ohne Betreuer in das dem Ferienlager

benachbarte Dorf zum Einkaufen,

wenn auf dem Weg dorthin keine besonderen

Gefahrenquellen zu berücksichtigen sind.

Wichtig in Situationen, in denen Minderjährige

von Aufsichtsführenden nicht im Blick

gehalten werden, z. B. beim Umziehen in der

Umkleidekabine, ist die Sicherstellung der

unmittelbaren Erreichbarkeit des Aufsichtsführenden.

Im Falle eines auftretenden Problems

muss der Übungs-/Jugendleiter sofort

ansprechbar sein.

Aus pädagogischen Gründen, zur Umsetzung

des Zieles der Förderung der Selbstständigkeit,

ist es nicht wünschenswert, die Minderjährigen

jederzeit im Auge zu haben. Wichtig

ist jedoch, im Vorfeld klare Absprachen zu

treffen. Minderjährige sollen in die Lage


versetzt werden, selbstständig Gefahrenquellen

einschätzen, vermeiden bzw. bewältigen

zu können. Dazu wird Einfluss genommen

("Belehrung"), um den Minderjährigen

Einsicht in die Gefährlichkeit einer Beschäftigung,

in das Risiko eines Verhaltens zu vermitteln

und sie zu Verhaltensweisen zu bewegen,

mit denen Gefahren umgangen oder

gemeistert werden können.

Der Aufsichtsführende muss sich kontinuierlich

davon überzeugen, dass die Formen der

eigenen Einflussnahme auf das Verhalten der

Minderjährigen wirklich den gewünschten

Erfolg haben. Eine einmalige "Belehrung", z.

B. niemals ohne Betreuer mit Rettungsfähigkeiten

im angrenzenden

See zu baden,

muss überprüft werden.

Sollte sich herausstellen,

dass die Einsichtsfähigkeit

des

Minderjährigen

nicht ausreichend

ist, dass er Gefahrenquellen

nicht selbstständig

bewältigen

kann, dann müssen

wirksame Maßnahmen

getroffen werden.

Dazu gehören

alle Maßnahmen, die

ein gefahrenträchtiges

Verhalten unmöglich

machen

(Verschließen eines

gefährlichen Ortes) oder die einer einzelnen

Person eine Strafe auferlegen (Ausschuss von

einer Aktivität). Strafen müssen selbstverständlich

dem Vergehen angemessen sein

und in Abstufungen erfolgen. Ein Ausschluss

aus der Gruppe bzw. von der Aktivität ist die

gravierendste Form und wird immer dann

ausgesprochen, wenn die Verantwortung für

einen Minderjährigen nicht weiter übernommen

werden kann.

Die Übernahme der Aufsichtspflicht gegenüber

Minderjährigen ist durch einen Vertrag

geregelt. Dieser muss nicht schriftlich abgeschlossen

sein, um Gültigkeit zu besitzen.

Wichtig in diesem Vertrag ist die Festlegung

von Beginn und Ende der Aufsichtspflicht.

Daraus lassen sich Regeln ableiten:

• ob und auf welche Weise Minderjährige

vorzeitig eine Aktivität verlassen dürfen,

• was im Falle von Verspätungen oder kurzfristigen

Verhinderungen des Übungsleiters

zu veranlassen ist,

• wie zu verfahren ist, wenn Eltern nicht wie

gewohnt ihre Kinder am vereinbarten Ort

Die Grundschule ein wichtiger Partner, hier Rene Begic mit dem ehemaligen Schulleiter

Gert Löhnert (2011)

zum vereinbarten Zeitpunkt abholen,

• ob und unter welchen Voraussetzungen

die Aktivitäten oder der Ort der Übungsstunde

kurzfristig verlegt werden dürfen.

Antworten auch auf diese Fragen lassen sich

bei Unklarheiten (denn nicht jedes Detail ist

im Voraus regelbar) durch die allgemeine Lebenserfahrung

finden.

104


„Bufdi“ - wichtige helfende Hände

Der Bundesfreiwilligendienst ist ein Angebot

an Frauen und Männer jedes Alters, sich außerhalb

von Beruf und Schule für das Allgemeinwohl

zu engagieren – im sozialen, ökologischen

und kulturellen Bereich oder im Bereich

des Sports, der Integration sowie im Zivil-

und Katastrophenschutz.

Freiwilliges Engagement lohnt sich für alle

und ist gerade auch für die Engagierten ein

großer persönlicher Gewinn: Junge Menschen

sammeln praktische Erfahrungen und

Kenntnisse und erhalten erste Einblicke in die

Berufswelt. Ältere Menschen geben ihre

reichhaltige Lebenserfahrung an andere weiter,

können über ihr freiwilliges Engagement

auch nach dem Berufsleben weiter mitten im

Geschehen bleiben – oder nach einer Familienphase

wieder Anschluss finden. Auch als

Einsatzstelle profitiert ein Verein von engagierter

Unterstützung durch Freiwillige: Sie

bringen frischen Wind und Anstöße von außen

in Ihre Einrichtung.

„Gut Klang“ beschäftigt seit 2015 Bundesfreiwillige.

Wo sind Einsatzfelder im Musikverein?

„Gut Klang“

setzt Bundesfreiwilligendienstleistende

ein

zum Beispiel

im Bereich

der Vereinsverwaltung,

organisatorischer

Aufgaben,

Hausmeis-

Jutta Rademacher; in 2020 Leiterin tertätigkei-

ten und Rei-

Verwaltungsausschuss und ehemalige

„Bufdi“

nigung im

Jugendraum,

Projektarbeit, Pflege und Wartung von

Musikinstrumenten, Betreuung von Kindern

und Jugendlichen.

105

Gem. Bundesfreiwilligengesetz hier die

wichtigsten Botschaften aus einem

Merkblatt (Stand: Januar 2020):

Der Dienst soll das Engagement für das

Allgemeinwohl in sozialen, ökologischen

und kulturellen Bereichen sowie im Sport

und – neu gegenüber den Jugendfreiwilligendiensten

– im Zivil- und Katastrophenschutz

sowie in der Integration fördern.

Außerdem dient er dem lebenslangen

Lernen (§ 1: Aufgaben).

Potenzielle Freiwillige sind alle Personen

nach Abschluss der Vollzeitschulpflicht

und ohne Altersgrenze nach oben (§ 2 Nr.

1).

Die Arbeit erfolgt in Vollzeit; bei Freiwilligen

über 27 Jahren ist auch ein Dienst auf

mehr als 20 Wochenstunden möglich (§

2 Nr. 2).

Die Dienstdauer beträgt in der Regel 12

Monate, in Sonderprojekten zwischen 6

und 24 Monaten; auch eine Stückelung in

3-Monats-Blöcke ist in Sonderfällen

möglich (§§ 2 Nr. 3 und 3 Abs. 2).

Erwachsene über 27 Jahren dürfen alle

fünf Jahre wieder einen Bundesfreiwilligendienst

absolvieren (§ 3 Abs. 2).

Unterkunft, Verpflegung, Kleidung und

Taschengeld sollen analog zu den Jugendfreiwilligendiensten

bezahlt werden

(§ 2 Nr. 4).

Einsatzstellen können gemeinwohlorientierte

(nicht nur gemeinnützige) Institutionen

im sozialen und Umweltbereich

sein (§ 3 Abs. 1).

Seminare müssen analog zu den Jugendfreiwilligendiensten

im Umfang von 25

Tagen pro Jahr besucht werden, unabhängig

von der Wochenarbeitszeit. Bei

von 12 Monaten abweichender Dienstzeit

ist pro Monat ein Seminartag mehr

bzw. weniger vorgeschrieben (§ 4 Abs.

3). Eine Seminarwoche muss der politischen

Bildung dienen und soll „in der Regel

in den bestehenden staatlichen Zivildienstschulen

durchgeführt werden“ (Erläuterung

zu § 4).


Eine pädagogische Begleitung aller Freiwilligen

ist vorgesehen, wobei aber nicht

festgelegt wird, von wem und wie (§ 4

Abs. 1 und 2). Auf eine Altersgruppen-

Ausrichtung sei aber zu achten (Erläuterungen

zu § 4).

Die Sozialversicherungen entsprechen

denen in den Jugendfreiwilligendiensten,

das heißt die Freiwilligen werden wie Arbeitnehmer

versichert. Es besteht (unabhängig

von der Höhe des gezahlten Taschengeldes)

Versicherungspflicht in den

gesetzlichen Sozialversicherungen (§ 17),

wobei die Einsatzstelle (Trägerstelle)

auch die Arbeitnehmeranteile zahlt.

Dadurch ergeben sich ab dem 1. Januar

2017 folgende Beitragssätze: Rentenversicherung

18,7 %, Krankenversicherung

14,6 %, Pflegeversicherung 2,55 % (bzw.

2,8 % bei Kinderlosen), Arbeitslosenversicherung

3,0 %, die von den Einsatzstellen

zu zahlen sind.

Alle Einsatzstellen müssen vom Bund anerkannt

sein, wobei alle bisherigen Zivildienststellen

automatisch als anerkannt

gelten. Neue Stellen werden vom Bund

direkt oder bei einem FSJ/FÖJ-Träger mit

Zustimmung des jeweiligen Bundeslandes

anerkannt (§ 7).

Die Verwaltung der Freiwilligenplätze erfolgt

über Zentralstellen, die über Träger

und Einsatzstellen wachen und die im

Winter jeweils zugesagten Bundesmittel

ab dem jeweils 1.9. dann weiter verteilen

(§ 8). Im Bereich des FSJ gibt es solche

Zentralstellen bereits, im Umweltbereich

planen NABU, BUND, Schutzstation Wattenmeer

und der BAK FÖJ den Aufbau

von Zentralstellen.

Die Arbeitsvereinbarung wird auf gemeinsamen

Vorschlag von Einsatzstellen

und Freiwilligen zwischen dem Bund und

der/dem Freiwilligen geschlossen. Dies

ist mithin ein zweiseitiges Dienstverhältnis,

das aber kein Arbeitsverhältnis im

engeren Sinne ist, bei dem der Träger

kein Vertragspartner, sondern Auftragnehmer

des Bundes ist (§ 9).

Alle Bundesfreiwilligen wählen einmal im

Jahr sieben Sprecherinnen und Sprecher

und sieben Stellvertreter, die die Interessen

der Freiwilligen vor allem gegenüber

dem BAfzA und dem BMFSFJ vertreten.

Ein qualifiziertes Zeugnis für jeden Freiwilligen

auszustellen ist Pflicht der Einsatzstellen

(§ 11)

Der Freiwillige soll ein angemessenes Taschengeld

erhalten; die Höchstgrenze ist derzeit

(2019) auf einen monatlichen Betrag von

402 Euro, d. h. 6 % der Beitragsbemessungsgrenze

in der allgemeinen Rentenversicherung

begrenzt. Bei Teilzeiteinsatz wird er anteilmäßig

gekürzt. Zusätzlich kann der Freiwillige

Verpflegung, Unterkunft und Kleidung

erhalten oder den entsprechenden Gegenwert

ausbezahlt bekommen. Diese Geld- und

Sachbezüge sind beitragspflichtige Einnahmen

in der Sozialversicherung. Da der BFD als

freiwilliges Engagement ein unentgeltlicher

Dienst ist, stellen die Leistungen keinen

Lohn, sondern eine Aufwandsentschädigung

dar. Die Einsatzstelle entscheidet, wie hoch

das Taschengeld ausfällt und ob sie die zusätzlichen

Leistungen anbietet oder auszahlt.

Die Einsatzstelle zahlt die Beiträge für Renten-,

Unfall-, Kranken-, Pflege- und Arbeitslosenversicherung.

106


10 Kommunikation in Zeiten des Internets

Vielleicht vorweg einige wichtige Botschaften

von den Landesämtern für Datenschutzaufsicht

zur Erstellung und Veröffentlichung

von Bildern aus dem Vereinsleben (Veranstaltungen,

Ehrungen, Vereinsfeiern). Denn

Bilder sagen in Netzwerken oft mehr als tausend

Worte.

Grundsätzlich richtet sich die Erstellung und

Veröffentlichung von Fotos nach den allgemeinen

Vorschriften zum Datenschutz, insbesondere

der Datenschutz-Grundverordnung.

Damit gilt der Grundsatz, dass für jede

datenschutzrechtlich zulässige Erstellung

und Veröffentlichung (= Verarbeitung) von

Bildern aus dem Vereinsleben eine Rechtsgrundlage

(Art. 6 Abs. 1 DS-GVO) gegeben

und eine ausreichende Information (Art. 13

und/oder 14 DS-GVO) erfolgt sein muss.

Eine Rechtsgrundlage kann sich bei Vereinen

aus einem Vertrag, wie z. B. der Satzung oder

einer Datenschutzordnung eines Vereins

(Art. 6 Abs. 1 b DS-GVO), als Ergebnis einer

Abwägung der berechtigten Interessen des

Vereins mit den Interessen der betroffenen

Personen, die fotografiert werden sollen

(Art. 6 Abs. 1 f DS-GVO), oder aus einer Einwilligung

der betroffenen Person, die fotografiert

werden soll (Art. 6 Abs. 1 a DS-GVO)

ergeben.

In einer Satzung oder einer Datenschutzordnung

eines Vereins kann festgelegt werden,

unter welchen Voraussetzungen Bilder gemacht

und veröffentlicht werden. Jedes Mitglied,

das dem Verein beitritt, akzeptiert

diese vertraglichen Regelungen, die wiederum

die Rechtsgrundlage dafür sind, dass Bilder,

so wie in der Satzung oder der Datenschutzordnung

beschrieben, gemacht und

veröffentlicht werden dürfen.

Da die Satzung oder Datenschutzordnung eines

Vereins nur für Mitglieder gilt, kann sie

nicht als Rechtsgrundlage für die Verarbeitung

von Bildern von Nichtvereinsmitgliedern

herangezogen werden.

Gemäß dem Grundsatz: „Tue Gutes und

sprich darüber“ kann es das Interesse eines

Vereins sein, anlässlich von Veranstaltungen

107

(Jubiläumsfeier, Mitgliederversammlung,

Tag der offenen Tür, Konzert, Wettbewerb,

Vereinsausflug, Schützen- oder Karnevalsumzug,

Schulung, usw.) Bilder von Vereinsmitgliedern,

aber auch von Zuschauern und

Gästen zu machen und diese z.B. auf der

Homepage zu veröffentlichen. Sofern nicht

die Voraussetzungen des Medienprivilegs gegeben

sind, muss das Veröffentlichungsinteresse

des Vereins mit den Interessen oder

Grundrechten und Grundfreiheiten der betroffenen

Personen, die fotografiert und deren

Bilder veröffentlicht werden sollen, abgewogen

werden.

In aller Regel wird man davon ausgehen, dass

das Interesse des Vereins an der Veröffentlichung

überwiegt, wenn es sich um Fotos im

Zusammenhang mit dem Vereinsleben handelt.

Beispielsweise bei öffentlichen Veranstaltungen

entspricht es der vernünftigen Erwartung

der Teilnehmerinnen und Teilnehmer

an der Veranstaltung, dass Bilder gemacht

und veröffentlicht werden. Interessen

der betroffenen Person überwiegen aber

dann, wenn es sich um Fotos aus der Intimsphäre

(Nacktbilder), um diskriminierende

Bilder (Bierleiche nach Volksfest) oder um

Fotos handelt, die einen Rückschluss auf z.B.

Religion, Gesundheit, Sexualleben oder sexuellen

Orientierung ermöglichen (Art. 9 Abs. 1

DS-GVO).

Etwas anderes gilt nur dann, wenn die betroffene

Person Angaben zur Religion, Gesundheit

oder Sexualleben usw. bewusst

zum Ausdruck bringt, wie bei Beteiligung an

einem Christopher Street Day-Umzug oder

der Fronleichnamsprozession.

Die DS-GVO stellt klar, dass Kinder einen besonderen

Schutz verdienen, da sie sich der

Risiken und Folgen einer Datenverarbeitung

oft weniger bewusst sind. Art. 6 Abs. 1 f DS-

GVO bestimmt, dass nach dieser Vorschrift

Daten nicht verarbeitet, also Bilder nicht gemacht

und veröffentlicht werden dürfen,

wenn die Interessen der betroffenen Personen

überwiegen, „insbesondere dann, wenn

es sich bei der betroffenen Person um ein

Kind handelt“. Daraus ergibt sich für die


Praxis einerseits, dass auch Bilder von Kindern

auf der Basis dieser Interessenabwägung

gemacht und veröffentlicht werden

dürfen, andererseits aber, dass die oben genannten

Interessen von Kindern besonders

beachtet werden müssen. Soweit Vereine

nur Fotos im Zusammenhang mit dem Vereinsleben

veröffentlichen (z.B. Kinderfest,

Ausflug der Jugend, aber auch Kinderbegleitung

bei sonstigen Veranstaltungen) und

hierbei mit dem nötigen Fingerspitzengefühl

handeln, dürfen Fotos auch dann ohne Einwilligung

veröffentlichen, wenn (auch) Kinder

abgebildet sind.

Bestehen hier Zweifel, so gilt: Besser die Einwilligung

des oder der Sorgeberechtigten

einholen!

Bei Personen, die nicht fotografiert werden

wollen bzw. deren Bild nicht veröffentlicht

werden soll, sollte dieser Wunsch in jedem

Fall beachtet werden. Es gibt zwar im Fall der

Verarbeitung auf Grund einer Interessenabwägung

(Art. 6 Abs. 1 f DSGVO) kein absolutes

Widerspruchsrecht. Das bedeutet, dass

die betroffene Person nur aus Gründen widersprechen

kann, die sich aus ihrer besonderen

Situation ergeben (Art. 21 DS-GVO).

Um unnötige Streitigkeiten zu vermeiden

und um sicherzustellen, dass die Interessenabwägung

zugunsten des Vereins ausfällt,

wird empfohlen, Widersprüchen möglichst

weitgehend Rechnung zu tragen.

Schwierig wird die Abwägung, wenn zur Dokumentation

bezuschussungsfähiger Maßnahmen

Fotos einer Veranstaltung eingereicht

werden müssen. Auch hier gilt das

Recht am eigenen Bild. Insbesondere auch,

wenn es sich um Kinder und Jugendliche aus

Risikolagen handelt, z.B. Kinder und Jugendliche

aus geflüchteten Familien. Hier hilft in

der Regel Kommunikation mit beteiligten

Stellen.

Früher Vorstandssitzung – heute

WhatsApp?

WhatsApp ist ein 2009 gegründeter Instant-

Messaging-Dienst, der seit 2014 Teil der Facebook

Inc. ist. Benutzer können über

WhatsApp Textnachrichten, Bild-, Video- und

Ton-Dateien sowie Standortinformationen,

Dokumente und Kontaktdaten zwischen zwei

Personen oder in Gruppen austauschen. Das

kalifornische Unternehmen WhatsApp Inc.

bietet dabei das eigentliche mobile Anwendungsprogramm

(App) namens WhatsApp-

Messenger für verschiedene Smartphone-

Betriebssysteme an und betreibt die dazugehörigen

Server. Im Frühjahr 2015 wurde den

Nutzern auch das internetbasierte Telefonieren

über die App möglich gemacht. Dem bis

Anfang 2016 kostenpflichtigen, nun aber kostenlosen

Dienst wird die weitgehende Ablösung

der SMS zugeschrieben. Wichtige Konkurrenten

sind Signal (derzeit gesperrt in

Ägypten und im Iran), Telegram (gesperrt in

Dubai und im Iran) und Threema.

WhatsApp wird unter anderem für seine allgemeinen

Geschäftsbedingungen kritisiert,

die dem Unternehmen erlauben, Medien der

Nutzer zu kommerziellen Zwecken zu verwenden.

Im Februar 2020 teilte das

108

Unternehmen mit, weltweit über 2 Milliarden

Nutzer zu haben.

Die Nutzungsbedingungen von WhatsApp

beinhalten eine Altersbeschränkung. Die

Nutzung von WhatsApp ist nur zulässig,

wenn der Nutzer mindestens 16 Jahre alt ist,

sofern es sich um einen Nutzer mit Wohnsitz

innerhalb eines Landes der sog. Europäischen

Region (dazu gehört unter anderem

die Europäische Union, die Schweiz, Norwegen,

Vatikanstadt sowie deren Hoheitsgebiete

handelt. Bei der Installation der Software

muss vom Nutzer nicht nur die Einhaltung

der Nutzungsbedingungen bestätigt

werden, sondern es erfolgt ergänzend eine

ausdrückliche Abfrage, in der bestätigt werden

muss, dass der Nutzer die Altersvoraussetzungen

für die Nutzung des Programms

erfüllt. Eine Kontrolle der Angaben des Nutzers

erfolgt nicht. Bei einer falschen Angabe

liegt ein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen

von WhatsApp vor und die Nutzung

des Programms und der damit verbundenen

Netzwerkinfrastruktur und erfolgt illegal. Für

Eltern bietet WhatsApp einen kostenlosen

Service an, mit dem Eltern das WhatsApp-

Konto ihrer Kinder sperren lassen können,


sofern diese die Altersvoraussetzungen für

die Nutzung des Programms nicht erfüllen.

WhatsApp als führenden Messanger im Verein

zu nutzen, ist kritisch zu sehen. Sogar Kinder-

und Jugendliche unter 16 Jahre zu motivieren

Informationen abzurufen, ist nicht legal.

Trotzdem ist der Messenger auch bei

„Gut Klang“ beliebt und praktisch.

Kann WhatsApp Vorstands-, Ausschuss- oder

Projektsitzungen ersetzen? Klares nein. Einen

Verein, ein Projekt oder einen Ausschuss

kann man nicht über einen Messanger führen.

Es sei denn man setzt WhatsApp für Telefonkonferenzen

ein, was in begrenztem

Maße möglich ist. Heute ist vieles Digital. Soziale

Netzwerke sollen vielerorts die persönliche

Kommunikation ersetzen.

WhatsApp hat sicherlich Vorteile. Die große

Mehrheit der Menschen favorisiert aber

nach wie vor, was neudeutsch Face-to-Face-

Kommunikation genannt wird: das gute alte

Gespräch von Angesicht zu Angesicht.

Aufgrund des technischen Fortschritts sind

Meetings am Konferenztisch in vielen Berufen

längst nicht mehr nötig, heißt es bei in

Unternehmen. Per WhatsApp lassen sich auf

die Schnelle Entscheidungen treffen. Es ist in

meinen Augen jedoch nur eine Notlösung:

Ich halte das persönliche Gespräch für die

beste Form der Kommunikation, weil ich die

Emotionen meiner Gesprächspartner wahrnehmen

kann und damit erkenne, wie Entscheidungen

zustande gekommen sind. Und

wenn eine Präsenzveranstaltung nicht möglich

ist, wie dies in der Corona-Phase der Fall

war, so ist die Videokonferenz deutlich zielführender.

Zwar bestimmt die Digitalisierung mittlerweile

den Joballtag in vielen Branchen und

Berufen und auch in Vereinen. Ich befürchte

jedoch gleichzeitig, dass die sozialen Kontakte

unter der Entwicklung leiden. Wir entgehen

so einer offenen Streitkultur, die wertvoll

für die Weiterentwicklung von Vereinen

ist.

Aktive Begegnungsräume fördern und fordern

persönlichen Austausch.

Die Technik kann den direkten Austausch mit

Vereinskollegen nicht völlig ersetzen. Beispiel:

Große Digitalkonzerne wie Google gingen

mit gutem Beispiel voran und schafften

aktiv Begegnungsräume für Mitarbeiter, um

die persönliche Diskussion und Kreativität

wieder zu fördern.

Kreativer Austausch im Musikverein ist eine

Grundvoraussetzung für die zukünftige Entwicklung.

Skype – Renaissance eines Video-

Tools

Skype ist ein im Jahr 2003 eingeführter, kostenloser

Instant-Messaging-Dienst, der seit

2011 im Besitz von Microsoft ist. Unterstützt

werden Videokonferenzen bzw. Bildtelefonie,

IP-Telefonie, Instant-Messaging, Dateiübertragung

und Screen-Sharing. Der Dienst

lässt sich sowohl mit dem zugehörigen Anwendungsprogramm

nutzen, das für viele

Betriebssysteme angeboten wird, als auch

unter web.skype.com über einen Browser.

Skype ermöglicht das kostenlose Telefonieren

zwischen Skype-Kunden via Internet. Internettelefonate

mit Kunden anderer Onlinedienste

sind nicht möglich. Verbindungen ins

Festnetz und zu Mobiltelefonen sind gegen

Gebühren möglich. Um Anrufe aus dem herkömmlichen

Telefonnetz

109

entgegenzunehmen, kann eine Festnetztelefonnummer

erworben werden. Die Einrichtung

einer solchen Rufnummer ist für rund

25 Länder möglich, ohne physisch in diesen

Jugendleitung, Orchesterleitung und Lehrorchesterleitung

im Video-Chat

Ländern anwesend zu sein. Für einige Länder


ist aus rechtlichen Gründen der Nachweis

des Wohnsitzes (aber nicht der tatsächlichen

Anwesenheit dort) erforderlich; das betrifft

gegenwärtig Frankreich, Deutschland, die

Niederlande, die Schweiz und Südkorea. In

der aktuellen Version für Microsoft Windows

und MacOS sind Konferenzschaltungen mit

bis zu 25 Gesprächsteilnehmern möglich.

Skype erlebte mit der Corona-Pandemie vielfach

eine Wiederauferstehung, denn andere

Tools zur Bildtelefonie wurden vermehrt eingesetzt.

Durch seine Benutzerfreundlichkeit

und der doch aus der Vergangenheit erheblichen

Verbreitung konnte Skype insbesondere

im Vereinswesen leicht für Vorstandssitzungen

als Video-Konferenzen eingesetzt

werden. Auch „Gut Klang“ setzte Skype für

Vorstands-, Ausschuss- und Projektsitzungen

ein. Und sogar beim digitalen Musikunterricht

mit Musikschülern.

YouTube – die neue Art des

Fernsehens

YouTube ist ein 2005 gegründetes Videoportal

des US-amerikanischen Unternehmens Y-

ouTube, LLC, seit 2006 eine Tochtergesellschaft

von Google. Die Benutzer können auf

dem Portal kostenlos Videoclips ansehen, bewerten,

kommentieren und selbst hochladen.

Im Jahr 2014 machte YouTube etwa vier

Milliarden US-Dollar Umsatz, größtenteils

durch das Abspielen von Werbespots. 2019

erzielte YouTube einen Jahresumsatz von 15

Milliarden Dollar.

Auf YouTube gibt es alle Arten von Videos, u.

a. Film- und Fernsehausschnitte, Musikvideos,

Trailer sowie selbstgedrehte Filme und

Slideshows. Somit befindet sich neben professioneller

Information oder Unterhaltung

auch allerlei technisch Unausgereiftes, dazu

Lustiges und Trauriges, Tutorials und Desinformation,

Propaganda, Verschwörungstheorien

oder auch philosophische Gedanken

neben der Inszenierung virtueller Gewalt,

aber auch der Dokumentierung realer Gewalt

auf der Plattform.

110

„Gut Klang“ betreibt einen eigenen Y-

ouTube-Kanal. Ein YouTube-Kanal ist der individuelle

Bereich eines YouTube-Benutzers.

Hier findet man unter anderem die öffentlichen

Videos, Playlists und Informationen

über den Kanal. Der Kanal lässt sich individuell

gestalten; so kann man beispielsweise das

Titelbild ändern, den Titel des Kanals ändern

und Module wie Playlists hinzufügen und löschen.

In den Geschäftsbedingungen behält sich Y-

ouTube vor, hochgeladene Inhalte (Videos)

weiterzuverkaufen oder zu lizenzieren, ohne

den Autor vorher zu fragen.

Nach der geltenden US-amerikanischen

Rechtsprechung muss YouTube urheberrechtlich

geschützte Inhalte erst nach einer

Abmahnung durch die Rechteinhaber löschen.

Dürfen Musikvereine Mitschnitte ihres Konzertes

in YouTube hochladen?

Nein. Wollen Nutzer einen Mitschnitt hochladen,

müssen sie die Nutzungsrechte daran

haben. Wer ein Musikstück ohne Zustimmung

der Rechteinhaber hochlädt, verletzt

Urheberrechte. Das Stück ist dann zwar abspielbar,

aber es kann rechtliche Probleme

geben.

Die betroffenen Künstler oder Plattenfirmen

können sich an YouTube wenden. Sie können

zum einen fordern, dass das Musikstück

komplett entfernt wird, andererseits können

sie auch verlangen, dass sie finanziell an den

Werbeeinnahmen beteiligt werden, wenn

das Video abgespielt wird. Dann handelt es

sich um eine Art nachträgliche Genehmigung.


Im schlimmsten Fall kann der Nutzer, der das

Video hochgeladen hat, auch abgemahnt

werden. Bei wiederholten Verstößen gegen

das Urheberrecht kann es außerdem passieren,

dass YouTube das Konto des Nutzers

kündigt.

Können Nutzer Musikstücke bearbeiten und

bei YouTube hochladen?

Facebook –

Kommunikationsmedium oder

„Blase“?

Das kann zulässig sein. Als Urheber hat man

allerdings den Anspruch, dass das eigene Material

nicht verfälscht wird. Wer also bearbeitet

und das Werk ändert, braucht eine Einwilligung.

Facebook ist ein soziales Netzwerk, das vom

gleichnamigen US-amerikanischen Unternehmen

Facebook Inc. betrieben wird. Das

Unternehmen erzielte im Jahr 2017 einen

Umsatz von 41 Mrd. USD.

Facebook ermöglicht die Erstellung von privaten

Profilen zur Darstellung der eigenen

Person, von Unternehmensseiten zur geschäftlichen

Präsenz, sowie von Gruppen zur

privaten Diskussion gemeinsamer Interessen.

Die Profile können durch Freundschaftsanfragen

untereinander vernetzt werden,

wobei eine unbeschränkte Anzahl von Abonnenten

(analog den Followern auf Twitter)

möglich ist, die Höchstgrenze von direkt verbundenen

Freunden ist jedoch auf 5000

Freunde (Stand März 2020) beschränkt. Darüber

hinaus bietet Facebook einen Messenger

sowie eine Entwicklungsplattform zur Erstellung

von Anwendungssoftware.

Das 2004 gegründete Netzwerk zählte nach

eigenen Angaben im 4. Quartal 2019 rund 2,5

Milliarden Mitglieder, welche die Seite zumindest

einmal pro Monat besuchten.

Seit seiner Veröffentlichung steht Facebook

aufgrund mangelhafter Datenschutzpraktiken

in der Kritik, insbesondere von europäischen

Datenschützern und Sicherheitsexperten.

Der Bundesverband der Verbraucherzentralen

in Deutschland riet 2010 gar davon

ab, das Angebot zu nutzen.

Facebooks Bedeutung als Nachrichtenkanal

wurde für das Jahr 2015 durch das Reuters

Institute der Universität Oxford belegt. Demnach

bezogen 23 % von 1.969 deutschlandweit

Befragten aller Altersgruppen Nachrichten

von Facebook. In den USA lag jener Wert

111

bei 41 % von 23.557 Befragten. Laut einer

Langzeitstudie der TU Darmstadt und der TU

Dresden wurden im Jahr 2014 in Deutschland

rund 91 Prozent aller Online-Nachrichten der

Mediengesellschaften über die Facebook-

Like- und Teilen-Buttons verbreitet. Die

Probleme umfassen dabei die Verbreitung,

respektive fehlende Eindämmung von

Falschmeldungen (fake news) im Netzwerk

und die Wirkung dessen Filterblase, einer

sich durch automatische Selektion verengenden

Informationsbreite.

„Gut Klang“ betreibt ebenfalls eine Facebook-Seite,

um seine Zielgruppe direkter und

schneller zu erreichen.

Die Nutzung von Social Communities wie Facebook

macht Spaß, ist aber nicht ungefährlich.

Wir zeigen, welche Fallstricke lauern

können.

Die Nachteile von Facebook sind für viele

Menschen nicht mehr so gewichtig, denn die

Massenbewegung und der Gruppenzwang,

der mit Netzwerken zusammenhängt, wird

von Tag zu Tag größer. Facebook-Mitglied zu


sein hat sicherlich einen großen Vorteil, dennoch

sollten auch die Nachteile bedacht werden,

bevor Sie einen Account erstellen.

Die Nachteile von Facebook sind allgemein

bekannt und deutlich zu erkennen. Facebook

ist eine große Ansammlung von Daten. Dabei

werden diese gespeichert und sind so auch

über die Suchmaschine Google leicht zu finden.

Sogar sehr persönliche Daten werden immer

wieder weitergegeben und Facebook hat

schwer zu kämpfen, um dem Datenschutz gerecht

zu werden.

Wer sich auf Facebook angemeldet hat, kann

allerdings mit den richtigen Einstellungen

seine Daten weitgehend sichern.

Es ist also Vorsicht geboten, wenn man diesem

Netzwerk beitritt. Facebook vergisst

nichts. Selbst bei einer Löschung wird der Account

nur stillgelegt und die Daten weiterhin

aufbewahrt.

Diese Nachteile von Facebook sind nicht weg

zu diskutieren und sollten bedacht werden.

Der Verein und seine Mitglieder werden

durchsichtig für die Gesellschaft und somit

auch für Chefs, Verwandte oder Menschen,

denen man bestimmte Informationen unter

anderen Umständen nie geben würden.

Wenn ein Verein sich beim Online-Netzwerk

angemeldet hat, sollte sich der Vorstand umgehend

darum kümmern, dass die Daten vor

Unternehmen geschützt sind.

Schnappschüsse von Vereinsfesten sind

schöne Erinnerungsstücke. Gerne stellen

Musikvereine, die in der Kinder- und Jugendarbeit

aktiv sind, die Kinderfotos bei Facebook

oder anderen sozialen Netzwerken online.

Doch das bringt Gefahren mit sich: Viele

Internetnutzer können die Bilder nämlich

einsehen. Die öffentliche Diskussion um Datenschutz

dreht sich auch um solche Bilder.

Falls Vereine das Onlinestellen von Kinderfotos

planen, müssen übrigens beide Elternteile

zustimmen. Es reicht nicht, wenn nur

der Vater oder nur die Mutter einwilligt.

Natürlich hat Facebook nicht nur Nachteile.

Die Masse an Neuregistrierungen jeden Tag

zeigt, das Facebook eine große Macht besitzt,

die Menschen anzieht. Dazu gehört die

Vernetzung der ganzen Welt. Sie können mit

Menschen aus den verschiedensten Regionen,

Ländern und Kulturen in Kontakt treten

und haben die Möglichkeit, alte Vereinsmitglieder

und Bekannte wieder zu finden und

mit diesen in Kontakt zu treten.

Ein weiterer Vorteil besteht für Vereine:

Diese haben die Möglichkeit eine eigene Firmen-Facebook-Seite

zu eröffnen und können

somit ebenfalls mehr Menschen erreichen.

Denn Werbung bindet Facebook inzwischen

mit ein. Vorteile gibt es genügend für die

Nutzer. Persönliches Abwägen des Für und

Wider ist dennoch wichtig.

Twitter – schnell mal einen

raushauen

Twitter (englisch für Gezwitscher) ist ein Mikrobloggingdienst

des Unternehmens Twitter

Inc. Auf Twitter können angemeldete Nutzer

telegrammartige Kurznachrichten verbreiten.

Die Nachrichten werden „Tweets“ (von

englisch to tweet „zwitschern“) genannt.

Twitter wird als Kommunikationsplattform,

soziales Netzwerk oder meist öffentlich einsehbares

Online-Tagebuch definiert. Privatpersonen,

Organisationen, Unternehmen

und Massenmedien nutzen Twitter als Plattform

zur Verbreitung von kurzen (max. 280

112

Zeichen) Textnachrichten (Tweets) im Internet.

Im Gegensatz zu Facebook steht nicht

der Kontakt mit bekannten Freunden im Vordergrund,

sondern die breite Öffentlichkeit.

Will man zukünftig über Beiträge anderer

Nutzer informiert werden, kann man ihnen

„folgen“. So abonniert man den Nutzer entsprechend,

und dessen Tweets werden daraufhin

in der eigenen Timeline angezeigt.

Ein Nutzer, der einem anderen folgt, wird als

„Follower“ (von englisch follow „folgen“) bezeichnet.

Nicht jede Kommunikation muss auf Twitter

öffentlich verlaufen, es ist ebenso möglich,

anderen Nutzern private Direktnachrichten


zu senden. Die Nutzer können dabei einstellen,

ob sie nur von gefolgten Nutzern Nachrichten

erhalten möchten oder von allen

Twitter-Nutzern.

„Gut Klang“ hat einen eigenen Twitter-Account:

@gutklang.

Viele Vereinsverantwortliche sehen Twitter

häufig (noch) als Spielerei und Zeitverschwendung

an. Dabei ist Twitter, wenn man

es richtig einsetzt, ein wirklich hervorragendes

Kommunikationsinstrument. Durch Twitter

ist es sehr einfach möglich Informationen

kurz und knapp einer breiten Öffentlichkeit

zu übermitteln. Ähnlich wie

bei einem öffentlichen

Nachrichten-Ticker können

kurze Statusmeldungen

(maximal 140 Zeichen) innerhalb

von wenigen Sekunden

veröffentlicht werden.

Gründe für Twitter in unserem

Verein:

Es gibt einige gute Gründe

Twitter als Kommunikationsinstrument

einzusetzen.

In diesem Beitrag habe ich

damit begonnen eine kleine

Liste mit Gründen zu erstellen,

weshalb der Einsatz von

Twitter im Musikverein

sinnvoll sein kann.

Diese Liste hat natürlich keinen Anspruch auf

Vollständigkeit.

1. Twitter ist ein kostenloses, einfach zu bedienendes

Kommunikationsmedium

Das stärkste Argument zum Einsatz von Twitter

in Vereinen ist, dass Twitter komplett kostenlos

ist. Selbst wenn im Verein keine finanziellen

Mittel für eigene Kommunikationsmedien

(Vereins-Zeitung, Vereins-Website, etc.)

zur Verfügung stehen, dann kann man über

Twitter trotzdem eine breite Öffentlichkeit

erreichen, wenn auch nur mit maximal 140

Zeichen pro Meldung.

2. Twitter ergänzt das Online-Angebot im

Verein als Live-Medium

Sicherlich kann Twitter die eigene Vereins-

Website nicht ersetzten. Um ausführliche

Schnell in Twitter geteilt: Beim Karnevalszug

2020

113

oder statische Meldungen (z.B. Informationen

zu Mitgliedsbeiträgen, dem Vereins-Angebot,

Öffnungszeiten, etc.) zu kommunizieren

ist Twitter denkbar ungeeignet.

Gegenüber der Vereins-Website hat Twitter

allerdings einen unschlagbaren Vorteil: Über

Twitter lassen sich kurze Live-Meldungen in

Sekundenschnelle veröffentlichen. Daher

sollte Twitter eher als dynamisches und

schnelles Live-Medium betrachtet werden,

welches die Vereins-Website ergänzt. Man

kann einfach auf die Schnelle Infos „heraushauen“.

Insbesondere in der Konzertvorbereitung

bietet der Einsatz

von Twitter große Vorteile.

So kann man als Musikverein

einen eigenen Informationsdienst

über Twitter anbieten

und so zum Beispiel

Fans oder Mitglieder immer

live vom Ort des Geschehens

mit Informationen versorgen.

Mit Twitter ist das nun sehr

einfach möglich. Alles was

man dazu benötigt ist eine mobile

Internetverbindung, sowie

ein internetfähiges Endgerät,

zum Beispiel ein Smartphone.

3. Twitter kann eine große

Masse an Menschen erreichen

Ein gut betreuter Twitter-Account kann sehr

schnell zu einem Massenmedium werden.

Dazu muss man noch nicht einmal selbst

viele Follower haben. Es reicht aus, wenn einer

oder mehrere Follower eine Vereinsmeldung

via „Retweet“ weiterverbreiten. Das

bedeutet, dass ein Follower eine Meldung

nicht nur selbst liest, sondern ihr so viel Bedeutung

beimisst, dass er bereit ist diese

selbst in seinem eigenen Netzwerk weiter zu

verbreitet. Ein Retweet ist eine Belohnung

und bedeutet so viel wie: „Schaut her, und

hört zu! Hier hat jemand etwas Interessantes

zu erzählen!“. Welche Folgen ein Retweet

haben kann, möchte ich an einem kleinen

Beispiel veranschaulichen:

Beispiel für die möglichen Auswirkungen eines

Retweets:


Ein Musikverein hat 50 Follower bei Twitter

und postet eine Meldung. Diese Meldung finden

Follower A und B so interessant, dass sie

diese ebenfalls in ihrem eigenen Twitter-

Netzwerk posten. A hat 150, B 250 eigene

Follower. Während die ursprüngliche Nachricht

lediglich eine Reichweite von maximal

50 hatte, erhöht sich die Reichweite mit nur

zwei Retweets auf 450. Man kann sich also

leicht vorstellen was passiert, wenn 10 Follower

einen Retweet spendieren.

Aber nicht nur Retweets innerhalb des Twitter-Netzwerks

verbreiten Meldungen. Die

Twitter-Vereinsmeldungen sind auch über

Suchmaschinen wie Twitter-Search zu finden.

Sucht man dort nach speziellen Stichworten

bekommt man aktuelle Twitter-Statusmeldungen

angezeigt. Daher kann man

auch über diesen Weg eine breite Öffentlichkeit

erreichen.

Wer kurz nachdenkt wird nun das Werbepotential

von Twitter für einen Verein erkennen.

Mit nur 140 Zeichen kann selbst ein kleiner

Verein schnell hunderte oder gar tausende

Menschen erreichen. Diese hohe

Aufmerksamkeit ist bei der Bewerbung des

Vereins immens wertvoll. Letztendlich entscheidet

allerdings die Qualität der Meldung

welche Reichweite diese erzielen kann.

Interessante Tweets gehen schnell „viral“.

4. Twitter erzeugt Traffic für die Vereins-

Website

Man sollte so oft wie möglich via Twitter auf

die eigene Vereins-Website verweisen, indem

man einen Link bei den Twitter-Meldungen

integriert. Twitter eignet sich hervorragend

Inhalte auf Webseiten „anzuteasern“

umso User auf eine bestimmte Website zu

„ziehen“. Wer eine große interessierte Follower-Gemeinde

hat weiß, dass ein einzelner

Post bei Twitter hunderte oder gar tausende

Seitenzugriffe auf die eigene Website zur

Folge haben kann. Dieser quasi selbst gesteuerte,

kostenlose Traffic kann den Vermarktungswert

einer Website enorm erhöhen.

Wer also Twitter einsetzt um über die Meldungen

Internetuser auf seine Website zu

„ziehen“ steigert so auch seinen Werbewert.

114


Instagram – die Story meines

Lebens

Instagram ist ein werbefinanzierter Onlinedienst

zum Teilen von Fotos und Videos, der

zu Facebook gehört. Instagram ist eine Mischung

aus Microblog und audiovisueller

Plattform und ermöglicht es, Fotos auch in

anderen sozialen Netzwerken zu verbreiten.

Zur Nutzung stehen Apps für Windows, Android

und iOS zur Verfügung. Nutzer können

ihre Fotos und Videos bearbeiten und mit Filtern

versehen.

Im Juni 2018 wurde bekannt gegeben, dass

die Zahl auf 1 Milliarde aktive Nutzer stieg.

Das rasante Wachstum der Plattform wurde

auch dadurch begründet, dass zahlreiche bekannte

Marken bereits früh damit begonnen

haben, ein eigenes Profil auf Instagram zu

pflegen.

„Gut Klang“ betreibt einen eigenen Instagram-Account.

Aber noch ein zusätzlicher Kanal, der mit Inhalten

gefüllt werden will? Zugegeben: Vereine,

die sich für ein Instagram-Profil

115

entscheiden, laden sich zusätzliche Arbeit

auf. Dass sich diese jedoch durchaus lohnt,

beweisen die nachfolgenden drei Gründe.

Instagram bedeutet

Nachwuchsförderung

Es wurde eingangs bereits angedeutet: Instagram

ist das soziale Netzwerk der jungen

Leute. Wenn man diese als Verein ansprechen

und zum Mitwirken bewegen will, ist es

folglich nur logisch, hier aktiv zu werden. Betrachtet

Instagram als Instrument der Nachwuchsförderung.

Hier können wir beispielsweise:

• zeigen, was unser Verein macht und wer

dahintersteckt

• herausstellen, welche Aktivitäten vor allem

für junge Menschen attraktiv sind

• gezielt auf Jugendliche zugehen

Instagram bedeutet

Öffentlichkeitsarbeit

Der Verein plant eine große Veranstaltung

und möchte hierfür die Werbetrommel rühren?

Dann meldet euch sich am besten sofort

bei Instagram an, um die Möglichkeiten der

kostenfreien Öffentlichkeitsarbeit voll auszuschöpfen.

Wie auch auf Facebook können wir hier auf

die einzelnen Programmpunkte aufmerksam

machen, einen Blick hinter die Kulissen gewähren

und potentielle Besucher immer wieder

an das bevorstehende Datum erinnern.

Instagram bedeutet Zukunft

Die Digitalisierung macht auch vor Vereinen

nicht Halt – und das ist auch grundsätzlich

gut so.

Wenn wir stets auf dem Laufenden bleiben

und nie den Anschluss verlieren wollen, ist es

nahezu unumgänglich, sich auch modernen

Kanälen wie Instagram gegenüber zu öffnen

und diese nicht kategorisch zu verteufeln.

Betrachten wir unsere Anmeldung als einen

wichtigen Schritt in Richtung Zukunft und

denken wir immer daran: Als Verein auf


Instagram können wir aktuell noch die Rolle

des Vorreiters einnehmen. Es gibt nur

verhältnismäßig wenige, die es bisher gewagt

haben, sich zu registrieren.

Werbekampagnen – gestern und

heute

Soziale Netzwerke eignen sich ausgezeichnet

um Marketing für den Verein zu betreiben

und interessante Zielgruppen (z.B. Medien,

Fans, Mitglieder, Sponsoren, etc.) anzusprechen

bzw. an den Verein zu binden. Dieser

Prozess läuft in verschiedenen Schritten ab.

Schritt 1: Aufmerksamkeit erzeugen

Über soziale Netzwerke, hier am Beispiel von

Twitter (lässt sich aber z.B. auf Facebook o-

der Instagram leicht übertragen), ist es für einen

Verein relativ einfach Aufmerksamkeit

bei interessanten Zielgruppen zu erzeugen.

Neben verschiedenen Widgets, die sich auf

der eigenen Internetplattform einbinden lassen

um plakativ für den Twitter-Account zu

werben, bieten die integrierte Twitter-Suche

oder andere Twitter Such-Tools (z.B. Twitter-

Search oder Twellow) die Möglichkeit interessante

Kontakte direkt zu finden um diese

anschließend für den Verein zu „akquirieren“.

Hat man für den Verein interessante Personen

über die Twitter-Suche ausfindig gemacht

folgt man diesen. Der Gefolgte wird

anschließend darüber informiert, dass er einen

neuen Follower hat. Dadurch kann man

auf einfachste Art und Weise einen fremden

Menschen direkt auf sich aufmerksam machen,

mit dem Ziel Interesse für den eigenen

Twitter-Account zu wecken.

Schritt 2: Interesse wecken

In der Regel möchte man wissen wer einem

bei Twitter folgt und schaut sich daher das

Profil des Followers an. Mit einem interessanten

Twitter-Profil hat man an dieser Stelle

die Chance beim fremden Twitter-User Interesse

für den eigenen Twitter-Account, bzw.

Musikverein zu wecken.

Schritt 3: Verlangen erzeugen

Hat man es einmal geschafft Interesse für

den eigenen Twitter-Account zu erzeugen

entscheidet die Qualität der Meldungen, ob

der interessierte User (z.B. ein Medienvertreter,

ein potentieller Fan, ein potentielles Mitglied

oder ein potentieller Sponsor) mehr Informationen

haben möchte und selbst zum

Follower wird. Das Ziel ist es beim Interessenten

eine Aktion auszulösen. Der Interessent

soll dem Twitter-Account des Vereins folgen.

Schritt 4: Handlung auslösen

Spricht der Twitter-Account des Vereins einen

anderen Twitter-User an ist die Wahrscheinlichkeit

groß, dass dieser dem Verein

folgt. Genau das ist die Handlung, die man

auslösen möchte. Einen neuen Follower zu

bekommen bedeutet in etwa so viel wie: „Ja,

ich bin interessiert daran was du zu sagen

hast, gib mir mehr Informationen!“. Durch

den neuen Follower hat der Verein einen

weiteren Interessenten „eingefangen“ und

kann nun versuchen diesen an sich zu binden.

Schritt 5: Bindung an den Verein

Hat man einen neuen Follower gewonnen

geht es darum diesen zu hegen und zu pflegen,

damit er auch in Zukunft ein Follower

bleibt. Daher ist es enorm wichtig qualitativ

hochwertige Informationen über Twitter zu

verbreiten. Jeder Follower sollte in regelmäßigen

Abständen über den Verein informiert

werden um ihn bei der Stange zu halten, mit

dem Ziel ihn Stück für Stück näher an den

Verein heran zu führen.

Jeder Follower ist ein potentieller Multiplikator,

Fanartikelkäufer, Mitglied, Sponsor,

Spender, Konzert- oder Event-Besucher!

Man kann einen Follower im engeren Sinn

auch als potentiellen (Neu-) Kunden betrachten.

116


11 Wie sieht der Verein in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren

aus?

Über Generationen hinweg gibt es einen Abgesang

auf das deutsche Vereinswesen. Dafür

gab und gibt es im Grunde immer wieder

das gleiche Argument: der technische Fortschritt

raubt dem Menschen die Lust und die

Freizeit für die Ausübung seines Hobbys. In

Deutschland gibt es für alles Vereine. Vom

Kaninchenzüchten bis zum Tambour-Corps.

es gab Vereinsstatuten. Das Ergebnis: Gemeinsam

versuchten alle Beteiligten, die

Strukturen dieser Gesellschaften zu erhalten,

schließlich hatten sie ein gemeinsames Interesse:

einer Leidenschaft, einem Thema

nachzugehen.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts übernahmen

praktisch alle gesellschaftlichen Gruppen,

zum Beispiel die Arbeiter- oder Frauenbewegung,

den Verein als Organisationsmodell.

Der hat, Watermann zufolge, einen weiteren

Vorteil: "Trotz der Bindung durch die Mitgliedschaft

ist es jedem jederzeit möglich,

den Verein zu verlassen", sagt er.

Das Vereinswesen in Deutschland basiert

maßgeblich auf seiner Qualität, einen Rahmen

zu schaffen, um gesellschaftliche Anliegen

zu regeln. Watermann: "Die Deutschen

haben gelernt, dass sich prinzipiell jeder erdenkliche

Zweck mit dem Verein dauerhaft

Daniel Watermann zufolge, er ist wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Lehrstuhl für

Neuere und Neueste Geschichte an der Martin-Luther-Universität

Halle-Wittenberg und

hat zum Vereinswesen in der Kaiserreichszeit

promoviert, reichen die Wurzeln des Vereinslebens,

wie wir es kennen, bis ins 18.

Jahrhundert zurück. Damals hießen Vereine

noch Assoziationen oder Gesellschaften und

trugen einen für frühere Verhältnisse revolutionären

Gedanken in sich: Die Menschen

fanden dort Gelegenheit, sich unabhängig

von ihrem gesellschaftlichen Stand zu organisieren

und gemeinsame Interessen zu verfolgen.

So diskutierten sie beispielsweise gemeinsam

in Lesegesellschaften über die aktuelle

Politik. Schon damals wurden die Teilnehmenden

über ihre Mitgliedschaft an bestimmte

Aufgaben und Pflichten gebunden,

und adäquat organisieren lässt." So auch die

Weiterentwicklung der Musik von „Gut

Klang“ Erftstadt e.V.

Solange Menschen Leidenschaft für etwas

aufbringen, werden sie sich in irgendeiner

Form organisieren. In zehn oder auch in fünfzig

Jahren. Die Zahl neuer Vereine steigt noch

117


immer – aber sehr viel langsamer als früher,

bestätigen Experten. Wurden im Jahr 1995

noch 22 000 neue Vereine eingetragen und

4500 gelöscht, wurden 2016 nicht nur

deutlich weniger Vereine ins Amtsregister

eingetragen (14 000), sondern auch doppelt

so viele (9000) ausgetragen.

Smarte Ziele - „Die Zukunft gehört

denen, die die Möglichkeiten

erkennen, bevor sie offensichtlich

werden“

Heute bringen gerade Jugendliche und junge

Erwachsene sich häufiger in einen Verein ein,

als es die öffentliche Meinung vermuten

lässt. Die Interessen der jungen Leute haben

sich demnach in den vergangenen Jahrzehnten

wenig gewandelt. In den Achtzigerjahren

haben junge Leute vor allem Umweltthemen

bewegt. Ein weiterer Schwerpunkt waren

Globalisierungsthemen, Sport und Kultur.

Umwelt und Naturschutz sind auch jetzt

zentrale Bereiche von Vereinsarbeit, genauso

Bildung und Erziehung. In den vergangenen

Jahren kamen die Hilfe und Unterstützung

von Migrantinnen

und Migranten

hinzu. Ganz besonders

aber boomen

aktuell Fördervereine

als Unterstützung

für öffentliche

Einrichtungen,

etwa für Schulen,

Museen oder Theater.

Man sieht hieran,

wo den Bürgern

der Schuh

drückt.

In Zeiten der Digitalisierung

rücken auch wieder Themen wie

Sport, Musik und Kunst in den Fokus. Oft getrieben

von Eltern, die sich Sorgen machen,

wenn ihre Kinder zu sehr in die digitale Welt

abtauchen und zu wenig für ihren Körper und

Geist leisten. Andererseits zeigte die Corona-

Krise in 2020 wie wichtige digitale Angebote

sein können.

Vereine, die heute über Nachwuchssorgen

klagen, wissen oft zu wenig über die Fragen

der Gegenwart. „Gut Klang“ hat seit Jahren

keine Nachwuchssorgen. „Gut Klang“ schafft

118

es nicht immer die Herausforderung zu meistern

Kinder und Jugendliche auf ein ganz hohes

musikalisches Niveau zu hieven. Aber das

ist eher ein musik-pädagogisches Thema. Die

sozial-pädagogische Anforderung, Kinder für

Musik und Soziales zu interessieren, erfüllt

„Gut Klang“ in vollem Umfang. „Musik grenzt

keinen aus“ als Haltung hilft und der Vorbildcharakter

ehrenamtlicher Erwachsener beeindruckt

vor allem die Eltern.

Die Lust auf das Leben, die Kinder und Jugendlichen

und natürlich auch Erwachsenen

brauchen, ist geprägt von der Findung von Erfolgserlebnissen.

Im Schulalltag oder auf der

Arbeitsstelle ist nicht jedem Menschen Erfolg

vergönnt. Es gilt sich im Verein Ziele zu setzen.

Sogenannte „smarte“ Ziele. Und hier

darf man s.m.a.r.t. Buchstabe für Buchstabe

verstehen.

S = Spezifisch, d.h. Ziele müssen eindeutig definiert.

M = Messbar, d.h. Ziele müssen messbar sein

(Messbarkeitskriterien).

A = Aktivierend, d.h. Die Ziele müssen für die

Person ansprechend bzw. erstrebenswert

sein.

R = Realistisch, d.h. das gesteckte Ziel muss

möglich und realisierbar sein.


T = Terminiert, d.h. das Ziel muss mit einem

fixen Datum festgelegt werden können.

Ein Ziel ist nur dann S.M.A.R.T., wenn es diese

fünf Bedingungen erfüllt.

Beispiel: „Ich werde jeden Tag 30 Minuten

auf meinem Instrument üben, um in einem

Jahr ein guter Musiker zu sein, damit ich im

Nachwuchs-Orchester mitspielen darf.“

Die Möglichkeiten der Zukunft zu erkennen,

heißt die Gegenwart zu bewerten und Veränderungen

rechtzeitig einzuleiten. Im Grund

muss ich als Vereinsvorstand ständig beobachten,

wie sich die Mitglieder verhalten:

• Werden Proben schlecht besucht, so hat

dies einen Grund. Was ist der Grund?

• Werden Auftritte schlecht besucht, was ist

der Grund?

• Werden nur bestimmte Auftritte schlecht

besucht?

• Verlassen Musiker den Verein?

• Kommen zu wenig Musiker zum Verein?

• …

Orchesterprobe im Juni 2019 in Liblar

Die Analyse der kleinen Fragenauswahl ist oft

nur vordergründig einfach. Als Vereinsvorstand

macht man es sich oft zu einfach und

begründet Schwierigkeiten in der Gemeinschaft

mit dem Fehlverhalten einzelner.

Warum liegen im Verhalten der Mitglieder

mal die Prioritäten eindeutig beim Vereinsangebot

und dann wiederum bei völlig vereinsfremden

Aktivitäten? Denkt der Mensch

nur noch angebots- oder projektbezogen?

119

Hier darf philosophiert werden. Und Verallgemeinerungen

helfen nicht. Es gilt die

Bedürfnisse der Mehrheit der Mitglieder

herauszufinden. Was ist der gemeinsame

Nenner? Wo wollen wir gemeinsam hin?

Ein Kommunikationsthema! Kenne ich

meine Mitgliedschaft und weiß ich, wo

die Interessen der Mehrheit morgen liegen?

Vereine werden es immer nach sehr erfolgreichen

Phasen schwer haben, die

Mitglieder neu zu motivieren. „Gut

Klang“ ist 2008 Sieger und Preisträger

beim Deutschen Orchesterwettbewerb

geworden, vier Mal in Folge nämlich

2010, 2013, 2016, 2019 Deutscher Meister in

der Bundesvereinigung Deutscher Blas- und

Volksmusikverbände. Eigentlich haben wir

nach jedem großen Erfolg damit gerechnet

leistungsmäßig einzubrechen. Tatsächlich

wurde „Gut Klang“ größer und musikalisch

besser.

Welche sieben Gründe gab es dafür?

1. Hinter jedem großen Erfolg stand ein

neuer Name und Dirigent mit neuen Ideen.

2. Strukturen im Verein und in der Ausbildung

wurden immer wieder angepasst, modernisiert

und verändert.

3. Die Mischung aus erfahrenen leistungsbereiten

und talentierten neuen Musikern

stimmte.

4. Nachwuchs wurde nicht zu früh ins „kalte

Wasser geworfen“ sondern hatte Zeit sich zu

entwickeln.

5. Kooperationen und Netzwerke halfen z.B.

bei der Besetzung von Engpassinstrumenten

und beim Raumbedarf.

6. Eine erfahrene Vereinsführung als Konstante

traf richtige und mutige Entscheidungen.

7. Ein betriebswirtschaftlich vorausschauendes

Wirken des Vereins ermöglichte Investitionen

in Instrumentarium und Ausbildung.

Wenn diese sieben Aspekte erfüllt sind, so

lässt sich ein permanentes Update der Vereinsarbeit

umsetzen.


Jahreshauptversammlung 2010

Ein ganz wesentlicher Aspekt für zukunftsgerichtetes

Arbeiten ist die Erfahrung. Diese

darf aber nicht so eingesetzt werden nach

dem Motto „Früher war alles besser“ oder

„Haben wir früher schon probiert, hat nie geklappt“.

Erfahrung im Sinne des Antizipierens

von Herausforderungen ist der Kern für nachhaltig

erfolgreiche Arbeit.

Somit lassen sich die oben genannten sieben

Gründe als Chance für eine positive Entwicklung

eines Vereins ebenso nennen, wie auch

als Risiken, wenn die Gründe nicht erfüllt

sind.

Kehren wir also den Ausgangssatz

wie folgt um:

„Die Zukunft gehört nicht

denen, die die Möglichkeiten

verpassen, bevor sie offensichtlich

werden.“

1. Misserfolge drohen,

wenn von der musikalischen

Leitung/Dirigent

keine neuen kreativen Impulse

kommen.

2. Strukturen im

Verein und in der Ausbildung

sind starr und es

herrscht ein Klima mangelhafter

Veränderungsbereitschaft.

3. Die Mischung aus erfahrenen leistungsbereiten

und talentierten neuen Musikern

stimmte nicht.

4. Nachwuchs wurde zu früh ins „kalte Wasser

geworfen“ und hatte keine Zeit sich zu

entwickeln.

5. Kooperationen und Netzwerke werden

nicht genutzt.

6. Ständige wechselnde und unerfahrene

Vereinsführung ohne Entscheidungs- und

Veränderungskompetenz.

7. Der Verein wirtschaftet schlecht.

Globale Veränderungsprozesse vs.

Vereinsziele - Traditionelles vs.

Megatrends – Entscheidungshilfen

Verschiedene globale Veränderungsprozesse,

die sich zu einem erheblichen Teil gegenseitig

beeinflussen, können sich auf unsere

Vereinsarbeit und die Zukunftsplanung

auswirken.

Dazu gehören insbesondere

• globale Umweltveränderungen wie die

globale Erwärmung, Entwaldung, steigende

Müllflut (herausragendes Symptom Plastikmüll

in den Ozeanen), der Verlust der Biodiversität,

die Versauerung der Meere, die

Ausbreitung von Wüsten oder die

Umwandlung von Wäldern und Steppen in

Agrarflächen.

• die Auswirkungen der Globalisierung

• die demographischen Veränderungen auf

der Erde (Bevölkerungswachstum, Alterung,

Migration)

• Pandemien, wie wir sie mit dem Corona-

Viruserkrankung Covid-19 erlebt haben

Flüchtlingsbewegungen und Migrationen

120


Menschen tun sich schwer, alte Gewohnheiten

zu verlassen, wenn sie sich in einer vermeintlichen

Komfortzone befinden. „Lieber

Gott, lass alles so bleiben, wie es ist“, eine

verständliche Reaktion von Menschen,

die sich wohl fühlen. Aber nichts bleibt

wie es ist. In einer globalen Welt gibt es

unendlich viele Einflussfaktoren, die unsere

Gesundheit und unseren Wohlstand

negativ, aber auch positiv beeinflussen

können. Zumeist treiben die Risiken den

Menschen dazu keine Veränderung zuzulassen,

wenn in seinem Umfeld alles okay

ist. Darauf basiert so mancher Aberglaube.

Wenn ein Tag glücklich verlaufen

ist, so startet man gerne am nächsten Tag

mit dem gleichen Ritual, z.B. morgens zuerst

den linken Strumpf anzuziehen. Erst,

wenn wir einen Tag erleben, an dem alles

schiefläuft, sind wir bereit Rituale zu verändern.

Urkunde Deutscher Meister 2020

Doch alles und jeder in dieser Welt hat Potential

sich zu verändern und verbessern.

„Gut Klang“ fühlte sich 2010 auf dem Olymp

der Flötenorchester angekommen. Amtierender

Sieger und Preisträger des Deutschen

Orchesterwettbewerbs in Wuppertal, Deutscher

Meisterschaft in Rastede und ein ausverkauftes

Konzert in Gymnich. Mehr geht

121

nicht. Aber bedeutet das nicht gleichzeitig,

dass man sich neue Ziele setzen muss? Höhere

Ziele? Was kann man verändern, damit

Probe für das Konzert „Klangkörper“ (2011)

man noch besser wird? Muss man sich verändern

oder reicht es das Level zu halten?

Stagnation bedeutet mittelfristig Rückgang.

Stagnation kann Vorläufer eines Abschwungs

sein. Die Neigung eines Vereins, Risiken einzugehen,

ist nur gering. Auf stagnierende

Vereine werden Öffentlichkeit, potentielle

neue Musiker, Nachwuchs, Konzertbesucher

und Auftraggeber weniger aufmerksam.

Der Verein wird nicht mehr wachsen. Es sei

denn, er geht Risiken ein um Chancen zu nutzen.

„Gut Klang“ hat in der erfolgreichsten Phase

den Verein grundsätzlich verändert. Der Vorstand

in seiner bisherigen Aufstellung wurde

durch ein ausgetüfteltes Ausschusssystem,

anspruchsvolle Teamarbeit und spätere intensive

Projektarbeit abgelöst. In den darauffolgenden

zehn Jahren wechselte fünf Mal

der Dirigent, bei gleichzeitiger Konstanz

wichtiger Führungsrollen. Ein nur dreiköpfiger

Vorstand führte in dieser Phase den Verein.

Vorher waren es zehn Vorstandsmitglieder.

Die Ausschüsse aber aktivierten in der

Spitze bis zu zwei Dutzend Mitglieder, die

sich um Musik, Verwaltung, Finanzen, Recht,

Nachwuchs und Technik kümmerten. Diese

Schwarmintelligenz veränderte „Gut Klang“.

Das Ergebnis war die wahrscheinlich beste je

dargebotene musikalische Leistung eines

deutschen Flötenorchester beim Deutschen

Musikfest 2019 in Osnabrück. Ein neuer Berg

wurde erstiegen. Wie geht es nun weiter?


Welche Entscheidungen müssen getroffen

werden?

Entscheidungshilfen in schwierigen

Zeiten

Entscheidungshilfe, wann brauchen wir sie?

Hier hilft uns die „Karrierebibel“ von Jochen

Mai.

Die gute Nachricht zuerst: Nur für einen

Bruchteil der beinahe unzähligen Entscheidungen,

denen wir uns Tag für Tag gegenübersehen,

brauchen wir tatsächliche eine

Entscheidungshilfe. Bei den vielen kleinen

Optionen kommen wir noch ganz gut alleine

zurecht.

besonders kniffligen Entscheidungen aus, dir

alleine einfach unlösbar erscheinen?

Ausschlaggebend sind dabei gleich mehrere

Faktoren, die mal alleine, mal im Zusammenspiel

miteinander in die Entscheidungskrise

führen:

Die Reichweite der Entscheidung.

Je wichtiger eine Entscheidung ist – oder je

wichtiger sie sich anfühlt – desto eher wird

Hilfe benötigt. Dahinter steht die große

Angst, etwas falsch zu machen. Bei Kleinigkeiten

kann man noch darüber hinwegsehen,

doch niemand möchte bei den wirklich wichtigen

Entscheidungen des Lebens falsch liegen

und sich später dafür rechtfertigen müssen.

In 2020 sicherlich die Fragen, wie verhält

man sich als Verein nach der Corona-Krise?

Fehlende Klarheit über die Folgen.

Ob wir nun die helle oder dunkle Hose anziehen,

lieber Cornflakes oder ein Brot frühstücken,

mit dem Auto fahren oder doch den

Bus nehmen und ob wir uns in der Kaffeepause

ein Stück Kuchen gönnen oder doch

lieber auf die schlanke Linie achten – das

stürzt niemanden in große Entscheidungsnot.

Glücklicherweise, denn es wäre schlichtweg

unmöglich, sich für jede einzelne Wahl

im Alltag so viel Zeit zu lassen. Man wäre 24

Stunden lang nur noch mit Entscheidungen

beschäftigt und käme nicht mehr dazu, irgendetwas

davon wirklich in die Tat umzusetzen.

Aber es gibt auch die Entscheidungen, die

uns wirklich zusetzen, bei denen wir Tage o-

der auch Wochen und Monate einfach nicht

weiterwissen und es immer weiter aufschieben,

um uns ja nicht endgültig festlegen zu

müssen. An genau diesem Punkt wünscht

man sich jemanden, der einem einfach sagt,

was richtig ist und welchen Weg man einschlagen

soll. Doch was zeichnet diese

Brainstorming im Jugendraum

Die meisten Menschen versuchen Unsicherheit

und Risiko zu vermeiden. Sind die Folgen

und Konsequenzen einer Entscheidung im

Vorfeld nicht abzusehen, verfallen viele deshalb

in eine regelrechte Schockstarre, in der

sie solange bleiben, bis eine Lösung in Sicht

ist oder einfach keine Zeit mehr bleibt und sie

so zu einer Entscheidung gezwungen werden.

Entscheidungen aufzuschieben, bedeutet,

dass womöglich zu spät Entscheidungen

getroffen werden.

Fehlende Klarheit über die

Alternativen.

Neben den ungewissen Folgen mangelt es

manchmal bereits an wichtigen Informationen

zu den einzelnen zur Wahl stehenden

Optionen. Was macht Alternative A, B und C

aus? Worin unterscheiden Sie sich? Was sind

die jeweiligen Vor- und Nachteile? Wenn bereits

diese grundlegenden Fragen nicht beantwortet

werden können, wird es mit der

Entscheidung besonders schwer.

122


Fehlende Klarheit über die eigenen

Ziele.

Mit jeder größeren Entscheidung wird auch

ein Ziel verfolgt. Im Musikverein vielleicht die

Anschaffung teurer Instrumente? Oder das

Repertoire für ein Konzert oder einen

Wettbewerb? Kooperationen mit anderen

Organisationen? Was so einfach klingt, scheitert

oft daran, dass man sich den eigenen Zielen

nicht bewusst ist. Oder anders ausgedrückt:

Eine Entscheidung ist nicht möglich,

wenn man nicht weiß, was man eigentlich

will.

Ohne Kooperationen keine

Nachhaltigkeit – Vom Joint Venture

zur Fusion

Über Kooperationen habe ich bereits an anderen

Stellen dieses Buches geschrieben. Ob

in der Projektarbeit oder im laufenden Geschäft,

ob in der Musik oder der Verwaltung.

Ohne Kooperationen werden langfristig Erfolge

nicht gesichert werden können.

Joint Venture

Die Wirtschaft macht es vor. Oft hört man

dort den Begriff „Joint Venture“. Das ist ein

Anglizismus, mit dem verschiedenste Formen

der Unternehmenskooperation zwischen

zwei oder mehr Partnerunternehmen

bezeichnet werden. Der Begriff allein enthält

keinerlei Aussage über die Art und Weise der

Kooperation, auch wenn in der wirtschaftlichen

Umgangssprache meist ein Gemeinschaftsunternehmen

in der Form einer

GmbH oder einer vergleichbaren Gesellschaft

anderer Länder gemeint ist. Dieser

Sprachgebrauch findet sich häufig, wenn von

Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen

in bestimmten Ländern die Rede ist, die

dort nur durch Gründung einer GmbH zulässig

waren bzw. sind.

Ein Joint Venture in diesem engeren Sinn ist

ein gemeinsames Vorhaben zwischen rechtlich

und wirtschaftlich voneinander unabhängigen

Unternehmen, bei dem die Partner

die Führungsverantwortung und das finanzielle

Risiko gemeinsam tragen.

Solche Joint Ventures sind auch auf Vereinsebene

durchaus denkbar. Und so ist 1994 im

Grunde auch „Gut Klang“ entstanden. Die gemeinsame

Teilnahme an der deutschen

Meisterschaft 1994 in Wirges war eigentlich

die Idee eines Joint Ventures. Eine

Kooperation zwischen zwei Vereinen zur Erreichung

eines gemeinsamen Ziels: die Teilnahme

an einem großen Wettbewerb. Da

dieses Joint Venture erfolgreich war, erfolgte

daraus eine Fusion.

Fusion

Aus zwei mach eins: „Gut Klang“ kurz nach der Fusion

Unter Fusion wird die Verbindung von mindestens

zwei bisher rechtlich selbständigen

Unternehmen zu einer wirtschaftlichen und

rechtlichen Einheit verstanden, wobei mindestens

eines der Unternehmen auf das andere

übergeht und dabei seine rechtliche Eigenständigkeit

verliert. Die Fusion ist somit

eine Form der Unternehmensübernahme.

Aufgrund der tollen Zusammenarbeit im Rahmen

der Deutschen Meisterschaft 1994 zwischen

dem Jugend-Tambourkorps „Gut

Klang“ Oberaußem e.V. und dem Spielmannszug

„Blau Weiß“ Erftstadt e.V. kam es

1994 zum Zusammenschluss, zur Fusion der

beiden Vereine.

Dabei erfolgte der Übergang von des Oberaußemer

Vereins auf den Erftstädter Verein.

Es erfolgte im rechtlichen Sinne eine Verschmelzung.

Bei einer Verschmelzung geht

das gesamte Vermögen des übernommenen

Vereins auf den übernehmenden Verein.

123


Im Bürgerlichen Gesetzbuch

(BGB) gibt es keine

ausdrückliche bzw. eigenständige

Regelung

für den Zusammenschluss

oder die Fusion

von Vereinen. Gleichwohl

kann mit Hilfe der

vermögensrechtlichen

Bestimmungen des BGB

ein Zusammenschluss

von Vereinen erfolgen.

Eine zweite Möglichkeit,

die aber nur eingetragenen

Vereinen offensteht,

bietet das Umwandlungsgesetz. Damit

ist eine Verschmelzung (durch Aufnahme o-

der Neugründung) als besondere Form des

Zusammenschlusses eingetragener Vereine

möglich.

Ist der Vermögensübergang bei der Zusammenlegung

nicht von Belang, kann - als dritte

Variante - auch ein einfacher Mitgliederübergang

ohne weiteren Fusionsvertrag erfolgen.

Die Formen im Überblick

Mögliche Formen der Vereinsfusion sind

demnach

1. die vereinsrechtliche Verschmelzung

a. durch Aufnahme

b. durch Neubildung eines Vereins

2. die Verschmelzung nach Umwandlungsrecht

a. durch Aufnahme

b. durch Neubildung eines Vereins

3. der Mitgliederübergang ohne vermögensrechtliche

Regelung der Vereine.

Neubildung und Aufnahme

Wie oben beschrieben sind zwei Formen der

Fusion sowohl durch vereinsrechtliche Verschmelzung

als auch nach Umwandlungsrecht

möglich: durch Neubildung und durch

Aufnahme.

Fusion durch Neubildung

Bei der Fusion durch Neubildung kommt es

zur Gründung eines neuen eingetragenen

124

Gruppenfoto aus 2000

gemeinnützigen Vereins. Die fusionswilligen

Vereine übertragen ihr Vermögen auf einen

dritten Verein, der neu gegründet und in das

Vereinsregister eingetragen wird. Der neu

gebildete Verein erhält einen eigenen Namen.

Fusion durch Aufnahme

Bei der Fusion durch Aufnahme wird das Vermögen

als Ganzes auf einen der beteiligten

Vereine übertragen. Nach Fassung der entsprechend

vereinsrechtlich erforderlichen

Beschlüsse wird der das Vermögen übertragende

Verein dann liquidiert.

„Fusion“ ohne Rechtsnachfolge

In vielen Fällen ist eine Übertragung des Gesamtvermögens

oder gar eine Gesamtrechtnachfolge

nicht gewünscht oder möglich.

Diese Form der „Zusammenlegung“ von Vereinen

wird in der Regel dann gewählt, wenn

ein kleiner Verein in einem großen Verein

aufgeht und keine Übertragung des Vermögens

gewollt ist. So etwa, wenn ein kleines

Jugend-Orchester als neue Abteilung in einem

großen Musikverein aufgeht.

So werden für den übernehmenden Verein

Risiken ausgeschlossen, die etwa aus einer

unklaren Vermögenslage des übertragenden

Vereins bestehen.

Vereinsrechtliche Verschmelzung

Bei der vereinsrechtlichen Verschmelzung

erfolgt die Fusion durch Auflösung und


Übertragung des Vermögens im Wege der

Einzelrechtsnachfolge sowie neuer Aufnahme

der einzelnen Mitglieder des übertragenden

Vereins. Man spricht hier von der sogenannten

vereinsrechtlichen Lösung. Es

handelt sich nicht um eine Fusion nach dem

Umwandlungsgesetz.

Verfahren eignet sich für kleine und nicht eingetragene

Vereine

Dieses Verfahren empfiehlt sich vor allem für

kleinere Vereine mit einem geringen Mitgliederbestand

und ohne nennenswertes Immobilienvermögen.

Denn die Zusammenführung

zweier Vereine zu einem Verein durch

Verschmelzung mit Gesamtrechtsnachfolge

nach den Vorschriften des Umwandlungsgesetzes

ist sehr arbeitsaufwendig und auch

kostenintensiv.

Außerdem kommt diese Form der Fusion -

anders als nach Umwandlungsgesetz - auch

für nicht eingetragene Vereine in Frage.

Vermögensübergang wird vertraglich geregelt

Vertraglich wird vor allem der Vermögensübergang

geregelt. Anders als bei der Verschmelzung

nach Umwandlungsgesetz handelt

es sich um eine Einzelrechtsnachfolge

für alle Vermögensgegenstände, Schulden

und sonstigen Rechtsbeziehungen. Der oder

die übertragenden Vereine werden danach

entsprechend § 47 BGB liquidiert.

Die Übertragung des Vermögens (zum Beispiel

von Musikinstrumenten, Fahrzeugen,

Bürogeräten) erfolgt hier im Rahmen von

einzelnen Vermögensübertragungen, die je

nach Rechtsformwahl Schenkungen oder

Kaufverträge sein können. Eine Gesamtrechtsnachfolge

(nach den Regeln des Umwandlungsgesetzes)

ist bei der vereinsrechtlichen

Verschmelzung nicht möglich.

Mitgliedschaft wechselt

Bei der vereinsrechtlichen Fusion erfolgt ein

Wechsel der Mitgliedschaft. Die Mitgliedschaft

kann nicht auf den neuen Verein übertragen

werden, sondern wird neu erworben.

Die Mitglieder des übertragenden Vereins

müssen also in den übernehmenden Verein

aufgenommen werden. Unter Umständen

125

bedarf es einer Satzungsanpassung, um den

Mitgliederübergang zu erleichtern.

Umwandlungsrechtliche

Verschmelzung

Das Umwandlungsgesetz (UmwG), das seit

1995 gilt, ermöglicht es auch rechtsfähigen

Vereinen, sich umzuwandeln, und zwar

durch Verschmelzung, Spaltung oder Formwechsel.

Gesamtrechtsnachfolge als wesentliches

Merkmal

Die wesentliche gesellschafts- und vereinsrechtliche

Bedeutung des Umwandlungsgesetzes

für Umstrukturierungen ergibt sich

aus der sogenannten Gesamtrechtsnachfolge.

Danach müssen bei einer Fusion von

zwei eingetragenen Vereinen nicht mehr alle

Mitgliedschaftsbeziehungen, Vermögensgegenstände,

Schulden und alle laufenden (vertraglichen)

Vereinbarungen übertragen werden.

Vielmehr gehen nach § 20 Abs. 1 UmwG

alle Rechtsbeziehungen in einem Rechtsakt

auf den einen oder einen neuzugründenden

Verein über. Damit werden alle bisherigen

Vermögensgegenstände und Schulden, alle

bestehenden Rechtsbeziehungen (Arbeitsverhältnisse,

Dauerschuldverhältnisse etc.)

des übertragenen Vereins automatisch

Rechtsbeziehungen des aufnehmenden bzw.

neu entstehenden Vereins.

Das strategische Vorgehen

Die Fusion von Vereinen - wenn auch in der

hier beschriebenen einfachsten Form - ist

keine Sache, die in kurzer Zeit abgewickelt

werden kann. Sie setzt einen langfristigen

Planungs- und Diskussionsprozess voraus, in

den die Mitglieder intensiv eingebunden

werden müssen.

Vorab definiert werden sollten die strategische

Zielsetzung der Fusion, am besten in

Form eines Thesenpapiers. So kann der Vorstand

in den nachfolgenden Verhandlungen

und Diskussionen besser „Kurs halten“. Zunächst

werden informelle Gespräche zwischen

den Vorständen der beteiligten Vereine

erfolgen. In dieser Phase sollten die

Mitglieder noch nicht einbezogen werden.


Erst wenn der Vorstand einen konkreten Fusionsplan

hat, sollte er in den Diskussionsprozess

mit den Mitgliedern einsteigen.

Die Mitglieder haben oft einen anderen Blick

auf das Vereinsleben, weil sie mit den wirtschaftlichen

und organisatorischen Problemen

weniger befasst sind als der Vorstand.

Die Gründe für die Fusion sollten prägnant

dargestellt werden. Das sollte lange vor den

Mitgliederversammlungen geschehen, in

denen dann die relevanten Entscheidungen

getroffen werden, am besten durch ein ausführliches

Schreiben an alle Mitglieder, dem

ein strategisches Konzept für die Zukunft der

Vereinsarbeit beigelegt ist

Der Mitgliederübergang

Nach § 38 BGB ist die Mitgliedschaft in einen

Verein nicht übertragbar. Diese Vorschrift ist

zwar nachgiebig (§ 40 BGB). Eine Übertragung

der Mitgliedschaft ohne Aus- und Eintritt

wäre aber nur denkbar, wenn die Satzung

beider Vereine das vorsieht.

Eine Fusion von Vereinen setzt einen intensiven

Diskussionsprozess mit den Mitgliedern

voraus. Es sollte also ohnehin nichts

über deren Köpfe hinweg entschieden werden.

Die Wechsel in der Mitgliedschaft kann

schon von daher ohne satzungsmäßige Vorgaben

freiwillig erfolgen.

Beitritt in übernehmenden Verein ...

Der Beitritt in den übernehmenden Verein

erfolgt grundsätzlich durch Aufnahmeantrag

und dessen Annahme durch den Vorstand.

Formvorgaben durch die Satzung sind einzuhalten.

Jedes Mitglied muss den Aufnahmeantrag

selbst stellen. Möglich wäre es aber,

den Vorstand des übertragenden Vereins

eine Vollmacht zur erteilen und so den Aufnahmeantrag

gesammelt zu stellen. Dazu

126

sind aber Einzelvollmachten der Mitglieder

erforderlich. Unter die Vertretungsvollmacht

des Vorstands nach dem BGB fällt das

nicht. Der Vereinsvorstand vertritt nur den

Verein, nicht die Mitglieder.

Mit dem Beitritt in den anderen Verein gelten

für die Rechte und Pflichten als Mitglied

dessen satzungsmäßige Vorgaben. Gibt es

hier nennenswerte Unterschiede zwischen

den Vereinen, sollten sich die Mitglieder

darüber im Klaren sein. Denkbar ist natürlich

eine Satzungsanpassung beim übernehmenden

Verein. Die richtet sich nach dessen Satzungsvorgaben

und sollte in der Regel vor

dem Mitgliederwechsel erfolgen sowie als

Bedingung für den Übertritt vereinbart sein.

Denn die Mitglieder des übertragenden Vereins

werden im neuen Verein in der Regel

nur eine Minderheit stellen - und eine spätere

Satzungsänderung kaum durchsetzen

können.

... und Austritt aus übergebendem Verein

Um den Übergang wie gewünscht sicherzustellen,

werden die Mitglieder aus dem

übertragenden Verein erst austreten, wenn

die Aufnahme in den anderen Verein erfolgt

ist. Besondere vertragliche Regelungen für

den Mitgliederübergang sind dann nicht erforderlich.

Zu beachten sind aber die Fristen

für den Vereinsaustritt. Sieht die Satzung

sehr lange Fristen vor, sollte die entsprechende

Satzungsregelung zunächst geändert

werden. Ein besonderes Austrittsrecht

von Mitgliedern, die mit der Fusion nicht

einverstanden sind, gibt es nicht.

Die Integration in den aufnehmenden Verein

Werden keine Vermögensteile auf den anderen

Verein übertragen, sind Beschlüsse

der Mitgliederversammlung beim übertragenden

Verein nur in Bezug auf die Fortführung

oder Beendigung des Vereins zu fällen.

Der Übertritt der Mitglieder ist deren Einzelentscheidung

und bedarf keines Beschlusses

durch die Mitgliederversammlung.

Auflösung des übertragenden Vereins


Wird der übertragende Verein aufgelöst, gilt

für die Beschlussfassung eine Mehrheitserfordernis

von drei Vierteln der abgegebenen

Stimmen (§ 41 BGB).

Wird der Verein fortgeführt, ist unter Umständen

eine Änderung des Satzungszwecks

nötig. Das gilt vor allem dann, wenn der Verein

nur noch als Förderverein fortgeführt

wird. Eine Zweckänderung ist problematisch,

weil hier nach BGB die Zustimmung aller

Mitglieder erforderlich ist. Das kann

scheitern, wenn auch nur ein Mitglied die

Zustimmung verweigert.

Soll der Verein als Förderverein fortgeführt

werden, bleibt unter Umständen keine andere

Alternative, als den Verein aufzulösen

und den Förderverein neu zu gründen, auf

den dann das Vermögen des Vereins übertragen

wird.

Beendigung des Vereins

Für die Beendigung des Vereins gelten die

allgemeinen Vorschriften. Der Verein muss

liquidiert werden, wenn er nicht per Insolvenz

aufgelöst wird. Das Vermögen darf erst

nach Ablauf des Sperrjahres an den Anfallsberechtigen

ausgekehrt werden.

Gemeinnützigkeitsrechtliche

Vorgaben

Wird der Verein aufgelöst, gelten die gemeinnützigkeitsrechtlichen

Vorgaben für die

Mittelbindung. Das restliche Vermögen

muss an die in der Satzung benannte gemeinnützige

Körperschaft gehen bzw. für

den dort genannten steuerbegünstigten

Zweck verwendet werden.

Auch eine vorherige Weitergabe von Vermögensteilen

an den übernehmenden Verein

ist grundsätzlich möglich. Gemeinnützigkeitsrechtlich

darf es sich

dabei aber nicht um den

überwiegenden Teil des

Vermögens handeln (§ 58

Nr. 2 AO). Ist der Verein

wirtschaftlich in einer

Schieflage, muss aber beachtet

werden, dass der

Insolvenzverwalter im Fall

einer Insolvenz solche „unentgeltlichen

Leistungen“

zurückfordern kann (§ 134

Insolvenzordnung).

Soll das Vermögen an den

übernehmenden Verein

gehen, muss unter Umständen die Satzungsregelung

zum Vermögensanfall geändert

werden. Das sollte auf jeden Fall mit dem Finanzamt

abgestimmt werden. Das Gleiche

gilt für eine Umwandlung des Vereins in einen

Förderverein. In beiden Fällen ist zu beachten,

dass die Satzungsänderung erst mit

Eintragung ins Vereinsregister wirksam wird.

So gelingt die „Fusion“ zweier Vereine

auf vereinsrechtlicher Basis

Bisher wurde geschildert, wie eine Fusion

rechtlich von statten geht, wenn kein Vermögensübergang

erfolgt und/oder der übertragende

Verein - in veränderter Form - fortbestehen

soll. Besitzt der übertragende Verein

aber nennenswertes Vermögen und sind Fragen

der Rechtsnachfolge zu regeln, erfordert

die Fusion speziellere rechtliche Regelungen.

Hier bietet sich zum Beispiel die Fusion nach

den vereinsrechtlichen Regelungen des BGB

an.

Die rechtlichen Grundsätze

Besitzt der übertragende Verein nennenswertes

Vermögen und sind Fragen der

Rechtsnachfolge zu regeln, kann die

127


Vereinigung als Verschmelzung nach Umwandlungsrecht

durchgeführt werden oder

nach den BGB-Regelungen (Fusion) erfolgen.

Der Begriff Fusion ist zwar für die BGB-rechtliche

Vereinigung juristisch nicht korrekt,

wird aber nachfolgend verwendet, um die

Abgrenzung zur umwandlungsrechtlichen

Verschmelzung deutlich zu machen.

Es handelt sich hier um keine Gesamtrechtsnachfolge,

sondern um den Übergang einzelner

Vermögensgegenstände. Diese Form bietet

sich vor allem an, wenn der übertragende

Verein kein Immobilienvermögen besitzt und

nur wenige vertragliche Bindungen bestehen,

die auf den übernehmenden Verein

übergehen sollen.

Welche Vereine kommen in Betracht?

An einer vereinsrechtlichen Fusion können

sich auch Vereine beteiligen, die nicht nach

Umwandlungsrecht fusionieren können - das

ist ein weiterer Vorteil dieser Form der Fusion.

In Frage kommen also:

Eingetragene (rechtsfähige) Vereine

Nichtrechtsfähige Vereine, und damit

also

Vereine in Gründung (Vorvereine),

die noch nicht eingetragen sind,

Vereine, denen die Rechtsfähigkeit

entzogen wurde, oder

Vereine in Liquidation.

Nutzen und Gefahren von

Kooperationen

Die Partnervereine verfolgen oft identische

Zielsetzungen, durch welche jedoch temporär

auftretende unterschiedliche Zielvorstellungen

und sich ändernde Interessenlagen

nicht ausgeschlossen werden können. Joint

Ventures können einen gemeinsamen Nutzen

erzielen, weil die Ressourcen, Fähigkeiten

und Kompetenzen gebündelt werden.

Auch Synergien können bei Kooperationen

gehoben werden. Für den einzelnen Partner

werden die Kosten reduziert, wodurch das

unternehmerische Risiko sinkt. Selbst für

Partner, die lediglich Know-how in die Kooperation

einbringen, kann sich ein Lerneffekt

ergeben. Sie können die Nachhaltigkeit

der Vereinszielverfolgung sichern, die ohne

Kooperation nicht oder nur erschwert möglich

wäre.

Entscheidungen erfordern aber einen hohen

Koordinierungsaufwand. Dies kann bei Konflikten

zu langwierigen Auseinandersetzungen

und Vereinsaustritten führen. Diese

Nachteile fördern die Instabilität mancher

Kooperation.

Eine Kooperation ist eine riskanteste Form

der Zusammenarbeit. Am risikoärmsten sind

Projekte. Strategische Partnerschaften oder

bloße Kooperationsvereinbarungen sind

ebenfalls weniger risikobehaftet.

(Die o.a. Ausführungen in diesem Abschnitt

sind angelehnt an Informationen des Institutes

für Wissen in der Wissenschaft)

Digitalisierung in einer analogen

Freizeitgestaltung

März 2020 – Die Corona-Krise startet in

Deutschland und legte das gesellschaftliche

Leben lahm. „Gut Klang“ hat von jetzt auf

gleich keine Probenräume mehr. Das Betreten

des Jugendraumes als sozialer Mittelpunkt

des Vereins wurde untersagt, weil es

sich um einen Raum im geschlossenen Schulgebäude

handelt. Der eigentlich für den 28.

März 2020 geplante Empfang anlässlich des

50. Geburtstages musste verschoben werden,

weil Ausgangsbeschränkungen und ein

Verbot von Veranstaltungen von der Landesregierung

erlassen wurde. Die für Anfang April

2020 vorgesehene Jahreshauptversammlung

musste verschoben werden. Geförderte

Projekte, wie „Musik grenzt keinen aus 2.0“

im Rahmen des Programms „Künste öffnen

Welten“ stoppte ebenso wie „Funny Sticks

6.0“, unterstützt vom Landesmusikrat NRW.

Damit waren Angebote für Kinder und Jugendliche

im Lehrorchester und in der musikalischen

Früherziehung nicht mehr möglich.

128


eLearning in der Corona-Pause

Die Nutzung digitaler Medien war bisher beschränkt

auf Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit.

Hier hatten WhatsApp, Mail, Y-

ouTube oder Instagram ihre Daseinsberechtigung.

Doch diese Medien waren nur bedingt

geeignet für ein alternatives Unterrichtsangebot,

eLearning oder Videokonferenzen.

Doch Not macht erfinderisch. Ungewöhnliche

Situationen verlangen oftmals auch ungewöhnlichen

Maßnahmen.

Das gesamte Vereinsleben, und vor allem der

Probenbetrieb, war bis auf weiteres ausgesetzt.

Und so hatte sich das Ausbildungsteam

unter Führung von Amelie Krahl und Jan-

Hendrik Pfeiler, genannt „Zottel“, Gedanken

gemachen wie es mit der Nachwuchsausbildung

weiter gehen soll. Viele andere Vereine

und auch Musikschulen hatten bereits digitalen

Unterricht über Videokonferenzen etc.,

was für den Großteil von uns aus verschiedenen

Analog in einer digitalen Welt

Gründen nur schwer umsetzbar war.

„Zottel“ hat allerdings eine andere, wunderbare

Lösung gefunden, um weiter musikalisch

mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

Einige kannten schon den "goldenen Notenschlüssel",

den ersten musiktheoretischen

Lehrgang. „Zottel“ hat die theoretischen

129

Inhalte nach und nach durch kurze Lerneinheiten

mit abschließenden Fragebögen digital

und sehr unterhaltsam aufbereitet, um

die Kinder und Jugendlichen weiter für Musik

zu emotionalisieren.

Hierfür erstellte „Zottel“ jede Woche ein Video

und einen Wissenstest zu einem bestimmten

Thema zur Verfügung. Diese wurden

auf unserer Website www.gutklang.de in

einer neuen “GK Lernwelt” hochgeladen.

Wöchentlich konnten sich so alle Flöten- und

Schlagwerkschüler eigenverantwortlich die

neuste Einheit downloaden.

Angetrieben war en wir natürlich auch durch

die Organisationen, die unsere Projekte finanzierten.

Hier motivierte der Landesmusikrat

NRW die Musikvereine.

Der Landesmusikrat erkannte, dass alle Musikorganisationen

in der Corona-Phase mit

einer komplett neuen Arbeitssituation zu tun

Jan-Hendrik genannt „Zottel“ hinten links

beim Malletunterricht

hatte, die sehr belastend für die Vereine sein

konnte, aber in vielen Bereichen auch problemlos

aufgrund positiver Beispiele weitergeführt

werden kann. Jedoch waren alle in


Ihren Projekten besonders hart von der Entwicklung

betroffen, da das gemeinsame Musizieren

ja bisher ganz selbstverständlich an

das persönliche Zusammentreffen geknüpft

war. Im Rahmen von Förderprojekte war es

zwar möglich die unverschuldeten finanziellen

Einbußen zu kompensieren, aber es war

klar, dass noch längere Zeit nicht wie gewohnt

(vor Corona) gearbeitet werden

konnte und die Musikvereine gezwungen

sind die Projekte auf neue und oft auch unkonventionelle

Art und Weise fortzuführen.

Das eigentlich analoge Musizieren in einem

symphonischen Flötenorchester veränderte

sich plötzlich und kreative Ideen ließen die

Digitalisierung auch in den Musikunterricht

einfließen.

Heute geht darum, die mit der Digitalisierung

verbundenen Chancen zu nutzen und mögliche

Risiken zu beherrschen. Das gelingt nur,

wenn sich Vereinsführungskräfte intensiv mit

dem Thema auseinandersetzen und Möglichkeiten,

Grenzen und Gestaltungsoptionen

nutzen und dabei Ängste und Widerstände

abbauen. Wichtig ist, die Technik, die gesamte

Organisation und die Menschen mit

Blick auf die individuellen Anforderungen in

Einklang zu bringen. Hierbei hilft eine offene

Haltung digitalen Neuerungen gegenüber

und die Bereitschaft, alte Gewohnheiten abzulegen.

Wie schaffe ich ein Klima für

Veränderungsbereitschaft?

Agiles Handeln

Agiles Handeln im Jugendvorstand (2019)

Veränderungsbereitschaft im Verein zu er

zeugen, bedeutet agiles Handeln. Agiles Handeln

meint wiederum das schnelle Anpassen

an neue Anforderungen. Das bedeutet, sich

immer wieder auf Neues einzulassen. Häufig

werden trotz der Einführung neuer Methoden,

die erwartete Geschwindigkeit in

130

Projekten und Programmen nicht erreicht.

Der Grund dafür liegt darin, dass zu wenig Fokus

auf dem Musiker als Menschen liegt.

Denn agiles Handeln wird nur mit Mitgliedern

und der Vereinsführung erreicht, die gelernt

haben, selbstbestimmt und selbstorganisiert

in Teams zu arbeiten und permanent

aus ihren Erfahrungen zu lernen. Agiles Arbeiten

braucht Menschen, die auf der Basis

agiler Werte und Prinzipien zusammenarbeiten

- es kommt also sehr auf die innere Haltung

an und die gemeinsamen Ziele an.

Coachende Führung

Coachendes Führen unterstützt die Mitglieder/Musiker

bei Themen, die die direkte Leistungserbringung

betreffen. Es besteht aus einer

Verbindung von aufmerksamem Zuhören,

Fragen stellen und Feedback geben. Ziel

ist, die Mitglieder dabei zu unterstützen,

Ziele so weit wie möglich selbstständig zu erreichen,

die Vereinsprozesse zu verbessern

und Verbesserungspotenziale optimal zu

nutzen und sich selbst als Führungskraft dabei

zurück zu nehmen. Hierzu müssen die

Vereinsführungskräfte eine coachende Haltung

einnehmen und den Mitarbeitern ihre

eigenen Entwicklungsräume ermöglichen.

Ziel des coachenden Führens ist dabei, die

Potenziale aller im Verein zu heben, zu nutzen

und auszubauen. Ihr werdet sehen: die

Fluktuation wird sich so wesentlich


„Stopp!“ sagen, wenn es nicht mehr

geht

Feedback kritisch überdenken und

entscheiden, was nehme ich davon

an

Einführung von Teamarbeit

Trommeln ist Teamarbeit, hier beim Sommerkonzert im

Juni 2005

verbessern, die Mitglieder identifizieren sich

mit ihrer Rolle im Verein viel stärker.

Richtig Feedback geben

Wie gibt man eigentlich ein konstruktives

Feedback?

Feedback bedeutet Rückmeldung und informiert

darüber, wie Äußerungen oder Verhaltensweisen

wahrgenommen und erlebt werden.

Es beschreibt deren Wirkung und die

Gefühle, die ausgelöst werden. Feedback ist

somit der Schlüssel zur persönlichen Weiterentwicklung.

Regeln für Feedback-Geber

Konstruktive und aufbauende

Grundhaltung

Konkretes Verhalten und Situationen

beschreiben

Positive und negative Aspekte berücksichtigen

Eigene Wünsche und Erwartungen

mitteilen

„Ich-Botschaften“ verwenden

Den passenden Zeitpunkt wählen

Regeln für Feedback-Empfänger

Positive und angenehme Grundhaltung

Aktives Zuhören

Nachfragen bei Unklarheiten

Vorsicht mit Rechtfertigungen

131

Schon mehrfach wurde in diesem Buch darauf

hingewiesen: eine erfolgreiche Teamorganisation

bildet das Rückgrat jeder modernen

Organisation und bildet die Basis für eine

konstruktive und wertschätzende Vereinskultur.

Ihre Gestaltung ist ein entscheidender

Faktor am Anfang jedes Veränderungsprozesses.

Teamarbeit ist unerlässlich für jede

Art von systematischer und nachhaltiger

Problemlösung und für die Bewältigung komplexe

Aufgabenstellungen. Sie ist Garant einer

funktionierenden Organisation, die ihren

Fokus nicht auf Kontrolle und damit auf Verschwendung,

sondern auf Verbesserung legt.

Führungskräfteentwicklung

Der Erfolg eines Vereins hängt davon ab, wie

Mitglieder und Vereinsvorstand ihre Fähigkeiten

erkennen und sie in die Weiterentwicklung

des Vereins einbringen. Führung

bedeutet Resultate mit Menschen zu erzielen

und immer auch sich selbst, andere Menschen,

Prozesse und Ideen weiterzuentwickeln.

Vereinsführungskräfte, die ihre Aufgaben

in der Entwicklung und Förderung ihrer

Mitglieder ernst nehmen und bereit sind, mit

der Veränderung bei sich selbst zu beginnen,

arbeiten ständig an sich selbst. Wesentlicher

Erfolgsfaktor ist die Verankerung des neu erworbenen

Wissens im Vereinsalltags durch

schnelle Umsetzung guter Ideen.

Kontinuierliche Verbesserung

Erfolgreiche und nachhaltige Verbesserungsarbeit

bedeutet, systematische Problemlösung

zur Gewohnheit zu machen und Troubleshooting

nachhaltig abzustellen. Es gilt

der Grundsatz: es ist nicht wichtig, wer welchen

Fehler gemacht hat, sondern es ist

wichtig Fehler abzustellen und sie in Zukunft

zu vermeiden. Hierfür werden vor allem Führungskräfte

benötigt, die sich Zeit für ihre


Mitglieder nehmen und systematische Problemlösung

aktiv vorleben. Vorstände müssen

ihre Mitglieder befähigen, Abweichungen zu

erkennen und diese systematisch und nachhaltig

zu beseitigen. Dabei ist es wichtig, die

richtigen Methoden einzusetzen, die passende

Haltung zu Verbesserungen der eigenen

Arbeit zu entwickeln und „dran zu bleiben“

und sich nicht mit kurzfristigen Lösungen

zufriedenzugeben. Wenn ehrenamtliche

tätige Mitglieder Kinder an die Musik heranführen,

dabei aber wenig Erfolg haben, gilt es

das Mitglied aufzuqualifizieren statt es von

den Aufgaben zu entbinden.

Teamentwicklung

Die DNA jeder Teamorganisation bilden die

einzelnen Teams, bei „Gut Klang“ sind es die

Ausschüsse. Im Jahr 2020 existieren neben

dem dreiköpfigen Vorstandsteams ein Technikausschuss,

ein Verwaltungsausschuss, der

Finanz- und Rechtsausschuss, der Orchesterausschuss,

der Jugendausschuss und der Ausschuss

für das Lehrorchester. Sie veränderungsbereit,

leistungsstark und flexibel zu erhalten,

ist wesentlicher Bestandteil erfolgreicher

Teamarbeit. Dabei geht es grundsätzlich

um ein gutes Miteinander, eine gesunde

Teamkommunikation und Kommittent, aber

auch um den Umgang mit ihren fachlichen

Herausforderungen und den Umgang mit

Diversität und größeren Konflikten oder Krisen.

Große Bedeutung hat die Art und Weise

der Führung entsprechender Teams hin zu Eigenverantwortung

und Selbständigkeit. Sie

veränderungsbereit, leistungsstark und flexibel

zu erhalten, ist wesentlicher Bestandteil

erfolgreicher Teamarbeit. „Lean“, also die

Kontinuierliche Optimierung der Vereinsprozesse,

steht im Vordergrund. Damit „Lean“

funktioniert, muss man ihm eine Seele einhauchen

– Methoden und das Wissen um die

Notwendigkeit reichen nicht aus. Damit die

Ausschussmitglieder über den Tellerrand

schauen, experimentieren und offen mit Fehler

umgehen, müssen die Vorstände – unabhängig

davon, wie „Lean“ ausgestaltet ist –

die Sinnhaftigkeit verstehen und zu Überzeugungstätern

werden. Nur wenn sie coachend

und wertschätzende führen, die Lean-Denkweise

verinnerlicht haben und diesen Spirit

an ihre Mitarbeiter weitergeben, wird nachhaltig

eine erfolgreiche Leankultur etabliert.

Diese Kultur hilft nicht nur großen Konzern

erfolgreich zu arbeiten, sondern auch kleinen

Dorfvereinen.

Konzerte sind Höhepunkte im „Gut Klang“-Kalender (hier unsere langjährige

Flötistin Frederike Krome)

132


12 Früher war alles besser?!

Von Rita Ruckes

Ein paar Geschichten aus der „guten alten“

Zeit und den Anfängen von den Erftstädter

Spielleuten hat Rita Ruckes aufgeschrieben,

die den Verein seit den Anfangsjahren kennt:

Rita Ruckes beim Sommerfest 2005

Der Spielmannszug „Blau Weiß“ Erftstadt

1970 e.V. war der erste Verein in der Region,

der auch Mädchen/Frauen in ein Tambourcorps

aufnahmen. Das war 1970 eine Revolution.

Am Anfang wurde in den Räumen der

Familie Moritzheim, vornehmlich in der Küche,

geprobt. Kurz danach verlegte der junge

Verein die Proben in die Schießräume der St.

Sebastianus Bruderschaft. Geprobt wurde

immer dienstags und freitags. Später kam die

Schule als Probenraum zu den Schießräumen

der Bruderschaft hinzu, so dass ein Tag bei

der Bruderschaft und ein Tag in der Schule

geprobt wurde, bis die Schule irgendwann

der alleinige Probenraum war. Wir übten zunächst

nur in den Klassenräumen und im Flur

des Schulpavillions, erst viel später kam die

Aula hinzu. Schon sehr kurz nach Gründung

des Vereins wurde vom Spielen nach Zahlen

auf das Spielen nach Noten umgestellt. Auch

hier war man einer der ersten Vereine in der

Region. Hierzu wurde der ehemalige

Die Gründer vom Spielmannszug „Blau Weiß“

Erftstadt 1970 e.V.:

Maria und Horst Moitzheim

Musiklehrer der Grundschule, Herr Hülshorst,

als Notenlehrer engagiert. Als Anschauungs-

und Lernmaterial diente das Gesangsbuch

der Kirche, das Gebetbuch, denn

Notenschulen für Flöte und Trommel gab es

noch nicht.

Um sich musikalisch weiter zu entwickeln,

wurden erste Probenwochenenden im damaligen

Vereinslokal Gymnicher Hof abgehalten.

Hierzu wurde der damalige Wertungsrichter

Köbes Zimmermann, der immer

in Begleitung seines Sohnes reiste, engagiert.

Übernachtet hat er stets bei Familien unseres

Vereins. So erlernte man am ersten Wochenende

das erste Konzert Stück, die „Uschi

Polka“. Später folgten andere Dozenten, zum

Beispiel Paul und Rolf Raschdorf oder Hermann-

Josef Lorscheid. Sind heute Probenwochenenden

fester Bestandteil der musikalischen

Arbeit, war das in den siebziger und

achtziger Jahren eher eine Seltenheit.

Um sich auch im musikalischen Alltag weiter

zu entwickeln, wurde durch den Kontakt zur

Blaskapelle Hürth-Hermülheim der damalige

Profi-Klarinettist Emil Kraft als Lehrkraft für

die Flötisten engagiert. Emil Kraft war pensionierter

Musiker, konnte zwar keine Flöte

spielen, aber den Flötisten helfen die Noten

richtig am Instrument umzusetzen. Dies

brachte uns abermals einen Schritt voran.

Auch hier hatten wir wieder eine Vorreiterrolle,

denn wir waren einer der ersten Vereine,

die einen Berufsmusiker engagierten.

Wenn es in den frühen siebziger Jahren zu einem

Wettstreit ging, wurde dieser stets akribisch

vorbereitet. Es wurde eine so genannte

133


„Elitetruppe“ gebildet, der die Flötisten und

Trommler angehörten, die beim Wettstreit

die nötige Qualifikation besaßen und mitspielen

durften. Hierzu wurde in der letzten

Probe vor dem Wettstreit ein Vorspiel ausgetragen

und final entschieden wer dabei war.

Heute ist es kaum vorstellbar, dass einzelne

Musiker vom Wettbewerb ausgeschlossen

werden und das ist auch gut so. Gespielt

wurde im Übrigen immer auswendig und mit

dem entsprechenden militärischen Zeremoniell,

welches einen großen Teil der Bewertung

ausmachte. Musiziert wurde selbstverständlich

immer im Stehen. Gut, dass sich das

irgendwann im Laufe der Jahre geändert hat.

Wenn auch weiterhin sehr lange immer

noch nur im Stehen musiziert wurde, so

durfte man dann irgendwann zumindest

schon mal in der Konzeptklasse mit Notenvorlage

und Taktstock auftreten. In der

Marktstraße hingegen wurde nach vielen

Jahren später ausnahmslos auswendig und

nach dem Dirigat des Tambourstabs gespielt.

Man stelle sich vor, was wir verpasst hätten,

wären wir dieser Spielweise nicht nach und

nach entkommen. Solche Musikstücke wie

wir heute darbieten, wäre niemals möglich

geworden. Hier sieht man, dass die Musik

und die Art des Musizierens in diesem Bereich

eine stetige und steile Entwicklung erfahren

hat und auch heute ist ein Ende dieser

Entwicklung noch nicht in Sicht, was wir derzeit

unter Henk Smit mit deutlich vor Augen

geführt bekommen.

Wurden zu Beginn in 1970/1971 nur Märsche

Carolin Ruckes; Tochter von Rita und Peter Ruckes

im 4/4-Takt gespielt so trauten wir uns bereits

sehr schnell an den damals sehr hoch

eingestuften 6/8-Takt. Durch „Nacht zum

Licht“ war ein damals sehr schwieriger

134

Marsch im 6/8-Takt mit dem wir mal wieder

für die Region ein Zeichen setzen. Danach

trauten wir uns auch mal an einen ¾-Takt, zunächst

im Karneval und später auch bei leichten

Walzermelodien. Zum Instrumentarium:

angefangen haben wir wie damals üblich mit

Sopranflöten in Ces (immerhin schon Sandnerflöten,

was längst nicht üblich war), kleiner

und großer Trommel und Becken. Gespielt

wurde zunächst nur einstimmig, sehr

bald aber auch zwei und dreistimmig. Auch

dies war damals noch nicht üblich. Später

bauten wir wieder als einer der ersten Vereine

Tenorflöten in Ces ein, da man diese genauso

wie die Sopranflöten spielen konnte,

Hörnerzug von „Blau Weiß“

diese aber viel tiefer klangen. Danach folgten

im Zuge der musikalischen Weiterentwicklung

die Altflöten, welche eine eigene

Stimme bekamen, da diese in einer anderen

Tonart, nämlich in Fes, gespielt waren. Alle

Flöten waren noch ohne Klappen. Diese musikalische

Veränderung wurde von vielen

Schützenvereinen zunächst argwöhnisch betrachtet,

da sich das Klangbild auf der Straße

deutlich veränderte und das mehrstimmige

Spiel dem einen oder anderen beim Marschieren

Probleme bereitete, war man doch

bislang stets das einstimmige Spiel der Sopranflöten

gewohnt. Das eine oder andere Engagement

wurde deshalb aufgekündigt, was

uns allerdings nicht davon abgehalten hat

den mehrstimmigen Flötensatz weiter zu

entwickeln und auch moderne Märsche ins

Repertoire aufzunehmen. Die einen wollten

uns deshalb nicht mehr als Spielmannzug haben,

die anderen warben gerade deshalb um

uns. Erst in den achtziger Jahren kam dann

die Diskantflöte dazu, welche den Flötensatz

für viele Jahre komplettierte. Eine Lyra, unser

damaliges Glockenspiel, war ebenfalls fester


Bestandteil unseres Klangkörpers. Beim Marschieren

gab es auch zu dieser Zeit keine Noten.

Hier wurde weiterhin auswendig gespielt.

Mitte der siebziger Jahre erlernten wir zusätzlich

zum Flötenspiel das Spiel auf Fürst-

Pless-Hörnern, was zu dieser Zeit ziemlich angesagt

war. Hierfür engagierten wir zunächst

den Trompeter Ferdi Zens aus Wissersheim,

der uns die Grundlagen beigebracht und uns

schließlich auch zur Teilnahme an Wettbewerben

führte. Selbst im Festzug spielten wir

zwischendurch als Hörnerzug, eine absolute

Neuheit in der Region. Später löste Volker

Thul aus Dirmerzheim, im Hauptberuf

Schornsteinfegermeister, Ferdi Zens als Probenleiter

für den Hörnerzug ab und hob das

Niveau deutlich an Fast alle Flötisten erlernten

damals auch das Spielen auf dem Horn,

so dass eine große Gruppe zusammen kam

und schließlich den ersten Titel des deutschen

Meisters in 1978 einbrachte. Da man

sich aber Anfang der achtziger Jahre wieder

der Weiterentwicklung des Spielmannzuges

widmete, wurde der Hörnerzug wieder aufgegeben,

da die Doppelbelastung dem Verein

nicht förderlich war.

Bereits 1971, noch nicht mal ein halbes Jahr

nach der Gründung des Vereins, nahmen wir

am zweiten Gymnicher Karnevalszug mit drei

Handwagen und einer großen Fußgruppe

teil. Schon ein Jahr später wurde die Teilnahme

als Spielmannszug mit großem Festwagen

und Fußgruppe gefeiert. Dies wurde

über viele Jahre fortgeführt, der Festwagen

stets auf dem Hof beziehungsweise in der

Halle der Familie Willi Welter in Mellerhöfe

gebaut und das Motto in jedem Jahr neu erdacht.

Irgendwann gab es dann nur noch den

Spielmannzug mit einer zusätzlichen Fußgruppe.

Aber bis weit in die 90er Jahre hinein

wurde im Karnevalszug musiziert. Zur Hochzeit

in den 70er und 80er Jahren spielten wir

an jedem Karnevalstag einen Zug. Sonntags

und Dienstag sogar zwei. Unglaublich.

Unser erstes Vereinslokal war die „Milchbar“,

später in „Em Krötzje“. Da hatten wir

eine eigene Ecke mit allen gewonnenen Pokalen

und Urkunden. Dort wurden alle Vereinsfeiern

im damaligen Sälchen abgehalten,

und das waren nicht wenige. Da wir den damals

angesagten DJ Franz Kuhn, bekannt unter

„Tanz mit Franz“ als Musiker in unseren

Reihen hatten, waren unsere Vereinsfeiern

immer etwas Besonderes. Irgendwann wechselte

dann das Vereinslokal in den damaligen

„Gymnicher Hof“, zunächst viele Jahre unter

der Leitung der Familie Prelec. Auch dort

wurden unsere Pokale und Urkunden im

Gastraum ausgestellt. Als Ende der 80er, Anfang

der 90er der Besitzer wechselte, behielten

wir dennoch das Vereinslokal bei. Leider

kam es dann zu einem Brand in der Gaststätte

und alle Pokale und Urkunden vielen

den Flammen zum Opfer. Alles war dahin.

Den ideellen Wert konnte uns keine Versicherung

ersetzen. Durch den erneuten Besitzerwechsel

und Umbau des Wirtshauses

wechselte das Vereinslokal für kurze Zeit, bis

zum Einzug in unserem Jugendtraum im

Schulkeller, in die Gaststätte „Alt Gymnich“,

in Gymnich besser bekannt unter „Halmer“.

135


Von Rene Begic

Meine ersten Erinnerungen an Spielmannszüge

verbinde ich mit der Kindheitserinnerung

in Oberaußem, am Straßenrand zu stehen

und den vorbeiziehenden Schützen- o-

der Karnevalszug zu beobachten. Wenn dann

der Spielmannszug kam, hielt ich mir spätestens

beim Vorbeizug der großen Trommel die

Rene Begic (1986) wollte schon immer Boss werden

Ohren zu. Ich weiß, dass hört sich irgendwie

nicht danach an, als hätte ich die Spielmannsmusik

im Allgemeinen und den „Krach“ des

Schlagwerkes im Speziellen gemocht. Von

daher ist die Frage erlaubt: „Warum um alles

in der Welt bist du dann in einen Spielmannszug

gegangen?“. Ganz ehrlich? Keine Ahnung!

Eigentlich wollte ich auch zuerst in den

Fußballverein.

Zum ersten Training der Balltreter bin ich mit

meiner Mutter gegangen. Aber anstatt Fußball

zu spielen, sollte ich Bockspringen machen.

Die Logik erschloss sich mir damals als

kleiner Junge nicht so wirklich und auf Bockspringen,

hatte ich keinen Bock. Von daher

verließ ich kommentarlos das Training, ging

zu meiner Mutter und meinte das ich jetzt

nach Hause wolle. Von da an war meiner

Mutter klar: „Sport is nix für d‘r Jung‘!“.

136

Mein Eintritt ins JTK „Gut Klang“ Oberaußem

Das hatte Mutter gut erkannt und vielleicht

ging sie deshalb am 13. Oktober 1984 mit mir

zum Fest anlässlich des 10jährigen Jubiläums

des Jugend Tambour Korps „Gut Klang“ Oberaußem

kurz JTK.

Hier lernte ich Artur Müller kennen. Ein

Mann wie ein Baum! Quasi so etwas wie ich

heute. Jedenfalls weiß ich noch, dass meine

Mutter mich permanent fragte, ob ich denn

keine Lust hätte im JTK mitzuspielen und Artur

Müller war dessen Tambourmajor. Nun

hatte ich großen Respekt vor meiner Mutter

und ihren deutlich und mehrfach geäußerten

Wunschvorstellungen einer Mitgliedschaft

im JTK für mich. Doch mein Respekt war vor

Artur Müller noch etwas größer. Kein Wunder!

Er war ja größer als meine Mutter. Doch

irgendwann gab ich dem Drängen meiner

Mutter nach und wagte mich zu Herrn Müller.

Der stand dann irgendwann vor mir und ich

meine mich deutlich erinnern zu können,

dass ich Ihm höchsten bis zur Kniescheibe

reichte. Er blickte zu mir runter und ich wunderte

mich, dass er mich überhaupt sah.

Dann sagte er:

„Du willst also

bei uns mitmachen?“.

Seine

Stimme passte

zu ihm. Sie war

tief, sie war

dunkel, sie war

gewaltig. Er

hätte als Nebelhorn

auf einem

Supertanker arbeiten

können.

Ich glaube bis

heute, dass allein

schon die

durch seine

Stimme ausgelösten

Schallwellen,

meinen

Kopf zu einem

„Ja“ nicken ließ.

Wenn ich heute

Artur Müller

so auf dieses Ereignis zurückblicke, dann

wundere ich mich, dass Herr Müller wusste


Jugend-Tambourkorps „Gut Klang“ Oberaußem; Artur Müller erster von links

was ich wollte, obwohl ich nichts sagte. Ich

vermute mal, dass meine Mutter mit ihm unter

einer Decke steckte.

Meine erste Probe

Dann kam der Tag der ersten Probe. Geprobt

wurde zu dieser Zeit immer dienstags in der

Fortuna-Grundschule in der Bergheimer

Straße in Oberaußem. Das war zum damaligen

Zeitpunkt auch meine Grundschule, in

die ich ging. Doch es gab in diesem Moment

keinen Ort, an dem ich mich hätte, fremder

fühlen können. Das JTK war ja nun mal ein Jugend-Tambourkorps.

Von daher waren natürlich

viele 14 bis 16jährige Jungs dabei um

die ich, als damals 9jähriger, eigentlich immer

eher einen Bogen machte. Jedenfalls

stand ich dann wieder vor Herrn Müller. Zu

meinem Glück saß er diesmal, so dass meine

Nasenspitze jetzt auf Höhe seines Bauchnabels

war. Herr Müller fragte mich was für ein

Instrument ich den spielen wolle. Meine immer

schon existierende Liebe zu Blechtrommeln

war nun stärker als der Respekt vor

Herrn Müller und ich sagte: „Trommel!“. Und

so bekam ich eine Flöte. Jo! Ich habe es auch

nicht verstanden. Herr Müller musste meine

Verwunderung gesehen haben und erklärte

mir, dass ich erst einmal Flöte lernen solle.

Wenn ich das dann könne, dann dürfe ich

Trommel spielen und wer war ich, diesem

Hünen zu widersprechen? So prägte sich bei

mir aber auch der Gedanke, dass trommeln

komplizierter sei als Flöte zu spielen, also höherwertiger.

Eine Einstellung die ich bis

137

heute nie ganz ablegen konnte.

„High Five“ an meine Rhythmuskollegen.

So lernte ich Guiseppe Carlino

kennen. Er war das genaue Gegenteil

von Herrn Müller. Er war

klein, er war drahtig, er war Italiener.

Guiseppe war stellvertretender

Tambourmajor. Im Verein

wurde er immer Gui genannt.

Gui ging mit mir in die

Lehrerbibliothek und das fand

ich schon irgendwie cool. Denn

als Schüler dieser Schule, kam

ich dort sonst nie rein. Gui

setzte sich mit mir hin und erklärte

mir was ich denn da für

ein Instrument bekommen hätte. Gegenüber

Gui traute ich mich dann aber deutlicher klar

zu machen, dass ich ja eigentlich trommeln

wolle. Dann machte Gui einen Deal mit mir.

Er meinte, wenn ich die Tonleiter auf der

Flöte spielen könne, dann dürfe ich Trommel

spielen. Das hatte er keinem „Jeck“ gesagt.

Ich glaube bis heute fest daran, dass es weltweit

im Spielmannswesen bis heute keinen

Musikschüler gegeben hat, der je schneller

diese Tonleiter gelernt hat.

Der Wechsel zum Schlagwerk

Schon zwei Proben später, trällerte ich Gui

auf meiner Sandner-Ces-Sopranflöte die gewünschte

Tonleiter mehrfach rauf und wieder

runter. Gui war wirklich beeindruckt. Ich

meine, er war wirklich beeindruckt. Gui

fragte mich mehrmals ob ich jetzt wirklich

Trommel spielen wolle. Ich bejahte das immer

wieder. Gui prognostizierte mir eine

große Karriere als Flötist. Ich blieb bei meinem

Plan Trommel zu spielen. Gui schleppte

mich sogar zu Herrn Müller. Wohl in der Hoffnung,

in dessen Schwerkraft als „Flötentrabant“

gefangen zu werden und nicht mehr

den Weg zu den Trommlern zu finden. Doch

als ich auch dort als kleiner 9jähriger und x-

beiniger Junge standhaft blieb, da sagte Herr

Müller: „Okay! Bring ihn nach oben.“

„Bring ihn nach oben.“ Dieser Satz klang wie

Engelgesang in meinen Ohren. Wenn auch,

weil von Herrn Müller gesprochen, eher von

einem Bass- oder sogar Kontrabassengel. Die


Rhythmiker probten damals in der oberen

Etage der Grundschule. Eine Tatsache, die

meinen Glauben an die Höherwertigkeit der

Rhythmiker gegenüber den Flötisten noch e-

her verfestigte. Zweiter „High Five“ an meine

Rhythmuskollegen! Hier stellte Gui mir Hermann-Josef

Schützendorf vor. Ausbilder der

Trommler des JTK. Und ich sah nur Locken.

Locken, Locken und nochmals Locken. Ich

hatte noch nie einen Mann mit einer solchen

Frisur gesehen. Gui erläuterte Herrmann worum

es ging und Hermann gab mir dann …

meine ersten Trommelstöcke. Ich hörte nun

wirklich die Englein singen und bis heute

glaube ich, dass dieses Paar Trommelstöcke

geleuchtet haben. Es kann aber auch an den

scharfen Putzmitteln gelegen haben, mit denen

in den 80ern die Schulen gereinigt wurden.

Ich weiß es nicht.

Kurz darauf wunderte ich mich aber dann

doch, warum ich keine Trommel bekam.

Schließlich hatte ich bei den Flötisten auch

direkt mein Instrument erhalten. Eine Trommel

bekam ich in den ersten Wochen nie zu

Gesicht. Hermann setzte sich mit mir auf die

Treppe des Treppenhauses der Grundschule

und zeigte mir, wie man die Trommelstöcke

richtig hielt. Das war schon ziemlich kompliziert

genug. Aber nun sollte ich auch noch damit

schlagen. In einer bestimmten Reihenfolge.

Ich gebe zu, ich hatte deutlich mehr

Probleme damit, als mit der Flöte zu spielen.

Ein weiterer Beweis für mich über den Stellenwert

des Rhythmus gegenüber den Melodikern.

Dritter „High …“ ach lassen wir das.

Besonders kompliziert war das Wirbeln mit

den Trommelstöcken. Das meinte zumindest

Hermann-Josef Schützendorf. Sicherlich

meinte er das, weil er diese Trommeltechnik

in Bezug zu meinen bisherigen Lernerfolgen

setzte. Die waren nämlich leider nur mäßig.

Hermann erklärte mir also kurz wie man wirbelt.

Ich schaute es mir genau an. Dann kam

mein erster Wirbel. Hermann hörte zu, Hermann

schaute mich an und ich meine mich

erinnern zu können, dass Hermanns Locken

kurz glatt wurden. „Das war ja super!“ rief

Hermann laut aus. Er schob sogar noch ein

„Perfekt!“ hinterher. Doch als er mich aufforderte

das noch mal zu machen, da war seine

Begeisterung dann eher wieder geringer.

Dabei hatte ich, in meinen Augen, nichts anders

gemacht als vorher. Mein erster Wirbel

war also tatsächlich ein „perfekter“ Wirbel …

laut Hermann. Und ich habe einen Wirbel

wohl nie wieder so hinbekommen.

Wie ich ein richtiger Schlagwerker wurde

Aber so richtig trommeln habe ich dann erst

bei Frank Fuß gelernt. Frank übernahm nach

Hermann das Schlagwerkregister. Was gibt

es zu Frank zu sagen? Frank war, als ich dem

JTK beitrat, Flötist. Er war kein schlechter Flötist,

im Gegenteil. Frank spielte sogar erste

Stimme. Warum er dann damals zu den

Rhythmikern wechselte, weiß ich leider

Frank Fuß

nicht. Wenn ich das jetzt aus reiner Sicht eines

Rhythmikers interpretieren würde, ist

diese Tatsache des Registerwechsels von

Frank, eigentlich eine Steilvorlage für ein

viertes „High Five“ an meine Rhythmikerkollegen.

Aber das haben wir uns ja jetzt abgewöhnt.

Jedenfalls meine ich, hätte Frank mir mal erzählt,

dass jemand Neues bei den Schlagwerkern

gebraucht wurde der diese leitet. Er

wurde gefragt bzw. er hat sich dafür gemeldet.

Er hat sich dann alles selbst beigebracht

und war am Ende ein toller Schlagwerker. Allein

dafür gebührt ihm schon ein riesiger Respekt.

Wie Frank mir dann beim Erlernen des

Spiels auf der kleinen Trommel weiterhalf,

das ist eine wilde Geschichte.

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Ich war damals nur ein mäßiger Trommler. Eigentlich

war ich noch nicht so weit dieses Instrument

zu spielen. Doch irgendwann

musste und wollte ich es dann spielen. Wie

es dazu kam, erläutere ich später. Jedenfalls

hatte Frank das Rhythmusregister übernommen

und ihm oblag es nun, dieses fit zu machen

bzw. zu halten. Frank erkannte schnell,

dass ich einige Probleme hatte. So machte er

mir den Vorschlag zu mir nach Hause zu kommen

und mir dort Nachhilfe zu geben. Natürlich

hatte ich zu Hause keinen voll ausgestatteten

Proberaum und so mussten wir improvisieren.

Doch wie wir das machten, das war

schon … ich sage mal … etwas merkwürdig.

In Ermangelung einer Halterung für die

Trommel, also weder einem Ständer noch einer

Koppel, mussten wir diese auf einem anderen

Wege zum Halte n bringen. Da die „berühmten“

Fischer-Luftdübel gerade im Baumarkt

ausverkauft waren, mussten wir uns

anders behelfen und das machten wir so: wir

probten in meinem Kinderzimmer. Dort

setzte ich mich auf die Bettkannte und Frank

setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl.

Dann klemmten wir die Trommel zwischen

unsere Beine. Das funktionierte echt prima!

Es gab aber einen etwas verstörenden Nebeneffekt.

Wir saßen so ziemlich lange in dieser

Position. Jetzt wissen, vor allem Männer,

dass das breitbeinige Sitzen eigentlich recht

gemütlich ist. Frank und ich mussten aber

eine Trommel in dieser Sitzposition einklemmen.

Bedeutet, die Beine konnten nicht entspannt

nach außen fallen, sondern waren

stets angespannt. Wenn man das dann so

lange macht wie Frank und ich das machen

mussten, passiert etwas äußerst Merkwürdiges.

Wie umschreibe ich das jetzt am jugendfreundlichsten?

Der Bereich zwischen den Knien und Bauchnabel,

also ganz genau zwischen den Beinen,

wird, in dieser Position, dann anscheinend

nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt,

was zur Folge hat das dieser einschläft. Das

merkt man aber erst, wenn man diese Position

wieder löst und aufsteht. Es war das

merkwürdigste Gefühl was ich bis dahin

hatte. Es fühlte sich an wie ein Loch. Und

wenn dann das Gefühl langsam zurückkehrte

dann … ach lassen wir das. Jedenfalls zähle

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ich Frank bis heute zu meinen besten Freunden.

Dass dies an dieser merkwürdigen körperlichen

Erfahrung lag, will ich jetzt natürlich

nicht behaupten.

Auftritte und erster Wettbewerb

Apropos Auftritte … davon gab es damals erheblich

mehr als heute. Bis zu 100 Auftritte

und mehr im Jahr waren keine Seltenheit. Ja,

ja! Ich habe mich nicht verschrieben und versehentlich

eine Null zu viel gesetzt. Auftritte

gab es damals wie Sand am Meer. Festzüge

aller Art: Platzkonzerte, Musikfeste, Wertungsspiele,

Wettbewerbe und Ständchen.

Der Satz: „Wir waren Jung und brauchten das

Geld!“ stimmte wie die Faust aufs Auge. Da

„Gut Klang“ beim Wettstreit

wir alle noch Kinder und Jugendliche waren,

waren wir beruflich kaum oder gar nicht gebunden.

Der Verein war unser Lebensinhalt.

Wir hätten sicherlich auch 200 Auftritte im

Jahr gemacht. Ich kann mich an ein Wochenende

erinnern, da hatten wir sage und

schreibe 10 Auftritte. 10! Das Coole dabei

war, dass es bei fast jedem Auftritt was zu essen

und zu trinken gab. Denn ich vermute,

dass ein wichtiger Beweggrund für das Engagement

des JTK das unheimlich geringe

Durchschnittsalter der Spieler war. Damals

war es halt noch schön, wenn die lieben Kleinen

etwas hübsch vorgetragen haben und

zur Belohnung gab es dann meist eine Tafel

Schokolade. Wenn ich das damals allein gemacht

habe, hasste ich es. Es gab fast nichts

Schlimmeres für mich, als allein vor irgendwelchen

Menschen fortgeschrittenen Alters

ein Gedicht vortragen zu müssen. Aber in der

Gruppe mit dem JTK hat das echt Bock gemacht.

Da haben wir das auch nicht so gesehen.

Das JTK war mit das wichtigste in unserem

Leben. Ich denke, dass daher auch meine


immer noch stark ausgeprägte Vereinsverbundenheit

herrührt. Wenn auch nicht immer

alles perfekt läuft.

Die Teilnahme an Wettbewerben ist für mich

persönlich eigentlich kein erstrebenswertes

Ziel. Denn es beinhaltet immer die Gefahr

des Scheiterns. Auch wenn es Neues zu entdecken

gibt, schicke ich immer gerne andere

voraus. Erstmal schauen wie es denen so

ergeht und auf Grundlage dieser Beobachtung

dann eine Entscheidung für mich selbst

treffen. Nun war ich aber Mitglied im JTK. Das

JTK nahm an Wettbewerben und Wertungsspielen

teil. Ich war Teil des JTK und ich

konnte ja nun jetzt meiner persönlichen Veranlagung

nicht entsprechen. Ich glaube, das

nennt man Gruppenzwang. So kam der 5.

Mai 1985. Es ging mit dem JTK nach Lommel

in Belgien zu einem Wettbewerb der Spielleute.

Im Vorfeld wurde kräftig geübt. Wichtig war

damals noch die militärisch anmutende Aufund

Abnahme der Instrumente. Sicherlich

eine Sache, welche in der preußisch-militärischen

Tradition deutscher Spielmannszüge

begründet ist. Aber damals war ich 10 Jahre,

ein Junge und alles was mit Militär zu tun

hatte, fand ich geil. So war ich voller Eifer dabei.

Obwohl sich meine Mitstreiter über

mein „Still gestanden“ etwas lustig machten.

Damals verstand ich nicht warum, aber heute

weiß ich, dass es an meinen X-Beinen lag.

Was ein Glück, dass heute auf der Bühne niemand

mehr stillstehen muss.

Der erste Wettbewerb war sehr aufregend

für mich. An unzähligen Wertungen nahmen

wir damals bei diesem Wettbewerb in Lommel

teil. Marschwertung, Bühnenspiel,

Marschklasse, Konzertklasse. Konzertklasse

bedeutete damals übrigens noch solche Stücke

wie „Chianti Wein“ oder „Horch was

kommt von draußen rein“ zu spielen. Also

kein Vergleich mit den heutigen Wettbewerbswerken

von Flötenorchestern. Aber

neben der Wertung der Gruppe, wurden

auch einzelne Dinge bewertet. Beispielsweise

bester Tambourmajor im Marschieren

und auf der Bühne bester Lyra-Spieler (das

Glockenspiel der 80er), bester Spieler an der

großen Trommel, bester dies und bester das.

Es wurde wirklich alles bewertet. Da man

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nicht sicher sein konnte, was denn nun alles

bewertet würde, aß man sogar die Pommes

an der obligatorischen Pommesbude bei solchen

Veranstaltungen, im Takt. Und die Pommes

in Belgien sind lecker! Sollte also das

Pommes-Essen bewertet worden sein, habe

ich bestimmt den ersten Platz gemacht. Einen

Pokal habe ich aber merkwürdigerweise

dafür nie bekommen. Egal!

Aber an anderer Stelle und für viele andere

Sachen bekamen wir damals einen Pokal. Leider

konnte ich bei der Siegerehrung in Lommel,

wie viele andere Vereinsmitglieder

auch, nicht dabei sein. Diese fand nämlich in

einer kleinen Dorfkneipe statt und da passten

nur etwa 20 Leute rein. Es waren aber 70

drin. Jedenfalls quetschte sich nach jeder Bekanntgabe

ein Mitglied des JTK raus und

teilte den draußen wartenden JTK’lern mit,

was man für eine Platzierung erreicht hatte

und quetschte sich anschließend wieder in

die Dorfkneipe rein. Und die Platzierungen

waren äußerst zahlreich und erfolgreich.

Von diesem Zeitpunkt an, war ich „angefixt“.

Ich liebe bis heute die Teilnahme an Wettbewerben.

Das gemeinsame Vorbereiten auf einen

Wettbewerb nimmt einem die Scheu

und die Angst, die einem normalerweise in

Prüfungssituationen überkommt. Natürlich

war man dann auf der Bühne immer nervös.

Aber das Wissen darum, dass es den anderen

Vereinskollegen im gleichen Moment nicht

anders geht, war für mich immer beruhigend.

Der Wunsch auf der Bühne den anderen Musikern

der anderen Vereine zu zeigen was

man erarbeitet hat, war immer eine treibende

Kraft für mich. Vor der Jury, da hatte

man immer Angst. Das waren für mich immer


Halbgötter, denen man besser nie zu nahekam.

Doch es eskalierte damals bei Wettbewerben

auch schon mal gerne zwischen Juroren

und Musikern.

So kann ich mich an einen Wettbewerb in

Düsseldorf erinnern, bei dem eine Tasse Kaffee

(Gott sei Dank kalt), im Gesicht eines Jurors

gelandet ist. Kaffeespritzer war dummerweise

ein Mitglied des JTK und Auslöser war

angeblich, dass Platzierungen ausgewürfelt

wurden und unser Vereinsmitglied hatte das

wohl mitbekommen. Schon flog das koffeinhaltige,

südamerikanische Brühgetränk durch

die Luft und landete im Gesicht des Jurors.

Danach flog noch was. Nämlich das JTK aus

der Wertung. Ja, es waren damals etwas andere

Zeiten.

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13 Die Antworten zu den 50 Fragen auf dem Weg zum

Erfolgserlebnis

Einleitend waren 50 Fragen zu lesen, die DU,

lieber Leser für dich beantworten solltest.

Die Lektüre des Buches gibt dir hier und da

offene und versteckte Hilfestellung zur Beantwortung.

Trotzdem musst DU dir die Antworten

selbst geben.

Den perfekten Verein gibt es nicht, weil es

nicht den perfekten Menschen gibt. Ein Verein

ist wie eine große Familie. Mit manchen

Familienmitgliedern kommt man gut klar und

mit anderen kommt man weniger gut klar.

Trotzdem sollten alle

ein gemeinsames Ziel

verfolgen: Glücklich

miteinander zusammen

zu leben und miteinander

im Musikverein

bestmöglich zu

musizieren. Alle sollten

sich aufeinander

verlassen können und

gemeinsam anpacken.

Jeder nach seinen Talenten.

Ständig die Auseinandersetzung

zu suchen

und gegen den Strom

zu schwimmen, demotiviert die anderen

Menschen im Verein. Streit aber prinzipiell

aus dem Weg zu gehen, wird das Große und

Ganze nicht weiter verändern. Diskurs produziert

Ideen. Ideen sind die Nahrung des

Vereins. Sie zu entwickeln, sie zu äußern, sie

zu diskutieren und die besten Ideen umzusetzen,

ist der Schlüssel zu nachhaltigem Erfolg.

Eine ständige Veränderungsbereitschaft

und Offenheit für Neues erzeugten eine permanente

Aufbruchstimmung.

Rückschläge sind Bestandteil einer Weiterentwicklung.

Oft gibt es überzogene Erwartungen,

die sich kaum realisieren lassen.

Geht man sie trotzdem an, droht das tiefe Tal

der Enttäuschungen bis man sich dann später

auf einen Pfad der Erleuchtung wiederfindet.

Hier findet man die realistischen und erreichbaren

Ziele bis man ein Plateau der

Erfolgserlebnisse

haben eine Formel:

Zeit + Energie + Leistungswille

+ Kreativität = Erfolgserlebnis

Erfolgserlebnis ⇒

Freude + Selbstbestätigung +

Motivation

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Produktivität erreicht. Erfolgserlebnisse sind

kein Zufallsprodukt. Sie sind planbar. Sie haben

eine Formel (siehe Kasten).

Erfolgserlebnis ist nicht immer nur Erfolg und

Triumpf. Erfolgserlebnis ist vor allem, wenn