Los Angeles Endzeitmoderne

JovisVerlag

ISBN 978-3-86859-639-7

Los Angeles ist die letzte Stadt.

Wir befinden uns in der Endzeitmoderne.


LOS

ANGELES

ENDZEIT

MODERNE

Wolfgang Koelbl


Inhalt

INTRO55

ERSTE ARCHITEKTUR79

EXALTATIONEN139

ROLLFELDER199

MÖBLIERTE WÜSTE261

GROSSE ORTUNG323

ÜBERZEICHNUNG383

EXO-ARCHITEKTUR443

KATASTROPHENZEIT505


ERSTE ARCHITEKTUR

Fragile Schwimm-Insel

Die erste Ambition der Moderne ist die Selbsteinsetzung.

Peinlicherweise gelingt diese Selbsteinsetzung bestenfalls als

fragile Schwimm-Insel auf vormodernem Untergrund.

Projektive Prärie

Das theoretische Layout der Moderne ist das

Präriephantasma, mit dem die Vergangenheit eingeebnet

und ein offener Aktionshorizont behauptet wird.

Der Boden ist die Bühne

Die Architektur stellt tragfähigen Boden zur Verfügung, der

als Bühne für alle weiteren Überheblichkeiten genutzt wird.

Plattes Material

Im Kampf gegen das Material wird der moderne

Bauteilkatalog erstellt, mit dem skizzenhafte Lebensräume

und drohende Hohlräume gleichermaßen zusammenmontiert

werden.

Montierte Unruhe oder Paradies

Mit der Montagelogik wird die Unruhe zum

Charakteristikum jeder Architektur. Die adäquate

Gegensehnsucht ist das solide Paradies.

Zwanghafte Halbwahrheit

Die moderne Exponiertheit verlangt von ihren Akteuren

höchste persönliche Robustheit. Wer das nicht leisten

kann, flüchtet in eine oppositionelle Kellerkultur.

79

89

97

106

116

126


EXALTATIONEN

Es ist nicht genug

Die zweite Ambition der Moderne ist der unbedingte Wille,

die Schwerkraft des menschlichen Schicksals umzudrehen

und Abgehobenheit als neue Destination zu etablieren.

In die Luft

Die Exaltation führt die Architektur mit großer Aufregung

in die Luft hinauf und verlangt, geerdete Kategorien wie

Raum und Räumlichkeit unten zurückzulassen.

Privates Gegenexperiment

Das Private ist die ultimative Herausforderung und

Überforderung des Professionellen. Doch wer das Private

beschränkt, gefährdet die Erneuerung der Architektur.

Guter Ebenenstapel

Durch banale Stapelebenen wird die Welt abschnittsweise

in die Höhe multipliziert und Kontingenz für jedermann

zur Realität.

Liaison mit der Elite

Evident, aber gefährlich für die Moderne ist die Verquickung

der Idee der Exaltation mit der Versuchung, elitär zu sein.

Produktiver Schwindel

Der alltägliche Schwebeschwindel der Architektur steht

exemplarisch für das Unvermögen der Moderne, ihre

allegorischen Versprechen zu realisieren.

139

149

157

167

176

187


ROLLFELDER

Bewegungsepochen

Die dritte Ambition der Moderne zeigt sich als unbedingter

Bewegungsdrang, der überraschend sozial implementiert

wird.

Reservierte Stadt

Verstörenderweise beginnt die moderne Beweglichkeit

mit Gleichschaltung, die von der Straße in alle anderen

Stadtflächen hineingetragen wird.

Es rollt

Die signifikanteste zeitgenössische Bewegung ist ein

langsames, rührendes Dauerrollen, das als städtebauliches

Äquivalent das Rollfeld erzeugt.

Liegeöffentlichkeit

Die affektive Befreiung des Privaten durch die Moderne

wird letztlich nur zur öffentlichen Zurschaustellung von

exzessiver Müdigkeit genutzt.

Stauraum

Die letzte soziale und städtische Raumbildung ist der Stau,

ein ephemeres Dichteereignis, das kurzfristig inspiriert,

aber langfristig systemisch vermieden wird.

Gelegter Haufen

Reflektiertes Absichtsdenken wird abgelöst von

haufenförmigen Arrangements, die ohne intellektuelle

Tiefenstruktur unmittelbar gelegt werden.

199

212

222

231

243

251


MÖBLIERTE WÜSTE

Moderne in Masse

Die vierte Ambition der Moderne besteht darin, aus allem

ein maximal großes Unternehmen zu machen.

Niemand wird vermisst

Die Massenmoderne stabilisiert ihre Lebenswelten durch

industrielle Multiplikation und verunsichert sie gleichzeitig

durch permanente Austauschbarkeit von Dingen und

Menschen.

Verteilt und verbaut

Menschen sind in der Suburb zum Erdulden verurteilt

und füllen die räumliche Leere mit metastasierender

Hedonismusarchitektur.

Selbstüberbietung

Vernunft wird durch eine Kultur der Überbietung ersetzt,

die vor allem als Überbietung zweiter Ordnung die

Architekturgeschichte antreibt.

Souverän sortiert

In der Gated Community wird zwanghafte Form als

Schutzmittel gegen das Passieren eingesetzt und derart

selbstbezügliche Autorität abgesichert.

Stille Unordnung

Wer Ordnung erzwingt, muss Unordnung verstecken.

In der Suburb ist das die stille Kapitulation der

Architekturauftraggeber inmitten der überlegenen formalen

Perfektion der Architektur.

261

271

281

290

302

314


GROSSE ORTUNG

Das größte Projekt der Moderne

Die fünfte Ambition der Moderne ist die mathematische/

geometrische Domestizierung der Welt und die gleichzeitige

Opposition dagegen.

Totalraster

Land, Stadt, Architektur und sämtliche Lebensbereiche

darin werden einer idealen Totalrasterung unterstellt, die

sich nicht mehr revidieren lässt.

Evaluierter Ort

Die aufgerasterte Welt wird wertend erfasst und

vorauswertend erlebt; aus dem Ort wird die Ortung.

Perfektes Architekturstalking

Ortungsarchitekturen werden in der Stadtlandschaft als

Kette strategisch verteilt und betreiben mit Care und Control

souveränes Architekturstalking.

0,001 Prozent Lautner

Die einzige Opposition gegen die Geometrisierung der

Welt ist eine Architektur der manifesten Wirkung vor Ort,

aufwendig, daher selten, aber umso unverzichtbarer als

prinzipieller Kontingenzbeweis.

In Effizienz

Die Überbietung der theatralischen Geometrisierung

der Welt ist das Denken in Effizienznetzwerken, die ihren

Vorteil aber im methodisch Diffusen erringen.

323

330

339

349

359

371


ÜBERZEICHNUNG

Obsession mit dem Vordergrund

Die sechste Ambition der Moderne ist die unbändige Lust

am Zeichnen, die trotz bereits bestätigter architekturgeschichtlicher

Wichtigkeit immer noch zu kleinlich

definiert ist.

Schweres Zeichen

Jedes Zeichen ist ein schweres Zeichen, das sich ins Material

gräbt und als Beschwerde gegen die Realität arbeitet.

Staunende Andacht

Nicht mehr das Zeichen auf der Architektur ist heute das

brisante Ereignis, sondern die Moderne zeichnet unablässig

eine gigantische Architekturzeichnung direkt in die

Weltoberfläche.

Harter Hintergrund

Mit harten Architekturoberflächen wehrt sich die Moderne

gegen den Nutzer, der aber aus ökologischen Gründen

immer öfter freiwillig ohne Fußabdruck durch die Welt geht.

Leichter-als-Kritik

Kritik ist ein Leichter-als-Zeichen und muss leichtsinnig

sein, um als utopisches Gegenprojekt die Realität überholen

zu können.

Neue Notation

Die Geschichte der Architekturnotation ist auf der

Autorenseite an Überschwang erschöpft, stattdessen besetzt

der exhibitionistische Nutzer zunehmend den

publikatorischen Vordergrund.

383

395

403

411

421

434


EXO-ARCHITEKTUR

Stiftungsereignisse

Die siebente Ambition der Moderne kommt vermeintlich

von außen, ist aber tatsächlich nur die eigene Lust am

herausfordernden Fremden.

Vierter Ort

Die bisherige Reihung der Ortkategorien Wohnen,

Arbeiten, Freizeit wird um den Vierten Ort erweitert, den

Begegnungsort mit dem Fremden.

Fremdwerden

Der menschliche Maßstab hat die gesamte Moderne als

Mantra begleitet und gleichzeitig blind gemacht für die

Notwendigkeit des unmenschlichen Maßstabs.

Ich-Fabrik

Die stärkste Immersion wird durch das Fabrizieren erzeugt,

weil man sich dabei unmittelbar selbst fabriziert.

Zukunft ohne Wunder

Baukunst ist eine autorenzentrierte, nicht nachvollziehbare

Aufwertung; Technik hingegen ist der populäre und

offengelegte Weg zur Aufwertung.

Gegenblick

Der Gegenblick des Fremden initiiert Zivilisiertheit und

Urbanität, wird aber nicht hauptverantwortlich von der

Architektur geleistet.

443

453

464

473

484

493


KATASTROPHENZEIT

Besserer Antrieb?

Die achte und letzte Ambition der Moderne ist die

Entdeckung der Katastrophe, die als maximale Provokation

alle Disziplinen überfordert.

Malibu-Effekt

Im Gegenblick der Katastrophe wird Architektur von Kritik

befreit und als spürbares Vermögen lebendig.

Sky-down

Präventionsarchitektur tritt der Katastrophe abwehrend

entgegen, Kompensationsarchitektur hingegen versucht die

Ablenkung von der Katastrophe.

Dunkles Prozessgeheimnis

Der Gang durch die Katastrophe ist das entscheidende

Moment jeder kreativen Arbeit, wird aber peinlichst

verschwiegen oder sogar öffentlich geleugnet.

Konstruktive Verschwendung

Die Moderne forciert schlanke und fehlerfreie Abläufe, dabei

ist einzig die konstruktive Verschwendung das geeignete

Bindemittel für soziale Verbände.

Lächerliches Monument

Die einzige Rettung vor der stillen Katastrophe der

entropischen Drift ist der überambitionierte Sturz in die

laute Katastrophe. Eine dritte Option gibt es nicht.

505

516

525

536

546

553


INTRO

Überbietung des Quantitativen

Los Angeles ist die falsche Stadt. Jeder Vorwurf, den man Stadt und

Architektur machen kann, ist an Los Angeles gerichtet worden. Die Zersiedelung,

die totale Ausrichtung auf den Automobilverkehr, der tägliche

Stau auf den Stadtautobahnen, die endlosen Einfamilienhäuser, die

generischen Shoppingcenter, die Parkplatzwüsten, die monotone Totalrasterung,

die vielen Klimaanlagen, die Wasserverschwendung, die Gated

Communities, die soziale Segregation, die Drogen, die Gewalt, der Unwille,

daran etwas zu ändern. Los Angeles ist die umfangreichste urbane und

architektonische Fehlkonstruktion, die sich die Moderne je geleistet hat.

Kein Wunder, dass Detailberichte über die große Fehlkonstruktion Los

Angeles karrierefüllend sein konnten, und das Schaudern hat nicht

nur das Fachpublikum umgetrieben. Es gehört immer noch zu jedermanns

Klischeeportfolio, nach Skandalberichten aus Hollywood die gesamte

Existenz von Los Angeles als gigantische Absurdität zu apostrophieren.

Eine Millionenstadt wird in einer lebensfeindlichen Halbwüste platziert

und zelebriert ausgerechnet dort die exaltierteste Form von Lebenslust.

Die Kritiker des Modells Los Angeles werden die Mängelliste noch

mühelos weiterschreiben können. So, wie man viele Bilder und Szenen

der Stadt bereits kennt, so bekannt sind die Vorwürfe. Sie zu wiederholen,

gehört mittlerweile zur Stadtfolklore. Neu formuliert wirken die Vorwürfe

allerdings übereifrig und unzeitgemäß. Warum? Die Kritik und die

skeptischen Diagnosen am Modell Los Angeles sind nicht falsch geworden,

die entscheidende Umwertung der Kritik ist durch Relativierung passiert.

55


Die Europäische Stadt hingegen ist ideologisch im Ganzen und sorgenvoll-bemüht

im lokalen Detail. Konflikte werden eher moderiert als

ausagiert. Los Angeles andererseits unterdrückt keine der destruktiven

Energien, die eingesetzt werden, um divergierende individuelle Interessen

gegenseitig in Stellung zu bringen und wüten zu lassen. Oft verschwimmen

die tatsächlichen Konfliktlinien, weil sämtliche Konfliktparteien

die Kunst der Inszenierung, der Täuschung und Ablenkung gelernt

haben. Wer postmoderne Konfliktbaustellen liebt, wird hier überglücklich

werden. Doch trotz dieser taktischen Nebelschwaden agiert die

tatsächliche architektonische Konfiguration von Los Angeles ohne

Beschönigung, ohne Gängelung, ohne besorgte Moderation. Los Angeles

ist kein Projekt, sondern eine moderne Stadt im offenen Vollzug.

Ist dieser offene Vollzug der Moderne ein Vorteil gegenüber dem

europäischen Stadtmodell? Ja, denn die Europäische Stadt gibt eher

Auskunft darüber, wohin sich die kuratierte, kollektivistische Moderne

wünscht. Das macht die Europäische Stadt zukunftsträchtig, aber nur

im peinlichsten Wortsinn. Die Europäische Stadt ist seit jeher scheinschwanger,

sie versichert ständig, dass das große kollektivistische Ideal

bald geboren wird, aber es kommt nicht zur Welt. Das kollektivistische

Ideal realisiert sich nicht, sondern wird wieder und wieder in die

Zukunft projiziert. Los Angeles ist im Gegensatz dazu illusionsloser und

damit gegenwartsaktiver. Der offene Vollzug ist zwar unschön, aber

evident. Los Angeles gibt unverstellt Auskunft darüber, wo die individualistische

Moderne aktuell steht und zu welcher Form von Stadt sie

unweigerlich konvergiert. Das macht Los Angeles nicht nur auf der Suche

nach Archetypen der Moderne ergiebiger, es macht die Stadt insgesamt

als Modell robust und allgemeingültig.

Panische Energie

Diese prinzipielle Robustheit und ungeschönte Aussagekraft erklärt aber

noch nicht ausreichend, warum Los Angeles die individualistische Moderne

als Basiskonfiguration bevorzugt. Naheliegend wäre nämlich genau

das Gegenteil. Im Buch Tausend Plateaus unter dem Kapitel „1914 – Ein

Wolf oder mehrere?“ schulmeistern Gilles Deleuze und Félix Guattari

ausführlich Sigmund Freud, weil der in seiner Fallstudie zum Wolfsmann

ignoriert, dass der Wolf immer als Teil einer Mannigfaltigkeit, eines

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Rudels, zu denken ist und nicht als Individuum. Den individuellen Wolf

gibt es nicht. „Der Wolf ist das Rudel.“ 3 Diese Erkenntnis darf man auf den

menschlichen Teil des Wolfsmannes übertragen. Den individuellen

Menschen gibt es nicht. Der Mensch ist das Rudel. Jeder Mensch wird in

ein Kollektiv hineingeboren und erwacht als denkender Mensch im

Kollektiv. Das ist der Grundzustand und nicht das alleingestellte Individuum.

Daraus folgt, dass sogar der projektive Formzwang, der aus

dem Kollektiv auf den Einzelnen wirkt, als menschlicher Grundzustand

hinzunehmen ist. Um von diesem kollektiven Grundzustand zum Individuum

zu kommen, muss der Menschen zuerst aus der Gesellschaft

herausisoliert und dauerhaft in der unnatürlichen Isolation gehalten

werden, sonst fällt er wieder in die Gemeinschaft zurück. Dem zwanghaften

Kollektiv entkommt man also nur durch noch viel größeren Zwang.

Daraus ergibt sich eine klare Reihung der Stadtmodelle. Die Europäische

Stadt ist durch ihre kollektive Ausrichtung naheliegend und folglich das

erste Stadtmodell. Los Angeles bzw. die Amerikanische Stadt ist durch

ihre individualistische Ausrichtung eine mutwillig nachträgliche Konstruktion

und folglich das zweite Stadtmodell.

Die erstaunliche Tatsache an dieser Reihung der beiden Stadtmodelle

ist allerdings der Umstand, dass überhaupt ein zweites Modell erfunden

worden ist. Denn das bedeutet ja, dass das erste Modell massiv versagt

haben muss. Hätte das kollektivistische Stadtmodell der Europäer die

Menschheit restlos zufriedengestellt, hätte niemand den aufwendigen

Exodus antreten müssen, um so etwas wie das Modell Los Angeles zu

erfinden. Diese Schicksalsverbundenheit der beiden Stadtmodelle muss

man ungeschönt herausstellen. Das zweite ist nicht ohne das Versagen

des ersten denkbar. Nebenbei erklärt das Versagen, wie man Individuen

aus einem sozialen Verband herauszwingt und den sozialen Verband

insgesamt zerstört. Erst wenn das Kollektiv versagt, entstehen Individuen

als unmittelbare Bruchstücke. Wie Rettungsringe werden sie plötzlich

freigesetzt, sobald das große gemeinsame Schiff zu sinken droht. „Rette

sich wer kann“ benennt immer den Zerfall der Gemeinschaft in panische

Individuen, die sich allein auf den erlösenden Sprung machen. Oft

überrascht und überfordert, sich erstmals als Individuum zu begreifen

3 Gilles Deleuze, Félix Guattari. Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Merve Verlag.

1992. Seite 50

63


Doch mit dem Referenzprädikat ist gleichzeitig eingestanden, dass nur

noch zweite Preise vergeben werden. Der erste Preis, die Eröffnung einer

großen neuen Phase der Moderne, scheint hingegen unerreichbar zu

sein. Wie sehr der Verlust der großen kategorischen Hoffnung eine Branche

beschädigt, lässt wieder Meese ahnen, wenn er euphorisch-empört

verkündet, dass er die Kunst doch nicht mit seinem Können belästigen

kann. Ein scheinbar autoaggressiver Witz, um sich als Künstler zu befreien.

Aber vor allem ist es purer Spott. Wer will Künstlern oder Architekten der Endzeitmoderne

noch höchstes Können zusprechen, wenn eine große kategorische

Neuorientierungen nicht mehr von Nöten ist, und außer „Machen,

Machen, Machen“ und „Projekt, Projekt, Projekt“ nichts mehr zu tun bleibt.

„Mir sagte Liebezeit: ‚Holger, du spielst nur so viele Töne, weil du den einen richtigen

Ton noch nicht gefunden hast!‘“ 7 In dieser Aufforderung des Schlagzeugers

Jaki Liebezeit an Holger Czukay, den Bassisten der Band Can, wird

deutlich, wohin sich manch Kreativer wünscht, wenn ihm die Kurzsichtigkeit

des „Machen, Machen, Machen“ unerträglich wird. Der eine

richtige Ton ist plötzlich das Ideal. Das radikale Gegenteil des liberal-pluralistischen

Überschwangs wird als erlösende Kraft gefordert. Damit ist

die zweite Asymptote skizziert, der sich Kreativarbeit in der Endzeitmoderne

nähert, auch in der Architektur. Alle pendeln irgendwo zwischen

dem „Projekt, Projekt, Projekt“-Stakkato und der Suche nach der einen

großen Wahrheit, die alles andere endlich wegrelativiert. Es wäre oft

genug tatsächlich erleichternd und erlösend, auf so eine wahrhaftige

Singularität zu treffen, die einem die Last der Mannigfaltigkeit abnimmt.

Das bedeutet, dass zumindest auf der Stimmungsebene der liberale

Pluralismus gelegentlich weggewünscht wird. Daraus folgt dann zwangsläufig,

dass auch die Endzeitmoderne nicht von allen immer geschätzt

wird. Die Stimmung ist in Summe sogar deutlich schlechter als die

Produktivität. Das kann man gesichert diagnostizieren. Weniger sicher

lässt sich diagnostizieren, ob die eingetrübte Stimmung fachlich berechtig

ist. Der liberale Pluralismus hat oft genug seinen Wert im kreativen

Arbeiten bewiesen, die Absage an den liberalen Pluralismus aber genauso

oft. Es gibt somit keinen zwingenden fachlichen Grund, die Endzeitmoderne

in ihrer alltäglichen Praxis hochzuschätzen oder abzulehnen.

7 Holger Czukay. In: Arno Frank, Holger Czukay. „Can-Musiker Czukay im Interview: ‚Musik

hat immer etwas Absolutes‘.“ https://www.spiegel.de/kultur/musik/can-musiker-holger-czukay-iminterview-a-940927.html.

01.01.2014

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Die entscheidende Frage lautet dann: Wie kann man auf die eingetrübte

Stimmung ohne fachliche Bewertung reagieren? Dazu muss man

von der fachlichen Bewertung des Gegenstands zur physisch-psychischen

Bewertung der Leistungsfähigkeit der Akteure der Disziplin überwechseln.

Das ist die grundlegende Ressource, die letztlich jede Disziplin

rahmt, auch die Architekturproduktion in der Endzeitmoderne. Andere

Disziplinen, wie der Spitzensport oder die darstellende Kunst, haben

diese evolutionsbiologisch erworbenen Kapazitäten ihrer Akteure

deutlich im Blick. Die Architekturbranche sollte das ebenfalls tun, um

die Orientierungslosigkeit als die größte Schwachstelle des aktuellen

Betriebs zu erkennen. Wenn alles gleichzeitig in Bewegung ist, wird das

Navigieren für viele schwierig. Doch gerade die engagierten Akteure

wollen nicht über längere Zeit ohne Orientierung vor sich hin arbeiten.

Moderne, Scheitern, Postmoderne: Alle drei Phasen hatten durch eine

zeitliche thematische Verengung die Orientierung erleichtert. Man

konnte mit dem Strom schwimmen oder dagegen. Eine ähnlich gerichtete

Lage versprechen sich manche durch die mutwillige Einschränkung des

momentanen Pluralismus und die Ausgabe einer neuen, mehrheitlich

verbindlichen Moderneparole. Aber das ist ein Trugschluss – auch

rückblickend. Orientierung hat weniger mit der Zurichtung der Umwelt

zu tun, sondern mit der Bestimmung des eigenen Standpunkts im

Kontext. Orientierung ist Selbstbestimmung. Es geht darum zu wissen,

was man tut, warum man es tut, und wer man ist, während man es tut.

Dazu muss man aber nicht zwingend den Kontext aufräumen oder

den Pluralismus einschränken, sondern nur den eigenen Standpunkt

so weit verbessern, dass man wieder Weitblick gewinnt.

Damit ist klar, was momentan, inmitten der ausufernden Endzeitmoderne

am dringlichsten zu leisten ist. Der Standpunkt der Architektur

ist so weit zu verbessern, dass in der Flut der zeitgenössischen Produktion

von Architektur wieder bestimmbar wird, was Moderne ist. Genau

das ist die Absicht des vorliegenden Buchs. Eine tragfähige Selbstbestimmung

der Architektur der Moderne auszuarbeiten und davon ausgehend

die Kontur der Endzeitmoderne zu vermessen.

Die operative Anschlussfrage lautet nun: Wie lässt sich der Standpunkt

der Architektur so weit verbessern, dass diese Selbstbestimmung möglich

wird? Im Prinzip ist diese Frage schnell beantwortet. Der bessere, weitsichtigere,

erkenntnisreichere Standpunkt ist immer oben zu finden, in

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Vorwärtslaufen, sondern man muss zwischendurch aufmerksam bleiben,

um die besten Momente nicht zu versäumen.

Der größere Trost der prinzipiell trostlosen Dramaturgie liegt jedoch

in der Ent-Historisierung der Moderne. Bislang ist die Moderne zu

selbstverständlich als historischer Ablauf erzählt worden. „The influence was

really the modernist manifesto, the modernist agenda, this notion of Modernism –

each time it reached a phase it was stopped and restarted – is far from being

exhausted.“ 8 Fast verwundert stellt Zaha Hadid fest, dass die Moderne

immer wieder abgebrochen und neu gestartet worden ist. Doch das ist

nur verwunderlich, wenn man die Moderne als historischen Ablauf

sieht. Mit der Neudefinition der Moderne als einer Welle der aufsteigenden,

überschreitenden und wieder versiegenden Ambition wird aus

der Moderne ein szenisches Übungsprogramm, das beliebig oft wiederholt

werden kann. Wer die finale Erschöpfung überwunden hat, der beginnt

mit der Moderne einfach wieder von vorne. Bis es nicht mehr geht.

8 Zaha Hadid. „Zaha Hadid 1983–2004. Form of Indetermination“. In: El Croquis 52, 73, 103.

2004. Seite 22

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ERSTE

ARCHITEKTUR

Fragile Schwimm-Insel

Los Angeles mag keine Kellergeschosse. Warum fehlt diese Information

in allen Charakterstudien zur Stadt und ihrer Bewohner. Ist diese Information

zu banal? Eher zu fundamental, denn das Verhältnis zum erdigen

Untergrund ist seit jeher stimmungsgebend und definitionsgebend

zugleich. Keller oder Nicht-Keller ist mehr als nur eine architektonische

Entscheidung, es ist das kürzeste Ultimatum, um sich als Mensch

und Moderner zu deklarieren. 1 Moderne bauen keine Erdlöcher, Moderne

wühlen nicht im Dreck. Moderne haben saubere Hände und verbieten

sich melancholische Erdverbundenheit. Warum? Das hat man mittlerweile

vergessen. Das konnte die Moderne immer sehr gut – selektiv vergessen.

Doch der Moderne ist schon seit einiger Zeit ihre aseptische

Überheblichkeit abhandengekommen. Los Angeles mag vielleicht keine

Kellergeschosse und moderne Zeitgenossen wühlen nicht im Dreck,

dennoch mussten sie ab der Jahrtausendwende einen Benzinpreisrekord

nach dem anderen hinnehmen. Kurzfristige Erholung brachte erst die

Rezession nach der Finanzkrise 2008, danach ging es wieder jahrelang

nur bergauf. Der Abschied vom billigen Benzin hat die Lebenslogik der

West-Coast-Moderne jedenfalls mehr erschüttert als jedes andere Ereignis

zuvor. Ausgerechnet das neue Jahrtausend wurde als gestrige Erdzeit eröffnet.

1 „Der Keller ist eine andere wahnsinnige Erinnerung an vergangene Begrenztheit. Warum jemand

einen so teuren, unbelüfteten, feuchten, dunklen Raum im Boden bauen sollte, bleibt unverständlich

[…].“ Rudolph Michael Schinder. In: August Sarnitz. R. M. Schindler. Architekt. 1887–1953. Akademie

der bildenden Künste Wien. Edition Brandstätter. 1986. Seite 146

79


über der Stadt machte sich totaler Strand breit. Es ist eine der denkwürdigsten

historischen Skurrilitäten, dass die Urkatastrophe von Los Angeles

nicht eines der zahlreichen Erdbeben ist, sondern die Flood of 1938.

Der Los Angeles River und seine Zuläufe traten nach heftigen Regenfällen

über die Ufer und zeigten der Stadt in der Halbwüste, was sie bislang

Grundlegendes verabsäumt hatte: Eine Stadt, die ihren Boden nicht stabil

halten kann, bezahlt dieses Versäumnis mit Totalschaden. Biblischer

konnte das Schicksal nicht zuschlagen.

Wenn man sich heute die Fotografien und Filme der Flut von 1938

ansieht, beeindruckt die biblische Katastrophe allerdings weniger mit

dramatischen Szenen, sondern eher mit einer episch ruhigen Wiederherstellung

des Selbstverständlichen. Brücken, Straßen, Häuser, Steilhänge

stürzen nicht lautstark in sich zusammen, sondern gleiten widerstandslos

in die Fluten. Was einmal hektisch überanstrengte Machenschaft

war, legt sich zurück in eine entropische Null-Lage. Wasserteppiche,

Schlammgeschiebe und mäandernde Schuttgirlanden fließen über die

vormalige Stadt hinweg. Eine ursprüngliche Landschaftsidylle stellt sich

ein, an der nichts Böses, Wildes, nicht einmal Unwillkommenes zu

entdecken ist. So soll es sein – lässt die Natur wissen. Und so malerisch

kann der Untergang sein – muss man gestehen.

Mit dieser tragischen Bodenerfahrung wurde Los Angeles jedenfalls

erwachsen. Alles, was davor in den Boom-Zeiten schnell und spekulativ

errichtet worden war, musste nun mit viel Beton nachträglich gesichert

werden. Der Beton steht dabei allerdings nicht nur für das bevorzugte

Material, sondern auch allegorisch als Methode. Aushärten ist die rettende

Reaktion auf die zerstörerische Aufweichung. Der Los Angeles

River wurde in ein gigantisches Betonkorsett gegossen, das bis heute als

real-utopisches Landmark-Emblem in der Stadtlandschaft liegt. Vordergründig

konsequente Ingenieurlogik und doch im tiefsten Grund

eine beleidigte Rache für die zerstörerische Aufweichung davor. Grässlich

anzusehen, zeitgenössische Planer wollen das Betonkorsett auch unbedingt

rückbauen und am liebsten ganz verschwinden lassen. Aber

die Erinnerung an die Flut wiegt immer noch schwer. Die völlige Aufweichung

will niemand riskieren.

Die teilweise Aufweichung des Los Angeles River wird dennoch

als Revision der betonierten Härte gefeiert und gleichzeitig als längst

notwendige Versöhnung der Stadt mit der natürlichen Weichheit

der ursprünglichen Natur gelesen. Aber es ist keine Revision. Es hat sich

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lediglich die Richtung der Bedrohung geändert. Vom Los Angeles River

erwartet man keine Katastrophenflut mehr, sehr wohl aber vom Meer.

Klimawandel bedeutet in Los Angeles, angstvoll die Erhöhung des Meeresspiegels

zu verfolgen und Flutwellen über die Häfen und Strände

in die Stadt hinein zu erwarten. Das ist das neue Flutszenario, das einem

den Boden unter den Füßen erweichen wird. Die Vorausberechnungen

für die anstehenden Sicherungsmaßnahmen sind längst im Gange, die

technische Umsetzung wird folgen. Dass man die Sandstrände ebenfalls

in ein Betonkorsett zwingen wird, ist schon aus Gründen des Stadtmarketings

unwahrscheinlich. Dass man die Sicherung der Küstenlinie ohne

massiven Einsatz von Beton schaffen wird, ist genauso unwahrscheinlich.

Die Härte der betonierten Antwort auf vergangene und zukünftige

Fluten ist aber nicht nur stadtlandschaftlich eine klare Direktive, sie

definiert insgesamt das Verhältnis der Stadt zum Wasser. Los Angeles ist

eine Stadt ohne Wasser. Das klingt seltsam, wenn man an die Strände,

die Swimmingpools und den permanenten Duschzwang ihrer Bewohner

denkt. Aber der Satz ist dennoch richtig. Wasser ist hier vollkommen

weggeplant und weggebaut. Am Strand hört die Stadt auf, das Meer ist

eine andere Welt. Im Rest der Stadt ist Wasser in Gefäße gezwängt und

löst niemandes Boden mehr auf. Sogar eine kulturgeschichtliche

Berühmtheit wie der Silver Lake ist nichts anderes als eine Betonpfütze.

Los Angeles Kenner werden jetzt protestieren: Die Venice Canals sind

doch der Beweis dafür, dass man heute noch nahe am Wasser, ja mit dem

Wasser lebt. Dort wird das Risiko eines sich gelegentlich auflösenden

Bodens angenommen und das Ergebnis ist eines der lebenswertesten

Quartiere der Stadt. Das Bild stimmt, die Tendenz leider nicht. Venice war

vor der Stadtwerdung Sumpf. Ab 1905 ließ Abbot Kinney das Gebiet

trockenlegen, um endlich festen Boden für seinen Venice-of-America-

Plan zu schaffen. Die Kanäle waren seine Methode der Trockenlegung.

Ab 1924 wurden dann sogar die Kanäle zugeschüttet, mit Ausnahme der

verbliebenen kurzen Abschnitte, die heute so malerisch daliegen. Und

selbst diese kurzen Abschnitte wurden nicht als Zugeständnis an gelegentliche

Weichheit verschont, sondern mangels Interesses an weiterer

Bodenentwicklung.

Spätestens nach derartigen Großversuchen zur Bodenmanipulation

müssen alle Architekten, die nach wie vor dem Raum huldigen, akzeptieren,

dass die Herstellung von tragfähigem Boden ein unerlässlicher Auftakt

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und damit zerstört. Die Moderne entwirft für Architektur und Gesellschaft

gleichermaßen die großen Linien, die eine Gesamtgestalt zusammenhalten,

und sie entwirft gleichzeitig Teilungslinien, Teilungsgrößen

und Teilungsabläufe, die gegen das Ganze arbeiten. Im Idealfall wird

moderne Architektur in industriell standardisierte Komponenten zerlegt,

an denen die Gesamtgestalt nicht einmal mehr andeutungsweise ablesbar

ist. Und im Idealfall entsprechen auch die Bewohner einer neutralen

Menschschablone ohne Baggage – wie man in den USA lästige Eigenwilligkeiten

und persönliche Geschichte nennt.

Diese Neutralisierung der Elemente zu beliebigen Teilungszwecken

klingt nach einer ernüchternden Beschäftigung, ist aber laut Jan Verwoert

die Basisoperation für Sinnstiftung: „Der Schnitt ist also ein für die Sinnstiftung

grundlegender Akt, der selbst keinen bestimmten Sinn, sondern allein die

unbestimmte Möglichkeit von Sinnstiftung produziert.“ 52 Für moderne Architektur

gilt das exemplarisch. Erst durch die Einführung von intelligenten

Teilungslinien entsteht eine projektunabhängige Platten/Scheiben/

Stützen/Baukomponenten-Logik, die wiederum zu anderen sinnvollen

Gesamtkonstellationen zusammengefügt werden kann. Das ist der

Gewinn der Teilung. Teamfähig nennt man das in Bezug auf Mitarbeiter.

Das Wort Leiharbeiter folgt im Wesenskern der gleichen Logik. Das

ist Moderne par excellence, ein Organisationsprozess mit beliebig anschließbaren

Re-Organisationsprozessen. Im Extremfall wird weder der

Anfangszustand noch der Endzustand festgelegt, sondern nur der Wechsel

der Zwischenstände geplant. Am Montageplan und am Zeitplan entscheiden

sich das konkrete und das utopische Schicksal des Unternehmens

Moderne und nicht am physischen Bestand. 53 Das ist kulturgeschichtlich

das erste Mal, dass etwas Immaterielles die Oberhand gewinnt.

Heute nennt man dieses Verfahren Entwicklungszustandsplanung,

doch der Begriff beschreibt ein insgesamtes Ideal der Moderne, denn

das Verbesserungsversprechen der Moderne ist ohne die Bereitschaft zur

52 Jan Verwoert. „Mehr als nur möglich“. In: Akademie der Künste. Hrsg. Topos Raum. Die Aktualität

des Raumes in den Künsten der Gegenwart. Verlag für moderne Kunst Nürnberg. 2004. Seite 98

53 „Der Intellekt äußert sich in der utopischen Denkweise als ‚Fähigkeit zur Denkübung am

Konkreten‘. […] Er hat seine Freude am gedanklichen Erproben von Möglichkeiten, die er über die

Wirklichkeit hinausgehen sieht. Dies ist eine Art ‚Verstehen‘; es ergibt sich aus einem ersten Begreifen

des Wirklichen und führt nun seinerseits zu dessen besserem Verständnis.“ Raymond Ruyer. „Die

utopische Methode“. In: Arnhelm Neusüss. Hrsg. Utopie. Begriff und Phänomen des Utopischen.

Campus Verlag. 1986. Seite 339

118


zyklischen Um-Montage nicht glaubwürdig. Nur die Montagelogik hält

alle besseren Gestaltoptionen immer potentiell vorrätig und abrufbar.

Mit Raymond Ruyer lässt sich argumentieren, dass ein Gebilde durch die

Bereitschaft zur Um-Montage überhaupt erst intelligent wird, weil alle

alternativen Möglichkeiten permanent mitgedacht werden können. 54

Montagesuburb, Montagearchitektur, Montagegesellschaft ist dauerkontingent.

In der Moderne haben Bauteile und Menschen gleichermaßen

sprungbereit zu sein, wenn der Planer seinen Gestaltungswillen artikuliert.

Damit ist gleichzeitig der Souveränitätsanspruch des modernen Planers

weiterdekliniert. Erst mit der Montagefähigkeit der physischen Welt

wird der Primat des Wollens wirklich zum Souverän.

Doch dieser enorme Zuwachs an Souveränität ist erkauft mit zunehmender

Unsicherheit. Moderne Architektur ist streng genommen gestaltlos,

weil sie keine stabile Gestalt mehr besitzt, auf die sie sich identitätsstiftend

beziehen könnte. Jede momentane Montagekonstellation

kann jederzeit revidiert werden. Die Gestalt wird zur austauschbaren

Variablen und nur als momentanes Ereignis in die Welt skizziert. Kein

Wunder, dass moderne Architektur oft beklemmend körperschwach

ist. Als Objekt vor Ort wirkt sie anämisch, konturnervös, fragil. Neben der

Körperschwachheit trägt die potentielle Demontierbarkeit eine Unruhe

in die Montagearchitektur hinein, die davor nicht bekannt war. Modern

lebt man in ephemeren Räumen, umgeben von Nieten, Schrauben,

Klemmen und Fugen. Die Trennbarkeit wird zur ständigen Drohung. Das

ganze Gebäude könnte ein Fake sein. Montagearchitektur ist potentielle

Transformerarchitektur, nie ganz da und nie ganz bei sich. Nie loyal zum

Ort, nie loyal zur eigenen Erscheinung. Wir wollen nicht hier sein und

wir wollen uns nicht festlegen, wir wollen Option sein. So beginnt man

eine Planungsaufgabe als moderner Architekt. Modernsein und Unruhigsein

sind nicht voneinander zu trennen. Man könnte die gesamte

Moderne anhand verschiedenster Arten der Unruhe beschreiben, von der

Nervosität bis hin zum Vielfliegerprogramm, denn wieder ist die Architektur

nur Sinnbild für alle modernen Gebilde.

Wer taktisch klug ist, vermag diese Unruhe projektiv zu kanalisieren

und in eine strategische Mobilität zu übersetzen. Architekten hingegen

54 „Ein Faktum oder ein Ereignis verstehen heißt, es durchdringen, ohne sich darin zu verlieren, ohne

es für absolut und unveränderlich zu nehmen. Es heißt, die Alternativ-Möglichkeiten (possibles latéraux)

mitsehen. Man versteht eine Sache nur, wenn man die ganze Skala der ihr verwandten Möglichkeiten

mitdenkt.“ Raymond Ruyer. Ebd. Seite 339, 340

119


EXALTATIONEN

Es ist nicht genug

„Die Sache wurde wirklich kritisch: der Mann versuchte, im Boden zu versinken,

bekam einen Erstickungsanfall und versuchte krampfhaft, sich zu übergeben. […]

Er sagte: ‚Ich habe einfach versucht, es zu schnell zu machen, und ich hatte Angst,

nicht mehr rauszukommen.‘ Und das war passiert: Als sein Brustkorb begann, im

Boden zu versinken, war er vollkommen mit Luft aufgefüllt, und er konnte einfach

nicht mehr atmen. […] Und er sagte: ‚Ich hatte Angst, meine Hand zu bewegen,

weil ich dachte, wenn ich sie bewege, würden einige Moleküle der Hand im Boden

zurückbleiben und ich könnte sie verlieren. Alles würde auseinanderfallen, und ich

könnte sie nicht mehr herausziehen.‘“ 1 Bruce Nauman beschreibt in diesem

Textstück den dramatischen Verlauf einer Performance, die man nachträglich

als Restauration der Moderne an der West Coast bezeichnen

kann, während die Postmoderne gerade machtvoll in die Gegenrichtung

drängte. Die konkrete Aufführung war simpel, aber effektiv: Ein Bekannter

von Nauman sollte versuchen, im Boden zu versinken. Die Performance

fand auf Betonboden im Atelier des Künstlers statt und wurde gefilmt.

Tony Sinking into the Floor, Face up, and Face Down heißt das dabei entstandene

Video, Dauer: rund 60 Minuten. 2

Ein Scherz könnte man meinen, nach dieser Beschreibung. Im Video

ist auch nicht viel mehr zu sehen als ein Mensch, der am Boden liegt,

sitzt und ein wenig die Position wechselt. Doch in der Durchführung

1 Bruce Nauman. Interviews 1967–1988. Verlag der Kunst. 1996. Seite 94

2 Bruce Nauman. Tony Sinking into the Floor, Face Up, and Face Down. 1973

139


eingezogen, hatte aber keine Arbeit. Schindler bot ihm also an, den

Garten rund um das Lovell Beach House zu planen. Den Garten? Schindler

entdeckt Architektur als exaltierte Widerstandskonstruktion gegen

die vorgefundenen Prärieverhältnisse und befördert damit auch seinen

architektonischen Fokus in die Luft hinauf; doch Neutra, sein Freund,

soll dafür die zurückgelassene Prärie mit Pflanzen behübschen?

Neutra hatte nach dem Krieg Lehrjahre in Zürich in einer

Landschaftsgärtnerei absolviert – vom Bombardieren zum Begrünen.

Ihm waren solche Aufgaben also nicht fremd. Aber das ist nicht der

kritische Punkt. Entscheidend ist, dass hier die große Hoffnung begraben

wird, die Moderne könnte eine vereinigende absolute Kategorie sein.

Das Gegenteil ist der Fall. Das Es-ist-nicht-genug entsolidarisiert die

Moderne und teilt ihre Vertreter in Vorauseilende und Zurückfallende,

in Aufsteigende und Untengebliebene. Man erinnert sich sofort an

Neutras prägnante Positionsbeschreibung die Einwanderer in den USA

betreffend. Für ihn „schienen sie auf einer völlig anderen Ebene zu leben

[…] sozusagen im Keller“, während Wrights Moderne bereits in der offenen

Prärie unterwegs war. 33 Oben und unten sind für Neutra also deutlich

mehr als nur Positionsbeschreibungen, es sind Schicksalskoordinaten.

Doch hier, in Relation zum exaltierten Lovell Beach House, ist Neutra

plötzlich selbst der unten abgestellte Einwanderer in den USA. Und beim

Gärtnern am Boden wird ihm präsent gewesen sein, dass Karriere

ebenfalls eine Exaltation ist, eine erlösende Flucht aus den gegebenen

Verhältnissen. Schindler schien mit dem Lovell Beach House auf einer

höheren Ebene angekommen zu sein, Neutra noch nicht. Für ambitionierte

Jungarchitekten ist das kein kleiner Unterschied, vor allem

weil Ehrgeiz ein höchst privat-narzisstisches Motiv ist, das sich durch

professionelle Vernunft oder Geduld nicht beschwichtigen lässt.

Es ist nicht überliefert, ob der große Streit zwischen Neutra und

Schindler schon an der höchst ungleichen Arbeitsteilung am Lovell

Beach House begann. Wohl noch nicht, aber das änderte sich sehr bald,

denn der nächste Planungsauftrag des ambitionierten Dr. Lovell ging

überraschenderweise an Neutra. Schindler habe den Auftrag zuerst

erhalten, liest man. Kein Wunder, das Lovell Beach House war bestens

gelungen, ein Folgeauftrag nur natürlich. Doch auf unschönen Umwegen

sei dann plötzlich Neutra zu dem Auftrag gekommen. Jedenfalls ist

33 Richard Neutra. Auftrag für morgen. Claassen-Verlag. 1962. Seite 211

174


spätestens nach dem heiklen Architektentausch der Streit unvermeidbar.

Private Freundschaft kaputt, dafür beginnt Neutras Karriere als selbstständiger

Architekt. Lovell Health House wird das neue Projekt heißen,

eine programmatische Überbietung des Lovell Beach House. Schon die

Wahl des Grundstücks ist eine Exaltation, das Haus wird hoch am Hügel

liegen, streng, konsequent modern, aus Bauherrensicht nicht so liebenswürdig

wie das Haus am Strand, und doch sofort international umjubelt.

Nach Fertigstellung ist Neutra auf der ganzen Welt zu Vorträgen

unterwegs, und das in wirtschaftlich schweren Zeiten. Erschöpft und

weltberühmt kehrt er nach Los Angeles zurück.

Wuchtiger kann der Erfolg einen jungen Architekten kaum in

exaltierte Höhen heben, und damit deutet sich schon ein Positionswechsel

gegenüber Schindler an. Der wird nach dem Lovell Beach House nie

wieder so radikal modern bauen. Er wird zeitlebens zwar bekannt sein,

aber stets im Schatten von Neutra stehen. Erst die Postmoderne verleiht

Schindler mehr Gewicht und in den 1990er Jahren setzt ein breit getragenes

Revival ein. Die übliche Erklärung für die späte Wertschätzung

ist Schindlers weniger dogmatische Auslegung der Moderne – verglichen

mit Neutra oder anderen frühen Modernen seiner Zeit. Dieser Unterschied

in der Auslegung der Moderne hat natürlich auch die beiden

Architekten selbst beschäftigt, wobei in ihren Kommentaren zur Arbeit

des jeweils anderen professionelle und private Animositäten unsortiert

ineinander laufen. Neutra hat Schindler in späteren Jahren als

Nicht-ganz-Modernen bezeichnet, während umgekehrt Schindler eine

unmenschliche Härte und Radikalität in Neutras Werk gelesen hat.

Dieser jeweiligen Einschätzung hat sich die spätere Rezeption

angeschlossen, doch ein wichtiges Detail in der vergleichenden Bewertung

vergessen. Schindlers Haltung zur Moderne ist anschlussfähiger,

weil er mit der Moderne selbst experimentiert und sie nicht als dogmatisches

Bekenntnis praktiziert. Sein Repertoire reicht von radikaler

Zuspitzung bis zu Distanzierung und Gegenexperiment. Das ist eine

kategorisch höhere Stufe der Exaltation, weil sie eine generell aufhebende

Wirkung entfaltet. Alles, wovon man sich distanzieren kann, wird plötzlich

leicht. Es ist kein Absolutum mehr, sondern Option. Raum, Prärie,

Moderne, Professionalität, Peinlichkeit – man kann einsteigen, aussteigen,

anwenden und fallen lassen, je nach Belieben.

175


ROLLFELDER

Bewegungsepochen

Mitten im Kalten Krieg schockte ein seltsames Vehikel die Westmächte.

Der Kalte Krieg war nicht nur ein Rüstungswettlauf und ein ideologisches

Ringen, er war auch ein Zeitalter der wechselseitigen Detailbeobachtung,

die sich bis in hysterische Suggestionen steigern konnte. Die Erfahrung

hat schon viele belehrt, dass sich die Schwierigkeit, ein Ding zu Gesicht

zu bekommen, auf das Ding auswirkt. Es wächst proportional zur Schwierigkeit

des Beobachtens. Das bekannte Loch-Ness-Phänomen. Jedenfalls

konnte so aus einem Vehikel, das ein wenig seltsam aussah, das Kaspische

Seemonster werden. Was war tatsächlich passiert? Die Sowjetingenieure

hatten ein relativ großes Bodeneffektfahrzeug gebaut, das im Wasser

starten und landen konnte und über der Kaspischen See längere Strecken

absolvierte. Ein Bodeneffektfahrzeug, im Russischen Ekranoplan genannt,

sieht wie ein fremdartiges Flugzeug aus, bewegt sich jedoch nur

wenige Meter über dem Boden. Tiefflug könnte man meinen, doch

das stimmt nicht, denn der Unterschied zu einem richtigen Flugzeug ist

kategorisch. Der Ekranoplan fliegt nämlich gar nicht, er fährt stattdessen

auf der Oberfläche, lediglich durch ein Luftpolster in die Höhe gehoben.

Einmal aufgestiegen, entsteht das Luftpolster automatisch durch den

Vortrieb und der Ekranoplan rollt wie auf einer Luftwalze dahin.

Die Bezeichnung Bodeneffektfahrzeug fasst diesen effektvollen Umgang

mit dem Boden kurz und verschweigt auch nicht die Zugehörigkeit.

Der Ekranoplan ist ein Fahrzeug und kein Flugzeug. Technikhistoriker

behaupten, dass sich die Flugversuche der Brüder Wright ebenfalls nur im

199


tendenziell von der 80-zu-20-Regel emanzipieren, weil sie für die lange

Liste der Sonderwünsche keinen so überproportionalen Aufwand mehr

leisten müssen. Die lange Liste der unterschiedlichsten Sonderwünsche

ist dann nicht mehr unbedingt ein Nachteil fürs Gesamtgeschäft.

Eine Übersetzung dieser sonderwunschfreundlichen Betriebslogik in

eine urbane Matrix ist aber noch nicht gelungen.

Zuallerletzt wird auch der Blick nach Europa keine wirkliche Alternative

bereitstellen, denn hier haben sich längst ähnliche Verhältnisse

etabliert. Hier gibt es gleichermaßen das Phänomen des unabsehbaren

Auftauens aus irgendwelchen Normhypnosen und das Unvermögen

der Stadt, dem plötzlichen Willen zur Individualität ein echtes Möglichkeitsfeld

zu bieten. Die historischen Zentren sind eine hermetische

Marketinginszenierung ohne Freiraum, und in der Peripherie findet man

oft die gleichen urbanen Normkonstellationen wie in Los Angeles.

Stadtanalytisch betrachtet zeichnet sich hier insgesamt eine neue

Aufgabe ab. Man war lange gewohnt, Stadt in unterschiedliche Zonen

von Privatheit hin zu Öffentlichkeit zu deklinieren. Heute muss man

beginnen, in Zonen der Gleichschaltung, Zonen der Individualisierung

und Zonen der Reserviertheit zu unterscheiden. Der Blick auf Los Angeles

ist in diesem Zusammenhang wertvoll, weil die Reserviertheit hier so

ausufernde Dimensionen angenommen hat, dass man als nächsten

Schritt der Frage nach einer spezifischen Architektur der Reserviertheit

nachgehen kann.

Es rollt

Viel Freifläche, viel Asphalt, Parkplätze, monströse Überkopfwerbungen

in Richtung Straße orientiert, es sollen noch mehr Menschen hierherkommen.

Einmal am Tag verhaltene Hektik, am frühen Abend nach

Büroschluss, den Rest des Tages halb leer. Man sitzt im Auto, nicht angeschnallt,

die Trägheit verbietet auszusteigen und lässt einen verweilen

in einer schlampigen Fahrhaltung. Man richtet sich nicht mehr auf,

justiert sich nicht mehr an der Aufgabe. Der Blick ist ähnlich träge, man

sieht ohnehin nicht viel. Verstreute Einkaufswagen, Mülltonnen entlang

der Ladezonen und Hinterausgänge, herumstreunende Menschen,

eher verirrte als engagierte Kundschaft, manche zielgerichtet, die

gehen zu ihren Fahrzeugen, einräumen, türenknallen, starten, Abfahrt.

222


Andere wiederum sitzen, gehen, schauen länger herum, als sie müssten.

Andere kommen, die gleichen stereotypen Abläufe. Manchmal einer in

rotem Kostüm. Ein Angestellter, meist jung, männlich, langsam, dennoch

sich ängstlich umblickend. Er sammelt aber nur die Einkaufswagen,

schiebt sie ineinander. Gelegentlich Obdachlose und gelangweiltes

Securitypersonal, Männer in absurden Uniformen, meist viel zu nett und

träge, um zu ihrer strengen Uniform zu passen, aber da sind ja noch die

Kameras. Man könnte ewig so sitzen, trotz der Kameras. Die sehen, aber

reagieren nicht.

Irgendwann wird einer, nein zwei werden kommen, ebenfalls

mit Pkw, weiß, im privatwirtschaftlichen Polizeidesign. Sie werden Fragen

stellen, gar nicht unhöflich, Small Talk mit Absicht. Dann fährt man, aber

nicht vertrieben, man fährt einfach, weil die Entscheidung, zu fahren oder

zu bleiben, die gleiche ist. Es ist sogar angenehm, dass jemand kommt und

einen aufweckt, auffordert. Und so rollt man ein paar Minuten herum,

steuert ein schäbiges Gebäude an, eingeschossig, nicht sehr groß. Auswählen,

bestellen, Bestellung entgegennehmen, zahlen und umständlich im

Auto zwischenablegen, weiterfahren, eine Hand am Essen. Man könnte

auch aussteigen, das Essen im Gebäude abholen. Tut man aber nicht. Lieber

vollführt man das Kunststück, ein sperriges Auto um eine zähe Kurve

zu quälen, stockend, Stop-and-go, um dann ohnehin wieder auf einem der

vielen Parkplätze liegen zu bleiben, wieder viel zu lang. In anderen Autos

noch mehr halb vereinsamte Kunden, angelockt von halb freundlichen

Angeboten. Ob Richard Neutra je in einem Drive-in-Restaurant war? Ob

Neutra je erlebt hat, wie Prärie in der Stadt funktioniert? 24

Wer in Los Angeles die Straße verlässt, der landet am Rollfeld. 25 Was

in New York der Block ist, mit einer annähernd monolithischen Bebauung,

das ist in Los Angeles das Rollfeld. Eine urbane Selbstbedienungslandschaft,

die Asphaltflächen und eingestreute Bebauung extensiv ausbreitet.

Statt formierter Organisation eine flächenhafte Un-Organisation. Alles

verteilt sich irgendwie, aber ohne tatsächlich zu interagieren. Hier wird

die stadtstrukturell wechselseitige Verantwortung von Einzelelementen

24 „Die Amerikaner waren dagegen führend in Komfort-Details – Klimaanlage, Servolenkung,

Stereoradios, automatische Getriebe und großvolumige, sehr ruhig laufende Motoren.“ James P.

Womack, Daniel T. Jones, Daniel Roos. Die zweite Revolution in der Autoindustrie. Konsequenzen aus

der weltweiten Studie aus dem Massachusetts Institute of Technology. Campus Verlag. 1991. Seite 51

25 „Feld ist ein innerlich gegliederter, flexibel nach außen hin abgegrenzter Erfahrungsbereich,

dessen Grenz- und Kraftlinien auf wechselnde Standorte innerhalb des Bereichs zulaufen.“ Bernhard

Waldenfels. Ordnung im Zwielicht. Suhrkamp Verlag. 1987. Seite 54

223


zeitgenössischen Architekturdiskurs die langweiligste, für jede

Besprechung unwürdigste Art der Einbringung von architektonischen

Elementen in einen städtischen Verbund? Was wäre so banal, dass

es schlichtweg nie diskutiert und publiziert werden würde? Jetzt ist die

Antwort leicht. Es sind Elemente, die einfach hingelegt werden. Fertig.

260


MÖBLIERTE WÜSTE

Moderne in Masse

Was wäre Kassel ohne Joseph Beuys. 1982, bei der documenta 7, setzt er

eine Kunstaktion in die Stadt, die ihren beabsichtigten Langzeitcharakter

bis heute bewiesen hat. 1 Seither ist jede documenta, selbst jeder Stadtspaziergang

in Kassel, immer auch eine Beuys-Gedenkveranstaltung. 7000

Eichen – Stadt-Verwaldung statt Stadt-Verwaltung ist der Titel der Kunstaktion

und er benennt gleichzeitig den Inhalt: die Aufforstung des Kasseler

Stadtgebiets mit 7000 Monumenten – wie Beuys unbescheiden wissen

lässt. Jedes Monument besteht aus zwei Teilen, einem Eichenbaum

und einem Basaltstein, der dem Baum als dialektisches Sinngegenüber

beigestellt ist. 2 Die Basaltsteine werden anfangs vor dem Fridericianum

als großer Haufen gelagert, und von dort aus zusammen mit den Eichen

sukzessive in der Stadt verteilt. Durch das Schrumpfen des Haufens

ist der Verlauf der Aktion also permanent ablesbar. 1987, zur documenta 8,

sind alle 7000 Monumente im Stadtgebiet versetzt. 3

Um den nachhaltigen Wert dieser Kunstaktion zu verstehen, muss

man zuallererst deren Dimension auszeichnen: 5 Jahre Herstellungszeit,

1 „ich wollte eben diesen Langzeitcharakter, der war mir sehr wichtig, also etwas zu machen, was

sich eigentlich erst richtig entfaltet in hundert, zweihundert, dreihundert Jahren, dass jetzt eigentlich nur

ein Anfang gesetzt wird […].“ Joseph Beuys. In: Joseph Beuys, Bernhard Blume, Rainer Rappmann.

Gespräche über Bäume. FIU Verlag. 2006. Seite 46

2 „jedes einzelne Monument besteht aus einem lebendigen Teil – eben dem sich ständig in der Zeit

verändernden Wesen Baum – und einem Teil, der kristallin ist und also seine Form, Masse, Größe,

Gewicht beibehält.“ Joseph Beuys. Ebd. Seite 16, 17

3 http://www.7000eichen.de. 22.04.2019

261


man sich durchaus zu sozialer Begegnung angestiftet fühlen, weil man

sonst erfroren wäre – wie Vilém Flusser meint. Doch in der Suburb macht

die Moderne die genau gegenteilige Erfahrung. Das ist das erste Mal in

der Geschichte der Architektur, dass man verblüfft feststellen muss, dass

ein Zuviel an Architektur, sogar ein Zuviel an wohlmeinender Architektur,

dem Entstehen von gelebter Gemeinschaft im Wege steht.

Die einzig positive Überraschung ist, dass man das sorgenvolle

Dilemma aus der Einleitung jetzt ohne Sorge positiv auflösen kann: Wie

soll man sich in der Wüste szenisch einrichten, wenn einem wieder

nur die Massenproduktion als Werkzeug dafür angeboten wird – hieß das

Dilemma. Der praktische Umgang mit diesem Dilemma ist mittlerweile

zu einer boomenden Industrie angewachsen. Die Wüste wird vorbildlich

verbaut. An der Suburb kann man beobachten, wie sich Architektur

entwickelt, ohne dass sie durch die konkrete Nutzung im sozialen Verband

gestört wird. Im Prinzip wächst hier eine ideale Architektur heran

wie auf einer Plantage. Das ist nicht zynisch, sondern definitionsgebend

gemeint. Jeder neue Wohntrend, der Komfortsteigerung verspricht,

kommt aus der amerikanischen Suburb. Das ist das Labor für ideale

Wohnarchitektur, weil nirgends der Druck so hoch ist, szenische Leere

mit Architektur und Ausstattung zu füllen.

Fluchtpunkt der Entwicklung? Umkehr und ein freiwilliger Verzicht

auf Komfortgerätschaften zugunsten einer sozialen Annäherung? Das ist

nicht wahrscheinlich. Solange mit Neverland-Ranch, Hearst Castle etc.

noch Vorbilder für Komfortsteigerung bereitstehen, werden das House

Hunting und die Möblierungswut weitergehen. Der Mensch mag auch

in der Suburb ein im Prinzip soziales Wesen sein, aber diese grundsätzliche

Anlage scheint dort auf eine mindestens ebenso mächtige evolutionspsychologische

Gegenkraft zu stoßen. Der Einzelhaft im Überfluss

ist offensichtlich schwer zu widerstehen.

Selbstüberbietung

Ist Doxiadis der bessere Beuys? Ein Vergleich, den viele als Überfall

werten werden. Aber er ist naheliegend. Joseph Beuys verweist bei seiner

Aktion in Kassel ausdrücklich auf ein zugrundeliegendes Netzwerk der

Vernunft. Ohne diese Grundlage seien Lebensprozesse nicht sinnvoll –

meint er. Constantinos A. Doxiadis baut sein Planungsverständnis auf das

290


gleiche Mission Statement, er kürzt lediglich die Kunstattitüde heraus und

macht damit die Vernunft zur alleinigen Instanz. Ergebnis dieser Verschärfung

ist Ekistics – so nennt Doxiadis seine neue Methode der Stadtplanung,

die konsequent auf die Exekution von Formeln und Kalkulationen

reduziert ist. Ein städtebaulicher Entwurf ist bei ihm ein kausaler

Optimierungsprozess, bei dem letztlich sogar der entwerfende Architekt

als die letzte Quelle der Unvernunft eliminiert werden sollte. 32 Der

Applaus der massenmodernen Zeitgenossen aus Politik und Wirtschaft

der 1960er und 1970er Jahre war ihm sicher, der Umfang seiner weltweiten

Planungen kommt Beuys’ Forderung nach dem „Aufbauen einer neuen

Kulturhülle um den Erdball“ bedrohlich nahe. Doxiadis ist also eine wichtige

zweite Asymptote, die gemeinsam mit Beuys’ Kassel-Projekt ein ganzes

Feld vernunftgetriebener Stadtplanung und Stadtarbeit aufspannt.

In diesem Vernunftfeld muss sich auch zwangsläufig die amerikanische

Suburb wiederfinden. Schließlich ist die Suburb immer noch die große,

urbane Selbstbestätigung der Moderne und man setzt voraus, dass gerade

dabei die Vernunft die planerische Leitlinie stellt.

Vernunft ist ein gewichtiges Wort und Vernunftbehauptungen ziehen

den Zweifel geradezu an. So auch hier. Die Nachbetrachtung der Stadt

anlagen von Doxiadis ist heute mehr als kritisch. Kein Wunder, die postmoderne

Kritik betont bei jeder Gelegenheit, dass gerade das manische

Vertrauen auf Vernunft die größte Unvernunft der Massenmoderne darstellt.

Mit diesem semantischen Wirbel ist gleichzeitig klargestellt, dass

die Postmoderne ein gänzlich anderes Verständnis von Vernunft an urbane

Planungen anlegt. Und gemäß diesem anderen Verständnis von Vernunft

ist die Suburb gerade dort, wo sie ihrer eigenen Klischeevorstellung

entspricht, das beliebteste Beispiel für unvernünftigen Städtebau, eine

haarsträubende Hypertrophie der Moderne, die man nur anklagend in

städtebauliche Diskurse einbinden will. Selbst zurückgefolgert auf das

vormalig rein funktionalistische Verständnis von Vernunft wird die nachträgliche

Bewertung nicht besser. In der Verteilung Sicherheit gegen die

Atombombe zu suchen, rechtfertigt nur einen kleinen historischen Abschnitt

der Suburb-Geschichte, rechtfertigt aber zu keiner Zeit die konkrete

architektonische Ausformulierung. Dennoch – so leicht ist die Zuordnung

nicht abzuschütteln. Ausgerechnet die amerikanische Suburb, der der

32 „Das moderne Leben will die ‚Ordensregeln‘, der es folgt, als Ausdruck eines Optimierungsprozesses,

an dem es selbst beteiligt ist, verstanden wissen.“ Peter Sloterdijk. Sphären III. Schäume.

Suhrkamp Verlag. 2004. Seite 484

291


Daraus erwächst letztlich ein völlig neues Verständnis von Underground,

aber vor allem löst sich das Waldenfels-Argument auf gespenstische

Weise ein. Ordnung produziert als Gegenwelt Unordnung in gleicher

Ausdehnung und Intensität – meinte er sinngemäß. Paradoxerweise

heißt das aber für die Architektur, dass Form und Formlosigkeit, Engagement

und Unterlassung deckungsgleiche Architekturen ausbilden. Das

gilt sogar unabhängig davon, welche Seite des Gegensatzes die Architektur

konzeptiv verantwortet. Will man Ordnung beweisen, baut man eine

Gated Community. Will man die eigene Ungeordnetheit verstecken, baut

man exakt die gleiche Gated Community. Und selbst diese vermeintlich

sichere Einhegung des Problems muss man noch suspendieren, denn die

gespenstische Deckungsgleichheit von architektonischer Ordnung und

persönlicher Unordnung gilt selbstverständlich nicht nur in der Gated

Community, sondern ist ein allgemeiner Zustand. Überall wird mit Architektur

laut geregelt und in der gleichen Architektur still resigniert.

Überall wird mit Architektur selbstreferenzielle Autorität inszeniert und

dann die gleiche Architektur still als unerträglich erlebt.

322


GROSSE ORTUNG

Das größte Projekt der Moderne

Je brisanter das Ereignis, desto massiver wird technisch-mathematisch

reagiert. Jemand tätigt einen Notruf, wahrscheinlich mit dem Handy, die

Antworten auf die Standardfragen „Was?“, „Wer?“, „Wo?“ laufen über

Sendemasten ins Telekommunikationsnetz ein. Die Einsatzhubschrauber

dröhnen heran, kreisen über der Tatsachenstelle und befehlen über ihre

Außenlautsprecher die üblichen Standarddurchsagen nach unten. Selbst

die Einsatzfahrzeuge am Boden haben große Identifikationsnummern

auf dem Autodach, um sich einem Metakoordinator anzubieten. Der sitzt

allerdings nicht im Hubschrauber, sondern in einer fernen, loftartigen

Einsatzzentrale und sieht die Stadt noch distanzierter von oben als die

Piloten. 1 Für die Akut-Choreografen der Reparatureinsätze ist die Stadt

nur mehr ein selektives Datenfeld, eine vollelektronische Landkarte

ohne Blut, Geschrei und Panik.

Die Tatsachen am Boden der Stadt setzen in der Einsatzzentrale

stattdessen eine eruptive Welle der Mathematik in Bewegung, die moduliert

und projektiert werden muss. In eingeübter Präzision werden die

1 „RACR Division [Real-Time Analysis and Critical Response (RACR) Division] was previously

housed four floors underground, in the basement of City Hall East and long ago outgrew the space.

The Division, now staffed by 67 sworn and civilian members, has evolved from a small notifications unit

into a Regional Crime Center which, while still providing notifications on significant, impactful events,

additionally offers situational awareness, an emergency operations component and investigative support

for field units.“ Los Angeles Police Department. „Grand Opening of new facility for Real-Time

Analysis and Critical Response Division NR09453rh.“ http://www.lapdonline.org/september_2009/

news_view/42863. 15.09.2009

323


Als schnelle Entgegnung wird einem sofort Kevin A. Lynch einfallen, der

in seinem Buch Das Bild der Stadt eine exakt gegenteilige Wertung ausarbeitet.

Während man sich in Los Angeles am maximal neutralen Quadratraster

orientiert und das Besondere als Unzulänglichkeit registriert,

schlägt Lynch vor, sich am Besonderen zu orientieren und die Normalstadt

als defizitären Hintergrund auszublenden. Bei Lynch ist also das Normale

der Fehler im System. Reyner Banham macht sich diese Sichtweise zu

eigen, wenn er die großen Rasterebenen von Los Angeles kurz und knapp

als langweilig bezeichnet: „the only parts of Los Angeles flat enough and boring

enough to compare with the cities of the Middle West.“ 29 Ordnungssyntaktisch ist

damit die Postmoderne auf die kürzest mögliche Formel gebracht: Nicht

mehr die Regel hat recht, sondern die Ausnahme.

Diese postmoderne Umkehrung unterstellt natürlich einen Konflikt

zwischen groß und klein, und kalkuliert mit den sehr einseitigen Sympathien,

die jeden ungleichen Konflikt begleiten. Große, böse, unterdrückende

Ordnung versus kleine, inspirierende, befreiende Ausnahme.

Doch dieses Sympathiespiel ist eine gefährliche Verniedlichung, wie

gerade die Vorgehensweise von Lynch verrät. 30 Er wendet sein postmodernes

Orientierungssystem exemplarisch auch auf Los Angeles an, aber

nicht auf das große, typische Los Angeles mit Banhams langweiligen

Rasterebenen, sondern nur auf das vergleichsweise marginale Downtown-

Areal, das durch seine frühe Entstehung gar nicht nach Jeffersons

Totalraster angelegt ist. Lynch trifft also bereits vorab eine grob verfälschende

Auswahl. Er sucht sich einen abnormalen Stadtbereich und

ausgerechnet an dieser kleinen städtischen Anomalie erörtert er sein

Orientierungssystem, das für Los Angeles insgesamt nur unzutreffend

sein kann. Warum macht er das? Die Antwort auf das Warum führt

überraschenderweise zum Totalraster zurück. Es geht Lynch gar nicht um

Orientierung. Er verwendet Orientierung nur, um seine postmoderne

Stadtchoreografie zu promoten. Sensation ist gleich Ort, lautet die

einfache Regel dieser Choreografie und jenseits davon gilt das Gegenteil:

Banalität ist gleich Unort.

Wem das immer noch unverdächtig oder als sympathische Solidarität

mit der bedrängten Ausnahme erscheint, der hat die Härte der Methode

nicht erkannt. Mike Pearson ist da bereits abgeklärter, er empfiehlt,

29 Reyner Banham. Los Angeles: The Architecture of Four Ecologies. University of California Press.

2001. Seite 155

30 Kevin Lynch. Das Bild der Stadt. Friedrich Vieweg & Sohn Verlag. 1989

342


choreografische Absichten zugespitzt zu verstehen. Für ihn ist Choreografie

durch Voreingenommenheit charakterisiert: „Indem sie die Aufmerksamkeit

vorrangig auf bestimmte Orte richtet, kann es vorkommen, dass sie andere

Orte, die nicht in ihre Interessensphäre fallen, unbeachtet lässt, ignoriert oder

ganz bewusst nicht anerkennt. Die Choreographie zeichnet sich durch Voreingenommenheit

aus, ihre Ergebnisse sind sozusagen parteiisch.“ 31 Und genau in dieser

Voreingenommenheit gleichen sich der Totalraster von Jefferson und die

postmoderne Stadtchoreografie von Lynch. Die Voreingenommenheit

ist beides Mal die systemische Instanz. In Jeffersons Totalraster erscheint

ein Ort nicht als selbstbezügliches Ereignis, sondern als mehr oder

weniger ausgeprägte Abweichung vom vordefinierten Ideal. Aber auch bei

Lynch darf kein Ort selbstbezüglich in Erscheinung treten. Zuallererst

wird wieder ein vordefinierter Bewertungsfilter installiert, der präzise auf

Sensation geeicht ist, und erst danach dürfen sich Orte oder Architekturen

bei den Sensationssuchern um Anerkennung bewerben. Man darf Lynchs

vermeintliche Hingabe an den besonderen städtischen Ort also nicht

naiv lesen. Sein Eintreten für die Ausnahme und die Sensation wirkt zwar

sympathischer als das Festkleben an einem strikt quadratischen Totalraster,

aber Lynchs Stadtchoreografie ist nichts anderes als die postmoderne

Version eines Totalrasters. Wie die große Geometrie nimmt auch Lynch

ausschließlich bewertend wahr, er evaluiert.

„Wir kennen bis heute drei große Typen der Organisation von Menschen, die

stammesmäßige, die territoriale und die numerische.“ 32 Soweit die Organisationstrilogie

von Gilles Deleuze und Félix Guattari, doch in dieser Liste

fehlt der wichtigste Organisationstyp unter zeitgenössischen Verhältnissen.

Die evaluierende Organisation ist heute das erste Instrument jeder

Systemorganisation. Das betrifft nicht nur technische, sondern gleichermaßen

soziale Systeme und es bedeutet immer eine Zumutung. Die

Evaluierung ist die hochaggressive Doppelpackung aus Erfassung plus

Bewertung und damit die verschärfte Weiterführung der Wahrnehmungsdefinition.

Der Unterschied zwischen Sehen und Wahrnehmen ist

reichlich erläutert worden: Wahrnehmen ist Sehen mit Absicht, bei der

Wahrnehmung wird der Akt des Sehens bereits durch eine Selektiongeschleust.

Die Evaluierung ist allerdings eine entscheidende Steigerung,

31 Mike Pearson. „Lexikon“. In: Documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH.

Documenta Magazine No 3, 2007. Education. Taschen. 2007. Seite 48

32 Gilles Deleuze, Félix Guattari. Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie. Merve Verlag.

1992. Seite 536

343


ÜBERZEICHNUNG

Obsession mit dem Vordergrund

Ornamente, Figuren, Girlanden und den ganzen billigen Stuckdekor

abschlagen, entsorgen und dann die Oberflächen glatt verputzen, innen

wie außen. Entstuckung nennt man das. In den 1920er Jahren war das

noch Pioniertat einiger weniger Architekten wie Peter Behrens, Erich

Mendelsohn und der Architekten des Neuen Bauens, hauptsächlich in

Berlin, aber auch anderswo. Der junge Richard Neutra fand sich ebenfalls

inmitten dieser strengen Bereinigungswelle der frühen Moderne wieder.

Er war Mitarbeiter bei Mendelsohn in Berlin von 1921 bis 1923, später

wohl schon so etwas wie ein Juniorpartner, bevor er sich entschied, nach

Amerika zu gehen. Warum? Amerika war weit weg und gerade deswegen

der schnellere Weg in die Moderne. In Los Angeles konnte Neuerung

als befreiter Neuanfang betrieben werden. In Wien oder Berlin durfte

man hingegen nur den langen Weg in die Moderne gehen, magenkrank

und gemütskrank wie Adolf Loos. In Europa beginnt Neuerung generell

verkehrt orientiert, Neuerung ist hier zuallererst eine vorwurfsvolle

Rückschau auf das bereits Bestehende. Nicht „Ich starte neu!“, sondern

„Du musst dich ändern!“, lautet der erste Auftrag.

Besonders deutlich wird das, als die frühe Moderne um Sichtbarkeit

kämpft. Es reicht nicht, dass sukzessive moderne Gebäude entstehen und

die Moderne damit im Stadtbild vorstellig wird. Der Kampf um Sichtbarkeit

wird vor allem als demonstrative Anklage an das historische Stadtbild

ausgetragen und mit der Entstuckung wird der Schuldspruch vor

aller Öffentlichkeit exekutiert. Die Moderne erringt Sichtbarkeit, indem

383


Realisierung, konkrete Nutzung passieren, an denen die schweren Zeichen

gesetzt werden, haben die Architekten wesentlich weniger zu bestimmen.

Deswegen lebt die Branche auch sehr gut mit dem völligen Rückzug in die

Leichtigkeit. Gemeint sind architektonische Produktionen, für die es

gar keine Site gibt, und die stattdessen nur als medienwirksame Non-Sites

initiiert und ausgearbeitet werden.

Doch gerade die enorme Praxistauglichkeit der Site/Non-Site-Dialektik

darf nicht von der Grundidee ablenken. Die Non-Site ist aus dem Scheitern

geboren. Die Realität ist zu groß, zu sperrig, zu unverfügbar für den

Künstler, den Architekten, das Publikum. Das Verhältnis von Site und

Non-Site ist also nicht so sauber akademisch, wie es vermittelt wird,

sondern ein verklemmter Plan B. Smithson hat einfach Realitätsflucht

zum Kunstformat aufgewertet. Streckenweise lesen sich seine Texte zwar

wie nüchterne Lehrbehelfe zur Konstruktion von medialer Parallelwelt,

jeder Satz eine postmoderne Lektion, der Geruch des Scheiterns begleitet

aber dennoch jede der künstlerischen Ausarbeitungen der Site/Non-Site-

Idee. Smithson hat für dieses systemische Scheitern natürlich ein besseres

Wort, er nennt die Non-Site einen abstrakten Container. 50 Abstraktion

klingt auf den ersten Blick tatsächlich nicht nach Scheitern, in Andres

Veiels Worten eher wie eine Rettung: „Durch die formale Abstraktion wird

die Illusion der Unmittelbarkeit permanent gebrochen, um Distanz zur Monstrosität

der Tat aufzubauen. Diese Distanz habe ich in der Arbeit gesucht und gebraucht,

sonst hätte ich die permanente Auseinandersetzung mit der Tat nicht durchgehalten,

ich wäre sonst einfach am Entsetzen hängen geblieben.“ 51 Klingt vernünftig, zur

Monstrosität der Tat Distanz zu halten. Aber kann man Abstraktion

damit immer gutheißen? Und noch viel wichtiger: Kann man mit dem

Verweis auf die rettende Distanz den Geruch des Scheiterns abstreifen?

Gilles Deleuze macht klar, dass mit der Abstraktion etwas verloren

geht: „Die Abstraktion wäre einer dieser Wege. Ein Weg allerdings, der den Abgrund

oder das Chaos und auch das Manuelle auf ein Minimum reduziert: Sie bietet

uns eine Askese, ein spirituelles Heil. In einer intensiven spirituellen Anstrengung

50 „instead of putting something on the landscape I decided it would be interesting to transfer land

indoors, to the nonsite, which is an abstract container“ Robert Smithson. In: Jack Flam. Hrsg. Robert

Smithson: The Collected Writings. University of California Press. 1996. Seite 178

51 Andres Veiel. In: Frank-M. Raddatz. Brecht frisst Brecht. Neues Episches Theater im 21. Jahrhundert.

Henschel Verlag. 2007. Seite 245

426


erhebt sie sich über die figurativen Gegebenheiten, sie macht aber auch aus dem

Chaos einen bloßen Graben, den man überschreiten muss, um abstrakte und

signifikante Formen zu entdecken.“ 52 „Kandinsky definierte die abstrakte Malerei

durch die ‚Spannung‘; nach Bacon aber fehlt gerade die Spannung der abstrakten

Malerei am stärksten: Indem sie die Spannung ins Innere der optischen

Form verlegt, neutralisiert sie sie.“ 53 Da ist es also wieder, das Scheitern. Wie

bei Smithson semantisch elegant umkleidet, aber essentiell das Gleiche.

Man muss also nüchtern zwischenbilanzieren: Leichter-als bedeutet

immer harmloser-als, langweiliger-als, schwächer-als. So bunt, grell,

provokant können die leichten Zeichen gar nicht sein. Das führt zu

einem erstaunlichen Dilemma. Das Zeichen wird leichter, um freier zu

sein, doch die Freiheit bezahlt das leichte Zeichen, indem es harmloser,

langweiliger, schwächer wird. Führt die Leichter-als-Strategie das Zeichen

in die totale Irrelevanz? Und wenn ja, wie groß wäre der Schaden?

Der Schaden wäre maximal – kann man vorwegnehmen. Denn das gesamte

Projekt der Moderne hängt am Vermögen des leichten Zeichens.

Warum? Weil Kritik ein leichtes Zeichen ist, und das Projekt der Moderne

ohne Kritik nicht steuerungsfähig ist. Von Immanuel Kants Kritik

der reinen Vernunft bis hin zur alltäglichen Aufforderung zur Selbstkritik

reichen die Steuerungsübungen. Wie sollte die Moderne ohne potente

Kritik sonst ihren Kurs überprüfen, verbessern, weiterplanen? Man darf

hier gern Architekturkritik als Beispiel heranziehen. Das leichte Zeichen

Architekturkritik begleitet das schwere Zeichen Architekturpraxis evaluierend,

vorausschauend, akademisch verdoppelt. Wie bei Smithsons Site/

Non-Site-Dialektik stehen sich eine gebaute Realität und eine geschriebene

Disruption verweisend gegenüber. Kritik ist also nicht momentane

Stimmungsäußerung, sondern kontinuierliche Arbeit an der totalen

Opposition – wie Michel Foucault definiert: „Als erste Definition der Kritik

schlage ich also die allgemeine Charakterisierung vor: die Kunst, nicht dermaßen

regiert zu werden.“ 54 Wenn man jetzt noch anfügt, dass es immer die

Realität ist, die als ultimative Regentschaft auftritt, dann hat Hans Freyer

52 Gilles Deleuze. Francis Bacon – Logik der Sensation. Wilhelm Fink Verlag. 1995. Seite 64

53 Gilles Deleuze. Ebd. Seite 67

54 Michel Foucault. Was ist Kritik? Merve Verlag. 1992. Seite 12

427


Im Sturm der eigenen leichten Zeichen hat die Architekturbranche

vergessen, dass der konkrete Gebrauch der Architektur durch die Nutzer

die zuverlässigste Abstraktionsrichtung darstellt, und folglich die solideste

Grundlage für Kriterien der Kritik bietet. Nichts ist unerbittlicher

als die konkrete Handlung eines konkreten Nutzers in einer konkreten

Situation, egal wie dubios oder verfälscht diese Handlung letztlich

medial verwertet wird. Wichtig ist allein, dass die Architektur in Betrieb

genommen wird und im Betrieb ihren Wert festlegt. Diese Realisation

ist das zentrale Architekturereignis, das bislang zu wenig beachtet und

begleitet worden ist. Positiv formuliert darf man die vielfache Exhibition

der Nutzer also als Einladung verstehen, tatsächlich nachzuvollziehen,

was vor Ort in der Architektur passiert. Ultimativer formuliert bedeutet

das: Das bloße Wissen um die Exhibitionsbereitschaft der Architekturnutzer

wird die Architekten zu erhöhter Nutzerempathie zwingen.

Diese enge Feedback-Arbeit wird aber nicht nur die Architektur

verändern, sondern auch den Beruf des Architekten. Architekturkritik, die

der konkreten Nutzung vor Ort entspringt, muss mühsam in Echtzeit

aufgesammelt werden. Nichts an dieser Arbeit ist multiplizierbar, nichts

automatisierbar, nichts delegierbar. Jeder, der den kritischen Impuls

der konkreten Nutzung erfahren will, muss selbst als Co-Nutzer antreten,

muss miterleben, wie auch die Architektur in der Nutzung lebendig

wird. Architektur wird dann zum Pflegeberuf. Wenig glamourös, wenig

idyllisch, weil viel zu herausfordernd und anstrengend, dafür belastbar

in Erkenntnis und Urteil.

Für den Geschwindigkeitsanspruch der Moderne ist das dennoch

eine Katastrophe, so lange auf eine Erkenntnis warten zu müssen.

Schnelles Bauen, schnelles Entwerfen braucht also weiterhin das leichte

Zeichen als flottes Korrektiv und Überholmanöver. Aber dort, wo die

Geschwindigkeit gedrosselt werden kann, entsteht im Kontrast dazu eine

neue Zeit- und Qualitätszone der Architektur.

442


EXO-ARCHITEKTUR

Stiftungsereignisse

Schlechter Geruch, seltsame Anatomie und dramatisch überlegene

Technik – das sind die Merkmale des Fremden, müssen die Japaner

gedacht haben. Ersteres war keine Einbildung, Seemänner im 17. Jahrhundert

wuschen sich nicht extra für den Landgang. Bei der seltsamen

Anatomie beginnt aber bereits die Einbildung. Die frühen japanischen

Darstellungen der Holländer zeigen grob verzerrte Körper, ihre ganze

Anatomie war verrückt, die Beine viel zu lang, dafür gedrungene

Oberkörper. Tatsächlich entstand der verzerrte Eindruck nur durch die

Pluderhosen der Holländer, die hoch an der Taille ansetzen, über dem

Knöchel enden und seitlich weit ausladen, sprich pludern. Eigentlich

eine leicht zu durchschauende Sache, aber offenbar nicht, wenn einem

der gelassene Blick abhandengekommen ist. Dazu hatten die Japaner

auch allen Grund, denn da waren diese riesigen Schiffe der Holländer,

technische Konstruktionen, die man in Japan in dieser Ausführung und

Potenz nicht kannte. Ein japanisches Schiff segelte zu dieser Zeit nicht

über die Weltmeere, ein holländisches Schiff hingegen mit beeindruckender

Selbstverständlichkeit. Dieser demonstrative Beweis technischer

Überlegenheit löste ein derart hohes Stressniveau bei den Japanern aus,

dass die Begegnung mit den Fremden gar nicht gelassen ablaufen konnte.

Wenige Jahre vor den Holländern waren bereits die Portugiesen

in Japan angelandet und schon die initiale Begegnung mit den fremden

Weltumseglern hinterließ eine fundamentale erste Erkenntnis: Das Fremde

erzeugt einen enormen invasiven Druck, vor allem wenn es als überlegenes

443


war und ist noch immer die Hauptberufung des guten Architekten.

Deleuze und Guattari behalten also recht, der Eintrag des Fremden

passiert immer durch einen Filter, der das Fremde zivilisiert und domestiziert

– und der Filter, den die frühe Moderne anlegt, ist der menschliche

Maßstab. So modern, so industriell durfte die moderne Architektur

also gar nicht werden, dass sie nicht letztlich doch dem Menschen wie

eine Frottage abgenommen werden und rückverbunden bleiben sollte.

Nicht umsonst ist der Ozeandampfer Le Corbusiers Ideal, weil dort

industrielles Bauen bereits um den Menschen herum konzipiert ist.

Wenn es nur um das rein Industrielle gegangen wäre, hätte Le Corbusier

auch einen Öltanker als Ideal aufgreifen können. Doch am Öltanker

passiert keine Vermenschlichung des Industriellen, wie sehr wohl beim

Automobil oder beim Passagierflugzeug, die Le Corbusier deswegen

wertschätzt und empfiehlt.

Dennoch ist der menschliche Maßstab ein Begriff, der mittlerweile

etwas peinlich anmutet, vor allem weil er von der Postmoderne zu

nörgelnd verwendet worden ist. Man erinnert sich an Rob Krier, der

empfiehlt, Wohnhäuser nicht höher zu bauen, als man bereit ist, Treppen

zu Fuß hochzusteigen. 21 Wohnhäuser ohne Aufstiegshilfe sind heute

kein Beweis mehr für den menschlichen Maßstab. Aber die Moderne hatte

noch eine große Idee vom menschlichen Maßstab. Wieder ist es Le

Corbusier, der diesen Maßstab ohne Hemmung propagiert. In der Charta

von Athen wird bereits 1933 unter den Lehrsätzen gefordert: „Das natürliche

Maß des Menschen muß als Basis für alle Maßstäbe dienen, die eine Beziehung

zum Leben und zu den verschiedenen Funktionen des Daseins haben sollen.“ 22

Ein einfacher, klarer Satz. Doch bald darauf veröffentlicht Le Corbusier

den Modulor und damit wird aus dem einfachen Satz der Charta von

Athen der totale Anspruch, sämtliche Dimensionen des Gebauten dem

menschlichen Maß zu unterwerfen.

Mit dem Zwang zum menschlichen Maßstab ist also das entscheidende

Kriterium benannt, das die Exo-Architektur am Vierten Ort

verweigert, oft nicht einmal kennt. Exo-Architektur muss keinen kulturellen

Diskurs repräsentieren, muss nicht gefallen, sondern darf

so brachial pragmatisch, monströs, ruppig, brutal sein wie notwendig.

21 „Man sollte ein Haus nicht höher bauen, als man mit Vergnügen Treppen hochsteigen kann.“ Léon

und Rob Krier. Architektur-Bibel. 1976. Seite 13

22 Thilo Hilpert. Hrsg. Le Corbusiers „Charta von Athen“ Texte und Dokumente. Kritische Neuausgabe.

Vieweg Verlag. 1988. Seite 157

458


Niemand, der Exo-Architektur baut, muss soziosensible Ideenwettbewerbe

gewinnen, populäre Publikationen füllen, Werkvorträge vor kritischem

Publikum halten oder gefühlige Nutzerbeschwerden beantworten. Das

sind alles die menschlichen Maßstäbe der klassisch menschlichen Architekturkarriere,

die für den Exo-Bereich nicht gelten. Exo-Architektur

folgt stattdessen einer gänzlich anderen Qualitätsskala und die misst nur

die Brisanz, die von der Exo-Architektur verwaltet wird. Die längste

Brücke, der giftigste Inhalt, die gefährlichsten Verfahren, das aberwitzigste

Vorhaben. Und diese Brisanz rechtfertigt die Architektur und

suspendiert alle Qualitätsparameter der menschlichen Gegenseite.

Damit ist auch klar festgestellt, wer die Anpassungsleistung zu erbringen

hat. Im Umgang mit Exo-Architektur hat sich der Mensch anzupassen.

Ergebnis sind Schutzkleidungen, Hilfseinrichtungen, limitierter Zugang

bis hin zur völligen Unbetretbarkeit oder Unbenutzbarkeit von Räumen

und Anlagen. Exo-Architektur schließt im Extremfall den Menschen

völlig aus.

Dennoch muss man mit der nächsten kritischen Frage sondieren,

ob die Absage an den menschlichen Maßstab immer notwendigerweise

erfolgt, oder ob diese Absage nicht doch gelegentlich als absichtliches

Projekt verfolgt wird. Im Umland von Los Angeles gehören Borax- und

Zementmienen, Mülldeponien und ähnliche Industrieanlagen zu den

zwangsläufig unmenschlichen Anlagen. Beim Spaceport America, dem

Fort Irwin National Training Center oder den Hyundai-Kia Motors

Proving Grounds wird hingegen ganz gezielt an die Schmerzgrenze des

menschlichen Maßstabs hintrainiert oder hinentwickelt. Komplexer

wird die Zuordnung bei Desert Raves, die sich zu reinen Unterhaltungszwecken

um Grenzerfahrungen des Menschlichen bemühen und nur deshalb

die Distanz in der Wüste suchen. Gleiches gilt für den Willow Springs

International Raceway und ähnliche Erlebnisdestinationen. Motivatorisch

noch komplizierter verschachtelt zeigen sich schließlich Anlagen wie

die California City Correctional Facility. Da wird das Ringen um den

menschlichen Maßstab zur gesellschaftspolitischen Agenda. Wer im

Gefängnis sitzt, hat den vereinbarten menschlichen Maßstab einer Gesellschaft

bereits grob verletzt. Was aber ist die korrekte Reaktion darauf?

Die Gefängnisinsassen wieder an den gesellschaftlich vereinbarten

menschlichen Maßstab heranzuführen oder ihnen ihren unmenschlichen

Maßstab durch räumliche Verbannung vorzuführen? Die Verlagerung

eines Gefängnisses in die Wüste ist dabei eine eindeutig Entscheidung.

459


KATASTROPHENZEIT

Besserer Antrieb?

Die Provokation provoziert nicht mehr. Nicht wenige Beschreibungen der

Jetztzeit sind Ausarbeitungen dieses semantischen Kollapses und sie

sind immer Trauertexte. Man hatte sich daran gewöhnt, in regelmäßigen

Abständen provoziert zu werden. Man hatte sich außerdem daran

gewöhnt, dass die jeweils vorherrschende Provokationskategorie irgendwann

an Schärfe verliert und verblasst. Aber dann kam verlässlich die

nächste Provokationskategorie und das Spiel ging wieder von vorne los.

Alle 10 bis 20 Jahre ist so eine neue Provokationskategorie über die

Architekturdisziplin hereingerollt und hat für neuen Antrieb gesorgt.

Im konkreten Moment war das nicht immer angenehm, aber in Distanz

betrachtet eine wohltuende Sicherheit, denn Provokation ist der beste

Impuls, um die eigene Antriebsschwäche zu kompensieren. Die Kultur

der Überbietung ist ohne Provokation nicht praktizierbar, ohne permanente

Herausforderung würde nicht so viel gearbeitet, geforscht, gedacht

und erneuert. Der Homo Faber würde zum antriebslosen Homo Freizeit

ermüden. Der Provokation insgesamt einen Mangel an Kraft zu unterstellen,

bedeutet also, eine historische Zäsur von enormer Tragweite

festzustellen. Die Provokation als prinzipielle Idee und Kulturmotor hat

sich erschöpft.

Die einzige Hoffnung in dieser Lage ist die Beobachtung, dass

es der Branche insgesamt nicht an Antrieb fehlt. Wenn der große Sinn

der Provokation also nur die Einspeisung von Antriebsenergie in die

Architekturbranche war, dann hat die Architektur offensichtlich einen

505


deutungsvolle Sehschwäche, keine allegorischen Aufträge, keine strategische

Arroganz, sondern praktiziert konkrete Verbesserung der konkreten

Umstände. 56 Klingt erfrischend plausibel, Architektur absichtlich kurzsichtig

anzulegen und zur situativen Präzision zu zwingen. Real vorliegende

Probleme kann man nämlich sehr wohl genau vermessen und

passgenau lösen. Das wäre eine höchst wertvolle Arbeit. Die von Fuller als

Sklaven beschimpften Spezialisten könnten sich mit Kompensationsarchitektur

vollumfänglich rehabilitieren und die abgehobenen

Generalisten tagtäglich beschämen.

Doch das Gegenteil passiert – zumindest ist das Fullers Kritik

ausgerechnet an der Baupraxis seiner modernen Architektenkollegen:

„Veröffentlicht auch nur einer von ihnen, was seine Bauten wiegen, welche Mindestanforderungen

im Hinblick auf Windstärken, Überschwemmungshöhen, Erdbeben,

Feuer, Pest, Epidemien etc. im Entwurf vorgesehen sind und als was sie sich später

herausstellen, wie groß ihr Transportgewicht und -volumen ist und wie viel Arbeitsstunden

insgesamt aufgewendet wurden?“ 57 „Kurz, sie befassten sich nur mit dem

Problem, die Oberfläche von Endprodukten zu modifizieren, wobei diese Endprodukte

notwendigerweise Subfunktionen einer technisch veralteten Welt waren.“ 58

Daraus folgt, die Kompensationsarchitektur kompensiert gar nicht die

konkreten Schäden von konkret stattfindenden Katastrophen und deren

Aus- und Nachläufern. Was aber macht die Kompensationsarchitektur

dann? Die Antwort darauf gibt wieder Gerhard Richter: „Die Angst ist

im Gegenteil nur Zeichen für unsere Gewissheit, nichts ändern zu können; und nur

zur Besänftigung der Angst reagieren wir mit Ersatzhandlungen wie mit Tropfen

auf heiße Steine und handeln so nicht anders als unsere Vorfahren, die mit Gebeten

und Opfergaben gegen die Natur angingen. Diese geht weiter in ihrer ganz

natürlichen Erbarmungslosigkeit. […] Ihr sind wir ausgeliefert in Ohnmacht und

Schmerz und können nichts anderes als lindern und trösten. Die Linderung ist

immer kindisch: ein paar grüne Ecken an den Parkplätzen – der Trost ist immer

verlogen: falsche Versprechungen einer schönen Zukunft. Es scheint das zu sein, was

56 „I think that it is an error to premise contemporary architecture on archaic cosmology. My policy is

not to perpetuate these kind of fictions, but instead to put an end to them, I consider it anachronistic to

take an impossible concept, present it as something of eternal importance, and completely base your

architecture upon it.“ Kazuyo Sejima. „Kazuyo Sejima and Ryue Nishizawa 1983–2000. Making the

Boundary”. In: El Croquis 77(I), 99. 2001. Seite 26

57 Richard Buckminster Fuller. Bedienungsanleitung für das Raumschiff Erde und andere Schriften.

Philo Fine Arts. 2010. Seite 207, 208

58 Richard Buckminster Fuller. Ebd. Seite 208

534


uns ausmacht.“ 59 Die Kompensationsarchitektur kompensiert also nur die

Angst vor der Katastrophe durch billige Ablenkung. Sie kompensiert die

Realität der Bedrohung und Betroffenheit, anstatt die tatsächlichen

Katastrophenschäden zu verarbeiten. Das allein ist schon bemerkenswert,

der entscheidende Effekt ist aber ein energetischer. Indem die Kompensationsarchitektur

von der Katastrophe ablenkt, verhindert sie gleichzeitig

die Aktivierung durch den Gegenblick der Katastrophe. Keine Angst

mehr, keine Panik mehr, aber auch kein Realwerden, kein Lebendigwerden,

keine Euphorie mehr. Die Kompensationsarchitektur bewirkt das

präzise Gegenteil des Malibu-Effekts. Die Brisanz verschwindet, das Vermögen

relativiert sich, die intellektuelle Geschwätzigkeit setzt ein, alles

scheint möglich, niemand muss. Stillstand und Langeweile breiten sich aus.

Mit diesem abrupten, energetischen Abschwung durch die Kompensation

wird wiederum klarer, worin Prävention betriebswirtschaftlich

besteht. Die Präventionsarchitektur will keinen energetischen Abschwung,

sondern hält den Blick unablässig auf die Katastrophe gerichtet

und reitet folglich auf einer permanenten Welle der Aktivierung. Der

Präventionsarchitekt ist ständig in euphorischer Lebendigkeit, ständig

in rettender Mission unterwegs: „One day when I was driving him to the

airport for one of his many trips, he said to me, ‚Jaime, we have half an hour now

during this drive. What is the most important thing we can be thinking about?‘“ 60

Weltrettung in einer halben Stunde? Ja, denn für Fuller war Weltrettung

Dauerauftrag – so erzählt es zumindest sein Mitarbeiter, und die

Erzählung ist höchst glaubwürdig. 80 Meter Regallänge an Weltrettungsberichterstattung

hat Fuller mit seinen Dymaxion Chronofiles hinterlassen.

In 15-Minuten-Takt-Aufzeichnungen kann man darin sein Leben als

Architekt und Katastrophen-Fighter nachlesen.

Entscheidender als die Detaileinträge ist allerdings das Summenbild:

Wer außer Fuller will sich einen derartigen Stressmarathon antun?

Niemand. Präventionsarchitektur als Dauerauftrag ist einfach zu anstrengend,

für die Architekten und letztlich sogar für die Nutzer. Zwar wird

von der großen Katastrophe schnell einmal sorgenvoll geredet, sogar von

Architekten, die sich in den gegebenen Umständen sonst verblüffend

59 Gerhard Richter. Text 1961 bis 2007. Schriften, Interviews, Briefe. Verlag der Buchhandlung

Walther König. 2008. Seite 281

60 Jaime Snyder. In: Jaime Snyder. Hrsg. R. Buckminster Fuller. Operating Manual for Spaceship

Earth. Lars Müller Publishers. 2008. Seite 7

535


Impressum

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Das Copyright für die Texte liegt beim Autor.

Das Copyright für die Abbildungen liegt beim Autor.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotiv: El Porto Beach

Lektorat: Nina Kathalin Bergeest

Gestaltung und Satz: Simon Steinberger

Lithografie: Bild1Druck

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Gefördert durch das Land Niederösterreich

Gefördert durch die Fakultät für Architektur und

Raumplanung der Technischen Universität Wien

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

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